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Balboa

Vierter Aufzug.

Reading edition

Felsenkluft. Der Eingang oben am Gewölbe. Vor demselben ein Eisengitter. Der Weg herab ist in Felsen gehauen. Die Höhle wird durch eine hangende Leuchte erhellet. Ein Feldbett. Steinblöcke zum Sitzen.

Erster Auftritt.

Balboa.

Wie dunkel ist es hier! Die hohe Leuchte Verbreitet kärglich ihren Dämmerschein; Das Wasser träuft die Felsenwand herab; Wie schauerlich! Schon manches edle Opfer Verseufzte hier sein Leben. — Wehe dem, Der Großes sinnt, er gräbt sich seine Grube! — Auch du, Maria, leidest, du, Maria, So engelrein und himmlisch! — Wirft der Zufall Die blinden Loose? — Siegt das Laster stets? — Mein Herz wird eng in dieser Felsenkluft. — O stille! — Schwindel fasset meinen Geist: Erschüttert wankt mein sonst so fester Glaube! — Warum mißlang mein schönes Unternehmen? Es war doch gut! Gerade daß es gut war, Gab mir die Zuversicht. Die Möglichkeit Verbürgte mir des Herzens lauter Ruf; Die Wirklichkeit — der Himmel! — Doch gescheitert; So schnell gescheitert! — Eines bleibt mir nur, Daß ich, von wilden Wogen rings umthürmt, Wie eine Planke das Bewußtseyn hasche: Es war doch gut, was ich gewollt, doch gut!! — O schöner Traum! o gräßliches Erwachen! Was rauscht? Es regt sich oben. — Ha! — Wer kommt? Man wird die Todesstunde mir verkünden. — Sie komme bald und ende meine Zweifel! Dort seh’ ich klar; dort sehnt mein Herz sich hin!

Zweiter Auftritt.

Eskimosa. Balboa.

Balboa.

Seyd mir gegrüßt, mein edler Eskimosa; Was ihr auch bringt, seyd herzlich mir willkommen! Hebt eure Brust so ängstlich nicht empor; Bestürmt durch euern Blick den Himmel nicht! Ihr kommt als Mann zum Manne. — Muth, mein Freund; Sagt eure Botschaft! Ihr begegnend will Ich selbst sie euch erleichtern. — Kommt ihr nicht, Die Todesstunde mir nun anzukündigen?

Eskimosa.

— Wenn aus den Fluthen sich die Sonne hebt, Erhebt ihr euch zu einem bessern Leben!

Balboa.

Nun dann mit Gott! — Ich bin darauf gefaßt.

Eskimosa.

Man bietet euch noch Gnade — — mit Bedingung!

Balboa.

Und die Bedingung? Lasset sie doch hören!

Eskimosa.

Ich spreche nun in Pedrarias Namen. — Ihr sollet vor dem Throne, öffentlich, Vor der gesammten edlen Ritterschaft, Gehorsam ihm, und Treue neu geloben; Den Aufruf dann, den leider ihr verfaßt, Als eine Frucht der schnellen Übereilung, Für null und nichtig öffentlich erklären; Dereinst die Theilungen der Indier Handhaben, wie’s Gesetz und Übung heischt; Und wolltet ihr dies Alles treu erfüllen, Euch reuig zeigen, wie’s dem Schuld’gen ziemt: Dann laß’ er Gnade walten vor dem Recht. Wenn ihr aus Pflicht nicht diesem Rufe folgt, So mög’ es euch der Gattin doch erbarmen, Die eures Stolzes Opfer werden würde. Sonst müßt’ er, seinem Richteramt getreu, Vollzieh’n das Urtheil, streng und unerschüttert, Was auch das Loos der theuern Tochter würde. Nun wählt mit Gott euch Leben — — —

Balboa (schnell).

Nein, den Tod!

Eskimosa.

(ergreift rasch seine Hand.)

Als Held gelebt, und auch als Held gestorben! Gott sey’s gedankt! Ihr steht dem Unglück fest.

Balboa.

