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Aus Goethes Frühzeit

DER FAUST IN PROSA.

Reading edition

Es sei mir gestattet zu vorderst eine Bemerkung aus der Deutschen Rundschau (Augustheft 1878 Bd. 16 S. 329) zu wiederholen:

"Die Entstehungsgeschichte des Goethischen Faust ist ein Problem, welches nach so vielen gründlichen und geistreichen Erörterungen der letzten Zeit noch immer der völligen Erledigung harrt und in gewissem Sinne nie völlig erledigt werden wird. Referent hofft nachweisen zu können, dass ein mehr oder weniger ausgeführter Entwurf in Prosa schon zur Zeit des ersten Götz im Winter 1771 auf 1772 zu Papier gebracht wurde und dann als Grundlage der Umarbeitung in Verse, etwa seit 1773 diente. Spuren davon scheinen mehrfach durch, einmal sogar noch im zweiten Theil; ein Stück daraus ist die Scene 'Trüber Tag, Feld'; und was folgt 'Nacht, offen Feld' ging ursprünglich voraus und gehörte zur selben Scene, Reden der 'Hexenzunft' sollten zur Entdeckung von Gretchens Unglück führen. Auch die Domscene ist nur in Versen geschrieben, und das Gebet zur Mater dolorosa sollte eigentlich an ihre Stelle treten."

Ich will diese Vermuthungen jetzt zu begründen versuchen, nicht ohne von neuem zu prüfen, ob sie in allen Einzelheiten bestehen können. Jede Untersuchung über Faust ist erleichtert seit Herrn von Loepers neuer Ausgabe, einstweilen nur des ersten Theiles (Berlin, Hempel 1879), worin die Reimzeilen durchgezählt sind und dadurch zum ersten Male bequemes Citiren ermöglicht wird.

In der prosaischen Scene, von der meine Betrachtung ausgeht (S. 195), sind mit Recht die Zeilen für sich gezählt. Sie fehlt im Fragment von 1790; aber sie war nicht ungeschrieben (Loeper S. 197). Wieland bemerkte, am 12. November 1796, die interessantesten Scenen, wie z.B. die im Gefängnisse, wo Faust so wüthend werde, dass er selbst den Mephistopheles erschrecke, habe der Dichter unterdrückt (Böttiger Litt. Zustände 1, 21). Nur unsere Scene kann gemeint sein; das Gefängnis ist freilich ein Irrthum, aber ein leicht erklärlicher, da Gretchens Gefangenschaft das erste Motiv bildet. Dieselbe Scene muss Einsiedel im Auge gehabt haben bei den Worten: 'Parodirt sich drauf als Doctor Faust, dass 'm Teufel selber vor ihm graust'. Durch Einsiedels 'Schreiben eines Politikers an die Gesellschaft, am 6. Januar 1776' wird die Scene hinauf gerückt unter diejenigen, welche Goethe nach Weimar mitbrachte.

Wenn Schiller am 8. Mai 1798 eine Bemerkung Goethes erwähnt, 'dass die Ausführung einiger tragischen Scenen in Prosa so gewaltsam angreifend ausgefallen' (Düntzer S. 88): so war unter diesen Scenen die gegenwärtige ohne Zweifel mit begriffen; zugleich wird der Blick auf weitere eröffnet.

Dem steht nur scheinbar Riemers Versicherung entgegen (Mitth. 1, 349): Goethe habe ihm das Stück dictirt. Wonach es jünger als 1803 sein müsste, wo Riemer Goethes Hausgenosse wurde. Aber offenbar hat er ein älteres Concept umdictirt. Wie weit er dabei Veränderungen eintreten liess, können wir nicht wissen; nur dass die Anspielung auf Valentin (Z. 46 ff.) bei dieser Gelegenheit interpolirt sei, lässt sich vermuthen.

Faust. Rette sie oder weh Dir! Den grässlichsten Fluch über Dich auf Jahrtausende!

Mephistopheles. Ich kann die Bande des Rächers nicht lösen, seine Riegel nicht öffnen. – Rette sie! – Wer wars der sie ins Verderben stürzte? Ich oder Du?

(Faust blickt wild umher)

Greifst Du nach dem Donner? Wohl, dass er euch elenden Sterblichen nicht gegeben ward! Den unschuldig entgegnenden zu zerschmettern, das ist so Tyrannenart, sich in Verlegenheiten Luft zu machen.

Faust. [Bringe mich hin! Sie soll frei sein!

Mephistopheles. Und die Gefahr, der Du Dich aussetzest? Wisse, noch liegt auf der Stadt Blutschuld von Deiner Hand. Ueber des Erschlagenen Stätte schweben rächende Geister und lauern auf den wiederkehrenden Mörder.

Faust. Noch das von Dir? Mord und Tod einer Welt über dich Ungeheuer!] Führe mich hin, [sag ich,] und befrei sie!

Mephistopheles. Ich führe Dich, und was ich thun kann, höre!...

