Schlegel, Friedrich.
Reading edition
Geb. am 10. März 1772 zu Hannover, gestorben am 12. Januar 1829 zu Dresden.
Lucinde, Roman (1799.) — Alarkos, Trauerspiel (1802.) — Florentin. — Gedichte (1809.) — Ueber die Sprache und Weisheit der Inder (1808.) — Geschichte der alten und neuen Litteratur, 2 Bde. (1815.) — U. a. m. — Sämmtl. Werke, 12 Bde. (1822 und später).
Wie zwei Brüder nach gemeinsam begonnenem, weltstürmendem Auftreten in Wissenschaft und Poesie, Beide in die Mysterien altindischer Weisheit sich vertiefend, und darin wandelnd, an ganz entgegengesetzten Ausgängen anlangend, einander fremd werden konnten — ja mußten, das wird aus diesen, an einen gemeinschaftlichen Vertrauten ihrer schönen Jugend gerichteten Briefe recht klar. Der ältere August Wilhelm, den Friedrich einen „Pedanten“ schilt, klagt über Friedrichs Verirrung, wie er es nennt, in religiösen und philosophischen Dingen, und daß der Bruder ihm völlig unverständlich geworden sei.
Tieck stand zwischen ihnen. In der durch den Lauf der Jahre oftmals entschlummerten, niemals erstorbenen Anhänglichkeit für diesen Zeugen erster schäumender Jugendkraft, finden sie sich denn wohl wieder, gleichsam auf neutralem Boden. Der Jüngere schied zuerst. —
Wir lassen seinen Briefen zwei Zuschriften der ihn überlebenden Gattin folgen; die zweite, so mild-versöhnliche, als schönstes Denkmal für den Verstorbenen, und für die ihn Ueberlebende!
I.
(Ohne Datum.)
Ich sehe mit Ungeduld den Briefen über Shak. entgegen. Wenn es mir möglich ist, so frage ich heute noch selbst danach bey Ihnen vor. — Haben Sie Reichardt schon gesehen, der hier ist? — Ich habe ihm schon gesagt, daß Sie uns einen Beytrag versprochen haben, welches ihm natürlich sehr angenehm war. Wenn Sie ihn indessen sehn sollten: so wäre es recht gut, wenn Sie ihm als Herausgeber des Lyc. noch ein paar Worte darüber sagten.
Wenn Sie doch Ihren Beytrag selbst bringen könnten! Des Morgens bin ich immer zu Haus. Den weiten Weg zu Ihnen scheue ich gar nicht. Aber bey mir bleibt man viel sichrer allein, und so sehe ich Sie doch wenigstens jetzt am liebsten, ungeachtet ich auch Ihren häuslichen Cirkel, in dem ich Sie mich immer vorläufig einzuschreiben bitte, wenn ich auch jetzt nicht so oft da seyn kann, als ich wünschte, sehr liebenswürdig finde. Mein Interesse an Ihnen oder an der Poesie ist zu ernst. So etwas zerstreut sich gleich, wenn mehrere da sind. Ich bin in solchen Angelegenheiten sehr für die Zweysprach.
Ich lese jetzt Ihren Lovell zum zweytenmahl. — Mein Bruder läßt Sie herzlich grüßen, und hat große Freude an Ihren Werken und an den Nachrichten, die ich ihm von Ihnen habe geben können.
Empfehlen Sie mich Ihrer Schwester.
Ihr
Fr. Schlegel.
Das unterhaltende Büchelchen erfolgt mit vielem Danke zurück.
Wollen Sie wohl die Güte haben mir Richters Dornenstücke zu leihen, und mir Wackenroders Logis aufzuschreiben?
II.
Dresden, den 27. Jul. 98.
Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben, liebster Freund, bis ich Ihnen einigen Bericht über eine spanische Lectüre hier geben könnte. Bis jetzt ist aber noch nichts geschehn, weil ich dumm genug gewesen bin, mich in die Dummheit der Engländer recht sehr vertiefen zu lassen. Ich habe die Arbeiten des Malone &c. über die Aechtheit und Chronologie der Sh.schen Dramen durchgearbeitet, und wenigstens gelernt, wie wenig daraus zu lernen ist. Desto mehr finde ich in Sh.’s erotischen Gedichten (die ich in der Andersonschen Sammlung Engl. Dichter recht nett gedruckt beysammen fand) und in den sogenannten unächten Schauspielen zu lernen. Durch beyde ist mir ein ganz neues Licht über Sh. aufgegangen; und beyde haben mich auch beyläufig[20] entzückt. Die ersten mehr auf eine subjektive Weise; d. h. ich bin dadurch gleichsam verliebt in Sh. geworden, und ich weiß mir fast nichts, was ich so ganz nach meinem innersten Gemüth liebenswürdig finde als Adonis und die Sonnette. Das Interesse an den Dramen ist objektiver, sie mögen nun von S. seyn oder nicht. Ich habe eine große Vorliebe für den Aeschylus jeder Art, sollte sie auch noch so Gothisch und Barbarisch seyn. In dieser Hinsicht hat Locrin sehr großen Reiz für mich, wegen des Kothurns, und die grelle Lustigkeit dazwischen ist sehr grandios. — Ich halte es indessen für im höchsten Grade wahrscheinlich, daß sie alle von Sh. sind, die meisten noch älter als die erotischen Gedichte. — Ich habe denn doch die Engl. Bestien excerpirt, da ich sie einmal gelesen hatte, und wenn Sie die Reedsche Ausgabe von 93 und Malone’s Essais über die Chron. noch nicht gelesen oder gehabt haben, kann ich Ihnen einige interessante Fakta mittheilen, wenn ich zurückkomme.
Wenn Sie nur vorher mit Ihrem Aufsatze über den Cervantes fertig würden! Sie glauben nicht, wie sehr ich es wünsche, Sie auch einmal über die Poesie poetisiren zu hören, und im Athenäum nicht bloß über Sie, sondern auch Sie selbst zu lesen. Ich setze Ihnen das Ende des August als letzten Termin. Sind Sie dann nicht fertig, so schreibe ich Ihnen druckend einen Brief über die spanischen Angelegenheiten, an die ich nun unverzüglich gehn will. Glauben Sie aber, daß Ihrem Geiste jede kritische Geburth nur durch die Zange entrissen werden kann, so geben Sie mir nur einen Wink, und Sie sollen unverzüglich eine epistola critica de novellis hisp. von mir erhalten und wir können dann nach Belieben mit der Correspondenz fortfahren. —
Geben Sie nur bald Nachricht von sich und empfehlen Sie mich den Ihrigen. Ihre Schwester Alberti sah ich zweymal; zuerst vor Empfang des Briefs, wo sie, jedoch in aller Zärtlichkeit etwas ungeduldig war; dann nachher als die Sonne wieder schien.
Ich umarme Sie herzlich. Ganz der
Ihrige
Friedrich Schlegel.
Das muß ich Ihnen doch noch sagen, daß Sie von wegen der Volksmährchen zwey Freunde haben, die Sie nicht kennen: Novalis und der Philosoph und Physiker Schelling, von dem ich Ihnen sagte.
Das Stück von Lope auf das Sujet von Romeo hat nicht diesen Titel. Welchen es hat, sagen die Canaillen nicht. — Die Puritanerin wollte mir im Anfang weniger zusagen, sie ist etwas schwer. Nun gefällt sie mir ganz vorzüglich. —
III.
Jena, den 22ten Aug. 1800.
Es kommt sehr erwünscht, daß ich grade zu gelegener Zeit Deine Adresse erhalte, da ich eben einen Brief von Deinem Bruder für Dich habe, der an Wilhelm eingeschlossen war.
Dein Brief und Deine Sammlung hat mir große Freude gemacht. Die Sonette habe ich sogleich einigemal gelesen; sie gefallen mir sehr, auch bin ich zufrieden damit, daß das an mich sich durch die Dunkelheit und Sonderbarkeit so auszeichnet, in welcher Rücksicht mir nur noch das auf Sophie einen ähnlichen Eindruck gemacht hat.
Die Correctur werde ich gut und treulich besorgen; so auch das Exemplar an Hardenberg, der jetzt nicht in Berlin sein wird.
Ich habe noch manche Gedichte gemacht, aber fertig ist der 2te Theil noch nicht. Uebrigens habe ich mich nun auch zum Doctor machen lassen und lese den Winter Idealismus, wozu sich schon 60 gemeldet haben. Vielleicht kommt Schelling und was ihm anhängt, auch zurück, und so würde es Idealismus und Realismus genug geben, welches uns doch weiter nicht sehr kümmert, außer daß ich wünsche, Wilhelm wäre endlich ganz rein von diesen Händeln.
Du siehst ihn gewiß den Winter in Berlin; jetzt aber wird er noch einige Zeit wegbleiben.
Auch der junge Angebranntene ist da gewesen, um sich als Abgebrannten darzustellen. Er fiel mit einem unendlichen und unleidlichen Zutrauen über uns her, wurde aber dadurch der Veit und bald auch mir so fatal, daß ich ihn anfing mit einer gelinden Dosis Wahrheit zu behandeln, worauf er sich schleunig entfernte.
Daß ihm Deine Züchtigung richtig zu Händen gekommen, habe ich alle Sorge getragen, weil ich gerne aus der ersten Hand zusehen wollte, wie er es nähme. Er hat es so genommen, daß ich hätte wünschen können, die Medicin wäre noch kräftiger gewesen: über die Sache selbst zwar hat er sich mit der gemeinen Lebensart geäußert, kurz darauf aber war seine Meinung von Dir sehr geändert, er findet nun vieles an Dir auszusetzen, und unter anderm auch, daß der Zerbino langweilig sei.
Ritter ist fast der einzige, mit dem wir umgehn. Wir sehn ihn jetzt fast täglich, er hat sich für den Umgang seit Kurzem zum Erstaunen entwickelt, und sein Umgang macht mir so viel Freude, als der Umgang mit einem Sterblichen nur immer kann.
