Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen
Reading edition
Erster Band
1920 Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin
Alle Rechte vorbehalten Copyright 1920 by Paul Cassirer Berlin

Elsaß/Rothau, 1. Sept. 14 Herbst
L....,
habe heute die erste Wache abgehalten, mit 18 Posten; es war sehr stimmungsvoll, wunderbar herbstliche Sternennacht. Wie ist das alles anders als dieser langweilige Garnisondienst! Der schwarze Kaffee in der Feldflasche thut mir jetzt gute Dienste. Ich spare ihn so lange als möglich. Die Gegend ist arg von Schlachten mitgenommen, die Bevölkerung äußerst scheu; ich habe keinen Zweifel, daß sie sehr franzosenfreundlich ist. Ich möchte hier nicht leben. Gefahren sehe ich aber keine; es ist offenbar alles sehr eingeschüchtert. Voraussichtliche Richtung Saales; wir warten aber noch auf Befehle. Ich fühle mich so vollkommen wohl, daß mir vor den kommenden Strapazen nicht Angst ist. Zu essen gibt es nur Kommißbrot aus Feldbäckereien. Ich verlange mir auch nichts anderes und spare meinen eisernen Bestand, den ich noch in München gekauft, auf viel spätere Zeiten; wer weiß, wohin wir noch geschoben werden; ich hoffe immer noch auf Belfort über Épinal.
Gruß Euch beiden, N’s — — — — —
In Sâles, 2. Sept. Nachm.
Ihr Lieben in Ried, heute hab ich meinen ersten großen Melderitt (30 Klm) gemacht; ich bin jetzt glücklich das, was ich wollte, nämlich so etwas wie Adjutant der ganzen Kolonne mit Leutnant * * * zusammen (der Regierungsbaumeister in W. ist und Sindelsdorf genau kennt!). Wir ritten nach Frankreich hinein bis Remomeix (vor Dié), vor uns eine riesige Feuerlinie von deutscher Fußartillerie, die über einen Berg nach Westen schießt, und selbst von französischen Batterien, die hinter dem Berg stehen, beschossen werden. Auf der Heeresstraße Saales-Dié ein unglaubliches Kriegstreiben; ich fühl mich so wohl dabei, wie wenn ich immer Soldat gewesen wäre; Obst stehlen wir von den Bäumen; Wein haben wir auf unserm Ritt auch bekommen; in Sâles gibt es gar nichts mehr. Wir hatten mit Meldungen an den Brigadestab zu reiten. Jetzt am Nachmittag sitz ich geruhig vor dem Telephonamt (in einem kl. Hotel installiert) am Marktplatz um Befehle aufzunehmen, die ev. kommen. Man ruft mich dazu in’s Amt herein. So kann ich gemächlich ein paar Ruhestunden das originelle Treiben auf dem Marktplatz in Sâles beobachten; „Wallensteins Lager“, aber in echt. Unsre weitere Marschrichtung hängt von den Befehlen ab, die ich hier am Telephon aufzunehmen habe. Wir kochen alles selber, auf dem Acker draußen, auf dem wir biwakieren.
Schreibt Euch mal vorläufig auf, was Ihr mir später senden müßt u. s. f. — — — — — —
6. Sept. 14. La croix aux mines bei Laveline
Gestern bin ich zum Befehlholen zum Divisionsstab kommandiert worden und schließlich um ½3 Uhr zum Schlaf gekommen, auf einer offenen Wiese, in meinen großen Mantel gehüllt, das Regencape unter mir. Um ½5 Reveille, das wird nun oft vorkommen. Der Körper gewöhnt sich vor allem, den kurzen, ganz traumlosen Schlaf, auf’s allermöglichste auszunutzen. Im Kriegsdienst lernt man diese Kräfteökonomie. Heute fuhren wir wieder in die Gefechtsstellung. Die Franzosen sind aber tatsächlich wieder etwas zurückgewichen; wo wir stehen, gilt als die hartnäckigste Stellung des ganzen Krieges. Die Deutschen kommen nur ganz ganz langsam vorwärts, mit entsetzlichen Verlusten; aber es geht! Der Leichengeruch auf viele Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste. Ich kann ihn weniger vertragen als tote Menschen und Pferde sehen. Diese Artilleriekämpfe haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches. Ich bin körperlich sehr wohl, der Rotwein hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich nicht mehr.
— — — — Fz.
10. Sept. 14.
p. L. Eben las ich an diesem stillen Tage L’histoire des Girondins (Lamartine), das ich hier vorfand, als plötzlich Alarm zum Aufbruch kam; schneller Abschied von unserem Zimmerchen! Richtung unbestimmt.
11. Sept. Früh.
L. M.
gestern schloß ich meine Karte mit der Nachricht von plötzlichem Alarm. Der bedeutete offenbar den Schluß des 1. Kapitels meines Feldzuges. Sämtliche Truppen sind aus dem verdammten Vogesenwinkel Laveline-La croix (Col du Bonhomme) im Laufe von 4 Stunden verschwunden. Ihr könnt Euch das Bild auf den Heeresstraßen (Richtung Saales) ausmalen!!! Ich wurde zu Meldungen an die Division abgesandt und ritt dann bis 1 Uhr Nacht im Lande umher, ohne meine Truppe wiederzufinden. Es war wunderschön! Klare Mondnacht! So schlief ich in Colroy in einem Stall (Heuboden) auf Heu und versorgte mein müdes Pferd. Beim Aufwachen glaubte ich auf der Staffelalm zu sein, da ich vom Geräusch von Kuhmelken und Kuhbrüllen aufwachte, bis ich entdeckte, daß ich im europäischen Krieg in Frankreich sei! Jetzt reite ich wieder los, meine Truppe zu finden. Sie kann kaum weit von Colroy sein. Schickt jetzt natürlich nichts, bei diesen Truppenbewegungen kann kaum was ankommen.
Grube, Samstag, 12. Sept. 14.
L....,
Freitag Mittag hab ich glücklich meine Truppe wieder gefunden; das Heeresgewirr, durch das ich mich durchgearbeitet habe, hättet Ihr sehen sollen. Das kann man nur erleben, aber nicht sich vorstellen. Und jetzt sind wir schon wieder in Deutschland! (wenigstens die Kolonnen). Wir zogen von Lubine über den berühmten Vogesenpaß, den Napoleon von St. Dié nach Urbais 1854 anlegen ließ (nicht unähnlich dem Kesselberg), ein prachtvoller Übergang. Auf der Grenze trafen wir die Zerstörungs- und Verteidigungsreste erbitterter Grenzgefechte vom Anfang des Krieges. Wir gingen über Urbais hinaus bis Grube zurück; hier machte ich den Quartiermeister (da man fast nur französisch sprechend von den Elsässern was erreichen kann (!!). Ich habe dabei für mich nicht schlecht gesorgt, ein reizendes Zimmerchen, famoses Bett, durchgeschlafen von 8 h bis 6 h, Waschgelegenheit, Frühstückskaffee, usw. Man wird ganz kindisch im Genuß solcher — Selbstverständlichkeiten — d’autrefois. Ob wir nun nach Schlettstadt-Belfort kommen, oder allmählich wieder über den Paß nach Frankreich vorgehen, ist bis jetzt nicht zu ermitteln. Ich wollt, wir blieben einmal ein paar Tage hier. Ich bin gestern 18 Stunden geritten! Wie geht es wohl Dir, liebe Maman und Dir, Maria und den Tieren und dem Garten? Spielst Du viel auf dem Flügel? Was machen unsre Äpfelchen?
Grube (bei Schlettstadt), 12. IX. 1914.
L.... M....,
heute versuche ich mal, ein Briefchen zu schreiben;
— — — — —
Ich denke so viel über diesen Krieg nach und komme zu keinem Resultat; wahrscheinlich, weil die „Ereignisse“ mir den Horizont versperren. Man kommt nicht über die „Aktion“ hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen. Jedenfalls aber macht der Krieg aus mir keinen Naturalisten, — im Gegenteil: ich fühle den Geist, der hinter den Schlachten, hinter jeder Kugel schwebt so stark, daß das Realistische, Materielle ganz verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle so mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten, als ihre Namen sagen; nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit, chiffriert, — oder meine Ohren sind taub, übertäubt vom Lärm, um die wahre Sprache dieser Dinge heut schon heraus zu hören. Es ist unglaublich, daß es Zeiten gab, in denen man den Krieg darstellte, durch Malen von Lagerfeuern, brennenden Dörfern, jagenden Reitern, stürzenden Pferden und Patrouillenreitern u. dergl. Dieser Gedanke erscheint mir direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der’s doch noch am besten gekonnt hat. Uccello ist schon besser, ägyptische Friese noch besser, — aber wir müssen es doch noch ganz anders machen, ganz anders! Wann werde ich wohl wieder malen dürfen? Ich bin froh, daß ich von den Kriegsfreiwilligen weg bin, — ich glaube doch hier in unsrer Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, früher heimkehren zu dürfen als die frischen Kriegsfreiwilligen. Frühjahr wird’s wohl werden! Ich glaube an kein früheres Datum. Aber vielleicht geht’s doch noch eher! Wenn diese Engländer nur nicht alles verschlampen.
Ich mach jetzt Schluß, lebt wohl, — — — — —
22. IX. 14.
L. M., ich hab mich heute so gefreut über das Lebenszeichen von Dir, die 3 Paketchen. Mit Handschuhen bin ich jetzt gut versorgt, für Winter die blauen, für Herbst und Regen undurchlässige Fäustlinge mit langer Manschette, die mir jemand aus Straßburg mitgebracht hat. Die Kartentasche habe ich an meinen Wachtmeister für 3 M. verkauft. Stimmt der Preis ungefähr? Die ich schon habe, ist noch solider, drum behalte ich die lieber. Aber gar keinen Gruß hast Du hineingelegt! Du denkst wohl, ich habe alle Deine anderen Grüße und Briefe erhalten? Nichts, gar nichts bisher, als die 2 nebensächlichen Karten (E.’s und von Dir) vor cr. acht Tagen. Aber schön, daß die Paketchen gekommen, auch die Batterie ist mir sehr wichtig. Lampe dazu besitze ich schon. Das Wetter klärt sich heute Nachmittag auf. Ich hatte mittags einen reizenden Ritt zu machen; die Vogesen haben etwas Liebliches und Friedliches, man kann zuweilen gar nicht an den Ernst dieses grauenvollen Krieges glauben, — bis man es wieder mit eigenen Augen sieht!! Wenn Du mir von nun an was schickst, schicke nichts mehr von dem, was ich Dir angegeben (Tintenstift, Meldekarten etc. — ich werde solche Dinge selbst besorgen können), sondern was Dich freut, auch einmal ein paar anständige Zigarren, — man raucht hier furchtbares Zeug; Zigaretten schick nicht, ich rauche am liebsten die französischen, die ich hier bekomme. Aber sonst sind wir für alles äußerst empfänglich.
Bekäme ich doch bald ein Brieflein von Mama und Dir!
Aus Straßburg, 24. Sept. 14.
Liebe Maria, ich bin hier seelenvergnügt in Straßburg, die Nacht gefahren von Saales aus; ich hab mir einen Kanonier mitgenommen zum Tragen der Besorgungen. Früh 6 Uhr kamen wir an, frühstückten und gingen dann zum Münster und bummelten durch die reizende Stadt. Ich kam mir so merkwürdig vor, es war wieder alles wie im Traum. Jetzt sitz ich in einem „Löwenbräu-Ausschank“ und esse mich an großen Butterbroden und Käse satt. Alles ist so friedlich, als wenn ich im „Roten Hahn“ in München säße — und draußen diese entsetzlichen Kämpfe! Ich kann mir kaum vorstellen, daß es wieder Zeiten geben wird, in denen man ohne Revolver ausgeht und die nächsten Höhen nicht mehr nach feindlichen Batterien oder Fantassins absuchen muß, ehe man seine Kolonne in Deckung fährt. Der gegenüberstehende Feind ist uns einfach eine Selbstverständlichkeit geworden!
Straßburg finde ich reizend, man fühlt sich ganz in einer uralten Stadt; im Münster machten die wunderbaren Glasfenster den stärksten Eindruck; Kandinsky reicht sehr nahe an diese Kunst heran, steht ihr sogar merkwürdig nahe; ich war ganz betroffen. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich aufs Malen freue.
Sei du und Maman herzlich umarmt von
Eurem Fz.
Streichle Russi und die Rehe von mir.
Lubine, 30. Sept. 14.
Liebe Maria,
heut sitz ich, matt wie eine Fliege, in der schönen Herbstsonne vor der Thüre (nur leider nicht meines Hauses und nicht neben Euch!!). Meine Darmgeschichte ist recht übel. Durch eine Hungerkur von 48 Stunden (nur drei weiche Eier und paar Löffel Haferflocken) hab ich mich glaube ich etwas gebessert, aber man wird schwach wie ein Kind davon. Der Arzt ist gestern nicht mehr gekommen; ich erwarte ihn jetzt. Sobald man sich nicht ganz wohl fühlt, erscheint einem der Krieg doppelt furchtbar und elend. Gestern traf hier bayrischer Landsturm ein, Männer mit grauen Bärten; nachts mußten sie schon Schützengräben graben, heut seh ich sie den Berg bei Lubine ersteigen, auf dem sich bewaffnete Zivilisten gezeigt haben! Diese alten Leute kämpfen zu sehen, ist schon traurig. Wieviel gesunde Männer mögt Ihr wohl noch in Deutschland haben! Wir halten uns hier nur mit Mühe; wir sind zur reinen Grenzschutztruppe umgewandelt; ob wir uns dauernd auf französischem Boden werden halten können, erscheint mir sehr zweifelhaft. Unsre meisten Pferde sind ungefähr im selben Zustand wie ich heute, matt und arbeitsuntüchtig. Heute habe ich auch keine andere Sehnsucht als Du, Maria; neben Dir in meiner Loggia in der Herbstsonne sitzen, die roten Blätter vom wilden Wein sehen und saftiges Obst essen, Badewanne und ein reines Bett. Man ist hier natürlich überall von den miserabelsten Gerüchen umgeben und kommt im Dreck halb um; das alles empfindet man dreifach, wenn man tagsüber zu Hause bleibt und sich krank fühlt.
