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Das Buch vom Brüderchen

Zweiter Teil

Francis Maro translation

1.

Der kleine Sven wuchs heran und wurde Aller Liebling. Er hatte langes, goldenes Haar, und zur Erinnerung an das Mädchen, das nicht gekommen war, pflegte Mama das Goldhaar zu kräuseln, sodaß es in langen Locken um sein kleines Gesichtchen mit der zarten Haut und den wunderbaren Engelsaugen lag. Kein Kind hat tiefere große Augen mit einem so früh träumerischen Blick gehabt, und kein Kind hatte eine vertrauensvollere, zärtlichere kleine Hand, die sich in die eines großen Menschen schmeichelte, als wüßte es, daß es überall Geborgenheit finden konnte, weil es selbst von nichts Bösem wußte.

Der kleine Sven war der Abgott des großen Bruders. Nichts konnte schöner sein, als zu sehen, wie der große Bruder, der es liebte sich männlich zu zeigen und daher ungerne seine Gefühle an den Tag legte, das kleine Brüderchen in einem Wägelchen zog, sich an seinem frohen Gesichtchen freute und sich unaufhörlich umdrehte, um zu sehen, daß das kleine Brüderchen nicht herausfiel. Das Einzige, was sich hiermit vergleichen ließ, war, wenn man Svante dasselbe thun sah, und Svante freute sich umsomehr daran, Beschützer zu sein, als er bei den Spielen mit dem großen Bruder immer derjenige gewesen, der klein war und gehorchen mußte. Sven war so klein gegenüber den großen Brüdern, die er bewunderte und denen er folgte, daß er immer das kleine Brüderchen war und blieb, und er war so froh, daß das ganze Haus sich um ihn versammelte, wenn ihm etwas Freudiges geschehen war und seine klingende Stimme oder sein klares Lachen durch die Räume erklang. Man kam, weil man sehen wollte, wie seine Augen funkelten und wie seine kleinen weißen Händchen vor Entzücken umherfochten, weil man diese ganze strahlende Kinderfreude sehen wollte, die dem Herzen Sonne gab.

Ah, ich wünschte, ich hätte diese Erzählung vom kleinen Brüderchen früher geschrieben, so daß ich sie Blatt für Blatt ihr hätte vorlegen können, die seine kurze Lebensgeschichte besser kannte, als ich, besser als irgend Jemand. Sie, die sich an jedes seiner Worte erinnerte, an jeden kleinen Zug aus dem Buche seines Lebens, sie, die sein Leben und ihr eigenes im Verein mit ihm lebte, auch als seine klaren Augen nicht mehr unter uns leuchteten; sie, die ihm endlich auf den Pfaden folgte, auf denen Niemand, bevor seine Zeit gekommen ist, folgen kann. Sie hätte dann das, was ich sagen wollte, mit ihrem Geist erfüllt, und mein Gedicht hätte soviel Unmittelbarkeit empfangen, als handelte es von einem noch lebenden Kinde.

Denn der kleine Sven lebte und wirkte mit seiner Mutter, bei ihr und für sie. Er hatte seine Spielstube bei ihr, und die ganzen Vormittage, wenn Papa fort war und die großen Jungen lernten, saß der kleine Sven auf dem Boden und hörte Mama Märchen erzählen. Mama konnte viele Märchen, aber kein Märchen hatte Sven lieber als das vom Rotkäppchen, das zur Großmutter gehen sollte und das der häßliche Wolf auffraß. Er war so furchtbar erschüttert, wenn er an das Schicksal des kleinen Rotkäppchens dachte, und er hatte solche Angst vor dem abscheulichen Wolf und war so böse auf ihn. Er wollte groß werden und in die Welt ziehen und ihn finden und ihn totschießen.

Dann erfanden Mama und er Spiele. Sie spielten, daß Sven fortreiste und weg war, und Mama saß allein und wartete auf ihn. Und dann kam Sven nach Hause, und das war eine Freude, so groß, daß Mama ihre Arbeit weglegen und ihn auf den Schoß nehmen und viele Male küssen mußte. Und viele andere Spiele spielten sie.

Der kleine Sven hatte zuhause viele Namen. Er wurde das kleine Brüderchen genannt und Nenne, was er selbst erfunden hatte, und Fratzi und Goldkind, so wie es eben kam. Er kannte alle seine Namen, konnte sie aufzählen und war stolz auf sie. Der kleine Sven spielte nicht viel mit anderen Kindern und fühlte sich nie lange wohl mit ihnen. Er kam immer zurück zu Mama, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Und er kümmerte sich dann nie darum, ob er das Spiel unterbrach und die anderen Kinder ärgerte. Sowie er nur Mama erblickte, lief er von allem fort, nahm sie bei der Hand und folgte ihr, wohin sie ging. Das war eine Liebe, die über alle Begriffe ging und die nie erkaltete, weil der Gegenstand derselben zu glücklich über dieses Verhältnis war, um den Kleinen je beschwerlich zu finden.

Sven und Mama hatten ihre kleinen Geheimnisse, und wenn Sven Mama etwas zuflüsterte, durfte nicht einmal Papa zuhören. Versuchte er es, nur um Sven zu necken, da schrie der Kleine:

„Nein, er darf nicht. Er darf nicht. Sag ihm, daß er nicht darf.“

Und Mama verteidigte ihren Schatz und hielt Papa ferne, sodaß Sven alles, was er zu sagen hatte, ihr ins Ohr flüstern konnte.

Wenn das geschehen war, dann triumphierte Sven.

„Siehst Du,“ sagte er. „Du hast es nicht hören dürfen.“

Und dann ging er mit Mamas Hand in der seinen und lachte seinen Vater aus. Das nannte er Papa „foppen“, und er kannte wenig Dinge, die er vergnüglicher fand.

Ich kann sie noch Beide vor mir sehen, Hand in Hand, den langen Weg auf- und niedergehend, der bei den Fliederbüschen anfing, unter den kahlen Bäumen im Winter gehend, wenn Sven in seinen kleinen Pelz gekleidet war, den man aus Mamas altem gemacht hatte und auf den er so stolz war. Es wäre im übrigen schwer zu entscheiden, wer von den Beiden dem anderen eigentlich am meisten zu sagen hatte. Und wenn ich sie lange angesehen hatte und Lust bekam, mit dabei zu sein, dann wurde Sven eifersüchtig und schob sein kleines rotes Mündchen vor, sodaß Mama seine Aufführung gegen das Familienoberhaupt tadeln und ihm sagen mußte, wie gut Papa war. Das wollte Sven nur ungern anerkennen. Und während wir zusammen gingen, machte er verstohlen Mama Mienen, die Papa nicht sehen sollte, ganz als wollte er sich selbst dadurch beglücken, daß er den Zauberkreis heimlichen Einverständnisses beibehielt, den er um seine Liebe und sich selbst gezogen.

Aber wenn Papa in der Stadt war und nach Hause kam, dann stand Sven hinter der Thüre versteckt und wartete, um ihn recht erschrecken zu können. Er stellte sich lange vor der Zeit hin, zu der Papa zurückerwartet werden konnte. Unaufhörlich kehrte er von seinem Schlupfwinkel zurück und fragte:

„Glaubst Du nicht, daß Papa sehr erschrecken wird?“

Natürlich glaubte Mama das, und natürlich war Sven überglücklich über diese Aussicht. Und wenn Papa endlich kam und im Flur stehen blieb, um den Sand aus seinen Galoschen zu stampfen, da kam Sven so still und leise herangeschlichen und dachte gar nicht mehr daran, ihn zu erschrecken, sondern stand nur da und lächelte für sich selbst, als wüßte er sehr wohl, daß Papa ihn nicht sehen konnte, ohne froh zu werden. Und langsam kroch er näher, wie um sich an Papas Ungeduld, ihn in die Arme zu schließen, zu weiden, und dann hing er sich an Papas Hals und ließ sich hineintragen, während gleichzeitig die Dogge der Familie, die Svante seinerzeit Pudel getauft, vor Freude bellte und um uns herumsprang.

Ich erinnere mich so gut an die Augen meiner Frau, wenn sie diese Szene betrachtete.

„Wenn Du wüßtest, wie viel ich mit ihm von Dir spreche,“ sagte sie, als Sven endlich seinem Vater erlaubte, ihn loszulassen, und Mama Platz machte.

2.

Schon seit Sven so klein war, daß er sich bewegen konnte, war er Pudels intimster Freund gewesen und hatte das Recht gehabt, mit Pudel alles zu machen, was er wollte. Er durfte ihn an den Ohren ziehen und an seinem kurzen Schwanz zupfen, auf ihm liegen und ihn in den unbequemsten Stellungen festhalten. Pudel zeigte hierüber keinen höheren Grad von Mißvergnügen, als daß er zuweilen verwundert aussah, warum er all dies eigentlich über sich ergehen lassen mußte, und sich sanftmütig und friedfertig auf einen andern Platz legte, in der eitlen Hoffnung, daß sein wohlmeinender Plagegeist müde werden und ihn in Frieden lassen würde.

Aber trat Sven hinaus in den Hof, dann folgte Pudel ihm, wohin er auch ging. Mit seiner kurzen gespaltenen Schnauze schnuppernd, stand er da und sah zu, wie Sven langsam und bedächtig Sand in eine kleine Blechbüchse schüttete oder zuweilen zu der weniger geeigneten Zerstreuung überging, in der Wassertonne zu plätschern. Pudel folgte ihm die ganze Zeit, und näherte sich irgend ein Fremder, so begleitete Pudel dessen Gehaben mit mißtrauischen Augen, in jedem Augenblick bereit, falls die Verhältnisse sein Einschreiten erforderten.

Sven und Pudel wandelten im übrigen ihre eigene Straße, und mehr als einmal hatten sie das ganze Haus in plötzlichen Schrecken versetzt, indem sie auf den unerfindlichsten Wegen verschwanden; und nachdem man schon daran verzweifelt hatte, sie je lebendig wiederzusehen, tauchten sie urplötzlich auf, als sei nichts geschehen, Beide gleich erstaunt über die Aufregung, die sie hervorgerufen hatten.

Es wäre unrecht zu sagen, daß Sven eigentlich ein ungehorsamer Knabe war. Aber in diesem Punkt war er nicht leicht zu behandeln. Mehr als einmal hatte Mama ihm die Rute versprochen, wenn er noch einmal auf eigene Hand fortliefe, und mehr als einmal hatte sie mir unmittelbar darauf versichert, daß sie das Herzblut desjenigen sehen wollte, der es wagte, Sven zu berühren. Aber hierin schien Sven Vorwürfen und Ermahnungen gleich unzugänglich zu sein, und er stand so erstaunt bei Mamas heftiger Freude da, ihn nach solchen Ausflügen lebendig wiederzufinden, als wunderte er sich, daß sie Beide über irgend etwas auf der Welt so verschieden denken konnten.

„Es war doch nicht gefährlich,“ sagte Sven. „Pudel war ja mit.“

Mama wollte nicht schlecht von Pudel sprechen, aber sie versuchte Sven davon zu überzeugen, daß Pudel auf jeden Fall nicht dasselbe war wie ein Mensch. Sie sagte alles, was sie sich nur ausdenken konnte. Sven versprach mit den Aermchen um ihren Hals, daß er nie mehr fortlaufen und Mama Kummer machen wollte.

Aber wenn er so für sich selbst ging und es Frühling war und das Wasser in den Rinnen am Hof floß, da vergaß Sven alles Andere auf Erden, bis auf das, daß er ein kleiner Junge war, der tief hinein in den Wald gehen wollte.

Wer weiß, in welchen Gedanken er einherging, oder ob er auch nur merkte, daß er auf verbotene Wege kam? Er ging und plauderte mit sich selbst, und Pudel folgte ihm, und als er bei der Zaunthüre anlangte, stand sie offen. Da mußte er doch hinausgucken und einen Blick in die Welt thun, die dort draußen lockte, und da sah er auf der anderen Seite der großen Landstraße zu oberst auf dem Grabenrain, wie die gelben Huflattichblumen gegen die graue Erde leuchteten, und so krabbelte er hinüber, so gut seine kleinen Beinchen es vermochten. Aber jetzt war er beinahe im Walde drinnen, und da konnte er nicht länger widerstehen. Hoch und mit knorrigen Aesten erhoben sich die Tannen über seinem Kopfe, und hinein ging er zwischen die Stämme, wo die Sonne auf das Moos schien und die ersten Frühlingsvögel ihre Triller zu schlagen begannen. Eine kleine Feldmaus wischte zwischen den Steinen durch, und der kleine Sven lief ihr nach. Weiter und weiter weg kam er. Da lag ein kleines Moor, und draußen im Moor wuchsen Weidenkätzchen mit glänzenden Gehängen. Die konnte er nicht erreichen, denn da würde er eingesunken sein und sich die Füße naß gemacht haben. Aber er konnte immerhin einige Steine ins Moor werfen und hören, wie es plumps sagte, und die großen weiten Ringe ansehen, die die ganze kleine Wasserfläche in Aufruhr brachten. Das that er auch, und damit fuhr er eine gute Weile fort. Seine Wangen wurden rot, und seine Augen leuchteten vor Entzücken. Fröhlicher und fröhlicher wurde er, und er ging bis auf die Wiese hinunter, wo das königliche Lustschloß lag, und als er hinaus auf den Weg kam, begann er zu laufen. Er lief und lief, und als er an die hohen Gitterthüren kam, sah er, daß er wieder nahe von zuhause war. Da wurde er von neuem froh, weil er den Weg erkannte und weil Pudel schnupperte, mit seinem gestutzten Schwanz wedelte und nach Hause wollte. Und plötzlich begann er sich nach Mama zu sehnen, und da erinnerte er sich an die gelben Blumen, die er in der Hand hatte.

