Erster Aufzug.
Reading edition
Ein mit Blumenkränzen und Trophäen gezierter sonst einfach gebauter Saal.
Erster Auftritt.
Jeronimo. Linares.
(treten schleunig auf.)
Linares.
Ihr in Maria del Antigua? Seyd herzlich uns willkommen! Dieses Glück — O mein Jeronimo — wem danken wir’s?
Jeronimo.
Zum höchsten Richteramt’ auf Darien Berief mich unsers Königs Majestät. Ich folgte freudig diesem schönen Rufe, Der lange schon mein Wunsch im Stillen war. Seit Pedrarias Spanien verließ, Um hier des Königs Stelle zu vertreten, Fand in Madrid ich keine Ruhe mehr. Das Loos der Wilden unter diesem Herrscher Schien mir bedauernswerth. Ich sehnte mich Ihr Schicksal zu erleichtern. — Selbst im Schlafe Rief mich gebietend mancher düstre Traum An dieses Ufer. Mit dem ersten Schiffe Flog ich nach Hispanjola, weilte dort Nur einen Tag, und segelte hierher. — Doch sprecht nun auch, mein Freund! Was geht hier vor? Denn dieser Saal, mit Kränzen ausgeschmückt, Und dieser Fahnen, dieser Waffen Prunk, Die Dienerschaft, zur Feier aufgeregt, Verkündet Festlichkeit, verkündet Freude.
Linares.
Für uns! für euch! Frohlocket guter Greis! Die Tochter Pedrarias, euer Zögling —
Jeronimo.
Der Engel! — geht’s ihm wohl? Ist sie nun glücklich? Erhörte Gott mein sehnlichstes Gebet?
Linares.
In einer Stunde seht ihr sie vermählt.
Jeronimo.
Vermählt? Vermählt! Wie habt ihr mich erschreckt. Doch auch nach ihrer Neigung? sprecht, mit wem?
Linares.
Der Bräutigam ist ganz Mariens werth; Der Name sey euch Bürge: — Balboa!
Jeronimo.
Scherzt ihr mit meinem Alter, junger Mann?
Linares.
Dann müßt’ ich euch so innig nicht verehren.
Jeronimo.
Vergebt! Mit Balboa? Wie unbegreiflich! Ich kenne Pedrarias und den Groll, Der wider diesen Balboa ihm grimmig Die Brust erfüllt, an seinem Leben zehrt. — Mit Balboa die Tochter Pedrarias? Hier glimmt ein Unheil! — Freund, so kenn’ ich ihn: Eh’ er dem Feinde seine Tochter gönnte, Eh’ würd’ er sie dem Meere selbst vermählen. Ihr staunet? — Ja! So denkt ein Pedrarias.
Linares.
Ihr werdet selbst des Festes Zeuge seyn.
Jeronimo.
O wie ganz anders treff’ ich alles an. In Hispanjola scholl der frohe Ruf: Ein Meer gen Westen habe Balboa, Mit ihm zu neuen segensreichen Ländern Entdeckt die langgesuchte sichre Pforte? Wie freute sich im Herzen mancher Christ, Das heil’ge Kreuz dort aufgepflanzt zu seh’n; Wo, hingeführt vom milden Balboa, Der Indier es zwanglos ehren würde. — Die Sage wäre falsch? Der Held noch hier?
Linares.
Wahr sprach der Ruf. An jenem Meere harrten Wir schon der Abfahrt. Jedem Krieger klopfte Das kühne Herz mit frohem Ungestüm, Bald einzudringen in das Paradies, Wohin bisher mißgönnend die Natur Den reichsten Schatz des edlen Gold’s verbarg.
Jeronimo.
Unsel’ges Gold! — Doch, Linares, sprecht weiter!
Linares.
Da kommt ein Bothe keuchend angeritten, Bringt Vasko Nunez schriftlichen Befehl, Zurückzukehren und mit aller Eile, Weil Pedrarias wicht’ge Dinge noch Mit ihm bereden müsse. Wir erstarrten. Die ganze Mannschaft murrte. Doch der Held Verwies uns dieses Murren, flog hinweg. Wir folgten nach, nur eine kleine Zahl, Doch in derselben jeder, Mann für Mann, Zu seinem Schutz’ auf Kampf und Tod entschlossen.
Jeronimo.
Und Pedrarias? — Wie empfing er ihn?
Linares.
