Dritter Teil
Stefan Zweig translation
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Clerambault kam vom Spital zurück, schloß sich in sein Zimmer ein und begann zu schreiben. Madame Clerambault versuchte einmal einzudringen, sah mit einer Art Mißtrauen nach, was er machte. Es war, als ob ein bei dieser Frau sehr seltenes Ahnungsvermögen — sie merkte sonst nie etwas — ihr ein dunkles Angstgefühl vor dem, was ihr Mann vorbereitete, einjagte. Es gelang ihm, seine Abgeschlossenheit zu verteidigen, bis er fertig war. Sonst ersparte er den Seinen nichts von dem, was er geschrieben hatte, es war ein Genuß für seine naive, liebevolle Eitelkeit, aber auch zärtliche Pflicht, auf die er ebensowenig wie die anderen hätte verzichten können. Diesmal nahm er davon Abstand, ohne sich den Grund dafür selbst klar zu machen. Obwohl er noch weit davon entfernt war, die ganze Tragweite seiner Tat zu überschauen, hatte er doch Furcht vor Widerspruch, denn er fühlte sich seiner noch nicht sicher genug, sich ihm auszusetzen. So zog er es vor, die anderen lieber vor die vollendete Tatsache zu stellen.
Sein erster Schrei war eine Selbstanklage:
„Ihr Toten verzeihet uns!“
Diese öffentliche Beichte trug als Motto die Melodie einer alten Klage des Königs David, der an der Leiche seines Sohnes Absalon weint:

Fi-li mi, Fi-li mi, Fi-li mi, Fi-li mi, Fi-li mi!
„Ich hatte einen Sohn. Ich liebte ihn. Und ich habe ihn getötet. Ihr Väter des trauernden Europa, nicht für mich allein, für euch alle spreche ich, ihr Millionen Väter, verwitwet an euren Söhnen, Feinde oder Freunde, und alle bedeckt von ihrem Blute gleich mir. Ihr alle sprecht durch die Stimme eines der Euren, durch meine arme Stimme, die leidet und Buße tut.
Mein Sohn ist für die Euren, durch die Euren (ich weiß es nicht), ist wie die Euren getötet worden. Und wie ihr habe ich den Feind dafür angeklagt und den Krieg. Aber den Hauptschuldigen sehe ich erst heute und ich klage ihn an: ich bin es. Ich bin es, und dieses Ich seid Ihr. Wir sind es. Könnte ich Euch doch zwingen, das zu hören, was Ihr wohl wißt und nicht wissen wollt!
Mein Sohn war zwanzig Jahre alt, als er dem Krieg zur Beute fiel. Zwanzig Jahre lang habe ich ihn zärtlich geliebt, habe ihn geschützt gegen Hunger, Kälte, Krankheiten, gegen die geistige Dunkelheit, gegen Unwissenheit, Irrtum, gegen alle Fallstricke, die das Leben in seinem Schatten birgt. Aber was habe ich getan, um ihn zu verteidigen gegen die aufsteigende große Gefahr?
Dabei habe ich niemals zu jenen gehört, die mit den Leidenschaften des eifersüchtigen Nationalismus gemeinsame Sache machten. Ich liebte die Menschen, und es war mir eine Freude, an ihre zukünftige Brüderlichkeit zu denken. Warum habe ich also nichts getan gegen das, was sie bedrohte, gegen das schleichende Fieber, gegen den lügnerischen Frieden, der mit einem Lächeln auf den Lippen schon zum Mordanschlag ausholte? Es war vielleicht Furcht, zu mißfallen, Furcht vor Feindschaften? Ich liebte es zu sehr, zu lieben und vor allem geliebt zu werden. Ich fürchtete, erworbenes Wohlwollen zu gefährden, hielt zu viel auf die zerbrechliche und kraftlose Gemeinschaft mit jenen, die um uns sind, auf diese Komödie, die man mit sich und den anderen spielt und mit der man sich ja gar nicht selbst betrügt, denn von beiden Seiten fürchtet man immer, das Wort auszusprechen, das den Mörtel abfallen ließe und das zerfressene Haus zeigte. Ich hatte Furcht, klar in mich selbst zu sehen, war erfüllt von jener inneren opportunistischen Unsicherheit, die alles schonen will, die die alten Instinkte und den neuen Glauben verbinden will, die Kräfte, die sich gegenseitig vernichten und aufheben, Vaterland, Menschheit, Krieg und Frieden. Ich habe nie genau gewußt, auf welche Seite ich mich hinneigen sollte, und bin von der einen zur anderen wie eine Schaukel geschwankt. Ich hatte Angst vor der Anstrengung, mich zu entscheiden und eine Wahl zu treffen.... Faulheit war es und Feigheit! Ich übertünchte all das mit einem gefälligen Glauben an die Güte der Dinge, die alles schon — so dachte ich — von selbst in schönste Ordnung bringen würden. Und wir begnügten uns, zuzuschauen, den unfehlbaren Lauf des Schicksals noch zu verherrlichen — wir Höflinge der Gewalt! Da wir verzichtet haben, Einfluß zu erlangen, so haben die Dinge — oder die Menschen, andere Menschen als wir — für uns entschieden. Und wir haben das erst bemerkt, als wir schon getäuscht waren. Aber das Eingeständnis war für uns so entsetzlich, wir waren so dessen entwöhnt, wirklich wahrhaft zu sein, daß wir auch dann weiter so getan haben, als wären wir mit dem Verbrechen im vollen Einverständnis. Und als Bürgschaft unseres Einverständnisses haben wir unsere Söhne ausgeliefert....
Ach, wir haben sie sehr geliebt! Sicher mehr als unser eigenes Leben — ach, hätte es sich nur darum gehandelt, unser Leben hinzugeben! Aber wir haben sie nicht mehr geliebt als unseren Stolz, der verzweifelt bemüht war, unsere moralische und sittliche Verwirrung zu verbergen, die Leere unseres Geistes und die Nacht unseres Herzens.
Alle diese Dinge wären aber noch verzeihlich bei solchen, die an das alte Idol, an das heimtückische, neidische, mit getrocknetem Blut überdeckte Götzenbild glaubten — an das barbarische Vaterland. Wenn jene ihre und der anderen Kinder opferten, so töteten sie, aber sie wußten wenigstens nicht, was sie taten — diejenigen aber, die nicht mehr daran glauben, die nur mehr daran glauben wollen (und das bin ich, das sind wir) — die opfern ihre Kinder, indem sie sie einer Lüge darbieten (denn im Zweifel Ja sagen, heißt lügen), und sie opfern sie, um sich selbst ihre Lüge zu beweisen. Und jetzt, da unsere Lieben für unsere Lüge gestorben sind, arbeiten wir uns, statt den Irrtum offen zuzugeben, nur noch tiefer, bis über die Augen hinein, nur um nichts mehr zu sehen, denn wir wollen, daß nach den unseren noch die anderen, alle anderen, für unsere Lüge sterben.
Aber ich, ich kann das nicht mehr, ich denke an die noch lebenden Söhne. Was soll mir das Gutes tun, daß andern Böses geschieht? Bin ich ein Barbar aus den Zeiten Homers, um zu glauben, daß ich den Schmerz meines toten Sohnes, seinen Hunger nach Licht lindern könne, wenn ich auf die Erde, die ihn hinabgeschlungen hat, das Blut anderer Söhne hingieße? Haben wir noch immer diese Vorstellungen? — Nein! Jeder neue Mord tötet meinen Sohn noch einmal, läßt auf seinem Gebein den schmutzigen Schlamm des Verbrechens lasten. Mein Sohn war die Zukunft, und wenn ich ihn retten will, muß ich die Zukunft retten, muß ich künftigen Vätern den Schmerz ersparen, der auf mich gefallen ist. Zu Hilfe! Helft mir! Verwerfen wir diese Lüge! Geht denn der Kampf zwischen den Staaten, dieses Brigantentum des Weltalls, wirklich um unseretwillen vor sich? Was tut uns denn wahrhaft not? Die erste Freude, das erste Gesetz, ist es nicht jenes Lebensgesetz des Menschen, der gleich einem Baum gerade aufsteigt und sich in dem zugewiesenen Kreis Erde erfüllt, der durch seinen freien Saft und seine stille Arbeit, sein vielfältiges Leben in sich und seinen Söhnen sich ruhig entfalten sieht? Wer von uns Brüdern der Welt ist eifersüchtig auf den anderen, wer will ihm solch gerechtes Glück nehmen? Was haben wir zu tun mit den Ambitionen und Rivalitäten, mit der Habgier und den geistigen Krankheiten, mit denen die Schänder des Wortes den Namen des Vaterlandes bedecken? Das Vaterland sind wir, die Väter. Das Vaterland sind unsere Söhne. All unsere Söhne. Retten wir sie!“
§
Ohne irgend jemand zu fragen, überbrachte er diese Seiten, kaum daß er sie geschrieben hatte, einem kleinen sozialistischen Verleger seines Viertels. Er kam erleichtert zurück und dachte:
„So, jetzt habe ich gesprochen. Jetzt beschäftigt es mich nicht mehr.“
Aber in der kommenden Nacht belehrte ihn plötzlich ein Stich in der Brust, daß es ihm mehr als je naheging. Er wachte auf. „Was habe ich denn getan?“ Er fühlte eine schmerzliche Scham, der Öffentlichkeit seinen heiligen Schmerz ausgeliefert zu haben. Ohne daran zu denken, daß seine Worte Zorn erregen könnten, hatte er doch ein Vorgefühl von Unverständnis, von grobschlächtiger Auslegung, die er als Profanation empfand.
Die nächsten Tage gingen vorüber. Es geschah nichts. Schweigen. Der Aufruf war in der allgemeinen Unaufmerksamkeit untergegangen. Der Verleger gehörte zu den wenig bekannten, die Versendung der Broschüre war nachlässig geschehen, und es gibt keinen gefährlicheren Tauben als den, der nicht hören will. Die wenigen Leser, die der Name Clerambault angezogen hatte, legten nach den ersten Zeilen die unwillkommene Lektüre zur Seite. Sie dachten: „Der arme Mann, sein Unglück ist im Begriff, ihm den Kopf ganz zu verdrehen“, was ein guter Vorwand für sie war, das Gleichgewicht ihres Herzens nicht in Erschütterung zu bringen.
Ein zweiter Artikel folgte. Clerambault nahm darin Abschied von dem alten, blutigen Götzenbild Vaterland, oder vielmehr, er stellte dem großen fleischfressenden Untier, dem sich die armen Menschen jener Zeit als Fraß hinwarfen, der römischen Wölfin, die erhabene Mutter alles Lebendigen entgegen: das Weltvaterland!
„An die einst Geliebte!“
„Kein bittererer Schmerz, als Abschied zu nehmen von der, die man einst geliebt. Sie aus meinem Herzen zu reißen, heißt mein Herz selbst ausreißen. Du Teure, Du Gute, Du Schöne — ach, hätte man wenigstens den blinden Vorzug jener leidenschaftlichen Liebhaber, die alles vergessen können, die ganze Liebe, das ganze Gute und Schöne von einst, um nur das Böse zu sehen, das man heute von der Geliebten erleidet, und zu erkennen, wie tief sie gesunken ist! Aber ich kann nicht, ich kann nicht vergessen. Ich werde Dich immer so sehen, wie ich Dich liebte, als ich noch an Dich glaubte, als Du mein Leitstern warst und mein bester Freund — Du, mein Vaterland! Warum hast Du mich verlassen? Warum hast Du uns verraten? Wäre ich allein mit meinem Leiden, ich verhehlte vielleicht die traurige Erkenntnis unter meiner hingegangenen Zärtlichkeit. Aber ich sehe Deine Opfer, die Völker, die jungen gläubigen und begeisterten Männer (und erkenne unter ihnen den, der ich einst war)... Wie hast Du uns betrogen! Deine Stimme schien uns die der brüderlichen Liebe, Du riefst uns zu Dir, um uns zu vereinen. Es sollte keine Einsamen mehr geben, alle sollten wir Brüder sein! Jedem liehest Du die Kräfte von tausend anderen, Du ließest uns unseren Himmel, unsere Erde und das Werk unserer Hände lieben, und wir liebten uns alle, indem wir Dich liebten..... Wohin hast Du uns jetzt geführt? Waren Deine Absichten, indem Du uns vereintest, einzig die, uns zahlreicher zu machen für den Haß und den Mord? Ach, wir hatten ja genug an unserem Einzelhaß. Jeder hatte sein Bündel von schlechten Gedanken, aber zumindest wußten wir, wenn wir ihnen nachgaben, daß es schlechte waren. Du aber, Du Vergifterin der Seele, Du nennst sie heilige...
Wofür diese Kämpfe? Für unsere Freiheit? Du machst ja Sklaven aus uns. Für unser Gewissen? Das schändest Du ja. Für unser Glück? Das plünderst Du doch. Für unser Wohlergehen? Unsere Erde ist zerstampft.... Wozu bedürfen wir neuer Eroberungen, da schon das Feld unserer Väter uns zu groß wurde: einzig nur für die Habgier von einigen Ausbeutern? Ist es denn die Aufgabe des Vaterlandes, diese Bäuche mit dem allgemeinen Elend zu füllen?
Vaterland, das Du Dich den Reichen verkauft hast, den Händlern mit der Seele und den Körpern der Völker, Vaterland, das Du Mithelferin und Verbündete geworden bist und ihre Niederträchtigkeit mit Deiner heroischen Gebärde deckst — hüte Dich! Die Stunde ist gekommen, wo die Völker ihr Ungeziefer von sich abschütteln, ihre Götter und ihre Herren, die sie mißbrauchen. Mögen sie unter sich selbst die Schuldigen verfolgen. Ich gehe geradeaus zum Herrn, dessen Schatten sie alle bedeckt. Du aber, das Du unbewegt thronst, indes die Massen sich in Deinem Namen hinschlachten, Du, das sie alle anbeten, indem sie einander alle hassen, Du, das Du Dich ergötzst, die blutige Brunst der Völker zu entzünden, Du Weibwesen, beutegierige Gottheit, Du falsche Christin, die Du über dem Gemetzel schwebst mit kreuzgefalteten Flügeln und Habichtsklauen — wer wird Dich aus unserem Himmel herabreißen, wer gibt uns die Sonne und die Liebe unserer Brüder zurück?...
Ich bin allein. Ich habe nichts als meine Stimme, die ein Hauch auslöschen kann, aber ehe sie hinschwindet, schreie ich auf:
Du wirst fallen, Tyrann, Du wirst fallen! Die Menschheit will leben. Die Zeit wird kommen, wo der Mensch Dein lügnerisches Joch zerbrechen wird. Die Zeit kommt. Die Zeit ist da.“
„Die Antwort der Geliebten“
„Dein Wort, mein Sohn, ist wie der Stein, den ein Kind gegen den Himmel wirft. Es erreicht mich nicht, es fällt auf Dich selbst zurück. Die Du schmähst und die meinen Namen fälschlich angenommen, ist ein Götzenbild, das Du Dir selbst geformt hast. Nach Deinem Bilde ist es geschaffen, nicht nach dem meinen. Das wahre Vaterland ist das des Allvaters, gemeinsam alle umfangend, und es ist nicht seine Schuld, wenn Ihr es klein macht nach Eurem eigenen Wuchs.... Ihr Unglücklichen, Ihr beschmutzt alle Eure Götter, es gibt nicht eine große Idee, die Ihr nicht erniedrigt. Das Gute, das man Euch erweisen will, verwandelt Ihr in Gift, das Licht, mit dem man Euch überschüttet, dient, Euch zu verbrennen. Ich war zu Euch gekommen, um Eure Einsamkeit zu erwärmen, ich habe Eure fröstelnden Seelen zu Herden vereinigt, aus Eurer zerstreuten Schwäche ein Bündel geformt. Denn ich bin die brüderliche Liebe, die große Bindung. Und gerade meinen Namen, o Tolle, habt ihr gewählt als Vorwand, um Euch zu vernichten.