Ich wollte eigentlich keinen Klagebrief schreiben, aber ich glaube, ich bin zu müde, um was Vernünftigeres zu berichten. Sorgen braucht Ihr Euch deswegen gar nicht um mich. Die Magengeschichte ist gar nicht kompliziert, ich hab kein Kopfweh, es geht kein Blut ab; ich hab auch keine Krämpfe, vielleicht ein bißchen Fieber, da ich beständig Durst habe und ihn natürlich mit nichts löschen darf. — Also Saales brennt an allen Ecken! Die Post holen wir jetzt in Bowy-Bruche. Alles muß nachts gemacht werden oder auf riesigen Umwegen, um unsre Stellungen nicht zu verraten und der Beschießung durch französische Fußartillerie zu entgehen.
Wo die kronprinzliche Armee steht, ist uns ganz schleierhaft. Es heißt immer, sie drücke auf St. Dié und Épinal herunter, um den uns hier bedrängenden französischen Korps den Rückzug abzuschneiden, aber aus alledem scheint nichts zu werden, ebensowenig als aus der raschen Entscheidung vor Paris. Wie lange mag das noch dauern! — Meine Lektüre sind hier alte französische Journale (Juli 14, ohne die leiseste Vorahnung des Krieges; — es ist tragisch, an das ahnungslose schöne Paris von damals zu denken und jetzt nach zwei Monaten!) dann fand ich Teile von Eugénie Grandet von Balzac, das ich wieder mit Vergnügen lese. —
So verlebt, verträumt man seinen Herbst, fern von dem Herbst, den man sich vorgestellt und der uns eigentlich gehört. Wie schön muß mein Herbst in Ried sein! Ich freu mich heut schon auf das nächste Jahr! Ich verzweifle schon Weihnachten heimzukommen, ich glaub es nicht.
Ist die Hanni wieder ausgerissen?
— — —
Meine nächsten Nachrichten werden wieder heiterer werden, auch wohl interessanter, sobald ich wieder gesund bin.
2. Okt. 14.
L. M., man hat mich heute dem Garnisonslazarett überwiesen, wo ich in sorgfältige Behandlung kommen soll. Meine neue Adresse ist also nicht mehr Jägerkaserne, sondern Schlettstadt, Garnisonslazarett, Zimmer 9. Es war ganz nett, daß ich gestern in dem originellen Städtchen (noch viel mehr die Stadt „Perle“ als Insterburg) noch herumbummelte; aber ich fühlte mich nachts wieder so schlecht, daß ich mich heute einfach selbständig ins Garnisonslazarett begab und mich dem Oberstabsarzt vorstellte. Denn in der Jägerkaserne kümmerte sich kaum jemand um mich, ich hätte mich dort unbekümmert erholen können, aber ohne rechte Aufsicht und Krankenkost. Hier bin ich in einem richtigen Krankenhaus unter beständiger Aufsicht. Wollen sehen, wie lange es dauert. Um wieder hinauszugehen, muß ich mich ganz gesund fühlen, sonst thu ich es nicht. Seid nun jedenfalls ganz beruhigt über meine Pflege und Wohlergehen; es wird schon auch bald wieder besser gehen. Der schöne Herbsttag! Morgens war Nebel, dann glänzte auf einmal der Herbsttag auf. Essen meine Rehkinder auch Kastanien? Hier liegen alle Wege voll. In den Frostnächten springen sie auf und fallen ab.
4. Okt. Sonntag.
Eben besucht mich der Radfahrer meiner Kolonne, bringt ein Paketchen Zigarren und Schokolade von K. und eine Karte von Tante J. und meldet, daß unsre Kolonne heute hier verladen wird, nach dem Norden!!! (näheres Ziel unbekannt.) Ich war ganz baff. Nun jedenfalls Ade Vogesen, was wir dort erlebt haben, vergißt keiner, aber froh ist glaub ich jeder, daß er von da wegkommt; man freut sich immer auf das Neue! Nun sind es gerade 5 Wochen, seit dem Abmarsch in München! Die Reise wird lustig, bis ich meine Truppe wieder finde. Das ist nämlich nicht so einfach, als sich der Laie das vorstellt. Ich fühle mich heute im Magen um vieles besser; ich glaube, die Krise ist überwunden und ich habe kein chronisches Leiden zu befürchten, ein Gedanke, der mir gräßlich wäre.
Die Pulswärmer von Mutter sind leider bis jetzt nicht angekommen.
Also jedenfalls ist des großen Krieges erster Teil für mich abgelaufen und ein neues Kapitel wird nach meiner Entlassung aus dem Lazarett beginnen.
8. Okt. 14.
L...., mein Erholungsurlaub bleibt Schlettstadt, was mir auch ganz recht ist. Ich bummle den ganzen Tag in diesem unglaublichen Städtchen; ich fühle mich unendlich wohl und sinne über vieles nach, was jetzt allmählich aus mir herauskommt. Ich glaube, meine Gedanken werden, auch wenn ich wieder draußen bin, nicht mehr abreißen; ich werde „hinter der Front“ arbeiten; das bißchen Schreiben und die Ruhe haben mir gut gethan; was ich jetzt schreibe, wird sehr ernsthaft und von größerem Stil; vielleicht komme ich statt mit dem eisernen Kreuz mit einem Manuskript nach Hause. Im Kopfe werde ich es jedenfalls haben. Das Wetter ist himmlisch schön.
11. X. 14 Schlettstadt.
Meine Liebste, heut ist wieder Sonntag, — sechs Wochen bin ich nun schon fort! Wie wird es in noch einmal sechs Wochen aussehen? Mir geht es hier glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt, bouc-aigle, Bock-Adler, in dem man so gut und raffiniert ißt, wie in Paris oder Brüssel; ich gehe zuweilen des Abends hin, zu einem kleinen „Nachessen, mit Rotwein“. Es ist nicht teuer, aber ein bißchen Geld kostet es natürlich immer. Das schadet aber nichts! Ebenso wirkt eine glänzende Konditorei für mein Wohlergehen! Ich sehe uns zwei schon immer hier einmal sitzen! Ich hab das Städtchen so lieb gewonnen, daß ich sicher später einmal herkomme, auf einer Reise Kolmar, Schlettstadt, Vogesenausflug, — Straßburg etc. — Paris? Vielleicht finde ich Zeit, in Straßburg jetzt nochmal heimlich Station zu machen und die Galerie zu sehen; ich hab hier diese wunderbaren Karten entdeckt.[1] Ist die verhaltene, herbe Morgen- und Auferstehungsstimmung nicht köstlich? Ich bin ganz bezaubert davon. Das Pathetische des Vorganges ist (im Gegensatz zu Grünewald, dessen berühmte Auferstehung ich nie ganz liebe, sie hat einen sentimentalen und auch rationalistischen Zug) keusch verhalten; man liest das große Ereignis zwischen den Zeilen. Das Ungesagte wird im Beschauer zum Wort. Mantegna und Bellini haben es ja noch vollkommener erreicht, als dieser Mazzola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger Meister, — ist es nicht herrlich? So empfinde ich manches von Bach, genau so wie das gemalt, — gebaut ist.
11. Okt. 14.
— Eben kommt der Stabsarzt und sagt, daß er jetzt einen Ersatz bekommt für mich und ich, wenn ich den eingearbeitet habe, abreisen könnte. Ich will noch hoffen, daß mich Euer Paketchen erreicht und auch M., dem ich sofort telegraphiere. Ich denke, ich werde am Mittwoch mein Bündel schnüren; einen Vorwand zu längerer Faulenzerei hab ich jetzt nimmer, leider! Aber ich gehe auch wieder gern weg; es ist draußen doch tausendmal schöner.
Also von nun an wieder Truppenadresse.
Schlettstadt, 13. X. 14.
Liebste,
siehst Du eigentlich auch fleißig nach dem Kriegskometen? Ich entdeckte ihn zum erstenmal, als ich nach Straßburg (von Lubine) reiste und war ganz aufgeregt, da ich nicht begreifen konnte, daß keine Zeitung ihn erwähnte. Keiner wußte auch was davon, aber jeder, dem ich ihn zeigte, mußte zugeben, daß es ein Komet sein müsse. Letzthin las ich nun doch zufällig in einer Zeitung darüber. Er scheint mir größer und klarer, als der Halleysche Komet von damals. Er steht stets in großer Nähe des Großen Bären, in den Abendstunden. Guck mal nach ihm und denk an mich!
— — — — —
Den Artikel III werde ich ganz neu schreiben, er ist nicht gut, das fühl ich selber. Ich werde das Professoren-Thema berühren, aber in ganz anderer Form und den ganzen Gedankengang erweitern. Fern liegt mir die Sache nicht, wie Du meinst; gerade über die „exakten Wissenschaften“ denke ich jetzt viel nach und brauche sie unbedingt in allen meinen neuen Gedankengängen, die ich jetzt gehe, resp. grabe wie ein Maulwurf.
Ihr tut mir wirklich aufrichtig leid, Ihr in der Heimat: denn da scheint man komplett zu spinnen; die Zeitungsausschnitte muteten mich wie schlechte Faschingsscherze an. Traurig, traurig. Was wird es für einen mühevollen Kampf dagegen geben. Wie wenig Freunde werden mir zur Seite stehen. Heute sah ich zufällig einen Atlas an, suchte mein Kochel und fand sogar Ried darauf! Mein Herz klopfte! Dann fand ich Sindelsdorf — Aidling, Riegsee — Murnau: ich erschrak, wie fern das klang!! Zeiten, in denen man friedlich zu einem Geistesgenossen wie Kandinsky über die Hügel pilgerte! und heute. Diese Gedanken sind für mich heute eigentlich das Schmerzlichste. Wenn ich auch oft unzufrieden war mit Kandinsky und nicht alles so war wie wir wollten, — heute bedeutet das für mich nichts gegenüber dem unersetzlichen Verlust. Denn ich fürchte, er wird für mich verloren sein. Er wird in Rußland bleiben und dort predigen; oder in der Schweiz, — ich selbst bin aber mehr Deutscher geworden als je. Wer bleibt noch? Wolfskehl ist ein Trostblick, aber kein Maler! August?? Du weißt, ich glaub nicht mehr daran, so lieb ich ihn habe. Das sind meine Sorgen!
Deiner Mama Brief hat mich riesig interessiert. Wie unglaublich, Hertha von der Flucht abzuhalten! Nun alles gut vorbei ist, ist’s ja gut, aber es läuft einem doch kalt über den Rücken, wenn man dran denkt! Der arme Onkel H.! Er hatte sich doch auf seinen Lebensabend gefreut! Nun sollst Du Dich, liebe Mutter, recht recht ausruhen und kräftigen nach all dem Schrecklichen, — es kommen auch wieder bessere und fröhlichere Zeiten. Bleib nur jetzt recht lang in Ried.
Seid beide herzlichst gegrüßt ....
Schlettstadt, 15. X. 14.
L...., beiliegend No. III. Mein Name kann am Anfang, unter dem Titel stehen. Ändere an Kleinigkeiten, so viel Du willst, aber das Ganze möchte ich doch gebracht wissen, auch wenn es in seinem (wahrlich milden) Angriff gegen die Professoren Widerspruch erregt. Die Sache ist symptomatisch doch ein ernster Fall und ich kann sie nicht gut heißen. Du wirst Dich wohl wundern, daß ich heute so über die „Wissenschaft“ denke, im Gegensatz zu früher. Ich fand den Ausgleich nicht zwischen moderner Wissenschaft und der Kunst, die ich im Kopf hatte. Er muß aber gefunden werden und nicht au détriment des sciences, sondern in voller Verehrung vor der europäischen exakten Wissenschaft, — sie ist das Fundament unsres Europäertums; wenn wir wirklich eine eigene Kunst haben werden, wird sie nicht in Feindschaft mit der Wissenschaft leben.
Schicke Exemplar der „Vossischen“ an Köhler (mit ein paar Worten, daß ich es im Lazarett geschrieben etc.), dann an Kubin; ich bekam heute einen sehr netten Brief von ihm. Vielleicht besucht er Dich einmal; er möchte gern, hat nur sehr wenig Geld zum Reisen. Kandinsky und Jawlensky sind in der Schweiz, Klee scheinbar auch nach Kubins Brief. Schreib mir mal Kand. Adresse, wenn Du sie erhalten kannst, vielleicht durch Klee. Schick eine Nummer an Niestlé, er schrieb mir auch heute.
Morgen geht’s wieder los! Ich freu mich recht, wieder viel zu sehen und zu erleben. Ich hätte wohl einen Tag nach Kolmar fahren können, wollte aber nicht weil ich mir es für meine Vogesenreise mit Dir aufsparen will, — ist es nicht lieb von mir? So hab ich doch etwas, was ich nicht kenne, den Clou der Reise, noch vor mir. Aber in Straßburg, wo ich Station mache, um über die Richtung meiner Truppe etwas zu erfahren (sie soll bei Metz stehen, hörte ich heute) will ich in die Galerie gehen und Memling und Kölner sehen! Ich hab das Elsaß, von dem ich jetzt scheide, sehr lieb gewonnen; der französische Einschlag macht es so traulich und graziös, auch melancholisch. Der Dialekt ist sehr komisch, aber nicht unsympathisch. Furchtbar ist mir der Dialekt der Württemberger und Schwaben, — ich kann ihn so wenig ohne Nervosität hören wie das Sächsische, während ich erst jetzt ein Ohr für die Originalität des Kölnischen bekommen habe, das ich sehr gern höre. Der Krieg ist nämlich die reine Schule für Dialekt hören. Das Bayrische wirkt auch anders als daheim, auf mich viel besser, es hat etwas würdiges, bedächtiges und ungeheuer sicheres; wenn man einen Bayer zwischen all diesen Mundarten hört, imponiert er; es liegt etwas in sich Ruhendes darin. Etwas dumm wirken Hannöveraner auf mich, während famos Ostpreußen; ich hatte längere Zeit einen Ostpreußen als Putzer. — — — — — — —
Ich warte hier jedenfalls Dein Paket ab. Im Notfall reise ich erst Freitag mittag; es wird aber wohl schon vorher kommen. — Heut saß ich genau so friedlich, nur leider ohne Dich auf einer Bank im Stadtgärtchen, wie damals mit Dir auf der Bank unter unserm Apfelbaum, ehe ich fortzog, in ähnlicher Abschiedsstimmung wie damals. Die Tage hier waren wirklich so nett, daß es für mich ein wirklicher Abschied von hier wird. Und wie kam ich hier an! Als ich aus der Bahn stieg und 100 Schritt gegangen war, setzte ich mich erschöpft auf eine Bank; ich muß doch recht elend ausgeschaut haben; zweimal kamen Leute und frugen, ob sie mir etwas bringen könnten, Limonade oder dergl! Limonade und mein Magen! Um die Leute nicht weiter zu beunruhigen, schlich ich damals weiter in die Jägerkaserne. Abends war es mir ja dann besser und ich bummelte durch das Städtchen. Aber den Gang vom Bahnhof in die Kaserne werde ich nie vergessen. Ähnlich schlecht war es mir, als ich mich andern Tages ins Garnisonslazarett schleppte. Nachher amüsiert man sich über solche Erinnerungen, die mir eigentlich erst heute wieder kommen, wo ich weggehe.
