Das Feuer hinter dem Berge (continued 3)
Reading edition
Mai sah die Schwester an, und die nickte ihr zu. Auch Eva nickte. Ja, sie wußten Bescheid.
Draußen klirrte es. Was war denn –? Ach – Kaffeekränzchen bei der Mehlmann! Da gab es kein Ausschlagen.
»Ihr müßt auch dabei sein,« sagte Mai zu der Mutter, und die wehrte sich nicht weiter, denn nach der Fahrt und der Aufregung hatte sie Durst bekommen.
Gleich darauf klopfte auch die Handarbeitslehrerin, begrüßte die Damen Friedlein zierlich und bat, sie möchten doch an ihrem Kränzchen teilnehmen. Es sei alles reichlich da.
Das war es. Der runde Tisch sah noch einmal so wichtig aus mit der weißen Decke, den vielen Tassen, Untertassen und Tellerchen, den Sahnennäpfchen, Zuckerdosen, den Marmeladenbüchsen, den Kuchenbergen, Waffelhäufchen und der großen Weinbeertorte in der Mitte. Die war vom Konditor, ebenso die Schlagsahne. Alles andere dagegen hatte Fräulein Mehlmann selbst verfertigt.
Frau Friedlein bog sich in kluger Liebenswürdigkeit vor und bewunderte die glasklaren Früchte und die Marmelade – ja, die war gut geraten! Eben war die Einmachezeit vorbei. Frühmorgens, ehe sie in die Schule ging, hatte Fräulein Mehlmann auf dem Markte eingekauft, und wer nachmittags etwa zu ihr kam, erhielt unversehens ein Messer in die eine Hand gedrückt und in die andere eine Gurke – jetzt hieß es helfen! Da nahm das Fräulein keine Rücksicht!
Frau Friedlein mußte auf dem Sofa Platz nehmen. Neben ihr saß Fräulein Seifert, ein Platz war noch frei, denn die Oberlehrerin hatte der kleinen Meckebier Stunde zu geben und kam erst später. Frau Dorreyter hatte sich mit einem Ecksitz begnügt, sie mußte auch oft hin und her laufen, denn das kleine Dienstmädchen war so stutzig. Trotzdem fühlte sie sich sehr behaglich und sah mit Blicken voll Genugtuung auf ihre Damen. Der Kater wußte schon Bescheid, er bettelte bald bei der, bald bei jener und bekam überall etwas.
Die Jong hatte Mais Miene erkannt. An der Weinbeertorte vorbei flüsterte sie ihr zu: »Und stürzt der Himmel ein, kommt doch eine Lerche davon!« was die schöne Mai zu einem Dankesblick veranlaßte, obwohl sie das Zitat im Augenblick nicht unterzubringen wußte, so poetisch sie sonst war.
Die kleine Wehrendorf saß still dabei.
Es war ein schweres Leben für sie. Wenn nur der Husten besser und das erste Jahr vorbei wäre. Dann – dann – wieder kam Ada der ungeheure Traum von der eigenen Stube.
Wie sollte die aussehen? Ein weiches Liegesofa, ein Arbeitstisch, ein paar Stühle, ein Schrank und ein richtiges Bett. Ihrer Eltern Sachen waren damals alle verkauft worden.
Sie schrak zusammen – ach, nun hatte sie übersehen, daß Fräulein Seifert die Sahne gereicht haben wollte. Nie fand sie im Verkehr das Richtige. Das war, weil sie schon so weit ab vom Leben gewesen war, wochenlang hatte sie einer an der Hand gehabt – sie wußte über die Höflichkeit bei Kaffeekränzchen nur noch geringen Bescheid.
Die Damen aßen und tranken, immer wieder wurde eingeschenkt, immer wieder herumgereicht, der Sahnenberg senkte sich, die Kuchenteller leerten sich, die Torte wurde ganz schmal – es schmeckte allen sehr gut.
Nun waren sie satt.
Die Mehlmann fragte noch ein-, zweimal herum. Sie hielt Fräulein Seifert die Tortenplatte noch einmal hin – die dankte. Sie bot sie Frau Friedlein an – die dankte auch. Sie fragte noch einmal vorsichtshalber ringsum – alle dankten.
Da räumte sie mit Hausfrauenzärtlichkeit ab. Sie sperrte ihren Schrank auf – man sah noch allerhand gute Sachen darinnen stehen – und packte alles sorgfältig hinein – für Fräulein Haberkorn wurde etwas besonders aufgehoben. Sie schloß wieder zu, nahm den Tischbesen und die kleine Schaufel und kehrte Krümelchen um Krümelchen vom Tisch. Jetzt sah man die Decke – ein schönes Muster – und darüber gelegt den feinen Läufer – die Damen besahen ihn sich genau. Die Seifert fragte, wo man die Vorlage bekommen könnte, aus Markburg sei die doch nicht.
Sie sprachen über Handarbeiten, danach über Kleider, jede schilderte die Art und Weise ihrer Schneiderin.
Mai starrte mit melancholischen Blicken gradeaus: nun mußte sie sich doch zum Winter das gelbe Kleid machen lassen, das ihr gar nicht stand. Den Stoff hatte sie von einer Tante bekommen. Sie hatte gedacht, als Braut – ach, wo waren die Träume wieder hin!
Fräulein Mehlmann kam heran und trug Gläschen auf Gläschen. Feierlich stellte sie sie vor eine jede hin, und jede guckte darauf. Sie wußten, was nun kam: die Likörchen. Plötzlich stutzte das Fräulein und zählte verdutzt, guckte in ihren Schrank und zählte von neuem – ja, die Gläser reichten nicht!
»Ich hole Ihnen gleich welche,« rief Frau Dorreyter, »aber ich habe nur Weingläser.«
»O, Weingläser,« entsetzten sich die Damen lachend.
»Meine Likörchen sind nicht gefährlich,« beteuerte Fräulein Mehlmann eifrig, »aber wir können ja auch Eierbecher nehmen –« Sie griff in den Schrank.
Die Seifert machte eine kritische Miene – nein, Frau Dorreyter sprang schon nach den Wirtschaftsräumen.
Jetzt kam sie und zählte mit den Augen: hatte sie sich noch vergriffen? Nein, es reichte.
Es waren gewöhnliche, schlecht geschliffene Gläser aus dem Warenhause, nur ein einziges war dabei, das war anders. Es stammte noch aus dem knappen Brautschatz der Freiin von Rhane.
Die merkte es gar nicht. Ahnungslos stellte sie es hin. Es kam grade zu der kleinen Wehrendorf.
Fräulein Mehlmann ging mit der klebrigen Flasche ringsum und schenkte ein. Die Weingläser goß sie auch voll, so sehr die betreffenden Damen sich auch dagegen sträubten.
»Aber ich bitte Sie, ein Likörchen –«
Dann stießen alle an.
»Worauf?« rief die Jong. Ihre Finkenaugen lachten gemütlich.
»Worauf?« fragte die Seifert säuerlich.
Sie wußten es gar nicht. Aber die Gläser klangen.
Das der kleinen Wehrendorf tönte sonderbar auf. Sie horchte verwundert. Sie stieß mit Paula Friedlein an, da klang es wieder. Wieder und wieder klang es ganz zart, ganz silbern. Die anderen merkten es nicht. Aber Ada saß ganz erschrocken vor dem Wunder.
In ihr zerschlagenes Herz kam ein kleiner Traum.
Es war der einzige ihres Lebens.
Der kam von dem feinen, singenden Kristall.
Frau Friedlein schrak plötzlich auf. »Wo hast du denn die ... Rosen gelassen?« flüsterte sie der Tochter zu.
Die fuhr herum, ihre Augen glänzten schon wieder. Die Mutter sah sie an und wünschte heiß, jetzt möchte einer die Tochter sehen, ein ganz Reicher, einer ohne Schulden, ein solider Mann.
»Die ... Rosen ... ich hab sie ihm ja doch hingeworfen – du weißt doch,« murmelte sie, nur der Mutter verständlich.
»Dann müssen sie noch dort liegen –«
»Was muß dort liegen?« flüsterte Paula von der anderen Seite.
Die Mutter erklärte ihr's verstohlen.
»Die sind längst fort. Die haben andere genommen,« meinte Mai, die in dem Gesicht ihrer Schwester und dem der Mutter schon etwas aufsteigen sah.
»Wo liegen sie?« flüsterte Frau Friedlein.
»Ich hab dir's ja gesagt. An dem kleinen Heckenweg hinter der Gärtnerei.«
»Da kommen selten Leute hin. Das ist ein ganz einsamer Platz. Die Rosen liegen sicher noch da – –« Sie flüsterte mit den Töchtern.
Nach einer Weile stand Paula auf und verschwand unauffällig.
Frau Friedlein erhob sich auch und setzte sich ans Klavier. Es war ein altes Stück, Fräulein Mehlmann hatte es geerbt. Aber sie spielte gut. Perlend flogen die Töne auf – alle horchten – das klang schön –! Es war aus dem ›Zigeunerbaron‹: »Wer hat uns getraut –« Jetzt sangen alle mit: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht –«
Auf einmal war Paula wieder da. Sie schlich in die heitere Gruppe und hatte die Hände voll Rosen: rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen. Sie waren noch ganz frisch.
Die Kanarienvögel schrieen verwundert auf: »Im Oktober so schöne Rosen? Woher kommen die –?«
Paula blinzelte Mai zu, die eine regungslose Miene machte. Dann begann sie zu verteilen, der einen eine weiße, der anderen eine rote Rose und so fort. Alle bekamen eine, sogar die Wehrendorf, und für Fräulein Haberkorn wurde eine aufgehoben und in ein Gläschen gestellt.
Fräulein Mehlmann goß noch einmal ein, und nun sangen alle wieder, von Rosen umduftet: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht – –«
Auch Mai sang mit.
Jetzt ging die Tür auf. Es war ungefähr so wie im Märchen, wo sich die verregnete, vergnügte Musikantengesellschaft unter den großen Pilz gestellt hat und wo unverhofft die böse Besitzerin, die große Kröte, erscheint.
Es kam Fräulein Haberkorn.
Alle überboten sich in Liebenswürdigkeit, die Wehrendorf raffte sich sogar auf und rückte ihr einen Stuhl zurecht, es war nur leider verkehrt. Die Oberlehrerin nahm stirnrunzelnd auf dem Sofa Platz, bekam ihren Kaffee frischgewärmt, ihre Torte, ihre Knusperchen, ihre Sahne und ihre Rose. Darüberweg besah sie sich die Kleider der Anwesenden. Die Kanarienvögel bekamen gleich ein paar versteckte Lehren, weil sie augenscheinlich zu munter geworden waren.
Fräulein Haberkorn mußte die Luft dieses vergnügten Kränzchens erst eine Weile einatmen, um eingewöhnt zu werden; sie hatte auch noch nicht genug Kaffee getrunken. Vom Likör gar nicht zu reden.
Fräulein Mehlmann erzählte eifrig mit lauter Stimme von ihren letzten Einmachetagen. Sie hatte sich mit Tomaten beschäftigt. Es war das erste Mal.
Im nächsten Jahr wollte sie sich einen Einkochapparat anschaffen, dann konnte sie noch mehr fertig bringen!
Endlich merkte sie, durch das Schweigen der anderen aufmerksam gemacht, daß Fräulein Haberkorn von Meckebiers erzählen wollte.
»Frau Geheimrat war sehr liebenswürdig,« begann sie nun, ihren Kuchen in den Kaffee tunkend, »die kleine Lydia ist aber auch so begabt. Ich habe heute gesagt, sie brauchte eigentlich gar keine Privatstunde, da meinte die Frau Geheimrat, ›ja, das ist wohl möglich. Aber wir, mein Mann und ich, ziehen es doch vor, eine so bewährte Lehrkraft noch weiter um unser Kind zu haben.‹ Das war doch nett, nicht wahr?«
»Sehr nett,« bestätigten alle ringsum.
Fräulein Haberkorn tunkte den Kuchen wieder ein. Jetzt sah sie auf. Ihre Blicke flogen funkelnd über alle. Frau Dorreyter war hinausgegangen.
»Ja, und was ich noch weiß,« sagte sie.
»Was wissen Sie?!«
Alle waren hochgespannt.
Fräulein Haberkorn wählte sich noch ein Stück Torte.
»Sehr schön ist die,« lobte sie, »haben Sie die auch selber gebacken, liebe Mehlmann?«
»Nein,« erwiderte die verlegen.
Fräulein Haberkorn wußte es auch so.
Fräulein Mehlmann brachte, um ihre Ehre wieder herzustellen, jetzt ihr Likörchen an und goß ein.
Die anderen warteten atemlos. Was war das für eine Neuigkeit? Von Meckebiers brachte die Haberkorn oft wichtige Schulneuigkeiten, die sie dort erlistet hatte.
Die Oberlehrerin trank prüfend. Fräulein Mehlmanns Blick hing an dem ihren. Sie nickte ihr gönnerhaft zu. »Ganz gut, wirklich.«
»Ja, also, ich habe nun erfahren, wer unserm lieben verstorbenen Kollegen Diermann im Amt nachfolgen wird,« begann sie endlich.
»Ach!« Die Neugier flackerte noch höher.
Die Mehlmann war ungeschickt und sagte: »Nu, das wird doch das Fräulein Doktor Arndt sein, die neulich bei unserer Vorsteherin war. Die schienen doch gut Freund.«
»Nein,« sprach die Haberkorn triumphierend, »das wird die nicht. Man hat mit vielen Opfern einen Oberlehrer gewonnen. Einen Mann!«
Sie sagte das so stolz, als ob sie selber einer sei.
»Wer denn? Wer denn? Ist er hier bekannt?« Die Fragen wirbelten ringsum.
Die Haberkorn zuckte die Achseln.
»Das weiß ich nicht. Auch den Namen weiß ich nicht. Aber wir werden ja sehen.« Sie merkte, daß Frau Dorreyter wieder eintrat.
Die anderen schwiegen.
Sie tranken ihre Likörchen aus. Dann ging das Kränzchen unter vielen begeisterten, immer wiederholten Danksagungen auseinander. Gruppenweise, wie sie grade zueinander stimmten, wanderten die Damen ab. Mai begleitete ihre Familie zum Bahnhof. Sie ging dann durch die Nebenstraßen zurück, um dem Assessor nicht etwa noch einmal zu begegnen. Ihre Rose, die sie hatte nehmen müssen, schenkte sie der Wehrendorf.
Die ging mit zwei roten Blumen und einem kleinen, zart klingenden Traum im Herzen in das Zimmer der Jong. Die Lehrerin hatte schon Adas Betten, die tagsüber in einer Lade verwahrt wurden, auf das Sofa geworfen und räumte bereits das darüberhängende, zu stark belastete Bücherbrett ab.
