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Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

43.

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Ohne Datum.

Sonntag Nachts. Ich will wenigstens wieder einmal einen Brief an dich anfangen, daß wir uns nur einmal wieder berühren. Eine herrliche Mondennacht! ich bin über die Wiese nach meinem Garten eben herausgegangen, habe mich in Nachtdämmer gelezt und denke an dich. — Lieber Br. daß du just so geplagt seyn mußt zur Zeit da ich so glücklich bin, da mir das Schicksal einen ganz reinen Moment bereitet, daß ich nicht müßig sey, eine würkende Entfaltung für die Zukunft. Gute Nacht.

Montag d. 26. heut ist deine Büste von Frankfurt angekommen glücklich, hat mir viel Freude gemacht. Hier hast du einen Schatten vom Herzog. — Ich fühl’ erst iezo wie weit wir aus einander kommen sind, ich kann dir nichts schreiben. Resultate und Abstraktionen mag ich nicht, Geschichten und Einzelnheiten kann ich nicht.

Freytag d. 30. Ich will dir nur das grade schicken. Denn mehr kann ich doch jezt nicht sagen. Grüs Bäben, Dank der Herzlichen für ihren Brief. Hier ein paar Zeilen meines Gefühls auf dem Türinger Walde geschrieben d. 3. Aug. Morgends unter dem Zeichnen.

Dem Schicksaal.

Was weis ich was mir hier gefällt In dieser engen kleinen Welt Mit leisem Zauberband mich hält! Mein Carl und ich vergessen hier Wie seltsam uns ein tiefes Schicksal leitet Und, ach ich fühls, im Stillen werden wir Zu neuen Scenen vorbereitet. Du hast uns lieb du gabst uns das Gefühl: Daß ohne dich wir nur vergebens sinnen, Durch Ungeduld und glaubenleer Gewühl Voreilig dir niemals was abgewinnen. Du hast für uns das rechte Maas getroffen In reine Dumpfheit uns gehüllt, Daß wir, von Lebenskraft erfüllt, In holder Gegenwart der lieben Zukunft hoffen.

Ade, grüs Kaysern, dank ihm für die Musik. Denkt denn dein Wibele noch an mich und hat sie mich noch lieb. Der Gr. Wartensleben hab ich gerathen ihren Sohn nach Dessau zu thun. Hier ihre Silhouette.

Schreib mir doch!

G.

Was sagst du zu dieser durchs Verkleinern und Ausschneiden noch unendlich verrenkten Weiblichkeit?

Anhang einiger Briefe von Goethe an den Buchhändler Reich.

Franckf. am 20. Febr. 70.

Theuerster Herr Reich,

Es giebt gemischte Empfindungen, die Mendelsohn so richtig zeichnen, und Wieland so süsse mahlen kann, und von denen wir andre schweigen müssen. Davon war es eine die mich überfiel, als ich Ihren lieben Brief, mit dem angenehmsten Geschencke erhielt.

Nichts war mir neu. Denn dass Wieland so ein Autor ist, dass Sie so ein Verleger und so gütig gegen mich sind, das weiss ich seitdem ich Sie und Wielanden kenne; allein in dem Grade! unter diesen Umständen! war mir alles neu. Meine Danckbarkeit werden Sie leicht nach dem Werth Ihrer Freundschafft, nach der Fürtrefflichkeit des Buchs, und nach dem Vergnügen messen können, das man in dieser Franckfurter Hungersnoth des guten Geschmacks, sehr lebhafft fühlen muss, wenn man ein neues Buch geschwind in die Hände kriegt. Und auch darum lasse ich meine Erkenntlichkeit gerne schweigen; denn wahrhaftig Sie müssten sehr müde werden Dancksagungen anzuhören, wenn Ihre besondere Gütigkeit, nicht gleich iedem den Sie verbinden, ein ehrfurchtsvolles Stillschweigen auflegte.

