Vorrede. (continued 3)
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Wir sehen auch nicht selten Aristokratie und Bourgeoisie nach diesem Rezepte handeln, wobei die Betreffenden sich noch das Mäntelchen der Gesellschaftswohlthäter umhängen. Man ißt und trinkt gut, kleidet sich noch besser, tanzt und amüsirt sich in dem stolzen und befriedigenden Bewußtsein, „indem man seine Triebe befriedigte“, sich und die Gesellschaft zu retten. Die Leute, die so handeln, gehören zu dem Achtel, für die, nach Fourier, die bürgerliche Welt die vollkommenste Welt ist. Wir wissen heute, daß diese Zahl kein Achtel, nicht einmal ein Zwanzigstel der Gesellschaft bildet.
Daß die Ansicht Fourier's von der Bedeutung der Reichen für die Waarenzirkulation und Konsumtion irrig ist, bedarf heute für Niemand, der einigermaßen den Organismus unserer Gesellschaft kennt, eines Beweises. Nicht der Verbrauch dieser handvoll Reicher, und sei ihr Verbrauch noch so bedeutend, sondern der Verbrauch der Masse stimulirt die Zirkulation. Wo der Massenverbrauch nachläßt, weil die Masse ärmer wird, oder weil, wie in der Regel in den modernen Krisen der Ueberproduktion, der Konsum der Waarenproduktion nicht zu folgen vermag, einestheils, weil die Kaufkraft fehlt, anderntheils, weil Waaren bestimmter Gattungen weit über das normale Bedürfniß erzeugt wurden, da tritt die Stagnation mit allen ihren Folgen ein. Der Luxusverbrauch der Reichen hat nie eine allgemeine Krise gehoben, noch hat er durch sein Fehlen eine solche erzeugt. Es ist aber ein charakteristisches Merkmal für einen Gesellschaftszustand, daß eine Klasse, „die nichts thut und zu nichts nütze ist“, wie Fourier sich ausdrückt, so viel verbrauchen kann und doch immer reicher wird. Welch geringe Rolle der Verbrauch der reichen Klasse im Verhältniß zum Verbrauch der Masse der Bevölkerung spielt, zeigend schlagend die Ergebnisse der indirekten Steuern. „Die Steuer auf Luxusartikel der Reichen bringt nichts ein“, sagte Fürst Bismarck in seiner berühmten Steuerprogrammrede im Herbst 1876 im Reichstag; „was nützt die Steuer auf Austern, Champagner, Equipagen, sie bringt nichts, nehmen wir dafür die 'Luxusbedürfnisse' der Masse, Bier, Kaffee, Branntwein, Tabak.“ Unsere Steuertabellen geben ihm Recht.
Indem nun Fourier, weil er die eigentlich treibenden Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft nicht erkannte und in seinem Zeitalter noch nicht erkennen konnte, sein phalansteres System auf der Beibehaltung des Geldes gründete und dem Kapital einen erheblichen Theil des Arbeitsertrags — vier Zwölftel — zuschrieb, entging ihm nicht, daß bei dem Reichthum, den die Phalanx durch ihre Organisation der Arbeit erzeugen sollte, das Mißverhältniß im Vermögen und Einkommen der verschiedenen Klassen sich in der Phalanx noch mehr steigern müsse, als in der Zivilisation. Er mußte also ein Mittel finden, um dieser klaffenden Ungleichheit einigermaßen vorzubeugen. Er verfiel, wie sich später zeigen wird, auf das Mittel der Massenanwendung testamentarischer Legate, welche die reichen Leute der Phalanx allen Denen zuweisen würden, für die sie im Laufe ihrer phalansteren Thätigkeit aus irgend einem Grunde eine besondere Zuneigung gefaßt, aber selbst mittellos seien. Die Frage liegt freilich nahe, was denn diese ganze Reichthumsaufhäufung in Privathänden für einen Sinn und für eine Berechtigung hat, wenn die sozietäre Arbeit diesen Reichthum erzeugt und dieser so groß ist, daß er allen Gliedern der Phalanx den größten Luxus gestattet und selbst die verwöhntesten Geschmäcker zu befriedigen vermag. Diesem Widerspruch sucht also Fourier durch das bezeichnete Mittel aus dem Wege zu gehen, es soll der Wiederkehr „der verkehrten Zirkulation nach den Phantasien der Müßigen begegnen“, und die Reichen sollen durch das selbstlose Auftreten der kleinen Horden zu Akten der Edelmüthigkeit gegen die Unbemittelten angeeifert werden. Das ist die große moralische Aufgabe, die er den kleinen Horden zuweist.
Fourier fährt fort:
„Die Thätigkeit und Erregung der kleinen Horden wird sich verdoppeln, wenn ihnen der Kontrast, den die Natur ihnen vorbehielt, entgegentritt, die kleinen Banden. Der Keim des Widerspruchs, der darin liegt, daß zwei Drittel der Kinder männlichen Geschlechts zur Unsauberheit, zum Ungehorsam, zur Wildheit neigen, zwei Drittel der Kinder weiblichen Geschlechts zum Putz und zu guten Manieren, muß entwickelt und für die Phalanx ausgenutzt werden. Je mehr die kleinen Horden durch Tugend und Hingebung sich auszeichnen, um so mehr muß die rivalisirende Korporation — müssen die kleinen Banden — Eigenschaften annehmen, welche den Wünschen der öffentlichen Meinungen entsprechend, das Gleichgewicht herstellen. Die kleinen Banden sind die Bewahrer der sozialen Anmuth; dies ist ein weniger glänzender Posten als jener der kleinen Horden, Stütze der sozialen Uebereinstimmung zu sein. Aber die Sorge für den Schmuck und das Ganze des Luxus in der Phalanx ist in der Harmonie nicht weniger werthvoll. In dieser Art Arbeiten sind die kleinen Banden sehr nützlich und unentbehrlich; sie haben im ganzen Kanton der Phalanx die spirituelle und materielle Ausschmückung bei allen Festen, Aufzügen, Schaustellungen auszuführen. In der Wahl der Kleider ist Niemand in der Harmonie an Vorschriften gebunden, aber sobald es sich um korporative Vereinigungen handelt, hat jede Gruppe, jede Serie ihre Kostüme und trifft die Wahl. Sache der kleinen Banden ist, die Modelle zu liefern. Im Gegensatz zu den kleinen Horden zeichnen sich die kleinen Banden durch Höflichkeit und angenehme Manieren aus. Der männliche Theil der kleinen Banden wird hauptsächlich die jungen Gelehrten stellen, die frühreifen Geister, wie Pascal, die frühzeitig Anlagen zum Studium entwickeln; ferner die kleinen Verweichlichten, die zur Weichlichkeit und Ueppigkeit neigen. Weniger thätig als die kleinen Horden, erheben sie sich auch später und erscheinen erst um vier Uhr Morgens in den Ateliers. Während sich die kleinen Horden mit der Pflege der großen Hausthiere beschäftigen, pflegen die kleinen Banden die Brieftauben, Hühner, Vögel, Biber etc.; sie überwachen ferner die Blumen- und Gartenanlagen, damit diese nicht beschädigt oder zerstört werden. Wer Dergleichen sich zu Schulden kommen läßt, wird vor ihren Richterstuhl geführt und gebüßt; sie üben ferner die Zensur über die schlechte oder fehlerhafte Aussprache. Wie die kleinen Horden ihre Druiden und Druidinnen, so wählen sich die kleinen Banden aus den mannbaren Altern zu Kooperateuren: Korybanten und Korybantinnen. Derselbe Kontrast besteht in den beiderseitigen Beziehungen auf Reisen; die kleinen Banden verbinden sich mit den großen Banden, den fahrenden Rittern und Ritterinnen, die kleinen Horden mit den großen Horden, den Abenteurern und Abenteurerinnen. Die Natur hat eben für die Vertheilung der Charaktere eine Scheidung von Grund aus in kräftige und milde Nüanzen vorgenommen, eine Vertheilung, die sich in allen erschaffenen Dingen zeigt; in den Farben, dem Hintergrunde der Luft, der Musik. Dieser Kontrast ist es auch, der die Scheidung der Kinder in kleine Banden und kleine Horden naturgemäß herbeiführt.“
„Jede industrielle Serie würde fehlerhaft sein, wenn sie der Geschlossenheit ermangelte; um sie geschlossen zu machen, muß man die feinsten Unterscheidungen in den Geschmäckern in's Spiel setzen. Man wird frühzeitig die Kinder an diese feinen Unterscheidungen in den Neigungen gewöhnen. Das ist also die Aufgabe der kleinen Banden, welche die Kinder vereinigen, die zu den minutiösesten Raffinements im Schmuck, im Geschmack, in der Kleidung neigen; ihr Blick wird so geschärft, daß sie wie unsere Schriftsteller und Künstler einen Fehler sehen, der dem gewöhnlichen Menschen entgeht. Die kleinen Banden haben also die Gewandtheit, Spaltungen unter den Geschmacksrichtungen zu veranlassen, die Feinheiten der Kunst zu klassifiziren und durch Raffinement der Phantasien und durch Abstufungen die Geschlossenheit der Serien herbeizuführen. So schöpft die Erziehung in der Harmonie ihre Mittel der Ausgleichung aus den beiden entgegengesetzten Geschmacksrichtungen, aus dem Hang zur Unsauberheit und zur Eleganz, zwei Richtungen die beide heute verurtheilt werden. Die kleinen Horden wirken negativ ebenso viel, wie die kleinen Banden positiv. Die einen beseitigen die Hindernisse, die der Harmonie in der Phalanx sich entgegenstellen, sie vernichten den Kastengeist, der aus den unangenehmen Arbeiten leicht geboren wird; die anderen schaffen durch ihre Gewandtheit die Abstufungen der Geschmäcker und organisiren die nüanzirten Spaltungen in den verschiedenen Gruppen. So gehen die kleinen Horden vom Guten auf den Weg zum Schönen, die kleinen Banden vom Schönen auf den Weg zum Guten; eine kontrastirende Handlung, die ein allgemeines Gesetz in der ganzen Natur ist.“
„Die Erziehungssysteme der Zivilisirten verfallen alle dem Fehler, daß sie die Theorie über die Praxis setzen. Sie verstehen nicht, das Kind zur Thätigkeit anzureizen; sie sind genöthigt, es bis zum sechsten oder siebenten Jahre unthätig zu lassen, ein Alter, in dem es schon ein geschickter Praktiker sein könnte. Im siebenten Jahre wollen sie ihm dann Theorie, Kenntnisse, Studien beibringen, für die sie den Wunsch bei ihm nicht zu wecken verstanden. Dem Kinde in der Harmonie kann dieser Wunsch nicht fehlen, weil es vom dritten Jahre bereits praktisch thätig war und bis zum siebenten spielend eine Menge praktischer Kenntnisse erlangt hat. Es besitzt jetzt das Bedürfniß, sich auf das Studium der exakten Wissenschaften zu stützen ... Die Erziehung der Zivilisirten ist im Widerspruch mit der Natur des Kindes, es ist die verkehrte Welt wie ihr ganzes System, von dem ihre Erziehung ein Theil ist. Ferner: Das Kind ist auf die Arbeit des Studirens beschränkt, es bleibt vom Morgen bis Abend während neun bis zehn Monate des Jahres über den Anfangsgründen und der Grammatik sitzen, muß ihm da nicht der Widerwille gegen die Studien kommen? Das Kind hat das Bedürfniß, während der schönen Jahreszeit im Garten, im Wald, in den Wiesen sich beschäftigend zu tummeln, statt dessen muß es an schönen wie an Regentagen sitzen und studiren. Es kann keine Einheitlichkeit in der Handlung geben, wo es nur eine einfache Funktion giebt.“
„Eine Gesellschaft, welche die Väter den ganzen Tag als Gefangene in die Bureaux, Komptoirs und Fabriken sperrt, kann auch die Sottise begehen, das Kind das ganze Jahr in die Schule zu sperren, wobei es sich ebenso langweilt wie die Lehrer. Unsere Politiker und Moralisten sprechen beständig von der Natur, sie ziehen sie aber keinen Augenblick zu Rathe. Beobachteten sie die in den Ferien weilenden Kinder, wie sie, mit leichten Blousen bekleidet, sich im Heu kugeln, vergnüglich sich in der Weinlese, bei dem Nüsse- und Obstpflücken, bei der Jagd auf schädliche Vögel etc. anwenden, und würden sie die Kinder in einem solchen Augenblicke einladen, zu ihren Studien zurückzukehren, so würden sie beobachten können, ob es die Natur des Kindes ist, während der schönen Jahreszeit in der Umgebung von Büchern und Pedanten eingeschlossen zu werden. Man antwortet: Man muß im jugendlichen Alter lernen, damit man sich des Namens eines freien Mannes würdig macht, würdig des Handels und der Verfassung! — Gut! Aber wenn die Kinder durch Anziehung und kabalistische Rivalitäten zum Lernen sich begeben, so werden sie in hundert Lektionen im Winter, beschränkt auf zweistündige Sitzungen, mehr lernen, als in 300 Tagen, da man sie in den Schulen oder im Pensionat eingeschlossen hält.
Das zivilisirte Kind kann nur mit Hülfe von Entziehungen, Pensums, Ruthenstreichen zum Lernen angehalten werden. Erst seit einem halben Jahrhundert sucht die Wissenschaft, verwirrt über dieses elende System, durch weniger herbes Vorgehen das Kind zu gewinnen; sie versucht sich, die Langeweile der Kinder in den Schulen zu enthüllen, ein Götzenbild des Nacheifers bei den Schülern, Zuneigung für die Lehrer zu schaffen. Das beweist, daß sie erkannt hat, wie es sein sollte, aber sie hat kein Mittel, ihre Gedanken zu verwirklichen. Die mit Zuneigung verknüpfte Uebereinstimmung zwischen Lehrern und Kindern kann nur in dem Fall einer als Gunst erscheinenden anregenden Unterweisung erzeugt werden. Das wird in der Zivilisation, in welcher der ganze Unterricht durch den Widersinn, die Theorie über die Praxis zu stellen, gefälscht ist, nie geschehen. Der Unterricht ist ferner gefälscht durch seine Einseitigkeit und ununterbrochene Dauer. Man findet vielleicht ein Achtel unter den Kindern, die den gegenwärtigen Unterricht mit Leichtigkeit, aber ohne davon besonders angeregt zu sein, annehmen. Daraus schließen die Lehrer, daß die übrigen sieben Achtel nichts taugen; sie argumentiren auf die Ausnahme und machen diese zur Regel. Das ist die gewöhnliche Illusion bei allen Lobliedern auf die Vollkommenheit. Es giebt überall eine kleine Zahl Ausnahmen, aber sie darf man nicht in Berücksichtigung ziehen, sondern die große Menge, welche die Regel ist. Ich fragte Kinder, die aus den berühmtesten Schulen kamen, wie von Pestalozzi und Andern, ich fand stets nur einen mittelmäßigen Schatz von Kenntnissen und eine große Unbekümmertheit für Studien und Lehrer.