Ada half ihr eilig und legte die Bücher beiseite.
Es waren ein paar alte Lexika, ein Dictionnaire, ein paar Reclamheftchen und ein Band Fulda: ›Die Hochzeitsreise nach Rom‹.
Dann ging Ada schlafen.
* * *
Frau von Cöldt saß in ihrem bequemen Liegestuhl am Fenster ihres Zimmers. Eine sacht behagliche Stimmung erfüllte sie, ohne daß sie ganz genau darum wußte. Der Haushalt war in den Händen des Fräuleins gut aufgehoben, auch Hanni war unter Aufsicht.
Frau von Cöldt überdachte die gestrige Vereinssitzung bei Frau Colb und wühlte wichtig in ein paar Drucksachen, die eben gekommen waren – Vereinsangelegenheiten. O, sehr interessant! Ob man die Wöchnerinnenpflege noch weiter ausdehnte?
Sie sann lange darüber nach.
Dann fiel ihr Ludwig ein. Er war heute schon früh nach dem Walde gegangen. Es war ein Wintertag, dick lag der Schnee draußen, der Himmel war förmlich finster gegen alles Weiß.
Merkwürdiges Sonntagsvergnügen, dachte sie. Aber an Wochentagen machte er es oft ebenso. Eine Unruhe war in ihm.
Er war schon eine Weile fort.
Sie dachte ein paar Sekunden darüber nach, dann vertiefte sie sich weiter in ihre Vereinsangelegenheiten. Nur nicht grübeln – mit ihren Nerven war es dann sofort vorbei. Ein Sturz und alles war wieder beim alten. Hardi hatte manchmal das Gefühl, als ob sie auf einer ganz dünnen Eisdecke lebte. Nur sich nicht rühren, sonst brach sie ein.
Aber das Leben auf diesem schwachen, einsamen Fleck gefiel ihr.
»Sie haben einen sehr guten Ehemann,« sagten ihr die Damen, obwohl sie auf ihre eigenen auch nichts kommen ließen, so vertraut waren sie miteinander nicht.
Ja gewiß. Er mußte sich nur mehr Bewegung machen. Reiten oder Brunnen trinken. Sie hatte ihm selber gesagt, er solle sich wieder ein Pferd anschaffen, aber er hatte nicht gewollt.
Da lief er im Walde herum.
Mochte er.
Wieder spürte Frau von Cöldt die ganz dünne Eisdecke, auf der ihr Leben aufgebaut war – sie spürte, daß sie zitterte.
Nur Ruhe –! Sie verkroch sich innerlich. Der Verein – das war ja genug.
Jetzt fing ein starker Schnee draußen an.
Sie ließ ihre Hefte wieder sinken und starrte hinaus, eine ganz sonderbare Stimmung überkam sie, etwas von einer ungeheuren, ratlosen Angst, wie aus Kindermärchen. Als brächte ihr der Schnee draußen ein Verschütten und Vergehen, ein Verschwinden vor Frühlingsanfang. Als fiele dieser Schnee langsam über ihr Leben hin, das doch so wohlgewahrt hinter den Scheiben saß. Wo war sie übers Jahr – –?
O, was war denn das – was war denn das – –?
Sie starrte wieder hinaus.
Wie das fiel. Auf Dach, Straße und Haus. Wie das in den Wald fiel und über alle weiten Felder. Schnee auf Schnee.
Sie reckte sich. Es war doch schon Januar. Das Schlimmste war doch schon vorbei. Noch vier, acht Wochen, und die Amseln pfiffen wieder. Noch vier, acht Wochen, und der Winter war vorbei.
Warum fürchtete sie sich?
Sie saß doch so warm.
Da kam Ludwig ja wieder. Er sah ganz weiß aus. Sie ging selbst auf den Flur und rief ihn an.
»Wie siehst du aus,« sagte sie.
Er blickte sie aus dunklen Augen an und antwortete nicht.
Sein Gesicht war gelb. Er wurde alt.
Sie ging in ihr Zimmer zurück und dachte weiter: wie alt war er denn schon? Er war ja nicht mehr ganz jung gewesen, als er sie heiratete.
Ja, und was hatte er gehabt?
Sie fühlte wieder, wie die Eisdecke erbebte, mein Gott, er hatte doch seinen Beruf. Es ging ihm gut. Er stand glänzend beim Präsidenten, sie wußte es, aus den Reden und dem Wesen der anderen hatte sie es gemerkt. Und sie kannte ihn ja doch. Er war die altpreußische Gewissenhaftigkeit selber. – – Und sein Herz hing ja doch nicht mehr an ihr. Sie hatte es in der Sekunde erkannt, in der sie damals wieder zu ihm gekommen war. Vorher glaubte sie sein verändertes Wesen nur auf die Enttäuschung zurückführen zu müssen, auf die feige und mutlose Art, die sie ihm gegenüber gezeigt hatte – aber dann spürte sie: es war etwas anderes, sein Sinn war bei etwas anderem – er machte sich nichts mehr aus ihr.
Und bald hatte sie Klarheit gehabt.
Wie er auf jeden Brief Christianens paßte, wie er es so gern übernahm, ihr zu antworten, wie sorgfältig und ruhig er schrieb, und doch war etwas darin – sie überlas die Zeilen – ja, sein Herz war darin!
Beim zweiten Mal war sie viel tapferer, obwohl ihr Zustand bewies, daß ihr Schrecken einen guten Grund gehabt hatte, und zugleich fühlte sie sich wie von einer Last erleichtert – sie hatte ihm ihre Gesundheit geopfert, sie hatte genug getan!
Nun konnte sie fordern!
Und er gab ihr alles, was sie wünschte, und alles war gut, bis das Kind größer wurde.
Da sahen sie beide, wie sonderbar Hanni in ihre Ehe hineinpaßte, und wußten, daß sie sich nicht geliebt hatten.
Nun also – was wollte er noch?
Christiane konnte er ja niemals haben, das stand weder in seinem, noch in ihrem Katechismus, solche Dinge taten sie nicht.
Die Gartentür klirrte – es kam wohl Besuch. Sonntagsvisiten. Mochte Ludwig annehmen, wenn er Lust hatte, sie ließ sich von Fremden niemals sprechen, wenn es nicht in Vereinsangelegenheiten war.
Flüchtig horchte sie. Unten gingen Türen. –
Ludwig hatte die Karte verwundert besehen: Richard Bartelmes, Dr. phil.
Ach so, das war wohl der neue Oberlehrer an der Reutterschule? Was wollte der bei ihm? Nahm's wohl sehr gewissenhaft, klapperte alle Honoratioren ab. Na, den wollte er sich ansehen.
Es war ja schon im voraus genug über ihn erzählt worden. Man sollte ihn an gewisser Stelle förmlich gebeten haben, anzunehmen. Er war ein Licht. So eine besonders moderne Sorte Reformlehrer. Schriftstellerte über allerhand Ästhetisches und hatte die neuesten Ideen, die es gab. Kunst in der Schule! Es hieß, er sei aus der westdeutschen Stadt nur privater Verhältnisse wegen weggegangen. Einzig diesem Grunde verdankte Markburg das Glück seiner Zusage.
Jetzt kam der Reformoberlehrer.
Was er sagte, war gewandt. Ludwig entdeckte auf den ersten Blick weder eine Teutonische Wucht, noch eine Spießbürgerlichkeit. Der Mann sah ganz weltmännisch aus.
»Sie werden sich an meinen Namen wohl nicht mehr erinnern, Herr Regierungsrat,« sagte er verbindlich, ihm mit den etwas runden dunklen Augen im Gesicht forschend.
»Ihren Namen hat man in der letzten Zeit hier oft im Blatt gelesen,« erwiderte Ludwig.
»Es war aber auch einmal eine Erinnerung für Sie damit verbunden – wenn ich nicht sehr irre. – Ich bin ein geborener Westpreuße, mein Vater war zuletzt in Thorn Major vom Platz.«
»Der alte Bartelmes,« fuhr Ludwig ein wenig vor – bis jetzt hatte er eine kühle Gleichgültigkeit gezeigt, fast mehr, als korrekt war – Christianens wegen! Er wußte doch, daß dieser Mann ihr als Stein in den Weg geschoben war, daß seine, grade seine Berufung etwas wie ein verstecktes Mißtrauensvotum war – im Reutterschloß sollte die Persönlichkeit eines bedeutenden Mannes wieder mit ins Gewicht fallen!
Man hatte deshalb keinen ganz Jungen gewählt.
Bartelmes war nicht sehr viel jünger als er selbst.
»Ja, Major Bartelmes kannte ich,« fuhr er nun ruhiger fort, auf seine Hände schauend, »aber an seine Familie erinnere ich mich nicht mehr.«
»Das ist leicht erklärlich. Mein Bruder und ich waren damals im Kadettenhaus und kamen nicht oft nach Hause. Freilich haben wir es in der militärischen Zwangsjacke nicht sehr lange ausgehalten.« Er lächelte und fuhr leicht über seinen sehr gepflegten, kurzen dunklen Vollbart. »Leider sind wir alle etwas aus der Art geschlagen. Mein Bruder ist Musiker, meine Schwester Schauspielerin.«
Es war, als ob er das dem Herrn Regierungsrat mit besonderem Wohlgefallen sagte.
»In der Tat? Ganz künstlerisch! Herr Major Bartelmes –«
»War es nicht,« ergänzte der Doktor mit einer etwas sonderbaren Stimmfärbung.
Cöldt entsann sich. Der Major hatte getrunken. Und hatte dann unklarer Dinge wegen weggemußt.
Also die Kinder dieses Trinkers waren Künstler geworden, und der Herr Doktor war vermutlich Abstinenzler.
Er sah ihn mit leiser Ironie an.
Etwas stieg in ihm auf, das wehrte sich riesenstark gegen den Menschen. Er horchte in sich hinein: wie kam er zu solch vorweltlichen Haßgefühlen?
Ach, ein Grund war wohl da: Christiane.
Sie soll es aufgeben, dachte er plötzlich, sie soll die Sache einfach hinwerfen. Sie ist doch kein Mensch, dem man mißtrauen darf.
Und plötzlich kam es erlösend über ihn: sie wird sich nicht ducken lassen.
Jetzt wurde er freundlicher. Befragte den Herrn nach seinem Studiengang und seinen Werken.
Der antwortete zurückhaltend.
Also immerhin ein Offizierssohn, vermutlich doch wohl noch in einigem wesensverwandt. Wahrscheinlich wollte er in der Gesellschaft verkehren? Ob er keine Frau hatte? Es schien doch nicht.
Und plötzlich überkam Cöldt wieder ein neues Gefühl: die Eifersucht.
Er sah, daß Richard Bartelmes gut gewachsen war, sich gut hielt und ein regelmäßiges, gesundes Gesicht hatte, nicht junggesellenhaft zerknittert. Der hat gelebt, erkannte er plötzlich. Ein Mucker ist der Herr Doktor nicht, trotz seiner Reformen.
Bartelmes verabschiedete sich. –
Um zwei Uhr erschien Christiane mit ihrer Mutter, wie sonntäglich üblich, zu Tische und blieb hernach bis zum Abend.
Ludwig erzählte von dem Besuch.
»Er war bei mir,« sagte Christiane ohne Aufregung, aber mit einem seltsam konzentrierten Blick, »allzu gewaltig können seine Reformideen nicht sein, da er beim Provinzialschulkollegium so in Gunst steht.«
»Und du wirst ihm wohl nicht mehr Einfluß gönnen, als ihm gebührt?«
Sie sah ihn ruhig an.
»Er bekommt den Raum, der ihm gehört. Nicht einen Zoll mehr.«
Er merkte, daß ihr Gesicht in seinen Linien schärfer und härter geworden war.
Sie begaben sich in Ludwigs Zimmer, die Mutter blieb bei Hardi im Salon. Dort redeten sie vom Verein. Hanni saß gleichmütig und kaltblütig dabei und häkelte.
Frau Dorreyter hatte nie eine Ahnung von dem gehabt, was Christiane und Ludwig verbunden hatte. Hardi hatte niemals etwas angedeutet und verriet auch jetzt nichts, obwohl sie den beiden merkwürdig nachgeschaut hatte.
Christiane ging drinnen an einen Tisch, auf dem neue Bücher lagen. »Hier,« sagte Ludwig und hielt ihr einen Band hin.
Es war ein neues Buch von Mereschkowski über Tolstoi und Dostojewski.
Sie las, in einen der tiefen Ledersessel gedrückt. Er saß ihr gegenüber und las und rauchte. Sie liebte den feinen Zigarrenrauch sehr, wenngleich sie selbst nie rauchte. Dann und wann hielten sie inne und sprachen ein wenig, oder sie ließen nur ihre Bücher sinken und sahen sich kurz in die Augen.
Es war etwas von einem alten Rausch dabei.
Als Christiane und ihre Mutter gegangen waren, trat Ludwig wieder in sein Zimmer zurück und zog die Schiebetür leise zu. Hardi war noch im Salon mit Hanni beschäftigt und hörte das sachte Vorfallen des Holzes.
Der Zigarrenrauch war ein wenig eingedrungen und durchwebte die Luft des Salons. Hardi erhob sich, machte ein paar Schritte und vertrieb den Rauch mit der Hand. Sie ging näher an die verschlossene Tür heran, und es war, als ob sie horchte oder etwas überlegte. Dann aber wandte sie sich, nahm ihr Kind an die Hand und ging mit ihm die Stiege hinab in ihr eigenes Zimmer.
* * *
In der Reutterschule war doch einiges anders geworden.
Christiane beobachtete es aber von einem stillen gleichmütigen Lauscherposten aus.
Doktor Bartelmes hatte den Ton im Kollegium verändert. Er war der Haberkorn so liebenswürdig entgegengetreten, daß sie ihre kratzbürstige Art wider Willen vergaß; sie kam in seiner Gegenwart einfach nicht dazu. Er war anders als ihr Freund, der Professor Diermann, dem noch ganz und gar die alte Zeit in den Gliedern gesteckt hatte, und auch anders, als die übrigen Herren, die den Damen mit wenigen Ausnahmen doch am liebsten aus dem Wege gingen. Bartelmes nahm die Haberkorn so wichtig, wie sie sich selber vorkam, und wenn ein heimliches Blinzeln und Flirren manchmal dabei in seinen Augen war, so merkte sie das nicht.
Auch mit den anderen wußte er fertig zu werden. Nicht nur, daß er das gute Mehlmännchen allerorten neckte und von ihr schon einmal eine Büchse köstlicher Marmelade geschenkt bekommen hatte (sie erkundigte sich nachher bei sämtlichen Damen, ob man auch nichts ›dabei gefunden‹ hätte), sich von Fräulein Jong Fußtouren sagen ließ, den jungen Praktikantinnen und Mai mit viel Ritterlichkeit gegenübertrat, das physiologische Phänomen der Seifert und ihre sonstige Vortrefflichkeit genügend anerkannte – auch mit den Kollegen wußte er sich zu stellen, und mit dem Zeichenlehrer sah man ihn sogar oft. Nur die kleine Wehrendorf beachtete er nicht, aber die hatte ja immer Pech.