Das Eingeklammerte etwa halte ich für Interpolation; die Begrenzung ergibt sich von selbst. Der Zusatz ist nicht sehr glücklich; es fehlt ihm einheitliche Haltung. Erst wird auf das weltliche Gericht hingewiesen, das seine Hand nach dem Mörder ausstreckt. Dazu treten dann, als ob es dasselbe wäre, rächende Geister. Die Bemerkung Mephistos klingt wie eine gutmüthige Warnung; Faust nimmt sie als neuen Hohn. Die 'rächenden Geister' und 'Mord und Tod einer Welt' sind ein Versuch des fast sechzigjährigen Goethe, den Jargon seiner Jugend zu sprechen. Wenn er die Absicht hatte, hier durch neuen Hohn Mephistos eine letzte Retardation und Steigerung anzubringen, so würde das bei einheitlicher Conception ganz anders geklungen haben. Etwa so, schematisch: F. Führe mich hin. M. Du hast wol Lust den Häschern einen guten Fang zu bereiten, welche auf Valentins Mörder lauern? F. Führe mich hin, sag ich.

Dass im übrigen Goethe sein altes Concept kaum vermehrt oder gemildert, höchstens durch für uns nicht nachweisbares Weglassen gekürzt hat, ergibt der ganz einheitliche Ton der Scene, ergeben auch die Andeutungen über einen sonst verlassenen Plan des Faust, welche uns darin aufbehalten, mithin aus dem ursprünglichen Manuscripte treu herübergenommen sind.

Wenn nun die Scene der Zeit vor Weimar angehört, so werden wir von vornherein geneigt sein, die Prosa für älter zu halten, als die Stücke in Knittelversen. Aber die Epoche der Entstehung lässt sich noch genauer bestimmen.

Zwischen der ersten und zweiten Fassung des Götz liegt eine Stilveränderung Goethes; und jene Scene – steht auf Seite der ersten Fassung.

Eine durchgehende Vergleichung des Gottfried von 1771 und des Götz von 1773 habe ich angestellt, und sie ist von den Herren Dr. Sauer und Dr. Minor weiter geführt worden auf Grund einer genauen Collation beider Fassungen. Wenn diese Arbeit erst vorliegt, wird man die prosaische Faustscene auf das genaueste darnach beurtheilen können. Fast überall sind Shakespearesche Manieren ausgemerzt, welche Goethe sich allzu bequem angeeignet hatte. Herder schrieb: Shakespeare habe ihn ganz verdorben. Goethe antwortet darauf aus Wetzlar Anfang Juli 1772 (DjGoethe 1, 310). Er hat unterdessen seinen Berlichingen noch weiter herunter gesetzt, als Herder: er müsse eingeschmolzen, von Schlacken gereinigt, mit neuem edleren Stoff versetzt und umgegossen werden. Was war geschehen? Goethe las die Alten, Homer, Xenophon, Plato, Theokrit, Anakreon, Pindar; die Emilia Galotti war erschienen. Doch will ich nicht so nebenbei diese wichtige Wandlung erledigen. Genug, dass sie etwa mit dem Frühling eingetreten sein muss oder schon früher. Er knüpft seine griechischen Studien an die Absicht, den Sokrates zu dramatisiren; diese Absicht selbst scheint unmittelbar auf die Vollendung des Gottfried von Berlichingen zu folgen (DjGoethe 1, 303). Und gleich, als er abschloss, hatte er das Gefühl, das Stück solle nur eine Meilensäule werden, von der wegschreitend er eine weite Reise anzutreten hätte. Er will keine Veränderung unternehmen, bis er Herders Stimme gehört; und er weiss, 'dass alsdann radicale Wiedergeburt geschehen muss'.

Der Gottfried vom December 1771, wenn wir ihn so ungefähr datiren dürfen, strotzt von Uebertreibungen, wie sie nachher die Sprache der Räuber in eine Art classischer Vollendung brachte, nachdem der ganze Sturm und Drang dieses Blut nach Herzenslust getrunken. Charakteristisch ist z.B. wie gerne die Personen mit grossen Zahlen um sich werfen, insbesondere um ungeheuere Zeiträume anzudeuten. 'Wenn ich sie ein Jahrhundert bluten sähe, meine Rache würde nicht gesättigt,' sagt Metzler von den unglücklichen Edelleuten (42, 185). Der Wind wird aufgefordert, die Seelen der Ermordeten tausend Jahre um den Erdkreis herumzujagen (ibid. 190). Franz ist von Adelheid auf den schönsten Lohn vertröstet worden: 'Wenn sie Wort hält! – ruft er aus – das wird ein Jahrtausend vergangener Höllenqualen in einem Augenblick aus meiner Seele verdrängen' (193). Alle solche Stellen sind im Götz von 1773 weggeschafft.

Die Faustscene bietet: 'Du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin!' (Z. 24) 'Den grässlichsten Fluch über dich auf Jahrtausende!' (Z. 36) Das entscheidet. Es ist unmöglich, dass ein Dichter der an einem Werke mit sich einig ist solche Uebertreibungen wegzuschaffen, sie an einem anderen sollte neu gemacht haben. Nur können wir bis jetzt nicht wissen, wann Goethe die Grundsätze seiner Umarbeitung feststellte. Sein allgemeines Misfallen an der früheren Manier bürgt noch nicht für die Einzelheiten der neuen.

Aber Parallelstellen treten hinzu.

