← Table of contents
Clerambault

Dritter Teil (continued 2)

Stefan Zweig translation

§

Ganz allein sich selbst hingegeben und der Möglichkeit des Wirkens beraubt, wandte Clerambault sein ganzes fieberndes Denken gegen sich. Nichts konnte ihn nunmehr auf dem Wege der bitteren Wahrheit zurückhalten, nichts mehr ihr grausam scharfes Licht abdämpfen. Er fühlte in sich die brennende Seele jener fuorusciti, die, verstoßen aus den Mauern ihrer harten Stadt, sie von außen mit mitleidslosen Augen betrachteten. Nun war es nicht mehr die schmerzhafte Vision jener ersten Nacht der Prüfung, da die blutenden Wunden ihn noch mit seinem menschlichen Kreise verbanden. Jetzt waren alle Bande gelöst. Sein überklarer Geist schwebte, den Abgrund umkreisend, immer tiefer in langsamen Spiralen einsamen Schweigens in die Hölle hinab....

„Ich sehe euch, ihr Herden, ihr Völker, ihr Myriaden Wesen, die ihr es nötig habt, euch wie Austern zusammenzudrängen, nur um euch vermehren und denken zu können. Jede eurer Gruppen hat ihren besonderen Geruch, der ihr heilig scheint. Ganz wie bei den Bienen, wo die Ausdünstung der Königin die Einheit des Bienenstockes und die Arbeitsfreude schafft. Ganz wie bei den Ameisen: Wer dort nicht riecht wie das Ich und seine Rasse, wird getötet. Ihr Menschenwaben, jede von euch hat ihren besonderen Geruch von Rasse, Religion, Moral und althergebrachten Sitten. Dieser Geruch durchdringt eure Körper, euer Werk und eure Brut. Er bestimmt euer Leben von der Geburt bis zum Tode. Weh dem, der ihn von sich abzuwaschen sucht.

Wer die Dumpfheit dieses Bienenschwarmgedankens, diesen Schweiß berauschter Nächte eines Volkes recht genießen will, möge doch einmal die Gebräuche und Glaubensformeln aus der Distanz der Geschichte betrachten; er möge sich von Herodot, dem ironischen Spötter, den Film der menschlichen Verirrungen aufrollen lassen, das lange Panorama der bald erbärmlichen, bald lächerlichen, aber immer hochgeehrten Gebräuche bei den Skythen, Issedonen, Geten, Nasomonen, Gindaren, Sauromaten, Lydiern, Lybiern und Ägyptern, den Zweifüßlern aller Farben von Ost nach West und von Nord nach Süd. Der Großkönig, ein kluger Kopf, fordert zum Scherz die Griechen, die ihre Toten verbrennen, auf, sie zu verzehren, und die Hindus wiederum, die sie verspeisen, sie zu verbrennen, und belustigt sich dann über ihre beiderseitige Empörung. Der weise Herodot aber verneigt sich vor seinem Publikum und, unmerklich lächelnd, enthält er sich zwar eines Urteils, weist aber die zurecht, die sich über jene lustig machen; denn: würde man allen Menschen vorschlagen, eine Wahl unter den besten Gesetzen der verschiedenen Länder zu treffen, so würde sich doch jeder für die seines Vaterlandes entscheiden, denn es ist gewiß, daß jeder überzeugt ist, es gäbe keine besseren. Es gibt kein wahreres Wort als jenes Pindars: ‚Die Gewohnheit ist die Königin aller Menschen.‘

Jeder trinkt gern aus seinem Napf; so sollte er es wenigstens ertragen, daß der andere aus dem seinigen trinkt. Aber gerade das Gegenteil gilt: Um sich an dem seinen zu erfreuen, muß man dem andern in seinen Napf spucken. So will es Gott, denn man braucht ja einen Gott — mag er sein wie er sei, Mensch oder Tier, oder bloß ein Gegenstand, eine schwarze oder rote Linie, oder wie im Mittelalter eine Amsel, ein Rabe, irgendein Wappenschild — nur damit man dann auf ihn die eigenen Torheiten abladen kann.

