Dritter Teil
Francis Maro translation
Ewig besitzen wir nur das Verlorene.
Henrik Ibsen.
1.
Nichts von dem, was ich erwartet und gefürchtet hatte, blieb aus. Der einzige Unterschied war der, daß, während das Unglück immer größer wurde, ich nicht daran glauben wollte, trotzdem ich es geahnt hatte und wußte, daß es kommen würde. Denn daß der Schmerz kommen wird, das können wir Menschen wissen. Wie er wirklich kommt, wissen wir jedoch nie.
Das Erste, was ich mit unaussprechlichem Entsetzen fühlte und verstand, als wenigstens so viele Tage verflossen waren, daß ich zur Ruhe kommen und über das, was wirklich geschehen war, nachdenken konnte, war, daß meine Frau nie so aus ihrem innersten Wesen gesprochen hatte, als da sie in meinem Zimmer vor mir saß und mir sagte, daß sie zum Unglück geboren sei, und daß sie jetzt, wo Sven dahin sei, nur lebe, um zu sterben. Immer von neuem wiederholte ich ihre Worte, immer von neuem hallten sie in meinem Ohr wieder, und je länger ich an sie dachte, desto gewisser wurde es mir, daß sie einen Kampf kämpfte zwischen dem Verlangen zu sterben und ihrer Liebe zu mir und ihren Kindern, die ihr gebot zu leben. Dennoch begann mehr und mehr alles das, was sie von ihrer Liebe zu uns gesagt, vor meinen Gedanken emporzusteigen und die furchtbaren Worte zu verdrängen, welche von einer Todessehnsucht zeugten, die beinahe ein Entschluß zum Tode geworden war. Ich sah sie hin- und hergerissen zwischen dem Gefühle, das sie an uns drei, die wir noch lebten, band, und der dunklen Sehnsucht, die sie zu ihm zog, der dahingegangen war. Wir waren ein Ganzes für sie gewesen, und daher kam ihr Leiden, sie fühlte, daß sie nie die streitenden Kräfte würde versöhnen können, die um ihre Seele rangen.
Ich sah all dies. Ich sah es während einer Reise, zu der ich sie fast gezwungen, um ihr den Anblick des Meers und der Sonne, neue Menschen und Eindrücke des Lebens zu geben. Nie vergesse ich diese Reise. Nie vergesse ich die Hoffnungslosigkeit, die sich meiner bemächtigte, als ich Woche für Woche immer deutlicher gewahrte, daß alles, was sie sah, an ihr vorbei glitt, als wäre es für sie nicht vorhanden. Sie verbarg mir viel, sie verbarg sogar ihre Thränen, und ich begriff, daß sie das that, weil sie sah, wie ich nur in der Hoffnung lebte, sie zum Leben zurückzuführen, und sie so gerne, so gerne wollte, daß ich solange als möglich diese Hoffnung beibehalte. Ich begriff dies eines Abends, als wir auf einer Veranda saßen und über die norwegischen Fjords und Fjells sahen. Elsa betrachtete lange alles, dann schloß sie die Augen vor dem Bilde, das sie liebte, und sah fort.
„Georg,“ sagte sie, „Georg! Warum läßt Du mich all das sehen?“
Dann brach sie still in Thränen aus, aber versuchte wieder ihrem Weinen Einhalt zu thun und sah zu mir empor.
„Warum thust Du so viel für mich? Warum bist Du so gut gegen mich? Es wäre viel besser, wenn Du mich meinen eigenen Weg gehen ließest.“
Ich fühlte, daß ich vor einem Leiden stand, das sich nicht messen oder wägen ließ. Ich fühlte Reue, daß ich sie dem Schmerze entziehen wollte und daß ich sie es hatte merken lassen. Ueberhaupt versuchen, sie zu leiten oder auf ihren Kummer einzuwirken, schien mir in diesem Augenblick nur elend und klein. Ich zog sie bloß an mich und sagte:
„Weine bei mir! Weine so viel Du willst! Lege Dir keinen Zwang auf! Glaubst Du nicht, daß ich trauere wie Du?“
Die Thränen strömten aus ihren Augen, und doch war das Gesicht, das sie mir zuwandte, so freudestrahlend, als sei ihr das größte Glück widerfahren.
„Wirklich?“ sagte sie.
Daß meine Frau glauben konnte, ich hätte schon vergessen oder sei auf dem Wege zu vergessen, ergriff mich so, daß mein Schmerz losbrach, und ich hörte und sah nichts Anderes, als was ich selbst fühlte und was mich quälte. Ich erzählte ihr, wie nüchtern unser ganzes Heim mir jetzt vorkäme, seit Sven gegangen war. Ich sagte ihr, welche Angst ich hätte, wieder heim zu kommen und die Arbeit des Alltagslebens zu beginnen, jetzt, da ich wüßte, daß seine klare Stimme mich nicht willkommen heißen und er selbst nicht mehr hinter der Thüre versteckt stehen würde, um mich zu begrüßen, wenn ich heim käme. All das sagte ich ihr, und ich fühlte, wie sie an meiner Brust ruhig wurde. Ich war glücklich in dem Bewußtsein, wie gemeinsam wir noch fühlen konnten. Aber ich begriff auch, daß ihre Furcht, ich teilte ihren Schmerz nicht so, wie sie wollte, von ihrer Ahnung kam, daß alles, was ich vornahm, alles, was ich that, dachte und sagte, in dem einzigen Versuche gipfelte, sie selbst zum Leben zurückzurufen.
Darüber dachte ich nun nach. Aber nach diesem Abend veränderte ich, wie ich selbst wohl wußte, mein Benehmen gegen meine Frau. Ich wurde resigniert und erwartete nicht, daß sie so bald ihre Gedanken von ihm, der dahingegangen war, uns zuwenden würde, die sie noch hatte. Dadurch wurde sie vertrauensvoller und offener gegen mich. Aber die Reise glitt an uns vorbei, als wäre alles, was wir gesehen, nur eine Einbildung gewesen. Freunde trafen wir, aber keine Teilnahme vermochte etwas Anderes als Dankbarkeit bei meiner Frau hervorzurufen, die Menschen glitten an uns vorbei, als wären wir selbst innerhalb einer Grenze gestanden, die keiner aus eigenem Willen überschreiten könnte.
Und die Ruhe, die wir erreichen konnten, fanden wir nicht früher, als bis wir eines Abends in unser neues Heim einzogen. Das war eine Wohnung in Stockholm, mit der wir das Haus auf dem Lande vertauscht hatten, in dem wir so viel Böses und Gutes erlebt. Wir hatten dies schon geplant, bevor wir ahnten, daß das, was uns jetzt widerfahren war, geschehen könnte, und mit einem Gefühl der Furcht vor dem Winter traten wir in unsere Zimmer.
Aber dennoch erlebten wir hier die ersten Tage der Erleichterung und der Ruhe im Schmerze. Tausendmal bereuten wir, daß wir je gereist waren und gleichsam unseren Schmerz mit uns geschleppt hatten, um ihn von fremden Menschen betrachten zu lassen.
2.
Auf dem Kirchhof steht ein kleiner Stein mit der Inschrift „Unser kleiner Sven“. Er ist auf den Hügel gelegt, der sich unter einer Linde wölbt deren Blätter schon lange gefallen sind. Am Stamm der Linde steht eine Bank, und auf der Bank sitzt eine einsame, schwarzgekleidete Frau mit langem Kreppschleier wie der einer Witwe. Sie sitzt lange da, und im Herbstlicht spricht sie mit einem, den Niemand sehen kann.
Sie befiehlt dem Kutscher, der in der Nähe des Grabes hält, zurück auf die Landstraße zu fahren. Und sie beugt sich hinab und sammelt in ihrem Taschentuch Erde von dem Grabe. Dann nimmt sie aus einem Nähtäschchen schwarze Seide, Nadel, Faden und Schere. Die Seide schneidet sie zu und näht einen kleinen Beutel. Dann nimmt sie von der Erde und füllt ihn. Sie drückt ihre Lippen auf die dunkle Erde, und als sie das gethan hat, näht sie den Beutel zu. Sie näht dicht und genau, so daß kein Körnchen verloren gehen kann, und an den Ecken des kleinen Beutelchens befestigt sie starke Schnüre. Dann packt sie ihr Nähzeug wieder ein und sitzt lange da, mit dem schwarzen Amulett in der Hand, und denkt daran, daß sie nun ihm geweiht ist, der im Grabe liegt.
Dann beugt sie das Knie unter den kahlen Aesten der Linde und küßt den Stein, der den Namen ihres Lieblings trägt. Stille und feierlich, als vollzöge sie eine heilige Handlung im Beisein vieler Menschen, hängt sie die Schnüre um ihren Hals, öffnet ihr Kleid und legt die heilige Erde an ihre Brust.
Die ganze Zeit über ist ihr Gesicht ernst, aber glücklich und hell, und bevor sie sich erhebt, küßt sie die Erde unter ihren Füßen und bleibt dann stehen, um einen Blick auf das Grab zu werfen. Ein Wald von kleinen Topfpflanzen blüht um das Grab, und frische Blumen sind auf den Hügel gelegt. Kein Grab ist so schön, so gepflegt, keines so reich geschmückt gerade jetzt, wo der Herbstwind die Bäume rüttelt.
Da lächelt sie vor Freude und spricht wieder leise und innig zu einem, den Niemand sehen kann. Dann geht sie zu dem Wagen, der am Thor des Kirchhofs wartet und fährt nach Hause.
Aber als sie heimkommt, geht sie geradeswegs zu mir herein, nimmt das schwarze Amulett heraus und sagt mir, was es enthält. Dann hält sie mir es hin und bittet mich, es zu küssen. Ich thue es, um ihre Freude nicht zu stören und mit einem glücklichen Lächeln birgt sie es wieder an ihrem Busen, indem sie sagt:
„Wenn Du wüßtest, wie glücklich ich mich fühle, wenn ich draußen bei Sven bin, würdest Du dich nicht kränken, daß ich so oft fahre. Ich werde für mehrere Tage ruhig, wenn ich nur zu ihm hinauskomme.“
Dann geht sie wieder und läßt mich allein. Und als ich nach ein paar Stunden von meiner Arbeit aufstehe und sie suche, finde ich sie bei Svens kleiner Kommode, wo sie die Dinge, die einmal ihm gehört haben, durch ihre Hände gleiten läßt.
3.
So kreisen ihre Gedanken stets um ihn, der tot ist, und es giebt nichts, das sie stören kann. Sie spricht davon, daß sie ihm bald folgen werde, und sie thut es in einem ruhigen, vertraulichen, besonnenen Tone, als müßte das die natürlichste Sache der Welt für Andere sein, so wie für sie selbst.
Manchmal pflegt sie hinzuzufügen:
„Ich möchte nur so gerne leben, bis die Knaben ein bißchen größer sind und mich nicht mehr brauchen.“
Dann kann ihr Gesicht einen verzweifelten, zerissenen Ausdruck annehmen, als wüßte sie, daß dieser Wunsch mehr ist, als sie hoffen oder verlangen kann, und ihre Stirne bekommt eine tiefe Falte zwischen den Augen, so, als ob das Grübeln ihr Schmerz verursachte. Sie fühlt, daß sie zwischen Leben und Tod wählen muß, wenigstens in ihren Wünschen, und sie kann es nicht. Darum will sie zuerst eine Zeitlang leben, um Denen, die am Leben sind, alles zu sein, was sie ihnen sein kann, und dann sterben, um bei ihm zu bleiben, dem sie sich angehörig fühlt. Sie sucht eine Versöhnung zwischen dem Verlangen zu sterben und dem Bedürfnis zu leben, und sie fürchtet Beides, weil das eine wie das andere um die Herrschaft in ihrer Seele ringt und jedes in seiner Weise sie grenzenlos quält. Gleichzeitig ahnt sie jedoch, welche der Mächte schließlich den Sieg davontragen wird, und darum fügt sie dies hinzu nicht als ein außerordentliches Ereignis, das Verwunderung und Staunen hervorrufen soll, sondern als etwas Selbstverständliches, das sie erlebt hat und das Niemand bezweifeln kann.