Dich, Pedrarias, dich erkenn’ ich ganz! Dein Haß ist sinnreich. Ja, das Edelste, Die Menschlichkeit willst du in mir vernichten. Sie gilt es nun zu retten. — O mein Gott! Wie freundlich lächelte mir deine Erde! Ich wollte segenbringend auf ihr wandeln; Nun sollt’ ich würgend ihr erscheinen? — Nein! Leb’, Erde, wohl! — Du reißest von mir los. — Mit feuchtem Blick seh’ ich auf dich darnieder; Ich liebte dich! — So liebe du mich wieder, Nimm meine Bürd’ in deinen kühlen Schoß! —

Eskimosa.

Mir ist, als läg’ auf meiner Brust die Welt; Ich möchte weinen.

Balboa.

O du gute Seele!

Eskimosa.

Es ist nicht recht. Ich will euch nicht beweinen! — Bewundern will ich euch, und euren Tod Bedenken froh, bis meine Stunde schlägt; An eurem Beispiel meinen Kindern zeigen, Was Festigkeit vermag, was Tugend kann.

Balboa.

Ihr hättet, edler Mann, wie ich gehandelt.

Eskimosa.

Doch darum nicht, weil ich euch nun bewund’re? Was gut, was schön, was edel ist und groß, Dafür mag mancher wohl sich leicht erwärmen. Allein in sich das Große festzuhalten, Wenn wild in Aufruhr jeder Trieb geräth; Dazu versagt den Meisten doch die Kraft. — Kein Ungeprüfter soll der Kraft sich rühmen. Ihr habt gesiegt! Ihr seyd bewährt gefunden! Wem dies Bewußtseyn mit dem Tode naht, Dem kommt er nie zu früh. Ein hoher Freund Bringt er des Lebens köstlichsten Gewinn! — Euch blüht im Tode Leben! — Es ist klar!

Balboa (gerührt).

Mein Eskimosa!

Eskimosa.

Recht so, Balboa! Laßt mich in euerm Aug’ den Himmel seh’n. Ich brauche Stärkung. Tief empörte mich Ein andrer Anblick. Hört! Dem Pedrarias Brennt schon ein Vorgefühl der Höll’ im Busen. Nun an der Schwelle des Verbrechens fürchtet Er euern Tod! — Und doch — sein Stolz verbeut Euch unbedingt die Gnade zu verleih’n. Nur euch zu beugen dürstet seine Rache. Bald jubelt er, bald bebt er knirschend wieder; Man sieht, sein innres Wesen ist zerrissen. — Bedauert ihn! Nun muß ich fort, mein Freund! Doch im Gedanken will ich fest euch halten. Mag euch die Welt aus ihren Banden lassen; Nicht dieser Kopf, nicht dieses treue Herz!

Balboa.

Lebt wohl!

Eskimosa.

(küßt seine Hand, und drückt sie an’s Herz.)

Nicht dieser Kopf, nicht dieses Herz!

(geht schleunig ab.)

Dritter Auftritt.

Balboa.

So stark vermeinst du mich? O guter Alter! Den Glauben mußt’ ich ehrend in dir schonen. Wie groß erscheinst du dem, den du vergötterst. — Ach, darf ich meinen Augen trau’n? Er ist’s! Jeronimo!

Vierter Auftritt.

Jeronimo. Balboa.

Jeronimo.

(Noch auf der Höhe.)

Ich bin es, Balboa! Und Friede sey mit euch!

Balboa.

Herab! herab! Jeronimo! Mann, der mich streng verdammte; Kommt an mein Herz! Noch schlägt’s so heiß für euch, Wie’s mir, dem Jüngling, schlug.

Jeronimo.

Unglücklich Loos, Das mich betraf.

Balboa.

Entweihet euern Mund Nicht durch Entschuldigung geübter Pflicht. Ihr übtet sie nur mit zerriss’nem Herzen, Und milde, menschlich. — O das that mir wohl!

Jeronimo.

So mußten wir uns endlich wiederfinden?

Balboa.

Ach, sagt mir, Freund! was machet nun Maria?

Jeronimo.