Langsam und bedächtig ging er wieder heimwärts, und es kann schon sein, daß Sven sich jetzt dunkel erinnerte, daß er nicht vom Hause hätte weggehen sollen. Aber eines gab es, was Sven nicht wußte und worauf er sich auch nicht verstand. Das war, wie lange er eigentlich vom Hause fort gewesen war. Denn ein paar Stunden und ein kleines Weilchen war für ihn ein und dasselbe.

Aber als er über die Wiese getrippelt kam und sich gerade wieder in Trab setzte, um zu Mama zu kommen und auf den Schoß genommen und gestreichelt und geküßt zu werden und zu erzählen, wie gut er sich amüsiert hatte, da erschrak Sven dadurch, daß man rings um ihn zu schreien begann. Da war Papa und Mama, Olof und Svante, die beiden Dienstmädchen und noch Mehrere, meinte Sven. Sie schrieen, Einer lauter als der Andere, der Eine hier und der Andere dort. Sven konnte gar nicht sehen, woher sie kamen. Denn gerade als er sich nach einer Seite umwenden wollte, schrie Jemand hinter ihm, und als er sich dann wieder umdrehte, um nach der anderen Richtung zu schauen, wurde er vom Boden aufgehoben und von Jemandem fortgetragen, der so rasch lief, als er laufen konnte, und bevor er sich noch recht besinnen konnte, war er drinnen im Speisezimmer, und Mama selbst nahm ihn in ihre Arme und drückte ihn an sich, so daß er gar keine Luft bekam.

Sven wußte wohl, daß er vor Mama nie Angst zu haben brauchte, aber dieses Mal verließ ihn doch der Mut. Denn jetzt erinnerte er sich, was sie von der Rute gesagt hatte, und als er Papa erblickte, wurde er wirklich ängstlich. Denn Papa sah strenge aus und sagte in sehr ernstem Ton:

„Jetzt müssen wir aber die Rute holen, Sven. Denn so viel ich weiß, hat Dir Mama das versprochen.“

Da wußte sich Sven keinen Rat, und in der Not nahm er seine Zuflucht zu den Blumen, die er Mama entgegenhielt.

Aber das hätte er garnicht thun müssen. Denn Mama war so erschrocken gewesen, und sie war so glücklich, ihn wieder zu haben, daß sie ihn nur in die Arme nahm und, halb weinend, halb lachend, sich von ihm streicheln ließ; und endlich nahm sie ihm die Blumen ab und gab sie in ein kleines grünes Glas, ordnete sie und ließ Sven sehen, wie schön sie in der Sonne glänzten. Da gab Papa alle Gedanken an eine Bestrafung auf, ging in sein Zimmer und fühlte sich überflüssig.

Aber als Mama mit Sven allein blieb, nahm sie ihn auf den Schoß und erzählte ihm, als wäre es ein Märchen, wie unruhig sie sich gefühlt und wie schrecklich ihr zu Mute gewesen war. Sie erzählte, daß sie geglaubt, daß Sven sich das Bein gebrochen habe und einsam im Walde läge, und daß sie ihn nicht früher wiederfinden würden, als bis er tot wäre. Oder daß er ins Wasser gefallen sei und daß sie ihn dort als Leiche finden würden, und dann konnten weder Mama noch Papa noch die Geschwister jemals wieder froh werden. All das hörte Sven an und verstand nur, daß Mama besser gegen ihn war als alle anderen Menschen. Dann ließ sie Sven alles erzählen, was er gesehen und gethan, wie er sich vergnügt hatte und wie weit er fort gewesen war. Sie erfuhr von dem kleinen Mäuschen, von den Vögeln und von dem Sumpf und von den Steinwürfen. Und schließlich verstanden sie einander, alle Beide, und waren nur glücklich darüber, daß sie sich wiedergefunden hatten.

Und als sie sich so recht ausgesprochen hatten, nahm Mama Sven mit sich zur Etagère. Da standen viele prächtige Sachen, mit denen Sven manchmal spielen durfte, wenn alles sehr gut ging. Unter anderem stand da ein weißer Pudel aus Porzellan, der eine Quaste am Schwanz hatte und einen kleinen Pantoffel in der Schnauze trug. Er war sehr alt und gehörte eigentlich nicht Mama. Denn Papa hatte ihn von seiner Mutter bekommen, und er hatte ihr gehört, seit sie zwei Jahre alt war, da hatte eine Pathin ihn ihr geschenkt.

Das war das Schönste, was Sven kannte, und den nahm Mama in der Glückseligkeit ihres Herzens von der Etagère herab und gab ihn ihm, anstatt der Rute. Aber er blieb da stehen, wo er stand.

„Denn sonst,“ wie Sven sagte, „kann ich ihn zerschlagen. Und dann wird Papa so böse.“

Aber er vergaß nie, daß er ihm gehörte. Und er pflegte zuweilen davon zu sprechen, wenn Besuch kam.

„Den habe ich von Mama bekommen,“ sagte Sven, „als ich in den Wald lief und wiederkam. Das war, weil Mama sich so freute, als sie mich sah.“

Und Mama verteidigte ihre Erziehungsmethode gegen jede Kritik, indem sie den Knaben in die Höhe hob und Alle ihn ansehen ließ. Gott segne sie! Sie hatte Recht.

3.

So ging ein Jahr, ohne daß wir sein Schwinden bemerkten. Aber um diese Zeit begann ihre Gesundheit ernstlich zu leiden, und ohne daß wir mit einander davon sprachen, wußten wir Beide, daß es nur eine Möglichkeit gab. Schon einmal früher hatte das Messer des Operateurs seine lebensgefährlichen Eingriffe machen müssen, und die Krankheitssymptome, die sich jetzt einstellten, waren uns nur allzu gut bekannt. Es überraschte uns darum nicht, als der Doktor uns eines Tages das Urteil verkündete und uns das, was wir schon geahnt, wissen ließ, nämlich, daß nur eine schleunige Operation Elsa mir und meinen Kindern retten konnte.

Als sei ein Todesurteil über unser ganzes Leben gefallen, gingen wir an diesem Tage in unserem Hause herum, und ich sah, daß Elsa von Allem Abschied nahm. Zum ersten Male stand es ganz deutlich vor mir, wie viel von ihren innersten Gedanken sie vor mir, sowie vor Allen verborgen hatte, wie vertraut sie mit dem Todesgedanken war, und wie die Gewißheit, daß sie jung sterben müßte, an ihrer innersten Lebenskraft nagte. Sie war blaß geworden, und ihre Wangen waren abgemagert. Die Hände waren wachsgelb, und sie ging in Angst vor mir umher.

Da bat sie mich zum ersten Male, sterben zu dürfen. Zum ersten Male sprach sie von all dem, das sie getragen und verborgen, um dessentwegen ich in sie gedrungen und das sie nie anders als in Andeutungen über die Lippen gebracht hatte.

„Schon seit ich sehr jung war,“ sagte sie, „lange bevor Du und ich uns kennen lernten, ist es mir so natürlich gewesen, daran zu denken, daß ich nicht lange leben würde. Dann fand ich Dich, und da vergaß ich Alles. Denn Du hast mich so glücklich gemacht, Georg, Du hast mich glücklicher gemacht, als ich Dich je machen konnte. Du hast mir meine drei Knaben gegeben, meine zwei großen Jungen und den kleinen Sven. Und was kann ich für sie, für Dich und für Euch Alle sein? Ich bin ja so krank, und ich werde nie gesund. Du sollst mich vergessen, Georg. Ach ja, ich weiß, daß Du um mich trauern wirst, weil Du mich lieb hast, obgleich ich immer zart und schwach gewesen bin und Niemandem nützen konnte. Aber Du sollst mich doch vergessen. Und Du wirst eine Andere finden, die Dir mit den Kindern hilft.“

Und wieder bat sie mich sterben zu dürfen, bat, die wenigen Wochen, die ihr gegönnt waren, in Ruhe zu leben. Sie wollte nur nicht auf dem Operationstisch sterben, aber sie war es zufrieden, von hinnen zu scheiden, und sie wollte bloß mit ihren Schmerzen so lange leben, daß sie die Kinder auf das, was kommen mußte, vorbereiten und Abschied von ihnen nehmen konnte.

So plötzlich war all das über mich hereingebrochen, daß ich nicht einmal meine Gedanken zu ordnen vermochte, noch weniger fand ich Worte, um zu antworten. Ich fühlte dunkel, daß ich mich, wenn ich hier eingriff, in einen Kampf stürzte, der über das hinausging, was Menschen im Allgemeinen verurteilt sind zu erleben. Ich fühlte die Scheu, die ich immer empfunden habe, wenn es galt, an etwas zu rühren, das eines anderen Menschen innerstes und unantastbares Eigentum ist. Und wenn es etwas giebt, das kein Anderer als der Mensch selbst entscheiden kann, so ist es wohl die Frage, ob er sich einem sicheren Tod unterwerfen oder einen schweren Kampf aufnehmen soll, um vielleicht das Leben zu gewinnen. Wie ich meine Frau vor mir sah, erschien sie mir so nahe und doch so ferne. Ihre Bitte, sterben zu dürfen, war so rührend und so ernst gemeint, daß ich nicht den Mut hatte, sie zu bitten, sich um meinetwillen dem Leben wieder zuzuwenden. Denn für sie galt es nicht mehr und nicht weniger. Und mit Staunen merkte ich, daß sie alles, was sie liebte, verlassen konnte, weil sie vorbereitet war. Aber gleichzeitig fühlte ich mit der Stärke der Verzweiflung, daß ich sie nicht verlieren konnte. Ich konnte es nicht. Und in meiner Verzweiflung nach dem Einzigen greifend, was mir in den Sinn kam, sagte ich bloß:

„Aber Sven, kannst Du Sven verlassen?“

Sie zuckte zusammen wie vor einem Keulenschlag, und sie rang ihre Hände in Verzweiflung.

„Nein, nein! Ich kann nicht.“

Sie wankte zur Schlafzimmerthür und bat mich nur, sie allein zu lassen. Ich sah sie die Thür hinter sich verschließen, und ich blieb sitzen, wo ich saß, und hatte das Gefühl, daß alles, was ich mit ihr erlebt hatte, tot und verschwunden war und daß sie jetzt von uns gehen würde. Ich begriff, daß, wenn sie es nicht that, dies nicht um meinetwillen geschah, sondern um des Kleinen willen mit dem goldenen Haar und den wunderbaren Kinderaugen, ihrem kleinen Engel, der gekommen war und sie ans Leben festgekettet hatte. Ich begriff all dies, aber es verletzte mich nicht. Ich fand es ganz natürlich, daß ich allein sie nicht halten konnte. Ich ließ den Kopf sinken und weinte, weinte zum ersten Male über mich selbst und mein eigenes Leben. Und ich erwartete nichts, glaubte nichts anderes, als daß die Tage jetzt ruhig und unerbittlich bis zu der Stunde fortschreiten würden, die kommen mußte; und schließlich würde der Tod all das zerreißen, wofür ich gelebt hatte.

Wie lange ich so saß, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es dämmerig wurde und daß ich dadurch auffuhr, daß ich fühlte, daß meine Frau auf den Knieen vor mir lag und ihren Kopf an meinen Arm lehnte. Sie war so leise gekommen, daß ich sie nicht gehört hatte, und ihre Stimme klang ruhig, als sie sagte:

„Ich will für Dich leben, Georg, für Sven und unsere großen Jungen.“

Ich kannte ihre Stimme, wenn sie so tief und warm wurde, als sei alles andere als ihre Liebe in ihr verstummt. Ich begriff, daß ihr Entschluß jetzt unerschütterlich war, daß sie wieder uns Allen gehörte oder gehören wollte, und eine warme Welle der Dankbarkeit gegen sie und das ganze Leben durcheilte mich. Es dauerte lange, bevor wir unsere Lage veränderten, aber als wir es thaten, erhob sie sich und zündete alle Lampen an wie zu einem Feste.

Dann rief sie die Kinder herein, und sie kamen Alle still und sich wundernd, und wir brauchten ihnen nichts zu erklären. Denn sie hatten Alle verstanden, Jedes in seiner Weise, sie hatten mit einander gesprochen, wie wir Großen, und sie wußten, daß Mamas Leben auf dem Spiele stand, aber daß sie es wagte, um für sie leben zu können.

Sven kletterte auf Mamas Schoß und schmiegte sich an sie. Und er brachte uns Alle dazu, durch Thränen zu lächeln, als er sagte:

„Mama darf nicht vom Fratzi wegsterben.“

Dies war ja einer seiner Kosenamen in der Familie, und er wendete ihn selbst ohne eine Ahnung davon an, daß es komisch klang. Darum brachten uns seine Worte beinahe etwas wie eine Verheißung des Lebens, und sie beruhigten uns.

Aber als die Kinder zur Ruhe gegangen waren, gingen Elsa und ich, uns mit den Armen umschlingend durch die Räume. Und ich sah, daß sie wieder Abschied nahm, aber in anderer Weise als vor einigen Stunden. Am nächsten Tage sollte sie in das Sanatorium fahren.

Aber als ich frühmorgens herauskam, saß Olof in dem großen Lehnstuhl gegenüber der Schlafzimmerthüre.

„Sitzest Du schon lange hier?“ fragte ich überrascht.

„Ja,“ antwortete der Knabe einsilbig.

Er hatte da gesessen und an seine Mutter gedacht und daran, wie ernst alles mit einem Schlage geworden war. Zum ersten Male fiel es mir auf, wie groß er war, und ich ergriff seine Hand wie die eines Gleichalterigen. Es zuckte in dem Gesicht des Zehnjährigen, aber er konnte nichts sagen.

