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Aus einer kleinen Garnison

Zweites Kapitel.

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»Unteroffizier Meyer! Lassen Sie gefälligst den Mist aus dem Stalle schaffen, das ist ja eine schamlose Schweinerei! Was? die Stallwache ist nicht da? Dann machen Sie es selbst, es fällt Ihnen keine Perle aus der Krone. Vorwärts, dann bringen Sie mir das Parolebuch!«

»Zu Befehl, gnädige Frau.«

Frau Rittmeister Stark schritt, von zwei großen struppigen Hunden begleitet, mit langen Schritten im Stalle auf und ab. Sie trug ein schmutziggraues, schlechtsitzendes Reitkleid und einen runden Hut. In der Rechten hielt sie eine Reitgerte, welche sie manchmal sausend durch die Luft fahren ließ, daß sich die Hunde ängstlich hinter ihr verkrochen. Mit scharfem Blick musterte sie alles, die Streu, die Namentafeln über den Ständen der Pferde, und studierte eifrig das schwarze Brett, auf dem mit Kreide der Tagesdienst geschrieben stand. Hinter zwei Pferden, den einzigen beim Ausrücken zurückgebliebenen, machte sie Halt und schaute mit zornigen Augen auf das zottige, schlecht geputzte Fell der mageren Tiere, deren Kruppen mit den Hüftknochen ein gradliniges Dreieck bildeten. Dann hob sie dem einen Wallach den Hinterfuß und besah den Huf, holte ein Notizbuch aus der Rocktasche und notierte: »Remus Nr. 37 fauler Strahl, vorn links neues Eisen.« Darauf schritt sie die Treppe zum Heuboden hinauf. Dort lagen zwei Mann der Stallwache in süßem Schlummer, ohne das Eintreten der Schwadronsmutter zu bemerken. Wütend fuhr sie die erschrockenen Schläfer an:

»Faules Pack, schert Euch an die Arbeit, sonst mache ich Euch lebendig, ihr trägen Lümmels ihr!«

Und sie stürzten an die Futtermaschine, als stände der leibhaftige Teufel hinter ihnen. Dann stieg sie die Treppe hinab und ging Unteroffizier Meyer entgegen, welcher atemlos mit dem Parolebuche ankam. Er schlug die Sporen klirrend zusammen und hielt der Gestrengen das Buch vor.

»Halten Sie es gefälligst, während ich lese, oder meinen Sie, ich wollte mir die Finger an dem schmutzigen Umschlag fettig machen? Hier steht, daß morgen Revision des Sattelzeuges ist. Haben Sie alles in Ordnung?«

»Ich will den Herrn Wachtmeister fragen.«

»Vorwärts holen Sie ihn, aber Galopp!«

Der Wachtmeister war nicht sehr entzückt, daß man ihn in seiner Ruhe störte, denn die Zeit, während welcher sich die Schwadron auf dem Exerzierplatz befand, war für ihn die angenehmste des Tages. So saß er denn bei einer Tasse Kaffee seiner Ehehälfte gegenüber und rauchte behaglich die Morgenzigarre, als Meyer den Wunsch der »Gnädigen« überbrachte.

Zornig stampfte er auf und brummte:

»Was fällt nur diesem Frauenzimmer ein, sie tut gerade, als hätte sie etwas zu sagen! Es ist ein Skandal, daß man sich das gefallen lassen muß, aber tut man es nicht, gibt es Stank mit dem Oberst, der tanzt ja ganz nach ihrer Pfeife.«

Mißmutig schnallte er den Säbel um, stülpte die Mütze auf den kahlen Kopf und ging schimpfend die Treppe hinab. Langsam schlenderte er über den Kasernenhof dem Stalle zu und trat vor Frau Stark mit einem Gesicht, das sagen zu wollen schien: »Du kannst mir den Buckel herunterrutschen!«

Sofort fuhr sie ihn an:

»Wachtmeister, ist alles für morgen in Ordnung?«

»Ich denke, will aber heute Abend nochmals nachsehen.«

»Was, heute Abend? Sofort geschieht es, die Bummelei hat jetzt ein Ende. Außerdem verbitte ich mir Ihren brummigen Ton, sonst werde ich Sie dem Oberst melden. Bringen Sie mir jetzt mein Pferd.«

»Das ist zum Fouragieren, alle Pferde sind mit ausgerückt, bis auf die beiden Lahmen dort!«

»Was? Mein Pferd zum Fouragieren? Was ist das für eine neue Frechheit! Lassen Sie es sofort holen, der Unteroffizier kann zu Fuß gehen.«

Da wandte sie sich um, als sie Schritte vernahm, und, den Oberleutnant Borgert erblickend, rief sie ihm in schmelzendem Tone zu:

»Ah, sehe ich recht, mein lieber Oberleutnant Borgert, nicht wahr? Schon so früh im Dienst? Ich wollte gerade den Pferden meines Gatten etwas Zucker bringen, sehe aber, sie sind nicht da, mein lieber Mann rückt immer so entsetzlich früh aus.«

»Ihr Interesse für die Schwadron muß ich loben, gnädigste Frau, habe Sie schon so oft bewundert, wenn Sie im Stalle Befehle erteilten.«

»Befehle? Ich richte nur dann und wann kleine Bestellungen an den Wachtmeister aus, wenn mein Mann etwas vergessen hat. Man muß sich doch auch etwas um die Schwadron kümmern.«

»Sie sind zwar die »Gefreite« Ihres Gatten, aber ich sehe, Sie führen das Regiment. Meinen Glückwunsch zu diesem Avancement!«

»O Sie kleiner Schäcker! Sie machen immer zu niedliche Scherze! Ich sehe Sie doch heute Abend im Kasino?«

»Gewiß, gnädige Frau, wir haben bereits um 5 Uhr eine dienstliche Besprechung.«

»Ach richtig, das hätte ich fast vergessen. Sie wird nicht lange dauern, es gibt nur einige Kleinigkeiten.«

»Sie wissen.....«

»Aber gewiß, man interessiert sich doch auch ein wenig. Ich habe den Oberst auf Verschiedenes aufmerksam gemacht, das wird er wohl besprechen wollen.«

»Ich bin neugierig darauf! Doch da sehe ich gerade den Rittmeister König, mit welchem ich etwas zu erledigen habe. Guten Morgen, meine Gnädigste!«

»Adiö, mein Lieber, auf Wiedersehen!« Dabei hielt sie ihm die Hand vor den Mund, welche in einem schmutzigen Reithandschuh ihres Gatten steckte.