„Erinnerst Du Dich, wie ich sagte, daß ich nicht an ein Leben nach diesem glaubte?“ sagt sie. „Du hast mich gelehrt, so zu glauben.“
Ihr Gesicht verdüstert sich, wie sie das sagt, und es kommt etwas wie Groll in ihre Stimme, das mir weh thut. Sie sieht es, und versöhnend legt sie ihre Hand auf die meine, indem sie fortfährt:
„Jetzt glaube ich daran, und jetzt weiß ich, daß man anfangen kann, ein solches Leben schon hier auf Erden zu leben. Dazu ist nur nötig, daß Jemand fortgeht, mit dem man so verbunden ist, daß man das Gefühl hat, als ginge die Seele mit. Beinahe jeden Abend kommt Sven zu mir. Er kommt nicht, wenn ich es will oder wenn ich ihn bitte zu kommen. Nicht, wenn ich weine und mich sehne, meine Arme nach ihm ausstrecke und seinen Namen rufe. Aber wenn ich es am wenigsten ahne, dann sehe ich ihn neben mir sitzen. Und wenn ich dann so recht ruhig und froh bin, dann lächelt er mir zu und sieht glücklich aus. Er sieht mich dann an, ganz wie er es zu thun pflegte, und bevor ich mich besinnen kann, ist er fort. Aber ich bin doch glücklich. Denn ich weiß, daß er bei mir gewesen ist. Er ist oft gekommen, wenn Du schliefst und ich wach lag. Mehr als ein Mal habe ich daran gedacht, Dich zu wecken. Aber ich habe nie gewagt, es zu thun. Denn ich fürchtete, daß er, wenn Du erwachtest, verschwunden sein würde, und dann würdest Du mir vielleicht nicht glauben, was ich gesehen.“
Sie betrachtete mich die ganze Zeit mit Scheu, als glaubte sie, ich würde ihr widersprechen. Ich thue es nie. Ich weiß ja selbst nicht, was ich glaube. Ich habe so furchtbare Erschütterungen durchgemacht, daß ich nicht zu sagen wage, was Wirklichkeit und was Schein ist in den Erfahrungen der Anderen. Weiß ich es nur von meinen eigenen? Weiß ich, ob nur das, was ich mit meinem Verstande erreichen kann, Wirklichkeit ist? Ist es nicht denkbar, daß es eine Wirklichkeit giebt, die nur mit dem Gefühl oder — warum nicht — mit der Einbildung erreicht werden kann? es kommt mir vor, als hieße es gleichsam mich selbst verstümmeln, wenn ich mein Gefühl und meine Phantasie dazu degradierte, nur dazu zu existieren, um von dem Verstande unterjocht zu werden. In Gedanken vergleiche ich es damit, wenn ich das Auge einen körperlichen Schmerz leugnen lassen wollte, weil er unsichtbar ist, oder das Ohr die Möglichkeit einer Geschmacksempfindung in Abrede stellen, weil sie nicht gehört werden kann. Und wie gut ich auch all die Argumente kenne, die gegen einen derartigen Gedankengang ins Treffen geführt werden, so ist es mir doch unmöglich, sie in diesem Falle geltend zu machen. Ich glaube weder, noch glaube ich nicht. Ich gehe gleichsam in der peinvollen Erwartung herum, einmal über das Klarheit zu erhalten, was ich nicht weiß.
Und dabei wächst in mir ein Gedanke, der in der Stunde Wurzel geschlagen, in der ich wußte, daß mein Kind sterben mußte. Ich begreife, daß, was auch all dies sein mag, Einbildung oder Wirklichkeit, es doch eines Tages meine Frau von mir nehmen wird. Sie ist mit meinem eigenen Leben verwachsen, und ich kann sie nicht missen. Gegen mein eigenes Glück, das ich einstmals so stark wähnte, daß ich von seiner Höhe auf das Anderer herabsehen konnte, erhebt sich die Macht, die das Schicksal alles Lebenden ist. Der Tod steht vor mir, wie er einmal vor dem kleinen Sven stand, auf dem Bilde, dessen Inhalt er immer als ein Märchen erzählt haben wollte. Die Glocke läutet, und der, der nicht von hinnen gehen soll, wird gerufen, und der, dem der Ruf nicht gilt, muß zurückbleiben. Der Unterschied ist nur der, daß ich den Tod aus der Ferne sehe, lange bevor er herangekommen ist, weiß, daß seine Glocke erklingen wird, und daß die, der sie erklingt, mit Freuden scheidet.
Aber ich will nicht thatenlos die Macht des Todes verfluchen. In mir wächst ein Verlangen, das höher geht, als mir selbst bewußt ist. Es ist dasselbe Verlangen, das, als die Gewißheit vom Tode des Kindes meine Frau zu Boden drückte, sie antrieb zu sagen: „Er soll nicht sterben. Er darf es nicht. Ich weiß, daß er nicht sterben wird.“ In gleicher Weise sage auch ich zu mir selbst: „Ich will es nicht. Ich will sie nicht verlieren. Sie soll leben — allem zum Trotz.“ Ich merke nicht, daß ich das Unmögliche versuche. Die Kritik, die sogleich wach war, solange es sich um sie handelte, schlummert jetzt, wo es mir gilt. Ich will mit dem Tode kämpfen, um ihr und mein Glück zu behalten, so wie es einmal blühte, nicht, als das Leben uns entgegenlächelte, aber wenigstens, als wir seine Züchtigung empfangen hatten und doch wußten, daß es lächeln konnte. Ich wollte alles thun, um sie zurückzuerobern. Wie Orpheus wollte ich hinab ins Totenreich steigen, mit meiner Liebe wollte ich sie zwingen zurückzukehren, und folgt sie mir, werde ich mich gewiß nicht umwenden und zu den Schatten zurückblicken.
Das gelobe ich mir selbst, und ich erwarte nicht, daß der Lohn bald kommen wird. Im Gegenteil, ich bereite mich auf eine lange, harte Prüfungszeit vor, und ich weiß im Vorhinein, daß das Erste, was ich lernen muß, die Kunst des Wartens ist.
Aber ich bin so sicher in meinem Glauben, daß ich für mich lächeln kann, wenn ich ihre Rede vom Tode höre. Ich kann sie sagen hören, daß sie sich fortsehnt, und ihre Liebkosungen fühlen, wenn sie mich bittet, ihr zu verzeihen. Dann genieße ich die Liebkosungen und vergesse ihre Worte. Wie eine große, unendliche Gewißheit fühle ich, daß der Sieg unwiderruflich mein ist und nicht dessen, der in der Erde schlummert. Ich nehme ihn in meinen Gedanken zum Bundesgenossen, sage ihr sogar, indem ich auf ihren eigenen Gedankengang eingehe, daß sie leben muß, weil Sven will, daß sie lebt, ja, weil er es mir zugeflüstert hat, während ich schlief.
Sie hört mich mit verwunderten, glänzenden Augen an, und lange Zeit später — so lange Zeit, daß ich mich nicht erinnern kann, was ich selbst gesagt habe — erzählt sie mir, daß Sven auf ihrem Bett gesessen sei, in seinem neuen weißen Kleid mit der blauen Schärpe, und gesagt habe:
„Mama, Du sollst nicht so viel um mich weinen. Es thut mir so weh im Kopf, wenn Du weinst.“
Ich höre diese Worte, und ich klammere mich an sie wie an ein Omen. Hoffnungsvoller denn je träume ich von einer Zukunft, in der unser totes Kind ein stärkeres Vereinigungsband sein wird, als wenn es gelebt hätte, und ich gedenke mit Thränen in den Augen der Worte, die sie selbst mich einmal gelehrt:
Zusammen altern.
4.
Es war nichts Geringeres als ein Kampf mit dem Tode, den ich begonnen, und die Zeit, die folgte, wurde ein beständiger Wechsel zwischen der düstersten Verzweiflung und der hellsten Hoffnung. Das Schwerste unter solchen Verhältnissen ist natürlich die völlige Unthätigkeit, die darin besteht, bloß ruhig auf das zu warten, was kommen soll und geduldig alles der Zeit zu überlassen, während man gleichzeitig glaubt, daß alles, was geschieht, nur das Herannahen der Nacht beschleunigt, die man verscheuchen zu können hofft. Wie ängstlich beobachtete ich nicht meine Frau in dieser Zeit! Wie folgte ich ihr nicht auf ihren Fahrten zum Grabe! Und wie freute ich mich, wenn ich sie ruhig und fröhlich die Knaben um sich versammeln, ihnen erzählen und vorlesen sah, so wie nur sie es konnte, und wenn ich wieder ihre munteren Stimmen hören durfte, die durch einander klangen, wenn das Gelesene Anlaß zu einem dieser lustigen Kommentare gab, die es zu einem Feste machen, Kindern vorzulesen. Und wie konnte ich nicht beim Mittagstisch oder bei der Abendlampe nach dem angestrengten, abwesenden Ausdruck in dem Antlitz meiner Frau spähen, der wie eine Wolke kommen und uns alle stumm machen konnte.
Es war dann, als ginge ihre Seele plötzlich von uns fort und ließe uns allein. Die Knaben wechselten Blicke mit mir, Blicke, die deutlich sagten, daß sie, soweit ihr Alter es zuließ, ebenso wohl verstanden wie ich und ebenfalls litten, wenn es ihnen auch leichter fiel, die Gedanken zu zerstreuen. Svante stand auf und streichelte Mama, und er fühlte sich nicht zurückgestoßen, weil es ihm nicht gelang, ihre Augen zu erhellen. Er konnte nachher zu mir kommen und sagen:
„Mama thut mir so leid.“
Das war alles für ihn, und drum war er vielleicht ein besserer Tröster als ich.
Olof saß bei solchen Anlässen mehr still da und versuchte mit mir zu sprechen, als wäre alles, wie es sein sollte. Aber seine Augen folgten der Mutter, und ging sie hinaus, um allein zu sein, was oft geschah, wenn sie fühlte, daß sie uns nicht länger ansehen und mit uns sprechen konnte, dann pflegte er sich an ihre Thüre zu schleichen und dort lange zu stehen und zu horchen. Dauerte das Schweigen allzulange, so ging er sachte hinein, und geschah es, daß er abgewiesen wurde, dann kam er still zurück und setzte sich mit einer resignierten Miene nieder, als wüßte er, daß er nicht alles auf einmal verlangen könnte.
Es erging ihm wie mir, er hätte es als eine Erleichterung empfunden, wenn er nur gewußt hätte, was er thun sollte.
Und wenn wir drei zu solchen Zeiten allein saßen, dachten wir alle an das, was wohl hinter der verschlossenen Thüre vorging, wo meine Frau sich immer näher und näher zu der Grenze hinarbeitete, an der das Leben aufhört, wo sie sich zum Tode durchkämpfte.
„Wißt Ihr, woran Mama leidet?“ sagte ich eines Tages.
Olof sah fort, ohne etwas zu sagen, aber Svante antwortete:
„Ja.“
Ich hätte übrigens nicht zu fragen gebraucht. Denn ich wußte, daß sie sie auf das vorbereitet hatte, was kommen sollte.
5.
Des Abends, wenn ich allein blieb, saß ich oft da und schrieb, um meine Gedanken zu zerstreuen oder überhaupt etwas vorzunehmen, an einer Art Tagebuch, das ich auf dem Grunde einer Schreibtischlade verwahrte, damit Elsa es nicht durch einen unglücklichen Zufall in die Hand bekäme.
Ich habe es jetzt wieder gelesen, und alles, was darin steht, scheint mir vor so langer Zeit geschrieben, daß ich kaum glauben kann, daß seither nicht einmal zwei Jahre verflossen sind. Aber wie ich darin lese, wird alles, was geschehen ist, lebendig und gegenwärtig, und ich fühle wieder die Martern der furchtbaren Illusion, die mich damals aufrecht hielt.
Tagebuch
4. September.
Ich sitze hier und denke an den kleinen Sven. Alles um mich ist stumm, und ich glaube ihn zu sehen, wie er in den letzten Tagen, in denen er noch aufsein konnte, über die Gartenwege ging, seine kleine, zärtliche Hand in der meinen, und in einem fort plauderte, während er mit seinen gedankenvollen Kinderaugen zu mir aufsah. Und wie ich mich in diese Erinnerung vertiefe, ist mir die Hoffnungslosigkeit, daß ich ihn niemals wiedersehen werde, so unsäglich bitter. Denn er war, ohne es zu ahnen, des Hauses Mittelpunkt. Er war es, der immer uns vier Großen entgegengelaufen kam und der die Räume mit seinem Gezwitscher erfüllte, wenn wir heimkamen. Um ihn versammelten wir uns bei jeder Kleinigkeit, die Freude bereitete, um zu erfahren, was er dazu meinte. Jetzt geht sein Vater umher und muß sich hart gegen die Erinnerung machen, um nicht zu versagen und um alles Andere aufrecht zu erhalten. Darf nicht einmal zu viel denken. Nicht einmal trauern. Denn dann würde alles in die Brüche gehen.
Kam er, um seine Mutter zu holen und uns Alle in Betrübniß zurückzulassen? Oder kam er, um zu gehen, so still und schön wie er ging, und uns Alle durch seinen Tod des Lebens große Kunst zu lehren?
16. Oktober.
Ich habe an alles gedacht und alles gesehen, und ich weiß jetzt, um was der Kampf gekämpft wird. Tag für Tag habe ich gesehen, wie es nur schlimmer geworden ist. Und es ist keine Freude, klar zu sehen. Es ist ein Leiden. In dieser Zeit habe ich jede Einzelheit verfolgen können, und ein Wort oder ein Blick konnte mich bis in mein innerstes Wesen erzittern machen, weil ich wußte, was er zu bedeuten hatte. In meiner Anwesenheit und der der Knaben habe ich sie gleichsam abfallen und Gespräche mit einem Unsichtbaren führen sehen. Bis aufs Aeußerste habe ich jeden Nerv anstrengen müssen, um in ihren Augen den Blick zu erzwingen, der zeigte, daß sie sich bewußt wurde, daß sie nicht allein war. Ich habe sie selbst alles fühlen und verstehen sehen, sie ahnen und wissen sehen, was in ihr lauerte. Sie hat sich in Angst vor mir niedergeworfen und mich gebeten, sie nicht wegzuschicken — sondern ein wenig Geduld zu haben.