„Wir haben heute eine Erziehungsmethode, und diese wird auf alle Schüler angewendet, als wenn alle vollkommen gleichartig seien. Ich kenne nun verschiedene Methoden, die alle gut wären, und es ließen sich noch andere finden. Schließlich ist jede Methode gut, wenn sie dem Charakter des Schülers entspricht. D'Alembert ward ausgelacht, als er vorschlug, das Studium der Geschichte im Gegensatz zur chronologischen Ordnung zu betreiben, dergestalt, daß man nicht von der Vergangenheit zur Gegenwart, sondern von der Gegenwart nach Rückwärts in die Vergangenheit schreite. Man warf ihm vor, den Reiz am Studium zu zerstören und die mathematische Trockenheit in die Methode des Unterrichts zu bringen. Das ist ein lächerlicher Sophismus. Keine Methode ist an sich trocken, sie sind alle fruchtbar, wenn man sie den Charakteren anzupassen und schmackhaft zu machen versteht. Man gebe den Kindern eine ganze Reihe von Methoden zur Auswahl, viele werden doch keinen Geschmack am Studium finden. Unsere Lehrmethoden ermangeln nicht nur des aktiven Hülfsmittels, sie ermangeln ebenso der materiellen Anziehung, als welche ich die Oper und die Gourmandis betrachte.“
„Die Oper bildet das Kind zur maßvollen Einheit, welche für es eine Quelle des Wohlbefindens und der Gesundheit wird; sie verschafft ihm also den inneren und äußeren Luxus, welches der erste Zweck der Anziehung ist. Das Kind wird durch die Oper von frühester Jugend an in allen gymnastischen und choreographischen Uebungen geschult. Die Anziehung ist darin sehr kräftig, es erwirbt die nothwendige Gewandtheit für alle Arbeiten in den Serien, wo Alles sich mit Sicherheit, Maß und Einheit, wie man diese in der Oper herrschen sieht, vollziehen soll. Die Oper nimmt also unter den Hülfsmitteln für die Erziehung vom niederen Lebensalter an den ersten Rang ein. Unter der Oper sind alle körperlichen Uebungen begriffen, sowohl die mit der Flinte als mit dem Rauchfaß. Diese choreographischen Evolutionen, werden sie nun mit der Flinte oder dem Rauchfaß oder in der Oper vollzogen, gefallen den Kindern außerordentlich, sie betrachten es als eine hohe Gunst, zugelassen zu werden. Man würde die Natur des Menschen vollständig verkennen, wenn man die Oper nicht in erster Linie unter die Hülfsmittel der Erziehung vom frühesten Alter an setzte, welche für die materiellen Studien nur anziehend wirkt. Um den Körper nach allen Richtungen hin möglichst vollkommen zu machen, müssen, bevor man mit der Seele beginnt, zwei unseren sog. moralischen Methoden sehr fremde Hülfsmittel in's Spiel gesetzt werden: die Oper und die Küche, oder die angewandte Gourmandis.“
„Das Kind soll zwei aktive Sinne üben: Geschmack und Geruch, und zwar durch die Küche, und zwei passive: Gesicht und Gehör, und diese durch die Oper; den Taktsinn endlich durch die Arbeiten, in denen es sich auszeichnet. Die Küche und die Oper sind die beiden Hülfsmittel, die das Kind durch die Anziehung unter das Regime der Serien der Triebe führen. Die Magie und die Feerien der Oper ziehen das Kind mächtig an. Dagegen erwirbt es in den Küchen der Phalanx die Intelligenz und Geschicklichkeit in all den Vorbereitungen für die Tafel; es lernt alle Produkte kennen, für welche es sich schon durch die Tischunterhaltungen interessirte; es werden Pflanzen und Thiere besprochen, und so wird es in Hof, Stallungen und Gärten eingeführt. Die Küche wird das Band für diese Funktionen.“
„Die Oper ist die Vereinigung für die materielle Uebereinstimmung, sie dient allen Altern und Geschlechtern. In ihr werden geübt: 1. Gesang, oder das Maß der menschlichen Stimme; 2. Instrumente, oder das Maß künstlicher Töne; 3. Poesie, oder Ausdruck der Gedanken und Worte nach Maß; 4. Pantomimen, oder Harmonie der Gesten; 5. Tanz, oder Bewegung nach Maß; 6. Gymnastik, oder harmonische Uebungen; 7. Malerei und harmonische Kostüme. Das Ganze beruht also auf einem regelmäßigen Mechanismus und in geometrischer Ausführung.“
„Bei uns ist die Oper nur eine Arena der Galanterie, eine Anreizung zu Ausgaben, und da begreift sich, daß sie durch die moralischen und religiösen Klassen zurückgewiesen wird; in der Harmonie ist sie eine freundschaftliche Vereinigung, in der keinerlei bedenkliche Intriguen zwischen Leuten stattfinden können, die sich jeden Augenblick bei den verschiedensten Arbeiten in den industriellen Serien begegnen.“
„Die Oper, heute so kostspielig, kostet fast nichts in der Harmonie. Tänzer, Sänger, Musiker, Maler, alle Handwerker und Künstler stellt die Phalanx aus ihrer Mitte. Ohne die Mitwirkung der Nachbaren und die Hülfe der Durchreisenden wird die Phalanx eine Auswahl von 12–1300 Akteuren haben, die in irgend einer Weise sich betheiligen. Die geringste Phalanx wird eine besser ausgestattete Oper besitzen, als heute unsere großen Städte.“
Fourier widmet dann mehrere Kapitel der Küche der Phalanx, ihrer Einrichtung und Organisation und der Verwendung der Kinder in derselben. Die Neigung zu gutem Essen, zur Gourmandis, ist in seinem System auch Erziehungsmittel. Was das Kind ißt, soll es in der Praxis kennen lernen, es soll die Substanzen, ihre Zusammensetzung und ihre Zubereitung erfahren. Wir fassen uns hierüber kurz, da aus dem bisher Gesagten der Leser wird beurtheilen können, wie auch hier sich die verschiedenen Serien bethätigen. Die Kinder werden zunächst an der Hand passend für sie eingerichteter Küchen in die Geheimnisse der Kochkunst spielend eingeweiht, Neugier und Interesse wird geweckt; sie treten allmälig in die großen Zentralküchen mit ihren Appendixen für die Vorbereitung der Speisen über, lernen eine Anzahl interessanter Details kennen — das Einmachen, die Konservirung —, in denen sie nützliche Verwendung finden. Die Zubereitung der Materialien führt ganz von selbst dazu, auch das Werden und Entwickeln der verarbeiteten Materialien zu beobachten. Mit zunehmendem Alter wird das Kind mit der Geflügelzucht, der Stallwirthschaft, der Obst- und Gemüsezucht bekannt und darin eingeweiht. In allen diesen Bethätigungen kommt, wie im ganzen Mechanismus der Phalanx, die Serien- und Gruppenbildung nach Trieben, die Abwechslung durch kurze Sitzungen und die Kontrastwirkung zur Geltung; die Rivalitäten regen den Eifer und die Erfindungsgabe an.
Nach diesen selben Grundsätzen und Methoden werden darauf die Kinder in die verschiedenen Wissenschaften eingeweiht; überall entscheiden die eigenen Triebe, die durch das Beispiel der Mitschüler und das Vorbild der älteren Schüler angeregt und stimulirt werden. Die Auswahl der Lehrmittel ist die größte. Alles ist auf das Vortrefflichste eingerichtet, Zwang ist nirgends vorhanden, ebenso wird kein Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern gemacht. „Die Studien sollen nicht an zweiter Stelle figuriren, aber das Interesse soll durch die physische Bethätigung für die verschiedenen Zweige des Studiums geweckt werden. Die Arbeiten der Schule sollen mit denen in den Werkstätten und in den Gärten eng verbunden sein, die letzteren sollen die ersteren unterstützen.“
Mit 15 bis 16 Jahren treten die Kinder in das Reifealter, es beginnen die Jahre der Pubertät und der Geschlechtstrieb macht sich allmälig geltend; damit beginnt auch für die Phalanx die Aufgabe, die Erziehung entsprechend umzugestalten.
„Hier ist der Punkt“, fährt Fourier fort, „wo alle unsere auf die Unterdrückung der Geschlechtsliebe berechneten Methoden, die in den Beziehungen der Liebe nur die allgemeine Heuchelei zu begründen wissen, in die Brüche gehen. Das geschieht von hier ab im ganzen Verlauf des Liebeslebens. In keiner Angelegenheit zeigt sich unsere Wissenschaft so unfähig und ungeschickt, als hier. Für alle anderen Mißbräuche und Uebel haben unsere Philosophen wenigstens die Anwendung einiger Gegenmittel versucht, aber keine in Sachen der Liebe, von wo demnach ihr ganzes Werk in Unordnung gestürzt wird, denn sie haben nur die Unwahrheit und die geheime Rebellion gegen die Natur und die Gesetze begründet. Indem die Liebe keinen anderen Weg zur Befriedigung findet, als mit Anwendung der Doppelzüngigkeit, wird sie ein permanenter Verschwörer, der unaufhörlich daran arbeitet, die Gesellschaft zu desorganisiren, alle ihre Regeln zu untergraben.“
„Ich habe gefunden, daß die Zivilisation in Bezug auf die Liebe nur unausführbare Gesetze hat, die überall der Heuchelei die Ungestraftheit sichern; die Uebertreter werden um so mehr protegirt, je kühner sie sind. In allen Salons, in der ganzen Gesellschaft sind jene die Angesehensten, die in Liebesangelegenheiten die Leichtherzigsten sind, welche die meisten Eroberungen aufweisen können, d. h. mit dem, was die zivilisirte Sitte und Moral verlangt, auf dem gespanntesten Fuße stehen. Nirgends ist die Scheinheiligkeit und Duperie größer, als in unserem Ehe- und Liebesleben, ist zwischen dem, was die Natur beansprucht und die Moral vorschreibt, ein schärferer Widerspruch. Anstatt dieser Skandale, welche die Zwangsgesetzgebung der Zivilisation erzeugt, muß die Harmonie, indem sie die volle Freiheit der ersten Liebe sichert, hervorzurufen wissen: 1. die Begeisterung der verschiedenen Alter für die Arbeit; 2. die Konkurrenz der Geschlechter für die guten Sitten; 3. Belohnung der wirklichen Tugenden; 4. Anwendung dieser Tugenden für das öffentliche Wohl, von dem sie in der Zivilisation getrennt sind.“
„Die wesentlichste Aufgabe Derer, die in der Harmonie die erste Liebe genießen werden, ist, daß sie die beiden Lebensalter, die unmittelbar unter und über der Pubertät sind, zur Arbeit anziehen. Man muß also unter den Jugendlichen zwei Korporationen bilden, die ähnlich wie die kleinen Banden und die kleinen Horden aufeinander wirken. Diese beiden Korporationen sind das Vestalat, bestehend aus zwei Drittel Vestalinnen und ein Drittel Vestalen, und des Damoiselat, bestehend aus zwei Drittel Damoiseaux und ein Drittel Damoiselles. Die Korporation des Vestalats widmet sich bis zum achtzehnten oder neunzehnten Jahr der Keuschheit, die Korporation des Damoiselats widmet sich der frühen Liebe. Die Wahl steht allen Theilen frei. Jedes kann nach Belieben in die eine oder in die andere Korporation ein- und austreten, aber man muß, so lange man zu einer der Korporationen gehört, auch die Gewohnheiten und Regeln derselben beobachten: Keuschheit im Vestalat, Treue im Damoiselat. Die jungen Männer neigen in der Regel selten dazu, dem Beispiel des keuschen Joseph zu folgen, sie sind dementsprechend auch im Vestalat in der Minorität. Im Allgemeinen werden es die festen Charaktere sein, welche für das Vestalat sich entscheiden, während die milderen für das Damoiselat die Wahl treffen. Hingegen werden die jungen Mädchen, die eben erst aus dem Chor der Gymnasiastinnen austreten, in der Regel einige Zeit im Vestalat zubringen.“ ...
„Damoiselles und Damoiseaux, die der Versuchung nachgaben, müssen von da ab den Morgenzusammenkünften der Kinder fern bleiben; sie besuchen nunmehr Abends einen der Liebeshöfe der Erwachsenen — die sich allabendlich zwischen neun und zehn Uhr in den Sälen zusammenfinden — und erheben sich in Folge dessen auch später von der Nachtruhe. Dagegen erhebt sich das Vestalat mit den Kindern. Wegen dieser fortdauernden Beziehungen zu den Kindern wird das Vestalat mit besonderer Achtung und Anhänglichkeit von diesen behandelt, umgekehrt wird das Damoiselat von ihnen mißachtet. Die älteren Stämme von zwanzig und mehr Jahren haben wieder aus anderen Motiven für das Vestalat und die Virginität eine tiefe Zuneigung. So vereinigt das Vestalat in sich den höchsten Grad der Gunst der Kindheit und des männlichen Alters. Die Keuschheit der Vestalinnen und Vestalen ist um so besser gesichert, da sie die volle Freiheit haben, jederzeit die Korporation zu verlassen und auf die Vortheile der Rolle zu verzichten.“
„Mit Ausnahme der Schlafzeit, welche die Vestalen und Vestalinnen nach Geschlechtern getrennt in verschiedenen Räumen zubringen, haben sie ihre volle Freiheit; sie gehen den gewohnten Beschäftigungen in den verschiedenen Serien und Gruppen nach; sie haben aber auch ihre besonderen Sitzungen und gewähren den Besten unter sich den Titel „Bewerber“ oder „Bewerberin“. Diejenigen, die diesen Titel führen, haben den Vortheil, in der industriellen Armee, in der sie eine besondere Stellung einnehmen, auch mit besonderen Ehren empfangen zu werden. Uebertritt ein zum Vestalat gehöriges Mitglied die vorgeschriebenen Gepflogenheiten und wird dies festgestellt, so macht man ihm aus seiner Unbeständigkeit kein Verbrechen, aber es hat aus der Körperschaft auszuscheiden. Nichts verschafft einem Mädchen von 16–18 Jahren mehr Achtung, als eine nicht bezweifelte Keuschheit, eine warme Hingabe an die Arbeit und die Studien. Mit Ausnahme der schmutzigen Arbeiten sind die Vestalinnen die Kooperatrizen der kleinen Horden; ist Gefahr im Verzuge, handelt es sich z. B. darum, wegen drohenden Unwetters rasch eine Ernte zu bergen, so sind sie stets an der Spitze. Jede Phalanx wird sich bemühen, die gefeiertsten Vestalinnen zu besitzen und sie nach der Art ihres Verdienstes als Reine durch Titel auszuzeichnen, wie die Schöne, die Hingebende, die Talentirte, die Gunstbezeugende. Das Vestalat wählt aus seiner Mitte die präsidirende Quadrille, welche bei den Zeremonien den Ehrenwagen besetzt und an den Fest- und Ehrentagen der Phalanx die Honneurs macht. Kommt ein Monarch, so sendet man ihm nicht wie bei uns beglacéhandschuhte Schwadroneure entgegen, die vor ihm über die Schönheiten der Verfassung und das Glück des Handels peroriren, sondern man deputirt die liebenswürdigsten Vestalinnen, die ihn an der Grenze begrüßen. Kommt eine Fürstin, so wählt man Vestalen. Versammelt sich eine industrielle Armee, so sind es die Vestalen, die ihr die Oriflamme übergeben und die erste Rolle bei den Festen wie bei den Arbeiten einnehmen. Die Arbeiten dieser Armeen werden durch die Anwesenheit der Vestalen und Vestalinnen einen besonderen Reiz gewinnen und sie werden, so stimulirt, ihre Arbeiten, ohne daß sie Ermüdung verursachen, ausführen. Indem man ferner den Armeen jeden Abend glänzende Feste giebt, hat man nicht nöthig, mit der Kette am Hals die jungen Leute hinzuführen, wie das bei unseren jungen Ausgehobenen geschieht, die stolz auf den schönen Namen „freie Männer“ sind. Die industrielle Armee wird zu einem Drittel aus Bacchantinnen, Bajaderen, Heroinen, Feen gebildet sein, und so werden mehr junge Männer und Frauen herzuströmen, als man nöthig hat. Ferner werden Fürsten und Fürstinnen diese Armeen besuchen, um sich dort nach ihrem Geschmack ihre Gattin oder ihren Gatten zu wählen, und es ist anzunehmen, daß eine solche Wahl meist auf eine Vestalin oder einen Vestalen fällt. Diese Herrschaften werden in der Harmonie nicht mehr die Sklaven sein, wie in der Zivilisation, in welcher man ihnen nach chinesischer Manier einen Mann oder eine Frau aufnöthigt, die sie niemals gesehen haben.“
„Von allen Seiten mit den günstigsten Blicken betrachtet, wird der vestalische Körper Gegenstand einer sozialen Abgötterei, eines halbreligiösen Kultus. Die Menschen lieben einmal, sich Idole zu schaffen, und so wird in Folge dieses Bedürfnisses das Vestalat ein Idol der Phalanx. Die kleinen Horden, die keiner Macht der Erde den ersten Gruß bewilligen, werden vor dem Vestalat ihre Fahne neigen und ihm als Ehrengarde dienen.“
Die Ehren, die Fourier dieser Körperschaft für das Opfer, ihre Keuschheit einige Jahre zu bewahren, zugedenkt, sind noch größerer Art. Ist die ganze Erde einmal mit Phalanxen bedeckt, so wird sich auch die Nothwendigkeit einer allgemeinen Eintheilung im Reiche verschiedener Grade ergeben, die, wie Alles bei ihm, geometrisch abgemessen sind. Der oberste Leiter des Erdballs ist der Omniarch, der in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, seinen Sitz hat; dann folgen 3 Auguste, 12 Zäsarinnen, ungefähr 48 Kaiserinnen, 144 Kalifen, 576 Sultane, 1721 Königinnen, 6912 Kaziken u. s. w. Man fragt sich freilich vergeblich, was alle diese Fürsten, Fürstinnen und hohen männlichen und weiblichen Würdenträger in dieser sozialen Organisation für einen Zweck und eine Bedeutung haben, inwiefern ihre Funktionen für das Gedeihen dieser phalansteren Gesellschaft notwendig sind. Darüber giebt auch Fourier keine Auskunft. Sie gehören eben in sein System, das bemüht ist, den Trieben und Neigungen, wir pflegen auch zu sagen Schwächen, der Menschen nach Titeln und Auszeichnungen Rechnung zu tragen. Auch hofft er, daß sein System in um so höherem Grade die Unterstützung der höheren Klassen finden werde, als es ihnen besondere Aussicht für die Erlangung von Titeln und Würden eröffnet.
