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Claus Störtebecker

Zweiter Band (continued 2)

Reading edition

Er beugte sich über die ihm dargereichte Hand, schlug den Vorhang zurück und schied. Die drei anderen blickten ihm nach, als ob sich ein gewöhnlicher Mensch in eine Traumgestalt verlöre.

Mit brennenden Augen spähten die Freibeuter durch Luft und Erde, ob ihr Kundschafter nicht endlich heimkehre.

»Wie lange wartete wohl Josua auf die Boten aus dem gelobten Lande?« fragte der Störtebecker seinen Knaben, mit dem er lang ausgestreckt unter dem Sonnensegel des Bugaufbaues lag. Sie spielten Würfel, allein ihre Gedanken fanden in dem ledernen Becher keine Herberge.

Seit dem Streit mit dem Wichbold war der Riese wortkarg geworden. Sein Stolz schien eine eiternde Wunde empfangen zu haben. Nur der Wein, wenn er Gewalt über den schwer zu Brechenden erlangte, schrie manchmal mit fremden, prahlerischen und drohenden Zungen aus dem Entfesselten heraus. Aber selbst dann entdeckte Licinius in den glühenden Augen des Wilden noch das ernste Bild der Gottheit, das durch ihn über die Erde rufen wollte.

Um die beiden Lagernden herum hingen aus wolkenlosem Himmel jene kaum wahrnehmbaren Silbergespinste herab, mit denen Uranos das Meer an sich zu knüpfen und zu sänftigen sucht.

Es war Herbst geworden.

Die See rollte rote Wogen gegen die fernen weißen Kreidefelsen, und über ihnen auf den Erhebungen der Insel meinte das Auge des Seefahrers das Sausen und Wiegen der schwarzgrünen Wipfel zu spüren, so oft uralter Runenzauber in ihrem Schoße wühlt.

Wohl ließ der Störtebecker ab und zu die beinernen Ritter springen, aber er wandte keinen Blick nach ihnen, seine Seele war an etwas Früheres geknüpft.

»Wie lange warten wir nun auf den Wichmann?« fragte er zurücksinkend.

»Es geht bald in den zweiten Mond, Herr,« zögerte der Knabe.

Der Störtebecker streckte sich lang aus und preßte die geballte Faust schwer auf seine Brust. Dann sprach er langsam:

»Ich sage dir, Licin, wenn der jüdische General so lange hätte lauern müssen, wer weiß, ob sein Tatwille nicht gebrochen wäre. Das Warten hat zwei eiserne Arme, komm, ich wollte, mich umfinge Weicheres.«

Als sich jedoch neben ihm nichts rührte, schwieg der Riese eine geraume Weile, bis er endlich die Hand des Knaben suchte, um sich die Finger des Gefährten gewaltsam und wie zur Kühlung auf die geschlossenen Wimpern zu betten. Und wieder nach langer Zeit forschte er, als ob ihn ein Traum beschäftige.

»Sage mir, Bursche, was blickst du so aufmerksam auf die Dünen, seitwärts von der Felsenschlucht?« Der Liegende warf den Arm vor und zeigte auf die ferne, strichfeine Küste. »Merkst du dort eine hölzerne Hütte? Und daneben den Stall für die Ziegen?«

»Nichts schaue ich, Herr,« entgegnete der andere verwundert.

»Doch, du gibst dir nur keine Mühe. Rauch ringelt aus dem Schlot. Und in dem Riedgras vor der Schwelle steht – – – «

»Wer?« wagte Licinius zu unterbrechen.

»Ich selbst,« fuhr der Störtebecker plötzlich ungestüm in die Höhe, packte seinen Gefährten an der Brust und schüttelte ihn unter einem rauhen, abwehrenden Gelächter. Ganz nahe brannte das wilde Gesicht des Freibeuters vor den sanften erschreckten Augen des ihm Preisgegebenen.

»Torheit,« rief der Aufgestörte geringschätzig, »es sind Schatten. – Was kümmert es mich, ob man dort drüben frißt oder modert? Will mich nicht durch Weihwasser oder welke Küsse von meinem Weg treiben lassen.«

Hingenommen, verängstigt durch die kaum verständliche Drohung, aber auch bezwungen und aufgelöst von dem schreckhaften Zauber des Menschen, so lag Licinius vor dem Gebieter auf den Knien und schaute zu ihm auf. Jetzt aber flüsterte er ganz leise und doch voll Ergebenheit:

»Wer, Herr, kann dich ablenken oder abziehen? Dein Weg führt über die Wolken.«

Es klang so aus einer zur Gewißheit erhobenen Seele, daß es den gespannt Lauschenden wie ein scharfer Trank durchfuhr. Diesen geistigen Wein bedurfte er, er konnte ihn nicht mehr missen. Einen weithin hallenden Ruf stieß er aus, dann aber beugte sich der Riese stürmisch herab, umfing den Knienden, und indem er den schlanken Leib stützte, zauste er übermütig und in vollem Triumph in den Locken des Knaben herum.

»Recht, Bübchen, findest immer einen guten Spruch! Hab schon den besten Fang an dir getan! Nun aber laß das Heulen um alte Weiber. Wollen lieber sehen, wessen Glück besser gelaunt ist?«

Damit warf sich der Admiral von neuem neben Licinius auf den Teppich und begann mit einer unrastigen Gebärde den Würfelbecher zu stürzen. Hastig riß er dabei seine Gürteltasche auf und schüttete einen Haufen Goldes zwischen sich und den Freund.

»Da, Schelm, dies setz' ich gegen dich. Möcht' dich gern vollends um Hab und Gut bringen.« Und als ihn sein Gefährte kleinlaut bedeutete, daß ihm ja nichts mehr an Gold und Besitz eigne, da schlug der andere eine vieldeutige Lache auf und meinte: »Flunkere nicht, Püppchen, es ließe sich dir wohl noch manch Gutes abgewinnen.«

Da senkte Licinius plötzlich betroffen die Augen, zitterte und bettete unerwartet beide Hände über den Becher.

»Was soll das?« rief sein Herr ärgerlich über die Störung, konnte es aber doch nicht verhindern, daß sein Knabe wie in Angst und Not in das eben verlassene Gespräch zurücklenkte.

»Herr,« brach er mit einmal hilflos ab, »ich verbarg dir etwas. Heute morgen wiesen sich zwei Schiffsleute deine Heimat auf Saßnitz. Und der eine meinte, du suchtest nur deshalb nicht nach den Deinen auf der Insel, weil sie arm und elend wären.«

Jetzt sprang der Riese empor und schob seinen Gefährten heftig mit der flachen Hand von sich.

»Dulde dies nicht,« bat Licinius noch einmal. »Warum sollst du Tröster gerade deine Nächsten verachten?«

Unterdessen war der Störtebecker bis zu dem eingebauten Bugspriet geschritten, dort, wo die Riesenlaterne als erstes Wahrzeichen des Schiffes bei Nacht ins Meer leuchtete. Hier stand er abgewandt, nagte verdrossen die Lippen und schleuderte zuweilen die Rechte von sich, als ob er irgend etwas Verbrauchtes ins Wasser würfe. Endlich rief er schneidend über seine Schulter zurück:

»Daß es in euren Hirnen nicht anders wachsen will als die Kohlköpfe, in langen, geraden Furchen. So will ich euch denn zeigen, wer meine Nächsten sind? Ob ihr, die ihr an dem Henkerstuhl vorbei mit mir ins Ungewisse zieht, oder jene, die sich unter ihren Schlafsäcken vor mir verstecken! Bei Sonnenuntergang halte dich bereit. Toren und Strohwische,« brach er plötzlich anklagend aus, »möchtet gern fliegen und klebt wie Lehm an den alten Nestern.«

Sie bückten sich tief, als der prunkhaft geschmückte Mann in der grauen Dämmerung an ihnen vorüberwandelte. Da und dort standen die unfreien Sassen auf dem öden Strand, denn von weit hinter den Bergen liefen sie schon seit Wochen herbei, um ihre schreckstarre Sehnsucht an den fernen Schatten der Gleichebeuterschiffe zu weiden.

Zwar die dort draußen waren Satansgelichter! Das Kloster predigte es, der Vogt bestätigte es, die Gottverfluchten wollten die Welt an allen vier Ecken anzünden. Um mehr handelte es sich nicht. Dumm und verständnislos hatten die Sassen dazu genickt. Aber als jetzt der Übeltäter geschmeidig an ihnen vorüberstrich, der Unheimliche, Glänzende, Sagenumsponnene, vor dessen unmittelbarer Gewalt der Abt, der Graf, ja sogar die kleine Herrscherhoheit des Herzogs von Wolgast verblich, da klopfte den Benommenen das Herz bis in die Zähne, da gurgelten ihnen Wut, Erkenntnis, Hingerissenheit durch die Kehlen, da schlug es ihnen den Rücken ein, und sie brachen vor dem Traumbild ihrer müden Seelen in den Staub.

»Du – du,« stammelten sie mit hoch erhobenen Armen.

Selbst der Vogt, jetzt ein gichtgekrümmter, hundebissiger Siebziger, an dessen Schläfen nur noch ein paar zerzauste Weißsträhnen flatterten, er ließ mit offenem zahnlosen Munde das Wunder an sich vorübergleiten und hielt sich mühsam an dem kronengeschmückten Stab aufrecht.

Der Störtebecker aber erkannte ihn sofort. Er maß ihn mit einem mitleidigen Blick.

»Lebst du?« fragte er.

Selbstbewußt nickte der Alte, versuchte sich zu recken und bohrte seinen Stock tiefer in die Nässe. Plötzlich bellte er heftig:

»Es ist verwehrt, an dieser Stelle zu landen.«

Da brach der Störtebecker in ein geradezu unbändiges Gelächter aus, selbst der Vogt verfiel vor all den Zeugen in eine unentrinnbare Verlegenheit, und am ganzen Strand heulte und wütete ein einziges tobendes Brüllen. Welch ein frischer Wind, welch ein Wirbeln unter dem jahrhundertealten Staub der Verordnungen. Endlich bezwang sich der Gleichebeuter. Er riß seinem Buben ein Beutelchen aus der Hand. Das warf er dem Knurrenden dicht vor die Füße.

»Mag dich gern leiden, Klotz,« gestand er. Dann zeigte er auf die Dünen. »Und dort oben?« forschte er heimlich.

»Lebt,« kam es aus dem Munde des Vogts einsilbig und ohne Dank.

»Wohlan, so kümmere dich nicht weiter um mich.«

Ungeduldiger als bisher schlang er seinen Arm unter den des Knaben und zog diesen den Dünenpfad in die Höhe. Allein kaum nach ein paar Schritten hielt er inne, um sich nochmals zurückzuwenden.

»Kehre ich wieder,« rief er mit seiner hellen schmeichelnden Stimme, die ihm so oft aller Herzen gewann, »dann, Vogt, will ich nicht mehr die Hafengerechtsame verletzen. Ich bin nicht gekommen, um vernünftige Ordnung zu stören. Möchte sie euch gerne bringen. Hört ihr, in meines Herzens Schale bringen. Und nun, bleibt jung.«

Da huldigten unten die Unfreien und warfen dem Menschenfischer die Mützen nach. Der Vogt jedoch schwang in schiefen Wendungen seinen Stock gegen die Menge, keifend:

»Packt euch – was lungert ihr müßig herum? Wir wissen nicht, wer der vornehme Herr war – keiner störe ihn auf seinen Pfaden.«

Das verrunzelte Fischerweib trat auf die Schwelle der Kate und schwang einen brennenden Kienspan gegen die Dunkelheit. Fest stemmten sich ihre derben, nackten Füße in den Sand, und ihre mißtrauischen blauen Augen weiteten sich, als hinter dem Vorhang von Kienrauch und feuchtem Seenebel zwei fremde Gestalten auftauchten. Undeutlich leuchtete es draußen von Gold und Seide. Seltsam – seltsam – die Alte strich sich über das glatt gescheitelte weiße Haar und wich vor Bewunderung unwillkürlich zur Seite. – Wie lange Zeit mochte wohl verstrichen sein, seit sich ihr – der Jungen, der die Mannsbilder so hitzig nachstellten – ein ähnlich Blitzender genähert hatte? Vorbei – das war längst vergessene Bitternis. Allein die Art Herren brachte den Geringen nichts Gutes ins Haus! Und was hatte dieser da, der sich unter dem Eingang wohl gar noch tiefer bücken mußte, als es einst von ihrem Verstorbenen geschah, was hatte dieser so befehlshaberisch und sicher in ihre Hütte zu dringen?

Plötzlich ließ Mutter Hilda die Leuchte fallen, so daß sie erlosch. Obwohl Himmel und Meer wie eine schwarze Grube unter ihr gähnten, so waren vor ihrem geistigen Auge dennoch die Umrisse der Gleichebeuterschiffe aufgestiegen. Dann hörte sie das geheimnisvolle Raunen der Nachbarn, sie fing auf, wie man mit Fingern auf sie wies – und mit einemmal spürte sie, wie eine drohende Hand ihr Herz festhielt, bis es ihr nichts mehr vermittelte. Weder Freude noch Scham, weder Hinneigung noch Grauen. Nichts redete in ihr als jene kalte, rauhe Stimme, die da fragte:

»Was will der Fremde?«

Die Falten auf der Stirn zog es ihr kraus, ungerührt konnte sie in die Hütte zurücktreten, dem Unbekannten nach, wie jemand, der sein Hausrecht wahren will. Aber als nun die Frühgealterte im Schein des Herdfeuers unter dem Mantel ihres Besuchers die Fürstenkette blinken sah, als ihr abgeneigtes, strenges Antlitz von den schwarzen, lebhaften, herrschgewohnten Augen festgehalten und angezogen wurde, da wankten ihr die Beine unter dem Leib, und die Gewohnheit, sich stumm vor allem zu bücken, was mit dem Anspruch der Macht unter die Geringen trat, es zog ihr den noch eben straffen Rücken furchtsam vornüber.

Verehrungsvoll wand sie die starkgeäderten Hände umeinander.

»Kennst du mich?« entglitt es dem Störtebecker, der vor der Esse stand, wo er gegen die lähmende Wirkung des Vergangenen ankämpfte.

»Was sollt ich nicht?« murmelte die Weißhaarige, sich vorsichtig zurückziehend, und dabei bekreuzigte sie sich stumpf.

Ihr Sohn tat einen starken Schritt gegen sie, die Hütte dröhnte von seinem Gang.

»Gib mir die Hand,« forderte er stürmischer, als er ahnte.

Die Fischerfrau sah an dem großen, herrlichen Menschen in die Höhe, dann schüttelte sie in ringender Verständnislosigkeit das Haupt und versteckte ihre Finger hinter der groben Schürze.

»Wir sind arme Leute,« murmelte sie.

Ihr Bedränger jedoch fing ihre Rechte gewaltsam ein und preßte sie, bis die Alte wimmerte.

»Freu dich,« drängte er, als könnte er sogar Wärme und Neigung befehlen.

