Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen (continued 2)
Reading edition
Dank für die Blumen im Brief; sie freuen mich immer so. Einliegend Brief von Lisbeth. — — — — —
Auf K. freu ich mich sehr. Was Du von seiner Wohnung sagst, ist so nett. Hoffentlich kommt er heil zurück. Was macht eigentlich Deine Stickerei? Du schriebst lange nichts mehr davon. Auf die bin ich nämlich sehr neugierig.
7. IV. 15.
L., in Deinem lieben langen Brief vom 29. sagst Du Deine Gedanken viel klarer und reifer als in den anderen; ich verstehe Dich jetzt sehr gut; im Grunde drückst Du den Kern und tiefsten Sinn meiner Sehnsucht ganz klar und erschöpfend aus und ich fühle gut, wie vieles in den Aphorismen daneben tappt, wenn auch oft vielleicht mehr durch die Wortwahl als den Sinn; ich erschrecke jetzt über manches, was ich geschrieben habe; das muß ja so wie ich es ausdrückte, einen Unsinn ergeben und vom Kern der Kunst ablenken, statt hinzuführen; ich schreib Dir noch ausführlicher; diese Karte soll Dir nur erstens sagen, daß ich II mit Freuden zurückziehe; mach Dir darüber gar keine Gedanken; Du weißt wie leicht ich verfehlte Werke zerschneide. (An den Aphorismen hoffe ich aber vielleicht noch einmal arbeiten zu können, gerade auf Grund Deiner Briefe. Aber jetzt noch nicht. Sie sind für mich schon eine Art „Werk“, nicht Worte, sollen es wenigstens nicht sein). Dann zweitens Dank für den famosen Atlas, der mich riesig freut; er ist ganz das was ich wollte. — — — — —
Ja, der Meister des Marienlebens! Die namenlosen gotischen Meister, — das sind die reinsten. Du hast so recht. Die Kunst ging an der vergiftenden Krankheit des Individualitätskultus zugrunde, am Wichtignehmen des Persönlichen, an der Eitelkeit, davon muß man gänzlich loskommen. Dann ist man frei und hat Boden unter sich.
— — — — — Dein Frz.
Fortsetzung am 8. IV. 15.
Gestern erhielt ich Deinen langen Brief, der so klar und gut alles sagt, was Du meinst; ich antwortete Dir gleich mit einer kurzen Karte, die Dir meine freudige Zustimmung sagte. Es wundert mich eigentlich, daß Du mich immer noch dahin verstehen willst, daß nach mir Kunst: Form sein soll, was gewiß falsch ist. Form ist die natürliche Folge eines Gefühls wie die Haltung und Gebärde die Folge und Äußerung eines Charakters ist. Ein wirklicher Charakter denkt auch nicht: ich muß mich so oder so halten, benehmen, kleiden, — er thut es eben. Das ist für ihn Selbstverständlichkeit, sogar Unbewußtheit. Im Ursinn und Prinzip ist es in der produktiven Kunst auch so, sicher z. B. in der primitiven Kunst, (z. B. mein Negerbeil), in der byzantinischen, vormexikanischen usw. Mit der modernen Kunst (der „modernen Menschheit“), ich denke mir sie ungefähr ab 14. Jahrh. begann der sogenannte „Fortschritt“, ein ungeheures, auch heute noch lange nicht abgeschlossenes Streben nach Erkenntnis mit allen Krankheiten, Eitelkeiten, aber auch allen Wundern Europas. Dein Eindruck ist so wahr, den Du in der Pinakothek hattest: es gibt in der europäischen Kunst ganz ganz wenig völlig reine Bilder. Fast überall steckt die Grimasse der Eitelkeit oder der Pedanterie, der rationalistischen Überlegung, der Frivolität und selbst bei den besten: das Allzupersönliche (was sich in früheren Jahrhunderten in der sogenannten „Schule“ ausdrückte, das Meisteratelier). Die „keusche Majestät“, die mir vorschwebt, ist genau die Abkehr von all diesen Grimassen. Aber ich sehe wohl ein, daß ich immer zu sehr von einer formalen Abkehr geredet habe, während sie nur im Lebens-Gefühl vor sich gehen kann. Wenn man mich verstehen will (d. h. auf dem Boden steht, auf dem Du jetzt stehst), kann man mich schon auch in Deinem Sinn verstehen; z. B. den Aphorismus über das Was und Wie. Deutlich genug rede ich hier, daß nur der Inhalt (Lebens-inhalt) wesentlich ist, das Wie ganz gleichgültig, oder besser gesagt: die Folge des Inhaltes (Gefühles). Im Grunde stehe ich mit meiner Sehnsucht von jeher auf diesem guten Boden; immer träumte ich von unpersönlichen Bildern; ich hab eine Abneigung gegen Signaturen. Ich hab auch gar nie das Verlangen z. B. die Tiere zu malen, „wie ich sie ansehe“, sondern wie sie sind, (wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen). So vieles in mir kommt Deinen Ideen entgegen, auch in den Aphorismen; nur hab ich mich sehr mangelhaft und unfertig ausgedrückt; es fehlt in ihnen der innere Drehpunkt; ich bin mir erst jetzt durch Deine Briefe klar geworden, wie ich alles sagen müßte.