17. X. (Sonntag).
L...., bin heute bis Gorze gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein Strohlager gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse Nebel. Gorze ein netter, großer Markt, kurz an der Grenze. Ich suche heute eine Fahrgelegenheit (Sanitätsauto, od. dergl.), Richtung Chamblay. Professor O. habe ich einen Kartengruß und Glückwunsch geschrieben. — Ich muß immer an August denken! Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß ihn sein Glücksstern verläßt.
Buxières 19. X. Montag.
Heute früh fuhr ich mit Offizieren in einem Auto nach St. Bénoit-Vigneulles, von da aus mit Fouragewägen südlich bis Buxières, wo unser Div. Stab ist. Nun kann meine Truppe auch nicht mehr weit sein. Unsre ganze Stellung liegt zwischen Toul und Verdun, vor St. Mihiel, wo der Durchbruch und darauffolgende Einschließung von Verdun erfolgen soll.
In Eile!
Gorze, 17. 10. Sonntag.
Ich bleibe heute hier, werde morgen per Auto nach St. Bénoit, wo das Generalkommando ist, gebracht. Dort soll ich dann weiter Gelegenheit bekommen, meine Truppe wiederzufinden. Sie scheint nicht mehr ganz in dieser Gegend zu sein. Denn niemand weiß recht, wo sie steckt. Ich bin froh um diesen Tag hier. Es ist ein so entzückendes friedliches Dorf zwischen zwei hohen Hügeln, die ganz überzogen sind mit Gemüse- und Obstgärten, jeder Garten durch eine kleine alte Mauer vom anderen getrennt; man kann stundenlang dazwischen umherwandern. Alles ganz herbstlich, die Wälder rot. Ich muß an unser Rieder Gärtchen denken, pflanz ja in diesem Herbst und Winter ein paar Bäume und ordentlich Büsche am Zaun, Johannisbeeren etc. und Haselnuß.
Meine Gedanken bedrängen mich jetzt oft, bis zum Kopfweh. Ich denke, es ist ganz gut, wenn ich wieder mal auf ein Pferd komme. Ich freu mich jedenfalls darauf. — Oberhalb der Gärten fand ich ein kleines Kapellchen und einige Grabstätten darum. Da liegen Soldaten aus der Schlacht bei Gorze 16. August 1870, es wirkte ganz wehmütig. — Hier in Gorze liegen frische Infanterietruppen, seit acht Tagen ganz unthätig, — ein Zeichen, daß man sie vorn noch gar nicht braucht! Sie sehnen sich hinaus und dürfen nicht! Beruhigend ist diese Tatsache unbedingt, die deutsche Sache steht gut!
Hagéville, 20. X. 14.
Liebe M., heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt! Sie liegt seit 14 Tagen völlig unthätig hier; man hat für unsre Feld-Art. jetzt, wie es scheint, keine Verwendung; cr. 150 Batterien sind außer Gefecht! Mir scheint, unsre nächste Bestimmung wird sein, irgendwo (ev. Belgien) Besatzungstruppe zu werden. Unser Pferdematerial ist in trostlosem Zustand, viele von der Mannschaft auch krank; diese tollen anstrengenden ersten Wochen in den Vogesen rächen sich jetzt. Jedenfalls kannst Du beruhigt sein: wir sind jetzt weder irgend welchen Gefahren, noch besonderen Strapazen ausgesetzt. Ich bin froh darüber, — so stark und gefestigt fühle ich mich doch noch nicht; man scheint es mir auch anzusehen. Der Leutnant sagt, ich soll mich nur in jeder Weise schonen; er freute sich, daß ich wiedergekommen bin; er ist übrigens auch krank, an derselben Sache. Ich werde mich jedenfalls mit Essen und Trinken äußerst zusammennehmen und mich genau beobachten. Das Dorf ist blutarm, alles in erschreckendem Schmutz. Ich habe mein Gepäck etwas revidiert: ich bin mit Socken, Hemden etc. sehr gut versorgt; nur Knie- und Ellenbogenwärmer fehlen. Ich fand nur einen. Um solche wäre ich jedenfalls sehr dankbar. Desgl. Schokolade, gute leichte Zigarren (die Du schicktest, waren fein, nur zerbrechlich im Format) und wenn möglich etwas von Deinen Likören. — Man redet jetzt viel vom nahen Ende des französischen Krieges, Bündnis mit Frankreich und dergl. Ich glaube, es ist etwas daran. Verdun schießt seit drei Tagen nicht mehr, alles steht in einem ungewissen Warten, das doch seinen Grund haben muß. Wenn es so ist, dann ist doch denkbar, daß unsre Landwehrdivision einmal nach Hause geschickt wird! Es ist wenigstens schön, solche Hoffnungen zu nähren!
Hagéville, 23. X. 14.
Ach Liebste,
Augusts Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden und mich äußerlich dazu stellen soll, — letzteres ganz wörtlich: die nackte Thatsache will einfach nicht in meinen Kopf. Ich zitterte die letzten Tage wirklich in Angst um ihn, ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fühlte in diesen Tagen, daß meine Nerven angegriffen sind, — und heute, wo ich von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein Bewußtsein ganz dumpf und stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten Lisbeth schreiben; zu einem Nachruf bin ich, glaub ich, in diesen Tagen nicht imstande; in einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fühle tief, wie ich an August hing; meine künstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos; Tagesstimmungen; der Mensch war doch tausendmal mehr und war zu allem reif, zu jedem Gedanken, mit denen ich nun allein ringen werde! Wahrscheinlich ganz allein. Gewiß hast Du mit * * * recht. Die Not des Alleinseins machte mich so optimistisch und die wirkliche Erstlingsthat, die sein Gedanken- und Bilderwerk nun einmal ist. Sicher ist mir auch, daß wir ihn menschlich und „auf gut deutsch“ mißverstehen. Er ist uns im höchsten Grade fremdrassig, nur westeuropäisch maskiert. Mit einem gleichbedeutenden Chinesengeist würden wir uns auch nie verstehen. Vielleicht war es nur einem so „fernen“ Geiste möglich, die kranke europäische Kunst so zu durchschauen. Du schreibst ja auch ganz richtig über * * * und ihn — Slaven; aber bei * * * darf man seine That nie vergessen.
— — — — — —
Grüße und streichle die Rehkinder
— — — — — Frz.
Sonntag 25. X. 14.
Liebste, 8 Wochen! Das wunderschöne milde Herbstwetter dauert immer fort; wir leben unser friedliches Dorfleben; bis auf die fast täglichen Fliegerkämpfe über uns merken wir jetzt nicht viel vom Krieg. Das Beschießen der Flieger mit unseren Steilfeuergeschützen ist sehr interessant und aufregend; einen regelrechten Kampf von Flugzeug gegen Flugzeug hab ich noch nicht erlebt. Die Deutschen drücken den feindlichen Flieger noch von seiner Bahn ab und suchen ihn in die Batteriebereiche zu drängen.
Einiges von Eurer Post, auch ein paar Briefe scheinen wohl bestimmt verloren zu sein, und zwar beim Brand von Saales, bei dem 8 große Postsäcke nicht mehr gerettet werden konnten. Ich schrieb Euch damals, daß französische schwere Geschütze Saales plötzlich in Brand geschossen haben. Das Gleiche passierte am 21. X. hier in Buxières, wo der Div. Stab war und die Post. Es sollen 2-3 Säcke verbrannt sein. Das sind halt unvermeidliche Dinge im Krieg und man muß sich damit abfinden. Sonst kann ich speziell sehr zufrieden sein, im Gegensatz zu manchen Kameraden. Durch die Bezeichnung 1. und 4. F. A. R. soll manches in die aktiven Regimenter sich verlieren, darum lassen wir diese Bezeichnung jetzt ganz weg. Offizier- und Mannschaftspost wird vollkommen gleich behandelt. —
Ich fühle mich gleichmäßig wohl, gleichmäßig traurig. Ich verwinde Augusts Tod nicht. Wie viel ist uns allen verloren; es ist wie ein Mord; ich komme gar nicht zu dem mir sonst ganz geläufigen Soldatenbegriff des Todes vor dem Feind und für die Gesamtheit. Ich leide schrecklich darunter.
H...., 30. 10. 14.
L. M., Seit 3 Tagen stockt die Post für meinen Teil wenigstens ganz; ich bin immer unruhig über Augusts Schicksal was zu hören; wenn es Nachrichten über ihn gibt, wiederhole sie bitte des öfteren in Deinen Briefen und Karten, wenn etwas verloren geht, erfahre ich es dann beim nächsten Schreiben. Ich sandte Dir einen kleinen Nekrolog, in der guten Hoffnung, daß er umsonst geschrieben sein möge. Hier gibts nichts Neues; wir essen und leben gut. Was mir abgeht, ist vor allem etwas von Dir Gebackenes zum Thee und Kaffee; ev. einmal, wenn das Regimentspaketköfferchen kommt, etwas Eingemachtes in Blechbüchsen. Es geht mir famos.
Hagéville, 1. Nov. 14.
Liebe Maman, heut an „Allerheiligen im Felde“ schicke ich Dir einen kleinen Gruß aus meinem Gärtchen, in dem ich jetzt viel sitze und nachdenke und schreibe. Es ist jetzt der richtige Nachherbst, der „Altweibersommer“, wie wir ihn in Bayern nennen, gekommen, Tage von einer melancholischen Stille und unsagbarer Milde, nur vom ewigen Kanonendonner im Westen und Süden (Toul-Verdun) durchrollt. Auch in der Nacht zittern die Fenster oft unaufhörlich. Es sind jetzt die schweren Geschütze vor Verdun und Toul, die wir am dumpfen Rollen kennen. Heute war der erste Feldgottesdienst, den wir im Felde erlebten, draußen auf der freien Wiese, bei den Geschützen, da die Kirche als Vorratshaus eingerichtet ist. Ich gehe öfters auf den kleinen Friedhof, der dem Pippinger sehr ähnlich ist. Es ist so merkwürdig und rührend, all die fremden französischen Namen zu lesen, noch aus der 1. Napoleonszeit und früher mit alten Grabsteinen. Ich dachte heut so lebhaft an Papas kleines Grab, dessen einfache Platte auch an diese Gräber erinnert, und hab ihm in Gedanken einen kleinen Strauß darauf gelegt. Unser Leben hier ist unverändert; ich reite jetzt wieder jeden Tag 1-2 Stunden mein Pferd (einen kräftigen Fuchsen, dem die Ruhe jetzt sehr wohlthut); sonst schreibe und lese ich und gehe stundenlang mit meinen Gedanken im Garten auf und ab. Dazwischen kommen Tage mit Wachdienst, Requirierungen; letzthin hatte ich Straßenbau zu beaufsichtigen usf. Aber viel Dienst ist nicht. Ich fühl mich jetzt wieder so kräftig wie früher, nur darf ich kein Bier trinken und muß überhaupt vorsichtig mit Essen und Trinken sein. Mein Darm (oder ist es der Magen, ich weiß es nicht) ist merkwürdig empfindlich geworden; aber ich kann mich hier gut halten; — — — — — Nimm mit diesem kleinen Allerseelengruß einen lieben Kuß von D. Frz.
Hagéville, 11. XI. 14.
Liebe Maman, jetzt wird’s allmählich wirklicher Herbst, auch bei uns, kalt und fröstelnd. Beschämt sitzen wir in unserem gemütlichen Quartier, wenn wir an unsere Kameraden in der Front denken, in den Geschützständen und Schützengräben. Das einzig Trostvolle auch für jene, ist, daß sie die Siegenden sind; denn wenn es auch langsam geht, so schließt sich der Ring um das feindliche Heer immer enger und drückender; man stürmt wenigstens hier und in den Vogesen nicht mehr so wahnsinnig vor, wie im September und August, um das gute Menschenmaterial nach Möglichkeit zu schonen. Nun tobt dieser fürchterliche Krieg auch bald über ganz Asien, Persien, China werden unrettbar hineingerissen und ich glaube nicht, daß Amerika sich bis zum Ende dem Kampf entziehen kann. Dieser Weltbrand ist wohl der grausigste Moment der ganzen Weltgeschichte. Ich denke oft, wie ich als Bub und Jüngling trauerte, keine große weltgeschichtliche Epoche zu erleben, — nun ist sie da und fürchterlicher als es sich irgendeiner träumen konnte. Man wird klein vor der Größe dieser Ereignisse und fügt sich geduldig in den Platz, der einem vom Schicksal gewiesen wird. Ich empfinde diesen Krieg schon lange nicht mehr als deutsche Angelegenheit, sondern als Weltereignis. Gewiß hast Du recht, daß viele zum Bewußtsein von Gedanken und religiösen Gefühlen kommen werden, die sie lange für verloren und überwunden glaubten. Mir geht es ebenso. Die ungeheure seelische Erschütterung läßt uns unser ganzes Wissen und unsere Überzeugungen bis zum Grunde prüfen. Nur denke ich, daß man nicht auf alte Glaubensformeln und Gewohnheiten zurückgreifen kann, wenn man wirklich Grund fassen will in diesem Meer von Unruhe und Kriegsgewühl, sondern daß sich neue religiöse Gedanken bilden werden, ein ganz neues europäisches Reich. Das religiöse Gefühl bleibt im Menschen immer dasselbe, aber es äußert sich in immer neuen Formen. Die alten Griechen waren in ihrer Art ebenso religiös wie die Inder und Mohammedaner und Christen, und die neuen Europäer des 20. Jahrhunderts werden nicht weniger religiös empfinden, nur eben auf ihre Art. Darüber grüble ich viel, wohin, auf welches Ziel und in welche Formen sich der moderne Mensch verändern und entwickeln wird. So wie Europa gewesen ist, kann es nicht lange bleiben, auf keinen Fall nach diesem ungeheuren Kriege. So schmerzlich und wehmütig mir die Trennung von meinem Heim und meiner Arbeit ist, so bin ich doch froh, heraußen zu sein. Ich würde mich zu Hause bedrückt und krank fühlen. So lebe und erlebe ich alles mit. Ich werde auch hoffentlich alles gesund überstehen. Hier in H. können wir Kräfte sammeln. Wir sind gut verpflegt, Hunger und Durst leidet hier kein Soldat. — — — — —
Hagéville, 16. XI. 14.