Wieder jener verzweifelte Blick der Leere und dann unter Scheu und Zögern:

»Ich weiß nicht mehr, wie es tut.«

Da quoll sie endlich hervor, die herabgewürgte Wut einer Vergessenen, da entlud sich das dumpfe Leid, keinen Anteil zu haben an dem, was der Leib in Schmerzen gebar. Und doch, der kluge Menschenverstand des Fischerweibes bedeutete ihm sogar noch zu dieser Frist, daß dies alles nach der Ordnung der Dinge wäre, weil der Fischerkittel niemals erhorchen könne, wie es unter dem Herrenwams hämmere, weil die Engnis der Sassenhütte unmöglich das Gedränge der Welt zu erfassen vermöge, und nicht zuletzt, weil die Jugend von jeher vom Alter fortstrebe wie Störche und Stare, wenn sie die Kälte spüren.

Alles längst ganz vernünftig überlegt. Aber jetzt, wo ihr das Fremde nahe gerückt war, da wehrte sie sich erbittert gegen ihr Geschick und schüttelte hartnäckig den Kopf. In der Stille, die sich einschlich, stand der Heimgekehrte verfinstert neben der Esse. Und siehe da, er hatte seinen Knaben an die Hand genommen, als müsse er jemand nahe wissen, der sich zu ihm rechnete, einen Bürger aus jener Welt, die noch ungeschaffen hinter Kreisen tanzenden Lichtes schlummerte.

Auch die Alte blickte forschend auf das hellglänzende Haar des Jünglings, auf die biegsame Gestalt und auf die ausladende Weichheit der Hüften. Abermals wiegte sie argwöhnisch das Haupt. Über die Wangen des jungen Dänen aber schoß eine feurige Glut. Sie rührte nicht von den brennenden Buchenklötzen des Herdes her. Es war das erstemal, daß Linda, seit ihrem tiefen Fall, wieder einem ehrbaren Weibe gegenüberstand. Sie fror.

Da rührte sich ihr Herr. Das Leuchten war aus seinen Zügen entwichen, dafür beherrschte ihn gänzlich jenes kurze, rücksichtslose Zugreifen, das die meisten Dinge kaum einer Prüfung für wert erachtete.

»Was weißt du von mir?« warf er der Alten hart und sachlich zu. Die stand und verfolgte aufmerksam, wie der Riese den schwarzen Mantel über den Tisch schleuderte. Es schien also, als wollte ihr Sohn noch länger weilen. Um die geschlossenen Lippen des Weibes zuckte es.

»Die Leute sprechen viel,« überwand sie sich endlich.

»Was?« forderte der Störtebecker allmählich gereizt ob ihrer sprechfaulen Störrigkeit.

Da geriet etwas mehr Leben in die Erstarrte. Gerader richtete sie sich auf, bis sie endlich gestrafft vor dem Wartenden stand, wie in alten Tagen, sobald ihr hitzig Wort oder ihre strafende Hand irgendeine Verfehlung an dem schwer lenkbaren Jungen sühnen wollte.

»Ist es wahr,« erkundigte sie sich schon mit zitterndem Abscheu in der Stimme, »daß du die große Stadt Bergen verbrannt hast?«

War es das Aufflackern des Feuers allein, in das der Freibeuter eben mit aller Wucht die Zange hineinstieß, wodurch seine kühnen Züge so gräßlich verzerrt wurden? Einen wilden Blick des Einverständnisses, des Hohnes, der ohnmächtigen Raserei warf er seinem bebenden Licinius zu, dann ließ er sich auf die Herdbank sinken und riß sich gewaltsam ein hämisches Lachen aus der Brust.

»Wahr,« rief er in widersinniger Freude über das Entsetzen, das er entfesselte, »was weiter? Die Fackeln, die die Welt erleuchten, riechen oft nach Menschenfett!«

»Ach du Barmherziger, vergib uns unsere Sünden,« stöhnte die Mutter geistesabwesend und schlug im Jammer um eine untergegangene Menschheit beide Hände vor ihr Gesicht. Jedoch nicht lange, denn gleich darauf schreckte sie auf, um geschäftig ihre Finger unter dem Brusttuch zu verbergen. Alle ihre Bewegungen malten deutlich die Angst, auch sie könnte irgendwie durch Asche, Blut und Unrat besudelt worden sein.

»Was willst du?« wehrte ihr Sohn den stummen, unbequemen Angriff ab. »Gib uns was zu zehren.«

Die Fischerfrau hörte nicht, sie streckte vielmehr den Arm gegen die Fensterluke, als könnte sie durch sie hindurch auf die verbrannte Stadt deuten, denn die verkohlten Sparren zeichneten sich für sie zackig gegen die Nacht ab.

»Bin nur dumm und ungelehrt,« beharrte sie mit dem Starrsinn des Bauernmenschen, »deshalb sage mir, warum du das verübt hast.«

Da griff sich der Störtebecker an die Kehle, als könnte er in diesem dumpfen Loch keinen einzigen freien Atemzug mehr gewinnen, ein Ringen war's, das den Krämpfen des alten Claus Beckera ähnelte, dann aber riß er sich plötzlich in Wut die Goldkette vom Halse und schleuderte sie mitten auf den Ziegelboden, daß sich ein sprungartiges Reißen und Klirren erhob.

»Nimm,« schrie er in der verworrenen Meinung, sich loskaufen oder den unbegreiflich drohenden Mund des Weibes schließen zu können. »Was gehe ich dich an? Aber es ist nicht wahr, daß nur von weißen Lämmern das Gute in die Welt gebracht wird. Schau mich an, saufe das Blut fuderweis und will doch hoch hinaus. Weib, Kain und Judas waren gar große Herren. Die Befreiung geht oft durch das Übel.«

Weit streckte er die Füße von sich, stützte die Fäuste hinter sich auf die Bank und horchte in Qual und Fieber darauf, ob diese Alte nicht doch, wie alle anderen, vor ihm zusammenbrechen würde. Mutter Hilda aber schritt schweigend an den Tisch, dort zog sie ernsthaft ein langes Kreuz in die Luft und sprach beschwörend:

»Ich will meine Hütte scheuern, wenn du geschieden bist. – Nur noch eines, damit ich doch sicher weiß, von wem du stammst? – Bist du's, der wehrlosen Weibern Gewalt zufügt?«

Dicht neben der Esse entfärbte sich das Antlitz des jungen Dänen, er versuchte mit erhobenen Händen den Feldstein abzuhalten, der ihm wuchtig gegen die zarte Brust flog, allein er brachte es nur zu einem unverständlichen Flüstern. Mühsam, taumelnd wollte er sich gegen die weißhaarige Richterin schleppen, jedoch bevor er noch eine einzige Bewegung ausführen konnte, da pfiff ein kalter Wind zur Tür hinein, und auf der Schwelle erschien eine zierliche Gestalt, die verbeugte sich artig und schwenkte in übertriebener Höflichkeit die Kappe.

»Heino,« jauchzte der Störtebecker, sprang ungläubig von seinem Sitz und dabei griff er mit den Armen in die Luft wie ein Schwimmer, der mit ein paar letzten verzweifelten Stößen schweres, fauliges Sumpfwasser zu durchbrechen sucht. Vergessen war das zermürbende Ringen, der abscheuliche Kampf gegen das, was einst nahe seinem Herzen wuchs, abgestreift, als lächerlich erkannt das Anrennen gegen die bröckelnden Ruinen einer dummen, verfrömmelten Zeit. Sturmwind sauste zur Tür herein, er würde die wankenden Mauerreste von selbst umwerfen, Sturm jagte die Lappen und den dicken Qualm in der Hütte auseinander, und der dort an der Schwelle, der die Windsbraut hereinließ, er war nur einer seiner ausgeschickten Gedanken, die von nun an das verrunzelte Antlitz des Geschaffenen verjüngen und veredeln sollten.

»Heino,« schrie er seiner selbst nicht mächtig und packte seinen Kundschafter an der Schulter, daß der Kleine wankte. »Sendling meiner liebsten Hoffnung, bringst du mir und dir und all den Verschmachteten die Vernunft, die Ruhe und den Frieden? Werden wir Brüder sein? Oder müssen wir einander weiter morden?«

In der Hütte verflog der Atem des Lebens, selbst das strohblonde Kerlchen rang unter den Fäusten des Zitternden nach Fassung. Und seine schrille Stimme drang allen Hörern durch Mark und Bein, als sie sich spitz und schneidend aufschwang:

»Dein Wille und dein Name haben gesiegt, Claus Störtebecker. Die Edelinge der Friesen wollen mit dir handeln um Land und Niederlassung. Deine Hoffnung erfüllt sich, das Tor springt auf, du kannst einziehen als der Fürst der Hungernden und dein Reich der Brüder begründen.«

Einen Augenblick verstummte der fürstliche Mensch, eingehüllt in eine goldene Wolke, ernsthaft und doch beinahe kindlich in einen fernen Feiertag lauschend. Doch schnell und fast ohne Übergang griffen die Dinge des Tages nach dem für die Erde Geborenen. Das frostige Elend der Hütte, die zersprungenen Ziegel des Estrichs und am meisten die dumpfe Verständnislosigkeit in den zerwühlten Zügen seiner Erzeugerin, sie rissen ihn aus dem Tanz der Lüfte und offenbarten ihm klar und streng, daß von jetzt an nur nüchterne Werkzeuge wie Spaten und Pflug, den ersehnten Schatz aus den Schollen schürfen würden.

Ungestüm warf er sich den Mantel um, dann blickte er noch einmal aufmerksam in der trübe verqualmten Engnis umher, bis er ruhig und gelassen vor Mutter Hilda treten konnte.

»Wir gehen zu Schiff,« nahm er von ihr Abschied. »Lebe wohl, Weib. Entweder du und deinesgleichen ziehet mir eines Tages nach, oder deine sündige Frucht mag im Gedächtnis der Menschen faulen!«

Die Hütte stand leer, in Sturm und Nacht waren die Gespenster des Aufruhrs verschwunden.

Da stieß Mutter Hilda nach einigem Besinnen einen Eimer Wasser um und begann, wie sie versprochen, die Stelle, wo ihr Einziger gestanden, zu scheuern!

Das vierte Buch
Das vierte Buch

Das vierte Buch

I.

W
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»Wer seid ihr, ihr glatten Dirnen?« staunte der Störtebecker das glitzernde Frauenvolk an.

In der einsamen Ley-Bucht schlich die »Agile« vorsichtig zwischen den grünen Watten hindurch, die der Einfahrt von Marienhafen an der ostfriesischen Küste vorgelagert sind.

Schon konnte der verlangende Blick des Schiffslenkers, denn der Admiral stand selbst am Heck, die braunmoosigen Dächer des kleinen Hafenortes aus den Marschen emporwachsen sehen, schon läuteten von rechts und links die Glocken der weidenden Kühe über die schmale Fahrtrinne, da wurde die »Agile« von diesen übermütigen, Kurzweil suchenden Schwimmerinnen umzingelt, eingefangen und umtanzt. Rudernde Arme schnitten durch die Flut, helle Leiber blitzten, ein jauchzender Reigen bildete sich, und siehe da, tief unten, auf das ungefüge Steuerschwert hob sich bis zur Brusthöhe die Anführerin der Rotte, und ein feuchter Spritzer aus ihrer Hand flog dem Störtebecker ins Gesicht. Der Gleichebeuter jedoch war schon vorher geblendet. Die kecken braunen Augen unter den nassen Goldflechten, das Wunder der Nacktheit betörten ihn, so daß er in seiner glücklichen Habsucht für einen Herzschlag sich, seinen Zweck und den Sinn seiner ernsten Fahrt vergaß. Völlig behext warf er sich über die Brüstung der Galerie, ganz an den unmöglichen Versuch verloren, aus dieser Höhe den Seespuk für sich einzufangen.

Da lachte es frisch von unten herauf, weiße Zähne enthüllten sich, und eine unerschrockene Stimme rief:

»Bist du nicht der Störtebecker? Der Schuimer, der hier ein ganz Land stehlen will?«

»Der bin ich,« gab der Admiral schwer atmend zur Antwort, denn von der tiefen Beugung war ihm das Blut gewaltsam in Stirn und Wangen gerollt. »Warum aber läßt du dich nicht fischen? – Wer bist du?«

»Ich?« höhnte es von unten und zugleich ließ es sich von dem Brett herabfallen. »Hier wirst du nichts fangen, Gleichebeuter. Ich bin Eala, frya fresena.«

Es war das Losungswort der alten freiheitsdurstigen Gaue, in die der Störtebecker eben einfuhr. Im nächsten Augenblick huschten und ruderten die Mädchen schon von allen Seiten dem Schiffsungetüm aus der Nähe, und bald hatte ein hohes Binsengestrüpp, das auf einer Landzunge weit in die Bucht hineinschnitt, den Schwarm jeder Verfolgung entzogen.

Wohlig reckte sich der Störtebecker, kam zu sich, und da ihm zuerst sein Knabe in die Augen fiel, der düster und von ihm abgekehrt weit über die sich neigenden und schwirrenden Wiesen starrte, so schlug er ihm derb auf die Schulter und rief noch ganz erfüllt von dem unerwarteten Gruß:

»Welch schönes Land! Welche Freuden erwarten uns hier! – Geh, fange keine Grillen, Licin! Laß uns das freundliche Vorzeichen vielmehr annehmen. Wie sagte das Ding? Eala, frya fresena!«

Und er breitete in der weichen Herbstsonne beide Arme aus, als ob seine Brust und die näher rückenden Weiden miteinander kosen sollten.

Warum aber konnte sich der Knabe seiner schweigsamen Versunkenheit nicht entreißen? In ihm zitterte etwas, wie wenn ein feines Glas einen Sprung erhält. Enttäuscht, blaß, verängstigt hatte er das nackte Treiben um das einfahrende Schiff beobachtet. Und sein sehnsüchtiger Glaube sträubte sich erbittert gegen den Widerspruch zwischen der Heiligkeit seiner Erwartungen und dem leichtfertigen Schauspiel, das hier ihren frommen Einzug begleitete. Zum erstenmal, seit das sich entfremdete Weib dem gepanzerten Heiland folgte, wie Linda ihren Bezwinger ergebungsvoll getauft hatte, wurde sein Bild durch Vorstellungen ihres früheren Daseins verdrängt. Weit öffneten sich ihre Augen für etwas Altgewohntes und doch längst Entfremdetes. Über die saftigen Wiesen der Marschen sah sie hinter einer Schmetterlingswolke einen Wanderer ziehen. Er trug weißes Gewand, dunkle Locken fielen ihm tief über die Schultern, ähnlich wie sie es auf dem Bilde des Giotto geschaut, und der Mann streckte seine Hände über die Häupter von Krüppeln und Bresthaften aus, die am Wege auf ihn lauerten. Nur ganz hinten, im Wesenlosen des feuchten Brodems, folgte ihm eine Schar zaghafter Frauen. Toller gaukelten die Falter, die Erscheinung verging und kehrte zurück. Verstrahlte und leuchtete wieder auf.

Was bedeutete das?

Linda zitterte und schloß die Augen. Furcht hinderte sie, noch mehr wahrzunehmen.

»Eile, Licinius,« schrie der Störtebecker, der weiten Schrittes über Deck wandelte, dazwischen. »Laß der Mannschaft Wein austeilen. Und du selbst fliege zu mir, mein Büblein, damit wir uns gütlich tun.«

Der Turm an der Hafenmündung rückte heran, Boote begannen das Fahrzeug zu umkreisen, der Lärm der Werkstätten und der Arbeit meldete sich, und die »Agile« warf Anker.

