Front matter (continued 3)
Reading edition
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„Nun, stimmt die Milchrechnung?“ fragte Nellie lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche Lektüre bei der ehemaligen Dichterin!
„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch tun,“ sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhören glaubte. „Poesie und Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande.“
„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“ antwortete Ilse.
„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, natürlicher Umgebung aufwachsen,“ fuhr Flora fort; „es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt. Thusnelda“ – sie sprach den Namen immer mit der Betonung einer Klara Ziegler aus – „ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, über den Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den grünen Wald.“
Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch nur wünschen, daß er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter „erblich belastet“ sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.
„Ja, aber wo ist denn Ruth?“ fragte Ilse plötzlich, sich nach allen Seiten umsehend.
In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und [pg 147]lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben in dem weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken setzte.
Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel vorgehalten und sie sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen!
Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden, während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß man sie in „temperamentvoll, eigenartig und willensstark“ übersetzen konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite ihr eine große Zukunft. –
Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich überhastend erzählte [pg 148]sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte sie sich schnell angezogen, ganz allein. „O, ganz ordentlich,“ versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: „Himmlisch war’s!“
„Wo ist dein Mann geblieben?“ fragte Nellie und sah suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.
„Er wird erst Toilette machen, um würdig vor euch zu erscheinen,“ erklärte Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den Ställen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne Kraftworte, wie „Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummköpfe“, drangen bis zu der Kastanie herüber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot lachen wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten Gatten sehr unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten, und wollte selbst nachsehen, was es denn gäbe. Aber da kam auch schon August den Kiesweg heraufgegangen.
Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff und schlappig hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das farbige Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen, [pg 149]der ebenso, wie das Gesicht, vor Ärger und Hitze blaurot war.
Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel beschäftigten Landmannes, und hatte für Ilse daher durchaus nichts Fremdes.
Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und Ilse.
„Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,“ sagte er; „sie hat mir vielen Spaß gemacht heute früh. Das wird mal eine gute Landwirtin!“
Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:
„O, haben Sie Ärger gehabt?“
„Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum Tollwerden! Lassen die dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei davon tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,“ setzte er noch hinzu und legte seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das Geschirr klirrend zusammenschlug.
„Ärgere dich doch nicht so, lieber August,“ sagte Flora und strich ihm besänftigend über die Stirn.
„Hesse ist auch ein Esel,“ fing er wieder an; „bringt beinahe die Hälfte der Butter wieder mit, die bei der Hitze natürlich schon zu einem Matsch geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen [pg 150]auch die Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen worden in der letzten Nacht.“
„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun stärke und erhole dich erst,“ versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.
O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß aus der oft verlachten und verspotteten „Dichterin“ eine vernünftige Frau werden könnte, denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der Grundzug von Floras Charakter. –
Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen und kleinen Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren [pg 151]lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.
„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“ sagte er, als eines Tages wieder die Rede darauf kam.
Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man merken.
„Aber, August,“ widersprach sie ihm, „eine Frau kann sich für alles Schöne und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter doch nicht zu versäumen.“
„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und gut kochen können, das ist die Hauptsache.“
Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden sie sich ja doch nicht einigen.
Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge um ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so stunden[pg 152]lang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen werden.
Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. Dann kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort von Ilse. Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten. Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. –
Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt [pg 153]einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten, was sie natürlich von Herzen gern taten.
So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch und andre stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.
„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann ich den Armen genug geben,“ sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße schritt.
Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, der wie ein erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in den vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die Höhe nahmen.
Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von jedem einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete sie völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und Nellie [pg 154]bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Früchte.
Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben eintraten, flog es wie ein heller Schein über die Gesichter der alten Weiblein und Männlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden, im zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten.
Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige [pg 155]Türe zu dem Raume öffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon zurück.
„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,“ sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, zerbrochenes Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge umherlagen.
„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gäste habe; aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau Tolle?“ fragte Flora, indem sie sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete.
Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige Röte gegangen, die es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so gut, die war ihr keine Fremde.
„Schlecht, schlecht,“ antwortete sie leise, „es geht immer schlechter.“
„I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie nur den Mut nicht, der liebe [pg 156]Gott wird Ihnen schon helfen,“ tröstete Flora sanft und liebevoll.
Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei die Kinder, die sich in die Ecken gedrückt hatten und neugierig die Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut gekleidet wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei dem zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen geradezu malerisch zu der Schönheit des Kindes. Es saß der ältesten Schwester auf dem Schoß; wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief über ihr Gesichtchen, das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen großen braunen Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen Füßchen streichelte.
„O, wie süß ist das baby,“ sagte sie zu Ilse. „Wie heißt du?“ fragte sie das Kind.
„Ännchen,“ antwortete die ältere Schwester.
„Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?“ fragte sie weiter.
Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die Hand der jungen Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich die Kleine dann von ihr auf den Schoß nehmen. Zärtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.
Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die Kranke aus dem Korbe genommen und versprach für die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.
Müde und apathisch dankte die Frau.
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Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu holen wagte, wollte das Fenster öffnen, aber fröstelnd schauerte die Kranke zusammen und sie ließ es geschlossen.
„Wo ist denn die Mutter?“ fragte Flora sich umblickend.
„Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,“ entgegnete die junge Witwe.
„Kommt sie denn bald wieder?“ forschte Flora weiter. „Sie können doch in Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben.“
„Die Kinder sind ja da.“
„Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die müssen Sie ja noch dazu achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht länger,“ sagte Flora. „Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf.“
„Der kann mir auch nicht mehr helfen ...“ Unendlich schmerzlich klangen diese Worte.
„Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tüchtig von dem Wein, der kräftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten Abend und recht, recht gute Besserung.“
Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie entgegenstreckte, und dann verließ sie mit den Freundinnen diese Stätte menschlichen Elends.
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Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die frische Abendluft empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse konnte sich über die Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora erzählte die Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausführlich. Alle drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.
„Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen können; der Doktor sagt, es wäre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen,“ berichte Flora. „Ach, wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.“
Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! –
Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige Fall eingehend erörtert, und in den folgenden Tagen für die unglückliche Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der Kranken sehen, und eine tüchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche Fürsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, und so empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glück.
Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen für immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. –
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Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie mit ihren Gästen fröhlich plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich auf dem Platze unter der Kastanie.
„O, die armen Kinder, das süße baby, was wird daraus?“ rief Nellie mit Tränen in den Augen.
„Ja, ja, wir müssen helfen,“ sagte Herr Werner überlegend. Dann fragte er seine Frau: „Wie viel Kinder sind da?“
„Sechs,“ antwortete sie. „Es ist ein Jammer! Bei der halb blödsinnigen Großmutter können sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus übergeben – es ist zu traurig!“
„Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann,“ sagte ihr Mann. „Deichmanns auf der Domäne könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben Geld und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, und dann denke ich, wir könnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natürlich mußt du dir’s reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s zufrieden.“
„O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Ännchen; o, es ist ein zu wonniges baby!“ rief Nellie begeistert, während Ilse mit aufrichtiger Bewunderung den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.
Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie still und nachdenklich, und als sie abends mit Ilse allein [pg 160]in ihrem Zimmer war, da erfuhr die letztere, daß die Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, wenn es hier erst mit den Zwillingen zusammen wäre. Mit einem tiefen Seufzer schloß sie ihre Betrachtungen.
„Höre, Nellie,“ rief Ilse plötzlich, „wenn dir das Kind so gut gefällt, so nehmt ihr es doch zu euch.“
So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es schien beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt; doch heftig schüttelte sie den Kopf.
„Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!“ rief sie aus.
„Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.“
„O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht nicht.“
„Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar nicht, aber möchtest du es denn?“ fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.
„O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe die babys so sehr,“ erwiderte Nellie leise. „Aber es geht nicht, es geht nicht!“ fuhr sie lauter fort. „Ich habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, o, und das ginge doch nicht.“
Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen wurde, Nellie blieb dabei, „es [pg 161]ginge nicht.“ Ganz aufgeregt begaben sich die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.
Aber Ilse ließ sich von ihrem „guten Gedanken“, wie sie ihn nannte, nicht abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie gebeten hatte, darüber für immer zu schweigen.
Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner merkwürdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine Ahnung hatte, worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit ihnen zu spielen.
Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, während Ilse diktierte.
„Nein, so doch nicht, lieber so,“ unterbrach sie sich dabei oft, und dann wieder ließ Flora ihre Bedenken einfließen. Auf diese Manier wurde viel geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. Was mochte das wohl für ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde es diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den Brief ja ordentlich und pünktlich zu besorgen.
Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die beiden Geheimnisvollen in den nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit Spannung sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen.
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Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewöhnlich den Kaffee unter dem grünen Blätterdach einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.
„Von Fred,“ sagte sie leicht errötend, worauf sie sich erhob und ins Haus ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die Episteln von ihrem Fred studierte.
Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun sie so unmittelbar vor der Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein kühnes Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.
Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür mit dem Briefe in der Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen Tränen standen, aber zugleich umspielte ein glückliches Lächeln ihre Lippen.
„O Ilse, was bist du eine darling, o was bist du gut, was hast du für mir getan!“ rief sie, indem sie die Freundin umarmte und küßte. In ihrer Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie früher mißhandelte sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach, freudig und gerührt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: [pg 163]daß er nichts dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es wäre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie einsam und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf einiges Leben in ihr stilles Haus bringen würde.
Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte er, was sie ihm geschrieben hatte.
„Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?“ fragte Ilse, als diese zu Ende gelesen hatte.
„O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb Ilschen,“ antwortete sie überglücklich und als ob sie ein Gelübde ablegte, fuhr sie leise fort: „O, wie will ich die kleine baby lieb haben, und wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er eine gute Mutter aus mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?“
„Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,“ wehrte diese ab. „Was du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder vergelten.“
Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.
Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen Fred schrieb. Bis die äußeren Formalitäten erledigt waren, flog zwischen den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst gekommen, um seine Frau und das Pflegetöchterchen zu holen. –
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Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage zu ihrer neuen Mutter über, und frisch gewaschen, sorgfältig gekämmt, in einem neuen Kleidchen, sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und wollten ihn etwas Tüchtiges lernen lassen.
So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück in die arme Hütte eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie ihrem bisherigen Elend zu entreißen.
Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluß gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal ein unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die vielen Tränen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis, daß die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.