Man begriff manchmal nicht mehr recht, wie man sich innerlich so schroff vom anderen getrennt und nur bei feierlichen Gelegenheiten offiziell zusammengefunden hatte –, man war ja gleich und beim gleichen Werk eingespannt.
Bartelmes widersprach seinen Büchern nicht. Er hatte noch Idealismus.
Die Haberkorn wurde auch idealistisch. Bisher hatte ihre Stimmung sich immer nach ihren Nerven gerichtet oder je nachdem sie geschlafen hatte – jetzt kam sie alle Morgen strahlend frisch, und ihr zweites Wort war immer ›Die Kindesseele –‹. Sie schwärmte jetzt nicht nur für die geheimrätliche Meckebier, sondern auch für alle anderen Zöglinge, ihr Herz wurde butterweich – es war doch ein schöner, edler Beruf!
Sie fühlte sich glücklich.
Auch den anderen ging es ähnlich, und Christiane mußte sich sagen: er hatte es gemacht, nicht sie. Obwohl sie mit gutem Willen, mit Gerechtigkeit und Liebenswürdigkeit begonnen hatte – er hatte es gemacht, nicht sie.
Sie wußte, woran es lag. Es war etwas Uraltes, das in diesen älteren und jüngeren Mädchen unbewußt lebendig wurde. Es war auch ein heimlicher wissender Trotz gegen sie dabei. Sie wollten das Tun dieses herangerufenen Fremden doppelt wiegen.
Christiane beobachtete ihn mit kühler Zurückhaltung, fand, daß er anscheinend eine gute unterrichtliche Begabung und vor allem ein gewisses, verschleiertes Künstlertum besaß, von dem freilich nicht zu ersehen war, wie weit es reichte.
Er hatte Christianens Pläne, von denen sie ihm gesprochen hatte, mit großer Entschiedenheit abgelehnt.
Ein Seminar, eine harte, nüchterne Beruflichkeit, ja nur ein Hineinmischen solcher Dinge hier an der vornehmen Schule war für ihn ein Unding. Man sollte froh sein, daß diese moderne Unumgänglichkeit hier noch umgangen werden konnte! Diese Mädchen stammten sämtlich aus solchen Verhältnissen, daß man sie zu echten Frauen erziehen konnte, zu der modernen Weibpersönlichkeit, die die Frauenbewegung niemals zu schaffen vermochte.
Kultur, ja, die brauchten diese jungen Markburgerinnen herzlich notwendig, Schönheit, die mußte man ihnen geben. Man sollte sie das reine Genießen lehren, die schöne Haltung, das ganze Begreifen der Gegenwart, aber man sollte sie nicht mit häßlichen Klammern verzerren.
Christiane kannte sein Buch ›Die unerreichbare Frau‹, das nach einem neuen, noch unbekannten Frauentypus rang, während er die ›Karrenschieberinnen‹, wie er sie nannte, als ewig kulturlos beiseite warf. Er wollte hohe, starke Geister, volle Teilhaberinnen am modernen Leben, aber keine Frauen mit Examen, mit dem Sinn an ein enges Fach gebunden, mit den Gedanken an Geldverdienen. Er knüpfte an die großen Frauen des achtzehnten Jahrhunderts an und rief ein hohes Idealbild auf.
Warum sattelte er nicht um und ritt mit seinen Gedanken ganz in die bunten Felder der Phantasie?
Denn er war ein Phantast.
Sie begriff nicht, wie die Frauen ringsum sich so für ihn begeistern konnten – er lehnte sie ja alle ab. Er verachtete sie innerlich grausam, obwohl er ihnen äußerlich zu Hilfe kam; diese Hilfe war verkappter Spott.
Christiane fühlte: er sah sie auch nicht anders. Sein Schauen war ihr gegenüber wenigstens geteilt. Halb ließ er sie gelten, halb lehnte er sie auch ab.
Ihre Schriften ignorierte er vollständig.
* * *
Christiane begegnete dem Doktor Bartelmes eines Abends bei Cöldts. Er machte eine sehr gute Figur, und plötzlich horchte sie überrascht: er suchte wahrhaftig Geist in die Unterhaltung zu bringen! Mit zweien, dreien hatte er ein interessanteres Thema angefangen – jetzt horchten schon mehrere darauf.
Er kam aus geistig reger Stadt, kannte viele Großstädte und Künstler. Es war nicht die geringste Prahlerei an der Art, in der er das vorbrachte, es kam ganz zufällig.
Er war vorzeiten Gast im literarischen Kreise zu Schreiberhau gewesen, kannte Reicke und Bölsche – für Bölsche interessierten sich sogar die Markburger jungen Damen, der war ja populär! Er hatte etwas von der merkwürdigen Friedrichshagner Zeit kennen gelernt, war in München und in Bayreuth bekannt und hatte in Weimar Beziehungen. Vieles war durch seinen Bruder gekommen, der aber ein etwas schwankendes und unklares Genie zu sein schien und einmal eine preußische Wachtparade im Stil des alten Fritz, ein andermal eine Oper komponierte und jetzt an einer modernen Operette war. Die Schwester war in Dresden und bei der Dumont engagiert gewesen und sollte jetzt zu Reinhardt kommen.
Es schien doch Leute in Markburg zu geben, die da wußten, was Reinhardt augenblicklich bedeutete.
Bartelmes kannte auch Yse Bernhart.
Christiane sah ihn überrascht an.
»Ich traf Fräulein Bernhart erst vor kurzem in Weimar.«
»Dann hat sie gewiß auch von mir gesprochen.«
Christiane sah starr in die flimmrigen schwarzen Augen des Mannes.
»Ihren Namen nannte sie allerdings, Fräulein Doktor,« erwiderte er langsam, während sein Blick etwas nach unten strich – und Christiane begriff jäh: der wußte mehr von ihr, als sie geahnt hatte. Der hatte sie schon gekannt, ehe er hierher kam! Er wußte, aus welcher Flut sie gestiegen, wie ihre Entwicklung war – grade aus dieser Verbindung heraus!
Sie fühlte sich ihm gegenüber plötzlich rätselhaft ärmer, als ob sie ihm gebeichtet hätte. Etwas zwischen ihnen war verschoben. Nicht, daß Yse etwas verraten hätte, aber ihre Freundschaft sagte dem Psychologen schon genug! Und Bartelmes war ein Frauenpsychologe, wollte es wenigstens sein, und so fühlte sie sich ihm gegenüber plötzlich nicht mehr als das ruhig, straffe Fräulein Doktor, die moderne Herrscherin, sondern –
Rief noch immer etwas in ihr nach dem verbotenen Gestade – –?
Ihr Blick irrte zu Ludwig. Er stand nicht weit entfernt von ihr.
Er war nie weit entfernt von ihr.
Sie sahen sich an.
In dem Augenblick wurde ihr Bartelmes von einer Dame weggewinkt. Es ging wohl um den Frauenverein, in dem der Doktor Kunstvorträge halten sollte, vielleicht aber auch um andere Dinge, denn sie wären im Alter zu einer Partie grade recht gewesen.
Er schien aber nicht daran zu denken.
Sie merkte, daß er während aller Liebenswürdigkeiten, die auf ihn einkamen und die er weltmännisch und mit dem kleinen Künstlerhauch erwiderte, doch immer wieder zu ihr schaute.
Sie kannte den Blick.
Es war etwas von dem darin, den Ludwig für sie hatte. Den schon mancher Mann für sie gehabt hatte: das eigentümlich überlegende Sinnen, das innere Festgehaltensein.
Ludwig! Ludwig!
Nachher brachte Bartelmes sie nach Hause.
Es war Tauweiche in der Luft. Noch lag alles voll Schnee. So viel Schnee hatte man in den Jahren hier nicht mehr gehabt. Schnee auf Schnee lag im Walde. Wälle, die vorm Feind geschützt hätten, waren um die Felder und Dörfer geschichtet. Schnee um Schnee war in der Welt. Aber ein flüchtiger Tauwind zog darüber.
Sie begann unwillkürlich wieder von Yse.
»Ich sah sie lange nicht. Sie schreibt mir auch nicht mehr.«
»Dafür liest man, was sie für alle schreibt,« sagte er.
»Das lassen Sie also gelten?« fragte sie. »Das, was sie schafft?«
»Was sie schafft, ja. Denn es ist etwas Gegebenes, die Aussprache einer inneren Kultur. Ich freute mich herzlich, wenn ich unter meinen Mädchen ein solches Fünklein entdecken könnte – blasen und blasen würde ich – aber leider glimmen solche Feuer in Markburg nicht auf!«
Christiane fragte plötzlich nach seiner Schwester.
Er sagte langsam: »Fräulein Doktor Dorreyter, Sie werden sich wohl darüber klar sein, was für einen Weg sie gemacht hat. Vor Ihnen will ich das nicht verhehlen. Es hängt etwas daran, ehe eine arme Offizierstochter eine bekannte Bühnenkünstlerin wird.«
Sie nickte schwer.
»Aber meine Schwester ist echtes Künstlerblut,« setzte er hinzu, »und es hat keinen Ballast für sie bedeutet.«
»Und Sie, Herr Doktor?« fragte Christiane plötzlich, »wie stellen Sie sich als Bruder dazu?«
»Daß sie diesen Weg machen mußte,« sagte er leichthin. »Vielleicht ist in späterer Zeit auch der Bühnenberuf eine Versorgung für untadelige höhere Töchter und mit allerhand Besen gesäubert. Aber ich – möchte es nicht hoffen. Ich – glaub's nicht. Dickicht muß sein. Grade hier. Unkraut muß sein. Grade hier.«
Er bog sich ihr zu.
»Nicht wahr, das sind nette Anschauungen? Aber ich bringe sie nicht in das Reutterschloß.«
Er sah blinzelnd nach dem Haus, das jetzt inmitten der weißen Nacht sichtbar wurde.
Sie wußte gar nicht, was er da zu schauen hatte, legte die Hand auf den Knopf und klingelte.
Jetzt tauchte die Hausmeisterin mit ihrem Laternchen auf.
»Ich danke Ihnen, Herr Doktor,« sagte Christiane kühl und reichte ihm die Hand.
»Auf Wiedersehen, Frau ... Äbtissin,« sprach er langsam mit einem Lächeln, das sich in seinem Bart verkroch.
* * *
Am anderen Tag begegnete er ihr ganz unbefangen und fragte sie, ob sie nicht einmal ihren Garten öffnen wollte. Er würde seine Mädel gern mal hineinführen, so lange noch Schnee sei. Jetzt könnten sie ja keinen Schaden anrichten.
Ihr war es noch nicht eingefallen, den fremden Kindern ihr einsames Geheimnis preiszugeben, noch viel weniger den Kollegen und Kolleginnen. Der Garten war auch jetzt ein Märchen. Sie schaute von ihren Fenstern aus oft hinein, und nur ihre Fußspuren gingen einsam durch den Schnee. Der Garten war ihr Schönstes.
Aber sie sah keinen Grund nein zu sagen. Denn in ihrem Amt durfte sie eigentlich gar nichts für sich allein haben. Alles mußte dem Zwecke dienen, dem sie sich einmal gelobt hatte.
Sie stand am Fenster und gewahrte, daß der Doktor zuerst allein hineinging. Er schaute auf ihre Fußspuren und verfolgte sie langsam bis zum Tempel mit dem blauen Griechenbild. Auf einmal hatte sie das Gefühl: es ist ihm gar nicht um das Schneeballen der Kinder – er will nur wieder spähen. Er hat ein halbes Bild von dir und will neue Züge haben. Er sucht sie sich.
Sie sah, wie er ging und ihre Spuren verdarb.
Sie sah, wie er durch ihren weißen Schneegarten ging.
Auf einmal fühlte sie das Widrigste an ihm, das eine Frau an einem Mann empfinden kann.
Sie trat zurück. Ihre schwarze Gewandschleppe rauschte.
Dann hörte sie Kinderlärm.
Jetzt flog es da unten hin und her. Ball auf Ball. Der Doktor warf seine Bälle immer den hübschesten Mädchen zu. Die wußten das und warteten darauf. Sie lachten.
Christiane dachte jäh: im Grunde wird Bartelmes mit diesen Mädchen gut fertig.
Bestand da irgend eine geheimnisvolle Wirkung, ein heimliches Gegenspiel – Funke und Funke – –?
Oder war er wirklich auf diesem Gebiete besonders begabt?
Ihr fehlte die große Begeisterung, die in dem Werk an den verwöhnten Kindern eben wirklich ein Werk sah. Heimlich hatte es schon oft in ihr gerissen: wärst du doch dort geblieben, wo du warst, wo du junge Kämpferinnen vor dir hattest, Wesen wie du, die ihren Sinn gespannt auf alle Dinge des Wissens richteten und ihren Lebensgehalt vom Wissen erwarteten –! Das Nutzlose ihres Schaffens stieg vor ihr auf.
Die hier sind anders. Sie sind vom anderen Ufer. Sie sehen kühl und lächelnd auf dich und denken: du bist alt. Sie sehen dein Kleid und denken: hu, so möchte ich nicht sein.
Sie schauen nach dem, was du nie besaßest, und sie werden es besitzen. Alle, alle werden es besitzen.
Neid kam in ihr auf, Neid auf diese jungen, werdenden, schönen, leichtbeschwingten Dinger.
Sie vermochte ihnen nichts Dunkles anzudenken, und sie sollten es auch nicht verstehen. Sie sollten den Weg gehen, den dieser Mann, dessen Nerven in einem starken, sinnlichen Weibesverstehen zuckten, ihnen anweisen würde.
Sie selber konnte hier nicht anwenden, was sie eigentlich war, nicht werden, die sie war.
Vielleicht nie und nirgends.
Sie war in einer Sackgasse verrannt.
Ihre besten Gaben, ihr Geist, ihre Klugheit, ihre Sehnsucht, ihre uralte Kultur – das alles war knapp eingespannt und kläglich halb ausgenützt. Das andere verfiel.
Torheit war es, zu glauben, daß ein Beruf eine jede Frau höher brächte ... dazu durfte man nicht Vollblut sein. Er entwickelte eine brave, nüchterne, praktische, manchmal sogar trostlose Seite, aber ein geistiges Wachsen brachte er nicht. Die ersehnte Hochkultur brachte er nicht.
Sie hätte eine dieser Frauen werden können, wie sie Bartelmes suchte, einer der vornehmen, neuen Geister, die alte und neue Kultur, Traditionen und Erworbenes in sich vereinten – war es nicht das, was sie Jahre und Jahre hindurch mit verbotenen Wünschen heimlich ersehnt hatte?