Verschlossen, finster, kalt, nach seiner Art. Auch das Geschäft war nicht der Reise werth; Ein kurzes Briefchen hätt’ es abgethan. Nun sah ich klar, er gönne meinem Herrn Die Ehre nicht, und halt’ ihn nur zurück. — Ich wache, bin zu Schutz und Wehr gefaßt; Fest kett’ ich seine Treuen hier zusammen. Denn nicht besorg’ ich bloß, ich weiß es, Freund: Noch haßt den Helden heimlich Pedrarias.
Jeronimo.
Und wählt ihn doch zu seinem Tochtermann?
Linares.
Weil er ihn wählen muß, Jeronimo. Laßt ein Geheimniß eurer Brust vertrau’n. Es hat sich durch Ximenes Balboa Gewendet an des Königs Majestät, Erzwungen dieses Bündniß, das wohl nur Durch solches Vorwort möglich werden konnte.
Jeronimo.
Wer kann den stolzen Pedrarias zwingen?
Linares.
Den list’gen sagt, dann stimm’ ich mit euch ein.
Jeronimo.
That Balboa den Schritt mit ihrem Wissen?
Linares.
Er denkt zu zart, um ihre Kindlichkeit Auch nur mit leisem Vorwurf zu belasten. Maria liebet innig ihren Vater; — Nur im Verborg’nen weint sie ihre Thränen, Die seine Rauhheit täglich ihr entpreßt.
Jeronimo.
So zieht sie nun mit Balboa hinweg?
Linares.
Unwillig nur entsagt sie dieser Reise.
Jeronimo.
Umwölkt erblick’ ich deinen Pfad, Maria!
Linares.
Wir alle fürchten. Er allein ist ruhig. Er ahnet nichts; vielmehr er will nichts ahnen. So war Kolombos auch. Das ist die Art Der großen Männer. — Wo Gefahr sich zeigt, Im Schlachtgewühl, in der empörten See: Da stehen sie wie Gottes Cherubim, So flammt ihr Auge, blitzt ihr Schwert empor! — Doch steigen diese Mächtigen herab In des gemeinen Lebens niedern Kreis: Man möchte sie für schwache Kinder halten; So unbefangen wandeln sie einher, Wo rings die Tücke lauernd Netze stellt. — Was sollt’ auch Argwohn in der Heldenseele? Des Argwohns bleiche Mutter ist die Furcht. — Wie gerne täuscht der große Mann sich selbst! Um einsam nicht zu stehen, hebt er rings Den Menschen auf zu sich; doch der — bleibt klein.
Jeronimo.
(vom Nachdenken erwachend.)
Ich muß Marien sprechen, Linares.
Linares.
So wartet hier. Ich eile sie zu holen.
Zweiter Auftritt.
Jeronimo.
Wer wohl vermag die Räthsel mir zu lösen? — Ich weiß ja doch, daß dieser Pedrarias, Zum Sturze Balboa’s, in Spanien Nun jede Mine sprengt. — O Gott im Himmel! Reicht er darum die falsche Hand dem Eidam, Daß er ihn sichrer nur und ganz verderbe? Wenn vor dem Throne die gehäss’ge Klage Sich mit dem Scheine abgedrung’ner Pflicht Die Wangen schminkt; Vertrauen sich gewinnt? Es ist zu gräßlich! Nein, es kann der Haß Zu solcher Wuth nicht steigen, daß ein Vater Ihm blind die einz’ge Tochter opfern könnte! O meine Ahnung werde nicht erfüllt! — Seit ich dies Land betrat, das heißersehnte, Wird enger stets, und enger, meine Brust; Als käm’ ich hier zu einem Unglück an. — Nun, Alter, fasse dich! — Sie ist’s — Sie kommt!
Dritter Auftritt.
Maria. Jeronimo.
Maria.
Ach, wär’ es möglich? Ja fürwahr, er ist’s! Jeronimo, mein Freund, mein Lehrer, Vater!
Jeronimo.
Verehrte Donna!
Maria.
Nennt mich eure Tochter! Ich bin’s von jenen Stunden noch gewohnt, Als ich an euerm Munde horchend hing. Seyd nicht so fremd, so kalt, Jeronimo! Setzt euch zu mir, mein hochwillkommner Gast. O theurer Mann! Wie nun schon heil’ges Silber Hellglänzend euch die fromme Stirn umflattert. Laßt mich sie küssen. Viel ja dank’ ich euch.