Während Frau Stark sich wieder dem Wachtmeister zuwandte, eilte Borgert dem Rittmeister König nach, der gerade in den Hof der dritten Schwadron einbog.

»Guten Morgen, Herr Rittmeister! Ich bitte sehr um Verzeihung, wenn ich störe, aber eine dringende Angelegenheit veranlaßt mich, eine Bitte vorzutragen.«

»Nanu, was gibt es denn,« fragte erstaunt der Rittmeister, »ist es denn etwas so Wichtiges?«

»Heute Nachmittag wird der Oberst wohl wegen der Kasinorechnungen sprechen, und da wäre es mir vor den jüngeren Herrn außerordentlich peinlich, wenn er dabei meinen Namen nennen würde.«

»Aber ich kann Ihnen das Geld jetzt nicht geben, es war mir schon schwer, vor 8 Tagen die 100 Mark für Sie aufzutreiben.«

»Wenn ich trotzdem meine Bitte wiederhole, Herr Rittmeister, so tue ich es, weil ich mich in einer außerordentlich peinlichen Lage befinde. Habe ich nicht bis zum Abend 400 Mark, so erwachsen mir die größten Unannehmlichkeiten und unabsehbare Folgen.«

»Das ist ja alles ganz gut und schön, aber ich habe das Geld einfach nicht!« entgegnete König achselzuckend.

Einen Augenblick sahen beide schweigend vor sich hin, dann brachte Borgert zögernd hervor:

»Wenn ich mir einen Vorschlag erlauben dürfte, Herr Rittmeister?«

»Nun, und der wäre?«

»Ich bitte aber das, was ich sage, nicht falsch zu verstehen! Könnte man nicht einstweilen die Schwadronskasse in Anspruch nehmen, da es sich nur um kurze Zeit handelt?«

»Aber um Gotteswillen, mein Lieber, was muten Sie mir zu! Ich kann doch keine Kasse angreifen!«

»Ich fände darin insofern kein Vergehen, da Herr Rittmeister doch allein für die Kasse verantwortlich sind und ein Eingriff in die Kasse nicht vorliegt, sondern nur das Entnehmen eines Betrages, der sofort wieder ersetzt werden kann!«

»Nein, nein, das geht beim besten Willen nicht!«

»Aber ich bin völlig ratlos, Herr Rittmeister, was ich machen soll,« entgegnete Borgert in wehleidigem Tone.

König überlegte und drehte sinnend seinen Schnurrbart. Eigentlich wäre es schlau gewesen, sich diesen Mann, der mit seiner spitzen Zunge und seinem Einfluß auf das gesamte jüngere Offizierkorps unter Umständen einem sehr schaden konnte, wenn man einmal nicht mehr mit ihm stand, möglichst zu verpflichten. Die lumpigen 400 Mark lagen ja zu Hause im Schreibtisch, die hätte er ihm also ruhig geben können. Glaubte aber Borgert, das Geld entstamme der Schwadronskasse, so stand zu erwarten, er würde so bald nicht mit einem ähnlichen Anliegen kommen, wenn er die Schwierigkeiten sah und die unsauberen Wege, die man einschlagen mußte. So beschloß denn König, ihm das Geld aus eigener Tasche zu leihen, ihn jedoch in dem Glauben zu belassen, der Betrag sei der Kasse entnommen.

»Gut,« sagte er nach einer Weile, »Sie sollen das Geld haben! Wann können Sie es bestimmt zurückbezahlen?«

»In zehn Tagen ist alles glatt, Herr Rittmeister! Mein Wort darauf!«

»Schön, heute Mittag können Sie auf's Bureau kommen!«

»Meinen gehorsamsten Dank, Herr Rittmeister!«

»Bitte, bitte, hoffentlich war es das letzte Mal! Jetzt muß ich aber fort, die Schwadron ist schon lange draußen!«

Dabei reichte er Borgert die Hand, bestieg sein Pferd und ritt im Trabe zum Kasernenhof hinaus.

Borgert eilte erleichtert und freudigen Herzens seiner Wohnung zu, der Dienst begann heute erst um 10 Uhr. Er hätte den Mann umarmen mögen, er war doch ein furchtbar anständiger Kerl und half einem immer aus der Klemme! Zehn Tage hieß eine lange Zeit, da würde schon irgend jemand Rat schaffen!

Leimann wartete indes unruhig in Borgerts Zimmer, und als dieser jetzt freudestrahlend eintrat, wichen die Falten von seiner Stirn.

»Hat er es getan?« rief er dem Freunde entgegen.

»Natürlich, ohne Weiteres! Gehen Sie um elf Uhr auch zu ihm, Sie haben ja nur zweihundert Mark Rest von Ihrer letzten Gesellschaft her, er tut es glatt; was dem einen recht ist, ist dem anderen billig.«

Und als am Mittag die beiden Freunde im Kasino bei einer Flasche Eckel saßen, sah man an Leimann's ausgelassener Heiterkeit, daß auch er keine Fehlbitte getan. —

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Pünktlich um fünf Uhr standen sämtliche Herren des Offizierkorps mit Säbel und Mütze im Lesezimmer des Kasinos, als der Oberst mit Dienstmiene eintrat und von den Schwadronschefs die Meldung entgegennahm, daß »Alles zur Stelle« sei.

