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Claus Störtebecker

Zweiter Band (continued 3)

Reading edition

»Kannst es auch nicht mehr erwarten, hier Weib und Kind zu sehen?« murmelte er gepreßt.

Aber dem Burschen entfiel fast der Hammer. Die Vorstellung, auch der gebückte Fünfziger könnte denselben Träumen nachhängen als er selbst, versetzte ihn in eine namenlose Wut.

»Willst etwa auch du, Isaak – –?« erkundigte er sich stammelnd.

Sein Helfer jedoch merkte nichts. Mit aller Wucht umklammerte er sein Brett, und tiefgebückt raunte der Jude sein Geständnis in die Erde hinein.

»Doch, doch – einmal wurden sie mir schon genommen – der schwarze Tod und Gewalt. Aber man will doch wissen, für wen man baut. Namentlich wir,« flüsterte er glühenden Auges, »namentlich wir.«

Da schleuderte Patrick seinen Hammer gegen das Brett und stieß auch noch mit dem Fuße dagegen. Der Jude erwachte, er wankte.

»Nun, Gott verdamme dich,« entfesselte sich der Ire dunkelrot und spie aus. »Warum mußt du Beschnittener es hier treiben wie die Kaninchen? Sind nicht genug von euch Krummnasen auf der Welt? Aber du verübst wohl nur die Schachermachei, weil du deinen Nebenmenschen keinen leichten Gewinn gönnst?« Und hohnlachend brach er aus: »Mir scheint, du hast nicht vergessen, wie der Störtebecker solche durch Tod erledigten Gleichestücke zu neuer Austeilung bestimmt hat?«

»Eben – eben,« ereiferte sich Isaak, der die wahren Beweggründe des anderen durchaus nicht enträtselte, »liebe die Erde, die dir gehört. Ein eigen Stück Land – Patrick – o, ein eigen Stück Land, das muß man vererben auf Kind und Kindeskind. Hier, hier, aus diesen Schollen allein seh' ich es wachsen, mein Recht, meine Gleichheit, meine Bruderschaft. Und deshalb« – er richtete seine schwarzen Augen anbetend gegen die ferne Brokeburg, ähnlich wie seine Vorfahren wohl einst ihre Blicke gen Zion erhoben hatten – »deshalb ist der dort oben aus dem Blut des Messias.«

»Ein Quark ist er,« tobte jetzt der Ire, dessen Vernunft völlig in Gift und Galle ertrank, weil er sich zu endlosen Mühen verurteilt fand, die er nicht bewältigen mochte. »Wozu hält der Schelm noch eine Menge der Beute in den Schiffen aufgestapelt, anstatt sie so gleich bis zum letzten Heller unter uns zu verteilen? He, ich will Herr sein gleich anderen Herren! He, verstehst du mich?«

»Bruder,« stotterte der alte Jude betroffen und hob bekümmert die Hände, »bist du denn nicht Herr auf deinem Boden?«

Allein der Streitsüchtige hatte nur noch den einen Wunsch, diesen unbequemen Mahner sowie namentlich den von jenem angebeteten Menschengott niederzuringen und zu besudeln. Vielleicht weil er das Streben und die Andacht der beiden noch nicht begriff. Selbstgefällig steckte er die Hände in die Taschen, und während er seinem Genossen jäh den Rücken wandte, schimpfte er unflätig:

»Meinetwegen friß den geliebten Kot, du demütiger Knecht. Ha, ich sollte nur erst wieder auf den Schiffen stehen, dann wollte ich euch zeigen, wie rasch ich zu Dirnen und Würfelgeld kommen wollt'. Der Gehörnte soll euch Hirneitrige holen.«

Damit stürzte er wütig in sein Bretterhaus, und bald verriet ein unsinniges Sägen und Klopfen, wie der Wahnwitzige es abermals versuchte, in rasendem, zwecklos verdampftem Bemühen den Hausrat für das ersehnte Weib zusammenzuschlagen.

Der alte Isaak jedoch umspannte seinen Spaten gewaltsamer, und ihn beschwörend gegen die Burg ausreckend, stammelte er fanatisch:

»Bleib fest, du Sohn Davids, bleib fest.«

In einem der gewölbten Spitzbogenzimmer der Brokefeste durchmaß derweil der Störtebecker mit seinen weiten, beschwingten Tritten den teppichbehängten Raum, und jedesmal, wenn er den derben Eichentisch erreichte, dann fegte er mit der Faust über allerlei Feldabmessungen, die auf der Platte mit Kohle verzeichnet standen. Bis er endlich aufatmend zu seinem Gast, dem Propst Hisko van Emden, hinüberrief:

»Die Erde ist verteilt, genug mein heiliger Freund, laß uns jetzt den Schmutz des Feldes abwaschen! Mir wenigstens stehen Torf und Moor bereits bis an den Hals. Dafür soll uns aber auch gleich ein Wunder von einem Frankenwein erquicken. Munter, wir wollen dem Bacchus eine Messe zelebrieren.«

Aufgeräumt eilte er bis zur Tür, um einen Befehl herauszurufen.

»Schon wieder?«

Unmutig verzog der Freibeuter die Brauen. Seine heitere, nach Lebenslust und Freude langende Natur vertrug nur ungern den ewigen Ansturm dieser kleinen zermürbenden Sorgen. Ja, wenn es galt, das große, strahlende Gesetz in die Luft zu zeichnen, oder sobald es nötig wurde, hinauszureiten, um der fronenden Menge ein hinreißend Beispiel zu geben, dann schlug aus dem Lodernden die Flamme himmelwärts. Das sorgsame Vormerken hingegen, das Gegeneinanderabwiegen und Berechnen alltäglich sich wiederholender Wirtschaftsforderungen, das dünkte den Weitausschweifenden kleinlich, und er fluchte oft, warum er sich dazu nicht eine Herde Krämer oder Handelsdiener eingefangen hätte.

»Heraus damit,« fuhr er daher den käsigen Jonkher nicht gerade liebreich an. »Soll ich aus der Kammer des Herrn Propst etwa noch mehr Roggensaat kaufen? Mich dünkt, ich könnte mit dem vorhandenen bereits das ganze heilige römische Reich in einen Mehlbrei wandeln.«

»Langt nicht,« sagte der Sissinga, ohne sich zu rühren, allein er holte den Satz aus solch dunklen Kellertiefen, daß kein Fremder diese dröhnende Totenglocke in dem wackligen Gebäude vermutet hätte. Der Störtebecker schüttelte heftig das Haupt, halb über den unerwarteten Ton, halb im aufspringenden Zorn über die stets erneute Quälerei der beiden.

»Langt nicht,« fiel in diesem Augenblick auch der Emdener Wanst ein, der die Zeit für gekommen erachtete, die Veranstaltungen seines Conversen zu unterstützen. Der Riese jedoch, der sich eingeengt sah, riß an seiner rotseidenen Schecke, daß alle Nähte krachten und schlug ein böses Gelächter auf. Dann stellte er sich unter das Bogenfenster, von wo er die abgetakelten Schiffe im Hafen überschauen konnte, bis er endlich verächtlich über die Schulter schleuderte:

»Macht's kurz! Der römische Wolf frißt am liebsten aus anderer Taschen. Aber bei den dreißig Silberlingen des Judas, ihr Herren, ich schlage ihm auf die Schnauze, sobald er mir gar zu gefräßig schnuppert.«

Die beiden anderen am Tisch verständigten sich hinter seinem Rücken durch einen raschen Blick. Gleich darauf begann die Totenglocke abermals zu jammern:

»Du tust uns unrecht, Herrlicher, da du dich vielmehr selbst anklagen solltest. Muß ich dir sagen, die Deinen verstehen nichts von Landwirtschaft?«

»Recte«, bestätigte Hisko, da in ihm die Hitze sowie die Überlegenheit des kundigen Ackermannes erwachte, »die Buschklepper – verzeihe – ich meine die Ansiedler, wissen nicht mit der Wurfschaufel umzugehen. Dadurch streuen sie die Körner nur obenhin in die Furchen, so daß es ein Jammer ist.«

»Und der rauhe Wind und die Feldmäuse vollenden das übrige,« ergänzte der Sissinga.

Verbissen wandte sich der Störtebecker wieder an den Tisch. Allein kaum hatte er ihn erreicht, so stieß er mit dem Fuß gegen die Querleisten, daß das Holz zitterte und stöhnte.

»Kommt zum Geschäft, ihr Edlen,« meinte er äußerlich gelassen, im Innern aber bereits wütend, weil die beiden Berufsmenschen es wagen durften, ihn ungestraft schrauben und übervorteilen zu wollen. »Wo bleibt der Handel? Wie verhält es sich mit dem Gewinnst? Was wollt ihr in euren Beutel streichen?«

Vorwurfsvoll schluckte der Jonkher noch ein paarmal, bevor er endlich in seinem ehrbarsten Baß auseinandersetzte, er wüßte an der holländischen Küste einen Platz, wo der Störtebecker drei Schiffslasten Roggensaat, und zwar viel wohlfeiler als im Brokmerland einhandeln könnte. »Und ich rate aus ehrlichem Gemüt – – – «

»Einverstanden,« winkte der Admiral ungeduldig mit beiden Händen, der sich inzwischen auf einen Stuhl geworfen hatte und voll Erleichterung den Ausweg aus diesem zerklüfteten Gebiet sich öffnen sah. »Wozu das lange Geplärre? Könntest schon längst beim Wichmann im Hafen sein. Soll sogleich mit drei Schiffen absegeln. Und das Geld – « er schleuderte das Unwillkommenste wie einen Stein von sich – »laß dir von Licinius zahlen.«

»Deine Weisheit trifft immer das Rechte,« verabschiedete sich der Converse unter einer tiefen Neigung und ging.

Der Wirt blieb mit seinem geistlichen Freunde allein. Bald ging das dumpfe Scharren der Weinhumpen über den Tisch, ja, der Freibeuter, in einem Anfall unbegründeter und deshalb um so grellerer Heiterkeit, schlug während des Zechens einen hellen Singsang an. Doch merkwürdig, es war das alte, tumultuarische und sinnenfreudige Schuimerlied, das die freiesten und sonnigsten Tage des Seehelden begleitet hatte.

»Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn – Der Störtebecker ist Kapitän.«

Warm und voll füllte die Stimme des Admirals den gewölbten Raum, das Lied schien ihn auf das Meer zurückzuführen, scharf zeichnete sich in dem schmalen Antlitz die Wollust des Befehlens ab, allein allmählich verebbten die Strophen immer klangloser, und während sie völlig erstarben, ließ der Freibeuter die Faust mit dem Becher bis auf die Erde sinken. Ein unsicheres Lächeln irrte um den gebieterischen Mund.

»Wundersam,« sann er gedankenvoll, und in den schwarzen Augen spielte noch die Freude an alten Abenteuern, Ruhm und Waffenklirren. »Ich singe, und am Kiel der ‘Agile’ nisten allmählich Muscheln und anderes Schalgetier.« Er rüttelte an dem Tisch, als wollte er sich erwecken. »Ein Leben lang bin ich auf diese Küste zugesegelt,« sprach er hart und fest, »und jetzt bin ich hier.«

Eine Weile stockte die Unterhaltung der beiden und ging völlig in Stille unter. Friedlich kringelten die Sonnenstrahlen über die Zeichnungen auf dem Tische.

Der geistliche Landwirt aber wußte, was dies alles bedeutete. Zu oft hatte er schon Gutsherren beobachtet, die heil und fröhlich von Jagd und Kriegszügen gekommen waren, aber Pflug und Sense hatten ihnen die Adern zerschnitten.

Bedachtsam strich er sich über das lederne Jägerwams, drückte die verschwollenen Äuglein zu, da er seine Kenntnis nicht vorzeitig zu verraten strebte, und indem er sich noch behaglicher ausstreckte, tastete er vorsichtig weiter:

»Höre, mein Söhnlein, auf dem Wege hierher traf ich die schöne Occa. Mag sie nicht mitsamt ihrer rosigen Haut. Ist ein ungestillt Eichkätzlein, das gern ein groß Tier in seinem Gezweig ergattern möchte. Gib acht.«

Auf diese Warnung jedoch warf der Admiral hoffärtig den Kopf zur Seite und schlug mit der Hand durch die Luft wie jemand, der ein gespenstisch aus dem Boden wachsendes Schattenbild zerstören möchte.

»Was ist mit ihr?« drängte er abgeneigt und mit solch widerwilliger Gegenwehr, daß der schlaue Hisko sogleich merkte, wie oft die Goldblonde schon als ein Alp an den Tagen des Riesen gezehrt haben müsse.

»O, sie läßt dich nur in aller Ehrbarkeit befragen,« murmelte der Dicke in seinen Krug hinein, »wie lange es noch währen möchte, bis du endlich Fortuna für dich und die Deinen am Schopf gepackt hieltest?«

Selbst in der Wiedergabe des Dicken klang die Bestellung boshaft genug. Und trotz aller Vorsicht konnte es der Propst nicht vermeiden, daß aus seinen verschwollenen Äuglein gleichfalls ein Strahl mitleidigen Spottes schielte. Allein der Störtebecker war nicht zu täuschen. Längst hatte sein heller Verstand durchschaut, wie der Unglaube seiner Umgebung ihm am liebsten täglich, stündlich vergiftete Stacheln ins warme Herz gedrückt hätte. Dafür freilich spie der Riese nichts so voller Ekel aus wie den lauen Tag- und Nachttrunk dieser Ewignüchternen. Krachend warf sich der Seefahrer in seinem Sessel zurück, und nun schwang er seinen Humpen so übertrieben gegen den Gefährten, daß man hätte meinen mögen, er wolle das Gerät an der nächsten Wand zerschmettern.

»Komm, laß dich noch einmal auffüllen, du mein gesegneter Bauch,« so überbot er sogar die an ihm gewohnte Wildheit und lachte und dröhnte dazu, daß dem erschreckten Hörer die Ohren gellten. »Eile, du verdienst dir ein Botengeld, Würdigster, wenn du noch heute der schönen Occa samt ihren Freunden bestellst, in welch vortrefflichem Zustand du mich bei Trunk und Gesang getroffen. An den Wänden der Brokeburg niste bereits der Weinschwamm. Hörst du? Es wird sie freuen, die Liebreichen, ich kenne sie. Und sage ihnen auch, welch merkwürdige Art von Augen mir im Kopfe steckten. Ha – ha, die vermöchten Wachstum und Blüte zu schauen, selbst wenn der Schaft noch tief in der Erde schlummere. Begreifst du, Bruderherz, ist solch ein Schalksnarrenstück, wie es die Gaukler auf den Märkten preisen!? Und zum Schluß, ganz ledern und nebenbei gesprochen – jed' gut Ding will Weile haben. Und dein Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Du verstehst, Freund, der gewöhnliche Hafer, wie ihn die Mähren an den Krippen kauen.«

Mit einem dumpfen Schlag, als habe der Freibeuter schon zu lange an sich gehalten, sauste der Humpen jetzt wirklich gegen die Wand, Scherben polterten an der Mauer nieder und ein wüster Regen edlen Weines klatschte auf die beiden herab.

Da entsetzte sich der Propst und duckte sich tief.