Heute, da die Fahne das Wappenschild ersetzt hat, erklären wir uns frei von jedem Aberglauben. Doch wann war er undurchdringlicher als heute? Jetzt zwingt uns das neue Dogma der Gleichheit, genau so zu riechen wie die anderen, wir haben nicht einmal mehr die Freiheit zu sagen, daß wir nicht frei sind. Das wäre ein Gottesfrevel. Mit dem Tragsattel auf dem Rücken muß man brüllen: ‚Es lebe die Freiheit!‘ Die Tochter des Königs Cheops war auf Befehl ihres Vaters Dirne geworden, um mit dem Schandgeld ihres Körpers die Pyramide aufrichten zu helfen. Um die Pyramide unserer massigen Republiken zu errichten, müssen Millionen Bürger ihr Gewissen, ihre Seele und ihre Körper der Lüge und dem Haß prostituieren.... Oh, wir sind Meister in der großen Kunst des Lügens geworden!... Allerdings, man hat ja immer gelogen, aber der Abstand zu jenen Frühern besteht darin, daß sie sich ihrer Lüge bewußt waren, und es beinahe naiv eingestanden wie ein natürliches Bedürfnis, das man — wie es ja bei den Menschen des Südens Sitte ist — ungeniert in Gegenwart von Vorübergehenden abtut. ‚Ich werde immer lügen‘, sagt ganz unschuldig Darius, ‚denn wenn es nützlich ist zu lügen, so soll man sich darüber keine Skrupel machen. Diejenigen, die lügen, wünschen dasselbe zu erreichen wie jene, die die Wahrheit sagen: man lügt in der Hoffnung, irgendeinen Gewinn davon zu haben, man sagt die Wahrheit, um daraus Vorteil zu ziehen und sich das Vertrauen zu sichern. So gehen wir zwar nicht den gleichen Weg, aber doch zum selben Ziele. Denn ohne Hoffnung auf Vorteil wäre es ja für den, der die Wahrheit sagt, gleichgültig, zu lügen, und für den, der lügt, ebensogut, er sagte die Wahrheit.‘ Aber wir, meine lieben Zeitgenossen, wir sind bedeutend schamhafter. Wir schauen uns selbst nicht zu, wenn wir auf offener Straße lügen... Wir lügen hinter geschlossenen Türen und Fenstern, wir belügen uns selbst. Aber wir gestehen es uns niemals ein, selbst nicht in aller Intimität. Nein, nein, wir lügen nicht, wir „idealisieren“ nur.... Ach, ich möchte, daß man euer Auge sehe und daß euer Auge sehend würde, ihr freien Menschen!

Frei! Worin, wovon seid ihr frei? Wer von euch ist heute frei innerhalb eures gegenwärtigen Staates? Habt ihr die Freiheit, zu handeln? Nein, da ja der Staat über euer Leben verfügt, euch zu Schlächtern oder Hingeschlachteten macht. Seid ihr frei, zu sprechen und zu schreiben, was ihr wollt? Nein, denn man sperrt euch ein, wenn ihr eure Gedanken aussprecht. Seid ihr frei, wenigstens für euch allein zu denken? Nein, außer ihr verbergt eure Gedanken gut, und selbst ein tiefer Keller ist für sie nicht sicher genug. Schweigt! Hütet euch! Ihr seid gut überwacht... Es gibt Galeerenhüter für die Tat: Unteroffiziere und Betreßte. Und es gibt Galeerenhüter für den Geist: Kirchen und Universitäten, die genau vorschreiben, was man glauben und was man leugnen muß... Worüber beklagt ihr euch? (Aber ihr beklagt euch ja gar nicht!) Macht euch ja kein Kopfzerbrechen, wiederholt nur die Worte des Katechismus!

Nun sagt ihr, daß dieser Katechismus in freier Wahl von dem selbständigen und selbstherrlichen Volk genehmigt worden sei! Eine schöne Selbstherrlichkeit! Einfaltspinsel, die die Backen aufblasen mit ihrem Worte Demokratie... Demokratie, das ist die Kunst, sich an die Stelle des Volkes zu setzen und ihm feierlich in seinem Namen, aber zum Vorteil einiger guter Hirten die Wolle abzuscheren. In Friedenszeiten weiß das Volk nichts von dem, was vorgeht, außer dem, was die Leute, die ein Interesse daran haben, es zu prellen, ihm in ihren geknechteten Zeitungen zu sagen Lust haben. Die Wahrheit ist unter Verschluß. In Kriegszeiten macht man das besser, da ist das Volk unter Verschluß. Selbst wenn es wirklich je gewußt hätte, was es will, so hat es doch keine Möglichkeit mehr, ein Wort davon zu sagen. Kadavergehorsam... Zehn Millionen Kadaver... und die Lebendigen taugen auch nicht viel mehr, nachdem sie vier Jahre im niederdrückenden Regime von patriotischen Aufschneidereien, von Jahrmarkts-Paraden gestanden haben und dem Tam-Tam, den Drohungen, Betrügereien, Gehässigkeiten, Angebereien, Hochverratsprozessen und dem Standgericht ausgesetzt waren. Die Demagogen haben das letzte Aufgebot der Dunkelmännerei zusammengerafft, um den letzten verzweifelten Lichtschein der Vernunft in ihren Völkern zu ersticken und sie völlig zu verblöden.