Lebe wohl und dichte fleißig. Grüße Deine Frau und Tochter. — Den Winter komme ich nicht nach Berlin, aber Ostern sehn wir uns ja wohl auf irgend eine Weise.
Friedrich S.
Noch eins, und zwar etwas wichtiges. Ideler läßt den D. Q. von mir wieder fordern. Ich habe geglaubt, Du hättest ihm denselben etwa in Berlin wieder gegeben, oder doch ein Wort mit ihm deswegen gesprochen. Ich bitte Dich daher, wenn Du den D. Q. an Ideler gegeben, sogleich eine Zeile desfalls zu schreiben.
Die Oper muß fertig gedruckt sein, doch habe ich den Titel noch nicht zur Correctur gehabt. Ganz rein von Fehlern mag sie wohl nicht sein. Bei dem Journal will ich mir aber alle Mühe geben. Wenn du Jacobi siehst, so sage ihm in Gedanken von mir: — Der mag mich — —!
IV.
Jena, den 5ten Novemb. 1801.
Geliebter Freund!
Du mußt mir verzeihn, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe. Ich war sehr beschäftigt und oft auch gestört durch die Kränklichkeit der Veit, die mich oft sehr unmuthig gemacht hat. Dennoch freue ich mich sehr in der Hoffnung, Dich bald zu sehn. Wir haben viel mit einander zu sprechen, und wollen dann recht viel zusammen sein.
Heute nur das Nöthigste von Geschäften. Die Geschichte der Gothischen Könige kann (Lücke) nicht finden, wie er Dir wohl wird geschrieben haben. Die Charakteristiken hast Du nun. Sowohl den Aeschylus als die guerres civiles kannst Du leicht in Dresden haben, daher halte ich’s für besser, sie lieber selbst mitzubringen.
In diesen Tagen war Karl Hardenberg bei mir auf der Durchreise nach Meiningen, wo er etwa 4 Wochen bleiben wird. Er war nur eine Stunde bei mir, indessen habe ich doch gleich die Zeit benutzt, um über die Herausgabe von Novalis Schriften das Nöthige mit ihm zu reden. Er war alles sehr zufrieden, wie Du es eingerichtet hast, und wie ich es ihm vorschlug. Die Biographie, die er zu machen Lust hat, soll für sich bestehn, und also darfst Du darauf nicht warten. Ich wünschte nun herzlich, daß Du den Druck gleich anfangen ließest, da eben keine große Vorrede nöthig ist, und diese immer noch nachher gedruckt werden kann: denn es ist doch am besten, wir machen sie, wenn wir zusammen sind, gemeinschaftlich.
Ich dächte nun, Du nähmest in den ersten Theil, was fertig ist vom Ofterdingen, auch das Fragment zum 2ten Theil, ferner einen Bericht von dem, was er Dir mündlich über die Fortsetzung gesagt, und wenn so viel Raum ist, etwa noch den Lehrling zu Sais.
Den zweiten Theil können dann die Hymnen an die Nacht, die geistlichen Lieder, und die Fragmente, die ich aus seinen Papieren wählen werde ausfüllen. Zu diesen denke ich das Beste und Wichtigste aus den Blühenstaub, Glauben und Liebe und Europa zu nehmen. Da alle diese drei Aufsätze in ihrer Ganzheit und individuellen Beziehung nur irre leiten würden über den Charakter des Schriftstellers; da die Hymnen über die Nacht hingegen am schönsten und leichtesten im Ganzen erklären, so halte ich auch ihren unveränderten Abdruck für nothwendig.
Karl geht sehr ein in diese Idee, auch hat Novalis selbst noch in der letzten Zeit immer einen ganz besondern Werth in die Vollendung dieser Arbeit gelegt. Der Papiere sind so viele, daß Karl sie mir nicht schicken kann; ich werde also diesen Winter auf 8–14 Tage hingehen, um an Ort und Stelle zu sehen, wie viel und auf welche Weise sich daraus nehmen läßt. Was Du mir in Rücksicht der Bedingungen von Unger &c. schreibst, ist gut. 25 Exemplare müßten wir dem Bruder wohl wenigstens geben.
Hast Du nicht ausdrücklich so viele bei U. bedungen, so müßten die übrigen von uns nachgekauft werden. Ueber die Anerbietung, die Du mir in dieser Rücksicht machst, bin ich etwas erstaunt, besonders über die Veranlassung derselben.
Ich habe Wilhelm gelegentlich zu verstehn gegeben, wie weit entfernt Du in dieser Angelegenheit von aller eigennützigen Absicht seist. Er behauptet aber, nie ein Mißtrauen der Art und gegen Dich gehabt noch geäußert zu haben. Freilich weiß er immer nicht recht, was er sagt, oder schreibt, wenn er einmal in Hitze ist. Was die Sache selbst betrifft, so kann ich Dein Anerbieten keineswegs unbedingt annehmen, sondern höchstens nur in Rücksicht der Zeit und Reisen, die es mir wohl diesen Winter kosten wird, eingehen, daß wir zu gleichen Theilen gehn; worüber Du denn Ungern Deine Disposition geben magst. Ob er mir es giebt oder abrechnet, ist mir im Grunde ziemlich eins, und mag von ihm selber abhängen.
Vielleicht geh ich in diesen Tagen auf ein paar Wochen nach Berlin und dann könnte ich die Correctur selbst besorgen; sonst dächte ich, übertrügst Du sie Wilhelmen, weil er sie doch gewiß sehr genau besorgen wird.
Ich freue mich, daß gerade wir das Unternehmen gemeinschaftlich besorgen und sehe es als einen guten Anfang an für künftige Projecte. Es freut mich von Herzen, daß Du Lust hast, etwas in Gemeinschaft mit mir zu unternehmen; alles nähere darüber mündlich; ich habe alles schon ausgedacht.
Wilhelm ist in diesen Tagen wieder nach Berlin gegangen. Ich habe ihn ziemlich oft gesehn, einigemal recht interessant mit ihm gesprochen, doch nimmt seine Pedanterie sehr zu, und er wird immer breiter und härter. Wir berührten die Familienverhältnisse nicht, aber er hat wohl dafür gesorgt, daß ich sie ein paarmal empfunden habe. Unter anderm hat W. mich einmal auf eine solche Weise beleidigt, die es mir unmöglich macht, ferner an dem Almanach Antheil zu nehmen, so leid es mir der Sache selbst und auch Deinetwegen ist.
Du erinnerst Dich vielleicht, daß ich vorigen Winter ein Gedicht, der welke Kranz gemacht habe, und wer mich und meine Verhältnisse kennt, der wird allenfalls errathen können, daß es sich auf Auguste bezieht und an eine Freundin von mir gerichtet ist (welches aber das Gedicht selbst nichts angeht). Damals hat er nicht nur zwei Seiten voll Lobes über Sylbenmaß und Stil des Gedichtes an mich darüber geschrieben, sondern auch in den stärksten Ausdrücken davon geschrieben, wie es ihn rühre, und wie es ihm lieb und werth sei. — Viermal wenigstens habe ichs ihm in einer umständlichen Specification von allem, was ich zum Almanach geben wolle, ausdrücklich mit genannt, und jedesmal hat er es mit den größten Beifallsbezeugungen auf’s lebhafteste acceptirt, bis er mir’s jetzt vor Kurzem, da der Almanach fast fertig war, zurückgeschickt mit einem albernen, verächtlichen Geschwätz von Persönlichkeit, innerer Religion, und daß ich nicht würde mit einem zerrissenen Herzen rechten wollen. Du kennst mich genug, um zu wissen, ob mir viel daran gelegen sein kann, ein solches Gedicht von mir gedruckt zu sehn oder nicht; aber Du mußt auch fühlen, welche unausstehliche persönliche Beleidigung grade bei diesem Gedicht in der Zurückgabe liegt. Ich war lange in Verlegenheit, was ich thun sollte; endlich beschloß ich, gar nicht zu antworten, denn thät ich es einmal, so hätte es schwerlich anders geschehen können, als auf eine Weise, die völlig jedes Verhältniß zwischen uns unmöglich gemacht hätte. Um aber nicht ähnliche Gefahr zu laufen (— vor der ich bei der größten Behutsamkeit nicht sicher sein würde, da die Gedichte, die man zu einem Almanach geben kann, mehr oder weniger ins Subjective spielen, und da Karoline alles dazu zu machen weiß, was auch noch so wenig dahin gehört) — und auch weil jenes Betragen W.’s so unwürdig, und besonders seiner gewohnten Pünktlichkeit als Herausgeber so entgegengesetzt ist, daß ich berechtigt bin, vorauszusetzen, Karoline sei die Urheberin jener Beleidigung; und ich nun unmöglich an einem Werke Theil nehmen kann, dessen unsichtbare Herausgeberin eine Person ist, die sich in jeder Rücksicht infam gegen mich betragen hat; so muß es bei jenem Entschluß bleiben, und ich wünsche nur, daß — was doch früher oder später geschehen muß — ich darüber mit W. nicht auf eine Art zur Sprache kommen mag, die jede fernere Gemeinschaft zwischen uns unmöglich macht. Schreibst Du ihm also darüber, so thu es auf die gelindeste Art.
Dein Bruder ist seit einiger Zeit in Weimar, und auch dann und wann hier, wo ich ihn einigemal gesehn, wenn gleich nicht viel, weil er bei W.’s logirt und da sehr fest gehalten wird.