Als wir dann in der Droschke saßen, war er wieder Herr über sich selbst, und er stieg noch auf das Trittbrett neben meine Frau, streichelte ihre Wange und sagte beschützend wie zu einem Kinde:

„Habe keine Angst, Mama, es wird schon gut gehen.“

Svante kam auch heran, und der kleine Sven wurde aufgehoben und plauderte und plapperte. In diesem Augenblick wußte Elsa nicht, wen von Allen sie am Meisten liebte. Aber auf dem Wege kamen wir in unserem Gespräche unaufhörlich auf unseren großen Jungen zurück, der zum ersten Male wie ein Mann gesprochen und gefühlt hatte.

4.

Der Todesengel ging dieses Mal an unserem Heim vorbei, aber seine Schwingen hatten uns so dicht gestreift, daß das, was jetzt geschehen war, lange unserem ganzen Leben sein Gepräge gab, ja eigentlich nie aufhörte, es zu thun. Doch — noch einmal kehrte das Glück in unser Heim zurück, aber gedämpft und ernster. Noch einmal kehrte sie zurück, die unserem Alltagsleben heiliges Licht gab. Unsere Knaben hießen uns willkommen, als wir wiederkamen, und der kleine Sven kletterte zu Mama hinauf, schmiegte sich an sie und sah so innig glücklich und schelmisch aus.

„Siehst Du, daß Du nicht vom Fratzi hast wegsterben dürfen,“ sagte er.

Er sah so triumphierend aus, als glaubte er, daß der glückliche Ausgang ihm zu verdanken sei, und hauptsächlich um uns Alle aufzumuntern, sagte ich:

„Ich glaube, Du meinst, Du hast Mama gesund gemacht.“

„Das hat er auch,“ antwortete meine Frau.

Und wieder sah ich den Ausdruck in ihren Zügen, der mir früher so fremd erschienen war, aber den ich mehr und mehr zu verstehen anfing.

Sie schloß sanft den Kleinen in die Arme, und aus ihren Augen fielen zwei klare Thränen. Dann reichte sie mir die Hand und sagte:

„Ich bin so froh, daß ich wieder zu Hause bin.“ Ich konnte nichts erwidern. Ich sah nur auf die Gruppe vor mir, und ich wußte, daß ich hier das Glück hatte, das ich vor ein paar Wochen noch kaum zu erhoffen gewagt. Und doch fühlte ich in meinem Herzen einen Stachel, wie von einer grauenden Ahnung hoffnungsloser Einsamkeit.

5.

An den Frühling, der jetzt kam, erinnere ich mich wie an ein Meer von Blumen, das jeden freien Platz in unserem Heim erfüllte. Die Hyacinthen mischten sich nach und nach mit blauen Anemonen, die blauen Anemonen mit weißen, mit Goldlack und Violen, und endlich, als der Johannistag herankam und der Sommerwind in den herabgelassenen Gardinen spielte, kamen die blühenden Syringen.

Mama und Sven waren es, die die Blumen herbeischafften, und es wäre schwer zu entscheiden, wer von ihnen Beiden Blumen am meisten liebte. Ich sehe sie noch Seite an Seite, die Hände voll Blumen, rotwangig und plaudernd über den großen Hof zu der offenen Veranda gehen. Ihr Haar war ebenso schwarz wie das seine blond, aber ihre tiefen blauen Augen waren gleich. Sie bildeten den seltsamsten Kontrast, und doch waren sie ähnlicher, als Mutter und Kind zu sein pflegen. Sie gehörten zusammen, als wären sie geschaffen, stets vereint zu sein, stets mit Blumen in den Händen zu gehen, bis zu des Lebens Ende Hand in Hand zu wandeln und einander in die Augen zu blicken. Niemand konnte sie zusammen sehen, ohne daß sein Gesicht von einem sonnigen Lächeln erhellt wurde, und oft konnte ich das merken und meinen eigenen Reichtum noch erhöht fühlen.

Denn in dieser Zeit dünkte mich das Leben reich und voll wie nie. Ich vergaß wieder alles, was meine Seele mit schweren Ahnungen erfüllt hatte, und der Moment war mir genug. Es kam mir vor, als hätten wir alles, was traurig und schwer war, nur durchmachen müssen, um nachher ein umso volleres Glück zu genießen. Ich war dankbar für jeden neuen Tag, der ging, ich war froh, daß ich vergessen konnte, und ich hatte das Gefühl, als würden wir einem Glück entgegengetragen, höher als das, welches Menschen erreichen.

Ich glaube, daß auch meine Frau, wenigstens eine Zeit lang, dieses mein Gefühl teilte. Denn von ihr ging dieser stete Strom von Glückseligkeit aus. Sie war wirklich zum Leben zurückgekehrt, sie fühlte sich gesund, sie lebte unter großen alten Bäumen und in einem Ueberfluß von Blumen. Sie hatte uns alle um sich, und nichts störte ihre Ruhe.

So ging sie eines Abends mit mir über den langen Weg, auf dem wir Niemandem begegneten und den wir deshalb am liebsten gingen. Rings um uns blühten die Syringen und erfüllten die Luft mit ihrem Geruch, und auf dem bleichen, hellen Junihimmel schwebte der Halbmond, ohne ein Licht zu werfen, nur in dem Blau schwimmend, das sich grenzenlos weit wölbte und auf dem blasse Sterne gleichsam zu funkeln versuchten, ohne die Nacht durchbrechen zu können.

Wenn ich mich an diese Zeit und alles, was dann folgte, erinnere, muß ich mit Staunen an unsere Spannkraft denken. Als wäre nur eine Streuwolke über unseren Himmel gezogen und verweht worden, so wandelten wir hier jeden Abend glücklich auf und nieder, und in unseren Gesprächen war nicht der leiseste Schimmer von Wehmut. Alles, was gewesen, lag begraben hinter uns. Es war wohl nicht das sorglose Glück mit dem unerprobten blinden Zutrauen der Jugend zu sich selbst. Es war viel mehr. Es war diese ruhige stille Harmonie, die zwischen Menschen kommt, die zusammen gelitten und überwunden haben, ein Glück, das nichts trüben und nichts zerstören kann, weil es unauflöslich mit dem Innersten des Wesens zweier Menschen verwachsen ist. Wir wußten in dieser Zeit, daß wir nichts wünschten, nichts begehrten, als das, was wir schon besaßen. In solchen Perioden des Lebens kann der Eine die Einsamkeit suchen, um seine Thränen zu trocknen, weil er sich schämt, zu zeigen, wie glücklich er ist. Keine fremden Gedanken, die ihre eigenen Wege gehen, keine Phantasieen, kein Verlangen kann diese seltsame Stimmung steigern, aus der die Lebenskraft quillt. Alles, wovon Sagen und Lieder gesungen, lebt da sein volles, niemals versiegendes Leben, so wie keine Dichtung es wiederzugeben vermag, und ich glaube, daß solche Erfahrungen allein das Zusammenleben zwischen Mann und Weib heilig machen können.

Wenigstens fühlten wir so in diesen linden Frühlingsnächten, in denen unsere Spaziergänge immer an demselben Platze schlossen, vor den Betten der schlafenden Kinder. Wir sprachen nicht viel von dem, was wir fühlten. Aber eines Abends sagte meine Frau:

„Wie lange ist es, daß wir verheiratet sind?“

„Warum fragst Du? Du vergißt ja Daten nie.“

„Ja, aber kann es wahr sein, daß es mehr als zehn Jahre sind? Kann es wahr sein, daß wir so alt sind?“

„Betrübt Dich das?“ antwortete ich und lächelte.

Sie schmiegte sich an mich und nahm meinen Arm.

„Es gab eine Zeit, wo ich solche Angst hatte, alt zu werden,“ sagte sie. „Und das habe ich noch. Aber ich verstehe nicht, wie Leute davon sprechen können, daß man in der Jugend am meisten liebt und am glücklichsten ist. Das müssen Menschen sein, die nicht lieben können.“

Ich versuchte einen Einwand. Aber sie unterbrach mich, indem sie von Anderen zu sprechen begann. Sie sprach von Freunden, denen wir zugethan waren, von Bekannten, mit denen wir verkehrten. Und sie stellte in Abrede, daß sie glücklich sein konnten. Sie erzählte Züge aus ihrem Leben, was sie gethan und was sie gesagt hatten. Noch länger verweilte sie bei dem, was sie nicht gethan und nicht gesagt hatten. Und sie schloß mit den Worten:

„Ich glaube, in unserer Zeit haben die Menschen vergessen, zu lieben. Sie sind durch so vieles andere ausgefüllt.“

Alles, was meine Frau mir jetzt sagte, verwunderte mich. Denn sie pflegte sich selten mit Anderen zu beschäftigen, wenn sie mit mir allein war, und ich suchte die Menschheit in Schutz zu nehmen. Ich brachte sie sogar dazu, ein paar Ausnahmen zuzugestehen.

Aber sie antwortete auf alles, was ich anzuführen hatte, als hörte sie mir eigentlich nicht zu; und als sie verstummte, fuhr sie fort, ihren eigenen Gedankengang verfolgend:

„Warum bist Du und ich glücklicher, als alle anderen Menschen?“

Sie sagte das mit einem Ernst, als berührte sie nur ein ganz bekanntes und anerkanntes Faktum, und sie fügte hinzu:

„Ich finde, daß alle Anderen unglücklich sind, wenn ich sie mit Dir und mir vergleiche.“

Ich lächelte über ihren Eifer, während ihre Worte mir gleichzeitig warm ums Herz machten.

„Warum mußt Du vergleichen?“ sagte ich.

„Weil es mich glücklich macht,“ antwortete sie. Und indem sie vor mir stehen blieb und zu mir aufblickte, fügte sie hinzu:

„Laß es mich jetzt sagen, weil ich sonst vielleicht nie dazukomme, es Dir zu sagen. Ich finde, es ist so eigentümlich, wenn ich an die erste Zeit denke, wo wir verheiratet waren. Da meinte ich, daß ich Dich liebte und daß ich glücklich war. Das war deshalb, weil ich nichts wußte und nichts verstand. Nun weiß ich, was es bedeutet, und nun will ich Dir danken.“

Bevor ich es hindern konnte, hatte sie meine linke Hand ergriffen und sie geküßt, und als ich versuchte, sie zurückzuziehen, hielt sie sie fest und küßte sie abermals, da wo der Ringfinger war.

Es lag eine Macht in ihrem Gefühl und ihrer Person, als sie diese Worte sagte, die mich beinahe verwirrte. Stumm nahm ich sie in meine Arme und küßte sie mit dem Gefühl, daß ich zum ersten Male meine Braut küßte. Und ich wußte mit ihr, daß die Erde keine größere Seligkeit barg.

6.

Sven hatte einen Spielkameraden gefunden, und das war ein Ereignis in seinem kleinen Leben. Denn früher hatte er nur mit den großen Brüdern gespielt. Nun war dieser Spielkamerad ein paar Monate jünger als Sven, und überdies war der Spielkamerad ein Mädchen. All dies war etwas sehr Neues und Entzückendes, und in dieser Zeit hatte Sven viel mit Mama zu besprechen.

Die kleine Martha war mit ihrem Papa und ihrer Mama hinaus aufs Land gezogen, und im Anfange hatten sie und Sven einander aus der Entfernung betrachtet. Martha war ein kleines, unbeschreiblich süßes Mädchen mit roten, frischen Wangen, klaren, blauen Augen und langem, lockigem Haar, das beinahe so wie Svens eigenes war. Und es dauerte nicht sehr lange, so kam sie eines Tages und setzte sich in die Nähe von Sven und betrachtete neugierig, was er vor hatte.

Sven war gewohnt, für sich allein zu spielen, und er hatte ein Spiel, das ihn sehr unterhielt und eigentlich ganz leicht faßlich war. Es bestand darin, daß er hinausging und sich auf eine Wiese setzte. Da betrachtete er mit dem größten Interesse alles, was auf dem nächsten Fleckchen Erde um ihn vorging. Da waren Ameisen, die auf Grashalme kletterten, ein Schmetterling, der sich auf eine Blume setzte und dann auf weißen Flügeln weiter in die Sonne flatterte, ein Hirschkäfer, der auf den Rücken gefallen war und umgedreht werden mußte, um weiter kriechen zu können, oder ein paar Vögelchen, die zwischen den Erdhügelchen umherhüpften und sich nicht von dem Kinde stören ließen, wenn sie für sich oder ihre Jungen Futter suchten. Oder er saß auch ganz einfach da und pflückte Grashalme um sich ab und ließ sie grübelnd und untersuchend durch seine Finger gleiten, und wenn er die Hand voll hatte, warf er sie alle fort und begann neue auszureißen. Das nannte Sven selbst „im grünen Gras spielen“ und davon konnte er lange erzählen, wenn er das Spiel unterbrach und zu Mama hineinlief, um über die Entdeckungen, die er gemacht hatte, zu berichten. Dem guckte nun die kleine Martha zu, und schließlich fragte sie Sven, was er mache.

„Siehst Du nicht, daß ich im grünen Gras spiele?“ sagte Sven.

Und er machte vor Verwunderung große Augen.

Nein, das verstand Martha gar nicht. Aber da Sven sich so lange damit beschäftigte, nahm sie an, daß es etwas unbeschreiblich Unterhaltendes sein mußte, und darum setzte sie sich neben ihn. Und die beiden Kinder rissen Gras aus und beobachteten Ameisen und kamen sich dabei so nahe, daß, als sie fortgingen, sie einander bei der Hand hielten und meinten, sie könnten sich gar nie trennen.

Ein paar Tage später saß Sven drinnen bei Mama und sprach von Martha. Jetzt sprach er nicht mehr von Gras und Blumen oder Vögeln und Schmetterlingen. Jetzt erzählte er nur, was Martha gesagt und was Martha gethan hatte, und wie gut sie sich mit einander unterhielten.

