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Clementine

Viertes Kapitel.

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Nach einigen Monaten finden wir Clementinen wieder. Der Hochzeitstag, die Feste nach demselben waren vorüber, das eheliche Leben zu einer ruhigen Gewohnheit geworden. Meining war ungemein beschäftigt, seine Kranken, seine Collegia, ein größeres Werk, das er zu schreiben begonnen und das während des Brautstandes liegen geblieben war, nahmen seine ganze Zeit in Anspruch; während Clementine eigentlich ohne alle wirkliche Beschäftigung war und es ihr selbst an jenen wohlthätigen Zerstreuungen fehlte, die der Umgang mit Freunden bietet. Ihre Haushaltsangelegenheiten ließen sich in einer Stunde abthun; Meining war den ganzen Morgen außer dem Hause in Anspruch genommen; kehrte er Mittags zurück, so hatte ihn die große, angreifende Praxis so müde gemacht, daß er nothwendig eine Stunde der Ruhe haben mußte, um sich für die Geschäfte des Nachmittages zu stärken, und waren auch diese endlich beendet, dann ging es an ein so eifriges Arbeiten und Studiren, daß sogar Clementinens Vorschläge zu kleinen Ausflügen, zu denen die reizende Lage Heidelbergs sehr lockt, fast immer abgelehnt wurden. Führte das Abendessen sie wieder zusammen, so war Meining so zerstreut, so geistig beschäftigt und abgespannt, daß er oft um Entschuldigung bat und seinen Beruf verwünschte, der ihn ganz und gar absorbire, und ihm den ruhigen Genuß seiner Häuslichkeit unmöglich mache. Vor seiner Verheirathung hatte der Geheimrath oft mit Clementinen den Plan besprochen, sich von den größeren Gesellschaften, in denen er bisher fast jeden Abend zugebracht, fern zu halten, da er derselben überdrüssig geworden und auch Clementine keine besondere Freude daran gehabt hatte. Statt dessen wollten sie einen kleinen Kreis gewählter Freunde, wenigstens einmal in der Woche, bei sich versammeln, von deren traulichem Umgange sich Meining und Clementine viel Genuß versprachen, und den sie am Anfange des Winters wirklich mehrmals eingeladen hatte. Grade an solchen Abenden war dann ihr Mann aber zufällig abgerufen worden, nach einer Stunde zerstreut von dem Bette eines schwer Erkrankten wiedergekehrt, und eine nicht zu beschreibende Mißstimmung hatte sich dadurch der kleinen Gesellschaft bemächtigt, die der Wirthin freundlichste Aufmerksamkeit kaum zu bannen vermochte, so daß auch dieser Versuch bald aufgegeben werden mußte, besonders da Meining selbst auch daran keine Lust zu finden schien, und offen erklärte, er fände diese Art von Geselligkeit noch viel unbequemer, als die großen Zirkel, in denen man ungestört plaudern und unbeachtet schweigen könne; ja er fühle entschieden, daß er jetzt, wo er seine Clementine bei sich habe, erst die Sphäre gefunden, in der ihm nach der Arbeit wohl und behaglich werde. Glaube mir, pflegte er zu seiner Frau zu sagen, für mich beginnt in Dir ein neues Leben; ich arbeite zehnmal mehr und besser als früher, denn ich arbeite nicht für mich allein; und finde nach der Arbeit hier bei Dir mehr Freude und Genuß, als mir jemals die Salons boten, in denen ich stundenlang im Frack, den Hut in der Hand, Conversation machen und wahre Thorheiten anhören mußte. Wenn Du mir beistimmst, leben wir Beide nur für uns allein.