Ich leide furchtbar darunter, ihren Kampf zu verfolgen, und dennoch weiß ich, daß das, was jetzt meine Qual ausmacht, nur eine andere Seite derselben Eigenschaften einer reichen und machtvollen Natur ist, deren Wellen hoch gehen wie die des Meeres — derselben Eigenschaften, die mir einst alles Glück und allen Jubel der Welt geschenkt.
30. Oktober.
Die furchtbare Spannung fängt an, vorüberzugehen, und meine Frau befindet sich von Tag zu Tag besser. Nach dem Dunkel des Winters werden wohl einmal die Tage länger und die Stunden lichter.
8. Dezember.
Es ist lange her, seit ich mein Tagebuch berührt habe. Aber das kommt daher, daß ich gearbeitet habe. Ich habe ein Theaterstück geschrieben, und es ist wunderlich zugegangen. Mitten in Korrekturen und Arbeit aller Art, in der Kränklichkeit meiner Frau und einer Nervosität, die mir mein ganzes Wesen wie eine Bogensaite gespannt erscheinen ließ, bin ich des Morgens aufgestanden und habe mir die Zeit zum Schreiben gestohlen. Ich habe Nacht für Nacht bis zwei Uhr geschrieben. Ich habe Whisky getrunken, um mich wach zu erhalten. Ich bin mitten in der Arbeit ausgegangen und habe soupiert, um Lärm zu hören und Gesichter von Menschen zu sehen, mitten in einem fieberhaften Leben zu sein, es um mich wogen und meine Schläfen brennen zu fühlen.
Aber das Stück wurde fertig, und ich fühle nur eine große Mattigkeit. Was ich erreichen will, ist jetzt wahrlich weder Ruhm, noch Schriftstellerfreude. Ich habe das Gefühl, als lebte mein Hirn allein auf Kosten des ganzen übrigen Körpers. Ja, es ist schade, daß der Tag nur vierundzwanzig Stunden hat, wenn es gilt, das Unmögliche zu erreichen.
17. Dezember.
Es ist mir, als ob, ohne daß ich es klar weiß, alles, was ich erlebt habe und lebe, war und bin, in irgend einer wunderbaren Weise einer Erfüllung entgegenginge, die sich vollzieht, ohne daß ich einen Finger rühren kann. Während all dem lebe ich mein gewöhnliches Leben, und ich glaube nicht, daß Jemand mich eigentlich verändert findet. Ich bin froh, wenn ich herauskomme und Menschen treffe, sogar ausgelassen. Denn das lindert.
Aber daheim lebe ich mein wirkliches Leben. Und unablässig habe ich dort das Gefühl, als glitte über sie und mich etwas von dem, wovon ich einmal selbst in einem ganz anderen Zusammenhang geschrieben habe, daß es „größer als Glück und Unglück“ ist, etwas von dem, das keinen Namen hat.
In all dem ist natürlich meine Frau der Mittelpunkt. Ob sie der Gesundheit oder dem Untergang entgegengeht, weiß ich nicht. Dies scheint mir jetzt etwas zu sein, in das ich nicht eingreifen kann. Es kommt mir zuweilen vor, als stünde ich außerhalb, als hätte ich keinen Teil daran und könnte es niemals erreichen. Und in all dem ist keine Ueberspanntheit, nur eine resignierte Sehnsucht, die farblos ist.
25. Januar.
Meine Frau hat sich heute ans Klavier gesetzt. Singen will sie wohl noch nicht, aber ich habe doch wieder Musik in meinem Heim gehört, und die Melodieen von einst haben unseren Sinn gleichsam auf einen neuen, helleren Ton gestimmt. Ueberhaupt ist in letzter Zeit etwas Neues über sie gekommen, etwas Neues, das mehr verspricht, als das Frühere. Sie ist zum Leben erwacht und ist mit uns Andern wie zuvor. Noch nicht so recht vielleicht. Aber ich fühle, wie sie uns mit jedem Tage näher kommt. Zuweilen glaube ich, was sie sagt, daß all das kommt, weil sie weiß, daß sie nun bald scheiden wird und daß diese Hoffnung sie aufrecht hält. Aber zuweilen glaube ich, daß wenn es auch jetzt so sein mag, all dies doch auf dem Wege ist, in etwas Größeres hinüberzugleiten, das sie selbst mit Verwunderung und Angst spürt, aber nicht glauben will.
Wie es damit ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß ich jetzt nicht verzweifelt bin, wie ich früher war. Denn jetzt lebe ich unter dem Schicksal, das das meine ist und das — geschehe was da will —, so wie ich es jetzt sehe, nichts Häßliches in ihr Leben und in das meine bringen kann. Das hatte ich gefürchtet.
19. Februar.
Ich halte das nicht länger aus. Ich habe Schwarz und Schwarz und Schwarz um mich gesehen, so daß ich in Raserei gerate, so wie ich nur mich selbst in einem Spiegel erblicke. Und das Beste ist, daß meine Frau selbst anfängt, ein wenig von alledem zu fühlen.
26. März.
Ich gehe nur und warte darauf, daß der Winter wirklich zu Ende geht, so daß wir von hier fortkommen. Eine Apathie höchst wunderlicher Art beherrscht mich, und ich habe manchmal Angst, daß dieser Winter mich gebrochen hat. Was der Sommer bringen kann, ist vielleicht auch nicht gerade etwas, worauf man Erwartungen setzen kann. Wir zogen nach Stockholm herein, oder richtiger wir mieteten eine Wohnung, als wir glaubten, daß alles uns vorwärts tragen würde, wenn auch langsam. Wie es geworden ist, wäre es besser gewesen, wir wären auf dem Lande geblieben, in der Abgeschiedenheit, die für uns das Beste zu sein scheint. Hier ist es einsamer als dort.
Die Sorge wirkt verscheuchend.
31. Mai.
Heute ist unser Hochzeitstag. „Im wunderschönen Monat Mai.“ Ich kann es nicht lassen, etwas aufzuzeichnen, wie kindisch ich auch selbst fühle, daß es ist. Es sind nämlich heute vierzehn Jahre, daß wir verheiratet sind, und das Jahr, das vergangen ist, war das schwerste. Das, was vergangen ist, war ja das dreizehnte — das Unglücksjahr par préférence. Es ist, als glaubte ich, daß Jemand oder etwas von nun an unseren Weg ebnen wollte, oder als fühlte ich, daß etwas in mir der Heilung nahe sei. Und all dies, weil mir eine Ziffer eingefallen ist, die unter normalen Verhältnissen sicherlich spurlos an mir vorübergegangen wäre.
25. Juni.
Die Tage verstreichen, während ich umhergehe und denke, daß ich anfangen sollte, zu arbeiten. Aber die Schmetterlinge der Dichtung flattern nur unruhig über etwas umher, das öde und verbrannt ist. Zuweilen will es mich bedünken, als könnte ich ihrem Fluge folgen. Aber dann erinnert mich die Wirklichkeit wieder an das, was ist, und alles verdunkelt sich.
Könnte ich nur stets so sein, daß meine Frau nichts merkte. Könnte ich gleichmäßig und froh sein oder es wenigstens scheinen. Aber ich kann es nicht, und ich weiß, daß sie nicht nur über sich selbst trauert, sondern auch über den Schmerz, den sie mir verursacht. Es muß furchtbar sein, so herumzugehen wie sie und nichts zu können, nichts zu vermögen, und bei dem Geringsten zusammenzubrechen, das ihr Unruhe oder Schmerz verursacht. Einhergehen und über den Tod grübeln, von dem sie glaubt, daß er kommen wird, der aber nicht kommt. Dreifach entsetzensvoll muß es sein, zu alledem dem Menschen, den man am meisten liebt, unsägliches Leid zuzufügen und nichts thun zu können, um es zu lindern.
Sie kann zuweilen dasitzen und mich ansehen, wenn sie glaubt, daß ich es nicht merke, und dann kommt in ihr Antlitz ein solcher Ausdruck der Verzweiflung, daß er mir in die Seele schneidet.
Gestern kam sie und setzte sich neben mich und legte ihre Hand auf die meine.
„Wenn Du nur mich nicht hättest,“ sagte sie, „um wie viel glücklicher würdest Du da sein!“
Ich weiß, daß sie an die Wahrheit ihrer eigenen Worte glaubte, und meine Antwort konnte wohl für einen Augenblick ihren Glauben erschüttern und ein Aufleuchten der Hoffnung in ihre Augen locken, aber sie konnte ihr nicht die sichere Ueberzeugung wiedergeben, daß sie unentbehrlich sei und daher leben müsse.
6.
Wenn ich diese Blätter lese und sehe, wie ich zwischen Hoffnung und Furcht geschwankt habe, begreife ich nicht, daß das, was diese Zeilen erzählen, wirklich wahr sein kann. Und doch muß es so sein. Denn scripta manent. Und wie unvollständig und fragmentarisch diese Aufzeichnungen auch sein mögen, erzählen sie mir doch mit voller Gewißheit, daß ich damals mehr hoffte, als ich jetzt fassen kann, wo alles seine Erklärung und sein Ende gefunden hat.
So viel begreife ich, daß in diesem Winter, zu dessen Erinnerungen ich nicht mehr zurückkehren will und kann, mein Glück darin bestand, daß ich schließlich etwas fand, was, wie ich glaubte, dazu beitragen konnte, meine Frau zu retten. Welches Glück war dies nicht! Nicht mehr ein unthätiger Zuschauer sein zu müssen, eingreifen, wirken, arbeiten zu können, mit einem bestimmten Ziel vor Augen, einem Ziel, das man wenigstens glaubt erreichen zu können. In der Jugend würde eine solche Glücksquelle vielleicht arm und gering erscheinen. Aber wenn die Jahre das Haar ein wenig grau gesprenkelt haben, begnügt man sich mit Geringerem als früher. Man kann dann leben und leiden, wenn man glaubt, daß es in dem Bereiche der Möglichkeit liegt, Besserung zu schaffen, und man kann in dem bloßen Bewußtsein einer solchen Möglichkeit etwas finden, was beinahe dem Glück gleicht.
Für mich kam diese Hilfe in demselben Moment, in dem die Ahnung, die ich schon lange gehabt, daß das Stadtleben für den Zustand meiner Frau verderblich sei, sich immer mehr zu wirklicher Ueberzeugung steigerte und sich schließlich in den Entschluß umsetzte, sie daraus loszureißen und zum Lande zurückzukehren, das wir nie hätten verlassen sollen. Der Arzt bestärkte mich auch in diesem meinem Entschluß, und als ich das erste Mal diesen Plan meiner Frau als eine bloße Möglichkeit vorlegte, leuchtete ihr ganzes Gesicht auf, als hätte ich ihr die Freuden des Paradieses versprochen, und sie sagte nur:
„Kannst Du das für mich thun? Willst Du das?“
Diese Worte regten mich zu Handlung und Leben an, und in allem Zweifel, aller Unruhe und allem, was ich früher geschildert und erzählt habe, allem, was mich zu Boden drückte, glänzten mir diese Worte wie Sterne durch die Dunkelheit entgegen und feuerten mich zu der letzten großen Anstrengung an, die, wie ich hoffte, uns allen die Freude in unserem Heim wiederschenken sollte. Je mehr ich daran dachte, desto wahrscheinlicher kam es mir vor, daß ich hier das „Sesam öffne dich“ gefunden hatte, das meiner Frau den Weg bahnen sollte, wieder dem Leben anzugehören. Wie ein Mann, der glaubt, einen Talisman gefunden zu haben, der ihm die Macht giebt, Wunder zu wirken, setzte ich meine ganze Zuversicht auf diesen Plan, und als wir endlich in die kleine Villa gezogen waren, die hoch oben mit der Aussicht über Fjords und Wälder lag und wo die Blätter der Espen vor dem Fenster zitterten, an dem meine Frau sitzen und mich sehen würde, so oft ich von meiner Arbeit heim käme, da fühlte ich mit Gewißheit, daß nun die Lösung gefunden sei. So wunderlich mir dies auch jetzt erscheinen mag, ich war ganz von der Gewißheit durchdrungen. Ich glaubte, und ich war unaussprechlich glücklich in meinem Glauben.