Bis in den späten Nachmittag hinein stieß die Brust der mächtigen Führerkogge ein einziges Jauchzen aus. Angefeuert vom Wein, berauscht durch die gar nicht faßbare Aussicht auf unangefochtenes Bürgerleben, jubelte, sang und pfiff die Mannschaft, sie säuberte und wusch sich, als ob es zum Tanz ginge. Ja, der Ire Patrick O'Shallo, der mit fünf der schmucksten Burschen auserwählt war, die schweren Geschenktruhen in das nahe Häuptlingsschloß zu schaffen, er ließ sich von dem Hebräer Isaak einen metallenen Spiegel vorhalten und kämmte in inniger Befriedigung sein langes gelbes Haar. Zum Schluß steckte er sogar ein Heidekrautbüschel, das ihm von einer kleinen rotröckigen Friesendirn über Bord zugeworfen war, an die lederne Kappe, und während er vor geschmeichelter Eitelkeit einen Luftsprung tat, biß er dem Juden zärtlich in die Wange.

»Jetzt freie ich,« flüsterte er hingerissen, »und gib acht, Mauschel, wie oft du bei mir Gevatter stehen wirst.«

Aus den Augen des alten Juden aber antwortete ein Fieber. Inbrünstig, mit einem unheimlichen Verlangen verschlang er das nahe Land, und zuweilen blickte er fassungslos in den goldroten Abendduft, als wäre dies ein anderer Himmel, wie er sich sonst nirgendwo über Menschen und Ansiedlungen ausspanne.

Auch in der Admiralskabine hallte es von Frohlocken und Liedern wider. Dort ließ sich der Störtebecker von seinem Knaben sorgsam Stück für Stück seines blauen Prunkgewandes anlegen. Und obwohl er dabei oftmals die Verträge durchstöberte, die vom Hauptmann Wichmann sauber aufgesetzt waren, so behielt er doch immer noch Zeit, seinem sanften Helfer übermütig das Haar zu zausen oder ihm sogar einen neckischen Backenstreich zu versetzen. Keineswegs merkte er dabei, daß es ein Weib sei, das er in Verwirrung bringen könnte, und auch Licinius versah seinen Dienst in einer glücklichen Ferne und schreckte nur zuweilen empor, wenn ihm sein Gebieter die Hand um die Kehle legte, dazu beteuernd:

»Büblein, dir soll es gut werden. Magst du beten, wohlan, ich will dir eine Kirche bauen. Willst du jagen, du sollst Hunde und Falken haben. Nur lache und sei vergnügt. Wie jetzt.«

Und auf den Lippen des stets Bereiten erschien ein folgsames Lächeln.

Ja, in dieser ersten Stunde war die »Agile« in den offenen Himmel eingelaufen.

»Die Fölke gibt dich in unseren Schutz,« meldeten sie in ihrer kargen breiten Sprache.

Aufmerksam maß der Störtebecker die beiden Hochgewachsenen. Das ganze Volk in seinem sicheren Kraftbewußtsein schätzte er nach diesen ersten Boten ab, und ein heißes Wohlgefallen überkam ihn, als er daran dachte, welche ruhige Würde, welche natürliche Selbstachtung die Freiheit verlieh.

Ganz in der Nähe winkte wohl doch das Land der Menschen.

»Wir nehmen den Schutz der Fölke an,« sprach er deshalb mit weniger Spott, als er beabsichtigte. »Kommt, Burschen.«

Vielleicht hatten die Reisigen einen schweifenden Seeräuber zu finden gemeint, einen Angehörigen jener Friedlosen, mit denen man wenig Umstände machte, die fürstliche Weise dieses Mannes jedoch brachte sie außer Fassung. Vor ihre Füße rollten ein paar Goldstücke. Der Admiral, nachdem er sich zum Gehen gewendet, hatte sie ihnen hingeworfen, wie man Hunden den Fraß streut. Bereitwillig bückten sich die Spießträger und sammelten den ungewohnten Schatz auf, denn auf ihrer mühsam dem Meer abgerungenen Scholle griff man gierig nach Besitz und Wohlstand.

Betroffen hörten sie mit an, wie die große Trommel geschlagen wurde, als der Gleichebeuterfürst, gefolgt von seinem Knaben, über die breite Treppe das Schiff verließ, und sie erschraken mit den anderen Matrosen, da sie wahrnahmen, wie die riesige Gestalt des Anführers gleich beim ersten Schritt aufs Land der Länge nach niederstürzte.

»Was ist dir?« erblaßte Licinius und wollte nach seinem Gebieter greifen.

Der aber wandte ihm sein lachendes Haupt entgegen, sprang auf und reichte ihm eine Krume der eben beschrittenen Erde.

»Tor,« flüsterte er dem Schreckgebannten zu, »merkst du nicht, ich äffe den Makedonen Alexander nach? Ich eigne mir dies Land an. Und dir gebe ich es, du Reiner.« Und in sich gekehrter setzte er hinzu: »Mir ist, als würde ich es behalten, so lange du neben mir wandelst.«

Alles Blut strömte dem Blonden zum Herzen, schreckhaft färbten sich seine Wangen, aber über dem Abendgold des Himmels sangen für ihn doch wieder jene seligen Scharen, die schon so oft um das dunkle, eigenwillige Herrscherhaupt musiziert hatten. Und vertrauter, inniger schmiegte sich der Verstummte seinem Gebieter während des Schreitens an.

Nicht lange.

Dicht neben dem Fluß wurde von einem dritten Knecht ein starker Schimmel gehalten, von jener wohlgenährten Art, wie sie das Brokmerland damals züchtete. Mähne und Schwanz waren von langen bunten Bändern durchflochten, die fast bis auf die Erde hingen, und ein goldenes Blech lag dem Tier dicht um die Stirn.

»Eia,« rief der Störtebecker wohlgelaunt, während er sich in den Sattel schwang, »Frau Fölke weiß, wie man artig schenkt.«

Da lachten die Knechte und raunten untereinander. Bis einer von ihnen sich die schwarze Filzröhre aus der Stirn schob, um sich zu der Auskunft zu bequemen:

»Schlecht kennt Ihr die Fölke, Herr. Noch nie hat sie etwas verschenkt. All ihr Vieh würde hungern, wenn wir es nicht heimlich fütterten. So ist auch dies Roß hier nur geliehen.«

»Potz Velten,« rief der Reiter, der inzwischen sein Tier angetrieben hatte, »so will ich ihr die Mähre in Silber aufwiegen. Gehört mir doch für immer, was mir einmal gedient.«

Der Knabe, der den Zügel gefaßt hatte und nun neben dem Schimmel herschritt, hob versonnen den Blick zu seinem Herrn. So zogen sie über die einsamen Wiesenpfade der Burg entgegen.

Auf dem Kastell der Brokes knisterten an den Wänden des langen Saales die Leuchtfackeln. Der Raum war so niedrig, daß ein hochgewachsener Mann, wenn er sich aufreckte, wohl die schmucklosen Bohlen der Fichtendecke hätte fassen können. Manchmal knackten dort oben die von der Kaminhitze ausgedörrten Bretter, als ob jeden Augenblick ein neuer Riß das Holzgefüge sprengen wollte. Ein Frösteln wehte durch die schlecht erleuchtete Halle. Nur mühsam konnte ein Fremder die im Flackerlicht wechselnden Gesichter der Häuptlinge erkennen, die sich hier auf einen Wink der Fölke zur Beratung zusammengefunden hatten. Wohl waren sämtliche dieser kleinen Burgherren seit Geschlechtern durch bittere Erbfehde, Blutrache und Zerwürfnis voneinander getrennt, allein ihre Gier nach Vorteil und Gewinn fraß dennoch hitziger als selbst der alte Haß. Gebot doch auch der gute, nachbarliche Neid, daß man den Brokes keinen besonderen Nutzen gönnte, zumal der blutlosen, brandroten Fölke nicht, der man wie einem gefährlichen Gespenst den Namen der »Quade«, das heißt der Bösen, zugelegt hatte. Wahrlich, niemand konnte es den Edelingen von Dornum, Norden und Faldern verargen, wenn sie lieber auf Mord und Brand ausritten, ehe sie auch nur eine Stunde der heimtückisch lächelnden Quade Fölke gegenübersitzen mochten, der Witwe des tollen Occo, von dem sie überdies alle, Freund und Feind, ohne Unterschied betrogen, verprügelt und an Land und Leuten geschädigt waren.

Aber die Quade Fölke war schlimmer.

Man brauchte nur den braungesonnten Propst Hisko van Emden zu fragen, der heute gleichfalls mit den anderen Gästen auf einer langen Bank an der rechten Seite des Saales lagerte, während die Fölke mit ihrer Tochter auf einer erhöhten Estrade an der Mittelwand Platz genommen, der wußte Bescheid, woher der Menschenhaß der Hausherrin sowie ihr Vergnügen am restlos Bösen ihren Ursprung ableiteten. Vor dreißig Jahren schier hatte der Pfaff, obwohl er zu jener Zeit von geistlichen Dingen fast noch weniger verstand als heute, den tollen Occo und seine Braut in diesem selben Saale zusammengegeben. Und damals eben geschah das Unerhörte. Auf die gewohnheitsmäßig hergeleierte Frage nämlich, ob das Weib willig sei, fortan mit dem ehrsamen Ritter einen Leib und eine Seele bilden zu wollen, da hatte sich die blasse Braut endlich unter ihrem friesischen Brustschild geregt, um plötzlich ein schneidendes »Nein« hervorzustoßen. Gleich darauf freilich knallte es durch den Saal. Der Bräutigam hatte seiner Verlobten eine Maulschelle geschlagen, daß die Betäubte ihren silbernen Hauptschmuck verlor. Eilig war dann die halb Ohnmächtige getraut worden, wenn auch der in Aufruhr geratene Hochzeitsschwarm genau wußte, warum die Braut sich noch zur letzten Frist so verzweifelt gesträubt hatte. Lag doch zur nämlichen Stunde in einem Turmloch die Lieblingsmagd des jungen Eheherrn, die er nicht von sich lassen mochte, in den letzten Wehen, und als unten zur Mitternacht die Burgfrau von einem Bezechten aufs Hochzeitslager gestoßen wurde, schrie auf dem Turm bereits ein Bastard. Seitdem war die brandrote Teufelsschönheit der neuen then Broke von dem wilden Occo unzähligemal gemißhandelt und verwüstet worden, und so oft sich zur Nachtzeit auf der Burg bis in die spätesten Jahre hinein ein Kreischen und Wimmern vernehmen ließ, dann lachten die Umwohner und sagten:

»Herr Occo geht auf die Freite.«

Nun aber war der Kraftstrotzende schon lange still geworden. Zu Aurich moderte er unter einem gesprengten Wachtturm, denn in einer der Fehden hatte er seinen letzten Gang getan. Die Leute in Marienhafen aber erzählten, daß sich auf die Kunde seines Endes die Fenster der Brokeburg festlich erleuchteten und wie man eine wüste Frauenstimme in greulichem Jubel bis in den Morgen hätte singen hören.

An dieses Nest einer hornigen Kröte, die ihre ganze Seligkeit darin fand, ein zehrendes Gift in sich zu sammeln, klopfte an dem windigen Herbstabend des Jahres 1399 der Störtebecker, ein Mensch, der wie eine Sonne über dem Glück von Unzähligen aufgehen wollte.

Er trat herein, den Arm um die Schulter seines Knaben geschlungen, gefolgt von den beiden Spießknechten, und als der Riese in dem blauen Fürstenwams, leuchtend vor Gold und Selbstbewußtsein, in dem halbdunklen Saale stand, da verstummte auf einen Schlag das laute Gezänk der Junker, und über ihre Häupter hinweg fuhr ein heller, silberkehliger Ruf. Ein Gruß, so frisch und übermütig, wie er dem gefährlichen Gast ursprünglich kaum zugedacht war. Wer konnte in diesem Kreise so unbedacht sein Wohlgefallen äußern?

Es war eine Frauenstimme.

Spürend, witternd rückte die Fölke auf ihrem erhöhten Sitz zur Seite. Griesgrämig musterte sie ihre schöne Tochter Occa, die sich eben derart auffällig vergessen. Aber als die Alte zu ihrem Erstaunen auffing, wie die Goldblonde neben ihr fortgesetzt ihr feines, von einem roten Haarnetz umspanntes Haupt zu neuen Grüßen gegen den Fremden neigte, fast als ob sie einen längst Bekannten auf sich aufmerksam machen müßte, da ging ein befriedigtes Greinen über das blutleere Antlitz der Quade, und in der Überzeugung, daß sich hier vielleicht Unheil, Verirrung und Sünde unter der heißblütigen Jugend entspinne, wickelte sie ihren dürren, stockartig aufgerichteten Leib fester in das verschossene graue Fältelkleid, um den Gleichebeuter mit einer harten Männerstimme anzuherrschen:

»Mach's kurz. Was willst du?«

Damit zog sie unter ihrer gelben Lederkappe ein graurotes Haargezottel hervor, drehte es sich fest um den Finger, schlug ein Bein über das andere und wartete.

Der Störtebecker aber starrte sie fast mitleidig an. Nach den Schilderungen des Hauptmanns Wichmann hatte er auf dem Regentenstuhl des Brokmerlandes ein gefährlich Wesen vermutet, eine ansteckende Krankheit, der man ausweichen mußte. Diese armselig gekleidete Auszehrung dagegen, aus deren erschreckend verkümmertem Antlitz nur ein Paar merkwürdig blutige Lippen hervorstachen, sie schien höchstens einem Bettelweib vergleichbar, das verbittert nach Almosen schielte. Aber sieh dort – neben dem Gerippe? Beim Zeus, wie kam dies liebreizende Gebilde neben das Klapperbein? Welche kaum erwachte Jugend, welch ein ungesättigtes Locken in den braunen Schelmenaugen, und vor allem welch ein wohliges, ungescheutes Darbieten hinter dem weiten Brustausschnitt. Wahrlich, hier wollte ein goldroter Apfel vom Baume fallen.

Ungeduldig tat die Fölke ihre brandigen Lippen auf.

»Wir warten,« fingerte sie auf ihrem Faltenrock vorwurfsvoll herum. »Sage, Gleichebeuter, willst du hier noch länger Maulaffen feilhalten? Offenbare kurz, was dich herführt.«

Da trennte sich der Freibeuter von seinem Gefährten, reichte ihm den schweren Helm, so daß sein braunes Gelock sichtbar wurde, und anstatt sich vor der Brokmer Herrin zu verbeugen, lachte ihr der Zügellose jetzt gerade ins Gesicht.

Es war der rechte Ton für die derben, ungeleckten Burgtyrannen. Schadenfroh traten sie näher. Auch die schöne Occa beugte sich weiter vor, damit ihr jetzt keine Bewegung des Fremden entginge.

»Du bist bei Laune, Frau Fölke,« spottete der Störtebecker von unten herauf, indem er einen Fuß kräftig auf die Stufe stellte. »Was kümmert es mich, ob die Junker wissen, daß du mit meinem Abgesandten längst einen Vertrag aufsetztest? Wozu hast du mich sonst eingeladen, da ich doch nicht um Botenlohn durch die Welt laufe?«

Hätte der Umstürzler durch eine Feuerwaffe die mürbe Decke zum Einstürzen gebracht, nicht drohender und wilder hätte das Geschrei unter den Edelingen umherfahren können. Der Argwohn, die schlaue Fölke könne von dem fetten Braten bereits das Hauptstück abgeschnitten haben, erregte die eigennützigen Männer zu höchstem Zorn.