Seit Jahrhunderten bemühe ich mich, Euch von den Ketten der Roheit zu befreien, Euch aus Eurer harten Selbstigkeit herauszutreiben. Keuchend schreitet Ihr vorwärts auf der Straße der Zeit. Die Provinzen und die Nationen sind die tausendjährigen Grenzen, die bisher als Rastpunkt Eurer Erschöpfung gesteckt waren. Eure Hinfälligkeit allein hat sie aufgerichtet. Um Euch weiter zu führen, muß ich warten, bis Ihr wieder Atem geholt habt.... Aber Ihr seid so schwach an Atem und am Herzen, daß Ihr aus Eurer Unfähigkeit eine Tugend macht. Ihr bewundert Eure Helden um der Grenze willen, vor denen sie erschöpft halt machen mußten, und nicht deshalb, weil sie sie als erste erreichten. Ihr aber, die Ihr mühelos dorthin gekommen seid, wo jene heldischen Vorläufer hingesunken sind, glaubt nun, selbst schon Helden zu sein.... Was habe ich mit Euren Schatten der Vergangenheit heute noch zu schaffen? Das Heldentum, dessen ich bedarf, ist nicht mehr das eines Bayard, einer Jeanne d’Arc, der Ritter und Märtyrer einer längst überwundenen Sache. Ich fordere Apostel der Zukunft, große Herzen, die sich für ein größeres Vaterland, für ein höheres Ideal aufopfern. Vorwärts! Überschreitet die Grenzen! Da Ihr aber noch Krücken braucht für Eure Schwäche, so rückt die Grenzen wenigstens weiter hinaus, an die Tür des Abendlandes, an das Ende Europas, bis Ihr Schritt um Schritt zum Ziel kommt, und die ganze Menschheit Hand in Hand rings den Erdball umschlingt.
Du erbärmlicher Schreiber, der Du Schmähreden gegen mich richtest, steige in Dein Selbst hinab und prüfe Dich selbst! Ich habe Dir die Macht des Wortes gegeben, daß Du die Männer Deines Volkes führest, und Du hast sie benützt, um Dich selbst zu betrügen und sie zu verwirren. Du hast die, die Du retten solltest, tiefer in ihren Irrtum hinabgestoßen, Du hattest den traurigen Mut, Deiner Lüge jenen hinzuopfern, den Du liebtest — Deinen Sohn. Wirst Du wenigstens jetzt, Du arme Ruine, wagen, Dich den anderen als Schaubild hinzustellen und zu sagen: „Da, sehet mein Werk, ahmt es nicht nach!“ Geh hin, und möge Dein Unglück andere, die später kommen, vor gleichem Schicksal beschützen! Wage es zu sprechen, schreie ihnen zu: Völker, ihr seid toll, ihr tötet das Vaterland, indes ihr glaubt, es zu verteidigen. Das Vaterland seid ihr, ihr alle, eure Feinde sind eure Brüder! Umarmt euch, ihr Millionen Lebendiger.“
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Das gleiche Schweigen schien auch diesen neuen Schrei hinabzuschlucken.
Clerambault lebte außerhalb jener niederen Volkskreise, wo die warme Sympathie der schlichten und gesunden Herzen ihm gewiß nicht gefehlt hätte. So aber bemerkte er nichts von irgendeinem Echo seiner Ideen.
Aber obwohl er sich allein sah, wußte er doch, daß er es nicht war. Zwei verschiedene Gefühle, die einen Gegensatz zu bilden schienen — seine Bescheidenheit und sein Glaube — vereinten sich, um ihm zu sagen: „Was du denkst, denken auch andere, deine Wahrheit ist zu groß, und du bist zu klein, als daß sie nur in dir allein existieren könnte. Das, was du mit deinen schlechten Augen hast wahrnehmen können, dieses Licht strahlt, so wie zu dir, auch in andere Augen. In diesem Augenblicke neigt sich der Große Bär zum Horizont, tausend Blicke schauen vielleicht zu ihm auf, du siehst nicht diese Blicke, aber das ferne Licht vereint sie mit dem deinen.“
Die Einsamkeit des Geistes ist nur eine Illusion, eine bittere und schmerzhafte, aber eine, der keine tiefe Wirklichkeit entspricht. Selbst die Losgelöstesten von uns gehören doch alle zu einer sittlichen Familie, und diese Gemeinschaft der Geister ist nicht innerhalb eines Landes oder einer Zeit, sondern ihre Elemente sind verstreut durch die Völker und Jahrhunderte. Für einen konservativen Geist sind sie in der Vergangenheit, die Revolutionäre und die Verfolgten finden sie in der Zukunft. Zukunft und Vergangenheit sind nicht weniger wirklich als die augenblickliche Gegenwart, deren Mauer die zufriedenen Blicke der großen Menge einengt. Und selbst die Gegenwart ist nicht so, wie es die willkürlichen Abgrenzungen der Staaten, Nationen und Religionen glauben machen möchten. Die gegenwärtige Menschheit stellt einen Jahrmarkt von Gedanken dar. Ohne sie voneinander zu scheiden, hat man sie in Haufen aufgeschichtet, die rasch aufgerichtete Regale voneinander trennen: so sind oft Brüder von den Brüdern geschieden und unter Fremde geschichtet. Jeder Staat umschließt ganz verschiedene Rassen, die keineswegs geartet sind, gemeinsam zu denken und zu handeln, und jede der ideellen Familien oder Schwägerschaften, die man Vaterland nennt, umschließt Naturen, die in Wirklichkeit zu ganz anderen Familiengruppen der Gegenwart, der Vergangenheit oder der Zukunft gehören. Da die Staaten sie nicht aufsaugen können, so unterdrücken sie sie, und sie können sich der Vernichtung nur durch allerlei Schleichwege entziehen — entweder durch scheinbare Unterwerfung und innere Auflehnung, oder durch die Flucht, indem sie freiwillige Emigranten werden — „Heimatslose“. Wirft man ihnen vor, daß sie dem Vaterland unbotmäßig seien, so ist das ebenso unberechtigt, als wollte man den Irländern oder Polen vorwerfen, daß sie sich der Aufsaugung durch England oder Preußen zu entziehen suchen. Hier wie dort bleiben diese Menschen ihren wahren Vaterländern treu.
Oh, ihr, die ihr vorgebt, dieser Krieg habe die Aufgabe, jedem Volke das Selbstbestimmungsrecht zu geben, wann werdet ihr dies Recht der über die Welt hin verstreuten Republik der freien Seelen geben?
Diese Republik fühlte Clerambault in all seiner Einsamkeit als eine Wirklichkeit. Wie das Rom des Sartorius lebte sie in ihm. Und ganz in all jenen einander Unbekannten, für die sie das wahre Vaterland ist.
§
Plötzlich fiel die Mauer von Schweigen, die das Wort Clerambaults umschloß. Aber es war nicht die Stimme eines Bruders, die der seinen Antwort gab. Wo die Kraft der Sympathie zu schwach gewesen war, um die Schranken zu zerbrechen, hatten die Dummheit und der Haß blindlings eine Bresche geschlagen.
Schon glaubte sich Clerambault nach einigen Wochen vergessen und dachte an eine neue Veröffentlichung, als eines Morgens Leo Camus mit Getöse bei ihm eintrat. Er krümmte sich vor Zorn. Mit tragisch erhobener Stirne reichte er Clerambault eine aufgefaltete Zeitung hin.
„Lies!“
Und während Clerambault las, sagte er, hinter ihm stehend:
„Was hat diese Niedertracht zu bedeuten?“
Clerambault sah ganz niedergeschmettert sich von einer Hand gemeuchelt, die er für eine Freundeshand hielt. Ein bekannter Schriftsteller, zu dem er in guter persönlicher Beziehung stand, ein Kollege Perrotins, ein ernster ehrenwerter Mensch, hatte, ohne zu zögern, die Rolle übernommen, ihn in der Öffentlichkeit zu denunzieren. Obwohl er Clerambault lange genug kannte, um an der Reinheit seiner Absichten nicht zweifeln zu können, stellte er ihn doch in einer entehrenden Weise vor die Öffentlichkeit. Als Historiker darin geübt, mit Texten umzugehen, hatte er aus der Broschüre Clerambaults einige verstümmelte Sätze herausgelöst und schwenkte sie empor wie einen Beweis von Verrat. Seine tugendhafte Erbitterung hatte sich nicht mit einem privaten Brief begnügt, gerade die lärmendste Tageszeitung, das niedrigste Erpresserblatt hatte sie sich ausgesucht, das eine Million Franzosen verachtet, während sie gleichzeitig seine Aufschneidereien mit offenen Mäulern einschluckt.
„Das ist nicht möglich“, stammelte Clerambault, den diese unerwartete Gehässigkeit wehrlos überfiel.
„Da ist kein Augenblick zu verlieren“, sagte Camus, „du mußt antworten.“
„Antworten? Was denn?“
„Zuerst natürlich diese niederträchtige Erfindung dementieren.“
„Aber das ist doch keine Erfindung“, sagte Clerambault, der den Kopf gehoben hatte und Camus ansah.
Nun war es an Camus, wie vom Donner gerührt zu sein.
„Das ist keine...? Das ist keine...?“ stammelte er vor Überraschung.
„Die Broschüre ist von mir“, sagte Clerambault, „aber ihr Sinn ist durch den Artikel entstellt...“
Camus hatte das Ende des Satzes nicht abgewartet, er brüllte los:
„Du hast so etwas geschrieben, du, du,...“
Clerambault versuchte seinen Schwager zu beruhigen, bat ihn, doch nicht zu urteilen, ehe er alle Einzelheiten wüßte. Aber der andere behandelte ihn hartnäckig wie einen Wahnsinnigen und schrie:
„Ich kümmere mich nicht um das alles. Hast du gegen den Krieg, gegen das Vaterland geschrieben oder nicht?“
„Ich habe geschrieben, daß der Krieg ein Verbrechen ist, und daß alle Vaterländer sich damit beschmutzt haben.“
Camus fuhr auf, ohne Clerambault die Möglichkeit zu geben, sich weiter zu erklären, machte eine Bewegung, als ob er ihn am Halse fassen wollte, hielt sich aber zurück und schleuderte ihm ins Gesicht, daß er der Verbrecher sei, und daß er verdiente, sofort vor das Kriegsgericht zu kommen.
Auf sein Geschrei hin begann das Mädchen an der Tür zu horchen, Madame Clerambault lief herbei, versuchte mit einem Strom von Worten über sein aufgebrachtes Wesen ihren Bruder zu beruhigen. Clerambault, ganz betäubt, bot vergebens Camus an, ihm die beschuldigte Broschüre vorzulesen, aber Camus verweigerte es mit einem Zornesausbruch und sagte, ihm genüge schon, das von diesem Dreck zu kennen, was die Zeitungen davon gebracht hatten. (Er nannte die Zeitungen Lügner, bestätigte aber ihre Lügen.) Schließlich trat er als Richter auf, forderte Clerambault auf, unverzüglich und in seiner Gegenwart eine briefliche öffentliche Abschwörung zu schreiben. Clerambault zuckte die Achseln und sagte, er sei niemandem Rechenschaft schuldig als seinem Gewissen, er sei frei.
„Nein!“ schrie Camus.
„Wie? Ich bin nicht frei, ich habe nicht das Recht zu sagen, was ich denke?“
„Nein, du bist nicht frei! Nein, du hast nicht dieses Recht“, schrie Camus ganz außer sich. „Du hast Rücksichten zu nehmen auf das Vaterland und vor allem auf deine Familie. Sie hätte das Recht, dich einsperren zu lassen.“ Er verlangte, daß der Brief sofort geschrieben würde, augenblicklich! Clerambault wandte ihm den Rücken. Camus ging weg, schlug die Tür zu und schrie, er würde nie mehr den Fuß hierher setzen, zwischen ihnen sei alles zu Ende.
Nachher mußte Clerambault noch die Fragen seiner in Tränen aufgelösten Frau über sich ergehen lassen, die, ohne zu wissen, was er getan hatte, seine Unvorsichtigkeit beklagte und ihn fragte, warum in aller Welt er denn nicht schweige. Hätten sie denn noch nicht Unglück genug, wozu dieses Bedürfnis zu reden und vor allem diese unsinnige Sucht, anders reden zu wollen als die anderen.
Rosine kam von einer Besorgung zurück. Clerambault nahm sie zum Zeugen, erzählte ihr wirr die peinliche Szene, die sich eben abgespielt hatte, bat sie, sich an seinen Tisch zu setzen, damit er ihr den Artikel vorlesen könne. Ohne sich die Zeit zu nehmen, die Handschuhe auszuziehen oder den Hut abzulegen, setzte sich Rosine zu ihrem Vater, hörte still und klug zu. Als er geendigt hatte, stand sie auf, umarmte ihn und sagte:
„Ja, das ist schön!... Aber, Papa, wozu hast du das getan?“
Clerambault war ganz verstört.
„Wie? Wie? Wozu ich das getan habe? Ist es denn nicht richtig?“
„Ich weiß nicht, ja, ich glaube... es muß wohl richtig sein, da du es sagst.... Aber vielleicht war es nicht nötig, es zu schreiben.“
„Nicht nötig? Wenn es richtig ist, so ist es auch nötig.“
„Aber es macht ja einen solchen Lärm.“
„Ist das ein Grund dagegen?“
„Aber wozu die Leute aufreizen?“
„Sieh, Kind, du glaubst doch auch, was ich geschrieben habe?“
„Ja, ich glaube, Papa...“
„Warte. Du glaubst... Du verabscheust den Krieg; wie ich, möchtest du ihn beendet sehen. Alles, was ich hier gesagt habe, habe ich dir schon früher gesagt, und du dachtest genau so wie ich....“
„Ja, Papa.“
„Also du findest es richtig?“
„Ja, Papa.“
Sie legte ihre Arme um seinen Hals.
„Aber es ist doch nicht notwendig, alles niederzuschreiben.“
Clerambault versuchte, traurig, ihr zu erklären, was ihm ganz klar schien. Rosine hörte zu und gab ruhig Antwort. Aber das einzig Klare war, daß sie nichts verstand. Um ein Ende zu machen, umarmte sie nochmals ihren Vater und sagte:
„Ich habe dir meine Ansicht gesagt, aber du weißt das ja besser als ich. Es steht mir nicht zu, darüber zu entscheiden.“
Sie lächelte ihrem Vater zu und kehrte in ihr Zimmer zurück, ohne zu ahnen, daß sie ihm seine beste Stütze genommen hatte.