Die Art, wie er über seine Kunst spricht, mißfällt mir nicht; doch scheint mir’s, daß ihm ein Umgang mit Dir auf längere Zeit sehr nöthig wäre. Er ist sich im Wesentlichen gar nicht klar, und leidet im weniger Wesentlichen (was doch auf das Wesentliche bald wesentlichen Einfluß hat) sehr an Halbheit, Unkenntniß und falschen Vorstellungen. Er muß aber recht lange mit Dir beisammen sein und Du mußt es gelinde angehn lassen. Uebrigens weiß ich freilich nicht viel von ihm; vor einigen Wochen kam er einmal sehr freundschaftlich und wollte mich auch für Dich zeichnen; seit er aber jetzt wieder hier ist, ist nicht weiter die Rede davon gewesen, und ich weiß weiter nichts, als daß er Schelling statt dessen zeichnet.
Ja überhaupt, muß ich Dir sagen, ist sein Benehmen dieses letztemal so gegen mich, daß es mich in Verlegenheit setzt, und wenn Dein Bruder unhöflich gegen mich ist, so nehme ichs ihm nicht übel, weil ichs schon voraussetze; aber ich darf auch wohl voraussetzen, daß eine neue Klätscherei aus der alten wohlbekannten Kutte daran Schuld ist.
Herzliche Grüße von der Veit an Dich, und von uns beiden an Deine Frau. Es soll uns recht freuen, Euch in Dresden vergnügt und gut eingerichtet zu sehn. Auf die kleine Dorothea freue ich mich sehr, sowie auf die kleine Auguste.
Ich wollte Dir heute noch weit mehr schreiben, über den göttlichen H. Dümmling u. s. w.
Aber die Veit ist eben gar nicht wohl. Lebe also recht wohl.
Friedrich.
Die Romanze rechne ich zu den göttlichsten und vollendetsten Werken, die Du gemacht hast. Die andern Gedichte im Almanach — der Zornige, Sanftmüthige, Einsamkeit — sind nur Anklänge aus einer neuen Region Deiner Poesie, von der ich bald größere Studien zu sehn wünsche. Grüße meine Schwester herzlich, wenn Du sie siehst, und sag’ ihr, daß ich sehnlich auf Nachricht von ihr warte.
V.
Leipzig, Sonnabends den 22ten Mai 1802.
Wir haben noch oft mit herzlicher Liebe an Dich gedacht, und Dir in Gedanken ein herzliches Lebewohl und baldiges Wiedersehn zugesandt. Ich werde Dir weitläuftig schreiben, sobald ich einen Augenblick Ruhe finde; das wird aber vielleicht erst in Mainz sein.
Heute nur einige Worte über alles, was Du zu wissen verlangst. Du erhältst hier D. Mongez (?) und 12 Louisd. und die deutschen Bücher wirst Du auch sogleich erhalten durch Reimer. Der Meister und Sternbald der dabei sein wird, ist für Charlotte; schicke ihn ja sogleich nach Pillniz.
Nicolovius war nicht hier. Cotta konnte ich lange nicht finden, und da ich ihn fand, war es auch eben kein großer Fund. Ich sah in der ersten Viertelstunde, daß es absolut nichts mit ihm sei für unsere Zwecke; er hat die Tramontane völlig dadurch verloren, daß ein paar hundert Exemplare vom Almanach remittirt worden sind. Das ist auch gewiß der einzige Grund seines abgeschmackten Betragens gegen Dich seither. Ich habe mit Wilmanns etwas ganz leidlich gemacht, nämlich die Europa bei ihm angebracht; aber so lange ich noch auf andre rechnen konnte, glaubte ich ihn für Dich nicht wählen zu müssen, weil die Operette so enorm schlecht gegangen, daß man ihn gewiß sehr übel disponirt fände.
Reimer habe ich Deine Idee gesagt, er ist bereit, die Könige des Graals zu übernehmen, zu den bewußten Bedingungen; aber Vorschuß würde er erst zu Michaelis geben können.
Ueberlege Dirs, ich hielte es für sehr gut, Du nähmest es an. Es ist der honetteste Mann unter dem ganzen Volke. Ich setze nämlich alsdann voraus, daß Du auf einem andern Wege zu Gelde kommst. Könnten Dir die Verwandten Deiner Frau nicht helfen?
Ich habe gethan, was ich konnte, aber länger darf ich selbst nun durchaus nicht hierbleiben. — Mahlmann schien in so fern in der günstigsten Disposition, weil er zu fühlen scheint, daß er bei dem Handel vorigen Winter etwas versehen hat, und es sehr gern wieder gut machen möchte; er hat unstreitig große Lust, mit Dir in Verbindung zu stehn. Ich dachte ihn eigentlich dahin zu bringen, daß er Dir geradezu 40 Louisd. schickte, als die schönste Art, die Verbindung mit Dir anzuknüpfen — aber dazu hat er wohl nicht Genie genug. In drei Wochen kommt er nach Dresden, wo nicht, so schreibt er Dir gewiß, und ich zweifle auch gar nicht, daß Du ihn wirst brauchen können.
Wilhelm ist da, bleibt 4–6 Tage und kommt dann zu Dir; ich habe daher ihm alle Deine Interessen mitgetheilt, und er wird gewiß, wenn sich ihm noch eine Gelegenheit zeigen sollte, sie auf’s beste nützen. Am Ende geht es auch mit Wilmans; gestern suchte ich ihn vergeblich.
Noch will ich Dir wenigstens melden, daß Frommann, der Dir, wie ich höre, nicht so viel Geld geschickt, als Du wolltest, Steffens bestimmt versprochen hat, Dir mehr zu schicken. Reimer harrt nun sehnlichst auf den 2ten Theil des Novalis. — Karl H. war hier, der Lehrling ist noch nicht gefunden.
Steffens ist in großer Eil abgereist, weil einige Freiberger nach ihm gefragt haben. Er erwartet mich in Weißenfels. Meine eignen Angelegenheiten sind recht gut gegangen, auch die buchhändlerischen leidlich. Die Margarethe und was ich sonst etwa zu Paris übersetzen lassen, hat Mahlmann genommen. Zu so etwas hat das Volk freilich Lust. Herzliche Grüße an Deine Frau, an Marie und den Bildhauer, auch an Buri, alle Freunde. —
Der Bildhauer soll mir eine Addresse an David schicken. Er kann sie, wenn er es gleich thut, an die Gebrüder Mappes zu Mainz durch Ernst schicken; aber später an Wilmanns zu Frankfurt am Main. Treibe ihn, daß er es thut.
Wie leid thut es mir, daß Du nicht mehr Geld mit diesem Briefe erhältst!
Friedrich Schlegel.
VI.
Paris, den 13ten Septemb. 1802.
Herzlich geliebter Freund, wie viele Briefe würdest Du schon von uns erhalten haben, wenn wir Dir jedesmal geschrieben hätten, da wir mit Liebe und Sehnsucht an Euch dachten. Ich fühle es recht tief, wie Du mir fehlst, fühle es unter den Zerstreuungen, Beschäftigungen, Sorgen und Neuigkeiten immer gleich. Es hat aber mehr die Wirkung daß ich täglich mit dem gleichen Ernste darauf sinne, wie wir eine Lage gewinnen könnten, daß wir uns nachher nie zu trennen brauchten, als daß es mir möglich wäre, Klagen zu führen, die bei einer so bestimmten und deutlichen Sehnsucht keinen Trost gewähren.
Ich werde Dir daher auch heute nur recht trocken Nachricht von mir geben; ich wollte Dir schon vorlängst einen Brief über die Gemählde schreiben. Aber Du findest das alles aufs ausführlichste in der Europa; Du wirst das erste Stück davon zu Neujahr gewiß in Händen haben; es ist fast ganz an Dich gerichtet wenigstens in Gedanken. Die Kataloge sollst Du mit Gelegenheit haben, und in meinem nächsten Briefe auch Nachricht von den altdeutschen und provenzalischen Manuscripten.
Lieber Freund, es sind ungeheure Quellen und Hülfsmittel hier; ein Reichthum von orientalischen Manuscripten, über den selbst die erstaunen, die von Benares kommen. 1800 Persische Manuscripte und fast eben so viel Sanskrit. Ich habe große Lust beides zu lernen — aber freilich müßte man eigentlich eine Regierung dafür interessiren können. Ich will sehen was ich vermag. Ich fühle mich unglaublich nach dem Orientalischen gezogen. Was machen Deine Nordischen Studien? — Ich überzeuge mich immer mehr, daß der Norden und der Orient in jeder Weise, in moralischer und historischer Rücksicht die guten Elemente der Erde sind — daß einst alles Orient und Norden werden muß; und ich hoffe unsre Bestrebungen sollen sich von diesen beiden Seiten her begegnen und ergänzen; so daß auch in unsrem Thun und Werden dieselbe Einheit und Freundschaft ist wie in unseren Herzen.
An Sorge und Verdruß hat es uns bis jetzt auch hier nicht gefehlt. Den letzten haben uns die Verwandten meiner Frau und besonders Henriette in reichlichem Maaße gewährt, die sich ganz ohne Rückhalt öffentlich als unsre Feindin beträgt.
Meine Aussichten und Absichten sind folgende. Für das nächste macht man mir Hoffnung zu einer Stelle, die mich durchaus nicht hindern würde. Mein hauptsächlicher Wunsch ist, die Regierung zu bewegen, daß Sie hier eine Deutsche Akademie, ein Deutsches Nat.-Institut errichte; es wird dazu wohl gut sein, daß ich ein philosophisches Werk französisch schreibe. Ich habe schon einen kleinen Versuch gemacht und führe es vielleicht noch diesen Winter aus. Vielleicht kann mir auch das Persische und Indische ein Mittel an die Hand geben, eine Zeitlang zu subsistiren und die Regierung zu etwas ordentlichem zu bringen. — Es wird schon gehn vor der Hand, wenn gleich nicht ohne Noth; und ich habe doch mehr als eine Hoffnung, daß wir bald werden ungetrennt zusammen leben können. Alles dieß darf niemand von den deutschen Freunden wissen, außer Charlotte. Grüße Sie herzlich. Theile ihr aus diesem Briefe mit, und frage Sie ob Sie zwei Briefe von mir erhalten hat?