Eines Tages sagte Mama zu ihm:

„Du hast Martha wohl sehr lieb?“

Da schob Sven die Unterlippe vor und antwortete:

„Weißt Du nicht, daß Martha meine Braut ist?“

Mama antwortete sehr ernst:

„Das hast Du mir noch gar nicht gesagt.“

„Du mußt es aber doch wissen,“ meinte Sven. „Wir wollen uns heiraten.“

„Wann wollt ihr heiraten?“ fragte Mama.

„Wenn wir groß sind, natürlich,“ antwortete Sven.

Sven war sehr glücklich, eine Braut zu haben, die er heiraten sollte, und es war das Schönste, was man sich denken konnte, wenn die zwei Kinder Hand in Hand über den Hof kamen und der Sonnenschein in ihrem lockigen Haar spielte, oder wenn Sven Martha in ihrem kleinen Wagen zog und sich unaufhörlich umdrehte, um sie anzusehen.

Aber manchmal zankten sie sich, und dann wurde Sven düster und ging zu Mama und sagte, daß Martha abscheulich sei.

Dann antwortete Mama:

„Ja, aber Du willst sie doch heiraten, und da müßt Ihr doch wieder gut Freund werden.“

„Ich will sie nicht heiraten,“ sagte Sven.

Aber wie dies nun auch sein mochte, sie wurden wieder gut Freund, versöhnten und küßten sich und unterhielten sich noch besser, als je zuvor.

Es versteht sich von selbst, daß Mama Svens Braut mindestens ebenso anbetete wie er selbst, und wenn sie herauskam und Sven mitnehmen wollte und Sven seinerseits Martha nicht verlassen konnte (eine ganz neue Erfahrung in seinem kurzen Dasein), dann löste sich der Konflikt in der Weise, daß Mama die Brautleute Eines an jeder Hand nahm und zugleich ihre Spielkameradin und ihre Vertraute wurde. Ja, ich fürchte, sie sprach mit ihnen Beiden von Liebe und Ehe, weil sie wie Keiner ihre Sprache konnte, und es mag wohl sein, daß sie bei der Stärke ihrer Phantasie sich schon als Schwiegermutter zu fühlen anfing.

Es nützte nichts, wenn Jemand versuchte, Svens Liebe von der scherzhaften Seite zu nehmen. Olof höhnte allerdings das kleine Brüderchen und versuchte zu erklären, daß ein richtiger Kerl sich nichts aus Mädels machte. Selbst Svante, der in diesem Punkte ein weniger reines Gewissen hatte, versuchte das kleine Brüderchen damit anzugreifen, daß es eben zu klein war.

In seiner Not wendete sich Sven an Mama als an die höchste Autorität. Und Mama sagte ihm, daß er sich nicht darum kümmern solle, was die großen Jungen sagten, und wenn er Martha lieb habe, so wäre das ja nichts Komisches, gleichviel ob er klein oder groß sei.

Nun fand Sven, daß die Brüder ihr Teil bekommen hätten, und ließ sich sein Glück nicht weiter von ihnen trüben. Er war selbst so ernst mitten in seiner Freude, daß er nicht begriff, wie irgend Jemand über so etwas scherzen konnte, und darum machte er auch kein Geheimnis aus der Sache. Wenn ein Aelterer, was ja vorkam, ihn fragte, ob es wahr sei, daß er eine Braut habe, antwortete er ohne Weiteres Ja, und gleich darauf lief er fort und spielte mit ihr, so als wollte er die ganze Welt fragen, ob sie nicht schön und süß sei, wie eine richtige Braut sein soll.

Ja, Sven betrug sich überhaupt so, daß man aufhörte mit ihm zu scherzen, und selbst die Brüder ließen ihn in Frieden.

Aber eines Tages kam Olof auf den Einfall, ihm zu sagen, daß er Haare hätte wie ein Mädchen. Das hatte Sven schon vorher gehört und sich nichts daraus gemacht.

Aber jetzt fügte der große Bruder hinzu:

„Das paßt doch für Dich nicht, wenn Du eine Braut hast.“

Und das machte auf Sven einen tiefen Eindruck.

Von diesem Tage an hörte er nicht auf, Mama wegen seines Haares zu quälen.

„Ich will mein Haar so haben wie die anderen Jungen,“ sagte er.

Es half nichts, daß Mama sich wehrte und Sven bat, sich doch nicht um das zu kümmern, was die großen Jungen sagten. Es half nicht einmal, daß sie Sven bat, Mama zu Liebe seine schönen Locken zu behalten, die Mama so gerne hatte. Sven blieb dabei, daß sie fort sollten.

„Ich will nicht wie ein Mädchen aussehen,“ sagte er.

Mama trauerte bei dem bloßen Gedanken, daß jemand die schönen Locken auch nur berühren sollte.

„Ich kann mir das Burschi nicht ohne seine Locken denken,“ sagte sie.

Sie nahm ihn in ihre Arme, flüsterte mit ihm, plauderte, überredete und bat und flehte für die lieben Locken. Aber Sven ließ sich nicht überzeugen. Er bat so schön und sah so rührend aus, daß er schließlich seinen Willen durchsetzte.

Er kam in seinem kleinen roten Hut herein, die weiße Bluse flatterte um die kleinen Beinchen.

„Ich fahre in die Stadt und lasse mich scheren,“ schrie er.

Er war voll Eifer und Entzücken, und als er im Zuge saß, plauderte er in einem fort und wendete sich an einen fremden alten Herrn, den er nie im Leben gesehen hatte, daß er zur Stadt fahre, um sich sein langes Haar abschneiden zu lassen.

Der alte Herr sah von seiner Zeitung auf, warf dem Knaben einen zerstreuten, gleichgiltigen Blick zu und fuhr fort zu lesen.

Sven glaubte, daß er nicht gehört hatte, und wiederholte der Deutlichkeit wegen:

„Ich lasse mir mein Haar schneiden, damit ich nicht wie ein Mädchen aussehe.“

Aber der alte Herr verschanzte sich hinter seine Zeitung und murmelte etwas, das Mama veranlaßte, ihr kleines Herzblatt zum Schweigen zu bringen.

Dann blieb Sven den ganzen Weg stumm und saß ganz stille da, als grübelte er über irgend etwas nach. Er sah so unglücklich aus, daß Mama ihn auf den Schoß nahm und ihn streichelte und bitterböse auf den alten Herrn wurde, der nicht begriff, daß der Kleine dasaß und sich grämte, daß nicht alle fremden Herren sich darum kümmern, daß ein kleiner Junge froh ist.

Sven schwieg, als er auf die Straße kam. Aber dann flüsterte er, als hätte er Angst, daß Jemand sie hören könnte.

„Das war bestimmt kein netter Herr.“

„Ja, aber siehst Du, Sven, Du hast ihn doch nicht gekannt,“ sagte Mama.

„Deswegen hätte er doch nett sein können,“ sagte Sven.

„Aber kleine Jungen sollen nicht zu fremden Leuten sprechen,“ wendete Mama ein.

„Ich glaubte, er würde sich freuen, wenn er hörte, daß ich nicht mehr wie ein Mädchen aussehen muß.“

Armes Kindchen! dachte Mama, und wieder ergrimmte sie in ihrem Herzen, wenn sie an alle verdrießlichen Menschen dachte, die die Freude der Kleinen zerstören. Armes Kindchen! Wie wird es Dir einstmals in der Welt gehen?

Und um Sven richtig zu trösten und seine Freude wieder wachzurufen, sagte sie.

„Das war ein abscheulicher, schlimmer alter Herr. Ganz schlimm war er.“

Da wurde Sven wieder eitel Sonnenschein, und sein Schmerz war verflogen, weil er glauben durfte, daß nur abscheuliche Menschen so etwas thun. Sein Haar wurde geschnitten, und er durfte in eine Konditorei gehen. Da bekam er Backwerk und war überglücklich, weil er glaubte, daß alle Menschen wußten, daß er zum ersten Male geschoren war wie ein Junge. Dann fuhr er wieder mit Mama nach Hause, und als er in den Hof kam, ließ er Mamas Hand los und lief, so rasch seine Beine ihn tragen wollten, hinein zu Papa.

Da blieb er beim Schreibtisch stehen, nahm den Hut ab und vergaß, daß man Papa nicht stören durfte, wenn er arbeitete. Er stand stille mit dem Hut in der Hand, und sein ganzer Körper arbeitete vor Aufregung zu hören, was Papa sagen würde. Ja, seine Augen wuchsen, so daß es aussah, als wäre der Junge nichts als Augen.

Papa sah und sah und ahnte, daß etwas ganz Merkwürdiges vorgefallen war. Endlich ging ihm ein Licht auf, und da mußte er den Kleinen in die Höhe heben und wieder niederstellen.

„Jetzt ist Sven aber ein richtiger Junge geworden,“ sagte Papa.

Und mit diesem Attest seiner Männlichkeit lief Sven fort, um sich den großen Brüdern zu zeigen und von Martha bewundert zu werden.

7.

Der Sommer, der in einer so lächelnden Umgebung begonnen, sollte sich jedoch an der Westküste fortsetzen, und die Ursache war die, daß eine Sehnsucht, stärker, als ich sie schildern kann, mich hinzog.

Ich kann nicht sagen, wie diese unvernünftige Sehnsucht in mein Blut kam. Möglicherweise lag die Ursache darin, daß ich einmal als Kind einen Sommer an der Westküste verbrachte, und es ist ja ziemlich unentschieden, welche Rolle diese frühen, selbst vorübergehenden starken Kindheitseindrücke bei der Bildung des Grundstoffs der Gefühle spielen, der dann unser Leben bestimmt.

Es will mir selbst wunderlich erscheinen, daß die Erinnerungen an diese Wochen sich durch mehr als dreißig Jahre so lebendig erhalten konnten. Ich war nämlich damals erst sechs Jahre alt, und aus diesem Alter pflegen alle anderen Erinnerungen, außer denen an das Heim, in dem man jahrelang gewohnt, zu verblassen. Aber viele Jahre hindurch habe ich das Meer vor mir gesehen, so wie ich es damals sah ... Ich habe es mit himmelhohen Wellen gesehen, bis ins Undenkbare durch die Phantasie des Kindes vergrößert. Ich habe den Tang, die Quallen und die Seesterne gesehen, das ganze reiche Leben auf dem Meeresgrund in seichten Buchten und an grauen Klippen. Ich habe kahle Felsen sich über dem Meere erheben gesehen, das sich an ihrem Fuße brach, und ich habe die wunderliche Erinnerung eines großen Sturms in mir auftauchen gefühlt, der Mengen von Sand gegen mein empfindliches Kindergesicht peitschte.

Es ist wunderlich, daß man so lange herumgehen und eine solche Erinnerung mit sich herumtragen kann, und noch wunderbarer, daß sie es vermag, eine solche Macht über unsere Seele auszuüben. Eine solche Erinnerung ist von einer sehnsüchtigen Wehmut erfüllt, die dem Traum des jungen Mädchens von dem Ritter gleicht, der sich eines Tages zu ihrem Ohre neigen und ihr Verheißungen eines überschwänglichen Glücks zuflüstern wird. Sie gleicht dem, was der Jüngling fühlt, der die Siegesverheißungen der Zukunft in seinen pochenden Adern singen hört. Ja, sie gleicht vielleicht am meisten dem stillen Zukunftsglauben, der bei Männern lebt, in denen der Jüngling nie ganz gestorben ist. Sie lag tief in meiner Seele wie Heimweh, und es dauerte Decennien, bis ich ihrer Mahnung gehorchen konnte.

Aber als ich nach vielen Jahren endlich so weit kam, zu wissen, daß ich einen Sommer am Meer genießen konnte, da war es meine Frau, die mich befürchten ließ, daß meine ganze Freude in Rauch aufgehen würde. Meine Frau hatte nämlich niemals die Westküste gesehen, und ich wußte, daß sie eine Art von Widerwillen gegen die ganze Reise hegte und nur nachgab, weil sie begriff, daß der geringste Widerstand mir wehe thun würde. Das wußte ich, weil sie einmal gesagt hatte: „Ich kann mir keinen Sommer denken, in dem man keine Bäume sieht.“ Und ich begriff sehr wohl, daß, als ihr diese Worte entschlüpften, sie einen Widerwillen gegen diese ganze Fahrt verriet, der so tief saß, daß sie selbst fürchtete, ihn nicht überwinden zu können. Da sie jedoch sah, daß ich ihre Antipathie gemerkt hatte, that sie Alles, um diese Worte in meiner Erinnerung auszulöschen. Aber sie verließen mich nicht, und ich fing an, mich beinahe beklommen zu fühlen, wenn ich an mein ersehntes Meer dachte.

Diese ganze Sache war für mich weder so unbedeutend noch so thöricht, als sie vielleicht klingen mag. Niemand kann eine wirkliche Freude fühlen, wenn sie sich mit Mißtönen mischt, und der schlimmste Mißton, den ich mir denken konnte, war, wenn meine Frau meine Freude nicht teilte. Ich hatte mich ja daran gewöhnt, mich nie einsam zu fühlen, weder in Freude noch in Schmerz, und es brachte mich außer mir, daß ich nun merkte, daß ich mit meiner Sehnsucht allein stand.