Vertraut sie mir, und laßt den Himmel sorgen.

Balboa.

Wenn ich nun ende — Gott! wie wird sie’s tragen?

Jeronimo.

Leicht wird es mir, den Vater zu bestimmen, Daß er den Schleier gönnt der Dulderinn. Ein stilles Heiligthum will ich ihr öffnen, Wornach sie sich in ihrer Jugend sehnte. Dort harrt sie sanft und ruhig ihres Tod’s.

Balboa.

Nach einem qualerfüllten Jammerleben!

Jeronimo.

Bald ist’s geendet! Ach, wir bauen fort, Als gält’ es für die Ewigkeit. Und doch! Wie lange währt’s? — Ich zähle siebenzig. Wo sind sie hin die Jahre? Man entwindet Sich seinen Lieben schmerzhaft. Guter Gott! Es ist doch nur auf nahes Wiedersehn.

Balboa.

Was Schreckliches sich auf das theure Haupt Mariens häuft, ich trage nicht die Schuld; Ich wäre glücklich, litt’ ich nur allein. Aus einer Welt, wo Pedrarias herrscht, Entfliehet gern ein fühlend Menschenherz. O dieser Mann, er zwingt mich, ihn zu hassen! Man bot mir Gnade, wißt ihr’s wohl? — Doch ich, Die Gnade will ich nicht, die er mir bietet.

Jeronimo.

Ihr seyd bewegt. — Laßt nun die Menschen walten! Ihr denket bald mit frohem sichern Flug Der Erd’ euch zu entschwingen. — Balboa! Laßt euch von Haß und Ehrsucht nicht mehr fesseln! Nur freie Geister nimmt der Himmel auf.

Balboa.

Sey Gott mir gnädig! Ich gesteh’ es frei: Mein Auge sieht mit Unmuth doch in’s Grab. Noch hab’ ich nicht gelebt. — Mein Daseyn schlich Nur zwecklos hin. Auf diesen Zeitpunkt hatt’ Ich mich gespart; mein thatendürstend Herz Auf ihn, so sehr es murrte, doch verwiesen. Der Zeitpunkt kommt, er kommt, und bringt mir Tod!

Jeronimo.

Die liebsten Wünsche Gott zum Opfer bringen, Es ist des Christen herrlichstes Verdienst.

Balboa.

Der Wunsch der eigensücht’gen Leidenschaft Verberge sich vor Gott. — Mein reines Streben Flog unverhüllt zum Himmel auf. — Und noch! — Das Sklavenjoch den Wilden zu zertrümmern; Der Menschheit ihn, dem Himmel zuzuführen, Einst unter Segenswünschen froher Völker, Im Arm der Liebe selig zu entschlummern: Das wünsch’ ich noch, und muß es innig wünschen. Gesteht, Jeronimo! Mein Traum war schön.

Jeronimo.

Wohl euch! Noch soll euch dieser Traum erheben! Der Wille bleibt Verdienst! Denn das Vollbringen Bewirkt nicht Menschenmacht, giebt nur der Himmel.

Balboa.

O schweigt! Gut war’s, was ich mit Muth begann. Auf dem Bewußtseyn schwang mein Glaube kühn Sich durch die Wolken. Doch getäuscht, gestürzt, Lieg’ ich zum Hohngelächter in dem Abgrund, Tief unter meines Planes Riesentrümmern. Ist Murren Sünde, so verzeih’ mir’s Gott! Ich muß doch rufen: Herr! Mein Werk war gut!

Jeronimo (sanft).

Wie, Freund, in dieser wildempörten Stimmung, Mit des zerriss’nen Herzens Klageruf Wollt ihr den Himmel sterbend nun begrüßen? O stimmet euch schon hier zur Harmonie, Die dort die Ewigseligen beglückt! Kein Mißton darf in ihre Jubel dringen. — Ihr klagt: »Mein Werk war gut — und nun gestürzt Lieg’ ich im Abgrund!« Doch, durch wen gestürzt? — Ganz ohne eig’ne Schuld? — Erforscht euch redlich! Wenn euch der milde Strahl der güt’gen Vorsicht Aus jenen dunkeln Fernen nicht mehr leuchtet; Wo fändet ihr nun Trost, wo Seligkeit? — Habt ihr euch schuldig, Gott gerecht befunden: — Dann tragt ihr leicht, und habet überwunden.