§
Der beschimpfende Angriff blieb nicht vereinzelt. Sobald einmal die Schellen gelöst waren, hörten sie nicht mehr auf zu klingeln. Nur hätte sich in der allgemeinen Verwirrung ihr Lärm verloren ohne die erbitterte Anstrengung einer Stimme, die gegen Clerambault den ganzen Chor vielfältigster Bösartigkeit dirigierte.
Es war die eines seiner ältesten Freunde, des Schriftstellers Octave Bertin. Sie waren zusammen im Lyzeum Henri IV. Schüler gewesen. Dort hatte der junge, feine, elegante, frühreife Pariser Bertin das linkische und enthusiastische Entgegenkommen dieses großen Burschen gern angenommen, der aus der Provinz kam, geistig ebenso unbeholfen wie körperlich (seine Arme und Beine schienen in den zu kurz gewordenen Kleidern kein Ende nehmen zu wollen), und der ein ganz seltsames Gemisch von Unschuld, naiver Unwissenheit, schlechtem Geschmack, von Pathos und überschäumender Kraft, von originellen Einfällen und packenden Bildern darstellte. Weder die Lächerlichkeiten noch der innere Reichtum Clerambaults waren den klugen und scharfen Augen Bertins entgangen, und er hatte ihn schließlich als intimen Freund aufgenommen, wobei die Bewunderung Clerambaults für ihn keinen geringen Einfluß auf diesen seinen Entschluß hatte. Durch mehrere Jahre hatten sie im geschwätzigen Überschwang ihre jugendlichen Gedanken geteilt. Beide träumten davon, Künstler zu werden, lasen einander ihre Versuche vor und bekämpften einander in endlosen Diskussionen. Bertin behielt immer das letzte Wort, wie er ja in allem die Überlegenheit behielt, die übrigens Clerambault ihm zu bestreiten niemals die Absicht hatte. Er hätte sie viel eher mit Faustschlägen jedem aufgezwungen, der sie geleugnet hätte. Mit offenem Munde bestaunte er die gedankliche und stilistische Virtuosität dieses blendenden jungen Mannes, der gleichsam im Spiel auf der Universität alle Erfolge davontrug, und den seine Lehrer von vornherein zu den höchsten Stellungen berufen sahen — womit sie natürlich meinten, zu allen offiziellen und akademischen. Auch Bertin verstand es so. Er hatte Eile emporzukommen und dachte, daß die Frucht des Ruhmes am besten schmecke, wenn man sie mit den Zähnen eines Zwanzigjährigen zerbeiße. Noch ehe er die Schule verlassen hatte, fand er eine Möglichkeit, in einer großen Pariser Revue eine Serie von Essays zu veröffentlichen, die sofort seinen Namen bekannt machten, und ohne nur Atem zu schöpfen, brachte er dann Schlag auf Schlag einen Roman in der Art d’Annunzios, eine Komödie im Stile Rostands, ein Buch über die Liebe, ein anderes über die Reform der Gesetzgebung, eine Enquete über den Modernismus, eine Monographie Sarah Bernhardts und schließlich jene „Dialoge der Lebendigen“ heraus, deren sarkastische und klug abgewogene Geschmeidigkeit ihm die Pariser Chronik in einem der ersten Boulevardblätter verschaffte. Nun einmal in den Journalismus eingetreten, blieb er darin. Er gehörte schon zu den Sternen des literarischen Tout Paris, als der Name Clerambaults noch unbekannt war. Clerambault dagegen nahm erst ganz langsam von seiner inneren Welt Besitz. Er hatte zuviel damit zu tun, gegen sich selbst zu kämpfen, als daß er viel Zeit auf die Eroberung der Öffentlichkeit hätte verwenden können. So kamen auch seine ersten Bücher, die er mit Not hatte zum Druck bringen können, kaum über einen Kreis von zehn Lesern hinaus. Man muß Bertin die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er zu diesen Zehn gehörte, daß er das Talent Clerambaults zu schätzen wußte und dies sogar gelegentlich aussprach. Und solange Clerambault noch unbekannt war, leistete er sich den Luxus, ihn zu verteidigen, allerdings nicht ohne dem Lob einige freundschaftliche Ratschläge von oben herab beizufügen, die Clerambault nicht immer befolgte, aber immer mit dem gleichen zärtlichen Respekt anhörte.
Dann wurde Clerambault bekannt, schließlich sogar berühmt. Bertin war darüber sehr erstaunt, eigentlich aufrichtig zufrieden mit dem Erfolg seines Freundes und doch darüber ein wenig verärgert. Er ließ durchblicken, daß er ihn übertrieben fände, daß für ihn der beste Clerambault der unbekannte war — jener vor dem Ruhm. Er versuchte es manchmal, dies Clerambault zu erklären, der nicht nein und nicht ja sagte, denn er wußte nichts darüber und befaßte sich damit kaum, er hatte immer nur ein neues Werk im Kopfe. Die beiden alten Kameraden waren in ausgezeichneten Beziehungen verblieben, aber sie waren allmählich mehr voneinander abgerückt.
Der Krieg hatte aus Bertin einen wilden Scharfmacher gemacht. Früher im Lyzeum hatte er den provinzlerischen Clerambault immer erschreckt durch seine freche Respektlosigkeit gegen alle politischen oder gesellschaftlichen Werte, gegen Vaterland, Moral und Religion, und hatte auch dann in seinen literarischen Werken diesen Anarchismus wohlgefällig zur Schau getragen, allerdings in einer skeptischen, mondänen und matten Form, mit der er ja dem Geschmacke seines reichen Leserkreises am besten entsprach. Mit diesem Leserkreis und dessen Lieferanten, den Kollegen von der Boulevardpresse und den Boulevardtheatern, diesen Enkelchen eines Parny und des jüngeren Crébillon, richtete er sich plötzlich als Brutus auf, der bereit ist, seine Söhne zu opfern. Er hatte vielleicht dafür die Entschuldigung, daß er keine besaß, aber das tat ihm möglicherweise leid.
Clerambault hatte ihm nichts vorzuwerfen und dachte auch nicht daran. Aber noch weniger dachte er daran, daß sein alter Kamerad, der Amoralist, ihm gegenüber den Anwalt des beleidigten Vaterlandes spielen würde; war er aber wirklich nur der des Vaterlandes? Die zornerbitterte Schmähschrift, die Bertin Clerambault entgegenschleuderte, schien ihm irgendwie einen persönlichen Haß zu enthüllen, den Clerambault sich nicht erklären konnte. Bei der allgemeinen Verwirrung der Geister wäre es verständlich gewesen, daß Bertin von den Gedanken Clerambaults empört gewesen und sich dann offen unter vier Augen mit ihm auseinandergesetzt hätte. Aber ohne ihn vorher zu verständigen, begann er mit einer öffentlichen Abschlachtung. Auf der ersten Seite seines Blattes fiel er ihn mit einer unerhörten Heftigkeit an und beschimpfte nicht nur seine Ideen, sondern auch seinen Charakter. Die tragische Gewissenskrise Clerambaults deutete er als einen Anfall literarischer Großmannssucht, die durch den übermäßigen Erfolg seiner Werke verursacht sei, und es machte den Eindruck, als hätte er eigens die Ausdrücke gesucht, die für Clerambaults Selbstgefühl am verletzendsten sein mußten. Der Aufsatz endete in einem Ton beleidigender Überhebung und forderte die sofortige Zurücknahme des Irrtums.
Die Vehemenz des Artikels, der bekannte Name des Chronisten machten sofort aus dem „Fall Clerambault“ ein Pariser Ereignis. Er beschäftigte die Presse beinahe eine ganze Woche, was für jene Spatzenhirne viel bedeutet. Fast niemand nahm sich die Mühe, die Texte Clerambaults selbst zu lesen: das war ja nicht nötig, Bertin hatte sie ja gelesen. Die Kollegenschaft hat nicht die Gewohnheit, eine überflüssige Arbeit noch einmal zu machen, es handelte sich auch nicht darum, zu lesen, es handelte sich darum, jemand zu richten. Eine seltsame Art von Burgfrieden kam auf Kosten Clerambaults zustande. Klerikale, Jakobiner waren darin einig, ihn tot zu machen. Von einem Tag zum andern war ohne Übergang der gestern bewunderte Mann in den Schlamm gezogen, der nationale Dichter ein Feind der Gemeinschaft geworden. Alle die Myrmidonen der Zeitung beteiligten sich an der heroischen Beschimpfung und die meisten brachten gleichzeitig mit ihrer ursprünglichen bösen Absicht auch eine ganz unwahrscheinliche Unbildung zutage. Denn nur wenige von ihnen kannten die Werke Clerambaults, kaum wußten sie seinen Namen und den Titel eines seiner Bücher, aber das hinderte sie ebensowenig, ihn heute herunterzureißen, wie es sie gestern gestört hatte, ihn in den Himmel zu heben, als er noch in Mode war. Jetzt fanden sie in allem, was er geschrieben hatte, Spuren von „Bochismus“. Ihre Zitate waren übrigens regelmäßig ungenau, einer von ihnen bedachte sogar Clerambault im Feuer seiner Anklage mit der Autorschaft des Werkes eines andern, der dann, bleich vor Furcht, sofort mit Entrüstungsprotesten jede Solidarität mit dem gefährlichen Kollegen öffentlich ablehnte. Clerambaults Freunde, beunruhigt über ihre Intimität mit ihm, warteten nicht darauf, daß man sie ihnen vorwarf. Sie trafen ihre Vorkehrungen und richteten an ihn „offene Briefe“, die die Zeitungen an bester Stelle veröffentlichten. Die einen, wie Bertin, fügten ihrem öffentlichen Tadel eine pathetische Beschwörung bei, mea culpa zu machen, andere wandten sich, selbst ohne diesen milden Vorbehalt, in bitteren und beleidigenden Worten von ihm ab. Diese Fülle von Gehässigkeit machte Clerambault ganz wirr. Sie konnte doch nicht durch seine Aufsätze allein verursacht sein, sie mußte doch längst schon in den Herzen dieser Menschen gebrütet haben. Mein Gott, soviel verborgener Haß.... Was hatte er ihnen denn getan?... Der erfolgreiche Künstler ahnt nicht, daß mehr als einer unter denen, die ihm mit einem freundlichen Lächeln folgen, unter diesem Lächeln die Zähne verbirgt, die nur auf die Stunde warten, da sie zuschnappen können.
Clerambault bemühte sich, vor seiner Frau die Beschimpfungen der Zeitungen verborgen zu halten. Wie ein Schulbub, der seine schlechten Noten verschwinden läßt, lauerte er auf den Postboten, um die bösartigen Zeitungen rechtzeitig beiseite zu schaffen. Aber ihr Gift drang schließlich bis in die Luft, die sie atmeten. Frau Clerambault und Rosine bekamen in der Gesellschaft verletzende Anspielungen, kleine Beleidigungen und Beschimpfungen zu hören. Mit dem eingebornen Instinkt für Gerechtigkeit, der für das menschliche Wesen und besonders für die Frau so charakteristisch ist, machte man sie verantwortlich für die Ideen Clerambaults, die sie kaum kannten und nicht guthießen. (Diejenigen, die sie beschuldigten, kannten sie allerdings ebensowenig.) Die Höflichsten unter ihnen übten die Technik des Verschweigens, sie vermieden es sichtlich, nach Clerambault zu fragen oder seinen Namen auch nur auszusprechen.... „Man spricht nicht vom Strick des Henkers im Hause des Gehenkten.“ Dieses berechnete Schweigen wirkte dann noch beleidigender als ein Tadel: es war, als ob Clerambault eine betrügerische Schwindelei oder ein Sittlichkeitsverbrechen begangen hätte. Frau Clerambault kam erbittert heim. Rosine tat so, als kümmerte sie sich nicht darum, aber Clerambault merkte, daß sie daran litt. Eine Freundin, die ihnen auf der Straße begegnete, ging auf das andere Trottoir hinüber und wandte den Kopf weg, um nicht grüßen zu müssen. Rosine wurde aus einem Wohltätigkeitskomitee ausgeschlossen, wo sie seit mehreren Jahren aufopferungsvolle Arbeit tat.
In dieser allgemeinen patriotischen Mißbilligung zeichneten sich vor allem die Frauen durch ihre Erbitterung aus. Nirgends fand der Ruf Clerambaults zur Annäherung und Versöhnung wütendere Gegner. Und so war es überall. Die Tyrannei der öffentlichen Meinung, diese vom modernen Staat geschaffene Unterdrückungsmaschine, die noch despotischer ist als er selbst, hat während des Krieges keinen grausameren Handlanger gefunden als gewisse Frauen. Bertrand Russel erzählte den Fall eines armen Kerls, eines Straßenbahnschaffners, der, verheiratet, Familienvater und vom Heere zurückgestellt, sich aus Verzweiflung über die Beschimpfungen, mit denen die Frauen von Middlesex ihn verfolgten, das Leben nahm. In allen Ländern sind tausende Unglückliche wie er von diesen Bacchantinnen des Krieges gehetzt, verrückt gemacht und an die Schlachtbank geliefert worden.... Seien wir darüber nicht überrascht. Um diese fanatische Wildheit nicht erwartet zu haben, mußte man zu jenen gehören, die so wie Clerambault bisher im Einklange mit der öffentlichen Meinung und in der Idealistik des allgemeinen Ruhezustandes gelebt haben. Trotz aller Anstrengung der Frauen, immer dem lügnerischen Ideal zu gleichen, das sich der Mann zu seiner Zufriedenheit und seiner Beruhigung ersonnen hat, ist doch die Frau, mag sie selbst so bleichsüchtig, verfeinert und veredelt sein wie die von heute, doch noch mehr dem Urmenschen verwandt als der Mann. Sie lebt näher der Quelle der Instinkte und ist stärker begabt mit jenen Kräften, die weder moralisch noch unmoralisch, sondern ganz einfach animalisch sind. Wenn auch die Liebe ihre wesentliche Funktion ist, so ist es doch keineswegs die durch die Vernunft sublimierte Liebe, sondern die blinde und überschwengliche Liebe im Urzustand, wo sich Egoismus und Opfertum vermengen, beide gleich unbewußt und beide im Dienste der dunkeln Ziele der Rasse. Alle die zarten und blütenhaften Verzierungen, unter denen dieses Paar jene Gewalten zu verbergen sucht, vor denen es selbst erschrickt, sind gleichsam ein Geflecht von Schlingpflanzen über einem Sturzbach. Ihr Zweck ist, über die Wirklichkeit hinwegzutäuschen. Würden die schwächlichen Seelen der Menschen geradeaus den ungeheuren Kräften, von denen sie fortgerissen werden, ins Auge schauen, so könnten sie das Leben nicht ertragen. Darum bemüht sich ihre erfindungsreiche Feigheit, sich geistig ihrer Schwäche anzupassen. Sie lügen in ihrer Liebe, sie lügen im Hasse, lügen in Bezug auf die Frau, lügen in Bezug auf das Vaterland und seine Götter. Aus Angst, die sichtbar werdende Wirklichkeit könnte sie aus dem Gleichgewicht bringen und erschüttern, ersetzen sie sich diese Wirklichkeit durch die matten Farben ihres Idealismus.