»Ei, sieh da, du heilloses Weib,« so sprang der junge Folkmar Allena wütend auf die Estrade, um der Hausherrin beinahe die Faust unter die Nase zu setzen, »auf welchen Schleichwegen bist du wieder betroffen? Hat dein Gespons noch nicht genug Raub heimgebracht? Oder meinst du, wir anderen errieten deine Pfiffe und Schliche nicht?«

Die Quade aber blieb stockgerade sitzen; verächtlich schlug sie nur mit der Hand nach dem Erhitzten, wie wenn sie eine aufdringliche Fliege scheuchen müßte.

»Spare deinen Witz, Folkmar Allena,« riet sie starr und bissig. »Verschleudere ihn nicht, mein Bürschlein, so töricht wie dein Hausgut. Du wirst ihn heute noch brauchen.«

Es mußte eine treffsichere Bosheit in dieser Abwehr enthalten sein, denn der schlanke Junker stotterte plötzlich vor Verlegenheit, während seine Genossen ein helles Gelächter aufschlugen. Wußte man doch allgemein, daß Folkmar Allena zu jenem Schwarm berückter und zu jeder Torheit entschlossener Männer gehörte, die hinter der goldblonden jungverheirateten Occa herpirschten wie hinter einem flüchtigen Wild.

Bestürzt, mit einem vorwurfsvollen Blick auf die Schöne, die heute von ihm nicht viel zu merken schien, drängte sich der Allena in die Schar der laut verhandelnden Edelinge zurück. Statt seiner aber löste sich jetzt eine andere Gestalt aus ihrem Kreis. Ein starker, schwerfälliger Mann im ledernen Jägerwams, über das er jedoch merkwürdigerweise ein zerdrücktes Bischofsmäntelchen geworfen hatte. Ein pfiffiges Lachen auf den braungesonnten, bartlosen Landwirtszügen, hinkte er heran, da er auf der Sauhatz soeben erst einen schmerzhaften Sturz getan, und legte nun dem Störtebecker vertraulich die Hand auf die Schulter. Wie nebenher versuchte er sodann mit der anderen das Zeichen des Segens zu spenden. Allein, da der Seefahrer ablehnend auswich, beschwichtigte Propst Hisko van Emden die Abneigung des Fremden ganz gemütlich, indem er selbst eine wegwerfende Geste ausführte.

»Salve Care,« begann er mit einem belegten Trinkerbaß, denn dieser emsige Landwirt liebte es, gleich bei der ersten Bekanntschaft die wenigen lateinischen Brocken, die er irgendwo aufgelesen, wieder zu verausgaben. »Willkommen, Claus Störtebecker. Bist ein toller Christ. Gib mir deine Hand. Hab mich immer über deine Streiche gefreut. Bei der heiligen Dreifaltigkeit, es tut wohl, daß endlich eine starke Seemacht in unsere Häfen einläuft.«

»Hütet euch,« schnarrte der steife hochmütige Enno von Norden dazwischen, der seine Umgebung durch eine beschränkte Frömmigkeit peinigte, und er pfiff seine Worte beinahe durch eine dummgerade Nase: »Denkt an die Suppe, die er den Bergenern angebrüht! Wie wollt ihr euch schützen, wenn euch von dem Seedieb das gleiche widerführe?«

»Vermaledeit, das wäre uns ein sauberer Gast,« stimmten ein paar der kleinen Burgherren zu, denn die kriegsgeübten Scharen des Schuimers erregten in ihnen ein Grauen. »Wer bürgt für den Brandstifter?« eiferten sie, stampften mit ihren schweren Holzschuhen auf den Estrich und spien breitbeinig vor sich nieder auf den Holzboden. »Wer hat hier heimliche Verträge mit ihm geschlossen?«

Da warf der Propst die fleischigen Hände in die Höhe.

»Ihr boves malefici,« sprudelte er, indem ihm vor Aufregung der Bauch über den Gürtel quoll, und dabei schüttelte der wuchtige Jäger den Wulst seines ihm über die Stirn fallenden ungekämmten Haares erbost hin und her. »Störtebecker, mein edler Freund,« warf er über seine schmatzenden Genießerlippen, »du siehst, tot homines, tot sententiae – soviel Menschen, soviel Meinungen. Halte dich daher an mich. Ich sehe dich an mit den Augen der verstehenden Weltkirche. Jawohl, hol mich der Teufel, das tue ich. Und meine kluge Freundin, die Fölke, denkt gerade so. Hast den Bergenern eingeheizt? Habeat sibi – meinetwegen – vielleicht warst du ein Werkzeug der Gerechtigkeit. Was wissen wir von so fernen Dingen? Hierher, nach Friesland, kommst du dagegen mit wohlgefüllten Truhen – wir werden schon auf dich aufpassen – kommst um commercium et connubium. Eröffne mir daher, mein lieber Sohn, was bietest du uns? Denn die Freundschaft der Menschen will erworben werden?«

»Beim Schinder,« sprang der wilde Folkmar Allena mit geballten Fäusten wieder hervor, »möchten die Fetthälse wieder alles allein in ihren Schlund schütten? Der Schuimer soll endlich das Maul auftun! Was glotzt er uns an, als wären wir seine Schalksnarren?«

»Gebt Ruhe,« tönte hier plötzlich die grobe Männerstimme der Fölke.

Der verworrene Tumult legte sich, allen war dieser kratzende Ton in die Glieder gefahren. Zusammengeduckt, grau und unscheinbar hockte die Kröte bewegungslos auf ihrem Regentensitz, nur ihre brandigroten Augen liefen befriedigt von einem zum anderen, da es schließlich mehr Genuß versprach, wenn man von dem riesigen Menschen erst jeden Vorteil erpreßte, bevor man ihn aushöhlte und niederstürzte.

»Tritt näher, Störtebecker,« befahl sie deshalb unbewegt und legte die Hand hinter das rechte Ohr, das wächsern unter dem Ausschnitt der gelben Kappe hervorstach. »Tritt näher, damit ich dich jetzt vernünftig und vor aller Welt nach deinen Absichten befrage.«

»Recte,« rieb sich Propst Hisko eifrig die Hände und humpelte, um den anderen ein Beispiel zu geben, unverzüglich auf die lange Bank zurück. »Folgt der Quade, ihr edlen Herren, sie ist eine kluge Frau.«

Geräuschvoll, mit ihren Holzschuhen stampfend zogen die Junker auf ihre Sitze, rekelten sich, jeder nach seiner Weise, auf das glatt gescheuerte Brett, die einen rittlings, die anderen, indem sie beide Beine weit in den Saal streckten, bis von allen Seiten ein Rufen durch ihre Reihen ging:

»Macht ein Ende, damit wir zum Nachtimbiß kommen.«

Giftigsüß greinte die Quade. Sie wußte, wie schmal es bei ihr zuging. Auch war es ein entzückendes Vergnügen, wie spöttisch und hochmütig der Mensch in dem blauen Wappenrock bisher ihre lieben Nachbarn behandelt hatte. Nur durch eines wurde sie selbst in Verlegenheit gesetzt. Warum mochte wohl der Fremde seine großen schwarzen Augen so begehrlich über das Haupt der Fölke hinweg auf die hintersten Deckenbohlen des Saales richten? Flammend, schwärmerisch züngelte es dann aus den unheimlichen branderfüllten Sternen, und so zwingend war die Kraft dieses Blickes, daß sich die Hausherrin nach vergeblichem Widerstand selbst umwenden mußte, um verständnislos die geborstenen Balken am Saalende zu mustern.

Nichts!

Nur ein paar lange Spinnweben schaukelten dort, getrieben von der Flamme der Fackeln. Seltsam, was suchte der mächtige Geselle dort, warum vergaffte er sich nicht lieber in ihre lüsterne Tochter?

Dort hinten aber in Dämmer und Dunkelheit tanzten die ungestümen Wünsche des herumgetriebenen Mannes. Wuchtig fühlte er seine Pulse hämmern, schmerzhaft fast dehnte sich die breite Brust, denn er stand nur noch einen Schritt vom Ziel. Dort oben drängte sich ein Getümmel unwesenhafter, gebückter, gestriemter Leiber, schwielige Fäuste streckten sich nach ihm aus, heisere, gequälte Stimmen riefen ihm zu, lauter und lauter, ohne sich übertönen zu lassen:

»Gib uns – gib uns, was uns gebührt.«

Unwillig warf der Riese die Hand gegen den Raum, denn selbst von seinen Hirngespinsten war der Herrschsüchtige nicht gewohnt, sich drängen zu lassen. Dann aber schüttelte er aufatmend die Schatten von sich und trat dicht vor den Stuhl der Fölke hin.

»Was willst du wissen?« rief er ohne Rücksicht. »Denn beim Henker, es fehlt nur noch, daß ihr mir ein Armsünderbänklein hinsetzt.«

»Friede, Friede, mein Sohn,« murmelte der Propst besorgt und kreiselte auf seinem schmerzenden Knie herum.

»So sage mir zuerst,« begann die Fölke, sich auf ihr übergeschlagenes Bein stützend, »warum liefst du allein und ungeleitet in unseren Hafen? Wo blieben deine Genossen? Der Wichmann, der Michael und der Wichbold? Und wo liegen deine übrigen Schiffe?«

Da lachte der Störtebecker und schlug sich auf die Brust. »Alte,« gab er getrost zur Antwort, »der Fuchs ist dir zu schlau. Die Meinen werden kommen, sobald ihr mir diesen Fetzen mit Eid und Siegel behängt habt.«

»Bene optime,« lobte der Propst voller Bewunderung und blickte sich, Beifall heischend, im Kreise um. Allein unter den Hörern entstand von neuem drohendes Gezänk.

»Still,« verwies die Fölke, die sich nicht rührte, »dies verstehe ich, Störtebecker. Doch nun das Wichtigste. Du willst Land von uns erwerben. Gesetzt, wir wollten dir willfährig sein, was gedenkst du mit den Gütern zu beginnen?«

Jetzt sprangen die Edelinge wieder von ihren Sitzen, denn der Kern der Verhandlungen schälte sich bloß.

»Er soll gleichmäßig von uns kaufen,« schrien sie.

»Darauf kommt es nicht an,« sprach die Fölke in den Lärm hinein.

»Doch – doch.«

»Achtet auf die Quade,« schimpfte der wilde Allena, »die Hexe betrügt uns.«

»Was willst du mit den vielen Jochen anfangen?« wiederholte die Hausherrin kaltblütig.

Mit einem Satz sprang der Störtebecker zu ihr in die Höhe, und während er heftig an der Lehne ihres Sitzes rüttelte, da quollen hinten aus dem Pechqualm abermals die ungezählten Scharen hervor, Kopf an Kopf, Hand in Hand, tausend unglückliche Augen starrten ihn an, und aus dem Geistersturm schallte es: »Du Menschensohn, du Sohn armer Leute, jetzt gib uns Brot und Kleider und ein Menschenlos.«

Ungestüme, ihn schüttelnde Wut packte den Besessenen, jener nicht zu bändigende Zorn gegen die Unterdrücker und Mächtigen, die nach seiner Meinung das Elend in der Welt festhielten, damit es ihnen Vorteil brächte. Da stürzte fast gegen seinen Willen die Schranke vor seinen mißtrauisch behüteten Schätzen zusammen, zu Streit und Angriff streckte sich der Riese, und als wirbelnde Wurfgeschosse schleuderte er seine geistigen Kleinodien wütend, hohnlachend unter seine betroffenen Zuhörer. Freiheit mußte wohl sein schäumender Mund gebrüllt haben, gleiche Landteilung, aus der Mitte der Gemeinschaft geborenes, allen erlangbares Recht, »und vor allem, ihr Schinder, ihr Landjäger, ihr Händler mit Menschenfleisch, die Glückseligkeit einer beruhigten Brüderschar.« Blind rasten Traum und Wirklichkeit um sein Haupt, er schrie und tobte gegen die von der Decke stierenden Hungergesichter sowie gegen jene breitbeinig ihn umdrängenden Zwingherren. Doch nur zwei Frauen empfanden in dieser Versammlung erdgebundener, habsüchtiger Menschen die Schönheit, die aus der Vermischung von streitbarer Tatkraft und wilder Schwärmerei über den Einsamen ausgegossen wurde. Die eine im Knabengewand faltete krampfhaft ihre Hände um den Goldhelm, den sie für ihren Gebieter bewahrte, und preßte ihre Brust gegen das Metall, als müsse sie ihr glühend Herz für immer in die unempfindliche Härte einschmelzen. Die andere, die gesündere und blühendere, lehnte genießend ihr Haupt unter dem roten Haarnetz zurück, ein glühend Schlänglein, lief ihre Zunge zwischen den Lippen, und ihr schlanker, ungekühlter Leib hob sich ahnungsvoll und gewiß dem Glänzenden entgegen. Auch sie hungerte nach Besitz und Gewinn, doch sie wollte dabei unendlich viel mehr einhandeln als selbst ihre geizige Mutter, sie wollte die heimliche unbekannte Lust der Hingebung und dafür die Macht über den ganzen Mann. Wie aber wirkte das tolle herausfordernde Gestammel, der nie vorher vernommene Schrei nach Selbstbescheiden und Einordnung auf die besitzstolzen Häuptlinge? Zuerst suchten die Grundherren, die eben drauf und dran waren, jene tölpelhafte Freiheit ihrer eigenen ortsangesessenen Bauern durch allerlei listige Künste, wie Borg, Auskauf und Pfändung, in straffe Gefolgschaft zu verwandeln, zuerst suchten sie ihre eigene vollständige Begriffsarmut auch den anderen von den offenen Mäulern abzulesen.

Wie? Was? Faselei! – Was wollte der Hundsfott, der fahrende Sonnenbruder, der gestern noch den Leuten die Taschen abschnitt, wo er nur konnte? Gleichen Besitz? Der ungewaschene Haufe sollte keine Edelinge mehr über sich tragen? Hast du's gehört, Allena? Welche Büberei versteckt der Galgenvogel wohl dahinter? Meint die Schwarzflagge etwa, hier Schindluder mit uns treiben zu können?

Und die erste Verblüffung löste sich in ein schallendes Gelächter. Sie schlugen sich die Seiten, stießen einander in die Rippen, blinzelten sich aus sonnengebräunten Bauerngesichtern verschmitzt ihr Einverständnis zu, trampelten mit den Holzschuhen, ja selbst Hisko, der Propst, der in den Marschen ein Muster der Wirtschaft abgab, er humpelte schluckend hinter den verrückten Gleichebeuter und hieb ihm dort auf die Schulter, daß es krachte.

»Geliebter Freund,« platzte es über die dicken Lippen, »welch ein windiges Schiffermärchen hast du uns hier soeben aufgetischt? Nicht wahr, Fölke, was meinst du? Ja, wir sind einfältig, animae stultae, piaeque, aber man darf uns doch nicht gar zu sehr unter dem Preis einschätzen! Du willst für dich selbst nichts? Alles für die Deinen? – – «

Unten die Junker wieherten vor Vergnügen und Besserwissen.