Der Tolstoi ist noch nicht angekommen, aber der famose Atlas, der ganz das ist, was ich wollte. Schönen Dank. —
Über den Krieg denk ich noch immer nicht anders. Es erscheint mir einfach flau und unlebendig, ihn als etwas Ordinäres und Dummes zu nehmen. Artikel II kannst Du mir mal schicken; ich bin ganz zufrieden, wenn er nicht gedruckt wird. Die Gedanken über das Europäertum sind halb; wie Du ganz richtig sagst: auch noch zu sehr hinter dem europäischen Zaun, und eigentlich nicht meine Sache. Das ist mir der Hauptgrund, ihn nicht zu drucken. —
Mit den Glasbildern hast Du recht. Der Durchschnitt ist wohl „unpersönlich“ und insofern rein, aber statt des tiefen bewegenden Gefühls ist ein Schema der direkte Ursprung der einzelnen Bilder. Da dieses Schema aber von tiefen, intuitiven (Volks-)schöpfungen abgeleitet ist, behält es für uns doch noch einen gewissen Kunst- und Gefühlswert. Du weißt, warum ich mich oft so sträubte, schwache aufzuhängen. —
Wir haben momentan äußerst unruhige und schwere Tage, — Du wirst es an der Sprunghaftigkeit meiner Briefe merken; sie sollen Dir nur meine tiefe Zustimmung ausdrücken. Ich verarbeite und erlebe diese „Erneuerung im Geiste“ mehr als es die Briefe merken lassen. Vor allem möchte ich Dir einmal über die „Natur“ schreiben (die letzten Aphorismen). Hier handelt es sich mir nur um das Lebensgefühl, das Wie ist mir dabei ebenso gleichgültig als unklar, — es wird kommen, wenn ich in diesem merkwürdigen Gefühl male. Wenn ruhige Tage kommen, versuche ich mal, davon zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich kann, gerade weil es sehr und ganz Gefühlssache ist, ein neuer Liebesinstinkt der armen Natur gegenüber.
— — — — — Dein Frz.
12. 4. 15.
L.,
Je gründlicher und öfter ich Deine letzten Briefe lese, desto zwingender erscheint mir ihre innere künstlerische Logik. Ich streifte in den Aphorismen die Wahrheit an allen Seiten, ohne jemals das „Eigentliche“, Wesentliche zu sagen; sie bedeutet eine völlige Abkehr im Sinne des Gleichnisses vom reichen Jüngling; erst wenn die ganz vollzogen ist, kann man prüfen, ob die Gefühle, die überbleiben, wertvoll genug sind, um auch den Anderen etwas zu bedeuten. Bei den allermeisten wird es nicht der Fall sein; ihre Bilder würden gänzlich reizlos oder besser gesagt: sie würden aufhören, welche zu malen. Die Beschaulichkeit, die reinliche Zurückhaltung, das Gewissen würde sie vom unreinen Produzieren abhalten. Nach diesem edlen Maßstab gemessen bleibt von der gesamten europäischen Kunst äußerst wenig übrig! Der entwicklungseitle Geist der modernen Jahrhunderte war der Kunst, wie wir sie träumen, allzu abhold. „Kunst ist nur ganz selten da“. Ich denke viel über meine eigene Kunst nach. Der Instinkt hat mich im großen und ganzen auch bisher nicht schlecht geleitet, wenn die Werke auch unrein waren; vor allem der Instinkt, der mich von dem Lebensgefühl für den Menschen zu dem Gefühl für das Animalische, den „reinen Tieren“ wegleitete. Der unfromme Mensch, der mich umgab, (vor allem der männliche) erregte meine wahren Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute in mir erklingen ließ. Und vom Tier weg leitete mich ein Instinkt zum Abstrakten, das mich noch mehr erregte; zum zweiten Gesicht, das ganz indisch-unzeitlich ist und in dem das Lebensgefühl ganz rein klingt. Ich empfand schon sehr früh den Menschen als „häßlich“; das Tier schien mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel gefühlswidriges und häßliches, so daß meine Darstellungen instinktiv, aus einem inneren Zwang, immer schematischer, abstrakter wurden. Bäume, Blumen, Erde, alles zeigte mir mit jedem Jahr mehr häßliche, gefühlswidrige Seiten, bis mir erst jetzt plötzlich die Häßlichkeit der Natur, ihre Unreinheit voll zum Bewußtsein kam. Vielleicht hat unser europäisches Auge die Welt vergiftet und entstellt; deswegen träume ich ja von einem neuen Europa, — aber lassen wir Europa aus dem Spiele; Hauptsache ist mein Gefühl, mein Gewissen, wie Du sagst. Mein Gewissen sagt mir, daß ich vor der Natur (im weitesten Sinn) vollkommen richtig und zwingend fühle; und wenn ich nur von meinem Lebensgefühl ausgehe, sie mich nicht mehr angeht und berührt wie die Kulissen eines Theaters, mit der man eine Dichtung, drapiert. Die Dichtung selbst stammt aus ganz anderen Dichter- und Urgründen; und will ich sie ausdrücken, so wie ich sie fühle, darf ich nicht mit Kulissen arbeiten, sondern einen weltbildfernen reinen Ausdruck suchen. Ob es einen solchen gibt? Ob er je rein gefunden wird in der Malerei? In der Musik ist er gefunden worden, da hast du recht; aber wie schnell ist er wieder verloren worden! „Nichts konnten wir zwingen damit“, — das wollte ich sagen, die relative Erfolglosigkeit jenes frühen Sieges wollte ich mit jenem Satz ausdrücken. Kandinsky ist zweifellos jenem Ziel der Wahrheit nah auf der Spur, — darum liebe ich ihn so. Du magst ganz recht haben, daß er als Mensch nicht rein und stark genug ist, sodaß seine Gefühle nicht allgemein gültig sind, sondern nur sentimentale, sinnlich nervöse, romantische Menschen angehen. Aber sein Streben ist wundervoll und voll einsamer Größe. Du mußt aus dem Vorstehenden nicht schließen, daß ich jetzt nach meinem alten Fehler wieder beständig über die mögliche, abstrakte Form nachdenke; ich suche im Gegenteil sehr gefühlsmäßig zu leben; mein äußerliches Interesse an der Welt ist sehr keusch und kühl, sehr durchschauend, sodaß das Interesse sich nicht in ihr verfängt, und ich gegenwärtig eine Art negatives Leben führe, um dem reinen Gefühl Raum zum Atmen und zur künstlerischen Entfaltung zu geben. Ich vertraue viel auf meinen Instinkt, auf das triebhafte Produzieren; das kann ich erst wieder in Ried; aber dann wird es auch kommen; ich hab oft das Gefühl, daß ich irgend etwas Geheimnisvolles, Glückliches in der Tasche habe, das ich nicht ansehen darf; ich halte die Hand drauf und befühle es zuweilen von außen. —
Was Du von K. erzählst, ist sehr hübsch.