Faust Z. 31: 'Grosser, herrlicher Geist ... warum an den Schandgesellen mich schmieden'. Adelheid in einer 1773 weggefallenen Scene des fünften Aufzuges: 'Schicksal, Schicksal, warum hast du mich an einen Elenden geschmiedet?'

Faust Z. 1: 'Im Elend! Verzweifelnd! Erbärmlich auf der Erde lange verirrt und nun gefangen!' Z. 3: 'Bis dahin! dahin!' Z. 7: 'Gefangen! Im unwiederbringlichen Elend! Bösen Geistern übergeben und der richtenden gefühllosen Menschheit!' Weislingen in später weggeschafften Stellen: 'Elend! Elend! Ganz allein zu sterben – von niemanden gepflegt, von niemanden beweint!' ... 'Verlassen von aller Welt, im Elend der jämmerlichsten Krankheit, beraubt von denen, auf die ich traute – siehst du, ich bin gesunken, tief, tief.' In derselben Scene spricht Weislingen von bösen Geistern, welche ihren höllischen Muthwillen an unserem Verderben üben (die Stelle ist 1773 beibehalten), wie Faust dem Mephisto vorwirft, dass er 'sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt' Z. 33.

Das Substantiv und Adjectiv 'Elend' kommt in beiden verglichenen Scenen häufig vor.

Alles aber reicht nicht aus, um uns entschieden in die Zeit vor der Arbeit am Gottfried von Berlichingen zu verweisen. Und es wäre voreilig zu läugnen, dass die Scene nicht in Wetzlar entstanden sein könnte, wo Gotter unseren Dichter am Faust arbeitend wusste.

Bleiben wir daher, wenn eine Jahreszahl nöthig ist, mit allem Vorbehalte beim Jahre 1772 stehen. Hauptsache und sicher scheint mir, dass die Scene jener kurzen shakespearisirenden Gährungsepoche angehört, in welche Goethe zu Strassburg erst verfiel und aus der er sich zu Anfang 1772 schon wieder herauszuarbeiten begann.

Die Scene ist ein unschätzbares Document für die älteste Schicht der Goetheschen Aufzeichnungen zum Faust. Wir müssen es so vollständig als möglich ausnutzen um uns eine Vorstellung von dem ursprünglichen Plane zu bilden. Dass dieser von dem ausgeführten erheblich abwich, erkennen wir bald.

Gretchen ist im Kerker als Missethäterin eingesperrt. Vorher war sie 'erbärmlich auf der Erde lange verirrt': ein Motiv, welches jetzt ganz fallen gelassen ist.

Dieses Schicksal Gretchens hat sich vollzogen, während Faust von Mephisto 'in abgeschmackten Zerstreuungen' gewiegt wird. Ob die Walpurgisnacht damit gemeint sein könne, bleibe einstweilen dahin gestellt.

Mephisto gefiel sich früher oft, des Nachts in Hundegestalt vor Faust herzutrotten, dem harmlosen Wanderer vor die Füsse zu kollern und sich dem niederstürzenden auf die Schultern zu hängen. Folglich hatte Goethe nicht die Absicht, ihn als Hund vor Mephisto zuerst erscheinen zu lassen; der Pudel war nur eine gelegentliche Metamorphose, die er zum Scherz annahm. War er ihm so zuerst erschienen, so musste das Faust hier ebenso, ja noch eher als den gelegentlichen Scherz erwähnen.

Faust ruft einen Geist an: 'du unendlicher Geist' (Z. 12) 'grosser herrlicher Geist' (Z. 31). Dieser Geist ist ihm erschienen, er kennt sein Herz und seine Seele, er hat ihm den Mephisto beigegeben, ihn an den Schandgesellen geschmiedet (Z. 33).

Mephisto wird genannt: 'Verrätherischer, nichtswürdiger Geist' (Z. 4) 'Hund! Abscheuliches Unthier!' (Z. 12) 'Wurm' (Z. 13) 'der Verworfne' (18) 'der Schandgeselle' (33: 'Gesell' im eigentlichen Sinn, Genoss). Er wälzt die teuflischen Augen ingrimmend im Kopfe herum (6); er fletscht Faust die gefrässigen Zähne entgegen (30). Er vermag nicht Alles: 'Habe ich alle Macht im Himmel und auf Erden?' (52). Er ist kein Teufel demnach, aber ein Geist, der sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt (33).

Faust hat sich der Geisterwelt aufgedrängt, nicht sie sich ihm (28). Er muss also den Geist beschworen haben.

Gott ist der ewig Verzeihende (22) gegenüber der richtenden gefühllosen Menschheit (8).

Gretchen ist bösen Geistern übergeben (8). Mephisto will des Thürmers Sinne umnebeln, Faust soll sich der Schlüssel bemächtigen und die Unglückliche herausführen. Mephisto wird sie auf Zauberpferden entführen (53). Dazu stimmt die letzte Scene: sie ist wahnsinnig, und der Befreiungsversuch wird gemacht nach Mephistos Programm. Herr von Loeper hat gesehen, dass der Auftritt im Mai 1789 auf Grund einer älteren prosaischen Niederschrift in die jetzige Gestalt gebracht wurde (S. XVIII). Die wesentlichen Motive dürfen für alt gehalten werden.