»Nun gut, gut,« keuchte Hisko kurzatmig weiter, zog das Bischofsmäntelchen vor und schneuzte sich damit die Nase, »du kennst die Gauklerkniffe, hast den steifen Böcken, den Hamburgern, manch Faß und manchen Ballen damit abgejagt. Aber jetzt sprich, mein Söhnlein, was du etwa noch im Ernste für deine Sache anführen magst?«

»Ha – ha – im Ernst?« So lange hatte der im blauen Wappenrock, erwacht, ernüchtert mit unheimlich rollenden Augen auf die blonden Männer herabgeschaut, die sich vor Heiterkeit und hochmütig geliebkostem Unverstand förmlich blähten. Jetzt aber überwand der Seefahrer jenes innerliche, ihn fast zerschneidende Gelächter, das nicht zum Ausbruch kommen wollte, mit einem Griff riß er die große Hornpfeife an den Mund, und schrill, spitz, gellend fuhr das vibrierende Signal durch die Halle. Aufgescheucht schlugen die Friesen ihre langen Röcke zurück und griffen verdutzt an ihre kurzen Schwerter, selbst die Fölke rückte ungemütlich auf ihrem Sitz. Doch es war auf keinen tollkühnen Überfall abgesehen. Nur die Saaltür öffnete sich, und schallenden Schrittes trugen sechs Gleichebeuter eine gewölbte Truhe herein.

Da löste sich die Spannung der Edelinge in einem lauten Freudenschrei, ihre Augen begannen plötzlich verständnisinnig zu blitzen. Keiner nahm es dem fremden Seefahrer, der so unermeßliche Schätze mit sich führte, im geringsten mehr übel, als der Riese sich plötzlich unter Püffen und Stößen eine Gasse durch ihr Gedränge bahnte. Ob auch einer von ihnen rechts taumelte, der andere zur Linken flog, wer von ihnen scherte sich noch um die ungemessene Verachtung, den fast wahnwitzigen Hohn, mit dem der Störtebecker jetzt den Deckel der Kiste zurückschlug.

»Frisch, tummelt euch,« schrie er in einer gräßlichen Vertraulichkeit, die zu jeder anderen Stunde den Hörern hätte das Blut in den Adern gefrieren lassen. »Munter, ihr Edelen, ihr werdet mich gleich besser verstehen. Hier liegen meine Gründe, meine Pläne, meine Aufzeichnungen! Flandrisches Laken! Wie? Was? Mit der Elle? Torheit, ich messe meine Absichten mit dem Spieß! Sind gar klar und vollwichtig!«

Und der Tolle riß einem der Knechte die Lanze aus der Hand und begann in langen schwebenden Wendungen die weißen Wolken auf den Estrich zu schleudern.

»Hier Erklärungen für den Herrn Propst, hier ein anmutig Geheimverträglein für die Frau Fölke – – sachte, sachte, der Allena und der Rüstringen werden nicht vergessen!«

Eine Weile rieselte das feine Gewebe, knisterte und rauschte, gleich großen Schlangen hüpfte es aus dem Nest. Bald freilich ward dem Schuimer sein Maßwerk überdrüssig. In hohem Bogen warf er den ganzen Ballen unter die Edelinge, und gleich darauf sauste die Lanze hinterdrein. Die Junker aber balgten sich um den kostbaren Stoff. Jeder stieß halb im Scherz, halb im Ernst seinen Nachbarn beiseite, um möglichst früh an die Reichtum sprudelnde Quelle zu gelangen, und man ertrug es nur mit Ungeduld, als Propst Hisko auf den unschuldigen Einfall geriet, sich wie ein Kreisel in dem Gewebe einwickeln zu lassen. Gewandter drehte sich der dicke Landwirt, als es sein verletztes Knie irgendwie vermuten ließ. Der Riese jedoch hatte sich, angetrieben von der höllischen Flamme der Versuchung, von neuem über die Truhe gestürzt, und nun schleuderte er besinnungslos Gold, Silber, Brokate, Ringe, Armbänder, Seiden- und Meßgewänder unter die geblendeten fassungsberaubten Friesen.

»Mir – mir,« kreischte die Fölke, die ihre Habgier nicht mehr länger bezwang und plötzlich mit ausgebreiteten Fängen, wie ein Habicht, von ihrem Sitz herabschoß. »Sollen Hiskos feiste Mägde etwa gleich uns Edelfrauen Ringe und Ketten tragen?«

Damit krallte sie ihre spitzen Finger in die Wand der Truhe, beugte sich hinüber und schickte sich eben an, rabenlüstern auf das Geschmeide hinabzustoßen. Allein sie gelangte nicht mehr dazu. Es geschah etwas, was selbst den rohen unbesinnlichen Häuptlingen in seiner grausigen Verrücktheit den Atem benahm. Mit beiden Armen nämlich wurde das graue Gerippe von dem Seefahrer eingefangen. Und geschüttelt von dem unheimlichen Spaß, diese zitternde Habgier dicht vor dem Ziel verdursten zu lassen, drückte der Störtebecker seine Wange zärtlich verliebt an das steife Pergament der Quade, und dann küßte er sie schallend auf das blutige Krötenmaul und die furchige Stirn.

Da entsetzte sich selbst Propst Hisko van Emden, der doch in mancher Wein- und Männerschlacht seinen Mann gestanden, stolperte über die Leinwand und fiel mitten in den Saal.

Der Störtebecker aber lärmte und tobte während dieser erzwungenen Liebkosungen immer wüster und wahnwitziger.

»O du wonniges Weib, o, du Weinberg mit quillenden Beeren, was könnte ich dir nicht alles zuliebe tun. O, du Gebenedeite unter den Frauen, laß mich dir selbst das Hemdlein von Seide oder Brokat anmessen.«

Und obwohl die Fölke zischend und fauchend mit ihren mageren Armen und Beinen um sich schlug, der Besessene herzte und liebkoste das abscheuliche Gespenst nur um so wolfshungriger.

»O, du fruchtreicher Regen,« schrie er ihr ins Gesicht, »o, du Wunder des Brokmerlandes, wie preise ich mich selig, weil ich einen festen Bund mit dir schloß. Du sollst sehen, niemals gehe ich von dir, niemals verlasse ich dich!«

So raste und wütete der unbezähmbare Mensch, und um ihn her quirlte Grauen, Abscheu und roher Beifall brodelnd durcheinander. Bis sich endlich die wüste Geistesstörung auch auf die Zuschauer übertrug. Mit einemmal hatten sich die blonden Männer an den Händen gefaßt, und nun tanzten sie im Kreis um das wunderliche Paar inmitten der Ballen flandrischen Lakens und der offenen Truhe herum, dazu jauchzend:

»Wohl – wohl, der Störtebecker soll bleiben. Die Verträge gelten. Soll der Quade Fölke einen Sohn zeugen. Heißa – hussa – horrido!«

Und auf dem Estrich hockte noch immer der Propst, und während er sich verwirrt den Reigen zu erklären suchte, murmelte er von Zeit zu Zeit:

»Absolvo te.«

Doch er wußte nicht mehr, was dies bedeute.

II.

Ü
Ü

Über die braunrote Heide trabte ein Reiter auf seinem prächtig geschirrten Schimmel. Schwer schlugen die Hufe des Rosses auf den unübersehbaren, farbenfrohen Teppich. Wie von einem leichtsinnigen Weib war das lustige Tuch zwischen dem grauen Schlick der Marschen und der schwarzen Erde älteren Ackerlandes hingeworfen. Eine helle Herbstsonne leuchtete gläsern vom Himmel, und der erste Frühwind sprühte zuweilen bunte Tropfen von den Kräutern.

Dem Tier aber ward keine leichte Bürde, denn sein Lenker hatte einen Knaben vor sich auf den Sattel genommen. Den hielt er fest mit der Linken umfangen, und während er den Gaul allein mit den Schenkeln steuerte, zeigte die Rechte unaufhörlich auf Nähe und Weite. Jeder Tümpel mit Torf oder Moorgrund, jede einschießende Wiese wurde mit hellem Jubel, mit freudeerfülltem Stolz begrüßt.

»Sperr deine blauen Augen ja weit auf, mein Büblein,« lud der Störtebecker triumphierend ein und dabei drückte er seinen Gefährten ohne weiteres an seine weit geschwellte Brust, ja, er herzte sogar stürmisch das vor ihm flatternde blonde Haar, weil er in diesem Augenblick nichts neben sich dulden konnte, was nicht bedingungslos seiner Macht unterworfen war. »Sieh, da und dort, vor uns, neben uns, alles mein, dein, uns allen.«

Und berauscht von dem ungeheuerlichsten Erfolge, trunken von der Vorstellung, daß auf diesem morgenfrischen Boden Menschheitswende wachsen sollte, so grundsprengend, so segenschwer, so planvoll, wie es vorher auf deutscher Erde weder von Carolus Magnus, dem Ordnungsstifter, noch später von Priestern oder Laien geahnt war, da ließ der von Schöpferlust Beseligte seinen Begleiter zur Seite sinken, warf sich über ihn und preßte seine Lippen durstig auf den Frauenmund. Was er hier liebkoste, das verschwamm ihm. Er küßte seinen eigenen Gedanken, der in der Frauenbrust wie in einem Tempel für ihn bewahrt lag, er umfing in jenem Leib, der sich zu ihm bekannte, gewissermaßen die Erfüllung und Vollendung seines Traums. Und diesmal widerstrebte ihm Linda nicht. Selbstvergessen, verklärt, ganz und gar eins mit dem Willensmächtigen, blickte sie mit großen, grüßenden Augen zu ihm empor, und in ihrem Kinderlächeln prägte sich die Überzeugung, daß alle Schmach, alle Schande in dem Feueratem, in dem brausenden Wehen des Werkes geläutert und von ihr genommen sei. Ein segenspendender Gott hatte sie befruchtet, und sie diente ihm dafür und empfing zum Lohn die Gnade des Schauens. Eine Entzückung durchrieselte sie, und aufgehoben von einem Wirbel unvorstellbaren Empfindens, unterfing sie sich dessen, was sie nie vorher gewagt, schüchtern schlang sie beide Arme um den zu ihr geneigten Männernacken und hielt ihn fest. Selbst den wilden Mann beschlich ein fernes Verständnis für die opfervolle Gabe, die ihm hier gereicht wurde.

»O, du blondes Gold,« entlud er sich in frohem Übermut, »wie freue ich mich deiner! An dir klebt kein Unrat, bist nicht durch der Krämer Hände gewandert, und man kann sich leicht die Seligkeit um dich kaufen.«

Noch einmal vernahm die käferdurchsummte Heide neben dem regelmäßigen Hufschlag das helle Jauchzen befriedigten Siegerglückes, und die Heideeinsamkeit legte sich tröstend um ein aufgestörtes Frauenherz.

So zogen sie fürbaß, an dunklen Torfmooren und weiten Strecken gelben Flugsandes vorüber, und so lange die silberne Morgenstille mit ihnen wanderte, waren die Einsamen nicht nur eng aneinander gebunden durch das gemeinsame Drängen nach einem frommen, kindlichen Zeitalter, sondern auch das geheimnisvolle Weben zwischen Mann und Weib spann seine heißen Fäden um sie. Immer wieder, wenn das Hochgefühl seiner Sendung dem Reiter die Brust sprengen wollte, dann warf er sich gegen die schlanken Frauenglieder, und mit Herzklopfen und entzückter Duldung vernahm Linda all die Tollheiten und unbändigen Neckereien, die er ihr zuflüsterte.

Wo war ihre Nonnensehnsucht geblieben?

Aus einer moorigen Senkung waren sie eben aufgetaucht, als ein Wiehern ihres Schimmels die Versunkenen weckte. Heftig schleuderte das Tier den Kopf. Ein weiter offener Wiesenplan dehnte sich vor ihnen, verschiedene Wege schlängelten sich über die Grasebene, und an einer Kreuzung dampfte eine Staubwolke.

»Holla,« rief der Störtebecker, froh, den ihm bereits eintönigen Schleckereien entzogen zu sein, und bettete die Hand über die Augen. »Schau, ein Trupp von Reisigen. Laß uns sehen, wen sie schon so früh geleiten?«

Und sofort setzte er dem müden Gaul die Sporen ein, keuchend und schnaufend trabte der Schimmel dem Kreuzweg entgegen.

Vor ein paar Balken, die roh und kunstlos über eine Binsenniederung gelegt waren, hielt ein Zug berittener Spießknechte. Sie trugen sämtlich den blauen Brokmerpfeil an ihren schwarzen Filzröhren und warteten nur darauf, daß der elende zweirädrige Reisekarren, wie er zu jenen Zeiten von vornehmen Frauen benutzt wurde, ungefährdet über das Balkengestell hinüberknarre. Die Dame selbst jedoch, anstatt geduldig auf dem harten Sitzbrett ihres Käfigs auszuharren, hatte längst den Braunen eines der Knechte bestiegen, denn es war Occa, des tollen Occo Tochter, die, kaum der Aufsicht ihrer Mutter entzogen, ihrer Neigung zu ausgelassenen Streichen verfiel. Rittlings wiegte sie sich im Sattel, und da sie heute das kniefreie rote Friesenröckchen angelegt hatte, so sah der sich nähernde Freibeuter mit Behagen, wie die eng verschnürten Beine der Reiterin geschmeidig und wohlgefügt den Leib ihres Rosses umfingen.

Da sprang dem stets erhitzten Weiberjäger sofort das Blut in den Adern. Das ungewöhnliche Bild junger, zu jeder Verschwendung bereiter Lebenslust berückte ihn, und plötzlich sah er sie weißgliedrig auf dem dunklen Fell reiten, Meerwasser träufelte ihr über Brust und Nacken, und das aufgelöste Gold der Haare flatterte ihr feucht um die Schultern.

Kein Zweifel, der begehrliche Mann atmete schneller – er hatte die Schöne bei seiner Einfahrt schon so geschaut, wie er sich alle Weiber am liebsten vorstellte.

Mit einem Stoß schob der Störtebecker seinen Gefährten zur Seite, um frei und ungehindert den Anblick genießen zu können. Und in der eigensüchtigen Meinung, daß seine Gedanken auch unausgesprochen von jedem verstanden werden müßten, schwenkte er heftig seine Kappe zum Gruß und schrie hinüber:

»Courte et bonne, bist du der Wasserteufel oder nicht?«

Die schöne Occa jedoch verstand. Auch sie wirbelte ihre gelblederne Kopfbedeckung durch die Morgenluft und rief mit heller Stimme zur Antwort:

»Und du, Schuimer, was bist du für ein vierbeiniger Reiter?«

Da beugte sich der Seefahrer noch weiter vor und klopfte, nahe genug herangerückt, Occas Braunem die Halsung.

»Laß gut sein,« erwiderte er hastig und nur darauf erpicht, das kurze Reitergewand der Blonden zu berühren, »dies hier ist mein Diener. Ich gönne dem Zarten gern jede Schonung. Doch nun, du Fisch und seltener Vogel, sage mir, wohin geht die Reise?«

Langsam löste die Broke-Tochter ihre braunen Augen von dem Knaben, der noch immer durch die Linke seines Herrn vor dem Sturz bewahrt wurde, und da sie mit dem Scharfblick der Frauen wohl gleich das wahre Geschlecht dieses Dieners erraten haben mochte, so glitt ein spitzbübischer Zug über ihr feines Antlitz und der Zwang überkam sie, den frechen Reiter sogleich bestrafen und peinigen zu müssen.