Jeronimo.
Das seh’ ich wohl — Ihr habt mich nicht vergessen.
Maria.
Vergessen? euch? und hier? und jetzt? — O Gott! In meinem Herzen hab’ ich euch getragen, Und meinen Engel täglich angefleht, Daß er euch schütze mit dem Flammenschilde!
Jeronimo.
Nehmt meinen Segen, gutes, theures Kind! — Man sagt, ich dürf’ euch nun als Braut begrüßen, In einer Stunde würdet ihr vermählt?
Maria.
Jeronimo, o mein Jeronimo! Daß ihr zu uns gekommen, heute, jetzt; Laut laßt mich diese Himmelsfügung preisen! Der Mann, dem ich mein tiefstes Weh vertraute, Er durfte nicht bei meinem Glücke fehlen. — Oft denk’ ich wohl nach Spanien zurück. — Wie düster floß dort meine Jugend hin! Die Menschen quälten mich, ich war nur froh Verhallt’ ich bei der Laute Klang mein Leid, Im kühlen Dunkel meines Silberbachs. Nur, wenn ich weinte, ward mir herzlich wohl.
Jeronimo.
Dann sagt’ ich stets: Das macht euch krank und schwach.
Maria.
Wie alles, alles lebhaft mir erscheint! Ich seh’ euch noch zu meiner Rosenlaube Mit Eile nah’n, jetzt freundlich vor mir stehen, Mit sanft gebeugtem Haupt, mit mildem Blicke; — Ich hör’ euch fragen: Kind, was fehlt dir nun? Was weinest Du? — Stets ging das Herz mir auf, Wenn ihr mich fragtet: Kind, was weinest du? —
Jeronimo.
Vom Herzen kam’s, und traf daher das Herz.
Maria.
Ich klagt’ euch dann mit kindlich offnem Sinne, Wie rauh, wie ungerecht man mich behandle; Wie jedes edle, heilige Gefühl, Als Schwärmerei mir hart verwiesen werde; Wie selbst mein Vater — — stille! nichts davon. — Hinweg, so rief ich, fort von dieser Welt! Ach, gönnet mir ein stilles Heiligthum, Eh’ Menschenhaß mein junges Herz ergreife! Da zürntet ihr, wie eine Mutter zürnt, Wohlwollend, liebevoll! Der sündiget, So spracht ihr warnend, sündiget an Gott, Wer frech der Schöpfung Meisterwerk verachtet. — Viel sind der Edlen, fuhrt ihr sanfter fort, Nur leben sie zerstreuet. — Gott erzieht Oft weitentfernt die gleichgestimmten Seelen, Und führet sie dann wunderbar zusammen, Wenn sie zur Harmonie vollendet sind. — War das nicht euer Wort, Jeronimo?
Jeronimo.
Ja wohl.
Maria.
An mir hat sich das Wort erfüllt. Hier, wo ein Grauen mich vor Menschen faßte, Wo Mord auf Mord den scheuen Blick entsetzte, Wo ringend im Gebet vor Gott ich lag, Daß er durch Tod mich vor Verzweiflung rette: Hier — fand ich Balboa!
Jeronimo.
O großer Gott!
Maria.
Hier lernt’ ich erst die hohe Menschheit ehren. — Und was ihr einst von ihrer Herrlichkeit, In schönen Stunden, lehrend, mir vertrautet: In ihm hab’ ich lebendig es erkannt. — Wie angestrahlt vom hehren Himmelsglanze, Beseligt, hocherhoben, und entzückt, Rief ich nun endlich aus: Der Mensch ist gut!
Jeronimo.
Vergöttert nicht, was ihr zuvor verachtet!
Maria.
Die Tugend lieb’ ich ja, da ich ihn liebe. Gibt’s wohl ein Maaß der Liebe für die Tugend? — Ihr selbst, Jeronimo, habt einst in Spanien Mir Balboa, mit trunkner Rednerlippe, Als schönsten Stolz des hohen Vaterlands, Als frohe Hoffnung unsrer Christenheit, Als einen Helden, mild und groß, gerühmt; Und so gerühmt, daß dann mein irrer Blick, Auf ihn gewendet, sich gefesselt fand. — Macht euch das Alter nun so ernst und kalt, Daß ihr, berührt von seines Namens Zauber, Zum Psalter nicht den frohen Geist erhebt?