Oesers Erfindungen haben mir eine neue Gelegenheit gegeben, mich zu seegnen, dass ich ihn zum Lehrer gehabt habe. Fertigkeit oder Erfahrung vermag kein Meister seinem Schüler mitzutheilen, und eine Uebung von wenigen Jahren, thut in den bildenden Künsten, nur was mittelmässiges; auch war unsre Hand, nur sein Nebenaugenmerck; er drang in unsre Seelen, und man musste keine haben um ihn nicht zu nutzen.

Sein Unterricht wird auf mein ganzes Leben Folgen haben. Er lehrte mich, das Ideal der Schönheit sey Einfalt und Stille, und daraus folgt, dass kein Jüngling Meister werden könne. Es ist ein Glück wenn man sich von dieser Wahrheit nicht erst durch eine traurige Erfahrung zu überzeugen braucht. Empfehlen Sie mich meinem lieben Oeser.

Nach ihm und Schäckespearen, ist Wieland noch der einzige, den ich für meinen ächten Lehrer erkennen kann, andre hatten mir gezeigt dass ich fehlte, diese zeigten mir wie ichs besser machen sollte.

Meine Gedancken über den Diogenes werden Sie wohl nicht verlangen. Empfinden und schweigen ist alles was man bei dieser Gelegenheit thun kann; denn so gar loben soll man einen grosen Mann nicht, wenn man nicht so gros ist wie er. Aber geärgert habe ich mich schon auf Wielands Rechnung, und ich glaube mit Recht. Wieland hat das Unglück offt nicht verstanden zu werden, vielleicht ist manchmal die Schuld sein, doch manchmal ist sie es nicht, und da muss man sich ärgern wenn Leute ihre Missverständnisse dem Publicko für Erklärungen verkaufen. Jüngst sagte ein Recensent: die Rede vom Mann im Monde sey eine feine Satyre auf die Philosophie der damaligen Zeiten, und ihre Thorheit. Wem könnte so was einfallen? doch ia! Er hat einen Gesellschaffter an dem Uebersetzer des Agathon. Tableau des moeurs de l’ancienne Grece! So ohngefähr wird der Tittel seyn. Ich glaube der Mensch hielte das Buch für eine Archaiologie.

Ich weiss nicht ob sich W. auch drüber ärgert, wenigstens hätte er’s Ursach.

Wenn Sie diesem grosen Autor, Ihrem Freunde schreiben, oder ihn sprechen, so haben Sie die Gütigkeit, ihm einen Menschen bekannt zu machen, der zwar nicht Mann’s genung ist seine Verdienste zu schätzen, aber doch ein genung zärtliches Herz hat sie zu verehren; mit dessen aufrichtigster Empfindung er sich auch nennt,

Ihren ergebensten Diener Goethe.

Hochedelgebohrner insonders Hochzuehrender Herr.

Es ist mir sehr angenehm gleich mit dem Anfange des Neueniahrs Gelegenheit zu finden Sie an Ihre alte Gewogenheit gegen mich zu erinnern. Lavater trägt mir auf Ihnen beigehenden Anfang des Phisiognomischen Manuscripts zu übersenden mit dem es folgende Bewandniß hat. Die Uebersezung der Einleitung habe ich zu besorgen, dahingegen Sie die Fragmente selbst von p. 7. an von Herrn Hubern übersezen laßen werden. p. 17. wo ein † mit Bleistifft gezeichnet stehet, wie auch p. 21. werden vielleicht noch einige Zusäze eingesandt werden, sollten diese aber außen bleiben, so ist an beiden Orten zur Nachricht der Sezer schon angemerkt daß diese Zeichen auf weiter nichts Beziehung haben. Wollten Sie mir den Empfang dieser Papiere gefälligst berichten, und zugleich etwa sonst einiges zu Beförderung und Ausführung dieses Werks gehöriges mir zu wißen thun, so will ich alles mit dem besten Eifer besorgen, da ohnedem die Spedition des Manuscripts meistens durch meine Hände gehen wird, da ich denn öfters die Ehre haben werde Sie derienigen Hochachtung zu versichern mit der ich mich nenne

Frankfurt den 2. Jenner 1775.

Ew. Hochedelgeb. ganz ergebensten Diener Goethe.

Frankfurt den 14. Hornung 1775.

