Zwölftes Kapitel.
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Fast in jedem Winter sind es nur eine kleine Anzahl von Personen, welche zum Mittelpunkte der Gesellschaft werden und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, Frauen sowol als Männer; und sind diese Letztern jung und liebenswürdig, so kann es nicht fehlen, daß sich die Augen der Mütter liebreich auf sie richten und die der Töchter sich schmachtend niederschlagen, wodurch die Stellung eines reichen Heirathskandidaten zu einer der unterhaltendsten von der Welt wird, wenn sein Herz frei und er in der Laune ist, die feinen Intriguen zu beobachten, die gesponnen werden, um ihn zu fesseln. Freundlichere Augen, süßeres Lächeln sah Rinaldo nicht in Armidens Gärten, als sie jeden Abend Thalberg erblickte, wohin er trat. Seine Erscheinung hatte in der Damenwelt Epoche gemacht; und seine glänzende Equipage, seine prächtigen Pferde hatten nicht dazu beigetragen, das Interesse zu vermeiden, welches seine Persönlichkeit eingeflößt hatte. Leider schien es aber, als ob seine schönen, schwarzen Augen die junge Damenwelt gar nicht bemerkten. Kalt und höflich bewegte er sich in ihrer Mitte, ohne irgend Jemand auszuzeichnen, sodaß endlich eine der älteren Damen, welche eine einzige Tochter hatte, sich entschloß, sich hinsichtlich ihrer Wünsche in diesem Punkte gegen Clementine auszusprechen. Die Staatsräthin Ringer war reich, ihre Johanna, eine hübsche, frische Blondine, von der klugen Mutter auf das Sorgfältigste erzogen und mit einem Worte »eine vortreffliche Partie«. Die Staatsräthin sah, daß Thalberg viel im Meining'schen Hause und anscheinend mit Clementinen befreundet war; daher entdeckte sie ihr, nach einer ewig langen Einleitung, daß sie lebhaft wünsche, ihre Johanna, die nun siebenzehn Jahre alt sei, zu verheirathen. Sie ist, wenn ich einmal sterbe, sagte sie, ganz verwaist, und ich versichere Sie, beste Geheimräthin, daß mich dieser Gedanke oft sehr beunruhigt. Nun gestehe ich Ihnen, mich hat Herr Thalberg in jeder Beziehung so angezogen, sein feines, geistreiches Wesen ist dabei so zutrauenerweckend, daß ich Nichts sehnlicher wünschen könnte, als diesem Manne meine Johanna zu geben. Und grade Das, was manchen Frauen an Thalberg mißfällt, das kalte Betragen gegen junge Mädchen, ist mir ein Beweis mehr, daß er ein sehr guter Ehemann und seiner Frau sehr ergeben sein würde. Sehen Sie, Liebste! wenn Sie Thalberg gelegentlich meiner Johanna vorstellten, sie vielleicht einmal zusammen einladen möchten – damit sich die Leutchen näher kennen lernten – mein Gott! das verpflichtet ja Niemand – Thalberg selbst braucht es gar nicht zu wissen; und gelingt es, so haben wir zwei Menschen glücklich gemacht, und ich, liebste Freundin! bin Ihre ewige Schuldnerin.
Sie hätte noch lange fortsprechen können, ohne von Clementinen unterbrochen zu werden, so erschrocken war diese anfangs bei dem Gedanken, Robert verheirathet zu wissen. Bald aber siegte ihre edlere Natur; es schien ihr, als zeige ihr der Himmel dadurch eine Möglichkeit, sich und Robert zu retten. Deshalb ging sie bereitwillig auf den Gedanken dieser Verbindung ein und versprach, so weit es in ihrer Macht stände, die nöthigen Schritte zu thun.