Jeronimo.
Die Sorge drücket meinen Geist darnieder. — Habt ihr in Liebeswonne schon vergessen, Wie euer Vater Balboa gehaßt?
Maria.
Das war. Das ist vorüber. Gott sey Dank, Daß es vorüber ist! Nichts mehr davon.
Jeronimo.
Maria! Nimmer quillt aus einer Ehe, Begonnen ohne Vatersegen, Heil. — Und hofft ihr ihn zu euerm Ehebund?
Maria.
Würd’ ich sonst heiter seyn, Jeronimo? Nun seh’ ich wohl, ihr kennt nicht Balboa. Was euch dahinriß, war ein Schimmer nur Von seiner Größe; nicht sein ganzer Himmel, Der strahlend Wonne weit um sich ergießt. Wie der Magnet das Eisen an sich zieht, Das widerstrebende: so seine Güte Des Feindes Herz. — Wer sich dem Hohen naht, Der widerstehet nicht dem süßen Zuge: Gebannt in seine milden Lebenskreise, Fühlt er sich nah’ und näher angezogen, Und enger bald, dann ganz mit ihm verbunden. — Und so, durch ihn, veredelt, umgeschaffen, Ist aus dem Feinde schon ein Freund geworden. — Auch meines Vaters strengeres Gemüth Ward doch von seiner Güte Strahl durchdrungen. Des neuen Bundes freut der Indier sich, Und fühlet seine Bande schon erleichtert. Er segnet ihn! — Und diesen Einzigen, Der mächtig herrschet über alle Herzen, Ihn nenn’ ich mein! — Mich schauert’s vor dem Glücke! Dich, Balboa, dich nenn’ ich mein! Dich mein!
Jeronimo.
O wunderbare Täuschung süßer Liebe! Ihr leiht der ganzen Menschheit das Entzücken, So still und heimlich eure Brust beglückt.
Maria.
Wie könnt’ ich, Guter, eure Sorgen theilen? Soll ich des Vaters klarem Wort mißtrauen?
Jeronimo.
Was man sich wünscht, erklärt man aus dem Worte, Das dunkel oft ganz andern Sinn verbirgt. O wollte Gott, daß ich euch glauben dürfte; Doch schwere Zweifel dringen auf mich ein! Wohl kenn’ ich Balboa und Pedrarias! — Wer kann zum Einklang diese Herzen stimmen?
Maria.
In eurer Seele walten mächtig noch Die schwarzen Wolken der Vergangenheit, Und wollen nicht dem frohen Lichte weichen. — Wie werd’ ich mich an eurer Wonne freuen, Wenn ihr nun bald die schöne Gegenwart Im hellen Spiegel eures Geistes schaut!
Jeronimo.
Wie innig ihr mich rührt! Ach, eure Unschuld Fühlt sich so glücklich, glaubet sich so sicher, Sieht noch die Zukunft nur im Rosenlichte. — O Kind! — Die Lebenswoge fließt nicht immer Im klaren Strome sanft und ruhig hin. Weh dem, der dann, wenn wild der Sturm sich hebt, Unvorbereitet sich ergreifen läßt! Es bricht mein Herz, allein ich muß euch warnen. — Der Himmel wache über Balboa! Schon rüstet sich — o glaubt dem Vielerfahrnen! — Geheim zur Fehde wider ihn der Haß. Vom Hinterhalte lauert gift’ger Neid, Der Freund verläßt ihn, einsam steht er da, Und hundertköpfig immer sich erneuernd Umbrüllt an seiner Brust euch rings Gefahr. — Werft einen Blick in euer Innerstes! Lebt euch die Kraft im zarten Busen nicht, An seinem Arm der Hölle Wuth zu trotzen: Noch ist es Zeit! — Zieht eure Hand zurück!
Maria.
Auch sterbend nicht! — Sein bin ich, bleibe sein!
Jeronimo.
Lebt wohl! Mich ruft die Pflicht zu eurem Vater. Lebt wohl! — Noch eines, Donna! Pedrarias Hat euch doch innig stets geliebt. Das denkt! — Und wenn sich gleich sein Herz verbittern sollte, Und würd’ er selbst unfreundlich, ungerecht: Ertragt’s gelassen! — Oefters hat ja schon Nachgiebigkeit den stärksten Haß besiegt. — Wenn ihr durch Sanftmuth euch zu euerm Bündniß Erringt des Vaters Segen: holde Donna! Ihr lebt dann freudiger, ihr sterbt einst leichter! —
Maria.