Ich wollte, daß mein Traum von einem Sommer Wirklichkeit würde, und ich kämpfte für dieses Ziel mit demselben Eifer, wie damals, als ich mich auf dem Wege glaubte, die Liebe meiner Frau zu verlieren, und kämpfte, um sie wiederzugewinnen. Tag und Nacht grübelte ich über die Möglichkeit nach, der Gefahr vorzubeugen, von der ich fürchtete, daß sie meine Sommerfreude stören würde, und schließlich glaubte ich ein Mittel gefunden zu haben. Ich schlug nämlich eines Tages meiner Frau vor, daß wir die Reise nach der Westküste rings um die ganze schwedische Küste machen sollten, und ich that es, weil ich sie besiegen wollte. Ich fühlte, daß zwischen uns ein stummer Kampf ausgekämpft wurde, aus dem ich nicht als der Ueberwundene hervorgehen wollte. Ich wollte meine Frau zwingen, das Meer zu lieben, und ich glaubte, daß die Art, die ich erfunden hatte, etwas von dem Besten war, worauf ein Mensch je gekommen war. Mein Gedankengang war nämlich dieser: „Der Weg geht durch den Schärengarten Stockholms. Er setzt sich an unserer ganzen herrlichen Ostküste fort. Nach und nach, beinahe unmerklich, wird sie die lächelnde Natur der Ostküste in die karge der Westküste übergehen sehen, und ohne es zu wissen, wird sie von der Größe ergriffen werden, die alles Andere übertrifft.“

Ich kann doch nicht behaupten, daß auf der Reise selbst etwas eintraf, das mir Anlaß gab zu glauben, daß mein so gut ausgedachter Plan die gewünschte Wirkung hatte. Meine Frau freute sich wie immer an einer schönen Dampfschiffreise; aber daß die Fahrt selbst ihren Gedanken eine bestimmte Richtung gab, konnte ich nicht entdecken. Das Ganze war für sie eine lange Dampfschiffreise, als solche das Herrlichste, was sie kannte, aber nichts weiter.

Ich befand mich die ganze Zeit in starker Spannung, und mein Mut begann zu sinken, als wir Gothenburg passiert hatten und ich den Meeresschaum um meine geliebte Westküste zischen sah.

Es wehte ein tüchtiger Sturm, und der war natürlich in diesem Augenblicke alles eher als willkommen, weniger, weil er die Fahrt erschwerte, als weil ein Westküstensturm nicht geeignet ist, den Unwillen gegen das Meer zu benehmen, wenn ein solches Gefühl einmal vorhanden ist. Ich beobachtete die ganze Zeit meine Frau, und ich betrachtete sie von der Seite, während das Boot auf den Wogen emporstieg und die Wellen das Verdeck vom Kiel bis zum Steuer überschwemmten. Aber ich konnte nichts entdecken, was meine stumme Frage beantwortete. Wie sie da saß und über das schwarze Wasser blickte, schien sie mir unzugänglich, und in mir riefen hundert widerstreitende Stimmen, die sich, wie mich dünkte, alle in einer Kraftanstrengung sammelten, um zu ihrem Herzen und ihrer Sympathie zu dringen.

Aber wie ich da saß, begann meine Unruhe zu weichen, und ungestört von allen Zweifeln und aller nervösen Gehetztheit sah ich zum ersten Male die Natur der Westküste. Sie erfüllte mich mit einer Empfindung, die ich heilig nennen will, und vor diesem verschwand alles Andere.

Das Boot tanzte über die erregte Wasserfläche, und vor seinem Bug klärten sich die Konturen einer langgestreckten Insel, die sich auf einem Hintergrund treibender Wolken abzeichnete. Je näher wir dieser Insel kamen, desto stärker glühte in mir die Freude jahrelanger Sehnsucht, die nun befriedigt werden sollte. Wir stiegen auf der Brücke ans Land, und in einem gierigen Blick faßte ich alles um mich auf. Ich sah die Brücken, die Bootshütten, all die kleinen Gebäude, die, in hellen Farben leuchtend, sich auf dem Abhang der kahlen Klippe zusammendrängten. Im Hafen schaukelte sich Boot an Boot, und auf den Klippen lagen Mengen von Fischen in der Sonne, um zu trocknen. Draußen auf einer Landspitze stand eine Gruppe von Männern in getheerten Kleidern, mit Südwestern und hohen Stiefeln, und ordneten langsam und bedächtig einen Haufen großer Fische, die ich meines Wissens noch nie gesehen hatte.

Die starke Luft peitschte mein Gesicht und meine Wangen, und um mich vernahm ich ein Donnern wie von brausenden Wasserfällen, die rasende Winde peitschten. Ich sah die Konturen der Klippen in der Ferne blau und schwarz verschwimmen, wenn der Sturm die Wolken in wilder Jagd über den Himmel trieb, der durch zerrissene Nebel blau leuchtete. Und als ich zu unserem kleinen weißen Haus kam, das am äußersten Ende der westlichen Landspitze lag, weit weg von der Gruppe anderer menschlicher Wohnstätten, da sah ich zum ersten Male das Meer.

Ich stand lange und blickte hinaus über dieses Meer, das ich endlich erreicht hatte; und als ich in unsere Zimmer kam, sah ich, daß meine eigenen Fenster dieselbe Aussicht hatten, die ich eben verlassen, nur daß das Meer mir noch näher gekommen zu sein schien. Wieder stand ich stille und wußte nicht, was in diesem Augenblick in mir vorging. Aber im selben Moment fiel mein Blick auf meine Frau. Sie stand allein am Fenster und sah hinaus, und in einem Augenblick kam es über mich, daß ich alles, was durch Wochen meine Gedanken beschäftigt hatte, alle Ueberreizung, alle Zweifel, alle List, alle Berechnung, den ganzen Kampf, um meine Frau zu zwingen, zu fühlen wie ich — daß ich all das vergessen hatte, seit dem Moment, wo ich den Fuß auf die felsige Insel gesetzt hatte. Nun stand sie da, und ich wußte nicht, ob unsere Gedanken in diesem Augenblick sich zum Kampfe gegen einander erhoben oder sich begegneten.

Da wendete sie sich um, und ich sah, daß ihre Augen voll Thränen waren. Sie streckte die Hand nach mir aus, ich nahm sie, und zusammen standen wir da und blickten hinaus übers Wasser. Unter unserem Fenster rollten die Wellen über die Steine, und so weit das Auge reichte, sah man nur die weißen Kämme der Wellen gegen den dunklen Meeresspiegel, und die kleinen Schären, an denen das Meer sich brach. Wie Kaskaden von weißem Schaum stürzten die Wellen zur Höhe, von der Schwere des ganzen Meeres hervorgepreßt, das vom Westen auf sie drückte. Es war ein Aufruhr voll ruhiger Kraft, ein großer Ausbruch, der etwas von dem vollen Jubel des Lebens selbst in sich trug.

Vor diesem Aufruhr legte sich mein eigener zur Ruhe, und mit der Hand meines Weibes in der meinen, fühlte ich, daß wir Beide auf dem Wege zum Meere gewesen und auf getrennten Straßen hingelangt waren. Wir sprachen kein Wort, aber wir standen lange da, und das, was gewesen war, starb in uns. Als wir einschlummerten, hörten wir noch das Getöse des Sturms und der Wogen, und als das Tosen aufhörte, erwachten wir durch die Stille.

Vor unseren Fenstern lag das Meer ruhig und groß.

8.

Diese Erinnerung habe ich schon vor Jahren aufgezeichnet. Ich wußte damals nicht, daß ich einst einen anderen und größeren Kampf mit meiner Frau kämpfen würde, einen Kampf, nach dessen Beendigung ich einsam dastehen sollte, und doch nicht einsam, niedergebeugt, aber doch nicht ohne Hoffnung.

Jetzt sehe ich uns auf der höchsten Klippe vor unserem weißen, traulichen Hause sitzen. In einer Pracht, die stets neu ist, die Abend für Abend wechselt, versinkt die Sonne ins Meer, und zwischen uns sitzt Sven. Er ist bloßfüßig und braun, und weil es gegen Abend kühl wird, steckt er seine kleinen Füße unter Mamas Kleid. Er bettelt, so lange aufbleiben zu dürfen, als die Sonne zu sehen ist. Sich wundernd folgen seine Augen dem letzten flammenden Schimmer der Sonne, die in dem ruhig wogenden Meer verschwindet. Er sitzt da, das Kinn in die Hand gestützt, als dächte er an etwas Ernstes, das er nicht in Worte kleiden kann. Und als er endlich weiß, daß er zu Bett gehen muß, hängt er sich an Papas Hals und bittet, daß ich ihn trage.

Mit meiner leichten Bürde auf den Armen steige ich sachte über die Klippen, und als ich wiederkehre, sehe ich gegen den Himmel die dunkle Silhouette der Gestalt meiner Frau. Sie sitzt, wie Sven eben saß, und ihre Augen suchen den Punkt, wo die Sonne untergeht und die Flammen der Abendröte erloschen sind.

9.

Nie ist Sven so bewundert, so geliebkost, so von allen auf Händen getragen und vergöttert worden, wie in diesem Sommer. Die Lootsen trugen ihn über die Berge und schnitzten ihm Boote, die alten Mütterchen blieben stehen und lächelten strahlend, so wie sie ihn nur erblickten. Die jungen Frauen vergaßen ihre eigenen Sprößlinge und sagten, daß sie niemals ein solches Kindchen gesehen hätten, die Mädchen führten ihn auf die Klippen und spielten mit ihm, ohne daß er sie zu bitten brauchte. Sven ging in beständigem Sonnenschein herum, und er wurde braun und stark in dieser Luft, so wie er es nie gewesen.

Sven war mit einem Worte der Mittelpunkt all unserer Gedanken und die Sonne dieses unseres einzigen Sommers an der Westküste.

Es war jedoch wunderlich, daß er gerade in dieser Zeit einen neuen Gesprächsstoff fand, zu dem er immer wieder zurückkehrte. Für Sven war es nämlich eigentümlich, daß er von allem sprach, was ihm in den Sinn kam, und er that es ungekünstelter, als Kinder es zu thun pflegen, vollkommen unbekümmert in Beziehung auf den Eindruck, den er auf einen Erwachsenen machen könnte. Bei Kindern ist es ja sonst gewöhnlich, daß sie bis zu einem gewissen Grade das, was sie denken, bei sich behalten und sich nur mit einer gewissen Zurückhaltung einem Aelteren gegenüber aussprechen. Dies kommt daher, daß sie fürchten, ihre Gedanken von dem Lächeln der Ironie getroffen zu fühlen, selbst wenn dieses Lächeln mit Wohlwollen gepaart ist. Besonders ist dies der Fall, wenn ein Kind gefühlvoller, naiver, seiner Natur nach offener ist als andere Kinder, oder sich in seinem ganzen Wesen von der Mehrzahl unterscheidet.

Sven hatte von dem Moment an, wo er seine Augen aufschlug, nie etwas Anderes als verständnisvolle Wärme um sich gefühlt. Als er in das Alter trat, in dem Eltern sich mit ihren Kindern beschäftigen können, waren ihm beinahe stündlich ein Paar Augen gefolgt, die sich über jede seiner Bewegungen freuten, jedes Wort verstanden und aufmunterten, jede Aeußerung seiner zarten, unschuldigen Seele klarer und besser wiederspiegelten, als er selbst sie gethan hatte. Durch die Liebe seiner Mutter lernte der kleine Sven die ganze Welt um sich kennen, und weil sie zu seiner eigenen sich zärtlich hingebenden Person paßte, so wie er zu ihr, die ihm Tag für Tag etwas gab, was mehr war, als daß sie ihm das Leben geschenkt hatte, so konnte Sven sich auch nichts Anderes denken, als daß er alles, was sich in ihm regte, wuchs und fragte, ebenso natürlich und einfach, wie es kam, ausplaudern mußte.

Vielleicht lag in ihm auch, obwohl er sie nie in Worte kleiden konnte, etwas wie eine Ahnung, daß er nicht her gehörte? Vielleicht band ihn diese Ahnung, wenn auch unbewußt, noch stärker an sie, die unter ihrem Lebensglück lange dasselbe Gefühl verborgen hatte? Wer kann darauf antworten? Oder wer kann es versuchen, zu antworten? Niemand. Nur das Schweigen schwebt über blühenden Grabhügeln.

Aber gewiß ist, daß der kleine Sven eines Tages ein Bild an der Wand von Mamas Zimmer entdeckt hatte, und als er es eine Weile angesehen hatte, nahm er es herunter und betrachtete es schweigend, als begegnete er etwas ganz Neuem, vor dem sein Verstand ganz still stand.

Es war kein Bild nach dem jetzigen Geschmack. Es liegt wenig Kunst darin, und es erzählt eine Geschichte. Es giebt eine Sage, die der Todeszug heißt. Ueber eine weite Haide geht der Tod. Er ist in einen weißen Mantel gehüllt, der das Gerippe verbirgt, aber den Todtenschädel frei läßt. Ihm folgt ein langer Zug von Jungen und Alten ohne jeglichen Unterschied, und der Zug ist so lang, daß er in der Unendlichkeit zu verschwimmen scheint, und Niemand kann seinen Schluß sehen. In der Hand hält der Tod eine Glocke, und man sieht, daß sie eben erklungen ist. Man sieht es, denn am Wege sitzt ein vom Alter gebrochenes Weib und streckt flehend seine Hände nach dem Unerbittlichen aus, der, ohne sie anzusehen, an ihr vorüberschreitet. Aber ganz nahe hinter dem Tode steht ein junges Paar, das sich liebt. In dem Ohr des jungen Mannes ist die Glocke des Todes erklungen, und die Liebesarme der Verzweiflung können ihn nicht zurückhalten. Der Zug des Todes geht weiter, und wenn die Stelle kommt, die für ihn im Zuge offen steht, muß er mitschreiten, und sein Platz auf Erden wird leer stehen, und keine Sehnsucht kann ihn zurückrufen. Aber da wo der Zug zu enden scheint, schimmert es wie ein Licht der Morgenröte.

So ist das Bild, und Mama hatte es auf die Schäre unter anderen Bildern und Photographieen mitgenommen, mit denen sie unser neues Sommerheim schmückte, und auf eine Photographie dieses Bildes blickte Sven einmal unverwandt, als er Mama fragte:

„Was ist das?“

Und Mama erzählte die Sage von dem grausamen Tod, der kommt und den mitnimmt, der jung ist, und den Alten, der bettelt, mitkommen zu dürfen, zurückläßt. Sven hängte das Bild wieder an seinen Platz.