»Meine Herren,« begann der Gestrenge, »ich habe Sie hierherbefohlen, um Einiges mit Ihnen zu besprechen. Ad 1. Ich möchte Sie ersuchen, bei Bällen und ähnlichen Gelegenheiten Tanzsporen zu tragen, damit unangenehme Zwischenfälle, wie vorgestern Abend, vermieden werden. Ein Herr, den ich nicht nennen will«, — dabei fixierte er scharf den Leutnant von Meckelburg — »hat nämlich mit seinen Sporen der Gattin des Herrn Rittmeisters Stark den ganzen Saum vom Kleide gerissen. Das darf nicht vorkommen, meine Herren, und ich werde künftig in ähnlichen Fällen Bestrafung eintreten lassen. Ferner ist es unter wohlerzogenen Menschen üblich, einer Dame nicht zuerst die Hand zu reichen. Tut es die Dame aber, dann erfordert wohl der gute Ton den in unseren Kreisen üblichen Handkuß. Daß einige von Ihnen, meine Herren, in diesem Punkt noch der Erziehung und Nachhülfe bedürfen, beweisen mir die diesbezüglichen Klagen einer Dame des Regiments.« Das bezog sich darauf, daß Leutnant Bleibtreu es kürzlich vorzog, Frau Stark gegenüber diese Höflichkeit zu unterlassen, da sie Handschuhe aus Hundeleder trug, welche noch dazu vom Regen durchnäßt waren.

Eine Träne zu Boden schleudernd, fuhr er fort:

»Ferner, meine Herren, verbiete ich Ihnen, eine andere Stadt ohne Urlaub aufzusuchen. Wer hinüber nach dem Nachbarort will, hat mich um Urlaub zu befragen, wenn der Weg auch nur ein paar Minuten weit ist. Sie wissen alle, daß zwei Herren des Regiments unter betrübenden Umständen ihren Abschied nehmen mußten, weil sie dort das Pflaster nicht vertragen konnten und Schulden in kaum glaubhafter Höhe gemacht haben.«

»Gestatten Herr Oberst eine Frage?« unterbrach ihn Rittmeister König.

»Bitte schön, Herr Rittmeister!«

»Gilt diese Bestimmung auch für die verheirateten Herren zum Besuch von Gesellschaften, Theater, Konzerten u. s. w.?«

»Natürlich, ich will über jeden von Ihnen genaue Kontrolle haben, wie oft er die Garnison verläßt. Zuwiderhandlungen werde ich unnachsichtlich nach dem Strafgesetzbuch bestrafen und zwar nicht als Übertretung, sondern als Nichtbefolgung eines gegebenen Befehls.«

Es entstand eine Pause, während welcher der Oberst sein Taschentuch herausholte und damit das linke Auge wischte.

Als er sich dann im Kreise umsah, um die Wirkung seiner Worte zu prüfen, glaubte er in aller Gesicht Erstaunen und Empörung zu lesen.

Soweit war man nun also! Weil zwei leichtsinnige Vögel nicht Maß halten konnten, wurde das ganze Offizierkorps in diesem elenden Neste eingesperrt; die einzige Abwechslung, ein Konzert oder ein gutes Glas Bier, gehörte nun auch wie so vieles unter die Rubrik der frommen Wünsche. Denn wer hatte Lust, sich jeden Tropfen nachrechnen zu lassen, den er da drüben trank? Lieber ging man gar nicht hin. Fragte eine Dame des Regiments ihren Gatten, ob er nicht Lust habe, sie am Abend bei den Besorgungen in der Nachbarstadt zu begleiten, weil dort alles besser und billiger sei, so hieß es: Nein, ich darf nicht, ich muß erst fragen, wie ein Schuljunge seinen Lehrer, ob er einmal hinaus dürfe: Dafür bin ich Rittmeister und 15 Jahre im Dienst!

So hatte denn der Oberst seiner Leistungsfähigkeit als Kommandeur und seinem Schneid ein neues Denkmal gesetzt, es fehlte jetzt nur noch, daß man um Erlaubnis bitten mußte, ein Glas Bier in der eigenen Garnison trinken zu dürfen. Aber das kam vielleicht noch später! — Daß der Oberst besonders den jüngeren Herren eine Gelegenheit gab, gegen einen Befehl zu handeln, wenn diese nach dem Dienst Vergnügungen nachgehen wollten, die sie in der Garnison nicht fanden, bedachte er nicht, er hatte ein neues Förderungsmittel der Disziplin und des militärischen Gehorsams in die Welt gesetzt. —

»Nunmehr, meine Herren,« fuhr der Oberst fort, »wollen wir zur Wahl des Kasinovorstandes schreiten, denn das laufende Jahr ist um. Sie, Herr Rittmeister Kahle, haben im vergangenen Jahre den Posten inne gehabt, und es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß die Art und Weise, wie Sie Ihres Amtes gewaltet haben, meinen vollsten Beifall gefunden hat. Wir alle, meine Herren, sind dem Herrn Rittmeister zu großem Danke verpflichtet, denn er hat unter Aufopferung des größten Teiles seiner Mußestunden alles daran gesetzt, das Kasino in die Höhe zu bringen, hat unser Vermögen vergrößert und zahlreiche sehr wohl bedachte Änderungen und Einrichtungen getroffen. Ich meine daher, wir können nichts Besseres tun, als Herrn Rittmeister Kahle zu bitten, das Amt zu behalten, denn es ist in unserem eigensten Interesse. Sollte aber jemand andere Vorschläge haben, dann wollen wir die Abstimmung durch Zettel vornehmen.«

Ein Beifallsgemurmel, wie es der Oberst nach seinen Worten noch nie vernommen, ging durch die Reihen, und so war denn Kahle für das weitere Geschäftsjahr als Kasinodirektor gewählt.

»Ich sehe davon ab,« setzte der Oberst noch hinzu, »die Bücher zu revidieren, denn ich bin sicher, daß ich alles in bester Ordnung finden würde. Aber noch eins, meine Herren! Es ist durchaus unstatthaft, daß die Herren Kasinorechnungen anwachsen lassen, wie es wieder der Fall ist. Die beiden Kontos mit den höchsten Beträgen sind allerdings heute bezahlt worden, aber ich werde rücksichtslos vorgehen, wenn nicht zum Ersten nächsten Monats alle Reste gedeckt sind. Richten Sie sich danach! Ich danke, meine Herren!«

Also schnell, Ihr Leutnants, hieß es nun, lauft zu einem Juden oder Wucherer und pumpt Euch Geld, denn Ihr habt alle ein paar Hundert Mark stehen, eine ratenweise Zahlung von Eurer Zulage gestattet man Euch nicht, sonst bekommt Ihr einen Klecks in die Konduite und das hängt Euch nach, bis Ihr alte Esel seid. Aus dem Nest hinaus dürft Ihr nun auch nicht mehr, laßt es Euch aber bei Leibe nicht einfallen, jetzt öfter im Kasino zu sitzen, dann bekommt Ihr höhere Rechnungen und werdet doch noch eingesperrt!