Ihr habt mit Angst mein Innerstes erfüllt.
Balboa.
(ruft innerhalb der Scene.)
Maria hier?
Jeronimo.
Ich muß zu euerm Vater. (ab.)
Vierter Auftritt.
Balboa. Maria.
Balboa (herbeieilend.)
Maria!
Maria.
Balboa!
Balboa.
Fühl’st du dich glücklich?
Maria.
Ach, unaussprechlich!
Balboa.
Lies nun das Entzücken In meinem Auge, fühl’s an diesem Kusse, Den wonnevoll ich auf die Hand dir drücke. Verzeih! Ich bin berauscht. (umarmt sie.) Zu viel des Glücks! Ich hab’ es nicht verdient, gewonnen nur.
Maria.
Die Stunde naht, die ewig uns vereint.
Balboa.
Sie naht! sie naht! Mit ihr ein neues Leben!
Maria.
Ein neuer Kampf, und neue Lebensstürme.
Balboa.
Mit Muth hinein! Die Liebe weckt den Muth.
Maria.
Und sinken wir? —
Balboa.
Doch sinkt die Liebe nie.
Maria.
An diesem Glauben will ich fest mich halten.
Balboa.
Warum, geliebte Seele, nun so ängstlich? Ganz anders stimmt mich dieses Tages Feier. Wie kann ich dir’s erklären, wie beschreiben? — Als auf den Bergen von San Miguel Die langersehnte Sonne mir erschien; Vor ihrem Glanz die Nebelhülle riß; Ich dann des Meeres unermeßne Fluth Der erste sah, und laut als Herr begrüßte: Da glaubt’ ich schon das höchste Glück zu fassen. Es war ein Wahn! Was jene Länder bergen, Ist flimmernd Gold, sind eitle Perlen nur; Viel edlern Schatz verwahrt dies treue Herz. Wohl mir! Ich darf es mein jetzt nennen, mein! Und stolz erheb’ ich mich, ein Herr der Welt, Da ich ihr Schönstes, Köstlichstes gewann!
Maria.
Ich kann dir doch nur Liebe, Liebe geben!
Balboa.
Und ich mit Liebe, Liebe nur vergelten!
Maria.
Zu groß ist dieses Glück! Es kann nicht währen.
Balboa.
Mach deinem Herzen Luft. — Was fürchtest du?
Maria.
— Ist nicht die nahe Trennung schon genug? — Beneidenswerth ist noch des Mannes Loos; Ihn reißt die Zeit im Thatenfluge fort. Uns, den Verlass’nen, Einsamweilenden, Wird jeder Tag zur bangen Ewigkeit. — Berede meinen Vater! Nimm mich mit!
Balboa.
Wo denkst du hin? Dich sollt’ ich dann mit Hunger, Mit Frost und Hitze kämpfen, leiden seh’n. Das fordre nicht. Soll dieser zarte Fuß Die Felsenklippen blutend überklimmen; Und wenn — mich schauerts — einst im Kampf! —
Maria (heftig).
Das ist’s! Dann kämpf’ ich dir zur Seite, Balboa.
Balboa.
Um schnell den Muth in meiner Brust zu tödten. Für dich besorgt, könnt’ ich für andre denken? Ich bin nur ruhig, wenn du sicher bist.
Maria.
Selbstsüchtiger! Ich aber soll für dich In Gram, und Angst, und Einsamkeit vergehen.
Balboa.
Gott und die Liebe wird mich sicher leiten! Sey ohne Furcht! Wo bleibt dein Muth, Maria? Wenn düster uns die Gegenwart umdrängt, Wer möchte thöricht noch bei ihr verweilen? Laß uns im Geiste schnell die Zukunft fassen, In ihr nur leben. — Freundlich lacht sie uns! So schafft’ ich oft mir eine bess’re Welt, Mir meine höchsten Lebensfreuden selbst.
Maria.
Und welche Aussicht winkt dir nun so freundlich?
Balboa.