Aber am nächsten Morgen nahm er es abermals herab, und als er es eine Weile angesehen hatte, mußte Mama die ganze Geschichte zum zweiten Male erzählen.

Wieder saß Sven da und hörte zu, und wieder wurden seine großen Augen ernst und verwundert.

„Glaubst Du, Mama, daß der junge Bräutigam sehr betrübt ist, weil er sterben muß?“ sagte Sven.

„Ja,“ antwortete Mama, „aber sie, die seine Braut ist, ist noch betrübter.“

„Aber er wird vielleicht ein Engel,“ sagte Sven, „und bekommt weiße Flügel auf den Schultern.“

„Das wird er wohl,“ sagte Mama.

Aber Sven seufzte und war doch noch nicht zufrieden.

„Warum kann die alte Frau nicht mit ihm gehen, wenn sie doch so gerne will?“ sagte er.

„Das weiß Niemand, Sven,“ sagte Mama, „das weiß nur Gott.“

„Weiß er es denn?“

„Ja, er weiß es.“

Sven ging wieder hinaus in die Sonne auf die Klippen. Aber seither wurde diese Geschichte seine liebste, und beinahe jeden Morgen, wenn Mama da saß und sich frisierte, kam Sven herein, nahm das wunderliche Bild herunter und bat Mama zu erzählen.

Aber noch etwas war Sven passiert, und das hatte sich im Winter begeben. Da war er ins Theater mitgenommen worden und hatte ein Stück gesehen, das am Sonntag Vormittag gespielt wurde, wo Sven auf sein konnte und nicht nach Hause gebracht werden mußte, um sich schlafen zu legen. Strindbergs „Glückspeter“ wurde gegeben, und Sven verstand wohl nicht viel von dem Stücke, aber er unterhielt sich in seiner Weise. Er unterhielt sich so gut, daß er alle ansteckte, die rings um ihn saßen ...

Aber dann kam die Scene, wo der Tod sich dem Glückspeter zeigt, und da wurde Sven stumm. Niemand hatte daran gedacht, daß diese Scene vorkam, oder daß sie überhaupt einen solchen Eindruck machen konnte. Aber alles, was dann folgte, beachtete Sven gar nicht mehr. Und wenn ihn später Jemand fragte, was er im Theater gesehen, antwortete er nur:

„Ich habe den Tod gesehen. Das war ein großes, langes Knochengerippe und konnte sprechen. Und er hielt eine Sichel in der Hand.“

Diese Erinnerung brachte nun Sven mit dem Bilde vom Zuge des Todes zusammen. Das Einzige, womit der Knabe sich nicht aussöhnen konnte, war, daß, als er den Tod sah, er eine Sichel hatte, aber auf dem Bilde läutete er mit einer Glocke. Sonst war es, als sei die Erinnerung aus dem Theater, das Bild an der Wand und Mamas Sage für das Kind zu Einem verschmolzen.

Unaufhörlich pflegte Sven davon zu sprechen. Dieses Bild hatte sich in seiner Phantasie mit einer Intensität festgesetzt, die nichts verwischen konnte. Und er erzählte Jedem, der es hören wollte, wie der Tod auf den Glückspeter zukam und drohte ihn mitzunehmen, aber wie er wieder gehen mußte, weil der Glückspeter ihn so schön bat. Er erzählte so davon, daß er selbst bei der bloßen Erinnerung schauerte, und wenn der Tod sich ihm in leibhaftiger Gestalt offenbart hätte, so würde er nicht stärker haben ergriffen sein können.

Aber seine Freunde auf der Schäre fanden es wunderlich, daß ein so kleines Kind von etwas derartigem sprechen konnte. Sie machten sich nie über ihn lustig, sondern das, was er erzählte, bestärkte sie bloß in dem Gefühl von etwas wunderlich Zartem und Feinem, das sie gerne in die Arme nahmen und über die Berge trugen.

Und Sven ließ sich durch diese Sagen in seinem Glück nicht stören. Er war so vertraut mit ihnen, daß sie ihm nur zu folgen schienen, wie der Schatten dem Sonnenschein folgt. Und er schuf sich seine eigene Welt draußen auf der Schäre. Wenn die Brandung hoch ging und der Sturm brüllte, dann stand er am Fenster und blickte hinaus über das tosende Meer, und er konnte stundenlang so stehen, ohne daß er im stande war sich loszureißen. Wenn der Himmel blau war und der Wind kühl und still über die Insel wehte, dann ging er allein zum Strande hinab, fing Seesterne und lernte mit Booten spielen.

Aber sein liebster Aufenthalt war der Lootsenausguck, wo Mama mit ihrer Arbeit saß, und da bat er sie alles zu erzählen, was sie vom Meere wußte. Er war überglücklich, wenn er barfuß über die Klippen lief, und er zog seine kleinen Höschen hinauf, und kletterte auf seinen feinen Füßen so vorsichtig wie eine kleine Prinzessin. Aber wenn man weit gehen sollte, da bat er, daß man ihn trage. Und da Niemand Sven das abschlagen konnte, worum er bat, fand sich immer Jemand, der ihn auf die Arme oder auf die Schultern nahm. Dann sah er sich stolz um und lächelte in dem Gefühl seiner Macht und der Seligkeit, daß Alle ihn liebten.

Aber wenn Mama mit Papa allein blieb, sagte dieser öfter als einmal:

„Er ist ja so frisch und munter, wie er nie gewesen ist. Warum spricht er dann immer vom Tode?“

Und sie antwortete:

„Ich lehre es ihn nicht. Seine Gedanken kommen und gehen, wie sie wollen. — — Siehst Du?“

Sie wies hinunter auf den Strand. Da saß Sven allein und sah ungemein glücklich und froh aus. Er hielt eine Schnur in der Hand, und an der Schnur war ein Stück Holz befestigt, das wie ein Boot aussah. Das zog er auf den Strand, belud es mit Steinchen und schob es wieder hinaus.

„Hörst Du nicht?“ sagte Elsa.

Und um besser zu hören, gingen wir sachte näher, ohne daß der Knabe uns sah.

Er saß ganz stille, ließ das Holzstück auf den Wellen auf- und niedergleiten, und mit schwacher, glockenreiner Stimme sang er für sich selbst. Es war ein Seemannslied, das er von den Kindern auf der Insel gelernt hatte.

Sing fallerala, sing fallerala la, Und tief im Meere sein Grab er sah.

Da erblickte er uns, verstummte und erklärte, daß er nicht singen wolle, wenn Papa zuhörte.

10.

Ich merke, daß ich in diesem Buch fast nur von unseren Sommern erzähle. Das kommt ganz einfach daher, daß wir im Sommer am stärksten das Gefühl hatten, zu leben. Im Winter wohnten wir ja entweder in der Hauptstadt oder so nahe derselben, daß wir zu jeder Zeit hinkommen konnten. Da ging es uns wie den meisten Anderen. Das Hauptstadtleben ergriff uns, schleuderte uns in seinen Wirbel und bemaß die Zeit sehr karg, in der wir alle mit einander leben und uns Eins fühlen konnten. Dahin waren meine und meiner Frau lange vertrauliche Gespräche zu Zweien, dahin das muntere Zusammenleben mit den Kindern. Nicht einmal das Weihnachtsfest, ja das am allerwenigsten, war frei von dem Gefühl überanstrengenden Hastens, das Müdigkeit, Ueberdruß und Mißstimmung zurückläßt. Darum erwarteten wir den Sommer beinahe wie eine Befreiung von etwas Bösem, und wenn wir die Hauptstadt verließen, war es immer, als zögen wir unserer eigenen Erneuerung und der unseres Zusammenlebens entgegen.

Von unserem letzten Sommer will ich jetzt erzählen, dem letzten, in dem wir wirklich das Gefühl hatten, zu leben, dem Sommer, der so ganz anders wurde, als wir gehofft und gedacht hatten.

Wir hatten diesmal einen ganz anderen Ort gewählt, als die Schären der Westküste, und wir hatten dies gethan, damit meine Frau sich mit all dem umgeben konnte, was sie im vorhergehenden Sommer vermißt hatte. Denn wie sehr das Meer sie auch ergriffen hatte, barg sie doch in tiefster Seele eine Art Abgeneigtheit gegen die See, die in einsamer Majestät herrschen will und keine hohen Bäume und blühenden Matten in ihrer unmittelbaren Nähe duldet. Im Innersten sehnte sie sich immer nach belaubten Hainen und üppigen Blumen, und der Sieg, den ich in meinem Kampf fürs Meer errungen, war also nur halb. Darum kamen wir überein, für die Zukunft abwechselnd den Ort unseres Sommeraufenthalts zu bestimmen. Und diesen Sommer wollten wir überdies mit Anderen theilen, das wiederbeleben, was einmal unsere Herzen erfüllt, als all unser Glück sich im Kreise von lauter Freunden wiederspiegelte, die in unserem Hause so kamen und gingen wie in ihren eigenen.

Um den Kontrast zu dem Sommer auf der Schäre so stark als möglich zu machen, wählten wir „Lidingön“, und in dem oberen Stockwerk eines halb verfallenen Herrenhofs schlugen wir unser Sommerheim auf.

Es war eine Wohnung mit vielen großen Zimmern, eine Wohnung mit schrägen Fenstern, fleckigen Tapeten und altväterischen großen Veranden, einer langen und schmalen, die nach dem Hof ging, und einer kleineren, von der aus man über den Garten sah, mit seinen ungeharkten Wegen und den wildwuchernden Beerensträuchern, über die Eichen weit hinaus nach der Landzunge und der ganzen stillen, hellen Bucht sah, die in Grün gebettet dalag und einem ruhigen Binnensee glich. Die Veranden waren zu beiden Seiten des Hauses ganz und gar von wildem Wein überwachsen, und auf der Veranda nach dem Meere war die eine Seite mit Kaprifolium bedeckt. Das Ganze machte den Eindruck eines Hauses, das im begriffe ist, überwuchert, überwachsen zu werden, zu verschwinden, um wieder eins mit der Natur zu werden. Wenn man auf der kleineren Veranda saß und träumend über den Garten blickte, auf die Eichen und die ruhige Bucht, mußte man daran denken, daß alles, was hier gepflügt oder gebaut war, einmal verschwinden und daß der Tag kommen würde, wo neue Menschen das in der Erde verborgen fanden, was der Freude und Sorge längst vergessener Menschen eine Heimstatt gegeben hatte und Nahrung ihren Körpern. Wehmütig ohne jede Düsterkeit schlich sich dieses Gefühl über den, der da saß und die Stimmung dieses kleinen Flecks in sich aufnahm, und es wurde ihm zu Mute, als hätte alles irdische Glück darin bestanden, hier zu leben, bis das Haus fiel und das Unkraut alles verdrängte, und dann einschlummern zu dürfen, mit dem Gebäude, das in Ruinen zerfiel, und den alten Bäumen, die morsch und abgelebt zusammensanken, und eins zu werden mit der unfruchtbaren Erde selbst, die es auch müde geworden zu sein schien, das zu tragen, was bestimmt war, ihren Bebauern Leben zu geben.

Hier wuchsen die Syringen dicht, der Goldregen hing prächtig und schwer über ungepflegte Beete und Rabatten, wo die Mohnblumen sich überreif zur Erde neigten und die Rosensträucher sich drängten. Hier war alles, was meine Frau an Stimmung und Natur liebte. Hier war etwas von einer sterbenden melancholischen Ueppigkeit, die mit ihrem ganzen Seelenleben übereinstimmte. Hier ging sie umher, als wäre sie vom ersten Augenblick an daheim. Hier vergaßen wir, daß das Leben und die Menschen uns schwere Wunden geschlagen und daß wir selbst uns gewehrt und zurückgeschlagen hatten. Hier vergaßen wir den Zwang des Winters und seine enervierenden Vergnügungen. Und auf der anderen Seite der Bucht hatten wir Freunde, zwischen deren Brücke und der unseren die Boote häufig hin- und hergingen.

Aber die ganze Umgebung lastete schwer auf mir, und ich hatte das Gefühl, als hinderte sie mich am Arbeiten. Sie versetzte mich in eine Stimmung, die verschieden von allem war, was ich je erfahren. Aber die Zeit verging, und mit ihr kam die Ruhe. Mit einer Stärke wie nie zuvor kam der Genius der Arbeit über mich, und ich wurde von nichts anderem gestört als von Sven.

Denn er war der Einzige, den wir nie lehren konnten, daß Papa in Frieden gelassen werden müßte, wenn er arbeitete. Er öffnete die Thüre so sachte, als wollte er zeigen, wie wichtig es war, daß Stille herrschte. Sah ich ihn dann an, so legte er den Finger auf den Mund und sagte „Pst“ mit einer so machtbewußten und gleichzeitig unschuldigen Miene, daß ich unwillkürlich die Feder weglegen mußte. Sah ich hingegen nicht auf, dann ging er sachte zum Schreibtisch hin und stellte sich neben mich. Er konnte da geduldig die längste Zeit stehen; und wenn ich stark blieb und that, als ahnte ich seine Nähe nicht, dann konnte er wieder seiner Wege gehen, ebenso still, wie er gekommen war. Das geschah jedoch nicht oft, und wenn ich den Kopf nur ein klein wenig drehte, sah ich sogleich die blauen, erwartungsvollen Augen, die die meinen suchten. Und dann war ich verloren.

„Was willst Du eigentlich, Sven?“ sagte ich.

Und ich meinte, daß ich streng aussehen sollte, wußte aber, daß ich es nicht konnte.

Dann war es eine Blume oder ein Stein oder irgend eine andere Seltenheit, mit der er kam. Und ich ergab mich auf Gnade und Ungnade. Ich schob Papier und Feder weg und ließ Sven mich stören, so viel er wollte. Und darüber freue ich mich jetzt.

