Daheim.
Reading edition
VIII.
Hapag. — Patriotische Feststimmung. — Gräber an der Adventbay. — Im Eise gefangen. — Jagd auf Spitzbergen. — Walfischfang.
Hapag! Wie anders wirkt dies Zeichen jetzt auf mich ein als noch vor wenig Monaten! — Dazumal glitt mein Auge nichtsachtend an den fünf Buchstaben vorbei; heute zaubert das kleine Wort eine Flut von Erinnerungen hervor; ich sehe die Wunder der nordischen Schärenlandschaften und des Polarmeeres; auf letzterm gleitet die stolze „Auguste Viktoria“, das prunkvolle kleine Universum; auf der Kommandobrücke steht die Hünengestalt des braven Kapitäns Kaempff, dem das Leben von nahezu 700 Menschen anvertraut ist. Keiner zaudert, ihm volles Vertrauen zu schenken, dem schönen Typus eines pflichttreuen, kaltblütig überlegenden Seemannes, der, ein Bär von Postur, mit gleicher Sicherheit sein stolzes Schiff leitet, wie er mit ritterlicher Grazie den Damenhandkuß zu applizieren weiß.
Vom Promenadendeck her tönt fröhliches Leben; dazwischen die flotten Weisen der Schiffskapelle, vor allem die bergfrische Nationalhymne Norwegens. Und an allen Ecken und Enden steht das Zauberwort Hapag, auf jedem großen und kleinen Schiffsteile — vom Rettungsboote bis zum Zahnstocher, auf dem Schilde der Kapitänsmütze und jedem Kleidungsstücke, das der Steward und der Matrose am Leibe trägt. Den jungen, frischen Schiffsjungen, der auf jedes Signal von der Kommandobrücke her die Treppen hinauffliegt, um die Befehle „des Königs“ entgegenzunehmen, hatten wir deshalb in naheliegender Erweiterung seiner Signatur schon am ersten Tage Harpagon getauft und ihn auf diesen Ruf folgen gelehrt.
Hamburg-Amerika-Packetboot-Aktien-Gesellschaft ist der Sinn des kleinen Wortes, das in der ganzen Welt so bekannt ist, daß ein mit Hapag adressierter Brief sicher seinen Weg findet, und ein Zufall, der soeben meinen Blick auf die fünf Buchstaben fallen ließ, macht mir plötzlich Mut und Lust, die in der „Thurgauer Zeitung“ begonnene Schilderung unserer nordischen Reiseerlebnisse zu Ende zu führen.
Also zurück nach Spitzbergen! Auf Flügeln des Gedankens ist der Weg im Nu zurückgelegt, obschon die Distanz ungefähr derjenigen zwischen Rio Janeiro oder Kapstadt oder Tibet und unserer Heimat entspricht.
Am Morgen des zweiten Tages wurde bei Zeiten wieder und als vollzähliges Trio das zauberhafte Land betreten. Dort erfuhr ich eine heimelige Ueberraschung. Als wir an geschützter Stelle, in das blumige Moos gelagert, die großartige Moos-, Gebirgs- und Gletscherlandschaft bewunderten, packten meine Gefährtinnen aus: eine veritable Schweizerfahne samt Stock und eine Flasche — Sonnenberger[3] 1895er, von Paul Bartholdi.[4] Nun wurde ein echt vaterländisches Fest gefeiert, wohl das erste Schweizerfest auf Spitzbergen, und unter Schwenken der Fahne, ergötzlichen Reden und lautem Hoch auf die liebe Heimat der Tropfen geleert, den die Sonne unseres Thurgaus gezeitigt hatte und der mir in meinem Leben noch nie so vortrefflich gemundet hat wie dazumal, am 12. Juli, unterm 78° nördl. Breite. Die Flaschen-Etiquette trägt nun die Aufschrift: „Sonnenberger 1895 von P. Bartholdi, am 12. Juli 1899 unter hochgehenden vaterländischen Gefühlen geleert auf das Wohl der lieben Heimat von etc. etc. etc.“ In der linken obern Ecke stehen groß und deutlich die Buchstaben O. G. V.,[5] ein für spätere Polarfahrer, welche die Flasche entdecken, jedenfalls unlösbares Rätsel.
Nach der patriotischen Fahnenweihe durchstreiften wir, soweit nicht Sumpf und Morast uns hinderten, kreuz und quer das Gelände und jeder Schritt führte zu etwas Außergewöhnlichem und Interessantem. Vor allem erregte unsere Aufmerksamkeit ein Abhang aus Geröll, den ein starker Gletscherbach im Laufe der Jahrzehnte angespült haben mochte, und auf welchem verschiedene auffällige Erhebungen zu erblicken waren. Bei der Annäherung fanden wir zwei schmucklose Grabzeichen aus Holz und gemaltem Blech; das eine trug die Inschrift: Andrees Holm, Tromsoe; födt 7. April 1896; das andere: Jakob Hansen af Hammerfest, födt 28. August 1878, letzterer ein während der sommerlichen Jagdzeit hier verunglückter Fischer, der erstere aber Teilnehmer einer nordischen Tragödie, deren weitere Spuren in unmittelbarer Nähe zu finden waren und mit der wir uns gleich beschäftigen werden. Wir schmückten die rührenden Zeugen menschlichen Daseins und Kampfes in dieser nordischen Einöde — die schlichten Gräber — mit den schönsten Blumen, welche der Boden spendete.
Was hätte dieser Andrees Holm alles erzählen können! Im Sommer 1895 hatte er mit drei andern Norwegern, Klaus Thue, Anton Nils und Nils Olsen, an den Küsten von Westspitzbergen dem Fischfang obgelegen, und als sie auf ihrem kleinen, einmastigen Fangschiffe heimkehren wollten, verlegte ihnen das unerwartet früh um die Südspitze herschwimmende Eis den Weg. Ein starker Schneesturm trieb sie wieder nordwärts, und wo immer sie Eingang in einen schützenden Fjord suchten, fanden sie denselben bereits mit Eis gefüllt. Im nördlichen Eisfjord endlich, der unter der Einwirkung des Golfstromes am längsten offen bleibt, und zwar in dem Teil, in dem wir eben vor Anker lagen, der Adventbay, fanden sie Zuflucht, und dort fror ihr Schiffchen, die „Ellida“, rasch ein, so daß die Insassen sehr bald die traurige Gewissheit hatten, sieben bis acht Monate in dieser trostlosen Eiswüste verweilen zu müssen, fern von jeder menschlichen Hülfe.
An Bord zu bleiben war unmöglich. Die vier Männer errichteten daher auf der nächstgelegenen Anhöhe eine Notbehausung, deren Konstruktion und Überreste noch deutlich zu sehen sind. Etwa einen Meter tief ist der Grund ausgehoben und die Grube mit Schiffsbrettern verschalt; darüber findet sich aus Treibholz, Mast und Rudern ein Dach erstellt, das noch teilweise mit Zinkblech vernagelt ist und das dazumal von den Insassen mit Rentierhäuten,[6] Rasen- und Moospolstern bedeckt wurde. Zum Eintritt diente die noch vorhandene Kajütenthüre. In der jetzt großenteils abgedeckten Hütte, in welche ich hineinkroch, waren als weitere Zeugen des dort verlebten Winters noch zu finden: ein Bretterverschlag, der mit Rentierfellen ausgekleidet die Schlafstätte gebildet hatte; dann ein verrosteter, zertrümmerter Herd, der ehemalige Kochherd des Schiffes, ein niedriger Tisch, eine Kiste mit Handwerkzeug; ferner zerrissene Strümpfe, Handschuhe und Kleidungsstücke anderer Art; Knochen von Rentieren, Fischen, Vögeln — die Überreste der winterlichen Mahlzeiten — lagen ringsherum zerstreut.

Nothütte.
Den langen Polarwinter brachten die Eingeschneiten und Vereisten mit Jagd und dem Suchen nach Kohlen in möglichst entfernten Lagern zu, um der Hauptgefahr der Unthätigkeit in der permanenten Dunkelheit, dem Scorbut, möglichst zu entgehen. Bis 22 Grad Reaumur Kälte hatten sie zu ertragen, so daß Anton Nils die Nase abfror; trotzdem ging er acht Tage nachher wohlgemut und fröhlich singend auf die Jagd — um nicht mehr zurückzukehren. Wahrscheinlich hat ihn ein Eisbär verzehrt. Das zweite Opfer war Andrees Holm, der am 30. März am Scorbut starb und, da die Erde hart gefroren war, zum Schutz gegen Füchse und Bären einstweilen in zwei Fässer gesteckt wurde. Sobald das Eis des Fjords — im Juni 1896 — in Bewegung kam, wagten sich die zwei Ueberlebenden auf kleinem Boote hinaus, um Fischerschiffe aufzufinden; aber fünf Tage lang wurden sie auf offenem Meere umhergeschlagen und hatten nur rohe Vögel als Nahrung, und als endlich ein Fischer sie rettete, waren sie beide auch am Scorbut erkrankt. Trotzdem fuhren die treuen Gesellen, bevor sie heimwärts strebten, nochmals nach der Adventbay zurück, um ihren Kameraden zu beerdigen, und das Grab, neben dem wir standen, war das Werk ihrer matten und kranken Hände.
Ähnliche Unglücksfälle ereignen sich von Zeit zu Zeit und auch dem größten Touristenschiffe kann es passieren, sofern es zur Unzeit, später als Ende August, Spitzbergen aufsucht, daß es sich plötzlich und unerwartet in einem Fjord durch Eis festgebannt sieht. — Plötzliche dichte Nebel, entsetzliche Stürme und unerwartete Treibeisblockade sind die Gefahren des Polarmeeres für die Schiffahrt.
Einen Versuch, an den schneefreien Abhängen des nächstliegenden Berges in die Höhe zu steigen oder eines der sich öffnenden Thäler zu begehen, mußten wir bald aufgeben, weil der Boden infolge des herabrieselnden Schneewassers überall morastig durchweicht war, so daß wir bis über die Knöchel einsanken. Wie’s in dieser Beziehung weiter landeinwärts beschaffen sein mochte, ersahen wir an Schuhwerk und Kleidern von Graf Metternich und einigen andern Jagdfreunden, welche morgens 2 Uhr unter der Führung von zwei norwegischen Fischern sich einige Stunden weit ins Innere begeben hatten und nachmittags mit reicher Beute zurückkehrten. Die Menge des angetroffenen Wildes stand zwar hinter ihren Erwartungen zurück; einige Tage zuvor war der Kronprinz von Italien mit seiner jungen Frau, die dem nordpolfahrenden Herzog der Abruzzen das Geleit gaben, hier gewesen, und die jagdlustigen Italiener sollen innert zweimal 24 Stunden gegen 200 Rentiere an der Adventbay erlegt haben; nicht der geringste Teil fiel vor dem treffsicheren Rohre der Montenegrinerin. Von der Beute wurden einfach die Geweihe mitgenommen; das Übrige blieb liegen. Daß ein solch grausames Schützenfest die harmlosen Rentierherden für die nächsten paar Wochen verscheuchte und in entferntere Regionen trieb, liegt auf der Hand. Indes waren die Spuren des Tieres überall so reichlich vorhanden, daß man glauben konnte, sich auf einem ihrer Hauptweideplätze zu befinden. Auch brauchte man nicht sehr weit zu gehen, um schön ausgebildete Geweihe zu finden, welche von den Tieren jeweils im Dezember oder Januar abgestoßen werden.

Gletschereis.
Eingedenk der vortrefflichen Eigenschaften des Rentieres, seiner Anspruchslosigkeit betreffs Ernährung, seiner universellen Nützlichkeit und seiner absoluten Unschädlichkeit und in Erinnerung an die Thatsache, daß es, wie fossile Reste — sogar fossile von Menschenhand bearbeitete Rentiergeweihe — es beweisen, einst über den größern Teil Mitteleuropas verbreitet gewesen sein muß, fragte ich mich oft, warum es wohl noch niemandem eingefallen sei, unsere Alpen mit diesen trefflichen Tieren zu bevölkern. Es ist doch sehr wahrscheinlich, daß sie sich ganz gut akklimatisieren würden.
Die Nimrode unter den Schiffspassagieren, welche zu bequem waren, stundenweit bergauf- und thaleinwärts zu laufen, ließen ihre Mordlust an den arglos herumfliegenden Strandvögeln aus. Piff, paff, puff knallte es allerorten, und Dutzende von zwecklos getöteten oder verwundeten Enten, Möven und Eidergänsen fielen zur Erde oder zuckten im letzten Kampfe auf der glatten Meeresfläche. Ich freute mich stets königlich, wenn ein mit selbstbewußter Sicherheit abgegebener Schuß zum Ärger des Schützen und unter Halloh der Zuschauer den einzigen Effekt hatte, die Flug- oder Schwimmgeschwindigkeit des Zielobjektes um 100 pCt. zu beschleunigen, oder wenn eine Taucherente, welcher der tödliche Schuß galt, blitzschnell unter dem Wasser verschwand, um sehr vergnügt hundert Meter davon entfernt wieder aufzutauchen. Da in Spitzbergen kein Jagdschein notwendig ist, bleibt es vorläufig das Eldorado aller Jäger, bis die dortige Tierwelt so vernichtet sein wird, daß es sich nicht mehr lohnt, Pulver und Blei dorthin zu tragen. Allerdings sind ja nur einige Küstenstriche zugänglich und das mit 1000 Fuß dicker Eisschicht bedeckte Landesinnere wird den Eisbären und Polarfüchsen vorläufig noch ein sicherer Hort bleiben; aber wer weiß, mit welchen Mitteln sich das raffinierteste aller Raubtiere, der Mensch, in Zukunft auch diese unzugänglichen Einöden begehbar machen wird!
Die großartigste Jagdepoche Spitzbergens fällt in das siebenzehnte Jahrhundert. Anno 1607 lenkte der berühmte Seefahrer Hudson die Aufmerksamkeit der Welt auf die ungeheure Menge von Walfischen, Walrossen, Robben und wertvollen Pelztieren, welche jene noch wenig bekannte — zehn Jahre vorher durch den Holländer Barents entdeckte — Inselgruppe bevölkerte. Daraufhin fuhren alle seefahrenden Nationen hin und lagen sich zwanzig Jahre lang tüchtig in den Haaren, bis endlich durch einen Vertrag die Jagdgründe geregelt und verteilt wurden.
Die intensivste Fangthätigkeit entfaltete Holland. In der Smeerenberg (Smeer = Fett; bergen = verwahren) auf der Amsterdaminsel waren oft gleichzeitig gegen 300 holländische Schiffe anwesend; während der kurzen Sommermonate bevölkerten über 12,000 Menschen die öde Landschaft und die Mitternachtssonne war Jahrzehnte lang Zeuge aller nur denkbaren Laster; das spielend leicht verdiente Geld wanderte in Spiel- und Trinkhöllen und schuf ein arktisches Sodom und Gomorrha. Der Walfischfang blieb zweihundert Jahre eine so ergiebige Quelle des Reichtums, daß man in Holland unschlüssig war, ob dem Hafen von Smeerenberg oder demjenigen von Batavia größere Bedeutung beizumessen sei und welcher im Ernstfalle zuerst zu verteidigen wäre. Einige Zahlen mögen diese unglaublichen Thatsachen erhärten:
Der grönländische Wal, der bis 3000 Zentner schwer wird, bildete früher das Hauptwild der Gewässer Spitzbergens, hat sich jetzt aber infolge Jahrhunderte langen rücksichtslosesten Vernichtungskrieges fast ganz weiter nach Norden verzogen. Ein einziges Exemplar konnte 20,000 Mark an Wert abwerfen. Der Hauptwert liegt in der bis zu 40 Centimeter dicken Speckschichte zwischen Oberhaut und Muskelfleisch, welche zu Thran ausgesotten wird, und in den sogenannten Barten, jenen hornigen Kiefergebilden, aus welchen man das Fischbein gewinnt (2500 Kilogramm per Tier und mehr). Die Barten dienen dem Tiere dazu, seine Nahrung zu fangen; mit geöffnetem Maule von sechs Meter Länge und vier Meter Breite durchschwimmt es den Ozean, wobei Millionen kleinster gallertartiger Meertierchen des durchströmenden Wassers an den Bartenhaaren hängen bleiben und verschluckt werden, sobald sie sich in größerer Menge angesammelt haben. Wenn man erwägt, welche Billionen dieser kleinsten Organismen tagtäglich nötig sind, um einen derartigen Riesen zu ernähren, so kann man sich eine Vorstellung machen, in welcher Zahl sie im Ozean enthalten sein müssen. Sie machen das Polarmeer oft auf meilenweite Entfernung mißfarbig, und das sogenannte „schwarze Wasser“ wird aus naheliegenden Gründen von den Walfischfängern besonders gerne aufgesucht.