Inzwischen versammelten sich im Lesezimmer die Damen des Regiments und zwei Herrn vom Civil, denn jetzt kam der Hauptteil des Abends, die Vorstandswahl für den Tennisklub und die Verabredung der regelmäßigen Spieltage im Kasinogarten.

Frau König war als einzige nicht erschienen, ihr Gatte hatte sie unter einem Vorwand entschuldigt, denn jede Gelegenheit, wo sie mit den Damen des Regiments zusammen kommen konnte, mied sie nach Möglichkeit. Sie fühlte sich nicht heimisch unter ihnen; die inhaltlose, oft schrecklich langweilige Unterhaltung, welche sich meist um höchst gleichgültige Dinge drehte, war ihr ein Greuel, sie paßte auch gar nicht hinein in diese Gesellschaft und war nicht danach geartet, an einem nur auf Äußerlichkeiten und strengen Formen beruhenden Verkehr Gefallen zu finden. Ganz besonders aber war es ihr zuwider, wenn sie sah, wie man eben noch in der liebenswürdigsten Weise mit einander umging, um eine Minute später, wenn irgend einer sich empfohlen hatte, über ihn herzuziehen und kein gutes Haar an ihm zu lassen. Wenn sie nicht offen über alles urteilen und reden durfte — und das hätte ihr übel bekommen mögen — ließ sie es lieber ganz und blieb in ihren vier Pfählen.

Die Verhandlungen im Lesezimmer dauerten lange, jede der Damen hatte einen besonderen Wunsch, auch bedurfte es einer ausführlichen Ermunterungsrede seitens des neugewählten Vorstandes, mehrere noch zögernde Herren zum Beitritt zu bewegen. Daß die meisten von ihnen niemals zum Spiel erscheinen würden, war ja vorauszusehen — jetzt erst recht mochte keiner dem Oberst einen Gefallen tun — aber man hatte doch etwas mehr an Eintrittsgeldern.

Endlich öffneten sich die Flügeltüren zum Speisesaal, wo jetzt ein einfaches Abendessen eingenommen werden sollte. Die kreischende Stimme der Frau Oberst übertönte die Unterhaltung, in den Ecken standen einzelne Gruppen jüngerer und älterer Herren, die neuesten Bestimmungen seitens des Obersten einer scharfen Kritik unterziehend.

Die Rittmeister König und Hagemann scherzten in etwas derber Weise mit Frau Stark herum, Leutnant Pommer aber wich nicht von Frau Kahles Seite.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, hatten die meisten Herren den lebhaften Wunsch, endlich diesem langweiligen Zusammensein, zu welchem man sie unter der Maske einer dienstlichen Besprechung herbeigenötigt hatte, entschlüpfen zu können. Da rief Frau Stark in den Saal hinein:

»Wie wäre es, Herr Oberst, wenn wir die Gelegenheit benutzten und ein kleines Tänzchen arrangierten? Es hat doch wohl niemand von den Herrschaften etwas vor? Ich fände es reizend, entzückend!«

Der Oberst besann sich einen Augenblick, dann erklärte er sich sofort mit Freuden bereit, denn ein Wunsch der Frau Stark hieß ein Befehl.

Die Herren waren wütend. So ein Blödsinn, bei der Hitze zu tanzen, es war doch viel vernünftiger, auf der Veranda in Ruhe ein Glas Bier zu trinken! Leutnant Specht aber ärgerte sich besonders, denn er wollte um zehn Uhr sein Verhältnis an der Bahn abholen. Er machte seinem Unmut Lust, indem er sich an Borgert wandte:

»Die alte Schraube ist verrückt mit ihrer Tanzerei, wir wollen sie aber heute bewegen, bis ihr der Schaum auf dem Buckel steht!«

Während der Saal ausgeräumt und zum Tanzen hergerichtet wurde, unternahm man eine kleine Promenade im Garten.

Der Halbmond leuchtete schwach vom Horizont herüber und ließ die Türme und Häuser der Stadt als nebelhafte Silhouetten erscheinen. In dem jungen Grün der Büsche klagte eine Nachtigall ihr Lied in die milde Luft hinein, während vom Saal her das Stimmen der Geigen dazwischen klang. Aus der Stadt tönten einige vom Winde oft jäh unterbrochene Akkorde einer Karoussellorgel durch den stillen Abend, dessen wohlige Ruhe ganz danach angetan war, den Menschen elegisch, träumerisch zu stimmen.

Oberleutnant Borgert gab indes einer Anzahl jüngerer Herren eine Gratisvorstellung auf dem Tennisplatz, indem er treffend Frau Stark nachahmte, wie sie die Bälle schlug und aufhob, und die Herren hielten sich den Bauch vor Lachen, so vorzüglich verstand der Oberleutnant seine improvisierte Rolle. Er beschloß erst sein Spiel, als er ganz drüben am Gartenrand ein weißes Kleid durch das Blattgrün schimmern sah.

Wer war das? So allein? Er mußte hinschleichen und die Ohren spitzen, vielleicht gab es da wieder etwas Interessantes.

Vorsichtig und geräuschlos huschte er über den Rasenteppich und versteckte sich hinter einem Fliederbusch. Wenige Schritte vor ihm stand Leutnant Pommer, welcher seinen Arm um Frau Kahles Taille gelegt hatte und eifrig leise auf sie einsprach. Schade, daß sie so flüsterten, aber verstehen konnte man doch manchmal einen Satz.