»War nicht bös gemeint,« wollte er sich schütteln. Allein auch diese kümmerliche Entschuldigung gedieh nicht zu Ende, denn die Tür ward aufgerissen und auf der Schwelle zeigte sich der Knabe des Admirals. Bleicher noch als sonst stach das vergeistigte, jetzt ganz von einer zehrenden Leidenschaft erfüllte Antlitz von der schwarzen Dänentracht ab.

»Licinius,« fuhr der Störtebecker empor, denn die Gegenwart dieses Wesens rief ihn stets und wie durch Zwang zu seinen reineren Eingebungen zurück, »was bringst du?«

Auf den Anruf stillte der Jüngling das rasche Wallen seiner Brust, nur ganz wenig stützte er sich an dem Pfosten des Eingangs, bevor er zwischen Empörung und Hilferuf hervorstieß:

»Herr, es ist Übles geschehen. Als ich, wie du befahlst, die Lebensmittel zu den Ansiedlern fuhr, da fand ich, daß zwei unserer Seeleute, der schmächtige Arnold Frowein und der Stotterer Lubbert Onderdonk, ihr Gleichestück dem Bootsmann Wulf Wulflam verschrieben hatten. Sie sagen, sie wollten lieber eines kundigen Mannes Knecht sein, als noch länger hungrig und ziellos auf Eigenem sitzen. Herr, Herr, wie ist das zu verstehen?«

Langsam schritt die aufgerichtete Gestalt des Freibeuters an die Seite des Pfaffen. Geraume Zeit sprach er kein Wort. Auch täuschten sich die beiden Zeugen, wenn sie erwarteten, eine Sturmflut von Zorn und Wildheit würde nun die letzten Reste der Selbstbeherrschung von dem Zügellosen fortreißen. Nein, es war nur jenes bittere, eisigkalte Erbarmen mit menschlicher Verkehrtheit, das sein Antlitz in fahle Blässe tauchte, obwohl er solche Verirrten seit seiner Jugend überall gefunden und mit ihnen gerechnet hatte.

Jetzt aber bäumten sie sich vor seinem letzten Ziel, vor dem Zweck seiner Sendung.

Lastend ließ er seine Hand auf die Schulter des Dicken sinken, so daß der Propst noch tiefer in den Sessel einbrach, bevor er kurz, abgehackt und voll vernichtender Anklage sprach:

»Ihr habt redlich gewaltet auf Erden. Meinst du, es ginge noch viel tiefer bergab mit den Ebenbildern Gottes? Jahrhundertelang habt ihr ihnen die Knechtschaft eingelöffelt, bis sich jetzt ihr Magen an der Freiheit erbricht. Darum Schande über euch, weil nun sogar der Arzt jene Gequälten zu ihrer Heilung schlagen und züchtigen muß. Weh euch aber, wehe, sobald der Tag erscheint, an dem ihr selbst den Trank schlingen müßt, den ihr gebraut. Ihr werdet daran sterben.«

Finster winkte er dem Knaben, und Hisko, der sich benommen auf die Fensterbank stützte, sah mit an, wie Herr und Diener kopfüber die Warfe hinabjagten.

Die Zeit verstrich, Schneeflocken wirbelten über das flache Land, pralle, gemästete Leiber, die wie weiße Vögel über Felder und Dächer herfielen.

»Ich wollte, man könnte euch schlachten,« sprach der Steuermann Lüdeke Roloff, der frierend und beschäftigungslos unter den Pfosten seiner baufälligen Schindelhütte lehnte, und er drehte seine verkehrten Augensterne grimmig gegen das Gewimmel. Seit man ihn in seiner mecklenburgischen Heimat zum Ergötzen der Edelfrau zu abscheulichem Tanz gezwungen, mochte der Mann keinerlei Reigen mehr dulden. »Kreiselt nicht,« dampfte er in die Kälte hinaus. »Fliegt lieber in meinen Topf und werdet Hühner. Seit zwei Tagen ist der Bube des Admirals – seine Buhldirne – wieder nicht mit dem Futter für Vieh und Mensch dagewesen. Und die friesischen Schwarzröhren in der Nachbarschaft wollen nichts mehr verkaufen. Fürchtet zu verhungern, das hartherzige Pack.« Er griff sich an die Kehle, denn der Schauder wollte ihm die Zunge lähmen. »Wozu hat uns der Störtebecker hierher geschleppt?« bohrte er in sich hinein. »Was nützt mir der Haufe Sand, wenn er mich ausmergelt und doch nichts hergeben wird? Tod und Teufel, der Rotseidene auf der Brokeburg ist auch weiter nichts als solch ein Zwingherr. Frißt und säuft und läßt uns tanzen. Überall stecken sie. Aber bei allen Nothelfern, man wird's wenden müssen, wenden – wenden!«

Längst waren die Schiffe im Hafen vereist, das Brokmerland erstarrte allmählich unter der schneidenden Kälte, und die dürftigen Häuschen der Ansiedler verkrochen sich im Schnee, wie Bettelbuben unter einem Schaffell. Tagelang kräuselte sich aus den versunkenen Essen kein Rauch, denn es wurde schwer und schwerer, den Kolonisten Kost und Unterhalt zuzuführen.

Aus der Stille, aus der oft schmerzhaften Todesruhe der Ebene, die zu dem heimlich rauschenden Fieber in seinen Adern einen unerträglichen Gegensatz bildete, rettete sich der Störtebecker an solchen Tagen häufig zu seinen Schiffen im Hafen. Zu der großen hölzernen Herde, zu den geflügelten Rossen, die sich sonst auf seinen Wink munter um ihn getummelt hatten. Nun lagen sie festgefroren, gefangen, beinahe wie er selbst.

Dann suchte der Rastlose, jetzt stets von einer bohrenden Sorge Umhergetriebene, in seinen friesischen Schafpelz vermummt, das Admiralschiff auf, wo seit langem der kleine Wichmann über die spärlichen Wachmannschaften das Kommando führte. Seltsam, dieser zurückgelassene Rest seiner alten Schuimer war der einzig zuverlässige Stamm der einst gefürchteten Freibeutermacht geblieben, und er wurde von dem Zwerg ohne große Worte und wie von selbst in scharfer Manneszucht gehalten. Über den Störtebecker kam während solcher Wahrnehmung häufig ein bitteres Wundern. Was geschah hier? Das gewohnte Handwerk, das nachdenkenlose Unterwerfen unter ein eisernes Gesetz, das keine Gnade kannte und den Willen der einzelnen ausschaltete, es schmiedete diese Menschen zu einem brauchbaren Werkzeug, es erfüllte sie sogar mit einem ausgeprägten Stolz auf ihren Beruf, während die anderen, die Befreiten, die Glücklichen – – –?

Unmutig, verängstigt schüttelte sich der Riese. Er stäubte sich natürlich nur die Schneeflocken ab, und doch blickte er sich, während er über die breite Schiffstreppe stieg, mißtrauisch um, ob auch kein Späher beobachtete, was er sonst noch etwa von sich abzuschleudern strebte.

Durch die hohen Fensterluken der »Agile« träumte ein weißer Widerschein der umlagernden Schneemassen. Dadurch empfingen auch die Wirkereien an den Wänden ein geisterhaft schwebendes Leben. Mitten in dem Prunk dieses fürstlichen Raumes lag der kleine Wichmann auf einem Ruhepolster und ließ bei dem bekannten federnden Tritt seines Zöglings ein paar mächtig geschnitzte Holzdeckel sinken. Es war eine Abschrift des Seneka, auch ein Beutestück aus der Reisebibliothek des Bischofs von Strängnäs. Eine Weile musterte der Zwerg den hochgewachsenen Besuch, sich langsam aufrichtend, mit seinen zwiefarbigen Augen, denn der andere schaute sich in dem wohlbekannten Saale so heimgekehrt, so besitztrunken um, als ob diese farbenfrohe Schöpfung ihm eben erst aus Wunsch und Willen entsprungen wäre.

»Nun, alle neun Musen küssen dich, Magister,« so grüßte der Riese, durch den Anblick erwärmt, seinen ehemaligen Lehrer und schleuderte während des Auf- und Niederschreitens den unbequemen Schafpelz auf den Laternentisch. »He, sag an, du auserwählter Genießer, wie nistet sich's in meinem Nest, unter meinen Büchern und bei meinem Wein?«

Der Kleine dehnte sich behaglich und verschränkte die Hände über dem leicht ergrauten Haar.

»Ich bin es gewohnt, auf anderer Kosten zu leben,« versetzte er, indem er seelenruhig die Täfelung der Decke studierte, »nur fehlt mir hier, was auch die Nächte zum Kampf und die Tage vergnüglich und eilfertig macht.«

Es war die alte leichtblütige Weise, die sonst aus dem Lebenssturm des Störtebeckers gewiß Bündel von Blitz und Funken geweckt hätte. Heute aber zuckte er hoffärtig die Achseln. Und da er gerade vor der Pfanne mit brennendem Torf hielt, durch die der Raum erwärmt wurde, so streckte er die Hände über die Glut und murmelte in sich hinein:

»Speist du noch immer in den Brand und meinst, du wirst ihn löschen? Tor, segne du wenigstens meine Flamme, solange sie noch brennt.«

Noch nie hatte der Kleine von dem fortreitenden Menschen, über dem stets Erfüllung und Vollendung schwebten, einen Zweifel oder gar eine Klage vernommen. Deshalb wurde der Zwerg durch das unvermutet offenbarte Schwanken des selbstsicheren Führers so von Grund aus überrascht, daß er katzenhaft aufschnellte, um nun den Abgewandten in hoher Neugier zu durchdringen. Aber es war nicht die besorgte Teilnahme eines Freundes als weit eher die Spannung eines Alchimisten, der gefesselt und angelockt die Entwicklung seiner eigenen Künste abwartet.

Jetzt rückte der Störtebecker die Glutpfanne geräuschvoll hin und her. Verdüstert, mit weit aufgerissenen Augen starrte er dabei in den Brand.

»Bleib mir mit den Kindereien vom Leibe, Heino,« forderte er heftig, »die Zeit kennt Höheres. Und doch – will's nicht verschwören, schaff mir den kecken Spatz ins Nest, und er soll eine weiche Daunenstatt finden.«

Geringschätzig bewegte er die Hand, man sah ihm an, daß er nicht zum Scherzen aufgelegt war. Der Magister verzog den weichen Mund:

»So zahm ist mein Büblein worden?« sank er verwundert und ein bißchen höhnisch zurück. »Wo mangelt's noch? Wollen sich die neuen Erdklöße von den Prometheushänden nicht formen lassen?«

Kaum war dem Zwerg der leichte Spott entglitten, da wandte sich der über das Feuer geduckte Admiral jählings herum. In dem geröteten Antlitz sprang eine Glut hin und wider, durch die dunklen Augenhöhlen fegte eine Brunst, daß der Kleine, der solch tiefen, zermarternden Ernst nie bei seinem Gefährten vermutet, den Atem anhielt.

Schwerfällig erhob sich der Störtebecker, und nachdem er nahe genug an das Ruhepolster geschritten, zog er den Magister mit einem Faustgriff in die Höhe. Auf den Knien lag nun der Wicht vor dem Riesen, und dieser umhüllte den strohblonden Schopf des Kleinen erst sanft mit beiden Händen, bevor er ihm, wie ein Knabe seinem Spielzeug, in zitternder Bewegung das unterste Geheimnis anvertraute:

»Heino,« wollte er flüstern, allein es klang scharf, gleich dem Ritzen eines Messers, das in hartem Gewebe auf Widerstand stößt, »der Lehm, aus dem die Brut werden sollte, ist schon vorher von rohen Fäusten verstümpert worden. Hält schwer, diese Masse zu kneten, wie wir es stets im Sinne trugen. Und dann – du folgst mir doch Freund? Du lächelst doch nicht? Ich würde dich erwürgen, wenn du jetzt grinsen könntest – dann – wo nehme ich das Messer her, das Beil, die Säge, damit ich dem einen jenes Haupt aufsetze, um das der andere höher ragt? Und die Füße und Hände, die ich abschneiden muß? Und die vielen Sehnen und Glieder? Höre, Heino,« und die schwarzen Sterne des Sprechenden erweiterten sich immer mehr zu großen glanzlosen Sonnen, die ihre eigene Farbe verzehrt hatten, »ich meinte, die Freude würde es wirken. Die Freude am gleichen Besitz, der Jubel über die Freiheit, sie könnten den alten Geist aus dem Raubtiergezücht austreiben. Den Rost aus ihren Seelen. Neue Menschen würden neuen Tag grüßen.« Er schüttelte das lockige Haupt und kam dabei dem Knienden so nahe, daß ihr Atem sich vermischte. »Dem ist nicht so,« sprach er unterdrückt. »Bald wird es sein. Bald. Aber jetzt noch nicht. Wir müssen warten. Diesen Winter noch! Diesen einen nur. Aber warten heißt die Straße des Todes. Mein Atem vereist mir auf diesem Weg. Ich mag nicht warten. Ich kann nicht lauern. Deshalb, Bereicherer meiner Jugend,« und die hohe Gestalt warf sich neben dem Winzigen nieder und umklammerte seinen Hals, »deshalb brauche ich Teilnahme, Unterstützung, ich muß an mich ziehen, was ich besitze – – – «

Und stürmischer als je folgte nun die Auseinandersetzung, die schon oftmals zwischen den beiden Freibeutern ohne Ergebnis zerronnen war. Heute aber warf sich der Admiral mit solch drängender Überredung auf seinen alten Gefährten, daß er dem Klugen, ohne es zu wollen, arglos die ganze Bitternis seines Suchens enthüllte.

Da vernahm es der Magister abermals.

Von Anfang an und besonders seit der Landung in Marienhaven hatte der Störtebecker das verwickelte Werk der Ansiedlung allein und selbstherrlich auf seine mächtigen Schultern geladen. Er kaufte das Land, er zahlte die Summen, und die Güter und Äcker vergab er nach eigenem Gutdünken. Keiner der Waffenbrüder fand sich bereit, auch nur ein Geringes der Lasten mit ihm zu teilen. Unter allerlei fadenscheinigen Ausflüchten – er sei kein Landmann oder das Rechnen laufe ihm zuwider, hatte selbst Heino Wichmann von vornherein sein Verbleiben auf dem Admiralschiff betrieben. Und von den anderen Führern genoß keiner ein genügend Ansehen, als daß ihnen der Riese ein Verständnis für die Möglichkeit neuer Werdestunde zugetraut hätte. Besonders dem fetten Wichbold nicht. Der lag indessen zum Glück, seit ihm der Störtebecker nach dem Brand von Bergen den Schädel so wuchtig zerschlagen, mit dick verbundenem Haupt in der Kajüte der »Goldenen Biene«, und sein Fluchen und Stöhnen quoll häufig widerlich aus dem Bauch des Schiffes hervor. So war es wohl auch nur einer der sprunghaften Einfälle des Zwerges, wenn er dem Störtebecker gelegentlich unter vieldeutigem Grinsen zutrug, man hätte den Kranken zur Nachtzeit auf heimlichen Pfaden über Land streichen sehen.