Wie aber verhält es sich mit dem Anfange?

Zunächst die Erscheinung des Erdgeistes muss zu dem ältesten Bestande des Faust gehören. Und dazu stimmt dass ein nothwendiger Bestandtheil der Erscheinungsscene noch jetzt reimlos prosaisch geblieben ist, wenn auch Goethe im Druck die Zeilen absetzen liess. Er fürchtete durch eine Umarbeitung in Reimverse das glänzend Naturwahre, das hier nicht entbehrt werden kann, zu verwischen.

Es wölkt sich über mir – der Mond verbirgt sein Licht – die Lampe schwindet! Es dampft! – Es zucken rothe Strahlen mir um das Haupt – es weht ein Schauer vom Gewölb herab und fasst mich an! Ich fühl's, du schwebst um mich, erflehter Geist! Enthülle dich!

Auf 'Geist' erfolgt dann ein Reim und damit wird in die Reimpaare wieder eingelenkt. Bis zu den ebenfalls prosaischen Worten: 'Nicht dir! Wem denn? Ich Ebenbild der Gottheit! Und nicht einmal dir!'

Aus der Stelle ergibt sich zugleich dass die erste Erscheinung des Erdgeistes nach dem Prosamanuscript wie nach der späteren Bearbeitung in Fausts Studirzimmer stattfinden sollte. Der Erdgeist kam auch in der Prosa gerufen; denn Faust hat sich der Geisterwelt aufgedrängt, wie wir sahen. Die Erscheinung aber stand nicht folgenlos da, wie jetzt, sondern entschied über Fausts Schicksal: der Geist hat ihm den Mephisto beigegeben. Geschah dies schon bei der ersten Erscheinung oder erst später? Für das letztere lässt sich geltend machen dass der Geist Fausts Herz und seine Seele kennt: das kann sich nicht auf die erste Beschwörung beziehen, für die man ein leidenschaftliches Ringen und Anpochen an die Pforten der Geisterwelt immer wird voraussetzen müssen. Vielmehr möchte man aus der Aeusserung schliessen dass Faust nach der ersten Erscheinung, welche ebenso verlief wie in unserem jetzigen Texte, den Fehler gut zu machen suchte und darnach strebte, eine zweite Erscheinung herbeizuführen, indem er dem Erdgeiste d.h. der irdischen Natur sich ganz hingab, vielleicht die Wildnis, die Einsamkeit aufsuchte. Nicht blos dass die Erscheinung des Erdgeistes in der Prosa wichtige Folgen hatte: es wäre noch ein anderes Motiv der ersten Scene, welches jetzt beinah fallen gelassen wird, weiter geführt: die Sehnsucht 'Ach könnt' ich doch auf Berges Höh'n in deinem lieben Lichte gehn, um Bergeshöhle mit Geistern schweben, auf Wiesen in deinem Dämmer weben, von allem Wissensqualm entladen, in deinem Thau gesund mich baden!' Der Entschluss: 'Flieh! auf! hinaus ins weite Land!' Das Zauberbuch soll ihm einziges Geleite sein, die Natur ihn unterweisen wie Geist zu Geiste spricht.

Ich weiss nicht, ob ich auf diese Vermuthung gekommen wäre, wenn sie nicht einer aus anderen Gründen entstandenen Combination begegnete, welche von Goethes Arbeit am Faust im Jahre 1800 ausging. 'Ich hoffe dass bald in der grossen Lücke nur der Disputationsactus fehlen soll', schreibt er am 6. März an Schiller. Das Schema dieser Disputation findet man in den Paralipomena. Düntzer bemerkt richtig (S. 88), dass diese Disputation sich an Mephistos Erscheinung als fahrender Scholast anschliessen musste: auch ein Motiv das jetzt ohne Folge bleibt und nach früherem Plan eine Folge haben sollte. Wir dürfen vermuthen dass der Disputationsactus die Scene bilden sollte, welche sich an Mephistos Entweichen über das benagte Pentagramma hin anzuschliessen hatte. Die Verkleidung als Scholast war eben für die Disputation bestimmt, in welcher Mephisto die Vortheile des vagirenden Lebens auseinander setzen und Fausts Lüsternheit nach Geistererscheinungen benutzen, ihr für die Zukunft Befriedigung in Aussicht stellen sollte. Darauf konnte dann sofort folgen dass Mephisto sich in Fausts Studirstube noch einmal präsentirte und dass irgendwie eingeleitet wurde, was im Fragment nach der grossen Lücke stand: 'Und was der ganzen Menschheit zugetheilt ist, will ich in meinem innern Selbst geniessen'. Beiläufig, zwei im Fragmente reimlose Verse.

Schwerlich aber ist diese Erfindung ursprünglich. Und wir können, glaub ich, noch erkennen woraus sie zunächst entstand. Der zweite Theil enthält im ersten Act eine merkwürdige Andeutung: 'Musst ich nicht' – sagt Faust –

Musst ich nicht mit der Welt verkehren? Das Leere lernen, Leeres lehren? Sprach ich vernünftig wie ichs angeschaut, Erklang der Widerspruch gedoppelt laut; Musst ich sogar vor widerwärtgen Streichen Zur Einsamkeit, zur Wildernis entweichen; Und um nicht ganz versäumt, allein zu leben, Mich doch zuletzt dem Teufel übergeben.