Der Krieg nun hatte diesen schwächlichen Schutzwall hinstürzen lassen. Clerambault sah, wie das Kleid der katzenhaften Höflichkeit, mit der sich die Zivilisation umhüllte, zu Boden fiel. Nun wurde das grausame Tier sichtbar.
Die Nachsichtigsten unter den früheren Freunden Clerambaults waren jene, die zur politischen Welt gehörten, die Abgeordneten, die Minister von gestern oder von morgen. Gewohnt, die Menschenherde an der Nase herumzuführen, wußten jene, wie wenig sie wert ist. Ihnen schien die kühne Äußerung Clerambaults recht naiv. Sie selbst dachten noch zehnmal Böseres, fanden es aber töricht, diese Erkenntnis auszusprechen, gefährlich, sie niederzuschreiben, und am allergefährlichsten, auf sie zu antworten. Denn was man offen angreift, macht man dadurch bekannt, und was man verurteilt, dem mißt man doch eine Bedeutung bei. Nach ihrer Meinung wäre es daher am besten gewesen, klug zu den unbequemen Schriften zu schweigen, die ja die verschlafene und verdöste öffentliche Meinung von selbst gar nie bemerkt hätte.
Diese Art Technik war ja während des Krieges in Deutschland von oben aus anbefohlen und befolgt worden. Dort erstickten die öffentlichen Machthaber die unbotmäßigen Schriftsteller, wenn sie sie nicht ohne Lärm erdrosseln konnten, unter Blumengewinden. Aber der politische Geist der französischen Demokratie ist offener und gleichzeitig beschränkter. Sie verstehen sich dort nicht auf Schweigen. Statt ihren Haß zu verstecken, reißen sie ihn auf die Tribüne, um ihn dort in die Welt zu donnern. Die französische Freiheit ist so, wie Rude sie dargestellt hat: brüllend, mit aufgerissenem Mund. Wer nicht ganz so denkt wie sie, ist allsogleich ein Verräter; es findet sich gleich irgendein kleiner Journalist, der erzählt, um wie viel Geld diese freie Stimme gekauft sei, und zwanzig Besessene hetzen gegen sie die Tollwut der Maulaffen. Ist dann einmal der Tanz im Gang, so kann man nichts tun, als warten, bis sich die Tollheit durch ihr Übermaß erschöpft hat; solange: rette sich, wer kann! Die Vorsichtigen bringen sich in Sicherheit oder heulen mit den Wölfen.
Der Leiter jener Tageszeitung, die seit einigen Jahren sich eine Ehre daraus gemacht hatte, die Gedichte Clerambaults zu veröffentlichen, ließ ihm vertraulich sagen, er fände diesen ganzen Lärm lächerlich, und die ganze Sache sei kein Hundshaar wert, aber zu seinem großen Bedauern sehe er sich genötigt, um seiner Abonnenten willen ihm eins zu versetzen... natürlich in aller Höflichkeit... Selbverständlich in aller Form.... Und nichts für ungut, nicht wahr? Und wirklich, der Angriff war gar nicht gewalttätig, er beschränkte sich bloß darauf, Clerambault lächerlich zu machen. Und selbst Perrotin — wie kläglich ist doch das Menschengeschlecht! — ironisierte ihn in einem Interview auf geistreichste Weise, ließ die Leute auf seine Kosten lachen, gedachte aber dabei heimlich sein Freund zu bleiben.
In seinem eigenen Hause fand Clerambault keine Unterstützung mehr. Seine alte Gefährtin, die seit dreißig Jahren nur durch ihn dachte und seine Gedanken wiederholte, ehe sie sie selber verstand, war erschrocken und zornig über seine neuen Worte, warf ihm bitter vor, diesen Skandal heraufbeschworen, seinen Namen und den der ganzen Familie ins Unrecht gesetzt und das Andenken ihres toten Kindes, die Idee der heiligen Rache und des Vaterlandes geschädigt zu haben. Rosine ihrerseits liebte ihn noch immer, aber sie verstand ihn nicht mehr. Eine Frau kann selten die Forderungen des Geistes anerkennen, sie kennt nur die Forderungen des Herzens. Ihr hatte es genügt, daß ihr Vater sich nicht mit Worten des Hasses verband, daß er mitleidsvoll und gut blieb, doch wünschte sie keineswegs, daß er diese Gefühle in Theorien verwandelte, und noch weniger, daß er sie öffentlich aussprach. Sie hatte den zugleich zärtlichen und praktischen gesunden Menschenverstand einer, die die Forderungen des Herzens gewahrt wissen will und sich mit dem Übrigen abfindet. Aber das unbeugsame logische Bedürfnis, das den Mann treibt, die äußersten Konsequenzen seines Glaubens zu ziehen, war ihr unverständlich. Soweit konnte sie nicht mit. Ihre Stunde war vorüber, die Stunde, wo sie unbewußt die Aufgabe übernommen und erfüllt hatte, mütterlich ihren schwachen, unsicheren und zerbrochenen Vater aufzurichten und ihn unter ihrem Flügel zu bergen, sein Gewissen zu retten und ihm die Fackel wieder in die Hand zu drücken, die er fallen gelassen hatte. Jetzt, da er sie wieder in Händen trug, war ihre Aufgabe erfüllt. Sie war wieder das liebende, unscheinbare „kleine Mädchen“ geworden, das die großen Geschehnisse der Zeit mit ein wenig gleichgültigen Blicken sieht, und nur im Grunde ihrer Seele blieb etwas zurück von dem feurigen Licht der überirdischen Stunde, die sie gelebt hatte, die sie fromm bewahrte und deren Sinn sie nicht mehr verstand.
§
Ungefähr um dieselbe Zeit empfing Clerambault den Besuch eines jungen Urlaubers aus einer befreundeten Familie. Daniel Favre, Sohn eines Ingenieurs und selbst Ingenieur, dessen lebendige Intelligenz aber nicht durch seinen Beruf beschränkt wurde, hatte seit langem eine Leidenschaft für Clerambault gefaßt: der mächtige Aufschwung der modernen Wissenschaft hatte sein Gebiet seltsam jenem der Dichtung angenähert, war doch die Technik gewissermaßen selbst das größte der zeitgenössischen Gedichte geworden. Daniel war ein enthusiastischer Leser Clerambaults. Sie hatten innige Briefe gewechselt und der junge Mann, dessen Familie mit der Clerambaults in Beziehungen stand, kam oft zu ihnen, und vielleicht auch nicht bloß, um dem Dichter zu begegnen. Die Besuche dieses liebenswerten, etwa dreißigjährigen Menschen, eines großen, gutgewachsenen Burschen mit festen Zügen, einem scheuen Lächeln, mit hellen Augen im sonnverbrannten Gesicht, wurden immer freudig aufgenommen, und Clerambault war nicht der einzige, den sie erfreuten. Für Daniel wäre es leicht gewesen, sich einen Hinterlandsdienst in irgendeiner Metallfabrik zu sichern, aber er hatte selbst gefordert, seinen gefährlichen Posten an der Front nicht verlassen zu müssen, wo er sich rasch den Leutnantsgrad erworben hatte. Der Urlaub bot ihm Gelegenheit, Clerambault zu besuchen.
Clerambault war allein, seine Frau und seine Tochter waren ausgegangen. Freudig empfing er den jungen Freund. Aber Daniel schien befangen, und nachdem er längere Zeit auf die Fragen Clerambaults recht und schlecht geantwortet hatte, schnitt er geradewegs die Sache an, die ihm am Herzen lag. Er sagte, er hätte an der Front von den Artikeln Clerambaults gehört, und dies hätte ihn verwirrt. Man sagte... oder man behauptete... schließlich, man sei ja so streng... er wisse ja, daß es ungerecht sei... aber er sei gekommen — und dabei faßte er die Hand Clerambaults in einer Art zärtlicher Scheu — um ihn zu bitten, sich nicht von jenen zu trennen, die ihn liebten. Er erinnerte ihn an die Ehrfurcht, die der Dichter, der einst die französische Erde und die innere Größe der Rasse gefeiert hatte, allgemein einflöße.... „Bleiben Sie, bleiben Sie mit uns in dieser Stunde der Prüfungen....“
„Nie bin ich mehr mit euch gewesen“, antwortete Clerambault. Und er fragte ihn:
„Sie sagen mir, lieber Freund, daß man das, was ich geschrieben hätte, verunglimpfe. Was denken Sie selbst davon?“
„Ich habe es nicht gelesen“, sagte Daniel. „Ich wollte es nicht lesen. Ich hatte Furcht, in meiner Zuneigung für Sie gekränkt oder an der Erfüllung meiner Pflicht gehindert zu sein.“
„Dann haben Sie wenig Vertrauen zu sich, wenn Sie fürchten, durch das Lesen von ein paar Zeilen in Ihrer Überzeugung erschüttert zu werden.“
„Ich bin meiner Überzeugung sicher“, antwortete Daniel ein wenig gereizt, „aber es gibt gewisse Dinge, für die es besser ist, wenn man sie nicht in die Diskussion zieht.“
„Seltsam“, sagte Clerambault, „das ist ein Wort, das ich mir nicht von einem Mann der Wissenschaft erwartete. Was hat die Wahrheit dabei zu verlieren, wenn man sie untersucht?“
„Die Wahrheit nichts, aber die Liebe. Die Liebe zum Vaterland.“
„Mein lieber Daniel, Sie sind viel kühner als ich. Ich stelle die Wahrheit nicht in einen Gegensatz zur Vaterlandsliebe. Ich versuche nur, sie in Einklang zu bringen.“
Daniel schnitt kurz ab. „Man diskutiert nicht über das Vaterland.“
„Es ist also“, sagte Clerambault, „ein Glaubensartikel?“
„Ich glaube an keine Religion“, protestierte Daniel, „an keine, und gerade darum denke ich so. Was bliebe denn noch auf Erden, wenn es nicht das Vaterland gäbe?“
„Nun, ich denke, es gibt auf der Erde viele gute und schöne Dinge, das Vaterland ist bloß eines davon. Ich liebe es auch. Und ich stelle auch nicht die Liebe zum Vaterland in Frage, sondern nur die Art, es zu lieben.“
„Es gibt nur eine“, sagte Daniel.
„Und die wäre?“
„Ihm gehorchen.“
„Also die Liebe mit geschlossenen Augen, so wie im antiken Symbol. Ich meinerseits möchte sie ihr lieber öffnen.“
„Nein, lassen Sie uns, wie wir sind! Unsere Aufgabe ist schon ohnehin hart genug, machen Sie sie uns nicht noch grausamer.“ Und mit einigen nüchternen, abgehackten, von Erregung bebenden Sätzen stellte Daniel die furchtbaren Bilder jener Wochen hin, die er eben im Schützengraben verlebt hatte, den Ekel und den Abscheu vor all dem, was er gelitten hatte, leiden gesehen und leiden gemacht hatte.
„Aber mein lieber Freund“, sagte Clerambault, „wenn Sie diese erbärmliche Schande selber sehen, warum sollen wir sie denn nicht verhindern?“
„Weil es unmöglich ist.“
„Um das zu wissen, käme es erst auf einen Versuch an.“
„Das Gesetz der Natur ist der Kampf der Wesen gegeneinander. Zerstören oder zerstört werden. So und nur so ist es.“
„Und wird sich das nie ändern?“
„Nein“, sagte Daniel mit einem Ton hartnäckigen Schmerzes, „es ist ein Gesetz.“
Es gibt Männer der Wissenschaft, denen die Wissenschaft so sehr die Wirklichkeit, die sie umschließt, verbirgt, daß sie sie unter dem Netz nicht mehr sehen; sie hat sich ihnen entzogen. Sie umfassen die ganze von der Wissenschaft umspannte Zone, halten es aber für unmöglich und sogar lächerlich, dieses Reich über die einmal von der Vernunft gezogene Grenze hinaus zu erweitern. Sie glauben bloß an einen Fortschritt, der an die Innenseite der Umfriedung gekettet ist. Clerambault kannte nur zu gut das spöttische Lächeln, mit dem die großen Gelehrten der offiziellen Schulen ohne jede nähere Prüfung die Eingebungen der Erfinder ablehnen. Eine gewisse Art der Wissenschaft ist mit Folgsamkeit vollkommen vereinbar. Wenigstens verband Daniel mit der seinen keine Ironie, vielmehr den Ausdruck einer stoischen und unbeirrbaren Traurigkeit. Es fehlte ihm nicht an geistiger Kühnheit, aber die hatte er einzig in den abstrakten Dingen. Dem Leben selbst gegenübergestellt, bot er eine Mischung — oder besser eine Aufeinanderfolge — von Ängstlichkeit und Starrsinn dar, von zögernder Bescheidenheit und trotziger Überzeugung. Wie die meisten Menschen war er ein zusammengesetztes, zwiespältiges Wesen, aus einzelnen Teilen und Stücken bestehend, nur daß bei einem Intellektuellen und besonders bei einem Mann der Wissenschaft die einzelnen Stücke nicht ganz ineinanderpassen und daß die Fugen sichtbar werden.
„Aber“, sagte Clerambault, die Betrachtungen, die in der Stille durch seinen Sinn gingen, laut zu Ende führend, „selbst die Voraussetzungen der Wissenschaft sind doch in Umformung begriffen. Seit zwanzig Jahren durchlaufen die Grundvorstellungen der Chemie und der Physik eine Krise der Erneuerung, die sie gleichzeitig erschüttert und doch fruchtbar macht. Und einzig die sogenannten Gesetze, die die menschliche Gesellschaft oder, besser gesagt, das chronische Räubertum der Nationen regieren, sollten unveränderlich sein? Habt ihr in eurem Gedankenkreis keinen Raum für die Hoffnung einer höheren Zukunft?“
„Wir könnten nicht kämpfen“, sagte Daniel, „hätten wir nicht die Hoffnung, eine gerechtere und menschlichere Weltordnung zu begründen. Viele meiner Gefährten sind der Überzeugung, dieser Krieg mache allen Kriegen ein Ende. Ich teile diese Hoffnung nicht, ich verlange nicht so viel. Ich weiß nur das eine, daß unser Frankreich in Gefahr ist, und daß seine Niederlage die der ganzen Menschheit wäre.“
„Die Niederlage jedes Volkes ist eine der ganzen Menschheit, denn alle sind für sie notwendig. Die Vereinigung aller Völker wäre der einzige wahrhafte Sieg. Jeder andere richtet ebenso die Sieger wie die Besiegten zugrunde. Jeder Tag, der diesen Krieg verlängert, läßt das kostbare Blut Frankreichs fließen, und es ist in Gefahr, für immer erschöpft zu werden.“
Daniel gebot diesen Worten mit einer erregten und schmerzlichen Geste Einhalt. Ja, das wußte er.... Das wußte er.... Wer wußte es besser als er, daß Frankreich hinstarb, Tag für Tag, an seiner heroischen Anstrengung, daß die Blüte seiner Jugend, seiner Kraft, seiner Intelligenz, das lebendige Mark der Rasse in Sturzbächen hinströmte und zugleich der Reichtum, die Arbeit und der Kredit des französischen Volkes.... Frankreich, blutend an allen Gliedern, ging den Weg, den Spanien vier Jahrhunderte zuvor gegangen war und der zu den Einsamkeiten des Eskurial führt.... Aber er wollte nicht, daß man ihm von den Möglichkeiten eines Friedens, der diese Qual beendigte, spräche, ehe der Feind gänzlich zu Boden geschmettert. Man dürfe nicht auf die Angebote, die Deutschland damals machte, antworten, nicht einmal, um sie in Erwägung zu ziehen. Man dürfe nicht einmal sprechen darüber. Und wie die Politiker, die Generale, die Journalisten und die Millionen armer Geschöpfe, die tollwütig die Lektion, die man ihnen eingelernt hatte, wiederholten, schrie auch Daniel: „Bis zum letzten Mann!“
Clerambault sah mit zärtlichem Mitleid diesen wackeren, scheuen und heldenmütigen Burschen an, der von dem Gedanken erschreckt wurde, das Dogma in Frage zu ziehen, dessen Opfer er war. Hatte dieser wissenschaftliche Geist gar keinen Widerstand gegen den Widersinn eines solchen blutigen Spieles, dessen Einsatz der Tod ebenso für Frankreich wie für Deutschland — und vielleicht für Frankreich mehr als für Deutschland — war?