Mit Ludwig hätte sie reiten, an seiner Seite mit an seinem Werk bauen, das ganze Leben der Nation in seiner Entwicklung, in seinen Kämpfen und Bedrohungen mit erleben wollen – sie wäre eine kostbare Teilhaberin geworden!
Wohin er auch gelangt wäre, immer hätte sie unübersehbar an seiner Seite gestanden, keine Nichtstuerin, kein Weibchen, sondern mit weiten Flügeln hinaufstrebend zu dem Hochbild der neuen Frau.
Sie fühlte sich plötzlich umspannt, beunruhigt, in alte Qualen gestürzt.
In ihr spähte es ja immer noch. Es war, als ob ihre ganze Seele dem Leben gegenüber jetzt atemlos auf dem Lauscherposten stünde, ehe sie sich enttäuscht für immer abwandte und in Niederungen verkroch.
Sie vergaß ihre Grenzen und ihre Würde.
Sie starrte zu den jungen Dingern hinab, und ihre Hände zuckten, wie ihr Herz.
* * *
Um zwölf Uhr – das Glockenspiel der Agnetenkirche summte durch die weiche, dicke Luft – guckte Mai Friedlein aus dem Tor des Reutterschlosses sehr bestürzt in das Gewimmel. Schon wieder so viel Schnee, und sie hatte keinen Schirm. Schon wieder so viel Nässe, und sie hatte ihren guten Hut auf.
Da kam es von rechts und von links.
Sie wußte gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, und war von dem Übermaß unerwarteter Ritterlichkeit förmlich entzückt. Das war hier doch sonst nicht Sitte! Sicher hatte Dreher Bartelmes beobachtet, sein Vorhaben erraten und kam nun von der anderen Seite gleichfalls mit seinem Schirm und einem galanten Spruch.
Sie warf den Kopf zurück und sah noch viel schöner als gewöhnlich aus.
»Wie soll ich mich da entscheiden?« sagte sie lachend, »am besten ist es wohl, ich nehme einen Schirm, und die Herren gehen zusammen unter dem anderen.«
»Ihr Hut muß sehr geschützt werden,« meinte Dreher, der im Herzen wieder erwog, wieviel solch ein Hut kostete. Er hätte den Vorstoß nicht gewagt, sondern hätte sie seelenruhig im Schnee gehen lassen und wäre höchstens zärtlich hinterhergestapft – wenn er nicht noch rechtzeitig den anderen gewahrt hätte. Nein, dem gönnte er sie nicht! Dem Bartelmes nicht!
Sie hatte einen Schirm angenommen, und zwar, vielleicht zufällig, den des Doktors.
Nun liefen die beiden Herren neben ihr her, einer rechts, einer links.
Jeder im Schnee.
Mai beobachtete das mit großer Schärfe und fand, daß die breiten Flocken dem Doktor besser standen, als Dreher, dem sie lächerlich an der Nase vorbeitrudelten. Auf Bartelmes blieb der Schnee förmlich zärtlich liegen und zerfloß dann schnell, wie von einer ungeheuren Wärme aufgezehrt.
Wenn man nur wüßte, was für Gedanken er hatte!
Sie mahnte sich selber: Vorsicht! Vorsicht!
Die Erinnerung an den Assessor kam wieder.
Noch immer war kein sicherer Bewerber aufgetaucht. Die Mutter war noch nicht wieder in die Stadt gekommen.
Dreher redete wenig, horchte aber aufmerksam auf den anderen. Der erzählte vom Theater (das für Mai auch keine ganz angenehme Erinnerung war) und vom Rodeln, das er für seine flotten Schülerinnen eingeführt hatte. Ein Wall im Stadtpark war dafür hergerichtet worden.
Er hatte auch Winterwanderungen aufgebracht.
Nun bot Bartelmes sich Mai zum Führer an: »Wenn Sie einmal den Versuch machen wollen, so bin ich gern bereit, Sie zu unterstützen.«
Sie merkte, was für ein Gesicht Dreher zog, und bedachte sich.
»Ich werde es mir überlegen.«
»Zu unserm Rodeln müssen Sie aber kommen,« redete Bartelmes zu. »Heute nachmittag sind wir im Stadtpark, meine Mädel und ich.«
Der Stadtpark verursachte ihr auch keine angenehmen Erinnerungen.
»Kommen Sie doch, Fräulein Friedlein,« bettelte er.
Sie besann sich rasch. Wenn sie recht spät kam, war das Rodeln beendet, und dann hatte sie noch den Heimweg mit dem Doktor. Sie konnten sich einmal sprechen. Wann war das sonst möglich? Im Reutterschloß war man doch umspäht und beobachtet. Er war doch schließlich – – vielleicht – zu rechnen. Der langweilige Dreher entschloß sich doch nie.
Sie blieb stehen, denn sie war am Stieglitzberg. Eben wollte sie zusagend antworten, in Gegenwart Drehers antworten, und sie wußte, was das für den bedeutet hätte. Denn der haßte das Rodeln, erstens, weil man sich dabei erkälten konnte, und dann, weil es unnötige Anstrengung war.
Da sah sie in Bartelmes Augen.
Mai Friedlein war mit der Zeit klug geworden. Sie hatte ihre Erfahrungen und eine gewisse sehr feine, treffsichere Männerpsychologie.
Lächelnd und sehr unbefangen sagte sie: »Nein, Herr Doktor, es tut mir sehr leid – ich rodle, offengestanden, nicht sehr gern. Sie verzeihen also, wenn ich – fehle.«
Und damit gab sie dem alten Junggesellen, dem Dreher, die Hand. Instinktiv sehr fest. Und er antwortete mit einem Druck, der ein Kompliment war, eine große Anerkennung. Eine Sorge war von ihm genommen.
Sie war doch nicht zu – schön.
Die Herren sprachen nicht viel untereinander, als sie zu Tisch gingen.
* * *
Ludwig brachte Christiane ein Buch, von dem sie gesprochen hatten, und fragte, ob sie zum Abend zu ihnen kommen könnte. Es sei aber niemand weiter da.
»Heute abend geht es nicht,« antwortete sie, das Buch leicht in der Hand drehend, »heute fahre ich nach der Oper. Götterdämmerung.«
»Siegfrieds Tod,« sagte er mit leichter Ironie, die sie nicht verstand.
»Ja, Ludwig, es ist mir hier manchmal zu eng,« sprach sie, aufstehend und ein paar unruhige Schritte durchs Zimmer machend, »ich muß etwas anderes haben, wenigstens einen Ton von Ungewöhnlichkeit. Es ist ja nur kurz,« fügte sie hinzu, »sieh, so musikalisch bin ich nicht, daß ich Wagner vollkommen verstünde. Ich habe nur gelernt, ihn zu verstehen. Das ist nicht viel. Im Anfang werde ich kalt sein. Ich werde die Pappen und die Leinwand der Dekorationen am deutlichsten sehen und die koketten Arme der Sängerinnen. Dann werde ich anfangen zu hören und für eine Weile im Strudel untertauchen. Aber wenn es aus ist, Ludwig, dann ist es auch für mich aus,« setzte sie traurig hinzu, »ich nehme nichts mit. Keinen Rausch, keinen Traum, keine Erhebung. Davon bin ich ausgeschlossen.«
»Aber warum suchst du dir nicht eine Sprache aus, die du ganz verstehst?« fragte er.
»Ich sage dir ja, ich suche das Ungewöhnliche,« antwortete sie.
Er sah sie schärfer an.
»Christiane, ist es dir zu – schwer?« fragte er halblaut, »dann – wirf's doch hin. Wirf die Sache hin. Such dir Größeres. Sieh, ich sprach damals nicht dagegen, als du kommen solltest, weil ich« – er stockte eine Sekunde – »weil ich dich wieder nahe haben wollte. Weil ich dachte, wir könnten uns auch so etwas sein. Du mir und ich – dir.«
»Was können wir uns sein, wenn unser Feuer so hinter dem Berge brennt,« erwiderte sie leise.
Er schrak zusammen.
»Dafür brennt aber kein anderes, näheres,« sagte er langsam, in sich versunken.
Sie schwiegen beide.
Als er aufschaute, kam ihm ihr Gesicht wieder verwandelt vor.
Sie blickte in ihren Garten hinaus. Der war voll Schnee. Aber viele Spuren führten bis zu dem blauen Griechenbild.
»Komm morgen zu uns,« sagte er, »komm jeden Tag. Wenn du kannst,« fügte er halblaut hinzu.
»Ich dachte, damals sei das Schwerste für mich,« sprach sie langsam, »damals am Morgen auf der Bahn. Weißt du – als du die Türe hinter mir schlossest. Aber jetzt – ich bin doch schon so weit – aber jetzt –« sie fuhr plötzlich zusammen. »Ludwig, was sage ich dir,« rief sie, »was fällt mir ein? An solche Dinge dürfen wir nicht rühren.«
Sie sah wieder nach ihrem Garten.
»Solche Spuren sind ganz fein, und mehr darf nicht sein. Sei ruhig, Ludwig, ich will dir keine neue Last aufladen. Ich möchte nur, daß du – fortgingst. Das quält mich mit, daß ich dich hier weiß und daß du so –«
Er sah sie an.
»Sprich nicht weiter,« bat er.
Sie schauten sich an.
»Bitte, komm morgen,« sagte er dann, »komm, Christiane.«
Er ging. – – – –
Christiane fuhr in die ›Götterdämmerung‹. Unterwegs, während der kurzen Eisenbahnfahrt, sah sie erst, wieviel Schnee in der Welt war. Schnee um Schnee.
Aber in der großen Stadt war er weg, oder wenigstens unkenntlich. In der Vorhalle des Opernhauses mußte sie plötzlich an den Wald denken, und jetzt wußte sie: ich werde ihn gleich sehen. Oder etwas Ähnliches.
Und es kam so, wie sie gesagt hatte: erst saß sie fremd, ja, sie lächelte sogar flüchtig, dann aber warf sie ihre Seele in die Musik hinein, sehr spät, denn die anderen, die ihre Gläser vor die Augen und die Textbücher auf dem Schoß hielten, hatten das vermutlich längst getan.
Der Gesang der Rheintöchter berührte sie besonders. Dieses Klingen, dachte sie. Meine Stimme hat in meinem ganzen Leben nicht so geklungen. Wie das perlt.
Ich kann mir denken, daß Frauen, die so singen können, ein ganz anderes Leben führen, als eine – Schulmeisterin.
Nachher dachte sie an Doktor Bartelmes Schwester. Eine Tochter aus gutem Hause – nein, so ganz gut war es wohl nicht. Sie hatte es von Ludwig gehört. Ein wenig Schmutz war ihr wohl schon in der Seele angehangen, als sie auf die Bretter kam, und ihre Seele war jedenfalls ebenso bereit für den Schmutz wie für die Kunst.
In Christiane wehrte es sich auf einmal gegen alle heuchlerische Bühnenkunst, und sie sehnte sich nach der reinen Kunst der Bücher und der Bilder.
Wenn ich dergleichen getan hätte, dachte sie.
Das ist auch ein Lebenpacken, vielleicht sogar ein – Sichanwenden.
Dann reckte sie sich.
Dazu hätte ich nie gepaßt. Ich, eine Dorreyter – nein. Nie. Zum Reiten über die Heide hätte ich gepaßt. Zu Ludwig. Zu keinem anderen, als zu Ludwig und zu seinem Werk.
Aber wenn ich diesen Stempel nicht empfangen hätte – wäre ich dann nicht vielleicht – – nein, was denke ich, keiner wird anders, als er ist. Ich bin die Urenkelin der Frau von Rhane und habe heißes Blut. Aber – hochmütiges. Sehr hochmütiges.
Zu Ludwig hätte ich gepaßt. Aber Sünde hätten wir nicht tun können. Er nicht und ich nicht.
Dazu ist unser Blut zu stolz. Wir lassen unser Feuer hinter dem Berge niederbrennen.
Ja, niederbrennen.
Ich bin aufgeregt, dachte sie, als sie aus dem Theater kam und nach dem Bahnhof fuhr.
Es war der letzte Nachtzug nach Markburg.
Und morgen früh – – was war mit ihr? Sie war ja ganz aus dem Geleise – –? Hastig stieg sie ein und lehnte sich zurück. Allein sein, allein fahren, fahren, irgendwohin.
In ihrem Blut bebte der schwere Rausch der Musik. –
Sie stutzte. Da sah sie einen: Bartelmes. Und er erkannte sie im selben Augenblick. Nach einem kurzen Zaudern sprang er zu ihr in den Wagen und begrüßte sie.
»Waren Sie auch in der Oper?« fragte sie unwillkürlich.
»Ja, ja,« sagte er. »Ging aber vor Schluß weg und war noch mit Freunden zusammen. Literatur.« Er lachte vor sich hin, und auf einmal dachte sie wieder an seine Schwester.
»Ich möchte Ihr Fräulein Schwester wohl einmal sehen,« sagte sie.
Er fuhr vor. »Meine Schwester?«
Dabei sah er sie an. Das Licht im Abteil war blau gedämpft, ganz genau konnten sie einander nicht erkennen. Aus dem Nebencoupé tönten lebhafte Stimmen. Da fuhren auch welche aus der Oper nach Markburg oder in ein anderes Nest.
»Ach, meine Schwester,« sagte er. »Ich versichere Sie, die braucht keine Hilfe und keinen Rat. Sie sollten Sie sehen: klein ist sie nur, aber ein stahlfestes, geschmeidiges Tierchen und – ach, ich glaube, ich habe wohl ein Bild von ihr da.« Er griff seine Brieftasche heraus und suchte zwischen anderen Photographieen.
Jetzt hielt er ihr eine hin und riß am Lampenschleier.
»Hier, bitte, gnäd – – Fräulein Doktor –«
Hatte er ganz vergessen, wer sie war?
Jetzt war nur das kleine Bild zwischen ihnen.
Ein keckes Persönchen. Sie wußte sofort, es war so, wie sie gedacht hatte: an der war nichts Reines und Bewahrtes, die war durch alle Feuer gegangen.
»Aber nun –« er steckte das Bildchen ein – »darf ich erfahren, wie Ihnen der Siegfried gefallen hat –?«
»Ein dicker Sänger,« sagte sie.
Er fuhr zurück.
»Erbarm sich – – Pardon, gnädiges Fräulein – Sie scheinen überhaupt keine Musikkennerin zu sein und auch wohl keine Bühnenillusion gelten zu lassen?«
»Musik verstehe ich nicht,« sagte sie, »und die Bühne – mir scheint es nicht, daß das Kunst ist – – Kunst ist meiner Ansicht nach – vornehmer. Kunst war es, als es wurde.«
»Vornehm, ja, vornehm,« höhnte er. Es versank fast im Rattern des Zuges.