Eine solche Schaar hoher Würdenträger und Würdenträgerinnen bedarf entsprechender Frauen und Männer, und da haben Vestalinnen und Vestalen in erster Linie die schönste Aussicht, zu diesen Ehren zu kommen.
„Auch bewilligt die Harmonie der Virginität Ehrentafeln. Welch ein Unterschied zwischen dieser und der Zivilisation, wo die Virginität nur Geringschätzung findet und Gunstbezeigungen nur Denen zu Theil werden, die sich einen falschen Heiligenschein für die Gaukeleien der Libertins zu geben wissen. Diese Wüstlinge, die in ihren Liaisons die Kunst gelernt haben, die Menschen zu betrügen und zu düpiren, werfen sich unter den Spitzbuben, welche die öffentliche Meinung leiten, als Lobredner der Tugend auf. Welche Ermuthigung findet unter uns ein junges, schönes Mädchen, um ihre Virginität zu bewahren? Ist sie arm, wird sie ihre Anbeter, die alle gute Rechner sind, nicht bethören, sie wissen, daß die Tugend keinen Lebensunterhalt für die Haushaltung schafft. Ihre Eltern werden gezwungen, auf einen Sechzigjährigen oder irgend eine andere Schamlosigkeit zu spekuliren und sie wird durch diese Spekulation prostituirt; sie findet kaum einen Mann von mittlerem Alter, der ihr eine anständige Existenz zu bieten vermag. So wird ihre Schönheit ein Gegenstand elterlicher Beunruhigung, ihre Tugend wird für die Zukunft verdächtig sein. Hat sie einiges Vermögen, so ist sie während langer Zeit zwischen männlichen und weiblichen Maklern Gegenstand eines gemeinen Handels. Endlich wird sie einem durch Laster verdorbenen Manne überliefert; denn es giebt weit mehr verdorbene als gute Ehemänner.“
„Findet ein Mädchen unter uns bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahre keinen Ehemann, so beginnt man sich über sie lustig zu machen, man glossirt sie wie eine verdächtig gewordene Waare. Um den Preis einer in Entbehrungen verlebten Jugend sammelt sie in dem Maße, wie sie älter wird, eine Ernte gemeiner Witze, mit der jedes alte Mädchen überschüttet wird. Das ist eine der Zivilisation würdige Ungerechtigkeit. Das Opfer, das sie fordert erniedrigt sie; undankbar, wie sie ist, belohnt sie die Hingebung der jungen Mädchen an ihre Morallehren mit Beschimpfungen und Aergernissen. Da braucht man sich nicht zu wundern, daß man bei jungen Mädchen, die nicht überwacht werden, nur eine Maske der Keuschheit findet. Leistet ein junges Mädchen Gehorsam, so wird es, als Mädchen alt geworden, von derselben öffentlichen Meinung bestraft, die es zwang, seine schöne Jugend ihrem Vorurtheil zu opfern. Was kann es Unnützeres geben, als diese ewige Virginität? Sie ist eine Frucht, die man, statt sie zu genießen, verderben läßt. Das sind Ungeheuerlichkeiten, die vollkommen würdig sind dieser zivilisirten Ordnung, welche stolz auf ihre Weisheit und ihre Wissenschaft ist. Aber wenn man einem schönen Mädchen, um den Preis, ihre Keuschheit zu bewahren, eine Vergeltung in Aussicht stellt, ist diese ihr gewiß? Sie läuft nicht geringe Gefahr, einen Spieler, oder einen durch Ausschweifung brüchig Gewordenen, einen rappelköpfischen oder brutalen Mann zum Gatten zu erhalten. Ferner hat ein anständiges Mädchen selten genug Finesse, um die Heucheleien, die trügerischen Aufmerksamkeiten ihrer Bewerber zu erkennen, durch die eine ein wenig erfahrene Frau nicht mehr getäuscht wird. Hat sie aber eine gute Partie in Aussicht, so wird irgend eine Intriguantin, die in der Kunst zu bezaubern geübt ist, sie ihr entfremden. Das anständige Mädchen wird darum betrogen, es erhält nur einen unfruchtbaren Tribut der Achtung und altert oft in der Ehelosigkeit.“
„Ich kann mich nicht so, wie ich es wünschte, hier aussprechen, weil die Erörterung dieser Fragen dem allgemeinen Vorurtheil zuwider ist, und doch sollte man sie gründlich behandeln, um die Unanständigkeit, die Heuchelei und die schlechten Sitten der Zivilisirten in Allem, was das Verhältniß der Geschlechter betrifft, an den Pranger zu stellen. Die Sitten in der Harmonie mögen auf den ersten Anblick Anstoß erregen, sie werden aber alle Tugenden gebären, von denen sehr überflüssiger Weise die Zivilisation nur träumt.“
„Wenn ich das Erziehungssystem darlege, nach dem die Kinder in der Harmonie sich entwickeln, so werden die meisten Väter rufen. 'Ah, das ist schön, das ist, was ich längst gewünscht, so sollte und müßte es sein'; aber wenn ich es auch unternehme, die Liebesbeziehungen darzulegen, so schreien die bissigen Moralisten, daß ich die guten Sitten verletze. Sie werden über jede Parallele verwundert sein, die ich zwischen den Gewohnheiten der beiden Gesellschaftsordnungen ziehe. Zum Beispiel, wenn ich die vestalischen Vermählungen mit denen der Zivilisation vergleiche, deren Moral nur unanständige und skandalöse Gewohnheiten zu Grunde liegen: so die zweideutigen Zeremonien, die der Verbindung des Paares vorausgehen; die zweideutigen Wortspiele, die Trunkenheit der Festbetheiligten, das Herfallen mit schlechten Scherzen über die Braut. Die Gepflogenheit der Saufgelage kann einer dezenten Gesellschaft, wie sie die Vestalen sind, nicht gefallen; sie haben die Methode, ihre Vereinigung zu vollziehen, ohne daß sie zuvor den Spöttereien und Witzeleien ausgesetzt sind, die den nächsten Morgen noch immer früh genug kommen. Es bleibt weder Zeit für die ewigen zweideutigen Wortspiele, noch für die moralischen Schlemmereien.“
„Man begeht, wie man sieht, in der Harmonie nicht die Inkonsequenz, Vestalinnen zu schaffen ohne Vestalen, sie ahmte sonst den Widerspruch der Zivilisation nach, die den Mädchen die Keuschheit vorschreibt, aber die Ausschweifungen der jungen Männer tolerirt, d. h. man provozirt bei den Einen, was man den Andern verbietet, eine Zweideutigkeit, die der Zivilisation würdig ist. Welcher Art werden die jungen Männer sein, die in der Harmonie sich für das Vestalat erklären? — Diejenigen, die, wie die Söhne des Theseus, für aktive Thätigkeiten, aber wenig für die Liebe neigen. Wenn Hippolyt die Jagd allein genügte, um ihn von der Liebe abzuziehen, so wird eine soziale Ordnung, die jedem Jugendlichen dreißig und mehr Gelegenheiten bietet, wo er seine Kräfte üben und seinen Ehrgeiz befriedigen kann, interessanter sein, als das mittelmäßige Vergnügen der Jagd.“
„Vergegenwärtige man sich immer wieder, daß alle diese anscheinend so romantischen Gepflogenheiten den Zweck verfolgen, den wirklichen Reichthum der Phalanx zu steigern, indem sie die Liebe in allen ihren Unterarten für den Fortschritt der Arbeit und der Entwicklung nutzbar machen. Der Reichthum steigt in demselben Maße, wie allen Trieben der freie Aufschwung gesichert ist. Es wird geschehen, daß die Alten, die in der Harmonie den Reichthum und die Vergnügungen mehr lieben werden, als man sie heute liebt, die Ersten sein werden, welche die Freiheit der Liebe herzustellen verlangen. Die nöthigen Gegengewichte werden sich in genügender Zahl aus der Konkurrenz der Instinkte und der Geschlechter ergeben.“ ...
„Man sieht, daß meine Theorie überall eine einheitliche ist, alle Probleme haben dieselbe Lösung, die Bildung von Serien, freien Gruppen, und diese nach den drei Regeln zu entwickeln: geschlossene Abstufung der Triebe (Kabalist), Wechsel in der Ausübung aller Thätigkeiten (Papillone), kurze Sitzungen (Komposit). Das ist die feste Regel für die Bildung und Entwicklung der Serien; ihr Zweck muß sein, überall die Konkurrenz der Geschlechter, der Lebensalter und der Instinkte zu begründen.“
„Den Leser choquirt die Idee der freien Liebe, weil daraus ein Durcheinander der Kinder verschiedener Abstammung resultire; um diese Vorurtheile zurückzuweisen, müßte ich zu sehr weitläufigen Auseinandersetzungen greifen, die ich hier nicht geben kann; ich werde beweisen, daß das zivilisirte Regime alle die Uebel erzeugt, die man von der Freiheit der Liebe befürchtet, daß aber diese Freiheit, auf eine Phalanx mit Serien der Triebe angewandt, alle Unordnungen, die sie in der Zivilisation hervorruft, vermeidet. Wie es in der Zivilisation aussieht, dafür mögen einige Beweise folgen. Die Statistik von Paris ergiebt, daß ein Drittel der Väter ihre Kinder verlassen und verleugnen. Auf 27.000 Geburten rechnet man über 9000 Bastarde, und doch ist Paris der Mittelpunkt der „moralischen Erleuchtung“ und die „Vollendung der Vervollkommnung der Vervollkommnungsfähigkeit“. Wenn überall ebenso viel Vollkommenheit existirt als in Paris, ist ein Drittel der Kinder von ihren Vätern verlassen. Ferner sind da die syphilitischen Krankheiten, die in unserer Ordnung zahlreiche Opfer erfordern. Die Jugend wird bei unseren Sitten zur Unaufrichtigkeit erzogen, sie macht sich ein Spiel daraus, diese Krankheiten zu verbreiten, deren Gefahr jede kluge Person zwingt, sich von der galanten Welt zu isoliren und so die unnatürliche Befriedigung der Triebe herausfordert. Ferner: Wenn im jugendlichen Alter die Mädchen über die Treue getäuscht werden, so täuschen später ihrerseits die Frauen; sie nehmen einfach Repressalien. Wenn in Paris, „dem Hort der Moral“, man jährlich über 9000 Väter sieht, die ihre Kinder verlassen, so wird die Rache der Mütter eine entsprechende sein. Auf 27.000 Geburten schwören die Frauen 9000 Kinder ihren Ehemännern zu, die sie von ihren Liebhabern bekommen haben. Das ist Reziprozität der Väter und Mütter für ihre Kinder. Ferner: Nach dem Liebesalter gefallen sich die Alten inmitten ihrer zärtlichen Kinder und Enkel, die natürlich in den gesunden Doktrinen der Philosophie erzogen wurden, und freuen sich der ihnen erwiesenen Zuneigung. Es ist meist nur Duperie und Scheinheiligkeit. Alle diese Aufmerksamkeiten gelten nicht ihnen, sondern ihrem Vermögen. Um sich davon zu überzeugen, brauchten sie nur den Zusammenkünften beizuwohnen, bei welchen die Liebenden ihre Eltern glossiren. Sie werden als lächerliche Harpagons oder unbequeme Argusse behandelt; man unterhält sich mit Wünschen, wie, daß der Augenblick bald kommen möge, um ein Vermögen genießen zu können, das nach der Meinung der Jungen die Alten nicht anzuwenden verstehen. Man antwortet: daß ehrenhafte Familien vor geheimen Orgien sicher sind. Ja, so lange die Furcht darin herrscht. Aber sind die Väter und die Argusse todt oder abwesend, in demselben Augenblick kommt auch die Orgie, oft selbst während die Väter leben. Die jungen Leute überzeugen die Väter, daß sie nicht kommen, ihre Töchter zu verführen, daß sie wahre Freunde der Moral und der Verfassung sind, andererseits überzeugen sie die Mutter, daß sie eben so hübsch wie die Tochter ist, „was manchmal wahr ist“. Gestützt auf diese Argumente, organisiren sie im Hause die maskirte Orgie. Der Vater gewahrt den Kniff und versucht widerspenstig zu werden, aber die Frau beweist ihm, daß er nicht die rechte Einsicht habe und er schweigt. Und selbst wenn die Väter solche Fallen zu vermeiden wissen, gerathen sie nicht in zwanzig andere Unannehmlichkeiten, in einen wahren Cercle vicieux von moralischen Sottisen? Hier fällt eine gehorsame Tochter in Krankheit und stirbt, weil ein Band ihr versagt blieb, das die Natur gebot. Dort wird eine entführt oder schwanger und alle väterlichen Berechnungen werden zu Schanden. Und welch eine Verlegenheitsquelle sind Töchter ohne Aussteuer? Um sich zu erleichtern, schließt der Vater die Augen über die Freiheiten der Schönsten, damit ihm die Kosten ihres Flitterstaats erspart bleiben. Die wenigst Schöne steckt er in ein ewiges Gefängniß,18 ihr sagend, daß sie glücklicher sein werde, wenn sie Gott diene. Oder er hat eine Tochter verheiratet, aber die Verbindung geht zu Grunde, und statt eine Tochter los und ledig zu sein, hat er sie und ihre ruinirte Familie zu erhalten. Und so ließen sich noch viele Fälle der Enttäuschung anführen.“
„Da kommt die Moral und beweist an einigen glücklichen Ausnahmen, welche segensreiche, Glück bringende Einrichtung diese Ehe unserer Zivilisation sei, aber die große Majorität, die dieses Glückes beraubt ist, sieht und empfindet dieses Glück nicht. Väter wie Kinder sind in falscher Position, die gute Ordnung beruht auf einem mehr oder weniger maskirten Zwang, und dieser Zwang erstickt die Zuneigung; er reduzirt das Familienleben zu einem Trugbild. Die Eltern erhalten das wahre Glück nur in einer Ordnung, die den Wünschen der Natur entspricht, aber unsere Moralisten haben nie eine Studie über die Beziehungen der Liebe gemacht. Ein Beispiel lehrt dies.“
Fourier bezieht sich hier zum Beweis für die Richtigkeit seiner Anschauung über die Moralisten auf einen Vorgang, der ihm zufolge im Pensionat des berühmten Pestalozzi in Yverdon vorgefallen sein soll, und er verspottet hierbei zugleich die sogenannte intuitive Methode, nach der Pestalozzi bei seinem Erziehungssystem verfuhr. Wie weit der zu erzählende Vorfall auf Wahrheit beruht, können wir nicht kontroliren, indeß sind ähnliche Vorgänge auch heutzutage durchaus nichts Seltenes. Fourier erzählt also, daß, während Pestalozzi in seinem Institut nach seiner intuitiven Methode Jünglinge und junge Mädchen unterrichtete, er gar nicht gewahr wurde, wie diese unter sich nach der sensitiven Methode handelten. Daraus entstand denn eines Tages eine schreckliche Entdeckung. Es gab ein fürchterliches Durcheinander. Es ward entdeckt, daß eine Anzahl der Schülerinnen theils durch Lehrer, theils durch Schüler schwanger geworden war, worüber, sehr begreiflich, der berühmte Lehrer ganz außer sich gerieth, der, wie Fourier boshaft hinzusetzt, „bei dem Grübeln über seine intuitiven Subtilitäten ganz und gar vergessen hatte, der Intuition der Liebe Rechnung zu tragen“. „Während so die Philosophen die Triebe unterdrücken wollen, kommen diese und unterdrücken unvermutheter Weise die arme Philosophie. Es zeigt sich hier, daß, wie immer man sich in der Zivilisation der Freiheit nähern will, sei es in Sachen der Liebe, sei es in Sachen der anderen Triebe, man fällt stets in einen Abgrund von Sottisen, weil die Freiheit nur im sozietären Zustand zur Geltung kommen kann, wovon die Moral keine Ahnung hat.“
Fourier sagt dann weiter: Die Freiheit zu besitzen und zu sichern, sei der Wunsch des Menschengeschlechtes, aber das könne man nicht, ohne den Mechanismus der Gegengewichte zu kennen, die den Mißbrauch der Freiheit verhüteten. Deshalb tappte bisher der menschliche Geist im Finstern und fielen alle Neuerer, die revolutionären Politiker, mit ihren Versuchen, wie die Pestalozzi und Owen und andere politische Halsbrecher, stets von der Charybdis in die Skilla.