Du kannst das fragen, holde Schöpferinn? — Ein Bild, von Engeln oft im Traum geseh’n, Ein Bild, von karger Wirklichkeit versagt, Vollendet hobst du’s auf aus deiner Brust. — Ha! wie der Adler nach der Sonne fleugt, So streb’ ich schon dem hellen Bild entgegen! — Der Indier mit dem Kastilier Im Freundschaftsbund; ein Volk sie beide; Das heil’ge Kreuz des frommen Bundes Zeichen; Ein fest auf Menschlichkeit gegründet Reich, Wo man mit Liebe herrscht, gehorcht aus Liebe: O dies zu gründen, eil’ ich schnell hinweg! Bald hebt es sich empor, bald flieg’ ich her, Entreiße dich den Gräueln hier, um dort Als frommer Liebe sprechendes Symbol Mit freudereichem Frühlingsglanz zu leuchten.
Maria.
Und soll es wirklich werden dieses Bild? Kann wohl die Erde sich zum Himmel wandeln?
Balboa.
Der schwache Mensch erhält von oben Kraft. Gott ruft die Bilder vor in unserm Geist, Wenn er durch uns das Herrliche vollbringt. — Auch auf den König laß uns kühn vertrauen. Ich kenne Karlos Herz. Er will es nicht, Daß man als Sklaven diese Menschen braucht; Man soll sie nicht wie eine Heerde theilen; Ein gleiches Recht mit uns soll sie erfreu’n. Er haßt den Zwang, der sie zu Heuchlern macht; — Ich, Balboa, ich hass’ ihn auch! — Bei Gott! Zum Henker kam ich nicht auf diese Welt; Verkündet hab’ ich’s schon in Miguel.
Maria.
Mein Balboa, mein Alles, o mein Leben! Dürft’ ich entzückt nun zu den Unsern rufen: O seht den Helden, der ein Mensch verblieb!
Balboa.
Ja, rühme mich! Wie gerne mag ich’s dulden, Denn unbewußt verkündest du dein Lob. Ich bin ein neuer Mensch! Dein Werk bin ich! Das ist mein höchster Stolz: ich bin dein Werk! Einst brauste Kampf in meinem öden Herzen, Nun waltet in der vollen Brust mir Friede. So reich bin ich durch dich, o Gott! so reich!! Und Andre sollten darben? — Nein, o nein! Rings um mich her will ich das Glück verpflanzen. Seit Liebe mir aus deiner Seele quillt, Möcht’ liebend ich die ganze Welt umfassen!
(Maria, tief erschüttert, verhüllt sich.)
Sieh da, du weinst? Was quält dein zartes Herz?
Maria.
Du liebst die ganze Welt! — Doch haßt man dich!
Balboa (leicht).
Dem Hasse künd’ ich Kampf, will kämpfen, kämpfen, Bis ich dir ihn besiegt zu Füßen lege.
Maria.
Du scherzest, und mir schwillt das bange Herz! Hier wogt es auf so ängstlich! — Balboa!
Balboa.
Maria! Nein, so sah ich dich noch nie. Woher die Angst? Ich fürchte nichts, Geliebte. Froh lebt mir Muth im lebensvollen Busen!
Maria.
Wenn er dich täuschte! —
Balboa.
Nein und nimmermehr! Denn er ist nicht auf losem Grund gebaut. — Dir darf ich sagen, was mich hebt und stärkt; Du wirst mich nicht verkennen. — Höre dann! — Wenn Schlummer rings, was lebt, gefangen hält, Das heil’ge Schweigen heil’gen Ernst erweckt, Das Mondlicht Schauer gießet in mein Herz, Die Sterne freundlich winken aus der Ferne: Da scheint’s mich oft zu fragen: »Balboa! »Ist auch das Werk, was du beginnst, von Gott?« Dann dring’ ich ein in meines Herzens Tiefen, Und scharf durchblick’ ich jede seiner Krümmen, Ob Golddurst, Herrschsucht, Ruhmbegierde, Ob Gottesliebe, Menschenliebe, mir Die Fahne reiche zu dem Heereszuge. — Noch rief ich stets: Mein Werk, es ist von Gott! Froh tönt das Echo nach: Von Gott! von Gott! Gestärket kehr’ ich zu dem Lager heim; Süß ist mein Schlaf und heiter mein Erwachen! Das schafft mir meinen Muth: Vertrau’n auf Gott!
(Maria sinket in seine Arme. Er fährt sanft fort.)