»Ja, allerdings. In den Klöstern gab es auch nur das Buch und die Musik, die den frommen Frauen die Zeit vertrieben. Aber eine andere Musik. Ach, kleine Spiele gab es auch, fromme Spiele.«
Er lachte. Irgend etwas an ihm schien verwandelt, und in ihr begann es heimlich gierig zu spähen: kam sie jetzt auf den eigentlichen Kern des Doktor Bartelmes?
»Ich dachte, Sie kämen vom Siegfried anders zurück,« sagte er nun, und sie zuckte: »Wußten Sie denn –? Daß ich –«
»Ach, ich glaube, ich war in der Telephonzelle, als die Hausmeisterin Ihr Billett bestellte,« sagte er gleichmütig. Jetzt war er wieder korrekter. »Ich bin aber oft hier,« setzte er noch hinzu.
Sie saß regungslos.
Das hieß ja fast, es könnte auch möglich gewesen sein, daß er um ihretwillen hierhergefahren wäre! Sie hätte fast gelacht. Und zugleich schraubte sich ihr ganzer Hochmut herauf: wer war er denn? Was erlaubte sich dieser Mann?
Er hatte wohl gemerkt, was in ihr vorging. Seine Stimme veränderte sich vollkommen. Kühl holte er ein Schulthema heran, ein extra langweiliges.
Sie hörte kaum zu. Ihre Blicke hingen sich mechanisch an die schwarzspiegelnden Scheiben – da merkte sie, daß er auch dahin guckte. Er suchte ihr Bild heimlich aufzufangen.
Und plötzlich kam über sie, was noch keine Gestalt angenommen hatte, aber schon dagewesen war. Sie dachte wieder an ihren weißen Garten, durch den er gegangen war. Irgend etwas in ihr neigte sich ihm zu: sie waren einander im Geistigen wohl ebenbürtiger, als er dachte, und wenn ein Feuer sein sollte, so konnte es diesseits brennen, offen, ganz offen – – –
Ludwig!
An wie vielen war sie in den Jahren schon vorbeigegangen!
Und jetzt sollte es so kommen?
Hier vor seinen Augen?
Eine Stimme sagte ihr: früher hattest du noch Hoffnungen und mehr Idealismus. Früher war Ludwig noch groß vor dir, und etwas in dir fand keinen Größeren.
Jetzt ist deine Seele in einem atemlosen Harren über ihn hinausgeflackert.
Hier ist einer, der dich zwar noch nicht kennt, aber doch über dich nachdenkt, der Macht über dich gewinnen will. Nicht einer der Gleichgültigen und Dutzendleute – nein, eine Basis wäre wohl da, auf der ihr euch treffen könntet – er würde dir geben, was du verlangst – – und du ihm, was er – braucht – – –
Sie zuckte.
Was war das?
Wie verirrte sie sich in solche tollen Dinge?
Morgen, ach morgen – – –
Sie strich über die Scheiben, die nun angelaufen waren, und brachte den Kopf ganz nahe. Auf einmal sah sie die vorbeistreifenden Schneefelder, und plötzlich überkam sie eine ganz lichte Empfindung, als glitten weiße Büsche an den Rainen entlang, als seien blütenhelle Bäumchen da, als sei ein ganz zarter, heimlicher Frühling draußen. Eine Frühlingsnacht.
Und sie dachte: Wieviel hast du versäumt. Mit Büchern und mit fremden Leuten. Mit Tränen hast du es versäumt. Mit Sehnsucht. Nach einem fernen großen Jugendfeuer hast du hingestarrt und dabei jeden deiner neuen Frühlingstage übersehen.
Und bald kommt der Herbst. Dann wird dir die Rechnung präsentiert. Dann – was dann kommt, ist bitterer als Sehnsucht, ist die ganze Qual des Unerlebten, ist die Erkenntnis, daß du leben konntest und hast es nicht getan. Und hast es nicht getan.
Sie saß regungslos.
Und drüben saß der Mann.
Sie sprachen nicht mehr.
Er begleitete sie auch nicht nach ihrem Hause, denn Christiane winkte sich rasch eine Droschke heran und fuhr dem Reutterschloß zu.
* * *
Am anderen Abend kam sie zu Cöldts.
Sie blieb erst eine Sekunde vor dem Hause stehen und besah es sonderbar genau, und als sie nachher Ludwig gegenüberstand, schaute sie ihm auch sonderbar ins Auge.
Er kam an dem Abend zeitiger aus seinem Zimmer als sonst. Immer, wenn Christiane da war, tat er es, aber heute war es noch zeitiger. Und dann bat er sie, sie solle zu seinen Büchern kommen.
Hardi folgte und beobachtete Hanni, die ein Schulbuch vor hatte. Sie schaute auch zu Christiane, die mit Ludwig zusammen Neuausgaben alter Bücher besah.
Und es überkam sie auf einmal: was tue ich denn hier? Wer bin ich denn hier? Was für ein Recht habe ich hier –?
Sie fühlte wieder den Schnee draußen.
Christiane aber sah, Ludwigs Auge vermeidend, die Neudrucke an und dachte: Ja, es sind Kostbarkeiten, für ihn wenigstens. Stille Kostbarkeiten, wie er sie so gern hat, wie er sie an sich genommen hat, statt seines Werkes, statt seiner eigenen Ideen, statt jeder Tat, zusammen mit meiner Liebe.
Alles stille Kostbarkeiten.
Aber später? Wie werden wir das später ansehen?
Ludwig, man bleibt nicht zusammen, wenn man sich immer ferne ist. Eine Lücke bleibt – es bricht. Ludwig, zwischen uns ist eine Lücke, und wir spüren sie jetzt – beide.
Beide spüren wir sie jetzt.
Ich habe ja keine anderen Erinnerungen, als an die Ritte über die Ebene und an die Stunde, in der du die Tür leise hinter mir schlossest.
Soll ich hinter der Tür stehen bleiben?
Frau von Cöldt merkte, wie wenig geredet wurde. Die beiden sahen aufmerksam auf die Bücher und kaum auf einander.
Eine Stille zog durch den Raum und wurde schwer.
Es war gut, daß unvermutet noch jemand kam: eine der Vereinsdamen. Sie wollte einiges mit Hardi besprechen und tat es auch, und dann ging sie mit Christiane zusammen fort. Andere Begleitung war nicht nötig.
Sie wohnten nicht weit voneinander.
Hardi Cöldt sah ihren Mann nachher flüchtig an.
Irgend ein Triumph schwoll in ihr, ein ungewisser roher Hohn, vor dem sie selbst erschrak.
Sie sagte nichts.
* * *
Das Jubiläum der Reutterschule rückte näher.
Fünfzig Jahre war es her, seit Fräulein Sophie Reutter sich in ihrem Hause aufgehängt hatte. Von dem Tage datierte die neue Zeit, wie die Blätter schrieben. Natürlich erwähnten sie den Selbstmord der alten Dame nicht, sondern priesen nur ihren sozialen Weitblick, der der Regierung die Mittel zur Entwicklung der Anstalt an die Hand gegeben hatte.
Die Haberkorn gab ihr Jubiläumsbuch heraus. Wochenlang hatten ihr die Kanarienvögel bei den Korrekturen helfen müssen. Jetzt lag es beim Buchhändler in der Rädelgasse im Schaufenster, gleich neben den Schriften des Doktor Bartelmes.
Und der hatte auch darin abgefärbt. Wenn man genau zusah, so kehrten seine Wendungen wieder, und seine Schlager waren unbewußt angenommene Geleitsworte geworden. Das System Bartelmes feierte hier einen Triumph.
Es kamen viele Gästeanmeldungen. Christiane staunte, wie weit die Provinzschule ihre Zöglinge ausgeworfen hatte. Die meisten hatten Mann und Kinder, waren Regierungsrätinnen und Professorsfrauen, Offiziersgattinnen und große Damen. Einige wenige hatten sich selber Brot schaffen müssen, das waren Lehrerinnen. Alle waren der Zucht und Pflege des Reuttersschlosses entsprechend geraten – die Ungeratenen meldeten sich erst nicht.
Am Vormittag des Festtages fand der offizielle Aktus statt, für den Abend aber waren künstlerische Aufführungen der Schülerinnen geplant, über denen Doktor Bartelmes wachte.
Christiane zog sich von diesen Vorbereitungen zurück, der Doktor hatte sie darum gebeten, es sollte eine Überraschung für sie sein.
Lange vor Ostern wurde schon geprobt. Die Gedanken der Kinder waren von nichts anderem mehr erfüllt, und den Auserwählten, den schönsten Mädchen, wurde von den anderen neidisch nachgeguckt.
Christiane verlor ihre stillen Nachmittage und Abende, an denen keiner in dem Hause war, als sie und die alte Hausmeisterin und etwa der Geist des aufgehängten Fräuleins – wenn der Lust dazu hatte. Sie atmete nicht mehr die schwere, herrschaftliche Ruhe, die noch von der Besitzerin her stammte, gleichsam aus der Sekunde, in der sie ihren letzten Atemzug getan hatte, diese Ruhe, die alles wegstrich, was gerauscht und gerüttelt hatte.
Vom frühen Nachmittag an gingen Türen, wanderten Mädchenschritte, erscholl Mädchenlachen, ertönte das Klavier. Mai Friedlein hatte Seele für das, was sie zu spielen hatte. Es begann mit Mozarts zartem Frühlingslied: ›Ein Veilchen auf der Wiese stand –‹ und kettete einen leichten Rhythmus an den anderen.
Es war dann, als ob lichte Wolken zogen, der Rasen grünte, und die Amseln schrieen.
Und es kam so: während man so sang und spielte und probte, zerfiel der Schnee, und es wurde viel schneller Frühling, als man es nach diesem sibirischen Winter erwartet hatte. Viel schneller zog es blau hinter den Bäumen auf, liefen die Wasser ab und pfiffen die Amseln vom Giebel des Griechentempels.
Und dann kam der Tag.
Morgens, beim Ankleiden, dachte Christiane: ich kann begreifen, daß Sophie Reutter an einem solchen Tage Schluß machte. Der treibt ja dazu. Der Frühling hat tausend Fäuste gegen den, der ihm widerstrebt. Seinen ungeheuren blauen Schild deckt er über alles, was nicht mit ihm leben kann.
Wie das funkelt.
Herein in den Saal oder – heraus!
Sie erschauerte: was denke ich?
Der Garten war ganz trocken, ganz grün, voller Sonne. Die Linden waren noch hochmütig kahl, aber lebendig waren sie auch. Alles, alles war lebendig.
Das Griechenbild verschwand fast dahinter.
Christiane dachte: mit einem Siebenmeilensprung bin ich über die Felder des Lebens hinweggekommen, auf denen die Frauen am längsten und zärtlichsten stehen und auf denen sie ihre Blumen pflücken. Weit, weit unter mir hat es unsicher geleuchtet. Ich dachte nicht daran. Ich durfte nicht.
Ist jetzt ein Wind gekommen, der mich – zurückträgt?
Auf einmal fiel ihr ein, daß sie am Abend auch Ludwig sehen würde. Gewiß würde er kommen. Aber mit Hardi. Sie lachte vor sich hin. Mit Hardi! Mit seiner Frau!
Draußen auf den Gängen trappelte es schon – Herrgott, sie kamen! In dem Augenblick empfand sie jäh, wie eisig einsam sie in tiefster Seele doch war.
Nun vollzog sich die offizielle Jubiläumsfeier unter der Teilnahme des Präsidenten und vieler Stadtspitzen. Orden wurden allerdings nicht verteilt. Der einzige, der dafür reif gewesen wäre, Professor Diermann, war nicht mehr da.
Christiane mußte auch wieder reden.
Ein bißchen verborgener Spott über die ganze Kleinstädterei, über das gesamte menschliche Narrenspiel war in ihr. Sie sprach anders, als sonst, leichter, gleichgültiger. Verschiedene Gesichter hoben sich und staunten zu ihr herauf, die Jong, der Zeichenlehrer, sogar der Präsident.
Komödie, Komödie, dachte sie.
Auf der anderen Seite fuhr Lächeln über ironische Mienen.
Sie merkte es nicht.
Draußen vor den Fenstern glitten Wolken wie weiße Vögel. Siegfrieds Tod stand wieder vor ihr auf, der ganze schwere, tönende, verlangende Rausch der Musik.
Jetzt sangen sie. Sie erschrak.
›Der dich mit Adlersflügeln – – –‹
Bestürzt blickte sie in Doktor Bartelmes Augen. –
Am Abend war das Fest. Blumen durchzogen das ganze Haus, lauter Frühlingsblumen.
Christiane kam in die Menge herein, wie ein Gast.
Ludwig, den sie traf, befragte sie, wer alles geleitet hätte. Sie war schon eine Zeitlang nicht mehr bei Cöldts gewesen.
»Ja, Bartelmes,« sagte sie, über ihn wegschauend. Ihre Augen flimmerten.
Er trat zurück.
Dann merkte sie, daß auch wohl die Haberkorn an der Sache beteiligt war. Sie lief wenigstens aufgeregt hin und her und flüsterte da und dort einem Mädchen etwas zu, erklärte diesem oder jenem etwas. Der Zeichenlehrer zeigte irgendwelche Skizzen herum. Mai probierte das Instrument, wobei die Jong gleichmütig wissend zusah, und die Kanarienvögel nahmen alles ringsum mit wissenschaftlicher Neugier auf, obgleich nicht zu erwarten war, daß man in ihren künftigen Wirkungskreisen auf dem oder jenem Dorfe gleich etwas der Art von ihnen erwarten würde. Immerhin hatten sie auch ein kleines, verborgenes Gelächter über Bartelmes, dem sie den Spitznamen ›die schwere Zigarre‹ gegeben hatten, denn an eine solche erinnerte er sie. Er war lang, dunkel, steif und doch gut anzubrennen.
Die Wehrendorf kam in ihrem schwarzen Kleidchen still herein und winkte sich ein paar Kinder heran, eins davon war bucklig.
Bartelmes trat zu Christiane heran.
»Jetzt dürfen wir beginnen, nicht wahr?«
Das Klavier schlug an, und nun kamen sie.
Wie ein Frühlingszug glitt es heran, nichts von Drill und Tanzstunde, von frühreifer Koketterie, in keinem Auge etwas Dreistes, überall Mädchenschritte, Mädchenblicke, zarte Hingabe – – ›Ein Veilchen auf der Wiese stand –‹
Gewiß waren die Kleider raffiniert ausgesucht, die Kränze geschickt aufgesetzt, gewiß war alles genau überlegt und herausgespielt, und doch schien es, als hätte er die Kindesseele ganz rein heraufgeholt, als hätte er diese Herzen zu feiner Kunst geöffnet.