Mahlmann hat meine alte Idee, Lessings philosophische Schriften zu ediren, angenommen. Es macht mir eigentlich große Freude, dem Volke diese Possen spielen zu können: Ich bitte Dich aber, es ja nicht weiter auszubreiten, sonst möchte die alte Verlagshandlung versuchen uns zuvorzukommen.
Meine Frau grüßt Dich herzlich. Es ist ein Brief von ihr an Malchen unterwegs, der aber wohl später ankommen wird als dieser. Wir grüßen Marien herzlich. Was macht Dorothea?
Friedr. Schl.
Wärest Du hier, wir hätten uns schon todt gelacht über die Franzosen. An sich ist aber der Unterschied wahrlich gar nicht so groß, als man ihn denkt. David ist der greulichste Schmierer, den man denken kann. —
Freund ich mahne nicht wegen des Novalis. Aber Du weißt mit welcher Sehnsucht ich ihm entgegen sehen muß. Ist der Oktavian fertig? Bücher schickst Du an Wilmans in Frankfurt am Mayn.
Noch eins — woran mir sehr liegt. Gieb mir etwas zur Europa; etwas in Prosa über den Norden und das Altdeutsche, oder die Romanzen, wenn Du sie gemacht hast oder was Du willst.
(Verkehrt unter dem Datum): Daß Du mir etwas zur Europa gebest, daran liegt mir sehr viel. Du schickst es dann bloß an Wilmans.
VII.
Paris, den 10ten Novemb. 1802.
Vortrefflicher Freund!
Hier schickt Dir meine Frau die Kataloge der Gemälde, die Du gewünscht hast. Das was Du nun hier liesest, war im ganzen Sommer 1802 zu sehen, und diese Kataloge findest Du bei der ausführlichen Beschreibung im 1sten Stück der Europa zum Grunde gelegt. Von dem, was wir nun in der Folge noch Neues sehen, sollst Du stets ausführliche Nachricht haben. Gestern habe ich die Nachricht erhalten, daß der 2te Theil des Novalis wirklich da ist und habe eine unbeschreibliche Freude darüber. Ich rechne es Dir als ein großes Verdienst an, daß Du Dich die übrigen vielen Geschäfte nicht hast von der Erfüllung dieser Pflicht abhalten lassen. Sehr begierig bin ich nun zu sehen, wie Du die Fragmente wirst gewählt und geordnet haben.
Könntest Du mir nicht einmal ohne zu großen Zeitverlust etwas für die Europa geben? Etwas über die Dresdner Gallerie, oder wenn Du die Nordischen Romanzen gedichtet hättest, und Ihr nicht etwa wieder einen Almanach gebt; vielleicht auch etwas über die Nordische Mythologie.
Lieber Freund, ich glaube, Du solltest auf gelinde Nebenarbeiten denken, da Dir Deine großen jetzt so viel schwieriger werden; das möchte Dich im Fluß erhalten, wenn Du z. B. ein oder ein paar von Shakspeares Stücken der ersten Epoche übersetztest — besonders den Perikles und etwa den Vicar von Wakefield. Ja ich glaube, es könnte Dir selbst auch in sofern vortheilhaft sein, daß Du auch in Deinem dramatischen Styl noch etwas altdeutscher würdest.
Wir denken und dichten immer an und mit Dir. Herzliche Grüße an die Deinigen. Uns geht es leidlich. Im Persischen bin ich schon ziemlich weit, und ganz erstaunt, daß es in dem Grade nicht dem Deutschen ähnlich, sondern wirklich durchaus das Deutsche selbst ist, beides wirklich nur eine Sprache, aber jene eben so arabisirt, als unsere latinisirt und dadurch von einander getrennt. Die großen mythischen Dichter fange ich nun bald an, vielleicht finde ich’s da eben so, als in der Sprache. Deutsche Manuscripte sind auf der National-Bibliothek nicht, außer der Manessischen Sammlung; vom Vatikan haben sie keine dergleichen mitgenommen. — Auf den andern Bibliotheken konnte ich noch nicht nachsehen. Bist Du bei Burgsdorf, so grüße ihn von mir. Daß Du mir gar nicht schreibst, ist sehr traurig. Ich denke immer noch, es soll mir hier oder wenigstens durch hier gelingen und gut gehen; jetzt ist das nicht der Fall, weil ich von Dir getrennt bin. Ich fühle es immer einsamer.
Die besten Grüße an Marien. Wäre sie doch hier.
Friedrich.
So eben hör’ ich, daß Reichardt hier ist, wir haben ihn aber nicht gesehn.
Diesen Brief erhältst Du durch Werner, das ist einer der trefflichsten Männer, die es giebt.
VIII.
Paris, den 15ten Sept. 1803.
Den Wunsch, einen Brief von Dir zu lesen, geliebter Freund, muß ich, wie es scheint, wohl aufgeben, indessen kann ich doch der Gewohnheit nicht widerstehen, wieder einmal an Dich zu schreiben, und Dir Nachricht von mir zu geben. Mir geht es gut; doch ist damit mehr das Nützliche als das Angenehme gemeint. So frohe Tage leben wir hier nicht, wie in Dresden; aber gelernt habe ich in dem Jahre so viel, daß ich’s zeitlebens nicht bereuen könnte, hier gewesen zu sein. Anfangs hat mich die Kunst und die Persische Sprache am meisten beschäftigt. Allein jetzt ist alles dies vom Sanskrit verdrängt. Hier ist eigentlich die Quelle aller Sprachen, aller Gedanken und Gedichte des menschlichen Geistes; alles, alles stammt aus Indien ohne Ausnahme. Ich habe über vieles eine ganz andre Ansicht und Einsicht bekommen, seit ich aus dieser Quelle schöpfen kann. Was wir Poesie nennen ist verhältnißmäßig späteren Ursprungs, und ganz bestimmt die Poesie der Helden und Fürsten, der zweiten Indischen Kaste; die einfachere und tiefere Poesie der Braminen ist nie nach Europa gekommen. Aelter aber als die Poesie ist die Religion und die Oekonomie, wenn man es so nennen darf; Ackerbau und Ehe, beide aber ganz als gottesdienstliche, durchaus unnütze und bloß symbolische Handlungen, die früheste Art der noch körperlichen Gebete.
Das Persische ist dem Deutschen so verwandt, daß man beides fast für eine Sprache ansehn kann; nur ist die eine so arabisirt, als die andre latinisirt. Sogar der Gang der Poesie und Litteratur bei beiden Nationen ist zum Erstaunen ähnlich; in der ältesten Epoche eine Masse von alten mythischen Nationalgedichten; auch in der Sprache ganz einheimisch; und dann eine romantische Zeit, wo das Arabische so durchaus angenommen aber auch mehr geformt wird, wie in unsrer Schwäbisch oder Französisch. Ich denke, Du wirst von beiden bald viel von mir zu lesen bekommen; zum Theil auch in der Europa. Um so mehr möchte ich Dich von neuem auffordern, an derselben Antheil zu nehmen. Am liebsten hätte ich die Fortsetzung Deiner Briefe über Shakespear. Oder, wenn Du daraus durchaus ein besonderes Werk machen willst, so wär’ es wohl gut, wenn Du einmal etwas über Deine Nordischen und altdeutschen Studien gäbest, zur Vorbereitung des Heldenbuchs Percival, Titurel und was Du sonst vorhast. Wie steht es mit Deinem Plan hierüber, auch mit dem über das Nibelungenlied? Ich habe mich mit dem letzten hier von neuem sehr beschäftigt (wie denn für das Altdeutsche und Isländische hier weit mehr Hülfsmittel sind, als ich irgendwo in Deutschland beisammen gefunden), und möchte ich Dich fragen, ob ein von mir besorgter Abdruck desselben Deine Bearbeitung, die Du vor hast, stören könnte? Meine Absicht ist, es gar nicht zu verändern, gar nicht umzubilden; sondern nur grade so viel zu retouchiren, daß es verständlich ist. — Wenn Du es ergänzen willst, wie Deine Absicht war, so dürfte das dahin führen, alle die zerstreuten Glieder der Nordischen Dichtung wieder zu verbinden, was Du so bald nicht vollenden wirst, und dann wirst Du sehr abweichen müssen von dem Nibelungenliede, so wie es jetzt ist. Mir däucht aber, dieses Gedicht muß so ganz Grundlage und Eckstein unsrer Poesie werden, daß außer Deiner Bearbeitung und meinem bloß retouchirten Abdruck auch wohl noch eine ganz kritische Edition existiren sollte in der ältern Orthographie, mit Berichtigung der Lesart und Erklärung der unveränderten alten Sprache allein bestätigt (?).
Laß mich über diesen Punkt bald Antwort wissen, und wenn es möglich, erfülle meinen Wunsch in Rücksicht der Europa. Daß Du Deine Gedichte in derselben nicht abdrucken lassen wollen, begreife ich nicht recht, besonders unlieb war mir’s auch deswegen, weil ich keine Abschrift derselben genommen. Was hast Du sonst gemacht? Ich weiß nichts mehr von Dir. Meine Frau ist beschäftigt mit einem Auszug oder vielmehr Uebersetzung des alten Romans vom Zauberer Merlin. Dieser ist eine wahre Fundgrube von Erfindung und Witz. Ueberhaupt leben wir gut, was an uns liegt, die Sorge und den Verdruß abgerechnet; worunter die größte Bekümmerniß die ist, daß meine Freunde mich so bald vergessen und verlassen haben.
Lebe wohl und grüße die Deinigen.
Dein
Fr. Schlegel.
Ich habe seit langer Zeit die Geschichte des Josaphat spanisch für Dich, auch den Fortunatus französisch. Ist Dir damit gedient?