»Mag er,« pflegte dann der Riese kaltblütig zu entgegnen. »Mag er sich seinen Strick am Lande suchen. Darf meine Hände an dem Eitrigen nicht fürder beschmutzen. Aber du, Heino Wichmann, du,« so schloß der Glühende auch heute seine Werbung, und er streichelte dem Zwerglein brüderlich die langen gelben Haare, »hast einst das verschlossene Hirn des Fischerbuben aufgeriegelt, damit Hochmut und Glanz und dieses rasende Lauschen nach dem gleichen Schlag alles Lebendigen ihren Einzug halten konnten. Und jetzt? – Will mein Bruder, mein Freund, mein Lehrer dies wollüstige Fieber nicht mitfiebern? Will er, ein Hochgelahrter, den Blinden nicht erklären, was das für ein Licht sei, das jetzt auf ihren Schaufeln brennt? Ja, es auch mir ausdeuten, da es mich manchmal schier verwirrt und blendet?«

Wer hätte diesem von Schönheit und Anmut Gesegneten, dem auch die goldenen Bienen der Beredsamkeit ihren Honig auf die Lippen getragen, wer hätte ihm widerstehen können? Wahrlich, selbst dem Zwerg schien es schwer zu fallen, als er sich jetzt der Umstrickung des anderen geschmeidig entzog. Allein überlegt und abweisend schüttelte er dennoch das Haupt. Dann versetzte er kaltblütig:

»Nein, Büblein, kann dir nichts nützen. Bin ein Lump und bleib ein Lump. Bin halt eine von den Büchermotten, so ihr lebelang um das Wort herumkriechen. Kann's wohl aussinnen, aber von der Zunge bis zur Hand ist's weit. Pfui, und der Schweiß dünkt mich ein gar saurer Saft. Ja, wenn's dir gelingt, Bruderherz, dann will ich einen Panegyricus auf dich dichten, und wenn's dir zerbricht, dann beweise ich dir gleich darauf, wie man's besser hätte machen müssen. Zu was Edlerem tauge ich nicht und gräme mich nicht darüber.«

Es mußte etwas Ergötzliches in dieser schneidenden Selbstbeurteilung liegen, denn um die Lippen des Hörers kräuselte ein beifälliges Lächeln. Ungekränkt erhob sich der Störtebecker, reckte sich und schritt ein paarmal mit seinen weiten entschlossenen Schritten über den Teppich. Plötzlich blitzte es ihm von der Stirn. Er warf sich den Schafpelz um und forschte rasch:

»Erinnerst du dich, Heino, was der Pharao tat, als er die Hebräer fronen ließ?«

»Er bleute ihnen weidlich Rücken und Hinterteil, mein Liebling.«

»Aber aus Schweiß und Blut wuchsen dennoch die Pyramiden. Wir haben sie gesehen. Weht Ewigkeit um ihre Gipfel! In solcher Luft läßt sich's atmen. Will's ähnlich versuchen.«

Er drückte dem Strohblonden krampfhaft die Hand und sprang rasch die Treppe hinauf. Der Kleine aber warf sich aufs Polster, strampelte mit den Füßen und krähte wie ein Hahn.

In der Gegend der Brokeburg wurde gekämpft. Bei vorschreitendem Winter konnten die Freibeuter in ihren leichten, baufälligen Baracken Frost und Hunger nicht länger ertragen, und da ihre alte Gewohnheit sie auf Raub verwies, so rottete sich eine Schar unter dem hitzigen Iren Patrick O'Shallo zusammen, um den umwohnenden Friesen Mehl, Hühner und Feuerung mit Gewalt abzutrotzen. In einer Winternacht loderte Feuerschein am frostblauen Himmel, Waffen klirrten, das Gekreisch aus dem Schlaf gerissener Weiber mischte sich mit dem Brüllen des Viehs und dem Stöhnen Verwundeter, und erst die rasenden Streiche des halbbekleidet von der Burg herbeieilenden Admirals trieben die Verzweifelten auseinander. Dem wutschäumenden Iren aber hieb der Störtebecker selbst, nachdem er ihn gebunden in den Schloßhof geschafft, besinnungslos mit der Peitsche übers Gesicht, einmal, zweimal, und zwang den Blutenden darauf, seinen Raub bis aufs kleinste herauszugeben.

Allein, damit war der Streitfall, wie er gefürchtet, keineswegs aus der Welt geschafft. Denn als der Riese, aufgewühlt und vom Blutdunst umnebelt, an der Seite seines Licinius die dunklen Treppen hinauftastete, da wurde ihm von einem Knecht bedeutet, die Fölke lade ihn ungesäumt vor sich in den großen Saal.

»Pack dich,« knurrte der Störtebecker gereizt, indem er bedrohlich die Faust gegen den Wäppner stieß. »'s ist Schlafenszeit. Warum schnarcht die alte Hexe nicht?«

Da standen sie bereits vor der doppelt verbohlten Tür, und in einem Anfall höllischer Neugier sprengte sie der Störtebecker vollends auf. Lärmvoll, mit dem Striemer knallend, drang der aufgepeitschte Mann in den dunklen Saal. Nur eine einzige Fackel begann dort eben in ihrem Wandring notdürftig zu glimmen, wobei sie ein paar bläuliche Funken herabstreute. Dadurch ballten sich in dem unrastigen Raum ungeheuerliche Schatten zusammen, zuckten auf und warfen sich, wie in einer Gigantenschlacht, übereinander. Sobald aber der Schein die beiden Sessel auf der Estrade erreichte, dann entdeckte man in einem derselben eine weißgekleidete Frauengestalt, die einen blauen, mit Goldblech besäten Friesenmantel über sich geworfen hatte, um ihre Blöße zu decken.

Es war Occa, die erst seit Stunden bei ihrer Mutter zu Gast weilte und die sich nun mit der von ihr stets gegen den Seefahrer geübten Anmut verneigte.

Da begann dem Aufgeregten das Herz zu klopfen. Die zuckende Nacht, und in ihr das weiße Bild, sie raubten ihm jede Erinnerung an die eben erst verlassene Blutstätte des Aufruhrs.

»Hallo,« – preßte er sich heiser ab, »welche Holde ladet mich zu Zwiesprach? Wer bangt sich in dieser Einsamkeit?«

An der Seitenwand erhob sich ein schlurfendes Geräusch.

»Ich bin es,« polterte die rauhe Männerstimme der Fölke, und nun erst tauchte die graue Habichtsgestalt bei ihrer ruhelosen Wanderung im Fackellicht auf. »Was soll das einfältige Gescherze? Weißt du nicht, daß dein Raubgesindel unsere Verträge bricht? Weißt du nicht, daß es in den Gauen der Allena und Beninga genau so steht? He, Störtebecker, du vergißt wohl, daß ihr vogelfrei seid? Überall an den Küsten lassen die Dänin sowie die Hansen es austrommeln. Du hast dir wohl die Ohren verstopft? Ich werde dich wegjagen, verstehst du mich? – He, wer bist du eigentlich?«

Die Fäuste in die Seiten gestützt, die Beine gespreizt, bald das schweigsame Bild auf dem erhöhten Stuhl, bald den graurot gefiederten Habicht musternd, so hatte der Riese bis dahin hohnvoll gelauscht. Jetzt aber riß er die Fackel aus ihrem Ring, schwang sie um sein Haupt und zerrte sie dann der Fölke bis dicht vor das blutlose Antlitz. Schmerzend begannen der Quade die rotentzündeten Augen zu träufeln, voll ohnmächtigem Grimm hielt sie dem Schuimer stand.

»Wer ich bin?« lärmte dieser nun, daß der Schall von einer Ecke in die andere flog. »Dein Herr bin ich, Weib. Gib genau acht. Glaubst du, daß du ohne meinen Willen lebend aus deinem Modernest ausflattern könntest? Schau meine Fäuste, sie haben schon andere Vögel gerupft. Ein Wink an den Wichmann, und unsere Lederschlangen würden dir überdies ein Grabmal türmen, wie es die Semiramis zu Babylon kaum gefunden.«

Die Quade sog Atem, sie wollte von neuem zustoßen, der Störtebecker jedoch klopfte ihr bereits mit der freien Hand begütigend die Wange, was ihren kämpfenden Aufruhr nur noch mehr verstärkte.

»Sei ruhig, Huldreiche,« nickte er gelassen, »du weißt, ich schätze dich, und wer kann bestimmen, wie nahe wir uns einst noch treten werden?« Er streifte dabei die weiße Gestalt in dem Stuhl, die sich nicht rührte, und fuhr aufgeräumt fort: »Nun aber meine Taube, rate ich dir, picke gutwillig die goldenen Körner, die ich deinem Hunger streuen will. Werden doch dreißig Pfund Goldes dein Ungemach, wie das deiner Untertanen in eitel Freude kehren.«

Dicht an der Tür lehnte Licinius und seufzte. Er allein wußte, wie bedrohlich bereits der ehemals so stattliche Schatz der Freibeuter zusammenschmolz. Die Fölke aber wurde bei diesem Vorschlag durch Zorn und Habgier nach zwei Seiten gerissen. Feindselig reckte sie, zu neuem Streit entschlossen, ihr spitzes Kinn, zu gleicher Zeit jedoch griffen ihre dürren Finger bereits nach dem in Aussicht Gestellten, während ihre Augen in Rabenlüsternheit funkelten.

»Abgemacht,« besiegte endlich der Admiral ihr hartnäckig Schweigen. »Licinius mag noch zehn Pfund Silbers dazu tun. Was liegt daran? Und nun, komm Traute, betrüge den Schlaf nicht fürder um seine Rechte, sondern schmücke ihm das Lager.«

Lachend wandte sich der Freibeuter und reichte seinem Knaben die Fackel, damit er ihnen voranleuchte. Die Fölke freilich ließ nichts von Besänftigung spüren. Fröstelnd zerrte sie ihren grauen Flausch um sich zusammen und rief hart hinter dem Abgehenden her: »Es ist das letztemal.«

Dann entwich sie durch ein Seitenpförtlein.

Die anderen stiegen mehrere Treppen in die Höhe und trennten sich endlich auf einem langen, sich schlängelnden Gang. Als der Störtebecker zum Abschied nach Occas Hand greifen wollte, war die Leichtfüßige bereits in ihre Kammer geschlüpft. Auch Licinius entfernte sich, nachdem er dem Gebieter bis an die Schwelle seines Gemaches geleuchtet. Müde entschwebte hinter der Wendung des Ganges allmählich der Fackelschein.

Da reckte sich der Störtebecker und lauschte noch einmal zurück. Ihm war es, als ob eine warme, fröhliche Stimme seinen Namen gerufen. Einen heißen, kecken, begehrlichen Laut. Sollte ihn das Summen seines eigenen Blutes geäfft haben, oder – –?

Gespannt, blutwitternd wie ein Raubtier, schlich der Riese auf Zehen bis dahin, wo er Occa verlassen. Ein Druck gegen die schwere Bohlentür, sie gab nach. Aber siehe da – durch die Dicke der Mauer von dem Holzwerk getrennt, wurde der Raum noch durch eine Reihe sich kreuzender Eisenstangen verschlossen, die wohl einen Durchblick gestatteten, aber jeden unwillkommenen Besuch zurückhielten. Erstaunt beugte sich der Störtebecker vor. Mitten in der kahlen Schlafkammer, nur spärlich von einem niedrigen Öllämpchen erhellt, fand der unruhige Blick des Seefahrers sofort jene weiße Gestalt, die ihn hierher gelockt. Sie hatte den Mantel abgeworfen, und ihre Arme schimmerten den Strahl der Leuchte in einem unbestimmten seidigen Glanze wieder. Ein seltsames Lächeln, halb bänglich, halb voll Neugier, lief um den Mund der Einsamen, als sie nun verfolgte, wie der Eindringling ohne ein weiteres Wort zu verlieren, Schulter und Fäuste zwischen die Stangen stemmte, nur von dem einen fast selbstverständlichen Trieb beherrscht, die Sperre zu zerbrechen. Wer durfte sich auch anmaßen, Riegel und Schlösser gegen den Beschluß dieses Erderschütterers drängen zu wollen, der in seinen besten Stunden noch immer überzeugt war, daß er das Weltenschicksal auf gestrafften Armen zu den Menschen schleppe? Und jetzt? Occa stieß einen unterdrückten Schrei aus. Wirklich, das Eisen bog sich, das Keuchen des Gewalttätigen ging in ein Stöhnen über, aber im gleichen Augenblick sanken ihm auch die Fäuste wie abgeschnitten herab, und übersiedet von der Scham der Ergebnislosigkeit, preßte er sein Antlitz gegen das Gitter, um wutgeschüttelt hindurch zu flüstern:

»Was wolltest du von mir, du, du – –?«

»Ich?« Da zuckte Occa schon wieder beruhigt die Achseln. »Was hätte ich mit dir zu schaffen?« gab sie aufreizend zurück. »Begib dich sittsam von hinnen, oder bei meiner von dir mißachteten Ehre, ich werde den Burgsassen deine Schwäche zeigen.«

Toll gemacht, führte der Störtebecker noch einen dröhnenden Hieb gegen das Eisen, aber da sich nichts als ein Summen vernehmen ließ, so versuchte es der Frauenfänger noch einmal mit List.

»Reiche mir nur ein wenig deine Hand,« schmeichelte er.

Doch auch diese Bitte fruchtete nichts, denn Occa schüttelte, ohne sich von der Stelle zu rühren, ihr schmales Haupt.

»Du Geck,« sprach sie mitleidslos, »meinst du wirklich, eine Fürstentochter beuge sich vor solchem Bettlerkönig?«

»Was sagst du?« taumelte der Schuimer erblaßt zurück, und jetzt bückte er sich und versuchte, Schaum vor den Lippen, die nahe Vergeltung bereits vor den glühenden Augen, das ganze Gestell aus den Angeln zu heben.

Ein langes rostiges Ächzen wurde hörbar. Allein die Broketochter sprach ohne Zögern weiter:

»Ja, wenn du noch ein Meerfürst wärest, wie ehemals – – «

»Was dann?« rang der Einbrecher nach Luft.

Anfeuernd redete die weiße Gestalt zu dem Knienden fort: »Wenn du ferner von deiner sündhaften, widergöttlichen Armeleute-Tollheit ablassen, dafür aber deine Macht gebrauchen würdest, um all die kleinen Tyrannen hier zu unterjochen – «

»Was dann?« stöhnte der Störtebecker, dem die Brust zersprang.

»Ich weiß es nicht,« hielt das Weib listig inne, »ich kenne die Zukunft nicht, wie mein Eheherr,« fügte es lächelnd hinzu.

Ganz nahe war sie an das Gitter gelangt, den Knienden durchschlug die Einbildung, ein paar huschende Finger hätten sein Gelock gestreift. Als er jedoch, zum Fang entschlossen, emporschnellte, da entdeckte er nur, wie Occa, nachdem sie das Lämpchen ergriffen, ohne sich umzuwenden, in ihrer Schlafkammer verschwand. Sorgsam hörte er sie noch den Schlüssel drehen.