Ja, er wehrte sich dagegen, aber er raffte sich trotzig zusammen, um es sich nicht einzugestehen. Von neuem beschwor Daniel Clerambault. „Ja, diese Gedanken mögen vielleicht wahr und gerecht sein, aber nur nicht jetzt, jetzt sind sie nicht an der Zeit... in zwanzig oder fünfzig Jahren!... Lassen Sie uns nur zuerst unsere Aufgabe erfüllen, zu siegen und die Freiheit der Welt, die Brüderlichkeit der Menschen durch den Sieg Frankreichs begründen.“
Ach, der arme Daniel! Sah er denn nicht selbst im günstigsten Falle die Überhebung voraus, die verhängnisvoll diesen Sieg beschmutzen würde, und daß es dann am Besiegten sein würde, den krankhaften Wunsch und Willen zur Revanche und zum gerechten Sieg für sich zu erneuern? Jede Nation will das Ende aller Kriege durch ihren eigenen Sieg. Und von Sieg zu Sieg stürzt die Menschheit tiefer in ihre Niederlage hinab.
Daniel erhob sich, um Abschied zu nehmen. Er drückte Clerambaults Hand und erinnerte ihn mit Ergriffenheit an seine Gedichte von einst, in denen er das heroische Wort Beethovens wiederholte, um das schöpferische Leiden zu feiern, das Wort: „Durch Leiden Freude.“
„Ach! ach! Wie ihr uns mißversteht!... Wir besingen das Leiden, um uns davon zu befreien, aber ihr begeistert euch dafür. So wird unser Hymnus der Befreiung für die anderen Menschen ein Sang der Knechtung.“
Clerambault gab keine Antwort. Er liebte diesen jungen Menschen; diese armen Kerle, die sich aufopfern, wissen wohl, daß sie nichts im Kriege zu gewinnen haben. Aber je mehr Opfer man von ihnen verlangt, desto gläubiger werden sie. Mögen sie dafür gesegnet sein!... Aber wenn sie nur nicht mit sich selbst auch die ganze Menschheit hinopfern wollten!
§
Clerambault hatte Daniel gerade bis zur Wohnungstür geleitet, als Rosine zurückkam. Als sie den Besucher sah, hatte sie eine Bewegung entzückter Überraschung. Auch das Antlitz Daniels erhellte sich, und Clerambault entging nicht die freudige Belebtheit der beiden jungen Leute. Rosine forderte Daniel auf, noch einmal zurückzukommen und die Unterhaltung fortzusetzen, Daniel war schon im Begriff es zu tun, zögerte dann, lehnte ab, sich noch einmal niederzusetzen, und schützte dann mit einem schmerzlich gespannten Gesichtsausdruck irgendeinen vagen Vorwand vor, der ihn zwinge fortzugehen. Clerambault, der im Herzen seiner Tochter las, bestand freundschaftlich darauf, daß er wenigstens noch einmal vor seinem Urlaubsende wiederkäme. Daniel, in die Enge getrieben, sagte zuerst nein, dann ja, ohne sich fest zu verpflichten, um dann schließlich, dem Drängen Clerambaults nachgebend, einen bestimmten Tag festzusetzen. Dann nahm er in einer etwas kühlen Weise Abschied. Clerambault kehrte wieder in sein Arbeitszimmer zurück und setzte sich nieder. Rosine blieb unbeweglich und gedankenverloren mit schmerzlichem Ausdruck stehen. Clerambault lächelte ihr zu. Sie kam zu ihm und umarmte ihn.
Der festgesetzte Tag ging vorüber, Daniel kam nicht zu ihnen herauf. Man wartete noch den nächsten Tag und den übernächsten, aber er war schon an die Front zurückgegangen. Auf Betreiben Clerambaults machte kurz darauf seine Frau mit Rosine den Eltern Daniels einen Besuch. Sie wurden von ihnen mit eisiger und beinahe verletzender Kälte empfangen. Frau Clerambault erklärte, als sie zurückkam, sie wolle nie mehr in ihrem Leben diese unerzogenen Leute sehen. Rosine hatte Mühe, ihre Tränen zu verbergen.
In der Woche darauf kam ein Brief von Daniel an Clerambault. Ein wenig beschämt über sein Verhalten und das seiner Eltern, versuchte er weniger, es zu entschuldigen als zu erklären. Er machte eine zarte Anspielung, er hätte Hoffnung gehabt, einmal Clerambault näher zu stehen als bloß durch die Bande der Bewunderung, des Respektes und der Freundschaft. Aber, fuhr er fort, Clerambault hätte seine Zukunftsträume durch seine bedauerliche Rolle zunichte gemacht, die er glaubte in der Tragödie auf sich nehmen zu müssen, bei der es um das Leben des Vaterlandes ginge, und durch den Widerhall, den seine Stimme gefunden hätte. Seine Worte, die zweifellos falsch verstanden aber sichtlich unklug gewesen waren, hätten einen frevelhaften Charakter enthüllt, der die öffentliche Meinung aufgewühlt hätte. Unter den Offizieren der Front sei ebenso wie bei seinen Freunden im Hinterland die Erbitterung darüber die gleiche. Seine Eltern, die von jenem Traum des Glückes gewußt hätten, legten jetzt Protest ein, und so sehr er darunter leide, glaube er doch nicht das Recht zu haben, die Bedenken beiseite zu stoßen, deren Quelle ein tiefes Mitleid mit dem gekränkten Vaterland sei. Die öffentliche Meinung würde es nicht verstehen können, daß ein Offizier, der die Ehre hatte, sein Blut dem Vaterlande darbieten zu dürfen, an eine Verbindung denken könne, die man als eine Zustimmung zu so verderblichen Ideen ausdeuten könne. Freilich, die öffentliche Meinung hätte zweifellos unrecht, aber man müsse immer mit der öffentlichen Meinung rechnen. Denn die öffentliche Meinung eines Volkes, selbst wenn sie scheinbar übertrieben und ungerecht ist, will doch geachtet sein, und dies gerade sei der Irrtum Clerambaults gewesen, sie herausfordern zu wollen. Daniel drängte Clerambault noch einmal, seinen Irrtum zu bekennen und öffentlich abzuschwören, durch neue Aufsätze den beklagenswerten Eindruck zu verwischen, den die ersten hervorgebracht hätten. Er stellte es ihm als eine Pflicht dar, eine Pflicht gegen das Vaterland, eine Pflicht gegen sich selbst, und eine Pflicht — er ließ es deutlich durchblicken — gegen jene, die ihnen beiden so teuer war. — Der Brief schloß mit verschiedenen anderen Betrachtungen, in denen noch zwei- oder dreimal der Name der öffentlichen Meinung wiederkehrte; sie nahm in seinem Denken den Rang der Vernunft und selbst des Gewissens ein.
Clerambault erinnerte sich lächelnd an die Szene Spittelers, wo der König Epimetheus, der Mann der entschlossenen Überzeugung, in der Stunde, da er sie auf die Probe stellen soll, sie nicht mehr in die Hand bekommt, sie entwischen sieht, ihr nachsetzt und, um sie zu fassen, sich bäuchlings auf die Erde wirft und sie unter seinem Bette sucht. Clerambault erkannte, daß man gleichzeitig ein Held vor dem Feuer des Feindes und doch ein ganz kleiner Junge vor der öffentlichen Meinung seiner Mitbürger sein könne.
Er zeigte Rosine den Brief. Und so ungerecht auch die Liebe sonst sein mag, Rosine war doch in ihrem Herzen durch die Heftigkeit verletzt, die ihr Freund der Überzeugung ihres Vaters antun wollte. Sie dachte, Daniel liebe sie nicht genug, und sagte, sie ihrerseits liebe ihn nicht genug, um solche Forderungen anzunehmen. Selbst wenn Clerambault ihm nachgeben wolle, so würde sie es nicht erlauben, denn es sei eine Ungerechtigkeit.
Hier umarmte sie ihren Vater, zwang sich, tapfer zu lachen und ihr grausames Mißgeschick zu vergessen. Aber man vergißt nicht ein erträumtes Glück, solange noch irgendeine schwache Möglichkeit vorhanden ist, es wiederzufinden. Sie mußte immer daran denken, und nach einiger Zeit fühlte Clerambault, wie sie sich von ihm entfernte. Wer die Verleugnung besitzt, sich aufzuopfern, besitzt nur selten auch jene andere, dann nicht jenen gram zu sein, für die er sich aufgeopfert hat. Gegen ihren eigenen Willen zürnte Rosine ihrem Vater um ihr verlornes Glück.
§
Ein seltsames geistiges Phänomen trat nun bei Clerambault zutage. Er fühlte sich niedergeschlagen und doch gleichzeitig gefestigt. Er litt daran, gesprochen zu haben, und fühlte doch, daß er von neuem sprechen würde. Er gehörte sich selbst nicht mehr. Seine Schriften hielten ihn fest, seine Schriften übten einen Zwang auf ihn aus: kaum hatte er seine Gedanken ausgesprochen, so war er schon an sie gebunden. Das aus dem Herzen entsprungene Werk wirkt wieder auf das Herz zurück. Geboren aus einer Stunde geistiger Erregung, verlängert und erneuert es sich diese Stunde im Geiste, der ohne diesen Aufschwung erschöpft in sich zusammenstürzte. Denn diese Stunde ist Lichtstrahl aus den letzten Tiefen, ist das Beste des inneren Wesens, das Ewigste und reißt den tierhaften Teil des irdischen Wesens mit sich fort. Ob er will oder nicht, schreitet der Mensch, von seinen Werken getragen und gezogen, weiter, sie leben außerhalb seiner selbst, erneuern in ihm die verlorne Kraft, erinnern ihn an seine Pflicht, führen ihn und befehlen ihm. Clerambault hatte die Absicht zu schweigen. Und doch begann er immer wieder zu sprechen.
Er war sich seiner Schwäche freilich recht bewußt. „Du zitterst, Kadaver, weil du weißt, wohin ich dich jetzt führe“, pflegte Turenne vor einer Schlacht zu seinem Leibe zu sagen. Die Leiblichkeit Clerambaults bot keinen stolzen Anblick. Wenn auch die Schlacht, in die er sie führte, eine viel unscheinbarere war, so war es doch kein geringerer Kampf, denn er stand darin allein und ohne Armee. Das Schauspiel, das er sich selbst in der Nacht vor der Schlacht darbot, war beschämend: er sah sich selbst nackt, in seiner Mittelmäßigkeit, einen schwachen Menschen, scheu von Natur, ein wenig feig, einen Menschen, der der anderen bedurfte, ihrer Liebe, ihrer Zustimmung. Und es war furchtbar schwer, alle diese Beziehungen mit ihnen zu zerreißen, gesenkten Kopfes gegen ihren Haß anzurennen.... Würde er stark genug sein, um Widerstand leisten zu können?... Wieder stürmten die schon verjagten Zweifel gewaltsam auf ihn ein. Wer zwang ihn denn dazu, zu sprechen? Wer würde auf ihn hören? Und wozu das alles? Warum hielt er sich nicht an das Beispiel der Klügeren, die schwiegen?
Und doch fuhr sein entschlossenes Hirn fort, ihm das zu diktieren, was er schreiben sollte, und die Hand schrieb es nieder, ohne ein Wort zu mildern. Er bestand gewissermaßen aus zwei Menschen, aus einem, der hingestreckt lag, Angst hatte und schrie: „Ich will mich nicht herumschlagen“, und aus einem anderen, der voll Verachtung für den Feigling ihn am Genick fortschleppte und sagte: „Vorwärts, du wirst gehen.“
Und doch wäre es zu viel Ehre, wollte man ihm zuerkennen, daß er aus Mut so handelte. Er handelte so, weil er nicht anders konnte. Selbst wenn er hätte innehalten wollen, so mußte er doch nach vorwärts und sprechen.... „Es ist deine Mission.“ Clerambault verstand das nicht und fragte sich, warum gerade er ausersehen worden war, er, der Dichter, der Zärtliche, geschaffen zu einem stillen, kampflosen, opferlosen Leben, indessen doch andere, starke, krieggewohnte, kampfgeartete Menschen mit Athletenseelen da waren, die unbeschäftigt blieben. „Es hat keinen Sinn sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Gehorche! Es ist nun einmal so.“
Und gerade diese Zwiespältigkeit seiner Natur zwang ihn, sobald einmal eine der beiden Seelen in ihm die Oberhand behalten hatte, sich ihr restlos hinzugeben. Ein normalerer Mensch hätte die beiden Naturen verschmolzen oder verbunden, hätte ein Kompromiß gefunden, bei dem die Anforderungen der einen und die Vorsicht der anderen zu ihrem Recht gekommen wären. Aber ein Clerambault war immer nur einseitig, dem einen oder dem anderen unterworfen. Hatte er einmal einen Weg gewählt, so ging er ihn ganz geradeaus, ob er ihm gefiel oder nicht. Und aus dem gleichen Grunde, der ihn früher so leichtgläubig für den Glauben der Welt rings um ihn gemacht hatte, mußte er jetzt rücksichtslos die Lügen, denen er zum Opfer gefallen war, offenbaren, sobald er sie erkannt hatte. Andere, die sich anfangs nicht so hemmungslos hatten narren lassen, hätten sie nie zu enthüllen vermocht.
So begann der Mutige wider seinen eigenen Willen, ein anderer Ödipus, den Kampf mit der Sphinx des Vaterlandes, die ihn am Kreuzweg erwartete.
