Front matter (continued 2)
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Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Tränen eher noch reichlicher, als zuvor.
In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine Notiz genommen hatte.
„Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,“ sagte sie nervös zu ihm. „Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt.“
„Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch gräßlich,“ gab er eilig zur Antwort.
„Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!“
„Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,“ sagte Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren Aus[pg 74]einandersetzungen, denn die Probe zur „Jugendliebe“ sollte im Augenblick beginnen.
Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene Male an die Türe von Fräulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich öffnete und das „Kind“ auf der Schwelle erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer erzürnten Göttin.
Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der „tauben Tante“ in einem Tone herunter, der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie „muckte“, wie ein störrisches Droschkenpferd, und selbst die Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht aufrütteln.
„Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur Geltung kommen,“ rief Althoff ein über das andremal, und wirklich fing das „Kind“ auf einmal an, die „taube Tante“ sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren.
Ob nun der Stumpfsinn der „tauben Tante“ die andern Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas [pg 75]lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige Geduld, er zeigte immer wieder, ließ immer wiederholen, während Althoff schon längst auf seinem Sitze unruhig hin und her rückte.
„O, wie soll das werden!“ sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu Mute wurde.
Die Liebesszene zwischen „Adelheid“ und „Ferdinand von Bruck“ fiel glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das „Schreckliche“, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, für Leo aber auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, scherzend, liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden, seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewählt.
„So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –“, [pg 76]er verbesserte sich schnell und sagte: „wir so spielen, blamieren wir uns.“
Die „taube Tante“ zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde; wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe, wie vorhin das „Kind“, weinend und schluchzend. Nummer zwei an diesem Abend.
Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lächerlich.
Das „Kind“ war auch hereingeschlüpft, mit ihr die andern jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles sehen und hören, was da vorging.
„Ach, weine doch nicht, Erika,“ redete Mietze Schmidt ihr zu, „wir haben doch alle unser Teil bekommen, das nächste Mal werden wir es schon besser machen.“
„Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,“ sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung. „Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere Rücksicht.“
„Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück, [pg 77]wenn ich dran komme,“ meinte Erna Schmidt. „Das kann heute noch gut werden.“
„Aber ich bitte Sie, meine Damen,“ fuhr Ilse erregt dazwischen; „wenn Sie eben keinen Tadel vertragen können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.“
„Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein,“ erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet gesprochen hatte. „Und ich spiele doch wahrhaftig nicht deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß er dumme Schulkinder vor sich hat.“
Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab das andre, die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie „nicht mitspielen“, „rücksichtslos“ usw., tauchten wie Froschköpfe in einem Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, für zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder, [pg 78]daß sich nicht nur die Gemüter, sondern auch die Köpfe erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie sogar schon gelächelt.
Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden war schließlich Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes Stimmengewirr, das sich von draußen wie das Summen von vielen, in einer Schachtel eingesperrten Maikäfern anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen überhört; erst als das Klopfen zu einem donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, glätteten sich die aufgeregten Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie stets, mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und mußten die Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe geöffnet.
„Mein Gott, wo bleibt ihr denn?“ fragte Leo seine Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes Gesicht sah.
Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel Zeit mehr, es mußte deshalb schnell zu Ende geprobt werden.
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Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel besser gespielt; es herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen im „ersten Mittagessen“ so tragisch, daß man über diese komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch keineswegs lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der „Hochzeitsreise“ ließen die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung durch ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft gelacht.
Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals nach Leo hinüberflogen, konnte man schließen, daß von ihm, und zwar nicht in der liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt [pg 80]zu Ende war und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.
Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und Nellie mußten manche Rüge, manchen Tadel einstecken.
Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als unüberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding der Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie von den Szenen, die sich hinter den Kulissen, nämlich in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten.
Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff meinte, ohne Zank könne es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.
Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war abgespannt und nervös von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.
„O, darling, du mußt dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen,“ beruhigte Nellie; „an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der Garderobe!“
Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. Der einzige, der ihr recht gab und dergleichen auch höchst ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr vollständig bei, während Leo die Sache von der komischen Seite auffaßte.
„Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige [pg 81]Absagebriefchen,“ sagte Ilse, „und was machen wir dann?“
Leo lachte sie aus.
„Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und sich die Sache überlegen; das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,“ sagte er liebevoll und zog sie in seine Arme.
Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt sie an Alpdrücken. Sie träumte, daß sie in der engen Garderobe mit den andern zusammen, wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen sei. Die Born, „das Kind“, hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel ertönte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke der höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in der Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte. [pg 82]Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der Theaterangelegenheit hören. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. Seit einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken können, wie weit das Grünen und Blühen draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in der letzten Zeit etwas hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie allein da.
Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht, aber seine Türe war verschlossen gewesen.
Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen Gedanken übrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hören, hätte sie nicht ertragen, und an Spott würde er es sicher nicht haben fehlen lassen.
Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.
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„Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?“ fragte sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darüber urteilen würde, konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in welcher Rosi danach fragte.
„Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen guten Zweck tut,“ fuhr sie fort; „mein Mann hat auch schon für die armen Leute sammeln lassen.“
Das „nur gut“ und „wenigstens“ brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie bezwang sich und fragte: „Ihr kommt doch auch?“
„Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.“
Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu groß und siegte über die sonstige Abneigung gegen das Theater.
Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche Angst. Doch es schien wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, stellte sich auch die Lust und Begeisterung wieder ein.
Das „Kind“ hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben teilzunehmen, mußte man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen konnte.
Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der [pg 84]ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den ganzen Abend über sitzen.
Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die richtige Stimmung ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken nicht mehr übel.