»Nun, du Allwissender,« entgegnete sie mit strahlendem Spott, »da du doch den Umgang mit edlen Frauen zu kennen scheinst, so sage mir, wohin gehört eine ehrbare Hausfrau rechtmäßiger, wenn nicht zu ihrem Eheherrn? Der meinige ist, damit du es weißt, Luitet van Neß, und ich hoffe, daß er meiner alleweil in Sehnsucht gedenkt.«

»Nun, da wollte ich doch – – « fiel der Störtebecker aus allen Himmeln, der ganz offen seinen Grimm darüber verriet, weil dieser glatte Vogel aus dem Garn zu hüpfen versuchte, »nun, da wollte ich doch, der unterste Grund der Hölle öffnete sich – – «

»Für wen?« lauerte die Goldblonde, innig befriedigt über die Wirkung ihres Geständnisses, indem sie sich blinzelnd nach vorn krümmte und dabei ihre Knie immer höher auf den Rücken des Pferdes zog.

Der Riese aber hatte seine erste Anfechtung überwunden. Und da – juchhe – da höhnte er schon über seine gewissenhafte Bürgerbedenklichkeit. Seit wann machte er denn vor Weihwasser und Sakrament Halt? Bei allen Wonnen des heißen Blutes, und würde diese Occa mitsamt ihrem Hausherrn statt auf dem Karren in ihrem Ehebett durch die Lande rollen, der Wilde schwor sich, er wollte sie dennoch vor den Augen ihres Nutznießers aus den Laken reißen.

So raste die unstillbare Wut nach Alleinbesitz von allem Schönen und Sinnepeitschenden durch denselben Erlöser, der gekommen war, um die Mißgunst und den ewig regen Neid der anderen zu befrieden.

Im Augenblick aber verbeugte er sich geschmeidig im Sattel, schwenkte noch einmal die Kappe und griff ohne weiteres nach den Zügeln von Occas Braunem.

»So werbe ich denn,« sprach der Schalk, »bei der Hausfrau des Häuptlings van Neß um gute Nachbarschaft.« Und ehe noch eine Antwort erteilt werden konnte, warf er die Hand vor. »Geh, heiße deine schwarzen Filzröhren sich beiseite drücken, denn ich will dir selbst das Geleite geben.«

Überrascht, mit jenem schwebenden Lächeln, das mehr verhieß, als es zu halten gesonnen war, und vor allen Dingen brennend vor Neugier, was ihr wohl bei dem Zusammensein mit dem blutigen, sagenumsponnenen Gewaltmenschen bevorstehe, nickte die schöne Occa, schon wandte sie sich mit einer kurzen Bitte an ihre Begleiter, als unvermutet das so vielversprechend eingeleitete Abenteuer gestört wurde.

Besorgt um jedes Wort, das nicht der gemeinsamen – oder noch besser, der ihr allein gehörigen Aufgabe galt, so hatte Linda, noch im Arm ihres Gebieters dem leichtfertigen Geplänkel gelauscht.

Und nun? Diese kaum verhüllten Scherze hier auf heiligem Boden?

Ihr schwindelte, sie wußte nicht mehr, was sie trieb. Ach, sie vergaß sich. Zu ihrem Unheil trat sie aus dem Bann ihres bisherigen bescheidenen Dienens heraus.

»Herr,« kehrte sie sich bebend zurück und legte dem Riesen ihre zitternde Hand auf die Brust, »du wolltest – «

Gestört verzog der Störtebecker die Stirn, sein gekrümmter Arm schob die Andrängende von sich.

»Was wollte ich, Licinius?« warnte er, als ob er seinem Gefährten noch bei rechter Zeit zu Einkehr und Besinnung raten möchte. »Was wollte ich?«

Doch Linda war durch das, was vorausgegangen, durch die wilden Liebkosungen ebenso wie durch die Nähe des ersehnten Zieles zu sehr aus ihrer Bahn geschleudert, als daß sie ihr bescheidenes, unauffälliges Wesen nicht völlig verleugnet hätte.

»Herr,« mahnte sie mit einer dringenden, beschwörenden Gebärde, »wozu willst du hier noch länger säumen? Vergiß nicht, o vergiß nicht, daß deine Flotte und die künftigen Ansiedler deiner harren.«

War es die Zurechtweisung, die ihm hier öffentlich erteilt wurde, oder drückte die Gewißheit dem Herrschsüchtigen ihren Stachel tief ins Blut, daß nun auch andere an seine Pläne tasten durften? Rot vor Unmut schleuderte er sich herum, und die Bewegung war so gewaltsam, so rücksichtslos, daß Licinius ohne weiteres aus dem Sattel geworfen wurde. Kaum vermochte sich der Halbbewußtlose noch vor dem Sturz zu bewahren. Aber auch so taumelte er ein paar Schritte über den Grasboden, bis er endlich an Occas Braunem einen Halt fand. Luftberaubt, an allen Gliedern bebend lehnte er sich hier an den Leib des Tieres.

»Bube,« schrie der Störtebecker in einem schrecklichen Ton, und man sah, wie seine Rechte vergeblich die Lederpeitsche suchte, »will das Gesinde seinen eigenen Herrn zu Botengängen heuern? Gleich pack dich und tu selbst, was du so schön beschrieben. Oder, bei allen Furien, ich will dir Beine machen.«

Schon hatte der Gereizte den Striemer gefunden, und nun knallte er ihn, zur Züchtigung entschlossen, so grausam durch die Luft, daß Occa, von einem Schauder ergriffen, sich schützend über den Knaben beugen mußte.

»Laß ab,« wehrte sie dem Ergrimmten, dessen in Brand geratene rollende Augen ihr plötzlich Grauen einflößten, und bezeichnend setzte sie hinzu: »Willst du Wüterich etwa dies zarte Gebein zerfleischen?«

Da hielt der Seefahrer auf halbem Wege inne, aber auch Linda erwachte; einen leeren, weiten, zerrütteten Blick heftete sie auf den Mann, der bisher in einer aufrechten Flamme vor ihr hergezogen, dann schüttelte sie stumm das Haupt. Und wie jemand, der für immer den Weg verloren, stürmte sie mit einemmal über Wiesen und Heide von dannen.

Winziger und unkenntlicher wurde der schießende, schwarze Fleck hinter den ginsterbraunen Erdwellen.

Hätte sie sich nur noch ein einziges Mal umgewandt, sie würde bemerkt haben, wie der Reiter, der sie eben züchtigen wollte, jählings die Faust vorwarf, als könnte er seinen Gefährten mit diesem einen Griff bändigen und wieder an seine Seite zwingen. Allein die Entfernung hatte sich bereits zwischen beide gelegt und verschlang alles. Um die Flüchtende kreiste die Ebene in langen, sich jagenden Streifen. Bald wirbelten Moorgründe auf sie zu, bald tanzten Gräben um sie her, dann hüpften plötzlich wieder Dornbüsche aus dem wild gewordenen Sande, bis schließlich allerhand Wege ihr entgegenstürzten, die sich um die Verirrte stritten.

Nach Stunden erst langte ein bestaubter, zerrissener, kotbedeckter Knabe auf dem großen Schiffe im Hafen an. Hohläugig, zusammenhanglos richtete er den Befehl des Herrn an die Mannschaft aus, dann verkroch er sich unter den Aufbau, und auf dem Prunkbett des Bischofs wälzte sich bald darauf ein krampfgeschüttelter, fiebernder Haufe. Immer von neuem falteten sich ein Paar blutlose Hände, damit sie Gedeihen, Segen, Vollendung auf das Werk herabflehten. Auf das Werk – auf das Werk, das sich von seinem Schöpfer trennen wollte.

Nach mehrstündigem Ritt machten die Broke-Reisigen endlich Rast. Auf den Wunsch ihrer Dame waren sie dem nachfolgenden Paar weit vorausgeritten, so daß sie ihre Herrin sowie deren Begleiter fast aus den Augen verloren. Jetzt tränkten sie ihre Rosse aus einem der flachen Heidebäche.

Die Knechte aber konnten auch deshalb ihre Herrschaft nicht entdecken, weil die beiden, während sie ihre Pferde friedlich grasen ließen, sich in eine der vielen Flugsandgruben gelagert hatten, um nun ebenfalls der Ruhe zu pflegen. Trotz des dürren Bodens war die Senkung über und über mit bunten Wiesenblumen bestanden, und auf dem oberen Rand blühten Ginster und wilder Dorn. Ein verwunschener, heimlicher Platz. Langhin hatte sich der Störtebecker ausgestreckt, wohlig fühlte er unter sich die heiße Erde, und da er stärker atmete, so war es ihm, als sei es ein Leichtes, auch den blauen Himmel in sich einzuschlürfen. Unter halbgeschlossenen Wimpern blinzelte er zu der unweit sitzenden Occa hinüber. Die flocht an einer langen Ringelkette von Marienblumen. Sobald sie jedoch ihre braunen Augen spähend über den scheinbar Ruhenden hinstreifen ließ, dann glitt jedesmal ein spöttisches Lächeln um den herrischen Mund des Riesen, denn seine Ungeduld errechnete bereits den Augenblick, wo seine Wünsche sich erfüllt haben würden. Hier an diesem eigens dazu geschaffenen Fleck mußte das ihn so oft anspringende Fieber gelöscht werden, sonst wäre es ja eine Ruchlosigkeit gewesen, seinen treuen Licin durch Peitschengeknall von seiner Seite getrieben zu haben.

Als ihm der Knabe einfiel, schlug er die schwarzen Augen hartherzig auf, er schüttelte sich, und eine wirre, unklare Rachsucht erfaßte ihn, als wäre der Fall dieser Nahen die schuldige Genugtuung für die andere. Und ohne sich noch durch irgend etwas hemmen zu lassen, richtete er sich auf und schnellte wie eine große Schlange zu seiner Gefährtin hinüber. Verwundert verfolgte die sein Treiben.

»Fürchtest du dich nicht?« forschte er, als er Occa erreicht hatte, und dabei stützte er sich mit beiden Armen über die Zusammensinkende. »Du weißt doch, was man für Lieder von mir singt? Ich spaßte nicht lange mit schönen Frauen, die mir gefallen.«

Die Broke-Tochter regte sich kaum, und während jenes spitzbübische Lächeln ihren Mund verschönte, das ihren Bedränger immer ärger zu Tollheit und Gewalt reizte, da warf sie dem Geneigten lässig ihre Blumenkette um den Hals.

»Gewißlich, du langer Mensch,« sprach sie sorglos zu ihm empor, »mir geschieht nichts von dir.«

Doch der Störtebecker hielt sich nur noch mit Mühe.

»Du möchtest leicht irren,« entgegnete er gepreßt, und es klang wie das dumpfe Murren vor einem Gewitter, »was sollte mich hindern?«

Da geschah das, was den eigenwilligsten und herrschsüchtigsten aller Männer mitten im Laufe festhielt. Eine kleine Hand war es, die erst neckisch an der Blumenkette zauste, bis sie ihm unvermutet einen leichten und doch fühlbaren Backenstreich versetzte. Dem Freibeuterfürsten aber schwirrte es vor Augen, tausend zügellose Stimmen schrien in ihm auf, die Züchtigung, und wenn es auch nur eine eingebildete, im Spiel zugefügte war, sie erinnerte ihn an seine Sassenzeit und versetzte den Ungebändigten in Raserei.

Mit einemmal fühlte er einen sich windenden Frauenleib in seinen Armen, er wollte ihn schonen, um sich seiner Beute desto ungestörter freuen zu können, umsonst, wieselhaft glitt es unter seinen Armen dahin, im nächsten Augenblick schon fuhr von dem Hügelrand, auf den das kurzröckige Weib gesprungen war, ein heller Ruf über die Ebene.

Von fern antworteten die Knechte.

Als die wohlbedachten Worte auf den Gescholtenen herabfielen, da riß der Mantel von Wollust und Üppigkeit auseinander, mit dem der Seefahrer dieses junge Weib einzig bekleidet wähnte. Denn der Weltkundige erkannte, wie hinter der goldumrahmten Stirn, im Verborgenen zwar und doch schon geformt, Absichten und Pläne wuchsen, die seiner Erdumgestaltung feindlich entgegenwirkten. Deutlich erriet der Scharfsichtige, daß hier ein feinspinnender Eigennutz am Werke wäre, der, wie überall auf der mißgestalteten Erde, von der Bedrängnis der anderen seinen Vorteil ziehen wollte.

Da lachte der Störtebecker über seine törichte Verblendung und sprang mit einem Satz, geheilt und entladen, wie er glaubte, neben die Reiterin.

Die aber achtete seiner fürder nicht weiter. Mochte sie durch die Gewohnheit belehrt sein, daß es keiner stärkeren als Blumenketten bedürfe, um solchen üppigen Jäger nach sich zu ziehen, jedenfalls warf sie sich, ohne ihrem Begleiter auch nur noch einen Blick zu gönnen, rittlings auf ihren Braunen und sprengte dann in scharfem Flug voran. Und doch meinte der nachsetzende Freibeuter, der schmale, feine Goldkopf unter der gelben Lederkappe hätte ihm einen bestimmten, nicht mißzuverstehenden Wink erteilt. Da knallte der Störtebecker während der sich jetzt entspinnenden Hetze fröhlich, kraftbewußt seine Lederpeitsche durch die Luft. Heißa, solch eine Pirsch war gerade nach seinem Geschmack. Er wußte ja, wonach er strebte. Mochte der flatternde Rotrock da vor ihm nur ruhig wähnen, das Narrenseil in der Kinderhand zu halten, was galt ihm, dem Schicksalswender, im Grunde solch ein Bündel längst bekannter Reizungen? Nur der Fang spannte seine Geister, alle mußten sie ihm dienen, die Grenzenlosigkeit, das Abgründige des Besitzes allein verbürgte ihm in einem dunklen Vorgefühl die Wahrheit seiner Sendung.

Da wandte die vorausfliehende Occa zum erstenmal ein wenig das Haupt zur Seite.

Im Burghof zu Neß erst kehrte sich seine Führerin unter dem rohen, viereckigen Hauseingang nach ihrem Gaste um.

»Komm,« sagte sie kurz, »damit ich dich leite.«

Leicht strich sie den Staub von ihrem wamsähnlichen Oberrock, dann stieg sie ihm eine dunkle Treppe voran. Sie mußten sich in einem turmartigen Gebäude befinden, denn die Stufen wanden sich im Kreise und wurden immer enger und ausgetretener. Eine faule, stockige Finsternis quoll ihnen entgegen und beschwerte den Atem. In dem Schuimer aber regte sich sicherste Erwartung. Jeden Augenblick meinte er, eine Hand müßte nach der seinen tasten, um dann irgendwo eine Tür aufzustoßen, wo ihm jene Gastfreundschaft beschieden sein würde, auf die er harrte.

Allein seine Sinne spannten sich vergebens. Nach wie vor hörte er die leichten, huschenden Tritte über sich, die Dunkelheit schien sich mit ihnen zu drehen und hauchte eine feuchte Kälte aus.