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Der Angriff Bertins lenkte auf Clerambault die Aufmerksamkeit einiger Politiker der äußersten Linken, die nicht recht wußten, wie sie ihre Opposition gegen die Regierung (die ja ihre Existenzbedingung war) mit jener „heiligen Eintracht“ in Einklang bringen sollten, die zu Kriegsbeginn gegen den feindlichen Einbruch beschlossen war. Sie druckten die beiden ersten Artikel Clerambaults in einem jener sozialistischen Blätter nach, deren Gedankengang damals zwischen diesen Gegensätzen pendelte. Man bekämpfte dort den Krieg und votierte gleichzeitig Kriegskredite. Begeisterte internationale Bekenntnisse standen dort dicht neben Mahnreden von Ministern, die eine nationalistische Politik trieben. In diesem Schaukelspiel hätten die Seiten Clerambaults mit ihrem vagen Lyrismus, wo der Angriff maßvoll war und die Kritik der Vaterlandsideen von tiefem Mitleid umhüllt, den ganz wertlosen Charakter eines platonischen Protests gehabt, wenn nicht die Zensur darin einzelne Sätze mit der Zähigkeit einer Termite ausgefressen hätte. Die Spuren ihrer Zähne lenkten aber gerade die Blicke auf das, was der allgemeinen Unaufmerksamkeit sonst entgangen wäre. So kratzte die Zensur in dem Aufsatz „An die einst Geliebte“ das Wort Vaterland, nachdem sie es zum erstenmal in Verbindung mit einem liebenden Anruf ruhig hatte stehen lassen, bei allen anderen, bedeutend weniger schmeichelhaften Stellen rücksichtslos heraus. Ihre Dummheit sah nicht, daß nun das Wort, linkisch vom Lichtschirm bedeckt, nur noch besser im Geiste des Lesers aufleuchtete. So gelang es ihr, einem Aufsatz, der eigentlich recht bedeutungslos war, Bedeutung zu verleihen, wobei allerdings hinzuzurechnen war, daß in dieser Stunde allgemeiner Passivität das geringste Wort freier Menschlichkeit, insbesondere aber ein von einem bekannten Namen ausgesprochenes, sofort eine ganz außerordentliche und weite Wirkung gewann. Der andere Artikel, „Ihr Toten verzeihet uns“, war oder konnte durch seinen schmerzlichen Akzent noch gefährlicher für die große Masse der einfachen, vom Krieg aufgewühlten Seelen sein. So versuchte die bisher gleichgültige Zensur bei dem ersten Wind, den sie davon bekam, ihn glatt vor der Öffentlichkeit zu unterdrücken. Geschickt genug, um nicht auf Clerambault durch eine öffentliche Maßnahme besondere Aufmerksamkeit zu lenken, verstand sie es, auf das Journal auf Umwegen einzuwirken. Ein heftiger Widerstand gegen den Schriftsteller zeigte sich plötzlich in der internen Redaktion der Zeitung selbst. Natürlich warfen sie ihm nicht den Internationalismus seines Gedankens vor, sondern sie beschuldigten ihn bourgeoiser Empfindsamkeit.
Dafür bot ihnen nun Clerambault selbst Argumente mit einem dritten Artikel, in dem sein Widerstand gegen jede Gewalt ebenso die Revolution wie den Krieg zu verurteilen schien. Die Dichter sind eben immer schlechte Politiker.
Es war eine erbitterte Antwort auf jenen „Anruf an die Toten“, den Barrès, die zitternde Nachteule, von einer Friedhofzypresse herabwimmerte.
„Anruf an die Lebendigen“
„Der Tod beherrscht die Welt. Ihr, die ihr lebendig seid, schüttelt sein Joch ab! Es genügt ihm nicht, die Völker zu vernichten, er will, daß sie ihn auch noch verherrlichen, daß sie ihm singend entgegenlaufen, und ihre Herren verlangen, daß sie ihre eigene Aufopferung verherrlichen. „Es ist das schönste Los, das beneidenswerteste, das man erlangen kann!...“ Sie lügen! Es lebe das Leben! Einzig das Leben ist heilig, und die Liebe zum Leben ist die erste Tugend. Aber die Menschen von heute besitzen sie nicht mehr. Dieser Krieg beweist — und beweist bei vielen schon seit fünfzehn Jahren — (gesteht es euch nur ein!) das Vorhandensein einer wahnwitzigen Hoffnung auf eine solche Katastrophe. Ihr liebt das Leben nicht, wenn ihr keine bessere Verwendung dafür habt, als es dem Tod zum Fraß hinzuwerfen. Euer Leben ist euch eine Last, euch, ihr Reichen, ihr Bürger, ihr Diener der Vergangenheit, ihr Konservativen, die ihr darüber greint aus Mangel an Appetit, aus moralischem Übelbefinden, mit euren vor Überdruß schleimigen und sauren Seelen und Mäulern — und euch, ihr Proletarier, ihr Armen und Unglücklichen aus Mutlosigkeit über das Schicksal, das euch zugefallen ist. In der dumpfen Mittelmäßigkeit eures Lebens, in der Hoffnungslosigkeit, es jemals zu verwandeln (ihr Kleingläubigen!), wartet ihr einzig darauf, ihm durch einen Gewaltakt zu entrinnen, der euch dem Sumpf, zumindest für die Spanne einer Minute, nämlich der letzten, entreißt. Die Stärksten unter euch, jene, die am besten die Energie der ursprünglichen Instinkte bewahrt haben, die Anarchisten und Revolutionäre, appellieren bloß an sich selbst, um diese befreiende Tat zu erfüllen. Aber die große Volksmasse ist zu müde, um die Initiative zu ergreifen. Deshalb begrüßt sie mit solcher Gier die mächtige Welle, die ihre Vaterländer aufrührt: den Krieg! Sie gibt sich ihm mit einer düsteren Wollust hin. Denn er ist der einzige Augenblick im Leben, wo diese verschatteten Existenzen sich vom Atem des Unendlichen durchweht fühlen. Und gerade dieser Augenblick ist der der Vernichtung.
Ah, eine schöne Art, sein Leben anzuwenden.... Es einzig dadurch zu bejahen, daß man es verneint zugunsten irgendeines menschenfresserischen Gottes, mag er Vaterland oder Revolution heißen, der zwischen seinen Kinnladen die Gebeine von Millionen Menschen zerkrachen läßt....
Sterben, Zerstören, was liegt da für ein Ruhm darin! Das einzige Wichtige wäre, zu leben. Und das versteht ihr nicht. Ihr seid des Lebens nicht würdig. Nie habt ihr die Segnungen der lebendigen Minute empfunden, der Freude, die im Lichte tanzt. Oh, ihr hinsterbenden Seelen, ihr wollt, daß alles mit euch sterbe, kranke Brüder, denen wir die Hand hinreichen, sie zu retten, und die uns wütend mit sich in den Abgrund reißen....
Aber nicht mit euch, ihr Unglücklichen, will ich abrechnen, sondern mit euren Gebietern. Mit euch, den Herren der Stunde, unsern geistigen Gebietern, den politischen Machthabern, den Herren des Geldes, des Eisens, des Blutes und des Gedankens! Mit euch, die ihr diese Staaten in Händen haltet, die ihr diese Armeen in Bewegung setzt, die ihr mit euren Zeitungen, Büchern, Schulen und Kirchen diese Generation geformt und aus diesen freien Seelen Herden gemacht habt. Ihre ganze Erziehung — euer Werk der Knechtung — die Laienerziehung wie die christliche, lobpreist gleicherweise mit ungesundem Jubel den nichtigen militärischen Ruhm und seine Glückseligkeit. Am Ende der Angel hält sowohl die Kirche als auch der Staat den Tod als Köder hin.
Ihr heuchlerischen Schriftgelehrten und Pharisäer, Schande über euch! Politiker und Priester, Künstler und Schriftsteller, ihr Chorführer des Todes, ihr seid innen voll von Totengebein und Verwesung. Ach, ihr seid so recht die Söhne jener, die Christus getötet haben. Wie jene beschwert ihr die Schultern der Menschen mit entsetzlichen Lasten, zu denen ihr selbst nicht den Finger aufhebt. Wie jene, so kreuzigt ihr gerade solche, die den unglücklichen Völkern helfen wollen, solche, die zu euch kommen, in den Händen den Frieden, den gesegneten Frieden. Ihr sperrt sie ein und schmäht sie und jagt sie, so wie es geschrieben steht in der Schrift, von Stadt zu Stadt, bis daß das ganze vergossene Blut der Erde in Strömen auf euch zurückfällt.
Ihr Kuppler des Todes, ihr arbeitet nur für ihn! Das Vaterland dient euch nur dazu, um die Zukunft der Vergangenheit hörig zu machen und die lebendigen Menschen an die vermoderten Toten zu ketten. Ihr verurteilt das neue Leben in alle Ewigkeit, einzig die leeren Gebräuche der Gräber ängstlich zu erfüllen.... Aber laßt uns auferstehen! Lassen wir die Glocken klingen zum Osterfest der Lebendigen!
Ihr Menschen, es ist nicht wahr, daß ihr die Sklaven der Toten seid und durch sie wie Hörige an die Erde gebunden. Laßt die Toten ihre Toten begraben und selbst in die Grube fahren. Ihr aber seid Söhne der Lebendigen und selbst lebendig! Ihr jungen, gesunden Brüder, zerbrecht die nervenschwache Müdigkeit eurer Seelen, die sich den vergangenen Vaterländern verschrieben haben und die nur manchmal in plötzlichen Krämpfen der Raserei sich aufraffen. Werdet selbst die Herren der Stunde, die Herren der Vergangenheit, Väter und Söhne eurer Werke! Seid frei! Jeder von euch ist Mensch — nicht der verweste Leib der in den Gräbern stinkend Vermoderten, sondern das knisternde Feuer des Lebens, das die Verwesung tilgt, das die Leichen der vergangenen Jahrhunderte zerstört, das immer neue junge Feuer, das die Erde mit seinen brennenden Armen umschlingt. Seid frei! Ihr Eroberer der Bastille, ihr habt noch nicht jene andere erobert, die in euch selbst ist, das falsche Schicksal, das seit Jahrhunderten alle jene zu eurer Niederhaltung gebaut haben, die — entweder Sklaven oder Tyrannen (sie sind von der gleichen Galeere) — Furcht haben, daß ihr euch eurer Freiheit bewußt würdet. Der wuchtige Schatten der Vergangenheit — Religionen, Rassen, Vaterländer, die materialistische Wissenschaft — verdeckt eure Sonne. Geht ihr entgegen! Die Freiheit ist jenseits all jener Wälle und Türme von Vorurteilen, jener toten Gesetze, jener geheiligten Lügen, die die Interessen einzelner Auguren, die Meinung der militarisierten Massen und euere eigenen Zweifel an euch selbst noch behüten. Wagt es, zu wollen! Und ihr werdet plötzlich hinter der Mauer des trügerischen Schicksals, kaum daß sie hinstürzt, wieder die Sonne und die unbegrenzte Ferne sehen.“
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Statt die revolutionäre Flamme dieses Aufrufes zu erkennen, klammerte sich das Redaktionskomitee der Zeitung nur an die drei oder vier Zeilen, in denen Clerambault die Gewalttätigkeiten aus beiden Lagern, von rechts und links, in denselben Sack zu stecken schien. Woher nahm dieser Dichter das Anrecht, in einem Parteiblatte den Sozialisten Lektionen erteilen zu wollen? Im Namen welcher Theorien tat er es? War er denn überhaupt Sozialist? Ein solcher Bourgeois sollte nur mit diesen tolstoianischen und anarchistischen Schreibübungen bei der Bourgeoisie bleiben. Vergebens protestierten einige weitsichtigere Köpfe dagegen und betonten, jeder freie Gedanke, ob mit, ob ohne politische Etikette, müsse willkommen geheißen werden, und jener Clerambaults, so wenig er auch die Parteitheorie kenne, sei in Wahrheit sozialistischer als mancher der Sozialisten, die sich der nationalen Schlächterei beigesellt hätten. Dennoch ging man glatt darüber hinweg, und der Artikel wurde, nachdem er ein paar Wochen in einer Schublade geschlafen hatte, Clerambault zurückgegeben unter dem Vorwand, sie hätten zuviel aktuelle Aufsätze und zu wenig Raum.
Clerambault brachte den Artikel einer kleinen Revue, die sich mehr von seinem literarischen Ruf als von seinen Ideen zum Abdruck verleiten ließ. Das Resultat war, daß auf Befehl der Polizei die Revue am Tage nach dem Erscheinen des fast ganz unterdrückten Artikels verboten wurde.
Clerambault aber wurde nur noch hartnäckiger. Gerade diejenigen, die ihr ganzes Leben unterwürfig gewesen waren, werden die erbittertsten Revolutionäre, wenn man sie dazu zwingt. Ich erinnere mich, einmal ein großes Lamm gesehen zu haben, das, von einem Hund beunruhigt, endlich auf ihn losstürmte, und der Hund, durch diese unerwartete Umkehrung der Naturgesetze erschreckt, floh vor Entsetzen und Angst bellend davon. Der Köter Staat ist seiner Zähne zu sicher, um sich über ein paar unbotmäßige Lämmer zu beunruhigen, aber das Lamm Clerambault berechnete nicht mehr den Widerstand, sondern stieß mit dem Kopf kreuz und quer. Die Eigentümlichkeit schwacher aber edler Herzen ist es, ohne Übergang aus einer Übertreibung in die andere zu verfallen. Aus dem Übermaß eines Massengefühls war Clerambault mit einem Ruck zu einem Übermaß des isolierten Individualismus hinübergesprungen, und eben weil er die Geißel des Gehorsams so gut kannte, sah er überall nur sie, diese soziale Suggestion, deren Folgen in allen Gesellschaftsklassen gleich sichtbar waren: die heroische Passivität der Armeen, die man bis zum Irrsinn gepriesen hatte, die Millionen der von der Hauptschar eingeschlossenen Ameisen, die Unterwürfigkeit der Parlamente, die den Chef der Regierung zwar mißachteten, aber doch solange mit ihrer Stimme unterstützten, bis zufällig einmal der Ausbruch eines einzelnen Revoltierenden eine Explosion hervorrief, die griesgrämige, aber doch militärische Unterwürfigkeit selbst der linksstehenden Parteien, die dem absurden Idol einer abstrakten Einigkeit selbst ihre Existenzberechtigung aufopfern. Und diese Leidenschaft, den eigenen Willen preiszugeben, war für ihn der Feind. Er erkannte seine Aufgabe darin, den Zweifel zu erwecken, den Geist, der die Kette zernagt, und möglicherweise den großen Wahn zu zerstören.
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Die Wurzel des Übels war die Idee der Nation. Und diese geschwürige Stelle durfte man nicht anrühren, ohne daß die Bestie aufschrie. Clerambault attackierte sie schonungslos.