Clementine willigte ein; ihre geselligen Verbindungen lösten sich fast ganz auf; sie sah es ziemlich gleichgültig an, weil Meining's Zufriedenheit ihr letztes Ziel war, und sie selbst in der Ehe mehr gesucht hatte, und Anderes, als ein glänzendes Leben in der Gesellschaft. Ihre ungewöhnliche geistige Regsamkeit, die Meining an dem Mädchen so interessant gefunden, war in der Zurückgezogenheit, in der sie lebten, doppelt groß geworden; der Kreis ihrer Gedanken hatte sich erweitert in den neuen Verhältnissen; sie fühlte sich berechtigt und werth, auch das geistige Leben ihres Mannes zu theilen und zu verschönen, und sehnte oft den Abend herbei, um mit Meining ein paar Stunden plaudern zu können, weil sie hoffte, er würde, wie als Bräutigam, Lust daran finden; er würde ihr die Ereignisse des Tages mit jener sicheren Klarheit, die ihm so eigenthümlich war, erzählen; ihr seine Gedanken darüber mittheilen, ihre Ansichten hören und berichtigen – mit einem Worte, er würde sie wie einen Freund betrachten, wie den vertrautesten Freund, dem jeder Gedanke enthüllt werden muß, weil er ihn versteht; weil er ihn liebt, um des Freundes willen, der ihn gedacht. Davon war aber gar nicht die Rede! Clementine sah nun ein, daß Meining ihre geistigen Eigenschaften jetzt am wenigsten schätze, daß er diese an seiner Gattin leicht entbehren, vielleicht gar nicht vermissen würde. Er bedurfte nur einer sorglichen Frau, einer freundlichen Gesellschafterin, mit der er sich über unbedeutende Dinge heiter unterhielt, wenn er nicht zu müde war, die er wirklich sehr lieb hatte und der er gern viel Freude bereitet hätte, wenn er vor übergroßer Beschäftigung Zeit gefunden, an Das zu denken, was sie erfreuen könnte. Vor Allem aber fühlte er sich sehr froh, ein so komfortables Haus und eine Frau zu besitzen, die jedem seiner Wünsche mit der größten Bereitwilligkeit zuvorkam. Er pries sich glücklich, grade diese Frau gewählt zu haben, und zweifelte nicht, daß sie sich zufrieden fühlte, weil er es war und es noch immer mehr wurde, je länger sie mit einander lebten.

Ganz anders sah es aber nach Jahresfrist in der Seele der jungen Frau aus. Sie konnte nie jenen Sonnenaufgang an ihrem Hochzeitstage vergessen; und es schmerzte sie tief, daß trotz der Treue, mit welcher sie das Versprechen jener Stunde gehalten, ihr das Glück durchaus nicht geworden war, das sie damals hoffte; es schmerzte sie, daß das Leben, ohne unsre Schuld, so weit zurückbleibt hinter Dem, was es sein könnte; daß es uns nicht vergönnt ist, Das zu werden, wozu die Fähigkeit in uns liegt. Darum konnte Clementine niemals den Wunsch aufgeben, mehr von der Seele und dem Herzen ihres Mannes zu besitzen, als jene ruhige Neigung, die er für sie hatte; er hatte sich zuerst, das wußte sie, in ihr Aeußeres verliebt; er hatte ihren guten Willen, ihr wohlwollendes Herz und einen sittlichen, zuverlässigen Charakter in ihr erkannt, und diese Eigenschaften schätzte er an ihr. Sie aber wollte geliebt sein um ihres Herzens willen, sie wollte ihn durch den Reichthum ihrer Liebe an ihr innerstes Leben fesseln. Doch jener Schätze von Liebe und Hingebung, deren sie sich bewußt war, bedurfte der ruhige, ältere Mann nicht. Er war kein leidenschaftlicher Mensch, wie Robert, der heute die Geliebte auf's Tiefste kränkte und all ihre Nachsicht erforderte, während die Gluth seiner Liebe morgen ihre Thränen trocknet und eine Versöhnung herbeiführt, die durch keinen Schmerz zu theuer erkauft wird. Auch das war ihr, wie schon gesagt, unangenehm, daß Meining auf ihren Geist jetzt fast gar keinen Werth mehr zu legen schien; und obgleich sie sich ihm aus Ueberzeugung in dieser Hinsicht eben so freudig unterordnete, als in jeder andern, hätte sie es doch gern gesehen, daß er mehr Freude an demselben, den er früher so sehr bewunderte, gehabt hätte; und sie vermißte es oft schmerzlich, daß er ihren Enthusiasmus für das Schöne und Große zwar begreife, doch nicht lebhaft theile; ohne zu bedenken, daß sie von dem bejahrten Manne nicht die Leidenschaftlichkeit fordern könne, die ihr angeboren und durch ihre Liebe zu dem enthusiastischen Robert nur gesteigert worden war.