Ihnen genügt es nicht, sie zu knechten. Man muß die Völker so dumm machen, daß sie selbst geknechtet sein wollen. Die gewaltigen Autokratien Ägyptens, Persiens und Assyriens, die mit dem Leben von Millionen ihr Spiel trieben, schöpften das Geheimnis ihrer Macht aus dem übernatürlichen Glanz ihrer falschen Göttlichkeit. Jede absolute Monarchie war unbedingt bis an die äußersten Grenzen der gläubigen Jahrhunderte eine Theokratie gewesen. In unseren Demokratien aber ist es unmöglich, an die Göttlichkeit irgend so eines Hanswursts, wie es unsere höchst anrüchigen und mißachteten Minister sind, zu glauben. Man hat sie zu sehr von der Nähe gesehen und kennt ihre Schäbigkeiten.... So haben sie die Erfindung gemacht, die Götter hinter die Leinwand ihres Jahrmarktzeltes zu stecken. Gott, das ist jetzt die Republik, das Vaterland und die Gerechtigkeit, die Zivilisation. Am Eingang des Zeltes sind sie aufgemalt, jede Jahrmarktsbude zeigt in mannigfachen Farben ihre schöne Riesin, und die Millionen drängen sich nur so hinein, um sie zu sehen. Freilich, was sie denken, wenn sie aus der Bude herauskommen, das wird nicht gesagt, und sie wären selbst sehr verlegen, wenn sie sich etwas dabei denken sollten. Die einen kommen überhaupt nicht mehr heraus, die andern haben nichts gesehen. Nur jene, die draußen geblieben sind vor der großen Bude, um zu gaffen, die sehen, für die ist Gott da (schön aufgemalt). Die Götter sind nichts als das Verlangen, an sie zu glauben.

Warum aber dann die brennende Wut dieses Verlangens? Weil man die Wirklichkeit nicht sehen kann. Oder eigentlich: gerade weil man sie sieht. Das ist ja die ganze Tragik der Menschheit, daß sie nicht sehen und nichts wissen will. Sie hat nur das verzweifelte Bedürfnis, irgendwie ihren Schmutz göttlich zu machen. Wir aber wollen ihr ins Gesicht sehen!

Der Instinkt des Mordes ist in das Herz der Natur geschrieben. Ein wahrhaft teuflischer Instinkt, weil er die Wesen nicht bloß geschaffen zu haben scheint, um zu essen, sondern auch, um gegessen zu werden. Eine Spielart des Kormorans nährt sich von Meerfischen. Die Fischer rotteten nun diese Vögel aus, da verschwanden die Fische, denn sie wiederum nährten sich von den Exkrementen der Vögel, die sich von ihnen nährten. So ist die Kette der Wesen eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt und sich selber frißt.... Wäre nun wenigstens nicht auch noch das Bewußtsein geschaffen, daß der Mensch selbst dieser eigenen Marter zusehen muß! Oh, wie dieser Hölle entfliehen?... Zwei Wege gibt es, zwei einzige Wege, den Weg Buddhas, der den schmerzhaften Wahn des Lebens zum Erlöschen bringt — und den Weg des religiösen Wahns, der über Verbrechen und Schmerzen den Schleier einer blendenden Lüge wirft! Das Volk, das die andern vernichtet, wird da zum auserwählten Volke, es wirkt für seinen Gott. Das Gewicht der Ungerechtigkeiten, das die eine Waagschale des Lebens niederdrückt, findet sein Gegengewicht im Jenseits der Träume, wo alle Wunden und Qualen gelindert werden. Die Formen dieses Himmelreiches sind verschieden von Volk zu Volk, von Zeit zu Zeitalter, und diese Verschiedenheit nennt man dann Fortschritt. Aber es ist doch immer ein und dasselbe Verlangen nach einem Wahn. Man muß dieser furchtbaren Bewußtheit das Maul stopfen, die alles sieht und Rechenschaft verlangt für jede Ungerechtigkeit des Gesetzes. Wirft man ihr nun nicht rasch einen Brocken zum Fraße hin, irgendeinen Glauben, so heult sie vor Hunger und Angst. Man muß glauben. Glauben oder krepieren.... Und darum haben sich die Menschen zu Herden zusammengedrängt, um sich gegenseitig zu bestärken und zu stützen. Um aus ihren einzelnen persönlichen Zweifeln eine gemeinsame Sicherheit zu machen.