IX.
Paris, den 25ten Sept.
Ich nutze die Gelegenheit, daß Werner aus Freiberg nun ein Packet für uns mitnehmen wird, um Dir noch einmal zu schreiben, oder vielmehr nur einige Worte zu meinem vorigen Briefe vom 15ten Sept. hinzuzufügen.
Ich möchte Dich recht bestimmt bitten um einen Beitrag zu meinem Journal, der gewissermaßen meine Nachricht von den hiesigen Gemälden ergänzen würde und das wäre ein Aufsatz über die Dresdner Gallerie. Könntest Du Dich dazu wohl entschließen? — Ich würde ihn dann zum 2ten Stück wünschen d. h. das Manuscript im Januar zu liefern. Hast Du nordische Romanzen gemacht, und gebet Ihr keinen Almanach, so erbitte ich mir diese gleichfalls. Ich sehe dem Octavianus, dem 2ten Theil des Novalis, vor allem aber einem Briefe von Dir mit herzlichster Sehnsucht entgegen. Was macht Ihr und wie geht es Euch Allen? Ist Schütz wieder in Dresden gewesen?
Daß Du mit Mahlmann eins geworden, ist mir sehr lieb. Nimm Dich nur in Acht, Deine Poesie nicht zu sehr zu zersplittern durch solche Unternehmung wie das Marionettentheater.
Wir lesen hier Deine Gedichte recht andächtig. Ich bin immer noch der Meinung, daß der Zerbino mit einigen andern Deiner witzigen Dramen verbunden werde, die sich viel mehr verschlingen sollten.
Einige von Deinen frühern oder weniger ausgeführten Gedichten müßtest Du vielleicht nun noch einmal neu machen, so daß sich das neue zu dem alten verhielt, wie Dein Octavian zu den alten Legenden, versteht sich so ungefähr. Ich rechne dahin besonders das (unleserlich) Mährchen und Karl von Berneck, in dem gewiß ein sehr guter Fond ist. Die alten Geschichten und romantischen Dichtungen, welche Du nicht so entfalten kannst oder willst, wie Genoveva und Octavian, würden sich gegenseitig heben, wenn sie in einem Dekameron, Gartenwochen oder dergleichen zu einem Kranz geordnet wären. Darüber wollen wir das nächstemal recht viel mit einander reden. Ich umarme Dich von Herzensgrund.
Friedrich.
X.
Köln, den 26ten August 1807.
Herzlich geliebter Freund, schon lange sehne ich mich danach, einmal Nachrichten von Dir zu hören. Du schriebst mir zwar vor einem Jahre, da Du an uns vorbei reistest, einige Zeilen; aber es war gar zu wenig. Dir zu antworten, hinderte mich die weite Entfernung, da ich bald darauf wieder in Frankreich war. Auch würde ich nichts andres haben schreiben können, als Klagen darüber, daß Du so nah an mir vorbei reisen konntest, ohne mich zu sehen.
Was treibst Du, und was hast Du fertig gearbeitet von Deinen ehemaligen Arbeiten? Es hat sich nun ein Andrer über das Nibelungen-Lied gemacht; wie ist seine Arbeit beschaffen? Man darf sich wohl nicht viel Gutes davon versprechen. — Hat Italien denn gar keine Frucht in Deinem Geiste zur Reife gebracht, Dich gar nicht angeregt, und wirst Du nicht auf irgend eine Weise uns etwas davon mittheilen? Dieses möchte ich vor allen wissen, sodann aber auch wie Rom Dir selbst gefallen, wie es auf Deine Denkart gewirkt, endlich ob der katholische Gottesdienst dort Dich befriedigt, und wie das Künstler- und gesellige Leben in Rom beschaffen ist. — Später oder früher werde ich doch auch einmal hin wandern müssen, und so wäre es mir nützlich, davon zu hören. —
Von mir wirst Du bald wenigstens ein kleines Werk über Indien lesen. Manches andre ist theils ganz theils halb fertig; denn ich war im Grunde immer fleißig. Aber wann es erscheinen wird, weiß ich nicht, da die Zeiten so ungünstig sind. — Die Niobe von Schütz habe ich gelesen; wie ist es aber möglich, daß dieser sonst so lebensvolle und jugendliche Geist sich auch in diese zwerghafte Frostsprache hat einklemmen lassen, die ich dem Hrn. Heinrich Voß allein vom Himmel bescheert glaubte! Es ist recht traurig, daß so einer nach dem andern zu Grabe geht. Man hört fast keinen männlich-fröhlichen deutschen Ton mehr.
Einige Lieder von mir im Dichter-Garten wirst Du gelesen haben; ich empfehle Dir besonders Gebet und Friede. Nöthiger wäre es aber, daß wir uns wieder sähen. Wir gedenken Deiner sehr oft, öfters wohl als Du an uns. —
Meine Frau ist so, wie ich ziemlich wohl; nur leid ist es uns oft, wie es die Umstände so mit sich gebracht haben, daß der Philipp nicht mehr bei uns ist. Siehst Du ihn zufälligerweise in Berlin, so erinnere Dich unser. Er kann Dir mehr von uns erzählen, als ich Dir zu schreiben vermöchte. — Ist Dir Lotharu.? zu Gesichte gekommen? Es hat viel Freunde gefunden, es ist so lieblich und kindlich, daß es wohl nicht anders konnte; aber doch ist man auch dagegen, so wie gegen alles, was ich je gethan und gemacht, sehr undankbar. Es ist freilich nicht unser Werk, sondern ganz nur das alte; desto freier kann ichs rühmen, und ich lese es in der That mit mehr Vergnügen als 10 oder 12 der neuesten Spanischen oder Griechischen Drämchen. Der frische jugendliche Geist der Poesie, der Dich zuerst einst so schön berührte, hat uns zu schnell wieder verlassen. Doch ich hoffe, er soll wiederkehren!
Hieher kannst Du mir immer schreiben, ohne weitere Addresse als meinen Nahmen; auch wenn ich nicht hier bin, ist doch immer jemand hier, der sich der Briefe annimmt. Bist Du bei Burgsdorf oder siehst Du ihn, so empfiehl mich ihm. Ich habe immer eine sehr gute Meinung von ihm gehabt. —
Was macht Dorotheechen? Ist sie sehr groß geworden? —
Dein Freund
Friedrich Schlegel.
Viele Grüße von uns an Deine liebe Frau hätte ich bald vergessen, so wie an alle, die sich meiner noch im Guten erinnern.
Der Herr Schleiermacher giebt in allerlei Darstellungen einen kleinen Messias nach dem andern von sich. Aber man sieht dem vernünftigen Püppchen das Professorkind gar zu sehr an der Nase an. Es herrscht in seinen Schriften was man hier zu Lande ein calvinisches Feuer nennt, nehmlich ein solches, das nicht recht brennen will.
XI.
Dresden, den 30ten Mai 1808.
Geliebter Freund!
Seit einiger Zeit schon bin ich hier, wo wir uns vor sechs Jahren so oft sahen und uns wohl nicht auf so lange zu trennen glaubten! Ich erwarte jeden Tag Wilhelmen, der mit der Staël von Wien hier durch kommt. Die Freude des Wiedersehens würde für mich vollkommen sein, wenn ich auch Dich hier gefunden hätte, oder noch fände. Ist es Dir möglich, so komme noch hieher. Ich bleibe noch einige Wochen gewiß hier, und wenn Du es mir gleich meldest, so würde ich auch die Abreise gern noch so weit es möglich wäre auf die Hoffnung Deiner Ankunft verschieben. Ich bitte Dich also darum, als den erwünschtesten Beweiß der Freundschaft, den Du mir jetzt geben kannst. Denn ich kann für dießmal wenigstens nach Berlin und Deiner Gegend hin meinen Weg nicht nehmen.
Vieles hat sich seit diesen sechs Jahren um uns und in uns verändert. Nur meine Liebe zu Dir ist dieselbe geblieben. So wirst Du es wenigstens finden, wenn Du selbst kommen willst, wovon Du Dich durch nichts solltest abhalten oder stören lassen. Meine Frau hegt die gleiche Gesinnung für Dich und unsre treuen Wünsche haben Dich stets begleitet. Laß mich bald von Dir hören, oder besser noch Dich selbst sehen.
Dein
treuer Freund
Friedrich Schlegel.
Du wirst in den Zeitungen von mir gelesen haben, was eben so gut oder vielmehr weit besser vor einigen Jahren darin hätte stehen können. Die angegebene Zeit ist ganz falsch; meine Gesinnung kennst Du ja von lange.
XII.
Wien, den 12ten May 1813.
Geliebter Freund.
Ich benutze die Abreise des Grafen Finkenstein, um Dir wenigstens mit einigen Worten für Deinen Brief und alles Uebersandte zu danken. Es sind jetzt eben die Tage der bangen Erwartung, zum Theil auch schon der ängstlichen Sorge; man wird so hin und hergerissen von Furcht und Hoffnung, von widerstreitenden Nachrichten, daß man kaum zu sich selber kommt. Recht sammeln kann ich mich nicht; erwarte daher nicht mehr als meinen herzlichen Gruß und Dank. Diesen statte ich Dir ab für alles Eigne und auch für Deine gütige Bemühung und Fürsprache wegen des Heldenbuchs, wofür ich auch der Familie sehr verbunden bin. — Das Minnebuch habe ich mir noch zurückgelegt, für ruhigere und frohere Zeiten. An dem Phantasus aber hatte ich mich schon vielfältig erfreut, sowohl an dem alten als an dem neuen, schon ehe ich das von Dir gesandte Exemplar erhielt, welches erst vor Kurzem in meine Hände gelangte. Ueber Deine neu belebte Thätigkeit habe ich eine große Freude gehabt, und für Deine freundschaftliche Erwähnung Unsrer sage ich Dir herzlichen Dank. Gewiß wird sich auch Wilhelm sehr darüber freuen, sobald er es erfährt. Ich hatte es ihm zwar geschrieben, ob er aber meine Briefe erhalten hat, weiß ich immer noch nicht. Höchst wahrscheinlich kommt er mit den Schweden nach Deutschland; das wirst Du vielleicht früher erfahren als ich.