Nie habe ich mich auch hoffnungsfreudiger gefühlt, wie als diesen Winter der Schnee zu fallen begann und wir dieses eigentümlich heimliche Gefühl empfanden, von allen und allem abgeschlossen zu sein, das dem nordischen Himmelsstrich eigen ist. Vom Dachboden bis hinab zum Keller stand unser neues Heim fertig, und wie früher, das Ganze ordnend und die Zimmer mit all den kleinen Erfindungen und Gegenständen schmückend, die hervorzuzaubern das Geheimnis des Weibes ist, ging meine Frau wieder zwischen uns umher. Die lauten Stimmen der Knaben hallten in den Zimmern wieder, ohne daß Jemand sie zu dämpfen brauchte. Die Kanarienvögel sangen und trillerten, ohne daß Jemand das nächtliche grüne Tuch über ihr Bauer hing. Der Pudel bellte zu dem Spielen und Balgen der Knaben. Und das Klavier war nicht mehr verschlossen.
Das kam eines Abends, als ich es am wenigsten ahnte. Ohne mit einem Worte ihre Absicht zu verraten, kam Elsa hinab in das Wohnzimmer und setzte sich an das Klavier. Sie sah mich an, als sie an mir vorbeiging, und ich begriff, wie glücklich sie war, daß sie ihrem eigenen Wunsche folgen konnte. Seit Sven gestorben war und sie nicht mehr seine klare Stimme zu den Tönen des Klaviers hören konnte, hatte meine Frau nie die Lieder singen wollen, denen so oft nur er allein gelauscht hatte. Kaum meinen eigenen Sinnen glaubend, sah ich sie am Klavier sitzen, hörte sie einen Ton anschlagen, und gleich darauf klangen die Töne durch das Gemach.
Mein weißer Schwan, Du stummer, stiller, Nicht Schlag, nicht Triller Zeigt Stimme an.
Und der Schluß:
Mit schmerzlicher Ode Schloßt Du die Bahn, Du sangst im Tode: Du warst doch ein Schwan.
Weder früher noch später habe ich dieses Lied so gehört. Während sie sang, kamen die Knaben sachte herein, nach einander kamen sie und blieben stumm in der Thüre stehen. Sie sahen mich verwundert an, als glaubten auch sie ihren Sinnen nicht, und ich nickte zur Antwort, während meine Augen feucht wurden. Als die letzten Töne verklungen waren, war es still im Zimmer, aber still wie zu einer Feierstunde.
Meine Frau stand auf und schloß den Flügel.
„Ich kann heute nicht mehr,“ sagte sie wie zur Entschuldigung.
Aber dann sah sie uns alle an und begriff, welche Freude sie hervorgerufen. Ihr Gesicht leuchtete auf, sie ging an mir vorbei und auf die Knaben zu, zog sie an sich und drückte beider Köpfe an ihre Schultern.
„Dankt dem kleinen Brüderchen,“ sagte sie. „Er hat mir geholfen.“
Sie sagte das nicht krankhaft wie früher, nicht in dem beinahe feindlichen Ton, den sie angeschlagen, wenn sie glaubte, daß wir Lebenden sie hinderten, dem Toten anzugehören. Sie sagte es weich und stille und beinahe glücklich, mit einem Ausdruck, als nähme sie Abschied von etwas Vergangenem, das niemals wiederkommen sollte.
7.
Hinter dem Schlafzimmer lag ein kleiner Raum, der ursprünglich als Toilettezimmer gedacht war, den man aber aus irgend einem Grunde nicht eingerichtet hatte. Er war sehr unregelmäßig, die Fenster saßen hoch oben, und das Licht war trüber als in den andren Zimmern.
Da wohnte der kleine Sven. Da war sein Gemach, und dieses Gemach war verschlossen.
Niemand durfte meiner Frau helfen, dieses Zimmer zu ordnen oder dort aufzuräumen. Sie allein mußte alles thun. Da hängte sie helle Gardinen vor das kleine Fenster, und in die Fensternische hinter die Gardine stellte sie einen Tisch. Für diesen Tisch nähte sie ein Tuch, das aus demselben Stoff war wie die Vorhänge, und auf dem Tisch standen Svens Spielsachen. Da war ein Pferd, das einen Wagen zog, ein paar Zinnsoldaten und ein Zelt. Da war Svens weiße Kaffeetasse mit dem Goldrand, seine Sparbüchse, ein kleiner Säbel und ein Czako. Da war alles, was er zurückgelassen, seine ganze kleine Hinterlassenschaft. Unter dem Tisch standen zwei Holzpferde, von denen das eine seine Mähne ganz verloren hatte, und vor dem Tisch stand ein kleines, niedriges Holzstühlchen, das Sven bekommen hatte und das er sich durch die Zimmer zu tragen pflegte, wenn er so recht vergnügt war und Mama dazu bekommen wollte, ihm Märchen zu erzählen.
Aber mitten unter den Spielsachen standen kleine und große Portraits in Rahmen, und an den Wänden so nahe als möglich vom Lichte hingen andere. Da waren Bilder von Papa und Mama, von den Brüdern und von der ganzen Familie. Da war das Portrait von Sven in seinem langen Kittelchen und von Sven in dem kleinen Pelz, wie er auf einer Bank stand und gegen die Sonne blinzelte, die über den Schnee leuchtete. Aber alle Bilder waren aus der Zeit der Jugend und des Glücks, als noch nichts geschehen war, das an den Banden reißen konnte, die uns noch alle vereinten. Und allein, ganz für sich, hing auf einem Vorsprung der Mauer die Abbildung von Spangenbergs Bild vom Tode, über das der kleine Sven gegrübelt und dessen Geschichte seine Mama ihm lange vor dem Tag erzählt hatte, an dem er selbst mehr davon erfuhr, als die Großen je erzählen können.
Und dann stand noch etwas da. Das war eine kleine, dunkelgebeizte Kommode, die Sven einmal bekommen hatte. Die hatte ihre kleine Geschichte, denn in früheren Zeiten hatte sie Papa gehört. Da war sie gelb und hell gewesen, aber seither hatte sie viel Schicksale durchgemacht, und als sie in Svens Besitz überging, bekam sie ihre neue Farbe. Aber in ihren drei Laden lagen all die Dinge, die Erinnerungen an den Kleinen bargen und nicht herumliegen durften. Da wurde sein letztes Hemdchen verwahrt und das letzte Paar Strümpfe, das er getragen hatte. Da lagen seine kleinen Notenhefte „Sing uns was, Mama,“ die nie mehr unten auf das Notenpult im Wohnzimmer kommen sollten. Da wurde sein letztes, schönes, weißes Sommerkostüm aufgehoben, mit der schönen, blauen Schärpe und der Rosette in der gleichen Farbe auf der weißen Mütze. Da lagen seine kleinen, braunen Schuhe, und die Bücher des kleinen Sven. Da war auch Papas eigenes Buch von den großen Brüdern, Mamas eigenes Exemplar, das Sven sich erbettelt hatte, als er Papa bat, ein Buch nur über Nenne zu schreiben.
Das war Svens Zimmer, und hier war Elsas Heiligtum. Jeden Abend ging sie dort hinein, und jeden Morgen saß sie da, bevor sie mit Anderen sprach. Nie war sie glücklicher, als wenn Papa auch hineinging und drinnen blieb.
Dort wohnte auch Sven, und was da gesprochen wurde, weiß Niemand. Auch wenn Elsa etwas davon erzählte, war das, was sie sagte, nichts gegen die Worte, die dort drinnen zwischen ihr und der Welt des Unbekannten gewechselt wurden.
„Du glaubst ja nicht daran,“ sagte sie eines Tages zu mir. „Aber ich fühle es.“
„Woher weißt Du, daß ich nicht glaube?“ antwortete ich.
Sie blickte mich mit großen, verwunderten Augen an.
„Du kannst nicht glauben wie ich,“ sagte sie. „Denn du zweifelst gleichzeitig, ob es möglich ist. Aber ich weiß es, und ich zweifle nicht mehr.“
Eine Erinnerung tauchte in mir auf, die Erinnerung an die Stunde, in der sie mir vorwarf, daß ich ihr ihren Glauben an die Wirklichkeit des Uebersinnlichen genommen. Ich begriff, daß sie ihren gegenwärtigen Glauben brauchte, daß sie ihn immer gebraucht hatte, daß er mit ihrem innersten Wesen so tief und ganz zusammenhing, daß ihr vielleicht viel Leiden erspart geblieben wäre, wenn man diesen Glauben niemals erschüttert hätte. In gleicher Weise wußte ich bei mir selbst, daß ich den Glauben an eine Fortdauer nach dem Tode nie ganz von mir geworfen hatte. Ich hatte kritisiert, untersucht, ja gestrebt, diesen Gedanken in meinen eigenen Augen unmöglich zu machen. Aber ich hatte das vielleicht hauptsächlich in der Hoffnung gethan, daß mich gerade dieses Suchen schließlich zu der Ueberzeugung vom Gegenteil führen würde. Diese Ueberzeugung war nie gekommen, aber mit den Jahren hatte das, was ich von dem Künftigen dachte, eine Veränderung durchgemacht. Der Unsterblichkeitsgedanke war und blieb für mich allerdings nur eine Möglichkeit, aber mehr und mehr hatte er die Form von etwas Mattem und Mildem angenommen, dem ich mich näherte, ohne recht zu wissen, wie. Schritt für Schritt hatte ich die Möglichkeit einer solchen Ueberzeugung in mir wachsen gefühlt, und was ich im letzten Jahre durchlebt, hatte mein Gefühl von dieser Möglichkeit genährt, die mein Verstand noch immer weder annehmen noch verwerfen konnte.
Gleichzeitig schien es mir, als stünde ich allein in all diesem, und als wollte oder könnte meine Frau nicht sehen, was hierbei in mir vorging. Aber, als sie mir diese Worte sagte: „Du zweifelst gleichzeitig, ob es auch möglich sei,“ da wurde es mir klar, daß sie mich mißverstehen mußte, weil ich selbst nichts gesagt hatte. Wie hatte ich über all das schweigen können? Wie konnte ich vergessen, daß, was ich hier wirklich zu sagen hatte, sie sicherlich mit dem höchsten Glück erfüllen mußte? In einem Nu wollte ich gutmachen, was ich verbrochen zu haben glaubte, und ich erinnerte sie darum an den Tag, an dem sie gesagt hatte, daß sie glauben wollte wie ich, denken wie ich, leben wie ich.
„Ich will, daß Du es einmal erfährst,“ sagte ich. „Es sind nun seither Jahre vergangen. Aber nie habe ich etwas derartiges von Dir verlangt. Nie habe ich gewollt, daß Du etwas in Dir um meinetwillen verändern solltest. Deine Liebe hat Dir diesen Gedanken eingegeben, nicht ich.“
Sie sah vor sich hin, als schweiften ihre Gedanken grübelnd in ferne Vergangenheit.
„Ich glaubte, Du wolltest, daß ich werden sollte wie Du,“ sagte sie.
„Nie,“ antwortete ich, „nie habe ich etwas derartiges gewünscht. Ich wollte mit Dir über das, was ich dachte und fühlte, sprechen können. Aber ich wünschte, daß Du es mir gegenüber ebenso machtest. Ich habe es vermißt, daß Du es nicht gethan hast.“
Ich sah, daß in all dem etwas enthalten war, das sie quälte, mehr als Worte es schildern können. Aber ich ahnte nicht, was es war.
„Ich habe immer gedacht, Du wollest mich Dir ähnlich haben,“ sagte sie.
„Das habe ich gedacht und auch Anderen gesagt. Als ich glaubte, daß ich nicht mit Dir sprechen könne, habe ich zu Fremden gesprochen.“
Das Letzte fügte sie mit einem Tonfall hinzu, als hätte sie etwas unüberwindlich Abstoßendes ausgesprochen, dessen sie sich schämte.
„Wie habe ich Dich so mißverstehen können?“ sagte sie.
Und indem sie ihren Arm um meine Schulter schlang, sah sie mir in die Augen und fragte:
„Du bist nicht böse, wenn Du mich zu Sven hineingehen siehst?“
„Böse?“
Ich mußte sie mit einer Miene des Erstaunens betrachtet haben, die nicht mißzuverstehen war. Denn sie fragte nicht mehr. Ohne ein Wort zu sagen, wendete sie sich ab und ging in Svens kleines Zimmer. Sie verweilte lange darin, und als sie wiederkam, sah ich, daß sie geweint hatte, aber nicht aus Kummer.
Aber während ich allein saß und auf sie wartete, mußte ich daran denken, daß sie nie früher in meiner Gegenwart die Thüre des kleinen Gemaches geöffnet hatte und hereingegangen war, um ihre Andacht zu verrichten. Und zugleich wußte ich, daß, seit Sven gestorben war, ich ihr nie so nahe gekommen war wie jetzt.
8.
Warum konnte nicht alles so weitergehen, wie es begonnen hatte? Warum kam das, was ich nicht gefürchtet, und wuchs zu einer gefährlicheren Macht für mich und die Meinen heran, als irgend etwas von dem, was ich früher gefürchtet hatte? Man könnte ebenso wohl fragen, warum geschieht nicht alles, was der Mensch wünscht? Oder warum liegt es nicht in seiner Macht, die Entwickelung des Lebens so zu gestalten, wie er selbst will?