* * *
Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre Wunderdinge zustande. Nellie mußte ihre Pflege von nun an teilen und, was sie nie geglaubt hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste, was ihn empfing – zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und [pg 165]darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine nicht alles verstand und wußte! Beide konnten ihre Vorzüge nicht genug rühmen, es gab kein aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das „Erziehen“ hätte leicht ein „Verziehen“ werden können, wenn nicht Frau Ilse und Onkel Heinz auch noch dagewesen wären. Die Vorträge des letzteren über Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und schwach dem Kinde gegenüber sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber trotzdem hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht, es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und fröhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein junges Leben hierher verpflanzt worden war.
* * *
So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glück früher, dem andern später und manchem nie.
Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorüber, frohe und trübe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem [pg 166]andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle, schwere Wolke lagerte es jahrelang über ihnen.
Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, frischen Kinde schließlich ein stiller, verschlossener Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu großen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet und konnte sich seiner Familie nicht so widmen, wie er wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit geschlagen! Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen zu können und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete. Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die Lebenslust mächtig in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er fühlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreißen. Und immer häufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr Besitz von ihm. Die weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen Blicken. –
Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause – er war damals fünfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne daß die angestellten [pg 167]Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – er war und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte: „Gottes Hand ruht schwer auf uns.“ Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe machte, oder das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? Von ihrem Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prüfung ganz niederdrückte, suchte doch immer nach einem Troste für Rosi und klagte sich selbst wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. Tante Emilie ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, daß sie sagte, Fritz wäre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen kurzen Wiederhall in dem betrübten Mutterherzen. Eine drückende Schwüle herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen war, konnten sich Rosi und ihr Mann nicht entschließen, sie in die Welt einzuführen. –
Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne, jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und Fröhlichkeit ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren sie herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jüngere blond, rosig, zierlich, die ältere groß, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden Augen und einem [pg 168]ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem für den Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft mußte sie sich von Leo necken lassen, wenn sie über Ruth klagte und er antwortete: „Ganz die Mutter.“ Aber daß aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es einst gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis er in dem jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. Wenn man sie fragte: „Wer ist deine beste Freundin?“ antwortete sie: „Onkel Heinz!“ Von ihm ließ sie sich weit mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor geworden, aber auch unter dieser neuen Würde hatte sie sich ihren frischen, natürlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl äußere und innere Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles drehte, ihr Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter liebten sie, wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben können; sie war ihnen Mutter und Freundin zugleich.
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So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als Ruth und Marianne noch kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf den ersten Ball führen konnte.
Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges Mädchenherz! Marianne und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz unberührt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die Toiletten der Kinder auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth fand es lächerlich, sich um einen „lumpigen Ball“, wie sie sagte, so aufzuregen.
Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Ännchen, das inzwischen ein großes Mädchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine Kleinigkeit.
„Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig,“ sagte die Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette zu beginnen.
„Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhaßt, ich werde noch früh genug fertig,“ rief das junge Mädchen und sah etwas spöttisch lächelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei [pg 170]waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glühten. Sie war doch ganz anders geartet, als sonst die Mädchen ihres Alters, deren Interessen sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wünschte.
„Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,“ hatte Ruth gesagt, als die Rede davon war, „wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau, daß wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen würden, fügen aber würde ich mich nicht. Was würdest du z. B. für eine Farbe wählen, Marianne?“
„Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,“ hatte Ilse gemahnt; aber als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder aufgebraust.
„Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da würde ich dir ja hübsch zur Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche Geschmacklosigkeit!“
„Einem jungen Mädchen steht alles,“ hatte Marianne in weisem Tone erwidert.
„Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das ist einfach dumm. Natürlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein Pfingströschen aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke dir eine solche Farbenzusammenstellung!“
Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Tränen ausbrach und Ruth sie nun auf alle Weise zu [pg 171]trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde Schwester trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr würde immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände sie. Warum gerade sie wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, während Marianne natürlich einem Engel gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen, Ruths Redefluß ein Ende gemacht, so wären deren leidenschaftliche Ansprüche und Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So aber hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt werden können.
Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige Mädchen geworden, wie sie zwei frische, rotbäckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt in ihren blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne standen, mußte man sich über diese drei anmutigen Mädchenblüten freuen. Und was war natürlicher, als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der Pension geschmückt hatten, und daß sie nun zum Ergötzen der Kinder davon erzählten.
Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertönten plötzlich aus dem Nebenzimmer die Klänge eines Flügels und Ruths Stimme.
„Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar nicht an den Ball; am liebsten säße sie überhaupt den ganzen Tag am Flügel. Es ist ja [pg 172]die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,“ sagte Ilse, aber unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen zu der Sängerin, fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck, ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.
Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die Nase über den gar zu einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals, die andre zu Blumen im Haar.
Ruth lehnte alles ab.
„Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!“ rief sie.
In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit zwei wundervollen Bouquets, das eine ganz aus rosa, das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie mit Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte. „Von Herrn Jansen,“ sagte sie strahlend und betrachtete das weiße Blättchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauß.
Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor einiger Zeit aus den Tropen zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein bedeutendes Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus einführt worden. Er verkehrte in dieser [pg 173]Familie ebensoviel und ebensogern, wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner Töchter eingeladen worden.
Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die duftende Spende in den Händen.
„Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,“ rief Ruth, und Marianne zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien in ihrem Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen der Zwillinge: „O, wie reizend, himmlisch, süß,“ und Ännchen lief bald hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hören.
Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern war in der Tat ein entzückender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung dafür zu haben, denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie angewurzelt in derselben stehen.
„Alle Wetter, ist das ein Staat!“ rief er endlich laut.
Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln, wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl darüber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein schmunzelndes Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. Zwischen den hellen Farben rings um ihn [pg 174]herum stach seine dunkle Gestalt ab, wie ein schwarzer Käfer auf bunten Blütenblättern.
„Onkel Heinz, gefalle ich dir?“ – „Wie findest du mein Kleid, steht es mir wohl gut?“
„Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?“ So rief und fragte es von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mädchen umschlossen, immer eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu.
„Scheußlich seht ihr alle aus,“ platzte er endlich hervor und hoffte wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quälgeistern befreit zu werden; aber darin hatte er sich getäuscht, nun ging es erst recht los.
„Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheußlich aus?“ – „Ist das dein Ernst?“ – „Gefallen wir dir nicht?“ so schwirrte es von neuem durcheinander.
„Findest du, daß mir Rosa gut steht?“ fragte Marianne, und ihre Augen hatten dabei einen so süß bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht widerstehen konnte.
„Na, es geht!“ antwortete er und betrachtete sie eingehend. „Aber sage mal, du mußt etwas um den Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr Gott, was ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! In euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem bloßen Hals und den nackten Armen einen schönen Schnupfen holen.“
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Da gab es wieder zu lachen über eine solche Ansicht.
„Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?“ fragte Thusnelda.
Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften; er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.
„Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!“ riefen sie alle.
„Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein weißes Kleid hübscher gefunden?“ fragte Marianne.
„Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein müssen, weiß ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht.“
„Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?“ fragte Marianne.
Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelächter ausbrach.
„Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten habe ich mein Lebtag keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun.“
„Weißt du was, Onkel Heinz,“ schlug Ruth vor, „komm mit auf den Ball, denn bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht darüber urteilen.“
„Ja, ja, komm mit!“ riefen nun auch die andern.
„Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.“
„Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.“
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„Mich darfst du zu Tische führen.“
„Wir wollen überhaupt tun, was du willst.“
Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.
„Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja außer Rand und Band!“ rief er, sie zurückdrängend.
Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz überhört, daß die Türe geöffnet wurde, bis Ilse plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blühenden Mädchenkranze.
Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten auseinander, als die hohe Gestalt näher kam. In Mariannes Antlitz aber stieg eine heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren Hand noch in des Professors Arm lag. Die schlanke, weiße Gestalt schien ihn ungemein zu fesseln, und er nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer Wärme entgegen.
„Du bist zu beneiden, Onkel,“ sagte er halblaut.
Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weißer Krawatte, und drängte zur Eile, die Wagen ständen bereits vor der Türe.
„Ja, nun macht nur,“ mahnte sogar Onkel Heinz, „Tänzer werdet ihr wohl nicht mehr bekommen.“
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„Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle,“ meinte Ruth.
„Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens mal ein vernünftiges Wort,“ erwiderte der Professor. „Aber es geht nun doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.“
„Onkel Heinz,“ rief Ruth freudig, als hätte sie plötzlich einen guten Einfall bekommen, „weißt du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, und wir beide verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, das wäre reizend!“
„Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?“ fragte Herr Jansen.
„O, da könnte mich ja Marianne vertreten,“ gab sie zur Antwort und schmiegte sich zärtlich an den Professor. „Onkel Heinz, ich bleibe bei dir und singe dir alle deine Lieblingslieder vor.“
Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht von Onkel Heinz, und seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:
„Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amüsieren, als mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, dieser Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnütze Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste. Morgen vormittag [pg 178]komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei berichten. Alte, gute Kröte du!“
Er klopfte sie zärtlich auf die Backe.
Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was für sie wieder eine Sache von größter Wichtigkeit gewesen war. Diese Angst, daß die Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es war eine große Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, während die geschäftigen Hände in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief es:
„Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?“
„Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?“
„Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer in der Hand!“
„Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn fortgenommen?“
Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß sie fortkämen; Ilse schalt über die Unordnung, Ännchen suchte überall herum, trat dabei auf Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den Tisch auf den Fußboden ergoß und alle flüchten mußten – kurz und gut, richtete mit ihrer gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende gefunden.
„Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich [pg 179]mache mich aus dem Staube,“ sagte Onkel Heinz. „Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel Vergnügen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?“ fragte er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weißseidene Kopftuch noch tiefer in die Stirn.
Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt, nur Nellie stand noch oben und verabschiedete sich von Ännchen. Immer wieder küßten sich die beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:
„Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?“
„Wir kommen, wir kommen!“
Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der Straße her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hörte man das Zuklappen der Wagentüren, das schnelle Rollen der Räder, und nun war alles still. –
Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die Ohren gezogen und die Hände tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er die Straße hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten Straßen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den Abend über da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, er legte sie aber beiseite und schaute – die eine [pg 180]Hand am Henkel seines Bierglases – nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schüttelte er den Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt, der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend, verschönend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem ein Mann saß und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und glänzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, der davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und Schriften liegen und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle Hände bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich machte Onkel Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewußtsein dieser Träume gelangte, und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen, langen Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe. Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim. Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr entschließen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie [pg 181]gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie gewöhnlich – gequalmt. Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten an sich vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal. „Unsinn, Unsinn,“ murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich doch einschlief.
Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde er von seiner Aufwärterin geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich darüber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr Herz auszuschütten und ihr zu klagen, wie böse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte er sie noch niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, der Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe müsse besser geputzt werden. Und sogar über den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas bemerkt habe, hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht gewesen.
Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend verbrachte, hatte seine Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.
Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal betreten, und selbst Ruths Herz schlug höher, als sie in dem glänzenden Raume stand. Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald [pg 182]überhoben, denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen dicht besetzten Ballkarten.
„Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,“ sagte Ilse lachend, als sie in den Reihen, welche für die älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.
„Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist auch fein,“ sagte Nellie; aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaßen, sahen sie durchaus noch nicht aus wie „alte Mütter“. Das Glück, das aus beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und verschönte sie merkwürdig.
Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen sich dann aber ins Nebenzimmer zurück, wo sie bei einem Glase Bier gemütlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.
Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke suchten sie, wenn sie im bunten Gewühle verschwand, bis er sie gefunden hatte, und so oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth auf dieses oder jenes hübsche Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie alle häßlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht [pg 183]mit ihr plaudern oder tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als möglich das Gespräch auf ihre Schwester zu bringen.
Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen öffnen möchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.
In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz Herrn Jansen bei ihren Eltern einführte, eine stille Neigung für diesen eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen mehr und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume, seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh und immer festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme Marianne!
So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies, neue Nahrung für ihre Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.
Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und erschöpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes Gesicht sprach deutlich genug von den Gefühlen, welche ihr Inneres erfüllten. Währenddem hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie nun, [pg 184]nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen hatte, mit Behagen verzehrte.
„Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich amüsiere mich wenigstens herrlich, Sie auch?“ fragte Ruth vergnügt den jungen Mann, der sich an ihrer Seite niedergelassen hatte.
„Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, Fräulein Ruth,“ erwiderte er.
„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In Indien gibt es wahrscheinlich so etwas nicht?“ erkundigte sie sich.
„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde dieser doch der schönste für mich sein,“ antwortete er mit Nachdruck.
„So, und warum denn?“
Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich gänzlich ohne Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber daß er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete: „Weil Sie hier sind!“ und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte: „Haben Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“
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Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf und wünschte zu den Ihrigen geführt zu werden.
„Haben Sie mich denn nicht gern?“ wiederholte er eindringlich seine vorige Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: „O ja, doch, natürlich.“
Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten rasch voraus.
Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre Hand und drückte sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester und die Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund tönte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe? Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem „Ja“ antworten; sie hatte ihn ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich mit ihm prächtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher Zuneigung für ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung ganz anders lautete, – wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen Antrag zu machen? Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte. [pg 186]Mit diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben, daß Herr Jansen nur eine freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.
Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu schwatzen, noch lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr eine unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf dem holden Mädchenantlitz.
So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre Hoffnung auf ihn. Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte, wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche Gefühle hegen möchte. –
Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt wurde, schalt er seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie fort war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er einen Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand hingen, zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papier[pg 187]korb und legte das übrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf er einer gründlichen Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte. Seiner Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort entgegengedonnert: „Auf dem Schreibtische ein für allemal nichts anrühren!“ was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Männer hinreichend. Deshalb ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe, und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften, daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt war, in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand und betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstöbern verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, [pg 188]die seinen Pelz nicht gerade in die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.

Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte er sich getäuscht.
Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging vorsichtig die Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.
„Onkel Heinz,“ rief sie leise, „bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“
Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn geschehen sei.
Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.
„Was ist denn nur los?“ fragte er nochmals, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.
Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem Professor.
„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der eben für mich abgegeben worden ist,“ sagte sie mit bebender Stimme und fuhr dann leidenschaftlich fort: „Aber siehst du, ich kann ganz gewiß nichts dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, Onkel Heinz?“
„Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch von gar nichts,“ unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen begann.
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„Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!“ klagte sie, während er las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, während sie erregt im Zimmer auf und ab wandelte.
„Ja,“ – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand über seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.
„Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?“ fragte sie angstvoll.
„Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,“ gab er lächelnd zur Antwort.
„Was soll ich denn aber tun?“
„Ja –“ sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr, indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; „da ist nun schwer etwas zu sagen.“
Ruth hing sich an seinen Arm.
„Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weißt ja doch immer alles,“ sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.
Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, „daß er besseres zu tun hätte, als über solche Dummheiten nachzudenken,“ hatte aber doch wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn wäre, von einem jungen Mädchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu werden. Auch konnte er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber [pg 190]leicht war die Sache nicht – wie sollte er denn nur anfangen? Überlegend ging er einige Male im Zimmer auf und ab.
„Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?“ fragte er endlich.
„Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,“ lautete die Antwort.
„Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch.“
„Aber, Onkel Heinz,“ unterbrach ihn Ruth hastig, „wenn man jemand auch leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – meinst du doch?“
Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb – überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiß überlief es sie bei diesem Gedanken; sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig ratlos.
„Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?“ wiederholte sie ihre Frage noch einmal dringlich.
Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die nichtssagenden Worte heraus:
„Ja, das ist nicht so leicht,“ und fuhr dann plötz[pg 191]lich fort, als wäre ihm auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: „Wie kommt denn Jansen überhaupt dazu, dich heiraten zu wollen?“
„Das war so, Onkel Heinz,“ begann Ruth; „gestern abend auf dem Balle fragte er mich, ob ich ihn gern hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muß ich ihn denn nun wohl heiraten?“
Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel schwerer, hier eine richtige Lösung zu finden, als bei irgend einer noch so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wußte nicht ein noch aus, und Ruth wurde immer dringender.
„Ach, gib mir doch eine Antwort,“ bat sie flehentlich.
„Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muß man sich den Kopf über so dummes Zeug zerbrechen,“ fuhr er barsch heraus; als er aber sah, daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen stiegen, lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte er nicht sehen, am wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.
„Na – wir wollen mal sehen, Kröte,“ sagte er zärtlich, „was in dieser Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf einläßt.“
Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch wohl sonst nicht ganz die richtige [pg 192]war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, denn in diesem Augenblicke ertönte draußen die Klingel.
„Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel Heinz, hilf mir doch,“ rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen Arm.
„Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?“ fragte er und empfand dabei die Beruhigung, daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges gesagt habe.
„Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich tun muß.“
Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus.
Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiß dabei geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth stürzte aufgeregt herein.
„Na, was ist denn schon wieder los?“ fragte Onkel Heinz.
„Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!“ jammerte sie laut.
„Ja, was ist denn zu spät?“ fragte er.
„Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein, als ich in den Flur trat – ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll ich nun tun, was soll ich anfangen?“
[pg 193]
Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz unglücklich schien; im nächsten Moment schon würde man ja von ihr vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden Randbemerkungen begleitete.
„Ich werde überhaupt nicht heiraten,“ fing sie an.
„Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, aber bei euch Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten,“ sagte er.
„Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde einen Mann nur quälen und unglücklich machen,“ fuhr sie fort.
Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis einer edlen Seele.
„Na – das müßte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die schlechteste,“ sagte er.
„Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, – du bist ja auch nicht verheiratet, Onkel Heinz!“
Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das „Nein, nein, Gott sei Dank nicht,“ kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte wieder die freundlichen hellen Räume und als Gegensatz sein einsames Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im Verhältnis zu [pg 194]dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon von manchem Silberfaden durchzogen war.
„Weißt du, Onkel Heinz,“ rief Ruth plötzlich und sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an, „wenn ich überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.“
Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und ließ ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. –
Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklärung sein oder nicht? Nein, in was für Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch heute morgen diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in dieser neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und hielt ganz still unter dieser zärtlichen Umarmung; aber seine Augen blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, legte er seinen Arm um ihre Taille.
In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und ihr Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich fast wie ein ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen [pg 195]mußte. Daß Ruth ihn umarmte und küßte, war nichts Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung doch wohl einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der richtige Platz, um ihr bedrängtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte den Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige Male wiederholen, daß man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern hätte. „Gernhaben“ und „Liebhaben“ wäre doch ein großer Unterschied, erklärte Ruth.
Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; woher wußten nun wohl solche Kröten so etwas!
„Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, daß ich ihn nicht heiraten könnte,“ drängte Ruth.
„Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht erst kommen, denn das würde dem jungen Manne doch sonst eine große Verlegenheit bereiten,“ sagte Ilse.
„Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei Vater im Zimmer?“ fragte Ruth.
„Bewahre.“
„Ihr spracht doch mit einem Herrn.“
„Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen wollte,“ setzte Ilse auseinander.
„Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so [pg 196]schlimm,“ sagte Onkel Heinz, „und ich werde auch noch mit Jansen sprechen.“
In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter, indem sie ihr zärtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele gelastet hatte, von ihr genommen wurde.
Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.
Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder Onkel Heinz an, der unaufhörlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht machte, das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.
Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr Gesichtchen unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm, worauf sie auch das Jäckchen auszog.
Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, fragend wandte sie sich an Ilse und Ruth.
„Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?“ Und voller Sorge blickte sie die Schwester dabei an.
Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten [pg 197]Brief hin, den Marianne ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es sich wie ein Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren – die Gegenstände wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl hemmte den Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen – und sie wäre unfehlbar umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und hinzugesprungen wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –
Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schläfen mit einer stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide befanden sich in höchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von Röte zurückkehren wollte. Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stürmten die Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, während sich Thusnelda über sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:
„O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!“
Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.
Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um Marianne bemüht, bei der das Bewußtsein immer noch nicht zurückkehren wollte.
[pg 198]
„Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu sich,“ sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen hatte.
„Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,“ meinte Ilse besorgt.
„Ach was, der kann auch nichts helfen,“ erwiderte der Professor.
„Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?“ fragte Ruth voller Angst.
„Woher das kommt?“ wiederholte er bedeutungsvoll. „Woher das kommt? An allem ist der verrückte Ball schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng geschnürt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und dergleichen, das ist kein Wunder.“
Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach, welches dieser verrückte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder der Ohnmächtigen zu.
„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts,“ fing er wieder an.
„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch,“ sagte Ilse ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.