Du solltest mich auf meine Schiffe wünschen, Sie führen mich zum neuen Leben ein, Zur Ruhe. Hier, Geliebte, komm’ ich nicht Zur Ruhe, wo die wilde Grausamkeit Rastlos die blutbefleckte Geissel schwingt. Ich habe sie mit Seufzen nur geduldet, Geduldet um der schönern Zukunft willen; Doch klagte murrend mein Gewissen stets. — Nein, länger würd’ ich diese Wuth nicht dulden! Ein Kampf entstünde! Laß mich flieh’n, Maria, Um dort das langverschobene Gelübde Der Menschlichkeit mit frohem Sinn’ zu lösen.
Maria.
So ziehe hin, erfülle dein Gelübde. — Wie sagtest du? ein Kampf entstünde? Weh! Mit wem? — Mein Vater — ah!
Balboa.
Sey ruhig, ruhig!
Fünfter Auftritt.
Pedrarias. Eskimosa. Linares. Gefolge. Die Vorigen.
Pedrarias.
Euch sucht’ ich, Vasco Nunez Balboa, Mit dieser Edlen meiner Freunde Zahl, Um euch zur Braut, wie’s Sitte heischt, zu führen. Doch habt ihr wohl auch diesesmal den Weg Zu meiner Tochter ohne mich gefunden.
(Zu dem Gefolge.)
Kastilianer! Edle meiner Fahnen! Es wünscht des Königs heil’ge Majestät, Daß meine Tochter sich mit Balboa, Adelantado seines Reichs, vermähle. Weil, schreibt der König, er uns beide liebt, Und innig uns vereinigt wissen möchte; Mich, seinen Diener, dessen Treu’ er kennt, Und ihn, berühmt durch Heldenmuth und Thaten. Sie liebten lange sich — erfuhr ich dann, — Und ihre Herzen sind des Bundes einig. Ich aber habe so bei mir gedacht: Untadelich und alt ist sein Geschlecht, Er selbst ein Mann, der seinen Adel ziert. Denn Niemand ist, der diesen Balboa Unritterlicher That, verletzter Treue, Auch nur des schwächern Fehl’s noch je bezeihte. — Wie nun ihn jeder liebt, und hochverehrt; — — Wird meines Königs Wunsch auch mir Befehl.
Eskimosa.
Der König lebe hoch!
Alle.
Er lebe! lebe!
Pedrarias.
(naht sich Marien, leiser.)
Maria! komm mein Kind! Mein einziges! Ich will dich nochmals schließen an mein Herz, Eh’ du sodann... du bebst? und warum bebst du? Ist dieser Bund nicht deines Herzens Wunsch? Noch ist es Zeit! Nicht übereilt, Maria! Wenn auch nur Ahnung deine Brust durchfliegt; Verachte nicht die Warnung! Frei entscheide! Ich nicht, du selbst entscheidest nun dein Schicksal.
Maria.
Aus Vaterhand erwart’ ich nun mein Glück.
Pedrarias (kurz und finster).
Dein Glück? Aus meiner Hand? Was ist dein Glück?
Maria (schüchtern).
Wir lieben uns!
Pedrarias.
Wohlan!
(laut.)
Adelantado! Nehmt sie! — Von meinem Herzen nehmt sie weg — Nun ist sie euer —
Balboa.
Doch ihr kindlich Herz Wird noch für euch an meinem Herzen schlagen.
(zu einem Bothen.)
Was bringt ihr?
Bothe.
Briefe von San Miguel.
Balboa.
Bis nach der Trauung.
Pedrarias.
Nein, les’t sie sogleich! Vor allem geh’ euch stets des Königs Dienst.
(Balboa zieht sich zurück. Indessen spricht Pedrarias leise mit Maria.)
Maria!
Maria.
Vater!
Pedrarias.
Warum weinest du?
Maria.
Ihr scheint erzürnt.
Pedrarias.
Daß du den Vater nicht Beschuldigst, wenn dich Unglück einst befällt!
Maria.
An seiner Seite wird es schönes Glück.
Pedrarias.
Die Trennung von dem Vater wird dir leicht; — Das hab’ ich nicht vermuthet.
Maria.
Sprecht nicht also! — Denn dieses Herz bleibt ewig euch verbunden.
Balboa (tritt vor.)
Die wackre Mannschaft von San Miguel, Sie harret sehnlich meiner Rückkunft schon.
Pedrarias.