Die Holländer haben seiner Zeit jeden Sommer zu Hunderten dieser kostbaren Tiere erlegt, also buchstäblich Gold aus dem Meere gehoben. Genaue Zahlen aus jener Zeit sind mir nicht bekannt; dagegen erfuhr ich, daß eine amerikanische Walfischfanggesellschaft noch 1858 eine Jagdbeute von 20 Millionen Mark gemacht hat, und daß in den letzten Jahren von den verschiedenen norwegischen Walfischstationen (die wegen des entsetzlichen Gestankes, den die verwesenden Reste der Riesenleiber ausströmen, alle auf Inseln oder von menschlichen Ansiedelungen entfernten Küsten sich befinden) durchschnittlich 2 bis 3 Millionen Mark per Jahr und per Station umgesetzt wurden.
Auch hier an der Küste der Adventbay trafen wir allerlei Ueberreste von Walfischleibern, unter anderm riesige, von der Sonne gebleichte Rücken-Wirbel, deren einer ein ganz respektables Gewicht repräsentierte.
Der Grönlandwal ist, wie oben erwähnt, in den Gewässern Norwegens und Spitzbergens fast ganz ausgestorben und in die vom Eise verbarrikadierten Zonen des höchsten Polarmeeres vertrieben. Die Arten, die dort noch gejagt werden, sind: der massige und wertvolle Blauwal, der Finnwal, das längste Tier der Erde, bis 100 Fuß lang, aber bedeutend schlanker als der Grönwal, und einige kleinere Walarten, alles sogenannte Furchenwale, weil ihre Bauchhaut im Gegensatz zum grönländischen Wale in Längsfurchen gelegt ist. Der Schrift von Georg Wegener entnehme ich, daß es auch eine Walart mit Zähnen giebt, von den Seeleuten „Speckhugger“ genannt, weil sie, nach berühmten Mustern, zu mehreren vereint ihre größten Vettern angreifen und große Stücke Speck aus ihrem Leibe herausreißen. Es sind Kämpfe beobachtet worden, bei welchen der geängstigte Großkapitalist in seiner Not weit über das Wasser hinaussprang, ohne das er die fest an seinem Bauche hängenden Schmarotzer abschütteln konnte.
Die Jagd auf Wale ist vier Seemeilen von der Küste entfernt für jedermann frei; dagegen darf die Verwertung der Beute nur auf norwegischem Gebiete stattfinden, weshalb ausländische Fänger nur im Dienste einer norwegischen Gesellschaft fischen dürfen oder aber einer Aktiengesellschaft angehören müssen, die auch Norweger zu ihren Mitgliedern zählt.
In frühern Zeiten war der Walfischfang ein Geschäft voll Romantik und Gefahr. Auf ausgesetztem kleinem Ruderboote mußte man sich dem Tiere so weit zu nähern suchen, daß der Harpunier ihm den Widerhaken in den Leib schleudern konnte; da galt es denn, im gleichen Momente das Boot aus dem Bereiche der Schwanzflossenschläge des wütenden Tieres zu bringen, und nachher kamen die kritischen Minuten, wo der davonrasende verwundete Wal durch Abwickeln der Harpunenleine das Boot in Gefahr brachte. Oftmals hat eine Störung des blitzschnellen Ablaufes der Rolle Schiff und Leute in die Tiefe gerissen. Heutzutage bedient man sich zum Walfischfange jener kleinen Dampfboote, deren wir eines vor Hammerfest gekreuzt hatten. Es sind eiserne Dampfer von 70-80 Fuß Länge, die äußerst schnell fahren und am Bug eine drehbare Kanone tragen. Die Harpune, welche dieses Feuerrohr schleudert, ist an langer Leine am Schiff befestigt und enthält in ihrem Kopfe ein Sprenggeschoß, das im Momente des Eindringens in den Walfischkörper explodiert und lange Widerhaken hervorschnellen läßt; das furchtbar verwundete Tier schießt mit der Geschwindigkeit eines Blitzzuges in die Tiefe — gefolgt von der rasch sich abwickelnden Leine, kommt aber bald wieder zum Vorschein, um zu atmen oder aber — bereits verendet. Der Todeskampf ist zuweilen so furchtbar, daß er die ganze See in Aufruhr bringt. Mit Jubel wird es begrüßt, wenn das Tier nach dem Harpunenschuß Blut bläst, „die rote Flagge zeigt“; das bedeutet eine ganz rasch tödliche Verletzung von Herz und Lungen.
Es giebt wohl kein Tier, das für die Erforschung unserer Erde eine solche Rolle gespielt hat, wie der Walfisch. Seinen Spuren folgend drangen Walfischfänger schon in frühen Jahrhunderten bis in die nördlichen Meere, und lange vor Kolumbus haben baskische und normannische Walfischer den Weg nach Amerika zurückgelegt.

IX.
„Malerische Gruppe“. — Beutezug an der Küste. — Fischerzelt. — Die Yacht des italienischen Kronprinzen. — Hotel Spitzbergen.
Unterdessen hatte sich der größte Teil der Schiffspassagiere ans Land gemacht, und wir bemerkten aus der Entfernung, wie sie sich zu einem Zuge ordneten, voraus einige Matrosen mit der deutschen, der amerikanischen und der Hamburger Flagge, dann die Schiffsoffiziere und die Musik; unter klingendem Spiele bewegte sich der Gewalthaufen landeinwärts. Da giebt’s was zu sehen; also im Trab über Stock und Stein und quatschende Pfützen, die Hände voll friedlichen Raubs: Pflanzen, Knochen und Steine, in der rechten die flatternde Schweizerfahne!
Vor einer sachten Erhebung machte der aus allen denkbaren Kostümen und Toiletten zusammengesetzte Zug Halt, und es wurde zu den vorjährigen Gedenkzeichen der Anwesenheit der „Auguste Viktoria“ auf Spitzbergen ein neues gesetzt, eine hübsch ausgestattete eiserne Tafel mit der Inschrift: „S. S. Auguste Viktoria, Hamburg; 12. Juli 1899.“ Ueber der Tafel thronte ein Schild HA mit P, getragen von einem Schiffsanker. Das Ganze AG wurde auf einem eisernen Stativ in den Boden gestoßen, mit Steinen malerisch blockiert und von den Matrosen mit Moosplatten und Blumen dekoriert. Unter dem Klange der verschiedenen Nationalhymnen (n. b. das „Rufst du mein Vaterland“ der Schweizerkehlen ging in dem „Heil dir im Siegeskranz“ nicht etwa unter; denn die Eidgenossen stunden, wie in der Schlacht bei Sempach, dicht beisammen) und Schwenken der Banner erhielt das Wahrzeichen unserer Nordlandsfahrt seine Weihe. Dann ordnete man sich (es war in der Person des Herrn Dreesen aus Flensburg ein vortrefflicher und weltbekannter Berufs-Photograph anwesend) zu einer „malerischen Gruppe“, um durch die nordische Sonne sich verewigen zu lassen. Ahnungslos stunden wir mit unserm Schweizerfähnlein in vorderer Reihe. „Die Flagge muss wech!“ rief’s aus der Hinterphalanx — nicht etwa aus Animosität gegen das weiße Kreuz im roten Feld, sondern weil der Reklamant mit Recht es sich verbitten konnte, daß seine Gesichtszüge durch ein Stück — wenn auch noch so patriotisch flatternden — Tuches zugedeckt würden. Wir marschierten also unverwundet in die hinterste Reihe; von dort her aber fällt die hochgehaltene Schweizerfahne auf der gelungenen Photographie zu allererst in die Augen: in der Mitte der Fähnrich, vor ihm die beiden getreuen Lebensgefährtinnen, rechts und links als Stützen des Vaterlandes Papa Laroche und Professor Böhringer.
Da wurde dann gleich die patriotische Erregung weiter ausgeschmiedet: Im Glockensund wollten wir am folgenden Tage offiziell das eidgenössische Banner aufpflanzen und von dem Lande für Mutter Helvetia Besitz ergreifen; Professor B. übernahm die Festrede, und Papa L. wurde einstimmig zum Admiral der schweizerischen Marine ernannt. In das schöne Projekt fiel ein bitterer Tropfen: Die Flasche Sonnenberger-Thurgauer war bis auf die Nagelprobe geleert; wir hatten „keine zweite zu versenden“, und für den Festredner und den Admiral blieb als einziger bescheidener Genuß das Riechen an der leeren Flasche, deren Duft aber noch genügte, ihre Züge freundlich zu verklären. Ein tückischer Polarnebel hat aber den Plan vereitelt und damit auch die Gefahr einer politischen Intervention des übrigen Europas abgewendet.
Nachdem die Zehntels-Sekunde Ruhe und freundliches Lächeln, welche der Photograph verlangt hatte, glücklich überstanden war, zerstreute sich das Volk nach allen Richtungen, und bald bot das fremdartige Gelände ein recht malerisches und bewegtes Bild: Ueberall kleinere Gruppen von entzückten Blumensammlern, da und dort ein blutdürstiger Jäger zum Schuß bereit, an allen Ecken Amateurphotographen männlichen, namentlich aber weiblichen und sogar sächlichen Geschlechts. Einzelne, vorab die Schiffsbemannung, stürmten, ohne Rücksicht auf bodenlosen Sumpf, landeinwärts und bergaufwärts, und männiglich kehrte mit zusammengelesenen Rentiergeweihen und andern Raritäten zurück. Einen Bären brachte Keiner; auch die größten Blagueure mußten gestehen, keinen solchen, nicht einmal von weitem, erblickt oder gewittert zu haben. Auch das ersehnte Walroß ließ sich nirgends sehen.
Wir begnügten uns mit dem leicht Erreichbaren, und unser Schatz wuchs zusehends. Abgesehen von reizenden Pflanzen erbeuteten wir seltene Mineralien, Steinkohlen, prächtige Versteinerungen von Kryptogamen und allerlei Blattpflanzen. Dann erregte unser Interesse die Menge und Verschiedenartigkeit des herumliegenden Treibholzes; teilweise zeigte sich dasselbe bearbeitet, entstammte also Fahrzeugen, die vielleicht in Westindien Schiffbruch gelitten hatten und deren Fragmente durch den Golfstrom hieher geführt worden waren. Andere Stücke entpuppten sich als Lerchen- und Erlenholz, und ich ließ mir erzählen, daß an der Ostküste Spitzbergens erstaunliche Mengen dieser Stämme mit Regelmäßigkeit angeschwemmt werden und oft ganze Buchten ausfüllen. Sie wurzelten einst in dem großen sibirischen Stromgebiete, wurden durch die im Sommer hochanschwellenden Gewässer ihrem Stammorte entführt, ins Meer geschwemmt und gelangten mit dem Polarstrom endlich an Spitzbergens eisumgürtete Küste. Es ist ja bekannt, daß diese Treibhölzer den Bewohnern der baumlosen Gegenden Grönlands, Islands — überhaupt der Polarländer — seit Jahrhunderten ihr Nutz- und Brennholz liefern, und die Kenntnis der arktischen Meere und ihrer Strömungen ist nicht zum mindesten durch das großartige Phänomen des Treibholzes erweitert worden.
Eine überaus interessante Thatsache ist es, daß man in Spitzbergen oft stundenweit im Innern und auf beträchtlicher Höhe über dem Meeresspiegel, zu welcher die größte Springflut niemals gelangen kann, Treibholz und Walfischknochen findet. Daraus zieht man den Schluß, daß im Laufe der Jahrhunderte entweder das Land sich gehoben oder das Meer sich gesenkt haben muß. Diese Niveauveränderung wird auch in Skandinavien beobachtet. Eingehauene Klippenzeichen haben sich innert 40 Jahren um nahezu 50 Centimeter gehoben, und eiserne Ringe, die vor vielen Jahren zum Anbinden der Kähne dienten und welche durch einen umgemalten weißen Kreis weithin sichtbar gemacht sind, stehen jetzt so hoch, daß sie nicht mehr gebraucht werden können. Da man die alten Strandlinien weder unter sich, noch mit dem Meeresspiegel parallel findet, wird eher an eine Bodenerhebung, als an ein Sinken der Wasserfläche zu denken sein.
Einige der von mir gesammelten Treibholzstücke mögen seit Jahrhunderten dort gelegen haben, ohne zu faulen; ihr Volumen ist unverändert, und die Holzfaserung ist deutlich zu sehen; aber man glaubt zuerst, ein helles Mineral zu finden, und ist erstaunt über das geringe, jedenfalls noch unter demjenigen des Korkholzes stehende spezifische Gewicht. Auch Ueberreste von Tieren schleppten wir mit, unter anderm einen Rentierschädel, in dessen Höhlungen sich allerlei arktische Moose und Blütenpflänzchen angesiedelt hatten; dann Mövenflügel, Knochen, Geweihe und andere Herrlichkeiten mehr.
Es war sehr unterhaltend, nachher an Bord die vom Lande her Zurückkehrenden zu beobachten; die unglaublichsten Dinge wurden hergebracht, und in mancher Kabine sah es gegen das Ende der Fahrt, namentlich als in Tromsö die Lappen ihre duftenden Gegenstände noch an den Mann und die Frau gebracht hatten, aus wie in einem Naturalienkabinett; auch die Atmosphäre stimmte, und ich will hier verraten, daß verschiedene Passagiere einige von ihren mit Stolz gezeigten und mit Liebe geborgenen Trophäen — des zunehmenden Aromas halber — nächtlicher Weise dem verschwiegenen Ozean anvertrauten. Das Aroma aber blieb, wie das Phlegma beim Spiritus.
Einen besondern Anziehungspunkt bildete die kleine Ansiedlung der norwegischen Fischerfamilie, welche im hölzernen Touristenhaus der Vesteraalen-Dampfschiffgesellschaft überwintert, nun aber ihre Zelte bezogen hatte und eifrig der Jagd oblag. Ihre edelste Beute war ein Eisbär, dessen Pelz samt Kopf sie zur Konservierung der Haare in ein Faß mit Salzlauge gesteckt hatten. 180 Kronen d. h. zirka 250 Franken sollte das Prachtstück kosten (in Bergen wurde für einen ausgearbeiteten Pelz gleicher Größe das 2½fache verlangt), und um 150 Kronen erstand es schließlich ein Herr kurz vor der Abfahrt der „Auguste Viktoria“, von Vielen beneidet um den Kauf, zu dem sie die Courage nicht gehabt hatten. Da wiederholte sich dann die Geschichte vom Fuchs und den sauren Trauben; „die Farbe des Pelzes war nicht schön; wahrscheinlich ließen die Haare sehr bald; das Ausmachen würde ein Heidengeld kosten“ etc. etc. „„Aber ein Esel war ich doch, daß ich den Prachtskerl nicht gekauft habe; so ’n Fell! und dazu direkt ab Spitzbergen!““ meinte ein Ehrlicher.
So lange der Eisbär keinen festen Besitzer hatte, wurde er gehörig ausgenützt. Die zartesten Damen ließen sich an der Seite des grausamen Tieres, dessen Kopf allerdings kaum mehr blutdürstig aus der Salzlauge hervorguckte, photographieren. Einige von Photograph Dreesen arrangierte Gruppen vor der Fischerhütte, inmitten der mannigfachen Beute um den mächtigen Kopf des nordischen Eiskönigs gelagert und durch die schlichten Fischersleute verstärkt, verdienten das Attribut malerisch im höchsten Grade.
Als wir wissensdurstige (neugierige?) Schweizer unsere Köpfe ins Innere des Hauptzeltes steckten, lagen die Männer noch schnarchend unter ihren Fellen am Boden, während die Frauen und ein zirka sechsjähriges Kind sehr munter die vielen Fremdlinge musterten. Der Haus- und Familienhund — ein langhaariger Spitz — hatte längst das Weite gesucht; auf zirka 200 Meter Distanz bellte er die „Auguste Viktoria“ und ihre am Land promenierenden Insaßen an und beantwortete jeden Lockruf und jede Annäherung damit, daß er davon und wie verrückt in weiten Kreisen herumrannte.
Das niedrige Zelt enthielt außer den Schlaflagern die unerläßlichsten Haushaltungs- und Küchengegenstände; neben der Kaffeemühle thronte eine Guitarre, die wohl einst die mehrmonatliche Polarnacht kürzen half. Wie melancholisch mögen ihre Saiten in die nordlichtdämmernde Eiswüste hinausgeklungen und was werden sich die lauschenden Bären und Blaufüchse dabei gedacht haben!
Unterdessen erhoben sich auch die Väter des Fischerzeltes und eröffneten sofort einen kleinen Markt; außer der mannigfachen Jagdbeute: kostbaren Fuchsbälgen — bis 100 Kronen pro Stück gewertet — Rentier- und Robbenfellen und Geweihen, getrockneten und frischen Fischen und Vögeln aller Arten wurden namentlich auch sehr schöne Versteinerungen feilgeboten, welche sie bei Jagdstreifzügen in den nächstliegenden Thälern und Gebirgsstöcken gesammelt hatten.
Einige Säcke voll Eiderdaunen stunden verkaufsbereit, jener feinsten Flaumfedern, mit welchen die Eidergänse ihre Brutnester dicht und warm polstern und welche ihnen von den Sammlern unter dem Leibe und den Eiern weggeraubt werden, meist mit samt einem Teil der letztern. Ich beobachtete eben einen originellen Handel, den der eine unserer norwegischen Lotsen abschloß, als Hochzeitsgeschenk für seine drei im kommenden Monat gleichzeitig sich verheiratenden Töchter, wie er mir sagte. Die zwei Fischer offerierten ihm einen mit Eiderdaunen vollgestopften Sack zu 50 Mark. Das Gewicht taxierten sie — da eine Wage fehlte — aus freier Schätzung auf 50 Kilo, „Wägung vorbehalten“. Der Käufer bezweifelte die Richtigkeit der Taxation, und als ich, als Unparteiischer darum ersucht, die Last auf höchstens 40 Kilo schätzte, wurde ohne weiteres von den Fischern dieses Gewicht in Rechnung gesetzt und der Preis auf 40 Mark reduziert. Der Käufer machte ein gutes Geschäft. Beim Reinigen der Daunen gehen allerdings fast zwei Drittel verloren, so daß ihn schließlich — die Reinigungsspesen mitberücksichtigt — das Kilo auf 4 Mark zu stehen kommen wird. Aber schon in Tromsoe bezahlt man 36 Mark pro Kilo, und weiter südwärts sind die Preise noch höher. Alles in allem wird also der Vater seinen Töchtern je ein Geschenk im Werte von 180 Mark machen, für welches er nur 20 Mark zu bezahlen brauchte.
Gegen Abend — als wir schon die Hauptmahlzeit hinter uns hatten — also zirka 9 Uhr, tauchte plötzlich eine Yacht auf, die vom Eisfjord her sich unserer Bay näherte. Wer mochte das sein? Bald erkannte das Auge des Kapitäns die italienische Flagge und signalisierte den Kronprinzen von Italien mit Gemahlin und Gefolge. Rasch wanderte das grüßende Flaggenzeichen auf die Mastspitze; die Kapelle erhielt Ordre, die königlichen Gäste anzublasen und sich zur Empfangshymne bereit zu stellen, und — was Beine hatte — stund auf Promenadendeck, um die Ankömmlinge zu sehen. Jetzt — ein mächtig widerhallender Salutschuß. Die kronprinzliche Yacht ist in unmittelbarer Nähe und beginnt grüßend unsern Schiffskoloß zu umkreisen. In diesem Moment intoniert unsere wackere Schiffskapelle im Bewußtsein, ganz das Richtige getroffen zu haben — den Garibaldimarsch. Potz Wetter, gab das eine Aufregung! Der erste Schiffsoffizier kam im Galopp gerannt und benannte den Kapellmeister mit dem obersten Bestandteil einer nützlichen und sonst harmlosen zoologischen Spezies; die Harmonien brachen bei dem zirka siebenten Takte jäh ab und „es kam umgehend zum Vortrag“ die regelrechte königlich italienische Nationalhymne. Ob der Kronprinz den Lapsus bemerkt, weiß ich nicht; eingedenk der guten Freundschaft zwischen seinem Großvater und dem Manne, der ihm die Krone brachte, Garibaldi, hätte er sich jedenfalls nicht darüber zu ärgern brauchen.
Neben der Junogestalt seiner montenegrinischen Gattin sah der kleinere und schwächliche italienische Thronfolger nicht gerade imponierend aus. In dem gebrechlichen Körper soll aber, wie zuverlässige italienische Berichterstatter uns sagten, ein feingebildeter Geist und trefflicher Charakter wohnen.

Yacht des Kronprinzen von Italien vor Spitzbergen.
Die Yacht war — nachdem sie dem Herzog der Abruzzen das Geleit gegeben — hieher gekommen, um wo möglich Proviant aufzunehmen; da das Adventbayunterkunftshaus aber noch leer stund, mußte sie unverrichteter Sache weiterfahren. Selbstverständlich hatte es sich unser italienische Fürst nicht nehmen lassen, die königlichen Hoheiten rasch an Bord ihres Fahrzeuges zu besuchen. Dreimal umkreiste dasselbe unsere stolze „Auguste Viktoria“; dann richtete es seinen Kurs unter gegenseitigem Winken und Tücherwehen und Abschiedsrufen nach Süden.
Als Nansen am 26. Juli 1896 nach dreijähriger Abwesenheit im Polareise auf Franz Josephsland zum erstenmal wieder mit Menschen zusammentraf, erfüllte ihn keine aus der Heimat eingehende Nachricht mit solchem Staunen, wie die Kunde von dem Touristenhotel, welches die Vesteraalen-Dampfergesellschaft auf Spitzbergen errichtet hatte. Es war auch wirklich eine fin de siècle-That, in dem einsamen nordischen Inselreiche, das bisher nur von Walfischfängern und Nordpolfahrern berührt worden, ein Unterkunftshaus für Touristen zu schaffen, dasselbe während der zwei Sommermonate durch regelmäßigen zehntägigen Dampferverkehr mit dem norwegischen Festlande zu verbinden und sogar — ein Postamt, natürlich mit Ansichtspostkarten, daselbst zu installieren. Kommandant des zwischen Spitzbergen und Hammerfest zirkulierenden Dampfers ist Otto Sverdrup, der berühmte Kapitän der „Fram“ Nansens; als Wirt auf Spitzbergen funktioniert jener Bernt Bentsen, welcher von Nansen seinerzeit noch in letzter Stunde vor Abfahrt der „Fram“ in Tromsoe für die Nordpolexpedition angeworben war. Sportsleute haben nun Gelegenheit, mit Retourbillet nach Spitzbergen zu fahren und nach Belieben einige Wochen in der Adventbay zu verweilen. Alles zur Meer- und Küstenjagd Notwendige steht dort zu ihrer Verfügung, und für 10 Kronen (zirka 14 Franken) per Tag finden sie in dem „Hotel“ reichliche und gute Verpflegung und Unterkunft.
Wie schon gemeldet, war die Bude während unserer Anwesenheit noch geschlossen, da der Dampfer, welcher Wirt und Proviant und die ganze Installation bringen sollte, das blockierende Eis nicht zu durchdringen vermochte. Die Gesellschaft hat allen Grund, dies zu bedauern; denn die 350 Passagiere der „Auguste Viktoria“, von den durstigen Musikanten und Schiffsleuten nicht zu sprechen, hätten ihr eine reiche Einnahme gesichert. Einen Schoppen auf Spitzbergen hätte jeder getrunken und der Rarität halber wohl auch ein bißchen Walfischragout oder Ähnliches gekostet.
Das kleine Hotel macht, aus der Nähe gesehen, einen ganz freundlichen Eindruck; es ist ein einstöckiges Holzhaus im Chaletstil mit geräumiger Veranda. An ein größeres Speisezimmer mit Wiener Sesseln reihen sich beidseitig kleine schmucklose Schlafräume an mit je 4-6 nach Art der Schiffskojen übereinander angebrachten Holzpritschen. Ein Miniatureckzimmerchen war, wie einzelne rudimentäre Utensilien erkennen ließen, Postoffice und „Schreibsalon“. Sogar ein halbvollendeter norwegischer Brief lag auf dem tintenbeklexten Löschpapier.
Wir umstöberten das einsame Haus wie Einbrecher, probierten jede Klinke, suchten jeden Laden, dessen Jalousien dürftigen Einblick gewährte, zu öffnen, und einige junge Amerikaner erstiegen unter Führung des Schiffsposthalters sogar das Dach, von wo sie sich Eingang verschaffen konnten. Ihre Beute waren einige sehr leere Champagner- und Bierflaschen.
Zum Schlusse postierten sich die 10 Mitglieder unserer Tischgesellschaft möglichst malerisch auf der Veranda und ließen sich, um ein bleibendes Andenken an den mehrwöchentlichen gemütlichen Verkehr auf der „Auguste Viktoria“ zu haben, photographieren. Der Zahlmeister des Schiffes — gar nicht unser Freund — hatte die Unverfrorenheit, sich uneingeladen der Gruppe auch einzuverleiben; wir rächten uns dadurch, daß wir beschlossen, den gutgenährten, etwas protzigen Herrn in Uniform auf unserm Bilde als — Hotelportier zu deklarieren.

Hotel Adventbay (Spitzbergen).
Die ganze Nacht — sie war ja taghell, flogen die Dampfbarkassen zwischen Schiff und Küste hin und her. Immer wieder zog’s einen ans Land, um nochmals die Wunder der nordischen Blütenwelt aus der Nähe zu sehen oder noch irgend etwas Interessantes zu erleben oder zu erbeuten.
Und an Bord herrschte die allerbeste Stimmung. Die sonnige Nacht war so lau, daß man ohne Überzieher auf Deck lustwandeln oder bequem ausgestreckt die wunderbare Szenerie genießen konnte. Mit überraschender Schärfe stachen die Konturen der Gebirge und Firnfelder gegen den blauen Himmel ab, und die auf der Uferlandschaft noch herumkrabbelnden Touristlein sah man in all’ ihren Bewegungen lächerlich deutlich. Der Kontrast zwischen der Eintagsfliege Mensch und den grandiosen Marksteinen der Ewigkeit ist mir kaum je so zum Bewußtsein gekommen.
Zu Bett mochte niemand; das erhebende Gefühl, glücklich am Endziel der Fahrt angelangt zu sein, und eine Flut ganz neuer, ungeahnter Eindrücke verscheuchte allen Schlaf. Im Biersalon wurde — ohne Respekt vor der Polizeistunde — stramm konzertiert; nach Mitternacht zog’s auch uns solide Naturkneiper noch zu Pschorr und belegten Brötchen, und wir erwischten als Zugemüse gerade noch den geistreichen Berliner-Walzer: „Ist denn kein Stuhl da, Stuhl da, Stuhl da für meine Hulda, Hulda, Hulda?“, der von der ganzen fröhlichen Gesellschaft — in allen Stimmlagen und Geschlechtern — gleichviel ob leer der Mund oder proviantvoll — mit der nötigen Inbrunst mitgesungen wurde.
Endlich gab’s Ruhe und Frieden; der größte Teil der Menschheit schlief, unbekümmert um die nachtschwärmenden Ausnahmen, und erwachte erst, als andern Morgens in aller Frühe die Ankerkette rasselte und unser Meerriese wieder zu atmen und sich zu recken begann.

X.
Abfahrt aus der Adventbay. — Polarnebel. — Seekrankheit. — Herrliche Einfahrt in den Fjord von Tromsoe.
Der Morgen des 13. Juli war nicht von tadelloser Schönheit. Nebel und Wolken verhüllten den größern Teil der majestätischen Gebirgs- und Gletscherlandschaft; aber das Gewölk war in Bewegung und wer während der Ausfahrt aus dem Eisfjord auf Deck stund und rückwärts schaute, konnte abteilungsweise nochmals alle die Herrlichkeiten genießen, welche sich tags zuvor ihm eingeprägt hatten. Bald erschien ein imposanter schneebedeckter Gebirgsstock in der Wolkenlücke, bald ein sonnenglänzender Gletscher, dessen Ende nicht abzusehen war, bald ein grünender, schneefleckiger Abhang, und oft glaubte man, die Strahlen der Sonne müßten im nächsten Augenblicke den Schleier zerreißen, der über der nordischen Landschaft hing. Aber wenn eben die Konturen erscheinen wollten und man im Begriff war, das malerische Gesamtbild der Küste Spitzbergens nochmals in sich aufzunehmen, so verschwand es wieder in dem neckischen Naturspiel, und man mußte zufrieden sein, in irgend einem Teile des Gesichtsfeldes ein kleines Stück Welt zu erblicken.
Je mehr wir uns dem offenen Meere näherten, desto dichter wurden Gewölk und Nebel; schließlich sah man kaum mehr zehn Schritte vorwärts; der Nachbar auf Deck erschien, auch wenn man fast Schulter an Schulter mit ihm stund, in ziemlicher Entfernung, und man konversierte wie Schwerhörige oder durch Hauslängen Getrennte.
Vom Kapitän erging der Befehl, die wasserdichte Schotte zu schließen und die Rettungsboote klar zu machen. Dann ertönte jede Minute das schreckliche Getöse des Nebelhorns. Diese Maßregeln hatten für Nervöse und Zaghafte etwas Beunruhigendes; dem ruhig Überlegenden gaben sie ein Gefühl von Sicherheit. Immerhin mag da und dort einer die Querschotte zum Kuckuck gewünscht haben, wenn er — vielleicht in sehr pressanten Geschäften — von seiner Kabine aus eine kleine Exkursion unternehmen wollte und die altgewohnten Wege plötzlich durch eine eiserne Wand verrammelt sah.
Langsam, langsam durchschnitt unser Schiff Nebel und Wellen; Kapitän und Lotsen verließen die Kommandobrücke nie, und auf jedem Auslugposten spähte ein Matrose in die graue Ungewißheit hinaus. Das Bewußtsein, möglicherweise in unmittelbarer Nähe der Yacht des italienischen Kronprinzen zu sein und sie gelegentlich anzurennen, mag wohl die Aufmerksamkeit und Vorsicht noch vermehrt haben.
Nach 2 Uhr mußten wir auf der Höhe des Bellsund sein, in den wir einlaufen sollten. Das war nun allerdings in dem Nebel eine absolute Unmöglichkeit. Der Kapitän ließ anhalten; in fast lautloser Stille, welche nur das grauenhafte Heulen des Nebelhorns unterbrach, hob und senkte sich unser mächtiges Schiff auf der nebelbedeckten Flut und in gespannter Erwartung harrten wir des Momentes, wo der Nebel zerreißen und wir die Riesengletscher des Glockensundes erblicken könnten. Aber er kam nicht und nach 1½-stündigem Warten meldete ein Anschlag, „daß ein Anlaufen des Bellsundes leider unmöglich sei und die Fahrt nach Tromsoe fortgesetzt werden müsse.“ Dann begann wieder das rhythmische Geräusch der Maschinen; unser Schiff drehte nach Süden und wir schwenkten die Hüte und riefen dem naheliegenden, aber unsichtbaren Spitzbergen unser Lebewohl zu — alle, trotz der Enttäuschung, in ganz vergnügter Stimmung, nach und nach sogar Professor B., der doch seine zweifellos schöne, für den Bellsund bestimmte Schützenfestrede nicht hatte ablassen können.
Der Nebel wich nicht bis zum späten Abend, und wir fuhren nur mit halber Geschwindigkeit, die übrigens, um Kohlen zu sparen, bis Tromsoe beibehalten wurde, auch nachdem die Welt wieder durchsichtig geworden war. Auf Deck blieb noch alles vollzählig, während die Reihen an der Tafel bedenkliche Lücken aufwiesen. Das Drama, blaß und angstschweißtriefend mit zugehaltenem Munde plötzlich bei der besten Nummer des Menus vom Tische aufzustehen und — von hundert mitleidlosen Augenpaaren verfolgt — hinauszuwanken, mochten Vorsichtige nicht riskieren; wenn man zu spät kommt, ist’s für alle Beteiligten unangenehm. Aber auch unter den Tapfern, die mutig vor ihrem beladenen Teller saßen, gab’s einige Opfer, und ich sah k. k. höhere Staatsbeamte, deren sonst blühende Gesichtsfarbe wachsbleich geworden und deren Gangart beim plötzlichen Verlassen des Speisesaales von ihrer gewohnten Gravität auffallend eingebüßt hatte. Oben schimpften sie dann über das elende Sodawasser, mit dem sie sich gestern den Magen verdorben hätten.
Probiert wurde wohl alles gegen die Seekrankheit: Fasten, wenig essen und trinken, viel essen und trinken (das zuletzt genannte Verfahren fand die meisten Liebhaber), Tropfen, Zeltli, Pulver, Cognac, Sekt etc., und eine Lady schützte sich gegen den gefürchteten Zustand durch das Aufsetzen einer — dunkelroten Brille. Die Sache ist nicht so ganz widersinnig, als sie auf den ersten Blick aussieht. Der Ausgangspunkt der Krankheit ist das Gehirn, nicht der Magen, und es mag wohl sein, daß die Eintrittspforten des Gesichtsorganes dabei eine wichtige Rolle spielen. Wenigstens erleichtert das Schließen der Augen die Pein um etwas. Geistige Ablenkung thut auch gut; die Skater und Jasser brauchten keine „Brechschüsseln“, und eine Dame, die der Krankheit sehr unterworfen ist, erzählte mir, daß sie und ihr Mann vollständig gefeit die Fahrt über das sehr stürmische mittelländische Meer gemacht hätten, nachdem sie bei der Ausfahrt aus Alexandrien zu ihrem großen und nachhaltigen Schrecken die Thatsache entdeckt, daß ihnen eine Tasche mit 6000 Franken in Gold beim Einbooten gestohlen worden war.
Unser Trio blieb vorläufig gesund — meine Wenigkeit für alle Zeiten — und nach Tisch musterte ich fröhlich rauchend die verschiedenen Situationen auf dem Promenadendeck. Wie zum Hohne spielte die Kapelle einen Straußwalzer: Wein, Weib und Gesang: „Was soll die Angst, was soll die Pein?“ Diese Reminiscenz an das letzte Konzert des Oratorien-Gesang-Vereins im neuen Saale des Hotels Bahnhof trieb dem Präses fast das Wasser in die Augen.
Am heutigen Abend stieg nun allerdings jeder und jede sehr rasch in die Klappe; das Meer wurde recht unangenehm, und von Schlafen war nicht die Rede. Geächz rechts und links und gegenüber in den Kabinen, und noch prägnantere Geräusche bildeten die musikalische Unterhaltung. Mein Vis-à-vis — ein strammer Rittmeister — wurde als hülflose Jammergestalt von dem braven Steward zu Bett gebracht und mit wahrhaft mütterlicher Sorgfalt und Ratschlägen zugedeckt: „So jetzt legen Sie sich ’mal steif auf den Rücken, den Kopf tief und schließen Sie die Augen und schnaufen Sie, was das Zeug hält, und wenn’s was gibt, so ist hier gleich beim Kopfende ein Aschenbecher.“ Von dieser Form sind die blechernen Behälter, welche die vorsorgliche „Auguste Viktoria“ ihren Gästen bei zweifelhaften Zuständen empfangsbereit an das Schmerzenslager steckt.
Na nu! Das Ding wird aber ungemütlich! Das hob sich und senkte sich und legte sich ein bißchen nach rechts und ein bißchen nach links, bald der Vorsteven höher, bald der Hintersteven, und hie und da hatte man die schwer zu beschreibende Empfindung, als ob alle Bewegungen auf einmal sich vollzögen und im Innern des Körpers die entsprechende spiralige Verkrümmung der Seele hervorriefen. Sogar meine hinter den Spiegel gesteckte Schweizerfahne verlor das Gleichgewicht und fiel nach Mitternacht mit Gepolter zu Boden.
Frühzeitig und gerne verließ man seine Lagerstätte, an deren Holzwerk sich bald die rechten, bald die linken Rippen gescheuert hatten, und bestieg etwas gerädert das Deck, wo’s wenigstens herrlich frische Luft gab und das wiederholte Schauspiel spritzender Wale. Das Wetter hatte sich gebessert. Der Nebel war ganz gewichen; richtiger — wir waren indessen in nebelfreie südlichere Breiten gekommen. Spitzbergen selbst mag noch länger in seinem undurchsichtigen und kalten Gewand gesteckt haben.
Unsere Kapelle blies zu ungewohnter Stunde — schon vor dem ersten Frühstück — eine choralartige Melodie; darüber befragt, gab unser überaus höfliche und deshalb eine Antwort nie versagende Tischsteward die Auskunft, es sei heute deutscher Buß-, Dank- und Bettag. Unsere darauf eingestellte Stimmung geriet aber ins Wanken, sobald als Nr. 2 des musikalischen Programmes „die Holzauk’tschon im Grunewald“ ertönte, und der nie verlegene Kellner berichtigte dann sofort den Buß- und Bettag in das Geburtsfest Wanamakers, welchem die Kapelle ein Ständchen brachte, und das stimmte denn auch.
Gegen Abend waren wir schon wieder im Bereich der norwegischen Schären und glitten ruhig und bei herrlichstem klarem Himmel durch die spiegelglatten Fluten, jeden Augenblick durch ein neues Landschaftsbild entzückt. Alles war wieder gesund und vergnügt. Wir schienen innert Tagesfrist in eine ganz andere Welt versetzt. Das Schauspiel der Mitternachtssonne erlebten wir hier in einer Pracht, wie es wohl Nordlandsfahrern selten so zu teil wird. Solche Farbengluten hatte ich nie zuvor gesehen, und wenn man im Übermaß des Entzückens das Allerschönste zu sehen und zu genießen glaubte, so brachte eine Wendung des Schiffes — eine Biegung um eine Landzunge — das vorher Unglaubliche — eine nochmalige Steigerung der prachtvollen Szenerie. Die photographischen Apparate waren die ganze Nacht in Thätigkeit und einzelne Passagiergruppen ließen sich der Kuriosität halber beim Glanze der Mitternachtssonne abkonterfeien.
Bis halb 3 Uhr saßen und stunden wir dann, ein weihevoll, ja dieser göttlichen Naturoffenbarung gegenüber fromm gestimmtes Volk, dicht gedrängt auf dem Vorderdeck und ließen die Wunder Gottes an uns vorüberziehen. Die nach Tromsoe leitenden Fjords zeigen saftig grüne Ufer am Fuße schnee- und gletschergekrönter, steilaufsteigender Berginseln; ab und zu erblickt man eine menschliche Niederlassung, eine kleine freundliche Kirche, umgeben von Fischerhütten. Trotz der vorgerückten Stunde war das Wasser sehr belebt. Malerische Segler, Fischerboote kreuzten, während die Insassen die Netze auswarfen. Einmal grüßten wir auch einen Walfischdampfer, und wo das Ufer bewohnt war, nahten sich kleine Kähne mit neugierigen Mädchen unserm langsam und ruhig dahingleitenden Riesen. — Diese kleinen Fahrzeuge sind nach Art der Wikingerschiffe vorn und hinten hoch aufgebaut und gewähren, namentlich wenn bunt gekleidete Norwegerinnen am Ruder und Steuer sitzen, einen äußerst malerischen Anblick. Da ereignete es sich dann allerdings, daß die weihevolle Stille plötzlich durch lautes Zurufen und Grüßen unterbrochen wurde, und die freundlichen Wikingerinnen ließen mit Winken nicht nach, bis wir um eine Ecke ihrem Gesichtskreis entschwunden waren.
Gegen halb 3 Uhr erfüllte ich die schwere Pflicht, die märchenhaft schöne Welt zu verlassen und mich für einige Stunden zu Bett zu legen. Aber das ging nicht leicht; kaum hatte ich einige Schritte in der Richtung meiner 80 Meter weiter zurückliegenden Kabine gethan, so wurden sie durch neue Ausrufe des Entzückens der staunenden Menge gehemmt, und ich mußte mich immer wieder umdrehen und immer wieder nochmals beide Augen voll nehmen von der Pracht und Herrlichkeit.
Endlich lag ich und — schlief nicht, aber ruhte und zehrte an dem Bewußtsein, daß diese Einfahrt nach Tromsoe im Glanze der Mitternachtssonne und im Gegensatze zu der kurz vorher erlebten Polarnebelöde wohl das Schönste an der ganzen Reise sein und bleiben werde. Und doch gab’s noch weitere Steigerungen!

XI.
Ankunft in Tromsoe. — Besuch im Lappenlager. — Die Stadt Tromsoe. — Küstenlappen. — Musikabend an Bord. — Spaziergang beim Schein der Mitternachtssonne.
Gegen 8 Uhr fuhren wir in den eigentlichen Tromsoesund, welcher, zirka 500 Meter breit, die Insel mit der gleichnamigen Stadt von dem norwegischen Festlande trennt. Die Temperatur war eine so unerwartet hohe, sommerlich schwüle, daß sie einen schweißtriefenden Berliner Kommerzienrat zu dem Reime entflammte:
„Gestern in Spitzbergen,
Heute in Schwitzbergen“
Tromsoe ist eine Stadt von 6300 Einwohnern, mit lebhaftem Fisch-, Thran- und Pelzhandel; sie nimmt sich vom Sund her ganz stattlich aus. Die großen, der Fischereiindustrie dienenden Strandhäuser — Magazine, Dörranstalten, Schiffswerften etc. — stehen auf hohen Pfählen, die je nach Ebbe oder Flut mehr oder weniger im Wasser verschwinden. Man glaubt eine Pfahlbaustation vor sich zu haben. Aus dem Hauptstadtbilde, das im wesentlichen aus Holzhäusern besteht, springen einige Kirchen und als größere Bauten das neue Museum, das Gymnasium und ein Lehrerseminar in die Augen.
Der Abhang des Berges, an dessen Fuß Tromsoe liegt, ist teilweise mit Birken und Ebereschen bewachsen und in den größern Lichtungen des Dünen-Waldes liegen recht hübsche Villen mit gaisblattumrankten Altanen; zu oberst auf dem Berge ist der Abend-Korso von ganz Tromsoe — ein Vergnügungsgarten, in welchem nur alkoholfreie Getränke zu haben sind. Der würde bei uns leer stehen; in Norwegen aber bildet er den Mittelpunkt einer fröhlichen und — wie man mir sagte — niemals ins Rohe ausartenden Geselligkeit.
Sehr interessant ist das Leben im Hafen von Tromsoe; dort liegen außer Frachtdampfern und Seglern verschiedener Nationen namentlich auch die für den Fang von Walrossen, Robben und Walfischen ausgerüsteten Jagdschiffe. Mitten im Sund ankerte die weißglänzende Yacht des Fürsten von Monaco, die wohl mit dem Ertrag des prunkvollen Elendes in Monte Carlo erbaut und unterhalten wurde. Von unserm Schiffe aus bemerkten wir während der Einfahrt ein äußerst bewegtes Leben auf dem weithin sichtbaren Hauptplatze der Stadt — eine bunte Volksmenge, welche mit Fahnen und Blechmusik sich vorwärts schob. Wir vermuteten eine kirchliche Prozession; es handelte sich aber, wie wir nachher erfuhren — um ein Schützenfest. Also auch hier wie bei uns.
Unter den Klängen der norwegischen Hymne und Grüßen vom Strande zum Deck und umgekehrt fiel der Anker. Der erste, der nun in Funktion trat, war unser wackerer Postmeister. Die in Tromsoe auf uns wartenden Postsendungen wurden an Bord geschafft und im Konversationssaal zu Händen ihrer Adressaten unter die Stewards verteilt — bei sorgfältig verschlossenen Thüren, um die ungeduldig harrenden und andrängenden briefgierigen Passagiere fernzuhalten. Vierzehn Tage waren wir nun ohne Nachrichten aus der Heimat, wenn auch nicht ohne alle Kunde von der Welt; denn an jeder Haltestation, wo Telegraph und Zeitungen sich fanden, wurde von einem Vertreter der Hapag in englischer und deutscher Sprache ein Extrakt der wichtigsten Weltereignisse angefertigt und jeweils am „schwarzen Brette“ unseres Schiffes angeschlagen, wo’s dann nachher zirka eine Stunde lang her- und zuging wie auf einer Börse.
Das allgemeine Programm für den heutigen Tag lautete: Vormittags Sehenswürdigkeiten in Tromsoe, nachmittags Besuch des Lappenlagers in Tromsdal auf dem gegenüberliegenden Festlande. Wir drei machten die Sache in umgekehrter Reihenfolge, um dem Gedränge zu entgehen und ungestört beobachten und genießen zu können. Während die Dampfbarkassen Gruppe um Gruppe nach Westen ans Land führten, suchte ich mir unter den unser Schiff umkreisenden norwegischen und lappischen Booten ein passendes heraus, dem ich die Leiber von drei Eidgenossen anvertrauen durfte. Es war ein wetterharter, muskelstarker Frithjof, der uns auf kleinem Nachen ostwärts über den Sund ruderte. Wir benützten die stille Ueberfahrt, um ungestört durch das nahe Getriebe der Welt die eingegangenen Briefe zu lesen, ersehnte Nachrichten aus der Heimat, gottlob von allen Seiten nur Gutes. Das hob unsere Reisestimmung.
Nach halbstündiger Fahrt erreichten wir Storstennaes (Naes = Nase, eine in Norwegen immer wiederkehrende Ortsbezeichnung für auf Landzungen gelegene Ortschaften), wo einige Bauernhöfe und auch ein kleines Gasthaus den Eingang in das grüne Romsdal hüten. Ein breiter Fußweg führt durch Wiesen und dann durch einen lichten Wald von 3-5 Meter hohen Birken sanft aufsteigend thalaufwärts, während in der Tiefe ein rauschender Strom dem Fjorde zueilt. Die Luft war heiß und schwül und zahllose Mücken peinigten die Wanderer, fast wie in tropischem Lande; hie und da war auch ein den Pfad kreuzender Bergbach zu durchwaten. Aber was focht uns das alles an? Rechts und links vom Wege duftete es wunderbar — reizende Waldblumen in allen Farben; gradaus fiel der Blick auf den unten lichtgrünen, oben schneebedeckten Tromsdalstind, der das Thal gegen Osten abschließt, rückwärts glänzte der blaue Fjord und seitwärts in der Tiefe schäumte ein ungestümes, breites Schneewasser. Ab und zu begegneten wir bereits einigen Lappen, die mit selbstverfertigten Artikeln zu Markte zogen, in Rentierfelle oder blaue Kittel gekleidet, schmutzig und unsagbar duftig, jeder, wie der Erdball, mit und in seiner eigenen Atmosphäre kreisend. Wehe dem, der sie kreuzte! Aber die Gesichtsbildung fanden wir durchaus nicht häßlich, wie man sie sonst schildert, weder beim weiblichen noch beim männlichen Geschlechte, und wenn wir einen Jungen oder Alten mit unserm stereotypen Gruß: „Grüetzi Lappi“ anredeten, ging sogar etwas recht Freundliches, fast Anmutiges über seine Züge.
Nach ¾stündigem Marsche und einigen schließlichen Seufzern über Hitze und Schnacken hatten wir das Ziel erreicht und befanden uns inmitten des Lappenlagers, einer zerstreuten Gruppe von Stein- und Lehmhütten; auch einige durch Birkenstämme gestützte Leinwandzelte liegen dazwischen, bevölkert durch Lappen aller Lebensalter und durch Ziegen, Kühe und Hunde, welche in friedlichem Durcheinander sich in die herrlich grünen, aber stellenweise morastigen Rasenplätze teilten.
Die Lappen im Norden Schwedens, Norwegens und Rußlands — deren Zahl sich gegenwärtig auf 30,000 beläuft — sind der letzte Ueberrest des großen Stammes, der einst ganz Skandinavien beherrschte. Nach einem Grenzvertrag vom Jahre 1751 haben die schwedischen Lappen das Recht, mit ihren Rentieren im Sommer nach der norwegischen Meeresküste zu ziehen und dort zu weiden, wogegen den norwegischen Lappen und ihren Herden im Winter das waldigere, geschütztere schwedische Land offen steht. Zur Zeit sind es nur noch gegen 2000 der in Skandinavien lebenden Lappen, welche nomadisieren, während die übrigen, also die Mehrzahl, sich im Laufe der letzten Jahrhunderte wesentlich unter dem Einflusse der auch nach Norden drängenden seßhaften Norweger als Fischer und Handwerker in schmutzigen Hütten angesiedelt hat, ohne aber ihre ethnographischen Eigentümlichkeiten einzubüßen. Der einzige Reichtum der nomadisierenden Lappen besteht in ihren Rentierherden; vom Rentier entnehmen sie alles, was sie zu ihrer Nahrung und Kleidung bedürfen. Aber für den Unterhalt einer einzigen Familie ist eine beträchtliche Zahl notwendig; wer nicht mehr als 100 Tiere besitzt, muß sich schon einem größeren Besitzer anschließen, zu welchem er dann in ein Dienstverhältnis tritt.
Das von uns besuchte Lappenlager zählt zirka 10 associerte Familien, zu welchen Rentierherden von insgesamt 3000 Stück gehören.

Lappen.
Während aber ein paar milchliefernde Kühe und Ziegen getreulich im Lager bleiben, streifen die Rentiere stundenweit über Berge und Schneefelder und müssen im Bedürfnisfalle oder für die Weiterwanderung erst mit Hülfe der zahlreich vorhandenen langhaarigen kleinen Wolfshunde mühsam aufgesucht und zusammengetrieben werden. So auch heute, wo die Touristenfirma Beyer durch eine Extraauslage von 50 Mark auf nachmittags 4 Uhr einige hundert Rentiere durch die lappischen Besitzer ins Lager schaffen ließ, um den auf jenen Zeitpunkt beorderten Passagieren der „Auguste Viktoria“ ein möglichst buntes und lebendiges Bild darbieten zu können.
Wir näherten uns den kegelförmigen Stein- und Lehmhütten (Gammen genannt), aus welchen ein bläuliches Räuchlein zum Himmel stieg. Alsbald kamen ihre Insassen uns entgegengelaufen, die Hände voll Verkaufsgegenstände verschiedenster Art, alle aber vom Rentier stammend: Felle, Geweihe; Löffel, Messer, aus Knochen und Gehörn gearbeitet und mit naiver Kunst verziert; bunte Puppen aus Fellen und Läppchen von so greulichem Geruch, daß man sie gerne und hastig wieder zurückgab, wenn nach dem ersten Ausruf des Entzückens die Nase in Funktion getreten war.
Mit Todesverachtung betraten wir durch Morast und eine nicht zu schildernde Atmosphäre verschiedene der originellen Wohnstätten; sie sind aus Steinen, Lehm und Rasenstücken in flacher Kegelform erbaut und einige rohe Balken geben dem losen Gefüge den nötigen Halt. Auf der holperigen und grünenden Steinbedachung lagern und weiden die Ziegen; ab und zu sonnt sich Körper an Körper mit ihnen auch ein Hund. Im Zeltinnern hängt in der Mitte ein großer Kochtopf an einer Kette über dem am Boden glimmenden Holzfeuer; der Rauch zieht durch eine Oeffnung an der Spitze des Daches hinaus; durch eben dieselbe dringen Licht und Regen hinein und vielleicht auch ein bißchen Luft — wenig genug allerdings; wir hielten es höchstens eine halbe Minute nacheinander aus in der brodelnden Brühe, die dort Atmungsluft heißt, und rannten mehrmals mitten aus der Gestenkonversation durch das als Thüre funktionierende Schlupfloch wie von Furien verfolgt ins Freie, um nach ein paar gesunden Atemzügen wieder rückwärts zu kriechen und den Kampf aufs neue aufzunehmen. Wer uns von draußen her aus der Entfernung beobachtet hätte, wäre jedenfalls über unser Thun und Treiben nicht sofort klug geworden. — Um die Feuerstelle sind im Kreise die Lagerstätten aus Rentierfellen angebracht und darauf kauerten, trotz der entsetzlichen Hitze vom Kopf bis zu den Füßen in Felle und warme Tücher verpackt, Frauen und Kinder, letztere von allen Altersstufen und abgesehen vom Lappenduft ganz nette Geschöpfe, welche Geschenke — Eßwaren vom Schiff — zuerst mißtrauisch und zögernd entgegennahmen, dann aber auf Geheiß der Mutter recht brav dafür dankten und sittsam sie zu verzehren begannen. — Das vornehmste Hausrecht haben die Hunde; sie lagern überall — zu Dutzenden, im und um das Zelt, meist ruhend, aber mit ihren klugen Augen die Fremdlinge verfolgend. Angeknurrt haben sie uns gar nicht; aber als im zuführenden Wege ein Stadthund auftauchte, da ging die ganze Meute mit Gebelfer über den Aristokraten her, so daß er heulend mit eingezogenem Schweife und nur ab und zu ängstlich nach seinen Verfolgern schielend Tromsoe zurannte.
Der Hund ist der älteste Freund der Lappen; er ist das einzige Tier, das mit einem echt lappischen Wort (Baednagg) bezeichnet wird, während die Namen aller andern Haustiere germanischen und finnischen Ursprunges sind. Daraus hat man geschlossen, daß die Lappen erst in historischer Zeit aus ausschließlichen Jägern Nomaden geworden sind und also auch erst dann das Rentier — bis dahin nur Jagdwild — gezähmt haben. Der Gestalt und Größe nach steht der lappische Hund zwischen Spitz- und Wolfshund; es giebt deren rot-, gelb- und schwarzhaarige; sie sehen alle sehr intelligent aus, und ihre Treue ist sprichwörtlich.
Den auffälligsten Gegenstand unter dem Inventar der Lappenhütten bildet die Kinderwiege. Sie ist aus einem Holzstamm ausgehöhlt, und zwar so, daß das Kopfende durch ein kleines Vordach geschützt bleibt, mit Rentierleder ausgeschlagen und mit getrocknetem Moos ausgepolstert. So hängt sie mit ihrem kleinen Einwohner an einem knorrigen Ast im Zeltinnern oder wird von der Mutter durch ein Band am Leibe getragen. — Von andern Dingen erregten unsere Aufmerksamkeit bunt bemalte und originell verschlossene Holzkistchen zur Aufbewahrung von allerlei Gebrauchsgegenständen und, wie diese, ebenfalls von den Lappen selbst verfertigt; auch das Eßgeschirr, besonders metallene runde Löffel nach Art der alten Apostellöffel. Verkauft hätten die Leute alles — sogar die Wiege; um ein Zehntel des verlangten Preises machen sie ja wieder zwei neue.
Ohne Schmerz verließen wir das fremdartige Zelt-, eigentlich richtiger Höhlenlager, nachdem wir uns im unglaublichsten Kauderwelsch von der kulturarmen, aber gewiß ganz zufriedenen Gesellschaft verabschiedet hatten. — Derselbe blumenreiche, lichte Waldweg führte uns in einer halben Stunde wieder zum Fjord zurück, wo unser Kahnführer in derselben Stellung unser harrte, wie wir ihn zwei Stunden zuvor verlassen hatten. Verfolgt von Möven und begleitet von großen über die glänzende Wasserfläche schnellenden Fischen glitten wir nach unserm Schiffe zurück, um uns an dessen Tafel für die Arbeit des Nachmittags zu stärken. An Bord promenierte unterdessen halb Tromsoe; familienweise waren die großen Kaufleute der Stadt hergekommen, um mit Erlaubnis des Kapitäns den stolzen Bau zu sehen.
Da entzückten uns die prächtigen norwegischen Kindergestalten. Speziell bildete ein zehnjähriger Junge mit seinen zwei kleinern Schwesterchen den Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit — alle drei blauäugig und flachshaarig und von seltenem Liebreiz, daneben das Bild naturwüchsiger Kraft und Gesundheit.
In der großen blonden Mutter, welche die Kinder führte, kämpfte der mütterliche Stolz mit dem Unbehagen über die gar zu übertriebene Liebenswürdigkeit, mit der die Fremden sich an ihre Kleinen heranmachten, und als photographierende Amerikanerinnen sie kurzer Hand auf die Seite nahmen, als Gruppe aufstellten und der Reihe nach mit ihren Momentapparaten beschossen, wurde ihr die Sache zu bunt; sie rief ihr unten harrendes vornehmes Privatboot, beförderte ihren lebendigen Schatz hinein und gab sich offenbar auf der Rückfahrt Mühe, das bißchen Eitelkeit, das sich allenfalls auf die kindlichen Herzen hatte lagern wollen, mit sorgsamer und liebevoller Hand abzuwischen.
Nachmittags fuhr das Gros der Schiffsgesellschaft zu den Lappen, während wir die Stadt Tromsoe besuchten. Schön ist ihr Inneres kaum zu nennen. Eine außerordentlich breite, nicht gepflasterte, aber mit Trottoirs versehene Straße durchzieht parallel der Küste den langgestreckten Ort; die Häuser sind niedrige Holzbauten ohne irgend welches künstlerische Charakteristikum; vor jeder Hausthüre führt eine primitive Holztreppe auf das Niveau des Trottoirs; aber ein Schmuck fehlt kaum irgendwo, und das sind herrliche Blumen, namentlich auch Rosen von besonders schönen Farben, hinter den mit saubern Gardinen verhängten Fenstern.
Auch ein musikalischer Genuß wurde uns zu teil; fünf Bettelmusikanten spielten erschütternd das „Ach, wie ist’s möglich dann!“ und als wir zusahen, waren es Rheinpfälzer, die mit ihrem Blech durch ganz Norwegen sich durchbettelten und erst in Vadsoe, nördlich von Hammerfest, ihren Fuß wieder südwärts zu wenden gedachten. Zweck der Reise? „Sich ein bißchen die Welt anzusehen.“ Und wie steht’s mit den Einnahmen? „Schlecht genug; die Norweger haben kein Geld, weil dieses Jahr der Fischfang wenig abgeworfen hat; aber man ißt sich so durch.“ Wo immer wir im Verlaufe des Nachmittags in einer Straße auftauchten, stießen wir auf die unglückliche lufterschütternde Musikbande, deren Leistungen die Qualität ihres vaterländischen Tabakes nur um ein Geringes überragten.
Sehr lebhaft war das Leben und Treiben auf Tromsoes Straßen und Gassen an jenem Nachmittag nicht gerade. Nur Kinder begegneten uns in großer Zahl und darunter viele, die mit ihrem reichen hellblonden Haarschmuck und den klarblauen Augen prächtige Modelle für „Frithjof und Ingeborg in der Jugend“ gewesen wären. An dem bescheidenen Schaufenster einer Buchhandlung fanden wir neben norwegischen Originalwerken von den modernen ausländischen Autoren Sudermann und Dostojewski in die Landessprache übersetzt — kein schlechtes Zeugnis für den litterarischen Geschmack des nordischen Volkes. Daneben prangte aber auch ein Dreyfus-Bildebog (Bilderbuch); also bis gegen das Nordkap hatte der schändliche Lügenprozeß seine Wellen geworfen.
Die zu vielen Häusern gehörigen kleinen Gärten sind meist sehr unordentlich gehalten und von Unkraut überwuchert. Auffallend ist das überall gepflegte Bärenklauenkraut (Heracleum sibiricum), das, 3 Meter hoch und mit 80 Centimeter messenden Dolden, üppig gedeiht und abgebrüht als Futter Verwendung findet.
Das Interessanteste in den Straßen Tromsoes sind seine Kaufläden; da ist alles, was die arktische Zone erzeugt, in reichen Exemplaren ausgestellt, meist vor den Häusern, um die Aufmerksamkeit der Fremden direkt zu erregen: Felle aller Arten, unter denen einige Eisbären durch ihre ganz außerordentliche Größe und diejenigen der Polarfüchse durch ihre eis- und dunkelblaue weiche Farbe auffallen; dann Walroßzähne und -Schädel, Elch- und Rentiergeweihe, Walfischohren, Kieferfortsätze — bis zwei Meter lange — des Schwertfisches (mit welchen das Tier in der Wut Schiffsplanken wie Walfischleiber anzubohren imstande ist); dann seltene Petrefakten und Edelsteine, Lappenartikel, — Holzschnitzereien, nationale Silber- und Filigranarbeiten und hundert andere Dinge. Zahlreiche kostbare Felle und Geweihe, die in keiner Kabine Platz fanden, wanderten auf unser Schiff; im Zwischendeck sah es nachher aus wie in einem naturhistorischen Museum.
Leider versäumte ich es, in Tromsoe allerlei einzukaufen, weil mir verschiedene Schiffsangestellte versicherten, in Bergen, der norwegischen Schlußstation unserer Reise, sei bei der Reisefirma Beyer alles und jedes in größerer Auswahl und bester Qualität zu haben, und so könne man sich die Mühe des Mitschleppens ersparen. Das war ein Leim (vielleicht ein durch den mitreisenden Agenten Beyers gekochter), vor dem ich spätere Nordlandfahrer warnen möchte. Die lappischen und arktischen Artikel sind nirgends in solcher Auswahl zu finden wie in Tromsoe, auch nirgends billiger (billig ist überhaupt nichts in Norwegen); einiges, das ich gar nicht missen wollte, konnte ich südwärts durchaus nicht mehr auftreiben und mußte es nun mit größeren Unkosten von Tromsoe nachkommen lassen.
Von den drei Kirchen der Stadt sind zwei lutherisch und eine katholisch, alles einfache Holzbauten, die auch im Innern nichts Besonderes bieten; Altäre und Stationen der letztern sind schmuck- und geschmackloser als bei uns in mancher kleinen Dorfkirche.
Gegen Abend wurden Straßen und Hauptplätze etwas belebter; natürlich fehlten auch hier die Radler nicht, so wenig als die Hunde, welche sie mit Gebell verfolgten. — Den Rückweg zur Landungsbrücke suchten wir durch die kleinen und schmutzigen Gassen, welche von Fischer- und Strandlappenwohnungen begrenzt unten am Sunde liegen. Durch eine schreckliche Fisch- und Thranatmosphäre unter sorgfältiger Vermeidung des ärgsten Bodenmorastes turnten wir vorwärts, guckten hinein, wo irgend eine Thür- oder Fensteröffnung dazu einlud, krabbelten heimelige Hauskatzen von ganz ungewöhnlicher Größe in ihrem dicken Balge, was mit schnurrendem Wohlbehagen und mit sofortiger Positur in Rückenlage entgegengenommen wurde, und versuchten auch wohl, uns durch Zeichen und allerlei sprachliche Kühnheiten mit den Eingeborenen zu unterhalten. Die Häuschen dieser Quartiere sind klein und schmutzig, oft ganz baufällig, die Dächer meist mit Erde gedeckt, auf welcher fröhlich allerlei Grün gedeiht. Nirgends fehlt eine angelegte Notleiter für den Fall einer Feuersbrunst. Derartige Katastrophen treten in Tromsoe, wie in all’ den norwegischen Städten, sehr häufig auf und nehmen meist große Ausdehnung an. An allen Straßenecken sind deshalb elektrische Feueralarmapparate angebracht. Seit der Einführung der elektrischen Beleuchtung, welche in Norwegen wie kaum in einem andern Lande verbreitet ist, mag aber die Zahl der Feuersbrünste abgenommen haben.
Am Landungsstege, wo wir eine halbe Stunde auf unser Boot warten mußten, sahen wir unter der bunten versammelten Menge nochmals zahlreiche Vertreter des Lappenstammes, und zwar jener Sorte, die den Namen Fischer- oder Küstenlappen trägt (im Gegensatze zu den nomadisierenden Berg- oder Rentierlappen); sie haben im Laufe der Jahrhunderte, durch die Macht der Notwendigkeit gezwungen, ihr Hirtenwanderleben gegen andere Berufsarten vertauscht und sind ansäßig geworden. Aber trotz der unausgesetzten Berührung mit der Kultur blieb ihre Originalität in Kleidung, Sitten und Gewohnheiten, wie auch im Körperbau vollständig erhalten. Daß sie auffallend dünne, kurze und krumme Beine und sehr starke, muskulöse Arme haben, führte s. Z. Bastian in einer etwas gewagten Hypothese auf Vererbung dieser durch das beständige Sitzen und Rudern erworbenen anatomischen Eigenschaften zurück. Aber die Rentierlappen, die nie fischten und ruderten, sind ganz gleich gebaut. Wie oben erwähnt, ist der Gegensatz zwischen Norwegern und Lappen, auch denjenigen, die nun seit einem Jahrhundert dort seßhaft sind, ein ganz außerordentlicher, und man sieht auf den ersten Blick, daß man zwei ganz verschiedene Rassen vor sich hat, die sich nicht vermischen. Inmitten der hohen norwegischen Kultur machen diese Naturmenschen den Eindruck eines Überbleibsels aus vorhistorischer Zeit. Gelernt haben sie aber von ihrer Umgebung wenigstens das Handeln und Überfordern. Wir wurden förmlich belagert von Männern, Frauen und Kindern, die uns selbstverfertigte Dinge anboten, und da ihr Seelenduft sehr an die Gammen in Tromsdal erinnerte, setzten wir Wert darauf, sie uns stets auf einige Meter Distanz vom Leibe zu halten. Ihre Kleidung, auch wenn sie zerfetzt und abgetragen ist, hat etwas Malerisches. Aus dem Kopfe tragen die Frauen eine grell gefärbte blaue oder rote, unter dem Kinn gebundene Kappe und um den Oberkörper ein rot karriertes Umschlagstuch. Das Hauptbekleidungsstück für Mann und Frau bildet ein Rock aus Rentierfell, der durch einen mit Silberschnallen gezierten Gürtel befestigt wird; die Beine sind mit bunten Lappen eingewickelt und die Füße tragen mit roter Schleife am Gelenke befestigt, Rentierleder- oder Pelzschuhe.
Mit welchem Behagen kehrten wir in die sauberen und komfortablen Räume unseres Schiffes zurück und atmeten die herrliche reine Seeluft! — Da kamen sie eben auch von der andern Seite angeschwommen, die über 300 Besucher des Lappenlagers, schweißtriefend, pustend, von Mücken zerstochen und mit Raritäten beladen, und bei Tische erzählte man sich unter Lachen und vielleicht ein bißchen Aufschneiden die gegenseitigen Erlebnisse.
Einen schönen Abschluß des Tages bildete der Besuch einer jungen Künstlerin aus Tromsoe an Bord, welche mit ganz wunderbarer Stimme und mit spezifisch nordischer (aber nicht arktischer) Auffassung einige Schumann’sche Lieder sang und eine kleine andächtige Gemeinde durch ihr musikalisches Können entzückte. Die Stimme besaß jene seltene Klangfarbe, die in jedem gesungenen Ton und sogar im gesprochenen Worte so eigentümlich ergreifend zum Herzen spricht, daß man unausgesetzt mit innerer Rührung zu kämpfen hat. Als Gegenmittel stieg dann zum xten (aber noch nicht letzten) Male der „holde Abendstern“ mit sehr viel subjektivem und objektivem Gefühle aus dem Munde eines mitreisenden jungen Barden zum Himmel.
Von Abends 9 Uhr an konzertierte unsere Schiffskapelle, wie zweibeinige, mit Blaustift improvisierte Plakate nachmittags durch die Straßen eilend verkündigt hatten, gegen ein Entree von 1 Krone im „Grand Hotel“ in Tromsoe. Das ließ uns kalt; wohl aber zog es mich nach 11 Uhr nachts nochmals mit Macht nach dem nordischen Städtchen, aus welchem fröhliches Leben über den Sund zu uns herübertönte. Vorbei an dem dicht vollgepfropften Konzerthotel, durch dessen geöffnete Fenster wir die bekannten Gesichter unserer braven Schiffsmusikanten blasend, geigend und schweißtriefend wie ein lebendiges Genrebild erblickten, wanderten Professor B. und ich in die Lichtfülle der polaren Mitternacht. Auf den Straßen tummelten sich kleine Kinder mit Ball und Reif noch scharenweise. Wann schlafen denn diese Tromsöer überhaupt?
Bald hatten wir das Weichbild der Stadt hinter uns und folgten dem Ufer des Fjord, einer Starkstromleitung entlang. In herrlichen Farben lag die Meereslandschaft vor uns; kein Lärm störte mehr den erhabenen Genuß; nur aus dem offenen Fenster einer in der Höhe gelegenen Villa trug uns ein leichter Wind die Klavierklänge des Ständchens aus Don Juan zu. Schwarze Wikingerböte, welche die Phantasie und unser Gespräch um tausend Jahre zurückversetzten, lagen in kleinen malerischen Buchten vor Anker oder wiegten sich träumerisch zwischen dem Pfahlwerk einer Fischerhütte. Gerade vor Mitternacht trat die Sonne, die eine Stunde hinter dem Berge sich verborgen hatte, zum Vorschein und legte flüssiges Gold auf Wasser und Land.
Damit schlossen unsere Tromsöer-Erlebnisse. Vorbei an den originellen Kaufläden, wo Auguste-Viktoria-Leute auch nach Mitternacht noch um Bärenfelle feilschten, stiegen wir — nochmals durch Lappen und norwegische Fischerleute — zur Landungsbrücke und ließen uns, durch die Schönheit der Welt stumm geworden, zu unserm Schiffe zurückfahren. Von 2½ Uhr an erst wurde das Schlummergeschäft besorgt, bis 5 Stunden später die Schiffskapelle uns mit „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu herrlichem Sonntagsmorgen weckte.

XII.
Nach Süden. — Lofoten. — Digermulen. — Pro patria. — Besteigung des Digermulenkollen. — Boot in Gefahr. — Kranker in einsamer Fischerhütte. — Der schwermütige Schimmel. — Abfahrt von Digermulen. — Einladungstelegramm von Kaiser Wilhelm.
Im Tromsoesund herrscht eine starke Strömung, die je nach Ebbe und Flut nord- oder südwärts flutet. Begünstigt durch die letztere eilte unser Kiel nach Süden und erreichte nach einer Stunde den Malangerfjord. Links ragt der gewaltige Bensjordtind mit seinen Schneefeldern zum Himmel, rechter Hand liegt das große Eiland Kralö, auf welchem eine besonders wilde, schneebedeckte Felswand in die Augen fällt, der Lille Bramand. Nach Mittag erreichten wir das offene Meer und genossen nun die herrliche Fahrt längs der Vesteraalen und Lofoten. Letztere sind eine Inselkette, welche sich in weitem Bogen fast parallel dem Festlande 150 Kilometer weit nach Süden erstreckt. Die Inseln werden südwärts immer kleiner und endigen schließlich mit einigen unbewohnbaren Klippen. Die ganze lange Kette ist ein Gewirr von Höhen, Tiefen und Sunden; die Berge haben alpine Formen und steigen meist direkt aus der blauen Meeresflut auf, oder aber sie erheben sich auf freundlichem Gelände. So weit die kraterähnlichen Spitzen nicht mit Schnee bedeckt sind, erscheinen sie mit grünem Moos bekleidet, das weithin leuchtet und zu dem blendend weißen Schnee einen herrlichen Kontrast bildet. Aber auch kahle, graue Felspartien liegen dazwischen. Ueberall öffnen sich Häfen; neben den mehreren tausend Fuß hohen, sie begrenzenden Felswänden erscheinen die dort ankernden Dampfer wie Nußschalen.
Die Lofoten sind das Dorado und die Sammelstation der Fischer vom Norden und Westen Norwegens. Mitte Januar bis Mitte April sind ihrer über 30,000 dort beisammen mit zirka 8000 Booten, um den Dorsch zu fangen. Die Ausbeute beträgt bis 40 Millionen Stück, 5-6000 per Boot. Der Dorsch, der für gewöhnlich die Tiefen des atlantischen Ozeans bewohnt, bildet zur Laichzeit ungeheure, bewegungslose Schichten am Ufer, wo er so zu sagen einfach ausgeschöpft werden kann, und auf den großen Bänken, welche in einer Tiefe von 50-200 Meter bei den Lofoten liegen. Dort geschieht der Fang mit Netzen und langen Leinen, an welchen Angelschnüre befestigt sind. Am Lande werden die gefangenen Fische gespalten, auf den Felsen ausgebreitet oder auf Holzgestellen aufgehängt und an der Luft getrocknet, um dann später als Fracht, die genau wie Holzscheiter aussieht, nach Bergen zu wandern. Obschon es schwer hält, die große Menschenmenge, das Heer der Fischer, am Land unterzubringen und oftmals ein unheimliches Gedränge herrscht, soll doch Alles in Ruhe und Frieden vor sich gehen, und zwar deshalb, weil das früher beliebte Branntweintrinken durch strenge Gesetze unmöglich gemacht ist.
Wenn ein plötzlicher Weststurm eintritt und die Rückkehr der Fischerboote nach den Lofoten ein Ding der Unmöglichkeit wird, dann sind die Insaßen gezwungen, über den breiten Vestfjord nach dem Festlande zu fahren und dort sich zu bergen. Dabei ereignen sich alljährlich schwere Unglücksfälle. Viele Boote kentern, und da gilt es dann, die am Kiel angebrachten Griffe (Stropper) zu erwischen und sich daran festzuhalten. Oder aber, wo die Griffe fehlen, klammert sich der Schiffbrüchige an sein großes ins Kielholz geschlagenes Messer. Bei den später ans Land getriebenen gekenterten Booten melden die im Kiel steckenden Messer dann in trauriger Weise die ungefähre Zahl der Verunglückten.
Während der Fahrt längs der malerischen Lofoteninseln saß ich längere Zeit an einsamer aussichtsreicher Stelle des Hauptdeckes mit dem einen unserer norwegischen Lotsen beisammen, der dort behaglich seine Pfeife rauchte und unterhielt mich mit ihm über die Nordpolfahrt Nansens. Mit größter Begeisterung sprach er in erster Linie von Sverdrup, dem Führer der Fram, während Nansen erst in zweiter Linie kam. „Und was glauben Sie über das Schicksal Andrees?“ fragte ich den alten Seemann. „„O, der ist längst alle!““ meinte er mit entsprechender Geste und reduzierte dadurch und durch die einläßliche Begründung seiner Ansicht meine stets noch genährte Hoffnung auf die Wiederkehr des kühnen Ballonhelden um viele Grade. Um Mitternacht nahm unsere liebe Sonne ein Fußbad im Meere, d. h. sie tauchte den tiefsten Teil ihrer goldenen Scheibe unter den Horizont und begann — als ob sie sich plötzlich eines besseren besonnen — wieder zu steigen; der neue Tag war angebrochen, und zum letzten Male hatte uns die Mitternachtsstunde das Sonnengestirn gezeigt.
Unser Schiff begann nach Osten zu drehen und erreichte, einem Ausläufer des Polarstromes, dem die Fischerboote oft gefährdenden berüchtigten Malström folgend, den mächtigen Vestfjord, wo es, nun auf der Ostseite der Lofoten, seinen Kurs nordwärts nahm.
Es war ein wunderschöner Morgen, als wir Digermulen, die kleine, auf der Insel Hindö gelegene Dampferstation, vor uns liegen sahen. Felsige Eilande mit sprießendem Grün scheinen die Einfahrt zu wehren; rechts und links steigen senkrechte Felswände mit schneegefüllten Schluchten in die Höhe. Ein originelles Gepräge erhält aber die Landschaft hauptsächlich durch den Digermulkollen, einen zirka 1300 Fuß hohen breit abgerundeten Kegel, an dessen Fuß die paar Häuser der kleinen Station reizend ins Grüne gelagert sind. Nachdem wir unter den Klängen des Preußenmarsches — ich höre ihn stets mit unbehaglicher Empfindung, weil mir die Melodie des „Heil dir im Siegeskranz“ (also auch unsere Nationalmelodie) in unerlaubter Weise darin verwurstet scheint — unser Schiff verankert, wiederholten sich die längst bekannten Szenen des blitzschnellen Klarmachens unserer Barkassen (sie schwammen, bevor der Anker festsaß) und des Gedränges nach diesen Beförderungsmitteln. Das entwickelte sich aber stets in bester Ordnung; oben auf der Schiffstreppe stund ein Schiffsoffizier, und wenn die erlaubte Zahl eingestiegen war, so hieß es Halt, gleichviel ob der Gatte von der Gattin getrennt blieb oder nicht. In einer Minute fuhr ja wieder eine Barkasse.
Die Erinnerung an Digermulen gehört zu den schönsten unserer Reise. Das ganze freundliche Nest besteht aus einigen Häusern der Familie Normann, welche hier einen Kramladen mit allen für die Nordlandbewohner nötigen Waren hält und Fisch- und Thranhandel treibt, sowie aus fünf oder sechs Fischerhütten. Während der große Passagierstrom sich bergaufwärts wälzte, durchstreiften wir die reizende Küstenlandschaft. Auf einer grünen Erhebung, kaum 200 Schritte von der Landungsstelle entfernt, ist ein kleiner Friedhof, in welchem, von Blumen, aber auch von Unkraut bedeckt, die hier verstorbenen Fischer neben einer Familiengruft der Normanns ruhen.
Unser Weg führte uns durch Wiesen und Gebüsch; bald kletterten wir auf felsige Abstürze, welche im Laufe der Jahrhunderte zu wilden Gärten umgewandelt worden, und wo eine reiche Flora uns entzückte; bald hemmte unsere Schritte eine tief ins Land geschnittene kleine Bucht, am Strande übersäet mit Muscheln und Meertieren, lebendigen und toten.
Lerchen stiegen eine nach der andern und schmetterten ihr Morgenlied in die Luft und uns wurde ganz frühlingsmäßig zu Mute.
Etwas landeinwärts arbeiteten einige Männer an einer neuen Straße — der ersten, die nach Digermulen führen wird — und ihre Sprengschüsse fanden in den Bergen ein gewaltig rollendes vielfaches Echo. Mit einer freundlichen alten Frau, welche, ihren Enkel an der Hand, den Männern das „Z’nüni“ zutrug, hatten wir eine längere Unterhaltung, deren Inhalt aber beiden Parteien größtenteils unklar geblieben ist; aber auch hier konnten wir uns freuen über den wohlerzogenen, folgsamen kleinen Norweger, der zuerst ein bißchen scheu sich zur Hälfte hinter den Rockschößen der Großmutter verbarg und dann folgsam uns ein freundliches Lachen und die Hand gab.

Digermulen.
Vom Laufen, Klettern, Blumensammeln, Norwegisch Parlieren und entzücktem Ah-rufen ermüdet, suchten wir eine Ruhestätte. Uns winkte eine nahe Bucht, die in wahrhaft Böcklinschen Farben glänzte; hellgraues, vielfach zerklüftetes und ausgewaschenes Felsgestein, ein zu Stein erstarrtes Spiel der Wellen vortäuschend, begrenzte seitlich den kleinen Sund, dessen wenig tiefes Wasser alle Schattierungen von Blau und Grün zeigte. Wo das Meer die Felsen bespülte, haftete an ihnen, teils direkt, teils durch Vermittlung von festgekalkten Muscheltieren, glänzender Meertang, dessen beblätterte, auf dem Wasser schwimmende Teile die ruhelose Wellenbewegung, hin- und herwiegend, mitmachten. Dazwischen lebte und webte allerlei wunderbares Meergetier, viele Kreaturen, die mir in der Zoologie noch nicht vorgestellt waren. Landwärts lag herrlich glatter, trockener weißer Sand, auf dem wir uns ausstreckten. Ueber den tiefblauen Fjord hinaus, in welchen unser kleiner Sund sich öffnete, fiel der Blick auf die gegenüberliegenden grünbewachsenen Felsengebirge herrlichster Formation, in welchen wir alte Bekannte, namentlich den Pilatus und Titlis, erkannten; noch weiter zurück, aber auch sie dem Auge scheinbar ganz nahe, begrenzten mächtige Gletscher und Firnfelder den Horizont. Eben kam ein schwarzes Wikingerboot mit geblähten Segeln in unser Gesichtsfeld und über ihm kreiste eine Schaar schneeweißer Möven in ruhigem Fluge.
Wo uns immer die Fremde am schönsten erschien, da gedachten wir am heißesten der geliebten Heimat, und so geschah denn auch hier eine leisem Heimweh entspringende impulsive That, über welche allerdings einige vom Berge herab uns musternde Feldstecher nicht klug werden konnten. Im Schweiße unseres Angesichtes trampelten wir ein mächtiges eidgenössisches Kreuz in den weichen sandigen Strand und schmückten es mit frischem Grün. Dann galt es in kühnem Satze, ohne die Umrisse des vaterländischen Zeichens zu verletzen, seinen Mittelpunkt zu erreichen; der Akrobatensprung gelang zwar nicht allen Dreien gleich gut, wurde aber ohne Widerrede als selbstverständliche Notwendigkeit ausgeführt und so stunden wir denn nun, wie einst die drei Eidgenossen, auf dem Rütli, aber mit dem Anachronismus unserer Spitzbergenfahne, und brachten ein lautes, ein sehr lautes Hoch aus auf unser liebes Vaterland, den Inbegriff alles dessen, was uns zu Hause lieb und teuer war, und weil nun doch einmal der Sitte gemäß ein Trunk dazu gehört und der Genuß von Meerwasser für ein patriotisches Fest nicht zu empfehlen ist, wurde die kleine Cognacration, welche ich in der Tasche führte, ohne weitere Rücksicht um drei mal zwei bis fünf Gramm gemindert. Was thut man nicht alles dem Vaterlande zu Liebe! Nun folgte aber ein ergötzliches Nachspiel. Kaum war unser Hoch ertönt, das offenbar für nordische Ohren wie ein Wehgeschrei geklungen hatte, so kamen die benachbarten Straßenarbeiter menschenfreundlich herzugerannt, um die Hülferufenden aus drohender Gefahr zu erretten, und sie schauten sehr verdutzt drein, als sie statt Ertrinkenden eine gar nicht oder wenigstens nur durch ein Minimum von Cognac sehr unbedeutend beschädigte, lachende Gesellschaft vorfanden.
Mein Blick fiel immer und immer wieder auf den mächtigen, wie ein Sturmhut dem grünen Berge aufgesetzten Basaltkegel des Digermulkollen, an welchem eine große Zahl der Auguste-Viktoria-Passagiere wie Ameisen herumkrabbelten. Von oben herab winkte eine norwegische und eine deutsche Flagge, und mit dem Feldstecher erkannte man Scharen von Menschen, welche am Rande des Hochplateaus stehend oder lagernd sich die Welt aus der Vogelperspektive ansahen und photographierten. Der Berggeist lockte und ich folgte ihm, während meine Begleiterinnen in der blumigen Ebene zu bleiben vorzogen.
Querfeldein ging’s über eine morastige Wiese, ohne Weg und Steg, wobei ich manchen Schuh voll herauszog, aber auch eine Pflanze in größter Menge antraf, den (norwegischen) Sonnentau (Drosera), der mit seinen drüsig behaarten, reizbaren Blättern Insekten zu fangen und zu verdauen im Stande ist. Wenn ein kleines Tier eines dieser Blätter berührt, so bleibt es an dem klebrigen Safte der Drüsen hängen. Das Blatt faltet sich rasch zusammen und öffnet sich erst wieder, wenn der Gefangene tot und verdaut ist.
In gerader Luftlinie über Stock und Stein, namentlich über felsiges Geröll kletternd, wobei wilde Weichselkirschbäume mir Halt und Stütze boten, erreichte ich keuchend und schweißdurchnäßt den in sanfter Steigung nach oben führenden Fußpfad und hatte schließlich den Weg bis auf die Spitze in wenig mehr als einer Stunde zurückgelegt. Die letzten 20 Minuten steigt man über runde Felsen, in deren Spalten und verwitterten Plätzen herrliche Ericaceen und zahlreiche alpine Pflanzen blühen. Hier fand ich auch massenhaft die reizende Blüte der norwegischen Cornelskirsche und dann vor allem eine Pflanze, welche für ganz Skandinavien, Finnland und Sibirien als Nahrungsmittel von großer Bedeutung ist — die Multebeere (Rubus chamaemorus), eine Himbeersorte, krautartig, mit einzelstehenden weißen Blüten und prachtvollen, großen roten Früchten, die gekocht und eingemacht sehr gerne gegessen werden, namentlich auch als Präservativ gegen Scorbut. Auf den Menus der Nansenschen Fram spielte die Multebeere eine sehr große Rolle und eine Bowle aus dieser Frucht und etwas Brennspiritus gehörten zu den festlichsten Genüssen der Framleute.

Digermulkollen.
Die Aussicht vom Digermulkollen soll die erhabenste und malerischste des ganzen Nordlandes sein und ist hauptsächlich auch durch den Besuch Kaiser Wilhelms II. anno 1889 weithin bekannt geworden. Zu Füßen liegt der Sund; die „Auguste Viktoria“ — obschon man sie mit der Hand erreichen zu können glaubte — hatte die Größe eines bescheidenen Walfischbootes. Imposant ist der Blick über den ganzen Vestfjord bis ins offene Meer; östlich thronen die Gebirgsstöcke des Festlandes, westlich steigen die schluchtenzerrissenen Massive des herrlichen Rastsundes auf, die reichlich mit Eis und Schnee bedeckten mehrgipfeligen Troldtinder. Das ganze Panorama ist überwältigend schön.
In einer mehrfach im Felsen verankerten Holzhütte, welche schon manchen Sturm ausgehalten hat, aber sicher doch eines Tages weggeblasen sein wird, war Bier, Limonade und Sect zu haben. Als ich ankam, lebten aber nur noch zwei kleine Flaschen Mineralwasser, welche ich gern einer erschöpften Dame überließ.
Um rasch unten und wieder „bei Muttern“ zu sein, wählte ich die Luftlinie am Westabhang des Berges. Das war ein böses Stück Arbeit. Eine halbe Stunde kletterte ich über die aufgetürmten Felsen eines mächtigen Absturzes thalwärts, einige Male an den Händen hängend, ohne mit den Fußspitzen eine tiefere Etage zu erreichen oder auch unter zusammengelehnten Steinblöcken durchkriechend. Mit lottrigen Knien legte ich dann die letzte Etappe bis zur Landungsbrücke zurück, einen wenig steilen, aber holperigen Wiesenweg, und an Bord der „Auguste Viktoria“ war durch ein Bad und neue Gewandung der frühere Mensch bald wieder hergestellt. Immerhin vermied ich während der nächsten drei Tage unnötiges Treppensteigen aufs ängstlichste, und meine Gangart erweckte einiges Mitleid.
Die Hälfte unserer Mitreisenden hatte vormittags auf den Dampfbarkassen und angehängten Schleppbooten eine Fahrt in den prächtigen Raftsund unternommen; die andere Hälfte sollte nachmittags an die Reihe kommen. Eben kehrte die erste Expedition zurück; aber nahe am Ziele ereignete sich eine aufregende Szene. Dicht bei einem bis auf den letzten Platz gefüllten Schleppschiffe tauchte plötzlich ein mächtiger Wal auf, länger als das Boot selbst. Die Insassen hatten keine Zeit, sich über die Situation zu besinnen; aber an Bord der „Auguste Viktoria“ wurde sie von den Schiffsoffizieren mit Herzklopfen beobachtet, und es hieß nachher, daß das gewaltige Tier, einige Meter näher, das Schiff zum Kentern gebracht und ein schreckliches Unglück veranlaßt haben müßte. Noch drei-, viermal sahen wir es auftauchen, spritzen und wieder verschwinden. Unter den von dem Abenteuer Betroffenen herrschte nachher, als ihnen die Augen geöffnet wurden, ungefähr die Stimmung von Gustav Schwabs Reiter über den Bodensee.
Während ich die Meinigen an Bord in allen Winkeln unseres Schiffes suchte, spähten sie immer noch am Lande nach dem Bergbesteiger aus. Schließlich aber einigte uns das, was die ganze Welt zusammenhält — der Hunger. Beim Mittagstische fanden wir uns und erzählten gegenseitig unsere Erlebnisse. Während ich bergkraxelte, waren meine Beiden kreuz und quer umhergestreift und schließlich hatte sie ihr Forschungstrieb in eine am Strand gelegene Fischerhütte geführt, in welcher ein todkranker, ärztlicher Hülfe barer Mann, verpflegt von seiner bekümmerten Frau, zu Bette lag. Der nächste Arzt wohnte zehn Stunden weit entfernt in Svolvaer auf den Lofoten. Ein menschenfreundlicher norwegischer Maler, der in Digermulen sich aufhält, um Studien zu machen, funktionierte als Dolmetscher, und so wurde denn der Fischerfamilie versprochen, den Doktor aus der Schweiz, der jetzt grad oben auf dem Berge sei, herzuschaffen, damit er dem armen Kranken rate. Damit war unser Nachmittagsprogramm festgestellt; wir verzichteten auf den Ausflug nach dem Raftsund und ließen uns nach Tisch wieder an die Küste von Digermulen zurückfahren. Dort stand auch schon der liebenswürdige Maler, Thorolf Holmboe aus Christiania, ein in Norwegen wohlbekannter Künstler, mit seinem flachshaarigen, bildschönen Jungen Erich bereit, uns zu begleiten. Als wir in die Hütte traten, war ich erstaunt über die Reinlichkeit und häusliche Behaglichkeit, mit welcher die bescheidenen Räume ausgestattet erschienen. In einer freundlich mit Epheu, Fuchsien und Rosen geschmückten, ganz einfach, aber sauber möblierten Stube stand das Bett des Kranken. Neben ihm an der Wand hingen zwei Bilder, das Porträt von König Oskar in Galauniform und das Pendant — Wilhelm Tell, wie er das Schiff Geßlers in die wilden Wellen des Vierwaldstättersees zurückstößt.
Am Kopfende des Bettes war ein sorgfältig eingerahmter Bibelspruch in norwegischer Sprache: „Rufe mich an in der Not und ich will dich erretten und du sollst mich preisen!“ Der, dem das Wort galt, lag fahlgelb, abgemagert und hustend auf seinem Schmerzenslager, ein zirka 60 Jahre alter Mann, zeitlebens gesund, aber seit vier Monaten siechend. Leider handelte es sich, wie mich näheres Zusehen lehrte, um eine unheilbare bösartige Lebergeschwulst, welche in dem benachbarten Brustfellraum bereits eine frische Entzündung zu setzen begonnen hatte. Als ich mit der Untersuchung zu Ende war, brachte die schlichte Fischersfrau ohne weiteres ein sauberes Zinngeschirr mit Wasser, Handtuch und Seife und ich dachte im Stillen, daß hie und da sozial viel höher gestellte Leute hier etwas lernen könnten. Dem gepeinigten Kranken, der bei vollständiger Appetitlosigkeit entsetzlichen Durst litt und nichts hatte, um ihn zu stillen, mußte vor allem für saftige Früchte und ein Mittel gegen seinen qualvollen Husten gesorgt werden. Zu kaufen war das alles nirgends, wohl aber zu erbitten. Ich eilte zurück aufs Schiff und fand da Gelegenheit, den gutherzigen Sinn unseres Kapitäns kennen zu lernen. Obschon er, umgeben von einer vornehmen Herren- und Damengesellschaft, in seiner Kajüte behaglich beim schwarzen Kaffee saß, ließ er sich doch, ohne ungehalten zu sein, von mir stören und erfüllte meinen Wunsch nach ein paar Orangen für den armen Lazarus und den nötigen Medikamenten aus der Schiffsapotheke in weitestgehender Weise. Ein Druck auf den elektrischen Knopf und der uns von früher her bekannte „Harpagon“ kam angesaust. Der Kapitän übermittelte ihm ein kleines, hastig geschriebenes Billet, und eine Viertelstunde später flog ich mit einem mächtigen Korbe voll Ananas, Apfelsinen, frischen Kirschen und anderen Herrlichkeiten freudestrahlend der Schiffstreppe zu. Auch die Schiffsapotheke hatte ich unterdessen, da der Arzt nicht zu finden war, auf eigene Rechnung und Gefahr durchstöbert und schließlich glücklich etwas gefunden und in einer Quantität mitgenommen, daß es dem Kranken wohl für zwei Monate als Hustenlinderungsmittel dienen konnte. Was machte der für ein zufriedenes Gesicht, als ich ihm ein Stück saftige Ananas auf die Zunge legte! Es war ihm, „als sei er schon halb gesund“, ließ er durch den Dolmetscher sagen, und seine Frau mußte durchaus auch ein bißchen probieren. Und erst die Orangen und Kirschen! Die guten Leute wußten des Dankes kein Ende, und schließlich nahm die Frau den Stolz des Hauses, ein eingerahmtes Bild von Digermulen, ab der Wand und bat so dringlich, es als Geschenk anzunehmen, daß ich mich dieser unbequemen Freundlichkeit nicht entziehen konnte. Das Bild ist denn auch, so lästig es zu verpacken war, getreulich mit nach Frauenfeld genommen worden. Als wir die Fischerhütte verließen, war uns zu Mute, als seien wir in einer Kirche gewesen, und nach herzlichem Abschied von dem uns begleitenden Maler und seiner Familie streiften wir seelenvergnügt noch ein Stündchen über Klippen und Strandwiesen.
Ein kleines Plaisir bereitete uns ein Schimmel, der auch jetzt noch, wie heute früh, in derselben unbeweglichen Haltung, den Kopf halb zu Boden gesenkt, in einer sumpfigen Mulde stund und zwei beleibte Herren von der „Auguste Viktoria“, welche sich krümmten vor unbändigem Lachen über das eigentümliche Gebahren des Tieres. „Es hat die Schwermut oder ist gar bloß ausgestopft“, lautete die Diagnose. Das letztere stimmte nicht, sondern der Gaul trug am Hinterfuß eine in den Boden gerammte Fessel und schlief, gesenkten Hauptes und stehenden Fußes. Als ich ihm den Hals klopfte und einige Schiffszucker offerierte, geruhte er sie, leise schwanzend, zu kauen, versank aber sofort wieder in kopfhängerisches Brüten. Der „schwermütige Schimmel“ gehört für uns zum Landschaftsbilde von Digermulen; deshalb habe ich ihn hier festgenagelt. — Abends 7 Uhr war alles wieder an Bord.