Tiefe Nacht waltete um ihn. Sie kochte, sie brodelte, gleich einem Kessel, in den seine Gedanken geworfen waren. Er schrie nicht, er tobte nicht, er tat vielmehr etwas, was er sein Lebtag nicht getan – er erschlaffte. Beide Hände schlug er vor das Gesicht und sprach laut durch den hallenden Gang:

»Soll ich der einzig Sehende unter lauter Blinden sein? Es gelingt mir nichts mehr. Es zerbricht mir alles unter den Händen. Ich laufe nur meine Bahn, weil mich ein Wind treibt.«

Leer, ernüchtert, schweren Schrittes strebte er seiner Ruhestätte entgegen. Und ihm fiel nicht einmal auf, wie hinter der Windung des Ganges noch immer ein dünner Lichtschimmer über die Fliesen rann und daß sein innerstes Bekenntnis nicht nur an fühllose Mauern verschwendet war. Kaum ein paar Schritte von dem Müden entfernt, dicht hinter der Kehrung, da verweilte Licinius noch immer mitten im Gang. Mit der einen Hand stützte er sich mühsam an der feuchtkalten Wand, während die andere die schwankende Fackel von sich streckte. Etwas Gestaltloses, Schreckenverbreitendes mußte vor ihm aufgestiegen sein, denn der Knabe zitterte am ganzen Leibe, und ein Schwindel ließ ihn am Boden festhaften, als müsse ihn jeder weitere Schritt in einen Abgrund stürzen.

IV.

D
D

Die Zeit verbrauste wie Wein in einem Becher!

Noch einmal leuchtete sein sprichwörtliches, sein Hexenglück über dem Störtebecker, und die Mannschaften raunten, der Claus habe wieder Rats mit dem grauen Männchen gepflogen. Ein Sommersegen vergüldete die Fluren des Brokmerlandes, dergleichen auch die Eingeborenen selten gekannt, und selbst auf den ohne große Kenntnis und nur oberflächlich bestellten Äckern der Ansiedler sproßte, dünn zwar, aber doch trächtig, die neue Halmfrucht, als hätte ein unterirdisch Feuer ihre Wurzeln erwärmt. Dennoch wurden die Kolonisten der sichtbaren Hoffnung nicht froh. Aus Überfluß und Völlerei waren sie gekommen, freies, wildes Schwärmen auf dem Meer hatte ihnen leichten Erwerb gesichert und dazu noch die grausame Lust der Vergeltung an jenen Seßhaften, im bürgerlichen Recht Wohnenden, von denen sie glaubten, daß ihr angemaßtes Wohlergehen nur aus einer schweren Versündigung gegen die Armen und Unterdrückten herrühre. Und nun? Draußen hatte man Abwechslung genossen, das wilde Behagen an der rächenden Kraft, den täglich lärmenden Triumph, Keller und Truhen jener Genießer zu leeren, die früher das murrende Begehren der Dunklen und Namenlosen mit Hungertürmen und Folter beantwortet hatten. Solch rasendes Glück schenkten die Wogen. Und nun? Was erwartete die aus aller Sitte Gelösten auf den Fluren? Gott verdamme die hirnverbrannte Schwärmerei eines Tobsüchtigen, auf dem Lande ruhte nun einmal der Fluch. Was hatte man eingetauscht?

»Still – still,« zischelte der Ire Patrick O'Shallo einer Rotte von Schnittern zu, mit denen er verdrossen in einer Bodensenkung feierte, denn die Ungeübten hatten ihre Sensen zu tief in Steine und Härten des Ackers geschlagen, so daß das Werkzeug wieder einmal schartig und unbrauchbar geworden war. »Ich rate euch, laßt die herumschnüffelnde Buhldirne, das Manns-Weibsbild nichts merken. Ist ebenso besessen wie der wahnwitzige Claus. Aber sagt einmal, wozu sitzen wir hier und ersaufen im Schweiß? Was haben wir eingetauscht? Ist der Störtebecker nicht unser Zwingherr, wie keiner je vorher war? Fährt er nicht wie eine Geißel im Lande umher, schlägt er uns nicht die Buckel blutig und nötigt uns zur Fron, bis uns die Knochen krachen? Wer hat ihm die Gewalt dazu verliehen? He? Habt ihr ihm etwa die Peitsche zu solchem Dienst geflochten? He?«

»Mag ihn nit leiden,« murrte ein Fränkischer, der dem beginnenden Bauernmorden in seiner Heimat knapp entwischt war, aber das unselige Gepäck des heimlich schwelenden Aufruhrs noch immer auf verkrümmtem Rücken mit sich schleppte. »Wozu sollen wir den Zehnten steuern wie daheim? Sagt, er wolle unseren Kindern dafür neue Güter eintauschen. Wolle sich allmählich über die Erde verbreiten. Ha, ja, Kindermärle.«

»Die Schwarzröhren geben kein Lot Erde mehr hin,« schrien andere.

Als die künftige Nachkommenschaft erwähnt wurde, wallte dem Iren das Blut stoßweise in die Stirn, halb irrsinnig sprang er auf und hieb mit der Sense durch die heiße Luft, wie wenn er einen nahen Bedränger köpfen müsse.

»Schaut hin,« zeterte er, »liegen vor uns die Schiffe. So nah, so nah! Wollen wir warten, bis der Bluthund etwa uns alle eingeschaufelt hat? Weiß einen, der's uns besser schaffen könnt.« Er sah sich geheimnisvoll um. »War der dicke Wichbold erst jüngst verwichene Nacht bei mir. Ist einer von uns. Und der rät – «

»Sieh dich für,« warnte ein unterdrückter Ruf.

Erschreckt hoben die Schnitter ihre Häupter über die Erdsenkung. Dumpfer Hufschlag polterte über die Heide, zwei Reiter, der Störtebecker und sein Knabe, sprengten barhäuptig heran.

»Was faulenzt ihr hier, ihr lästerlich Volk?« rief Claus, sein Roß dicht vor dem Abfall an sich reißend, und seine schwarzen Augen sprühten ein böses Feuer. »Schämt ihr euch nicht vor den Fleißigen? Hört ihr nicht, wie die Äcker mit unzähligen Stimmen nach uns rufen? Braucht ihr stets den Striemer gleich den Stieren? – Will's euch lehren!«

Sausend fuhren die Lederriemen umher, den Franken traf's klatschend auf den vorzeitig gekrümmten Rücken. Verängstigt, gebändigt stoben die Schnitter nach allen Seiten auseinander.

Die beiden Reiter aber flogen weiter, ausgeschickten Gedanken gleich, die sich einer Welt mitteilen wollten.

Lind und versonnen ging der Abend über Land. Zu seinen Füßen glitzerte das Abbild der Sterne in den Moorlachen.

Um diese Stunde saß der Hebräer Isaak an seinem Herd und briet sich über dem Rost ein Stück von einer Hammellende. Während seiner ruhvollen Arbeit sang der Graulockige in tiefen Kehllauten eines jener fremdartigen, schmerzensreichen Lieder, in denen sein flüchtiger Stamm seine Sehnsucht nach den Zelten, Herden und Weinbergen längst versunkener Heimat klagt. Ab und zu aber lehnte der Sänger auch an der offenen Tür, und dann schien sein befriedigter Blick die wohlige Ruhe dieses schlummernden Bodens zu segnen.

Das Glück eines Seßhaften hing über ihm.

Da löste sich eine Gestalt aus dem Tor der Nacht. Die trat zögernd auf die Schwelle. Erst als der Fremde sich aufrichtete, erkannte der Jude das zuckende Antlitz seines Nachbarn Patrick O'Shallo.

»Ho,« rief Isaak verwundert, »was bringst du, Freund?«

Doch den anderen schien die Antwort zu bedrücken, verwirrt schielte er in die Ecken der vom Herdfeuer sprunghaft überglänzten Hütte.

»Der Geruch des Fleisches lockt mich,« entschloß er sich endlich, »hab' den Knurrhahn von Magen heut wieder nicht füttern können. Der da« – und er zeigte durch die Dunkelheit nach der fernen Brokeburg – »sprengte uns wieder bis in die Nacht in den Feldern herum.«

Der Jude überhörte den Vorwurf.

»Dann sitz nieder,« lud er den Brütenden ein, »und sei mein Gast.«

Der Ire murmelte etwas, was aber kaum einem Dank glich, und nachdem er sich auf einen Schemel hatte fallen lassen, verschlang er gierig das Fleischstück.

»Wie kommst du zu dem Bissen?« fragte er kauend und mit niedergeschlagenen Augen.

»Hab' es eingetauscht,« schmunzelte der Hebräer, am Herd hantierend. »Gegen Eier von meinem Hühnervolk.«

»Und wie kamst du zu den vielen Hühnern?« drängte Patrick weiter, indem er ein Beben überwand.

Der Jude strich befriedigt den grauen Sprenkelbart, sein sichtbares Gedeihen ließ ihn die sonst geübte Zurückhaltung vergessen.

»Hab' sie gleichfalls eingehandelt von der Brokeburg gegen Anis und Leinsamen aus meinem Würzgärtlein. Man kennt hierzuland die Kräuterzucht nur übel. – Aber nun iß, Freund,« setzte er hinzu, als er die Augen seines Genossen grünglimmend auf sich gerichtet fühlte. Unwillkürlich ergriff er einen Holzspan und schürte ihn auf dem Herde, damit es heller würde.

Gequält sah sich der Ire um, er rückte hin und her, als ob er am liebsten von dannen stürzen möchte.

»Was ist dir?« erkundigte sich Isaak aufmerksam werdend.

In diesem Augenblick drang erst ein Schnaufen und dann ein markiges Brüllen aus dem nahen Stall herüber. Die Wände der Hütte zitterten davon. Da wurde Patrick O'Shallo noch bleicher als bisher.

»Sind das die Stiere?« stammelte er, unfähig seinen Aufruhr noch länger zu beherrschen. »Sind sie von dem Zugvieh, das man auf der Brokeburg für uns gekauft hat, damit wir unser Korn in das Dreschlager schaffen?«

Fast bettelnd hob er seine Hand, denn der Verstörte wollte von sich abhalten, was ihm das zerfressene Gemüt noch ärger vergiften könnte.

Und jetzt begriff auch der Hebräer den Zustand seines Gefährten. Kurz und verschlossen suchte er den bösen Sinn des Iren von sich abzulenken.

»Laß gut sein,« beruhigte er, indem er abgewandt in einem Breikessel herumrührte, »man lieh mir die Tiere vor euch anderen, weil meine Garben lange gebunden liegen und weil meine Ernte wider Erwarten reichlich ausfiel.«

»Und meine armseligen Büschel versengen und verdorren derweil. Hab' denselben Boden wie du, kann aber nichts rauswirtschaften. Sogar, wenn ich wollte.«

In die Augen des Burschen drang wieder jenes merkwürdige Schielen. Angewidert schleuderte er einen Knochen, an dem er noch nagte, in die Ecke.

»Wirst eine wohlgefüllte Scheuer haben, wenn erst die Gazelle des Morgenlandes in dein fruchtbar Bett geschlüpft ist,« holte er wie in einem heiseren Schluchzen aus sich heraus, »wann wird's sein, du maienblütiger Bräutigam?«

»Was ficht's dich an?« schnitt der Jude verdrossen ab und sah nach der Tür. »Dank dem Großen auf der Brokeburg ist jeder Herr in seinen vier Pfählen. Kann tun und lassen, was mir beliebt.«

Jetzt sprang Patrick auf und griff sich an die Kehle, um sich wenigstens einen einzigen Atemzug zu schaffen. Ein verstörtes wahnwitziges Gelächter warf er aus:

»Recht – recht, sind Freie. Unter Peitsche und Stockprügel, Freie. Heißa, geht uns wohl im gelobten Land. Hab' Dank, Isaak, daß du mich daran erinnerst. Man soll's nie vergessen. Nie. Hab' Dank.«

Damit sprang der Gereizte aus der Tür. Sein Wirt wollte ihm die Hand reichen, der Ire aber war schon halsüber in den sich hebenden Nebeln verschwunden.

Kopfschüttelnd legte der Hebräer beide Querbalken vor den geschlossenen Eingang.

Bis zum Morgengrauen kletterte die Flamme den blassen Sternen entgegen, dann war die Hütte ein Aschenhaufe, und der Frühwind fegte verkohlten Staub über die verloderten Reste der Garben. Gerippe von Mensch und Tier zerfielen in den mütterlichen Boden.

An der Spitze einer Schar von Ansiedlern, die den Tollwütigen, mit seiner Tat Prahlenden eingefangen, eilte Licinius, stumm, in innerster Seele zerrüttet, vor denjenigen, der die Geschicke so vieler Sterblicher zu ordnen sich unterfangen hatte.

Eine rote Frühsonne hatte sich eben aus den Farbenstrudeln des Meeres gelöst und überglühte nun den Burghof sowie den Wipfel einer mächtigen Linde mit tiefem, mildem Feuer. Auch um die Stirn des Störtebecker legte sie einen blutigen Reif, denn Claus saß auf der den Baumstamm umgürtenden Steinbank, hatte beide Ellenbogen auf die rohe Tischplatte gestützt, und nun prüfte er ungläubig, fremd, verständnislos die schwarzen Bänder sowie das schwarze Siegel einer Briefrolle, die ihn auf unerklärliche Weise auf dieser Platte erwartet hatte. Niemand wollte sie gebracht haben, keiner wußte etwas von der Botschaft. Je öfter jedoch der Riese die wenigen ungeschickt geschriebenen Worte des Sendschreibens überflog, desto heftiger wallte ihm das Herz, und desto stürmischer wurde sein Wille zerrissen.

Da stand mit den großen, wohlbekannten Buchstaben des Gödeke Michael:

»Mein Bruder!

Hätte schwerlich vermeint, ich würde Dich jemals brauchen. Steht aber übel um mein Sach. Hamburger und Dänen, bei denen mir alleweil eine gar fette Rechnung angekreidet, halten mich itzt in der Helgoländer Bucht umzingelt, so eng, daß auch nicht ein Mäuslein aus meinen Schiffen entspringen mag. Leiden zudem Hunger, und der Durst plagt uns. Darum Claus, so Dir noch das Herz für die alten Freunde schlägt, zögere nicht und tu, was du kannst. Ist ein gar bös Ding, wenn später die Reu quält. Geht hier eben um Leben und Tod und doch auch um die Sach' des gemeinen Mannes. Und ist mir der Sperling in der Hand noch immer lieber als die Taube auf dem Dach. Bedenke dies wohl, mein Bruder, zumeist aber, daß wir Rächer nur ein Kostbares hüten, die Treue wider einander.

Geschrieben auf der fliegenden Burg zu Mariä Himmelfahrt.

Gödeke Michael.«

Einen hallenden Schrei stieß der Admiral aus, nachdem er endlich seiner merkwürdigen Betäubung entrissen, den ganzen Ernst dieses Schicksalsrufes ermessen hatte. Geschnellt flog er empor und warf ohne Bedenken die Rechte gegen die abgetakelten Schiffe im Hafen, als vermöchte sein herrischer Wink allein jene Herde um sich zu sammeln, die Schar Wildvögel, mit denen er ungesäumt davonstoßen wollte, zu Rettung, zu Hilfe. Allein noch während der Wendung seines Hauptes verstrickte sich sein Blick mit der rot angestrahlten Ebene, auf der sich eben das Menschenwirken, die Arbeit zu regen begann, die er selbst zwischen die ungern empfangenden Schollen gesenkt. Jetzt sproßte sie, unwillig zwar und widerstrebend, nur seinem harten, zugleich mitleidigen und mitleidslosen Willen gehorchend, zum Licht. Schwer sank ihm der eben erhobene Arm herab, denn die Gedanken dieses Mächtigen fielen sich gegenseitig an, ein inneres Streiten und Ringen erhob sich, zu auflösend und vernichtend, um in der Brust auch eines eisernen Mannes ausgefochten zu werden. Unter einem schmerzlichen Stöhnen griff er sich an das Lederwams und schob es hin und her.