Was tun wir aber jetzt mit der Wahrheit? Die Wahrheit — jetzt ist sie ja für jene der Feind. Freilich, das gestehen sie nicht ein. In einem stillschweigenden Übereinkommen nennen sie Wahrheit das widerliche Gemisch von ein bißchen Wahrheit und vieler Lüge, wobei das bißchen Wahrheit dazu dient, die Lüge zu übertünchen, die Lüge und die Knechtschaft, die ewige Knechtschaft... Nicht die Monumente des Glaubens und der Liebe sind die dauerhaftesten, sondern weit mehr jene der Knechtschaft. Reims und das Parthenon stürzen in Ruinen, aber die Pyramiden Ägyptens inmitten der Wüste, den Luftspiegelungen und dem wandernden Sand trotzen den Jahrhunderten... Wenn ich an die Tausende unabhängiger Menschen denke, die der Geist der Knechtschaft im Laufe der Jahrhunderte verschlungen hat — die Ketzer und Revolutionäre, die Unbotmäßigen gegen Staat und Kirche —, so wundere ich mich nicht mehr über die Mittelmäßigkeit, die nun über der Welt wie eine dicke fettige Brühe schwimmt...

Wir aber, die wir uns noch auf der düstern Oberfläche halten, die wir noch nicht untergetaucht sind, was sollen wir gegenüber dieser unbarmherzigen Welt tun, wo ewig der Starke den Schwächeren zermalmt und ewig wieder einen noch Stärkeren findet, der ihn seinerseits vernichtet? Sollen wir uns aus schmerzlichem Mitleid und aus Ermüdung zur freiwilligen Hinopferung entschließen, oder sollen wir mittun an der ewigen Erdrückung des Schwachen, ohne innerlich nur den Schatten einer Erkenntnis zu haben von der blinden Grausamkeit des Weltalls? Was bleibt uns denn sonst noch? Sollen wir etwa versuchen, uns aus dem hoffnungslosen Kampf wegzuschleichen aus Egoismus oder aus Weisheit, die ja doch nur eine andere Form des Egoismus ist?...“

In dieser Krise ätzenden Pessimismusses, die Clerambault in jenen Monaten der menschenfremden Isolierung durchwühlte, sah er überhaupt keine Möglichkeit des Fortschrittes mehr, jenes Fortschrittes, an den er einst geglaubt hatte wie andere an den lieben Gott. Jetzt sah er die menschliche Rasse einem mörderischen Geschick rettungslos geweiht. Nachdem sie soviel andere Wesen auf ihrer Erde vernichtet hatte, war es ihr Schicksal, sich nun mit eigener Hand zu vernichten und damit ein Gesetz der Gerechtigkeit zu erfüllen. Denn der Mensch ist Herr dieser Erde nur durch Raub, durch Betrug und Kraft geworden (hauptsächlich aber durch Betrug), wertvollere Wesen, als er ist, sind vielleicht, gewiß sogar, unter seinen Schlägen hingeschwunden, die einen hat er zerstört, die anderen erniedrigt, zu Tieren gemacht. Seit den Tausenden von Jahren, die er das Dasein mit den andern Wesen teilt, tut er so, als verstünde er sie nicht (er lügt), als wüßte er nicht, daß sie zu ihm Bruderwesen wären, leidend, liebend und träumend wie er. Um sie besser ausbeuten und ohne Gewissensbisse quälen zu können, hat er sich von seinen geistigen Führern bestätigen lassen, daß diese Wesen nicht denkfähig seien, daß er allein dieses Privileg besitze. Heute ist er nicht mehr weit davon entfernt, dies auch von den anderen Menschenvölkern zu sagen, die er bekämpft und vernichtet... Henker! Henker, du bist mitleidslos gewesen. Mit welchem Recht verlangst du heute Mitleid für dich?