Die Stelle enthält wie die erörterte Prosascene Voraussetzungen, welche sonst verlassen sind. Die gebrauchten Worte gehören einer Zeit an, in welcher Mephisto schon entschieden als Teufel gedacht war. Das Motiv dass Faust sich in der Wildnis befinde, lebt in der Scene 'Wald und Höhle' fort. Aber in dieser Wildnis sollte der Teufel erst als Versucher zu ihm treten. Und was ihn dahin getrieben hatte, waren widerwärtige Universitätsstreiche: er hat seine höheren Einsichten kühn vorgetragen und darüber Verfolgung erdulden müssen. Ich meine dass hierfür eine Disputationsscene entscheidend war, in welcher Faust, durch die Erscheinung des Erdgeistes kühn gemacht, zu weit heraus ging und vielleicht selbst dem todten Facultätswissen die unmittelbare Unterweisung der Natur und der Geister entgegenhielt. Hartnäckiger Widerstand konnte ihn dazu fortreissen, seine eigene Erfahrung zu enthüllen: dann war er als Zauberer erkannt, Lebensgefahr drohte, und Flucht wurde nothwendig.

Eine solche Entwickelung kann man nun sehr wol in den prosaischen Faust zurückversetzen. In der Einsamkeit drängt er den Erdgeist zu neuer Erscheinung. Diese vollzog sich wol nicht, sondern Mephisto kam als Abgesandter des Geistes, aber als Retter, vielleicht vom Selbstmord: 'Und wär' ich nicht, so wärst Du schon von diesem Erdball abspaziert' (Erster Theil Z. 2914 'Wald und Höhle').

Um für den Anfang abzuschliessen: Goethes prosaischer Faust ist die Mittelstufe zwischen dem Puppenspiel und dem Fragment. Folglich kam auch im prosaischen Faust vor, worin Puppenspiel und Fragment übereinstimmen. Folglich wurde auch der prosaische Faust mit einem Monologe eröffnet, ungefähr desselben Inhaltes wie der jetzt vorliegende[12].

Daraus ergibt sich weiter, dass die ganze erste Scene des Fragmentes vor dem Auftreten Wagners ohne wesentliche neue Motive aus einer älteren Prosafassung in Verse gebracht ist.

Für den weiteren Gang der Prosa vermuthen wir: Disputation; Flucht; Einsamkeit; Mephisto erscheint als Diener des Erdgeistes.

Man darf daran erinnern, dass auch im Strassburger und in Geisselbrechts Puppenspiel die Beschwörung, welche den Mephisto herbeiruft, im Walde stattfindet, und ebenso beim Maler Müller.

Mephisto bewog natürlich in der Prosa den Faust, die Einsamkeit zu verlassen; und der Hauptinhalt dessen, was folgte, war: Gretchen.

Daraus sind uns wichtige prosaische Stücke, gegenwärtig in abgesetzten Zeilen gedruckt, erhalten. Das erste in der ersten Gartenscene.

Margarethe fährt fort.

Liebt mich – Nicht – Liebt mich – Nicht – (Das letzte Blatt ausrupfend mit holder Freude). Er liebt mich!

Faust.

Ja, mein Kind! Lass dieses Blumenwort Dir Götterausspruch sein. Er liebt Dich! Verstehst Du, was das heisst? Er liebt Dich! (Er fasst ihre beiden Hände.)

Margarethe.

Mich überläuft's!

Faust.

O schaudre nicht! Lass diesen Blick, lass diesen Händedruck Dir sagen, was unaussprechlich ist: sich hinzugeben ganz und eine Wonne zu fühlen, die ewig sein muss! Ewig! – Ihr Ende würde Verzweiflung sein. Nein, kein Ende! Kein Ende!

Das zweite Stück steht in der Katechisationsscene, Fausts berühmte Rede 'Der Allumfasser, der Allerhalter, fasst und erhält er nicht dich, mich, sich selbst? Wölbt sich der Himmel nicht da droben? Liegt die Erde nicht hier unten fest? Und steigen freundlich blickend ewige Sterne nicht herauf?' Goethe hat aber hier wol kleine Veränderungen angebracht; 'dir' dreimal in gleichen Abständen vor starker Interpunction (Z. 3090. 3092. 3094), mehr geregelter Rhythmus und einmal mitten darin ein Reimpaar ('ist: bist' 3095 f.) werden nicht zufällig sein. Der Schluss der Rede ist dann wieder durch Reime mit dem folgenden verknüpft. So wie vor den angeführten Worten 'Der Allumfasser' Reime hineingearbeitet sind. Aber die Zeile 'Ich glaub' ihn' ist doch ohne Reim geblieben.

Das dritte Stück ist die Domscene. Abgesehen von dem lateinischen Liede, lauter Prosa. Die Worte 'Gesang mein Herz im tiefsten löste' scheinen sich über das andere zu erheben und könnten ein Zusatz sein oder eine Veränderung enthalten. Aber wer will das wissen. Genug dass weder Reim noch entschiedener Rhythmus hier eintritt. Der böse Geist wie Gretchen reden Prosa.