— — — Dein Frz. M.
13. 4. 15.
L., wenn ich Zeit finde, sehe ich mir hier immer die Gärten an, meist sehr alte Anlagen von einem merkwürdig kühnen und dabei klugen, besonnenen Stil; die Art der Weganlage ist einfach vorbildlich, läßt sich aber natürlich nie nachbilden, da sie stets so vollkommen dem jeweiligen Haus und Gelände angepaßt ist, daß man nie zwei gleiche oder nur ähnliche Anlagen findet. Ich denke oft an Ried und wie wir das Grundstück einmal gliedern wollen. Alles hängt natürlich davon ab, ob wir die Nebenwiese bekommen oder nicht. Auch in der Beetanlage hab ich sehr merkwürdige Sachen gesehen. Alles treibt jetzt schon heraus; es ist ganz erregend, in einem solchen reichen alten Garten zu stehen, wo einen der Frühling mit Millionen kleinen Augen ansieht. Ich bin noch mehr als je in die Blumen und Blätter verliebt. Ich seh sie jetzt so anders an, irgend ein Gefühl von Mitleid ist immer dabei, eine Art Mitwissertum; man sieht sich einander an, stumm und mit der Geste: „wir verstehen uns schon; die Wahrheit ist ganz wo anders; wir beide stammen alle von ihr und kehren einst zu ihr zurück“. Mit Menschen kann man fast nie so verkehren; da stoßen immer die Ichs aufeinander; am wenigsten vielleicht noch bei Klee; — — — — —. K. scheint ja eher ein reiner Mensch zu sein; aber ich muß erst etwas von seiner eigenen Musik hören, auf die ich furchtbar gespannt bin. Ich bin in meinem ganzen Wesen so sehr produzierender Charakter (— es steckt wie eine Krankheit in mir), daß mir harmlose Güte im Leben wenig sagt. Vielleicht wenn ich älter und ruhiger werde; mir wurde bei meinen Gedanken über K. so viel wohler, als Du schriebst, daß er ganz produzierender Mensch sei und sich quält, — dann geht es schon immer besser im gegenseitigen Verkehr. Ich werd ihn sicher gern haben. Ja, einen Freund haben! Wieviel hab ich heimlich um * * * gelitten; daß mir dieser Charakter so entgleiten mußte! Mit Kandinsky werde ich immer eine Art Männerfreundschaft halten, trotz allem und allem; freilich: an eine Zusammenarbeit glaub ich auch nicht mehr. Aber ich muß so viel an ihn denken. Ich weiß, daß dieser Mensch innerlich fürchterlich leidet. Sein ganzes Wesen, vor allem, wenn ich jetzt an ihn zurückdenke, verrät es. August’s Tod ist eine unersetzliche Lücke für mein Leben. Seine Kunst strahlt zwar nicht stark zu mir herüber, — aber der Mensch!! Er war meine „Erholung“ im Jahr. Wenn er da war, hatte man „Ferien“! Was wohl aus Lisbeth wird? — — — — — Wenn nur * * * glücklich wiederkehrt! Das Schicksal abenteuert wirklich sehr bedenklich mit seinem teuren Menschenmaterial. Eine derartige Sterbelust und Opferdrang hat doch die Menschheit noch nie erfaßt wie heute. Die Disziplin ist ja nur die Organisation dieses Dranges, dieses Herandrängens an den Tod. Die Verwundungen sind die Enttäuschungen: Das Ich erwacht und bemerkt, daß es nichts gewonnen, aber seinen dummen Finger oder Arm verloren hat. Das ist das Satyrspiel der großen Tragödie. Aber die Toten sind unsagbar glücklich. Wenn aus diesem Krieg kein Dichter und keine Musik hervorgeht, dann gibt es überhaupt keine mehr. Du schüttelst sicher wieder den Kopf und meinst: ich fasle; aber ich sag Dir: Du weißt nichts vom Krieg. Vielleicht ist es auch so, daß ich ihn nicht anders sehen will oder kann; beim Anblick dieses Kämpfens und Sterbens geht es mir genau so, wie wenn ich die Natur ansehe, in der es auch nicht anders zugeht; aber man fingert eben nicht kurzsichtig an ihrem Bilde herum, sondern sieht ganz weit hinter nach dem Geist, der das einzig Lebendige und Mögliche an dem allen ist.
Wir haben kolossal angestrengte Tage und Nächte hinter uns, aber es wird hier nicht mehr lange dauern.