Es ist nicht uninteressant, hier auch ein Urtheil anzuführen, das Fourier über Kant und, indem er über die Methode Pestalozzi's spricht, über die Deutschen überhaupt fällt. Er sagt über Kant: Welches Wesen habe man von ihm gemacht. Er sei der erste Metaphysiker der Schule. Kein Anderer solle wie er mit analytischer Gründlichkeit über die Wahrnehmungen der Anschauungen des Erkenntnißvermögens, die Willensäußerung der Empfindungen, Klarheit gebracht haben. Er sei ein Eroberer, der Alles an sich reiße, der das Angesicht der Wissenschaft gänzlich ändere. Er (Fourier) habe zu diesem Urtheil „Ja“ gesagt, obgleich er nicht die Fähigkeit besitze, über Kant oder die anderen Ideologen ein Urtheil abzugeben; er habe nie eine Zeile von ihrer Wissenschaft begriffen, was ihn aber nicht verhindere, über ihre Bedeutung auf Grund der vorliegenden Resultate zu urtheilen. Heute rangire man die alten Ideologen unter die Alchimisten, man betrachte ihre Lehren als Visionen; damit sei nicht gesagt, daß die modernen Ideologen mit den Chemikern auf eine Stufe zu stellen seien, denn diese stützten sich auf die Erfahrung. Die Ideologen, Kant nicht ausgenommen, seien Schöngeister, Rechthaber (ergoteurs), die in einem Jahrhundert zu Ansehen kämen, das, wie das unsere, neue Götzenbilder brauche.
Charakteristisch an diesem Urtheil ist die Offenheit, womit Fourier zugiebt, Kant nie verstanden zu haben; damit, könnte man sagen, sei auch das Urtheil über Fourier gesprochen, und doch thäte man ihm Unrecht, denn für ihn entscheiden, wie er selbst sagt, die greifbaren Resultate, und diese allein. Fourier ist trotz aller Spekulationen, denen er selbst in seiner Ideenentwicklung verfällt, eine durchaus auf das Konkrete gerichtete Natur. Eine Spekulation, die keine praktischen Resultate für das Leben verspricht, verwirft er. Daß Kant mit Begriffen operirte, über Begriffe spekulirte, scheint ihm eine unfruchtbare Arbeit; eine solche Wissenschaft kann für die Menschen, die, nach ihm, nur das Glück wollen und zwar sichtbar und greifbar, keine Wissenschaft sein. Die Philosophie müht sich ab, den Begriff des Glücks zu definiren, Fourier ist damit sehr rasch fertig: Glück heißt volle Befriedigung aller Triebe des Menschen, suchen wir also ihm diese Befriedigung zu verschaffen. Was nicht darauf abzielt, ist, nach seiner Meinung, vom Uebel, metaphysische Spekulation ohne Werth; die Praxis und die Erfahrung entscheiden.
So urtheilt er auch weiter absprechend über Pestalozzi. Nach ihm ist Pestalozzi der praktische Metaphysiker, wie Kant der theoretische. Sein (Pestalozzi's) Institut sei jedenfalls das beste in Europa, es werde nach einer Methode geleitet, die von Montaigne bis Jean Jacques Rousseau empfohlen worden sei. Das Pensionat sei renommirt, und die Kinder seien stolz, ihm anzugehören, wie der Soldat stolz sei, in einem schönen Regiment zu dienen. Aber um das Kind anzuregen, seinen Wetteifer zu entfachen, habe man nichts als die intuitive Methode. Aber kein Kind beiße an die Angel. Pestalozzi gestehe selbst, daß er nur selten Kinder gewinne, und daß zwei Drittel desertirten und ungeduldig würden. Dazu komme, daß er wegen Mangel an Vermögen das Pensionat nur mangelhaft ausstatten könne. „Man traktirt vergeblich die Kinder mit der intuitiven Methode, um sie über ihre Unbehaglichkeit zu trösten, sie wollen nicht die von diesem ideologischen Dunst Getäuschten sein.“ Schließlich habe man die deutschen Kinder an diesen metaphysischen Jargon gewöhnt. Das sei nicht zu verwundern. Deutsche Kinder seien sehr geschmeidig, man bringe Tausende zum Gehorsam mit der Erklärung: „Es muß sein.“ Die Deutschen seien eine Nation „von Freunden der Ordnung“, der Deutsche sei ein Mechanismmus, den man jederzeit mit dem: „es muß sein“ in Bewegung setzen könne, da sei es leicht, die Kinder nach irgend welchen Zierereien der Metaphysik, wie diese intuitive Methode, zu bilden, aber für die Vortrefflichkeit der Erziehung beweise das nichts.
In Ausführung seiner Theorie erklärt Fourier weiter, daß, bevor die Bedingungen, unter denen die von ihm dargelegten Prinzipien freier Liebe sich verwirklichen könnten, mehrere Generationen im phalansteren System vergehen müßten. Das Geschlecht müsse erst dazu gesund erzogen und vorbereitet sein. Zunächst gelte es, die Syphilis, die ganze Geschlechter geschwächt habe, vollständig auszurotten, dann die politischen Hindernisse des Verkehrs der Geschlechter zu beseitigen; das Schwierigste aber sei, zu verhindern, daß nicht in dem Augenblick, wo man der Liebe größere Freiheit gebe, die geheime und korporative Orgie — worunter Fourier den ungeregelten, durch kein System der Serien der Triebe gezügelten Geschlechtsgenuß versteht — hervorbreche. Die Orgie könne nicht durch Unterdrückungsmittel verhütet werden, sondern durch die Oberherrschaft von Ehre und Tugend, erzeugt durch Einrichtungen, wie er sie in Bezug auf das Vestalat vorgeschlagen. Er glaubt ferner die Richtigkeit seiner Ansichten über die Liebe aus dem neuen Testament beweisen zu können, eine Beweisführung, die bekanntlich bis in die neueste Zeit von den auf religiöser Grundlage beruhenden kommunistischen Sekten sowohl für die Gemeinschaft der Güter, wie für die Freiheit des Geschlechtsverkehrs und die Gleichheit von Mann und Frau in's Treffen geführt worden ist, aber von Anderen und durch andere Stellen des neuen Testaments ebenso bekämpft wird.
Die Liebesbeziehungen, wie sie in der Zivilisation möglich seien, behauptet Fourier, zögen die Jugend von den Arbeiten und den Studien ab, sie erregten die Indolenz, die Frivolität und verführten zu unsinnigen Ausgaben. Umgekehrt werde in der Harmonie die Liebe zur Kultur und zum Studium anreizen und den Eifer dafür verdoppeln.
Fourier geht nun dazu über, zu untersuchen, wie die verschiedenen Geschlechter und Klassen für die neue Ordnung zu gewinnen seien und wo man den Hebel ansetzen müsse. Das einflußreichste Geschlecht seien die Kinder. Die Kinder wirkten auf die Mütter und die Mütter und Kinder zusammen auf die Väter; einem solchen Ansturm könnten letztere nicht widerstehen. Unter den Klassen seien es die Reichen, die auf die niederen Klassen den Einfluß hätten. Es gelte, die Reichen zu verführen, denn bequemten diese sich zur Arbeit in der Serie, so würden die übrigen Klassen, durch deren Beispiel angefeuert, erst recht eifrig bei der Sache sein. Welche Arbeiten würden es also sein, die Reiche und Kinder am ehesten zum Eintritt in die sozietäre Ordnung verführen könnten? Man merke wohl, es handelt sich nicht um ein Ueberzeugen, um ein Wirken auf den Verstand, sondern um ein Verführen, ein Wirken auf die Leidenschaften und Triebe. Auf die Kinder wird den größten Anreiz gutes Essen und Trinken üben, also die Gourmandis. Eine Küche für sie und die freie Befriedigung ihrer Geschmäcker wird ihre ganze Phantasie in Beschlag nehmen und gewinnen. Man wird also die Kinder in Serien und Gruppen organisiren und sie mit der Herstellung der gewünschten Herrlichkeiten vertraut machen. Von jetzt ab werden sie die eifrigsten Werber für die Phalanx werden. Dazu kommen die schon erwähnten anderen Anreize: Kleine Ateliers, kleine Werkzeuge, körperliche Exerzitien und choreographische Uebungen mit Vorstellungen, Ferien etc. in der Oper.
Die reiche Klasse wird anfangs zögern; die Einzelnen werden in diese und jene Serie treten und die Arbeit auf kurze Zeit versuchen. Aber eingetreten, naht die Verführung. Da ist ein reicher Mann, Namens Mondor, der von Natur Hang zu Gartenarbeiten hat. Er interessirt sich namentlich für Pflanzensamen, das Sammeln der Früchte und ihre Konservirung. Nun liebt Mondor besonders Rothkohl, den er an der Tafel der Phalanx ausgezeichnet findet; auch hat er davon schöne Beete auf den Feldern der Phalanx gesehen. Mondor läßt sich den Samen zeigen, untersucht ihn und giebt einer Gruppe von Säern einige gute Winke, worüber diese Mondor ihr Lob zollen, dessen Eigenliebe dadurch geschmeichelt wird. Er tritt in die Gruppe der Säer ein und betheiligt sich an ihren Arbeiten, aber ohne andern Gruppen beizutreten. Den Tag nach diesem Engagement erlebt Mondor, daß bei der Frühparade die Kinder ihn mit einer Fanfare begrüßen, worauf ein Herold vortritt und ihn zum Baccalaureus des Rothkohls, in Rücksicht auf seine Kenntnisse für diesen Zweig des Gartenbaues, ausruft. Dann tritt eine Vestalin vor, welche ihm die Abzeichen dieser Serie überreicht und ihn umarmt. Darauf empfängt er die Beglückwünschungen der Chefs, die durch die Kinder mit einer neuen Fanfare begleitet werden. All das gefällt Mondor so, daß er sich entschließt, ganz in die Phalanx einzutreten und an ihren Arbeiten seinen Neigungen entsprechend theilzunehmen.