Unter Gretchens Herzen regt sichs quillend. Es ergibt sich ferner, dass ihre Mutter durch sie 'zur langen, langen Pein hinüber schlief'. Wie die Annäherung Fausts sich vollzog, wissen wir nicht. Das Blumenorakel weist auf Scenerie im Freien, wie das Fragment sie bietet. Aehnlich wie im Fragment muss Faust ihr einen Schlaftrunk für die Mutter gegeben haben, welcher deren Tod wird. Wodurch? 'Drei Tropfen nur in ihren Trank' verordnet Faust: hat sie es überhört und zu viel hinein gegossen? Hat sonst böser Zufall oder der Teufel sein Spiel gehabt? Die Kerkerscene bestätigt, was hier allerdings wenig in Betracht kommt: 'Meine Mutter hab ich umgebracht' (Z. 4149).

Nach der Ohnmacht im Dom verlässt Gretchen die Stadt, um der Schande zu entgehen: so dürfen wir nach dem, was die Scene 'Trüber Tag, Feld' uns lehrte, weiter vermuthen. Sie irrt umher, tödtet im Wahnsinn ihr Kind, wird gefangen und in den Kerker gebracht. Unterdessen wurde Faust von Mephisto in Zerstreuungen umhergeschleppt, die er 'abgeschmackt' nennt. Er erfährt Gretchens Schicksal, eilt hin, will sie befreien: aber ihr eigener Wahn hält sie fest, die Zeit verrinnt, Faust muss fort und sie im Elend verlassen.

Wie erfährt er Gretchens Schicksal?

Die Frage ist sehr schwer zu beantworten, eine Vermuthung aber will ich nicht zurückhalten, oder vielmehr die Vermuthung begründen, welche ich doch einmal in der oben ausgezogenen Notiz der Rundschau nicht zurückgehalten habe. Ich stelle folgende Erwägungen an.

Erstens. Es konnte nicht Goethes Absicht gewesen sein, die Frage überhaupt im Unklaren zu lassen. Im Anfange der prosaischen Scene, von der wir ausgingen, hat Faust das Schreckliche soeben erfahren, er redet unter dem ersten Eindrucke: folglich muss die Entdeckung vor den Augen des Zuschauers stattgefunden haben, folglich fehlt der Beginn dieses Auftrittes, wir besitzen nur ein Fragment, nur die zweite Hälfte der Scene.

Zweitens. Zu der Zeit, wo Goethe die Walpurgisnacht ausarbeitete, war es seine Absicht wie die Paralipomena erweisen, das Unglück Gretchens auf dem Brocken zu Tage zu bringen. Die entscheidenden Worte sind: 'Nackt das Idol. Die Hände auf dem Rücken ... Der Kopf fällt ab ... Geschwätz von Kielkröpfen. Dadurch Faust erfährt.' Kielkröpfe sind Wechselbälge, Teufelskinder.

Drittens. Die Scene 'Nacht, offen Feld', in welcher Faust und Mephisto auf schwarzen Pferden daherbrausen und eine Hexenzunft um den Rabenstein beschäftigt erblicken, hat, wo sie jetzt steht, etwas sonderbares. Sie gibt freilich ein grandioses Bild; aber man sieht ihren Zweck nicht ein. Faust und der Zuschauer erfahren daraus nichts was sie nicht schon wüssten; die Beziehung auf Gretchen ist leicht zu errathen. Das Motiv des Dialoges scheint zu sein: Faust wünscht zu erfahren, was die Hexen treiben; Mephisto aber drängt ihn vorüber. Es ist ebenso auffallend, dass Mephisto hier mehr Eile haben sollte als Faust, wie es auffallend wäre, dass Faust nicht von selbst sofort an Gretchen denken sollte. Müssen wir aber die kleine Scene hier ausscheiden, so könnte sie sehr wol den eigentlichen Anfang der vorgehenden gebildet haben, und die Scenerie 'Nacht, offen Feld' wäre auf diese mitzubeziehen. Mephisto will den Faust vorbeidrängen; aber – so hätte die Fortsetzung lauten müssen – Faust lässt sich nicht vorbeidrängen, er tritt näher und erfährt aus Reden oder Gesängen der Hexen, in welcher Lage sich Gretchen befindet und was ihr droht. Die Hexen entfliehen, Faust stellt den Mephisto zur Rede: hier setzt die prosaische Scene ein.

Die Combination wäre unmöglich, wenn der Dialog am Rabenstein wirklich Verse zeigte. Aber die Reime fehlen; Rhythmus und innere Form sind auch mit Prosa verträglich. Also vielleicht ein neues wörtlich erhaltenes Stück des prosaischen Faust. Solches Eingreifen der Hexen wäre zugleich ein shakespearisirender Zug.