Balboa.

War euer Gruß nicht Friede? — Doch ihr raubt Mir das Bewußtseyn, stürzt mich ganz darnieder!

Jeronimo.

Was wär’ es wohl, wenn es sich rauben ließe? O guter Balboa! — Daß euer Herz So schön entbrannte für der Menschheit Heil; Daß ihr ein Paradies in jenen Landen, Voll frohen Muthes, anzupflanzen dachtet, Um so vor aller Welt den niedern Vorwand, Als zähme nur die Sklaverei den Wilden, Durch That und Beispiel siegend zu entlarven; Daß ihr für dieses Volk die heil’ge Liebe Durch selbstgewählten hohen Tod besiegelt: Seht, dies Bewußtseyn kann euch Niemand rauben, Es lohnt euch hier, es wird euch ewig lohnen! — Heil ruf ich euch! — Aus tiefbewegtem Herzen Ruft euch mit mir, die ganze Menschheit Heil! — Allein bedenkt: Ihr nah’t euch jenem Richter, Vor dem die Schuld vergebens sich verhüllt. — Ihr seyd ein Mensch — und menschlich ist’s zu fehlen!

Balboa (sanft).

So sprecht! Ich öffne willig euch das Herz.

Jeronimo.

Warum habt ihr das wilde Schlangenhaupt Der Tyranney dem Throne nicht enthüllt? — Längst war es Zeit zu sprechen, und zu handeln. Ihr schwiegt, und legtet eure schönen Plane Der ungewissen Zukunft in den Schoß. — So fehlt er oft, der engumschränkte Mensch! — Zur That wird ihm der Augenblick gegönnt; Den soll er fassen — doch, er läßt ihn fliehen; Und bringet ihn der Zeiten Strom nicht wieder, So klaget thöricht er sein Schicksal an. Wie soll der Himmel solche Klagen hören? — Warum habt ihr die Grausamkeit geduldet, Die längst schon euer fühlend Herz empörte? — Warum die Pflicht des Widerstands verschoben? — Warum durch Eigenmacht erzwingen wollen, Was ihr vom Throne nur erwirken solltet? — Gesteht es doch! — Mariens Vater ist Der Schuldige, und euer Liebesbund Hielt euch von eurer höhern Pflicht zurück. Mit dieser habt ihr euch nur abgefunden, In Schöpfungsträumen euren Geist gewiegt.

Balboa.

— Ihr lasset tief in’s eigne Herz mich schau’n.

Jeronimo.

Versöhnt euch dann mit Gott! O fühlt es nun: Daß euch nicht Stolz, daß euch die Reue ziemt!

Balboa.

Ist’s Strafe, die ich dulde? Nun wohlan! Ich habe sie verdient! Ich beuge mich!

Jeronimo.

Und jede Klage schweigt in eurer Brust?

Balboa (sanft).

Daß auch mit mir der arme Wilde leidet: Seht, das beklag’ ich noch. — Daß auch sein Glück Mit mir dahinstürzt! — Sagt, Jeronimo, Was konnte seine Unschuld wohl verbrechen? —

Jeronimo.

Wie, Balboa, ihr werdet doch nicht wähnen, Kein Geist erhebe sich zu eurer Höhe, Kein Herz sey mit dem Euern gleich gestimmt? — Wozu euch Gott jetzt nicht mehr würdig finde, Das könn’ er nicht durch andres Werkzeug üben? — Gewahrt ihr nun den schlauverborgnen Stolz? Erschreckt vor euch! Ruft euern Glauben wach! Der Glaub’ an Menschentugend und an Gott, Erhebt sich jedem nur aus eigner Brust. — O wehe dem, der ihn vergebens ruft! Sein reines Herz geweiht zum Gottestempel, Ward schon zur Hölle, wo Verzweiflung thront.

Balboa.