„... Was habe ich mit euren Nationen zu tun? Ihr verlangt von mir, ich solle einzelne Völker lieben und einzelne hassen. Ich liebe oder hasse Menschen. Und es gibt innerhalb jeder Nation vornehme, niederträchtige und mittelmäßige, nur daß in jeder einzelnen Nation die vornehmen und die niederträchtigen selten sind, die mittelmäßigen dagegen die große Masse bilden. Ich liebe einen Menschen oder liebe ihn nicht um dessentwillen, was er ist, und nicht dafür, was die anderen sind. Und gäbe es in einer Nation nur einen einzigen Menschen, den ich liebe, so würde mir das schon genug sein, um sie nicht als Gesamtheit zu verurteilen. — Ihr sprecht mir von den Kämpfen und dem eingebornen Haß der Rassen? Die Rassen sind die Farben im Prisma des Lebens, erst aus ihrem leuchtenden Zusammenspiel entsteht das Licht. Wehe dem, der dieses Prisma bricht! Ich gehöre nicht einer Rasse an, ich gehöre dem Leben, dem ganzen Leben. Ich habe Brüder bei allen Nationen, ob sie freundlich oder feindlich sind, und die mir zunächst Stehenden sind nicht immer jene, die ihr mir als Landsleute aufzwingen wollt. Die seelischen Familien sind über die ganze Welt hin zerstreut. Führen wir sie wieder zusammen! Unsere Aufgabe ist es, die chaotischen Nationen zu zerstören und an ihrer Stelle harmonische Gruppen zu bilden. Nichts wird dies verhindern können, und selbst die Verfolgungen werden aus dem allgemeinen Leiden nur die allgemeine Liebe der gemarterten Völker formen.“
Und andere Male betonte er in schonungsloser Weise seine persönliche Loslösung von dem Wettstreit der Nationen, obwohl er die Idee der Nation nicht leugnete, ja sogar als eine natürliche Tatsache anerkannte; denn Clerambault versteifte sich nicht auf die Logik, ihm kam es nur darauf an, das Götzenbild durch alle Lücken seines Harnisches zu treffen. Diese seine Haltung war nicht minder gefährlich.
„Ich kann keinen Anteil nehmen an den Streitigkeiten eurer Nationen um die Überlegenheit. Mir ist es gleichgültig, ob im Wettrennen diese oder jene Farbe den Sieg behält. Wer auch gewinnt, es ist doch immer die Menschheit, die den Sieg davonträgt. Für mich ist es nur gerecht, daß das lebendigste, das klügste, das arbeitsamste Volk in dem friedlichen Kampfe der Arbeit den Triumph erringe. Entsetzlich dagegen wäre, wenn die zurückgedrängten Nebenbuhler oder diejenigen, die eine Zurückdrängung befürchten, zur Gewalt griffen, um sich die Konkurrenz vom Halse zu schaffen. Dies würde die Unterordnung des Interesses aller Menschen unter einen geschäftlichen Gesichtspunkt bedeuten. Das Vaterland ist aber kein geschäftlicher Gesichtspunkt. Es ist nun gewiß traurig, daß das Aufsteigen der einen Nation den Niedergang der anderen verursacht, aber warum sagt ihr nicht, wenn der große Handel des eigenen Landes den kleinen Handel des eigenen Landes zugrunde richtet, dies sei ein Majestätsverbrechen gegen den Staat? Und doch richtet dieser Kampf viel traurigere und unverdientere Verheerungen an. Das ganze gegenwärtige ökonomische Gesellschaftssystem der Welt ist verhängnisvoll und lasterhaft, hier müßte man mit der Heilung einsetzen. Der Krieg aber, der versucht, den glücklicheren oder geschickteren Konkurrenten zugunsten des ungeschickteren oder trägeren zu begaunern, vergrößert nur die Mängel dieses Systems, denn er bereichert einzelne Wenige und ruiniert die ganze Gemeinschaft.
Es ist unmöglich, daß alle Völker auf derselben Straße im selben Schritt vorwärtsmarschieren. Abwechselnd überholen bald die einen die anderen und werden wieder selbst überholt. Aber was tut es, wenn sie nur im selben Zuge schreiten! Nur keine dumme Eigenliebe! Der Pol der Weltenergie verändert ständig seine Stelle, selbst im gleichen Lande verlegt er oft seinen Ruhepunkt. In Frankreich ist er von der römischen Provence an die Loire der Valois übergegangen, jetzt ist er in Paris, wird aber nicht immer dort bleiben. Die ganze Erde gehorcht einem wechselnden Rhythmus fruchtbaren Frühlings und einschlummernden Herbstes, die großen geschäftlichen Routen bleiben nicht unveränderlich, und die Schätze unter der Erde sind nicht unerschöpflich. Ein Volk, das sich durch Jahrhunderte ohne zu rechnen verausgabt hat, geht durch seinen Glanz dem Ende entgegen. Es kann sich nur erhalten, wenn es auf die Reinheit seines Blutes verzichtet und sich den anderen vermengt. Es ist zwecklos, es ist verbrecherisch, seine vergangene Zeit der Reife angeblich verlängern zu wollen, indem man andere hindert heranzuwachsen oder, wie unsere alten Leute von heutzutage, die Jungen in den Tod schickt. Das macht sie nicht jünger, aber sie töten die Zukunft damit.
Ein gesundes Volk versucht, statt sich gegen die Lebensgesetze entrüstet aufzulehnen, sie zu verstehen. Es sieht seinen wahren Fortschritt nicht im stupiden Willen, durchaus nicht alt werden zu wollen, sondern in einer unablässigen Bemühung, mit dem Alter fortzuschreiten, anders und größer zu werden. Jedes Alter hat seine Aufgabe. Ein ganzes Leben sich an die selbe anzuklammern, ist Faulheit und Schwäche. Lernt euch zu verwandeln, der Wandel ist das Leben. Die Werkstätte der Menschheit hat Arbeit für alle! So arbeiten wir Völker jedes für seinen Teil, und jedes sei stolz auf die Arbeit aller. Die Mühe und das Genie aller anderen sind auch die unseren.“
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Diese Artikel erschienen da und dort, wo es ihnen eben gelang, in irgendeinem jener kleinen fortschrittlichen, anarchistischen oder literarischen Blätter unterzukommen, in denen sonst die gewalttätigen Angriffe gegen Einzelpersonen den wohlbedachten Kampf gegen das Regime zu ersetzen versuchten. Die Aufsätze waren fast ganz unleserlich, so hatte die Zensur sie zugerichtet, die übrigens, wenn der Artikel dann in einer anderen Zeitung nachgedruckt wurde, manchmal mit launischer Vergeßlichkeit das durchrutschen ließ, was sie gestern verboten hatte, und das wieder wegschnappte, was sie gestern hatte durchgehen lassen. Es gehörte eine wirkliche Anstrengung dazu, ihren Sinn zu erfassen. Seltsamerweise waren es aber nicht die Freunde, sondern die Gegner Clerambaults, die sich dieser Mühe unterzogen. In Paris sind sonst die Polemiken von kurzer Dauer, denn die gefährlichsten Gegner, die wahrhaft Geschulten im Federkrieg, wissen sehr genau, daß Schweigen mehr schadet als Beschimpfung, und so gebieten sie oft ihrer Gehässigkeit Stille, um sich gewissere Wirkung zu sichern.
Aber in der hysterischen Krise, die damals die Seelen Europas schüttelte, gab es keine Richtschnur mehr, nicht einmal mehr eine für den Haß. Die Heftigkeit der Attacken Octave Bertins brachte Clerambault jeden Augenblick wieder der Öffentlichkeit in Erinnerung. Es half nichts, daß Bertin selbst verächtlich die anderen aufforderte: „Reden wir nicht mehr davon!“ Er redete selbst davon am Ende jedes einzelnen Artikels, in dem er seine Galle entlud.
Nun kannte Bertin zu genau alle geheimen Schwächen, alle geistigen Mängel und alle kleinen Lächerlichkeiten seines einstigen Freundes, als daß er sich das Vergnügen versagen konnte, sie mit sicherem Pfeil zu treffen. Clerambault, im Tiefsten verwundet und nicht klug genug, seinen Ärger zu verbergen, ließ sich in den Kampf hineinreißen, antwortete und zeigte, daß auch er den anderen bis aufs Blut verletzen könne. Eine brennende Gehässigkeit brach zwischen den beiden los.
Das Resultat war vorauszusehen. Bisher war Clerambault ungefährlich gewesen. Er beschränkte sich im ganzen auf die sittliche Abhandlung, seine Polemik trat nicht aus dem gedanklichen Kreis hervor und hätte ebensogut sich auf Deutschland, England oder auf das Rom von einst beziehen können wie auf das Frankreich von heute. In Wahrheit verstand er eigentlich höchst wenig von den politischen Dingen, über die er sich verbreitete, ebensowenig wie neun Zehntel aller Männer seiner Gesellschaftsklasse und seines Berufes. So konnte auch das, was er aufspielte, nicht die Herren der Stunde verwirren. Der lärmende Federkrieg Clerambaults und Bertins aber, inmitten des Durcheinanders und Getöses der Zeitungen, hatte eine doppelte Folge. Einerseits gewöhnte er Clerambault in seinem Gefecht zu feinerer Technik, und das zwang ihn, sich einen sichereren Grund unter den Füßen zu suchen als den der bloß logischen Streitigkeiten, andererseits brachte er ihn in Zusammenhang mit Männern, die die Tatsachen besser kannten und ihm Unterlagen für seine Aufsätze brachten. Seit einiger Zeit hatte sich in Frankreich ein kleiner, halb unterirdischer Zirkel gebildet, der sich mit einer unbeeinflußten Untersuchung und freien Kritik des Krieges und seiner Ursachen befaßte. Der Staat, der sonst so wachsam jeden Versuch freien Denkens zermalmte, hielt diese klugen, ruhigen Menschen, die meist Gelehrte waren, kein lärmendes Aufsehen zu bewirken suchten und sich mit Privatdebatten begnügten, für ungefährlich. Es schien ihm politischer, sie bloß zu bewachen, als zwischen vier Mauern einzusperren. Aber er täuschte sich in seiner Berechnung. Ist einmal die Wahrheit in bescheidener Mühe gefunden, und sei sie auch nur fünf oder sechs Menschen offenbar, so kann sie nicht mehr entwurzelt werden: sie steigt aus der Erde mit unwiderstehlicher Kraft. Clerambault erfuhr damals zum erstenmal, daß es solche leidenschaftliche Wahrheitssucher gab, die an jene aus der Zeit des Dreyfusprozesses erinnerten, und ihr geheimes Apostolat unter der allgemeinen Unterdrückung erinnerte ihn irgendwie an die kleine christliche Gemeinschaft zur Zeit der Katakomben. Mit ihrer Hilfe entdeckte er jetzt neben den Ungerechtigkeiten auch die Lüge des „großen Krieges“. Bisher hatte er davon nur ein dunkles Vorgefühl gehabt, doch vermochte er nicht zu ahnen, bis zu welchem Grade unsere nächste Zeitgeschichte gefälscht worden war. Sein Entsetzen war ungeheuer. Selbst in den Stunden eindringlichster Prüfung hatte sich seine naive Vorstellungsweise niemals die trügerischen Untergründe ausdenken können, auf denen ein solcher Kreuzzug für das Recht beruhte. Und da er nicht der Mann war, seine Entdeckung für sich zu behalten, schrie er sie in Aufsätzen offen aus, die sofort von der Zensur untersagt wurden, schob sie dann in satirischer, ironischer oder symbolischer Form in kleine Erzählungen und Fabeln in der Art Voltaires ein, die manchmal infolge Unachtsamkeit des Zensors glücklich durchgingen, aber Clerambault den Machthabern als einen ausgesprochen gefährlichen Menschen erscheinen ließen.
Die ihn zu kennen meinten, waren sehr von ihm überrascht. Von seinen Gegnern war er bisher allgemein als Sentimentaler behandelt worden, der er ja auch im Grunde gewiß war. Weil er es aber wußte und gleichzeitig Franzose war, besaß er die Gabe, selbst darüber zu lachen und sich lustig zu machen. Deutschen Sentimentalen mag es passen, blindlings an sich zu glauben; aber im Grunde der Seele des so beredten und empfindsamen Clerambault wachte der Blick des Galliers, der immer auf der Hut ist im tiefsten Dickicht seiner großen Wälder, der beobachtet, nichts übersieht und immer bereit ist, zu lachen. Und das Seltsamste war, daß dieser urhafte Trieb gerade in jenem Augenblick bei ihm ausbrach, wo man es am wenigsten erwartet hätte, in der Zeit der härtesten Prüfung und drohenden Gefahr. Das Gefühl für das Lächerliche der Welt belebte Clerambault gleichsam von neuem. Sein Charakter bekam plötzlich, kaum daß er sich von den Konventionen, in denen er gefangen war, freigemacht hatte, eine lebendige Vielfalt. Gut, zärtlich, kampfsüchtig, reizbar, über das Ziel hinausschießend, den Mißgriff anerkennend und heiter darüber hinweggehend, sentimental, ironisch, skeptisch und gläubig — immer erstaunte er selbst von neuem, wenn er sich im Spiegel dessen sah, was er schrieb. Sein ganzes Leben, das er bisher vorsichtig und bürgerlich in sich verschlossen hatte, brach nun, durch die moralische Einsamkeit und die gesunde Luft des Kampfes verstärkt, aus ihm heraus.
Und Clerambault merkte, daß er sich selber nicht kannte. Er war wie neugeboren seit jener Nacht der Angst, er hatte eine Art Freude kennen gelernt, von der er nie gewußt hatte, die schwindelige und losgelöste Freude des freien Mannes im Kampfe. Alle seine Sinne waren wie ein Bogen, gut und straff gespannt. Und er genoß im Tiefsten dieses vollkommene Wohlgefühl.
§
Jene aber in seiner nächsten Umgebung hatten von diesem Wohlergehen keinen Gewinn. Frau Clerambault bekam von dem Kampf nur die Unannehmlichkeiten zu fühlen, eine allgemeine Feindseligkeit, die schließlich selbst bei den kleinen Lieferanten ihres Bezirkes zutage trat. Rosine siechte sichtlich dahin. Die Wunden ihres Herzens, die sie verbarg, ließen sie schweigend verbluten. Sie selbst beklagte sich nie, aber ihre Mutter tat es für zwei. Ihre Verbitterung erstreckte sich gleicherweise auf die Dummköpfe, die sie beschimpften, und den unvorsichtigen Clerambault, der ihr diese Beschimpfung einbrachte. Bei jeder Mahlzeit gab es ungeschickte Vorwürfe, die ihn zum Schweigen bewegen sollten. Aber sie richtete nichts aus, die stummen wie die lärmenden Anklagen glitten machtlos an Clerambault ab. Zweifellos war er oft traurig und bedrückt, aber er gab sich jetzt ganz der Leidenschaft des Kampfes hin, und ein unbewußter, ja sogar ein wenig kindlicher Egoismus ließ ihn alles ausschalten, was ihm dieses neue Vergnügen hätte stören können.
Äußere Umstände kamen Frau Clerambault zu Hilfe. Eine alte Verwandte, die sie aufgezogen hatte, starb und hinterließ den Clerambaults ihren kleinen Besitz im Berry, den sie bewohnt hatte. Frau Clerambault benützte diesen Trauerfall, um sich von Paris zu entfernen, das ihr jetzt zum Abscheu geworden war, und vor allem um ihren Mann diesem gefährlichen Milieu zu entreißen. Sie schützte außer ihrem Schmerz praktische Gründe und die Gesundheit Rosinens vor, der diese Luftveränderung gut tun würde. Clerambault gab nach. Sie reisten alle drei ab, um ihre kleine Erbschaft in Besitz zu nehmen, und blieben den Sommer und Herbst über im Berry.