Mein nächster Wunsch geht nun darauf, daß ich Beyträge von Dir zum Museum erhalten möchte, und zwar je eher je lieber. Nimm nicht übel, daß Du dieß Jahr kein Exemplar erhalten hast. Der Buchhändler hat mich sehr darin beschränkt, ist überhaupt filzig, freilich ist auch die Zeit sehr ungünstig für den Absatz in Deutschland, und auf das hiesige Publikum allein war das Ganze nun einmal nicht berechnet. — Ich hoffe, Du wirst die Hefte von diesem Jahrgange doch gesehn haben, und lege indessen eine Ankündigung bey. — Im Ganzen ist diese Zeitschrift mehr für Prosa als für Poesie bestimmt. Indessen darf ich Dir nicht erst sagen, daß mir von Dir alles willkommen ist. Am liebsten wäre mir der Aufsatz über das Mittelalter. Da Du diesen aber nicht sogleich senden kannst, so gieb indessen eins oder das andre von dem was Du über Shakespeare fertig hast. Dieß hindert ja den Abdruck des ganzen Werkes über Shakespeare nicht, falls dieses für das Museum zu lang ist; es kann dann als Probe und Ankündigung des ganzen Werks dienen. Ich sehe es besonders bey dem hiesigen Publikum deutlich, daß der eigentl. gründliche Unterricht in der Poesie, die erste Erweckung des Sinns dafür durchaus mit dem Shakespeare anfangen muß. Ich erwarte mir daher auch sehr viele gute Wirkung von Deinem Werke.
Warum hast Du denn die Melusine nicht in den Phantasus aufgenommen, oder soll dieß noch in der Folge geschehen? — Daß Fouqué zu viel dichtet, eben darum einiges auch sehr flüchtig, daß er sich wiederhohlt, will ich Dir gerne zugeben, wenn Du das manierirt nennst; aber wenn dieß mit solcher Poesie verbunden seyn kann, wer ist denn wohl ganz frey von Manier? Ich liebe F. sehr und meine Freude an ihm mag freylich auch durch den vorhergehenden Abscheu an Arnim und all den andern Fratzen noch sehr erhöht worden seyn.
Von Deinem Bruder hab’ ich noch diesen Winter einmal einen recht freundlichen Brief erhalten, nebst ein paar antiquarischen Blättern, die Du im 3ten Heft des Museums wirst gefunden haben.
Daß Du ohne Nachricht von Deiner Schwester bist und außer Verbindung mit ihr, hat mich sehr befremdet. Ich habe seit undenklicher Zeit nichts von ihr gehört. Sie hat gewiß herrliche Geistesanlagen; aber Leidenschaftlichkeit und Ehrgeiz haben, wie es mir scheint, ihre Seele sehr zerrüttet.
Czerni hat sich sehr darüber gefreut, daß Du Dich seiner erinnert hast. Seinen Brief wirst Du erhalten haben.
Daß Philipp auch zur Armee gegangen ist und beym Lützowschen Corps steht, ist Dir wohl schon gemeldet worden. Er liebt Dich, wie von seiner Kindheit an, so auch noch jetzt ganz besonders. Meine Frau nimmt den herzlichsten Antheil an Dir. Empfiehl uns den Deinigen; wie würde ich mich freuen, die erwachsene Dorothee wieder zu sehn und die schönen Erinnerungen unsrer Jugend zu erneuen!
Ich habe noch nie eine so lebhafte Sehnsucht empfunden, meine Freunde im nördlichen Deutschland und vor allen Dich wieder zu sehen, als eben jetzt. Freylich sieht es noch trübe aus, auch ist meine eigne Bestimmung noch ganz unentschieden, ob ich wieder für die allgemeine Sache werde thätig sein können, oder was mir sonst vorbehalten ist. Indessen wer weiß was noch geschieht; eine Reise zu Euch ist wenigstens jetzt möglicher und wahrscheinlicher, als sie es in den vorigen Jahren war. Auf den Fall, daß dieser Wunsch sollte erfüllt werden können, melde mich nur bey Burgsdorf an und frage ihn, ob er in diesem Falle mich auf ein acht Tage aufnehmen kann, die ich denn bei Euch zubringen und genießen möchte.
Dein Freund
Friedrich Schlegel.
XIII.
Wien, den 19ten Juni 1821.
Geliebter Freund!
Eine gute Bekannte und Freundin von meiner Frau, Franzisca Caspers, die sehr lebhaft Deine Bekanntschaft wünscht, giebt mir die erwünschte Veranlassung, Dir mein Andenken freundschaftlich in Erinnerung zu bringen. Wohl habe ich mich gefreut, von manchen Seiten von Dir zu hören, daß Du angenehm und heiter in Dresden lebst. Ich wünsche Dir Glück dazu; mir selbst ist der Muth zu etwas entfernteren Reisen noch nicht wieder gewachsen. So wie ich höre, bist Du auch thätig und im Geiste immerfort mit den alten Kunst-Ideen und Gegenständen Deiner ersten Liebe beschäftigt. Dies hat mich sehr gefreut; fahre nur so fort damit, was Du auch immer davon zu Tage förderst, es ist immer ein reicher Gewinn für die Welt und eine besondre Erquickung für uns, in glücklicher Erinnerung fröhlicher alter Zeiten. Laß mich ja immer recht bald und wo möglich zuerst wissen, was Dir die guten Tage neues bringen. Ich bin jetzt fast ausschließend und sehr ernstlich mit der Herausgabe meiner sämmtlichen Werke beschäftigt, und habe schon viel dazu gearbeitet, besonders zuerst bedeutende Zusätze zu der Geschichte der Litteratur. Ich denke mich in 1 bis 1½ Jahren durch das Ganze durchzuarbeiten, und dann werde ich den Rest des Lebens ganz der Philosophie widmen, und einigen Gedichten, die ich noch im Sinne habe. — Da ich weiß, daß Du immer freundlichen Antheil an uns zu nehmen gewohnt bist, so füge ich nun noch einige Nachrichten von uns selbst hinzu. Meine Frau ist nun bald seit einem Jahre aus Rom hier zurück gekommen; sie war, da sie kam, sehr übel und krank. Im Wesentlichen wurde sie bald hergestellt, doch hat sie den Winter einige Monate das Zimmer nicht verlassen dürfen, was freilich eben nicht zu wundern ist bei dem Abstande eines Römischen Winters von dem hiesigen.
So habe ich den Winter ziemlich melancholisch verlebt, und bin darüber auch außer Correspondenz mit Aug. W. gerathen, von dem ich daher keine Nachricht habe. Unser Philipp hat eine Judith in Oel gemalt, die sehr gerühmt wird, wie auch einige gute Porträte. Seine große Frescoarbeit aus Dantes Paradiese ist angefangen, aber noch nicht vollendet. — Den ältesten Johannes freuen wir uns sehr gegen den Winter hier zu sehen; denn meine Hoffnung, vielleicht selbst im Herbst einen Besuch in Dresden machen zu können, ist nur sehr schwach.
Grüße meine Schwester, Nichte und das ganze Haus, wenn Du sie siehst; desgl. auch den Freund Schütz. Dieser hat unsre Hoffnung, ihn hier zu sehen, leider bis jetzt nicht erfüllt. Ich interessire mich immer sehr für alle seine Arbeiten, doch bei weitem noch mehr für ihn selbst; in der Philosophie sind wir noch sehr weit aus einander; er lebt so ganz in dem Gewebe von Abstractionen, die mir nichtig scheinen, und in die ich mich nur noch mit Mühe finden kann, da ich sie schon so lange verlassen habe. Dieses war auch der Eindruck, den mir ein großer philosophischer Aufsatz von ihm machte, den mir Collin mitgetheilt hat. Sage ihm das gelegentlich, da mir bis jetzt noch unmöglich war, ihm selbst zu schreiben. Grüße die Deinigen, und behalte mich und meine Frau in freundschaftlichem Andenken.
Dein Freund
Fried. v. Schlegel.
XIV.
Wien, den 17ten Juni 1823.
Theuerster Freund!
Ich habe Dir den I.-III. Theil der neuen Ausgabe meiner Werke durch Maria Weber geschickt; die Theile IV., V., VI. wirst Du durch die Familie Krause hoffentlich richtig erhalten. Die Bände VII. und VIII. ist jetzt die Gräfin L., Schwester des Oesterreichischen Gesandten in Berlin so gütig, für Dich mitzunehmen. Wenn Dich diese Zeilen, wie ich hoffe, in Dresden treffen, so wird sich diese geistreiche Dame sehr freuen, Deine ihr lange erwünschte persönliche Bekanntschaft zu machen. Da sie unsre genaue Freundin und eigentlich unser bester Umgang hier ist, so kann sie Dir, wenn sie Gelegenheit findet, Dich zu sprechen, mehr von mir und von uns und unserm hiesigen Leben erzählen, als ich irgend in einem Briefe im Stande wäre, Dir mitzutheilen.
Du hast mich, geliebter Freund! auf die poetischen Arbeiten von Schütz und einiges andere in Deiner letzten Erinnerung an mich aufmerksam gemacht. Ich muß Dir aber wohl gestehen, daß mir eigentlich das Einzelne solcher Kunstversuche, jetzt etwas fern liegt und mich so sehr noch nicht berührt, bis ich nicht etwas Bedeutendes daraus erfolgen sehe. Sollte aber unsre deutsche tragische Kunst noch zu einer festen Form gelangen und eine wirkliche Kraft werden, so vermuthe ich, daß dieses eher auf dem lyrischen Wege geschehen wird, als auf dem von Euch empfohlenen Shakspearschen historischen, der mir doch nur ein Surrogat des Epischen zu sein scheint, in verunglückter Form. (!) Doch davon ein andermal mehr, wenn ich vielleicht auch noch einmal einen Versuch in einer oder der andern Art mache.