Es lag zwischen meiner Frau und mir in dieser Zeit, trotz aller Zärtlichkeit und allen Verständnisses, dennoch ein gewisses Etwas, das uns trennte. Dies lag nicht in theoretischen Meinungsverschiedenheiten. Auch war es nicht der Art, daß es uns hinderte, uns stets zu begegnen, uns stets zu suchen, uns stets Einer an des Anderen Gegenwart zu freuen. Es war ganz einfach eine Verschiedenheit in unserer Art, alles zu nehmen, was in dieser Zeit geschah und zwischen uns vorging. Für sie war all das ein Abschied, bei dem sie sich immer mehr dem Ueberschreiten jener Grenze näherte, von der niemand wiederkehrt. Mir schien es wie eitel Verheißungen, daß unser Leben aufs neue beginnen und meine Frau zu mir, zu uns allen, zum Leben selbst zurückkehren sollte.
Aus allem, was geschah und wovon mir damals vieles dunkel und unerklärlich schien, habe ich verstanden, daß darin der eigentliche Erklärungsgrund für ihr Schicksal und das meine lag, die ganze Erklärung dessen, was war und was kommen würde, und ich hätte verzweifeln müssen, wenn ich das alles damals so klar gesehen hätte, wie ich es jetzt sehe. Ich meinerseits begehrte, daß meine Frau ihre Todesgedanken aufgeben und um meinetwillen den Weg durchs Leben wieder aufnehmen sollte, auf dem sie gleichsam gelähmt stehen geblieben war, als Sven starb. Sie wieder wünschte, daß ich einsehen möchte, daß sie unwiderruflich den Schritt ins Jenseits gethan, als ihr Engel, wie sie ihn immer nannte, dahinging. Sie wünschte, daß ich das so tief verstünde, daß meine Aufgabe nur die wäre, wie ein Freund an ihrer Seite zu schreiten und ihre Hand zu halten im Mitgefühl der Finsternis, die kommen mußte und nach der sie selbst trachtete. So tief liebten wir uns, daß Keines von uns den Traum aufgeben konnte, den Gedanken des Anderen mit seinem eigenen übereinstimmen zu sehen. Darum konnte Keiner den Anderen seinen eigenen Weg gehen lassen und resigniert das Loos des Lebens entgegennehmen, das Einsamkeit heißt. Darum konnte auch Keiner umhin, Bitterkeit zu empfinden, als er merkte, daß seine Hoffnung fehlschlug. Darum fühlte sie mein Bemühen sie dahin zu führen, wohin sie nicht wollte, so wie ich ihren Widerstand fühlte, und darum war unser ganzes Leben im eigentlichen Sinn des Wortes ein Kampf um die Liebe und ein Kampf auf Leben und Tod.
So lange hatte ich im Schatten des Todes gelebt, daß ich es nicht einmal für möglich hielt, daß irgend ein anderer Zustand mir beschieden sein könnte. Ich war damit vertraut geworden wie der chronisch Kranke mit seinen Schmerzen. Der Schatten kam nicht nur von dem kleinen Toten, der dahingegangen war, sondern auch von ihr, die gehen wollte. Er kam nicht nur von dem, was wir hinter uns gelassen. Er harrte unser auch in dem, was kommen sollte, was vor uns lag. Die beiden Schatten begegneten sich auf dem Punkte des Lebenswegs, auf dem wir jetzt angelangt waren. Die beiden Schatten umschlangen mein ganzes Leben, und meine Schuld war, daß ich es nicht vermochte, die Sonne vom Himmel zu reißen, um den einen Schatten zu vertreiben.
Dies war meine Schuld und meine Illusion. Denn mit sehenden Augen sah ich nicht. Mit hörenden Ohren hörte ich nicht. Ich sah bloß meinen eigenen Wunsch, hörte bloß die Laute der starken Lebenssehnsucht meines eigenen Traumes. Und doch wußte ich, daß nur in der Sage der Wille eines Mannes die Toten ins Leben zurückzurufen vermag. Ja, selbst die Sage läßt ihn gegen die Götter sündigen, dadurch, daß er das Uebermenschliche versucht; sie läßt ihn sich nach dem Reiche der Schatten umsehen, nur damit sie, um derentwillen er das Unmögliche versucht, auf ewig in die Nacht des Orkus zurücksinke.
9.
Der Frühling kam spät in diesem Jahr; der Frühling, auf den ich wie auf den Glücksbringer und Befreier gehofft, machte Miene, gar nicht kommen zu wollen. Kalt und hart lag der Boden da, nackt bogen sich die Zweige der Bäume vor unseren Fenstern in einem eisigen Wind. Schneemassen thürmten sich noch Ende April, und wenn die Sonne einmal schien, blies der Nordwind, die eisige Luft vom bottnischen Meere mit sich führend.
Zu dieser Zeit kam eine Erkältung hinzu und warf meine Frau wieder auf das Krankenlager. Wochenlang hatte sie zu Bett gelegen, und in diesen Wochen hatten wir das Schlimmste gefürchtet. Wieder war es still geworden in den Räumen. Wieder hatten die Knaben und ich, ohne zu sprechen, unsere Mahlzeiten an dem Tisch eingenommen, an dem ihr Platz leer war. Wieder waren die Laute im ganzen Hause gedämpft worden, und wieder war die Krankheit gekommen und hatte unsere Hoffnungen verstummen gemacht.
Aber gegen alle Erwartung erholte sich meine Frau. Langsam schritt die Genesung vor, und gering waren die Kräfte. Ueber alle Beschreibung seltsam erschien dieses neue Erwachen zum Leben, das Niemand hatte erwarten können. Aber es war doch Wirklichkeit, und wenn ich jetzt allein in meinem Arbeitszimmer im Erdgeschoß saß und das ganze Haus zur Ruhe gegangen war, konnte ich wieder beginnen, Träume vom Sommer zu träumen.
Und das Wunderbarste von allem! Ich träumte sie bald nicht allein. Als hätte die Genesung von der letzten Krankheit mehr als bloß die Rückkehr zu physischer Gesundheit bedeutet, so erlebten wir jetzt eine Zeit, die die Versöhnung alles dessen, was gewesen, in sich zu schließen schien. Meine Frau begann meine Träume zu theilen, sie begann sich darnach zu sehnen, zusammen mit mir zu leben. Sie begegnete mir so, wie sie mir nicht begegnet war seit dem Tage, an dem wir Sven zur Ruhe betteten. Sie war noch schwach und krank und vermochte nicht viel zu sprechen. Aber sie konnte doch hören, was ich ihr sagte. Sie wußte, daß der Frühling kam, und sie freute sich über die Frühlingsblumen, die auf ihrem Nachttischchen standen.
„Wie glücklich sind wir gewesen, Georg,“ sagte sie. „Wie glücklich sind wir gewesen.“
Sie preßte diese Worte mit dem Tone des schneidendsten Wehs hervor. Sie schloß die Augen, indem sie sie aussprach, und Thränen rieselten unter ihren Lidern hervor.
„Wir werden noch ein Mal ebenso glücklich werden,“ sagte ich.
Ich glaubte, was ich sagte, und ich nahm ihre Antwort für ein Versprechen.
„Ja, ja,“ antwortete sie hastig. „Im Sommer.“
Sie hörte mir zu, als ich von den Freuden unserer Jugend erzählte und von den Schären, die immer unser liebstes Heim gewesen.
„Wir werden zwischen den Inseln umherfahren und in der Nachtbrise segeln,“ sagte sie.
Und als ob quälende Erinnerungen sie störten, rief sie aus:
„Du mußt das vergessen und nie daran denken, was ich Dir in diesen letzten Jahren gesagt habe. Ich bin so wunderlich gewesen und habe mich selbst nicht verstanden. Oft, oft war es mir, als spräche ein Anderer durch meinen Mund, ohne daß ich es verhindern konnte. Du hast alles geben müssen, und ich habe nur empfangen. Aber das wird anders werden. Wenn ich nur gesund werde.“
Ich beschwichtigte sie und bat sie, nicht zu viel zu sprechen, allzu glücklich, um mehr sagen zu können.
„Ja, ja,“ sagte sie. „Ich habe zu Dir geschwiegen und zu Anderen gesprochen. Und wer sind die Anderen? Dumme Menschen, die nichts verstehen.“
Sie schloß die Augen und schlummerte ein. Stumm blieb ich an ihrem Bette sitzen und betrachtete sie. Sie hatte beinahe dasselbe Gesicht wiederbekommen, wie zu ihrer Mädchenzeit, als ich in meinem Bett erwachte und sie zum ersten Male schlafend sah. Schwere Freudentropfen fielen aus meinen Augen, und während der Aprilschnee sich dort draußen auf die harte Erde hinabsenkte, fühlte ich, wie mein eigenes Herz auftaute.
10.
Meine Frau stand auf und begann sich zu erholen, sie ging wieder unter uns, und sie hatte keinen anderen Gedanken, als uns glücklich zu machen und selbst zu fühlen, wie wir uns freuten, daß sie wieder dem Leben angehörte.
Ach, diese kurzen Wochen, in denen Niemand außer uns sie sah, wie gedenke ich ihrer nicht jetzt! Und wie gelang es ihnen nicht, alles, was gewesen, aus meinem Gedächtnis auszulöschen! Im Vergleich zu ihrem stummen Glück war alle Unruhe und aller Schmerz, den wir früher erlebt, für nichts zu rechnen. Alles, was gesagt wurde, habe ich in meiner Erinnerung eingezeichnet und geborgen. Was nicht gesagt wurde und größer war, als was das Leben sonst giebt, das schlummert in meiner Seele, mir den Grundton des Lebens gebend, das ich sonst nicht tragen könnte. Diese Tage, die jetzt kamen, verwischten alles, was an Unruhe, Zweifel und Mißtrauen in mir gewesen war. Denn ich hatte ihr mißtraut, ihrer Liebe mißtraut, weil sie sich nicht vom Tode zum Leben führen lassen wollte, um mit mir zu leben.
Nun war all ihr Widerstand dahin. Ich fühlte es in jedem Augenblick, den ich an ihrer Seite saß, in jedem Worte, das sie zu mir sprach. Es war, als hätte die Krankheit mit allem in ihr aufgeräumt und als wäre sie durch dieselbe gereinigt und geläutert wiedergekehrt. Ihre ganze Persönlichkeit kehrte zurück, und stundenlang konnte ich dasitzen und mich an ihrem Gesichte freuen, weil es dasselbe war wie früher.
„Weißt Du noch, wie ich Dir sagte, daß wir uns trennen sollten?“ sagte sie eines Tages.
Ich mußte nachdenken, um mich daran erinnern zu können, daß sie es je gesagt. Und als endlich die Erinnerung erwachte, sagte ich ihr, daß ich ihre Worte vergessen hätte, wie man die einer Fieberkranken vergißt.
„Ich meinte, was ich sagte,“ fuhr sie eifrig fort. „Ich glaubte, Du wolltest mich zu etwas zwingen. Und dann thatest Du mir so leid. Du hast es so schwer gehabt, viel schlimmer als ich. Aber, Du mußt auch wissen, daß ich so krank gewesen bin, viel zu krank, als daß ich an etwas anderes als mich selbst hätte denken können. Ach, es ist, als wäre ich wieder aufgewacht!“
Sie griff sich an den Kopf mit einer wunderlichen, halb unruhigen halb glücklichen Gebärde. Und sie fügte hinzu:
„Aber wenn ich einmal sterbe, dann mußt Du zu Svens Kommode gehen. Da zu oberst liegt ein Brief von mir. Aber Du darfst ihn nicht früher lesen. Denn ich weiß, daß ich doch bald sterbe, und wenn ich sterbe, werde ich ganz wie Sven sterben.“
Wie oft habe ich sie nicht solche Worte sprechen hören, und wie oft haben sie mich nicht bis ins innerste Mark erschauern lassen! Jetzt gingen sie so spurlos an mir vorüber, als wären sie gar nicht ausgesprochen. Ich betrachtete sie als die letzten Wellen nach dem Sturme, als die letzten leichten Nachwellen, wenn das Meer in Aufruhr gewesen ist. Ich lächelte in der Siegesgewißheit, daß ich sie wieder errungen, und indem ich ihr Gesicht dem meinen zuwandte, sah ich ihr in die Augen und sagte:
„Aber jetzt willst Du ja leben?“
„Ja,“ sagte sie. „Ich will leben für Dich und für die Knaben und um Sven niemals zu vergessen.“
An diesem Tage ging sie an meinem Arm über den Kiesweg vor der Villa. Ihre Schritte waren müde und unsicher, und sie stützte sich schwer auf meinen Arm, aber wir waren vergnügt wie zwei Kinder, und sie lachte über sich selbst, weil ihr Gang so unsicher war, daß ihre Beine unter ihr zusammenknicken wollten, wenn sie ausschritt, lachte mit einem etwas kränklichen, aber so innig glücklichen Lachen, daß es mich froh machte, sie stützen zu dürfen.