L....,
heut kam Dein Brief vom 9. Es thut mir herzlich leid, daß Ihr soviel Unruhe mit den Hunden habt; ich halte Russi wohl für ziemlich alt. Wenn ihr die Notwendigkeit seht, seinem Leben ein krankes Alterssiechtum zu ersparen, so gebt ihm ruhig das Gnadenmittel. Ich hab auch hier Pferde, die ich lieb hatte, ruhigen Herzens erschossen, wenn ich sie leiden sah. Man kann die Tiere beneiden, daß man ihrem Leben diesen Abschluß geben darf. Ich glaube nach den Sindelsdorfer Erfahrungen nicht, daß er noch einen Winter überleben wird. Seine Zähne und sein Magen sind schlecht. — Jetzt gibt es keine heiße Hündinnen, die Zeit ist — meines Wissens wenigstens — unbedingt zu spät. So glaube ich auch nicht, daß Welf jetzt darunter leidet. Frühjahr und Frühherbst sind die Zeiten. Auch merkt man es dem Hunde, an schlechten Gewohnheiten, meist an; ich merkte nie etwas an Welf. Wenn Welf einmal allein ist, — und mit den Jahren wird er wohl noch ein sehr guter Hund werden. Bewegung hat er wahrhaftig genug, vor allem jetzt im Herbst und Winter, wo er im ganzen Garten laufen kann. So lang Russi lebt, würde ich Welf nicht zum Spazierengehen mitnehmen. Die Eifersucht und Wut wird nur noch größer und auch Welf wird eher, wenn er dann einmal daheimgelassen wird, erst recht närrisch. Eher gebe ich Euch den Rat, Russi B.’s in Pflege zu geben, damit die Rauferei einmal ein Ende hat. Ihr könnt ihn dann bei B.’s, oder wo Ihr ihn sonst habt, zum Spazierengehen abholen. Dann ist wenigstens Ruhe im Hause und Garten, und Welf, den wir brauchen, wird nicht ganz närrisch und verdorben, wie ich es etwas fürchte; ich kenne ja die Geschichte zur Genüge und wie machtlos man ist. Welf wird ganz anders sein und sich ziehen lassen, wenn er allein ist. Wenn man mit ihm zuweilen spielen darf, hat er genügend Bewegung.
— — — — —
Wie ich lebe? Die Kolonne hat 3 „Züge“ à 3 Wagen. Ich bin als Unt. Off. dem 3. Zugführer (Sergeant) zugeteilt, ohne besondere Funktion, da ich Meldereiter der Kolonne bin. Ich wohne mit ihm, einem sehr netten Menschen, Stadtgärtner St. (der uns bestimmt nach dem Kriege besuchen will und Dir Rat in Gartenangelegenheiten geben wird) und noch zwei anderen Gefreiten in einem Zimmer. Ich allein hab ein anständiges Bett, die 3 anderen schlafen auf einem Heulager, das wir ins Zimmer eingebaut haben. Früh zwischen 5 und 6 stehe ich mit St. auf, das Kaminfeuer wird angezündet und Kaffee gebraut. Dann sitzen wir meist 1-2 Stunden Pfeifen rauchend am Kamin, Stunden, die ich sehr gern habe. Natürlich trifft ab und zu Dienst, sodaß man gleich früh anspannen und wegreiten muß. Wenn’s hell wird, gehe ich vis-à-vis ins Quartier vom Wachtmeister, wo ich eine, den hiesigen Umständen nach nicht einmal so schlechte Waschgelegenheit habe. Seife langt noch für lange, ich hab auch von K.... bekommen. Soweit ich nicht abkommandiert werde, kann ich meinen Aufenthalt am Tage zwischen unserm Zimmer und dem Kanzleizimmer teilen, je nachdem hier oder dort mehr Ruhe ist; abends wird zuweilen tarokt. Für meine Sachen hab ich einen ziemlich großen Wandschrank. —
Heute erhielt ich einliegenden Brief von Kandinsky, gestern ein Schokoladepaket von Münter. — — — — —
Mit dem * * * bin ich jetzt wenig zusammen, da er ständig mit den Offizieren der Abteilung ißt. Ich bin im Grunde sehr froh darüber, da ich mehr allein bin und für mich arbeiten kann. Ich sehne mich noch nicht nach Verkleinerung der Zeit, der Höhepunkt ist noch nicht da; nur jetzt nichts halbes. Wir müssen die Härten der Zeit tapfer tragen, der Geist der Stunde ist es wert.
Hagéville 18. XI. 14.
L....,
unser Leben geht still weiter, oft viel Dienst, Ritte nach der oder jener Etappenstelle, Fuhrdienst in die Front vor, (wo die Artillerie übrigens auch keinen besonders schweren Dienst hat, — kein Vergleich mit den Vogesen!).
Das in den amtlichen Berichten angegebene „langsame Vorrücken“, kleine Erfolge, Zurückweisung französischer Ausfälle und Angriffe ist buchstäblich wahr; das schöne dabei ist, daß die lakonische Ruhe dieser Berichte der Ruhe und Sicherheit der deutschen Stellungen entspricht; alles wartet auf die Entscheidung im Norden. Sobald wir dort die Sieger sind, ist die französische Frontstellung nicht mehr haltbar, weil wir dann von Norden her die Etappenlinien der Franzosen eindrücken können.
Es waren jetzt wieder wundervolle Herbsttage, schwerer Frost und ganz weiße Morgen; es ist großartig, bei Sternenlicht losreiten oder fahren und dann die Sonne kommen sehen, die den weißen, glitzernden Reif löst. In den Dörfern dampfen die Misthäufen, — Du kennst ja die Stimmung. Eine merkwürdige Steigerung derselben liegt für mich in dem französischen Dorfbild, lauter Monets, Sisley und van Goghs. Das Aussehen der französischen Dörfer ist ja auch hier äußerst typisch. Nirgends Ziegelbauten, sondern alles aus einem graugelben Sandstein, meist nur schlecht getüncht. Diese französisch-impressionistische Stimmung ist für mich wie eine Kindererinnerung; ein wehmütiges Gefühl beschleicht mich dabei; aber immer, wenn ich mich in solche Szenen vertiefe, ertappe ich mich dabei, daß ich statt dem Kalt und Warm und der Luftperspektive, Zahlen sehe, rein abstrakte Klänge und schnell ist der impressionistische, anheimelnde Traum vorbei und die Arbeit beginnt!
Hab ich Dir eigentlich erzählt, daß ich jetzt viel mit Herrn * * *, den ich als Kriegsfreiwilligen in München unter mir hatte, zusammen bin? Er ist seit einigen Wochen hier, als „Schreiber“ bei der Abteilung. Er ist ein sehr feiner, hochgebildeter Mensch, dessen Verkehr mir eine große Wohltat ist.
— — — — —
Oft treffe ich auf meinen Etappenritten mit rheinischen Truppenteilen zusammen, was mir früher immer eine Freude war, der rheinische Dialekt, — ist mir jetzt fast qualvoll, da ich immer an August denken muß, — so wie ich eben auch vorher an ihn erinnert wurde, aber im gegenteiligen Sinn. Ich bin ganz wehmütig, wenn ich es jetzt höre.
Von den vielen guten Sachen, die Du mir geschickt hast, haben mich doch am meisten die — Äpfelchen gefreut; ich habe sie mit solchem Stolz verzehrt! Ausgezeichnet mundet mir auch der Kurfürstliche. Ich kann den schlechten Schnaps, den man hier bekommt, nicht trinken. Anfang des Krieges habe ich ihn unbedenklich getrunken, vielleicht zu viel; ich bin froh, daß er mir widersteht, — um so größere Wohlthat war mir Euer Schnaps; das nette, korbgeflochtene Fläschchen hab ich noch nicht probiert. Jedenfalls seid Ihr beide sicher, daß mir Euer Rieder Leben durch die Sendung besonders nah gerückt ist; beim Kurfürstlichen muß ich sogar immer an die lieben Abende in Berlin denken. Wie ist das alles fern und weit zurück!!! Morgen werd ich in Gedanken den Geburtstag von Mama mitfeiern. Ich schrieb Mama ein Kärtchen. Lebt wohl; bleibt gesund — — — — —
Hagéville, 23. XI. 14.
L.... Einliegend das Manuskript. Ich bin neugierig, wie es Dir gefällt und ob Du es für verständlich hältst. Natürlich fehlt mir hier die Ruhe, Form und Ausdruck ganz auszuarbeiten, vor allem die Stille, um das ganze Gedankengefüge auszubalanzieren. Ich muß mir meine Arbeitsstunden zu sehr stehlen. Aber doch möchte ich es gedruckt wissen, eben jetzt, in dieser unzeitgemäßen Stunde, in der alle bloß an das Heute und Morgen denken. Vielleicht antwortet jemand, das wäre mir sehr recht, zur Gegenantwort. Denn ich bin im tiefsten Grunde überzeugt, daß meine Gedanken über Europa wahr sind, wenigstens möglich sind, — letzteres wäre mehr als wahr, weil es auch die ganze Zukunftsaufgabe in sich schlösse. Ich werde in meiner kommenden Arbeit immer wieder um dieses Thema kreisen und es immer wieder neu zu fassen suchen, bis ich auf den reinsten Ausdruck komme. Ihr (darunter verstehe ich Dich und Klee) könnt unbesorgt kleine Änderungen an meinem Konzept vornehmen, den einen oder anderen Sprung logischer verbinden, wenn es Euch nötig scheint. Im übrigen fürchte ich keine Angriffe, meine Waffen sind heute geschliffen; Angriffe könnten meine Gedanken nur stärken und erweitern.
Gestern kam Dein Brief vom 7. XI., also verspätet. Die Gefahren, die Wilhelm als Batterieführer drohen, sind eher geringer, als als Zugführer, da er nicht mehr unmittelbar bei den Geschützen steht, die doch immer das Hauptziel bilden. Aber schließlich sind die artilleristischen Gefahren sehr unberechenbar, — man muß einfach Glück haben. Anfang des Krieges waren die Artillerieverluste, auch bei den Kolonnen, selbst den schweren Artillerie-Kolonnen weit größer als jetzt, weil die Etappentechnik und Sicherungen im Anfang nicht so geregelt sein konnten. Heute ist man hundertfach vorsichtiger geworden, man kennt den Mechanismus, die gefährlichen Infanterieangriffe, die uns so viele Verluste gebracht, sind heute kaum mehr denkbar, höchstens bei panikartigen Rückzügen, die uns hoffentlich erspart bleiben. — Sehr nett ist die Geschichte der Palästinawanderer; schlecht * * *’s Antwort. — Habt Ihr die Bäumchen im Rehgarten vor dem bösen Schlick geschützt? Thut es bitte. — Gestern kam einliegender Brief vom Helmuth! via Schlettstadt. An H. werd ich schreiben. Schnee haben wir keinen. Ich fühl mich wohl; vor allem haben die Nervenschmerzen, an denen ich nach der Lazarettzeit litt, ganz aufgehört. Mit Essen und Trinken muß ich immer gleich vorsichtig bleiben, aber so geht es wenigstens ohne Störung.
Weihnachten werden wir wohl sicher hier verleben; schick mir nur Backwerk und dergl. — Selbstgemachtes, das freut mich am meisten und macht mich gesund.
5. Dez. 14.
L. M.,
heut findest Du ein sehr unscheinbares neues 1/10 Maßkrügelchen, aber ich denke wohl aus gutem Zinn, — (wenn es nicht Blei ist; dazu scheint es mir aber zu leicht) Du wirst Dir schon denken können, wozu ich’s mitnahm: zum Bearbeiten. Man kann ganz tief hineinziselieren, den Henkel klopfen u. s. w. Ich sehe es schon in seiner künftigen Gestalt.
Heute abend werde ich den heilg. Niklas spielen und mit meinem großen Pelz und langem Bart französischen Kindern bange machen. Einen kleinen Sack voll Nüsse etc. hab ich schon; in was für komische Situationen man doch kommt! Mir liegen ja solche Dinge nicht, aber da niemand französisch kann als ich, hab ich’s gern übernommen. Hagéville kann sich jedenfalls über die deutsche Soldateska nicht beklagen! — Ich bin nur neugierig, wie lange wir in diesem kleinen Dürrnhausen noch liegen; allmählich wird die Sache doch sehr langweilig; ich wenigstens bin in den letzten Tagen etwas melancholisch und nervös — ungeduldig. Ruhe zum Arbeiten und Denken hat man doch selten und eine wirkliche Thätigkeit fehlt vollkommen, bis auf seltene Tage. Vielleicht, wenn Schnee und Kälte kommt, wird es meinen Nerven gut thun. Nervenschmerzen hab ich übrigens gar keine, ich rede nur von einer ganz ordinären nervösen Stimmung, die mich vom richtigen Arbeitenkönnen abhält; meine Schreiblust wird schon wieder kommen. Ich fühl mich ganz gesund, bis auf Schnupfen, den ich nicht recht los werde, aber ich fühle mich allmählich „unnötig“ hier; das ist das Ganze. Ich wollt, es gäb wieder mal eine Veränderung; es wird aber wohl bis Januar dauern. Wenn ich an meine Arbeit und an’s Malen denke, werde ich ganz fiebrig. Wir sind so streng angewiesen, nichts militärisches, was wir hier alles erleben und sehen, nach Hause zu schreiben, daß ich mich zurückhalte, manches Interessante zu schreiben; die französische Spionage arbeitet mit allen Mitteln und hat es stets auf die Post abgesehen. Man kann durch ein unvorsichtiges Wort unendlich viel verraten. Lange wird die Spannung der Heere nicht mehr dauern! Ich denke, der Höhepunkt wird noch vor Weihnachten erreicht sein.
Hagéville 11. Dez. 14.