Das altbürgerliche Haus lag auf dem Lande, am Ausgang eines Dorfes. Aus der Erregung von Paris war Clerambault plötzlich in eine stockende Ruhe versetzt. Die Stille der Tage unterbrach nur der Ruf der Hähne in den Bauernhöfen, das Brüllen des Viehes auf der Weide. Aber das Herz Clerambaults war zu sehr fieberhaft geworden, um sich dem friedfertigen und langsamen Rhythmus der Natur anzupassen. Einst hatte er ihn bis zur Vergötterung geliebt, einst war er in Harmonie mit dem Landvolk gewesen, dem seine eigene Familie entstammte, aber heute machten ihm die Bauern, mit denen er zu sprechen versuchte, den Eindruck von Menschen eines anderen Planeten. Zwar waren sie nicht vom Kriegsgift verseucht, sie zeigten keine Leidenschaft und keinen Haß gegen den Feind, aber sie zeigten auch keinen gegen den Krieg. Sie nahmen ihn als eine Tatsache hin, ließen sich nichts über ihn vormachen (gewisse Bemerkungen voll gutmütiger Ironie verrieten, daß sie wußten, was er wert sei), aber zunächst beschränkten sie ihre Bemühung darauf, ihn auszunützen. Sie machten gute Geschäfte. Sie verloren zwar ihre Söhne, aber sie verloren nicht ihr Hab und Gut. Wenn ihre Trauer sich auch nicht sehr offensichtlich ausdrückte, so konnte man ihnen doch deutlich anmerken, daß sie für das Leid nicht unempfindlich waren. Aber schließlich: ein Menschenleben geht dahin und die Erde bleibt. Sie hatten wenigstens nicht wie die Bourgeoisie der Städte ihre Kinder aus nationalem Fanatismus in den Tod geschickt, aber, sobald es einmal geschehen war, wußten sie ihre Opfer in gute Werte umzusetzen und wahrscheinlich hätten das sogar ihre hingeopferten Söhne ganz natürlich gefunden. Muß man denn, wenn man das, was man liebt, verliert, immer auch gleich den Kopf dazu verlieren? Die Bauern hatten ihn nicht verloren. Man erzählt, der Krieg habe im französischen Flachland etwa eine Million neuer Grundbesitzer geschaffen. Die Gedankenwelt Clerambaults fühlte sich hier ganz einsam und ausgeschlossen. Sein Denken und das ihre sprachen nicht dieselbe Sprache. Hie und da tauschten sie mit ihm einige allgemeine bekümmerte Reden aus. Aber die Bauern beklagen sich ja immer, wenn sie mit dem Städter sprechen. Es ist bei ihnen schon so Sitte, eine Art, sich gegen einen möglichen Appell an ihren Geldsack zu schützen. Sie hätten im selben Ton über Maul- und Klauenseuche gesprochen. Clerambault blieb für sie der Pariser. Was immer sie auch denken mochten, ihm hätten sie es nie gesagt. Er war für sie von einer anderen Rasse.
Dieses Fehlen jeder Resonanz erstickte das Wort Clerambaults. Leicht zu beeinflussen, wie er war, kam er dahin, es selbst nicht mehr zu hören. Stille war um ihn. Die Stimmen der unbekannten und fernen Freunde, die ihn zu erreichen versuchten, wurden durch die Spionage der Post aufgefangen — einen jener Schandmale, mit dem sich diese Zeit entehrt hat. Unter dem Vorwand, die Spionage des Auslandes zu unterdrücken, machte der Staat damals aus seinen eigenen Bürgern Spione. Er begnügte sich nicht damit, die Politik zu überwachen, er vergewaltigte auch das Denken und erzog seine Agenten zum gemeinen Dienst von Horchern an der Wand. Die Vorteile, die er ihnen für eine solche Niedrigkeit bot, erfüllten bald das Land (alle Länder) mit freiwilligen Spitzeln, Leuten der guten Gesellschaft, drückebergerischen Schriftstellern in großer Zahl, die ihre Sicherheit dadurch erkauften, daß sie die der andern verrieten und ihre Angebereien mit dem Worte „Vaterland“ deckten. Dank diesen Angebern war es den frei Denkenden, die sich suchten, nicht möglich, einander die Hände zu reichen. Das ungeheure Untier Staat hatte eine mißtrauische Angst vor dem halben Dutzend freier, alleinstehender, schwacher machtloser Menschen, so sehr brannte es der Dorn seines schlechten Gewissens. Und jede dieser freien Seelen siechte hin in ihrem Kerker, umschlossen von einer unsichtbaren Überwachung. Und da einer vom anderen nicht wußte, daß sie alle das gleiche litten, starben sie langsam hin in ihrer eisigen Einsamkeit, ihrer Verzweiflung.
Die Seele, die Clerambault in seinem eigenen Leibe trug, war zu brennend, um sich durch dieses Leichentuch von Schnee ersticken zu lassen. Aber die Seele allein reicht nicht aus in solchen Krisen. Der Körper ist eine Pflanze, die der menschlichen Erde bedarf. Der Sympathie beraubt, gezwungen, sich von seiner eigenen Substanz zu nähren, kränkelt er hin. Alle Überlegungen Clerambaults, mit denen er sich zu beweisen suchte, daß sein Gedankengang jenem von Tausenden Unbekannten entspräche, konnten nicht den lebendigen, leibhaftigen Kontakt mit einem einzigen schlagenden Herzen ersetzen. Der Geist kann sich mit dem Glauben begnügen. Aber das Herz ist der ungläubige Thomas, der berühren muß, um zu glauben.
Clerambault hatte diese seine physische Schwäche nicht vorausgesehen. Es war wie eine Erstickung: die Haut wird trocken, das Blut vom brennenden Körper aufgesogen, die Quellen des Lebens versiegen im luftleeren Raum.
Da geschah es eines Abends, als er wie ein Schwindsüchtiger an einem drückenden Tage von Zimmer zu Zimmer auf der Suche nach einem Atemzug frischer Luft durch das Haus geirrt war, daß ein Brief ankam, dem es gelungen war, zwischen den Maschen des Netzes durchzuschlüpfen. Ein Mann etwa seines Alters, ein Dorflehrer in irgendeinem verlorenen Tale des Dauphiné, schrieb ihm:
„Der Krieg hat mir alles genommen. Von denen, die ich kannte, hat er die einen getötet, die anderen erkenne ich nicht mehr. Auf allem, was mir einst das Leben lebenswert erscheinen ließ, auf meiner Hoffnung eines Fortschrittes, auf meinem Vertrauen in eine Zukunft geistiger Brüderlichkeit, stampfen sie mit ihren Füßen herum. Ich siechte hin vor Verzweiflung, als ich durch einen Zufall dank einer Zeitung, die Sie beschimpfte, Ihre Aufsätze „Ihr Toten“ und „An die einst Geliebte“ kennen lernte. Ich habe sie gelesen und vor Freude geweint. Man ist also doch nicht ganz allein? Man leidet also doch nicht allein? Und nicht wahr, mein Herr, Sie glauben noch an diesen Glauben, sagen Sie es mir, Sie glauben doch noch an ihn? Er lebt also immer noch und sie werden ihn nicht töten können? Ach, wie wohl das tut, ich fing schon an zu zweifeln! Verzeihen Sie es mir, aber man ist alt, man ist allein, man ist recht müde.... Ich segne Sie, mein Herr. Jetzt werde ich ruhig sterben können, jetzt weiß ich, dank Ihnen, daß ich mich nicht getäuscht habe!“
Und es war sofort, als ob die Luft durch irgendeine plötzliche Öffnung einbräche. Die Lunge spannte sich aus, das Herz begann wieder zu schlagen, die Quelle des Lebens wieder zu sprudeln, um das ausgetrocknete Strombett der Seele von neuem zu füllen. O wie doch immer ein liebender Mensch des andern bedarf! Du Hand, zu mir hinübergereicht in der Stunde der Angst, du Hand, die du mich fühlen ließest, daß ich nicht ein abgerissener Zweig war vom Baum des Lebens, sondern hinabreiche bis zu seinem Herzen — ich rette dich und du rettest mich. Ich gebe dir meine Kraft und sie stirbt hin, wenn du sie nicht nimmst. Die einsame Wahrheit ist wie ein Funke, der als einziger, züngelnd und vergänglich vom Kiesel springt. Wird er nicht verlöschen? Nein. Er hat eine andere Seele berührt, und ein Stern flammt in der Tiefe des Horizonts auf.
§
Nur einen Augenblick war es Clerambault vergönnt, ihn zu sehen. Dann trat er hinter dem Gewölk zurück und verschwand für immer.
Clerambault schrieb noch am selben Abend dem unbekannten Freunde. Er vertraute ihm mit voller Hingabe seine Prüfungen und seine gefährlichen Überzeugungen an. Der Brief blieb ohne Antwort. Nach einigen Wochen schrieb Clerambault nochmals, hatte aber auch diesmal keinen Erfolg; doch sein Hunger nach einem Freund, mit dem er leiden und hoffen konnte, war so gierig geworden, daß er mit der Eisenbahn nach Grenoble fuhr und von dort zu Fuß bis zu dem Dorf ging, dessen Adresse er bewahrt hatte. Aber als er, das Herz schon ganz selig über die Überraschung, die er bereiten würde, an die Tür der Schule klopfte, verstand der Mann, der ihm auftat, nichts von dem, was er ihm sagte. Nach kurzer Auseinandersetzung erfuhr er, daß der Lehrer, mit dem er sprach, neu in das Dorf gekommen sei. Sein Vorgänger war vor einem Monat versetzt und strafweise in eine entfernte Gegend geschickt worden, aber es blieb ihm erspart, die Reise zu machen. Eine Lungenentzündung hatte ihn am Tage, ehe er den Ort verlassen sollte, den er dreißig Jahre bewohnt, dahingerafft. Nun durfte er noch weiter darin wohnen, aber unter der Erde. Clerambault sah das Kreuz auf dem noch frischen Hügel und erfuhr niemals, ob der entschwundene Freund wenigstens seine zärtlichen Worte empfangen hatte. Es war besser für ihn, im Zweifel zu verharren, denn niemals hatte der entschwundene Freund seine Briefe erhalten, selbst jenes letzten Lichtscheins hatte man ihn beraubt.
§
Das Ende jenes Sommers im Berry war eine der unfruchtbarsten Epochen im Leben Clerambaults. Er sprach mit niemandem mehr, er schrieb nicht mehr. Mit der arbeitenden Bevölkerung in direkten Verkehr zu kommen, bot sich keine Möglichkeit. Bei den seltenen Gelegenheiten, wo er vordem dem Volke nahetreten konnte (bei Massenaufläufen, bei Festlichkeiten und bei der Arbeit an der Volksuniversität), war es ihm immer lieb geworden. Aber eine Scheu, übrigens eine, die beiderseitig war, hinderte ihn, sich ganz hinzugeben. Beide Teile hatten immer das bald stolze, bald peinliche Gefühl der eigenen Minderwertigkeit. Denn Clerambault dünkte sich in vielen Dingen, und zwar in den wesentlichsten, geringwertiger, als die intelligenten Arbeiter (und er hatte auch recht, denn aus ihren Reihen werden die Führer der Zukunft erstehen). Unter der Auslese der Arbeiterschaft gab es damals anständige und männliche Geister, die Clerambault wohl hätte verstehen können. Mit ihrem ungebrochenen Idealismus hielten sie sich fest an die Wirklichkeit und, gewöhnt an den täglichen Kampf, seine Täuschungen und seinen Betrug, hatten sich diese Männer, von denen einige, obzwar noch jung, schon Veteranen im sozialen Kampf waren, zur Geduld erzogen. Sie hätten Clerambault darin belehren können. Diese Leute wußten wohl, daß alles erarbeitet sein muß, daß man nichts umsonst bekommt, daß alle diejenigen, die das Glück der zukünftigen Generation wollen, es mit ihren persönlichen Leiden bezahlen müssen. Sie wissen, daß der geringste Fortschritt nur Schritt für Schritt erobert wird und oft zwanzigmal verloren geht, ehe er endgültig erreicht wird. (Es gibt ja nichts wirklich Endgültiges...) Clerambault hatte großes Verlangen nach diesen Menschen, die stark und geduldig wie die Erde waren. Und seine heiße Intelligenz hätte sie bestrahlt und erwärmt.
Aber zwischen ihnen und ihm bestand das altväterliche, verletzende und der Gemeinschaft nicht weniger als dem Einzelnen verhängnisvolle System der Kasten, das zwischen den angeblich gleichen Bürgern unserer verlogenen Demokratien steht, und das aus der übergroßen Verschiedenheit der Vermögensverhältnisse, der Erziehung und der Lebensform stammt. Zwischen den einzelnen Kasten bestand nur eine Verbindung durch die Journalisten, die, eine Kaste für sich bildend, weder die eine noch die andere wirklich darstellten. Einzig die Stimme der Zeitungen durchhallte das Schweigen Clerambaults. Nichts war imstande, ihr „Quorax quorax breke-ke-kex“ zu stören.
Die unglücklichen Folgen einer neuen Offensive fanden die Journale wie immer unerschütterlich auf ihrem Posten. Wieder einmal waren die optimistischen Orakel der Hinterlandspriester zunichte geworden, aber niemand schien es zu bemerken. Sie ließen nur andere Orakel folgen, die mit der gleichen Zuversicht verabreicht und verschluckt wurden. Weder diejenigen, die sie schrieben, noch die, die sie lasen, wollten eingestehen, daß sie sich getäuscht hatten, und, so aufrichtig sie auch gegen sich sein mochten, sie merkten nichts davon. Sie erinnerten sich selber nicht mehr an das, was sie tags zuvor gesagt hatten. Und wie wollte man auch dies seltsame Wesen mit dem Vogelgehirn fassen? Kopf oben, Kopf unten — man mußte schließlich ihre Gabe anerkennen, nach allen Kapriolen immer wieder auf die Füße zu fallen. Jeden Tag hatten sie eine andere Überzeugung. Sie brauchte nicht dauerhaft zu sein, nachdem man am anderen Tage wieder eine andere hatte. Zu Ende des Herbstes begann man in den Zeitungen, um die sinkende Moral des Hinterlandes, die bei dem Vorgefühl des traurigen Winters nachzugeben begann, wieder neu zu kräftigen, eine neue Propaganda deutscher Greuel. Sie erfüllte vortrefflich ihren Zweck. Das Thermometer der öffentlichen Meinung stieg plötzlich wieder zur Fiebertemperatur auf. Selbst in dem friedlichen Städtchen des Berry äußerten sich während einiger Wochen alle Leute in erbittertster Weise. Sogar der Priester steuerte sein Scherflein bei und hielt eine Rachepredigt. Clerambault, der es von seiner Frau beim Mittagessen erfuhr, sprach seine Ansicht darüber in Gegenwart des bedienenden Mädchens ohne Rücksicht aus. Am Abend wußte schon das ganze Dorf, daß er ein Boche sei, und seitdem konnte es Clerambault jeden Morgen an seiner Tür angeschrieben lesen. Die Laune Frau Clerambaults wurde dadurch nicht gebessert. Rosine wiederum, die in ihrem jugendlichen Kummer über die getäuschte Liebe eine religiöse Krise durchmachte, war zu sehr mit ihrem eigenen Schmerz und seinen Verwandlungen beschäftigt, um an die Qual der anderen zu denken. Selbst die zärtlichsten Naturen haben ihre Stunde eines naiven und vollkommenen Egoismus.