— — — — —
18. IV. 15.
L., ich hab den Tolstoi jetzt vollständig (aber gewiß nicht zum letztenmal) gelesen und habe genau wie Du das unbeirrbare Gefühl, daß in dem Buche „die Wahrheit“ oder wollen wir sagen: „eine große Wahrheit liegt“. Sie für uns oder für die Allgemeinheit, wie ich die „Allgemeinheit“ fühle, aus diesem Buche herauszuschälen, ist eine ungeheuer schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, an der bis jetzt noch sehr wenig geschehen ist. Das ist kein Vorwurf für Tolstoi; sein Buch ist eine moralische Riesenleistung und es ist im Grunde selbstverständlich, daß er als Einzelmensch bei dieser Arbeit, bei der ihm niemand geholfen hat und die er mit den einseitigen Kräften seiner zufälligen Begabungen und Schwächen lösen mußte, einseitig und allzu persönlich vorgegangen ist. Ein einzelner Mensch kann das Problem gar nicht erschöpfend und allgemeingültig wie einen Codex festlegen. Ich habe, um einen Maßstab für die Tolstoi-Gedanken zu gewinnen, z. B. das Evangelium Markus gelesen, der herbste der vier Evangelisten. Lies z. B. einmal das 4. Kapitel! (Vers 12!) und das unheimliche 5. (Vers 30 usf.) und 7. Kapitel (ab Vers 14 und Vers 24!). Es sind nicht einzelne Dinge oder Einwendungen gegen Tolstoi, die ich damit vorbringen will, nur den Maßstab der Qualität seiner Ideen; Tolstoi wirkt, nachdem man diese Kapitel in ihrer atembeklemmenden Großartigkeit gelesen hat, merkwürdig soziologisch, Weltverbesserer, Glücksschwärmer. Er sieht das „Reich Gottes“ merkwürdig friedlich-ackerbaulich, als Glücksstaat, an und noch mehr als: anständigen Vernunftstaat. Tolstoi ist gegen Jesus gehalten ein ganz schwacher Menschenkenner; er hat seinen Idealtyp und einen andern kann er sich vernünftigerweise nicht vorstellen; aber „die Welt ist tief; und tiefer als der Mensch gedacht“. Das ist nicht Mystizismus von mir (oder Daumier oder Klee oder Archipenko — ich denke an die paar ganz ernsten Sachen von „uns“), sondern das ist unser heiligstes Lebensgefühl. Es ist einfach thöricht, von solchen Menschen sagen, daß ihre Kunst „nur um einiger weniger krankhafter Mäzene willen, die so einen Kitzel bezahlen“, geschaffen wurde. Tolstoi verwechselt eine an sich gewiß schädliche und unsittliche Begleiterscheinung mit den Ursachen der Dinge. Mit dieser Folgerung verdirbt er vieles in seinem Buch. Etwas anderes ist es, wo er behauptet, daß wir „verbildet“ sind, Krankheits- und Dekadenzprodukte unsrer Zeit. Darüber denk ich jetzt viel nach. Ich glaube, man darf diese Behauptung ebensowenig vorschnell und stolz zurückweisen als sie leichtsinnig bejahen. Daß „exklusive“ Künstler wie Daumier, van Gogh und Hokusai sich in ihrem tiefen Weltgefühl in Einigkeit begegnen oder z. B. der tiefe Hang der modernen Sucher, durch das „Abstrakte“ allgemein Gültiges, Einigendes auszudrücken (denn diese Tendenz liegt unbedingt in unsern, den andern, die stets bisher den persönlichen Einzelfall in der Kunst zu suchen gewöhnt waren, so rätselhaften Werken), — das ist vielleicht eine ebenso wichtige und große Sache als die Einigung von Hunderttausenden auf die Melodie von „stille Nacht, heilige Nacht“ oder die rührenden Volkslegenden und Märchen.
Ich dränge mein Gefühl hier gar nicht zu einer raschen und gründlichen Entscheidung, die nur das Produkt eines Lebenswerkes und vollen Lebens sein kann, und nicht das Resultat des „gesunden Menschenverstandes“, an den Tolstoi immer wieder appelliert.
Andrerseits: so unendlich viel, was Tolstoi sagt, ist so unbedingt wahr, unabweislich, daß man absolut nicht daran vorbeigehen kann. Z. B. S. 245-46 über die moderne Romanliteratur und Musik. („Jede Melodie ist frei und kann von allen verstanden werden; aber kaum ist sie mit einer gewissen Melodie verbunden und durch sie verbaut, so wird sie nur Menschen, die sich mit dieser Harmonie bekannt gemacht haben, zugänglich usw.“) Oder: „nehmen sie bei den besten Romanen unsrer Zeit die Einzelheiten fort und was bleibt dann übrig?“ Das gleiche ist von den Impressionisten zu sagen. Die allermeisten legen das Gewicht auf das Wie und nicht auf das Was. Und bei uns Kubisten etc. ist das leider noch mehr wahr, gewiß mehr wahr, als wir es uns eingestehen wollen. Wir müssen es uns aber in jedem Fall offen eingestehen. Dieser Gedanke wird mich von nun stets beim Arbeiten und beim Nachdenken über meine und fremde Arbeit beherrschen.
Der einzige Künstler unsrer Tage im Sinne Tolstoischer Volkskunst ist und bleibt natürlich Rousseau, wenngleich dem reinen Geist nach van Gogh gewiß nicht weniger Anspruch auf diesen Ehrenthron hat. Aber van Gogh ist ja mit wenigen Porträtausnahmen für die Menge gänzlich unverständlich!! Warum? Meine Antwort ist: weil es nicht wahr ist, daß alle Gefühle allen gemeinsam und verständlich sein müssen. Der Mensch ist kein einmal festgelegter Typus, mit dem man so einheitlich und über einen Leisten verfahren kann, sondern unterliegt ganz der Wandlung und der Rangordnung, die die physikalische Natur in allen ihren „Betrieben, Werkstätten“ anwendet, um etwas zu fördern und um wachsen zu können. Differenzierung und Absonderung scheint mir eher gerade der Schlüssel der menschlichen Lebensenergie zu sein. Aber ich kann darüber nicht mit so wenig Worten reden. Jedenfalls ist für mich das christliche, das Jesus-Problem viel komplizierter, dunkler und herzensschwerer wie Tolstoi es aufzufassen scheint. Rousseau ist richtige christliche Volkskunst, Meister Bertram auch. Grünewald, Greco, Delacroix wirken neben diesen sehr affektiert und unehrlich, und in ihrem Aufwand von großen und kleinen Mitteln unnötig. Könnte diese Unstimmigkeit des Nebeneinander nicht davon herrühren, daß man zwei Welten mit ganz verschiedenen Maßverhältnissen mit gleichem Maßstab mißt? d. h. mit dem Tolstoi-Maßstab des Einen? Laß Dich nicht verleiten, all diese Fragen zu einschichtig zu nehmen. Die Welt hat viele Schichten. Der Mensch ist in der weiten Natur ebenso Übergangsprodukt wie das Tier oder die Pflanze; wenn er die Liebe, gegenseitige Achtung und Hilfe als größten einigenden Lebensgrundsatz allmählich annimmt, so thut er das wahrscheinlich auch aus der inneren Not seiner Entwicklung. Aus Michelangelo (den Tolstoi unbedingt verpönen muß), Hölderlin, Beethoven, Cézanne, spricht eine unendliche Weltliebe, Drang nach Verständigung; aber jeder hatte seinen Maßstab; der Adler kann keine Spatzen anführen, — er fliegt ihnen mit drei Flügelschlägen davon.