„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser tiefer liegt und wieder Blut ins Gehirn kommt. [pg 199]So ist es recht! Alles Beengende haben Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es doch nichts zu jammern,“ rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres Heulkonzert aufführten.
„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“ konnte Ilse trotz ihrer augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte.
„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat kein Gefühl,“ erwiderte er ruhig.
Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich auf die Backe klopfte und sagte: „Na, Kröte, wie geht’s denn? Was machst du aber auch für Geschichten!“
Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.
„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“ rief Thusnelda mit Stentorstimme, – einem Erbteile des Vaters – und trat mit der Schwester herzu. Der Professor drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie schweigen möchten, zurück.
Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen, Ruth kniete leise weinend vor [pg 200]ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. –
Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, betrat er sie mit einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte. Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben stattgefundenen Szene bei Gontraus. „Ja, ja, so etwas würde auch vorkommen,“ schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespräche antwortete er darauf: „es ist schon besser so.“ Er hatte seinen Pelz abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.
Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der schreibenden Feder, und wie das Papier [pg 201]knitterte, oder das Feuer im Ofen lustig knackte und knisterte.
Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm zuvor. Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte nämlich ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er dasselbe erwidere.
Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt und seine Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein Nadelöhr einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an diesem Tage – zwei unglückliche Lieben!
Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der Schwester und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen erfuhr der Professor, daß Marianne krank im Bett liege, daß man einen Arzt habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung konstatiert und größte Ruhe anempfohlen habe.
[pg 202]
„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen Liebe!“ rief Ruth laut jammernd aus.
„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten Romanen vor, aber im Leben nicht,“ entgegnete Onkel Heinz.
„Sie ist aber so elend.“
„Wird sich schon wieder erholen.“
„Glaubst du wirklich?“
„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“ redete er ihr liebevoll zu.
„Warum mußte es auch so kommen?“ klagte Ruth. „Warum liebt Herr Jansen nicht Marianne statt mich?“
Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch auch nicht.
„Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich liebte?“ fragte das junge Mädchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.
Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.
Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.
„Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?“ fragte sie dann wieder.
Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.
„Dummes Zeug! Unsinn!“ sagte er dann ziemlich schroff.
„Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?“ Und [pg 203]als er nicht antwortete, fuhr sie fort: „Weißt du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann überhaupt nicht lieben.“
„Was die Kröte da heute doch immer von Liebe schwatzt,“ dachte der Professor bei sich.
„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“ fragte Ruth nach einer kleinen Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. „Willst du es wissen? Ich möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, ich möchte – eine Künstlerin werden.“
Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte ausgerufen.
„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine Künstlerin ist?“ fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade in der schmeichelhaftesten Weise betonend.
Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene.
Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:
„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“ sie zeigte auf ihr Herz, „da ist es oft so komisch, so – ich weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas heraus, als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann wird’s mir leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der Erde, als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich edel – dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche Freude [pg 204]an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“
Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche Redensarten konnte es machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer schweigend und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das kleine Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das plötzlich über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen.
„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“ bemerkte sie lächelnd.
Da erwachte er aus seinen Gedanken.
„Hm!“ brummte er nur und fuhr sich über seine Stoppeln, das sollte so viel heißen, als: es ist nun einmal so.
„Onkel Heinz,“ fing sie wieder an und schmiegte [pg 205]sich in zärtlicher Vertraulichkeit an ihren alten Freund. „Ich habe eine große Bitte an dich, aber – du mußt mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.“
„Da werde ich mich schön hüten,“ warf er ein und lächelte spöttisch. Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein Frauenzimmer fertig bringen.
„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?“ fragte er aber dennoch.
Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht widerstehen konnte.
„Onkel Heinz,“ kam es etwas zaghaft und zögernd von ihren Lippen, „wenn du doch nur mal mit den Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und siehst du,“ fuhr sie leidenschaftlich fort, „ich möchte so gern etwas Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, will mir so viele Mühe geben, will ganz und gar nur der Kunst leben.“
„Das ist ja Unsinn,“ sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach ihn ernsthaft.
„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt.“
Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in die Augen, und das – das konnte er nun einmal nicht sehen.
„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch [pg 206]immer gleich flennen müßt,“ sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die wellig gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen. „Aber das mit der Künstlerin schlage dir nur aus dem Sinn,“ fuhr er fort, „das geht nicht, das geht auf keinen Fall.“
Sie sah ihn bittend, fast flehend an.
„Aber Onkel Heinz!“
„Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin werden? Willst du etwa Mummenschanz treiben? Hm?“ Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter dem ‚Mummenschanztreiben‘ verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne gehen wolle. „Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kröte, da gehörst du nicht hin, das geben die Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, daraus wird nichts!“
Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn daß Ruth vielleicht eine solche Absicht haben könnte, war ihm ein furchtbarer Gedanke. „Ja, ja, wenn das alles so wäre, wie es sein sollte,“ setzte er wie im Selbstgespräche fort, „aber das ist es eben nicht, der bunte Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst, Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen überhaupt einen Begriff!“
Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt sie ihn am Arme fest.