Einen Ausweg – einen Ausweg!

»Freund, Bruder, Wohltäter,« hörte er, von sich losgelöst, seine Stimme über das trennende Meer rufen. »Bist ja ein Teil von mir selbst, kann dich nicht missen, darf nicht dulden, daß die Ungraden und Schelme deiner Mannheit die Wage aus der Hand schlagen. Bei allem, was uns heilig dünkt, kannst auf mich zählen, Gödeke, denn ich will dreinfahren, wuchtig, fröhlich, wie du's mich gelehrt hast.«

All dies beteuerte der Claus von ehemals, der noch nicht gebunden war an eine verpflichtende Aufgabe, sondern durch die Welt geweht wurde, wohin ihn Wind oder Zufall gerade schlugen. Aber in jenes heiße Gelübde jauchzte auch die erlöste Begeisterung der dort unten auf dem rauhen Boden Fronenden hinein, die er erwählt hatte, um das bejahrte Erdenleid für sich und künftige Geschlechter einzuschaufeln, erwählt, obwohl sie in ihrer Dumpfheit, wie er wohl wußte, nichts Köstlicheres ersehnten, als Pflug und Hacke fortschleudern zu dürfen, um ihr altes Streiferdasein neu zu beginnen.

Wie, wenn er sie selbst auf die gefährlichen Planken führte? Eins blieb gewiß, niemals mehr würde er dann die Unbändigen auf jene verlassenen Äcker der Mühe und Plage lenken können, halbvollendet blieb das Bild, das er mit Blut und Erde gemalt, zermürben würde es und vergilben und den Beschauern allmählich ein Abscheu sein. Und der Befehlshaber, dessen Entschlußkraft sprichwörtlich war, umklammerte den Stamm der Linde und versuchte ihn mit seiner mächtigen Kraft zu schütteln, als vermöchte die Krone guten Rat herabzustreuen.

Einen Ausweg – einen Ausweg!

Da zog die Schar der Ansiedler gerade in den Burghof, und der Hinstarrende erkannte, wie ein wüster, beschmutzter Bursch in ihrer Mitte geführt wurde, die Hände gebunden, und die spitzen Augen frech, unbotmäßig und voller Auflehnung gegen den Einsamen unter dem Baum gerichtet.

Schwer, wie gezogen, ließ sich der Admiral bei dem Anblick auf die Steinbank nieder. Die anderen traten vor ihn. Allen voran Licinius, der sich matt, verstört, flügellahm vor dem Gebieter niederwarf. Ratlosigkeit sprach sich in der befremdlichen Gebärde aus, doch auch das unerschütterlich Gemeinsame ihres glücksuchenden Fluges.

Jetzt waren sie beide zur Erde gestürzt. Den Störtebecker zwar erquickte die Berührung, denn nur von dieser Welt erpreßte er alle seine Freuden. Besonnen stopfte er das Pergament in sein Wams, und es war ein eigenes, unheilverkündendes Lächeln, das sein Gesicht veränderte, als Licinius endlich seinen Bericht mit der Klage vollendete:

»Herr, so hat denn der alte Fluch auch dein Reich der Brüder getroffen. Kain hat Abel erschlagen.«

»Warum tatest du das?« fragte Claus, nachdem man den Iren bis dicht an den Sitz des Admirals geschleppt hatte, und seine heisere, fast flüsternde Stimme erregte den Hörern ein viel nachhaltigeres Grauen, als wenn der Gefürchtete getobt und gewütet hätte. »Sage mir, warum tatest du das, Patrick? Eignete dir nicht ebensoviel Land wie jedem deiner Gefährten? Erhieltest du nicht dasselbe Werkzeug, die gleiche Nahrung? Gab ich dir nicht alles, was du brauchtest?«

»Du?« gellte der Ire und schlug sich mit den gefesselten Händen vor die Stirn. Jetzt schon erkannte man, daß die Flammen, die er entzündet, in seinem eigenen Hirn weiter knisterten und daß es grünliche Funken des Wahnwitzes seien, die er von sich sprühte. »Du hier in deinem Schloß? Du in Samt und Seide? Bei Buhldirnen und Völlerei? Du? Du? Möchtest du nicht ein Fürst sein? Hast dir die Tollheit nicht allein zu dem Zwecke ausgeklügelt, damit aus unserer Haut ein Purpurmantel für dich geschneidert würde? Du Vaterlos – du Fischerbastard, du geißelst uns die Rücken blutig, damit unser Schweiß für dich Wein werde!? Sag, wann hast du jemals selbst die Hacke zur Hand genommen, gesenst oder den Pflug geführt? Weißt du, was Hunger und Frost ist? Und vor allen Dingen laß doch vernehmen, warum du nicht tagaus, tagein in unseren Reihen stehst, um all die Freuden deiner Gaukelei am eigenen Leib zu spüren?«

»Halt ein!« stammelte der Knabe, der noch immer auf den Knien lag.

Darauf der Störtebecker, indem er sich leichenblaß an den Tisch klammerte:

»Offenbare mir, warum du deinen Nachbarn verdarbst? Sann er dir Übles?«

»Nein.«

»Beeinträchtigte er dich in deinem Erwerb?«

»Nein.«

»Patrick O'Shallo, deine Zeit währt nur noch kurz. Warum tötetest du ihn also?«

Schon bei den letzten Worten war in den Übeltäter eine seltsam zuckende Beweglichkeit geraten, alle Glieder fuhren ihm durcheinander, ein Krampf schien ihm die Knie zu schütteln, und es war ein völlig Sinnloser, der nun die gebundenen Fäuste über sein Haupt schleuderte, während er unter seinen Gefährten herumsprang, als wolle er sie zum letzten äußersten Widerstand aufreizen.

»Warum? – warum?« schrillte er. »Soll es hören, das Cläuslein, weil er ein Betrüger ist, ein Wortefärber, ein Leuteschinder, ein prassender Totengräber. Wollte er uns nicht Zufriedenheit vom Himmel holen? Neidlos Glück?« – Er sprang dicht vor den Seefahrer hin. »Reiß mich doch auf, du Schelm, und sieh zu, wie meine Galle vor Neid siedet. Armseliger Wicht, wes hast du dich vermessen!? Kannst du vielleicht für den einen regnen lassen, wenn der andere Sonnenschein braucht? Kannst du mir den Schachergeist Isaaks geben und seinen listigen Verstand? Kannst du mir meinen Hunger teilen, wenn er doppelt so groß ist als der meines Nachbarn? Du Gaukler, du Bösewicht, du selbstzufriedener Narr, du möchtest uns deinem Wahn zuliebe schnitzen, wie aus Holz, und wir sind Menschen – Menschen – Menschen.«

Rings im Kreise war es so still geworden, daß man die welken Blätter der Linde zur Erde fallen hörte. Auf den Gesichtern der Ansiedler stand tiefer, gefurchter Ernst. Doch auch der Störtebecker rührte sich nicht. Hölzern, gelb, leblos saß er auf der Bank, und nur einmal tastete er unter sein Lederwams, um das Schreiben des Gödeke Michael noch sicherer zu verbergen. Rote Schwärze hatte sich vor den Augen des Hellsichtigen geballt, er wußte jetzt in seiner Nacht, daß er den Freund verlassen müsse, den einen, den besten, um dieser vielen, treulosen, unmündigen willen.

Gequält, atemberaubt fuhr er mit der Linken gegen seine Kehle, die Rechte hob sich und deutete starr über sich auf die starken Äste des Baumes.

Was wollte er?

Keiner verstand ihn. Das Schweigen löste sich nicht. Der Störtebecker deutete abermals in seiner unnatürlichen Ruhe. Aber als auch diesmal die Lähmung von den Männern nicht weichen wollte, da streckte sich der Anführer zu seiner vollen Höhe und bog selbst einen der Äste herab.

»Versteht ihr mich nicht?« drohte er noch einmal mit seinem furchtbaren Ernst, und jetzt entstand ein wirres Getümmel; Angst, Grauen, Widerspruch stießen den Schwarm enger zusammen, bebende Hände regten sich, ein Strick wurde über den Ast geschleudert, eine Schlinge schwankte über einem einzigen, schweißnassen Haupt, und mitten aus diesem Tumult quirlte die heiße, in Todesangst schon brechende Stimme auf, die noch einmal, als dürfe sie nichts mehr versäumen, all ihren irrsinnigen Haß, lechzend, überstürzt in die vier Winde hinausheulte:

»Wer ist der Gleisner falschester? Dort steht er, der die Armen zur Schindarbeit verdammt. Der uns einredet, daß ein Kuhmist dem Gold ähnlich werden könnt'. Der die Elenden und Schwachen durch Lug und Vorspiegelung in Verzweiflung stürzt. Der uns nichts gab, sondern uns noch obendrein die Freiheit stahl. Aber dem Teufel sei Dank, dein Sturz ist nahe, du Störtebecker. Der Böse hält dich schon am Bein, der Henker schwingt bereits das Schwert über deinem Hals. – Fahr zur Hölle, du Fluch der Menschheit – Fluch deiner Todesstunde – Fluch – «

Die Verwünschung erstickte, die Glieder des Iren wurden lang, sein Körper entschwebte in grünes Laub.

Den ohnmächtigen Licinius trug der Störtebecker schützend von dannen.

Seitdem wanderte der Aufruhr barhäuptig und offen unter den Ansiedlern umher. Blutig entlud er sich zuerst vor den Dreschscheunen, als man das Getreide den einzelnen je nach ihrer Leistung abwiegen wollte. Wie kam Wulf Wulflam dazu, zwanzig Säcke von dannen zu fahren, während man dem Steuermann Lüdeke Roloff nur sieben auflud? Sollte der zähneknirschende Tänzer etwa dafür büßen, weil sein Gebiet vom Meerwasser durchsalzen war und jeder Pflug an dem scharfen Geröll schartig wurde? Fäuste ballten sich, Knüttel wurden geschwungen, wie wilde Tiere fuhren sich die Männer gegenseitig an die Kehlen, und die allgemeine Auflösung wurde nur dadurch verhindert, daß ein noch gewaltigerer Feind als Neid und Habgier den wütenden Bruderzwist unterbrach.

Das Meer!

Schon oft hatte der kundige Landwirt Propst Hisko van Emden während gemeinsamer Feldstreifen auf die breiten Deiche hingewiesen, die er und seine Landsleute zum Schutz der Fluren in harter Arbeit aufgeworfen. Die eben erst gewonnenen Landstrecken der Ansiedler dagegen lagen dem Anprall der Wasser hemmungslos ausgesetzt, und eines Nachts, da heulte der Nordost sein schaurig gefräßiges Kampflied, in wilden Sätzen fuhren weißmähnige Wölfe über die Ebene, die zerrissen und verschlangen, was sich ihnen entgegenwarf, und aus den von ihnen umstellten Hütten, aus Arbeitsruhe und versunkenem Schlaf gellten Angst und Entsetzen zu einem einzigen Schrei zerrütteter Bestürzung zusammen. Am nächsten Morgen, da sich der erste bleierne Schein aus der Düsternis stahl, da ruhten die Äcker unter Schlamm begraben, Tangbündel verwesten, wo eben noch Frucht geblüht, und Muscheln, Geröll und faulende Fische sproßten statt ihrer auf den zerstrudelten Schollen.

Jetzt galt es den Menschenarm gegen die Brust des Elementes zu stoßen, um neuen Einbruch zu verhüten. Mit einer Schar von Knechten, an der Seite seines Licinius, ritt der Störtebecker durch das Land, von Hütte zu Hütte, von Hof zu Hof, und ob ihn auch überall ergrimmtes Schweigen und gefaltete Stirnen empfingen, die Gegenwart und der einschüchternde Anblick des Gefürchteten und nicht zuletzt die noch nicht gänzlich abgebröckelte Gewohnheit, in diesem schönen Menschenbilde den Träger ihrer Hoffnungen zu sehen, sie veranlaßte die Männer zu einer letzten verzweifelten Gefolgschaft. Noch einmal vermochte sein Ruf in das Ameisengewimmel Plan und Ordnung zu bringen. Schaufeln wurden geschultert, hoch mit Erdmassen beladene Wagen knirschten ihre Spuren durch die schlechten Wege, Bohlen und Holzschwellen wurden behauen, um auf wunden Schultern an die Küste geschleppt zu werden, und der Grenzstrich zwischen Tag und Nacht verschwand auf einen kurzen, grimmig lachenden Wink des Admirals, wie von selbst aus dem Bewußtsein der hungernden, frierenden und verbissen schaffenden Werkleute.

Drei Tage ging's. Denn diesmal stand der Störtebecker selbst unter den Seinen, sein wilder, trotziger Weckruf befeuerte sie, und sie vernahmen, wie der Riese, fast bis an die Knie in dem schwammigen Sand versunken, mit immer erneuter Ausdauer Stein auf Stein, Erdhaufen auf Erdhaufen dem grauen Gewoge unter sich entgegentürmte, dazu höhnend und wetternd.

»Munter, ihr Schuimer, sind wir nicht Söhne der alten grauhaarigen Vettel da unten? Und wir sollten dulden, daß die bösartige Keiferin uns nochmal in die warme Suppe speit? Schaut, schaut, schon rafft sie ihre schmutzigen Lappen um sich zusammen und kriecht zurück. Noch eins – und noch eins! – So ist es recht, Lüdeke Roloff! – He, Licinius, eile, die Fölke soll uns heißen Wein schicken! Wir wollen der Nordersee Abzug feiern.«

In einem Wirbel stäubte der Sturm die Vermessenheit mit sich gegen das Abendgewölk, und wie in Betäubung und Taumel sprengte der tödlich ermüdete Knabe von dannen!

Als er zurückkehrte, fand er nicht mehr dasselbe rastlose Gewimmel, das er verlassen. Einsam hockte sein Herr auf einem umfangreichen Strandstein, dessen Wucht man auf den schon in Leibeshöhe ragenden Damm gehoben hatte, um den Massen Schwere und Halt zu leihen. Der Mond, zuweilen aus unsteten Wolken auftauchend, erhellte ab und zu ein geisterhaft Antlitz, und der Grübler ließ keinen Blick von dem immer wieder ankochenden und zurückgrabenden Gewoge, als ob seine Seele bereits von dem Schwall überschwemmt und gefangen worden sei. In seiner Hand raschelte das Sendschreiben des Gödeke Michael, obwohl er ihm ebensowenig Aufmerksamkeit schenkte wie den in Rufweite von ihm wirkenden dunklen Gestalten.

Ein unbeschreiblich bitteres Lächeln der Scham versteckte sich in den Mundwinkeln des Aufgestörten, da der Knabe schonungsvoll zu ihm trat, nachdenklich bettete er die Finger des Treuen zwischen seine beiden vereisten Hände, als ob er sich an dem jungen Geblüt wärmen wolle.

»Horch,« murmelte er, »wie die See grollt und Flüche speit. Hat wohl auch ein Gewissen. Oder vielleicht wälzen sich auch die Gedanken Ferner mit ihr heran. Möcht's gern verstehen, obwohl ich die Stimme zu kennen meine. Klingt gar zornig und voll Verdammnis.«

Langsam zog er den Gefährten an sich.