Ich empfehle das wichtige und mühevolle Unternehmen meiner Werke Deiner freundschaftlichen Theilnahme und Mitwirkung. Wie ich meine frühern Schnitzer umgearbeitet habe, das wird wohl nur von wenigen nach seinem ganzen Umfange und vielleicht erst später anerkannt werden.
Sehr freuen aber würde es mich, wenn dazu von Dir einstweilen eine Stimme vernommen und der Ton angegeben würde; in einer Form, wie sie grade Dir angemessen ist, als leichter, freundschaftlicher Brief, der etwa im Morgenblattoder in einer andern solchen Zeitschrift stehen könnte. Die Theile III.-VI. werden vor der Hand vielleicht am meisten Interesse für Dich haben. Mich würde es doppelt erfreuen, wie mich alles erfreut, was ich irgend von Dir lese; und auch als Zeichen der Erinnerung und Denkmal Deiner unveränderten Freundschaft.
Was Schütz betrifft, so liebe ich ihn persönlich sehr, und ich glaube, es liegt eben auch nur in dem Mangel oder Nicht-Ergreifen des entscheidenden Mittelpunkts, daß er bei solcher Erkenntniß aller Ideen nicht zur lichten Klarheit weder im Wissen noch in der Kunst gelangen kann.
Das ist nun eben der Punkt, wo es so vielen fehlt, und über welchen hinüber zu kommen, nur ein Gott den rechten Muth geben kann.
Laß mich bald einmal wieder etwas von Dir hören, und laß Dir die Erfüllung meines geäußerten Wunsches nochmals empfohlen sein. Von ganzem Herzen
Dein Freund
Friedrich Schlegel.
XV.
Wien, den 30ten April 1824.
Ich sende Dir hier, theuerster Freund! durch die Güte des Hrn. v. Krause, den 9ten Band meiner Werke; am 10ten fehlen noch einige Bogen zum Schluß, und somit muß ich dafür noch eine andre Gelegenheit erwarten.
Das Neue in diesem Bande von Gedichten, so wie das Beste unter dem Neuen und Alten wirst Du wohl selbst herausfinden. Und nun wünschte ich wohl endlich auch einmal von Dir ein Lebenszeichen zu erhalten; da ich doch hoffe, daß Dir die früheren acht Bände alle richtig werden zugekommen seyn. Denn daß Du auch in dem gleichen bleyernen Todesschlaf mit befangen wärest, der sich in dem übrigen Deutschland so weit umher erstreckt und alles mehr und mehr mit seinem schweren Flügel deckt; dieß kann ich und will ich nicht glauben, bis Du mir nicht selbst die Nachricht davon mittheilst.
Ich hoffe, daß es Dir und den Deinigen wohl geht. Möllers, die wohl sind, sehen wir zuweilen, so oft es die weite Entfernung der Wohnungen gestattet. Sollte Schütz noch in Dresden seyn, so bitte ich mich ihm bestens zu empfehlen. Ich werde ihm nächstens selbst schreiben, so wie auch meiner Schwester, wenn Du diese etwa sehen solltest.
Philipp denkt uns diesen Sommer mit den Seinigen aus Rom zu besuchen; ich wünschte wohl im Herbst einen kleinen Abstecher mit ihm nach Dresden machen zu können, und werde es gern thun, wenn es irgend ausführbar ist, da ich schon lange sehnlich gewünscht habe, meine Schwester zu besuchen und das geliebte Dresden einmal wieder zu sehen.
Behalte mich indessen in gutem Andenken und laß einmal wieder etwas von Dir hören. Meine Frau empfiehlt sich Dir und den Deinigen mit mir zum freundschaftlichen Andenken. Von ganzem Herzen
Dein Freund
Friedr. Schlegel.
Du hast vielleicht mehrere Bände jetzt erwartet, als Du erhältst. Allein so ganz schnell und leicht als bloße Buchhändler-Spekulation kann ich diese große Arbeit nicht von der Hand schlagen; zehn Bände sind doch übrigens schon eine ganz hübsche Anzahl, um auch für die Nachfolge der andern hinreichend Gewähr zu leisten. Nach dieser kurzen Pause, welche mir jetzt ein Bedürfniß war, soll es nachher desto rascher wieder fortgehen. — Ich schreibe Dir dieß übrigens mehr wegen andrer, wo Du vielleicht Gelegenheit findest, in dem rechten Sinne davon zu sprechen, als für Dich selbst; da ich wohl weiß, daß Dein Interesse und Dein Maaßstab für dieses Werk meiner Werke ohnehin ein andres ist, als die merkantilische Eil der schnell sich folgenden Bände.
XVI.
Wien, den 29ten Oktober 1828.
Geliebter Freund!
Jedes Wort der freundschaftlichen Erinnerung, wie ich deren von Zeit zu Zeit mehrere erhielt, hat mich jedesmal herzlich erfreut. Mit besonderm Interesse habe ich auch Deine jetzige schöne Reise in diesem Sommer in Gedanken verfolgt und begleitet und mich besonders gefreut, daß Du längere Zeit in Bonn und so freundschaftlich mit dem Bruder A. W. zusammen lebtest. Vielleicht wirst Du mir, nach Deiner freieren Art, die Dinge zu nehmen, am besten erklären können, wie er eigentlich in diesen seltsamen Zustand, in Beziehung auf mich, gerathen ist, und mir darin als alter Freund Aufschluß geben können. — Ich freue mich außerordentlich darauf, Dich bald wieder zu sehen und mich in Deinem Umgang und Gespräch mannichfach erfrischen und beleben zu können.
Ich stehe im Begriff, mit meiner Nichte Buttlar — aber nur mit ihr ganz allein, da wir uns so eng als möglich einrichten wollen — morgen nach Dresden abzugehen, wie es ihre Angelegenheiten immer wünschenswerth machten, und jetzt fast unumgänglich nothwendig gemacht haben, da so manches durch die persönliche Gegenwart viel besser und leichter abgemacht werden kann.
Für unsre kleine Einrichtung auf einige Wochen oder anderthalb Monathe — en chambre garnie oder wie es sonst am besten seyn wird — zähle ich auf den freundschaftlichen Rath und Beystand Deiner lieben Frau und der trefflichen Dorothea, die ich herzlich zu grüßen, und mich auch der Gräfin F. auf das angelegentlichste zu empfehlen bitte.
Was Du von meinen neuen Vorlesungen etwa noch nicht kennst oder nicht selbst hast, bringe ich alles für Dich mit.
Bis zum 4ten oder 5ten denke ich wohl gewiß in Dresden zu seyn, da wir uns in Prag nicht aufhalten. Meine Frau, die in so später Jahreszeit freylich nicht mehr so weit reisen kann, empfiehlt sich bestens und erinnert sich oft freundschaftlichst der alten Zeiten und Deiner.
In Hinsicht auf meine Familie ist freylich in Dresden vieles verändert, und in diesem ersten Aufenthalte meines Jugendlebens Alles ausgestorben[21] und leer. Um so mehr ist es mir werth und köstlich, an Dir und den Deinigen dort alte Freunde zu treffen.
Von ganzem Herzen
Der Deinige
Friedrich v. Schlegel.
XVII.
Dorothea Schlegel, geb. Mendelssohn.
Jena, den 17ten December 1801.
Werther Freund! ich bin so frey gewesen in dieser Sache etwas eigenmächtig zu handeln, worüber ich Sie zuvörderst um Verzeihung bitten muß. Die Sache erschien mir auf einmal, durch Ihre Zustimmung, als ein wirkliches Geschäft, die ich erst als einen bloßen Einfall behandelte. Da nun ein Geschäft etwas ehrwürdiges ist, so konnte ich es unmöglich in B.’s (Brentano’s?) Hände geben, sondern ich habe Frommann zu Rathe gezogen, der sich auch der Sache ernstlich und treulich angenommen hat. Ihren Brief an die Direktion hat er an einen seiner Correspondenten nach Frankfurt geschickt, der zum Glück ein angesehener Mann, und einer der Theater-Direktoren ist, auch B. kennt ihn als solchen. Dadurch gewinnt es in den Augen der Frankfurter mehr Solidität, als wenn blos B. sich dafür interessirte; B. hat aber zu gleicher Zeit und wie von selber an seine guten Freunde schreiben müssen: „wie er gehört, Herr Tieck wolle das Amt annehmen, und wie er ihnen Glück dazu wünsche und“ — enfin mehr dergleichen, daß es Ihnen vielleicht helfen, aber gewiß nicht schaden kann; denn wer weis in welchem Ruf B. in seiner Vaterstadt stehet? Ihren Brief habe ich ihm auch nicht gegeben, sondern schicke ihn Ihnen hiemit zurück, denn erstlich machen Sie ihn darin zum Direktor des Geschäftes, welches er nicht seyn soll, und nicht seyn darf, zweytens hätte er sich durch diesen Brief nach seiner Art berechtiget gefunden, grade zu Goethe zu gehen, um mit diesem sich ein air zu geben, das wäre gar nicht zu wünschen gewesen, sondern es hätte Goethe nur aufgebracht, und verdrüßlich gemacht, denn B. ist jetzt fataler als jemals. Frommann war gestern bey Goethe und er hat ihm gesagt (Goethe nemlich zu F.), daß er Ihnen schon alles selbst geschrieben habe. Einen Brief an die Direktion hat er an Frommann nicht gegeben, welches ich eben nicht artig finde. Doch vielleicht erreichen Sie Ihren Zweck auch ohne diesen. Auf Ihren Brief an die Direktion habe ich noch Ihre vollständige Adresse gesetzt; Sie werden nun also von ihr direct Antwort erhalten, oder auch durch Frommann, an B. schreiben Sie nur einen kurzen freundlichen Dankbrief für sein Andenken; ich habe ihn schon von Ihnen gegrüßt, und Sie entschuldigt, daß Sie ihm noch nicht geschrieben; also brauchen Sie ihn in weiter nichts zu meliren. Das ist weit besser.