[pg 207]
„Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Vorläufig möchte ich nur lernen, mich meinen Gesangsstudien ganz hingeben können, an nichts andres zu denken brauchen. Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den Hausgebrauch, wie es heißt, das macht mir wenig Spaß, das befriedigt mich nicht, weil ich fühle, daß es nur oberflächlich und nicht das Richtige ist.“
„Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht übel, das ist wahr,“ sagte er einlenkend.
Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und fragte nun freudig und zuversichtlich:
„Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?“
„Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch lange nicht,“ sagte er abwehrend.
„Einziger, süßer Onkel, tue es doch!“ bat sie und hing sich an seinen Arm. Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit großer Geschwindigkeit.
„Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß zum Lohn,“ versprach sie.
„Will ich gar nicht,“ brummte er vor sich hin.
„Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,“ rief sie lächelnd und fragte dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wäre: „Wann willst du denn mit den Eltern sprechen?“
„Gar nicht,“ erwiderte er kurz.
Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte weiter:
[pg 208]
„Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?“
„Nein!“
„Bitte, bitte, sage ja.“
„Nein, nein, nein!“ widersprach er heftig.
„Onkel Heinz!“
Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können! Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch abwandte.
„Lieber Onkel Heinz.“
Er antwortete nicht.
„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!“
Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er schließlich nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichts abschlagen.
„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“ rief er laut.
Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich sträubte, heimste er doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. –
Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder erheben, geistig und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der unermüdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten über diesen Punkt so weit auseinander [pg 209]gingen, so überzeugte sie sich jetzt von dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer, zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei allem, was der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse, wenn sie niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.
Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und Leo erzählte, hatte er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches Gefühl hervorgerufen haben würde.
Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war, einlösen. Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie ihre Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für sehr bedeutend erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung erhalten. Mit Fleiß und Liebe, [pg 210]und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.
Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu entfalten, allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten Blütenhauch aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr so oft wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal, aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke der alten Meister zu zeigen – er war ein geschworener Feind der modernen Malerei, über die er mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden [pg 211]hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzählte es später Ilse voller Stolz.
Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen trüben Tagen eingezogen war und die Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an schönen Eindrücken und Erlebnissen. Mit noch größerer Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber hatte frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen denken, wie an einen fernen lieben Freund.
So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis es wiederum Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz vergessen ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schönen Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.
An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten Wald. Die klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, roten und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und wann flatterte, durch einen [pg 212]Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und leicht vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknüpfte, locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen, und nur unter dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit würde mit einem Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht droben hinter Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr und daran rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große gewaltige Sterben. Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite. Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den herzerquickenden Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige sie etwas lebhaft.
„Wenn nur alles gut geht,“ sagte sie seufzend zu dem Professor.
Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete:
„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig gelernt, die kann ja was.“
„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung und Fleiß allein kann das [pg 213]nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen. Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und Schwierigkeiten der Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt, sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als auf Erfolge, denn guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, für eine tüchtige Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sängerin fertig ist, dauert es lange.“
„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tüchtigem, das weiß ich,“ versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als könne daran nicht mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.
„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“ meinte Ilse und holte tief Atem.
„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“ sagte Onkel Heinz und legte einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.
Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, destomehr befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie einen großen Schatz. Sie hatte in [pg 214]ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig war und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das ungebändigte Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in welchem Ruth heute abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber nach, auf welche Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke Seite.
„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“ fing er dann plötzlich an, „bei Superintendents ist man wohl überglücklich, daß der Ausreißer wieder da ist? Ist übrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei mir.“
[pg 215]
„Ja,“ entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, „Gott sei Dank, daß er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“
„Ja, ja, die selfmade men, das sind die besten,“ warf Onkel Heinz ein.
„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?“ fragte Ilse.
„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr interessiert. Der Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben gibt’s nur zweierlei, entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der Germania, auf welcher sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich für ihn so lebhaft interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die denken freier als wir; ich bin ja lange drüben gewesen und kenne die Verhältnisse genau. Daß der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute eben gar nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem Geschäft gebrauchen könne, na, und da war die Sache bald abgemacht.“
„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“ warf Ilse ein. „Er hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, und bloß, [pg 216]weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache des Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er nicht tun sollen.“
„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von ihm,“ widersprach Onkel Heinz, „so wird das da drüben gemacht, da kennt man keine Sentimentalitäten. Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte Zeiten muß der selfmade man auch mit in den Kauf nehmen, das gehört dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“
„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San Franzisko eine brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend davon,“ meinte Ilse.
„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wäre, unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,“ gab Onkel Heinz zur Antwort.
„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre hindurch,“ wandte Ilse vorwurfsvoll ein.
„Da hatte er ganz recht,“ unterbrach sie der Professor von neuem; „er wollte erst was ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte ganz anders behandelt werden müssen.“
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„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür büßen müssen; für die ganze Familie waren es schreckliche Jahre,“ erwiderte Ilse.
„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach – wie überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß mich der Himmel vor einer Frau bewahrt hat,“ neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit einem pfiffigen Seitenblick auf sie.
„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?“ rief Ilse lachend.
Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie er darüber dachte.
„Sind Sie denn nun ruhiger?“ fragte er nach einer kleinen Pause, während sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: „Na, sehen Sie wohl, wie gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, Gott sei Dank, noch verhindern konnte.“
„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“ berichtigte sie lachend, „das war ja Bromkali –“