„Wie glücklich bin ich jetzt wieder, Georg,“ sagte sie, als wir wieder ins Haus gingen. „Und Du mußt es auch werden.“
Dann führte ich sie die Stiege hinauf. Aber bevor sie in ihre Stube ging, wollte sie noch das Zimmer der Knaben sehen. Da stand sie lange mit mir und sah alles an, als wäre es für sie während der Zeit, in der sie krank gelegen war, neu geworden.
„Sie haben es wohl auch oft sehr schwer gehabt,“ sagte sie. „Ich war ja zu nichts fähig. Aber jetzt wird es besser gehen.“
Die Pflegerin half ihr ins Bett, und als die Knaben vom Spielplatz nach Hause gekommen waren, rief sie sie mit ihrer dünnen, schwachen Stimme, so verschieden von ihrer früheren tiefen und vollen, daß sie hereinkämen und erzählten, was sie draußen gemacht und womit sie sich vergnügt hätten. Das thaten sie auch so gründlich, daß ich mehr als einmal versuchte, sie zu unterbrechen. Aber sie hinderte mich immer daran. Und während sie durcheinander sprachen, lag sie die ganze Zeit da und sah ihre Gesichter an und hörte ihren Worten zu, als brauchte sie Zeit, um zu verstehen, daß das, was sie jetzt erlebte, Wirklichkeit war und kein Trugbild. Dann ließ sie sie zu sich kommen, um ihnen den Gutenachtkuß zu geben.
„Jetzt werde ich bald gesund,“ sagte sie. „Und wenn der Sommer kommt, dann nimmt uns Papa eine Wohnung in den Schären. Ich brauche sie nicht zu sehen oder zu wissen, wo sie ist. Denn er richtet es immer so gut für uns Alle ein.“
Mit einem leisen, glücklichen Lächeln schloß sie die Augen und legte sich im Bett zurecht, um einzuschlummern. Aber als ich die Knaben hinausbegleitet hatte, nahm ich meinen Mantel und ging allein denselben Kiesweg auf und nieder, über den meine Frau und ich eben gewandert waren. Es war ein ruhiger, klarer Frühlingsabend mit leichtem Nachtfrost.
11.
In diesen Tagen mußte ich oft, ohne daß ich mir klar machen konnte, wie oder warum, an Elsas und meine Fahrt zum Meere denken. Sie kam mit der Erinnerung an meinen stummen Kampf, sie dahinzubringen, das zu lieben, was mir teuer war; und die Erinnerung, wie es mir gelungen und doch nicht gelungen war, reizte und beunruhigte mich zugleich.
Sie kam mir in den Sinn, als ich in diesen Tagen der Genesung mit der Hand meiner Frau in der meinen dasaß und sie ihren Kopf an meine Schulter lehnte.
„Daß ich so weit weg von Dir gewesen bin,“ sagte sie eines Abends. „Daß ich so weit weg gewesen bin. Das war nur, weil ich glaubte, Du wolltest mich verhindern, zu Sven zu gehen.“
„Das willst Du ja jetzt nicht mehr?“ sagte ich.
„Nein, nein,“ sagte sie. „Jetzt will ich bei Dir bleiben. Aber ich habe so viele häßliche und dumme Gedanken gedacht in dieser Zeit.“
Ihre Stimme wurde wie die eines Kindes, das ein Vergehen gesteht, so daß ich lachen mußte, als ich sie hörte.
„Nein, lache nicht,“ fuhr sie fort. „Denn es ist wahr, ich habe geglaubt, Du verstündest mich nicht, und ich habe es auch gesagt. Kannst Du mir verzeihen?“
Sie sprach so tief ernst, daß ich ganz gerührt wurde, und um sie nicht noch mehr zu erregen, antwortete ich in einem Tone, den ich so munter als möglich zu machen suchte:
„Ist das die einzige Sünde, die Du auf dem Gewissen hast?“
„Nein, nein,“ sagte sie, „aber gegen Dich weiß ich keine andere.“
Und sie fuhr fort, indem sie sich enger an mich schmiegte.
„Aber das ist auch das Aergste, was ich sagen und denken konnte. Denn ich weiß ja, daß Niemand außer Dir mich verstanden hat. Niemand von all den Menschen, mit denen ich sprach, als ich mich so einsam und elend fühlte und meinte, daß alles in mir zusammenbrechen müßte.“
Sie schaudert, als sie das sagt, und führt die Hand an die Stirne.
„Das ist jetzt vorüber,“ sagt sie. „Und alles ist so ruhig und klar. Aber jetzt mußt Du noch etwas wissen.“
Sie setzte sich auf und betrachtete mich mit einem Blick, so hell und tief, als wollte sie mich auf dem Grunde ihrer Seele lesen lassen.
„Du mußt wissen, was das Allerschlimmste war,“ sagte sie. „Als ich umherging und daran dachte, daß ich sterben und Sven folgen würde, und als ich an das so dachte, daß ich meinte, Du glittest von mir fort, und alles glitte fort, und die Erde war öde und leer — da hatte ich solche Angst, ach, so furchtbare Angst. Denn ich glaubte, ich würde gezwungen sein, es selbst zu thun. Das war das Allerärgste. Aber jetzt weiß ich, daß ich es nie zu thun brauche. Das hat Gott mir gelobt.“
„Meinst Du, daß Du doch bald von mir gehen wirst?“ sagte ich.
Ich schauderte bei meinen eigenen Worten, und ich fühlte, daß mir die Stimme nahe daran war, zu versagen.
„Das weiß ich nicht,“ sagte sie, indem sie wieder den Kopf an meinen Arm lehnte. „Ich weiß nur, daß ich es nie selbst thun muß.“
Sie schwieg, und ich fand keine Worte, um ihr zu erwidern. Ich sah sie an. Sie war wieder ganz so wie in unseren glücklichsten Jahren. Sie erschien mir gleichsam zarter und jünger, und die Ruhe, die ihre frühere fieberische Rastlosigkeit abgelöst hatte, gab jeder ihrer Bewegungen eine vertrauensvolle Zärtlichkeit, die mir im selben Atemzuge Glück und Schmerz schenkte.
Als sie zu Bett gegangen war und ich hereinkam, um ihr Gutenacht zu sagen, sah sie mich mit demselben hellen und tiefen Blick an wie früher:
„Du darfst Dich auch nicht daran kehren, daß ich sagte, Du hättest mir meinen Glauben genommen,“ sagte sie. „Das hast Du nie gethan. Das habe ich mir nur eingebildet. Ach, ich habe mir soviel eingebildet. Ich habe wohl in einer einzigen Einbildung gelebt.“
Ein schmerzlicher Ausdruck trat in ihr Gesicht, und indem ich über ihre Stirne fuhr, um ihn zu verscheuchen, antwortete ich:
„Das habe ich wohl nicht gethan. Das ist wahr. Aber ich hätte doch verstehen sollen, daß das, was Du glaubtest, Dir kostbar war. So kostbar, daß ich Dich nie auch nur zu der Möglichkeit anderer Gedanken hätte führen dürfen.“
Ihr ganzes Antlitz erstrahlte wie von einem inneren Licht, und mit einem schwachen, müden Ausruf der Freude schlang sie die Arme um mich und sagte Gutenacht.
Ich löschte die Kerze an ihrem Bett und ging sachte aus dem Zimmer. Mein Herz war übervoll von Dankbarkeit für alles, was sie gesagt hatte. Es war, als hätte sie mir einen Schatz für die Erinnerung gegeben.
Im selben Augenblick, in dem ich dies dachte, wurde es mir klar, daß ich gleichsam schon angefangen hatte, sie in der Erinnerung zu suchen. „Sie geht von mir,“ dachte ich. Und zu meinem Staunen merkte ich, daß ich jetzt den Gedanken ohne Bitterkeit denken konnte, nur weil ich ihr so nahe war wie nie zuvor. „Sie stirbt nicht,“ dachte ich den Augenblick darnach. „Sie wird leben.“ Und ich merkte den Widerspruch in meinem eigenen Gedankengang nicht.
Ich saß in meinem Zimmer und versuchte zu lesen. Aber ich war zu erregt, zu glücklich über den seltsamen Reichtum, der mir zugefallen war. Und plötzlich sah ich meine Frau in dem Sommer an der Westküste, in dem Augenblick, als sie sich von dem Fenster der Lotsenhütte mir zuwandte und ich fühlte, wie wir in derselben Liebe zu dem unendlichen Meere vereint wurden, die von keiner Grenze weiß. Es war eine Aehnlichkeit zwischen dem, was ich damals empfand und was mich jetzt mit Glück und Hoffnung erfüllte, und zugleich kam es mir in den Sinn, wie viele lange Jahre ich einhergegangen war und mich nach dem Meere gesehnt hatte.
Wie eine Vision tauchte eine Erinnerung vor mir auf, die ich lange vergessen hatte. Ein Knabe steht auf einem hohen Berg und sieht hinaus übers Meer. Die Klippe ist steil, und unter ihm tosen die Wogen in wildem Schäumen. Der Knabe hat den Rock aufgeknöpft. Er hält ihn mit beiden Händen ausgespannt, so daß er wie ein Segel wirkt. Es ist ihm göttlicher Genuß, zu fühlen, wie er dem Sturme trotzt, der ihn von der Klippe zu heben und ins Meer zu schleudern droht. In dieser Freude wird er durch eine Stimme gestört, die seinen Namen durch den Wind ruft. Ein paar Arme, stärker als seine eigenen, umfassen ihn und tragen ihn mit Gewalt von der gefährlichen Stelle und vom Anblick des Meeres, das von Gefahren und Mut rauscht.
Der Knabe bin ich selbst, und ich lächle wehmütig bei der Erinnerung, während die Stunden der Nacht weiterschreiten, ohne daß ich es merke, und ich einsam sitze und in das blicke, was geschehen soll. Jetzt habe ich das erreicht, wonach das Kind sich sehnte, aber der Sturm hat mich weiter geführt, als ich selbst wollte. Jetzt wollte ich, daß sich die Elemente entweder zur Ruhe legten oder daß Jemand, der stärker wäre als ich, mich von der Gefahr fortführen könnte, von der ich nie glaubte, daß ich sie fürchten würde.
Aber ich weiß zugleich, daß das nicht geschehen kann. Und mit beschämten und schaudernden Gefühlen denke ich an das Leiden meiner Frau, das größer ist als das meine.
12.
Nicht lange nach diesem Tag wurde ich durch eine Telephonbotschaft heimgerufen, die mitteilte, daß meine Frau von einem heftigen Krampfanfall getroffen worden war. Man fügte hinzu, daß es ernst sei, und bat mich, meine Heimkehr zu beschleunigen.
Am selben Tag hatte ich meiner Frau frühmorgens Lebewohl gesagt, bevor ich zu meiner Arbeit fuhr. Es war der erste Mai, und wir hatten davon gesprochen, den Kindern auf irgend eine Weise einen fröhlichen Tag zu bereiten, so wie es früher im Hause der Brauch gewesen. Es war mir auch zuerst unmöglich zu fassen, daß das, was ich gehört hatte, Wirklichkeit sein könnte.
Ich benützte daher die Zeit, die mir blieb, bis der Zug abging, um ein wenig Obst und anderes zu kaufen, was für den frohen Tag notwendig war. Natürlich ist das etwas Vorübergehendes, sagte ich zu mir selbst, wie ich da mit meinen Packeten im Coupé saß. Um die Zeit rascher hinzubringen, nahm ich meine Zeitungen zur Hand und versuchte zu lesen. Es gelang mir im Anfang, weil ich mich anstrengte, alles gleichsam so alltäglich wie möglich zu nehmen, damit meine Angst mir nicht übermächtig würde, wenigstens solange ich im Coupé säße. Aber je näher ich meiner Wohnung kam, desto stärker fühlte ich, wie mich nur die Unruhe zu allem trieb, was ich vornahm. Die Gedanken wollten den Augen nicht folgen, die mechanisch über die Zeitungsspalten glitten, und bald merkte ich, daß die Augen ohne Ordnung ihren Weg von der einen Spalte zu der anderen suchten. Ich faltete die Zeitung zusammen, und wie ein Blitz durchzuckte es mich: „Du fährst dem entgegen, was Du gefürchtet hast. Du kannst nicht leugnen, daß Du beständig gefürchtet hast. Nie hast Du geglaubt, daß sie leben würde. Du hast es Dir nur selbst vorspiegeln wollen. Jetzt hat die Stunde geschlagen, und Du entgehst ihr nicht.“
Eine unnatürliche Ruhe kam über mich. Vielleicht kam dies daher, daß ich jetzt der letzten Gewißheit entgegenfuhr, vor der ich fühlte, daß mit ihr aller Kampf zu Ende sein mußte. „Gott, soll sie sterben,“ murmelte ich, „möchte sie doch ohne Schmerzen sterben können!“ Und noch immer wunderte ich mich, daß ich so ruhig sein konnte. Ich sah mich auf dem Perron um, als der Zug stehen blieb. Ich hatte erwartet, daß Jemand mir entgegenkommen würde, aber Niemand war da. „Dann lebt sie noch,“ dachte ich mit derselben eigentümlich klaren Ruhe. Und im nächsten Augenblick dachte ich: „Vielleicht ist gerade das ein Zeichen, daß alles zu Ende ist. Man hat eingesehen, daß ich nicht hier vor fremden Augen erschüttert werden will.“ Aber selbst vor dieser Möglichkeit behielt ich dieselbe wunderliche Gefühllosigkeit bei. Langsam begann ich heimwärts zu gehen, schwer stieg ich den Hügel hinan. Ich blickte zum Fenster auf, und ich glaubte sie noch sehen zu können, als sie zum ersten Male nach ihrer ersten Krankheit wieder angekleidet und auf war. Ueber das schwarze Kleid, das sie jetzt immer trug, hatte sie ein helles Cape geworfen, und das Fenster stand weit offen. Sie beugte sich hinab und winkte, ungeduldig, weil ich nicht schon früher aufgeblickt hatte, und sie bebte vor Eifer, mich damit erfreuen zu können, daß sie auf war und allein gehen konnte. Diese Erinnerung durchzuckte mich, und mechanisch sah ich zu dem Fenster auf, obgleich ich wohl wußte, daß jetzt Niemand da stehen und mir zuwinken würde.