So lieblich hatte Christiane diese Mädchen noch nie gesehen. So schön noch nicht. –
In ihr schrie es. Der Neid kam auf. Die glühende Sehnsucht nach dieser Jugend und diesem Sein.
Und auf einmal überkam sie eine Erinnerung: ein wenig ähnlich war der Plan doch gewesen, den Diermann und die Haberkorn damals aufgesetzt hatten, als sie glaubten, daß ihr Interregnum noch fortdauern könnte. Nur künstlerischer war er gestaltet. Deshalb war die Oberlehrerin so eifrig dabei, deshalb waren fast alle so voller Feuer und Flamme gewesen – etwas Altes von ihnen, ihr eigener Wille hatte sich da durchgedrückt.
Und es war schön – schön – – –
Bartelmes konnte viel. Er war ein Künstler.
Auf einmal fiel ihr Sophie Reutter wieder ein. So viel auch ihrer Wohltätigkeit gedacht worden war – ihr dunkles Bild war nicht aufgerufen worden.
Sollte sie es jetzt tun?
Irgend etwas trieb Christiane plötzlich an, diesen Kindern in ihrem werdenden Frauenglanz auch den Frauensturz, das ernste Schicksal zu zeigen!
Eine Jugend lebte von ihr, Jugenden hatten schon von ihr gelebt, aber ihr wirkliches Los und Leiden kümmerte keinen.
Sie wollte vortreten, Schweres auf den Lippen – da kam Bartelmes auf sie zu.
»Fräulein Doktor – – Verzeihung –.« Er war gar nicht Erzieher, sondern nur ein triumphierender Mann. Er sah zu den Mädchen und sah zu ihr. »Wie dunkel sehen Sie aus, Fräulein Doktor.« Seine Worte waren Kompliment, seine Augen glänzten.
Es überstrich sie.
»Ich wollte sprechen,« sagte sie.
»Wovon?«
»Von der Frau, die hinter uns steht. Von der – Gescheiterten.«
Er verzog den Mund.
»Ist denn heute ein Tag für Gespenster? Heute? Heute? Verzeihung, aber – – ja, gewiß – –« Er trat zurück, sein Ton war kühl. »Wenn Sie glauben –«
»Nein, nein, ich will doch lieber nicht.« Sie hatte sich besonnen. Heut war ein Frühlingstag gewesen, und für alle Jugend hier im Saal würde es doch Frühling bleiben, trotz allem, was etwa gesagt wurde. Darin läßt keine Seele sich etwas aufreden.
»Nein, ich will nicht,« sagte sie.
In seinen Augen flimmerte es noch immer.
»Der Abend sollte ein ganz helles Geschenk für Sie sein,« sprach er leise, fast ein wenig heiser.
Er blieb neben ihr stehen.
Die Gäste drangen auf sie ein. Alle ehemaligen Schülerinnen, die Professorsfrauen und Offiziersgattinnen. Alle sprachen sie vom verstorbenen lieben Herrn Direktor und von Diermann.
Bartelmes war für sie jetzt der Herrscher. Er hatte ja alles geleitet. Er antwortete allen. Christiane schwieg betäubt.
Sie wußte, daß sie ihm heute die Herrschaft übergeben hatte. – –
Mai Friedlein hatte sich trotz ihrer Mitwirkung und manch heimlicher Komplimente, die ihr vom Doktor zugekommen waren, doch geschickt von ihm zurückgehalten. Sie war mit ihren Plänen so gut fertig, daß es nur noch fehlte, daß sie gelangen. Sie spielte nicht mehr auf das Wunder hinaus. Ihr Wurf war viel kürzer geworden.
Ja, sie war schön. Wie schön, das wußte sie nur allein.
Aber wenn einer nach ihr gegriffen hatte, so fand es sich immer, daß er schmutzige Hände hatte oder nichts in den Taschen.
Nun war einer mit sauberen Händen da. Aber er war ein bißchen gewöhnlich und hatte schlechte Manieren. Ihr Herz zog sich vor ihm bitter zusammen, aber es blieb ihr kein anderer Weg, als der zu ihm, und es gehörte noch viel Klugheit dazu.
Auch sie empfand die Schönheit der Mädchen. Die der Werdenden. Die über sie hinwegwuchsen.
Wenn sie an dem Abend noch nicht an ihr Ziel kam, so war es, weil ihr helles Kleid Dreher Bedenken machte. So etwas kostete viel Geld.
Die Jong kam zur Wehrendorf.
»Dörfchen,« sagte sie.
Ada hielt ihren Kopf gesenkt.
Mühsam hatte sie ihr Schiff ein halbes Jahr gesteuert. Ostern hatte sie einen Teil der Fracht abgeben können, aber grade die guten, strebsamen Kinder. Die anderen waren geblieben. Auch die kleine Cöldt.
Nun wiegelte die in ihrer lautlos höhnischen Art die anderen auf, und es waren weniger gute darunter, als vorher. Es war diesmal kein besonderer Jahrgang. Und Adas Nerven waren sehr herunter. Sie schlief kaum mehr vor Husten. Mit dem Essen mußte sie auch furchtbar sparen.
Sie äße außerhalb, sagte sie Frau Dorreyter manchmal. Immer konnte sie doch nicht auf deren Kosten leben.
Die Jong schien etwas gemerkt zu haben und ließ sie an heimatlichen Kisten teilnehmen. Mehlmännchen brachte ihr Marmelade und Knusperchen.
Aber trotzdem – – –
»Hören Sie mal, Dörfchen, wenn Sie nicht mehr können, dann ruhen Sie sich lieber aus,« sagte die Jong.
»Wo denn?«
Die Wehrendorf schaute den Kindern zu. Ihre Augen strahlten selbstvergessen.
»Ich will Ihnen mal was sagen. Mein Bruder ist Pastor in der Lausitz. Ältere Leute schon, haben weder Kind noch Kegel. Die brauchen jemand für sich. Wenn Sie dahin gingen – schlecht würden Sie es nicht haben. Da könnten Sie sich ausruhen, meine ich.«
Die Wehrendorf gab keine Antwort. – –
Ludwig sah sein Kind an, das eben vor ihm stand. Es trug auch das helle Tanzkleid und den Kranz im Haar. Und doch wirkte es nicht elfenhaft wie die anderen, sondern eher wie ein Waldschrat.
Hardi war schon müde. Das grade Dasitzen konnte sie nicht gut aushalten. Und nun war es doch wohl endlich aus.
Sie befragte Frau Landesrat Colb deswegen. Die Damen rückten zusammen und flüsterten wieder vom Verein. Sie wollten einen Frühlingsbasar halten.
»Das könnte aber erst sein, wenn ich zurückkomme,« sagte Hardi, »ich wäre doch gern dabei. Und dann bin ich auch frisch.«
»Ach ja, gnädige Frau gehen ja nach Bad Wiesental – so bald schon – wie hübsch.«
»Der Arzt hat es geraten. Im vorigen Jahr war ich um diese Zeit auch da. Es war nett. Nur ein paar Familien und die schöne Gegend –«
»Ihr Herr Gemahl geht auch mit?«
»Er bringt mich nur hin. Nein, er hat ja keinen Urlaub. Und das Kind muß doch auch in die Schule. Das Fräulein ist ja so zuverlässig –«
»Wie reizend,« sagte Frau Colb. »Da besuche ich Sie einmal, und wir können dann wegen des Basars überlegen. Zu spät dürfte es nicht werden, denn –«
»Dann ist es nicht mehr Frühling.« Hardi lachte sonderbar. »Ja, sicher, sicher –«
Sie spähte nach Christiane aus. Neben der stand noch immer der große dunkle Mensch.
Wie hatten die Herren vor ihnen vorhin gesagt?
»Der hat jetzt die Macht im Reutterschloß. Sie hat – umgesattelt.«
Ludwig hatte es doch auch gehört.
Sie faßte ihn am Arm.
»Komm, wir gehen.«
Sie gingen Arm in Arm aus dem Saale.
Keiner sprach.
* * *
Nun kam schon Bad Wiesental hinter den Bäumen herauf. Kein großes Bad, aber sehr lieblich. Es gab Eisenquellen dort. Hardi war voriges Jahr sehr frisch wiedergekommen.
Bäume, Büsche, Gärten, Wiesenflächen – wie schön war alles. Ganz hell alle Bäume und Sträucher, mit Blättchen fast nur erst wie befiedert – aber viel Blüten. Lauter Blüten, weiße und rosige und da und dort auch gelbgoldene, strähnig hängend. Ein wahrhaftiges Märchen.
Hardi dachte daran.
Sie hatte nicht viel Süßes im Leben gehabt. Aber sie hatte es auch nicht gebraucht. Sie war ihrer Mutter Tochter.
Es hatte wohl noch mancher ihren Weg gekreuzt, besonders dort oben in der Ostmark. Wenn sie unverheiratet gewesen wäre, noch die arme Dorreyter – dann hätte sich keiner dieser Herren um sie gekümmert. Aber so neigten sie sich ihr verhohlen spähend zu. Sie spürten ein Unglück an ihr und suchten sie auf ihre Art zu trösten. Noch jetzt blitzte dann und wann auf ihrem Wege ein solcher Glühfunken auf.
Sie kümmerte sich nicht darum.
Sie hätte zu Hause bleiben und ein altes Fräulein werden müssen; sie hätte nichts vermißt.
Aber sie war's nicht geworden.
Jetzt hatten sie das Dorf erreicht. Die Häuser waren sanft an den Berg gelehnt, der sie schützte. Gärten kränzten sich um sie. Einige schlichen den Berg hinauf, so weit sie konnten. Ganz oben auf dem Gipfel waren Kirschenplantagen, die standen wie weißes Gewölk.
Weiber liefen vorbei, schon barfüßig, schmunzelten hinauf und sprachen von guter Ernte.
Wie konnte man an Ernte denken, an dicke, rote Kirschen, wenn das zarte Gewölk da oben stand?
Mit einem leisen Gelächter sagte Hardi es ihrem Mann.
Der horchte verwundert hin, denn dergleichen war er an ihr nicht gewohnt. Auch hatte sie während der Fahrt kein Wort geredet.
Er dachte sich nichts bei dem Frühlingstag. Er erfüllte nur seine Pflicht, wenn er seine leidende Frau hierher brachte, wo sie gut aufgehoben war und sich fern von ihm vorzüglich erholte.
Zu Hause lag ein Stoß Akten, an dem wollte er morgen, über Sonntag, arbeiten.
Hardi hielt sich fast ungewohnt straff, und nun kamen sie an das Häuschen, in dem das Quartier wieder bestellt und bereitet war.
Hardi lief in die Zimmer und guckte sich um: vor den vorderen Fenstern standen weißblühende Dornbüsche, förmlich dick und trotzig taten sie im Übermut. Sie wollten blühen. Und vor der Hinterstube blühte, schräg ansteigend, der Berg.
Sie faßte den Mann am Arm.
»Sieh, Ludwig, wie schön –!«
»Du kannst es ja recht genießen,« sagte er.
Sie hatte die rote Gardine etwas zurückgeschoben und sah hinaus. Plötzlich wandte sie sich um und blickte in sein fahles Gesicht.
Und auf einmal kam es wieder über sie: Ich hätte ja längst gehen müssen.
Das war meine Sünde, daß ich nicht gegangen bin.
Was war ich denn bei ihm? Nicht einmal sein Haus habe ich ihm geführt. Nicht einmal sein Kind habe ich ihm erzogen. Mit Spielereien habe ich mich satt gemacht, mit fremder Not ein wenig getändelt, und sein Werk habe ich ihm genommen.
Sünde war alles.
Ich habe es gespürt. Lange, lange schon.
Die Eisdecke unter mir hat schon immer gezittert.
Aber was nun – was nun –?
Das andere Glück kann ich ihm nicht schaffen. Wenn ich sein Haus verließe und mich frei machte, würde ich noch mehr von seiner Laufbahn gefährden, als ich schon gefährdet habe, noch mehr wegreißen und nichts dafür geben. Denn das Feuer, nach dem er noch immer geschaut hat und das ich ihm gleichmütig und spöttisch ließ, ist ja längst für ihn erloschen.
Ich kann ihm nichts geben, wenn ich – gehe.
Es umwirbelte sie. Wie durch einen Schleier sah sie die weißen Bäume auf dem Berg. Wie eine feierliche Prozession stiegen sie höher und höher. Weiß, alles weiß.
Die rote Gardine wehte.
Ludwig schritt noch einmal prüfend durch die beiden Zimmer. Er rief die Wirtin und sprach mit ihr, um sicher zu gehen, daß für Hardi alles gut besorgt werden würde.
Dann kam er zurück, gab ihr die Hand und warf dabei einen Blick auf die alte Bauernuhr an der Wand.
»Ich muß zum Zug, Hardi. Hier scheint alles in Ordnung. Solltest du etwas vermissen, so telephoniere sofort, hörst du? Aber voriges Jahr hat es dir doch so gut gefallen.«
»Ja, es hat mir gut gefallen,« erwiderte sie, ohne den Blick aufzuheben.
»Ludwig,« sagte sie.
Er stutzte flüchtig.
Nun küßte er sie. »Lebwohl, Hardi.«
Sie blieb stehen und horchte seinem Schritt nach, er ging langsam. Sie horchte noch immer: jetzt war er draußen. Der Sand knirschte.
Auf einmal lief sie nach dem Vorderzimmer und spähte aus dem Fenster.
Da war er.
Er wandte sich, glaubte wohl, daß sie noch etwas zu sagen vergessen hatte, und sah ihr fragend ins Auge.
Seine Wimpern zuckten.
»Bleib noch ein wenig,« bat sie mit blassen Lippen.
»Es ist der letzte Zug,« sprach er.
»Bleib,« sagte sie.
* * *
Und nun begann eine seltsame Zeit.
Ludwig Cöldt kehrte wieder an den Anfang zurück.
Er war wieder bei seiner Frau.
Das Ursprüngliche knüpfte sich wieder an, das alte Recht und die alte Liebe. Er fand sich wieder an die Zeit heran, wo er das liebe Mädchen mit den melancholisch schmachtenden Augen auf den Markburger Straßen gesehen hatte und sofort rätselhaft gepackt gewesen war, daß kein Überlegen, kein Bremsen geholfen hatte – er mußte sie haben, keine Bessere, keine Schönere, die nur – die!
Daß sie sich nicht gleich ergab, daß sie auch als Braut immer etwas Scheues, Beklommenes behielt, war ihm ein Reiz mehr gewesen – je mehr Wälle, desto mehr Sieg, je mehr Trutz, desto mehr Süßigkeiten.
Und dann – – –
Da war ein breiter Graben. Aber über den waren sie jetzt hinweg.