Als aber die Staatsräthin sich entfernt hatte, warf sich Clementine mit heißen Thränen auf das Sopha; sie selbst sollte Robert eine Frau geben, sie sollte ihn veranlassen, ihrer zu vergessen, eine Andere zu lieben! – sie sollte ihn dann nicht mehr sehen – denn sicher würde er mit der jungen Frau gleich nach der Hochzeit nach Hochberg gehen. Eine entsetzliche Eifersucht bemächtigte sich ihrer; sie sah im Geiste Johanna schon in Hochberg walten; sie sah, wie Robert glücklich war mit der jungen Frau, wie er sie liebte – und ein Gefühl von Neid und Bitterkeit, wie sie es nie gekannt, machte sie erbeben bei dem Gedanken, daß eine Andere nun das einzige Glück besitzen würde, nach dem sie, Clementine, sich ihr Leben hindurch gesehnt, daß eine Fremde ihrem Robert die Wonne bereiten würde, die er einst in ihr zu finden gehofft – und wie glücklich müsse Robert mit seinem Herzen sein können! An dem Gedanken raffte sie sich empor. Des Geliebten Glück! das war ja Alles, was sie wollte. Sie selbst konnte ihm nur Schmerz, keine Freude bereiten; so sollte er glücklich werden, durch ein Mädchen, das sie ihm gewählt. Dann würde er freilich fortziehen, sie würde ihn entbehren und wie schwer entbehren! aber Robert würde glücklich sein, sie selbst ruhig werden in dem Bewußtsein des Unabänderlichen und durch die größte Hingebung würde sie ihr Unrecht gegen Meining zu sühnen versuchen.
An dem Gelingen ihres Planes zweifelte sie keinen Augenblick. Ihre Eifersucht ließ sie in Johannen plötzlich eine unwiderstehliche Schönheit erblicken; sie fand sich selbst verblüht und alt; sie malte es sich aus, wie Robert frappirt sein würde durch Johannens jugendliche Reize; wie schnell er die arme Clementine wieder vergessen würde. Das aber sollte ihre gerechte Buße sein. Sie selbst wollte Johanna an sich ziehen und so weit sie es vermöchte, zu deren Ausbildung beitragen, damit Thalberg in seiner künftigen Frau all' das Glück fände, das Clementine ihm wünschte. So war in wenig Minuten aus einem jungen, fremden Mädchen, aus einem halben Kinde, das Nichts davon ahnte, ein Gegenstand des Hasses für Clementine geworden, dessen sie einen Augenblick später mit wehmüthiger, fast mütterlicher Rührung gedachte und an deren Zukunft sie mit den edelsten Gefühlen ihrer Seele hing.
Eine Freude, wie nach guter That, belohnte sie für den Kampf dieser Stunde; sie fühlte sich ihrem Manne gegenüber durch ihr redliches Streben gerechtfertigt. Sie hatte Muth, ihm frei in das Auge zu sehen, und dachte mit weicher Ruhe an Robert, dessen Besuch sie an dem Abend erwartete, wo ihr Mann eine Partie mit dem Obrist und Klenke machen wollte und auch Marianne und Frau von Stein sich bei ihr angemeldet hatten.
Man war schon am Ende des Februar; die Luft war mild, die Tage länger geworden. In dem Wohnzimmer der Geheimräthin waren die Fenster geöffnet, der leichte Abendwind bewegte die Blumen vor demselben auf und nieder und beugte die Blüthen einer mächtigen Cala, die in grünem Kübel neben dem Fauteuil stand, auf Clementinens schönes Haar. Ihre Nerven hatten durch die leidenschaftliche, unterdrückte Aufregung der letzten Zeit gelitten; sie fühlte sich angegriffen bis in das tiefste Herz und ruhte auch jetzt in ihrem Lehnsessel, damit ihre Gäste später Nichts von ihrer Schwäche gewahr würden. Sinnend blickte sie in den Kelch der weißen Blume und kühlte ihr Gesicht mit den großen, träumerischen Blättern. So mag wol die Lotosblume blühen, dachte sie, und sehnte sich hin nach den stillen Thälern einer fernen Welt, fort aus der Gesellschaft und aus Verhältnissen, die ihr zur Pein geworden waren, in eine Welt voll Frieden, Schönheit und Ruhe. Da wurde ihr Robert gemeldet, der, um sie wenigstens einen Augenblick allein zu sprechen, früher gekommen war, als sich die Gesellschaft in ihrem Hause zu versammeln pflegte. Sie hatten sich einige Tage hindurch nicht gesehen, Robert fand sie bleicher als sonst und fragte nach ihrem Befinden. Sie klagte über Ermüdung, drückte aber die Hoffnung aus, der Sommer werde sie herstellen, wenn sie erst ihre Wohnung im Thiergarten bezogen haben würde. Nur noch wenig Wochen, sagte sie, und wir wandern Alle aus und die Stadt wird leer; auch Sie gehen vermuthlich bald fort, lieber Thalberg?