11.

Hier draußen sang der kleine Sven, wie er es den ganzen Winter gethan, und gewiß hatte Elsa hauptsächlich um seinetwillen darauf bestanden, daß unser Klavier einmal mit hinaus in die Schären kam.

Denn seit Mama entdeckt hatte, daß Sven singen konnte, war es doch nur ganz natürlich, daß sie anfing, seine Anlagen auszubilden, und daß sie stolz auf seine Stimme war wie auf alles, was er sagte, that und vornahm. Sie schaffte ihm kleine Liederbücher an und lernte die Worte mit ihm auswendig. Denn Sven war erst fünfeinhalb Jahre alt und zu klein, um lesen zu können. Auch hatte seine Mama heilig und teuer gelobt, daß es lange dauern würde, bevor er sich mit etwas so Schrecklichem plagen müßte. Aber singen, das konnte er, und er konnte viele Lieder. Sehr selten entschlüpfte ihm ein falscher Ton, und war das einmal der Fall, so sah er ganz verdrießlich aus und begann wieder ganz von vorne.

Er hatte auch nie Angst zu singen, wenn Fremde zuhörten. So viele, als wollten, durften kommen. Sven sang und lachte, und die großen, blauen Augen leuchteten. Warum sollte er Angst haben, zu singen, wenn er es selbst so lustig fand, und er im übrigen so schön sang? Das hatte Mama gesagt, und wenn sie es fand, mußten ja alle dasselbe finden.

Von allen schönen Liedern, die Sven konnte, war doch keines niedlicher anzuhören als dieses:

Bäh, bäh, weißes Lamm, hast Du denn auch Woll? Ja, ja, kleiner Mann, hab die Taschen voll. Sonntagsrock für Vater und Feierkleid fürs Mütterchen Und zwei Paar Strümpfe fürs kleine, kleine Brüderchen.

Der Schluß dieses Liedes war Svens Glanznummer. Denn so wie er zu dem letzten Vers kam, ging es über Stock und Stein, so rasch, so rasch, als wollte er das Schlußwort aufessen und für sich selbst behalten. „Das kleine, kleine Brüderchen“ eilte lange vor der Klavierbegleitung daher, und das kam nur daher, daß er die zwei paar Strümpfe für eigene Rechnung nahm und den ganzen Vers als eine Anspielung. Warum sollte auch nicht das ganze Lied eigens für ihn geschrieben sein, wenn er es singen konnte und sich so darüber freute?

Dieses Lied durfte kein Anderer als Sven singen, und es konnte es auch Niemand so wie er, der das kleine Brüderchen im Leben war, das kleine Brüderchen im Tode, der niemals etwas Anderes wurde und immer unter diesem Namen leben wird.

Die Fenster im Speisesaal stehen offen, der Duft des Flieders strömt mit der Abendluft herein, die Sonne ist im Untergehen, und auf der Wand über dem geöffneten Klavier beben ihre Strahlen. Am Klavier sitzt seine Mama in weißem Sommerkleid, rings herum stehen wir Anderen, und mitten unter uns singt der kleine Sven.

Sonntagsrock für Vater und Feierkleid fürs Mütterchen Und zwei Paar Strümpfe fürs kleine, kleine Brüderchen.

Es ist Johannisabend, und Sven ist glücklich. Denn er hat Mamas Versprechen, daß er sich an diesem Abend nicht früher niederzulegen braucht, als bis er selbst will. Das will er natürlich nie, und mit Mamas Hand in der seinen geht er mit den Brüdern und den Großen über die Gartenwege, bis ihm die Augen zufallen und er schlafend in sein Bett getragen wird, nichts von seinem Unglück ahnend, nicht länger wach sein zu dürfen.

Da schläft er mit seinem Freund auf dem Arm, dem weißen kleinen Hund aus Holz, der Wolle hat wie ein Lämmchen und Augen aus schwarzen Stecknadelknöpfen und den Sven „Flocki“ getauft hat. Flocki ist ein friedlicher Schlafkamerad. Er stört Niemanden.

Draußen in den Kronen der Bäume ertönt das erste schwache Vogelgezwitscher, das die Morgenröte kündet.

12.

Ich glaube nicht, daß Sven je ein so wunderbares Zusammenleben mit seiner Mutter gelebt hat, wie in diesem Sommer, oder vielleicht ist es auch möglich, daß ich nie Gelegenheit hatte, es so gründlich zu verfolgen. Möglicherweise trug hierzu der Umstand bei, daß wir in diesem Sommer zum ersten Mal die Gesellschaft unseres großen Jungen entbehrten. Olof hatte nämlich nach dem Norden reisen müssen, um Waldluft zu atmen und sich daran zu gewöhnen, allein vom Hause fort zu sein. Und die Folge davon wurde natürlich die, daß die Zurückbleibenden sich noch inniger als gewöhnlich an einander schlossen. So viel ist gewiß, daß ich in diesem Sommer unbewußt anfing Sven mit denselben Augen anzusehen wie seine Mutter, und daß mir nie so wie damals die Augen darüber aufgingen, wie verschieden er von allen Kindern war, die ich je gesehen, obgleich nichts bei ihm anders war, als was man kindlich nennt.

An einen Morgen erinnere ich mich, daß er mich, als ich spazieren ging, dadurch überraschte, daß er ganz allein auf der Wiese saß mit einem Strauß Glockenblumen und Ranunkeln in der Hand. Ich fragte ihn, ob er mit mir in den Park gehen wollte. Das war ein Anerbieten, das er immer mit Entzücken aufzunehmen pflegte, und es erregte daher mein Erstaunen, daß er sich diesmal energisch weigerte.

„Willst Du nicht mit Papa kommen, Sven?“

Ich fühlte mich beinahe verletzt und dachte, es wäre eine Laune.

Sven schüttelte nur den Kopf und blieb stille sitzen.

„Aber warum denn?“

„Ja, ich sitze hier und warte auf Mama,“ sagte das kleine Brüderchen mit großer Bestimmtheit.

„Aber Du weißt doch, daß Mama erst viel später herauskommt. Mama ist nicht so gesund wie früher, und sie muß morgens lange liegen, weil sie in der Nacht nicht schläft.“

So verhielt es sich auch, und wenn uns das nicht hinderte, unser Sommerglück zu genießen, so kam es nur daher, daß wir uns im Laufe der Jahre so sehr daran gewöhnt hatten, daß die Kränklichkeit meiner Frau zeitweise wiederkommen mußte, daß dieser Umstand uns nur ganz natürlich und alltäglich schien.

Sven ließ sich jedoch durch keine Vernunftgründe beeinflussen, sondern blieb eigensinnig sitzen.

„Ich weiß, daß sie heute kommt,“ sagte er.

Ich lächelte über seine Sicherheit und ging weiter, während ich weniger an seine Voraussage als an diese allumfassende Liebe eines Kindes dachte, die weit über seine Jahre hinausging und die den Knaben veranlaßte, unthätig mit ein paar Blumen in der Hand dazusitzen, nur um es nicht zu versäumen, die Mutter im selben Augenblick, in dem sie sich zeigte, zu begrüßen.

Aber während ich so weiter ging, wendete ich mich plötzlich um, und da sah ich den weißen Hut und das leichte, geblümte Kleid meiner Frau zwischen den Jasminbüschen auftauchen. In demselben Augenblick hörte ich einen gellenden Schrei von Sven.

Lächelnd ging ich zurück und sah den Knaben in einem Paroxysmus der Zärtlichkeit an dem Halse seiner Mutter hängen. Ich rief sie an, aber das kleine Brüderchen ließ nicht locker. Er klammerte sich an Mama an, und schon aus der Ferne rief er mit einem Gemisch von Verdrießlichkeit über mein Mißtrauen und Triumph darüber, daß er Recht behalten hatte:

„Siehst Du, daß sie gekommen ist! Siehst Du, daß ich es wußte!“

„Du bist wohl drinnen gewesen und hast geguckt,“ sagte ich.

Nichts kann die Verachtung aller rationalistischen Auslegungen dessen, was er fühlte und wußte, beschreiben, mit der Sven antwortete:

— „Nein, das habe ich gewiß nicht. Hab ich es, Mama?“

Und Mama tröstete ihn damit, daß er gewiß nicht geguckt habe. Aber zu mir sagte sie:

„Du kannst nicht glauben, wie oft das schon geschehen ist. Es ist, als fühlte er mich in der Luft, bevor ich komme. Kinder können ja so etwas nicht erfinden.“

13.

Sven war jedoch überhaupt in diesem Sommer nicht derselbe. Ohne irgend einen äußeren Anlaß konnte er plötzlich erklären, daß er müde sei, und dann wollte er nur im Grase liegen mit dem Kopf in Mamas Schoß. Oder er kam auch zu Papa und bat ihn, ihn zu tragen. Dann nahm Papa ihn auf die Schultern und trug ihn hinaus in Wald und Feld, und nie ist sein Blick dankbarer gewesen oder sein kleines, weiches Händchen zärtlicher.

Dann klagte er über Kopfschmerzen und bekam Antipyrin, und dann wollte er des Morgens nicht aufstehen und sagte, er sei so müde. Aber da der Kleine im übrigen ganz gesund schien, hob Papa ihn aus dem Bette und erklärte, er solle sich ankleiden und zusehen, daß er hinaus in die frische Luft komme. Da stand Sven auf und versuchte, so lange Papa drinnen war, so gut er konnte, die mühsame Arbeit, die Strümpfe anzuziehen. Aber sowie Papa zu der Thür hinaus war, schlich er zu Mamas Bett und bat, zu ihr hineinkriechen zu dürfen.

Natürlich konnte Mama einer solchen Bitte nicht widerstehen. Und nie war Sven glücklicher. Da lag er mit dem Kopfe in Mamas Arm, schloß wieder die Augen und war still und ruhig, bis die Kräfte anfingen, zurückzukehren. Dann stand er wieder auf, aber bevor er es that, sah er Mama mit seinen merkwürdigen Augen an:

„Erzähle es Papa nicht!“

„Ja, aber warum denn?“ sagte Mama.

„Ja, weißt Du, sonst wird Papa sehr böse.“

All das erschien Mama so wunderlich, daß sie Sven alles Mögliche versprochen hätte; und folglich versprach sie auch dies. Und Sven ging hinaus und war ruhig und zufrieden, weil Mama seinen Ungehorsam nicht verriet und weil er und Mama zusammenhielten.

Aber wenn Mama fortreisen sollte oder nur ohne ihn ausgehen, da war er verzweifelt. Sein Schmerz kannte keine Grenzen, und sein Weinen war so herzzerreißend, daß man nichts Anderes thun konnte, als ihm mit allen Trostgründen zusprechen, die Einem zu Gebote standen. Ja, der Anblick seines leidenschaftlichen Schmerzes war so qualvoll, daß man ihn lange nicht vergessen konnte, und eines Vormittags sprachen wir davon. Ich hatte gerade meine Frau überredet, mich auf einem Ausflug in die Stadt zu begleiten, um dort mit ein paar Freunden zu Mittag zu essen und, wie man sagt, ein bißchen herauszukommen. Und ich hatte das gethan, gerade weil ich fand, daß sie sich von Sven ausruhen sollte.

Es gelang uns schließlich auch, den Eindruck zu vergessen, den uns die Thränen des Kleinen gemacht hatten, und wir brachten einen angenehmen Tag zu, wie immer in der Stadt, wenn wir wußten, daß wir nicht dort zu bleiben brauchten. Die Stimmung war gerade auf dem Höhepunkt, als meine Frau mich im Flüstertone fragte, ob es mir sehr unangenehm wäre, wenn sie mit einem früheren Boot wegführe. Es war recht selten, daß wir einen Ausflug machten, um uns zu unterhalten, und der Vorschlag war nicht gerade nach meinem Geschmack. Ich stellte daher Elsa vor, daß wir gesagt hatten, wir würden erst mit dem letzten Boote kommen, und daß uns daher Niemand erwartete. Mit einem Worte — ich erhob alle die Einwände, die mir einfielen. Und zuletzt versuchte ich es mit einem Hauptargument:

„Sven hat sich ja schon niedergelegt, wenn Du kommst.“

„Das ist es nicht,“ war die Antwort. „Ich möchte nur gerne nach Hause.“

Sie sah mich bittend an, und natürlich war die Folge die, daß sie wegfuhr.

Inzwischen ging Sven Nachmittag zuhause umher und spielte. Aber als die Zeit herankam, zu der er sich niederzulegen pflegte, verschwand er spurlos. Unsere Dienstmädchen gehörten nicht zu Jenen, die sich viel Kopfzerbrechens machen; und als sie ihn ein paar Mal gerufen hatten, ohne eine Antwort zu bekommen, gaben sie sich damit zufrieden, daß er sich schon zeigen würde, wenn die Dunkelheit einbreche, und daß die Herrschaft ja auf jeden Fall erst spät zurückkomme. Sven konnte also seiner Wege gehen, und gegen acht Uhr setzte er sich ganz allein auf die Dampfschiffbrücke. Er wußte nicht so genau, wann das Dampfschiff kam, und darum mußte er auch lange dort sitzen. Aber er wartete geduldig und still, und schon weit draußen in der Bucht, während das Boot zwischen den vielen Brücken hin und her lavierte, erblickte ihn seine Mama. Er saß da ganz klein und zusammengekauert, und sein kleiner grüner Krockethut leuchtete gegen das blaue Wasser.