»Was macht es denn, Grete! Wenn er dich so behandelt, hast du ein Recht, dich schadlos zu halten. Er ist außerdem viel zu taperig, etwas zu merken! Und wenn du wüßtest, wie lieb, wie unendlich lieb ich dich habe!«

»Wenn du mich wirklich lieb hast, dann will ich nicht nein sagen, ich möchte so gern einmal wieder glücklich sein!«

Da umschlang der dicke Leutnant das kleine Persönchen mit seinen ungelenken Armen und küßte sie stürmisch auf Mund und Augen. Sie aber entwand sich ihm und huschte wie ein Reh über den Rasen dem Kasino zu, aus dessen weit geöffneten Fenstern jetzt der Walzer »Über den Wellen« in die Mainacht hinausklang. Pommer schlich auf der anderen Seite herum dem Hauptportal zu, auf daß man nichts merken sollte. Dann verließ auch Borgert sehr befriedigt seinen ehrenhaften Posten.

Im Saal ging es flott her. Am meisten tanzte Frau Stark, sie flog von einem Arm in den anderen und schwitzte dabei wie ein Soldat im Laufschritt. Besonders Leutnant von Meckelburg wurde immer wieder als Opfer vorgedrängt, er tanzte aber entsetzlich schlecht und konnte nicht in Takt kommen. Wenn die dicke Dame den kleinen Baron mit ihren prallen Armen gegen den gewaltigen Busen drückte, verschwand er fast ganz in den Falten des schwarz und gelben Kleides.

Schließlich konnte sie nicht mehr und ließ sich pustend in einen Sessel fallen, dabei fuhr sie mit dem Rücken der Hand über die Stirn, auf welcher erbsengroße Schweißperlen leuchteten. —

Leutnant Specht vergnügte sich auf seine Weise und tanzte mit vorgedrückten Knien, wie man es in den Amorsälen sieht.

Borgert stand in einer Ecke halb über Frau Leimann gebeugt, welche ermüdet auf einem Stuhle saß und sich Kühlung mit dem Taschentuch fächelte. Der Blick des Oberleutnants ruhte auf der Stelle, wo das Weiß des zarten Busens durch die Stickerei des Halsausschnittes leuchtete, und er sog mit gierigem Behagen den Duft ein, welcher dem jugendlich schönen Körper entströmte.

Im Lesezimmer füllten Ordonnanzen die schon oft geleerten Gläser mit kühler Maibowle, während eine Anzahl Herren um den runden Tisch herum saßen, einen Pfennigskat spielend.

Leutnant Specht benutzte den nächsten Walzer, sich französisch zu empfehlen, es war die höchste Zeit zum Zuge, und, da es zu spät zum Umziehen war, holte er seine Dame in Uniform ab. Sie trug drei kleine Packete mit Eßwaren, welche sie aus ihrer Tasche zur Führung des Haushaltes gekauft hatte.

In der Sophaecke saß gedankenvoll der Leutnant Bleibtreu. Er rauchte bedächtig seine Cigarre und hörte nur mit halbem Ohre den witzelnden Reden der Skatspieler zu. Er war nicht besonders guter Laune, denn es tat ihm leid, daß Frau König, die einzige Dame, mit welcher er sich gut unterhielt, nicht anwesend war; dann schweiften seine Gedanken nach der Heimat, wo jetzt die Wälder in ihrer jungfräulichen Sommerpracht standen und wo er so manche schöne Stunde verbracht hatte in den Armen der Natur und mit Menschen, die ihn liebten.

Wie ganz anders schien es doch hier! Lauter Menschen, denen man innerlich nie recht nahe kam, deren Interesse meist nur äußerlichen Dingen und Vergnügungen oft zweifelhafter Art gewidmet war. Zwar hatte man hier den Dienst, den man liebte, aber er genügte nicht, um einen Menschen zu befriedigen, dessen Lebensbedürfnisse nicht so eng begrenzt waren, wie die der meisten Kameraden. Nun sollte man noch jahrelang in dieser Umgebung leben, dazu fern von allem, was eine Abwechslung bot in dem ewigen Einerlei des Dienstes, unter Menschen, mit denen man im Verkehr nie über die Äußerlichkeiten des guten Tons hinauskam und die stets auf der Lauer lagen, wo sie aus den Schwächen ihres Nächsten Kapital zu schlagen vermochten.

Und das war Kameradschaft, die im deutschen Heere so viel gepriesene Kameradschaft!

Ein Zusammenleben unter gleichen Lebensbedingungen, der Zwang, mit einander leben und auskommen zu müssen, sich gegenseitig mit äußeren guten Formen bedienen und gemeinsam beim Dienst, im Kasino und zu allen möglichen Veranstaltungen zu erscheinen, das war es, was man unter Kameradschaft verstand.

Wo aber blieb das innerliche Sichanschließen, das gegenseitig Ineinanderaufgehen und das Bestreben des einzelnen, seinem Nächsten nur helfend und fördernd, nie aber mißgünstig und übelwollend zu begegnen? In diesem Punkte sank das schöne deutsche Wort zu einer leeren Phrase herab!

Gewiß gab es Fälle, wo Angehörige eines Offizierkorps sich auch wirklich innerlich verbrüderten, wo eine treue, zu jedem Opfer fähige Freundschaft die Herzen verband, aber zwei solche Kameraden im echten Sinne des Wortes waren ja so selten, eine so außergewöhnliche Erscheinung! Ging es einem gut und hatte man nichts verbrochen, so war man allen gut Freund, d. h. der Verkehr mit den Kameraden bewegte sich in liebenswürdigen Formen, man prostete sich zu, man scherzte, trank, vergnügte sich zusammen und erwies sich Gefälligkeiten, welche für den, der sie leistete, meist kein Risiko, keine Unannehmlichkeit, kein Opfer bedeuteten. Aber die Kameradschaft als solche fordert weit mehr! Befindet sich ein Kamerad auf schiefer Bahn, beweist er, daß es ihm hier und dort noch fehlt und kehrt er Seiten heraus, die anderen peinlich, unangenehm werden, oder hat er aus Unverstand, Unkenntnis, mangelnder Erziehung etwas Falsches, Tadelnswertes begangen, so weist man ihn höchstens, wenn es überhaupt geschieht, in schroffer Form auf seine Fehler hin, anstatt in liebevoller, freundschaftlicher Weise bemüht zu sein, die Schwächen seines Nächsten zu heilen, seine Eigenheiten zu berücksichtigen, seine Fehler mit den eigenen zu vergleichen, ja, man läßt ihn links liegen und behandelt ihn wie einen Menschen, der wenig oder gar nichts taugt und eben nicht »hineingehört«; nur dann drückt man ein Auge zu, wenn von dem Sünder noch ein Vorteil zu erwarten steht oder wenn er sich durch andere Verdienste und Leistungen besonders beliebt gemacht hat.