L...., heute war plötzlich Alarm. Die Abteilung rückt ab zur Sicherung einer angegriffenen Stellung bei Pont-à-Mousson (südlich Metz, lothring. Grenzgebiet). Dort brechen die Franzosen immer wieder mit größeren Verbänden durch, (eine Meldung davon war ja auch kürzlich in den amtl. Berichten.) Wir sollen aber nach dieser Expedition, die voraussichtlich nicht lange dauert, wieder in unser Hagév. Quartier zurückkehren und ich — soll als Aufsicht und Quartierhalter hier mit zwei Mann zurückbleiben! Der Leutnant * * *, der immer sehr nett zu mir ist und meine Gesundheit für weit gefährdeter hält als sie ist, hat mir diesen Posten angetragen; ich hätte ihn wenn ich mich sehr gesträubt hätte, wohl ausschlagen können, aber nach meinen Prinzipien, hier im Kriege alles zu nehmen, wie es an mich kommt, willigte ich sofort ein; ich dachte auch an Dich, — Du wolltest sicher lieber, daß ich im stillen Hagéville bleibe. Es werden recht stille, merkwürdige Tage für mich werden; ich werde sehnsüchtig die andern in Gedanken begleiten; denn im Herzen wär ich gern mitgezogen. Ob sie freilich sehr viel dort erleben, ist fraglich. Sie werden mit der Bahn ab Mars-la-Tour verladen und rücken dann von Metz aus vor oder bleiben in Metz als Reserve stehen. Besondere strategische Bedeutung wird diesem Einbruchsgebiet nie beigemessen; es kann den Franzosen eher passieren, daß sie abgeschnitten werden und diese strategisch schlechten Vorstöße einmal teuer bezahlen. So sehen wir wenigstens diesen Punkt an. Vom Stab bleibt auch jemand, ein Offiziers-Stellvertreter mit ein paar Mann hier. Wir haben einige kranke Pferde, die zurückbleiben müssen, sollen die Thätigkeit der Einwohner etwas beobachten, wachsam sein und die Quartiere halten. In einer Beziehung freue ich mich auch wieder auf diese ganz stille Zeit. Unser Platz hier ist vollkommen sicher, die paar Einwohner sind alles alte Leute, oder Frauen mit vielen Kindern, — die sind froh, wenn wir ihnen nichts thun.
Der Kampf in den letzten Tagen ist wieder sehr heftig, die Fenster zittern und klirren vom Kanonendonner unaufhörlich. Was wird es wohl mit unsrer Weihnachtspost sein? Die wird wohl liegen bleiben, bis sich wieder alles in Ruhe in Hagéville versammelt! Wir sind in den letzten 8 Wochen doch arg verwöhnt worden! Es kam mir heute vor, wie ein Alarm in einem Veteranenverein, — alte Leute, die sich nicht gern in ihrer Ruhe stören lassen. Und dagegen unsre Vogesenzeit!! — Also sei nicht ungeduldig, wenn Du in der nächsten Zeit nichts hörst von mir, — vielleicht finde ich ja auch Postgelegenheit, aber sicher ist nichts, — vor allem werde ich zunächst nichts von Dir bekommen!
Gute Weihnachten! — — — — —
H, den 13. Dez. 1914.
L., meine plötzliche Einsamkeit im leeren Dörfchen erzeugt eine ganz traumhafte Stimmung in mir; ich bin wie auf einer Insel; man weiß, daß draußen, am Horizont das riesige Leben ist und man kann nicht zu ihm. Ich sitze viel in meiner Bude (Hieron. im Gehäuse!) und schreibe wieder an einem neuen Aufsatz. Sorge bitte, daß ich durch den Abdruck der Aufsätze nicht das Autorrecht verliere, sie nachher gesammelt herauszugeben. Die Schrift, an der ich hier noch arbeite, wird auch Aphorismusform bekommen, sodaß gut alles zusammen in einem Buch vereinigt werden kann. Erkundige Dich mal darüber, ev. bei * * *, der sich wohl darin auskennen wird.
Weihnachtsurlaub ist ausgeschlossen, aber 8. Februar komme ich. Ich sehne mich jetzt oft schrecklich nach Hause, aber man muß tapfer bleiben. Monate zählen heute nicht. Bleib nur gesund und frisch, dann ist alles gut. — Draußen ist ein elendes Schweinewetter; meine Kameraden haben’s nicht gut. Und ich sitz hier gemütlich im Trocknen; ich hab halt „Glück“, wird Maman sagen.
H, den 15. Dez. 1914.
L., meinen Brief, der von unsrer Abreise und unserm Ausscheiden aus dem Divisionsverband berichtet, wirst Du hoffentlich erhalten haben. Morgen ziehen wir los. Stell Dir vor, daß wir die gesamte Weihnachtspost, (sie füllt ein kleines halbes Zimmer in Manneshöhe!) mitschleppen müssen! Meine harmlose Aufgabe hier wächst sich zu einem taktischen Problem aus, zum mindesten zu einem Transportproblem und Kunststück. Die Armeeabt. Gaede, der wir jetzt angehören, resp. die Division Fuchs, ist eine Landsturm-Division! Also beunruhigen brauchst Du Dich gar nicht. Ich sehe sogar damit die Aussicht, früher heimkehren zu können; denn am ersten werden wohl die Landsturmformationen aufgelöst werden.
Eben kommt Nachricht, daß die Abteilung hierher — zurück — kommt, also alles beim alten bleibt. Ich glaub’s nicht; warte jedenfalls bestimmte Nachricht ab, ehe Du Briefe mit neuer Adresse schreibst.
Metz 16. Dez. 14.
L., nun ist die Unsicherheit endlich behoben; wir wurden heut nacht 1 h alarmiert. 4 Stunden Zeit um die ganze Weihnachtsbagage, kranke Pferde etc. in Bewegung zu setzen, bei wahnsinnigem Sturm und Regen. Schön war dieser turbulente Abschied von Hg. doch! Jetzt sitzen wir schon gemütlich auf der Bahn und freuen uns, wieder Neuem entgegenzufahren. Die Adresse wird nun schon stimmen. Armee-Abt. Gaede etc. — — Wir haben ca. 800 Weihnachtspakete als Transportgut!! Deines ist leider nicht dabei, kommt also am Postweg nach — aber wann?!
Gute Weihnachtstage!
Mühlhausen, 17. Dez. 14. Abend.
L.,
nun ist doch Dein Weihnachtspaketchen mit allen seinen guten Sachen und Lichtchen noch angekommen, vom Regiment direkt hierher! Das Regiment hat natürlich von unserm Alarm sofort gehört, und da es per Auto die Sachen bringt, kam es heute schon hier an. Ich hab mich schrecklich gefreut; es wäre mir Weihnachten doch traurig gewesen, ohne Dein Paketchen dazusitzen. Allerdings esse ich die Sachen natürlich jetzt schon kräftig an, erstens schmeckt alles viel zu schön, um nicht sofort damit anzufangen, ich war gerade heute sehr empfänglich, da die Reise sehr anstrengend war und dann jetzt die Alarmgefahr, d. h. plötzlicher Quartierwechsel zu drohend ist; da kann man nicht Vorräte aufstapeln. Von Koehler kam auch großes Paket, eine riesige Hartwurst und vieles andere, eine sehr männliche Sendung gegen die Deine süße. Die Äpfelchen freuten mich so. Hoffentlich kommt mein ganz schlichter Weihnachtsgruß auch in Deine Hände! Verlebe Weihnachten nur recht fröhlich und zuversichtlich. An Urlaub ist nicht zu denken, aber daß es verhältnismäßig bald und plötzlich zu Ende gehen wird mit dem Krieg, das glaub ich mit jedem Tag mehr. Es wäre doch heller Wahnsinn von Frankreich noch Monate die nicht mehr zweifelhafte Entscheidung hinauszuzögern, nachdem Rußland so versagt hat und die Kosten für Frankreich ins Ungemeßne steigen, wenn es den Krieg bis zum letzten Tropfen ficht. Ich glaube, es gibt irgendwo einen Sieg und Durchbruch der Deutschen und darauf folgend einen ganz plötzlichen Umschwung der ganzen Lage. England wird allein weiter machen, aber ohne den Franz Marc.
Hier ist jetzt regelrechtes Kasernenleben, das mir so unsympathisch ist wie am Anfang in München. Das ist nicht Krieg, sondern Garnison, obwohl wir nahe am Feind sind (ebenso nahe als ungefährlich). Was „Kaserne“ ist, wirst Du etwas nachfühlen, wenn Du jetzt vielleicht in der Max II. warst; ça pue, man ist völlig unfrei durch das Milieu, durch den Mangel an Originalität und Intimität des Milieus. Das Einzige, was mich freut, sind die Ställe. Wie sich die armen Pferde darin freuen und ins Stroh legen! Es ist der Stall der Jäger zu Pferd, prachtvoll gebaut. In den Ställen in Hagéville konnte man die armen Tiere kaum im Stall satteln, da der Sattel an den Dachbalken streifte, nirgends frisches Stroh; es zog meist so entsetzlich, daß ich vor Angst eigener Erkältung mich nie dort aufhalten konnte. Die Wunden heilten schlecht, weil sie in der Dreckluft und Staub der Ställe sich immer neu infizierten. Mir blutete oft mein Herz um die armen Pferdchen. Und jetzt dieser Unterschied! Leider war ich am ersten Tag hier nicht dabei; man erzählt, nach einer Stunde hatten sich fast sämtliche Pferde gelegt und im trocknen Stroh gewälzt vor Vergnügen!! Der Gedanke an die Pferde versöhnt mich mit dem langweiligen Kasernbetrieb. Ich glaube übrigens nicht, daß unsres Bleibens hier lange ist. Die II. Batterie, die in Stellung war und glänzend geschossen hat, kehrt morgen schon wieder siegreich nach Mühlhausen zurück. Der Ruf der Bayern scheint durch dieses kurze „scharf schießen“ dieser Batterie einen neuen Lorbeer errungen zu haben; die Begeisterung, mit der man überall, auch Metz, Straßburg und hier, uns Bayern begrüßt, ist unbeschreiblich. Man glaubt kaum an einen Sieg, wo nicht Bayern dabei waren und durch ihr Draufgehen den Ausschlag gegeben haben.
Dank Dir sehr für die Mombert-Bücher; ich bin sehr neugierig welchen Eindruck sie jetzt auf mich machen. Ein paar zufällige Zeilen, die ich drin las, haben in mir schon wieder dieses leise Glücksgefühl geweckt, das ich bei vielen seiner merkwürdigen Zeilen habe. Dank Muttchen für das eau de Cologne, das mir recht wohlthun wird. Also den Weihnachtsabend wollen wir alle fröhlich sein und unsrer sehnsüchtig aber nicht traurig gedenken; es wird für uns alle wieder alles gut, nur um August werden wir zwei immer trauern.
Ich habe in den 3 stillen Hagéviller Tagen scharf an meinem Gedankengang gearbeitet, — nun ist alles durch den Alarm wie abgerissen und ich entwirre es wie einen zerfahrenen Knäuel.
Nun, brennt Ihr Euch ein paar Lichtchen; ich zünd die meinen auch an und das kleine Bäumchen von Lasker. — — — — —
Mühlhausen, 22. XII. 14.
L., eben sandte ich Dir ein Kärtchen, als hinterher die erste Post alter Adresse mich hier erreichte, von Dir den seinerzeit ungeduldig erwarteten Brief über den Empfang meines Artikels; er hat mir mit allem, was drin steht, damals sehr gefehlt. Es freut mich riesig, daß Dir meine Gedanken so gut eingehen, es wird mit dem 3. Artikel, an dem ich jetzt arbeite und der viel schwieriges, wenigstens für mich schwieriges enthält, hoffentlich und gewiß auch so sein. Es ist so ziemlich die Kehrseite der Münze, die ich im vorigen Artikel geprägt habe. Ich habe Angst, daß man meinen Gedanken für schön und gut aber utopistisch erklärt, — es ist der Einwurf, dem ich am leidenschaftlichsten begegnen will. Die Verwirklichung meiner Zukunftsvorstellung werde ich ja nur in Bildern versuchen können, aber ich hoffe mit aller Glut, daß Männer kommen, die es in Literatur und Philosophie und Sitte verwirklichen, wenigstens für einen kleinen Kreis von Menschen; dieser kleine Kreis würde mehr beweisen als wenn die schwerfällige Masse sich in Bewegung setzte. Daran denke ich gar nicht. — — — — —
Ich bin hier oft nervös und gedrückt und zwinge mich mit aller Herbheit zur Ruhe inmitten eines greulichen Milieus und wundere mich über mich selber; denn es gelingt mir, daß mich alle Kameraden gern haben und soviel ich merke, auch die Vorgesetzten. Jedenfalls hatte ich noch nie die geringsten Unannehmlichkeiten; freilich bin ich innerhalb meiner Truppe der Einzige, der auf Ehrenzeichen und Beförderung nicht ehrgeizig ist, — solche Leute sind gut zu haben und leicht zu lieben! — Einliegend Brief von Helmuth. Gewiß wird er ein anderer Mensch werden durch den Krieg; er ist doch noch ganz, ganz jung; wenn ich diesen lieben Brief lese und dann denke, wie wir vor 4 (oder sind es 5) Jahren den Maler Helmuth ansahen, — ist es nicht komisch? — — — — —
M., 23. XII. 14.
L., gestern abend feierten wir unser Soldatenweihnachten, — Kasernweihnachten; es war recht nett arrangiert, Baum und Lichter, Freibier, Tabak und kleine Geschenke, mit denen der Leutnant sehr liberal die Kolonne versorgte. — Wir hatten gestern ein kleines Exerzieren in der Umgebung von Mühlh., Besichtigung durch den General F., der sehr entzückt schien über „die Bayern“. Es scheint mir sehr sicher, daß wir bei dieser Division dauernd bleiben. Mir ist’s ganz recht, wenn die Sache nur nicht allzu dauernd ist! Es scheint doch, daß die Deutschen mit dem Durchbruch warten müssen, bis sie Verstärkungen aus dem Osten heranziehen können. Die Hartnäckigkeit der Franzosen wird mir — politisch gedacht — immer rätselhafter, der selbstmörderische Drang ist stärker als die politische Überlegung. Es ist unheimlich zu sehen, wie die staatliche Interessenpolitik, die ein Werkzeug eines tieferen Willens ist, sich gegen sich selbst wenden muß, wenn dieser tiefere Wille es will! Das sind die sogenannten „Fehler“ in der Politik. Wir wollen geduldig sein und kein vorzeitiges, halbes Ende wünschen, wenn auch unsere „Interessen“ ein schnelles Ende verlangen. Wie sehr ich’s verlange!
Habt Ihr was von Wilhelm gehört? Ich vermute und hoffe, daß er jetzt einen ruhigen Grenzdienst hat, nachdem sich der fabelhafte Entscheidungskampf so tief südlich abgespielt hat. Am russischen Schauplatz spielt sich der Krieg, wie ich ihn träume und deute, zweifellos nicht so rein ab, wie zwischen Deutschland und Frankreich. Rußland hat zu viel uneuropäische Elemente, um ganz im Kriegstaumel aufzugehen. Wie mag nur der Krieg mit England gehen? Daran denk ich immer und kann mir kein Bild davon machen.
Gutes Neues Jahr allen und uns beiden! Spiel nur schön Klavier und denk an mich, an uns beide. — — — —
Mühlhausen, Weihnachtsabend auf der Wachstube.