In manchem hat Tolstoi natürlich auch über die Großen gewiß richtig gedacht; z. B. den späten Beethoven in gewissen Werken; mir schwebt da besonders das berühmte cis-Moll-Quartett vor, das ich zweimal (von Joachim und später glaube ich von den Böhmen) hörte. Mir wurde es jedesmal langweilig, weil es mir ganz künstlich gemacht schien. Das erstemal dachte ich natürlich, daß ich zu dumm bin, es aufzufassen; das zweitemal schwor ich mir, es nicht ein drittesmal anzuhören; es ist inhaltlich fad und in eine künstliche Stimmung und ungeheure Breite gebracht. Jetzt würde ich es natürlich erst recht noch einmal hören, um mein Urteil zu prüfen. Gänzlich unverständlich ist mir, wie man den erotischen Einschlag in reinen Kunstwerken, wie dem Violinkonzert, Kreuzersonate, 7. und 9. Symphonie, Michelangelo, die Griechen usw. so hassen kann, wie Tolstoi es thut. Wie kommt er dazu, überall das Geschlechtlich-Häßliche zu sehen? Das ist auch krankhaft von seiner Seite; am Ende traut er sich auch einmal nicht mehr durch einen Blumengarten zu gehen. Gegen eine solche Auffassung wende ich mich mit aller Leidenschaft. Dieser Punkt läßt mich sehr zweifeln an der Gesundheit Tolstoischen Denkens. Der erotische Witz sowohl wie die erotische Erregbarkeit und Leidenschaft sind Grundelemente des menschlichen Fühlens (gerade des einfachen, geraden Menschen), die man nicht durch christliche Liebe zudecken oder abschnüren kann und darf und soll.
A propos: ich bin Vizewachtmeister — nichts anderes. Deine übrigen Befürchtungen sind ganz grundlos. * * * bat um äußersten Preis von gelber Kuh; ich schrieb ihm den Netto-Kriegspreis für mich: ..., gänzlich unverbindlich für später. Wenn in diesen Zeiten jemand kauft, würde es mich für diesen Preis nur freuen.
Gute Nacht, mit einem Kuß
D. F.
27. 4. 15.
Die Siegesnachrichten dieser Tage regen mich ungeheuer auf. Jetzt muß es vorangehen. Die Frühlingstage sind fabelhaft. Gestern führte ich meine Wagen wieder in der Mondnacht vor; fast der ganze stundenlange Weg ist überdacht von blühenden Kirschbäumen; die schweren weißen Zweige wiegen sich so seltsam im Nachtwind; ich muß oft an die längst entschwundenen Blütennächte am Athos denken! Ich bin glücklich, die schmerzliche Melancholie jener Jahre überwunden zu haben; damals stand wirklich das dumme Ich im Mittelpunkte aller Gefühle, — heute hat das Ich zu horchen und wach zu sein, ohne Selbstansprüche. Ich lese jetzt den Tolstoi nochmals mit großer Aufmerksamkeit und lege Dir ab und zu Zettel in die Seiten. Mein erster Eindruck wird nur bestärkt: seine Gedanken bergen die für uns entscheidende Wahrheit, aber seine Vernunft-Logik ist ein ganz unzulängliches Werkzeug, diese Wahrheit herauszustellen und zu definieren. Er arbeitet mit einer gesunden praktischen Lebenslogik, die ihn da, wo er sie auf wirklich geistige Probleme anwendet, ganz in die Irre führt. Dazwischen leuchten immer wieder echte Wahrheiten, die aber wie Kometen zufällig die Bahn seiner logischen Schlüsse streifen, ohne inneren Zusammenhang. Du wirst mich schon verstehen, wenn Du das Buch mit meinen Bemerkungen nochmals liest. — Ich lege Dir einen Zeitungswisch über Händels Oratorien bei, — vielleicht regt er Dich zum Nachlesen und Nachspielen im Auszug an.
Daß Hanni wirklich trägt, ist köstlich. Bring ihr möglichst viel durcheinander von Strauchzweigen und Waldgrün mit; frag auch Niestlé ev. wegen gewisser Wurzeln usw. Die Tiere suchen sich in solchem Zustand gewiß bestimmte Nahrung zur Milcherzeugung etc., Klee, Berberitzen, Haselnuß usw. Könnt ich doch dabei sein!! Aber ich bin jetzt voll Zuversicht.
Mit liebem Kuß Dein F.
Grüße allseits!