Wieviel besser war doch ein Civilist daran! Fand er keinen wahren Freund, so lebte er für sich, ohne gezwungen zu sein, bei allen Mahlzeiten und sonstigen Gelegenheiten mit Menschen zusammen zu sein, denen man innerlich fremd blieb.

Im Dienst ist das eine andere Sache.

Solche Gedanken beschäftigten Bleibtreu, als Rittmeister König aus dem Saale kam und sich neben ihm auf dem Sopha niederließ.

»Das nennt der Mensch nun ein Vergnügen!« brummte er. »Wahrscheinlich wird man uns noch öfter mit solchen Festen langweilen, um uns zu ersetzen, daß wir nicht mehr nach der Stadt hinüber dürfen. Meine Frau wird schöne Augen machen, wenn ich ihr das erzähle!«

»Ich muß auch sagen, Herr Rittmeister, daß ich die heutige Verordnung haarsträubend finde,« stimmte Bleibtreu zu. »Hätte es der Oberst den Leutnants allein verboten, so wäre es hart und dabei noch ungeschickt, aber den Verheirateten gegenüber ist es eine tolle Bevormundung und eine beispiellose Rücksichtslosigkeit. Er fährt natürlich, so oft er Lust hat!«

»Solche Feste wie heute möchten ja noch angehen, wenn sie im allgemeinen Einverständnis oder auf vorherige Verabredung hin veranstaltet würden, aber nein, Madame Stark befiehlt und wir gehorchen! Denn es sollte einer kommen und sagen, er hätte etwas anderes vor, der Oberst würde ihn morgen ganz gehörig zurechtstutzen. Sie haben ja wieder ein kleines Exempel gehabt.«

»Nicht einmal trinken kann man, was man will,« fuhr der Rittmeister fort, »der Oberst braut einfach eine Bowle und wir bezahlen. Die kostet heute doch mindestens sechs Mark pro Mann. Er kann ja gar nicht wissen, ob ich nicht vielleicht nur für eine Mark trinken will, vielleicht Bier oder Selterswasser! Hinterher aber stellt er sich hin und raisonniert über die Kasinoschulden!«

»Sie haben recht, es wäre manchem dienlicher, wenn er etwas sparsamer lebte, z. B. diesem Borgert und wie sie alle heißen. Es ist traurig, daß unter den sämtlichen Herren noch nicht der dritte Teil zu rechnen versteht,« erwiderte Bleibtreu.

»Ja ja,« sagte König, »aber das ist einer der Krebsschäden unseres Standes. Es ist ja kaum glaublich, wie viele Offiziere alljährlich wegen Schulden um die Ecke gehen. Und wie kommt das? Warum können junge Leute in anderen Stellungen vernünftiger wirtschaften? Erstens, weil sie nicht gezwungen sind, mit Leuten zusammen zu leben, die in besseren Verhältnissen sind. Hat einer kein Geld, dann lebt er nach seinem Gusto und fühlt sich schließlich ganz wohl dabei. Aber im Kasino sitzt der Kapitalist neben dem armen Schlucker. Es ist leicht gesagt, die Reichen im Offizierkorps sollen ihre Lebensweise den Mitteln der ärmeren Kameraden anpassen. Ich kann aber doch unmöglich verlangen, daß ein Millionär zum Essen Wasser trinkt und auf eine elegante Wohnung oder schöne Pferde verzichtet, lediglich, um einen Kameraden mit fünfzig Mark monatlichem Zuschuß nicht zum Mittun zu verführen! Auf die Dauer gefällt dem Unbemittelten sein bescheidenes Dasein nicht mehr, wenn er sieht, wie besser gestellte Kameraden in Saus und Braus dahinleben, und das Ende: er macht eben mit. Geld braucht er nicht gleich, auf seinen bunten Kragen hin borgt man ihm, so viel er will. Geht es aber ans Zahlen, dann ist das Elend groß. Findet sich nicht ein rettender Engel in Gestalt eines Juden oder dergleichen, so geht er einfach über die Höhe. Und bei den Versuchen, Geld zu erlangen, kommt es oft zu unsauberen Machinationen. Vielleicht scharrt der Vater noch seine letzten Groschen zusammen und gewöhnt sich die Abendcigarre ab, um den Jungen über Wasser zu halten. Und gelingt es dem jungen Offizier wirklich, aus der Klemme herauszukommen, so fängt er bald von Neuem an in dem schönen Vertrauen, daß sich auch das nächste Mal eine offene Hand finden werde.«

»Dagegen läßt sich aber doch kaum etwas machen, jeder ist eben für sich selbst verantwortlich,« entgegnete Bleibtreu.

»Nichts machen ließe sich da?« rief der Rittmeister. »Ei gewiß. Man braucht nur ein Gesetz aufzustellen, etwa dahin lautend, daß die Schulden des Offiziers bis zum Rittmeister ausschließlich nicht einklagbar sind. Dann werden sich die Kaufleute schon vorsehen und nicht mehr ins Blaue hinein einem Leutnant von dreiundzwanzig Jahren borgen, dessen Verhältnisse sie gar nicht kennen. Einem Civilisten, der vielleicht dreimal so viel Geld hat, wie jener, borgt man nicht für hundert Mark, wenn man nicht genau weiß, wer und was er ist, wie er steht usw., aber an den Offizier drängen sich die Geschäftsleute geradezu heran, weil sie wissen, sie bekommen ihr Geld in den meisten Fällen, weil es sonst dem Schuldner an den Kragen geht.«

»Ich meine, es ist überhaupt die ganze Sonderstellung des Offiziers, die ihn zu einem kostspieligen Leben veranlaßt. Man sollte daher wenig Bemittelte einfach ausschließen,« versetzte Leutnant Bleibtreu.