»Sag mir, Trauter,« preßte er sich ab, »würdest du mich auch verlassen um der Dunklen da hinten? Würdest du?«

Seine Arme umstrickten den schlanken Leib, und eine solche Verlassenheit offenbarte sich, daß Licinius vor Herzpochen und verzehrendem Helferwillen weder maß noch vernahm, was er erwiderte. Trennen? Von wem sollte er sich scheiden, von dem schon auf die Erde träufelnden Erlösersegen? Oder von seinem Herrn? In stürmischen Zweifeln schüttelte er seine Locken. Der Störtebecker aber nahm es für die Verneinung, die er erwartete.

»Glaub's dir,« entgegnete er finster. »Welch Reiner würde dies auch vermögen? Gehört schon eine steinerne Seele dazu, drin nur ein einzig Gebot eingeschlagen ist. Widermenschlich, unnatürlich, fluchgetrieben sind die, so mit dem Stein beladen sind. Aber komm, laß es uns dennoch zu Ende bringen.«

Damit zog er die Hornpfeife an seine Lippen und gedachte eben das Signal aufschwirren zu lassen, das die Werkleute zu neuen Mühen um ihn sammeln sollte, als Licinius es wagte, sanft und doch hindernd die Hand auf den schon erhobenen Arm des Admirals sinken zu lassen.

»Herr,« mahnte er besorgt, »willst du die Männer nicht schonen? Sieh, sie gleichen ohnehin nur noch abgezehrten Schatten, und die Augen fallen ihnen vor Müdigkeit zu.«

Noch nie hatte der Knabe einen Befehl seines Gebieters durchkreuzt, deshalb wandte sich der Störtebecker jäh und fast ungläubig zu ihm herum, allein im nächsten Augenblick horchte er wieder gespannt auf den dunklen Drommetenton der See und schüttelte hartnäckig das Haupt.

»Torheit,« verwies er, »wer mit mir ist, muß besessen sein, wie ich, verrannt, für alles andere blind, sonst – – «

Er lachte hämisch, gleich darauf schrillte der spitze Pfeifentriller über Land und Meer, der Wind warf ihn hierhin und dorthin.

Stille!

Dann lauschten die beiden, denn in der Finsternis, in der teilnahmslosen Öde barg sich eine Beklemmung, unheilschwanger ballte sich etwas in dem Nichts, als ob aus Schwärze und Schweigen das Schicksal sich eine Gestalt formen wollte.

Und riesenhaft, zermalmend, unabänderlich kroch es aus der Nacht hervor.

Sieh, in langer Zeile wälzte es sich stumm über den Damm, ein wogender Heerwurm aus ununterscheidbaren Menschenköpfen, bis sich seine hundertfältigen Schuppen eng, unlöslich um den Führer selbst geringelt hatten.

In dem Störtebecker stieg eine Ahnung auf, das Weiß seiner Augen verkehrte sich und glitzerte unheimlich in dem laut atmenden Kreise umher.

»Was rottet ihr euch zusammen, Männer?« schrie er in unterdrückter Vorahnung, da er selbst jetzt noch felsenfest auf das Wunder sowie die Unantastbarkeit seiner eigenen Herrschersendung vertraute. »Warum schafft ihr nicht jeder an seinem Platz?«

Da regte es sich um ihn. Wie, wenn durch seinen Trotz die letzte Klammer erst vollends gelöst wäre, so drang Leben in den erstarrten Ring, und während der markerschütternde gräßliche Schrei des Aufruhrs, der überwundenen Furcht jene bis jetzt so eng verschnürten Kehlen sprengte, da begann es über den vielen Köpfen zu sausen, hunderte von Hacken und Schaufeln flogen wütend geschleudert hinaus in die klatschende See, und ein einziges, freches, übertriebenes Gelächter erschütterte die Nacht.

»Wird nicht mehr geschuftet, du Leuteschinder,« so heulte, meckerte und zischte es, und sie griffen nach den Fäusten des Überrumpelten und hingen sich wie Eisengewichte an ihn, »wir wollen feiern und frei sein, wie du. Mag wühlen und hacken, wer dazu geboren ist; wir sind streifende Leute und fressen lieber, was andere gebaut haben. Wie hat Patrick gesagt? Aus Kuhmist wird allemal kein Gold.«

Aus der Menge trat einer hervor. Es war der Tänzer Lüdeke Roloff. Schwer stützte er sich auf seinen Knüttel, und durch das überhängende wirre Haardach hefteten sich seine sonst so ungewiß flackernden Augen diesmal hohl und verglommen auf den Anführer, den man jetzt von seinem fürstlichen Sitz herabstoßen wollte.

»Herr,« holte der herkulische Schiffer langsam und wie nach sorgfältiger Überlegung aus sich hervor. »Dein Wille war wohl gut. Aber es nützt nichts. Es liegt an uns. Wem erst einmal das Brandmal des Unrechts und der Ausgestoßenen eingesengt wurde, des Blut ist vergiftet, so daß er zu nichts anderem mehr taugt als zum Würgen, Brennen, und Racheüben. Sieh dich um, all diesen schmeckt die Arbeit bitter, denn wir lieben das Leben mit seinen Schmerzen nicht, sondern wollen es eher um und umkehren, damit es ein Ende nimmt. Bevor dies nicht geschehen, bleibt doch überall ein Hoch und Niedrig, wie du uns selbst dafür ein Zeichen bist.«

Der Sprecher reckte den Hals vor, und in seine Glieder geriet wieder das merkwürdige Verlangen nach Tanz und erzwungenen Sprüngen. Leidenschaftlicher fuhr er fort:

»Deshalb sind wir uns alle einig geworden, alle, alle, daß wir uns fürder nicht länger von dir ins Joch spannen lassen mögen. Sondern wir wollen als Schwarzbrüder, als schweifend Volk noch heute nacht auf die Schiffe gehen, und du wirst uns führen, Claus Störtebecker.«

In dem Haufen begannen plötzlich wüste, jauchzende Stimmen zu singen:

»Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn, Heißa – heißa. Claus Störtebecker ist Kapitän.«

Doch mitten in der Melodie schnellte der schmächtige Arnold Frowein mit einem windschiefen Satz aus ihren Reihen, und während die tiefen Falten in seinem Antlitz unnatürlicher als je grinsten, da meckerte der ehemalige Töpfer:

»Weißt was Neues, Claus Störtebecker? Hast uns belogen und betrogen! Hast uns den Brief des Gödeke Michael verheimlicht. Wir kennen deine Pfiffe. Wir aber wollen uns zu ihm durchschlagen, um wieder lustig Gericht zu halten. Wir möchten Nacken brechen hören und Brustkörbe verröcheln. Gericht – Gericht!«

Und aus dem Haufen schlug es jetzt toll und grölend gegen den Nachthimmel:

»Dort richtet die Reichen an Leib und Seel, Der Gödeke – Gödeke Michael.«

»Führt ihn fort,« befahl der Steuermann Lüdeke Roloff, auf den Störtebecker deutend, »und haltet ein wachsam Aug' auf ihn. Die Torheit liegt hinter uns.«

Die Trommel scholl wie sonst, als der Zug mit dem Schritt vor Schritt vor sich hinbrütenden Admiral das Deck der »Agile« betrat. Gleich einem von eisernem Schlummer Befallenen war der Riese bis dahin von dem Gedränge vorwärts geschoben worden, doch sein auf die Brust gesenktes Haupt schien durch keinen Klang der Außenwelt mehr erreicht zu werden, weil es verbohrt, in die Tiefe lauschend, einzig und allein dem spukhaften Getriebe seines Innern nachspürte. Erst als der Haufe, schon bedrückter und kleinlauter, die Kajütentreppe hinabgeströmt war, als das glitzernde Licht der venezianischen Laternen das blauweiße Gewirke der Wände beseelte, als der blinkende Glanz all der köstlichen Schüsseln und Gerätschaften mitten aus der Ruhe des Raumes seine spitzen Pfeile gegen die Sinne des Verdämmerten schoß, da hob der Riese mit einemmal sein Haupt, blickte sich mit dem schweren Erstaunen eines aus einem Schacht Aufgestiegenen um, und plötzlich empfing sein Bewußtsein oder sein Eigenleben einen solchen Anstoß, daß er die Hände, die ihn noch immer gefaßt hielten, mit einem wilden Ruck von sich abschleuderte.

In furchtbarem Ernst, die Zornadern hochgeschwollen, straffte er den Arm gegen die Tür.

»Geht,« herrschte er sein Geleit an, das hier auf den Planken sich doch wieder als Matrosen und der Macht dieses Einzigen unterworfen fühlte. Bedrückt wichen sie vor der gräßlichen Verachtung, die ihnen entgegenschlug, zurück. Ob sie auch den Ausbruch ihres Führers nicht verstanden, der Hohn seiner Worte prügelte sie dennoch widerstandslos die Treppe hinauf.

»Habt Dank, ihr schönen Adamssöhne, ihr Edlen, ihr Sauberen, ihr Menschen,« raste der Störtebecker hinter ihnen her. »Gottlob, ich sehe wieder, was ich sehe, ich rieche, was ich rieche, welche Wollust, die Dinge in ihrer Nacktheit zu begreifen. Geht,« wiederholte er heftig, »scheuert die Schiffe, bestückt sie, legt Proviant hinein. In acht Tagen muß ich die Küste hinter mir haben. In acht Tagen längstens! Und dann – Gleichebeuter – Gleichebeuter, Seeräuber, Rächer, Glückliche. Ha, ha, allen guten Engeln sei Dank für das passende Wams! Und in die Kloaken alle Gewänder der Verstellung.«

Es trat Stille ein, das letzte scharrende Geräusch der Entschwindenden war erstorben, der Admiral und sein Knabe standen einander allein unter den geschliffenen Gläsern der Laternen gegenüber.

Unbeobachtet, ungestört, denn der kleine Wichmann verbrachte diese Nacht wieder bei den Freuden der Marienhavener Tavernen.

Umständlich, als wäre dies jetzt das wichtigste Geschäft, legte der Heimgekehrte sein Lederwams ab, darauf hängte er seine Kappe sorgsam an einen Nagel, alles Dinge, die er sonst seiner Bedienung überlassen. Zum Schluß betastete er aufmerksam, mit einem hastigen Suchen das offene Linnen über seiner Brust, bis er endlich auch über Schultern und Arme seines Knaben strich. Alles ohne sich von der tödlichen Blässe seines Gefährten abschrecken zu lassen. Dann, wie nach erreichtem Finden, rüttelte er den Verstummten und raunte ihm zu:

»Lehm, Staub, Erde. Deine weiße Haut – Täuschung, mein zierlich Büblein. Merkst du es nicht, wie es darunter quillt und drängt vor Sehnsucht nach dem Unflat? Warum betrügst du dich und mich mit Eingebungen, die deinem Stoff zuwiderlaufen? Lache, Büblein, lache, die Tollen werden wieder sehend und schämen sich ihrer zugeklebten Augen. O, ich möchte meinen Kopf am liebsten in ein Kellerloch stecken.« Er unterbrach sich und lauschte. »Hörst du, wie sie droben jubilieren und tanzen? Das macht, der Dung will zum Dung, der Mist zum Mist. Allen guten Engeln sei Dank, ich will sie hinwerfen, wo es am fauligsten nach Verwesung dampft! Zucke nicht mit der Lippe, bei Gefahr deines Lebens, Bube, widersprich mir nicht. Ich schwöre dir, wo ich noch einen Wahnwitzigen treffe, der da meint, es ließe sich auch nur ein Haar auf unserem Schopf in einen Goldfaden wandeln, den Roßtäuscher hänge ich selbst an die Rahe und reiße ihm die Zunge heraus!«

Mit einem wiehernden, sich überschlagenden Gelächter warf er sich auf sein Ruhelager und streckte sich aus, all die mächtigen Glieder erstarben wie auf einen Schlag in Starrheit, und nur die unruhigen schwarzen Augen wanderten noch unruhig an der Täfelung der Decke umher. Kaum verständlich, stöhnend vor innerem Vorwurf stammelte er vor sich hin:

»Patrick – Patrick O'Shallo.«

»Was rufst du den Toten?« trat Licinius bebend näher.

»So jung noch,« flüsterte der Liegende unbeweglich weiter. »Und schon solch ein Kündiger des Herzens. Ich wünschte, er stünde an deiner Stelle, und ich wollte ihn herzen.«

Wieder wurde es ruhig. Man hörte nur das knirschende Stampfen droben auf Deck.

Gleich einer Totenwacht lehnte Licinius am Fußende des Lagers und ließ keinen Blick von dem Hingestreckten, der immer mehr in das stehende Blei des Schlafes versank. Und derweil entglitt dem Wächter selbst der Boden unter den Füßen. Betäubung und Klarheit wechselten in seinem Hirn, denn vor ihm erhob sich die Gewißheit, daß dieser Erdengott, der vernichten wollte, um zu erlösen, nun selbst zertrümmert lag, zermalmt von seiner Sendung, die er lästernd und fluchend zurück in die Wolken entschweben ließ. Und deshalb all die Geopferten? Die Mütter und Kinder von Bergen? Die Ersäuften und Erschlagenen? Die Gehenkten wie Patrick? Und die Verdorbenen wie Linda selbst? Vor ihrem irren Blick wallte ein Leichenzug über die Erde, der folgte einem braunen Kreuz, dem rohen Holz, das einst in Lindas Schlafkammer eingefügt war, und die Gerippe wiesen alle mit Knochenfingern nach ihr hin, nach ihr, die allein zurückgeblieben war, um eine Grube Unrates zu betreuen. Oder war es dies üppige Polster, auf dem der Mann Vergessenheit suchte?

»Herr, Herr,« schrie sie auf. Doch sie wußte nicht mehr, welchen ihrer Götter sie meinte. Benommen, schon halb entführt, entriegelte der Schläfer noch einmal seine Augen.

»Komm, Lieblicher,« murmelte er.

Da stürzte Linda halb sinnlos vor dem Lager nieder, umschlang den Riesen mit ihren Armen, wie man ein letztes Gut vor dem Untergang zu wahren strebt, und all ihre unendliche Angst vor der verdienten Verdammnis entlud sich herzzerreißend:

»Herr, entheilige dich nicht. Fliehe vor neuer Gewalttat und verkünde irgendwo auf Erden, was dir offenbart wurde. Glaube, glaube, es ist der Geist allein, der das Tote lebendig macht. Ich will dir dienen vom Morgengrauen bis in die Nacht, wozu du mich auch bestimmen magst.«

Allein Claus war schon zu sehr in den Banden einer dumpfen Entwürdigung, als daß er die Opferwilligkeit dieser einzigen Seele, die er je wahrhaft verklärt hatte, anders als mit ungläubiger Geringschätzung aufnehmen konnte. Seine Glieder lösten sich immer lockerer, und während er kaum noch bewußt die blonden Haare des Hingestürzten streichelte, murmelte er, oft unterbrochen und bereits in voller Entrückung:

»Narr, das Feuer dieses Sterns will gelöscht werden. Wer weise ist, errafft noch aus dem Aschenhaufen einen letzten Genuß. Trunk – Weiber – Raub – Neckerei mit dem Tode – das bleibt übrig. Herze mich, mein Knäblein.«

Damit versank er.