Sie vergaßen Markburg mit allem, was daran hing, die Gesellschaft, die um sie war, sein Amt, sogar ihr Kind. Sie durchlebten in diesen zarten Frühlingswochen etwas, was sie noch nie erlebt hatten, so groß war es. Ein sonderbarer Ballast war dabei, aber er machte es noch größer.
Christiane Dorreyter war aus Ludwigs Leben verschwunden. Sie war ihm das Fremde geworden, das unsichere Feuer, die Versuchung. Hier war die Ehrlichkeit, die innerste Verknüpfung, die reinste, beste Verbindung – hier war das Weib und nicht die Verirrung. Hier brannte das schönste Feuer, und drüben war nur ein trüber Hauch – hier war die Ehe und dort die Sünde.
Hardi war schuld an dieser Verirrung, aber sie sühnte jetzt, gab ihm alles, und er verstand sie und sich.
In jeder freien Zeit war er in Wiesental. Er hatte sich ein Pferd angeschafft; fast an jedem Tag konnte man ihn hinüberreiten sehen.
Hardi dachte nicht mehr an ihren Verein, auch nicht an die Mutter, nicht an den Basar, den die Damen veranstalteten. Einmal war eine von ihnen dagewesen, hatte aber nichts ausgerichtet und die gute Cöldt recht sonderbar gefunden.
Wenn Hardi auch nicht zur Leidenschaft fand, nie ein brausendes Wasser wurde, weil die Dinge in ihrer Seele kein Gefäll bekamen, so gab sie sich doch in Ludwig hinein und hatte keinen anderen Gedanken mehr. Es war kein Zu-ihm-finden, keine späte Liebe, aber eine späte Ehe.
Etwas trug sie – sie verstand es nicht ganz – etwas schob sie, das hatte Macht aus jener Wintermorgenstunde, als sie den Schnee über ihr warmes Leben herfallen spürte, Schnee um Schnee. Sie fühlte sich getrieben und dachte nicht zurück, höchstens wie an fremde Länder.
Sie freute sich über sein Glück. Denn er war jung geworden und lachte viel.
* * *
Der Frühling flammte. Sein Schild war noch glühender, sein Ruf noch lauter geworden.
Christiane sah ihren einsamen Garten in Blüte kommen. Sie hatte nicht gedacht, daß der Garten der unglücklichen Sophie Reutter auch blühen konnte. Als sie ihn im Vorjahre fand, hatte ihr nur dunkles Laubwerk entgegengeduftet, steife, ernste Bäume. Jetzt zeigte es sich, daß Kleineres versteckt gewesen war, das sich nun bunt heraustat und alle Feuer spielen ließ: Goldregen und Dornsträucher, Quitten und weißer Flieder. Und gleich neben dem Tempel standen zwei riesige Kastanienbäume, die blühten über und über rot.
Der Garten war kein Klostergarten mehr. Bis in die Nacht hinein duftete er, ja, die ganze Nacht hindurch. Durch die offenen Fenster kamen seine Duftwellen, und von weiter her kamen andere, von den Wiesen, auf denen die freie Blüte stand, vom Walde, in dem die wilden Kirschbäume wie Frühlingsfackeln brannten.
Und der Himmel war stahlblau, und die Abende goldschwer veratmend, sich immer mehr dehnend, kein Ende nehmend. Immer noch Abend, immer noch ein Glühen, immer noch ein Rot hinter dem Walde!
Die Kinder brachten Christiane Sträuße aus ihrer Eltern Gärten. Sie gaben auch der Haberkorn welche, aber nicht mehr, als die Höflichkeit es erforderte, auch der Seifert und der Jong, sogar dem Mehlmännchen, aber am meisten bekam sie der Doktor Bartelmes. Mit Blumen beladen ging er mittags weg, er zeigte sie recht – auch Christiane sah es. Die meisten waren von Betty von Kramer, von der schönen Ersten mit dem ägyptisch geschnittenen Gesicht.
Wenn er einmal gar zu viel hatte, so schenkte er den Damen davon, einmal hatte er der Mehlmann einen großen Busch roter Tulpen verehrt (sie fragte nachher wieder die anderen, ob man nichts dabei ›gefunden‹ hätte?) und der Haberkorn einen Strauß Vergißmeinnicht, den die verdutzt anguckte, wobei wieder das merkwürdige, unbestimmbare Männerlächeln um seinen Mund zuckte.
Einmal kam er mit einem Busch weißer Narzissen auf Christiane zu, in seinen Augen flirrte etwas – sie fuhr hochmütig zurück: wollte er die ihr etwa schenken?
Nein, er zeigte sie ihr nur und sagte: »Sehen Sie, die Mädel bringen mir doch wenigstens nichts Geschmackloses mehr. Sie wissen, alles, was mir nicht gefällt, lasse ich unbarmherzig liegen, und dem will sich doch keine aussetzen! Die sind übrigens von Betty. Die sind schön.«
Ein leiser, aufreizender Hohn schien in seinen Worten mitzuklingen.
Gleich darauf wurde seine Miene wieder schmeichelnder, weicher, und er fragte halblaut: »Kann ich Ihren Garten jetzt wieder einmal sehen, Fräulein Doktor?«
Jäh sah sie ihm in die Augen.
Er erwiderte den Blick. Die Narzissen in seinen Händen sanken etwas.
Kühl gab sie ihm die Erlaubnis und ging davon. Oben in ihrem Zimmer trat sie nicht ans Fenster – sie wollte nicht sehen, wie er zwischen ihren Bäumen herumschlich bis zum Griechentempel, über dem die rote Kastanienblüte stand. Er kannte zu viel von ihr und würde noch mehr erraten, wenn er jetzt durch ihren Garten ging.
Nun hörte sie seinen Schritt.
Sie stand von ihrem Platze auf, warf einen trüben Blick auf die ›eiserne Wehr‹ und schritt leise zum Fenster – – sie mußte ihn doch noch – sehen – – –
Und plötzlich dachte sie wieder: er ist mir ja ganz fremd. Ich kenne ihn nicht. Nein, alles, was er tut und will, kenne ich nicht, weil es aus anderem Gesichtspunkt und von einem ganz anderen, mir dunklen Leben her geschieht – – –
Und doch fühlte sie die unheimliche, treibende Macht in sich.
Zu Cöldts kam sie jetzt nicht mehr. Sie wußte von der Mutter, daß Hardi in Wiesental war und Ludwig oft hinüberritt. Oft hörte sie sein Pferd am Hause vorbeitraben, hörte den Hufschlag und dachte dumpf: hier hält er nicht mehr an.
Nein.
Jeder suchte das Seine.
Auch jetzt war sie nachmittags oft nicht mehr allein im Reutterschloß. Doktor Bartelmes hatte sich die Erlaubnis erbeten, auf dem Harmonium in der Aula zu üben. Nun hörte sie das oft. Es war nicht laut. Es drang nur wie Summen durch die dicken Wände, drang zu ihr, und sie horchte danach, und ihr Herz strebte davon los und kam nicht frei, sondern verwirrte sich noch mehr daran. In einer fremden Sprache kann man dem viel sagen, der sie nicht versteht: er hängt daran und rätselt daran, und ein wenig Rausch ist dabei. –
An anderen Tagen war er wieder mit seinen Mädchen auf Wanderungen unterwegs. Immer waren die Schönsten um ihn herum, besonders Betty von Kramer.
Es waren schon Mütter zu Christiane gekommen und hatten gesagt, der Herr sei wohl zu modern für Markburg. Die Mädel hätten ja keinen Sinn mehr für etwas anderes, außer ihrem Doktor, eitler könnten sie nicht mehr werden, als sie geworden seien, und Neid und Eifersucht wären an der Tagesordnung.
Christiane merkte: ich kann es nicht mehr so lassen. Ich darf es nicht. Ich lade Schuld auf mich.
Schattenhaft stieg das Bild der Schwester des Doktor Bartelmes vor ihr auf.
Da kam er zu ihr wegen des Johannisfestes.
»Johannisfest?« sprach sie tonlos.
»Ja,« meinte er unbefangen, »ich glaubte es Ihnen schon gesagt zu haben, daß wir feiern wollen –«
»Nein.«
»Es soll wieder ein Fest nach echter Reutterschulart werden.«
»Nach Reutterschulart?« fragte sie.
»Ja. So sagt man doch jetzt in der Stadt.«
So sagte man in der Stadt?
»Also nach Ihrer Art?« sprach sie langsam.
»Ein Waldfest,« entgegnete er, ohne auf ihre Frage einzugehen, »ein Feuer draußen am Hünengrab im Obrawald. Ein Reigen. Ein paar Lieder und Tänze.«
»Und die anderen Kollegen?« fragte sie.
Er zuckte die Achseln. »Ich weiß darüber nicht Bescheid.« Ein scharfes Licht war in den dunklen Augen.
Sie wußte: die anderen waren allmählich von ihm abgerückt. Sie billigten seine Art nicht mehr. Ihre Begeisterung war abgekühlt. Jeder stöhnte, wenn er in der Klasse des Doktor Bartelmes zu unterrichten hatte. Sogar die Haberkorn.
Christiane sah vor sich hin.
»Ich möchte es nicht gern, Herr Doktor,« sagte sie.
Er sah sie groß an.
»Sie möchten es nicht?« wiederholte er.
Er sagte gar nichts weiter.
Sie war gezwungen zu sprechen.
»Der Platz ist sehr entlegen. Sind Sie sich der Verantwortung bewußt, Herr Doktor? Glauben Sie, daß es leicht sein wird, die vom Feuer, vom Tanz und Gesang aufgeregte Schar wieder durch den dunklen Wald heimwärts zu bringen?«
Er lachte. »Wenn es weiter nichts ist, Fräulein Doktor! Ich bringe sie schon heim. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«
»Die Eltern der Kinder sehen in diesen Wanderungen und Festen eine gewisse – Übertreibung,« sagte sie.
Er verzog den Mund.
»Markburg,« sagte er trocken. »Aber Sie gnädiges Fräulein – Sie – – sind doch nicht so kleinbürgerlich!« Er lachte.
Sie schwieg. –
Ich gehe nicht nach dem Walde, dachte sie. Mögen sie ihr Spiel für sich allein haben. In ihr nagte es: Du durftest nicht. Sie hörte die Worte der besorgten Mütter, daneben aber klang noch etwas anderes – eine Melodie!
Sie kümmerte sich nicht um die Vorbereitungen, hörte aber von der Haberkorn, daß die Mädchen des Doktor Bartelmes kaum noch zu regieren seien, so vergnügt seien sie. Es machte ihr jetzt eine besondere Freude, Christiane etwas über Bartelmes zuzutragen. Lauernd flogen ihre Blicke über sie hin.
Christiane verzog keine Miene.
Heute nachmittag will ich mal wieder zur Mutter, dachte sie, und mich nach der Wehrendorf umschauen. Hier läuft sie mir immer aus dem Wege, und ich – denke nicht an sie.
Ehe sie aber so weit kam, erhielt sie Botschaft vom Präsidenten, daß er sie zu sprechen wünsche.
Das gesamte Patronat war versammelt.
Die Herren schienen kühl.
Der Präsident sagte, daß die Richtung, die in der Reutterschule neuerdings unerwarteterweise verfolgt würde, in den beteiligten Kreisen gar nicht angesprochen hätte und daß man Fräulein Doktor Dorreyter dringend ersuchte, von diesem veränderten Kurse abzusehen. Der Kernpunkt sei ja wohl nicht sie, sondern der neue Oberlehrer, in dessen Wahl man sich anscheinend etwas vergriffen hätte und der auch anscheinend über seine Grenzen hinaus zu dominieren versuche. Man setze aber in Fräulein Doktor Dorreyter volles Vertrauen, daß sie das Schiff in ihrem Sinne steuere, den sie ja in ihrer energischen Antrittsrede, wenn man sich richtig erinnere, deutlich kundgegeben habe. Es seien auch Beschwerden über die Lehrerin Wehrendorf eingelaufen, die damals nur auf besondere Verwendung des Fräulein Doktor und einiger Damen angenommen worden sei und die anscheinend nicht in den Schulbetrieb gehöre.
Christiane konnte auf diese feinironischen Ausführungen ihres Chefs nicht antworten, denn der Präsident fuhr gleich darauf anscheinend gelassen fort, indem er sich einige Aktenstücke reichen ließ: Man hätte sich, nachdem das Stiftungskapital neuerdings zu einer bestimmten Höhe angewachsen sei, in der letzten Patronatssitzung entschlossen, die wiederholt ausgesprochenen Wünsche der Leiterin zu erfüllen, die fehlenden Klassen aufzusetzen und ein Seminar anzufügen, wodurch wohl vielen jungen Mädchen eine willkommene Gelegenheit zur Aus- oder wenigstens zur Weiterbildung gegeben sei.
Christiane schaute betäubt auf.
Damit hatte sie ja gesiegt – – gesiegt – – –
»Wir wären sehr dankbar, wenn wir Ihre Entwürfe und Pläne schon in kurzer Zeit erhalten könnten, Fräulein Doktor,« fügte der Präsident noch hinzu.
Christiane machte sich zu Hause sofort an die Arbeit, suchte alte Pläne, Ministerialerlasse und Verordnungen heraus, verglich, entwarf, überlegte, zeichnete auf, und darüber wurde es Abend.
Sie fuhr plötzlich hoch und sah es rot über dem Walde stehen.
Das ist der Johannisabend, fiel ihr auf einmal ein.
Sie schob ihre Papiere zurück und sah starr in das ferne Glühen hinaus. Ein feiner Dunst kam aus dem Walde und schlich herein.
Sie schaute in ihren Garten – der war schwarz.
Eine wahnsinnige Angst überkam sie. Der Sommer gleitet vorbei. Alle ansteigenden Zeiten sind vorbei. Mein Leben tritt in das Dunkle ein. Hier sind die Pläne, die Ministerialerlasse, die Prüfungsordnungen – haha – das ist mein – – das ist mein – –
Sie warf noch einen Blick zur ›eisernen Wehr‹ empor, dann nahm sie ihren Hut und ging.
Wie leicht kann ich schreiten, dachte sie, als sie in den lichten Staub der Straße trat. Wie – jung –
Vom Sonnenrot sah sie hier nichts. Der Wald stand dunkelnd. Eine verwischt blaue Stimmung war zwischen den Straßenbäumen. Die Kinder kletterten darauf herum, rissen Lindenblüten los und warfen sie herab.
Sie eilte. Nun war sie im Walde. Fahrtgeleise gingen tief hindurch – ach, es war die Allee, auf der sie damals gegangen war, als das Gewitter kam, vor einem Jahre – –
Sie schritt rasch und empfand: Johannisabend.