Da stand der Gedanke vor mir: „Durch mehr als ein und ein halbes Jahr warst Du darauf gefaßt, daß sie sterben würde, und Du hast sie betrauert, als wäre sie schon dahin, jetzt kannst Du nicht mehr fühlen. Der Schmerz hat sich selbst verzehrt, er ist in einer eigenen Flamme erloschen, und nur die Asche ist übrig.“
Kurz darauf stand ich im Schlafzimmer und sah, daß meine Frau bewußtlos war. Ich lauschte ihren Atemzügen, nahm ihre Hand und versuchte, zu ihr zu sprechen. Ich begriff, daß alles vergeblich war, und ging hinab, um selbst mit dem Doktor durchs Telephon zu sprechen, nicht weil ich glaubte, daß er nötig war, sondern weil ich meinte, ich müßte es. Er versprach zu kommen, und leise ging ich wieder die Stiege hinauf, auf der mich durch die geöffneten Thüren aus dem Krankenzimmer der Laut der Atemzüge meiner Frau erreichte, die allein in dem ganz stummen Hause zu herrschen schienen.
Da sah ich Olof, der stille auf der Treppe stand und zu horchen schien. Ich legte meine Hand auf seine Schulter und gedachte an ihm vorbei zu gehen. Aber der Knabe hielt mich auf.
„Warum schnarcht Mama so wunderlich?“ sagte er.
Er wurde rot, als hätte er etwas Unpassendes gesagt, und versuchte zu lächeln, ohne daß es ihm gelang.
„Das pflegt sich so anzuhören,“ sagte ich, „wenn ein Mensch nahe daran ist zu sterben.“
Der Knabe brach nicht in Thränen aus. Er nickte nur und sah weg.
„Er hat es erwartet so wie ich,“ dachte ich.
Und im selben Augenblick sah ich, wie groß und wie klein er war.
Da war es, als bräche etwas in mir auf. „Hier steht das Schlimmste bevor,“ dachte ich, „das, in das Du Dich noch nicht hineingedacht hast. Die Kinder, die Kinder!“ Und während die Pflegerin allein bei der Kranken saß, ging ich mit den Knaben hinunter, um zu Mittag zu essen und mit ihnen von dem zu sprechen, was geschehen sollte.
Wie wir mit einander sprachen an diesem Tag und den folgenden! Wie wir unsere Stimmen dämpften, als fürchteten wir, sie zu stören, deren Ohr von keinem Laute mehr erreicht werden konnte! Meine Knaben erschienen mir plötzlich wie ein paar Altersgenossen, die allein alles geteilt und alles verstanden hatten. Für sie war nichts Wunderliches daran, daß Mama zu Sven ging. Das hatte sie ihnen ja selbst so oft gesagt. Es lag nichts Störendes für sie in dem Gedanken, daß Mama fortging, weil sie nicht zu leben wünschte. Sie wurden von keinen Theorieen beunruhigt. Sie kritisierten nicht. Sie versuchten keine Auslegungen dessen, das nur einfach und groß war. Sie wußten bloß, daß, wenn Mama sterben und von ihnen gehen wollte, dies nur deshalb geschah, weil sie krank und schwach war und weil sie nicht zu leben vermochte. Wenn Jemand ihnen gesagt hätte, daß ihre Mama dadurch zeigte, daß sie sie weniger liebte, würden sie gelacht haben oder empört gewesen sein.
Jetzt sprachen sie zu mir von so mancherlei, das ich nicht gehört hatte. Und wie wir sprachen, begann in mir selbst der Schmerz gleichsam aus der Ferne zu erklingen. Ich wußte, daß er einmal kommen würde, mit Linderung kommen. Aber noch konnte er nicht ganz die Ruhe überwinden, die mich beherrschte und die ich selbst dann noch beibehielt, als der Doktor das Krankenzimmer verlassen und mir all das gesagt hatte, was ich schon wußte.
Aber bevor er kam, wurde ich durch Schreie hinauf ins Schlafzimmer gerufen. Als ich eintrat, lag meine Frau in krampfhaften Zuckungen, die im Gesichte anzufangen schienen und sich von da fortpflanzten, bis sie ihren ganzen Körper erschütterten. Wir konnten nichts thun. Und von Zeit zu Zeit kamen die entsetzlichen Anfälle wieder.
Der Doktor machte ihnen durch Injektionen ein Ende, und die frühere Ruhe kehrte wieder, aber das Bewußtsein kam nicht zurück. Noch fast zwei Tage lag sie in derselben Betäubung, in der ich sie zuerst gefunden. Unaufhörlich, lange nachdem die Zuckungen aufgehört hatten, glaubte ich ihr Antlitz verzerrt und in derselben grauenvollen Weise bebend zu sehen. Da erinnerte ich mich an Svens Totenbett. Ich wußte, daß ich damals dasselbe Bild gesehen, von der Verzerrung des Gesichtes und des Mundes bis zu dem Zittern der Glieder und den krampfhaft geballten Händen. Ich gedachte ihrer Worte: „Wenn ich sterbe, werde ich ganz so sterben wie Sven.“ Ich erinnerte mich, daß ich bei mir selbst gelächelt hatte, als ich diese Worte hörte, ich hatte sie für einen Ausdruck der Ueberspanntheit erklärt. Jetzt, wo sie sich verwirklicht hatten, konnte ich sie nicht aus dem Sinne schlagen. Woher wußte sie es? Oder wie konnte sie es so sicher sagen, wenn sie nichts wußte? War dieses Zusammentreffen bloß ein Zufall? Und kann man überhaupt alles Zufall nennen, was man sich nicht erklären will?
Ich saß Stunden am Bette meiner Frau und ging bloß hinaus, um Luft zu schöpfen oder zu ruhen. Ich saß mit den Knaben am Krankenlager, und wir flüsterten mit einander, sprachen Worte, die niemals wiederkommen werden, und deren sich Keiner von uns mehr entsinnen kann. Ich schlief in den Kleidern auf dem Bett neben Elsa, meiner kleinen Elsa, die niemals mehr erwachen sollte, und ich saß allein wach, damit die Pflegerin Ruhe fände und ich wenigstens die Erinnerung an ein paar Stunden besitzen könnte, in denen niemand Anderer als wir Beide im Sterbezimmer gewesen waren.
Man sagt von Sterbenden, daß ihr ganzes Leben an ihnen vorüberrauscht, bevor das Ende eintritt, und es muß wohl so sein, daß man da alles, was man selbst erlebt hat, vielleicht in einem neuen Lichte sieht. Für mein eigen Teil weiß ich, daß ich in der letzten Nacht, als es so langsam Tag wurde und die Knaben ermattet zur Ruhe gegangen waren, mein eigenes Leben und alles, was sie und ich mit einander erlebt hatte, so sah, wie ich es nie zuvor gesehen. Und ich sah, daß ich von allem, was sie mir gesagt, mir das eingeprägt hatte, was ich hätte vergessen sollen, und gerade das vergessen hatte, was ich vor allem hätte beherzigen müssen. Ich hatte mir das gemerkt, was sie nach meinem eignen Wunsche sprach, und alles vergessen, was sie dagegen gesprochen. Während ich glaubte, alles für sie zu thun, hatte ich daher für mich selbst und mein eigenes Glück gearbeitet. Alles, was ich erlebt hatte, sammelte sich in diesem Gedanken wie in einem einzigen Brennpunkt.
Denn hinein in das Thal des Todes hatte sie mich geführt. Das sah ich jetzt, als die graue Luft vor dem Fenster sich erhellte und ein weiter Rand der Morgenröte sich rings um das Himmelsgewölbe abzeichnete. Von selbst und aus eigenem freien Antrieb hatte ich niemals dorthin getrachtet, hatte nur gestrebt, von dort fortzukommen und zu vergessen, daß solches vorhanden war. Und wie ich nun hier saß, wollte es mich bedünken, daß ich jetzt ebenso wenig von der Welt wußte, als da ich zuerst zum Leben in dieser Welt voll Widersprüche erwachte, und über alles verwundert, was mir dort begegnete, meine ersten Schritte machte. Immer war ich mit etwas wie Verwunderung in mir umhergegangen, immer mit einem Gefühl, daß das, was ich erlebte, nur zur Hälfte Wirklichkeit sei, immer hatte ich mich gleichsam von dem, was war, dem Unbekannten entgegengestreckt, das kommen sollte. Immer hatte ich vom Glücke geträumt, und das Glück hatte sich mir nie anders gezeigt, als in Gestalt eines Heims. Dieses Glück hatte ich errungen, es errungen, wie nur einer unter Tausenden es erringt, aber der Tod, an den ich nie hatte denken wollen, war unsichtbar hinter mir hergeschlichen. Er nahm meinen kleinen Knaben mit den Engelsaugen und dem goldenen Haar. Und als er starb, beugte er sich tiefer über mich denn zuvor, breitete seine schwarzen Fittiche über mein Haus und ließ mich nicht früher los, als bis er mir und den Meinen sie geraubt, die uns teurer war als alles im Leben, weil sie uns teurer war als das Leben selbst.
Ich stand auf und sah hinaus. Ich lauschte ihren Atemzügen, und ich konnte es nicht glauben, daß es meine Frau war, die hier lag und sterben sollte. Ich beugte mich hinab und benetzte ihre Zunge und ihre Lippen mit Wasser, und ich betrachtete ihre Züge, bis es vor meinen Augen schwarz wurde und ich nichts sehen konnte. Aber ihr selbst glaubte ich nahe zu sein, und war noch eine Erinnerung in ihr, die, unerreichbar für mich, von allem getrennt, was wir Sterblichen Dasein nennen, sich mit ihrem eigenen Leben beschäftigte, so wußte ich, daß ich mit darin war. Ich war mit darin so, wie ich mich nie selbst sehen sollte und kein Anderer als sie mich sehen konnte.
Und während meine Gedanken so um alles kreisten, was wir Beide zusammen erlebt hatten, vergaß ich mich selbst und sah nur sie. Jung und hingebend trat sie mir entgegen, aber in allem Glück, das um sie strahlte und ihre Schritte leicht machte, lag eine Wehmut, die umso stärker war, weil sie so lange schwieg. Ich glaubte mich jetzt erinnern zu können, daß ihr ganzes Wesen früh, früh schon auf einem Plane stand, der nicht der Anderer war. Sie war geschaffen, glücklich zu sein und dann zu sterben, und der Tag kam, an dem es eine Grausamkeit wurde, zu versuchen, sie zum Leben zu zwingen. Sie konnte nicht eine Zeitlang trauern und dann vergessen. Sie konnte nur trauern und sterben. Alles über dem Gefühl ihres Schicksals vergessend, hätte ich wissen müssen, daß sie immer die Wahrheit sprach und am meisten dann, wenn ihre Rede mir wunderlich und unmöglich schien. Aber am allerwahrsten war sie, wenn der Schmerz die Worte auf ihre Lippen preßte und sie mich bat, sterben zu dürfen.
Warum hatte ich sie nicht gewähren lassen? Warum hatte ich versucht, sie gegen ihren Willen und über ihre Kraft zu zwingen? Begriff ich denn nicht, daß sie nur durch eine unerhörte Kraftanstrengung durch zwei lange Jahre in meinem Heim gekommen und gegangen war, mit uns, die wir lächeln wollten, gelächelt, mit uns, die wir spielen wollten, gespielt hatte?
Wie hatte ich so grausam sein können, und wie kann man so grausam sein, nur weil man nicht recht und klar zu sehen vermag?
Und diese Fragen sammelten sich zuletzt in der neuen: Wie hat sie mich lieben können, wenn ich sie gegen meinen Willen so gequält habe?