Ihr leztes geehrtes Schreiben habe durch Herrn Jonas richtig erhalten, wie auch gestern die Probebogen die ich sogleich weiter spediren werde. Wegen der Vignetten hab ich schon an Lavatern geschrieben. Der Judas nach Holbein ist nicht Vignette sondern große Platte, und ich glaube zuverläßig der Christus auch, ob ich ihn gleich noch nicht gesehn habe, doch das sollen Sie mit einander hören. Vielleicht hat Ihnen Herr Jonas geschrieben was wir auf ihr leztes vor das erste vorgekehrt. Da das Bücher-Commissariat eine förmliche Anzeige verlangt, so wird solche der Herr Bruder in Büdingen verfertigen, worinne die Darlegung des vierten und fünften Theils Gellertischer Schrifften, den klarsten und einfachsten Beweis gebrochener Kayserl. allerhochster Verfügung abgiebt, da ich denn gerathen habe, dass man von der Commission ein Requisitionschreiben an den Magistrat verlangen soll, wordurch derselbige in Obliegenheit gesezt wird wenigstens vorerst gegen den Schiller zu verfahren. Was die Niederlage der Sächsischen Bücher allhier betrifft, sehe ich die Sache zu wenig ein, als dass ich eine gegründete Meinung darüber fassen könnte, schweer würde es immer seyn einen Buchhändler dazu zu finden und zu engagiren. Was ich in dieser Sache dienen kann werd ich mit viel Vergnügen thun. Belieben Sie mich nur mit gefälliger Nachricht und Weisung zu versehen.

Mit der gestrigen Post sind abermals Zugaben zu dem neunten Phisiognomischen Fragmente an Sie abgegangen, wobei zugleich ein Einschluß an Hrn. Prof. Oeser ist den ich gütig abzugeben bitte.

Goethe Dr.

Ich bitte Sie lieber Hr. Reich mir unschweer zu melden, wie lange Zeit ich habe biss ich wieder etwas Manuscript zu schicken brauche — die Ursache ist die — Aus Lavaters Hand liegt nun alles fertig bey mir, aber ich möchte noch einige Zugaben machen, woran ich würcklich angefangen habe — Indessen kann alles wenns seyn muss stündlich an Sie abgehn. Leben Sie recht wohl.

Erfurt d. 28. May 1775.

G.

Das noch zu Beendung des XXII Fragments abgehende Blat sende nächstens. Bitte mir zu melden wie viel Bogen abgedruckt sein und wieweit Sie mit dem Mspt. kommen sind. Ich habe noch sehr viel in Händen und fürchte der zweyte Theil möge zu starck werden.

Weimar d. 10. Merz 1776.

Goethe.

Illustration from Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Illustration from Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Illustration from Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Anmerkungen zur Transkription

Fußnoten wurden am Ende des jeweiligen Abschnitts gesammelt.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer anderen Schriftart markiert.

Die kräftig variierende und inkonsistente Schreibweise und Grammatik des Originals wurden weitgehend beibehalten. Beibehalten wurde insbesondere auch die teilweise Verwendung von "i" an Stelle von "j", da sie vermutlich dem Originalmanuskript entspricht und auch vom ursprünglichen Herausgeber so wiedergegeben wurde. Offensichtliche Auslassungen von Satzzeichen wurden stillschweigend korrigiert. Alle weiteren Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

... Seele fall ich dem Bruder um den Hals ... ... Seele fall ich dem Bruder um den Hals. ...

... ich hab ihr geschrieben. Das Gedicht an sie, ... ... Ich hab ihr geschrieben. Das Gedicht an sie, ...

... bei ber Corregge ist, alles ganz glüklich. Der ... ... bei der Corregge ist, alles ganz glüklich. Der ...

... evrfolgen, und besonders gegen den Geruch ... ... verfolgen, und besonders gegen den Geruch ...

... von einem Geiste des Widersprnches außer ... ... von einem Geiste des Widerspruches außer ...

... rückt es starck vor, und ich fange nnn bald ... ... rückt es starck vor, und ich fange nun bald ...

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