Ich weiß es selbst noch nicht, gnädige Frau, erwiederte er, Berlin ist mir so werth, so sehr Bedürfniß meiner Existenz geworden, daß sich meine bisherige Vorliebe für das Landleben bedeutend verringert hat; und es ist wol möglich, daß ich nur für eine Zeit nach Hochberg gehe, dort eine kleine Inspektion zu halten, und dann zurückkehre. Hochberg ist mir zu todt, zu still....
Das finde ich begreiflich, entgegnete Clementine, der das Herz heftig schlug, in dem Gedanken an ihren Plan, das finde ich begreiflich, weil Sie dort so ganz allein sind. Sie sollten es aber deshalb nicht aufgeben und werden es auch nicht, bei den hohen Begriffen, die sie von dem Beruf des Gutsbesitzers in unsrer Zeit haben. Ihre Besitzungen haben ein Recht an Sie, Sie haben eine Pflicht gegen Ihre Leute und dürfen, denke ich, eben so wenig immer in Berlin bleiben, als ein König seine Krone zu seinem Vergnügen niederlegen dürfte. Aber Sie sollten sich das Leben auf Hochberg angenehmer zu machen suchen, Sie sollten....
Gäste einladen? Wer kommt zu mir Einsamen? Freunde, welche die Jagd zu mir lockt, und dergleichen Gäste mehr. Ja, gnädige Frau! wenn ich Sie einmal dort sehen könnte, wenn Sie nur wenige Tage dort verweilen wollten! Sie glauben nicht, wie schön, wie paradiesisch schön mein liebes Hochberg ist! Aber Sie werden nicht kommen.
Doch! antwortete Clementine leise und mit einer Eile, die ihr fremd war, so eilig wie Jemand eine schwere Last, die ihn erdrückt, von sich wirft, – doch! Sie müssen nur vorher eine Frau nehmen; das wollte ich Ihnen lange schon rathen.
Sie! rief Thalberg wie außer sich, Sie wollten mir das rathen! O! mein Gott! wie wenig haben wir uns verstanden. Können Sie denken....
Ich denke, sagte Clementine, die in tiefer Bewegung nach Fassung rang und sie durchaus gewinnen wollte, ich denke, bester Thalberg, daß Sie sich glücklich fühlen und glücklich machen sollen. Sie sind so gut, Sie fühlen den Werth der Häuslichkeit; warum wollen Sie einsam Ihr Leben verbringen? Ich selbst habe Ihnen eine Frau ausgesucht, es ist die erste Dame, der ich Sie heute über acht Tage auf meinem Balle vorstellen werde.
Robert wollte sie mehrmals unterbrechen, sie ließ ihn aber nicht dazu kommen. Er war aufgestanden und ging heftig im Zimmer auf und ab. Beide schwiegen – es war eine bange Pause.
Ja! sagte er endlich und lächelte höhnisch, Sie haben Recht, ich bin ein leidenschaftlicher Thor, ein unbequemer Gast, den man um jeden Preis von sich entfernen muß; auch wenn es mein einziges, letztes Glück zerstörte. Sie haben Recht, und es soll anders werden. Ich bin neugierig auf Ihre Wahl, meine Gnädige! ich sehne mich, die Auserkorene kennen zu lernen – ich bin grade in der Stimmung, einen liebenswürdigen Gatten zu machen. Aber freilich, eine Frau, die so viel Glück in der Ehe gefunden hat, als die Geheimräthin von Meining, will es Andern auch bereiten. O! über die großmüthigen Frauen!
Wie ungerecht sind Sie, Thalberg! – war Alles, was Clementine den stürmischen, unwürdigen Worten entgegnete, aber ein paar große Thränen zitterten in ihren Augen.