Hinter allen Büschen schien es zu leben, tiefer, als bei jenem Taggewitter, heimlicher, als in den hellsten Stunden, seltsamer, als an anderen Abenden. Sie fühlte: hier ist Leben über Leben um mich. Sie sah an den Tannen empor, sah, wie die silbergrauen glatten Stämme der Buchen grünumflimmert zur Höhe stiegen und oben ihr Laub ausbreiteten, sie sah Bäume, die über und über grün waren, bei denen die Äste schleppend auf den Boden hingen, so voller Sommer waren sie. Und dann sah sie noch etwas. Mitten unter den Waldbäumen stand eine Linde, über und über blühend. Hoch stieg sie empor, höher, als die Buchen und Tannen, und oben blühte sie ganz allein, über allem Laub. Diese Blüten konnte keiner pflücken. Das Abendlicht überglänzte sie. An die konnte keiner heran.
Sie ging weiter.
Auf einmal scholl es hinter ihr. Sie horchte: Klippklapp, Klippklapp.
Sie blieb stehen.
Da kam es sacht näher. Ein Reiter.
Sie wandte das Gesicht. Das Herz schlug ihr hoch auf, sie wußte, wer das war. Er wandte sich ihr flüchtig zu, eine halbe Sekunde schauten sie sich in die Augen. Es war Ludwig.
Klippklapp, klippklapp, trabte das Pferd.
Weit hinten auf der Schneise verschwand es. Er war vorbeigeritten.
Sie wußte, wohin er ritt.
Langsam ging sie weiter, es dunkelte.
Und nun kam es wie Gesang näher – sie horchte gierig. Es war kein Hufschlag. Es war Gesang.
Das Lied kam ihr sonderbar vor. Sie, die so viele Kinderlieder gehört hatte, horchte wie verzaubert auf dieses Lied.
Es kam ihr vor, als hätte sie es noch nie vernommen, aber als müßte sie es vernehmen, eben jetzt zu dieser Stunde. Auf einmal verstand sie die Sprache der Melodie.
Sie blieb stehen, ihr Herz versagte.
Und nun kam der Zug aus dem Walde heraus.
Mitten zwischen den Stämmen kamen sie hervor – o, es sah schön aus! Es war, als ob die Elfen dieses Johannisabends kettengleich vorüberzögen im Reigentanz.
Sie sangen noch immer, und immer noch mehr kamen aus dem Walde, helle, singende Gestalten.
Das war keine Ausgelassenheit.
Jäh packte es sie: das war Feier.
Er hatte es wieder fertig gebracht. Er hatte ein kleines Kunstwerk geschaffen, hatte in diesen verwöhnten oberflächlichen Dingern das Verständnis für Weihe, für die Schönheit des Waldes und für den sonderbaren schwülen Zauber dieses Abends geöffnet. Er konnte das, denn er war ein Künstler.
Nun kam er.
Ein paar große Mädel waren dicht um ihn und glitten jetzt fort. Betty war dabei und wandte noch das Gesicht nach dem Fräulein Doktor.
Er sah Christiane an: »Nun? Ist es nicht schön?«
Sie schwieg.
Er blieb etwas mit ihr zurück. Die Schar zog vor ihnen. Sie sang noch immer. Leise, ganz zart. Es verschwamm jetzt fast. Es ging sanft in diesem sanften Abend unter, der seine wilden Farben jetzt eingezogen hatte.
Sie schaute zurück.
Wo war das Rot?
Sie sah auf die Straße.
Wo war der Reiter?
Bartelmes stand vor ihr. Seine Blicke überglitten sie, er sprach kein Wort.
Wie ein seidenweicher Schleier überrann sie das Gefühl: ich bin doch schön. Ich bin vielleicht noch nie so schön gewesen, wie jetzt – in meiner Reife.
Verwirrt horchte sie. Kein Hufschlag mehr.
Ihre Seele schrie auf, schrie nach Feuern hin, nach Flammen, nach einer einzigen schönen Glut, nach einem Glück, wie sie es noch nie besessen hatte. Sie wollte nicht immer Muster sein, Tugend, Vorbild, sie wollte Flamme sein, Schönheit, Genuß – sie wollte geben, was noch keiner besessen hatte und was alle gaben. Sie wollte mit Kränzen in feinen Melodien schreiten und purpurn untergehen, wie der Abend untergeht. Sie wollte dem Leben nahe sein, ganz nahe, sie wollte Leben sein.
Seine Miene blieb unbeweglich.
Und eben deshalb sah sie ihn schärfer an, als sie es sonst in ihrer Erregung getan hätte.
Er hielt stand. Es war vielleicht in seinem Willen, daß die Maske jetzt fiel, die er doch für jeden Kundigen nur lose vorgehabt hatte, denn er gedachte nicht weiter zu gehen und sich keinerlei Schwierigkeiten zu machen.
In den Augen blieb sein Lächeln.
Verwirrt grübelte sie, wo sie es schon gewahrt hatte: wenn er mit der Haberkorn sprach, auch mit der Seifert oder mit der Mehlmann – alle belächelte er so aus einer gewissen Mannesüberlegenheit heraus, und nun hatte er das Lächeln, das Blinzeln auch für sie – –?
Sie begriff noch nicht. – Auch – für – sie – –?
Und dann kam ihr Gewißheit. Ihre hellsichtige Menschenbeobachtung fand sich wieder ein, vielleicht noch nie so scharf, wie in dieser Sekunde. Sie durchschaute sein Spiel, das auf ihre innere Demütigung auslief und auf das äußere Vorzeigen: seht, ich habe die Herrin unter mir. Ich bin der Herr. Die haben sie angestaunt, wie ein neues Wunder, die sind argwöhnisch vor ihr geflohen, ein Narr ist sogar vor Schrecken gestorben – ich aber habe festgestellt, daß es unter den Frauen nichts Neues gibt und niemals etwas Neues geben wird. Es gibt gar keine modernen Frauen. Wenn sie es können, so begehren sie immer nur den Kranz, den der Mann ihnen aufsetzt, und ihr Wille, ihre Pläne sind rasch zu biegen ... an jedem Platz!
Sie erkannte noch mehr: Er war ihr gegenüber nie in Unruhe geraten, vermißte nichts und begehrte nichts. Seine Sinne waren unbeteiligt, denn er hatte ein anderes Weib um sich, von dem ihm die scharfe Erkenntnis jedenfalls mit geflossen war – – –
Er wollte nun doch näher an sie heran.
Sie sah ihn mit funkelnden Augen an.
»Sie haben ja eine Geliebte,« sagte sie hart.
Er schnellte etwas zurück.
Dann besann er sich.
Der wissende Hohn in seinen Augen wurde stärker.
»Ja. Ich habe Ihnen sogar schon ihr Bild gezeigt, Fräulein Doktor Dorreyter – eine junge Bühnenkünstlerin.«
Er lachte ein wenig. Sein Fuß rührte im Staub.
»Ich wollte Ihnen damals das Bild meiner Schwester zeigen – sie schauen sich übrigens ähnlich – da griff ich zufällig das andere.«
Sie gab keine Antwort.
Rasch schritt sie an ihm vorbei.
Die Kinder vorn sangen wieder.
Christiane sah, daß der Wald zu Ende war. Da kam schon die Stadt. Sie war so voller Lichter, wie sie nur sein konnte.
Christiane wandte sich und schaute noch einmal nach dem Walde zurück.
Das Feuer war erloschen.
* * *
Am nächsten Tage ereignete sich das Unglück.
Einige der Patronatsherren kamen in die Klasse der kleinen Wehrendorf. Sie hatten es noch mehr auf den Doktor Bartelmes abgesehen, dessen beargwöhnte Methode sie sich näher begucken wollten, aber die Hilfslehrerin stand mit auf dem Programm.
Ada wußte sofort Bescheid.
Christiane hatte ihr schon einen Wink gegeben: nimm dich zusammen! Aber was heißt ›Sich zusammennehmen‹, wenn die Nerven und alle Hoffnung ohnehin zu Ende sind. Wenn sie nicht so an der Arbeit gehangen hätte, wenn sie ihr nicht das Wichtigste, die schwere Hauptsache ihres Lebens gewesen wäre, dann wäre sie leichter über die Klippe hinweggekommen.
So aber gab sie sofort das Spiel verloren, als keine Ruhe unter den Kleinen wurde und Hanni Cöldt ganz offen in ihre Worte hineinlachte.
Die Herren sahen Ada fragend an.
Die aber stürzte an ihnen vorüber zur Tür hinaus.
Die Gäste wußten nicht, wie ihnen geschah. Deshalb warteten sie noch ein paar Minuten.
Aber auf einmal fingen ein paar der Kleinen heftig an zu weinen. Und eine drehte sich zu Hanni Cöldt um und schrie: »Du! Du!«
Und plötzlich sah der Geheimrat Meckebier die fliehende Gestalt drüben am Walde.
»Herrgott,« sagte er und faßte den anderen am Arm.
Nun eilten sie zu Christiane und schlugen Lärm.
Die Jong wurde gerufen und sagte: »Ich habe es kommen gesehen. Sie aß und schlief nicht mehr. Gestern gab ich ihr noch einen Brief von meinem Onkel und redete ihr flehentlich zu: sie solle kommen und wenn es nur für ein Ausruhen war – man wollte sie dort pflegen. Aber sie wollte nicht.«
– Als Ada im Walde war, fing sie an zu denken.
Von neuem kam die Gewißheit über sie: es war aus. Man behielt sie nicht mehr an der Reutterschule. Da konnte Christiane es so gut meinen, wie sie wollte – man behielt sie nicht mehr.
Und ohne die Kinder konnte sie doch nicht leben. So viel sie sie in ihrer süßen Dummheit auch gequält hatten, sie hatten sie doch auch lieb gehabt. O ja, die meisten hatten sie doch lieb gehabt. Und nun konnte sie es nicht vertragen, daß eine andere an ihre Stelle kam – das konnte sie ihr nicht gönnen! Nicht einmal die kleine Cöldt konnte sie ihr gönnen! Der ganze schwere Kampf – wie war er schön – wie war er schön.
Sie blieb wieder stehen. Unbewußt war sie richtig gelaufen, denn ihre Phantasie hatte den Weg schon Tag und Nacht gemacht.
Da war der Krähenteich.
Mit zitternden Gliedern, halb besinnungslos, glitt sie nieder und ins Wasser hinein. Schnell. Schnell.
Es war grade die Stelle, an der Herr von Wratislawski Mai die Rosen überreicht hatte.
* * *
Vierundzwanzig Stunden später waren die Reutterschülerinnen und das ganze Kollegium zur Gedächtnisfeier für die Tote in der Aula versammelt. Diesmal sprach Christiane schwer und fest.
Die Herren und Damen spähten argwöhnisch zu ihr empor. Alle wußten, daß der schöne Doktor Bartelmes bei der gestrigen Revision recht schlecht abgeschnitten hatte. Er hatte es sich aber nicht weiter anfechten lassen, sondern auf der Stelle gekündigt. Was bedeutete ihm Markburg! Er hatte übrigens wieder ein neues ästhetisches Buch geschrieben, das kam zum Herbst heraus und würde seinen Ruhm verstärken. Aber hier –! Ironisch blinzelte er zu Christiane hin und strich den Bart.
Diesmal fand sie kein Beschönigen mehr. Vor allen Mädchen rief sie das Frauenschicksal auf, das vor ihnen hingeglitten war, ohne daß einer es nur recht erfaßt hätte. Desto mehr aber war seit gestern geflüstert worden. An verborgener Niedrigkeit brachten auch diese planmäßig zur Schönheit erzogenen Mädchen genug auf.
Nun aber hörten sie die Wahrheit.
Christiane sprach von den Frauen, in deren Leben kein anderes Feuer brennt, als das, das sie sich selber anzünden. Ada Wehrendorf hatte nie nach fremden Feuern gespäht, hatte nie eine Gnade, ein Glück erwartet, als aus ihrer Arbeit allein. Sie hatte so an der gehangen, daß sie ihren Verlust nicht überwinden konnte. Es hatte ihr Ruhe gewinkt, Pflege, ein Schutz. Sie hatte aber ohne ihr Werk nicht leben mögen. Nicht an irgend einer Sehnsucht war sie gestorben, sondern an dem Verlust ihres Schaffens. Sie hatte ihre Arbeit lieb gehabt.
Christiane riß die Kinder an sich heran – wie glühender Draht brannte es wieder in ihrer Rede auf – die Wehrendorf war einstmals eine von ihnen gewesen, eine der verwöhntesten – und wie mancher konnte es gehen wie ihr.
Sie spürte auf einmal: an diesem Leben hing auch Kampf, war nicht nur ästhetisches Genießen – das Blatt wandte sich für viele – und manche Seelen waren unter ihnen, die einen Schutz brauchten.
Sie fühlte auf einmal: auch sie hing an ihrer Arbeit. Wenn sie gescheitert wäre, wenn es ihr irgendwie gegangen wäre, wie der Wehrendorf – – sie atmete heimlich auf – der häßliche Sturz war nahe gewesen – – dann hätte sie auch nicht mehr leben können. Ihr Werk hätte sie nicht zerbrochen und besudelt aus der Hand legen können. Sie fühlte auf einmal Fäden, die sie mit ihm verbanden, mit diesem allen hier, so fest, wie mit keinem anderen, weil Kampf daran hing, letzter Aufruhr, weil hier die Krisis gekommen war.
Sie starrte auf die Mädchenköpfe, und ihre Seele rang sich ganz fest an das Werk heran.
Man empfand wieder die alte Christiane Dorreyter, die im Übermaß ihrer schweren Kraft und ihres harten Erkennens ihre Leitsätze gegeben hatte.
Alle wußten, daß ihre Worte ein Vernichten des System Bartelmes bedeuteten und des Schiefen, das für die Leiterin daran gehangen hatte. Man konnte nichts mehr reden.
Leise gingen die Mädchen dann aus dem Saal – so leise waren sie selten gegangen.
Die Herren und Damen redeten nachher noch über die kleine Wehrendorf. Natürlich hätte ihr jeder beigestanden, wenn er es gewußt hätte.
Christiane sprach noch mit der Jong. Da kam ein Bote und gab ihr ein Telegramm.
Sie brach es auf und las: ›Hardi soeben verschieden.‹
* * *
Es war zwei Tage später.
An Christianens Tür pochte es.
Es war das Brautpaar Dreher-Friedlein.
Sie gratulierte den beiden. Ihr Gesicht war ganz ruhig.
Der Oberlehrer sah an ihr herab, schrak ein bißchen auf, und es begann ihm zu dämmern, daß der Besuch jetzt zu dieser Stunde eine Taktlosigkeit sei. Aber im Übermaß seiner Freude hatte er an nichts anderes gedacht.
»Ich habe sie mir erobert,« sagte er mit bedächtigem Triumph, »seit dem Unglück hatte ich doch Angst bekommen, die Schule zehrt unheimlich an den Frauennerven – ich sah Mai im Traum wirklich auch am Krähenteich –«