Ueber die abgeschmackten Zerstreuungen, von denen Faust in seinen heftigen Vorwürfen gegen Mephisto spricht, lässt sich nur sagen, dass sie wol schon ursprünglich mit dem Hexen- und Zauberwesen zusammenhingen. In einer Prosascene des zweiten Theiles, zu deren Erörterung wir gleich übergehen, wird von Meerkatzen geredet, wodurch wir uns an die Hexenküche erinnert finden. Denkbar aber wären auch Abenteuer im Stil von Auerbachs Keller.

Nachdem Gretchens Befreiung mislungen, muss für Faust nach dem ursprünglichen Plane eine Zeit bitterer Reue gefolgt sein. Der Zustand, in welchem sich Goethe nach seiner Untreue an Friederike befand, hätte sich darin gespiegelt. Dafür gibt es freilich keinen äusseren Anhaltspunct.

Natürlich kämpft Mephisto gegen die reuige Einsamkeit (hier Hexenküche? Vergessenheitstrank?); es gelingt ihm, Faust an den Hof des Kaisers mitzunehmen. Und hier greifen Fragmente der Paralipomena ein.

Am Hofe des Kaisers.

Theater.

(Der Acteur, der den König spielt[13], scheint matt geworden zu sein.)

Mephistopheles. Brav, alter Fortinbras, alter Kauz! Dir ist übel zu Muthe, ich bedaure Dich von Herzen. Nimm Dich zusammen. Noch ein paar Worte. Wir hören so bald keinen König wieder reden.

Kanzler. Dafür haben wir das Glück, die weisen Sprüche Ihro Majestät des Kaisers desto öfter zu vernehmen.

Mephistopheles. Das ist was ganz anders. Ew. Excellenz brauchen nicht zu protestiren. Was wir anderen Hexenmeister sagen ist ganz unpräjudicirlich.

Faust. Still! still! er regt sich wieder.

Acteur. Fahr hin, Du alter Schwan! fahr hin! Gesegnet seist Du für Deinen letzten Gesang und alles, was Du gutes gesagt hast. Das Uebel, was Du thun musstest, ist klein – – – – –

Marschall. Redet nicht so laut. Der Kaiser schläft, Ihro Majestät scheinen nicht wol.

Mephistopheles. Ihro Majestät haben zu befehlen, ob wir aufhören sollen. Die Geister haben ohnedies nichts weiter zu sagen.

Faust. Was siehst Du Dich um?

Mephistopheles. Wo nur die Meerkatzen stecken mögen? Ich höre sie immer reden.

Das Fragment bietet mir bis jetzt unüberwindliche Schwierigkeiten. Düntzer (S. 417) meint, Fortinbras bedeute in Mephistos Mund ironisch einen guten, edlen und tapferen König; und mit den Worten 'fahr hin, Du alter Schwan' soll der hinsterbende König sich selbst anreden, usw.

Mir liegt daran, wenigstens eins festzuhalten, was kaum zweifelhaft sein kann. Auf diese Scene hat eingewirkt einerseits die Geistererscheinung des Puppenspiels, andererseits das Theater im Theater des Hamlet; ihr entspricht im jetzt vorliegenden zweiten Theile die Erscheinung Helenas. Der 'alte Fortinbras' ist gewissermassen an die Stelle des im Puppenspiel erscheinenden Alexander des Grossen getreten (Creizenach 84. 154). Die Acteurs sind Geister, welche Faust und Mephisto citirten. Ihr Spiel scheint wie im Hamlet eine kritische Beziehung auf den zuschauenden Regenten, hier auf den Kaiser, zu haben. Und zwar richtet sich die Kritik gegen üble That bei weisen Worten.

Weiter muss Shakespeares Sturm verglichen werden, worin wirklich Geister, welche mythologische Figuren vorstellen, ein Schauspiel vor dem jungen Paare aufführen (IV. 1). Wie in dem Goetheschen Fragmente tritt einmal eine Pause ein und die Zuschauer unterreden sich während derselben. Prospero aber ruft ihnen zu, wie hier Faust: 'Still, Lieber!... Es gibt noch was zu thun. St! und seid stumm, sonst ist der Zauber hin.' Hier wie dort scheint das Schauspiel dann unterbrochen zu werden.

Prospero hat auch sonst Aehnlichkeit mit Faust. Wie Prospero die Zauberei abschwört (V. 1), so möchte Faust gegen Ende des zweiten Theiles Magie von seinem Pfad entfernen, die Zaubersprüche ganz und gar verlernen. Und der Mephisto des prosaischen Faust, der Diener des Erdgeistes, wäre, ohne seine Schadenfreude, ganz wol dem Ariel an die Seite zu stellen; die Schadenfreude allerdings hat er mit dem späteren Teufel Mephisto gemein.

Das zweite und dritte Fragment dürfte sich an das erste nahe anschliessen. Die Annahme ist kaum zu umgehen, dass die Gefangenen des zweiten Fragmentes mit den Geistern, die im ersten spielen und die im dritten verschwinden, identisch seien.

Es ist, wie ich schon sagte, ein – – – – –

Bischof. Es sind heidnische Gesinnungen, ich habe dergleichen im Marc-Aurel gefunden Es sind die heidnischen Tugenden.

Mephistopheles. Und das sind glänzende Laster, und billig, dass die Gefangenen deshalb sämmtlich verdammt werden.