Plötzlich blieb Robert vor ihr stehen, er war todtenbleich, und auch sein Auge war von Thränen feucht. Er sah sie lange unverwandt an, faßte ihre Hände und sprach: Sei es so! – ja, gnädige Frau! Sie haben Recht, ich reise bald, weil Sie es wünschen. O! Sie sind rein und licht wie der Kelch dieser Blumen; tief wie in ihn, sehe ich in Ihr heiliges Herz. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich habe keinen Willen als den Ihren. Damit bog er sich zu ihr nieder, daß er fast vor ihr kniete, küßte ihre Hände und ging eilig hinaus.
Clementine war erschöpft. Sie schlug ihre Hände, wie betend, zusammen und blieb in schwermüthigem Hinbrüten, bis Marianne und die übrigen Gäste kamen. Dann nahm sie sich gewaltsam zusammen und verfiel dadurch in eine überreizte Laune, welche Frau von Stein und Marianne allerliebst und höchst unterhaltend fanden, und bei welcher der armen Frau fast das Herz brach und alle Nerven bebten. Auch war sie in den nächsten Tagen kaum im Stande, die nöthigen Einladungen und Besorgungen für ihren Ball anzuordnen; sie fühlte sich krank und bestand doch, trotz Meining's Abreden, darauf, den Ball am bestimmten Tage zu geben. Robert, der mehrmals hingekommen war, ließ sie, wie alle übrigen Besuche, abweisen und bat den Geheimrath, er möge ihr, da das gesellige Treiben sie wirklich angreife, ein paar Tage vollkommener Ruhe gönnen, deren sie nur bedürfe, um zu dem Balle frisch und gesund zu sein.
Der verhängnißvolle Abend des 26. Februar kam heran. Die ganze Wohnung war glänzend geschmückt, alle Zimmer geöffnet, Blumen und Kerzen überall – große Spiegel und glänzende Vergoldungen strahlten die Gasflammen und Kerzen fröhlich wieder. Der Geheimrath war in der besten Laune, als er Alles so festlich und heiter um sich her sah. Die Wohnung glich einem Tempel der Freude und des Lichtes, aber in Clementinens Seele war es tiefe Nacht. Sie trug eine Robe von schwarzem Sammet und eine einzige Schnur großer Perlen. Ihr Haar, einst Robert's Entzücken, war glatt gescheitelt, ohne Blumen, ohne Schmuck, und doch war sie schön, trotz ihrer Blässe. Sie hatte den ganzen Tag gezittert bei dem Gedanken an diesen Abend, sie hatte unaufhörlich mit sich gerungen. Nun war sie ruhig, aber müde; glorreich müde, wie ein Sieger nach der Schlacht.
Allmälig versammelte sich die Gesellschaft und die Staatsräthin Ringer mit ihrer Tochter war unter den Ersten, die sich einstellten. Clementine ging ihnen ein paar Schritte entgegen und ein zuckendes Weh fuhr durch ihre Brust, als sie das kleine, junge Mädchen erblickte, das in dem Kleide von rosa Krepp und mit einem vollen Strauße von Rosen in den hellblonden Locken wie ein Bild der Jugend und des Lebens aussah. Wie segnend küßte sie das blühende Kind auf die Stirne und bat: Bleiben Sie bei mir, mein liebes Fräulein! und helfen Sie mir die Wirthin machen; Ihnen übergebe ich die junge, tanzlustige Welt, und Sie sind mir Bürge, daß diese sich amüsirt. Johanna war selig. Sie fiel der Geheimräthin um den Hals, nannte sie die beste, liebenswürdigste Frau der Erde, einen wahren Engel und war noch an ihrer Seite, als Thalberg eintrat.
Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht gesehen; rasch ging er auf sie zu, um sie womöglich gleich zu sprechen, um sie zu versöhnen; denn er wußte, wie unrecht, wie unendlich wehe er ihr gethan, und mehr noch, als sie selbst, hatte er in dieser Zeit gelitten. Kaum hatte er sie aber begrüßt, als Clementine, die es zu keiner Unterredung kommen ließ, ihm ihren kleinen Schützling vorstellte. Er sah sie betroffen an, verbeugte sich kalt gegen Johanna und zog sich, da die Geheimräthin als Wirthin in Anspruch genommen war, mit einigen Herren plaudernd zurück. Vergebens versuchte er, sie einen Moment allein zu sprechen, immer fand er fremde Herren und Damen an ihrer Seite, die nicht weichen wollten und bald ihn, bald sie mit sich fortzogen, was ihn unsäglich peinigte. Die ganze Gesellschaft stimmte in der Bewunderung ihrer Schönheit überein, und einige Herren fragten ihn, ob er das prächtige Tableau bemerkt habe, das die imposante, ernste Schönheit der Geheimräthin von Meining und die liebliche Johanna Ringer gebildet, als sie am Anfange des Abends einmal neben einander gestanden hätten.