»Das wäre übertrieben, aber energische Schritte sollte man tun gegen solches Luxustreiben,« fuhr König fort. »Es ist schön und wohlgemeint, wenn man verordnet: »je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, umso mehr soll der Offizier auf eine einfache Lebensweise bedacht sein.« Das ist ein frommer Wunsch, man wird es aber niemals tun, wenn man bei anderen Klassen ein gesteigertes Wohlleben bemerkt, denn der Offizier hält sich rücksichtlich seiner bevorzugten gesellschaftlichen Stellung für verpflichtet, wie kein anderer, diesen Luxus wenigstens mitzumachen, wenn nicht gar zu übertreffen. Er hält sich eben für mehr wie andere, und der Leutnant sieht oft mit Verachtung, mindestens aber mit einem bedauernden Lächeln auf die herab, die sich durch ihrer Hände Arbeit oder durch geistiges Schaffen der Welt nützlich machen. Dieser Dünkel ist der Fluch unseres Standes und geeignet, Volk und Offizierkorps immer mehr von einander zu entfernen, während das Gegenteil zu wünschen ist, denn das Volk muß seinen männlichen Nachwuchs dem Offizierkorps zur Erziehung in die Hände geben. Wenn aber das Vertrauen zu ihm mehr und mehr schwindet, dann wird auch die Lust am Soldatsein, die damit Hand in Hand gehende Vaterlandsliebe, allmählich getötet. Man sollte den Offizier mehr geistig beschäftigen und ihm zeigen, was ihm in Vergleich zu anderen Ständen fehlt, und welchen Nutzen diese für den Staat bedeuten. Dann würde er die ihm von niemand streitig gemachten Prärogative und Privilegien dankbar anerkennen lernen, statt in ihnen einen Grund zur Selbstüberhebung zu erblicken.

Und in dieser haben noch andere Mängel ihren Ursprung. Sie ist schuld daran, daß so viele Offiziere in dem gemeinen Soldaten nicht den zukünftigen Vaterlandsverteidiger und Kameraden sehen, den sie fördern sollen, sondern nur den Gegenstand zahlreicher Mühen und reichlichen Ärgers. —

Und damit wird ein neues Übel in die Welt gesetzt. Der junge zwanzigjährige Mann fühlt mit innerem Mißbehagen diese Entfremdung von seinem Vorgesetzten. Er verliert allmählich die Lust an seinem bunten Rock, besonders, wenn die Vorgesetzten noch mit übertriebenen Anforderungen an ihn herantreten oder Ungerechtigkeit in der Behandlung walten lassen. Solange der Soldat unter dem Druck des Militarismus steht, wird er sich schwer hüten, seinen Ansichten Ausdruck zu verleihen, ist er aber der militärischen Fesseln los und ledig, wird sich meist sein vielleicht vorhandener Hang zum Sozialismus umso kräftiger entfalten, nach den Erfahrungen, die er in seiner Dienstzeit gemacht. Und das ist schlimm, wenn ein Hauptmittel zur Bekämpfung des in riesigem Wachsen begriffenen Sozialismus, nämlich die Dienstzeit der noch einer Beeinflußung und Belehrung zugänglichen jungen Leute, in ein Förderungsmittel umschlägt, und das tut es, solange man aus dem Offizierkorps heraus derartige Vorbilder als militärische Erzieher wirken läßt.«

»Sollten das alles nicht nur vorübergehende Erscheinungen sein, an denen der Offizierstand krankt?« warf Bleibtreu ein.

»Nein, das ist gerade das Traurige, es sind fest eingewurzelte Krebsschäden. Aber selbst diese könnten eingedämmt oder ganz und gar vernichtet werden, wenn man sich mit allem Ernst der Sache annehmen wollte, statt sich in dem Dünkel zu wiegen, daß ein deutsches Offizierkorps oben an stehe und keiner Reform bedürfe. Noch ist es Zeit zu retten, denn jene Mißstände haben noch keine Form angenommen, die eine Unterdrückung unmöglich macht, noch haben wir trotz aller Übel vortreffliche Leistungen zu verzeichnen, und der Ruf unseres Heeres im Ausland ist ein glänzender. Aber Eile tut not, man soll das Eisen schmieden, solange es warm ist. Eine Armee ist eben zum Kriegführen da, und deshalb muß sie unter einem dreißigjährigen Frieden leiden. Aber wir brauchen keinen Krieg, um jene Übel zu töten, sondern Männer mit Umsicht und einem klaren Kopf, die offen eingestehen, daß etwas faul ist im Staate Dänemark.«

König hatte sich ordentlich warm geredet. Er tat einen tiefen Zug aus dem Bierglase, das ihm soeben eine Ordonnanz gereicht, er hatte nämlich dem Oberst zum Trotz auf die Bowle verzichtet. Es war ihm Bedürfnis, sich ab und zu alles von der Leber herunter zu reden, was ihn bedrückte, und war das geschehen, so fühlte er sich wohl und frei.

Borgert hatte in der Nähe gestanden und den Ausführungen des Rittmeisters aufmerksam gelauscht, denn wenn zwei etwas zu reden hatten, fehlte er nie im Hintergrunde. Im Stillen lächelte er über diese beiden Grübler, welche offenbar die Vorteile, die sich ihnen boten, nicht zu würdigen verstanden. Warum dachten sie nicht wie er? Das Leben genießen, wie es kommt, und die Feste feiern, wie sie fallen! Das war sein Standpunkt, und deshalb schmeckte ihm der unbezahlte Sekt so gut! Er fühlte sich ganz wohl in diesem kleinen Nest, denn hier gab es mitunter ein kleines Skandälchen, das ihm in der früheren Garnison so sehr gefehlt. Als man aber seine Vorliebe für solche Art von Abwechslung entdeckt, schickte man ihn an die Grenze, wo er sich austoben konnte zu Nutz und Frommen seiner Kameraden.

Mit halbgeschlossenen Augen und überlegener Miene stand er an den Türpfosten gelehnt, als er sich plötzlich aufmerksam umsah.