(fällt tieferschütternd an seine Brust.)

O heil’ger Mann! Hebt segnend eure Hand!

Jeronimo (mit Feuer).

Ihr habt euch schuldig, Gott gerecht befunden! Nun siegt der Geist! der Tod ist überwunden!

Balboa (begeistert).

Ein Schauer faßt mich. — — Ja — ich fühl’s! ich fühl’s! Nicht Zufall ist’s, was unser Schicksal treibt.

(kniet nieder.)

Gerechtigkeit, ich sinke vor dir nieder! Du waltest über uns. Was über mich Dein Spruch verhängt, ich will es sühnend dulden. Aus seinen Tiefen ruft mein Herz: — Du bist!! Und wie ich nun von dir die Strafe dulde, Ist dem Entsühnten Gnade auch gewiß!

(steht auf.)

O sie umweht mich schon mit Himmelsdüften, Und Ruhe kehrt in meine Brust zurück! —

(zu Jeronimo.)

Verlaß mich nicht, du treuer Friedensbothe!

Jeronimo.

Nein, ich verlaß euch nicht.

Balboa.

O Tod! erscheine! Nun fürcht’ ich deine Schrecken nicht. Erscheine!

Jeronimo.

Was will uns Eskimosa? — Seht, er naht!

Fünfter Auftritt.

Eskimosa. Balboa. Jeronimo.

Eskimosa.

Wenn ich im höheren Gespräch euch nun Und diesen Edlen störe, so vergebt.

Balboa.

Ihr seyd willkommen, ihm und mir, mein Freund!

Eskimosa.

Nicht unbescheiden heftiges Verlangen, Euch noch zu seh’n — das wüßt’ ich zu bezähmen — Mich führet meine Pflicht hierher.

Balboa.

So sprecht.

Eskimosa.

»Er will den Tod,« so hab’ ich kurz und treu Dem Pedrarias euern Schluß gemeldet. — Nun droht ein neuer Sturm euch zu erschüttern.

Balboa.

Mag es doch stürmen! Hier, mein Freund, ist’s ruhig.

Eskimosa.

Ich weiß, die Ruhe lebt in euerm Busen. — — O theilet sie der Gattinn liebend mit! Ihr seyd getröstet. — Sie bedarf des Trostes!

Balboa.

Maria! —

Eskimosa.

Fühlet ihr euch stark genug, Die Leidende zu sehen?

Balboa.

Eskimosa!

Eskimosa.

Nicht bloß zu seh’n, sie sanft emporzuheben!

Balboa.

Ich bin ein Mensch —

Eskimosa.

Ein Held, mein Balboa! Ermannet euch! — Sie harret euer schon.

Balboa.

Was habet ihr gethan?

Eskimosa.

Nicht ich, bei Gott! — Ihr Vater sendet sie.

Balboa.

Zu mir? — Unmöglich!

Eskimosa.

Viel wälzet er in seinem schwarzen Busen, Was nicht so leicht ein Menschenaug’ ergründet; Allein, hier hab’ ich ihn erkannt: er wünscht, Er hofft, ihr Jammeranblick soll euch beugen.

Balboa (entrüstet).

Ha, Pedrarias!

Eskimosa.

Hütet euch, mein Freund, Vor ihr des Vaters zürnend zu erwähnen! Wie würdet ihr die Engelsseele kränken! Ein Schauder zucket schneidend durch ihr Herz, Wenn nur sein Namensschall ihr Ohr berührt. Die gute Tochter! Fürchten muß sie ihn; Doch diese Furcht erfüllet sie mit Schrecken. Sie schilt sich selbst, undankbar, unnatürlich! Verbannt in dieser Abschiedsstunde Den Haß, der sie empören würde. Laßt Sie ungestört und vorwurfsfrei euch lieben!

Balboa.

(unmuthig und heftig.)

Und kann ich das? Und wie? Und wer gebietet, Zu nah’n der Liebe, zu entflieh’n dem Hasse?

Jeronimo.