L.,
ich bin ganz vergnügt über dieses Wachstubenweihnachten. Die Nachricht über Wilhelm hat mich so melancholisch gemacht, daß ich heute lieber nicht unter den Kameraden sitze. Ich kann ungestörter an Euch alle, an mein Leben und unsre Zukunft — und Vergangenheit denken. Vergangen ist so viel in diesem Jahre! Das Haus „Hinter der katholischen Kirche“, das Haus in Bonn, Haus Kandinsky, nun auch Gendrin, — die Frauen sind überall dageblieben, aber der Sinn jener Häuser ist dahin. Wie glücklich sind wir, unser kleines Ried zu haben, als feste Insel in diesem Vergehen. An ihm will ich mit allen Fibern meiner Seele halten, daß uns und anderen wenigstens diese Feste bleibt. Ich denke mit jedem Tage sehnsüchtiger nach Hause. Aber ehe der Krieg vorbei ist, will ich gar nicht heim — schon weil ich es nicht kann. Ich bin froh, wieder so gesund geworden zu sein, daß an Urlaub nicht zu denken ist. Ich bereue auch keinen Tag, mich ins Feld gemeldet zu haben. Ich wäre in München stets unglücklich, gedrückt und unzufrieden gewesen und hätte für mein Wesen und Denken zu Hause nichts gewonnen, sicher nicht das gewonnen, was mir heraußen der Krieg gegeben hat. Ein bißchen stiller und melancholischer wirst Du mich vielleicht finden, — Du wirst es auch sein; die Klugen und Denkenden alle werden nicht dieselben sein wie früher. Eine solche Zeit durchleben die Menschen nicht alle 100 Jahre, viel seltener sogar. — Was mir das Soldatenleben schwer machte, (— es wäre in München das Gleiche), daß ich neben und zwischen dem Dienst hindurch immer andere Gedanken und Pflichten im Kopf habe und den Dienst immer gegen meine Kopfarbeit und diese gegen den Dienst ausspielen muß. Ich beneide so oft meine Kameraden, die im Feld nur Soldaten zu sein brauchen und von nichts anderem innerlich gequält und beschäftigt werden als höchstens der Sehnsucht nach Hause, die ich genau so habe wie sie. Aber ich kann mich von meinen Gedanken und Träumen nicht losmachen, will es auch gar nicht. Die kleinste Zeitungsnotiz, die gewöhnlichsten Gespräche denen ich zuhöre, bekommen für mich einen geheimen Sinn und Hintersinn; hinter allem ist immer noch etwas; wenn man dafür einmal das Ohr und Auge bekommen hat, läßt es einem keine Ruhe mehr. Auch das Auge! Ich beginne immer mehr hinter oder besser gesagt: durch die Dinge zu sehen, ein Dahinter, das die Dinge mit ihrem Schein eher verbergen, meist raffiniert verbergen, indem sie den Menschen etwas ganz anderes vortäuschen, als was sie thatsächlich bergen. Physikalisch ist es ja eine alte Geschichte; wir wissen heute, was Wärme ist, Schall und Schwere, — wenigstens haben wir eine zweite Deutung, die wissenschaftliche. Ich bin überzeugt, daß hinter dieser noch wieder eine und viele liegen. Aber diese zweite Deutung hat den menschlichen Geist mächtig verwandelt, die größte Typusveränderung, die wir bis jetzt erlebt haben. Die Kunst geht unweigerlich denselben Gang, freilich auf ihre Art; und diese Art zu finden, das ist das Problem, unser Problem! An solchen Problemen herumfingern und sich quälen und gleichzeitig Soldat sein und kein schlechter (denn das bin ich keineswegs), ist wirklich oft recht schwer. Wann es wohl Schluß sein wird? Ich glaube immer noch an ein plötzliches Nachgeben der Franzosen, an das „Wunder“ auf das Niestlé und Du gewartet habt. (Der Krieg selbst ist übrigens Wunder genug, um die alte Prophezeiung zu rechtfertigen.) Sie werden plötzlich einsehen, wohin die englische Politik sie treibt: die Engländer haben das größte Interesse daran, daß Deutschland und Frankreich sich gegenseitig verbeißen und bis zur Verblutung schwächen. Ein ganz geschwächtes Frankreich ist das gefügigste Werkzeug der späteren Engländer. Darum ziehen die Engländer den Krieg auch so in die Länge und verteidigen höchstens Calais mit aller Hartnäckigkeit, denn hier liegen englische strategische Interessen. Am Anfang war das anders; da bestand noch das Triple-Entente-Interesse. Aber seit die Russen und Franzosen in der Offensive versagt haben, ist der Plan und die Politik der Triple-Entente längst dahin; sie besteht nicht mehr. England kämpft nur mehr für sich und profitiert von der Schwächung aller Staaten. Die letzte große Offensive der Franzosen seit dem 16. Dezember auf der ganzen Linie ist kläglich gescheitert. Vor Verdun sowohl als hier stimmen die amtlichen Berichte genau mit den Thatsachen, das kann ich Euch zur Beruhigung sagen. Im Norden wird es wohl auch so sein. Frankreich kann nicht mehr lange standhalten. Ich glaube, ihr wunder Punkt ist der Argonnenwald. Hier wird der deutsche Durchbruch erfolgen; ein Aufrollen der französischen Frontlinie von Norden her scheint unmöglich. Freilich hab ich immer gedacht, daß die Ereignisse schneller kommen würden; aber kommen werden sie und mit ihnen der Tag, wo man „das Ganze halt!!“ blasen wird. Dann komm ich wieder!
Schreib mir von Eurer Reise; von Hertha und dem armen kleinen Piep. Wo ist der gute Wilhelm bestattet? Ich war in Gedanken mit Euch; bleibt gesund und laßt Euch vom Gram nicht niederdrücken. Ein besseres neues Jahr uns allen!
27. Dez. 14. Bertschweiler (südlich Gebweiler)
L.,
ich fühle mich ganz glücklich, wieder ein bißchen im Treiben des Krieges zu sein; ich bin körperlich so erholt und frisch, daß ich die damit verbundenen Strapazen nicht tragisch nehmen kann, zudem man heute Mannschaft und Pferde bei uns ganz anders schont, als dazumal in den Vogesen, wo in der ersten Kriegsbegeisterung und Kriegsunerfahrenheit viel Unsinn gemacht wurde. Der ganze, sehr kleine deutsche Winkel, in dem die Franzosen noch sitzen, soll endlich gesäubert werden. Direkter Anlaß zum Vorgehen waren die Vorstöße der Franzosen selbst, die man, wären sie ruhig in den paar Dörfern geblieben, wahrscheinlich unbehelligt bis zum Friedensschlusse dort gelassen hätte. Die Kämpfe der Infanteristen, deren Zeuge ich gestern war, sind freilich grausiger, als ich sie je vorher gesehen. Ich war gestern Abend ganz erschüttert; der Mut, mit dem sie vorgehen und die Gleichgültigkeit, ja Freudigkeit für Tod und Wunden hat etwas Mystisches; diese Stimmung ist natürlich auch das Versöhnende, die Erklärung des dem gewöhnlichen Verstande Unerklärlichen. Unsre Artillerie schießt jetzt glänzend, bedeutend besser als am Anfang. Gestern Nacht sollten wir in Wattweiler, von wo aus wir schossen, bleiben. Ich hatte schon zwei Nächte fast ohne Schlaf vollbracht und mir ein schönes Heulager zurechtgemacht und schlief bald wie ein Stein, als schon um 11 Uhr Alarm kam; sofort abrücken, da schwere Artillerie den Ort zu beschießen anfing. Es ging alles in tadelloser Ordnung nach Berrweiler zurück, wo wir noch einen kleinen Rest der Nacht schlafen konnten. Heute früh kam unsre 3. Batterie auch an und fuhr mit der 1. auf. Ich habe als Meldereiter für den Munitionsersatz wenig zu thun und sitze hier in Bertschweiler bei der Staffel. Es war ein schwerer Frost heute Nacht und heute ein herrlicher Tag; dieses trockene Wetter ist eine riesige Wohlthat. Ihr braucht Euch ja keine Gedanken über etwaige Gefährlichkeit meines Dienstes machen. Ich stehe sozusagen unter dem Schutz meiner Munition, die man natürlich um alles in der Welt vor direkter Beschießung behütet. Meine Schreibereien ruhen natürlich in solchen Tagen. Das Interesse ist notwendig nach außen gerichtet; man wird Artillerist mit seinen ganzen Sinnen. Viele Freude machen mir auch die verschiedenen neuen Dörfchen und Städtchen, die man kennen lernt, der „Impressionismus“. Wir glauben nicht, daß wir sehr lange in Aktion sein werden; die Franzosen weichen an den meisten Punkten. Immer muß ich jetzt an Euch denken, daß Ihr traurig im lieben Häuschen sitzt, ohne frohe Herzen und traure mit Euch. Wenn Ihr aber an mich denkt, so denkt froh, wie ich es auch thue und auf das Wiedersehen harre.
Neujahr 1915.
Prosit Neujahr! Es ist ein fabelhafter schöner Tag, rührend schön, als ich im ersten Morgenlicht wieder in meine Stellung ritt. Die Berge sind alle weiß, aber herunten im Thal spüren wir noch keinen Winter. Wir tranken gestern so beträchtliche Mengen Punsch, daß wir ganz schwer und taumelig einschliefen. Das famose Bett und richtige Mittagessen, das ich jetzt habe, bringt mich oft ganz vom bitteren Ernst des Krieges ab; ich bin viel weniger nervös und aufgeregt und leb jetzt mehr in Heimatgedanken, trotz der dröhnenden Kanonen. So traurig es ist, daß im Osten die Entscheidung sich so in die Länge zieht und vielleicht ganz neuer Operationen bedarf, so bleibt doch immer die eine Beruhigung: Ins Land kommt der Feind nicht, weder im Osten noch im Westen. Jeder Versuch der Franzosen, im offenen Gelände vorzudringen, wird von unsrer Artillerie spielend (oder wie der amtliche Bericht sagt: „leicht und unter schweren Verlusten für den Feind“) zurückgewiesen. So war es vor Verdun, in den Vogesen und hier und wohl auf der ganzen Linie und im Osten. Die 42 stehen alle an der Küste, dort oben wird die Entscheidung fallen, — wie, kann ich mir freilich nicht vorstellen; die ganzen Operationen im Norden entziehen sich leider so ganz meiner Vorstellung. Die Äußerung von T. über den Handelskrieg mit Unterseebooten ist toll in ihrer Unverblümtheit; ich bin neugierig oder besser gierig auf das, was im Norden sich noch ereignen wird.
Gottlob liegt das süße kleine Ried in einem vor dem Weltkrieg so geschützten stillen Winkel. Halte und verwalte es nur treu, bis ich einmal wieder mit dem Kochler Zügelchen da hinaus und heimkomme! Um unsre Zukunft ist mir nicht bang. Ich finde Menschen. — — — — —
— — — — — Fr.
2. Jan. 15.
L., im Gegensatz zu gestern ist heute ein abscheulicher Regentag; es ist alles so verschleiert, daß an Schießen nicht zu denken ist. Dafür war gestern Mittag und Nachmittag eine derart furchtbare Kanonade, wie ich sie bis jetzt noch nicht gehört hatte; alles zitterte und gellte. Eine Reihe Dörfer brennen. Es ist ein zu merkwürdiger Krieg: von einem systematischen Durchbruchsversuch der Franzosen ist keine Rede. Meist lassen wir die Franzosen anfangen; kaum ist der erste Granatengruß herübergekommen, quittieren wir mit einem gleichen. So folgen sich die „Gänge des Duells!“, bis dem einen oder andern plötzlich die Geduld reißt und er „Ruhe haben will“ und er, nach Erkundigung der feindlichen Stellung durch die vorangegangenen Einzelschüsse, mit wahnsinnigen Salven losgeht; es kommt eigentlich darauf an, wer zuerst zu diesen Salven wirksam übergehen kann. Liegen die Schüsse gut, verstummt der Feind, um seine Stellung nicht noch mehr zu verraten. Gestern sollen wir zwei französische Gebirgsgeschütze vernichtet haben. Als „Strafe“ schossen die Franzosen Sennheim in Brand. Wir revanchieren uns, indem wir Thann in Brand schießen. An Vorgehen hier in die Berge ist ja nicht zu denken; und die Franzosen trauen sich auch nicht in die Ebene; hier kann nie eine große Schlacht oder Entscheidung fallen. Ich sitz in warmer Stube und schreib an meinem Artikel! — Alles Liebe und Gute — — — — —
Bertschweiler, 3. Jan. 15.
L.,
— — — — — — Die Zeit geht jetzt so schnell dahin, erschreckend schnell, und während sie eilt, „steht“ der Krieg; man fühlt nur das furchtbare Zittern rings an der Front. Diese Wochen sind eigentlich der furchtbarste Moment des Krieges. — Wie geht es wohl Euch? Ich denk so viel jetzt nach Hause, vor allem träume ich immer von daheim, selbst von meiner Kinderzeit, von Dir und Wolfskehl, mit dem ich mich im Traum oft lang unterhalte. Ich sehe mich schon wieder unter Euch, — es kann nicht mehr so lange dauern, als die Zeitungen immer prophezeien. Aber das Wie des Ausgangs und Ende ist mir dunkler als je. Bleibt gesund — — —
7. Jan. 15, abends.
L.,
endlich kann ich Dir den großen Artikel II schicken; ich bin in seiner Beurteilung ebenso unsicher als seinerzeit beim ersten. Er birgt jedenfalls sehr viel, meinem Gefühl nach an manchen Stellen zu viel und doch wußte ich’s nicht zu ändern. Ich kann im Felde nicht anders schreiben, weitläufiger und begründeter. Er ist in unruhiger Zeit geschrieben und für sie gedacht. Der gute Wille wird aus ihm schon lernen können; mich hat er jedenfalls im Denken unendlich weitergebracht und gefördert und Dir wird er glaube ich, auch vieles sagen. Ohne den Krieg wären alle diese Gedanken nicht „denk“bar, z. T. noch gar nicht vorhanden. Schreib mir offen, wie Du ihn findest, ebenso Wolfskehl und Klee.
— — — — — Heute brauste den ganzen Tag ein furchtbarer Sturm in der Luft, aber es ist immer wie im März.
11. II. 15.
L.,
hier kommen die leergegessenen Büchsen wieder zurück und was ich sonst nicht mehr brauche. Maman hat mir wieder viele Theesäckchen geschickt, so daß ich das Theepäckchen nicht brauche und Du kannst es jetzt besser gebrauchen.