„Auf ähnliche Weise wird jeder reiche Mann und jede reiche Frau“, meint Fourier weiter, „nachdem sie einige Tage in der Phalanx zugebracht haben und allen Vorgängen gefolgt sind, gewonnen, und sie werden überrascht sein, plötzlich zwanzig und mehr industrielle Anziehungen bei sich zu entdecken, die sie bisher selbst nicht kannten. Es ist der häufige Wechsel in der freien Wahl der Thätigkeit, was ihnen besonders gefällt. Der Einfluß dieser parzellären Anwendungen, bald hierin, bald darin, wird die Wirkung haben, daß sieben Achtel der Frauen sich für die verschiedensten Beschäftigungen der Hauswirthschaft interessiren, die ihnen heute meist widrig erscheinen. Diese liebt nicht, sich mit der Pflege kleiner Kinder abzugeben, sie wird aber gern in eine Gruppe eintreten, die sich mit einem Zweig der Schneiderei oder Nähterei befaßt; die andere will nicht am Herde stehen, sie ist dagegen eingenommen für die Herstellung verzuckerter Krême und die Arbeiten der Konservirung; umgekehrt werden Andere angenehm finden, was Jene verwerfen. So werden die Frauen zwanzig und mehr Beschäftigungen finden, für die sie in der Zivilisation nicht die Mittel und die Einrichtungen besaßen, oder die sie ermüdeten und mißstimmten, weil sie dieselben ohne Abwechslung und bis zum äußersten Maß ihrer Kräfte erfüllen mußten.“
„Gewöhnlich geben die Ehemänner und Moralisten der Frau in der Ehe wenig Geld, aber viel gute Rathschläge, und so finden die Frauen in der Haushaltung nur Plackerei und Entbehrungen, wie die Männer in der Bodenkultur nur Ermüdung und Spitzbüberei finden. Der immerwährende Wechsel der Beschäftigung nach Wahl wird die Hauptquelle der industriellen Anziehung und daraus werden andere Anreize hervorgehen. Chloe hat mehrere Male an einer Tafel der Serie der Lautenmacher servirt und hat aus den gepflogenen Unterhaltungen Interesse für diese Beschäftigung gewonnen; sie faßt eines Tages den Entschluß, das Atelier derselben zu besuchen, und was sie sieht und hört, gefällt ihr so, daß sie beschließt, in die Serie der Lautenmacher einzutreten. Ohne daß sie diese Gesellschaft kennen lernte und ihr Atelier besuchte, würde sie nie Interesse und Trieb für diese Beschäftigung empfunden haben. Weiter: Sebastian, ein junger Mann ohne Vermögen, zerreißt eines Tages an einem Haken sein schönstes Kleid. Den nächsten Tag entdeckt dies bei der Ordnung von Sebastian's Zimmer eine der Zimmerordnerinnen und diese bringt das Kleid zu den Ausbesserinnen, wo Celiante, eine reiche Dame von fünfzig Jahren, die Leitung hat. Celiante ist sehr passionirt für solche Arbeiten und betrachtet sich selbst mit Stolz als die Geschickteste in der Serie. Celiante kennt Sebastian, dem sie mehrfach in Gruppen, in welchen er sich auszeichnete, begegnete und empfindet Wohlwollen für ihn. Sie benutzt also diese Gelegenheit, ihm ein Zeichen ihrer Wohlgeneigtheit zu geben, indem sie selbst in meisterlicher Weise an Sebastian's Kleid die Reparatur vornimmt. So wird der unvermögende Sebastian in der Phalanx von einer Dame bedient, die Millionärin ist. Solche Begegnungen und Zufälle giebt es in der Phalanx täglich in Menge, die häufig auch zu ernsteren Beziehungen führen.“
„Die Leistung wird nie von Person zu Person bezahlt, die Phalanx stellt sie in Rechnung; die Leistung erlangt dadurch den Charakter der rein unpersönlichen Beziehung. Arm arbeitet für Reich, Alt für Jung und umgekehrt. Die Greise und Greisinnen, die zu keiner Leistung mehr verpflichtet sind, werden es sich zum besonderen Vergnügen machen, die Kinder in den Thätigkeiten zu unterweisen, für die sie selbst ein lebhaftes Interesse besaßen, oder noch besitzen; sie werden in diesen Kindern die Erben und Nachfolger ihrer Lieblingsbeschäftigungen erblicken, und ein Kind ohne Vermögen wird häufig von ihnen adoptirt oder mit Legaten bedacht werden. In der Phalanx hat Jeder die Gewißheit, daß er in seinen Lieblingsvergnügen und Beschäftigungen Nachfolger findet, in der Zivilisation nicht. Die Natur scheint ein solches Verhältniß zwischen Eltern und Kindern häufig nicht zu begünstigen, indem die Söhne oft ganz andere Neigungen und Anlagen als die Väter haben, worüber in der Zivilisation die Eltern oft bitter klagen.“
„Im Widerspruch mit dem auf Ausgleichung und Uebereinstimmung berechneten Charakter der Harmonie läuft die Zivilisation darauf hinaus, die verschiedensten Klassen und Lebensalter miteinander zu überwerfen. Eltern und Kinder, Vorgesetzte und Untergebene, Unternehmer und Arbeiter befinden sich meist in Differenzen über Anschauungen und Neigungen, Befugnisse und Pflichten. Gehalt- und Lohnfragen führen zu Streitigkeiten ohne Ende, und das persönliche Kommando wird Gegenstand des Hasses, denn jedes willkürliche Befehlen ist demüthigend für den, welcher gehorcht. Das persönliche Regiment ist in der sozietären Ordnung unmöglich; Alles ordnet sich nach freier Uebereinkunft und passioneller Zustimmung. In einem Solchen Zustande giebt es keine Willkür in der gegebenen Ordnung, nichts Beleidigendes im freiwilligen Gehorchen. Da, wo die zivilisirte Ordnung mit ihrer Privatwirthschaft und ihren abhängigen Existenzen stets zwei- und dreifache Disharmonie und Unordnung schafft, erzeugt der sozietäre Zustand drei- und vierfache Freude, Bande der Uebereinstimmung jeder Art.“
„Aber der sozietäre Zustand wird auch häufig zu gemischten Gruppen und Serien greifen müssen, in denen ein uns fremder und von uns verächtlich behandelter Geschmack, für den wir keine Verwendung haben, zur Anwendung kommt. Zum Beispiel, wenn es sich um Ausführung einer schwierigen, nicht sehr angenehmen Arbeit handelt, wie die, einen Berg mit der Anpflanzung eines Forstes zu krönen. Hierfür wird man kaum eine Serie finden, die sich aus Trieb mit der ganzen Arbeit belasten will; man wird also gemischte Serien, die nacheinander folgen, in's Spiel setzen müssen, denn man wird Erdtransporte und grobe Arbeiten vorzunehmen haben. Man schickt also zunächst die Beginner (initiateurs) in's Treffen, d. h. Leute, die alles Neue mit Feuereifer beginnen, aber nichts zu Ende bringen, deren Strohfeuer nach einigen Sitzungen verraucht ist, die aber überall, wo es einen gefährlichen oder unangenehmen Schritt zu thun giebt, bei der Hand und darum sehr werthvoll sind. Es sind Charaktere, die man leicht stimuliren kann und die vor keiner Schwierigkeit zurückschrecken. Bis sie ermüdet sind, hat das Werk ein anderes Angesicht gewonnen, und nun kommen die Gelegenheitscharaktere oder die Wetterfahnen an die Reihe, Leute, die sich mit jedem Winde drehen, immer die Ansicht des zuletzt Gekommenen haben und für jede Neuheit, die Kredit erlangt hat, zu gewinnen sind. Sie schwören, wenn sie das Unternehmen in Angriff genommen sehen, daß es sehr plausibel sei, und werden sich mit den Beginnern, die zurückgeblieben sind, verbinden. Darauf folgen die Wunderlichen oder ewig Beweglichen, Leute, die sich in Alles mischen, was halb gethan ist, es modifiziren und umändern, beständig ihre Thätigkeit wechseln, einen guten Posten für einen schlechten hergeben, ohne einen anderen Grund, als ihre natürliche Unruhe. Sie machen sich eifrig an die Anpflanzung, sobald sie sehen, daß die Arbeiten vorgeschritten sind, und man wird ihnen jede nichts bedeutende Aenderung gestatten, um sie zu streicheln. Diese werden mit dem Rest der Vorhergehenden einige Zeit bei ihrer Arbeit aushalten. Dann folgen die Chamäleons oder Veränderlichen, eine in der Zivilisation sehr zahlreiche Klasse, die immer dabei sind, wo eine Sache Erfolg hat. Sie werden bei einem Werk nicht unthätig bleiben wollen, das zu zwei Dritteln beendet ist, sie werden die Arbeit bis ziemlich zu Ende führen, aber dann sie verlassen. Jetzt ist der Moment gekommen, wo die Fertigmacher (finiteurs) antreten können. Das sind die Leute, die sich immer erst dann für ein Werk begeistern, wenn sie es fast vollendet sehen. Niemals erhält man für einen Anfang ihre Stimme, sie erklären jedes Unternehmen für unmöglich, für lächerlich und ergehen sich in übertreibenden Anklagen gegen die, welche eine Verbesserung beginnen, und behandeln als Narren oder hirnlosen Neuerer Jeden, der etwas Großes unternimmt. Ist aber das Werk zu drei Vierteln fertig, dann ändern diese Aristarchen den Ton; sie werden Lobredner von dem, was sie erst beschrieen und behaupten, daß sie von vornherein das Unternehmen unterstützt, das ohne ihre Hülfe nicht geworden wäre. Sie werden ihre Inkonsequenz nicht gewahr und machen sich jetzt voll Hingebung an das Werk. Dieser letztere Charakter ist sehr häufig in Frankreich; nach geschehener That fordern die Franzosen alle Neuerungen zurück, die sie anfangs verlachten.“
Fourier benutzt diese Gelegenheit, um seinen Landsleuten den Text zu lesen über die Art, wie sie ihn selbst und seine Entdeckung behandelten. In Sachen der Harmonie oder industriellen Anziehung ermangelten sie nicht, sich als echte Fertigmacher, d. h. Leute, die zuletzt kommen, wenn die Hauptarbeit gethan ist, zu zeigen. Sie haben begonnen, ihn, den Entdecker und Autor der Phalanx, zu beschimpfen, später werden sie die Gründungsaktionäre verlachen, dann, wenn sie die Vorbereitungen zu der Versuchsphalanx vorschreiten sehen, werden sie sich eines Besseren besinnen und schließlich in dem Moment der Eröffnung die Aktien zum drei- und vierfachen Preise zurückkaufen. Nun werden sie behaupten, daß sie den Autor von Anfang an protegirt und bewundert haben und ihn in seiner Entdeckung ermuthigten. Und wie die Extreme sich berührten, so seien die Franzosen große Unternehmer für bekannte Dinge, die Andere probirt. Kein Volk neige mehr dazu wie sie, Alles zu beginnen, aber ohne etwas zu beenden, den Plan der Arbeit zu ändern, wenn er zur Hälfte vollendet sei. Nie sehe man einen Sohn einen Plan vollenden, den der Vater begonnen, nie einen Architekten einen Plan fortführen, den sein Vorgänger angefangen. Die Franzosen seien Wetterfahnen, die sich nie an einen bestimmten Geschmack, nie an eine Meinung bänden, plötzlich von einem Extrem in's andere fielen und das Widerstreitendste zu verbinden suchten. Vor einem halben Jahrhundert seien sie voll Verachtung für den Handel gewesen und heute lägen sie voll kriechender Schmeichelei vor ihm auf dem Bauch; ehemals rühmten sie sich ihrer Rechtschaffenheit und heute seien sie ebenso betrügerisch im Handel wie Chinesen und Juden. Kurz, der nationale Charakter der Franzosen sei in jeder Beziehung ein Gemisch von Gegensätzen, und wenn künftige Geschichtsschreiber, in der Harmonie die Geschichte der Zivilisation schreibend, die Charaktere klassifizirten, würden die Franzosen als Typus der Widersprüche an der Spitze der Stufenleiter stehen.
Wie Fourier seine Landsleute kannte, geht auch noch aus einer anderen Stelle seiner Schriften selbst hervor, wo er von zwei Personen ein Zwiegespräch über sich und sein Werk führen läßt. Wir lassen die amusante Stelle hier folgen:
„Was steht in diesem Buch über die Anziehung? — Bah! Narrheiten. Der Mensch, der es schrieb, behauptet, daß man bisher die Entdeckung über die Bestimmungen verfehlt habe; daß dem Menschengeschlecht ein unermeßliches Glück vorbehalten sei; daß eine Berechnung über die universelle Harmonie der Triebe existire; daß diese strebten, eine neue soziale Ordnung zu gründen, welche nichts mit der Unordnung der Zivilisation zu thun habe und ihr entgegengesetzt sei; eine Ordnung, in der alle Völker in Freuden schwämmen und trotz der Ungleichheit der Vermögen für Alle Ueberfluß herrsche; eine Ordnung, wo die Arbeit anziehender werde, als unsere Bälle und Schauspiele; eine Ordnung, die, sobald sie nur versuchsweise an einem Orte eingeführt sei, von allen Völkern der Erde ohne Unterschied des Kulturgrades mit Begeisterung angenommen werde! — Das ist ein gigantischer Roman, wie je einer existirte; großartig in Wahrheit, aber unmöglich. Alle unsere Philosophen hätten sich also getäuscht, wenn der Autor Recht hätte; so viel wissenschaftliche Erleuchtung von Plato und Seneka bis Montesquieu und Rousseau sollte ein Nichts sein? Unmöglich; sicherlich träumt dieser Mensch. Und wer ist er? Ein Akademiker, ein berühmter Philosoph? — Nein! es ist einer der unbekanntesten Provinzialen. — Bah, ihm mangelt der gesunde Verstand! Ja, ja, die Provinz liefert solch originelle Käuze!“
Fourier stellt im weiteren Verlauf seiner Ausführungen ferner die These auf, daß im sozietären Regime die Gourmandise die Quelle der Einsicht, der Aufklärung und sozialen Uebereinstimmung werde und begründet diese uns sehr fremd erscheinende These also:
Kein Trieb sei übler angesehen, als die Gourmandise (Leckermäulerei). Könne man aber annehmen, daß Gott als Laster einen Trieb betrachtet haben wolle, dem er eine so große Herrschaft gegeben? Seine Herrschaft sei die allgemeinste. Andere Triebe, wie Liebe, Ehrgeiz übten nur auf das reife und männliche Alter mehr Einfluß, aber die Gourmandise verliere niemals ihre Herrschaft über die verschiedensten Alter, Klassen und Völker, sie sei permanent bis zum Lebensende; sie herrsche über die Kinder wie über die Erwachsenen. Man habe Soldaten Revolutionen machen sehen, um sich betrinken zu können, und der Wilde, der die Zivilisation verabscheue, gebe sich für eine Flasche Branntwein zur Arbeit her und verkaufe für eine Flasche starken Liqueurs seine Frau und Tochter. Würde das Menschengeschlecht so gebieterisch diesem Trieb unterworfen sein, wenn er nicht zu einer hochwichtigen Rolle in dem Mechanismus unserer Bestimmung ausersehen wäre? Und wenn nun dieser Mechanismus die industrielle Anziehung sei, müsse dieser sich dann nicht innig mit diesem gastronomischen Trieb — der Gourmandise — verbinden? Sie müsse in der That das allgemeine Band der industriellen Serien, die Seele ihrer alles bewegenden Intriguen bilden. In der Zivilisation könne die Gourmandise nicht mit der Arbeit verbunden sein, weil der Produzent selbst nicht genieße, was er erzeuge. Die Befriedigung dieses Triebes sei hier Vorrecht der Müßigen und dadurch allein werde er lasterhaft, wenn er es nicht schon durch die Ausgaben und die Exzesse, die er erzeuge, wäre. —