16. V. 15.
L., — — — — — — — —
— — Um mich lege die Sorge wirklich ein bißchen ab. Mein verändertes mageres Aussehen geht sicher auf Seelisches zurück, das sich auch wieder ausgleichen wird. Mein Körper ist sogar von einer mir ungewohnten Elastizität und Leidensfreiheit; ich bin nicht einmal nervös. Von irgend welchen Störungen, wie bei * * * ist bei mir keine Spur. Ich verdanke es allerdings einer scharfen Selbstzucht (die * * *, wie ich ihn beurteile, sicher nicht geübt hat), daß ich mich von meinem bedenklichen Herbstzustand so erholt habe. — Ein anderes Thema: — —
— — — — —
Vieles geht mir ab; am meisten aber Du; und dann die Musik. Ich bin äußerst neugierig auf die „einfachen Stücke“, die Dir K. zum spielen gab. Ich werde mich zu Musik noch ganz anders einstellen als früher. Musik und Malerei sind doch ganz gleich, — man muß nur das Organ haben, das diese Gleichheit mißt und erkennt; es ist auch nicht notwendig, daß jeder dies Organ hat; aber wer dies einmal erfaßt hat, daß die beiden ganz gleich sind, wird diesen Gedanken nie mehr los. Unbegreiflich ist mir nur, was Kandinsky z. B. mit der Vereinigung der beiden bezweckt. Ganz abgesehen von der technischen Unmöglichkeit, das grundverschiedene äußere Material (Zeit und Fläche) der beiden Künste zusammenzuschweißen, ist es vor allem ein künstlerischer Nonsens und einfach langweilig, das Gleiche zweimal vorbringen zu wollen oder gar von den grundverschiedenen Materialien ein Stück von da und eins von dort zu leihen und daraus ein Ganzes machen zu wollen. Gar nicht zu verwechseln ist damit z. B. Musik mit Text wie z. B. Matthäuspassion oder ein vertontes Lied, — das ist genau dasselbe wie ein gegenständliches Bild; es bleibt ganz „Bild“, wie Musik ganz Musik bleibt trotz Text. Musik ohne Text gibt es nicht, er bleibt nur eben oft unausgesprochen, — Bachs Musik ist dafür klassisch. Ebensowenig gibt es abstrakte Bilder ohne Gegenstand; der steckt immer drin, ganz klar und eindeutig, nur braucht er nicht immer äußerlich da und augenfällig zu sein. Ich denke viel über diese Dinge nach; sie sind im Grunde so einfach; es lohnt so gar nicht, viel darüber zu disputieren. Es gibt da gar nicht viel zu disputieren. Schwer und wichtig ist nur das Eine: den Schaffensgrund in sich finden.
Für heute gute Nacht! Ich werde mit guten Gedanken einschlafen. — — — — —
— — —
18. V. 15. Nachts.
L....
Ich habe eine merkwürdige Lektüre zufällig in die Hände bekommen, die mich unsagbar tief berührt hat, gerade weil sie mich so ganz überraschend und entgegen meinen bisherigen Anschauungen über Missionswesen ergriffen hat: eine Biographie Livingstones! Ich bin ganz erschüttert davon. Ich lege das Büchlein bei, (— es gehört nicht mir, schicke es mir darum baldmöglichst zurück). Es ist schriftstellerisch ganz armselig, — aber der Gegenstand, diese mystische Einfachheit des wahren Genies, der durch das tiefste, furchtbarste Dunkel das Licht seiner Idee trägt, ist so überwältigend, daß die Form einerlei wird. Ich möchte kaum ein wissenschaftliches Buch über die Expedition Livingstones lesen, — allerdings wohl ein ausführlicheres als das vorliegende, vor allem eines, das mehr persönliche Worte und Notizen Livingstones enthielte; sieh Dich einmal im Buchhandel bei Lehmkuhl danach um, kauf es und schenke es Maman von mir aus, — später will ich es dann auch lesen. Von der Lektüre dieses Büchleins aus bin ich Tolstoi, dem wahren Tolstoi wieder viel näher gekommen. Das ist Größe und „Poesie durch sich“; die wenigen angeführten Worte Livingstones sind von einer so klangvollen riesigen Erhabenheit, wie auf dem Grabstein das Wort von der „offenen Wunde der Welt“ oder die Worte S. 25, das ist ein Leben! da kann man von einer That reden. Wir alle faulenzen. Man muß sich gänzlich opfern; nicht: „sich an die Säule seiner Idee lehnen,“ wie ich mich letzthin, glaub ich, ausgedrückt habe, sondern sein Kreuz tragen, an dem man für die Welt stirbt, — dann nur könnte einst auf unserem Grabstein die Mahnung an die Nachwelt stehen, für die man sich geopfert: „Ihr seid teuer erkauft, — werdet nicht der Menschen Knechte.“ (1. Corinth. 7, 23.)
Fortsetzung 22. V. 15.!
Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im Herbst; siehe auf dem Kuvert; wir sind wieder in unserer alten Gegend wie im Oktober-November, wenn auch nicht am gleichen Ort, aber unter ähnlichen Umständen. Es wird alles für mich immer traumhafter; wir hatten zum Abzug aus E. die Wagen hochgeschmückt mit Blumen und trabten nun so durch die gaffenden Dörfer wie ein Zug aus Dante’s Inferno; ich fühle dabei immer, daß eigentlich nur mein Körper reitet und ich ja ein ganz anderes Leben lebe, ich weiß nur nicht genau wo; ich bin jetzt so oft in solch einer Art Dämmerzustand, ähnlich wie im Traum, wenn man merkt, daß man nur träumt und doch trotzdem weiterträumt. Dieses Gefühl ist aber gänzlich unsentimental und unromantisch und noch weniger selbstquälerisch; vielmehr wie eine Thatsache, daß man zeitweise das Leben in mehreren Falten nebeneinander durchleben kann und die Einheit von Lebensfunktionen nur sehr locker und fragwürdig ist. Der Geist kann unbedingt auch ohne Körper leben. — — — — —