Das Wetter ist wieder frühlinghaft, der Winter hat hier wenig Kraft. Bald werden die Frühlingsblümchen kommen, die ersten Leberblümchen, vielleicht auch schon bald in Ried!! Wie hab ich mich voriges Jahr auf diese Tage gefreut und nun muß ich es wieder ein Jahr aufschieben, diese kleinen Frühlingsfreuden in Ried. Ich muß jetzt immer an vergangenes Jahr denken; Ausdauer ist jetzt alles, wir kennen jetzt bald keine Tugenden mehr als diese. Laß sie uns üben, sonst können wir nicht Sieger bleiben, weder draußen noch im Geiste. Die Lage in Europa wird immer kritischer, verhängnis- und schicksalsvoller, für alle Teile; der ganze europäische Leib ist heute ergriffen. Es ist alles kindisch, was man an kleinen persönlichen Wünschen an dieses Riesenschicksal hängt. Die Gedanken quälen mich oft, daß am Ende der ganze Leib unter der Krankheit einst erschöpft zusammenbrechen wird. Das geistige Reich wird bleiben, vielleicht (sogar gewiß!) um so stärker. Um diese Zukunft ist mir nie bang, — aber was wir am äußeren Reich erleben werden, das können wir heute wohl noch kaum ausdenken. Welche Zeit!! und dazu die kleinen unschuldigen, ahnungslosen blauen Leberblümchen!
Sticke nur fleißig und recht schön und frei, Du Liebe; sticke alle Sehnsucht hinein, aber auch allen Mut.
Ich schlaf jetzt warm und schön in meinem Schlafsack auf Heu und meine oft, ich bin auf der Alm!
— — — — — Einliegend ein Band Mombert. Die Schöpfung behalte ich noch, die mich in vielem jetzt auch ungeheuer fesselt. — — —
20. Februar 15.
L., nun sind die 100 Aphorismen geschrieben; es ging zum Schluß schneller, als ich dachte; ich hatte einige ganz ruhige Nachmittage. Ich habe sie flüchtig noch einmal überlesen und erschrak manchmal über die Schwierigkeiten, die sie für den Leser bergen. Gedruckt werden sie ja natürlich zugänglicher sein; ich arbeitete in meinem Quartier (sie sind zu Vierfünftel in F. geschrieben in einem kleinen Zimmerchen, dessen Photographie von außen, Fenster rechts der Türe, ich beilege, in dem es keinen Platz zu einem Tisch gab und also zum Schreiben nur das Knie!), das Heft stammt noch aus H.! Laß Dir ja Zeit mit der Reinschrift, daß sie Dich nicht anstrengt; das Ganze ist so gedrängt und die einzelnen Gedanken meist so gedrungen, daß man schon jedes Wort klar lesen muß, um hinter seinen ganzen Sinn zu kommen. Ob noch sehr viel korrekturbedürftig ist, kann ich jetzt absolut nicht beurteilen; ich müßte es in einer klaren Abschrift überlesen können. Das Schönste wäre natürlich Schreibmaschine; aber das ist wahrscheinlich teuer und Helene ist viel zu beschäftigt, als daß ich sie bitten könnte. Wenn Du es abschreibst, nimm immer Doppelbögen, die Du nur auf der Innenseite einseitig (rechts) beschreibst, damit man links eventuell Korrekturen setzen könnte, — oder immer eine Zwischenzeile leer lassen; ich glaube, das erste wäre besser. Vielleicht ist ja auch gar nicht viel zu ändern — tant mieux! In einer Herausgabe großer klarer Druck; ob es gut ist, sie mit I und II zusammen oder allein zu bringen, ist mir jetzt nicht mehr klar. Ich glaube ja, daß der Zusammenhang mit I und II das Verständnis sehr erleichtern könnte. Du wirst es erst beurteilen können, wenn Du es selbst abgeschrieben hast. Wieviel Menschen werden reif sein, das Buch ernst, also als geistiges Tatsachenmaterial zu nehmen und nicht als „Literatur“. — — — — —
Was wirst Du selbst zu den 100 sagen? Darauf bin ich sehr neugierig, neugieriger, als auf den Zorn der Vielen auf Nr. 95-97 oder das eisige Schweigen der Menge. Vielleicht wirst Du auch wieder das Verlangen nach einem großen, weitausholenden Buche über all diese Probleme haben, — aber bedenke, daß ich nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler bin; ich würde es wahrscheinlich nie können, und muß es Berufeneren überlassen. Man weiß ja zur Genüge, wer ich bin; der Leser wird sich von vornherein auf diese Voraussetzung einstellen, oder muß es eben. Ich schreibe ja im Grunde nur, weil die Berufenen versagen und um sie zu reizen und zu wecken und letzten, und besten Endes schreibe ich überhaupt nur für mich, und was ich schreibe, bedarf notwendig der Ergänzung durch meine ungemalten! — Werke. Nun hast Du wieder „Stoff“ zum Leben.
Schreib bald alles, was Du denkst; ich korrespondiere gern über das Einzelne, wenn Du es anregst. Aber erwähne den Aphorismus stets in seiner vollen Form; ich hab hier keine Abschrift.
21. Februar 1915.
L.,
morgen gehen die Aphorismen an Dich ab, eingeschrieben. Ich war ungeduldig sie abzuschicken und hab sie nicht mehr ganz überlesen und nachkorrigiert, — ich möchte das lieber nach einer gewissen Pause machen, wenn ich etwas Distanz von der Arbeit habe. — Von Lasker bekam ich einen hübschen Brief; sie beklagt sich, daß ihr die Menschen immer „Kartoffeln auf die Zacken ihrer Krone setzen“. Sie war sehr krank. — — — — —
14. III. 15.
L....,
heute wurde ich furchtbar sehnsüchtig; es regnete und tropfte von allen Zweigen mit einem Klang, den es nur im Frühling gibt. Ich mußte denken, wie es jetzt daheim in unsrer Waldecke duften muß! In den Gärten treiben schon die Knospen an den Obstbäumen, die Rhododendren entfalten schon Blättchen, wie wäre es jetzt schön, in Ried zu sein! Pfleg nur alles recht schön im Gärtchen und genieße es, auch wenn Du allein bist. Was macht der Specht? Ist wieder das Rotschwänzchenpaar da? Ist der Fasan wiedergekommen? Der köstliche Storch hier macht mir doppelt Lust, einen Kranich zu halten. Grüß die kleinen Rehe; die werden wieder knabbern, wenn der Schnee weg ist! — Wenn Du mir etwas von Gundolf schicken willst, freut es mich sehr. Ich bin jetzt schon zum Lesen aufgelegt. Nur nichts über Plato! Daß die Leute immer hinter der Front der Gegenwart nach dem Heil und Guten suchen! Immer auf Krücken gehen, auf fremden Zeiten; es sind keine schöpferischen Menschen. Mein Hauptgedanke ist jetzt: Entwurf zu einer neuen Welt; immer schaffen, vor sich arbeiten.
— — Fz. M.
17. III. 15.
L..., Koehler schrieb mir heute auf einer Sturm-Postkarte meiner „Tierschicksale“. Bei ihrem Anblick war ich ganz betroffen und erregt. Es ist wie eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das gemalt habe! In der verschwommenen Photographie wirkt es jedenfalls unfaßbar wahr, daß mir ganz unheimlich wurde. Es ist von einer künstlerischen Logik, solche Bilder vor dem Kriege zu malen, nicht als dumme Reminiszenz nach dem Kriege. Da muß man konstruktive zukünftige Bilder malen, keine Erinnerungen, wie es meist Mode ist. Ich habe auch nur solche im Kopf. Ich wunderte mich zuweilen darüber, jetzt weiß ich, warum es so sein muß. Aber diese alten Bilder des Herbstsalons etc. werden noch einmal ihre Auferstehung feiern.
Heute sah ich die feine Sichel des neuen Mondes und dachte lebhaft an Dich und Ried und die Rehe — über Euch allen stand sie auch, so fein und leicht wie ein Diadem. Und diese Frühlingsluft, in der alles so sonderbar klingt. An dieses Frühjahr werden noch Generationen denken; die ältesten Leute werden noch später von ihm erzählen; die Stimmung steigt immer mehr ins Unbegreifliche. Wie bist Du glücklich Deinen Flügel zu haben und spielen zu können. Bei mir stapelt sich alles bis zur schmerzhaften Müdigkeit im Kopf; aber ich fang jetzt leise an im Skizzenbuch zu zeichnen. Das erleichtert und erholt mich.
— — Dein Frz.
27. III. 15.
Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf einen andern Ton gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft alles deprimiert sein. In mir tritt allmählich an die Stelle der sich periodisch ablösenden pessimistischen und optimistischen Stimmungen die — Neugierde. Ich werde allgemach Zuschauer dieses tollen europäischen Dramas; die Unberührtheit * * *’s!! usw. mache ich freilich nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plänen und Gedanken so wie Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du völlig recht; buchtechnisch und als „Klang“ äußerlich ganz verfehlt und innerlich verworren, weil voll Rücksichten und Verbeugungen vor Dingen, die im Grunde nicht das Geringste mit unserer persönlichen Aufgabe zu thun haben. — — — — — Ich werde auch nie an etwas Ähnlichem (wie den Plänen von * * *) wieder mitarbeiten, sondern möglichst allein Dinge „bilden“. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton möglichst vermeiden (höchstens daß man bei jedem Wort fühlt: der Pfeil ist nach vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und daß nichts darin im toten Zirkel läuft). Das Ganze als Selbstgespräch wie jedes gute Bild, die Art Bach’s, dessen Musik im Grunde den Hörer nicht braucht, — im Gegensatz zu Wagner und Schönberg, deren Musik nur im Zuhörer lebt und auf dessen Seele lauert; ein ähnlicher Gegensatz wie Mantegna und Dürer; Dürers meiste Sachen (nicht alle, z. B. die Holzschnitte nicht) sind ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna’s Bilder leben auch, wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man ihnen zufällig begegnet. (National-Galerie!) ähnlich wie man über das geheime, selbstschöpferische, unabhängige Leben erschrickt, vor dem neu angekauften Bild eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek, ich glaube Nähe des Tiziansaales) Mann, Frau, Kind und Falke; ich glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie dieses wunderbaren Bildes.
Daß Kam.... wirklich Komponist ist, wußte ich gar nicht. Dann verstehe ich natürlich, daß er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist. Aber das ist ja auch das, was ich immer bei Dir und bei * * * vermisse. Du verstehst, wie ich das meine; Musikmachen ist für mich Unerfahrenen etwas so Wunderbares, daß ich immer zu leicht aus dem Spielenkönnen die Folgerung eines schöpferischen Gestaltenkönnens ziehe; daher aber auch meine alte Abneigung gegen alles pedantische oder virtuose Spiel, das beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr, als einmal einen Komponisten spielen zu hören. — — — — — — — — — — —
— — Dein Frz.
28. III. 15. Palmsonntag!
Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet. Ich war noch gestern und vorgestern mit meinen Wagen in der Stellung vorn; gestern Nachmittag und Nacht kamen wir in strömenden Regen und heute morgen ½ m Schnee! Die armen Störche frieren und sehen sehr bekümmert drein. Es wird ja wohl nicht lange dauern. Die kriegerischen Operationen hier zeigen dasselbe Bild wie überall in den Vogesen: ein auf und ab, wie wir es seit 7 Monaten gewöhnt sind. Ihr lest es ja aus den amtlichen Berichten. An ein Hinausdrücken des Feindes ist zunächst wohl für lange nicht zu denken. Ich muß dabei oft an die Aufgaben der Österreicher in den Karpathen und Serbien denken; vielleicht thun wir ihnen doch auch etwas Unrecht mit unsrer geringschätzenden Ungeduld. Was Kämpfe in starkgebirgigem Gelände bedeuten, das wissen nur die, die es erlebt haben.
Eine Beobachtung verfolgt mich stark in meinem ganzen Kriegsleben: die ewige Wiederkehr des Gleichen, nämlich der gleichen Menschentypen! Es ist mir oft, als gäbe es nur eine bestimmte begrenzte Anzahl von menschlichen Existenzeinheiten, resp. Verschiedenheiten. * * * dient bei mir in meinem Zug (ein sehr ordentlicher Mensch), * * * ist hier Kellnerin, Kubin, Kandinsky, Klee, — alle sind so und so oft im Krieg vertreten. Desgleichen wiederholen sich in unglaublichem Maße „Situationen“, wenn man ein etwas somnambules Gefühl dafür hat und sie „sieht“. Die Tiere gehören selbstverständlich auch in diesen ewigen Typenkreislauf. Die uralte Lehre von der Reinkarnation und Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen hat für mich einen ganz neuen Sinn bekommen, den ich früher nie erfaßt hatte. Es ist durchaus kein müßiger Gedanke; denn er greift tief in das Geheimnis der künstlerischen Gestaltung hinein; vielleicht ist er überhaupt seine Erklärung. Wirkliche Kunstformen sind wahrscheinlich nichts, als dieses somnambule Sehen des Typischen, das Sehen zwingender (und daher richtiger) Spannungsverhältnisse. Das Richtige war immer schon richtig, immer schon einmal da. Ich weiß nicht, ob es verständlich ist, wie ich mich ausdrücke. Es ist so stark halb- d. h. unterbewußtes Erlebnis, keine Klügelei und man müßte erst die ganz richtigen Worte dafür finden; vielleicht gibt es sie auch nicht; denn es ist gar nicht notwendig möglich, alles mit unserer unvollkommenen menschlichen Sprache auszudrücken. Der Gedanke ist deswegen doch da. Der Sternenhimmel, den ich in diesem Winter außerordentlich viel beobachtet habe, ist für mich gewissermaßen ein Leitfaden, die Logarithmentafel dieses Gedankens: Die Spannungsverhältnisse der einzelnen Sterne und Sternbilder zueinander sind wie die Typenformeln, für den Sehenden wie ein aufgeschlagenes Buch des Lebens, der „möglichen Situationen“. Ich verstehe jetzt auch die vielverspotteten Astrologen. Ihre Gedanken sind nicht etwa Aberglaube oder Irrtümer sondern nur frühere mittelalterliche Formung von Gedanken, die uns auch heute wieder begegnen; wir formen sie künstlerisch, die Alten zogen soziale Schlüsse aus ihnen, aber der Grundgedanke und Ursprung dieses mythischen Sehens ist gewiß derselbe.
In acht Tagen ist Ostern, — verleb es friedlich und glücklich. Hoffentlich ist das Frühlingswetter bis dahin wieder da. Ich werde in diesen Tagen mit meinen Gedanken lebhaft und sehnsüchtig in Ried, bei Dir und allem was zu unserm Leben gehört sein. —
Mit liebem Osterkuß
Dein Fz.