Aber da endeten die Stufen, ein ebener Gang oder eine Halle mußte erreicht sein, denn plötzlich spürte der Gast seine Führerin dicht neben sich. Wiederum strich sie ihm über das Gesicht und flüsterte:

»Warte!«

Dann entfernten sich ihre Schritte, und der Fremde stand allein, eingeschlungen von dem Rachen der Schwärze. Einen Augenblick lang beschlich den Einsamen das Bedenken, es könnte ihm hier vielleicht von seiner Wirtin eine Falle gestellt worden sein, ja, den zur Tatlosigkeit Verdammten durchzuckte die Ahnung, die wilde, herrliche Jagd nach allem Unerreichbaren möchte womöglich in diesem Moderwinkel ihr Ende gefunden haben. Allein, kaum gedacht, ließ ihn sein unerschöpfliches Vertrauen auf seinen Stern all solche Einwendungen hinter sich schleudern. Und jetzt – nein wahrhaftig – ganz in seiner Nähe, nur gedämpft durch eine verschlossene Tür, fing er ein sonderbares Grunzen auf, wie wenn ein Schwein sich über dem Futtertrog besonders wohl fühlt, und alsbald gesellte sich das feine Gelächter Occas hinzu.

Dem Störtebecker schoß das Blut ins Antlitz. Giftig träufelte ihm sein Jähzorn ein, er selbst böte wahrscheinlich den Anlaß zu dem heimlichen Vergnügen seiner Schönen, er, der gefürchtete Schwarzflaggenherrscher, der als Gefoppter, als demütig Wartender vor der Tür einer Listigen lauerte.

Mit einem Sprung setzte der Maßlose in die Finsternis, und richtig, seine geballte Faust traf dröhnend auf Holz- und Bretterwerk.

»Das sollst du mir bezahlen, du Hexe!« schrie der Gereizte, keuchend vor Wut und unbekümmert darum, wer ihn etwa hören könnte. »Bei den Hörnern des Satans, ich will es dir eintränken.« Das Gewölbe über ihm warf schallend ein Echo zurück.

Da aber stand der Freibeuter geblendet still. Unmerklich war eine niedrige Tür vor ihm aufgeglitten, und der Anblick, der sich ihm jetzt bot, traf den Eindringenden so unerwartet, daß er in jähem Wechsel kaum eine rohe Lachlust bezwang. Wahrlich – und der Störtebecker hieb sich auf die Brust, wie wenn er unbedingt Spuk und Augentrug von sich scheuchen müßte, dort drinnen in dem kreisrunden Turmloch, unter allerlei albernen Geräten und verworrenen Meßtafeln, dazu bestimmt, nach dem Aberwitz der Zeit den Gestirnen ihr Geheimnis zu entlocken, da hockte auf einem niedrigen Dreifuß ein Wulst von Speck und Fetten, der sich eben in seinem weiten grünen Tappert mühselig umwandte. Dies war der Häuptling Luitet van Neß, ein Mann, den selbst seine besten Freunde »das Ferkel« nannten. Fragwürdig blieb nämlich seine Menschengestalt. Kleine, triefende Schlitzäuglein, eine ungeheuerliche, weit vorstrebende Schnauze sowie ein ebenso heftig zurückfallendes Kinn gaben dem kurzbeinigen Fettklumpen tatsächlich etwas vom Borstenvieh. Und es bedurfte für den Beschauer nicht erst seiner grunzenden Stimme sowie der blonden Stacheln auf dem platten Haupt, um die Ähnlichkeit unheimlich zu vervollständigen.

Und dies sollte der Gatte der schönen Occa sein?

Vorgebeugt verharrte der Störtebecker an der Tür, offenen Mundes, mit dem ganzen beleidigenden Unglauben eines von der Natur Beglückten starrte er bald auf dieses Schaubudenwunder hin, bald suchte er von der Goldblonden eine Erklärung zu erhaschen. Als er jedoch auffing, wie das junge Weib dem behaglich Grunzenden die kurzen Borsten kraute, wobei sie hinter dem Rücken des Dicken dem Freibeuter schnippisch zunickte, da löste sich die ungemessene Verstricktheit des Betroffenen endlich in einem langen wilden Gelächter aus. Sogar Herr Luitet, der eben zur Begrüßung heranwatschelte, verfiel in ein beifälliges Grunzen, auch die Burgfrau schloß sich von der großen Heiterkeit nicht aus. Um ihre Lippen aber zuckte es wie jemandem, der sich des Endes bewußt ist.

Kannte sie doch allein den Anfang.

Von ihrer eigenen Mutter, der Quade Fölke, an dieses gemästete Scheusal verkuppelt, sollte die heitere Lebensfreude der Jungfräulichen wohl nach Absicht ihrer Peinigerin möglichst bald in Trübsal und Elend ersticken. Allein diesmal erwiesen sich die Berechnungen der Quade als trügerisch. Da das Ferkel einzig und allein auf der nächtlichen Sternenwiese graste, so stellte es an seine irdische Begleiterin keinerlei Ansprüche, ja, bald geschah es, daß Occa mehrfach am Tage in die Turmzelle ihres Gatten emporsprang, um ihm voller Genugtuung die Wünsche und Verlockungen ihrer junkerlichen Anbeter zu offenbaren. Und während ihre kleine Hand den behaglich Grunzenden puffte oder ihm spöttisch die kurzen Borstenhaare kraute, da konnte man die beiden häufig in ungemessene Heiterkeit über die genasführten Liebhaber ausbrechen hören. Frau Occa hielt sich das Ferkel, wie vornehme Damen ihrer Zeit mancherlei mißgestaltete Kreatur in ihrer Nähe fütterten, und so hatte sich zwischen den Gatten allmählich die beide Teile befriedigende Vertraulichkeit guter Geschwister ausgebildet.

Auch über den Seeräuber mußte dem Klumpen wohl schon vorher eine ausführliche Schilderung hinterbracht sein, denn während er ihn pustend und schnaufend begrüßte, blinzelte er aus den schrägen Schlitzäuglein beinahe mitleidig an dem Riesen in die Höhe. Fast schien es, als ob der Weise seinen ungewöhnlichen Gast bereits im Voraus bedauerte. Dann aber besann sich der Hausherr auf seine dunklen Künste oder vielleicht auch auf das, was man seinem platten Schädel eben erst eingeblasen hatte. Geheimnisvoll wickelte er sich in sein grünes Kleid, um ernsthaft das Haupt zu schütteln.

»Du überschreitest das Maß,« vertraute er endlich seinem Besucher an. Witternd und feucht zitterte dabei sein Rüssel.

»Getroffen,« nickte der Störtebecker, der sich noch immer nicht fassen konnte, wobei er allerdings mehr die Burgherrin als den Klumpen im Auge behielt, »ich messe sieben Schuh.«

»Das ist es nicht,« murmelte das Ferkel abmahnend. Darauf ergriff er eine durch allerlei Striche und Zeichen geteilte Stange und hielt sie schräg gegen den Fremden, so daß die Sonne einen schwarzen Strahl über den Freibeuter malte. »Du überschreitest das Maß,« wiederholte er hartnäckig.

»Potzblitz,« fiel der Störtebecker lebhaft ein, indem er frisch nach der Stange schlug, »ich will auch mein Begehren nicht messen, und wenn es bis an den Mond wüchse.«

Rasch wechselte er dabei einen Blick mit Occa, die noch immer hinter der Lehne eines unförmlichen Stuhles stand, und so frech und gefräßig züngelte wieder seine Flamme, daß er gar nicht merkte, wie auch dem Ferkel jene geheime Zwiesprache keineswegs entging.

»Vom Übel,« verurteilte der Sternendeuter, nunmehr seiner Sache sicher. »Jedem ward sein Maß bestimmt. Der Kundige zählt die Regentropfen. Höre, du bist wohl ein lang aufgeschossener Bursch' und tobst auf der Erde lärmvoll umher, aber weißt du denn, was am Himmel für dich angeschrieben steht?«

»Meiner Seel,« beteuerte der Störtebecker, der sich jetzt ungebeten auf eine Ecke des Ziegelherdes niederließ, denn das Geschwätz des Dicken wurde ihm lästig, »laß mich die Erde zurechtrücken und heiße du inzwischen dein Weib, mir einen Morgenimbiß auftischen, so will ich dir wohl oder übel den Jupiter, den Saturn und die beiden Dioskuren dazu verkaufen.«

»Verspotte nicht die Ewigwachen,« murrte der Klumpen und hielt jetzt seine Stange prüfend gegen das Fenster und mitten in das Sonnenlicht hinein. »Occa mag dir Hunger und Durst stillen, wie ihr beliebt. Ich wehre ihr nichts. Sie ist frei. Weil alles Geschehen ohnehin aus dem Lichtnebel quillt, der gewogen und gezählt für jeden von uns im Unendlichen schwimmt. Occa mag dir das Nachtlager rüsten, und du wirst nicht anders handeln, mein Freund, als die Staubkörner es wollen, die gebieterisch über dir und in dir tanzen. Geh hin und versuche es.«

Diese Gelassenheit jedoch übermannte sogar den sorglosen Gewaltmenschen. Geräuschvoll sprang er vom Herd, und seine Verblüffung steigerte sich noch, als ihm der helle Triumph aus den Zügen der Goldblonden entgegensprühte. Mühsam nur faßte er sich, und indem er sich neigte, warf er im Trotz und wie zum Abschied hin:

»Wohlan, Luitet van Neß, so nehme ich deine Gastlichkeit an, und ich will hoffen, daß es meinen Staubkörnern unter der Pflege deines Weibes wohlergehen werde.«

»Jeder muß das hoffen, was ihm beschieden ist,« sprach das Ferkel dunkel.

Ruhig ließ der Nekromant seinen Besucher zum Ausgang gelangen, aber gerade als die Reckengestalt sich unter das niedrige Pförtlein bücken wollte, da scharrte der Klumpen, der sich inzwischen wieder auf den Dreifuß niedergezwängt, mit dem Fuß über ein auf der Diele herumliegendes Pergament, so daß ein trockenes Rascheln entstand.

»Nimm dies mit dir, Maßüberschreiter, Tobender im Käfig,« grunzte er gleichgültig, »ein Bote unserer lieben Mutter Fölke brachte es heute. Vielleicht erkennst du daraus, wie das Unsichtbare auf Erden stets hinter uns hersprengt. Hier,« – er bückte sich und reichte das Blatt unter Keuchen seiner Hausfrau – »es ist nur eine Hornisse aus dem großen Schwarm,« schnarchte er schläfrig, in sein Fett versinkend.

»Was für ein Fetzen?« wandte sich der Störtebecker gebieterisch zurück.

Und Occa las. Es war ein Sendschreiben der Hansestädte an die ostfriesischen Häuptlinge, eine freundliche Mahnung, die aber viel eher einem düsteren Drohen glich, indem dadurch den Edeljunkern, den Enno, den Abdena, Beninga, Cankena, den Neß, Broke und dem Propst Hisko van Emden auf das gemessenste untersagt wurde, irgendeinen Verkehr mit den Vitalianern, den Gleichebeutern, diesen Schwären und Beulen am Leibe der handeltreibenden Völker zu unterhalten. Und mit heller Stimme, beinahe jubelnd, verkündigte Occa, während ihr der Störtebecker belustigt über die Schulter schaute, den Schluß:

»Von allen Gottabtrünnigen, von allen lästerlichen Bösewichtern aber, so jemals die Ruhe, den Frieden und die Ordnung in Stadt und Land gestört, ist gewißlich der Störtebecker der verworfenste und wird der Strafe der Verdammnis nicht entgehen.«

»Sicherlich, das wird er nicht,« unterbrach Occa vergnügt und versuchte den ihr Nahen an einer seiner Locken zu reißen. Dann fuhr sie fort:

»Es ward uns jedoch kund, daß dieser friedlose Übeltäter, nachdem er die Ostersee durch Mord rot gefärbt, auch gestohlen und gebrannt, wo er nur konnte, jetzt unter euch das lügnerische Gerücht aussprengt, er wolle eine Bruderschaft aufrichten, derengleichen selbst unserem Seligmacher Jesu Christo nicht gelang.«

Hier stockte die Goldblonde abermals, biß sich auf die Lippen und schüttelte unbefriedigt das Haupt, bis sie endlich aufmerksamer weiterlas:

»Um diesen neuen Frevel gegen Obrigkeit und schuldige Demut nicht reif werden zu lassen, damit aber auch fürder der gemeine Kaufmann sein Handelsgut ungefährdet über See bringen möge, sei hiermit den Edlen der Friesen zu ihrem eigenen Nutz und Frommen voll Ernst und schwerer Sorge empfohlen, die Raubgesellen ohne Zögern aus dem Land zu jagen, Burgen und Häfen ihnen zu verschließen, ihren Anführer aber zu greifen und nach peinlichem Gericht genädiglich vom Leben zum Tode zu befördern. Sollte dies indessen nicht geschehen, so wollen die hansischen Städte doch all ihre Macht aufbieten, um unter dem Beistand des Himmels dem Schwarmwesen in euren Ländern ein Ziel zu setzen.« Unterzeichnet war das Schriftstück »Tschokke, erster Aldermann von Hamburg«; und das schiffgeschmückte Siegel der Stadt hing darunter.

Der Störtebecker spießte das Manifest mit dem Schüreisen und warf es ins Feuer.

Gleich einem Fürsten ward der Schuimer auf Burg Neß bewirtet. Occa ließ ihm ein wohlduftend Bad richten, Knechte und Mägde bedienten ihn, frisches Linnen ward dem Gast gereicht, und immer hörte der in der Badestube lärmend Singende, wie die Hausfrau nicht weit von der geschlossenen Tür herumstrich. Diese Nähe bestärkte ihn noch in seinen wilden Vorsätzen. Allein bald merkte er, wie die glatte Tochter der Quade es mit vieldeutigem Lächeln darauf abgesehen hatte, ihn zu necken und dem Gewalttätigen unter allerlei Schmeichelei und trügerischer Zuvorkommenheit die Hände zu binden. Ja, manchmal blitzte es in dem Geiste des Riesen geradezu auf, als ob alles nur geschehe, um dem abwesenden Ferkel ein Ergötzen zu bereiten. Occa saß zwar beim Mittagsmahl neben ihrem Gaste an der Herrenseite der Tafel, jedoch der lange Saal war mit so zahlreicher Dienerschaft angefüllt, Köche, Mundschenken, Spießknechte liefen ab und zu, daß jedes vertrauliche Wort untergehen mußte, und der Störtebecker, nachdem er im Unmut Becher auf Becher herabgestürzt, plötzlich aufbegehrte:

»Du könntest auch mehr sein, als du bist,« entgegnete die Goldblonde zur Seite rückend.

Der Schuimer verstand dies nicht. »So laß mich aufbrechen,« fuhr er wütend vom Stuhl.

»Bleib',« flüsterte Occa hinter ihrer Hand.

Da vermochte der Begierige sich nicht loszureißen.

Am Abend gab es auf der Burg Neß ein Gelage. Im Vorbeireiten waren Propst Hisko van Emden sowie Occas sprudelköpfigster Verehrer, der junge Allena, auf der Feste eingekehrt, und nun saßen die Männer in dem langen Saal hinter den Weinkannen beieinander, ließen abwechselnd den unsichtbaren Hausherrn, aber noch öfter die um den Durst ihrer Gäste so sorglich bemühte Burgfrau leben, und unter klappernden Würfeln, unter Lärm und Schelmenliedern wußten sie allerlei von den Händeln des gerade jetzt bedrohlich aus den Fugen brechenden Reiches zu berichten.