„In der Harmonie spielt die Gourmandise die entgegengesetzte Rolle, sie ist nicht Belohnung des Müßigganges, sondern der Arbeit, denn der Aermste nimmt Theil an den werthvollsten Genußartikeln. Sie wird ihn, Kraft der Abwechslung vor Exzessen bewahren, aber indem sie die Intriguen der Konsumtion mit denen der Produktion verbindet, wird sie die Arbeit stimuliren. Wollen Alle die höchsten Tafelfreuden genießen, so müssen Alle sich anstrengen, die vorzüglichsten Qualitäten der Nahrungsmittel zu erzeugen. Das Mittelmäßige wird verschwinden und binnen wenig Jahren wird aller Boden so kultivirt sein, daß er nur noch das Beste trägt. Man wird die Eigenschaften des Bodens zur höchsten Vollkommenheit zu bringen suchen; man wird gute Erde anfahren, wo jetzt schlechte ist, und wo der Boden nicht zu verbessern ist, ihn aufforsten. Acker- und Gartenbau müssen mit der Industrie wetteifern. In der ganzen Phalanx muß das Prinzip herrschen, durch alle möglichen Verbesserungen: Nahrungsmittel, Kleidung, Möbel und Alles, was zur Erhöhung der Lebensannehmlichkeiten beiträgt, zu stetig steigender Vervollkommnung zu bringen. Dies Prinzip erkennen auch die Moralisten an, die gegen den schlechten Geschmack des Publikums eifern. Aber in diesem, wie in allen anderen, ist die Moral in Widerspruch mit sich selbst; sie will Literatur und Künste heben und verbessern, aber sie will uns in der wesentlichsten Branche, in der materiellen Lebenshaltung, im Zustand der Rohheit halten, obgleich grade hier der Keim ist, der die industrielle Anziehung gebiert und das Bedürfniß nach Vervollkommnung weckt. So wenden die Moralisten da ihr Prinzip zuerst an, wo es zuletzt angewandt werden sollte.“
„Man muß in der Phalanx alle Geschmäcker entwickeln, selbst die bizarrsten, namentlich auch bei den Frauen, die oft eine starke natürliche Neigung zu Genüssen haben, die mit dem guten Ton sich schwer vertragen. Die Gastronomie ist es zunächst, welche die Zurückführung zur Natur bewerkstelligen wird, wenn man ohne Aufschub das Hervorbrechen industrieller Serien für die Ausgleichung der Triebe erreichen will. Beispiel: Ein neunjähriges Mädchen liebt allem Lächerlichmachen zum Trotz den Knoblauch. Man spekulirt also auf diesen Geschmack durch ein doppeltes Ineinandergreifen von Umständen. Zunächst auf die Vermischung der Geschlechter in einer Serie; denn die Serie, welche zwiebelartige Gewächse kultivirt, wie Knoblauch, Zwiebeln, Schnittlauch, Schalotten, besteht gewöhnlich aus Männern. Man muß ihr also ein Achtel Frauen zuführen, die man aber meist im jugendlichen Alter wird suchen müssen, da selten ein Mädchen über 16 Jahren am Knoblauch Geschmack finden dürfte. Man wird zweitens aber auch die Vermischung der Arbeiten bei den Individuen herbeiführen müssen. Ein junges Mädchen liebt den Knoblauch, aber es liebt nicht das Studium der Grammatik, wohingegen ihre Eltern wünschen, daß sie den Genuß des Knoblauchs unterlasse, aber sich den Studien hingebe. Diese Wünsche sind in doppelter Beziehung gegen ihr Naturell. Man sucht also lieber Beides in doppeltem Sinne zu entwickeln. Sie steht im Garten und an der Tafel mit Liebhabern des Knoblauchs in Beziehung, und so erhält sie eines Tages von Marzellus eine Ode zum Lobe des Knoblauchs behändigt. Lebhaft pikirt über die Lästerer des Knoblauchs, ist sie beeifert, die Ode kennen zu lernen. Man benutzt also die Gelegenheit, um sie in freier Weise in die Schönheiten der lyrischen Poesie, des Versmaßes einzuführen; vielleicht kann sie sich eher für die Poesie als für die Grammatik begeistern, und so führt man sie von einem Studium zum andern. In dieser Weise verbindet die sozietäre Erziehung den kabalistischen Geist und den Hang zum Bizarren, um bei einem Kinde die Neigung für die Studien zu wecken, es indirekt zu einem Studium zu führen, das es ohne irgend eine stimulirende Intrigue zurückgewiesen haben würde. Es ist unzweifelhaft der natürlichste Weg, mit Hülfe solcher Intriguen die Kinder zur Initiative für die Arbeit zu gewinnen; man benutzt die Gourmandise als Mittel zum Zweck.“
Fourier vergleicht den Geschmackssinn mit einem Wagen, der auf vier Rädern läuft, die bezeichnet werden könnten mit Gastronomie, Küchenwirthschaft, Konservirung und Kultur der Lebensmittel. In der Zivilisation finde man es zwar häufig gerechtfertigt, die Kinder in die drei letzteren Thätigkeitszweige nach Möglichkeit einzuweihen, aber von der ersteren, der Hauptsache, halte man sie fern, sie gelte als ein Uebel. Die Gastronomie werde allerdings erst dann als Wissenschaft zu Ehren kommen, wenn sie den Bedürfnissen Aller genüge. Gegenwärtig sei es Thatsache, daß die Menge, statt in Bezug auf guten Tisch Fortschritte zu machen, mehr und mehr zurückkomme und immer schlechter sich nähre; ihre Nahrungsmittel ließen sowohl bezüglich ihrer Nahrhaftigkeit als ihrer Menge zu wünschen übrig. Wohl sehe man in Paris einige Tausend sich den Bauch pflegen und am Besten sich gütlich thun, aber Hunderttausende bekämen nicht einmal eine natürliche Suppe. Die Bouillon sei nur Schein, man bereite sie aus ranzigem Speck, Talg und fauligem Wasser. Der Handelsgeist sei im Wachsen und die niederen Klassen würden mehr und mehr von seinen Betrügereien erdrückt. Die Gastronomie sei nur unter zwei Bedingungen lobenswerth, einmal, daß sie direkt für die produktiven Funktionen angewendet, mit den Arbeiten für die Kultur des Bodens und der Vorbereitung in Haus und Küche verbunden werde und der Gastronom, also der Genießende, selbst dabei thätig sein müsse; dann, daß sie zum Wohlsein der arbeitenden Menge in Anwendung komme und so das Volk an den Raffinements eines guten Tisches Theil nehme, der jetzt nur für die Müßiggänger vorhanden sei. Dieser Zweck werde erreicht, wenn alle auf die Konsumtion abzielenden Funktionen sich so zu sagen um die Gourmandise raillirten, denn letztere werde stets anziehend bleiben; sie müsse also die Basis des Gebäudes bilden, wenn man dieses dauerhaft errichten wolle.
Unsere Philosophen stellten zwar das Prinzip auf, daß im System der Natur Alles verbunden sei, aber in unserm industriellen System sei nichts passionell verbunden. Die Industrie müsse durch auf die Gourmandise berechnete Serien ihre Verbindungen bilden, diese durch Trieb wie Anregungen an der Tafel zu den Arbeiten in der Küche, der Konservirung der Nahrungsmittel und dem Garten- und Feldbau führen. Kein Trieb habe mehr Anziehung, als derjenige des Geschmacks, um ein Ineinandergreifen der Thätigkeiten herbeizuführen; aber in der Zivilisation arbeite man diesem Trieb am Heftigsten entgegen, und zwar sei es hauptsächlich jene Verbindung, die ihrer Natur nach stets nur die Beschränktheit und die Einseitigkeit aufrecht erhalte: das Familienband.
Fourier beurtheilt den Kulturgrad einer Gesellschaft nach der Stellung, welche die Frau in derselben einnimmt, ein heute allgemein getheilter Standpunkt. Er geht aber weiter und macht die Gesellschaftsentwicklung überhaupt von der Stellung der Frau abhängig; nach ihm geht die Veränderung in der Stellung der Frau einem neuen Kulturzustand voraus, was nicht richtig ist, sondern diese Veränderung ist Folge. Wohl hat die bürgerliche Gesellschaft scheinbar Recht, und so urtheilt Fourier, daß die monogamische Ehe mit ihren legitimen Kindern Grundlage ihrer Gesellschaft ist, aber dieser monogamischen Ehe voraus geht das bürgerliche Eigenthum, der Privatbesitz an Grund und Boden und an den Produktionsmitteln. Der Privateigentümer ist bestrebt, sein Eigenthum zusammenzuhalten, auch über seinen Tod hinaus; er will in seinem Eigenthum gewissermaßen fortleben. Er sucht also einen Erben, der seinen Intentionen gemäß sein Eigenthum verwaltet und wo möglich vermehrt. Wo kann er diesen seinen Intentionen entsprechenden Erben besser finden, als in dem von ihm selbst gezeugten Kinde, das vielleicht auch der Erbe seiner Charaktereigenschaften ist und das er vor allen Dingen durch die Gewalt, die er über es ausüben kann, seinen Absichten gemäß zu bilden und zu erziehen suchen wird? Damit aber der Erbe auch sein wirklich legitimer Erbe sei, muß er möglichst sich vor der Gefahr sichern, die Kinder eines Fremden als die seinen ansehen zu müssen, und deshalb umgiebt er die Ehe mit all den gesetzlichen Zwangseigenschaften, die sie heute besitzt.
Die bürgerliche Ehe ist also mit dem bürgerlichen Eigenthum innig verwachsen, sie geht daraus hervor, und es ist ein ganz falscher Schluß, den Fourier macht, wenn er glaubt, in der bürgerlichen Ehe das Hauptübel sehen zu müssen, das der Umwandlung des bürgerlichen Zustandes in seinen sozietären sich entgegenstellt. Er ist von seiner Ueberzeugung, daß nur die Einehe das Hinderniß für den Ausgang aus der Zivilisation bilde, so durchdrungen, daß er dem Konvent vorwirft, dadurch die Revolution in ihrer Wirkung beschränkt zu haben, daß er vor der Ehe stehen geblieben sei. Wie konnte er nur eine halbe Maßregel, wie die Ehescheidung, gutheißen? Es waren die Philosophen, durch welche der Konvent sich gefangen nehmen ließ, sonst hätte nach seiner Meinung es geschehen können, daß die Revolution von 1793 eine zweite gebar, die eben so wunderbar gewesen wäre, als die erste entsetzlich war.
An sich ist es vollkommen richtig, wenn Fourier die Höhe eines Kulturzustandes bemißt nach der Stellung, welche die Frau in ihm einnimmt, es ist aber falsch, wenn er die Stellung der Frau als das Primäre, die Eigenthumsverhältnisse als das Sekundäre ansieht. Das Umgekehrte ist die Wahrheit. Im gesellschaftlichen Urzustand herrscht der Kommunismus an Grund und Boden, und wo dieser herrschte oder noch herrscht, existirt auch überall die freie Liebe, eingeschränkt durch gewisse Grenzen, die der allzunahen Blutsverwandtschaft gezogen werden. In diesem Zustand herrscht auch das Mutterrecht; wohl läßt sich die Mutter, aber nicht der Vater des Kindes nachweisen. In dem Maße, wie die Eigenthumsverhältnisse sich ändern, ändern sich auch die Beziehungen der Geschlechter. Mit der Entstehung von persönlichem Eigenthum wird auch die Frau persönliches Eigenthum, und da sie zugleich Arbeitsmittel wird, entsteht die Polygamie. Es giebt jetzt viele Mütter, aber einen Vater. Aber der Vater, der Töchter besitzt, wünscht seinen Töchtern, wenn er sie verheirathet, eine bevorzugte Stellung unter den anderen Frauen. Dieser Wunsch ist der Wunsch aller Eigenthümer, ihre Wünsche begegnen sich und man sucht durch größere Mitgift die Befriedigung dieser Wünsche zu erleichtern. Das Heirathsgut ist der Preis. Noch aber sind die Töchter im Gegensatz zu den Söhnen des Erbrechts beraubt. Allmälig erlangen sie auch dieses, sei es als Kaufpreis neben dem Heirathsgut, sei es als Tochter, die keine konkurrirenden Brüder hat. Damit kommt die Frau in die Lage, wo sie, statt der bevorzugten Frau, die einzige Frau wird. Aus der Polygamie wird allmälig die Monogamie. Eigenthum und Erbrecht in ihrer weiteren Entwicklung sind die Klammern, welche die Einehe zusammenhalten, und da die Eigenthümer auch die Gesetzgeber sind, wird die Einehe, ganz abgesehen von dem Mangel an materiellen Mitteln, der bei Privateigenthum den meisten Männern es unmöglich macht, mehrere Frauen ernähren zu können, Zwangsordnung auch für Jene, die kein Eigenthum und folglich nichts zu vererben haben. Die hierarchische Ordnung und die Gesetze, d. h. der Zwang, kommen stets von Oben, sie sind die in Paragraphen formulirten Interessen der herrschenden Klassen. Der Kampf gegen diese Ordnung geht stets von Unten aus, und aus diesem Kampf, der selbst wieder auf der Entwicklung der sozialen und materiellen Lebensbedingungen der Masse beruht, entsteht der gesellschaftliche Fortschritt. Mußten also hiernach Fourier's positive Vorschläge, weil sie auf einer falschen Grundanschauung beruhten, negativ bleiben, so hat hingegen seine negative Kritik an den bestehenden Zuständen sehr positiv gewirkt.
Fourier geht nunmehr dazu über, die bürgerliche Familie, die er als das Haupthinderniß seines Systems ansieht, in ihrem Wesen zu kritisiren. Halten wir seinen Hauptgedankengang fest: Gott hat die Welt erschaffen, und da er sie erschaffen hat, muß er sie auch gut erschaffen haben, sonst käme er in Widerspruch mit sich selbst. Der Mensch ist das von Gott geschaffene höchste lebende Wesen, für den er, wenn die Welt überhaupt einen Zweck haben soll, diese Welt erschaffen hat. Wie die Welt gut, so soll der Mensch, dem Willen Gottes entsprechend, glücklich sein. Statt dessen sehen wir die große Mehrzahl unglücklich, und zwar unglücklich, weil sie die Triebe, die Gott ihnen gegeben, nicht befriedigen können. Aus Unkenntniß ihrer Natur und ihres Zwecks haben sie sich eine Ordnung gegeben, in der diese Triebe meist unterdrückt werden, zur Einseitigkeit gelangen, kurz ihren Zweck verfehlten. Die Einheitlichkeit, d. h. die volle Harmonie zwischen den Menschen und der Welt und der Welt und Gott, ist aber der große Zweck Gottes, und um diese Einheitlichkeit zu ermöglichen, ist die Vielseitigkeit der Beziehungen auf ausgedehnter Stufenleiter die einzige Lösung. Dieser Vielseitigkeit der Beziehungen und der Ausdehnung derselben auf alle Menschen und die sie umgebende Natur steht die isolirte Wirthschaft des Menschen entgegen. Diese isolirte Wirthschaft ist aber nur wieder Folge des möglichst kleinsten Gruppenbandes, der Ehe, resp. Familie, ergo müssen Ehe und Familie in ihrer heutigen Gestalt verschwinden.