§

Von den alten Freundschaften, die einst zum Kreise Clerambaults gehört hatten, war ihm eine einzige noch geblieben, die mit Frau Mairet, deren Mann vor kurzem im Argonnenwald gefallen war.

François Mairet, der noch nicht das vierzigste Lebensjahr erreicht hatte, als er unbemerkt im Schützengraben zugrunde ging, war einer der ersten französischen Biologen, ein bescheidener Gelehrter, ein großer Arbeiter gewesen, in dem ein geduldiges Genie schlummerte, das der Ruhm später gewiß entdeckt hätte. Er hatte aber gar keine Eile, den Besuch dieser schönen Dirne zu empfangen, man teilt ja ihre Gunst mit zu vielen Undankbaren. Ihm genügte die stille Freude, die die innige Beziehung zur Wissenschaft ihren Auserwählten gewährt, und ein einziges Herz auf Erden, um diese Freude mit ihm gemeinsam zu genießen. Seine Frau war die Hälfte all seiner Gedanken. Ein wenig jünger als er, aus Hochschulkreisen stammend, gehörte sie zu jenen ernsten, liebevollen, zugleich schwachen und stolzen Seelen, die das Bedürfnis haben, sich hinzugeben, die sich aber nur ein einzigesmal hingeben können. Sie lebte ganz im geistigen Leben Mairets. Vielleicht hätte sie ebensogut das eines anderen Mannes teilen können, wenn die Umstände sie mit ihm verbunden hätten. Aber sobald sie Mairet geheiratet hatte, hatte sie ihn restlos geheiratet. Wie viele Frauen, und gerade die besten von ihnen, befähigte sie ihre Intelligenz, gerade den zu verstehen, den ihr Herz erwählt hatte. Sie hatte sich zu seiner Schülerin gemacht, um seine Gefährtin zu werden, sie nahm Teil an seiner Arbeit, an seinen Experimenten. Kinder hatten sie keine. Ihre Gemeinschaft war eine der Gedanken. Beide waren sie freie Geister, voll hoher freigeistiger und übernationaler Ideale.

Als im Jahre 1914 Mairet einberufen wurde, folgte er dem Rufe, bloß um seiner Pflicht zu genügen, aber ohne innere Täuschung über die Sache, die der Zufall der Zeiten und der Vaterländer ihm zu vertreten auferlegte. Von der Front sandte er stoische und klare Briefe. Nie hatte er aufgehört, den Krieg als etwas Erbärmliches zu betrachten, aber er glaubte sich zum Opfer verpflichtet aus Gehorsam gegen das Geschick, das ihn eben den Irrtümern, den Leiden und Kämpfen jener armen Menschenrasse beigemengt hatte, die sich langsam einem unbekannten Ziel entgegen entwickelte.

Er kannte Clerambault. Familienbeziehungen in der Provinz, aus der Zeit, ehe die einen oder die anderen nach Paris übersiedelten, waren die Grundlage ihres freundschaftlichen Verhältnisses geworden, das eigentlich mehr dauerhaft war als intim — denn Mairet gab nur seiner Frau sein Herz hin — dessen unzerstörbare Grundlage aber eine beiderseitige reine Achtung war.

Seit Kriegsbeginn hatte jeder einzelne mit seinen Sorgen zu tun, und sie hatten nicht in Korrespondenz gestanden. Die draußen im Felde schickten nicht Briefe an viele Freunde herum, sie konzentrierten sie auf ein einzelnes Wesen, dem sie dann alles sagten. Mairet hatte mehr als jemals seine Gefährtin zum einzigen Verwalter seines Vertrauens gemacht, seine Briefe waren ein Tagebuch, wo er gewissermaßen mit lauter Stimme dachte. In einem seiner letzten Briefe sprach er von Clerambault. Er hatte von seinen ersten Artikeln durch die nationalistischen Zeitungen (die einzigen, die an der Front geduldet wurden) erfahren, die zu polemischen Zwecken Auszüge daraus brachten. Er schrieb seiner Frau, welche Erleichterung er bei diesen Worten eines anständigen und empörten Mannes empfunden hätte, und bat sie, Clerambault wissen zu lassen, daß seine alte Freundschaft für ihn dadurch nur noch inniger und wärmer geworden sei. Kurze Zeit darauf fiel er, noch ehe er die folgenden Aufsätze erhielt, die er seine Frau gebeten hatte ihm zu senden.