Der scharfe Blick auf ihren Gegenstand! — O Balboa! — Mit Schlangenbissen nagt Den Pedrarias heimlich schon die Reue. Und wenn ihr bald in ew’ger Ruhe blüht, Wie wird euch rufen sein Verzweiflungsruf! Denn übertäubt ist sein Gewissen nur. Er weihet sich dem jammervollsten Elend! Denkt seinen Zustand! Lebhaft führet ihn Euch vor Gemüth! — Ist’s nicht ein Mensch, wie ihr, Der in dem Abgrund liegt? Die Leidenschaft, Die ihn gestürzt, hat sie euch nicht erschüttert? — O fühlet Mitleid! Laßt den finstern Haß In euerm Busen schweigen! — Feinde lieben, Es ist das Göttlichste! — Schwingt euch empor!

Balboa.

(nach einer Pause, schnell.)

Gott sieht mein Herz! Ich hab’ ihm ganz vergeben.

Jeronimo.

So darf, so soll euch noch Maria lieben?

Eskimosa.

Die arme Dulderinn! Erschreckt nur nicht. Zu fein besaitet ist ihr zartes Herz, Es klinget jedem Hauche. Wilder Sturm Ras’t nun darin, und droht es zu zerrütten. Darauf seyd wohl gefaßt, und schonet sie. — Wir gehen sie zu holen. — Heftigkeit Vermeidet! Sanft und leise sprecht sie an, Und lockt ihr Herz zu den gewohnten Tönen. — — Nicht folget uns! — Bis sie herabkommt, weilet! —

(Jeronimo und Eskimosa steigen hinauf. Oben übergiebt Eskimosa Maria dem Jeronimo.)

Balboa.

Was sag’ ich ihr? und wie beginn’ ich? — Gott! Dort wankt sie schon. — So bleich! — Mein Herz zerreißt!

(stellt sich, daß er von Marien nicht gesehen werden kann.)

Sechster Auftritt.

Maria. Jeronimo. Balboa.

Jeronimo (auf der Höhe).

Reicht mir die Hand! Ihr kommt vom Tageslichte, Und seyd geblendet.

Maria (hält an).

Ah!

Jeronimo.

Was ist euch, Donna?

Maria.

Mein Herz! — Ah! — Weiter!

Jeronimo.

Gönnt euch Zeit; Steil sind die Stufen. —

Maria.

Rauh der Weg in’s Grab! Ich hör’ ihn nicht. —

Balboa.

Maria!

Maria.

Balboa! Ich höre meinen Balboa! Hinab! Wo weilst du, wo?

Balboa (umarmt sie).

Hier, Theure!

Maria.

Güt’ger Himmel!

Balboa.

O Gott, sie sinkt! Helft mir, Jeronimo!

(Sie setzen sich.)

Dich leiden seh’n — der Tod ist nicht so bitter!

Maria (schwach).

Ich leide nicht — Wer sagt dir, daß ich leide? Ich fühle mich nun stark. — Ich bin so glücklich! In deinem Arm, an deiner theuern Brust, So möcht’ ich sterben, so! — O stille! stille!

(halten sich umarmt. Pause.)

Jeronimo.

(betrachtet sie von fern.)

Wie sie sich hold umschlingen! Wonne strahlt Ihr Blick! — Sie schweigen. — Was bedürfen sie Der Worte? — Schon entfesselt sind die Geister! Sie sind vereint, sind ein’s!

(er naht sich ihnen, und umfaßt sie feierlich.)

O liebet! liebet! — Die reine Himmelsgluth der Seelenliebe Verlöschet nicht in karger Lebenszeit; Der Tod vernichtet nur die Sinnentriebe; Der Bund der Geister währt in Ewigkeit! Wohl mag die Welt den einen länger binden; Doch was verwandt ist, muß sich wieder finden!

(zieht sich zurück.)

Maria.

Doch was verwandt ist, muß sich wieder finden? O süßer Trost! Nur bald!

(fährt vom Sitze auf.)

Ah wieder!

Balboa.

Gott! bist du krank, Maria?

Maria.