Denn als hätte ich ihren Gedanken folgen können, die schon von den meinen getrennt waren, schien es mir, daß ich dies gegen meinen Willen gethan hatte und daß sie das für mich fühlen mußte, obgleich ich es früher nicht hatte glauben wollen. Aber nie sollte mir eine Antwort auf diese Frage werden, nie sollte sie aus dieser Betäubung erwachen, und mit Verzweiflung im Herzen, würde ich mich eines Tages dem neuen Leben zuwenden, das mich ohne sie erwartete.
So suchte ich in der Ahnung dem Weg zu folgen, den ihre Gedanken nahmen, während sie tiefer und immer tiefer in die Gewalt des Todes glitt. Es war, als hätte ich mich selbst und mein eigenes Leben dem Tode gegeben und als machten wir Beide zusammen, sie und ich, unsere Rechnung mit der Welt. Alles außer und in mir wurde so schwindelnd hoch und groß, daß ich glaubte nichts erreichen zu können. Es war kein Trost in all diesem, nur ein verzweifelter Abschied. Träge schritten die Stunden vorwärts, und schon kam der Augenblick unwiderstehlicher Müdigkeit, wo man die Augen schließt und die Hände zusammenpreßt in einem einzigen Gebet, daß alles zu Ende sein möge.
Da hörten plötzlich die regelmäßigen Atemzüge auf, und ich fühlte, wie mein Herz gleichsam starr wurde. Ich glaubte, daß nun der Tod komme, und ich eilte hinaus, um die Knaben zu wecken. Sie kamen herein, schlaftrunken und ernst, und setzten sich am Bette nieder, und in diesem Augenblicke erinnerte ich mich an das, was sie einmal gesagt hatte:
„Wenn ich sterbe, will ich, daß kein Anderer außer Dir und den Knaben um mich ist. Nur zu Euch gehöre ich.“
So saßen wir nun auch, und während wir uns nicht erklären konnten, was ihre erleichterten Atemzüge bedeuten sollten, und das Ende erwarteten, merkten wir, daß ihre Augen gleichsam arbeiteten, um sich zu öffnen, und wir sahen, wie sie sich dorthin wendete, wo Svens Porträt an der Wand hing, und hörten sie sagen:
„Nenne.“ Schwach und leise sprach sie das kleine Wörtchen aus, aber sie hatte doch gesprochen. Krampfhaft faßten wir uns bei den Händen, und unsere Thränen flossen, nicht aus Schmerz, sondern aus Freude, daß wir wieder ihre Stimme gehört hatten.
Von diesem Augenblick an wußte sie, daß wir da saßen. Von diesem Augenblick an war gleichsam ein Abschiednehmen in jeder Miene, jeder Bewegung und jedem Worte. Wenn sie unsere Stimmen hörte, schlug sie ihr eines Augenlid auf, ganz wie Sven es einmal gethan hatte, und wir konnten merken, daß sie uns erkannt hatte und sich unserer Liebkosungen bewußt war.
Noch einmal nannte sie Svens Namen, als hätte sie sagen wollen, daß sie ihn sähe, daß sie zu ihm ginge. Aber dann sank sie zusammen, und wir saßen atemlos da, gierig nach einem Zeichen haschend, daß sie uns noch nicht verlassen, noch nicht von uns gegangen war.
Da schlug sie ihr linkes Auge auf, so wie Sven es einmal gethan, und ihr Blick suchte den meinen. Ich beugte mich über sie und sah, daß sie versuchte zu sprechen. Aber sie vermochte es nicht, und mit einem Ausdruck unsäglichen Leidens sank sie zurück in die Betäubung, die der Vorbote des Todes ist. Mehrere Male wiederholte sie denselben Versuch. Bei jedem Male trat in ihr Gesicht dieser Ausdruck verzweifelter Ohnmacht, und mit jedem Male wurde er herzzerreißender. Es war, als gehörte sie uns nicht mehr an, aber als gäbe es doch etwas, was sie uns sagen wollte, ehe sie für immer schied, als könnte sie nicht sterben, ohne es den Ueberlebenden mitgeteilt zu haben. Es war entsetzlich, ihren Kampf anzusehen, und noch entsetzlicher, vielleicht ihre letzten Worte zu verlieren. Wieder beugte ich mich über sie hinab, und verzweiflungsvoll flüsterte ich eine Bitte in ihr Ohr. Da schlug sie ihr Auge zu mir auf, und ich sah, daß sie mich hörte. In einer Spannung, als hinge mein ganzes zukünftiges Leben von ihren Worten ab, näherte ich mein Ohr ganz ihrem Munde.
Da hörte ich ihre Stimme. Sie kam aus so weiter Ferne, wie noch keine Stimme in meinem Ohr erklungen ist. Sie war so schwach, daß ich sie kaum unterscheiden konnte. Es war kaum sie selbst sondern eher ihr Geist, der sprach. Aber deutlich und klar vernahm ich die Worte, und Niemand außer mir konnte sie hören:
„Ich ... habe ... Euch ... so lieb.“
Ich muß vor Schmerz aufgeschrieen haben. Denn ich fühlte Hände, die mich umfaßten und stützten. Und der Ausruf, der sich mir entrungen, hatte die Sterbende erreicht. Denn von meiner Frau kam ein verzweifelter Laut des Schmerzes, der sagte, daß sie mich hören konnte, ohne es doch zu vermögen, ihre leblose Hand auf mein Haupt zu legen. Diesen Laut kann ich noch zu dieser Stunde hören.
Um diese Worte sagen zu können, war sie stundenlang ringend dagelegen. Und als sie sie gesagt hatte, sank sie in Ruhe zurück. Es war Friede über ihren Zügen. Sie wünschte nichts mehr, verlangte nichts mehr. Sie hatte ihre Rechnung mit der Welt abgeschlossen, als sie, bevor sie starb, gesagt hatte, wie sehr sie die Knaben und mich liebte.
Ein paar Stunden später hatte sie die Augen geschlossen. Es geschah ohne Todeskampf, stille und ruhig, so wie wenn ein Licht herabgebrannt ist.
Sie lebte ihr eigenes Leben und starb ihren eigenen Tod.
Sie war so schwach, daß sie keinen Todeskampf hatte. Sie hatte vorher lange genug gekämpft.
Aber sie war stark genug, um uns, bevor sie ging, ein Wort zu schenken, an das wir uns erinnern und von dem wir leben konnten. Ihre Liebe war stärker als der Tod.
Segen über sie!
13.
Ich öffnete den Brief, der zu oberst in der kleinen Kommode meiner eigenen Kindheit dort drinnen in Svens Heiligtum lag. Da las ich dieses:
„Ich habe so oft vom Sterben gesprochen, aber einmal wird es ja doch geschehen. Wer dieses Blatt zuerst findet, soll es Dem oder Denen zeigen, die mein Begräbnis anordnen werden. Oh Gott, wenn ich dieses Wort niederschreibe — wäre ich so nahe dem Grabe, wie das Wort dem Papier. Ich wollte ja für Geliebte leben, die mehr für mich gethan haben, als Menschen für einen Anderen thun, und ich versuche, so gut ich kann. Aber wenn es nicht gelingt — und es ist mir so zu Mute — dann möchte ich in mein weißes Kleid gekleidet werden. In meiner untersten Kommodenlade ist all das Linnen, das Nenne, mein Engel, benützte. Aber gebt es mir mit. Laßt so viel von dem, was sein ist und in meinem Sarge Platz hat, mit hineinkommen. Auch auf seinen harten, kleinen Spielsachen werde ich weich liegen. — —
Ein letzter Wunsch noch. Sterbe ich zuhause, so versucht, wenn es möglich ist, mich in Nennes Zimmer aufzubahren.
Dank für alles, alles. Aber ich war ein unglücklicher Mensch und konnte nicht leben trotz aller Liebe und Zärtlichkeit — —.
Eure Elsa.“
Und so wurde sie in das weiße Kleid gekleidet, das sie nicht getragen, seit sie sich an der Erde nicht mehr freute und an allem, was der Erde war. Alles geschah, so wie sie es gewünscht, und in Svens kleinem Zimmerchen ward ihr letztes Lager gebettet. Da lag sie, das weiche, schwarze Haar gelöst über das weiße Gewand fallend, und rings um sie waren alle Blumen des Frühlings. Hinter ihr erhob sich zu dem kleinen Fenster eine purpurrothe Azalee, und auf dem Bette lag ein Regen von gelben Rosen.
Sie sah aus, als ob sie schliefe, und ihr Gesicht hatte sich im Tod verjüngt.
So ging sie zu Sven, wie sie selbst gesagt, und darum ist dies das „Buch vom kleinen Brüderchen“, das kam und seiner Mutter Engel wurde, wenn auch nicht so, wie wir gehofft hatten. Denn er nahm sie mit, als er ging.
14.
Aber dieses Buch ist zugleich die Erzählung von einem Kampf mit dem Tode. Es ist die Erzählung von einem Manne, der kämpfte und überwunden ward, aber der sich seiner Niederlage nicht schämt.
Ich bin seither weit umhergezogen, und ich habe viele Menschen gesehen. Aber alles ist mir fremd gewesen und alles tot, bis dieses Buch geschrieben ward. Es ward geschrieben in lichten Sommertagen, da wo die Schären aufhören und das offene Meer beginnt. Und es ward geschrieben von einem einsamen Manne, der nicht mehr einsam ist.
In langen Wochen hat er über das Meer hinausgeblickt, das gleich dem Menschenleben, das des Lebens wert, niemals ruhig ist. Er sah dort, daß über tosenden Gewässern Leuchtthürme blinken, und sollten auch die Leuchtthürme erlöschen, so funkeln doch des Himmels Sterne.
Von Gustaf af Geijerstam ist im gleichen Verlage erschienen:
Das Haupt der Medusa. Roman. Sechstes Tausend.
Die Komödie der Ehe. Roman. Achtes Tausend.
Nils Tufvesson und seine Mutter. Bauernroman. Viertes Tausend.
Frauenmacht. Roman. Achtes Tausend.
Wald und See. Novellen. Viertes Tausend.
Kampf der Seelen. Roman. Viertes Tausend.
Alte Briefe. Novellen. Viertes Tausend.
Karin Brandts Traum. Roman. Achtes Tausend.
Gefährliche Mächte. Roman. Sechstes Tausend.
Die Brüder Mörk. Roman. Viertes Tausend.
Thora. Roman. Zwanzigstes Tausend.
Das ewige Rätsel. Roman. Sechstes Tausend.
Die alte Herrenhofallee. Roman. Sechstes Tausend.
Gesammelte Romane. Sechstes Tausend.
S. Fischer, Verlag, Berlin W. 57
Gustaf af Geijerstams Gesammelte Romane
Fünf Bände in schöner gediegener Ausstattung Geheftet 12 Mark, in Leinen geb. 15 Mark
1. Bd.: Porträt / Einleitung von Friedrich Düsel / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des Waldes / Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.
2. Bd.: Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe.
3. Bd.: Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht.
4. Bd.: Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte.
5. Bd.: Die Brüder Mörk / Die alte Herrnhofallee.
Geijerstam ist ein Erlebnisdichter. Er schöpft von innen und verlegt auch seine Wirkungen nach innen. Seine Eheromane sind nicht bloß „Ehegeschichten“ schlechthin, Geschichten vom Sichfinden und Sichverlieren der Geschlechter — es tauchen darin fast alle die leisesten, feinsten und heimlichsten Seelenkonflikte und Seelenprobleme auf, all die uns moderne Menschen innerlich bewegenden Fragen, die den Wert der differenzierten Persönlichkeit entscheiden. Geijerstams Wirkung gedeiht jetzt zur vollen Blüte, an der Schwelle einer Zeit, die keine größere Sehnsucht kennt als die, fern vom verwirrenden Lärm der hastenden, nach materiellen Gütern jagenden Welt sich ein Eigen- und Innenleben aufzubauen, aus dessen Tiefen wieder rein und voll die Glocken der Seele heraufläuten.
Druck von Rosenthal & Co. in Berlin
Verlagsanzeigen wurden an das Ende des Buches verschoben.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere Änderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben und des schwedischen Originales, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
... eine Antwort wird. Doch nie hätte ich das damals ... ... eine Antwort wird. Doch wie hätte ich das damals ...
... Wetter zerstörte. ... ... Wetter zerstörten. ...
... „Betrübt Dich das?“ antworte ich und lächelte. ... ... „Betrübt Dich das?“ antwortete ich und lächelte. ...
... An einem Morgen erinnere ich mich, daß er ... ... An einen Morgen erinnere ich mich, daß er ...
... mit der Sven antworte: ... ... mit der Sven antwortete: ...
... kann. Ich hoffe trotz allem, daß mein Kind ... ... kann. Ich hoffte trotz allem, daß mein Kind ...
... sammelte sich in diesem Gedanken wie ein einem ... ... sammelte sich in diesem Gedanken wie in einem ...
... ich fühlte Hände, die mich umfaßten und stützen. ... ... ich fühlte Hände, die mich umfaßten und stützten. ...