29. III. 15.
L..., heut kam endlich Dein großer und kluger Brief über die Aphorismen. Ich kann unmöglich schnell und ausführlich antworten und schreibe diese kurze Karte nur um Dir zu sagen, daß ich mit keinem Gedanken traurig über Deinen Widerspruch bin, sondern nur dankbar. Über Kunst kann man nicht „reden“, höchstens über die Mittel. Es wird gewiß mein Fehler in den Aphorismen sein, daß sie durch sehr viel mißverständliche Worte und Unklarheiten den Anschein erwecken, als wollte ich die Kunst definieren, während ich nie mehr als eben die Mittel definieren kann (wie es Delacroix und van Gogh z. B. getan haben). Wenn ich sie je überarbeite und herausgebe, müßte ich dies in voller Klarheit herausstellen. Aber daß die „Form“ von selber kommt, wenn man nur wirklich etwas zu sagen hat, das scheint mir nicht wahr. Beständige Meditation über die Form, beständigen Willen zur Form, den man immer wieder korrigiert, verwirft, neu ansetzt, mit allen Hebeln der Welt und Erfahrung, — ohne das geht’s nicht. Blos leben, das Leben fühlen bis zum Kern und auf die Form warten wie die Blumen auf den Frühling, das war und ist nie produktive Kunst. Das Werk freilich muß den dornenvollen Weg ganz vergessen machen. Der Beschauer soll und kann nur das reine Werk sehen, unsre Nöte gehen ihn nichts an, auch unsre „Mittel“ nicht. Ich schrieb Dir schon einmal, daß ich die Aphorismen eigentlich nur für mich geschrieben habe, und Du errätst richtig, daß ich sie eigentlich geschrieben habe, um mich von meiner „Romantik“, die mir schon so viel Qual verursacht hat, da ich sie als unrein empfinde, zu befreien. Ich bin sehr neugierig auf Tolstoi. Soweit ich ihn kenne, ist gerade Tolstoi derjenige, der immer Zweck in der Kunst sieht! (z. B. Einigung der Menschen, was ich als Phrase empfinde); aber ich will ihn lesen, ehe ich urteile und will Dir noch viel über alles schreiben: — Schreib mir einmal: ist * * * produktiv? schafft er wirklich oder lebt er nur rein? Ist er ein mehr passiver oder aktiver Geist?
— Dein Frz.
30. III. 15.
L., nun liegen Deine drei langen Briefe über die Aphorismen vor mir und machen mich sehr glücklich. Ich sag dies gleich und bitte Dich, Dich immer an diesen Satz zu erinnern, auch wenn Du vielleicht im folgenden und später oft vieles zu lesen meinst, dem Du widersprechen willst und mußt und das Dir Angst macht, daß ich Dich vielleicht gar nicht verstanden hätte. Ich verstehe Dich und was Du willst und die Wahrheit dessen, was Du forderst, vollkommen und werde immer wieder auf diesen Kern und Urgrund dringen, auch wenn ich auf Umwegen gehe. Die Umwege sind bei produktiven Naturen sicherlich oft die einzig mögliche Verbindung mit dem Ziel; einer der nur lebt, und in Reinheit wie ein Eremit im Leben steht, lebt vertrauter mit dem Gott und Urgrund des Seins (z. B. auch Ihr Frauen und Mütter) als ein produzierender d. h. „sich quälender“ Geist. Deswegen will ich doch zur Reinheit und bin mir bewußt, daß viel Unreines in meinem ganzen bisherigen Werk und z. B. auch in den Aphorismen ist. In den letzteren vor allem. In einem thust Du mir unrecht, wenn ich auch überzeugt bin, daß ich direkt Anlaß dazu gegeben habe: daß Du denkst, ich rede von Kunst; ich habe bei meinem Reden nur die Form, d. h. die Mittel der Kunst im Auge; ob es nun eine „Sünde wider den heiligen Geist“ ist, über die Form nachzudenken, — das ist so schwer mit ja oder nein zu beantworten. So ohne weiteres wird mich niemand überzeugen, daß z. B. Mantegna oder Bellini (erinnere Dich an seine Londoner Bilder!), Meister Bertram oder der Erbauer des Straßburger Domes oder Delacroix nicht stündlich in ihrem Leben um die Form gebangt und gerungen haben. Daß sie Künstler waren und von Kunst wußten, war ihre Seligkeit und ist auch die meine; aber die Form war ihr tägliches Studium und ihre Qual. Die schenkt der liebe Gott uns nicht. Musikalische Schöpfungen will ich nicht hereinbeziehen; sie bleiben mir in ihren reinen Gebilden (wie Bach, oder die drei letzten Symphonien Beethovens oder die katholischen Hymnen der früheren Italiener) ein Mysterium, über dessen formales Entstehen ich mir keine Gedanken zu machen getraue (ich will es auch gar nicht), — während mir sentimentale oder äußerliche (d. h. formal allzu durchsichtige) Musik oder auch reine Musik sentimental gespielt, gar keine Freude macht, schon aus dem Grunde, weil ich hier vom Formalen gar nichts verstehe und mir daher gewisse Freuden und Befriedigungen versagt sind, die z. B. ein Klee doch noch mit Recht aufnimmt. Was K. über Beethoven sagt, ist ja wörtlich das was ich in den letzten Jahren so oft gesagt habe; erinnerst Du Dich noch, wie ich einmal dringend nach Mozart verlangt habe, (Du weintest damals darüber, August war dabei), weil Mozart sich reiner, unpersönlicher ausdrückt. Das thut er, soweit ich ihn kenne, freilich nicht immer; vieles an ihm ist spielerisches Rokoko und zwar gerade deswegen unrein, weil es so unglaublich kunstvoll und geistreich ist und nicht naiv, wie manchmal Rameau, der einem eben stille Freude macht, wie ein Rokokozierat, sehr reines Kunstgewerbe. Das gibt es freilich heute nicht, außer vielleicht in Picasso und manchem Légers, überhaupt den Franzosen! Heute steht jede Kunstäußerung vor dem Entweder-Oder. Und darum hast Du so recht mit Deiner Sehnsucht und Forderung, zum zeitlosen Urklang zurückzusteigen. K. sagt: wenn ich Chinese bin, sage ich es chinesisch, wenn ich 1915 lebe, — 1915. Das ist so wahr, aber leichter gesagt als gethan, nämlich das „1915 leben“! Dazu muß man vielleicht die Aphorismen und noch bessere, gründlichere durchdenken und geistig viel umfassen; sonst lebt man irgendwann und -wo und hängt in der Luft. Man darf das heilig anvertraute biblische Pfund nicht nur wie ein frohes Evangelium in der Tasche tragen, (wie es momentan Du und vielleicht K. thut und mit Euch viele reine Künstlerseelen, die nie zum Schaffen kommen, weil sie vielleicht zu rein und keusch sind), sondern mit dem Pfund handeln nach der Bibel. Um eins bet ich freilich: daß der „Betrieb“ meine Seele nie mehr einfängt. Nur das nicht mehr; und ich bin so froh, daß Du mir dabei helfen willst. Der Gedanke an ihn ist mir gräßlich. —
Ich freu mich sehr auf den Verkehr mit K. Wie schmerzlich, auch für Dich, daß er jetzt fort muß. Schick ihm öfters was; er wird es sicher sehr gut brauchen können, mehr als ich. Auch wenn es ein bissel was kostet; das macht nichts.
Seine Idee, daß die Nächstenliebe die einzige geheime Religion von heute ist, — das ist das Einzige, was von Deinen und seinen Worten nicht in meine Seele eingeht; außer man faßt den Begriff der Hingabe und Selbstverleugnung so weit, daß es schließlich ein Streit um Worte wird. Gerade reine Kunst denkt so wenig an die „andern“, hat so wenig den „Zweck“, die Menschen zu einigen wie Tolstoi sagt, verfolgt überhaupt keine Zwecke sondern ist einfach sinnbildlicher Schöpfungsakt, stolz und ganz „für sich“! Ich schrieb Dir glaub ich schon einmal darüber; verliere Dich nicht ganz in das Riesenmeer Tolstoi’scher Gedanken; ich verachte sie gar nicht, ich freu mich, sie jetzt bald zu lesen, nach jahrelanger Pause; aber lies Du jetzt einmal — Nietzsche: Jenseits von Böse und Gut — Genealogie der Moral; der Antichrist und Morgenröte (bei Paul). Ich will Dich ja nicht quälen; Du kannst es auch später einmal thun, wenn Du jetzt nicht in Stimmung bist. Dieser kurze Brief soll auch keine erschöpfende Antwort sein auf Deine langen Briefe, sondern zunächst und vor allem meine freudige Zustimmung zu dem künftigen Leben sein, das Du Dir für uns beide und mein Schaffen erträumst; Deine Briefe waren wirklich wie ein Weckruf; und dann kurze verstreute Gedanken, die mir zunächst beim Lesen gekommen sind. Nächstens mehr, mein liebes tapferes Weib. — — — — —
Ostersonntag 15.
L., heut am Ostersonntag mußte ich so lebhaft an Ried denken, an die Büsche am Bach, die jetzt sicher schon ihren Frühlingsschimmer haben, an die unzähligen Leberblümchen und Anemonen und Blättchen, die nun alle kommen; wie fabelhaft muß es sein, dies alles einmal wieder im Frieden beobachten und miterleben zu können, das große Wachstum unter dem fruchtbaren „Osterwasser“, das doch auch von jeher als besonders heilkräftig angesehen wurde. (Man schöpfte aus den fließenden Frühlingsbächen und bespritzte damit seine Liebsten, um ihre Liebe zu erregen und ihre Schönheit dauernd zu machen!) Ostern hatte für mich immer etwas höchst Feierliches und Bewegendes, mehr noch als Weihnachten, vielleicht weil es in seiner Stimmung und Bedeutung heidnischer und älter ist. Nächstes Jahr wollen wir uns an allem freuen, so gründlich und feiertägig, als wir nur können. — Was ist wohl mit Hanni? Ist sie trächtig? Beobachte mal, ob ihr Leib eckig wird, links stärker als rechts; man merkt es auch am Atmen, linksseitlich — unten, (Leibatmung); beobachte sie mal. Wie fein, daß Bauer die Bäumchen jetzt doch noch geschützt hat. Wenn sie nach zwei Jahren festgewurzelt sind und oben gesund austreiben, kann man die unteren Zweige den Rehen ruhig preisgeben; nur der Stamm selbst muß dauernd geschützt bleiben. Wenn doch die Obstblüte heuer wieder gelänge; Du mußt mir immer schreiben, wie es damit steht.
Einliegend sind wieder ein paar Wintersachen, die ich nicht mehr benötige, dazu leere Büchsen und Fläschchen und ein kleines Väschen für Dich; der Fuß ist gekittet, hoffentlich hält er gut. Stell Dir immer ein paar Blümchen hinein.
6. IV. 15.
L., gestern Abend kam Dein lieber guter Brief vom 1. IV. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr und ganz ich mit Deinen Ideen gehe und besonders künftig gehen will. Es macht mich auch stolz, daß Du errätst, daß ich vieles von dem, was Du sagst, schon immer als tiefen Grundsatz, vor allem in meinem Verhältnis zu anderen Menschen, in mir getragen habe. Gerade diese Geistesrichtung hat sich in mir während dieser Kriegszeit außerordentlich gestärkt. In meinem Verhältnis zur Kunst dachte ich, oder besser gesagt: fühlte ich auch immer so, aber ich handelte nicht immer danach; das weiß ich, daß ich erst noch dazu kommen muß. Der selbstquälerische Schaffensprozeß ließ mich so viel Umwege gehen, die vielleicht nicht nötig waren und meinem Schaffen mehr Hemmungen bereiteten, als Förderung und Reinigung. Hier muß ich umlernen, d. h. vom reinen Lernen zum reinen Fühlen kommen und mich immer mehr auf das reine Gefühl verlassen. Ich glaube fest, daß es mir leicht wird, wenn ich wieder heimkomme; die Zeit hat mich so vieles gelehrt, mehr und vor allem anderes als Du denkst und aus den Aphorismen schließen zu können glaubst. Gerade sie sind für mich, sowie sie jetzt mir in der Erinnerung erscheinen, eine Art Abrechnung, ein zum-Schlußkommen einer unendlich langen, mich seit Jahren quälenden Denkarbeit; das Ergebnis scheint Dir „äußerlich“; wörtlich genommen ist es wohl auch äußerlich; aber das äußerliche Ergebnis kann doch nach innen schlagen; ich hoffe es jedenfalls, auf Grund des Befreiungsgefühles, das ich jetzt so oft habe. Es hilft nichts, hier viele Worte zu machen; man dreht sich dabei nur im Kreise, da man mit Worten keine Werke vorwegnehmen kann. Das „lebendige Gefühl“, von dem Du immer sprichst, versteh ich jetzt so gut; ich werde ganz in ihm leben und an nichts sonst denken. Die Arbeitszeit, die mir bleibt, ist zu kurz, um sie an die „Welt“ zu verschwenden. Was ich in Artikel I schrieb, scheint mir noch immer nicht „ein unwahrer Trost“, wie Du ihn zu nennen scheinst, sondern seine einzige und wahre Erklärung, trotz allem und allem. Gerade, was mit Dir und mir als Resultat erzeugt wird, beweist mir an einem kleinen Beispiel, daß ich nicht fabuliere mit dem Leidensopfer und der Reinigung. K. hat wohl insofern recht, daß der Krieg jetzt doch nichts anderes ist als die bösen Zeiten vor dem Kriege; was man vorher in der Gesinnung beging, begeht man jetzt mit Thaten; aber warum? Weil man die Verlogenheit der europäischen Sitte nicht mehr aushielt. Lieber Blut als ewig schwindeln; der Krieg ist ebensosehr Sühne als selbstgewolltes Opfer, dem sich Europa unterworfen hat, um „ins Reine“ zu kommen mit sich. Alles, was drum und dran ist, ist gänzlich äußerlich und häßlich; aber die hinausziehenden und die sterbenden Krieger sind nicht häßlich. Da trügt Dich Dein Gefühl, weil Du nicht weit genug fühlst. Sieh lieber ganz weg vom Krieg, so gut es Dir möglich ist, wenn Du sein „Bild“ nicht ertragen kannst, aber erkläre ihn nicht für eine Dummheit! Denn das bedeutet nicht: dem Krieg ins Gesicht sehen, sondern: nichts sehen, wo doch etwas ist, und zwar etwas sehr Großes und Furchtbares.