Sein Wächter aber lehnte noch geraume Zeit dicht neben ihm an der Wand, und je länger er über Vergangenheit und Zukunft brütete, eine desto herbere Wandlung vollzog sich in dem bleichen Frauenantlitz. Jetzt zeigte es sich, daß in jenem Wesen nicht nur das Göttliche des hingerafften Mannes eine Wohnstätte gefunden, sondern wie auch allmählich die Furchtbarkeit seiner Entschlüsse in ihm Wurzel geschlagen hatten.

Prüfend trat sie näher und versuchte, ob ihr Gebieter noch einmal zu ermuntern wäre. Allein der Riese ruhte, ein Bild finsterer Zerklüftung.

Da sprach sie ihm laut ins Antlitz, als ob er es dennoch vernehmen müsse:

»Du wirst nicht zurückkehren zu den Knechten des Lasters, Claus Störtebecker. In der Unschuld deines Wollens wirst du hingehen. Möge der Himmel dir gnädig sein.«

Eilig bedeckte sie sich mit der Lederkappe des Störtebecker, warf seinen Schafpelz um, und bald glitt ein Boot unauffällig die dunkle Hafenstraße hinab. An der Kogge des Wichbold, des angeblich Kranken, machte es fest. Dort haftete es bis zum Morgengrauen.

V.

K
K

»Kapaunen – Kapaunen mit süßem Kuchen gefüllt – bringt mir mehr davon! Und du, Stadtwaibel, vergiß nicht den öligen roten Wein,« so schmatzte und schnaufte in einer der braungeräucherten Kammern des Hamburger Rathauses an einem der letzten Septembertage des Heilsjahres 1402 der dicke Wichbold, und in der Wonne über die ausgewählten Leckerbissen, die gebraten und gesotten dicht um ihn herum den Tisch bevölkerten, knöpfte er sich ein paar Seitenknöpfe seines verschossenen grünen Schifferkittels auf und schuf Raum für weitere Genüsse. Neugierig verschlang er bereits mit den Augen einen der roten Hummern, der auf silberner Schüssel liebevoll seine Scheren nach ihm breitete.

»Gut, gut,« belobte er kurzatmig den ihn bedienenden gebückten Stadtwaibel, der während dieses ganzen Imbisses ein eigenartiges Grinsen in dem weiten schwarzen Kragen seines Wamses verschwinden ließ. »Ihr guten Bürger von Hamburg wißt, was ihr einem frommen Seefahrer schuldig seid. Bei Sankt Paul, soll euer Schade nimmer sein. Will euch redlich vergelten. He,« erinnerte er sich, nachdem er wieder einen vollen Guß des dicken Italerweines in sich hineingeschüttet, »weißt du schon, mein Lieber, wo euer Gast heute nacht hausen wird? Wäre mir wohlgefällig, wenn ich einen Gebetschemel vorfinden würde, denn ich habe der heiligen Anna bei gefährlicher Fahrt eine Nachtwache gelobt.«

Auf diese Frage des alten Helden versank das Kinn des Waibels abermals tief in die Schwärze seines Kragens, und es dauerte geraume Zeit, bevor er sich auf eine würdige Antwort besinnen konnte.

»Ich hörte,« bückte er sich, »der Rat rüste ein eigen Haus für euch.«

Verwundert quollen dem Schmausenden die Augen aus dem Kopf. Auf so viel Ehre war er nicht gefaßt, und betroffen berechnete sein listiger Verstand eine Weile, ob seine Geheimnisse wirklich für die geizigen Krämer so hoch im Preise stehen könnten. Allein die Köstlichkeit des Mahles, sowie die ganze achtungsvolle Art seiner Aufnahme zerstreuten dem Dicken die aufsteigenden Zweifel bald wieder, so daß er sich eben mit gesteigerter Aufnahmefähigkeit an die Vertilgung des Hummers begeben wollte, als ein Gewappneter eintrat. Der stieß seine Hellebarde auf den Estrich und meldete:

»Anjetzo ladet euch der würdige Bürgermeister Tschokke zum Verhör.«

»Nun, nun,« zwängte sich der Wichbold, von neuem gestört, hinter dem Tisch hervor. »Was faselst du, Freund? Um ein Verhör handelt es sich nicht, da ich dem Rat gegen freies Geleit eine Unterredung angetragen.«

»Weiß nicht,« versetzte die Wache barsch.

Hinter der Tür schlossen sich dem Zuge noch einige der schwarzen Hellebardiere an, und während der Wanderung durch dunkle Gänge und über windschiefe Treppen, da begannen dem grauhaarigen Sünder die alten Kopfwunden zu pochen, und das Herz krampfte sich ihm in feiger Ohnmacht, ob sein Rachegelüst ihm nicht doch einen allzu närrischen Streich gespielt. Allein kaum hatte er den weiten niedrigen Ratssaal betreten, da schöpfte er neues Vertrauen, denn an einem grün verhängten Tisch an der Fensterseite saß ein einzelner Mann, der die Stadtknechte durch eine müde Handbewegung abtreten hieß.

Sie blieben allein.

In dem einsamen Raum summte eine Schar Fliegen unter der Decke umher, und durch die vergitterten Fenster drang zuweilen Wagenrollen und das Geräusch einer handeltreibenden Gemeine. Alles schien friedlich, besonders aber der Mensch hinter dem Tisch. Über dem karmoisinfarbigen Kragen seiner schwarzen Ratsgewandung hob sich ein ehemals volles, jetzt faltig gewordenes Haupt, und seltsam, auf die harte Stirn fielen dem noch Unbetagten grauweiße Haare. Der Mann mußte frühzeitig gealtert sein.

Mit einemmal richtete der Würdenträger ein paar stahlblaue Augen auf den Freibeuter, und in diesem Blick wohnte etwas so Kaltes, Abschätzendes, daß den Fettwanst zu frösteln anfing. Auch behagte es ihm wenig, daß man ihn nicht zum Sitzen einlud, obwohl man einen mächtigen Lederstuhl hinter ihn geschoben hatte.

»Wer bist du?« hob der Bürgermeister ruhig an.

»Ich?«

Der Dicke gab sich ein Ansehen. »Ich bin der Hauptmann Wichbold,« pustete er sich auf, faltete aber zugleich demütig die Hände über dem Leib, »ein Knecht Gottes, der mit Freibriefen von Rostock und Wismar die gute Stadt Stockholm entsetzte. Zuletzt führte ich zu Nutzen des gemeinen Mannes die ‘goldene Biene’.«

Das unbewegte Antlitz des Hamburger Gebietenden veränderte sich nicht im geringsten bei dieser harmlosen Schilderung; gleichgültig in ein paar Pergamenten stöbernd, erwiderte er:

»Ich kenne deine Taten. Du kommst vom Störtebecker.«

»Den Gott verdamme,« schaltete hier der Hauptmann ein, indem die roten Narben zwischen seinem grauen Haarwulst aufzuglühen schienen. »Möge dieser Leuteverderber ein unrühmlich Ende finden.«

»Was weiter?« drängte der Bürgermeister, eine große Schwanenfeder putzend.

Jetzt sah der Dicke ein, daß er seine Karte spielen müsse, wenn er nicht jede Bedeutung oder Wichtigkeit verlieren wollte. In heiliger Entrüstung wiegte er deshalb sein plumpes Haupt, und seine aufgeworfenen Lippen zuckten vor innerer Bedrängnis, als er zerknirscht anhob:

»Euer Würden, nicht jedem sieht man an, welchem Herrn er dient. Der meine – gelobt sei sein Name in Ewigkeit – hat mich nicht umsonst durch Undank und Schmach gewälzt, durch Eiter und Schwären, so daß meine Seele bereit ist zu Besserung und Einkehr.«

»Mann, verkünde jetzt kurzfertig, was du uns zu hinterbringen gedenkst, sonst – – «

»Herr,« ereiferte sich nun der Wanst gereizt, wobei alles Salbungsvolle ungewollt von ihm abfiel, »ich bringe Euch, was mehr ist als Euer Bier, Leder, Erz oder Getreide. Und Ihr werdet es mir gern nach Gebühr lohnen – – «

»Des sei gewiß,« lehnte sich der Aldermann bestimmt zurück.

»Gut, gut – so liefere ich Euch den Erzfeind Eures Handels und friedlicher Schiffahrt in die Hände, damit diese Plage des Menschengeschlechts, nachdem ich sie bußfertig als solche erkannt, nicht fürder durch Prunk, Laster und Hurerei allen Gesetzen Hohn spreche.«

Als der unselige Lebenswandel des Störtebecker erwähnt wurde, da verfielen die Züge des Mannes hinter dem Tisch zum erstenmal zu einer seltsamen Starrheit. Eine wächserne Leblosigkeit ließ sie für den Augenblick fast durchsichtig erscheinen, und er verdeckte die Augen mit der Rechten, bevor er dem Freibeuter ein Zeichen gab fortzufahren.

Dieser ergötzte sich an dem sichtlichen Eindruck, und rasch und kollernd folgte nun sein Vorschlag.

»Herr,« grunzte seine Säuferheiserkeit, und die verschwollenen Äuglein glitzerten dazu, »in spätestens vier Tagen macht der Störtebecker in Marienhaven klar, um sich zum Gödeke Michael durchzuschlagen. Aber seine Flotte ist bemoost, zudem nur halb bestückt, seine Mannschaft schwierig, auch die Friesen in seinem Rücken grollen dem wahnwitzigen Schwärmer, da sie sich die verkauften Ländereien gern wieder aneignen möchten. Wenn Ihr die Zeit nützt, dann könnt Ihr ihn noch zwischen den Inseln abfangen. – Ich selbst will – getrieben von meinem Gewissen – Euch Führerdienste leisten – und dann mögt Ihr den Verkünder eines gotteslästerlichen Zeitalters, mögt den Verbreiter aller stinkenden Lüste foltern, pfählen und schmerzhaft zum Tode bringen.«

Er atmete schwer und befriedigt.

Auch Herr Nikolaus Tschokke stützte sich auf den Tisch und hielt sein ergrautes Haupt eine Weile verdeckt über seinen Pergamenten. Dann erst äußerte er wie nebenbei:

»Deine Angaben treffen nur halb zu. Der Störtebecker wird nicht zum Gödeke segeln.«

»Mit Verlaub, warum nicht?«

»Aller Himmel Gerechtigkeit,« stammelte der Freibeuter. Offenen Mundes, grüne Fahlheit auf dem schwammigen Fleisch, sank er ohne Einladung in dem großen Lederstuhl zusammen, denn eine düstere Befürchtung für sich selbst ließ ihm die Brust still stehen. Welche Verdienste würden diese Krämer wohl noch achten, wenn sie es wagten, den mächtigsten Seeherrscher der damaligen Zeit, den Verbündeten von Königen und reichen Städten gleich einem gemeinen Straßenräuber der Schmach und dem Schwerte preiszugeben? »Sankt Peter gewähre mir bei der Urständ ein leichtes Erwachen,« stöhnte er geistesabwesend, und seine Angst ließ den Verwirrten nach Rechtsgründen suchen, »gelten denn keine Freibriefe mehr? Der Michael lag mit Euch in ehrlicher Fehde!«

Als hätte der andere keinerlei Einwand erhoben, so stutzte der Bürgermeister kaltblütig weiter an seiner Feder herum, bis er endlich, ohne den Versuch einer Rechtfertigung, den Schwanenkiel fortwarf, um von neuem zu beginnen:

»Tu mir jetzt kund, wer bürgt mir dafür, daß deine Angaben der Wahrheit entsprechen? Hast du ein Zeugnis, wie weit man dir und deinesgleichen trauen darf?«

O, der allerheiligsten Jungfrau sei Dank, jetzt nahte die Rettung. Befreit atmete der Dicke auf, wischte sich die runden Schweißtropfen von der Stirn, und während er hastig und doch unendlich erleichtert ein dünnes Goldkettlein aus seinem Kittel nestelte, raffte er seinen gebrochenen Körper wieder zuversichtlicher empor.

»Hier, Euer Würden,« versuchte er vertraulich zu lächeln, obwohl es immer noch eine angestrengte Grimasse blieb, »dies gab mir eine gar zarte Dirn für Euch mit, damit Ihr erkennt, daß all meine Worte aus ihrem Munde stammen. Schon lange haust sie bei dem Störtebecker, dieweil er ihr schändlich Gewalt angetan und sie auch jetzt sonder Zucht noch Scham in Mannskleidern mit sich schleppt. Ist gar ein Elend, dies fein Ding zu sehn. – Hier – hier – überzeugt Euch.«

Mit zitternden Fingern legte er das Kleinod dicht vor den Würdenträger auf den Tisch.

Herr Nikolaus Tschokke aber rührte sich nicht. Nur von der Seite schickte er einen fast furchtsamen Blick nach dem Schmuckstück aus, um zu prüfen, ob wirklich die Schaumünze an dem Kettlein hing, die Linda einst als Kind aus den Händen seines Vaters empfangen. Und als er die Echtheit des Stückes festgestellt, blieb er unbeweglich sitzen und schloß von neuem die Augen. Nur einmal zuckte seine schon geöffnete Hand von dem Schmuck zurück, als ob Befleckung und Krankheit an ihm hafte.

Dem Wichbold aber entging die eigenartige Schwäche des Mannes nicht.

»Nun,« forschte er selbstbewußt, »traut Ihr dem Ding da?«

Das blasse Antlitz mit den geschlossenen Augen nickte.

»Dann lohnt mir nach Gebühr,« heischte der Wichbold jetzt frech, denn die Habsucht verführte ihn, und er schlug mit der Faust auf das grüne Tuch. »Wie wollt Ihr mich bezahlen?«

»Wie du's verdienst,« drang plötzlich eine Stimme durch den stillen Raum, die aus dem Himmel zu fallen schien, so wenig traute man dem beherrschten Stadtgebieter eine derartig stählerne Leidenschaft zu.

Was bedeutete das?

Stier, mit einem eigentümlichen Schlottern in den Knien schaute sich der Freibeuter um. Ehe er sich noch auf sich selbst besinnen konnte, auf den Ort, wo er weilte, an den hartgeschnitzten Bürger, mit dem er einen solch gefährlichen Streit ausfocht, da war ein bis ins Hirn reichender Blitz durch ihn gefahren, der schleuderte den schwammigen Leib des Schuimers widerstandslos in den Sessel. Er wollte die Hände ausstrecken, er vermochte es nicht. Er wollte irgend etwas vorbringen, am liebsten ein Flehen um Gnade, statt dessen zwang ihn seine grausige Willenlosigkeit nur zu einem mühsamen Lallen.

Der Bürgermeister hatte sich erhoben, seine kalten blauen Augen schnitten prüfend in die Qual seines Gegners, er winkte, die Scharwache quoll zur Tür herein, und auf ein neues Zeichen des Graukopfes hob sie den Stuhl samt seiner Last in die Höhe und trug die gelähmte, zur Schweigsamkeit verdammte Masse mit sich fort.

Eine Weile blickte ihnen der Bürgermeister regungslos nach, dann ließ er sich nieder, schob das Kettlein weit von sich und führte seinen Schwanenkiel kritzelnd über das Pergament.