Kaiser. Ich finde es hart; was sagt ihr, Bischof?

Bischof. Ohne den Ausspruch unserer allweisen Kirche zu umgehen, sollte ich glauben, dass gleich – – –

Mephistopheles. Vergeben! Heidnische Tugenden? Ich hätte sie gern gestraft gehabt; wenn's aber nicht anders ist, so wollen wir sie vergeben. – Du bist fürs erste absolvirt und wieder im Recht – –

(Sie verschwinden ohne Gestank.)

Marschall. Riecht ihr was?

Bischof. Ich nicht.

Mephistopheles. Diese Art Geister stinken nicht, meine Herren.

Gibt man die vorgeschlagene Identificirung zu, so repräsentiren die Geister Gestalten aus der alten Welt. Und die Bezeichnung Fortinbras mag von Goethe appellativisch als der Armstarke, der Starkarmige genommen sein[14]. Diese Geister haben wol im Verfolge des Theaters Gesinnungen geäussert, an denen der christliche Hof Anstoss nahm; sie sind gefangen gesetzt worden, und man beräth, was ihnen geschehen soll. Mephisto, der über sie Macht hat und diese Macht scheinbar im Sinne des Kaisers und der Kirche übt, weiss die Debatte schlau zur Freisprechung zu wenden. Er entlässt die Geister, indem er jedem eine kleine Rede hält, wovon nur der Anfang erhalten. Sie verschwinden.

Faust ist bei der Berathung nicht gegenwärtig oder betheiligt sich nicht daran.

Wir sehen, dass Goethes Faust, wie er ihm zuerst vorschwebte, nach dem Tode Gretchens eine Wendung zur Kritik des öffentlichen Zustandes in Staat und Kirche nehmen sollte. Herr von Loeper erinnert mit Recht an die Gespräche der bischöflichen Tafel zu Bamberg im Götz. Diese polemischen Elemente haben übrigens nachgewirkt und sind im ersten und vierten Acte des jetzigen zweiten Theiles noch vorhanden....

Weiter gelangt unsere Reconstruction für jetzt nicht. Gott ist der ewig Verzeihende, Mephisto ist kein Teufel: von einer Verdammung Fausts am Schlusse kann also nicht die Rede sein. Aber wie sein Ende gedacht war in diesem ersten Stadium des Faustentwurfes, das wissen wir nicht. Goethe selbst war darüber wol nicht im unklaren, wenn ihm auch nach dem Brief an Wilhelm v. Humboldt vom 17. März 1842 (S. 302) vor mehr als sechzig Jahren (d.h. vor dem J. 1772) die vorderen Partien des Faust mehr im einzelnen bestimmt vorschwebten als die hinteren.

Aber dass ich es nur gestehe: einem Kunstwerke gegenüber lässt sich der Drang, es als ein Ganzes zu begreifen, nicht unterdrücken. Und so ziehe ich in meiner Phantasie die begonnenen Linien doch bis ans Ende, ohne dass ich meine Leser auffordern will, mir darin zu folgen. Wenn Götz als ein Märtyrer des Rechtes und der Freiheit stirbt, konnte nicht Faust endigen als ein Märtyrer der Wissenschaft, der höheren Einsicht, welche mit der Kirche in Conflict geräth? Konnte nicht die Selbstaufopferung im Dienste der Wahrheit als eine Sühne der Schuld an Gretchen gelten? In den Strassburger Ephemerides beschäftigt sich Goethe mit Giordano Bruno, der wirklich als ein Märtyrer seiner Philosophie gefallen (Schöll 101); er vergleicht den Mendelssohnischen und Platonischen Phädon (ibid. 89); und nach dem Götz will er den Sokrates behandeln. Die hier versuchte Reconstruction aber hat in der Disputation, in der Katechisation und zuletzt in den Fragmenten vom Kaiserhofe Elemente aufgezeigt, welche zu dem Gedanken einer Opposition gegen die offizielle Religion in Beziehung gesetzt werden können.

Der ersten reinen Wirkung des Erdgeistes auf Faust ist dieser nicht gewachsen. Er muss geläutert werden. Mephisto regt das niedrig Irdische, das gemein Natürliche bei ihm an, verwickelt ihn in Schuld. Aber er wagt es für die Ueberzeugung, die er Gretchen gegenüber aussprach, für die Ueberzeugung von einem unerforschlichen Allgott zu kämpfen, gegen die kirchliche Lehre zu kämpfen, um kämpfend zu unterliegen, im Unterliegen aber sich einer besseren Zukunft zu getrösten, die er mit heraufführen helfen. Und dieser Kampf ist seine Erlösung.

Jedermann sieht, wie nahe nun erst Götz, Faust und Egmont (vgl. Anz. f. deutsches Alterth. 1, 207) an einander rücken würden. Aber ich finde keinen Anhalt, um diese Fortsetzung, welche ich dem ältesten Goetheschen Faust zu geben mich gedrungen fühle, fester zu begründen und den Nachweis zu führen, dass ursprünglich auf Faust selber angewendet werden sollte, was er in späteren Reimen zu Wagner sagt:

Die wenigen, die was davon erkannt, Die thöricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten, Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten, Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.

2. 2. 79.

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