Allmälig näherte der Ball sich seinem Ende; laut jubelnd tönten die Straus'schen Walzer durch den Saal, Frohsinn und Eleganz herrschten allerwegen. Johanna, die Schönheit des Festes, strahlte vor kindlicher Lust – nur Clementine und Robert theilten die Freude nicht. Um einen Augenblick zu ruhen, lehnte Clementine in der Brüstung eines Fensters und hörte theilnahmlos die faden Galanterien eines älteren Herrn an, während ihr Auge Robert und Johanna suchte. Da, als der Fremde sie endlich verließ, trat Robert eilig zu ihr: Sie sind krank gewesen, gnädige Frau! Sie haben gelitten, ich sehe es, sagte er, warum haben Sie mich bis heute verbannt? warum mir nicht gegönnt, Sie zu sehen, Ihnen zu sagen, wie tief mich mein Unrecht geschmerzt, das ich gegen Sie begangen? Wenn Sie wüßten, wie ich verlangte, Sie zu sprechen, Sie zu versöhnen, Sie würden mir längst vergeben haben.
Denken Sie nicht daran, antwortete sie, ich hatte Nichts zu vergeben; sehen Sie lieber auf das fröhliche Leben um uns her, und sagen Sie mir auch, lieber Thalberg, wie Ihnen meine kleine Johanna gefällt?
Robert schwieg einen Moment, dann sagte er ernst: Johanna Ringer ist ein schönes, glückliches Geschöpf; soll sie elend werden, wie ich? – wie .... Viele?
Clementine bebte zusammen, und Thalberg fuhr fort: Ich habe Sie verstanden, gnädige Frau! aber soll ein frohes, schuldloses Mädchen das Opfer werden für mich? Es muß ein Opfer gebracht werden, das fühle ich; so will ich es bringen, indem ich Sie verlasse. Morgen schon gehe ich nach Hochberg zurück; ich habe es gestern bereits den Bekannten gesagt, auch der Geheimrath weiß es. Morgen schon werde ich gehen und nur, um Sie noch einmal zu sehen, um Ihnen Lebewohl zu sagen, bin ich heute hier. Mögen Sie glücklich sein! und haben Sie Dank, den innigsten, heißesten Dank, für das Glück, das ich in ihrer Nähe fand. Leben Sie wohl, gnädige Frau!
Clementine dachte zu sterben. Noch einmal ruhten Auge in Auge; dann sah sie Thalberg's edle, hohe Gestalt sich durch die Menge bewegen und im Nebenzimmer verschwinden. Ihre Sonne war untergegangen, es war kalt und Nacht um sie her.
Gleich nach Thalberg's Entfernung kam die Staatsräthin Ringer herbei, fragte neugierig nach allem Möglichen und erfuhr von Clementine, die den Zweck dieser Fragen wohl kannte, daß Thalberg ihre Johanna sehr hübsch finde, daß er aber für jetzt in Geschäften nach Hochberg reise. Dankbar entfernte sich die erfreute Mutter. Andre Gäste folgten Abschied nehmend, preisend und scherzend – Clementine vermochte nur mechanisch zu antworten. Es war ihr, als ob in wüstem Traume Larven und Masken in entsetzlichem Gewühl an ihr vorüberschwebten und mit Allgewalt auf sie einstürmten. Sie athmete erst auf, als die Zimmer leer wurden, als Meining ebenfalls sie verlassen hatte. Kalt sah sie um sich her, auf die matter brennenden Kerzen, auf die von der Wärme welkenden Blumen, die die Köpfchen sinken ließen, und sowie diese, gebrochen an Körper und Geist, zog sie sich zurück, und ein tiefer, lethargischer Schlaf sank auf ihre Augen.