Nein! Es zuckt Mir flüchtig nur im Herzen. — Sehnsucht will Das wunde Herz befrei’n, und kann es nicht. — Oft macht’s mich athemlos. — Geduld mein Herz! — Es endet doch!

Balboa.

So willst du mich betrüben?

Maria.

Kann dich betrüben, was mich heiter macht? So wunderbar begann dies Weh’ in mir, O höre, wie es kam. — Als das Gericht Beendigt war, hinfiel ich schluchzend, kraftlos. O süßer Schlummer, der mich dann umfing! — Schnell war es mir, als hebe sich dein Bild In Purpurwolken, freundlich anzuschau’n. Dein Auge funkelte. Sanft hergebeugt Sahst du auf mich. Tiefschauernd starrt’ ich auf, Als du dich höher hobst und höher! — Ach! Nachfliegen wollt’ ich und vermocht’ es nicht. Doch als du mir nun schon entschwinden wolltest, Aufschrie ich, furchtbar! — Lächelnd von der Höhe Hielst du einladend mir den Arm entgegen. »Ich folge,« rief ich; wie ich’ s rief, da riß Es mir am Herzen schmerzlich, daß ich wohl Zu sterben dachte, doch — ich war erwacht. — — Und wenn es nun mir an dem Herzen reißt; Ich acht’ es nicht, und denke nur — »ich folge!«

Balboa.

Ach, weißt du wohl, was du beginnst, Maria? Mit jedem Worte fesselst du mein Herz An diese Welt, der ich entfliehen muß!

Maria.

Hätt’ ich geklagt? Bei Gott! Das wollt’ ich nicht Es hätte sich mein fühlend Herz verrathen? — Voll Widerstreit ist dieses arme Herz, Voll Jubel und voll Qual! — Sieh, Balboa! Bedenk’ ich lebhaft, daß dir Menschenwohl Mehr als dein Leben gilt; daß du nun glänzest Als Märtyrer der unterdrückten Menschheit, Da faßt’s mich schauernd, und hinsinken möcht’ Ich dann, anbetend hin zu deinen Füßen, Dich Heiligen um deinen Segen bitten! — Ich kann es nur mit leisem Zittern denken, Daß du mich liebst! — Wie kam ich zu dem Glücke? Ich hab’ es nicht verdient. — Erhebe dich Zum schönsten deiner Siege! — Stirb, o Held! Mich Schwache stärkt der Himmel wunderbar; Denn ob in mir auch jede Nerve zuckt: Doch hab’ ich Kraft, dir zuzurufen. — — Stirb!

Balboa.

O holder Engel, der mir Stärkung bringt! Wie schön erhellst du meines Kerkers Nacht!

Maria.

Ich denke nun des Tag’s, der uns verband. Ein Schreckenstag! — Zwölf Opfer sollten bluten! Entfloh’n dem Grauen dieses Höllenschauspiels, Dem wilden Wirbeln dieser Todestrommeln, Irrt’ ich am Meeresufer, einsam trauernd, Und meine Thränen flossen um die Wilden. Auch du erschienst! Auch dich, mein Balboa, Vertrieben diese Schrecken. — Welche Stunde! In Harmonie zerflossen unsre Seelen, Die lang sich suchten, hatten sich gefunden, Und schnell für ewig waren sie verbunden! Vor uns das Meer, den Himmel über uns, So haben wir den heil’gen Bund beschlossen: »Zu stehen für der armen Menschheit Sache, Im Glück und Unglück, bis zur Todesstunde. Wer pflichtvergessen diesen Bund einst bräche, Der habe nimmer Recht auf heil’ge Liebe!« — O du hast Wort gehalten, Balboa, Mit Ehrfurcht lieb’ ich dich!

(will vor ihm niederfallen.)

Balboa (hält sie auf).

Maria! Theure! Du reine Seele, du beschämst mich tief.

Maria.

Ich bin ein schwaches Weib. — Ich kann’s nicht denken, Was einst aus mir noch werden wird. — Ich hoffe, Nicht werd’ ich’s überleben. — Nimm mich, Gott! Was blickst du nun so düster auf mich nieder? — Ich sage dir: Du stirbst mit meiner Liebe, Brich du mein Herz! Doch unser Bund bestehe!