In diesem Gedankengang bewegt sich Fourier und von diesem Standpunkt aus kritisirt er die Ehe und Familie, wobei der Leser beachten will, daß Fourier hauptsächlich Pariser und großstädtisches Leben seiner Kritik zu Grunde legt. Er führt weiter aus:
„In der Zivilisation ist das System der Liebe ein System allgemeinen Zwangs und in Folge davon allgemeiner Falschheit. Wie im Handel so sind auch in Sachen der Liebe die Schutzmaßregeln (prohibitions) und die Kontrebande unzertrennlich. Wo die Liebe mit Schutzmaßregeln umgeben wird, darf man auf deren allgemeine Uebertretung rechnen. Schon daraus folgt, daß alle Familienbeziehungen verdorben sind. Der Gatte wird durch seine Frau betrogen, die Tochter verheimlicht ihm ihre Beziehungen und dies wirkt zurück auf seine Treue in der Ehe. Die schmachvollste aller sozialen Perfidien ist, daß er nicht selten über den Ursprung seiner Kinder getäuscht wird, ein Vorkommniß, das auf der Bühne zum Gegenstand des Spottes und der Lächerlichmachung dient.“
„Diejenigen, die beanspruchen, die Wahrhaftigkeit in die sozialen Verhältnisse einzuführen, ohne darunter auch die Beziehungen der Liebe zu begreifen, sind mit Blindheit geschlagen. Sie scheinen nicht zu wissen, daß die Liebe eine der vier Hauptleidenschaften ist und eine der mächtigsten; ist sie gefälscht, so genügt dies, um durch ihren Kontakt den Mechanismus des ganzen sozialen Systems zu fälschen. Wer glaubt, hier Fälschungen zulassen zu können, handelt wie eine Regierung, die um eine achtzig Meilen lange Grenze gegen die Pest abzusperren, sich begnügt, sechzig Meilen durch einen Truppenkordon zu besetzen und den Rest der freien Passage den Pestkranken offen läßt ...“
„Die Welt besteht aus Betrügern und Betrogenen, und so sollte man annehmen, daß die öffentlichen Einrichtungen die dem Betrug ausgesetzte Klasse schütze. Die Ehe, scheint es, ist ganz im Gegentheil eine Einrichtung zum Nachtheil der vertrauenden Leute, sie scheint erfunden zu sein, um die Verderbten zu belohnen. Je schlauer ein Mann ist und sich durch Verführungskünste auszeichnet, um so leichter gelangt er zu einer reichen Heirath und gewinnt die öffentliche Achtung. Man bringe die infamsten Hülfsmittel in Anwendung, um eine reiche Partie zu machen, sobald es ihm gelingt, zu heirathen, ist er ein kleiner Heiliger, ein Muster von Tugend. Erwirbt Jemand plötzlich ein großes Vermögen dadurch, daß es ihm gelang, ein junges Mädchen zu gewinnen, so ist das ein der öffentlichen Meinung so gut gefallendes Resultat, daß sie alle Intriguen verzeiht. Alle Welt preist ihn nun als guten Ehemann, guten Vater, guten Verwandten, als guten Freund und Nachbar, guten Bürger und guten Republikaner. Das ist die Manier der Lobhudler, sie loben ihn vom Scheitel bis zu den Zehen, im Ganzen und im Einzelnen.“
„Eine gute Heirath ist der Taufe vergleichbar durch die Raschheit, mit welcher sie allen früheren Schmutz verwischt. Daher wissen Väter und Mütter nichts Besseres zu thun, als ihre Söhne zu unterweisen, wie sie zu einer reichen Partie gelangen können, einerlei auf welchem Wege, denn eine reiche Heirath ist die wahre, bürgerliche Taufe, welche in den Augen der Oeffentlichkeit alle Sünden abwäscht. Dieselbe öffentliche Meinung hat lange nicht diese Nachsicht mit den anderen Parvenüs, denen sie ihre Schändlichkeiten, durch die sie zu Vermögen gelangten, lange nachträgt.“
„Welche Aussicht auf Erfolg für die Ehe hat dagegen ein Tugendhafter, welcher, gehorsam den bürgerlichen und religiösen Vorschriften, erklärt, daß er seine Tugend bis zum dreißigsten Jahre bewahren wolle, um sie seiner künftigen Frau als Geschenk in die Ehe zu bringen? Der, getreu den Lehren jenes vortrefflichen Buches, das sich „Einführung in einen gottergebenen Lebenswandel“ betitelt, sich bis zum dreißigsten Jahre enthält „aus dem Becher der Unzucht den Wein der Prostitution zu Babylon“ zu trinken? Welche Aussicht hat er? Und wenn es ihm einfällt, eine solche Erklärung abzugeben, welchen Dank findet er bei den Frauen? Mütter wie Töchter werden dies scherzhaft finden und bei gleichem Vermögen, gleichem Alter, gleich günstiger äußerer Gestalt werden Mutter und Töchter einen „geübten“ jungen Mann ihm, dem „Tölpel“, der seine Tugend nach den Vorschriften der Religion und Moral bewahrte, vorziehen.“
„Bei der Untersuchung über das Wesen der Ehe sind also alle Vortheile auf Seiten der Intriguanten und Verderbten, woraus zu schließen, daß dieses Band eine Lockspeise ist, sich persönlich zu depraviren.“
Dieselbe üble Meinung, die Fourier hier durchschnittlich von den Männern unter den gegebenen Verhältnissen hat, besitzt er auch von den Frauen. Von ihnen rühmt er die Leichtigkeit, mit der sie die Fehler ihrer Ehemänner annähmen, aber nicht ihre Tugenden.
„Verheirathet eine Heilige an einen Spitzbuben und sie wird ihm bald in der Spitzbüberei nacheifern, seine Komplizin im Hehlen sein. Besitzt sie einen tugendhaften Mann, weit entfernt, seine Tugenden zu adoptiren, wird sie dagegen den Eindrücken eines leichtfertigen Kourmachers zugänglich sein. Eine schöne Eigenschaft der Ehe, die den Frauen nur die Laster der Männer, nie ihre Tugenden mittheilt. Da es aber unter den Ehemännern der Zivilisation 99/100 lasterhafte und nur 1/100 tugendhafte giebt, so kann man nach diesem Maßstabe die moralische Vollkommenheit schätzen, welche die Ehe bei den Frauen erzeugt.“ ...
„Durchschnittlich betrachten die Männer die Ehe als eine Falle, die ihnen gestellt wird, und so sind es die Väter selbst, welche ihre Söhne veranlassen, das eheliche Band von diesem Standpunkt aus anzusehen. Und warum? Weil sie aus eigener Erfahrung wissen, daß der Reinfall unreparirbar ist. Und indem sie sich bemühen, ihre Söhne von dieser Wahrheit zu überzeugen, machen sie dieselben für den Ehehandel habgierig und verschlagen.“
„So kommt es, daß die „Dreißigjährigen“ oder Ehestandskandidaten sich in Berechnungen erschöpfen, ehe sie zum ersten Schritt sich entschließen. Nichts spaßhafter, als die Unterweisungen zu hören, die sie sich gegenseitig geben über die Art und Weise, der künftigen Gattin das Joch aufzuerlegen und sie günstig für sich einzunehmen. Nichts merkwürdiger, als diese vertraulichen Zusammenkünfte (consiliabules) der Junggesellen, in welchen an den zu heirathenden Mädchen die kritische Analyse vorgenommen wird, und zu beobachten die Fallstricke der Väter, die sich ihrer Töchter entledigen wollen. Der Schluß aller Debatten ist, daß man auf Geld sehen müsse, daß, wenn man das Risiko trage, von der Frau betrogen zu werden, man wenigstens nicht auch mit dem Heirathsgut betrogen sein wolle. Nehme man einmal eine Frau, so müsse man sich eine Entschädigung für die Unzuträglichkeiten sichern, die die Ehe mit sich bringe. Das nennt man nach einem Kunstausdruck „die Anhaltseile (les attrapes) fassen“.
Und wie die Männer räsonniren, so räsonniren ähnlich die Frauen. Fourier hebt dann die Widersprüche in dem ehelichen Zustande hervor, daß der Mann, der sonst alle Freiheit für sich beanspruche und die Frau unterdrücke, im wichtigsten Punkt der Ehe öffentliche Meinung und Gesetz gegen sich habe, wobei man wohl beachten will, daß es sich um die Schilderung französischer Zustände handelt, wonach noch bis in die neueste Zeit das Gesetz die Untersuchung über die Vaterschaft untersagte. Dieses Gesetz, von der Männerwelt zu ihrem Schutze entworfen, schlägt in den Fällen, die Fourier hier im Auge hat, zu ihrem Schaden und ihrer Schande aus.
Er sagt: „Trotz des Unterdrückungssystems, das auf den Frauen lastet, haben sie das einzige Privilegium, das ihnen verweigert sein sollte, sich bewahrt, dasjenige, den Mann zu nöthigen, ein Kind, das nicht das seine ist und auf dessen Angesicht die Natur selbst den wahren Namen des Vaters geschrieben hat, als das seine anzunehmen.“
„In dem einzigen Fall, wo die Frau sich mit schwerer Schuld beladet, genießt sie den Schutz der Gesetze, und in dem einzigen Fall, wo der Mann auf's Schwerste beschimpft ist, hat er die öffentliche Meinung und das Gesetz übereinstimmend gegen sich, um seine Schmach zu verschlimmern.“
Darüber gießt nun Fourier seinen Spott aus: „Oh!“ ruft er. „Wie die Zivilisirten, die so strenge Verfolger der Verletzung der Keuschheit bei den Frauen sind, und diesen sie aufzwingen, so gutwillig sich unter das schmachvolle Joch beugen und eine Frucht offenbaren Ehebruchs bei sich aufnehmen und derselben ihren Namen und ihr Vermögen gewähren. So sind also die Wünsche der Philosophen erfüllt: In der Ehe ist es, wo die Männer wahrhaft „eine Familie von Brüdern“ werden, wo die Güter gemeinsam sind und das Kind des Nachbaren auch das unsere ist. Die Edelmüthigkeit dieser braven zivilisirten Ehemänner wird der Zukunft noch reichlich Gelegenheit zu Gelächter geben, und man muß einige dieser ergötzlichen Vorgänge aufbewahren, um die sonst schale Lektüre der Geschichte der Zivilisation etwas genießbar zu machen ...“
„Diese sehr weitgehende Duldung der Ehemänner gegen die schmachvollste Beleidigung und die Geschmeidigkeit der Gesetze über das Vergehen den Mantel zu decken, steht in Uebereinstimmung mit anderen Widersprüchen im Liebessystem der Zivilisirten. Die Verwirrung ist solcher Art, daß man auf der einen Seite eine Kirche und auf der anderen ein Theater sieht, zwei Anstalten, in welchen die entgegengesetzten Moralanschauungen vertreten und ein und denselben Personen gepredigt werden. In der Kirche lehrt man die Verabscheuung der Galanterien und der Wollust, und im Theater findet sich dasselbe Auditorium wieder, das man jetzt in die galanten Schliche und Raffinements aller Sinnenlüste einweiht. Eine junge Frau, die soeben eine Predigt hörte, in welcher ihr Achtung vor dem Gemahl und den höheren Gewalten gelehrt wurde, geht eine Stunde darauf in's Theater, um Unterricht in der Kunst zu empfangen, wie man den Gatten oder Vormund oder sonst einen Argus betrügt. Und Gott weiß, welche von den beiden Lehren bei ihr auf den fruchtbarsten Boden fällt. Diese wenigen Widersprüche genügen, um den Werth unserer Theorien von der Einheit der Handlung im sozialen Mechanismus in das rechte Licht zu setzen.“
Fourier ergeht sich nun weiter in Auseinandersetzungen über die Unnatur unserer sozialen Zustände, welche die Geschlechter mit ihren Trieben und den bestehenden gesellschaftlichen Anschauungen und Morallehren in fortgesetzte Widersprüche bringen und demoralisirend wirken. Wenn unsere gesellschaftlichen Gewohnheiten vorschreiben, daß der Mann durchschnittlich erst mit dem dreißigsten, das Mädchen mit dem achtzehnten Jahre heirathe, so liege auf der Hand, daß der Mann diese zwölf Jahre des Zölibats benutze, um alle möglichen illegitimen geschlechtlichen Verbindungen einzugehen. Rechne man auf jedes Jahr nur eine solche Verbindung, und zwar sechs in Beziehungen zur Prostitution, sechs im Ehebruch, so gewähre dieses einen traurigen Einblick in die Moral der Zustände, und man brauche nicht erstaunt zu sein, wenn junge Männer im mittleren Alter sich rühmten, schon mit mehr als zwanzig für anständig geltenden Frauen in intimsten Beziehungen gestanden zu haben.