Als er hingegangen war, suchte sie, die einzig für ihn lebte, sich jenen Menschen zu nähern, die ihm in den letzten Stunden seines Lebens nahegestanden hatten. Sie schrieb an Clerambault. Er, der sich in seinem Provinzwinkel innerlich verzehrte, ohne die Energie zu finden, sich daraus loszureißen, empfing den Ruf der Frau Mairet wie eine Erlösung. Er kam nach Paris zurück. Es bedeutete für sie beide ein bitteres Wohlgefühl, gemeinsam das Wesen des Dahingegangenen wieder zu erwecken, und sie teilten es sich so ein, daß sie sich einen Abend jeder Woche einzig dafür frei hielten, um gemeinsam mit ihm beisammen zu sein. Clerambault war der einzige aus dem Freundeskreis Mairets, der die geheime Tragödie eines Opfers verstehen konnte, das von keinem vaterländischen Wahn künstlich vergoldet war.

Zuerst fühlte Frau Mairet eine Erleichterung darin, ihm alles zu zeigen, was sie empfangen hatte. Sie las ihm die Briefe vor, die vertraulichen Mitteilungen seiner Enttäuschung. Mit Ergriffenheit durchschritten sie seine Gedankenkreise und kamen dazu, alle die Probleme aufzurollen, die den Tod Mairets und jenen von Millionen anderer verschuldet hatten. Nichts konnte Clerambault bei dieser unerbittlichen Fragestellung zurückhalten. Auch sie war nicht die Frau, einer Suche nach der Wahrheit auszuweichen. — Und doch...

Clerambault bemerkte bald, daß seine Worte ihr ein gewisses Unbehagen verursachten, sobald er laut aussprach, was sie nur zu gut selbst wußte und was die Briefe Mairets feststellten, nämlich die verbrecherische Sinnlosigkeit solchen Sterbens, die Fruchtlosigkeit einer solchen Aufopferung. Sie versuchte, das, was sie ihm anvertraut hatte, gleichsam wieder zurückzunehmen, sie stritt über den Sinn des Wortlautes mit einer Leidenschaft, die nicht immer ganz aufrichtig schien, und gab auf einmal vor, sich gewisser Worte Mairets zu erinnern, die eher eine Übereinstimmung, ja sogar Zustimmung zur öffentlichen Meinung bekundeten. Eines Tages bemerkte Clerambault, als sie ihm einen Brief, den sie schon früher einmal gelesen hatte, wieder vorlas, wie sie über einen Satz hinwegglitt, in dem sich der heroische Pessimismus Mairets deutlich verriet. Und als er darauf bestand, schien sie ein wenig beleidigt. Sie wurde ablehnend, allmählich verwandelte sich ihr peinliches Gefühl in Kälte, dann in Erregtheit, schließlich sogar in eine Art geheimer Feindseligkeit. Es endete damit, daß sie Clerambault mied, und ohne daß ihr Bruch offen eingestanden war, fühlte er, daß sie ihm böse war und ihn nicht mehr sehen wollte.

Denn in gleichem Maße, wie sich die unerbittliche Analyse Clerambaults verschärfte und die Grundlagen der ganzen zeitgenössischen Meinungen negierte, bildete sich bei Frau Mairet ein gegensätzlicher Prozeß im Sinne einer Wiederherstellung idealer Begriffe heraus. Ihre Trauer bedurfte der Überzeugung, daß sie trotz allem irgendeinen heiligen Grund habe. Es fehlte ihr eben der Verstorbene, um ihr zu helfen, die Wahrheit zu ertragen. Denn zu zweien ist selbst die furchtbarste Wahrheit noch eine Freude. Aber für den, der allein zurückbleiben muß, wird sie tödlich.