Sogar Fräulein Born hatte sich mit der „tauben Tante“ etwas angefreundet und behandelte sie nicht mehr so gleichgültig; auch der Backfisch war bei der „schrecklichen Umarmung“, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller als das erste Mal.
So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewöhnlich nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Aufführung stattfinden.
Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man dort sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.
Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; wo ja ein lichter Strahl von draußen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.
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Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, der mit Althoff zusammen noch alle möglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch – welcher Zauber lag in dem Gedanken!
In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen. Die Türen standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten wurden nochmals einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfümduft lagerte über dem Ganzen. Das „Kind“ saß im Frisiermantel in seiner Garderobe mit aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Bürste und Kamm bearbeitete, während die andre geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem Glase zusammenquirlte. Das war gut für die Stimme und wurde der Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten Brötchen, um die Kräfte der vom Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in den Händen und memorierte fortwährend.
„Unsre arme Schwester ist so erregt,“ sagte das älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. „Aber sie braucht doch wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!“

„O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber [pg 86]Gott, wie oft habe ich schon Theater gespielt,“ fuhr das „Kind“ dazwischen.
Und in der Tat, was das „Können“ betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas fühlten nach ihrer Meinung nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie sie, waren über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß selbst die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und daß, wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewußt auftreten sieht, diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, über welche der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet.
In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte ein lustiges Durcheinander. Auch hier erwiesen sich Mütter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so vielerlei zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle überhören; besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen müssen. Wenn es nur heute abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die hübsche Erika. Das blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf über den Rücken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das wichtige Geschäft des Ankleidens mußte nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fräulein Borns [pg 87]Türe verschwunden und würde gleich zu den andern kommen.
Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenaufführung würden einem objektiven Beobachter eine Fülle von komischen Eindrücken bieten. Da löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder möchte zuerst fertig sein, zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, Fragen, Schwatzen ohne Ende!
In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Mädchen führten zwei Mütter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter die schönste sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch verstohlene, prüfende Blicke hinüber und herüber.
Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbüchse; er wurde sofort förmlich umringt.
„Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.“
„Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen mich zuerst frisieren!“
„Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so richtig, oder muß der schwarze Strich unter den Augen stärker sein?“
Der parfümierte Jüngling konnte sich vor so vielen Fragen und Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern; endlich schoß Erika den Vogel ab; sie wurde die erste.
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„Nur nicht so rote Backen,“ sagte sie, denn schon im gewöhnlichen Leben waren ihre frischen Farben ihr größter Kummer, sie fand es interessanter, etwas blaß auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkünstler versicherte immer wieder, daß sie ausgezeichnet „wirken“ würde, und die Freundinnen fanden den Backfisch Erika „reizend, süß, entzückend!“ Auch Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes über das reizende Töchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher Liebenswürdigkeit, daß Erna und Mietze doch noch viel hübscher aussähen.
In demselben Augenblick flog die Türe auf, das zweite Fräulein Born stürzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum „Kinde“ zurückgeholt, denn die blonde klassische Perücke hatte sich verschoben, als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; außerdem war das Schminken noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen.
„Gott, Sie sind schon alle fertig?“ fragte Fräulein Born ängstlich, als die jungen Mädchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen Dienstmädchenkleid erschien.
„Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau, sich so rote Arme zu schminken!“ bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. „Bitte, nun sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?“
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Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie lächelte ihrem Spiegelbilde wohlgefällig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten fortwährend, wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder die weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trägerin verschoben.
Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor sich gegangen. Die blonde Perücke, die Schminke und das griechische Gewand hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für die übrigen hatte die aufgeregte Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die Wange.
„Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schön von Ihnen abstechen!“
Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue Kleid der „tauben Tante“, das schlaff und dunkel an der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war eigentlich zu ärgerlich.
Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen, deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst, jetzt mußten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein prüfender Blick in den Spiegel.
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„Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – noch eine Haarnadel – schnell – hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?“
Annas Hände flogen, während die andre Schwester mit dem roten Stärkungstranke bereit stand. „Nur einen Schluck,“ drängte sie und hielt der Muse das volle Weinglas an die Lippen.
„Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,“ gebot das Kind, – dann rauschte es hinaus.
Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bühne versammelt. Man drängte sich an die kleinen Löcher im Vorhang, um ins Publikum sehen zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch strömte es noch fortwährend herein. In der ersten Reihe saßen die beiden Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll auf den bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen mochte; denn während der Generalprobe hatte sie einen Blick in die Kulissen tun dürfen – o, das war eine Wonne gewesen!
Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders laute Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen tönten einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine Instrumente stimmte.
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Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen zum Beginn ertönte und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.
Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht hat, kann die allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum ersten Male hebt, nachfühlen!
Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertönte; voll Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände und Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder weniger ergriffen hatte.
Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein Flügelschlag, – der Vorhang ging in die Höhe.
Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten der Bühne hatte, war demjenigen sehr ähnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den Marterstuhl eines Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das vielköpfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flüstern über die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme wurde [pg 92]lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorüber.
„Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,“ kritisierte Leo hinter den Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf, und wie Sphärenmusik klang das laute Händeklatschen an das Ohr des „Kindes“, als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich wieder heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer kann die Wonne eines solchen Augenblicks beschreiben!
Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die tief Bewegte, während die andre schon wieder den bewußten Labetrank bereit hielt.
„Schnell, schnell umkleiden,“ rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich wirklich wie eine große Künstlerin vor, als an allen Ecken und Enden helfende Hände bereit waren, die Muse in die „taube Tante“ umzuwandeln. Hinein mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur tänzelte um sie herum, und unter seinen flinken Händen entstand ein würdiges Matronenantlitz.
„Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,“ sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn.
„Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst zu viel,“ erwiderte der gelockte Jüngling und besah prüfend sein Werk, hier und da noch einen kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend.