25. V. 15.
L., Du schreibst in einem Deiner guten Briefe „man sollte um der Sache willen, — um sie zu retten, alles ablehnen, was nicht dazu gehört“ und daß ein solcher Standpunkt das Heil für mich wäre. Du hast sehr recht, daher auch gegenwärtig die große Spaltung meines Wesens, die von dem ungewöhnlichen Leben und den ungewöhnlichen Ereignissen bestimmt wird. Ich lebe eigentlich drei Leben nebeneinander: das eine Leben des Soldaten, das für mich vollkommen Traumhandlung ist und bei dem ich beständig den sonderbarsten Ideenassoziationen und Erinnerungen unterworfen bin, z. B. als ob ich bei den Legionen Cäsars stünde, — das ist kein Witz; ich bin auch durchaus nicht krank, — ich „sehe“ uns plötzlich so, ganz genau, bis in alle Einzelheiten. So kommen mir auch die Bewohner der Gegend durchaus als Verstorbene vor, als Schatten (nach dem griechischen Hadesbild). Das sind gar keine Erlebnisse mehr für mich; ich sehe mich ganz objektiv wie einen Fremden herumreiten, sprechen usw.
Das zweite Leben ist schon eher „Erlebnis“, die Gedanken an Europa, Tolstoi, August, Ried, Bücher, die ich lese, Zeitungen und die Gedanken an die schon jetzt ganz sagenumsponnene Front der Riesenheere, die Fliegerkämpfe, (deren wir jetzt täglich Zeugen sind), meine Briefe, — in all dem steckt schon eine Wirklichkeit, in die ich wenigstens zuweilen meine Nase stecke und in der ich mich zuweilen wach, auf beiden Füßen und anwesend fühle, obwohl ich nie das Bewußtsein dabei verliere, daß dies alles für mich nicht wesentlich ist, nur Wege, Spaziergänge ohne Ziel, die man zur Erholung und „um sich zu fühlen“ und um nicht unthätig zu sein geht, um dann wieder zu sich nach Hause zurückzukehren, in sein eigenes gänzlich unsichtbares „Heim“. Und das ist das dritte Leben: das unbewußte Wachsen und Gehen nach einem Ziel; das Keimen der Kunst und des Schöpferischen, der Keim, den man nicht vorwitzig berühren darf. Alles andre wird für mich unwesentlich und gleichgültig, wenn ich über dieses eigentliche innere Leben brüte; wie der Vogel über seinem Ei, so sitze und brüte ich über diesem Leben, — und was ich sonst thue und denke, gehört gar nicht wesentlich zu mir. Der wahre Geist braucht gar keinen Körper zu seinem Leben, — vielleicht ist ein Körper seine äußerliche Bedingung (Incarnation), aber er ist nur wenig abhängig von ihm, kann sich von ihm zeitweise und besonders in seinen wichtigen, wesentlichen Stunden ganz von ihm trennen. Vielleicht wird Dir nicht ganz klar, was ich mit diesen Ideen ausdrücken will, sie sind ganz spontane Erkenntnis, — im übrigen eine Erkenntnis, die durch alle Religionen geht.
Diese Trennung ist keine Bedingung; in einem harmonischen Erdendasein wird sie überhaupt kaum fühlbar, — wenn ich nach Ried und zu Dir zurückkehre und arbeiten darf, werden sich hoffentlich meine drei Personen wieder hübsch eng zusammenschließen. Aber gegenwärtig laufen sie einzeln!
Wie geht’s mit dem Essen? Schmeckt es K. und ißt er auch ordentlich? Über den Klavierbetrieb bin ich sehr glücklich. — — — — —
Du bist enttäuscht — — — — —, — laß Dich davon nicht zu sehr in Deiner offenen Haltung beeinflussen. Dieses: sich geistig zurückziehen und „vorsichtig sein“ kann ich nicht gut finden. Man muß so lebendig sein, immer wieder und immer noch einmal von vorn anfangen zu können, auch im Leben und nie etwas nachzutragen, (— eine ganz unnötige Last, die man da „nachträgt“). Ich lasse die Menschen nicht so schnell aus.
Schade, daß es mit der Obsternte dieses Jahr nicht so reichlich wird, — wer weiß übrigens. Bei schwacher Blüte fällt nicht viel ab und vielleicht trägt der eine und andere Baum doch mehr, als man denkt. Die guten Schwälbchen sollen nur nisten; das bringt Glück. Auf Hanni werd ich immer neugieriger. —
— — — — —
Nun gute Nacht! Dein Frz.
21. VI. 15.
L....
Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. — — — — — — — — — — — Aber niemand darf sich im Glauben, dem „Wesentlichen“ näher zu sein, überheben; ich bin immer noch lieber gegen andere gutgläubig als gegen mich selbst. In einer Sache täuschst Du Dich immer in mir: Du denkst, ich sei da und dort „festgefahren“. Ich irre und finde das Gleichgewicht nicht, — das ist etwas ganz anderes. Ich habe viel größere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weißt Du immer noch zu wenig über mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was es mit meiner Scheu, — sagen wir: vor „Penzberg“ oder vor „fremden Stuben“ auf sich hat? Was kann ich machen, daß da, wo Du die Wahrheit, das „Gewissen“ siehst, ich noch immer für meine Seele ein unlösbares Problem sehe? Das nennt man nicht „festgefahren“, — das ist etwas ganz anderes. Die Wunde dieses Problemes fließt, seit ich erwachsen bin; mein ganzes Malertum ist bisher nur ein Lösungs- oder besser: Rettungsversuch aus diesem für mich unlösbaren Problem gewesen. Ich bin Sozialist aus tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, — aber nicht praktischer Sozialist. Das ist nicht lächerlich und keine Phrase. Wir werden viel darüber reden.