Alles kam ihr so wunderlich vor, beinahe als hätte sie es vorher gewußt, daß er da sitzen würde, und ihre Augen ließen die ganze Zeit die kleine Gestalt nicht los, die auf der Bank der Brücke saß, mit gesenktem Kopf und gebeugtem Rücken, als grübelte er. Aber als das Boot anlegte und Mama sich anschickte ans Land zu steigen, da stand der kleine Sven in der höchsten Spannung aufrecht auf der Brücke, und seine Augen suchten und suchten, als stünde das ganze Leben auf dem Spiel. Und als Mama ihm entgegen kam, da war es schwer zu sagen, wer glücklicher war, er, der nicht vergeblich gewartet, oder sie, die das Kind ihrer harrend gefunden.

„Aber wie konntest Du da sitzen, Sven,“ sagte Mama mitten in ihrer Freude. „Mama sollte doch erst spät nachts kommen.“

„Ich wußte natürlich, daß Du kommen würdest,“ sagte Sven.

Seine Stimme und seine Augen waren voll Verwunderung, daß Mama sich eine so einfache Sache nicht vorstellen konnte.

„Ich wußte natürlich, daß Du kommen würdest, und darum saß ich da und wartete.“

Und auf Mamas Frage, ob er lange gesessen habe, antwortete er:

„Ja, natürlich, sonst hätte Hanna mich erwischt. Und dann hätte ich mich niederlegen müssen.“

Mama antwortete nichts darauf. Es wäre ihr nicht möglich gewesen ihm vorzuhalten, daß er eigentlich ungehorsam gewesen sei. Seine unschuldige Liebe, die die Ursache dazu war, schützte ihn gegen jeden Vorwurf, und Sven wußte das sehr wohl. Er blickte von der Seite zu Mama auf und lächelte:

„Ich habe Hanna zum Besten gehalten. Ich bin hinter den Busch gekrochen, so daß sie mich nicht sehen konnte.“

„Nein, das hast Du gethan?“ sagte Mama.

Sie und Sven gingen zusammen hinauf, zufrieden wie zwei Mitschuldige, deren Streich geglückt ist, und die Folge war natürlich die, daß Mama an diesem Abend ihren Jungen selbst niederlegte. Das that sie übrigens oft, obgleich er bald sechs Jahre wurde und bei ernsthafteren Anlässen der große Junge genannt wurde.

Wie langsam es ging, wenn sie ihm ins Bett half! Wie leicht und weich nahm sie nicht seine Kleidungsstücke ab, wie vorsichtig wusch sie nicht seine zarten Glieder, wie sachte wurde er nicht abgetrocknet, und wenn dann das lange Nachthemdchen übergestreift werden sollte, ging es wie ein Spiel. Dann saß sie mit dem Kleinen im Schoße da und träumte von der Zeit, als er noch ganz klein war und sie ihn selbst nährte. Und wenn er endlich zu Bett gehen sollte, da wollte er nie sein Abendgebet sprechen. Er hatte tausend Einfälle, nur um es zu verhindern, daß Mama von ihm ginge. Aber wenn er es gesagt hatte, schlang er die Arme um sie und flüsterte:

„Es ist so schön, wenn Du mir hilfst. Denn Du faßt mich nie hart an.“ Elsa beugte sich noch tiefer über sein Bett und flüsterte zurück:

„Ich werde Dir immer helfen. Kein Anderer darf es thun. Bis Du Dir selbst helfen kannst.“

Sie war reich dafür belohnt, daß sie ein Vergnügen unterbrochen und nach Hause gefahren war, und als ich mit dem letzten Boote nachkam, lag sie wach, um mir alles zu erzählen, was Sven gesagt hatte.

Nach einem fröhlichen Tag mit Kameraden wirkten diese kleinen rührenden Züge des Knaben noch mehr auf mich, als sie es sicherlich sonst gethan hätten.

„Weißt Du, daß ein großer und guter Mann mir gegenüber einmal dieselben Worte gebraucht hat, als er von dem ersten Eindruck erzählte, als seine Mutter gestorben war?“ sagte ich. „Auch er war damals zwischen fünf und sechs Jahren, und es handelte sich um dieselbe Sache — das Hemd zu wechseln. Er gebrauchte ganz dieselben Worte: ‚Ich fühlte das erste Mal, daß Jemand mich hart anfaßte.‘“

Ich stand neben Svens kleinem Bett und sah ihn lange an. Seine Schläfen hatten etwas Eingesunkenes bekommen. Aber er schlief tief und gut, und ich beugte mich hinab und küßte ihn auf die Stirne.

Wir versuchten von etwas Anderem zu sprechen, aber ich war so von dem Gedanken an das Kind erfüllt, daß ich keinen Sinn für etwas Anderes hatte.

„Hast Du nie an etwas gedacht?“ sagte ich. „Olof kann ich mir als einen großen Menschen denken als ganz erwachsen. Und Svante auch! Sie sind ja so verschieden. Aber ich kann sie mir doch Beide so denken. Aber Sven? Kannst Du ihn Dir groß denken? Was willst Du mit ihm in der Welt anfangen? Wohin glaubst Du, daß er passen würde, außer zu uns?“

Meine Frau lächelte mit einem schmerzlichen Zug, der nadelfeine Falten um ihren Mund bildete.

„Daran habe ich oft gedacht,“ sagte sie. Und ihren eigenen Gedankengang weiterspinnend, fügte sie hinzu:

„Das ist vielleicht deshalb, weil ich ihn mehr als alles Andere auf der ganzen Welt liebe. Mehr als die beiden anderen Knaben, mehr als Dich. Ich habe oft daran gedacht, und ich weiß, wenn einer der großen Jungen stürbe, ich würde nie aufhören, um sie zu trauern. Aber ich glaube, ich könnte es tragen, Euch zuliebe, die ihr lebtet. Wenn Du stürbest — ich vermag es nicht zu denken. Aber wenn Sven stürbe, dann könnte ich auch nicht leben. Ich habe oftmals daran gedacht, es Dir zu sagen. Denn ich wollte, daß Du es wüßtest.“

Sie reichte mir ihre Hand, und ihre Augen suchten die meinen, als wollte sie mich um Verzeihung bitten, daß sie glaubte, ohne mich leben zu können. Und nachdem wir das Licht gelöscht hatten, lag ich lange wach und wiederholte in Gedanken ihre Worte. Ich schlief in dem Glauben ein, daß ich niemals erfahren würde, ob sie die Wahrheit gesprochen oder nicht.

14.

Sven wurde so krank, daß er zu Bett gebracht werden mußte. Aber obgleich wir sehr wohl wußten, daß es bedenklich genug war, blieb das Fieber doch so schwach, daß wir an keine wirkliche Gefahr glaubten. Ich schrieb unverdrossen weiter, und meine Frau saß am Krankenbett des Knaben, hielt seine Hand in der ihren und erzählte ihm Märchen, wenn er zuhören konnte.

Der Doktor sagte uns, daß die Krankheit zweifellos langwierig sein würde, aber glaubte uns im übrigen die besten Aussichten geben zu können, und da ich lange eine Reise geplant hatte, fuhr ich für ein paar Tage fort, in der Hoffnung, wenn ich heimkäme, das Schlimmste vorüber zu finden. Ich brachte also drei ganze Tage mit guten Freunden zu, und ich freute mich, ohne in höherem Maße Unruhe zu empfinden, an Freundschaft und schöner Natur. Aber als ich dann im Zuge saß und nach Stockholm zurückkehren sollte und von dort nach meinem Heim, kam eine Angst über mich, die ich nicht bezwingen konnte. Unmittelbar bevor ich fuhr, hatte ich mit meiner Frau durchs Telephon gesprochen. Ich hatte aus der Ferne ihre Stimme vor Freude beben gehört: Sven ging es besser! Er hatte im Bett aufrecht gesessen und gelacht und geplaudert. Er hatte gegessen und Mama gebeten, das „Vaterle“ zu grüßen, was sein Specialkosenamen war, wenn er sehr ausgelassen war. Alles deutete also auf das Beste, und doch konnte ich meine Angst nicht los werden.

Als ich nach Stockholm kam, war es zehn Uhr Abends. Ich war gerade zu der Minute gekommen, in der das letzte Boot zu mir nach Hause abging. Ich begab mich daher direkt in das Hotel, in dem ich abzusteigen pflegte. Es war dunkel, und der Regen fiel in Strömen. Hastig trat ich ins Vestibule, mit jener Empfindung hoffnungsloser Fremdheit, die mich immer überkommt, wenn ich zur Sommerszeit gezwungen bin, Stockholm zu besuchen, und weiß, daß ich allein sein muß. Ich konnte noch nicht mein Ersuchen um ein Zimmer vorbringen, als der Portier mir schon entgegenkam und mich, indem er eine Nummer nannte, bat, dieselbe sogleich telephonisch anzurufen.

Ich that es und bekam nur den Bescheid, daß der Doktor schon fort sei und daß ich mir augenblicklich einen Wagen nehmen und nachfahren sollte.

Der Schlag, der mich so heftig und unvorbereitet traf, lähmte mich, und die fieberhafte Thätigkeit, die ich entwickelte, erschien mir selbst ganz automatisch. Ich bestellte einen Wagen, und im selben Augenblick, in dem das geschehen war, dachte ich, daß ich essen sollte. „Sven ist gestorben,“ dachte ich. „Er lebt nicht mehr, wenn ich nach Hause komme. Wenn ich komme, darf ich nicht hungrig und müde sein. Ich muß wachen können und meine Frau trösten.“ All das ging durch mein Hirn, während ich dasaß und auf die Mietsdroschke wartete. Ich sah mich selbst wie eine andere Person, sah, daß ich Fleisch auf meinen Teller legte, es zerschnitt und zu essen versuchte. Die ganze Zeit dachte ich bloß an Eines: an den Wagen, der nicht kam. Gott im Himmel! Der Wagen kam nicht, und daheim lag mein Junge und starb, und ich konnte nicht zu ihm kommen.

Ich bezahlte und ging in die Vorhalle des Hotels, wo ich auf- und abging, es war mir ganz unmöglich, still zu sitzen, unmöglich, einen zusammenhängenden Gedanken zu denken.

„Mein Kind liegt im Sterben,“ sagte ich zum Portier. „Darum bin ich so nervös.“

Ich versuchte, ihm zuzulächeln, damit er begriffe, wie sehr ich selbst einsah, daß mein Betragen sinnlos war. Aber ich fühlte selbst, daß das Lächeln zu einer Grimasse wurde, und ich wartete auch nicht seine Antwort ab. Ich fuhr nur fort, mit der Uhr in der Hand auf- und abzugehen, als wollte ich der Zeit vorauseilen, und als der Wagen endlich kam, war ich gewiß, daß alles vorüber sei. Ich begriff nicht, warum ich dasaß oder warum ich hinaus in den strömenden Regen fahren sollte, aber automatisch wie früher sagte ich zum Kutscher:

„Fahren Sie, so rasch nur ein Pferd laufen kann, mein kleiner Junge liegt im Sterben. Sie sollen es nicht umsonst thun.“

Der Kutscher hatte uns schon oft gefahren.

„Ist das der kleine, liebe Junge, der so schön ist?“ fragte er.

Diese einfachen Worte riefen mich wieder zur Wirklichkeit zurück, und durch meine Brust wogte eine warme Welle der Dankbarkeit gegen den jungen Menschen, der mich kutschierte.

„Ja,“ sagte ich mit erstickter Stimme. „Ja, er ist es.“

Und ich setzte mich in den Wagen, mit dem Gefühl, daß ich einen Menschen getroffen habe, der begriff, um was es sich handelte und der mir helfen würde. Während wir über die Gassen eilten, sprach ich still mit mir selbst und weinte vor Freude und Schmerz: „Er ist so schön und gut, daß selbst ein Mann, der ihn nur in einen Wagen hat steigen sehen, sich seiner erinnert und es mir sagt. Und er soll sterben? Es giebt ja Millionen Kinder, die leben dürfen. Warum muß gerade meines sterben?“

Nie bin ich rascher gefahren, und nie ist mir ein Weg länger erschienen. Ich sah im Dunkel die Funken um die Hufe der Pferde sprühen, ich fühlte, wie der Regen nachließ, und sah die Landschaft wie ein dunkles Schattenspiel an mir vorbeifliegen, und die ganze Zeit saß ich da und sprach zu mir selbst unfaßbare Worte, von denen ich nicht verstand, wie sie mir auf die Lippen kamen. Es war, als würde ich durch die Dunkelheit gerade dem entgegengeführt, was für mich kommen mußte, und ich bat bloß um Aufschub, bat, daß er noch lebte, wenn ich ankäme, sodaß er noch einmal seine Arme um meinen Hals schlingen könnte und ich seine Stimme hören dürfte.

Vorwärts ging es, vorwärts in rasender Eile. Der Wagen sprang von der einen Seite des Weges auf die andere. Aber keinen Augenblick fiel es mir ein, daß etwas zerbrechen könnte oder daß wir umwerfen würden. Das war ein prächtiger Bursche, der Kutscher, der an meinen kleinen Jungen dachte, der so schön und lieb war und der nicht sterben durfte.

„Es ist der Vater mit seinem Kind,“ sagte ich laut zu mir selbst. Ohne daß ich es wußte, saß ich da und recitierte Verse, und ein krampfhaftes Schluchzen drängte sich durch meine Kehle, als wollte es mich ersticken, und um Luft zu bekommen, beugte ich mich aus dem Wagenfenster und sah die Landschaft an, in der ich jede Aussicht, jede Biegung des Weges kannte. An den Steinen, über die der Wagen jetzt rüttelte, konnte ich merken, daß wir in den Abkürzungsweg eingebogen waren, der zu meinem Heim führte. Alle Sinne angespannt, sah ich hinaus ins Dunkel, ich sah die Konturen einer Droschke, die auf dem Hofe hielt. Der Doktor ist noch da! Der Doktor ist noch da! Dann hörte ich von der Veranda die Stimme meiner Frau: „Er kommt. Gott sei Dank! Er ist da!“ Und in ein paar Augenblicken war ich die Stufen hinaufgeeilt und stand im Saal.

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