Auf den Schiffen zu Marienhaven klopften inzwischen die Hämmer, Sägen knirschten, fauliges Holz wurde ausgewechselt, die Seiler lieferten neue Taue, und die Weber halfen, die rötlichen Segel auszuflicken. In überraschend kurzer Zeit bekleideten sich die abgetakelten Gerippe mit jener Haut und allen Nerven, welche die toten Meervögel wieder zum Flug befähigten, ja, die springend fieberhafte Ungeduld ihres Führers konnte man förmlich in den gewaltigen Holzleibern pochen und schwingen hören. Den Mächtigen aber, dessen Wink sich all diese unbotmäßigen, nach fesselloser Freiheit trachtenden Gesellen von neuem verschrieben hatten, der Wilde, Zügellose, von dem sie meinten, er allein könne ihre Sehnsucht nach Raub, Vergeltung und schrankenloser Besitznahme aller Güter der Erde gewährleisten, ihn trieb es in diesen Tagen der Vorbereitung ungestümer und wüster denn je umher. Oftmals mußte sich Licinius, der aus der Ferne jeden seiner Schritte überwachte, unter zehrenden Tränen bekennen, daß die Schmach verflatterter Hoffnungen oder die Scham, vor der Menge unterlegen zu sein, in dem Gebieter nichts anderes ausgelöst hätte als die Gier, all jenes Strahlende in sich auszulöschen, das ihn bisher von den Verderbten unterschied. Nächtelang praßte er mit allerlei verkommenem Frauenvolk in den Tavernen des kleinen Fleckens, ja, er veranstaltete sich zur Lust Einbrüche und Diebstahl in den Werkstätten und Läden der Eingeborenen, um freilich die davon Betroffenen gleich darauf in irrsinniger Freigebigkeit wieder zu entschädigen. Das Fürstliche des ehemals so Gottgesegneten äußerte sich nur noch in Verschwendung oder in der Sucht, die Verderbnis der Herrschenden zu übertreffen.

Kam er dann abgezehrt, mit tiefliegenden, flackernden Augen auf die »Agile« zurück, dann erfrischte er seinen Geist nicht etwa, wie früher, an dem Studium der Dichter und Philosophen, die er einstens so fröhlich durchstöbert, sondern er strich, gleich einem gefräßigen Wolf, auf Deck umher, um schimpfend und wetternd Fehler und Unterlassungen aufzuspüren.

»Fertig – fertig,« das war das einzige Wort, das er von den fieberhaft Beschäftigen erpressen wollte. Dazu schlug und mißhandelte er die ergrimmten Matrosen, wozu der Vornehme sonst nimmer seine Hand mißbraucht, oder er zwang seine Unterführer, daneben aber auch gemeines Volk, zu Zechereien und waghalsigem Kartenspiel, bis die minder Ausdauernden, von seinem Hohngelächter verfolgt, unter den Tisch der prunkhaften Kajüte fielen.

Es war klar, der Wein dieses Lebens wurde schal und ging in Zersetzung über.

Einmal fragte ihn der kleine Wichmann, der selbst diesen Verfall seines Zöglings mit der Aufmerksamkeit eines messenden und vergleichenden Gelehrten beobachtete:

»Wohlan, Cläuslein, zu welch letztem Ziel voll Purpurglut und betörender Klänge willst du uns nunmehr steuern?«

Das Ende eines jener übermäßigen Gelage war gerade herangenaht, so daß der Riese mit dem ehemaligen Magister nur noch allein hinter der weinbesudelten Tafel lehnte. Aus seinen Grübeleien aufgeschreckt, hob der Störtebecker das Haupt und strich sich die wirren Locken aus der Stirn. Offenbar mußte die Frage des Zwerges in einer sehr ähnlichen Bahn laufen wie seine eigenen Gedanken, denn der benommene Mensch griff nach der winzigen Hand seines Gefährten, als wolle er sich überzeugen, ob Fleisch und Bein jene Auskunft von ihm verlange. Dann sprach er, den Kopf gestützt, mit einem zerrissenen, nach innen dringenden Lächeln:

»Heino, hast du jemals an das Aufhören dieses ganzen Gewimmels gedacht? Welche Ruhe muß kommen, wenn das Erdherz seinen letzten Schlag tut.« Er riß sich die rote Schecke über der Brust auf, um an sein eigenes Schlagwerk zu greifen. Das hämmerte laut und stürmisch. »In den Eismärchen unserer Vorfahren, so man auch hierzulande noch erzählt,« fuhr er dann in sich gekehrt fort, »läuft ein Wolf herum, der die Sonne verschlingt und nicht satt wird, bis er alles Leben gefressen. Ich kenn' nunmehr das Untier, Heino. Es ist dein und mein Geschlecht und heißt Mensch. Es stürmt nach der Vernichtung. Welch ein Helfer würde der sein, der ihm den Weg dazu erleuchtet! Bruder,« und dabei zerquetschte er fast den Becher in seiner Faust, »ich möchte das von Teufeln bewohnte Reich an allen vier Ecken anzünden und dann, wie jener Sardanapal, mit Weibern, Suff und Spiel zur Asche fahren.«

Hinter ihm folgte diesem wütigen Begehren ein unbewachter Seufzer. Der Zecher fuhr herum und begegnete dem übernächtigten Antlitz seines Knaben. Allein der trauervolle Blick verschlimmerte des Seefahrers üble Laune noch um ein Bedeutendes.

»Dummer Bube,« herrschte er ihn an, »was starren deine Augen gleich zwei offenen Gräbern? Bete den Tag an, schlemme und füge deiner Natur keine Gewalt zu. Willst du, daß dich einst die Würmer verachten, die den Schluß machen? Heißa, vergeude, womit du jetzt sparst, und singe Schelmenlieder.«

So trieb es der Zertrümmerte seinen Nächsten zum Ärgernis, und je näher der Tag der Abfahrt rückte, desto gieriger fahndete seine Lüsternheit danach, dem Lande, das er preisgeben mußte, allerlei letzte Genüsse zu entlocken.

Was fehlte ihm noch?

An einem Spätnachmittag bemerkte man von den Schiffen im Hafen, wie der Reisewagen der Häuptlingsfrau van Neß langsam die Höhe der Brokeburg hinaufknarrte. Da fuhr der Admiral wie gestochen mitten aus dringenden Anordnungen empor und winkte heftig einen der Schiffsjungen zu sich. Jähe Röte flackerte in seinen Zügen, denn er schämte sich fast, daß er gerade dasjenige unvernichtet zurücklassen sollte, was seine Flamme schon so nah umzüngelt.

»Geh,« befahl er ohne Rücksicht auf die Umstehenden, zu denen auch Licinius gehörte, »melde dem Häuptlingsweib, ihr Wunsch sei erfüllt. Die Flotte laufe aus. Darum lade sie der Admiral zu einem Abschiedstrunk auf die »Agile«. Sage, es solle ein ihr würdiges Fest werden.«

Ungeduldig warf er dem Boten ein Silberstück zu, dann schrie er dem Davonspringenden noch über Bord nach:

»Schone deine Lunge nicht, Bursche. Lobe und rühme mich. Es hat Eile.«

Schweigsam hatte die schöne Occa die Botschaft angehört. Jetzt saß sie an dem Ausguck ihrer Kammer, von wo sie die Lichter der Flotte durch die Dämmerung zucken und blinken sah, und ihr eitler Sinn überlegte, welchen Entschluß sie fassen sollte.

Die Einsamkeit tat ihr nicht wohl. Voller Dunkelheit hing der Raum, in dem sie weilte, und nur aus ihrer offenstehenden Schlafkammer schwamm der trübe Schein eines Öllämpchens herüber. Allein die spärlichen Strahlen trugen ihr noch etwas Besonderes herzu. Jetzt, da der Augenblick herannahte, wo der glänzende Freibeuter, der Mann des Zufalls und des Abenteuers in das Ungewisse seiner gefährlichen Laufbahn hinausgerissen wurde, jetzt, wo man den Sagenumwobenen leicht für immer verlieren konnte, mit dem ihre Einbildungskraft nicht allein oft gespielt, sondern dessen schicksalsgestaltende Mannheit sie sich bereits durch ihre Künste gefügig gemacht zu haben glaubte, da kam ein bitteres Erinnern, ein Vergleichen über die Verkaufte, und ihr bisheriges Dasein erschien ihr nicht mehr so spielerisch und harmlos wie früher.

Seltsame Gestalten tauchten aus dem matten Schimmer zu ihren Füßen. Zuerst glaubte die Verlassene, die flüchtigen Lichtflecke formten sich zu einem menschlichen Klumpen, und obwohl ihre Sinne unerschrocken und grobkörnig waren wie die der meisten Frauen ihrer Zeit, so rückte sie doch belästigt zur Seite, als sie der Täuschung unterlag, das Ferkel kröche auf sie zu, um sein Borstenhaupt tierisch an ihrem Knie zu reiben. Die dunstige Wärme wurde ihr zuwider.

»Mach fort,« scheuchte sie das allzunahe Phantom und – erwachte. Offenen Auges sann sie dann weiter in die Nebelluft des versunkenen Tages. Dort drüben zwischen den dämmernden Lichtern harrte ihrer jetzt gewiß der Riese, denn hinter seiner Einladung – das wußte sie – lauerte sicherlich der Wunsch, sie endlich in seine Arme zu schließen, um sie zu unterjochen. Niemals hatte er ein Hehl aus seinem brennenden Verlangen gemacht, ebenso wie sie selbst kaum aufgehört, durch ein lässiges Versagen sein Gelüst zu schüren.

Versonnen lächelte die Goldblonde und stützte ihren Arm auf die Mauerplatte. Ein unendliches Wohlgefühl verursachte es ihr, sich dies alles vorzustellen. Ungebrochen war sie noch, und gerade ihre Freiheit sowie die Geschicklichkeit, mit der sie ihr höchstes Gut verteidigte, sie erfüllten sie mit einem herben Stolz. Aber während ihr jetzt die feuchte Seeluft die Wangen kühlte, da begann in ihren Gedanken jener heimlich nagende Ehrgeiz zu schmerzen, den sie von ihrem tollen Vater geerbt, und allerlei weitmaschige Pläne von möglicher Größe und künftiger Herrschaft knüpften das Netz zwischen ihr und dem Entfernten enger. Wenigstens versuchte die Schwankende, sich jenes unerklärliche Treiben und Drängen in ihrem Blut so auszudeuten. Warum sollte sie nicht die Kräfte jenes Unbändigen sich dienstbar machen, der mit Schätzen, Fürstentümern und Kronen so unbesorgt spielte wie sie mit den Huldigungen vernarrter Männer? Warum sollte sie nicht den Fuß auf jene Hand setzen, die sie hoch ins Licht heben wollte? Unermeßlich hoch vielleicht. Draußen in der Welt war man gerade dabei, einen König zwischen Schloß und Mauern verhungern zu lassen. Wohin konnte ein Kühner, den die Goldfäden des Volksliedes schon umspannen, nicht kecken Fußes gelangen? Namentlich wenn ein begehrtes Weib ihm List und Tollheit ins Ohr wisperte? Vielleicht war sie überdies schlau genug, selbst jenen Gewalttätigen noch einmal zu mäßigen. Gerade dieses letzte, dieses ungewisse, gefährliche Spiel reizte, wie sie meinte, ihre Unternehmungslust aufs äußerste.

Ja, sie war entschlossen, und während sie hastig in ihre Schlafkammer eilte, um sich heimlich und einsam anzukleiden, da überfiel sie der ganze, von ihr kaum gekannte Rausch, den ein Weib zu erregen und mitzuteilen vermag. Eine Metallscheibe zeigte ihr ihre Gestalt, und sie genoß dabei die Wonne, ein unsichtbares Schwert um ihre Hüften gegürtet zu tragen, das auf ihren leisesten Wunsch blutige Gesetze schreiben würde.

In diesem Augenblick umfing sie den Fernen und lehnte ihr Haupt an seine Wange.

Sorgsam wählte Occa ihr schönstes rotes Fältelkleid aus Leyden, und als sie es mit geschwinder Hand angelegt, da empfand sie selbst voll Befriedigung, wie der starre Goldschmuck des Gewandes, der sich über ihrer Brust zu einer Art Sonne verdichtete, den Strahlenkranz des Reichtums um sie schloß. Noch einmal spähte sie vorsichtig aus dem offenen Fenster, allein auf dem dunkelfeuchten Burghof war keine Seele zu erspähen, sie hörte nur, wie die Windsbraut von der Linde Wolken dürrer Blätter abtrieb, um darauf mit dem Kehricht tief unten auf den Steinen umherzukichern. Nun galt's!

Hurtig warf sich Occa ihren grünen, gleichfalls über und über mit Goldblechen besäten Mantel um, zog ihn nach der Sitte der Friesinnen über das Haupt und huschte leichten Fußes die Steintreppen hinab. Wie ungewohnt ihr dabei das Herz hämmerte, wie angestrengt ihre Brust atmete, und doch erinnerte sie sich nicht, jemals eine ähnliche Lust gekostet zu haben. Weiter, weiter, damit ihr jenes fremdartig beglückende Sehnen nicht etwa noch zuletzt durch irgendein Hindernis gehemmt würde. Jetzt schlich die dunkle Gestalt bereits über den Hof, nun drückte sie gegen das Pförtlein der Mauer. Gottlob, es war offen. Von der Anhöhe überschaute die Broketochter noch einmal das nächtige Gefilde. Der Meerwind, der über das Flachland pfiff, blähte ihren Mantel, die bunten Lichter der Flotte stiegen auf und ab wie ungeheure gebändigte Leuchtkäfer. Dies war die Sprache, in der der Störtebecker zu den Seinen redete. Aber plötzlich zog ein eigenartig überlegenes Lächeln um den Mund der Flüchtigen, genau so, wie durch die Signale dort unten die Nacht erhellt wurde; wie, wenn der unbeherrschte Mensch, den sie zu versuchen gedachte, sie nicht mehr aus seiner Gewalt entließe, wenn er sie mit sich schleppte? – O Schmach, ihr Stolz litt es nicht, sich solch einen Niederbruch vorzustellen, und der goldene Stirnreif, den ihr das Abenteuer noch eben entgegengereicht, er erblindete sacht in dem feuchten Nebel der Finsternis.

Eben wollte sie ihre Gewandung schürzen, um desto ungestörter wieder den Fahrweg hinaufeilen zu können, da stutzte sie, und im ersten Schrecken stürzte ihr der Mantel vom Haupt. Hilf Himmel, dicht unter ihr knarrte etwas Ungefüges aus der Schwärze hervor, das durchdringende Quietschen trockener Räder meldete sich, und ehe Occa noch den Entschluß fassen konnte, wieder durch das Tor zurückzuschlüpfen, wurde ihr Antlitz von dem Flackerschein einer Fackel übermalt. Ein Knecht trat hinter dem Wagen hervor. Der hielt ebenfalls inne, als er seine geschmückte Herrin gewahrte. Unter dem Leinendach aber grunzte wie in Spuk und Traum jene viehische Stimme, vor der ihre Jugend eben noch voll Widerwillen geschaudert hatte. Stumm, unbeweglich mußte das schöne, fackelbeleuchtete Bild mit ansehen, wie zwei Wäppner die gemästete Rundung des Ferkels von dem Gestell herabhoben, watschelnd kroch das Ungeheuer auf sie zu, dann weidete es sich lange an der Pracht und dem Schmuck der Wegbereiten, während die schmalen Schweinsäuglein fast hämisch dazu glitzerten. Endlich schnaufte der Klumpen so sanft er vermochte:

»Wohin, mein Trautchen?«

»Zum Störtebecker,« brach Occa zornig aus, da sie es verschmähte, vor ihrem Gatten Geheimnisse zu bergen.

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