Die Zeit des Weltkrieges ist nicht böser als irgendeine Zeit des tiefsten Friedens; der schönste Friede war immer nur ein latenter Krieg; aber der Einzelne kann sich befreien und anderen dazu helfen — das ist der Sinn des persönlichen Christentums und Buddhismus und aller Kunst. Das ist natürlich auch wieder unpräzis, vieldeutig und viel zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen; man bedient sich immer festgefahrener Ausdrücke, alter Gedankenformen; eine solche scheint mir auch Deine „Menschenliebe“; was ist das? geht sie auf Kosten der „Naturliebe“? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir, wo der Mensch steht im Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze Mensch muß endlich noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht und reicht wenigstens heute nicht mehr aus, nur auf Christus zurückzugreifen. Je länger und hingebender man ihn liest, desto vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr und wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies Thema von je und je, wenn ich auch die größten Umwege um das mir noch immer unsichtbare Ziel gelaufen bin. Daß Du die wirklich belustigende Prophezeiung aus Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst belustigt. Daß die rein literarische Phantasie Platos in keinem wahren Zusammenhang mit dem jetzigen Kriege steht, ist doch selbstverständlich. Nur das äußerliche Zusammentreffen ist wirklich ein verblüffender Witz der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden.
— — — — — — — — — —
23. VI. 15.
L....
heut kam Dein Brief vom 20. Sei unbesorgt: ich lege gar keine besondere Wichtigkeit in diese Beförderungsfrage, auch finanziell nicht; mich langweilt nur mein ewiger Unteroff.-Gehalt, wenn ein so hoher Offiziersgehalt meiner Dienstzeit gewissermaßen zusteht; — — — — — — — — — — — — — — — — —
Ich setze mein Leben und mein Werk, an das ich glaube, nicht leichtfertig ein für eine Sache wie diesen Krieg, die mich nur äußerlich interessiert. Ich kann ja immer noch nicht über den Krieg schimpfen und ihn hassen wie Du, — als ob die Menschen vor dem Kriege und nach dem Kriege und je besser gewesen wären. Was ist denn der Krieg anders als der bisherige Friedenszustand in anderer, eigentlich ehrlicherer Form; statt Konkurrenz gibt es jetzt Krieg. Ob die Menschen auf Schlachtfeldern sterben oder durch Stubenluft und in Bergwerken, ist kein wesentlicher Unterschied; der Tod selbst und die Wunden verderben die Seele nicht. Den Tod als Zerstörung erkenne ich überhaupt nicht an. Der Tod Deines Vaters war mir doch noch furchtbarer und erschütternder als der Tod Wilhelms; ich weiß nicht, ob Du das verstehst. Faß es jedenfalls nicht auf, als ob ich jetzt abgestumpft wäre oder den Kriegstarantelstich hätte, wie Du schreibst; ich fühle hierin, wie ich immer gefühlt; vielleicht erinnerst Du Dich, wie ich schon immer früher über den Tod sprach: er ist absolut Erlösung. Dazu braucht man kein Pessimist sein, nicht einmal Buddhist, höchstens Christ. „Tod, wo ist Dein Stachel?“ — Es ist nicht einmal wahr, daß ich mich „an den Krieg gewöhne“, wie Du annimmst; aber ich taste immer ehrlicher an die Wurzel von dem allen, auch an die Wurzel der Friedenszeiten. Ich glaube nicht an die „menschenwürdigeren Zeiten“, von denen Du so viel sprichst: sie sind nur latent, übertüncht, — aber immer, im Frieden und im Kriege, gibt es noch ein anderes Leben, das kein Tod, kein Mord und kein Sterben, keine Wunden und keine Krankheiten bezwingt und das von Weltverböserung so wenig als von Weltverbesserung beeinflußt werden kann. „Mein Nerv wurde hart in mancher roten schöpferischen Stunde“, — vielleicht ist es das; denn ich bin sonst, als Mensch, nicht grausamer, hartherziger geworden; Du kennst mich ja. Aber wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem Nächstbesten christliche Liebe erweise, will ich es immer so thun, daß meine rechte Hand nicht weiß, was die Linke thut, — nicht aber als Programm, als Welttendenz und um was zu bessern. Ich dachte auch viel über Livingstone nach; er ist verehrungswürdig wie Franz von Assisi, Pascal und Christus; aber liegt sein Erbfehler nicht auch in seiner Organisation der Mission? was wurde heute daraus? denkst Du heute über Heidenmission auch schon anders? Ich nicht. Gibt es heute weniger Sklaven? Werden die Menschen heute nicht mehr verkauft? die Formen ändern sich, sonst nichts. Es gibt nur einen Segen und Erlösung: den Tod; die Zerstörung der Form, damit die Seele frei wird. Du mußt nicht denken, daß ich die Bibel „poetisch“ lese; ich lese sie als Wahrheit, wie ich Bach als Wahrheit höre und reine Kunst als Wahrheit sehe. Kannst Du mich verstehen? Ach könntest Du doch!
A propos: zum Leben zurück: — — — — — Ja, das Leben! und die Menschen! sie können einem sehr leid thun, aber man kann sie nicht bessern. Wir müssen auf ein anderes Leben warten. Für manche brennt das läuternde Fegefeuer schon hienieden — hoffentlich gehören wir zwei unter diese — manche und die meisten leider — spüren hienieden davon noch gar nichts. Wirst Du mich verstehen? Das frag ich mich jetzt so oft! Dich glaub ich schon zu verstehen; Du meinst ganz das Richtige, nur drückst Du es anders aus als ich; scheinbar einfacher, ohne Scheu vor den Enttäuschungen: ich liebe Dich darum nicht weniger; aber ich möchte sie Deinem guten Herzen ersparen und Dich gleich zum Wesentlichen wenden.
Vieles in meinen Aphorismen kommt mir jetzt wieder in den Sinn, als ob ich’s erst heute verstünde, was ich damals, meist sehr unklar, gestammelt.
— — — — — — — Frz.