Mag immerhin Egoismus in dem Gefühle liegen, Andere auf die Art und Weise beglücken zu wollen, die uns die beglückendste scheint; ohne zu fragen, ob es die Weise ist, die unsere Lieben wünschen – es ist ein Egoismus, von welchem nur wenige Menschen ganz frei sein möchten und der Clementine doppelt quälte, da sie sich in doppelter Hinsicht beeinträchtigt fand. Einmal weil sie sich nicht ausgefüllt fühlte und dann, weil sie nicht so glücklich zu machen glaubte, als sie gewünscht. Sie wollte ihrem Manne einen Himmel bereiten, sie traute es sich zu – und er begehrte nur ein ganz gewöhnliches Erdenglück, sodaß ihr oft in besonders traurigen Stunden der demüthigende Gedanke gekommen war, jede tüchtige, gutmüthige Haushälterin könne sie ihrem Manne ersetzen, ihm das Glück gewähren, das er in ihr finde, und obgleich sie ihm und sich damit Unrecht that, lag dennoch etwas Wahres darin. Sie machte an sich die Erfahrung, die sich täglich im Leben wiederholt, daß Altersverschiedenheit für das Glück der Ehe gefährlicher wird, als man gewöhnlich glaubt; auch dann, wenn der Mann der bedeutend Aeltere ist. Das Mädchen, wenngleich nicht mehr jung, bekommt durch die Ehe eine zweite Jugend, weil sie erst dadurch ihren wahren Beruf zu erfüllen beginnt, und man sieht häufig, selbst in körperlicher Beziehung, ganz passirte Mädchen zu schönen Frauen werden, die den Titel einer »jungen Frau«, den man ihnen allgemein gibt, vollkommen rechtfertigen. Während der ältere Mann, den man bis dahin einen Mann in den besten Jahren, einen galanten Mann nannte, plötzlich vom geselligen Schauplatz abgetreten, durch die Ehe zu einem alten Manne wird, wenn, wie es in der Regel geschieht, die ruhige Häuslichkeit ihn von der Mühe, jung und galant zu scheinen, befreit. Der ältere Mann, der sich verheirathet, will gewöhnlich ausruhen vom Leben; das ältere Mädchen, deren Gefühl nicht so durch das Leben üsirt ist, wie das der Männer, will nun erst zu leben beginnen, und natürlich kann es dabei an Täuschungen und Enttäuschungen nicht fehlen, die auch, wie wir sahen, bei Clementinen nicht ausblieben.

In einer Art stummer Resignation gewöhnte sie sich wieder an das stille Innenleben, zu dem sie sehr geneigt war und das sie Jahre hindurch als Mädchen geführt hatte. Sie erfüllte auf's Strengste ihre Pflichten, suchte nach Beschäftigung umher, ergriff, der Billigung Meining's gewiß, bald dies bald jenes und fühlte sich immer unglücklicher, je länger dies Leben währte. Gar oft sehnte sie sich in jene Zeit zurück, wo sie einsam da gestanden und ungestört das Recht, zu leiden, gehabt hatte, weil Niemand mit ihr und durch sie litt. Jetzt war das vorüber – was sollte Meining denken, wenn er sie traurig, gar weinend fände? Hieße es nicht mit Undank seine ruhige, immer gleiche Güte lohnen, wenn er sie nicht zufrieden sähe? – ach! und Nichts ist so schwer, Nichts reibt den Körper so auf, als zufrieden und glücklich zu scheinen, weil die Vernunft es fordert, während das Herz keinen Theil daran hat und Nichts davon weiß. Eine krankhafte Abspannung bemächtigte sich Clementinens, die auch dem Auge ihres Gatten sichtbar werden mußte. Auf sein ängstliches Befragen erklärte sie, sie sei durchaus gesund, er sähe ja selbst, daß sie keinen Schmerz habe; es müsse ein zufälliges Unbehagen sein, das sich gewiß bald geben würde. Seinen Vorschlag, mit Marien und deren Kindern, die sie noch immer sehr liebte, das nahe Baden zu besuchen, schlug sie bestimmt ab, weil sie sich weder Heilung noch gerade Zerstreuung davon versprach und vor Allem Meining, der sich so sehr an sie gewöhnt hatte, daß er sie ungern vermißte, nicht allein lassen wollte. Es war ihr fester Vorsatz, wenigstens Meining glücklich zu machen, da sie selbst es nicht geworden. Darum nahm sie sich mehr als je vor, über sich zu wachen, schien auch wieder heiterer zu werden und neue Kraft zu gewinnen; Meining beruhigte sich über ihren Zustand, und es blieb Alles, wie es gewesen war.

Wie konnte es auch anders sein! Clementine, aufgewachsen unter dem tropischen Himmel glühender Leidenschaft, hatte sich plötzlich in die gemäßigte, wenn auch noch milde Zone ruhiger Vernunft verpflanzt gefunden, wo ihr üppiges Seelenleben keine Nahrung fand, wie sie dieselbe bedurfte, und nicht freudig leben und treiben, sondern nur kränkelnd fortvegetiren konnte, ohne Farbe, ohne Blüthe, durch die angeborne Kraft ihres innern Markes.

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