Clerambault verstand dies, seine bebende Feinfühligkeit spürte, daß er die Frau leiden gemacht hatte, und er fühlte ihr Leiden in sich selbst. Es fehlte nicht viel, so hätte er ihrem Widerstande gegen sich selbst zugestimmt, denn er sah, welch ungeheurer Schmerz in ihr verborgen war und sah zugleich die ganze Kraftlosigkeit seiner Wahrheit, die ihr keine Erleichterung brachte. Ja noch mehr: er sah, daß er einem Leiden, das schon vorhanden war, nur noch ein neues Leiden hinzugefügt hatte....

Unlösbares Problem! Solche unglücklichen Menschen können nicht ohne den mörderischen Wahn leben, dessen Opfer sie sind. Und man kann ihnen den Wahn nicht wegnehmen, ohne ihre Leiden unerträglich zu machen. Familien, die Söhne oder Gatten oder Väter verloren haben, bedürfen eben des Glaubens, es sei für eine gerechte und wahre Sache geschehen. Die lügnerischen Staatsmänner sind gezwungen, diese Lüge um der anderen willen und um ihrer selbst willen aufrechtzuerhalten, denn wenn sie nur einen Augenblick aufhörten, wäre das Leben weder für sie noch für die, über die sie gebieten, erträglich. Der unglückliche Mensch ist eben die Beute seiner eigenen Ideen, und wenn er ihnen auch alles schon hingegeben hat, so muß er ihnen jeden Tag noch immer mehr hingeben, oder er findet unter seinen Schritten das Leere und stürzt hinab.... Was? Nach vier Jahren namenloser Qual und Zerstörung sollten wir zugeben, daß das alles umsonst war...? ... Nicht nur zugeben, daß selbst der Sieg eine Vernichtung wäre, sondern daß er es immer sein muß, daß der Krieg ein Wahnwitz ist und wir uns getäuscht haben.... Niemals! Lieber sterben bis zum letzten Mann. Schon ein einziger Mensch, dem man die Erkenntnis aufzwingt, daß sein Leben sinnlos war, gibt sich der Verzweiflung hin. Wie aber erst, wenn man es einem Volke, zehn Völkern, der ganzen Menschheit sagt?

Clerambault hörte den Schrei der menschlichen Menge:

„Leben um jeden Preis! Retten wir uns um jeden Preis!“

„Aber ihr wollt euch ja gerade nicht retten! Euer Weg führt euch in neue Katastrophen, in eine Unzahl neuer Qualen.“

„Mögen sie noch so arg sein, sie sind doch nicht so furchtbar als das, was du uns darbietest. Lieber mit einem Wahn sterben, als ohne einen Wahn leben! Ohne Wahn, ohne Illusionen leben... das wäre der lebendige Tod.“

„Derjenige, der das Geheimnis des Lebens erkannt hat und sein Wort gelesen“, sagt die harmonische Stimme Amiels, des Enttäuschten, „entgeht dem großen Rad des Lebens, er ist ausgetreten aus der Welt der Lebendigen.... Ist einmal der Wahn dahin, so tritt wieder das Nichts in sein ewiges Reich, die farbige Seifenblase ist zergangen im ungeheuren Raum, die Qual des Gedankens aufgelöst in die regungslose Ruhe des unbegrenzten Nichts.“

Aber gerade diese Ruhe im Nichts ist ja die fürchterlichste Qual für den Menschen der weißen Rasse. Lieber alle Qualen, alle Qualen des Lebens! Nein, nehmt mir sie nicht weg! Wer mir die mörderische Lüge wegnimmt, von der ich lebe, ist mein Mörder!...

Und Clerambault legte sich bitter den Titel bei, den ihm zum Spott ein nationalistisches Blatt gegeben hatte: „L’un contre tous“. „Der Eine gegen Alle.“ Ja, er war der gemeinsame Feind, der Zerstörer des Wahns, von dem die andern leben....

Aber er wollte es eigentlich gar nicht. Er litt zu sehr unter dem Gedanken, Leiden zu verursachen. Wie aus dieser tragischen Sackgasse herauskommen? Wohin immer er sich wandte, überall fand er den unlösbaren Zwiespalt: entweder todbringenden Wahn oder den Tod ohne Wahn.

„Ich will nicht das eine und will nicht das andere.“

„Ob du es willst oder nicht, gib nach! Hier ist kein Durchlaß.“

„Aber ich werde trotzdem zu meinem Ziele kommen.“

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings