Daheim. (continued 2)
Reading edition
Um 12 Uhr mittags, als eben ein kleiner, sich vor Neugierde ganz auf unsere Seite neigender Touristendampfer einfuhr, verließen wir Maraak und kehrten auf demselben Wege zurück, die Schönheiten des Fjords nochmals und in ganz anderer Beleuchtung genießend.
Den Jörundfjord, der noch auf unserem Programm gestanden hatte, ließen wir links liegen, um rechtzeitig bei Kaiser Wilhelm anzukommen. Wir nannten ihn übrigens nicht mehr Jörund- sondern Böhringer-Fjord, weil ein Mitpassagier den Namen fälschlich so verstanden hatte; motiviert wurde die Benennung durch uns mit der interessanten historischen Notiz, daß der Großvater von Professor B. ihn vor genau 47 Jahren entdeckt habe. Der Schiffsunsinn gedeiht unter allen Breitegraden.
An Bord herrschte während dieser Fahrt reges Leben. Ueberall wurde gefegt und geputzt; die Böden sahen ganz jungfräulich aus und die Metallbeschläge glänzten wie Spiegel. Inspizierende Schiffsoffiziere durchwanderten alle Räume und der Verkehrston mit den Untergebenen war heute ein auffallend strammer und militärischer. Ich saß allein in dem Rauchsalon und schrieb an die „Thurgauer Zeitung“, als der erste Offizier eintrat, jeden Winkel musterte und schließlich, als er am Plafond ein bescheidenes Spinnengewebchen entdeckte, den verantwortlichen Steward folgendermaßen apostrophierte: „Sie, Steward! Machen Sie den Dreck ’runter! Glauben Sie, die Decke gehört nicht zum Rauchzimmer? Wenn unser Kaiser kommt und sieht den Mist, so sagt er: No was sind denn das für Schweinekerls, diese Rauchstewards!“
Scheinbar zerknirscht machte sich der gescheitelte Jüngling an die Reinigungsarbeit; aber das Selbstgespräch, dessen Zeuge ich war, nachdem der gestrenge Inspektor das Lokal verlassen, enthielt Worte und Satzwendungen, die ich bisher aus der deutschen Litteratur nicht gekannt hatte.
Alles, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen, prangte im glänzenden Sonntagsgewande; die hundert Stewards sahen geradezu imposant aus. Aber auch die Passagiere blieben nicht zurück und hingen ihr Bestes und Schönstes um. Gerne hätte ich mit meinem bohnengrünen Polarmantel geprunkt; da dies aber aus koloristischen und klimatischen Gründen nicht anging, mußte ich mich auf mein gewöhnliches Habit beschränken, ehrte den hohen Gast aber durch den Luxus einer neuen, blendend weißen Kravatte, und doch nahm er nachher nicht einmal Notiz davon.
Es war nachmittags 3¼ Uhr, als man sich Aalesund näherte. Was Beine hatte, stund auf Deck, die Stewards in langen Reihen auf den Blahen der Rettungsboote. Unsere Kapelle hielt sich spielbereit; die ganze Welt zeigte die größte Spannung; nur einige junge Amerikanerinnen beschäftigten sich mit ihren Stickrahmen. Hunderte von bunten Wimpeln flatterten lustig als festliche Dekoration auf unserm Schiff, das sich in langsamem, würdevollem Tempo dem Bestimmungsorte näherte. Jetzt erscheint die weite Bucht von Aalesund, von auf grünem Teppich aufgebauten Gebirgen umschlossen. Im Hintergrunde liegen blaue, mit Schnee gekrönte Berge. Die aufblühende Stadt zählt bereits 9000 Einwohner und ist ein Hauptstapel- und Handelsplatz. Zahlreiche Segler und Dampfer bevölkern den Hafen. Aber aller Augen sind auf seinen Mittelpunkt gerichtet, wo die stolze „Hohenzollern“ vor Anker liegt, in ihrer Nähe das begleitende Kriegsschiff „Hela“ und ein schwarzes Torpedoboot. Eine gewisse nervöse Hast war in diesem Moment auf unserer „Auguste Viktoria“ für einen nüchternen Beobachter nicht zu verkennen, und sie stieg im Quadrat der Annäherung an das Kaiserschiff. Sogar der wackere Kapellmeister zeigte sich davon ergriffen und gab mehrfach Ordre und Contreordre, und die Musikanten hatten Mühe, bei der scharfen Brise, die wehte, die hastig geänderten Programmnummern rechtzeitig aufzulegen. Im Zufahren stieg erst der Präsentiermarsch, dann der Wachparademarsch und endlich nahe am Ziele der Hoch-Kaiser-Wilhelm-Marsch. Jetzt sind deutlich die einzelnen Persönlichkeiten zu erkennen; der Kaiser steht in grauem Civilanzug auf der Kommandobrücke und grüßt anhaltend mit seiner dunkeln Tellermütze, was unsrerseits mit Hurrahrufen und Hüteschwenken erwidert wird. Während die Musik den Preußenmarsch spielt, dreht unser Schiff und bewegt sich — eine mächtige, weiße Gischtstraße bildend — in großem Kreise um die „Hohenzollern“. Unter den Klängen des Hohen-Friedberger-Marsches fällt endlich der Anker, und wir harren der Dinge, der kaiserlichen, die da kommen sollen.
Kaum lag unser Schiff ruhig, so kam auch schon eine elegante Barkasse von der „Hohenzollern“ hergedampft, um die Passagiere auf die kaiserliche Yacht hinüberführen zu helfen, und in Gruppen von 30 bis 40 begann nun die Wanderung zwischen den beiden stolzen Dampfern, wobei abwechslungsweise von der 40 Köpfe starken trefflichen Kapelle an Bord der „Hohenzollern“ und von der unsrigen gespielt wurde. Vorsichtigerweise pressierten wir drei nicht mit der Ueberfahrt; der Kaiser sollte ja der „Auguste Viktoria“ einen Besuch abstatten, und die Gelegenheit, ihn aus unmittelbarer Nähe und nachhaltig zu beobachten, wollten wir uns doch nicht entgehen lassen. Und richtig — dort kam er ja; ein schlankes, von zweimal vier Ruderern in blauem Matrosenkostüm pfeilschnell durch die Wogen gejagtes Boot trug vorne die kaiserliche Standarte, und hinten am Steuer saß und lenkte das eilende Fahrzeug Kaiser Wilhelm II.
Das war ein Rennen und ein Jagen auf unserm Schiff. Atemlos kamen die Amateurphotographen mit ihren Apparaten hergeeilt und postierten sich, um das gekrönte Oberhaupt des deutschen Reiches im Momente, da es an Bord trat, möglichst günstig zu erwischen. „Haben Sie ihn?“ hieß es kreuz und quer; „und von welcher Seite?“ Haarscharf schnitt das kaiserliche Boot unsere Schiffstreppe; in derselben Sekunde hielt es an; in der nächsten sprang der hohe Steuermann gewandt und sicher auf den ersten Tritt, wo er vom Kapitän und einem Vertreter der Schiffsgesellschaft bewillkommt wurde. Dann gings unter Hurrah und gegenseitiger Begrüßung die Treppe hinauf auf Deck, wo sich der Kaiser, geführt vom Kapitän, alles, aber auch alles ansah und durch vielerlei Fragen sein Interesse an dem stolzen Schiffe bekundete. Auffälliger Weise schritt der Kapitän stets zu seiner Rechten, und ich wurde nicht klug, ob dies aus Versehen oder aber einem Wunsche des Kaisers zufolge geschah, der ja bekanntlich links durch eine Lähmung und auffällige Verkürzung des Oberarmes verstümmelt ist und auch, wie die Fama weiß, am linken Gehörorgan krank sein soll. Im Rauch- und Konversationssalon war ich ganz allein, als die beiden Herren eintraten; besondere Freude zeigte der Kaiser an den Wandmalereien des ersteren, welches mit künstlerischem Humor die verschiedenen Rauchertypen, vom Lotsen bis zur Studentin, darstellen.
Nachdem uns auf diese Weise die vielgerühmte und vielgehaßte, aber sicher geniale und wohlwollende Verkörperung des deutschen Reiches menschlich näher getreten war und uns ganz sympathisch berührt hatte, machten auch wir uns daran, seinen schwimmenden Palast kennen zu lernen. So was behaglich Schönes, einfach Vornehmes hatten wir noch nie gesehen. Bekanntlich hat die „Hohenzollern“, die ja verschiedene Male kleiner ist als die „Auguste Viktoria“, 27 Millionen Mark gekostet, die Vergoldung des Kieladlers allein 80,000 Mark, und doch ist das Innere nicht so prunkvoll und überladen wie bei den großen Hamburger Personen-Dampfern. Aber jeder Planke und jeder Niete sieht man die hervorragende Qualität an, und es giebt nichts an dieser kaiserlichen Yacht, das nicht das Attribut absoluter Vollkommenheit verdiente. Eine breite, mit Teppichen belegte Treppe führt in bequemen Stufen zu dem Verdeck, das in seiner ganzen Ausdehnung mit Linoleum bedeckt ist und weite Spaziergänge erlaubt. Auf Vorderdeck war in Galauniform die 40 Mann starke vortreffliche Kapelle postiert, welche die Gäste auf Befehl des gastfreundlichen Kaisers zu begrüßen hatte. Jedenfalls nicht in seinem Sinne und seiner nobeln Denkweise handelten ein paar vollgegessene, abgelebte Byzantiner, welche, über die Brüstung gelehnt, mit den fadesten Berliner Witzen und unter knabenhaftem Gelächter sich über die Ankömmlinge „minorum gentium“ lustig machten. Nachdem ich sie mit einem feindeidgenössischen Blicke vernichtet, freilich ohne durchschlagenden Erfolg, durchwanderten wir, in Gruppen von 30 bis 40 geführt, die herrlichen Räume des Schiffes. Besonders schön ist der große Speisesaal, der reich mit Blumen geschmückt war (der Kaiser führt stets einen Gärtner mit an Bord). An der Stirnseite prangt in großer Ausstattung das alte Familienwappen mit der Inschrift: „Hie guet Zollere alleweg!“ Stilvolle künstlerische Wanddekorationen erfreuten das Auge, z. B. geist- und humorvoll ausgestattete eingerahmte Menus zur Erinnerung an besonders ereignisreiche Tage früherer Fahrten.
Im Rauchzimmer möchte man sich am liebsten gleich hinsetzen, die langen Beine ausstrecken und eine Havannah veraschen; auch dort ist wie in sämtlichen Räumen alles Große und Kleine auf die See abgestimmt; sogar die reizenden wandständigen Aschenbecher sind silberne Schiffsteile en miniature, und die Asche wird an kleinen niedlichen Schiffsschrauben abgestreift. Auch in das Arbeitszimmer des Kaisers wurden wir geführt; dort sahen wir eben zu, wie eine Amerikanerin von dem goldgeränderten kaiserlichen Briefpapier einen Bogen in ihre Tasche wandern ließ. In einem danebenliegenden Salon hört der Fürst täglich die Vorträge der mitreisenden Minister. Auch auf Deck hat er einen äußerst behaglich ausgestatteten Privatraum, der mit wissenschaftlicher Schiffslitteratur und allen möglichen Instrumenten vollgepfropft ist. Auf dem Tische lagen ausschließlich französische Zeitungen und Werke.
In die Schlafräume gelangten wir nicht; dagegen konnten wir von der Schiffstreppe aus in einige größere Kabinen einen Blick werfen und uns überzeugen, daß auch dort ganz ungewöhnlich große Dimensionen vorhanden sind mit behaglich schöner, nicht überladener Ausstattung. Licht und Luft tritt nicht wie bei den Kammern der Passagierdampfer durch runde Lucken, sog. Ochsenaugen, ein, sondern durch größere, mit in Messing gefaßtem Glas verschließbare viereckige Fenster.
Wunderbar sind die Apparate für den elektrischen Signaldienst und die Maschinen. Was der menschliche Geist je ersann, um eine Meerfahrt sicher und genußreich zu gestalten, das hat die deutsche Schiffsbaukunst sich für die Yacht ihres Kaisers zu nutze gemacht.
Entzückt von dem Geschauten kehrte nach und nach alles wieder zur „Auguste Viktoria“ zurück, die uns im Vergleich zur „Hohenzollern“, der wahrhaft Vornehmen, zuerst wie eine pompös ausgestattete Straßenriesendame vorkommen wollte. Die letzten, die an Bord stiegen — von den kaiserlichen Ruderern hergebracht — waren Graf v. Metternich, Herr Wanamaker und ein Hapag-Vertreter, Konsul Weber aus Hamburg, welche der Kaiser zu sich zum Thee geladen hatte.
Eben fuhr die glänzende Yacht des amerikanischen Krösus Gould an uns vorüber; die soll im Innern so raffiniert ausgestattet sein, daß der deutsche Kaiser, der sie besuchte, das Wort sprach: „So was habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen.“
Um 7 Uhr abends fuhren wir weg von Aalesund. Nochmals umkreisten wir zum Abschied die „Hohenzollern“; unsere Kapelle spielte das „Heil dir im Siegeskranz“; der Kaiser winkte vom Verdeck her, unser Kapitän salutierte, die Wimpel wurden grüßend aufgezogen; alle Welt rief Hurrah und schwenkte Hüte und Tücher, und wieder ging’s hinaus gegen die hohe See.
Nach einer halben Stunde sahen wir weit zurückliegend den Aalesund, mitten drin in der blauen Fläche einen grauen Punkt — die märchenhafte „Hohenzollern“.
Abends an der Tafel bildete natürlich das zuletzt Erlebte den Mittelpunkt des Gespräches, und als Kommerzienrat Schubart aus Berlin sich erhob und ein Hoch auf den gastfreundlichen deutschen Kaiser ausbrachte, erfüllten auch wir Nichtdeutsche gern und aus innerm Antrieb diese Pflicht der Dankbarkeit und beteiligten uns, wenn auch mit den anderen, unserem Herzen geläufigeren Worten, beim gemeinschaftlichen Gesange der Nationalhymne.
Aber noch ein anderes freundliches Ereignis beschäftigte die Gemüter; der kleine Schalk Amor hatte, wie — dicitur — auf jeder Nordlandsfahrt, einige Herzen verwundet und zusammengeführt. Dort am Ecktische unseres Saales sitzt das glückliche Paar, und eben erhebt sich der Tischpräses, um ganz en famille eine kleine Verlobungsrede zu halten, was in dem Lärm des Speisesaales, wie er dachte, ohne weiteres Aufsehen möglich sein sollte. Aber kaum hatte er sich erhoben, so schwieg der Konversationssturm, als ob ein Engel durch den Raum schritte; erschrocken drehte der werdende Orator sich um und setzte sich sprachlos und verblüfft, die Rede im Halse, wieder auf seinen Stuhl — eine kurze Scene voll unbeschreiblicher Komik, die ein schallendes Chorgelächter hervorrief. Die Verlobung ging aber eineweg ihren Gang.

XIV.
Durch den Sognefjord. — Genrebilder im Naeröfjord. — Gudwangen. — Naerödal und Stahlheim. — Hungersnot. — Oell und Musöst. — Sprachverwirrung.
Erst am Ende des Tages, nachdem die Erlebnisse mit der „Hohenzollern“ längst vorbei waren, erfuhren wir, daß der Kaiser kurze Zeit vor unserer Ankunft das Telegramm erhalten hatte, welches ihm die — wie es darin hieß — nicht unbedeutende Verletzung der in Berchtesgaden weilenden Kaiserin meldete. Er soll sehr konsterniert gewesen sein, und daß er trotzdem das Tagesprogramm nicht änderte, sondern die Passagiere der „Auguste Viktoria“ doch empfing, wurde ihm von denselben doppelt hoch angerechnet.
Ohne ein Opfer unsererseits, d. h. von Seiten der Hapag, ging übrigens diese kaiserliche Einladung nicht ab. Der zweistündige Aufenthalt vor Anker bei Aalesund kostete unser Schiff die Kleinigkeit von 560 Kronen (zirka 800 Franken) Hafengeld.
Es schien in der Nacht stürmisch und regnerisch werden zu wollen und die Vorsichtigen legten sich rechtzeitig zu Bette, um auf alles gefaßt zu sein. Aber die Witterung blieb günstig; kaum spürte man die offene See, und morgens beim Aufwachen glitt unser Schiff längst wieder über die glatte Fläche eines Fjords. Es war der Sognefjord, durch den wir fuhren; 200 Kilometer weit schneidet er ins Land ein bei einer Wassertiefe von 1200 Meter und einer Breite von durchschnittlich kaum 6 Kilometer. Der Hauptarm teilt sich in verschiedene ganz schmale, von ungeheuern, bis 5000 Fuß hohen Steilwänden begrenzte Spalten, über welche Wasserfall an Wasserfall stürzt, während an den Enden blaugrüne Gletscher nach dem Fjord hereinblicken. Im Norden ist das größte Firnfeld Europas, der fast 1000 Quadratkilometer große Jostedalsbrae. An den Ufern des Sognefjords liegen die ältesten Kulturstätten Norwegens; sie sind auch der Boden der herrlichen Frithjofssage. — Bei nachtschlafender Zeit passierten wir ohne Gewissensbisse Ingeborgs Königspalast und Frithjofs Hof; wir mußten ja im Rückweg nochmals Gelegenheit finden, diese klassischen Orte zu grüßen.
Immer näher rückten die Felsen zusammen; oft war kein Ausweg zu sehen, und es schien unmöglich, mit unserm Schiff vorwärts zu kommen; dann öffnete sich plötzlich um die Ecke eine neue Spalte mit neuen überraschenden Ausblicken. Wir befanden uns in dem südwestlichen Endarme des Sognefjords, im Naeröfjord. Das ist die erhabenste Gebirgs- und Meerlandschaft, die wir in Norwegen gesehen, und an Großartigkeit von keinem der mir bekannten Bergseen erreicht. Und auch das Liebliche fehlt nicht in dieser gigantischen Felsenwelt. Wo sich am Fuße der himmelhohen Wände durch Absturz oder als Delta eines der Schlucht entspringenden Bergbaches ein Stück flacher Küste gebildet hat, da glänzt sie im saftigsten Wiesengrün und trägt ein paar freundliche Häuser, hie und da auch ein Kirchlein, um das sie sich scharen.
Zuletzt schienen wir aber doch am Ende des schmalen Fjords zu sein; in einem wilden, kahlen Felsenkessel mit steilen und unbewohnbaren Ufern hielten wir an und warfen den Anker aus. Wunderbarerweise belebte sich die Umgebung unseres Schiffes alsbald; kleine Boote — meist mit Frauen und Kindern angefüllt — tauchten plötzlich auf, wie der See entstiegen; denn eine menschliche Wohnstätte oder ein Ausweg aus den geschlossenen Felskoulissen war nirgends zu erblicken. Sie lauschten andächtig unserer Kapelle und staunten das mächtige Schiff an. Da gab’s reizende Genrebilder für unsere Photographen, und die Apparate klappten sehr geschäftig nach allen Seiten. Hier sitzt eine Mutter, die Ruder eingezogen, mit dem jüngsten Kind auf dem Schoß, drei ältere neben sich, und belehrt ihre Kleinen, wie sie mit ihren ärmlichen, schmutzigen Nastüchern unsere winkenden Grüße erwidern sollen. Dort füllt ein ganzes Rudel rotwangiger Buben und Mädchen ein Boot, dessen Ruder ein Backfisch handhabt, während sich die übrigen Insassen sehr seevertraut in dem schwankenden Fahrzeug lustig machen und oft mit halbem Körper nach dem Wasser überragen, um ein schwimmendes Stück Brot oder eine leere Konservenbüchse zu erhaschen. Sprach- und stimmlos vor Erstaunen war ein schwarzer Hund, der als Mittelpunkt einer fröhlich lachenden und winkenden Familie mit offenbar gespanntem Interesse das fremde Schauspiel musterte und unverwandt nach unserm Schiffe sah.
Noch waren wir 10 Kilometer vom Ziele des heutigen Tages, von Gudwangen, entfernt; aber weiter durfte und konnte unser großer Oceandampfer nicht mehr in dem schmalen, vielfach gewundenen Meeresarme. Ein kleineres, aber schmuckes norwegisches Dampfboot, der „Kommandören“, war für den heutigen Tag von der Hapag gechartert; bald lag er an unserer Seite und auf breiter Verbindungsbrücke ergoß sich der Passagierstrom in wenigen Minuten herüber. Wir hatten einen prachtvollen Platz auf dem aussichtsreichen hohen Verdeck erobert und konnten nun die herrliche Fahrt vollauf genießen. Als das Schiff sich in Bewegung setzte, erschien eben die Sonne über den Bergen und spiegelte sich in der leicht gekräuselten Flut. Der Fjord verengte sich gegen Gudwangen zu flußartig; die Entfernung der Ufer beträgt kaum mehr 200 Meter und wenig fehlt, so berührt sich in der Luft der Staub der auf beiden Seiten herabstürzenden Schleierfälle.
Rechts liegt eine reizende kleine Kirche, umgeben von Bauernhöfen, das Örtchen Bakke. Dahinter ein mächtig rauschender Wasserfall. Dort biegen wir nochmals um die Ecke; dann erscheint vor den Augen Gudwangen, ein paar Häuser und einige Hotels, von gewaltig aufragenden Bergen eingeschlossen; man begreift, daß sie im Winter monatelang die Sonne nicht zu sehen bekommen. Im Hafen lag bereits ein englischer Touristendampfer vor Anker, eine schlechte Vorbedeutung für den heutigen Tag; wir mußten erwarten, alles „abgeweidet“ zu finden, wo wir hinkamen, und das stimmte denn auch so ziemlich.
Reiseziel war für alle das herrlich gelegene Stahlheim; von dort sollte ein Teil der Passagiere auf dem Landweg über Vossewangen nach Bergen fahren, während ein anderer Teil, abends per „Kommandören“ wieder auf die „Auguste Viktoria“ zurückgebracht, zur See die genannte Stadt erreichen wollte.
Vom Landungsplatze längs der durch die kleine Ortschaft führenden Straße waren wohl an die hundert norwegische Karren und Kutschen aufgestellt, und man fragte sich, wo und wie dieses Heer von Wagen und Pferden eigentlich hergekommen sei. Die Reisefirma Beyer hatte offenbar alle Bauern von nah und fern mit ihrem Fuhrwerk für den heutigen Tag aufgeboten. Im Sturme wurde die Wagenburg genommen; glücklich diejenigen, welche sich einen Sitz zu erobern wußten; manch’ Einer, den das Schicksal zu einem Kariol verurteilte, wird sich nach mehrstündiger Fahrt auf der holprigen Bergstraße schmerzlich daran erinnert haben, daß sogar die Sitzgegend mit Empfindungsnerven bedacht ist. Für uns, die wir nicht unter Beyers Obhut, sondern als Wilde reisten, kam diesmal nur Schusters Rappen in Frage. Wir marschierten tapfer vorwärts, trotz der zu überwindenden 3½ Wegstunden; oft sauste dann die lange Wagenreihe an uns vorbei, gar nicht von uns beneidet, die wir den oft komischen Anstrengungen zur Erhaltung des Gleichgewichts und zur Entlastung des Sitzes auf staubiger Straße von grünen Wiesenpfaden aus zusehen konnten. Wo aber der Weg anstieg, da gewannen wir immer wieder einen Vorsprung, und schließlich waren wir nicht einmal die Letzten am Ziele.
Wenig außerhalb Gudwangen war ein norwegischer Polizeiposten vor einem Schlagbaum aufgestellt, der jedes Fuhrwerk mit Bespannung genau musterte und nur passieren ließ, wenn die Beschaffenheit alle Garantie für ungefährdete Beförderung der Reisenden bot. Brüchiges Leder, geflickte Riemen und beschädigte Achsen wurden abgeschätzt. Diese Fürsorge der heiligen Hermandad hat uns sehr wohlthätig berührt.
Unser Weg führte in das malerische Naerödal, welches als Fortsetzung des Fjords sich landeinwärts zieht und dessen wilden Charakter beibehält. Nach starker halbstündiger Steigung schritten wir durch ein mächtiges „Ur“, ein durch Absturz gebildetes Felsenmeer; dann gings durch eine wunderbare und großartige Thallandschaft meist an der Seite eines schäumenden Bergstromes und diesen mehrfach überbrückend. Die Szenerie beherrscht der aus weißlich-grauem Labradorstein mächtig aufgetürmte stumpfe Felskegel des Jordalsunt (1100 Meter).
Endlich — nach 2½ Stunden — zeigte sich dem entzückten Auge das hochgelegene Stahlheimhotel; die „Klev“, der grüne Bergrücken, auf dessen Höhe es erbaut ist, schließt das Thal wie eine Riesenmauer vollständig ab, und in mächtigen, weithin sichtbaren Serpentinen steigt die Straße daran empor. Zwei Staubfälle stürzen rechts und links — das Hotel zwischen sich lassend — durch den grünen lichten Wald zu Thal und vereinigen sich unten zum ruhigen, aber immer noch ungestüm weiter fließenden Bergstrome.
Einen prachtvollen Anblick gewährten frische Abbruchstellen an den dunkeln, senkrecht aufsteigenden Felsen, welche das Naerödal begrenzen und die wie carrarischer Marmor aussehen, bis auch sie im Laufe der Jahrzehnte durch Nässe und Moosansatz geschwärzt sein werden. — Viele Fuhrwerke ließen unten an der Klev ihre Passagiere aussteigen und erwarteten, während die Pferde frei herumgrasten, deren Rückkehr. Nur diejenigen, welche nach Vossewangen weiter zu fahren gedachten, mußten ihre Wagen mit nach oben nehmen.
Das war nun ein schöner, aber mühseliger Aufstieg zu diesem Stahlheimhotel; unter die entzückten Ausrufe über die jeder Beschreibung spottende herrliche Gegend mischten sich Weh und Ach von allen Seiten; denn die Sonne brannte fürchterlich, und der Durst wurde geradezu phänomenal; wo man sich erschöpft in kleineren und größeren Gruppen ins Gras oder auch glatt an den staubigen Wegrand geworfen, fiel aller Blick hülfesuchend nach oben — zum Hotel; — dort malte man sich kühle Räume und jedes ersehnte Labsal aus. — Endlich waren wir oben. Aber o Schreck! Den großen Speisesaal fanden wir dicht besetzt bis auf den letzten Platz mit den zuerst eingetroffenen Unsrigen und mit den Engländern, deren Schiff wir in Gudwangen gesehen hatten.

Stahlheim.
All’ unser Stürmen und Drängen und Schreien nach Brot und Trank nützte nichts; die Hotelleitung und Bedienung war in größter Verlegenheit, und schließlich sah sie sich genötigt, die Thüre zum Speisesaal einfach abzuschließen. Draußen tobte und polterte die „hungrige Bestie“; von drinnen her ertönte Eß- und Trinkgeräusch „der sich Sättigenden“, und so oft ein Pfropfen knallte, ging uns draußen ein Stich durchs Herz. Übrigens war die Verlegenheit eine beidseitige. Manch’ Einer kam im Sturmschritt von der Tafel zur Thüre gerannt, um eine dringliche Exkursion zu unternehmen, und wir Ausgeschlossenen amüsierten uns über die hastige Wut, mit welcher er erfolglos das Thor zu öffnen suchte, und bombardierten ihn durchs Schlüsselloch mit kleinen Aufmunterungen. Nach dreiviertelstündigem, mit Galgenhumor ausgefülltem Warten hieß es, daß bis in frühestens einer halben Stunde zum zweitenmal gedeckt würde. Das konnten wir nicht erleben; wir mußten ja rechtzeitig wieder in Gudwangen sein; also frisch hinein ins Unvermeidliche! Mit leerem Magen traten wir den Rückweg an; doch nein, unten im Hotel gelang es uns ja, eine halbe Flasche Sodawasser zu erstehen und in einer Art Verkaufslokal über den Pferdestallungen entdeckten wir neben Thongeschirr, Leder- und Eisenwaren in schmierigem Sacke etwas Eßbares, eine Art süßen Kleinbrots, das wir gierig verschlungen, während wir die Serpentine der Stahlheimklev hinuntereilten. Der Ausblick auf das zu Füßen liegende, dunkle Naerödal mit den beidseitig gewaltig aufsteigenden Bergen ist ein so großartiger, daß wir Hunger und Durst darüber vergaßen und meinten, hier sei wohl das Erhabenste, was wir in Norwegen gesehen. Aber die armen Beine! Bis jetzt hatte sie noch die sichere Hoffnung gestärkt, unten am Berg eine Rückfahrtgelegenheit nach Gudwangen zu finden — Täuschungen und Trugbilder! Das letzte Pferd war mit Beschlag belegt. Da gab’s kein Besinnen. Tapfer und unverdrossen — ja sogar in bester Laune — fußten wir die drei Stunden zu Thal; als Lohn der That winkte uns ja im Haupthotel daselbst kühles Oell (Bier) und ein tüchtiges Abendessen. Doch auch das erwies sich als fata morgana!
Als wir endlich — endlich Gudwangen und den blauen Fjord unmittelbar vor uns liegen sahen, da verdoppelten sich unsere Schritte und im Tempo des Gauls, der sich seiner Stallung und seinem Futtertroge nähert, langten wir beim Vikingwanghotel an. Kaum vermochte die lechzende Zunge das „Oell, Oell“ (Bier, Bier) noch herauszuschleudern; aber es gab kein Oell und auch nichts Vernünftiges zu essen; die bösen Engländer hatten, wie die Heuschrecken, mit allem aufgeräumt. Eine mitleidige Seele verkündete uns, daß eine Strecke weiter zurück im kleinen Gasthof bei Hansen Bier und allerlei zu haben sei. Also ohne Besinnen zurück zu Vater Hansen! Im kleinen, behaglichen Speisesaal, dessen leere Tafel noch die Überbleibsel der vorhergehenden Mahlzeit aufwies, däuchten wir uns bei Oell, Smoerrebroed (Butterbrot) und Ost (Käse) wie Könige, und die gestärkten Seelen gerieten sehr bald in jene fröhliche Stimmung, wie sie nach überwundenen Schwierigkeiten gerne sich einstellt. Bald kamen auch andere Naerödaler angelaufen, alle, wie wir, hungrig und durstig und nach Speis und Trank rufend; aber es gelang nur mit Mühe und oft auf komischen Umwegen, sich den zwei dienstbaren Geistern, ehrsamen Töchtern des Hauses, doch fürchterlich schwer von Begriffen, verständlich zu machen, und die Sprachverwirrung schuf die unglaublichsten Szenen. Daß die korpulente Frau Baronin X. Käse präsentiert erhielt, als sie zu wiederholten Malen Ansichtspostkarten verlangt hatte, brachte sie zwar ganz aus dem Häuschen, war aber begreiflich, denn ihre norwegischen Worte tönten ganz arabisch und aus den begleitenden Gesten konnte man ebensogut auf Limburgerkäse wie auf ein postalisches Kunstprodukt schließen.
Das Norwegische muß eben in seinen Feinheiten verstanden und gekannt sein, wie ich gleich an einem Beispiel zeigen werde. Als nämlich — durch das offene Fenster hereingewunken — unsere Reisefreunde, Herr und Frau Dr. T. aus Rom, sich zu uns gesellten, mit viel Geschick beim Biertrinken mithalfen und über Hunger klagten, da suchte und fand ich unter den Ueberresten der Tafel einen offenbar eßbaren, nach Käse aussehenden gelblichen Kuchen, den ich sofort an unsern kleinen Tisch herüberholte. Mit gespannter Erwartung kosteten wir den Fremdkörper, um ihn sofort wieder unter den Zeichen des größten Abscheues — das gemütliche Gesicht von Frau Dr. T. war geradezu in Angst und Entsetzen verzogen — auf dem kürzesten Wege und mit entsprechenden Begleittönen durch das Fenster herauszubefördern — das Gericht schmeckte abscheulich, bittersauersüß und weckte bei Katzenfreundinnen lebhafte Reminiscenzen an ihre Lieblinge. Nun galt es aber, Ursprung und Namen des schrecklichen Nahrungsmittels zu erfahren. Also: Norwegerinnen her! Sie kamen, die zwei Heben; indes war keine Möglichkeit, ihnen unsere Absicht irgendwie begreiflich zu machen; sie leisteten sehr bereitwillig und freundlich die unglaublichsten und verkehrtesten Dinge auf alle gestellten Fragen, ohne unser wahres Begehr zu ahnen, so daß schließlich unsere an die beweglichen und geistig regsamen Italiener gewohnte schweizerische Römerin die Geduld verlor und ihnen eine ganze Stufenleiter von der „Appele“ bis zur „Schneegans“ an den Kopf warf, mit halb wohlwollendem, halb ärgerlichem Lachen. Nun mußte der Vater Hansen her, um aus der Verlegenheit zu helfen; der alte, graue, gemütliche Kerl trat vor, und unter Anspannung der ganzen im Saale vorhandenen Intelligenz wurde ermittelt, daß das Gericht Museost heißt und ein Käse ist. Aber was für Käse? Der ernste Familienvater, Dr. T. aus Rom, setzte seine Arme als Geweih auf seinen Kopf und springt nach Art der Rentiere im Zimmer herum. Hansen winkt ab. Also kein Rentierkäs. Die stolze Römerin, Frau Dr. T., versieht sich ebenfalls mit Hörnern und ahmt den Gesang einer Kuh erschütternd ähnlich nach. Das scheint nun eher zu stimmen; doch deutet Vater Hansen mit seiner tief gehaltenen Hand, daß es sich um ein kleineres gehörntes Tier handelt. Eine meiner Begleiterinnen fängt an zu meckern wie eine Ziege, worauf ein verklärtes Lächeln über das bärtige Gesicht des alten Hansen gleitet; mitmeckernd und kopfnickend bestätigt er die Vermutung.
So hatten wir denn mit allseitiger geistiger und körperlicher Anstrengung und unter Aufwand all’ unserer norwegischen Sprachkenntnisse, vor allem aber unter fröhlichem und anhaltendem Lachen herausgebracht, daß das entsetzenerregende Gebilde „Geißkäs“ sei.
Schließlich wurden wir noch recht familiär mit dem alten Wirte und ließen uns das ganze Haus und seine Angehörigen von ihm zeigen; Mutter Hansen saß — eine gichtbrüchige Matrone — im Sorgenstuhl; aber ihre Augen leuchteten so freundlich und in dem Stübchen war alles so voll Blumen, daß ein Gedanke an Krankheit und Schmerz hier gar nicht aufkommen konnte.
Der Museost hat uns sofort noch ein weiteres kleines Vergnügen bereitet. Wir waren schon am Strande, neben übermütig spielenden Schafen ins Grün gelagert, um den uns abholenden Kommandören zu erwarten, als noch Einer der Unsrigen staubschwer, schweißtriefend und erquickungsbedürftig dort anlangte. Sein Verlangen nach Speis und Trank steigerten wir aufs höchste durch die Schilderung des kühlen Biers bei Vater Hansen und vor allem „des ganz deliciösen norwegischen Nationalgerichts“, des Museost. Es war grausam, den müden Wanderer so hungern zu lassen, und so machten Dr. T’s. und ich uns nochmals auf die Strümpfe als Wegweiser und Zeugen für den zu vollziehenden Eßakt. Das arme hungrige Opfer unserer Grausamkeit führte sich sofort ein tüchtiges Stück des köstlichen „Nationalgerichtes“ zum Munde und war in Erinnerung an das uneingeschränkte Lob, das wir ihm gezollt, zu höflich, um sofort seine wahre Empfindung zu zeigen und das Gegenteil zu behaupten; er kaute also mit Todesverachtung, während Dr. T’s. Gesicht im Kampf mit dem Lachen wetterleuchtende Grimassen schnitt, als ob ihn das Zahnweh plagte, und seine Gattin unsagbar gleichgültig im Zimmer umherschaute. Aber plötzlich ging’s nicht mehr; man platzte los mit Lachen, und in der nämlichen Sekunde war unser Museostkoster, die Situation begreifend, vom Stuhle auf und zum Fenster geflogen, und uns blieb nachher die Pflicht, einige Flaschen kühlen Oells als geschmackverbesserndes Heilmittel und zur Sühne für unsere Bosheit zu stiften.
Um halb 8 Uhr waren wieder alle, welche den Seeweg nach Bergen der Ueberlandtour vorzogen, an Bord des Kommandören, der uns durch die wilde Pracht des Naerofjords nach unserer schwimmenden Heimat, der „Auguste Viktoria“, zurückführte. Ein besonders nettes Bild boten bei der Wegfahrt von Gudwangen einige Pferde, welche ohne Führung sich auf dem malerischen Küstenpfade nach Bakke ihren Heimweg suchten, ab und zu ein Maul voll grasend, hie und da auch einen erstaunten Blick auf den vorbeirauschenden Dampfer werfend.
Erst um halb 10 Uhr waren wir wieder in unsern gewohnten Schiffsräumen; dort wurde uns — als Lohn des mühevollen Tages — trotz der späten Stunde noch ein vorzügliches Essen serviert, und während wir uns sättigten, steuerte unser schwimmendes Hotel sicher zwischen drohenden Felswänden dem Ausgange des Sognefjords zu.

XV.
An der Stätte der Frithjofssage. — Ankunft in Bergen. — Das norwegische Hamburg. — Im Leprahospital. — Fahrt nach Yttre-Arne. — Heimat in fremdem Lande. — Mange tak.
Es konnte nach Mitternacht werden, bis wir die klassischen Stätten der Frithjofssage berührten; aber diesmal wollten wir sie uns nicht entgehen lassen. In Esaias Tegners herrliche Dichtung versunken saßen wir an einsamer Stelle unseres Schiffes. Die Sonne war nach 10 Uhr untergegangen und eine laue, helle Nacht lagerte über der Fjordlandschaft. Zum erstenmal nach 14 Tagen grüßte uns wieder ein alter lieber Freund, der silberne Mond, dessen bisher aschgrauer Umriß im Glanze der Mitternachtssonne vollständig außer Beobachtung gefallen war. In erwartungsvoller Stille glitt unser Schiff auf der dunkelglänzenden Flut vorwärts, und eine fast andächtige Gemeinde saß auf Deck versammelt, die Augen vorwärts gerichtet. Da taucht am südlichen Ufer eine tiefgrüne, weit in den Fjord vorgeschobene Landzunge auf, die etwas zurückliegend auf der Höhe ein freundliches weißes Kirchlein zeigt. Hier ist Vangnaes, das klassische Framnaes, und hieher verlegt die Sage den Wohnsitz des Wikingssprossen Frithjof. Von gegenüber grüßte vielfacher Lichterschein; einige große Hotels und reizend im Grünen liegende Villen kündeten den herrlichen Balestrand, wo einst Ingeborg in ihres Vaters Königspalast wohnte. Und nun folgte ein Intermezzo, das der sinnige Kapitän für uns ausgedacht und das allen Teilnehmern in freundlicher, ja erhebender Erinnerung bleiben wird. Das Schiff hielt an mitten im Fjord angesichts der beiden klassischen Stätten, deren auch in der Dämmerung auffallend lebendiges Grün ein herrliches Schneegebirgspanorama als Hintergrund hatte. Sechs Böllerschüsse erschütterten die Luft und fanden ein mächtiges Echo, das über die Flut zu rollen schien. Dann stiegen Raketen auf, die Strandbewohner zu grüßen, und während unsere Kapelle die ergreifende norwegische Nationalhymne spielte, zündeten bengalische Feuergarben vom Bootsdeck unseres Schiffes herab weit ins Meer und Land hinein und erzeugten einen wunderbaren Farbeneffekt in dem nachtträumerischen Naturgemälde.
In Balestrand wurde es alsbald lebendig; dutzende von Booten kamen hergefahren und jubelten uns zu, in richtigem Verständnis dessen, was wir hier hatten feiern wollen. Das war eine erhabene und von allem Gewöhnlichen und Alltäglichen unberührte Seelenstimmung, da wir um Mitternacht im Sognefjord die Bautasteine von Bele und Thorsten und die Schatten Frithjofs und Ingeborgs grüßten, und ich erwachte wie aus schönem Traume, als unser Dampfer plötzlich wieder vorwärtszurauschen begann. Lange noch tönten — immer schwächer werdend — die Abschiedsrufe der Balestrander an unser Ohr.
Zwischen 3 und 4 Uhr erreichten wir das offene Meer, wobei wir die vor der Mündung des Fjords liegende gebirgige Inselgruppe Sulenör — die Solundar-Oe der Frithjofssage — rechts liegen ließen.
„Fern hebt aus der Flut
Sich Solundar-Oe;
Sturmgeborgen ruht
In der Bucht die See.“
In aller Morgenfrühe des 21. Juli waren wir wieder auf Deck, um die Einfahrt nach Bergen zu sehen. Durch ein wahres Chaos von Inseln, die meisten als kahle, aber unendlich vielgestaltige Felsen sich über die Meeresfläche erhebend, sucht das Schiff seinen Weg gegen das Festland. Die Küste ist anfänglich fast ohne alle Vegetation; auf den niedrigen, durch die Gletscher der Eiszeit abgeschliffenen Vorbergen sieht man nur hie und da ein weithin leuchtendes Fischer- und Schifferzeichen. Bei weiterm Vordringen werden die Berge höher, zum Teil bewaldet, die Küsten zeigen Ansiedlungen; auf der Höhe sind die Festungswerke sichtbar und allerlei ungewohnte Bauten: mächtige, nach Art der Gasometer erstellte Petroleumreservoirs, Fabrikkamine, elektrische Starkstromanlagen lassen die Nähe einer größern Stadt vermuten. Plötzlich, da wir um eine Ecke biegen, liegt sie vor uns, hüllt sich aber, um ihren alten Ruf als Regennest zu wahren, sofort in ein Wasserfäden- und Nebelgewand. Schon glaubten wir, zum erstenmal auf unserer Reise vom Regenschirm Gebrauch machen zu müssen, als das Wetter plötzlich änderte und eine herrliche, lichte Sonne auf die regenglänzende Stadt herabzuscheinen begann; sie ist uns während des ganzen Aufenthaltes in Bergen treu geblieben, und das sei — so hieß es — das größte Wunder der ganzen Nordlandfahrt; denn „in Bergen regnet’s so beharrlich, daß dort die Kinder mit dem Regenschirm zur Welt kommen“, sagt der nordische Volksmund.
Das „norwegische Hamburg“ grüßte die „Auguste Viktoria“ beim Einfahren mit weithin dröhnenden Kanonenschüssen aus der Bergenhusfestung, die in sechs- bis siebenfachem Echo widerhallten. Unser Schiff kreuzte einige Zeit vor dem Hafeneingang, um den Anblick des wirklich schönen Städtebildes recht ausgiebig zu gewähren, und lenkte dann vorüber an der grünen Halbinsel Nordnaes mit prächtigen, terrassenförmig ansteigenden Gärten in den Buddefjord, wo der Anker ausgeworfen wurde. Sofort begann das Ausbooten; da wir aber bis zum folgenden Abend in Bergen liegen sollten, blieben wir Drei ruhig noch einige Stunden an Bord, wo uns in den menschenleeren Räumen keine plaudernde Gesellschaft am Lesen und Schreiben störte. Von Zeit zu Zeit stürmten wir dann wieder aufs Verdeck, um den interessanten Leben und Treiben im Hafen zuzusehen und unser Auge an dem malerischen Landschaftsbilde zu sättigen.
Bergen ist eine der ältesten, aber auch der schönsten Städte Norwegens. Ihre Einwohnerzahl beträgt 70,000. Trotz der nördlichen Lage — es liegt etwas nördlicher als die Südspitze von Grönland und Petersburg — findet man hier fast alle Laubbäume Deutschlands und einen herrlichen Blumenflor. Dadurch, daß die reiche Kultur des Stadtbezirkes unmittelbar an die Gebirgswüsten grenzt, entsteht eine sofort in die Augen fallende Kontrastwirkung, welche einen das Landschaftsbild nicht so bald vergessen läßt. Die Häuser Bergens liegen um den Haupthafen, die sog. Vaagen, herum, einerseits die langgestreckte Landzunge Nordnaes bedeckend, auf der andern Seite über die Felshöhen unter dem steilen Flöifjeld ansteigend.
Ich wußte, daß der Sprößling eines thurgauischen Pfarrhauses und Bruder eines meiner Studienkameraden seit langen Jahren in der Nähe von Bergen lebte, und hatte ihm deshalb lange zuvor die Ankunft von engeren Landsleuten auf der „Auguste Viktoria“ mitgeteilt und ihn gebeten, uns einige Stunden zu widmen. Persönlich kannte ich den thurgauischen Norweger nicht; ich hatte ihn in meinem Leben nie gesehen; aber als ich so gegen 11 Uhr wieder einmal auf Deck trat, um die Augen voll nordischer Welt zu schöpfen, da sah ich über die Brüstung unseres Schiffes gelehnt das Ebenbild eines gemütvollen Geistlichen, mit welchem ich s. Z. zwei Jahre im Kantonsspital in Münsterlingen zusammen geatmet hatte und der mir in freundlichem und lebhaftem Andenken geblieben ist. Ich klopfte ihm ohne weiteres auf die biedere Thurgauerschulter und wir begrüßten uns wie alte Bekannte, die sofort in gemeinschaftliche Erinnerungen sich zu versenken begannen. Ein Glas Münchner frisch vom Faß — dem norwegisch Gewöhnten ein ganz besonderer und seltener Genuß — wurde auf unser erstes Zusammentreffen genossen; nachher saßen wir vergnügt an der Schiffstafel und plauderten von der Heimat, daß die Stunden nur so dahinflogen und wir später als alle anderen Schiffspassagiere uns endlich aufmachten, um ans Land zu fahren und Bergen aus der Nähe kennen zu lernen. Dabei wurde denn nun allerdings unser freundlicher Führer mit Fragen bombardiert und ausgequetscht wie eine Zitrone; er hat uns zahllose interessante Auskünfte über Land und Leute in Norwegen gegeben und meine vorläufig gefaßte Meinung bestätigt, daß die Bewohner dieses nordischen harten Gebirgslandes mit uns Schweizern in vielen Beziehungen die größte Aehnlichkeit haben, u. a. auch hinsichtlich ihres nationalen Unabhängigkeitsgefühls.
Bekanntlich wurde im Jahre 1814 durch Beschluß der in Christiania versammelten Reichsvertretung die bisherige Union Norwegens mit Dänemark gelöst und der schwedische König, nachdem er das norwegische Grundgesetz beschworen, zum König von Norwegen gewählt. Seit Jahrzehnten aber geht eine immer stärker werdende politische Strömung durch das Land, welche die völlige Lösung der Union zum Ziele hat. Als äußerliches Zeichen dieser erstrebten Unabhängigkeit verlangen die Norweger die Entfernung des Unionszeichens aus ihrer Landesflagge, die sogenannte „reine Flagge“. Dreimal hat die Volksvertretung, der Storthing, dieselbe beschlossen; zum drittenmal hat der König, von seinem Rechte Gebrauch machend, sein Veto dagegen eingelegt; nachdem auch nach dem dritten Veto der neugewählte Storthing auf den Beschlüssen des frühern beharrt, hat der König nichts mehr zu verbieten, und vom Herbst 1899 an wird es nicht nur wie bis jetzt geduldet, sondern gesetzlich geboten sein, das in der obern äußeren Ecke sitzende Unionszeichen auszumerzen und die reine Flagge zu führen. Im Norden sahen wir lauter reine Flaggen ausgehängt; in Bergen aber war ab und zu noch die Unionsflagge zu sehen.
Norwegen hat den Ruf, im Kampfe gegen den Alkoholismus gesetzgeberisch am meisten gethan und auch am meisten erreicht zu haben. Das Alkoholmonopol, das im ganzen Lande herrscht, ist nicht staatlich, sondern kommunal. Jede Gemeinde hat sich das Recht des Verkaufs geistiger Getränke gewahrt, und da die Zahl der konzessionierten Verkaufsstellen eine geringe ist, stolpert man nicht wie bei uns jedes zweite Haus über eine Kneipe. Betrunkene haben wir sehr wenige gesehen; doch sagte unser Führer, daß die Trunksucht immer noch als nationales Uebel gelte, wenn auch anderseits die Abstinenzbewegung größere Fortschritte aufweise als in jedem andern Lande. Der beträchtliche Gewinn, welcher den Gemeindekassen aus dem Alkoholverkauf erwächst, darf nur zu wohlthätigen Zwecken verwendet werden.
Unser Streifzug durch die Straßen Bergens führte uns zu manch’ Interessantem. Ein auffälliger, mit Säulen gezierter — im übrigen schlichter — Holzbau ist das Nationaltheater, das der berühmte Geiger Ole Bull (ich hörte ihn 1878 als siebenzigjährigen Greis in Wien noch konzertieren) in den Vierziger Jahren aus eigenen Mitteln erstellen ließ, in der Absicht, seinem geliebten norwegischen Volke den Sinn für dramatische Kunst zu wecken. Schön modelliert ist das auf großem freiem Platze erstellte Standbild Christiés, des Befreiers der Norweger von Dänemark und Präsidenten des ersten Storthings (1814).
Nicht nur als hervorragender Handels- und Hafenplatz läßt sich Bergen mit Hamburg vergleichen, sondern auch im Städtebild liegt — die Dimensionen natürlich außer Betracht gelassen — eine gewisse Aehnlichkeit, indem, gleich wie in Hamburg das große und das kleine Alsterbassin, hier zwei Wasserbecken, von Gärten und Neubauten bekränzt, zum Weichbild der norwegischen Stadt gehören. Dagegen hat Bergen — im Gegensatz zu Hamburg — fast gar keine Juden; denn bis vor kurzer Zeit konnten israelitische Kaufleute in Norwegen nicht niederlassungsberechtigt werden, und erst der geistreiche politische Poet und Satyriker und radikale Umstürzler Wergeland hat dem Volk Israel die nordischen Thore geöffnet.
Das interessanteste Stück von Bergen sind der Fischmarkt und die Tydskebryggen (deutsche Brücke) an der Vorderseite des Vaagen-Hafens, letztere ein Quai mit einer langen Reihe jener altdeutschen Giebelhäuser, wie sie von den Hansastädten her bekannt sind, die einstigen Wohn- und Geschäftsräume der hanseatischen Kaufleute aus Lübeck, Bremen und Hamburg. Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts haben nämlich die Hanseaten den ganzen Bergischen Handel an sich gerissen; dies war gleichbedeutend mit kommerzieller Beschlagnahme vom ganzen Norden Norwegens, denn ein Privileg zwang das gesamte Nordland, den Ertrag der Fischerei nur nach Bergen zu bringen. Der Fischhandel war von jeher und ist auch heute noch die Grundlage des Reichtums von Bergen, und die Gründung des „hanseatischen Kontors“ bedeutete einen mächtigen Aufschwung für den Handel der Stadt, der sich auch nach der Aufhebung dieses Monopols auf gleicher Höhe erhalten hat. In das Leben und Treiben der hanseatischen Zeit gewährt ein Besuch des sogenannten hanseatischen Museums einen höchst interessanten und lebendigen, aber keineswegs wohlthuenden Einblick. Das eine der alten Häuser an der Tydskebryggen ist nämlich noch vollständig im ursprünglichen Zustande erhalten. Im Erdgeschoß befinden sich weite Räume, Magazine, in welchen die Warenvorräte lagerten. Im ersten Stock betritt man durch einen Vorsaal mit alter, origineller Zugglocke die Hauptstube, das Kontor des Vertreters der Firma; dort wurde gehandelt; nach welchen Grundsätzen, ist ersichtlich aus zwei vorgewiesenen mächtigen Gewichtssteinen, ganz gleich in der Größe, aber durch angeschmolzenes Blei sehr ungleich im Gewichte; der leichtere fand beim Verkaufe, der schwerere beim Einkaufe Verwendung.

Bergen.
Alle Möbel und Gebrauchsgegenstände sind die originalen, in vergangenen Jahrhunderten gebrauchten. So auch im Speisezimmer, wo vor allem riesige Zinnhumpen, mehrere Liter haltend, auffallen. Diese Herren Hanseaten, respektive die hier wohnenden Vertreter, meist jüngere Leute, die nicht verheiratet sein durften, müssen fürchterlich gekneipt haben; der herumführende norwegische Wächter schloß wenigstens fast jeden Abschnitt seiner in sehr holperigem Deutsch gegebenen Erklärung mit dem Nachsatze: „denn sie waren immer besoffen.“ Jedenfalls wurde in diesen Handelshäfen, namentlich im Winter, wo jede Arbeit ruhte, ein zügelloses Lasterleben geführt; viele Vergehen gegen Recht und Sitte konnten einfach mit Geld gesühnt werden, und wenn die aufgestellten eisernen Strafenbüchsen voll waren, so wurde der Inhalt gemeinschaftlich in Bier und Wein und Schnaps umgesetzt.
Sehr wenig einladend sind die Schlafstellen dieser Kaufleute; man öffnet eine Kastenthüre, und in dem Kasten liegt ein schmales Bett, in welchem sich ein erwachsener Mensch kaum rühren kann; ist die Thüre geschlossen, so liegt man wie in einem Sarge. Ein kleiner geheimer Schieber im Bettkasten des Chefs ermöglichte demselben von der Schlafstätte aus die Kontrolle seiner Gesellen im nebenanliegenden Kontor. Hier traute keiner dem andern. Eine geheime Treppe, die vom Speisezimmer nach oben und auf Umwegen ins Freie führte, wird auch kaum ehrlichen und anständigen Zwecken gedient haben. Im zweiten Stock der Häuser lagen dann die Kläven (Konklave), d. h. die Schlafkasten der Gesellen und Diener. Licht oder Feuer durfte im Hauptgebäude während des ganzen langen Winters nie angezündet werden; „denn sie waren immer besoffen“ motivierte der Führer. Deshalb befand sich dann weiter zurück im Hofe, in der Nähe des zugehörigen Gemüsegartens, die sogenannte Schüttstube, ein gemeinschaftliches Versammlungshaus für sämtliche Bewohner eines Geschäftes; noch weiter zurück, aber unmittelbar anstoßend, lagen Quartiere für liederliches Gesindel. So war jeder der vielen dicht neben einander liegenden Verkaufshöfe beschaffen, und feste Palissaden, durch gefürchtete Bulldoggen verstärkt, hielten Unberufene von diesem Nachtleben der hanseatischen Kontoristen fern. Das Ganze bildete für sich einen Staat im Staate, der zirka 3000 Seelen zählte. Dem papierenen Gesetz nach mußten alle männlichen Geschlechtes sein und auch weibliche Bedienung war verboten.
Die Bürgerschaft von Bergen hatte manchen schlimmen Akt der Willkür von der deutschen Hansa zu ertragen; aber von Mitte des sechzehnten Jahrhunderts an wurde ihre Macht im Norden gebrochen und 1763 ging die letzte „Stube“ durch Kauf an einen Norweger über.
Ebenfalls in ursprünglicher Form erhalten sind die zu jedem Hanseatenhaus gehörigen hölzernen Landungsbrücken, jede mit einem primitiven mächtigen Vippebom (Wippenbaum) — eine Art hölzernen Krahnens — versehen, zum Ausladen der Fische, welche von den nordländischen Schiffen hiehergebracht werden. Da sahen wir denn ein außerordentlich interessantes Treiben, überall geschäftige Fischer und Händler und eine Menge von fremden und ungewohnten Produkten, alle dem Meere entstammend. Zu Millionen wird hier der getrocknete Stockfisch ausgeladen, in den über der Quaistraße liegenden Magazinen sortiert und in Büscheln zusammengebunden, die genau wie dürres Holz aussehen. Die gewöhnliche Jahreszufuhr beträgt 25 bis 30 Millionen Stück; dieses Jahr war die Ausbeute viel geringer, weshalb der Preis per größern Fisch sich auf 50 Oere = zirka 70 Rappen stellt gegenüber 25 Oere vom letzten Jahre.
An anderer Stelle waren Männer beschäftigt, die zirka handtellergroßen Eierstöcke vom Dorsch in große Fässer zu verpacken und einzusalzen; dieselben wandern alle nach der französischen Küste, wo sie zum Sardinenfang benützt werden. Ins seichte Küstenmeer geworfen, locken sie die kostbaren Fische in Scharen herbei.
Auch alle Produkte der Thranindustrie waren hier zu sehen, z. B. Thran in allen Reinigungsphasen. Der sorgfältigst mit Dampf gereinigte Medizinalthran wurde vom Verkäufer auf 50 Kronen, zirka 70 Franken, per Faß (116 Liter inklusive Doppelfaß) gewertet. Alle derartigen Auskünfte besorgte uns bereitwilligst unser zuvorkommende Landsmann, der den ganzen Nachmittag als trefflicher Dolmetsch unermüdlich funktionierte und bei den Eingeborenen offenbar als waschechter Norweger galt; ihre Landessprache ist ihm natürlich vollkommen geläufig, während das liebe „Schwyzerdütsch“, so sehr er sich freute, es sprechen zu können, ihm ab und zu kleine Verlegenheiten brachte — begreiflicherweise; denn er ist, wie er uns sagte, der einzige niedergelassene Schweizer in Bergen, ja in ganz Norwegen, findet also nie Anlaß, sich in seiner Muttersprache auszudrücken, und wenn er seinen Buben vom alten Heimatlande und vom Tell und Winkelried erzählt, so thut er’s auf gut norwegisch.
Ermüdet von Kreuz- und Quergängen durch die interessantesten Stadtquartiere und vom Durchstöbern manches Kaufladens, wobei wir namentlich in Pelzwaren wunderbare Dinge sahen, kehrten wir schon am frühen Abend auf unser Schiff zurück, nachdem wir unser Programm für den folgenden Tag festgesetzt hatten. Einer freundlichen Aufforderung unseres Landsmannes folgend verabredeten wir, uns vormittags 11 Uhr an der Landungsstelle der Dampfbarkassen zu treffen und per Wagen nach Yttre-Arne, seinem Wohnort, zu fahren.
Unterdessen kehrten auch allmählich unsere Mitpassagiere auf der „Auguste Viktoria“, welche von Stahlheim über Vossevangen, d. h. auf dem Landwege Bergen erreicht hatten, an Bord zurück, und abends waren wir wieder vollzählig an der Tafel, unsere lieben Holsteiner und das botanische Ehepaar voll Entzücken über die Reize ihrer Überlandpartie. Die Menschen, die man vor drei Wochen noch scheu und fremd von der Seite angesehen, grüßte man jetzt nach vierundzwanzigstündiger Trennung bereits als alte Bekannte, und man empfand schon hier und noch mehr zwei Tage später bei dem definitiven Abschiede, daß die Erinnerung an das gemeinschaftlich erlebte Schöne und Erhabene ein Band fürs Leben bleiben wird.
Bei der Abendtafel spielte unsere Kapelle u. a. des deutschen Kaisers „Gesang an Aegir“, und gleichzeitig wurden elegant (an Bord) gedruckte Karten verteilt mit dem Wortlaute des Einladungstelegramms von Wilhelm II. und einer eben als Antwort auf eine Dankesadresse eingegangenen in Drontheim aufgegebenen Depesche folgenden Inhalts:
„Es ist mir eine Freude gewesen, den Passagieren die Besichtigung des „Hohenzollern“ gewähren zu können, und bitte denselben meinen Dank für das freundliche Telegramm auszusprechen. Ich wünsche der „Auguste Viktoria“ glückliche Fahrt und Heimkehr.
Wilhelm. I. R.“
Das „schwache Geschlecht“ wurde neuerdings mit einer Gabe der galanten Hapag erfreut; jede Dame erhielt in elegantem Etui mit dem aufgedruckten Bilde von der „Auguste Viktoria“ und ihrem wackern Kapitän eine Kollektion feiner Chokoladebonbons und außerdem die ganze Sammlung der während unserer Fahrt verwendeten, künstlerisch ausgestatteten Menus.
Die späten Abendstunden waren zauberhaft schön; in herrlicher Beleuchtung der sinkenden Sonne kreisten malerische Segler und Boote aller Arten um unser Schiff; aus manchen ertönten, von hellen Stimmen gesungen, nordische Weisen an unser Ohr; von andern schallten fröhliches Lachen und freundliche Grüße herauf, und erst spät in der Nacht mochte man sich von dem schönen Schauspiel trennen.
Am andern Morgen besuchten wir in aller Frühe den Fischmarkt, der höchst interessant ist. Was da für merkwürdige Gebilde des Meeres in den mächtigen Verkaufseimern herumzappeln! Aber die gutmütigsten norwegischen Gesichter haben sich bei diesem Verkaufsgeschäfte eine gewohnheitsgemäße Grausamkeit angeeignet, die auch einem nicht sentimentalen Ungewohnten peinlich auffällt. Was der Käufer oder vielleicht eine sonst zart besaitete junge Bergerin sich an lebender Ware auswählt, das wird — während harmlosen Geplauders — mit einigen Messerhieben bewegungs- und fluchtunfähig gemacht, um wo möglich noch lebend im Korb in die Küche zu kommen. Unter den lebenden Fischen fielen uns besonders ganz intensiv blaugefärbte von forellenähnlichem Bau auf. Manche Fische sind so groß, daß sie kilo- und zehnkiloweise mit breitem Haumesser auf der Fleischbank ausgewogen werden.
Den übrigen Teil des Vormittags verwendete ich dazu, ein Stück menschlichen Elendes zu sehen. Im Südosten der Stadt liegt, mit elektrischem Tram bequem erreichbar, zwischen der Hauptstraße und dem großen Lungegaardssee, durch einen schattigen Garten an den letztern grenzend, das Spital für Aussätzige. Der Aussatz — diese schreckliche, schon Moses bekannte Krankheit — kommt in Norwegen noch relativ häufig vor, ist aber glücklicherweise doch in stetem Abnehmen begriffen. 1870 zählte man daselbst (auf nicht ganz zwei Millionen Einwohner) noch 2526 Lepröse (lepra = Aussatz), 1880: 1795, 1890: 954, und jetzt beträgt die Zahl der Beklagenswerten nur noch 5-600. Strenge sanitätspolizeiliche Maßregeln und vor allem das Heiratsverbot für Aussätzige tragen wohl das Wesentliche zu der Verminderung dieser schrecklichen Krankheit bei. Wo Mittel und Verhältnisse eine Isolierung des Kranken nicht gestatten, muss derselbe in das Lepraspital gebracht und zeitlebens dort versorgt werden, sofern eine vorübergehende Besserung, resp. ein Stillstand des Leidens nicht eine temporäre Entlassung gestattet. Das von mir besuchte Haus ist ein älteres geräumiges Holzgebäude, das allerdings kaum den jetzigen Anforderungen an ein Hospital entspricht. Obschon die Zimmer groß sind, war die Luft oft entsetzlich verpestet und manchen Anforderungen an Reinlichkeit und gesundheitliche Vorkehren nicht Genüge gethan. Die Krankheitsbilder, die man hier sieht, sind zum Teil entsetzliche; ich will die Leser mit Schilderungen verschonen. Aber auch junge, frische, kräftige Leute saßen da, an welchen die ersten Spuren des Verderbens kaum in Form einiger blaßroter Knötchen zu erkennen waren. Vertreten sind unter den zirka 250 Kranken alle Altersstufen, vom 10jährigen Kinde bis zur 84jährigen Greisin, letztere seit 60 Jahren krank und in der Anstalt. Entsetzlich ist folgende Familientragödie: Ein Mann, aus gesunder Familie war kurze Zeit mit einer Frau verheiratet, bei welcher sich Spuren der Lepra zeigten. Sie starb. In zweiter Ehe heiratete er eine ganz gesunde Bauerntochter. Während er selbst gesund blieb, erkrankte seine zweite Frau und sämtliche vier Kinder, die sie ihm gebar, an der schrecklichen Krankheit. Drei davon sah ich beisammen in der Anstalt, zwei bereits mit Knötchenbildung im Auge, was mit mathematischer Sicherheit allmähliche Erblindung bedeutet. — Chef des Lepra-Hauses ist der berühmte Dr. Armauer Hansen, der 1881 den Leprabacillus entdeckte, leider bisher ohne Erfolg für die Bekämpfung der Seuche.
Gerne entfloh ich dem Hause des menschlichen Elends, immerhin die Überzeugung mit mir nehmend, daß dort das Schicksal der Armen so erträglich als möglich gestaltet ist. Sie schienen sogar zum größern Teil ganz sorglos und getrost zu sein; aber die Erinnerung an einige besonders Elende mit leeren Augenhöhlen, zum Teil abgefallenen Fingern und Zehen und geschwärig verengter Stimmritze, so daß sie nur durch von außen in die Luftröhre geschnittene Kanüle atmen können, geht mir doch heute noch nach.
Neben dem Lepraspital liegt ein großer Friedhof; dort harrten meiner neben dem Grabe Ole Bulls meine Gefährtinnen, und — unter dem Eindrucke meiner Erzählungen etwas weniger froh, als wir gekommen, — kehrten wir nochmals auf unser Schiff zurück, um uns für den freundlicheren Teil des Tages, die Fahrt nach Yttre-Arne, bereit zu machen.
Da stund er ja schon, unser Landsmann, und hielt einen bequemen Zweispänner für uns in Bereitschaft, und vorwärts ging’s quer durch die Stadt und dann durch die ganze Länge der nördlichen Vorstadt Sandviken. Von dort an steigt die schöne Straße in ungeheuren Windungen steil am Felsengebirge in die Höhe und läßt bald die neue Bergensche Irrenanstalt unmittelbar links liegen. Während wir den erhabenen Ausblick auf die zu Füßen liegende Stadt und das Meer genossen, tönte das Schreien Wahnsinniger an unser Ohr, und von oben herab sah man die verschiedenartigsten Formen Geisteskranker in den ummauerten Gärten umherschleichen oder — toben.
Endlich waren wir, entfernt von allem menschlichen Elend, auf der Höhe des Berges; nochmals grüßte der Blick das wunderbare Panorama; dann führte die Straße auf einem öden, steinigen und wenig bewachsenen Hochplateau vorwärts, vorbei an einigen kleinen Bergseen, zu Füßen steil aufsteigender Gebirgsstöcke. Oft unterbrechen Nadelholzgruppen oder glühend rote Ericafelder die monotone Felsenlandschaft; hie und da sprießen auch spärliche Weiden und dann zeigen sich menschliche Wohnstätten in der Nähe; an den meisten Stellen war das niedrige Berggras abgeschnitten und an den früher beschriebenen Holzhecken zum Dörren aufgehängt, was bei dem häufigen Regen nach Aussage unseres Begleiters oft 2-3 Wochen in Anspruch nimmt.
In zwei Stunden sollten wir am Bestimmungsorte sein; aber schon waren fast drei Stunden vorüber und das Ziel noch nicht sichtbar. Das versetzte uns in eine äußerst unbehagliche Stimmung; wir mußten ja spätestens halb 7 Uhr wieder in Bergen sein, um die Abfahrt unseres Schiffes nicht zu verfehlen, und wenn wir uns vergegenwärtigten, daß wir — vielleicht durch irgend ein Mißgeschick mit unserm Vehikel — den Zeitpunkt nicht innehalten könnten, so lief’s uns ganz heiß über den Rücken. Das wäre gleichbedeutend gewesen mit achttägiger Verspätung, ganz abgesehen davon, daß wir ja alles zum Dasein Nötige in unseren Kabinen liegen hatten. Aber endlich senkte sich die Straße, vorbei an einem See, dem Wasserreservoir für die Baumwollfabriken unseres Landsmannes, hinunter zu einem dunkelblauen Fjord, und kurze Zeit darauf führte uns der liebenswürdige Gastfreund in sein behagliches Heim, eine ganz heimelig unter Bäumen gelegene Holzvilla. Erfreut sprangen uns entgegen die Kinder des Hauses, drei fröhliche Jungen, die mit norwegischen Knixen uns begrüßten, und der prächtige, treue Haushund Nero, der vor Vergnügen über die Rückkehr seines Herrn die ausgelassensten Sprünge machte.
In dem geräumigen Wohnzimmer wartete unser eine behaglich gedeckte und blumengeschmückte Tafel; von den Wänden und Ecken grüßten lauter heimatliche Erinnerungen, an dem Ehrenplatze das Pfarrhaus in Güttingen und die einstigen Insassen; auf dem Rauchtische lag neben Pfeife und Aschenbecher die „Thurgauer Zeitung“. So waren wir denn daheim, und nach dem Essen setzte man sich plaudernd zum Kaffee auf die anstoßende Veranda, welche ganz direkt über dem Wasserspiegel des Fjords liegt und zwischen dem Grün der Gartenbäume einen Ausblick voll wohlthuender Ruhe und Stille gewährt.
Kleine Geschenke, welche wir den drei braven Jungen von Verwandten aus der Schweiz zu überbringen hatten, wurden von denselben mit rascher Beugung des Kopfes und freundlichem Mange tak (Vielen Dank) entgegengenommen. Nachher ging’s unter der Führung von Vater und Söhnen (die Mama war leider abwesend) in jeden Winkel von Haus und Garten, in dem uns unter anderm mit Stolz ein früchtetragender Kirschbaum gezeigt wurde.
Yttre-Arne existierte vor 40 Jahren noch gar nicht. Damals kam der Schwiegervater unsers Landsmannes aus Schleswig-Holstein ins Land und fing an, eine vorhandene Wasserkraft durch Erstellung einer kleinen Baumwollspinnerei auszunützen. Und heute ist der Platz eine stattliche Kolonie: verschiedene Fabrikgebäude, zahlreiche Arbeiterhäuser, Villen, Kirche, Schulhaus; das Ganze macht vom Fjord aus den Eindruck einer kleinen Stadt, und alles hat die Energie eines einzigen Mannes aus dem Boden gezaubert. Die Fabrikarbeiter verdienen hier bei 61 Wochenstunden 3 bis 4 Franken per Tag und haben recht nette Wohnungen mit kleinem Grundbesitz.
Zu diesem wohlthuenden Bilde stimmt die einfache und schlichte Lebensführung der Besitzer des Ganzen, zu welchen auch unser Gastfreund gehört. Außer Arbeit und Naturgenüssen ist in Yttre-Arne nichts zu wollen, die freien Stunden und Tage durchstreift der Vater mit seinen Buben Berg und Busch, im Winter auf Skis, skandinavischen Schneeschuhen, oder sie rudern und fischen auf dem Wasser des Fjords.
Rascher als uns lieb war, mußten wir von dem freundlichen Platze Abschied nehmen. Vater, Söhne und Nero begleiteten uns die steile Bergstraße hinauf. Im Weggehen kreuzten wir eine norwegische Hochzeit, die sich in langem Zuge von der Kirche zu einem der Arbeiterhäuser verfügte — voraus einer, der die Handharmonika mit Gefühl spielte; dann Bräutigam und Braut, der erstere trotz des sonnigen Wetters mit gewaltigem Regenschirm bewaffnet, hernach die Gäste — alt und jung bunt durcheinander.
Oben am Berge holten wir unsern vorausgeschickten Wagen ein; nicht ohne gegenseitige Rührung nahmen wir Abschied von dem Stück Thurgau in Skandinavien, und lange noch sah uns der biedere Landsmann nach, als wir mit dem letzten „Mange tak“ dem Ufer eines kleinen Bergsees folgend davonrollten.
Trotz der schönen Rückfahrt — in welche wir ab und zu, die Straßenwindungen abkürzend, kleine Spaziergänge über buntbewachsenes Geröll einschalteten — empfanden wir doch ein Gefühl der Erleichterung, als wir die Häuser Bergens wieder zu unsern Füßen liegen sahen. Es war ein Genuß — angesichts des herrlichen Panoramas, welches den Blick bis ins offene Meer gleiten ließ — thalwärts zu fahren, und fast zu rasch hatte unser Wagen das holperige Pflaster der Stadt erreicht und ließ uns beim Postgebäude aussteigen. Noch blieb uns eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes, gerade genug, um in einigen Kaufläden unsere Geldbeutel um verschiedene Kronen zu erleichtern; überall trafen wir ähnlich Beflissene der „Auguste Viktoria“, denn Bergen war ja der letzte Platz, der die Gelegenheit zur Erwerbung norwegischer Spezialitäten bot, und allerlei, das im Norden um ½ Krone zu teuer erschienen war, wurde hier gierig um den doppelten Preis zusammengekauft.
Die letzte Barkassenfahrt nach unserem Schiffe war fast lebensgefährlich, so wimmelte es von Gehörnten, d. h. Passagieren, welche erstandene Rentier- und Elchgeweihe bei sich trugen und aus Platzersparnis hoch in die Luft hielten.

XVI.
Abfahrt von Bergen. — Abschied der Lotsen. — Letzter Tag zur See. — Brahmskultus mit Schwierigkeiten. — Zollrevision in der Elbe. — Abschied von der „Auguste Viktoria“. — Zum letzten Male die norwegische Nationalhymne. — Heimkehr.
Die Ausfahrt aus dem Hafen von Bergen wird allen Beteiligten in unauslöschlicher Erinnerung bleiben. Unser Schiff war umschwärmt von Booten aller Art. An der Küste stunden Hunderte und winkten. Aus der Festung grüßte es mit Kanonendonner, und als sich die „Auguste Viktoria“ unter den Klängen der norwegischen Nationalhymne in Bewegung setzte, da begann ein Tücherwehen und Abschiedsrufen von allen Seiten. Herrlich ging die Sonne unter und vergoldete mit breitem Saume Meer und Gebirge; mit dem erlöschenden Glanze des Tagesgestirnes kämpfte das silberne Licht des Vollmondes. Alle Linien, namentlich die Umrisse der felsigen Inseln, zwischen denen wir dahinglitten, erschienen in radierter Schärfe; einmal winkte von geisterhaftem Riffe herab eine jugendliche Norwegerin dem stolz vorbeisteuernden Schiffe, während sie mit der rechten Hand die Augen gegen den glänzenden Abendsonnenreflex schützte — ein überaus reizendes Schattenbild, das Konewka geschnitten haben konnte.
Und nun kam eine kleine Szene, die manche Augen feucht machte. Zur Rechten hatten wir die letzte Insel, welche gegen das offene Meer vorgeschoben ist, und beim Glanze des Vollmondes sahen wir das unendliche majestätisch vor uns ausgebreitet. Da hielt unser Schiff; ein kleines Boot näherte sich ihm, vom Wogengange gehoben und gesenkt. Die Strickleiter wurde vom Hauptdecke zur Wasserfläche heruntergelassen, und auf ihr schieden von uns die beiden prächtigen Grauköpfe, die norwegischen Lotsen, welche seit drei Wochen unser Schiff sicher durch all’ die Fährlichkeiten der nordischen Schärenwelt gelenkt hatten. Als sie in dem schwankenden kleinen Boote saßen, der eine sofort am Steuer, und ihre Hüte zum Abschiede schwenkten, da ertönte nochmals von unserer braven Schiffskapelle die Hymne des norwegischen Volkes, und ein brausendes Hurrah ging wie ein Sturmwind durch die ganze Länge des Schiffes. Alles rief, winkte und dankte, und alles war gerührt bei den Klängen des liebgewonnenen Landes und im Bewußtsein, daß wir nun — vielleicht für immer — ihm Lebewohl gesagt hatten.
Bald war das Lotsenboot unseren spähenden Blicken entschwunden, und uns empfing der Ocean, die gewaltige, wogende Wasserfläche, die uns vom europäischen Festlande trennte.
Der folgende Tag — der letzte ganze unserer Meerreise — war ein herrlicher Sonntag; ruhig und glatt die See und über ihr die strahlende Sonne an wolkenlosem Himmel. Man genoß die Ruhe in vollen Zügen, bequem auf Deck ausgestreckt, das zum Lesen mitgebrachte Buch unbenutzt auf dem Schoß oder am Boden, denn die Augen hatten anderes zu thun; sie spähten über die endlose Wasserfläche und erhaschten da und dort einen Segler oder einen rauchenden Dampfer am Horizonte; sie suchten rückwärts Norge, das herrliche Land, oder aber — geschlossen — versenkten sie sich vorwärts in den Zauber der Heimat, die wir nun bald wieder begrüßen sollten. Einige Stunden des Tages waren allerdings unruhiger Arbeit gewidmet; alles packte und räumte in den Kabinen und ordnete seine Siebensachen, denn am andern Morgen sollte bei Zeiten in der Elbe die Uebersiedlung mit Hab und Gut auf kleinere Dampfer stattfinden, um nach Hamburg befördert zu werden.
Abends war noch ein üppiges Abschiedsdiner, als Glanznummer glace illuminée. Es wurden plötzlich die elektrischen Lampen ausgelöscht und wir saßen einen Moment unter augenblicklichem Stocken der Konversation und allgemeinem Ah! im Dunkeln. Aber das Licht kam sofort in origineller Gestalt. Es stürzte herein das Heer der Stewards: jeder trug auf eleganter Servierplatte eine kristallhelle, dicke Eisscheibe, welche in einer mittleren Höhlung eine leuchtende Flamme enthielt; an den Rand der Scheibe angelehnt lag Gefrorenes in allen Farben und reflektierte außerordentlich hübsch in dem spiegelglatten Eise. Diese wandelnden bunten Lichtquellen, von welchen man sich allerorten seinen Bedarf an Glace wegschnitt, machten einen sehr originellen Effekt. Unterdessen hatte sich ein mächtiges Gewitter zusammengezogen; eine drohende schwarze Wand war schon längst gegen Süden aufgetürmt und grelle Blitze zuckten darin, deren Donnern erst nach Minuten zu uns gelangte. (In Hamburg und Berlin hatte das Unwetter, wie wir hernach erfuhren, übel gehaust.) Immer näher kam die großartige Naturerscheinung und unsere Masten wurden schleunigst mit ins Meer tauchenden Blitzableitern versehen.
Bei dieser Gelegenheit bot die tintenschwarze Flut den Anblick des Meerleuchtens, wenn auch lange nicht in der Intensität, wie ich es von tropischen Gewässern her in Erinnerung hatte.
Auf 9 Uhr war ein Dankgottesdienst im großen Speisesaal angesagt. Als Prediger funktionierte der amerikanische Krösus; die Sache war gut gemeint, aber fürchterlich lang, und statt der Befriedigung eines innern Verlangens, der Dankbarkeit für die so genußreich und ohne Unfall zurückgelegte Fahrt irgendwie und -wo Ausdruck verliehen zu sehen, empfand ich schließlich — wahrscheinlich ein schlimmes Selbstzeugnis — entsetzliche Langeweile und ärgerte mich über jede Minute, die ich länger unter Deck sein mußte, während ja draußen Gott in der Natur zu uns sprach. Aber nicht wahr, Frau Landrat, Ihnen ging’s auch so?
Schließlich ergriff, von Herrn Wanamaker, der natürlich englisch resp. angloamerikanisch gesprochen hatte, eingeladen, noch ein Deutscher oder Deutschamerikaner das Wort und schilderte sehr beredt, was für ein ausgezeichneter Mann der Herr Vorredner sei und wie ihm die ganze Gesellschaft für die Veranstaltung des heutigen Dankopfers zu Dank verpflichtet bleibe. Und damit schloß der „Dankgottesdienst“, wofür denn endlich auch noch ich von Herzen dankbar sein konnte.
Das Finale des heutigen Tages bildete ein Kunstgenuß im Musiksalon, eine kleine Brahmsfeier. Wir hatten nämlich in letzter Stunde eine eminente Klavierspielerin entdeckt in der Persönlichkeit einer jugendlichen Berlinerin. Die schwärmte für Bach, Schumann und Brahms — aber sie kannte sie auch, ihre Angebeteten, und ich war im höchsten Grade überrascht, als ich tags zuvor als unbemerkter Zuhörer Zeuge sein konnte nicht nur einer hervorragenden Technik, sondern einer vollendet künstlerischen Auffassung und eines phänomenalen musikalischen Gedächtnisses, über welche die aus dem Vollen spendende junge Dame verfügte. Heute Abend wollte sie uns Brahms spielen, so hatte sie freundlich und ohne sich lange bitten zu lassen versprochen. Aber dazu brauchte es die Weihe eines stillen Ortes und einer kleinen andächtigen Zuhörerschaft. Wir pilgerten so gegen 11 Uhr zum Konversationssalon, wo der Steinwegflügel stand und wo’s in jenem Momente leer und ruhig schien. Aber die Eintretenden empfing ein Herr, der wohl nur auf Zuhörerschaft gewartet hatte, mit gräßlichem Klaviergehack: halb Straußwalzer, halb Volkslied, halb freie Phantasie, dazu immer den unrichtigen Baß, als ob rechte und linke Hand auf Kriegsfuß mit einander lebten. Nachdem wir einige Minuten so gelitten, lenkte der freie Vortrag, der sich eben noch im Gewühle einer Schlacht oder auf einer unmusikalischen Bauernhochzeit bewegt haben mochte und dem plötzlich der Atem ausgegangen, ganz genial unvermittelt ein in la prière d’une vierge; aber nachdem das einmal und unter ständiger Zuhülfenahme des Pedals heruntergezittert war und nochmals an die Reihe kommen sollte, da schwand unsere Kraft und Selbstverleugnung, und ich erklärte dem Orlando furioso die Situation, in der Meinung, auch ihm damit einen Dienst zu erweisen. Die Voraussetzung war falsch. Der gute Mann war tödlich beleidigt, entfernte sich mit Ostentation und erschien sehr bald wieder als Störefried in unserer kleinen Brahmsgemeinde, und als ich, dem Wunsche der um Ruhe bittenden Künstlerin folgend, mich als Hindernis vor die geschlossene Thüre setzte, da ging der Wütende und wiegelte das Volk auf, und nun kamen sie in Scharen und verlangten stürmisch freie Passage, wobei ich, von Blicken durchbohrt, ruhig sitzen blieb. So wäre es beinahe zu einem zweiten kleinen Schwabenkrieg gekommen; aber schließlich gab einer nach, diesmal ich, und zwar wieder auf Wunsch der Spielenden, und als das Flugloch wieder offen stand, war unterdessen dem Paar wilder Vögel das Fliegen verleidet, und wir konnten nach und nach in Ruhe unsern Brahms genießen, bis der vernünftige Papa kam und sagte: „Liebes Kind, jetzt mußt du aber zu Bette; sonst schläfst du mir vor lauter Brahms wieder die ganze Nacht nicht.“
Thatsächlich konnten auch wir Zuhörer lange nicht einschlafen; denn das vergeistigte Spiel der schwärmerischen Künstlerin, die ihr Bestes gegeben, hatte uns in ganzer Seele bewegt und uns ein paar neue Einblicke in die Tiefe der Brahmsschen Kunst geöffnet.
Es schien kaum der Mühe wert, das ärgerliche Intermezzo dieser weihevollen Stunde hier überhaupt zu erzählen; aber ich wollte mich dadurch rechtfertigen gegenüber einigen sonst sehr anständigen Mitpassagieren, welche damals, falsch unterrichtet, vor dem geschlossenen Musikthor auch über den „arroganten Schweizer“ mittobten, ohne zu wissen, daß die Arroganz in diesem Falle eine selbstverständliche höfliche Rücksicht war.
Vor Mitternacht passierten wir Helgoland, dessen Leuchtturm und Strandlichter weithin glänzten und lange sichtbar blieben, und einige Stunden später fuhr unser Schiff — mondbestrahlt — in die Elbemündung, um am ehemaligen Ausgangspunkte, bei Brunshausen, sich vor Anker zu legen. Da schlief denn wohl ausnahmsweise einmal alles an Bord, vom Kapitän bis zum Heizer, einige Stunden.
Am andern Morgen steckten wir in dichtem Nebel und vernahmen die tröstliche Kunde, daß bei solchem Wetter an ein Ausbooten nicht zu denken sei. Ein Steward erzählte mir als Aufmunterung, wie die „Auguste Viktoria“ von Amerika zurückkehrend einst fast dreimal 24 Stunden vor der Elbemündung im Nebel liegen mußte, eine rechte Geduldsprobe für die sich nach dem nahen Festlande sehnenden überseeischen Passagiere. Aber gegen 9 Uhr wurde das Nebelmeer dünner und durchsichtiger; schon erschienen die Häuser Brunshausens am Strande in geisterhaften Formen und Umrissen, und endlich wurde die liebe Sonne gänzlich Meister und die Elbufer glänzten weithin bis gegen Hamburg in vollkommener Klarheit. Da sahen wir denn auch die „Blankenese“ und einen Frachtdampfer auf uns zusteuern, welche Menschen und Legionen von Koffern nach Hamburg schaffen sollten.
Unterdessen aber entwickelte sich an Bord der „Auguste Viktoria“ ein interessantes Leben und Treiben. Was an Kisten und Koffern und Taschen den Passagieren gehörte, wurde von den Stewards aufs Hauptdeck geschleppt, um von der unterdessen eingetroffenen Zollbehörde revidiert zu werden. Mächtige Gepäckstücke waren schließlich dort der ganzen Schiffslänge nach auf beiden Bordseiten aufgetürmt, und die endlose Barrikade krönten Dutzende von Geweihen und andere unbequeme Naturalien, während man sich die kleinern norwegischen Sachen längst durch den Schiffsschreiner in solide Holzkisten hatte zusammenpacken lassen. Da hielt denn jeder Wacht bei seiner Bagage; kaum blieb ein schmaler Gang des Hauptdeckes frei, durch welchen man mit einigen Hindernissen passieren konnte, und doch wurden immer noch neue Koffer und Dinge von ganz unheimlichen Dimensionen heraufgeschafft und — teilweise über unsern bedrängten Köpfen — weiter befördert. Diese Situation, die etwa eine Stunde, d. h. bis zur Erledigung der Zollrevision, dauerte, zeitigte eine ganz besondere Art von Humor, und unter fast unausgesetztem und rasch sich ausbreitendem Gelächter fügte man sich in die komischen Unzulänglichkeiten derselben.
Eben wird ein Tisch für den Sekretär der Zollbehörde mit Mühe und die Ecken in drohender Nachbarschaft unserer vorsichtig zurückgelegten Häupter vorbeigetragen. „Jetzt fehlt nur noch eine Nähmaschine und ein Fortepiano“ meint unser Nachbar. „Bitte genieren Sie sich gar nicht“ sagt ein dicker, zwischen Gepäckstücken eingezwängter Herr, vor dessen Nase sie eben eine Riesenkiste vorbeischieben, während die Träger seine Hühneraugen als Unterlagen benutzen. „Habe soeben die Front abgeritten“, meldet ein jovialer Bayer, welcher sich mit den Ellbogen und einer sehr ungenierten Schnauze an der Koffer-Allee vorbeigedrückt und bis zu unserem Standorte durchgearbeitet hatte.
Was zollrevidiert war, wurde sofort auf den Frachtdampfer geschafft, während die Besitzer sich auf der „Blankenese“ einen guten Platz suchten. Endlich kam die Reihe auch an uns. Am meisten Verzögerung veranlaßte die Wienerin mit den 32 (oder waren es 22?) Hüten, welche 17, wohlgezählt siebzehn mächtige Koffer und Körbe an Bord hatte und so der Schreck der ganzen Schiffsmannschaft geworden war, daß ihr Verlangen, mit der „Auguste Viktoria“ nach Amerika zu fahren, von der zuständigen Verwaltung rundweg abgewiesen wurde.
Als der letzte Passagier das herrliche Schiff verlassen, da fiel die Brücke zwischen ihm und der kleinen „Blankenese“, und nun ging’s ans Abschiednehmen von dem stolzen schwimmenden Gebäude, das uns während 22 Tagen Heimat in schönen fremden Landen und Meeren gewesen war. Buntbewimpelt grüßte es seine scheidenden Insassen; Stewards und Matrosen standen in langen Reihen und winkten. Auf dem Hauptdeck waren die Schiffsoffiziere plaziert, und was zum Schiffe gehörte, stimmte mit ein in das dreifache Hoch, das der erste Offizier zu Ehren der Reisegesellschaft ausbrachte. Oben auf dem Promenadendeck aber harrte, ebenfalls Abschied winkend, die wackere Schiffskapelle des Taktstockzeichens ihres Dirigenten; jetzt erhebt er den Arm und senkt ihn rasch, und nochmals — zum letztenmal — erklingt die uns so lieb gewordene norwegische Nationalhymne („Ja, wir lieben dieses Land“), und die Wirkung, welche dieser letzte Gruß Norges in unseren Seelen erzeugte, brachte es uns zum Bewußtsein, daß auch wir dieses Land lieben gelernt haben.
Langsam umkreiste die Blankenese den ruhig daliegenden Riesen; aller Blicke blieben unverwandt auf ihn gerichtet und suchten nochmals die Plätze, auf welchen man gewöhnlich geweilt und von denen aus man so viel Schönes hatte sehen dürfen.
Dann aber ging’s elbaufwärts Hamburg zu. Unterwegs verabschiedete man sich von seinen Schiffsbekannten, ein Abschied ohne Thränen und Seufzer zwar, aber von den lieben Holsteinern, unsern Tafelgenossen, doch mit dem Gefühle aufrichtigen Bedauerns.
Bald nachher saßen wir in Hamburg an aussichtsreichem Fenster unseres Gasthofes und schwelgten — den Blick halb verloren auf das bewegte Straßenleben gerichtet — in der Erinnerung an die schönen Reisetage. Plötzlich warf sich meine Schwester fast aus dem Fenster und wir folgten nach. Was war’s? Eine amerikanische Familie, welche zu den Passagieren der „Auguste Viktoria“ gehört, mit welcher wir aber nie ein Wort gewechselt und die wir nicht einmal dem Namen nach kannten, fuhr vorbei, und wir begrüßten uns mit so intimem Gebärdenspiel, als ob vertraute Freunde nach jahrelanger Trennung sich unerwartet wieder getroffen hätten.
Dieses Schauspiel wiederholte sich noch verschiedene mal, denn die Stadt Hamburg wimmelte an jenem Tage von Auguste Viktoria-Leuten, und wir erfuhren, daß in der That gemeinschaftlich verlebte Reisewunder ein Kitt sind, der die heterogensten Menschen sich näher bringen und etwas zusammenhalten kann.
Von Hamburg ging’s über Berlin, Dresden, Karlsbad, München nach Hause und mit Lust wieder an die Arbeit. Daheim wurde mit aller Sorgfalt die in Spitzbergen erbeutete Flora in den Garten versetzt und seither tagtäglich begossen und behütet, so daß sie nun — zaghaft zwar, doch hoffnungserweckend — zu grünen beginnt. An anderer Stelle aber — im Herzen — grünen und blühen die von unserer Nordlandsfahrt mitgenommenen Erinnerungen, und die haben lebenskräftige Wurzeln gefaßt.

Von demselben Verfasser ist im Verlage von J. Huber in Frauenfeld ferner erschienen und liegt bereits in fünfter Auflage vor:
Briefe aus dem fernen Osten. Hübsch gebunden Preis 5 Fr.
Ebenfalls die Buchausgabe in der „Thurgauer Zeitung“ erschienener Briefe, diesmal von einer Reise nach Hinter-Indien, China und Japan und, wie das vorliegende Buch, zerfallend in die Abschnitte „Unterwegs“ und „Daheim.“
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.