Kein Wunder auch! Ihr seyd der Mann, geschaffen Für große Plane Seelen zu begeistern. Von Gold, von Perlen, aufgehäuften Schätzen, Ihr spracht von neuen Meeren, neuen Welten. — Behüte Gott, daß ich Kastiliens Krone Um solchen Glanz noch einen Tag verkürzte! So reis’t mit Gott dann morgen schleunig ab; Es ist auch alles schon hierzu bereitet.
Balboa.
Wie, morgen schon? Das ist doch wahrlich seltsam!
Pedrarias.
Mag’s euch doch seltsam scheinen, nur gehorcht!
Balboa.
Don Pedrarias!
Maria.
Balboa! O Gott!
Pedrarias.
Was soll der Ton?
Balboa.
(sich zwingend.)
Wie ihr befehlt, geschieht’s.
Pedrarias.
Noch bleib’ ich euer Herr! Vergeßt das nicht!
Balboa.
Als meinen Vater sah ich euch vor mir. So kam es dann, daß euer rauhes Wort Mich leicht und flüchtig nur verwundet hat. — An dieser Hoffnung weidet sich mein Herz: Gelingen soll’s dem treuen Kindessinne, Sich endlich eure Liebe zu gewinnen. — Auf diese Hoffnung gönnt mir eure Hand.
Pedrarias.
Sehr sonderbar! Bin ich denn euer Feind? Laßt das! Zwar eure Worte kann ich nicht So süß erwiedern. — Doch die Tochter schenk’ Ich euch, mein einz’ges vielgeliebtes Kind. Was wollt ihr mehr? — Ihr seyd ja doch am Ziel! — Der König wünscht dies Band — Auch wünschen’s wohl Bei Hof und hier, von euren Freunden viele; — Und ich nun auch, des Königs Wunsch verehrend. Komm, meine Tochter — gehet zum Altar!
Maria.
Ach, euren Segen, Vater!
Pedrarias.
Lebe wohl!
(leise.)
Was machst du da? Was weinest du? Ist’s Reue? — Sie kömmt zu spät.
(laut.)
Ihr, Perez Eskimosa, Vertretet Vaterstelle! Führt sie hin! Mir wird das Herz zu schwer.
Maria (abgehend).
Verstoßen! Gott!
Pedrarias.
(ruft ihr heftig nach.)
Maria!
Maria (freudig).
Vater!
Pedrarias.
(kämpft mit sich, dann hastig.)
Meinen Segen! — fort!
Sechster Auftritt.
Pedrarias.
Er hat mich übermannt, mein alter Haß; Unbändig riß er los. Das war nicht gut. — Und du, Maria, mußt als Opfer bluten? — — Mag sie’s doch büßen, ja! sie hat’s verdient! Was will Jeronimo? Verhaßt ist mir Des Heuchlers Angesicht. Und diese Briefe — — Fluch Balboa! Fluch dir für diese Briefe!
(lies’t.)
»Wie ich euch, Lieber Treuer, schon geschrieben, »Entlaßt nun Balboa zu seiner Reise, »Euch hab’ ich nöthig in Antigua, »Und keinen Widerspruch erwart’ ich mehr.« Mög’ ihn die Fluth verschlingen, den Verräther! So endet sich mein schöner Lebensplan! — Er eilt zum Ruhme fort! Ihn preißt der Hof; Ich soll hier arm und namenlos verderben? — Und dann der Schluß — Ich habe recht geseh’n! »Was Liebes Ihr dem Balboa erzeigt, »Ihr habt es euerm Karlos, mir erwiesen. »Das mögt ihr wohl erwägen. — Ich der König!« Scheint’s doch, er habe sich beschwert? Ja wohl! Das ist zu viel! Geklaget also? Schon Geklagt! — Gelungen ist es dem Verläumder! Genügt’s dir nicht an mir entriss’nem Lorbeer, Ha, Räuber meines einz’gen Kindes, wie? Streckst du die Hand schon aus nach meiner Würde? Heran! heran! Ich bin gefaßt zum Kampf!
(Von fern Trompeten und Pauken. Freudengeschrei.)
Jetzt faßt der Räuber jubelnd seine Beute! Das laß’ ich zu? Hinweg! O stille, stille! Gemach doch, Pedrarias! — Ha! vielleicht! Und was vielleicht? — Das weiß die Hölle! Doch — Er oder ich! — hier brennt’s! — Er — oder ich!
(sinkt kraftlos in einen Sitz.)
Der Vorhang fällt.