Von Friedrich habe ich meistens nur verdrüßliche Briefe, nemlich Briefe in denen er verdrüßlich ist; er hat viele häßliche Geschäfte, und was noch schlimmer ist, er konnte sie noch gar nicht besorgen, weil er seinen Koffer nicht hatte, der auf der Post zu Halle stehen geblieben. Nun hat er ihn aber wohl; und nun erwarte ich mit jeden Posttag ängstlich meine Bestimmung von ihm zu erfahren, wenn ich nach Dresden reisen soll? Es kömmt ganz auf Friedrich an, lieber Freund, ich bin ganz reisefertig, und sehne mich sehr von hier fort, wo es mir eben nicht gut geht, besonders seit Friedrich verreist ist; ich wäre so gern bey Ihnen in Dresden! Grüßen Sie doch die Ernst recht sehr von mir und übernehmen Sie meine Entschuldigung wenn sie wegen meiner Zögerung ungeduldig wird. Ich möchte Ihnen gern alles sagen können, welche innige Freude Sie mir mit dem Octavian gemacht, Frommann hat ihn mir vorgelesen. Ich danke Ihnen tausendmal dafür. Nie habe ich wieder Ihre ganze Liebenswürdigkeit, die Tiefe und die Glorie Ihrer Kunst und Ihrer Liebe so gefühlt! nehmen Sie meine Worte so an, ich möchte wohl, ich könnte es Ihnen besser sagen! Die Lebens-Elemente lese ich auch fleißig und sie öffnen meinen Blick in die Natur, und machen mich für jede Ansicht empfänglich. Ich habe schon so viel Neues daraus gelernt, mehr als ich sagen kann; ich lese sie alle Tage fast, und weiß sie fast auswendig. Das Wasser lese ich immer mit einer recht frohen frommen Empfindung, auch das Licht, es sind rechte Offenbarungen.
Lachen Sie mich nicht damit aus, lieber Tieck, Sie mögen sonst so viel über mich lachen, als Sie wollen.
Was meynen Sie zu den Gedichten, die Friedrich in Vermehrens Almanach hat? ist das nicht entzückend und rührend aus den Minnesängern?
Leben Sie recht wohl, seyn Sie recht glücklich und mögen Ihnen doch Ihre Vorsätze und Wünsche alle erfüllt werden.
Ihre ergebene
D. Veit.
Viele freundschaftliche Grüße an Ihre liebe Amalia, und die kleine Dorothea küße ich.
XVIII.
Wien, 16ten März 1829.
Ich war einige Zeit unwohl, besonders an den Augen leidend, dies ist die Ursache warum ich Ihr liebes Blatt durch die Nichte Buttlar noch nicht beantworten konnte. Theurer werther Freund, wie sehr hat Ihr freundliches gefühlvolles Schreiben mich erfreut, mir in der Seele wohlgethan! Ich weiß nicht, wie man sagen kann, daß die theilnehmenden Worte eines Freundes im Schmerze nicht trösten können? ich habe das Gegentheil erfahren, und erst recht gelernt, wie wichtig und heilig das Wort des Menschen ist. — Nehmen Sie meinen innigsten Dank, und auch dafür, daß Sie sich einer schönen frühern Zeit erinnerten, und sie auch mir ins Gedächtniß zurückriefen. Wenn auch ganze Stücke von Zeit, durch das verworrne Leben, uns wie untergehen, so bleiben doch einzelne Punkte lebendig blühend in der Seele schwebend zurück, und überleben alle Zeiten, bleiben in Ewigkeit lebend. — Alles was über die Herausgabe der Schriften des seeligen, und den Druck der Vorlesungen Ihnen mitzutheilen ist, hat unser vortrefflicher Freund Buchholz zu thun übernommen. Ein Wort von Ihnen zur Einleitung derselben, wäre höchst wichtig und tausendmal willkommen! Die einzige Schwierigkeit ist nur wegen des Manuscripts, welches wir wohl gern zuerst hier haben möchten. Verschiedne Verhältnisse machen es wohl wünschenswerth, dieses Manuscript baldmöglichst, auf eine kleine Zeit hier zu haben, und da ohnehin Friedrichs Handschrift, besonders in solchen ersten Entwürfen schwierig zu lesen zu seyn pflegt, und ich schon eine ziemliche Uebung darin habe, weil ich jedesmal seine Arbeiten copirt habe, so will ich mit großem Vergnügen zu Ihrem Gebrauch eine solche Abschrift machen, und sie Ihnen mit der fahrenden Post zurücksenden; auf eben diese Weise würden Sie gütigst das Manuscript unter der Adresse des Herrn von Bucholz herzuschicken die Güte haben. Sollten Sie aber dennoch es vorziehen, das Manuscript sogleich selbst durchzulesen, so würde dies freilich in kurzer Zeit geschehen müssen, und darüber wird Freund Bucholz Ihnen das nähere bestimmen; derselbe wird hoffentlich Ihnen auch ein Exemplar seines schönen Aufsatzes aus dem Archiv für Geschichte, Staatenkunde &c. zuschicken, den er zur Erinnerung an unsern theuern Verstorbenen darin hat drucken lassen. — Glauben Sie nicht auch, lieber Tieck, daß eine genaue ausführliche Biographie nicht passen würde für Friedrichs Leben, dessen verschiedene Zeiten und Stufen mehr in einem innern Gang, in einer inneren Entwicklung, als aus äußerlichen Thaten und Schicksalen bestanden? sind alle seine Werke nur Bruchstücke zu nennen, wie vielmehr sein ganzes Leben, in welchem es ihm fast nie vergönnt war, ein vollständiges Gelingen seiner Bestrebungen zu erreichen, und so war auch seine ganze Wirksamkeit immer mehr eine unsichtbare, innerlich fortlebende zu nennen, als daß nach außen hin viel davon gesagt werden könnte, dünkt mich. So wie Sie Novalis Leben in kurzen Umrissen darstellten, das scheint mir das Einzig schickliche; und nur Sie vermögen es mit solcher Zartheit und Leichtigkeit auszuführen; nur besorge ich, daß dies nicht leicht seyn möchte, da noch so gar manche fremde Persönlichkeit dabey verschont bleiben muß; ist es nicht überhaupt jetzt noch zu früh damit? Ihre Ansicht, daß manches in seinen spätesten Meynungen besser gar nicht erörtert werde, theile ich ganz vollkommen, aber nicht so wohl um der Gegner willen — denn diese darf man ja wohl nicht scheuen, wenn von der Wahrheit die Rede ist; — sondern weil eben noch so viel schwankendes, man möchte sagen, unfertiges unklares, in diesen seinen ersten Wahrnehmungen herrscht, so daß man sie in das Reich der Wahrheit noch nicht vollkommen aufgenommen denken muß. Es sind mehr Ahndungen und Träume zu nennen, und diese mögen verschleyert ruhen, da ihm selbst nicht vergönnt ward, und wohl niemand in diesem Erden-Leben, — das Räthsel vollkommen zu lösen. — Was ich von Novalis Schriften gefunden habe, wird Bucholz Ihnen zusenden, eben so einige Ihrer Briefe, die sich vorgefunden haben. — Die Nichte Buttlar sagt mir, daß es Ihnen angenehm wäre die Büste von A. W. Schlegel, von Ihrem Bruder verfertigt, zu besitzen; es macht mir ein besonderes Vergnügen Ihnen die Unsrige überlassen zu dürfen, da ich ohnehin wohl Wien in Kurzem verlassen werde. Wenn es Ihnen also recht ist, so will ich diese Büste von einem Sachverständigen einpacken lassen und Ihnen dieselbe durch Fracht-Gelegenheit zusenden. Nun erbitte ich mir aber ein Gegengeschenk von Ihnen, theurer Freund! nämlich ich höre, daß man das Gesicht nach dem Tode abgeformt habe, und die Nichte sagte, es wäre sehr ähnlich ausgefallen. Würden Sie es wohl übernehmen, den Künstler zu bewegen, daß er einen Gyps-Abguß von dieser Form macht, und mir dieselbe dann mit fahrender Post zusenden, oder durch irgend einen gefälligen Reisenden? Wenn etwas dafür zu zahlen wäre, so will ich es sehr gern wieder erstatten. Ich wünsche sein Bildniß vor den Vorlesungen in Kupfer stechen zu lassen, und da könnte dieser Gypsabguß wohl mit dazu benutzt werden.
Sollten Sie mich noch einmal durch einen Brief erfreuen, so schreiben Sie doch auch, welche Plane Sie für den künftigen Sommer haben? ich muß nothwendig recht bald etwas zur Befestigung meiner jetzt sehr wankenden Gesundheit unternehmen, und da wäre es ja vielleicht thunlich, daß ich Ihnen in irgend einem Sommer-Aufenthalt oder Badeort begegnete, was ich sehnlichst wünschen würde; ja, sehr, sehr gern möchte ich Sie noch wiedersehen!
Leben Sie wohl, und bleiben Sie mein Freund.
Die Ihrige
Dorothea Schlegel.
Den Catalog der Büchersammlung werde ich drucken lassen und Ihnen dann gleich einen senden.
Amalien recht herzliche Grüße und meine ganze Theilnahme an dem Verlust ihres Bruders. Welch eine Zeit der zerreißenden Trauer ist uns mit diesem Jahre! Ihren Töchtern alles Liebe.