„Lassen Sie nur, Sie können gehen,“ sagte das [pg 93]Kind, mit hoheitsvoller Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draußen war, einen widerlichen, unverschämten Menschen.
Die „Jugendliebe“ wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und auch die Umarmungsszene geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt und ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und die „taube Tante“ hörte es mit Genugtuung an, wie man über ihre Schwerhörigkeit lachte.
Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende war, und als Erika auf der Bühne erschien, flog ein wundervoller Strauß, ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke konnte man doch bemerken, wie tief sie errötete.
„Von wem, von wem?“ rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen steckte, und auf welcher nur die Worte standen: „Der reizenden Adelheid“, so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und zu bewundern. Er wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen bereits an, ihre Glöckchen zu senken, als sich so viele Nasen darüber beugten. Dieser Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika mußte viel mit anhören. Sie wußte ja natürlich, von [pg 94]„wem“ diese Blumenspende kam, sie wollte es nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.
Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe ein junges Mädchen eigentlich gar nicht annehmen, sie fände es wenigstens nicht schicklich und würde es sicher nicht tun.
Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute, sie wünschte schon, sie hätte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie möge sich nur ja darüber freuen, die andern wären alle nur neidisch auf sie.
„Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der Erika; sie hat eben doch ein etwas leichtes Wesen,“ sagte das Kind später zu den Schwestern, und die hübsche Erika wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt. Der Refrain lautete immer: „Es ist schade um das hübsche Mädchen!“
Als Ilse im „ersten Mittagessen“ in ihrer Dienstmädchenrolle erschien, erklang plötzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus. Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und sich gar nicht darüber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Ärmel zupfte und zur Ruhe verwies.
Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der wirklichen Komik, die Ilse in ihrem [pg 95]Spiel entfaltete; sie wurde sogar einige Male bei offener Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse Dreistigkeit über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr, wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte sich schon ganz heimisch auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem Publikum – natürlich nur die guten – und besahen neugierig sich das bunte Treiben.
„Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,“ sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte, aber zu einem wahren Genuß nicht gekommen war.
„Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch Theater spielt,“ warf sie ein, „aber freilich, Ilse und Nellie denken über so etwas anders!“
Die Betonung dieser Worte ließ erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.
„Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie nehmen eine Menge Geld ein für die armen Abgebrannten,“ meinte ihr Mann und sah sich in dem vollen Hause um.
Es war bis auf den letzten Platz besetzt – lauter mitleidige, wohltätige Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggründe eines jeden auf seiner Stirn zu lesen gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt hatten, so würde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde über die Wohltätigkeit den Sieg davon getragen haben. [pg 96]Gute Bekannte in der Öffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen großen Reiz.
Zum dritten und letzten Male ertönte jetzt die Klingel. Die „Hochzeitsreise“ von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stücke gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer, als das Kammermädchen, vorzüglich besetzt. Der Beifall war ein großer, und zum Schlusse mußten die Spielenden vier- bis fünfmal erscheinen; unermüdlich rührten sich die Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte dankten sogar mit lauten Bravorufen. –
Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen übergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und wieder in das alltägliche verwandelt.
Mit wehmütig zärtlichen Blicken betrachtete das „Kind“ ihr griechisches Gewand, das die Schwestern soeben sorgfältig in den Korb einpackten. Wie schade, daß der schöne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei.
Ilse schien aber doch ganz froh darüber zu sein, daß [pg 97]die aufgeregte Zeit ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war – vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer gezweifelt, ob es gelingen würde und geseufzt: „Ach, wenn es nur gelingt.“
Und wie war es gelungen! Für allen Ärger im Anfang, für alle Mühe, war der Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 Mark übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rührendes Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schönes Gefühl, für ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so viel Jammer und Elend zu lindern.
In den ersten Tagen nach der Dilettantenaufführung gab es natürlich nur dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten klang die Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in Gemeinplätzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verständnislos, daß man genau wußte, hinter dem Rücken sprachen sie ganz anders. Nur wenige äußerten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache eingedrungen waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten, sich manches anders gewünscht hätten, war ein Beweis, daß man der Wahrheit ihrer Worte trauen konnte. Den größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten; wie sehr würde darüber die betreffende Dame, welcher [pg 98]gerade dieser Umstand einen triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft haben. –
Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich in aller Eile gekommen und hatte sich von Ruth erzählen lassen, denn er selbst war natürlich nicht im Theater gewesen. Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich strenge, die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. „Es muß und soll etwas Tüchtiges aus dem Jungen werden,“ sagte Rosi zu Tante Emilie; „wenn Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand nehmen.“
Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem Kopfnicken begleitet und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten über Kindererziehung zum besten, die in der Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in der Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben würden. Aber für Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz und gar nicht? „Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten nicht eingehst,“ hätte man ihr zur Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse fühlte er sich so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten Jungen und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Mädchen erregte stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder [pg 99]besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt, und zwischen den beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind, Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch.
Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung über das Theaterspielen an. Ach, das mußte doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch hätte sehen können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, daß selbst Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte, und dann berichtete sie, welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt hätten. Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter.
Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz solchen „Mummenschanz“, wie er es nannte, nicht ansehen würde, hatte sie wohl gewußt, aber auffallend war es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er noch böse? Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken können, aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles stand wieder deutlich vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen übrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: „er brummte wohl mal wieder!“
„Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind,“ sagte Ilse später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach und auch er die Meinung äußerte, daß der Professor zürne.
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„Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen mit der Zeit abgewöhnen,“ erwiderte er seufzend, aber die glücklichen Augen, mit denen er seine Frau ansah, straften ihn Lügen.
„Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen, beklagen sich am meisten,“ gab Ilse zurück, die selten um eine Antwort verlegen war. „Eine Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher doch ganz anders geworden, nicht wahr?“
Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, daß sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil sie sich des einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran erinnern ließ.
Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief sich alles wieder ins Gedächtnis zurück, was er gesagt und was sie erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: „Warum mußte er sie auch immer so reizen!“
Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die nötige Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn dort sofort auf.
Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und mußte sich noch sehr schonen, [pg 101]so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend heimkehrte.
Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz von freundschaftlichster Teilnahme erfüllt und malte sich das Bild des einsamen, kranken Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte er auch nicht zu ihnen geschickt!
„Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und doch könnte einer sterben und verderben, ohne daß man etwas davon merkt!“ rief sie mit Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen, als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer leidenschaftlichen Art fragte fortwährend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz nicht am Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen.
Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen und fragen, ob sie den Professor besuchen dürfe.
Mit einem „Nein“ kam ihr Mann zurück und erzählte, daß sich der Professor durch Ilse tief gekränkt fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche wissen wolle. Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth, deren lebhaften Fragen, „warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle,“ sie mit der Antwort auswich, daß er sich noch zu krank dazu fühle.
„Ich will den lieben kranken Onkel sehen,“ sagte auch Marianne, und Ilse hatte Not, die betrübten Kleinen wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt empfand sie so recht, [pg 102]wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn nächst ihren Eltern am meisten liebten.
Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen, einen Brief hoch in der Luft schwenkend.
„Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – wir sollen ihn besuchen – heute – in der Klinik – an mich ist der Brief,“ kam es in hastig abgebrochenen Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller Freude.
Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit Mutter und Schwester erwarten würde.
Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte, ihre Heldentat zu erzählen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.
„Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbüchse gegeben. Ist das wohl zu viel?“ fragte sie lebhaft.
Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige Tat und erzählte immer wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand hätte ihr geholfen, sie wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den Brief gegeben.
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„Willst du ihn mal lesen?“ fragte sie dann plötzlich, und ohne eine Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen.
„Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,“ dachte Ilse voll Rührung. Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und Hassen war sie gleich stark. Für Onkel Heinz, den sie liebte, würde sie alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen die sie sich geradezu unliebenswürdig zeigte.
Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurück, auf welcher der Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaßen lautete:
„Lieber Onkel Heinz!
„Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben wördest du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern aufs Knie gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der Klinick besuchen und heute mußte eine in unser Schule nach bleiben die hat aber gebrült. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig gegeben für den weg.
Es grüst Dich
Deine libe Ruth.“
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Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können; Ruth war nun einmal sein erklärter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen Mädchens, sie war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel Heinz.
Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief sie durch alle Zimmer, singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie einen großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. Jubelnd brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie eben gefangen und in eine leere Streichholzschachtel auf zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.
„Da wird er sich drüber freuen,“ meinte sie strahlend. Welches Opfer aber auch für ein Kind, den ersten Maikäfer zu verschenken, den es so eifrig gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat!
Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Älteste hatte unterwegs in einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da viele kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles; ihr Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse mußte sie schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Türe standen und die Glocke gezogen hatten.
Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barm[pg 105]herzige Schwester, die ihnen öffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wünschen fragte.
Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß Ilse gleich hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und die Schwester mit dem milden Gesicht unter dem weißen Häubchen führte sie deshalb ohne weitere Anmeldung die Treppe hinauf.
Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Läufern. Geheimnisvoll still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an Zimmer, und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, der störend nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche Sauberkeit herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern standen blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der Schwestern –, die dem Ganzen etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen.
Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die Schwester, und nach einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurück, daß der Herr Professor bitten ließe einzutreten.
Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit großen Augen musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt war, wurde sie zaghaft und scheu.
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Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem Krankenstuhle saß, eingehüllt in warme Decken, mit dem Aussehen von jemand, der schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem alten Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu jedem Spaße bereit war.
Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah, besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flüchtigen Händedruck begrüßt und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann wandte er sich wieder an Ruth, welche zögernd stehen geblieben war und ihn betrachtete.
„Na, nun komm doch näher, alte Kröte!“ rief er endlich herzlich.
Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm hin und warf sich stürmisch in seine Arme.
„Halt, sachte, sachte,“ wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie zurückziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich noch enger an ihn.
Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzählte von ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm den ersten Maikäfer in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug berichten, wie schön es im Theater gewesen sei.
„Habe von der Mimerei gehört,“ sagte Onkel Heinz kurz.
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Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit den duftenden Blüten kam ein Stückchen Frühling in das nüchterne Zimmer.
„Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner Mutter einen Stuhl; fix, Mädel!“ rief er und konnte eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.
„Ich danke,“ sagte Ilse und setzte sich ihm gegenüber.
Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespräch anzufangen, aber er ging nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.
Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmückt, und war nun enttäuscht, daß der Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu wissen, daß er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation geschickt zu benehmen.
Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich leugnete er immer sehr bestimmt ab, daß er irgend etwas vermisse, wenn sie ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im [pg 108]Zweifel, aber doch neigte sie sich mehr der Ansicht zu, daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts brauche, als seine Arbeit, seine Bücher.
Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte nicht das warme Herz, das Verständnis für die Kinder, wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen ein, wie es niemand besser verstand.
„Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die letzte?“ fragte er in diesem Augenblick.
„Aber, Onkel Heinz,“ rief Ruth entrüstet, „ich bin niemals die letzte gewesen!“
„Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja nie etwas, du bist die Dümmste in der ganzen Klasse ..“
„Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!“
„Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!“
„Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.“
Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wußten sie genau, daß sie sich alles mögliche herausnehmen durften, und meistens endete eine solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch noch zu hinfällig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen Kampf einlassen zu können.
Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen doch er wandte sein ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz – sie mußte ihn tief, tief gekränkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.
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„Sie waren recht krank, lieber Professor?“ fragte sie nach einer Weile in ihrem sanftesten Tone.
„Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!“
„Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?“ fuhr Ilse fort.
„So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du Strick,“ wandte er sich dann sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikäfer in den Bart gesetzt hatte.
Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien ihm sehr angenehm zu sein – fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung? Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt und mußte ihn wieder versöhnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so verlassen vor, so trostlos traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte, er möchte ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er hätte bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen würden.
Ruth wollte sich wie gewöhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nähe ihres Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf Ilse, um ihr zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war; daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.
„Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?“ fragte der Professor.
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„Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiß die größte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus.“
Onkel Heinz brummte etwas Unverständliches in den Bart, wobei er unverwandt durch das Glasfenster in der Türe auf den Balkon blickte, wo seine kleinen Freundinnen den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung unterwarfen.
„Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, daß Sie krank waren?“ fragte Ilse wieder.
„Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn Sie das gewußt hätten,“ antwortete er nicht gerade liebenswürdig.
Dann schwiegen wieder beide.
Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloß deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.
„Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel Heinz?“ fing sie an.
Er antwortete nicht.
„Ich wollte Sie ja nicht kränken,“ fuhr sie fort.
„O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer merken lasse,“ unterbrach er sie nun fast heftig.
Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, daß er sie durch sein Benehmen oft reize und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrückte doch lieber diese Bemerkung.
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„Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts dabei,“ gab sie statt dessen freundlich zur Antwort.
„Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack,“ warf er ein.
„Ja, aber wieso denn?“
„Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder Sie sagen, ich sollte froh sein, daß ich nicht verheiratet wäre, denn ich würde eine Frau nur unglücklich machen, na – und ähnliche Redensarten mehr!“
„Aber, das ist doch alles nur Scherz!“
Ilse mußte beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft zumute.
„Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie glauben, daß ich den Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief sitzt,“ erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme.
Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin. Nach einer Weile fuhr er fort:
„Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt, zu verwöhnt, – denn offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht richtig – Sie sind verheiratet, haben Kinder,“ fuhr er fort.
„Aber, bester Professor,“ unterbrach ihn Ilse, „dieses Glück könnten Sie doch auch haben, wenn Sie wollten! [pg 112]Ich denke immer, es läge Ihnen nichts daran und Sie hätten nur Interesse für Ihre Bücher.“
„Meinen Sie?“ fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken mußte.
„Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig oder nicht für fähig?“ fing er wieder an.
„Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,“ erwiderte Ilse etwas verlegen.
„Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit über das Gefühl der Einsamkeit hinweghilft. – Sie kennen so etwas natürlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß Ihr alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen haben kann, und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß darüber spotten und lachen.“
Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.
„Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn für so falsch?“ fragte Ilse mit trauriger Stimme. „Und dann noch eins,“ fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, „Sie sagten vorhin, mein Mann behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?“
„Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, er läßt Ihnen zuviel Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch – Sie hätten ganz anders erzogen werden müssen.“
„Erzogen, erzogen!“ brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf ein Haar dem Trotzkopf von früher, [pg 113]„Ich bin doch kein Kind mehr, das ‚Erziehen‘ würde ich mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.“
„Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau Gontrau, dann wollen wir dieses Thema lieber verlassen,“ sagte Onkel Heinz in jenem Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.
Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu einem neuen Streite statt zur Versöhnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so dachte und fühlte er oft!
„Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?“ fragte sie plötzlich, „warum nicht?“
Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der Blick, den er Ilse zuwarf. Sie konnte sich denselben nicht recht erklären, dennoch fühlte sie instinktiv, was er ausdrückte – es beunruhigte – es verwirrte sie.
„Sie halten mich wohl für recht schlecht?“ platzte sie in ihrer Verlegenheit heraus. „Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen.“
„Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,“ erwiderte der Professor einfach, „sonst würde ich überhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch, nicht wahr? Schöne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das nicht?“
Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kämpfe er mit seinen Gefühlen.
[pg 114]
„Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,“ sagte Ilse schnell; „aber oft sind Sie zu absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie seine Wissenschaft manchmal herunter!“
Ironisch lächelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.
„Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres.“
„So?“ unterbrach ihn Ilse lebhaft; „wenn also die Juristen einseitig sind, dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur sagen.“
„Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen, Frau Gontrau. Nun wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder. Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persönlich, es gibt ja doch Ausnahmen unter den Juristen!“
„Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?“ fragte Ilse schnell.
„Sonst wäre er mein Freund nicht,“ gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck zur Antwort.
Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung, die er von sich hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentümlichkeiten gegen seine wahre Freundschaft für sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er würde mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler werden, wenn die Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstört werden sollte. War es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu retten, das [pg 115]allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war, sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu verlieren?
Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhältnis doch nicht ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte, jedoch hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es gegen seine Überzeugung ging.
Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, daß sie ihm heute, in diesem Augenblicke viel, viel näher gerückt war als je zuvor, denn in solchem Maße hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin, hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?
Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und hätte gern mehr darüber erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter seinem Blicke beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.
Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglückliche Liebe?
Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und das war gut.
Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefühle zu offen gezeigt zu haben, ein ironischer Zug [pg 116]lagerte sich um seinen Mund, als mache er sich über sich selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem wahren Galgenhumor.
Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle, sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe auf dem Balkon duftig umwob.
Laut rief er sie bei Namen.
„Ruth, Marianne, kommt herein!“
Die beiden ließen sich das nicht zweimal sagen, ungestüm stürmten sie ins Zimmer.
„Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe Luft hier!“
Ilse öffnete Fenster und Türe weit – sie und Onkel Heinz atmeten tief auf, als der frische Zug von draußen hereinwehte – belebend, ermutigend!