„Ja, vi elsker dette landet“ (ja, wir lieben dieses Land) ertönte es aus dem ehernen Munde unserer Schiffskapelle, und die Klänge dieser norwegischen Nationalhymne waren uns schon so vertraut, daß wir sie laut und sogar bewegten Herzens mitsangen.
Unterdessen drehte unser Koloß und begann südwärts zu fahren. Mit Winken und Rufen verabschiedete man sich von dem heimeligen und schönen Fleck Erde. Da tauchte ein kleiner, über und über mit Menschen besetzter Passagierdampfer auf, der von den Lofoten hergefahren kam, um der „Auguste Viktoria“ zu begegnen. Das war ein Grüßen und Tücherwehen und fast berührte das Steuerbord des nordischen Schiffes den Meeresspiegel, als alles nach jener Seite hinüberdrängte, um uns zu sehen. Sogar eine Musik hatten sie auf Deck, und so wurde denn hinüber und herüber konzertiert. Etwa zehn Minuten lang blieb der tapfere Knirps unter Volldampf auf gleicher Höhe mit unserm dahineilenden stolzen Schiffe; dann aber mußte er, über und über mit Wogen bespritzt, zurückbleiben, und bald hatten wir ihn aus dem Auge verloren.
Nicht geringes Aufsehen erregte an diesem Abend folgender Anschlag des Kapitäns am „schwarzen Brette“:
„Kaisertelegramm: Hohenzollern befindet sich am 19. nachmittags in Aalesund. Seine Majestät würden sich freuen, wenn ausgehend dort kurzer Aufenthalt genommen wird. Passagieren ist Besichtigung des Schiffes gestattet.
Kommando Hohenzollern.
Demgemäß wird die „Auguste Viktoria“ am 19. Juli zwischen 4 und 7 Uhr abends in Aalesund stehen.
Kämpff, Kommandant der A. V.“
Diese Nachricht gab nun den Gesprächen und Gedanken der Menschheit auf der „Auguste Viktoria“ — vom Schiffsjungen bis zum Fürsten — längere Zeit eine ganz bestimmte Richtung, und wo immer ihrer einige beisammen stunden, wurde der Besuch bei Kaiser Wilhelm verhandelt und die wichtige Toilettenfrage einläßlich besprochen, so daß die Pracht der nördlichen Lofoten, welche wir bei Beginn unserer Rückfahrt passierten, für viele vollständig verloren gegangen sein mag.

XIII.
Maschinen- und Vorratsräume der „Auguste Viktoria“. — Die Welt — ein Dorf. — Maraak. — Vorbereitung für den Kaiserbesuch. — Ankunft in Aalesund bei „S. M. Y. Hohenzollern“. — Der Kaiser an Bord. — Besuch der „Hohenzollern“.
Das ist eine merkwürdige Welt, diese langgestreckte, wildzackige Lofotenkette; bei Abend- und Mitternachtsbeleuchtung bot sie uns die herrlichsten Landschaftsbilder. In Flammen strahlend zeichneten sich die Umrisse der Berge außerordentlich scharf am Horizont ab, und Meer wie Land erschienen in märchenhafter Farbenpracht.
Lange Zeit stritten wir uns und waren im Unklaren, ob eine nach Mitternacht fern im Osten sichtbare ungeheure weiße Fläche, die nur von einzelnen schwarzen Gipfeln überragt auf den Gebirgszügen lagerte, ein Nebelmeer sei oder aber ein Schneefeld. Nach und nach aber konnte kein Zweifel mehr herrschen; wir sahen den grandiosen Firn des Svartisen; er bedeckt gegen 60 Kilometer lang und 16 Kilometer breit eine durchschnittlich 1200 Meter hohe Fläche, aus der vereinzelte Höhen aufragen, während nach allen Seiten mächtige Gletscher zu den Fjorden absteigen. Stundenlang beherrschte die gespensterhaft weiße, erhabene Riesenfläche das Landschaftsbild; sie wird in ihrem südlichen Teil vom Polarkreis geschnitten. (Mein Nachbar auf Deck stellte sich auf die Fußspitzen, um das besser zu sehen.)
Den folgenden Tag, 18. Juli, brachten wir auf offenem Meere zu und hatten Zeit und Gelegenheit, allerlei Interessantes von den Eingeweiden unseres Schiffes zu betrachten. Unter der Führung eines Maschinisten war es gestattet, in die Maschinenräumlichkeiten hinabzusteigen. Wie das alles glänzte und glitzerte und ruhelos arbeitete in diesen taghell elektrisch beleuchteten eisernen Kammern! Und weiter unten, wo der Heizer, halbnackt und schweißtriefend Kohlenberge ins Feuer warf, glaubte man in eine Hölle zu schauen.
In ganz kleiner Gesellschaft, nur fünf Köpfe stark, besuchten wir auch die Vorratsspeicher, welche rückwärts am Schiff, in der Nähe der Schrauben, tief unter dem Hauptdeck unterhalb der Wasserlinie gelegen sind. Eine Tag und Nacht funktionierende Dampfmaschine — wie oft hatte ich sie und ihre Kollegin, die elektrische Lichterzeugerin, zum Kuckuck gewünscht, wenn ich Nachts zu schlafen versuchte! — besorgt die Abkühlung der Provianträume unter den Nullpunkt und alles, was an Fleisch da hing und lag, Dutzende von halben Rindern, Kälbern, Schafen und Schweinen, Tausende von gerupften und ausgeweideten Kapaunen und Truthähnen, zirka 50,000 Pfund, war steinhart gefroren. Das für einen Tag notwendige Quantum wurde je 24 Stunden vor der Verarbeitung in der Küche aus der Gefrierkammer in einen Vorraum gelegt, um dort langsam aufzutauen. Andere Abteilungen dieses unterseeischen Schiffsquartiers enthielten erstaunliche Mengen von Konserven und Früchten aller Art, worunter namentlich riesige Ananas und Hunderte von aufgehängten, schwer mit Früchten beladenen Bananenstauden auffielen; Vorräte von Butter, Käse, Eier, Milch, letztere teils als kondensierte, hauptsächlich aber als einfach sterilisierte Mecklenburger Milch in Büchsen von 6 Litern zugeschmolzen. Ich erfuhr erst hier, daß unsere schweizerische Milchexportindustrie im Lande Fritz Reuters eine so leistungsfähige Rivalin hat. Von dem Blick in die Bierlager und in die Flaschenkeller, wo die vielen Tausende von Wein- und Champagnerflaschen wohlgeordnet, jede in besonderm kleinem Holzlager, ruhen, will ich lieber gar nicht weiter erzählen.
In jeder Ecke dieses aus Speis und Trank zusammengesetzten Labyrinths zündet bei Bedarf ein elektrisches Glühlicht und über jedes nach oben abgelieferte Gramm wird exakt Buch geführt. Was nun von den für einen Tag bestimmten und an Koch, Bäcker und Konditor übermittelten Konsumartikeln innerhalb dieses Tages nicht verzehrt wurde, wandert ins Meer. Alltäglich, nachdem Passagiere und Schiffsangestellte sich satt gegessen, bleiben große Quantitäten von „Gesottenem und Gebratenem“ übrig, und es besteht strenge Vorschrift, daß nichts davon weitere Verwendung für die Schiffstafel finden darf. Jeden Morgen wurden unglaubliche Quantitäten von Fleisch und Brot, oft Hunderte der appetitlichsten Kleinbrotartikel in die salzige Flut geschmissen, und der Zahlmeister behauptete, daß mit diesem Fischfutter dreißig Familien reichlich ernährt werden könnten. Wo immer wir vor Anker lagen, da kreisten beständig einige armselige Boote um unser Schiff und suchten „die Brosamen vom Tische der Reichen“ aufzufischen.
Der Zweck der verschwenderischen Vorschrift ist zwar klar: die Gesellschaft will ihren Passagieren die Garantie für ausschließlich frische und prima Nahrung bieten; aber es erscheint uns eben doch als protziges Unrecht, daß man sich nicht die Mühe nimmt, diese wertvollen Ueberbleibsel zu sammeln, zu konservieren und nachher an Unbemittelte zu verschenken.
Mit jedem Tage kam sich die Reisegesellschaft etwas näher; Menschen, die ursprünglich sich als wildfremd angeglotzt, fanden plötzlich gemeinschaftliche Anknüpfungspunkte, und gegen das Ende der Fahrt gab’s überhaupt kaum mehr absolute Fremdlinge. „Die Welt ist ein Dorf“ hörte man zu wiederholten malen ausrufen, wenn zwei bis dahin Unbekannte sich plötzlich als gemeinschaftliche Freunde oder gar Vettern eines Dritten entpuppten. In einer feinen ältern Dame entdeckte ich durch Zufall die Witwe eines mir sehr lieben Herrn, mit dem ich s. Z. in Engelberg köstliche Stunden verlebt habe und der — nun seit langem tot — dort als Papa G. in bester Erinnerung geblieben ist. Was freute sich die, am Polarkreis von ihrem verstorbenen Gatten allerlei Heimeliges erzählen zu hören; es war für sie wie eine kleine Auferstehung, und als ich den freundlichen Graubart in einigen kleinen, ihr vielleicht entschwundenen äußerlichen Zügen schilderte, z. B. wie er seine Havannah nie abzuschneiden, sondern durch einen kräftigen Biß zugfähig zu machen gewohnt war, da übernahm sie die Rührung und wir mußten das Thema abbrechen.
Der weibliche Teil der Passagiere erfreute sich seitens der Hapag bei verschiedenen Anlässen besonderer Aufmerksamkeiten. Schon am ersten Tage auf hoher See hatte jede Dame eine elegante weiße Schiffsmütze, die in Golddruck den Namen „Auguste Viktoria“ trug, als Geschenk erhalten; nachher kamen bei Bevorzugten Hapag-Brochen und andere Schmucksachen an die Reihe. Der blasse Neid der Männerwelt konnte an der Sache nichts ändern. Aber als heute beim Diner neben jedem weiblichen Couvert eine reizende gefüllte Silber-Bonbonniere mit eingravierter Dedikation lag und wir armen Männer wieder leer ausgingen, da drohte — an unserm Tisch wenigstens — heller Aufruhr, und der Brust entrann der Schmerzensschrei: „Ach, wäre ich doch als Jungfrau geboren!“
Das hat vielleicht jener amerikanische Ehe- und Ehrenmann auch geseufzt, der am nämlichen Abend auf Deck und coram publico sich geduldig von seiner rabiaten Gattin beohrfeigen lassen mußte.
Nächstes Ziel unserer Fahrt war Maraak (auch Marok oder Merok genannt); der Weg dorthin ist reich an landschaftlichen Schönheiten, die sich steigern, je weiter man in den zuführenden Fjorden vordringt. Durch den Slyngs- und Sunelvsfjord erreicht man den weltberühmten Geirangerfjord mit seinen schroffen Felsgebirgen und den zahlreichen und wunderbar geformten Wasserfällen. Namentlich schön und merkwürdig ist der Fall der „sieben Schwestern“; sie stürzen ganz oben als sieben, weiter unten nur noch als vier milchweiße Bäche über eine senkrechte Felswand herab, die sich auch im Wasser noch senkrecht weiter fortsetzt, so daß das Schiff ganz dicht an die Fälle heranfahren kann.
Die Felsen der andern Seite zeigen seltsame Profile; bald glaubt man eine Kanzel zu sehen, bald eine Ritterburg oder auch ein menschliches Antlitz, und ein langgezogenes zerklüftetes Massiv sieht genau so aus wie ein schartiges Rasiermesser unter dem Mikroskop. Immer enger treten die Berge zusammen; immer mächtiger und vielgestaltiger werden die zu Thal stürzenden Wassermassen. Ab und zu belebt ein malerischer Segler den sonst menschenleeren Sund.
Unser Naturgenuß wurde erhöht durch ein ganz besonders ausgezeichnetes Konzertprogramm, das die flotte und unermüdliche Schiffskapelle abwickelte. Die Tannhäuser-Ouvertüre spielte sie mit einer Bravour, die mich zu einem Bon für 50 Glas Münchner begeisterte. Das hatten die braven Musikanten wohl verdient.
Plötzlich wird der Fjord abgeschlossen durch einen Bergkessel von unbeschreiblicher Großartigkeit; aus einer Höhe von fast 2000 Meter glänzt ein schneebedeckter Gletscher; alle Reize der Fjordlandschaft vereinigen sich zu einem prächtigen Bilde; wir liegen vor Maraak.
Der kleine freundliche Ort besteht aus einfachen Häusern, die sich an den Fjord schmiegen; auf der Höhe steht eine weithin grüßende Holzkirche. Hinter Maraak steigt es steil empor zum Geiranger Bergkessel, durch welchen an einer Ueberfülle von Wasserfällen vorbei die großartigste Bergstraße Norwegens landeinwärts führt. Einige Hotels, von welchen das höchstgelegene zirka 300 Meter direkt über der Kirchturmspitze vom Meere aus zu sehen ist, signalisieren die Fremdenstation. Es sind wieder fast ausschließlich Engländer, welche sich diesen Platz zu längerm Aufenthalte wählen.

Maraak.
Wir fuhren in aller Morgenfrühe ans Land, wo zahlreiche Karren für die Alten und Faulen bereitstunden. Da wir aber zu keinen von beiden gehören wollten, fußten wir stolz daran vorbei und rekognoszierten auf heimeligen Wiesenpfaden Land und Leute. Ein herrlicher Heuduft ersetzte in angenehmer Weise das Fisch- und Thranaroma, das uns vom Norden her noch in der Nase lag. Unser erster Gang galt der freundlichen, auf einem Hügel gelegenen Holzkirche. Sie ist von einem kleinen Friedhofe umgeben, über dessen Steinmauern wir zuerst klettern mußten, um ins Innere zu gelangen. Von dieser Stätte des Todes fällt der Blick auf eine prächtige, lebenswarme, sonnige Welt. Die Kirche selbst ist ein schlichter, achteckiger Holzbau, lose auf schlecht gemauerte Pfeiler gestellt und mit Holzläden versehen. Der malerische Turm ist der Mitte aufgesetzt, wie bei dem bekannten Kinderspielzeug. Der Straße bergan folgend, die sich bis weit hinauf durch Staubwolken kennzeichnete, erreichten wir nach zirka 15 Minuten das vom Hafen aus unsichtbare Hotel Union; auf einer Seite desselben stürzt der wasserreiche Storfos, als weißer Gischt, brausend über eine Felswand; auf der andern Seite gleiten die Gewässer des Geirangerbergthales in klarem Strome zu Thal, und vereint eilen beide dem Fjorde zu. Eine üppige grüne Vegetation — auch stattlicher Baumwuchs, Birken, Erlen, Eschen — bedeckt den ganzen Bergabhang, und bis weit hinauf sind Hütten sichtbar und weidende Herden, denen auch die Glocken nicht fehlen. Zu den Füßen liegt der enge, scheinbar rings abgeschlossene Bergsee und hoch in die Lüfte ragen gewaltige Gebirgsstöcke und Schneefelder. Das Hotel, aus Holz im Chaletstil erbaut, sah recht einladend aus; an den Veranden blühten Gaisblatt, Kapuziner und wilder Hopfen.
Je nach Wanderlust und verfügbarer Kraft wurde die Straße mehr oder weniger nach oben fortgesetzt; viele ließen sich zum obern Hotel (H. Udsigten = Bellevue) hinaufführen, wo der Blick auf die eisige Gebirgswelt landeinwärts und im Gegensatz zu der wilden Fjordlandschaft zu Füßen ein großartiger gewesen sein muß. Einen weiß ich — ein gelehrtes Haus — der einsam noch weiterstrebte und in adamischem Kostüm sich unter den Wasserschleier des schönsten Staubbaches stellte. Das sei ein nicht zu beschreibendes Vergnügen und eine herrliche Erquickung gewesen, rühmte er, als er halb tot, im Schweiß gebadet und mit Straßenstaub gepudert, als einer der letzten an Bord zurückkehrte.