„Der Zweck der Ehe soll sein, das häusliche Glück auf den guten Sitten und der Einigkeit der Familie zu gründen und die Wahrheit zur Geltung kommen zu lassen, denn Arglist und Perfidie müssen Uneinigkeit und Unordnung erzeugen. Man wird ferner zugeben, daß die Wahrheit in der Familie nicht herrschen kann, wenn sie nicht auch in der Liebe vorhanden ist. Sagen doch die Lobredner der zivilisirten Ehe selbst, „daß das häusliche Glück unzertrennlich von der Wahrhaftigkeit in der Liebe ist und daß, wenn das Gleichgewicht in den Beziehungen der Liebe mangelt, auch das Gegengewicht in den Beziehungen der Familie fehlt. Herrscht die Unwahrheit in der Liebe, herrscht sie nothwendig in der Familie und in der Häuslichkeit.“ Wie verträgt sich aber das Eheglück mit dem Bestand der Serails in allen zivilisirten Ländern? Die christlichen Kolonisten haben diese überall aus Negerinnen gebildet; die ernsten, so moralisch scheinenden Holländer bilden sie in Batavia mit Frauen aller Farben. Und wie viele heimliche Häuser giebt es bei uns, die, äußerlich anständig aussehend, in Wahrheit niedliche Serails sind, die im Geheimen jedem reichen und angesehenen Manne offen stehen.“
„Der reiche Zivilisirte hat die volle Freiheit, sich sein Serail zu bilden, eine intelligente Matrone in sein Landhaus zu setzen, die ihm Frauen und Mädchen, sogar von hoher Geburt, beschafft. Und neben diesem fixen oder geschlossenen Serail giebt es das vage oder freie. Ueber dieses erzählt uns Ritter Joconde auf der Bühne. „Ich bin nicht auf Treue versessen, ich eile von Liebschaft zu Liebschaft. Ich liebe nie nur eine Schöne, auch liebe ich sie selten länger, als einen Tag. Es ist nicht Unbeständigkeit, vielmehr Klugheit, denn auf die Frauen, ich kenne ihren Leichtsinn, darf man sich nicht verlassen, und so verlasse ich sie, um nicht verlassen zu werden.“ So stellt sich das Leben dar, das unsere meisten reichen jungen Männer, die vom Glück begünstigt sind, führen. Und dieser Joconde wird auf der Bühne von Frauen und Männern beklatscht, wenn er solche Sitten rühmt. Man antwortet: Aber wer applaudirt? Es sind die Schwelger, welche diese Schauspiele besuchen. Darauf antworte ich: wenn Viele diese Sitten nicht nachahmen, geschieht es, weil sie es nicht können. Die Einen hält die Furcht vor Krankheiten, die Anderen das Interesse, der Korpsgeist, die öffentliche Würde, der Mangel an Mitteln zurück. Man lasse einmal Jedem die Zügel schießen, überlasse ihn der gesunden Natur und man wird sehen, daß die größte Zahl sich beeilt, das Beispiel von Salomo und Ritter Joconde nachzuahmen. Jeder junge mit Mitteln ausgestattete oder von der Natur ein wenig begünstigte Stadtbewohner besucht dieses freie Serail, ohne wie die Barbaren (die in der Polygamie leben) auch für die Kosten der Unterhaltung sorgen zu müssen, es giebt sogar eine gute Zahl dieser Herrchen, welche die Frauen plündern und arm essen.“
„Und ferner: Wie viele Frauen von hoher Stellung sind zu dieser Art Korruption geneigt! Es giebt Schriftsteller, die solchen Frauen ein Recht dazu zusprechen. Warum auch nicht? Doch schweigen wir, wenn wir von der guten Gesellschaft sprechen. Im Volke ist die Käuflichkeit der Liebe kein Geheimniß, man kennt die Tarife, wie die Preiskourante an der Börse. Man braucht darüber nicht erstaunt zu sein, wenn Walpole sogar öffentlich erklären konnte, er habe in seinem Portefeuille den Preiskourant für die Biederkeit des englischen Parlaments.19 Wie muß unter solchen Sitten das häusliche Glück beschaffen sein, das auf die eheliche Treue und die Wahrhaftigkeit in den gegenseitigen Beziehungen begründet sein soll?“
„Und nun die geheimen Liebschaften. Diese bilden ein sehr umfängliches Kapitel, das für Paris allein sechs dicke Bände füllen würde. Alle diese Schliche sind nur Verletzungen der bürgerlichen, religiösen und Moralgesetze. Welche Auflehnung, welche Rebellion in dieser galanten Welt gegen Alles, was die Gesellschaft für unverletzbar erklärt. Wie kann man beim Anblick von so viel offenen und geheimen Verletzungen aller festgestellten Ordnung zögern, anzuerkennen, daß entweder das Regime der Liebe bei uns im Widerspruch mit der Wahrheit und der Moral organisirt ist, oder daß ein solcher Zustand unverträglich ist mit der Zivilisation, daß die Zivilisation der Antipode der Moral und der Wahrheit.“
„In den niederen Klassen herrscht vollkommene Emanzipation, dort existirt die freie Liebe offen. Und diese Klasse, die so offen die religiösen und die Moralgesetze verletzt, umfaßt die Hälfte der weiblichen Bevölkerung unserer großen Städte. Ich will nicht unsere Zofen und Zimmermädchen zitiren, die im Rufe stehen, keine Kenntniß von den Gesetzen der Enthaltsamkeit zu besitzen, wenigstens handeln sie, als hätten sie nie davon sprechen hören. Und wie in der kleinen, so ist es in der großen Welt. Bei den Leuten comme il faut hat der Ehemann seine bekannten Maitressen und die Dame vom Hause ihre anerkannten Liebhaber. Das gehört zur Harmonie der Haushaltung und das heißt man: „man muß zu leben wissen“ (il faut savoir vivre). Manchmal entsteht allerdings eine kleine Unzuträglichkeit daraus; man weiß nicht, von welchem Vater die Kinder sind. Doch zum Glück verbietet das Gesetz, nach der Vaterschaft zu forschen. Schlimmsten Falles erklärt der Hausarzt bei dem Fehlen jeder Aehnlichkeit, wodurch der Ursprung des Kindes verdächtig werden kann, daß die Frau während ihrer Schwangerschaft von dem Anblick irgend einer fremden Physiognomie betroffen worden sei. Schließlich hat auch der arme Ehemann schlechten Dank, wenn er gegen den Wortlaut des Gesetzes und die Zeugenschaft des Arztes aufkommen will. Das Eine ist so unfehlbar wie das Andere. Auch gehört es in der guten Gesellschaft zum guten Ton, nicht eifersüchtig zu sein. Man hat meist geheirathet eines guten Heirathsgutes oder sonst eines Vortheils wegen, und man wurde darin vielleicht nicht getäuscht, also muß man in anderer Beziehung nachsichtig sein, und schließlich heißt es: „was Dir recht ist, ist mir billig.“
„So giebt es in der Welt der Zivilisirten nur Lacher und Betrogene. Die Moral und die Ehe werden benutzt, um die Orgie zu maskiren, und Alle erreichen ihren Zweck. Unsere Kritik erscheint abgedroschen, doch für die Partisane des Zwangs war eine Antwort am Platze, man muß sie in Verwirrung setzen, indem man ihnen die Früchte ihres Systems vor Augen hält.“
„Aber diese Engherzigkeit und Unwahrheit des Familienbandes hat auch nach anderer Seite für die Entwicklung der Gesellschaft ihr Schlimmes. Nichts ist in unserem sozialen Leben von Dauer. Der zufällige Tod des Familienhauptes kann alle seine Unternehmungen in Frage stellen. Die Theilung der Erbschaft, der Umstand, daß den Söhnen die Eigenschaften des Vaters und seine Kenntnisse fehlen, wie zwanzig andere Ursachen, können das ganze Werk des Vaters stürzen. Seine Pflanzungen werden zerstückelt, an Andere überlassen, oder sie verfallen; seine Werkstätten gerathen in Unordnung, seine Bibliothek kommt in die Hände des Büchertrödlers, seine Gemälde in die des Händlers. Genau das Gegentheil hat in der Phalanx statt. Alles wird erhalten und vervollkommnet, der Tod eines Individuums beunruhigt in nichts die industriellen Dispositionen und das Gemeinwesen.“
„Ferner: Ein Industrieller wünscht sich einen Sohn, der ihn ersetzt und seine Arbeiten weiter führt, aber das Schicksal giebt ihm nur Töchter; sein Name erlischt. Er fände wohl geeignete Fortsetzer, aber in Klassen, die durch Vermögen und Lebensstellung ihm nicht zusagen. Ein ander Mal verweigern die Kinder ihm zu folgen, oder sie sind gänzlich unfähig. Oft ist es wieder der überreiche Kindersegen, der Erziehungsausgaben verursacht, welche die Unternehmungen des Vaters schädigen; seine undankbare Arbeit genügt kaum, die Kinder zu erziehen und ihnen eine Existenz zu gründen, und zum Dank für so viel Anstrengungen merkt er, daß dieses oder jenes seiner Kinder ihm den Tod wünscht, aus Ungeduld, in den Besitz der Erbschaft zu kommen. Oefter treten andere eheliche und häusliche Unannehmlichkeiten ein, deren Zahl eine sehr große ist. Ein Geschäftsmann wird entmuthigt durch ungehöriges Betragen seiner Frau oder seiner Kinder, durch Geldschneidereien von am Geschäft Betheiligten, durch Verleumdungen und Prozesse seiner Neider, durch den Verlust eines Kindes, auf dem seine ganze Hoffnung ruhte. Nicht selten sieht man Eltern über den Verlust eines Lieblingskindes dem Tiefsinn verfallen; sie haben kein Gegengewicht gegen solch ein Unglück, noch gegen andere, die sie treffen. Solch ein Familienleben ist ein stetes Straucheln, eine Pandorabüchse. Wie kann man annehmen, daß Gott die Industrie und die menschliche Thätigkeit auf einen so kritischen Boden für die, welche die Leiter sind, und noch viel mehr für Diejenigen, welche die Untergebenen sind und ausführen, hat gründen wollen?“
„Weder die Politik noch die Moral wissen die industrielle Anziehung zu schaffen, sie nehmen nur die Arglist zu Hülfe; sie rühmen die Freuden der Ehe, wenn auch ohne Vermögen, und bauen ihr ganzes soziales System darauf, den Armen zur Ehe zu bringen, damit er unter der Last der Kinderzahl, um die Hungernden zu nähren, zu fleißiger Arbeit gezwungen werde. So kommt es, daß sieben Achtel dieser Väter rufen: „Oh! in welche Galeere bin ich gerathen.“ Es war der geheime Zweck der Moralisten, mit ihrem Lob von der süßen Ehe diese Falle zu legen; damit erreichen sie, daß sie einen Ueberfluß an Rekruten für die Armee und an hungernden Arbeitern für die Fabriken haben, die um niedrigen Preis arbeiten, damit die Unternehmer sich bereichern können.“
„Die weitere Folge dieses ganzen Systems ist der Widerwille gegen die Arbeit, der schon beim Kinde stark ausgeprägt ist; es arbeitet nur aus Furcht vor Züchtigung. Aber die Unordnung steigert sich in dem Maße, wie es zur Reife kommt. Die Liebe stellt sich ein und vermehrt den Widerwillen gegen die Zwangsarbeit und verleitet zu Ausgaben für Beziehungen, die den Wünschen des Vaters wie der Harmonie der Familie sehr entgegen sind. Man sollte meinen, das Aufbrechen der Liebe müßte, als eines neuen Hülfsmittels, den industriellen Mechanismus verbessern, denn wo ein neuer Faktor auftritt, sollte er das Spiel der Kräfte vervollkommnen. Das geschieht im sozietären Zustand, aber nicht in der Zivilisation. In der Harmonie wird die Liebe die industrielle Anziehung verstärken, durch sie wird der Jüngling wie die Jungfrau für die Vereinigungen der beiden Geschlechter in den Ateliers, den Gärten, den Wirthschaftsanlagen, an der Tafel immer neue Anreize finden. Die Wirkung in der Zivilisation ist die entgegengesetzte, sie erzeugt Beunruhigung der Eltern, nöthigt zu fortgesetzter Ueberwachung, verursacht Ausgaben für Putz und Geschenke und führt nicht selten zu Schulden und anderen Ausschweifungen der Jugend. So wird die Ehe für die Väter zu einem Pfad von Schwierigkeiten aller Art, mit wenig Ausnahmen für die Reichen, und die Erwachsenen werden durch die Liebe nur verdorben.“
„Ein anderes großes Uebel in der Familiengruppe ist, daß sie keine Freiheit gestattet. Man kann nach freiem Willen Freunde, Maitressen, Assoziés wechseln, aber man kann nichts an den Banden des Blutes ändern. Das ist ein Uebel, das man noch nicht wahrnahm und das so schwer ist, daß die Harmonie ihm viele es aufhebende Gegengewichte gegenüberstellen muß, unter Anderem die industrielle Adoption (wovon bereits gesprochen wurde) und die Theilnahme an der Erbschaft. Das Uebel herrscht, und seit lange, aber seine Herrschaft ist in unseren Tagen stetig gewachsen und zwar durch den Sieg des Handelsgeistes, der die Zivilisirten immer mehr erniedrigt und sie lügnerischer macht, als sie ursprünglich waren. Die Sophisten stellen die Frage: ob der Mensch von Natur lasterhaft sei und die meisten bejahen dies; man schließt also wie die mahommedanischen Fatalisten, welche die Pest für ein unumgängliches Uebel erklären, weil sie sich scheuen, Schutzmaßregeln gegen sie zu ergreifen. Unsere Philosophen ziehen dieselbe Straße; um sich davon zu befreien, ein Heilmittel zu suchen, erklären sie das Uebel als unabwendbare Bestimmung. Man muß nur die Schöngeister in irgend eine Angelegenheit sich mischen lassen und man kann sicher sein, daß sie dieselbe in Unordnung bringen.“
„In allen übrigen Vereinigungen verlangt der Mensch Freiheit der Bewegung und sucht die möglichste Ausdehnung seiner Verbindungen. Unsere Philosophen selbst predigen, daß man die philanthropische Freundschaft auf die ganze Menschheit ausdehnen und Alle als Brüder betrachten müsse, der Ehrgeiz solle uns treiben, uns mit den Freunden des Handels auf dem ganzen Erdboden zu verbinden, aber in Sachen der Liebe und des Familienbandes zwingt man uns in den möglichst kleinsten Kreis. Man überlasse die Liebe ihrem natürlichen Hang und überlasse ihr selbst, sich ihre Grenzen zu ziehen. Man wird sehen, daß ein Mann bald mit einer gleichen Zahl von Frauen wird zu thun gehabt haben, wie der weise Salomo, und daß die Frau ihrerseits es auch nicht an der Auswahl der Männer wird haben fehlen lassen. Diese Vielheit in der Liebe ist so natürlich, daß selbst ein altersschwacher Sultan sich nie auf eine einzige Frau beschränken läßt. In einem zukünftigen Zeitalter wird man diese Freiheit der Liebeswahl ganz natürlich finden, und ein Greis wird direkte und indirekte Nachkommen, Adoptivkinder und Erben in die hunderte haben. Dann wird das goldene Zeitalter der Vaterschaft angebrochen sein und wird die Freuden genießen, die sie im gegenwärtigen Zustand vergeblich sucht. Die Adoptionen und die Legate werden in der Harmonie so zahlreich sein, wie sie in der Zivilisation unmöglich sind; man wird die Fortsetzer (continuateurs) aus Passion haben, die Mangels an eigenen, von gleichen Trieben beseelten Kindern, das Begonnene weiter führen. Außerdem, welcher Egoismus, welche Eifersucht herrscht in unseren Familien, die nicht leiden, daß ein Außenstehender sich in die Neigungen des Vaters theilt: gezwungen sich an die eigenen Kinder zu halten, begegnet er nur zu oft in seinen Plänen und Unternehmungen den Antipathien derselben, muß er in ihnen die Zerstörer seines Werkes sehen. Es kann also kein Zweifel sein, daß das Familienband die antiökonomischste Verbindung ist und den Wünschen Gottes, welcher der höchste Oekonom ist, und mit Aufwendung der geringsten Mittel das Vollkommenste zu erreichen strebt, auf's Direkteste entgegensteht.“
Fourier erläutert jetzt die Art der Vertheilung der materiellen Genüsse in der Phalanx. Die Uebereinstimmung in der Vertheilung sei garantirt, wenn man zwei bestimmte Mittel, die mehr als genügten, in Anwendung bringe: Das erste sei die Gierigkeit, die bei den Menschen nie fehlen werde. Finde man ein Mittel, die Gier des Einzelnen in ein Pfand billiger Vertheilung umzuwandeln, so werde die Herrschaft der Gerechtigkeit schon gesichert. Das zweite Mittel, um das Gleichgewicht der Vertheilung herbeizuführen, sei die Generosität. Diese halte man wohl für unmöglich, sie sei aber durchzuführen.
Jeder, der sich mit Anderen geschäftlich verbinde, wolle daraus Vortheil ziehen. Trete ein solcher nicht ein, löse die Verbindung sich auf. Diese Gefahr sei in der Phalanx nicht vorhanden, da die Vortheile für das Wachsthum des Einkommens kolossale seien und dieses im Vergleich zu heute sich wenigstens verdreißig- und vervierzigfache. Zwei Beispiele möchten dies beweisen. Eine Familie, die in Paris 60.000 Franken jährlich ausgebe und dafür Pferde, Wappen, Diener und Wohnung in der Stadt und auf dem Lande unterhalte, könne in der Phalanx mit 6000 Franken dasselbe haben. Dieser zehnfache Vortheil werde ein zwanzigfacher, wenn man erwäge, welch große Auswahl in Bezug auf Wagen aller Art man in der Phalanx habe, daß man von den Streitereien mit Händlern und Kaufleuten, von den Ausgaben für Lakaien und von ihren Diebereien und Betrügereien, von der Spionage und anderen Widerlichkeiten, welche das Gesinde zu einer Geißel der Großen machten, befreit sei. Man solle ferner an die Verbesserung der Straßen und Wege denken, deren Zustand heute auf dem Lande den Aufenthalt verbittere und sie einen großen Theil des Jahres fast unpassirbar mache. Das Gegentheil in der Phalanx, wo alle Straßen und Wege mit Trottoirs für Equipagen und leichte Wagen, für Fußgänger wie für Pferde und Zebras versehen, die Wege schattig und mit Fußsteigen, die man nach Bedürfniß besprenge, ausgestattet seien. Dazu kämen die Annehmlichkeiten der überdeckten Verbindungen zwischen den Wohnungen, Ateliers, Werkstätten, Stallungen; für Kirche, Theater, Ballsäle u. s. w., und daß alle diese verdeckten Passagen im Winter erwärmt seien, so daß man kaum wissen werde, ob es draußen warm oder kalt sei. Es seien dies alles Erleichterungen und Annehmlichkeiten, wie sie in der Zivilisation selbst ein König sich nicht verschaffen könne. Das Wohlsein werde sich also in der Phalanx in das unzählbar Vielfache steigern. Dasselbe sei mit den Mahlzeiten der Fall. Die Raffinements, die aus der stetigen Verbesserung der Materialien in Garten, Feld, Stallung und Keller hervorgingen, in der Küche durch die verbesserten Methoden der Fertigstellung sich steigerten, könne kein Einzelner, und sei er der Reichste, herbei- und durchführen. Und an alledem nähme der Aermste in der Phalanx Theil.