„Onkel Heinz,“ rief Ruth fröhlich, „gestern haben wir uns den Rasenabhang – weißt du den, wo die vielen Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie schade, daß du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit herunter?“
Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm verlangten.
„Onkel Heinz,“ sagte Ilse auf einmal lachend und einer plötzlichen Eingebung folgend, „wie haben Sie sich denn hier mit den Ärzten vertragen, die Sie ja doch so sehr verabscheuen?“
„Ja,“ erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut [pg 117]gelaunt, „was soll man denn machen, wenn sie einen in völlig wehrlosem Zustande in die Klinik schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!“
„Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden, Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!“
„Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!“
Streiten mußte er nun einmal immer.
„Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden Sie sich gewiß schnell erholen in der himmlischen Frühlingsluft. Dürfen wir bald mal wiederkommen?“
Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem unklaren Gefühl, daß sie trotz allem einen nicht geringen Einfluß auf Onkel Heinz ausübe; so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte, ebenso empfänglich war er andrerseits auch für die geringste Freundlichkeit.
So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.
Beim Fortgehen sagte Ilse leise:
„Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute Freundschaft halten.“
Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche Bitte über ihre Lippen zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm ihre Worte.
„Auf gute Freundschaft!“ erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand.
Der Abschied von den Kindern war ein sehr zärt[pg 118]licher, namentlich von Ruth, die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.
Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurück und schloß die Augen. Worüber er nachdachte? Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. Den Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie er denjenigen manchmal begünstigt, der auf hohem Berge steht und sehnsüchtig in die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig späht er hinab, sieht unter sich ein blühendes Tal – hier ein Dorf – dort ein Schloß auf der Höhe. Was liegt nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen, möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben sich die Wolken davor, alles verbergend und verhüllend.
So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel Heinz die undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem Blicke verbarg.
Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer, und brachte seine Abendmahlzeit.
„Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, Sie könnten sich sonst erkälten, Herr Professor,“ sagte sie freundlich.
Er erwachte wie aus einem Traume!
„Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja Unsinn – Luft schadet nichts, will mich nicht verpimpeln.“
[pg 119]
Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche der Kranken gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie für ihre Pflicht hielt; sie schloß die Türe und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. –
Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt, um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten. Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu behandeln als bisher.
Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige Gesang der Nachtigallen machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf einmal in einem ganz andern Lichte; seine äußere Rauheit war nur Schein, dahinter verbargen sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit, Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr geschenkten Vertrauens würdig war.
Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem kleinen Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrübt und nachdenklich, und faßte den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu sein. –
Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte, hielt zum Glück nicht lange an.
[pg 120]
Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz der Alte, und jedes mitleidige Wort, das Ilse über seine Krankheit, über sein einsames Leben an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu bedauern sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und wüßte sich mit den Tatsachen abzufinden.
So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich Ilse mehr zusammen, und Worte wie: „alter Junggeselle, Brummbär“ usw., die ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr zu hören.
* * *
Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage waren heiß, das frische Grün der Gärten wurde durch eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war eingezogen und hatte den Frühling verdrängt.
Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schönste gepriesen, wie kurz vorher sein Vorgänger, der wonnige Mai.
Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte von sich hören lassen.
Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe verließen, war eine Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine Feder [pg 121]an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag ging nicht spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie aus ihren törichten Ideen auf, das Leben nahm für sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß es ihr eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine andre geworden, als sie den Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun Käthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte sie von der Großmama zurück. Nach und nach gewöhnte sich die Kleine mehr an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen zu haben, wie sie früher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mühe und Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter und Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.
So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein Landwirt! Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse und Nellie oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, daß diese sich geändert haben mußte, denn sie klangen ganz vernünftig, und nur selten noch erging sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre zwei kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein Zwillings[pg 122]pärchen, schrieb sie glücklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu können. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in der schweren Zeit beigestanden hatten.
Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten habe, mitzukommen.
Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem Hin- und Herüberlegen entschloß sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, daß sie kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit mit den Kindern eintreffen würde. Ruths Ferien sollten in den nächsten Tagen beginnen, und auch ihr und Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut tun.
Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunächst als eine Unmöglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das Dienstmädchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte sie rund heraus.
Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht [pg 123]aussehend, und stellte ihm dies so beharrlich vor, bis er schließlich selbst fand, daß seine Frau erholungsbedürftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er plötzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches und, wie sie meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so abquälen mußte, der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen, er wollte in der staubigen, heißen Stadt allein zurückbleiben und arbeiten, immer arbeiten; niemand würde da sein, der für ihn sorgte, wenn er müde und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine Erholung für ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu erfüllen suchte. O, sie würde keine ruhige Minute auf der Reise haben, nicht die Spur von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an ihn denken.
Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte nicht, daß diese sich heimlich ins Fäustchen lachte, als sie sah, daß ihre Bemühungen erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam für den nervösen Direktor, daß er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was er an dieser Frau besaß, die ganz und gar in ihm aufging und nur für ihn auf der Welt zu sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts auszurichten; sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht [pg 124]wisse und beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe für die Freundin fand sie dennoch, daß diese solche Dinge zu leicht nehme.
„O, ich bitte dich,“ flehte sie Ilse an, „rede es Fred aus, daß ich fort soll, sage ihm, daß du mich frisch und gesund fändest, und daß ich keine Erholungsreise nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.“
Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das erklärte sie ganz offen gegen Nellie. So mußte sich diese denn ins Unvermeidliche fügen. Fred hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er schließlich so nervös und ungeduldig geworden, daß sie endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit standen. Alle seine Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so daß der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.
Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mußte noch unzählige Ermahnungen über sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke; aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine [pg 125]Düte heraus, die von den Kindern mit Jubel begrüßt wurde.
„Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich amüsieren,“ sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur Kneipe abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit genießen.
„Siehst du wohl,“ lachte Ilse.
Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig vertragen und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal des Guten zu viel getan hätte.
„Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,“ sagte Onkel Heinz mit pfiffigem Lächeln, „ich werde auf die beiden Männer achten.“
„O, Sie sind mir der Rechte,“ erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen Worten gut herausfühlte. –
Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden zum Abschiedsgruße zu.
Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwährend zu fragen und zu zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um sie zufrieden zu stellen.
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So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.
Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und küßte sie immer wieder.
Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, musterten sich die Freundinnen untereinander mit großem Interesse. „Du hast dich aber gar nicht verändert,“ hieß es. „Etwas stärker bist du geworden.“ „Und du siehst viel wohler aus, als früher,“ und ähnliche Redensarten mehr wurden ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger Trennung wiedersieht.
Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verändert. Durch die Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch paßte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der Wagen durch blühende Wiesen und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie wieder den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob sie von dort etwas Besonderes erwarte.
Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich. Zwar brannte noch heißer Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur war derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in [pg 127]dem eine Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.
Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, das unter den warmen Strahlen einen köstlichen Duft ausströmte, dann bogen sie wieder in die staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.
Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter deren blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen, während barfüßige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu fühlen.
Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu, und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.
„Sie kennen mich alle,“ sagte sie stolz, „und ich darf auch wohl sagen, daß ich ihnen eine brave Gutsherrin bin.“ „Wie geht’s dem Vater?“ fragte sie im Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort in dem Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: „Ich komme in diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein.“
Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen Feldweg, kamen dann an einigen großen Scheunen vorbei, hinter denen stattliche Misthaufen den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren nun in den Gutshof ein.
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„Vor das Schloß fahren,“ befahl Flora mit komischer Grandezza.
Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten führte, und hielt vor einem großen kastenartigen Gebäude – es war das sogenannte „Schloß“. – Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung gegeben hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht mit dem stolzen Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen waren.
„Es gehörte einem Baron v. H.,“ erklärte Flora, als sie bemerkte, daß die Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam betrachteten. In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen Blondkopf führend – Käthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! Das verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt, Nellie und Ilse mußten sie immer wieder betrachten. Und dann die Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er ihnen geschenkt hatte.
Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben keine Antwort.
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„Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,“ rief Flora, als sie sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmühte.
Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus, sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen lütten Druwäppeln „Lining“ und „Mining“; ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar.
Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in diesem Moment über die vier Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten! So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen, aber daß Ilses Mädchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch unwillkürlich aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen hätten.
„Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,“ wandte sie sich an Ilse und Nellie, und dann schalt sie, daß Käthe ihnen die Haare so glatt gekämmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die Blondköpfe, als könnten sich unter dieser Berührung die glatten Strähnen in Locken verwandeln.
„Aber nun kommt herein,“ sagte sie, als die Begrüßung vorüber war, und fragte ihre Kinder: „Wo ist denn der Papa?“
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„Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,“ berichtete Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.
Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft nicht verbergen.
„Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich möchte sie gerne sehen,“ bettelte nun Ruth, für die ein solcher Anblick hochinteressant war.
„Später, später,“ antwortete Flora flüchtig.
Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt und in die Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die weiß getünchten Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl aus, der helle Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine Abwechslung in die Eintönigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen soeben erst aus den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, denn ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Öldruckbilder an den Wänden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Möbel, mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung; über die Tischdecke, schwarz mit großen roten Blumen, war als Schutz noch eine weiße Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein großer Feldblumenstrauß – das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.
Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwöhnten Städtern eine Wohltat, und [pg 131]mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strömte.
Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefällt es euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmütigkeit alles.
„Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel stammen noch von den Großeltern des Barons, sind also ganz antik,“ erwiderte Flora und zeigte dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. „Aber nun will ich nicht weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid, erwarte ich euch im Eßzimmer – im unteren Flur die Türe rechts.“
Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, während Ruth die kleinen Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch viel mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie meinte, die hätte sie noch gar nicht gern, sie sprächen ja nichts und sähen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet wären.
Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches Urteil, indem sie ihr klar machte, daß sie dergleichen ja nicht etwa zu Tante Flora, überhaupt nicht zu andern sagen dürfe.
Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit später ins Eßzimmer, einen großen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Käthe und den Zwillingen [pg 132]ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise höchst neugierig waren.
Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die prächtigen Geweihe an den Wänden, die sie sich als Kennerin sonst gewiß eingehend betrachtet haben würde, und blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften, neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. Die ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, – einen größeren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten Schultern saß ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und seine kräftigen Hände; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken Falte über dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an?
Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie strich über seine Stirn und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?
Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lächeln von Nellie vermuten.
„Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern sein müssen,“ wandte sich Flora an die Freundinnen, während man sich um den Tisch zum Essen niedersetzte.

„Ja, ja, es ist zum Braten draußen,“ erwiderte er und wischte sich die hellen Perlen von der Stirn. „War [pg 133]wohl auch ’ne nette Temperatur in den Coupés, was?“ wandte er sich an seine Nachbarinnen.
„O ja,“ lachte Ilse, „aber dafür haben wir’s auch jetzt gut, hier ist es ja herrlich kühl. In der Stadt fanden wir es unerträglich und freuten uns deshalb sehr, als Ihre liebenswürdige Einladung ankam.“
„Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge machen können! Die Umgegend ist so schön,“ sagte Flora.
„Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir haben, es ist die höchste Zeit. Der ist so nötig, wie ’s liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, alles vertrocknet; wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter fürs Vieh mehr haben.“
„Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, dürfen wir uns doch keinen Regen wünschen,“ erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar peinlich, daß er so sprach.
Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:
„Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter Landwirt sein, wenn er nicht so dächte. Als einstiges Landkind weiß ich ganz genau, was es bedeutet: kein Regen!“
„So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?“ fragte der Gutsbesitzer voll Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.
„Aber, August,“ rief Flora, „ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und Frau Althoff erzählt.“
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„Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so vieles durch den Kopf, daß ich für so etwas kein Gedächtnis habe.“
„August!“ Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.
„O, das kenne ich von Fred genau,“ tröstete Nellie. „Der arme Mann ist oft so vergeßlich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind seine Nerven auch sehr herunter.“
Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte des armen vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, da er ihrer Pflege so sehr bedürfe.
Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es verstand.
Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine längere Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Übrigens wurde ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafür war er zu derb, dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, das Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, die für alles was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte [pg 135]ihm unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil seiner Ländereien mit Zuckerrüben bebaut habe, und daß er zur bequemen Beförderung der Rüben eine kleine Bahn über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner Felder zur Rübenkultur vorzubereiten. Sie sprach über die neuen landwirtschaftlichen Maschinen, über die besten Düngemittel wie ein Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich werden würde.
Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, daß August seine Nachbarin nicht über andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, daß Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darüber auszufragen.
Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saßen nicht mehr so schüchtern und still auf ihren Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. Ruth besonders rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkündete, daß der Kaffee unter der [pg 136]großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden sollte.
Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden Äste wölbten sich zum schützenden Dach über dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die kleinen Ritzen und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle und Bänke, auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gästen niederließen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den Haaren und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt mit dem Wohlgeruch der Reseda, womit die Beete eingefaßt waren.
Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden über den wonnigen Platz, und letztere dachte im stillen, daß diese grüne farbige Umgebung, die freie Luft einen weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn und seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften Töne im Zimmer taten.
In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroße Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und für die Kinder eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn nicht aus den Augen.
Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum auf, was besonders von Ruth [pg 137]jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun doch endlich zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen. Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen! Aber unbekannt waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten ganz gut Bescheid, da sie ja fast alle Jahre zum Besuche bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.
Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man ging über den Geflügelhof, alles war in bester Ordnung, und wenn die große Gestalt des Besitzers erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er ein strenges, aber gerechtes Regiment führte.
„Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,“ sagte Flora scherzend, als das Blöken der Kühe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der Schweine ihnen noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude verließen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang über die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und üppig standen die Felder, die Ähren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Köpfchen tauchten bald hier, bald dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken war [pg 138]für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Händen voll bunter Blumen kamen sie zurück, und Käthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im Hause beschäftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der Kastanie stellte.
Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun Uhr wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu Bett geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken um die Wette durch die abendliche Stille.
Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.
„Gerne, gerne,“ riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn Werner.
„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen,“ erwiderte Flora. „August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich müde. [pg 139]Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht wahr?“ wandte sie sich an die beiden.
„Selbstverständlich,“ gaben sie zur Antwort.
„Na, dann schlafen Sie recht gut,“ sagte der Hausherr und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte. „Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume! Gute Nacht, Frau,“ sagte er dann freundlich zu Flora. „Vergiß nicht, morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.“
„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“ entgegnete Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.
Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies verhallt waren, hörte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.
„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint; das meint er gar nicht so,“ fing Flora auf einmal ohne äußeren Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie [pg 140]deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen Mannes und so lieber Kinder sein könne.
„Ja, ja, das bin ich auch,“ erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken, vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.
„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“ sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hände drückend, und fuhr dann fort: „Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah ein, daß ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle Welt paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum zweiten Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. Aber da habe ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.“
[pg 141]
„Bravo, bravo!“ rief Ilse; so vernünftig hatte sie Flora noch niemals sprechen hören.
„Und wie ist es mit Käthe?“ fragte Nellie.
„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie über alles.“
„Wie schön für dich,“ sagte Nellie.
„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.“
Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.
„Nun, und Orla?“ fragte sie plötzlich. „Was habt ihr von der gehört? Bis in meine ländliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich nach etwas Höherem.“
Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, diesen Spaß konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und blieb.
„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“ rief Ilse. „Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden [pg 142]ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da kannst du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.“
„Ein Leben im großen Stile!“ sagte Flora, wie zu sich selbst. „Davon habe ich auch oft geträumt! Natürlich Dienerschaft in Menge?“
„Jedenfalls,“ lachte Ilse; „darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja, das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“
„Ja, ihr ist es geglückt,“ sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. „Sie lebt in der großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als Nihilistin eine Rolle?“
„Warum nicht?“ meinte Ilse, „zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte sie dazu.“
„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine Nihilistin!“ warf hier Nellie ein.
„Aber ich bitte dich,“ sagte Flora, „unmöglich ist es doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt würde.“
[pg 143]
„O, o!“ rief Nellie entsetzt, „deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen anfangen!“
„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“ fragte Flora; „in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar nichts.“
„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage ich dir,“ antwortete Ilse.
„O, süß!“ schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger Schatten überflog ihr Gesicht. „Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen.“
„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“ bettelte Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz unterdrücken konnte. Aber schneller als früher kam sie darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, daß diese als Schauplatz die große geräuschvolle Welt hatte, während der ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! –
Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich in den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der bunten [pg 144]Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme nach den herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! –
Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal geöffnet waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz gerühmt.
Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es [pg 145]ihr plötzlich ein, daß ihre Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.
Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. –
Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie das Nest leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –
Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem Erscheinen der beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen, und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.
„O, was magst du von uns denken,“ entschuldigte Nellie, und Ilse meinte: „Dein Mann wird sich schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!“
Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee, er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen zugegen zu sein.