Mißmutig schob der Störtebecker den gar zu Vertraulichen zurück, denn in ihm kochte Grimm, weil er den Allena ihrer belustigt lauschenden Wirtin seine verrückten Geständnisse zuflüstern sah.

»Laß das Gefasel, Hochwürdigster,« zischte er böse und zerdrückte fast den Silberbecher in seiner Faust, »mein Reich ist auf einem weichen Frauenleib, und mein Ehrgeiz sucht Futter für leere Mäuler.«

Als der schöne Mann abermals die Hungernden erwähnte, da sandte Occa dem Riesen einen offen feindseligen Blick zu, der Propst aber brach in ein unvernünftig Gelächter aus. Sein Leib hüpfte ihm. Er erstickte fast.

»Schäker du,« prustete er, indem er dem Freibeuter seine Faust fest in die Rippen setzte, »da wir hier in Liebe und Traulichkeit beisammensitzen, so offenbare uns doch, welch ein einträglich Schelmenstück du hinter deinem wüsten Gerede verbirgst? Weiß doch jedes Kind, daß Reichtum und Völlerei gerade so ewiglich beschlossen sind als Därmeknurren und Hungereingeweide.«

Der Pfaffe ahnte wohl kaum, wie nichts den Störtebecker so verstörte, so von Grund aus umwühlte als Spott über jenes nackte Elend, das seine Phantasie sich in grausiger jahrelanger Arbeit als ein düsteres Feld ausgemalt hatte, über das entblößte Menschen auf Nacken und Schultern Steinlasten in eine hoffnungslose Ferne schleppen, während den Trägern Arme und Beine bereits verfaulen.

Unheimlich erblaßt sprang der Riese auf, der herrische Mund bebte ihm, da er an seine Jugend dachte, und in jäher Wut schlug er nach der Weinkanne, so daß sie umstürzend ihren Inhalt ergoß.

»Weh euch,« schrie er, wobei er jeden einzelnen seiner Genossen in tödlicher Fremdheit maß, denn in diesem Augenblicke wurde ihm klar, daß der Wahrspruch der Schwarzflaggen sein eigenes Schicksal tatsächlich bis zum Rand füllte. »‘Aller Welt Feind’ – hütet euch – es ist nicht wohlgetan, wenn ihr den bösen Geist in mir gegen euch wachruft, ihr, ihr, die ihr nichts als schmausen und tanzen könnt.«

Das viele vergossene Blut seines Lebens hüpfte vor ihm auf dem Tisch in roten, zuckenden Flämmchen. Es wurde ängstlich still um die Tafel.

»Und gerade will ich tanzen,« meldete sich mit einemmal Occas helle, aufreizende Stimme.

Furchtlos, nur darauf erpicht, die Spannung aufs äußerste zu steigern, ergriff die Goldblonde unvermutet die umgeworfene Kanne, und sie höhnend gegen den Seefahrer schwingend, begann die Geschmeidige zu aller Erstaunen mitten im Saale einen zierlichen Kreis zu schlingen. Die Augen ihrer Zuschauer vergrößerten sich, eine Weile wurde durch den seltenen Anblick jedes Wort und jede Bewegung der Männer gelähmt. Dies war ja auch nicht der schwerfällige Reigen, wie er sonst im Brokmerland geübt wurde. Nein, der hinstarrende Störtebecker wußte allein, daß so – den Krug auf der Schulter, den Leib zurückgeworfen – nur Künstler der Hellenen einst ihre berauschten Nymphen auf schwarzen Vasen zu bilden pflegten.

Da brach plötzlich der tosendste Beifall aus. Der Propst hämmerte mit den Fäusten auf den Tisch, der Allena schleuderte seinen Becher durch die Luft, der Störtebecker jedoch, von einem Wirbel in den anderen gejagt, durch listige Berechnung aus Eis in Siedehitze gerissen, und vor allen Dingen unfähig, irgendwo eine Grenze für sich zu dulden, er machte Miene, den Tisch umzustürzen, um gleichgültig gegen all die Zeugen mit zitternden Fäusten sich dieser behenden Beute zu bemächtigen.

In diesem Augenblick aber hielt auch Frau Occa inne, atemschöpfend stellte sie ihren Krug auf die Erde, verneigte sich dankbar gegen den Propst, und während sie ein paar Mägde zu sich winkte, sprach sie mit kaum verhehlter Genugtuung:

»Es ist Mitternacht, ihr Herren. Suchet jetzt still euer Lager auf, damit ihr meinen Eheherrn nicht stört. Denn sein Tagewerk beginnt erst, wann wir anderen ruhen.« Und blitzend vor Übermut setzte sie noch hinzu: »Und träume jeder von dem, was er wünscht.«

»Nun, Gott verdamm' dich,« murrte der Emdener hinter der rasch Entschwindenden her und lockerte bereits seinen Gürtel vom Leibe. »Soll man denn nicht mal im Traum seine Ruhe finden? Komm, Teurer.«

Damit wollte der Weinvolle seinen Arm unter den des Seefahrers schieben, der Störtebecker aber stieß ihn zurück, daß der Betroffene in die Arme des Allena taumelte, und offenen Mundes mußten die beiden Zurückbleibenden erleben, wie der Riese ohne Abschied gleich einem Sturmwind aus dem Saale fuhr. Bald darauf verkündete Hufschlag, daß ein Reiter trotz Nacht und Pfadlosigkeit seinen Weg suchte.

Verdutzt strich sich Propst Hisko über die niedrige Stirn, dann, nachdem er sich ein wenig besonnen, sagte er gähnend:

»Heißt mit Recht Schuimer, der Kerl. Wer weiß, wie lange seine Woge steigt? Wollen doch mit den Hansischen nicht gänzlich brechen, Allena. Vorsicht ist ein sicherer Hühnerstall.«

Über der nächtlichen Heide flimmerte der weite Sternenhimmel, der Meerwind schlich summend durch das kurze Gestrüpp, und im Mondlicht wanderte der unmäßig verlängerte Schatten von Tier und Mensch seitwärts neben dem Trabenden her. Eine angespannte Stille mühte sich, dem Einsamen ihr Geheimnis ins Ohr zu wispern. Aber dem Störtebecker war diese Sprache lang vertraut. Befreit lauschte er dem Atem der Weite, und als er den Erdgeruch spürte, als die feuchten Moornebel um ihn quollen, da brannte in ihm eine unerklärliche Sehnsucht auf, und ein wahnwitziges Gelüst packte den Stürmischen, sich mit dieser Erde zu vermählen, tief alle Wurzeln in sie zu strecken, damit er auf ihr blühen könne wie ein Baum. Unsichtbar, sichtbar stiegen vor ihm aus schwarzen, bläulich glitzernden Torfgründen zukünftige Häuser und Gehöfte auf, er hörte Menschengesang aus der Leere, erkannte das Brummen des gesättigten Viehs, und weit hinten in der Schwärze verlor sich das Stöhnen zusammenbrechender Leiber, das bisher in der rasenden Musik seines Lebens stets den Unterton geseufzt hatte.

Wie leicht verbrauste doch, was er eben noch der Gier und der Lust abjagen wollte, nur das Ausweiten für die Unzähligen versprach Dauer, nur alle Leben zugleich gelebt zu haben, das, ja, das allein sättigte, das stillte.

Dies war die glücklichste Stunde des Gewaltmenschen. Traum und Erfüllung hielt er zu gleichen Teilen in seiner Rechten wie in seiner Linken. Mit einem Ruck zügelte er sein Roß, und sich weit zurückwerfend, so daß alle Gestirne ihm standhalten mußten, hob er die Faust gegen den brennenden Wirbel, und heiser vor Inbrunst schrie er in die ewig sich vertiefende Gasse hinein:

»Lauert nur, schielt aus tausend zornigen Augen, ihr könnt mir die Saat nicht mehr aus der Brust reißen. Sie soll aufgehen, trotz euch, wider euch!«

Gegen Morgen erst zog er sein Tier hinter sich her auf die Warfe der Brokeburg. Auf einer Steinbank im Hofe hockte die Fölke in ihrem grauen Fältelkleid, und ihre Spinnenfinger verfolgten eifrig die breiten Zeilen des Hamburger Manifestes. Kaum wurde sie jedoch des abgetriebenen Reiters ansichtig, da strich ein giftigsüßer Schein über das blutlose Antlitz der Quade, und sie stopfte das Pergament in ihre Tasche, als ob sie einen köstlichen Schatz vergraben müßte.

»Nun,« fragte sie mit ihrer harten Stimme, »bringst du mir Grüße von Occa, Mann?«

Der Störtebecker aber antwortete nicht. Sein Blick hatte von der Anhöhe den Hafen getroffen, und siehe da – dort unten in der schmalen Fahrtrinne lag Schiff an Schiff, eine Gasse von Masten hatte sich gebildet, und überall flatterten die schwarzen Wimpel in den frühen Morgen.

»Wohl,« sagte die Fölke ohne sich zu rühren, »die Deinen sind gekommen. Und hier auf der Burg harrt dein Diener, – dein Bube,« setzte sie spürend hinzu.

Noch immer stand der Riese sprachlos neben ihr. Nur seine Brust dehnte sich weiter, höher – bis zum Zerspringen. Dort unten – sein Schwert, sein Pflug, sein Werkzeug. Hier oben, die Schale, in die sein Gedanke gegossen war, und weit umher unter dem Frührot die zukunftsdampfende Erde.

Mächtig breitete er die Arme, und trunken vor Glück, im Ton des Bräutigams, der endlich die Entschleierte umfängt, jauchzte er:

»Mein – mein.«

III.

W
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Weit war schon der Herbst in den Oktober vorgerückt. Aber das Meer trug mit der Flut einen südlichen Wind gegen die Marschen, der duftete den neuen Ansiedlern seltsam nach fremden Blumen und würzigen Kräutern, und tief unter dem hellen Himmel strich Milde und Wärme dahin.

Hungrig öffneten sich die Schollen zur Aufnahme.

Eine Viertelmeile etwa von der Brokeburg entfernt pochte emsiger Hammerschlag. Dort hatte sich der Ire Patrick O'Shallo auf einer Wiesenschwellung und hinter ein paar einsamen Pappeln ein flüchtig Bretterhaus errichtet. Nur leicht und obenhin mit Moos und Schindeln gedeckt. Denn der streifende Geselle kannte noch nicht die Gewalt des Schneesturms, wenn er über die schutzlose Ebene fegt. Nun hämmerte der sangesfreudige Bursche rasch und ungeduldig an einem Holzzaun, damit er sein künftig Gärtlein schützen möge. Waren doch Hühner und Ziegen seines Nachbarn, des Hebräers Isaak, bereits häufig in die abgesteckten Beete eingebrochen, und das wollte der leicht erhitzte Ire nicht leiden. Auch sehnte sich der Blonde Tag und Nacht nach Weib und Ehschaft, kurz nach Wesen, die seines Winks gewärtig ihm billig einen Teil der Arbeit abnehmen sollten. Dazu gehörte aber auch, daß sein Anwesen, das ihm auf unbegreifliche Weise von der Güte dieses mächtigen Anführers zugeteilt war, nicht dem Fußtritt jedes Störers offen stehe. Und daher gedachte sich Patrick O'Shallo keineswegs mit dem Gartenzaun allein zu begnügen, sondern allmählich sollte die ganze Liegenschaft durch Busch und Hackelwerk abgegrenzt werden. Was er mit seinem sauren Schweiß bestellte, dahin brauchte ihm nicht stets der arbeitstolle Jude hineinzutappen, der unheimliche schweigsame Christusmörder, der besessen und wie verfolgt bis in die Nacht hinein pflügte, streute und wühlte, wenn er nicht gleich einem Wurm durch die Erde kroch.

Merkwürdig, der lustige Bursche wußte auch nicht, wie es kam, jedoch er konnte dies unablässige Mühen seines Nachbarn nicht ohne Murren und Zorn mit ansehen. Und seine Vorliebe zu Lust, Spiel oder Feiertag fühlte sich durch das rastlose Wirken des nur auf Zunahme und Erfolg Bedachten zuerst beschämt und dann beleidigt.

So hielt er auch jetzt verärgert mit dem Einrammen der Pfähle inne, wischte sich die rotblonden Haare und stützte sein Kinn ausruhend auf eines der Hölzer. Wahrhaftig, abermals packte ihn der Unmut. Denn nicht weit von seinem Platz sah er den alten Isaak eifrig an einer Rinne graben, die das von ihm bereits umgeworfene Feld entwässern sollte.

Da begann Patrick O'Shallo leise Verwünschungen zu murmeln.

Natürlich, nun würde der niederträchtige Schleicher wieder einen Vorsprung erhalten, denn der Ire hatte an solche Hilfsmittel noch keineswegs gedacht, da er zuerst für einen reichen Tisch und ein recht wohliges Lager sorgen zu müssen glaubte. Zum Henker, er wollte doch ein junges Weib darauf betten? Und nun? Ha, ha, um den alten eisengrauen Maulwurf dort drüben schnupperten noch obendrein ein paar kleine Ferkel herum? Wie kam der Kerl schon wieder zu dem neuen Erwerb? Da sollte doch das böseste Wetter dreinschlagen! Was nützten schließlich das gleich abgesteckte Land oder die gleich abgezählten Gulden, wenn der verfluchte Mauschel dort drüben keinen Schlaf kannte? Keine Weiber, keinen Trunk, kein Spiel und keinen Feiertag? Womöglich würde er, der kräftige, weibverbrannte Geselle, von den Mägden noch verachtet werden, weil er sein Gut nicht ebenso gründlich zu bestellen vermochte wie das graue Schindluder von jenseits!?

Dem Iren hing eine rote Wolke vor den Augen.

»He – du – hilf mir,« schrie er zu dem Spatenschwinger hinüber, denn sein Zorn gab ihm ein, daß den Ansiedlern von dem Admiral gegenseitige Hilfeleistung in allen Fällen und bei jeder Gelegenheit befohlen war. Nur nahm es sich Patrick nicht weiter übel, daß er zwar jene Unterstützung unausgesetzt von dem Alten beanspruchte, hingegen es regelmäßig versäumte, dem Nachbar etwas Ähnliches zu erweisen. Wozu auch? Der Sprenkelbart entstammte dem verstoßenen Volk, und die Mahnung des Störtebeckers von der Bruderschaft aller Sterblichen, sie konnte unmöglich auf den Fremden gemünzt sein.

»He – du – hilf mir,« schrie er noch lauter als zuvor.

Auf den Anruf hob sich über der Rinne ein eisengraues Haupt, folgsam wandelte die breite, untersetzte Gestalt des Hebräers heran. Er stützte sich auf den Spaten, als er den Zaun erreicht hatte.

»Wo fehlt's?« fragte er bereitwillig. »Brauchst du Nägel, Freund?«

Der andere schüttelte heftig den Kopf. Seit sie von dem Schiff herunter waren, störte ihn die Vertraulichkeit der Anrede.

»Sollst mir die Querbalken halten,« forderte er ungebärdig, »das Gebastel geht mir zu langsam.«

Verstehend nickte der Alte, und während er bereits die lange Leiste ergriff, damit sein Gefährte die spitzen Stäbe an ihr festschlagen könnte, da huschte ein dunkles Lächeln unter seinem angeschneiten Bart hervor.

Notes in this chapter

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