(setzt sich erschöpft.)

Balboa.

Bei unsrer Liebe fleh’, beschwör’ ich dich...

Maria.

Befiehl! es soll geschehen, was du heischest.

Balboa (zu Jeronimo).

Tritt näher, Freund! — Bald wird er dir, Maria, Ein stilles sichres Heiligthum eröffnen.

Maria.

Wohin ich wandle, folget mir die Qual. Für mich giebt’s einen Hafen nur: — das Grab!

Jeronimo.

Die Palme winkt dem edlen Dulder dort.

Maria.

Nicht bin ich würdig, solchen Preis zu fassen.

Balboa (lebhaft).

Beim Wiederseh’n bring’ ich dir selbst die Palme.

Maria (steht auf).

O süßer Preis! Womit erring’ ich ihn?

Balboa.

Wenn du der Trauer siegend widerstehst.

Maria.

Nicht trauern sollt’ ich? — O du forderst viel!

Jeronimo.

Wer will, der kann; erwecket euern Muth!

Maria.

Doch denken, an ihn denken darf ich doch?

Balboa (schnell).

Laß nicht mein Bild aus deiner Seele weichen!

Maria (innig).

Und wenn es schön vor meiner Seele strahlt?

Balboa.

Dann ist’s mein Geist, der liebend dich umschwebt!

Maria (noch lebhafter).

Und wenn mein Herz von heißer Sehnsucht glüht?

Balboa.

Dann reicht die Hoffnung kühlend dir den Kranz.

Maria.

Vereinigung mit dir muß ich doch wünschen!

Balboa.

Erfüllung reicht aus Wolken dir die Hand.

Maria (ängstlicher, lauter).

Was ich verlor, ich will es wiederfinden!

Balboa.

Und glaube mir, es bleibt dir treu verwahrt!

Maria.

Was ich verlor, das ist doch jetzt verloren. — O laßt mich weinen! — Fühllos seyn ist schlimmer.

Balboa.

(in heftiger Bewegung.)

Geliebte! Liebe mich! und hoffe! weine! Was sagt’ ich? — Gott!

(umarmt sie.)

O meines Lebens Leben!

Jeronimo.

Dies eine denkt! Die Trennung währt nicht immer! Wie bald entflieht des Lebens düstre Nacht! Der Tag beginnt. Ihr findet euch im Schimmer. Wo ist dein Stachel, Tod, wo deine Macht? Auf Erden fühlt ihr nur der Trennung Wunden; Doch ewig, ewig lebt ihr dort verbunden.

Maria.

Tönt aus dem Himmel uns die sanfte Stimme?

Balboa.

Mit süßer Ahndung scheiden; es ist schön!

Jeronimo.

Der innre Sturm begab sich nun zur Ruhe. Erhaltet diese Stimmung! Trennt euch schnell, Sogleich, jetzt, da euch Kraft und Muth belebt!

(zu Balboa.)

Euch ziemt’s, durch hohes Beispiel sie zu stärken. O zaudert nicht!

Balboa.

(abgewandt mit erstickter Stimme.)

Leb’ wohl! Leb’ wohl, Maria!

(geht seitwärts und verhüllt sich.)

Jeronimo.

Was weilet ihr, Maria? — Neue Qual Bereitet nicht dem Dulder.

Maria (verworren).

Qual! O nein! Wie schmerzlich! Ah!

Jeronimo.

O kommet und folget mir.

Maria.

(fast schreiend.)

Ich folge! Ah!

Balboa.

Noch einen Kuß!

Maria (küßt ihn).

Stirb! Stirb!

Jeronimo (tief bewegt).

O meine Kinder!

(Balboa entreißt sich ihr.)

Maria.

(in wilder Betäubung.)

Fort! Nun fort!

(Jeronimo begleitet Marien. Balboa sieht ihr nach. Als sie zu den Stufen kömmt, sinkt er auf sein Lager.)

Balboa.

Komm, Ruhe! Ruhe!

Der Vorhang fällt.

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