Wo war denn der dicke Pommer? Er hatte ihn doch noch eben ziemlich betrunken zwischen den Damen herumstolpern sehen, jetzt war er fort. Und Frau Kahle? Richtig! Auch weg. Schnell auf die Suche also, vielleicht konnte er noch ein neckisches Schauspiel erleben.

So schlich er denn hinaus in den Garten, nachdem er die Cigarre zur Seite gelegt, damit sie ihn nicht verraten solle. Der Mond hatte sich diskret hinter dem Horizont versteckt, um nicht mit anzusehen, was da unten hinter den Büschen vor sich ging, nur matt erleuchteten seine Strahlen eine Wolkenschicht, welche über seinem Versteck schwebte.

Und richtig! dort saßen sie, eng aneinander geschmiegt, auf der schmalen Holzbank an der Gartenmauer. Die Nachtigall sang noch immer, nur etwas weiter in der Ferne. Pommer sprach konfuse Worte, ohne sich sonderlich Mühe zu geben, nicht laut zu sein, Frau Kahle lehnte mit dem Kopf an seiner Schulter und lauschte den Tönen der Liebe, die ihr Ohr seit dem ersten Jahre der Ehe nicht mehr vernommen. Ab und zu küßte der Leutnant schmatzend die kleinen Hände und den Mund der jungen Frau. Sein rechter Arm umschlang fest die zierliche Taille, und die große Hand ruhte auf ihrem wogenden Busen.

»Siehst du, Grete, geliebte Grete, du mußt dich freimachen von diesem Mann, er ist ein Tyrann, hat kein Gefühl und ist auch viel zu groß für dich!«

»Er ist ein guter Kerl, aber er versteht mich nicht! Ich muß jemand haben, der mich versteht und wirklich liebt. Ich will dir das Leben so schön machen, wenn du müde vom Dienst nach Hause kommst und du sollst es so gut haben!«

»Wie ich dich lieb habe, du kleiner, süßer Racker!«

»Ich dich auch, Hans! Und denke nur, das hat mich furchtbar gekränkt, mein Mann hat das ganze vorige Jahr mit der Frau vom Amtsrichter herumgeliebelt, die doch dazu gar nicht schön und schon ziemlich alt ist. Kürzlich ist er sogar der alten Hebamme nachgelaufen, die er nicht erkannte, weil sie ein Tuch um den Kopf trug. Sie hat ihn mit ins Haus gelockt und dann ganz ruhig ihr Tuch abgenommen. Dann sagte sie: »So, Herr Rittmeister, das werde ich Ihrer Frau erzählen, was Sie für ein Bürschchen sind!« Und sie hat es mir erzählt.«

»Das kannst du dir nicht gefallen lassen, Grete, das würde ich nie tun!« Dabei umschlang er sie mit sinnlichem Verlangen so fest, daß sie leise aufschrie.

Da tönte laut der Name des Offiziers vom Kasino herüber, man verlangte nach ihm.

Aus Furcht, auf seinem Ehrenposten gesehen zu werden, wenn das Paar sich jetzt erhob, schritt Borgert auf die beiden zu und sagte, als er vor dem verdutzten Liebespärchen stand:

»O Gott, bin ich erschrocken! Aber pardon, ich will nicht stören!« Dabei zog er sich schnell wieder zurück und eilte ins Kasino. Keiner ahnte natürlich, warum die vorher so gelangweilte Miene des Oberleutnants jetzt einen so pfiffigen, lächelnden Ausdruck zeigte. Jetzt wußte er genug und konnte sich noch ein Weilchen dem Tanze hingeben, es war doch gar zu schön, so ein reizendes Weib wie diese Leimann im Arm zu haben! Die wäre wohl noch eine Sünde wert gewesen!

Das Fest währte jetzt nicht mehr lange. Die Damen waren müde, besonders Frau Stark war halb zu Tode getanzt worden. Selbst Frau Oberst hatte genug und schwieg, was bei ihr als Seltenheit galt. Frau Leimann aber klagte plötzlich über Kopfweh und bat Borgert, sie nach Hause zu bringen, da ihren Gatten das heulende Elend, wie oft nach einer Bowle, gepackt hatte und er schluchzend im Garten umherstolperte.

Die Herren hatte fast alle der frische Maitrank überwältigt, und sie waren unangenehm laut, einige auch recht derb in ihren Scherzen geworden. Es war also Zeit, sich zu trennen, und so bestieg man die am Kasinotor seit zwei Stunden wartenden Krümperwagen. Die Kutscher mußten erst mit einigen Kosenamen und Püffen geweckt werden, sie waren müde von der anstrengenden Felddienstübung am Vormittag.

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Am nächsten Morgen um zehn Uhr lag der dicke Pommer noch in den Federn. Er hatte den Dienst verschlafen, und da es nun doch zu spät war, drehte er sich noch einmal um und schnarchte weiter.

Als er um elf Uhr erwachte, sah er erst blöde vor sich hin, dann fuhr die Rechte, die noch vor wenigen Stunden Frau Grete's Hand gedrückt, in das wirre Haar.

Donnerwetter, was brummte ihm der Schädel! Was war denn los gewesen? Ach richtig, die verdammte Bowle gestern Abend!

Aber da war noch etwas! Ein weißes Kleid flocht sich in der Erinnerung an den gestrigen Abend, und allmählich stand ihm verschwommen wieder alles vor Augen, was sich zugetragen. Er sah nach der Uhr. Was, schon elf vorbei?

Mühsam und keuchend kroch er aus dem Bett und in die Hosen hinein, dann machte er etwas Toilette. Es war ihm alles gleich heute, sein Kopf schmerzte ihn zu sehr, und dabei immer der Gedanke an das Ereignis von gestern! Es war unerträglich! Mißmutig ließ er sich auf einen Stuhl nieder, und als der Bursche vom Kaffeebrett den Löffel fallen ließ, fuhr er ihn wütend an:

»Dummes Schwein, mache nicht so einen Radau, sonst fliegst du vor die Tür.«

Pommer versuchte sich ganz genau die Ereignisse des gestrigen Tages vor Augen zu führen, und je mehr sie ihm ins Gedächtnis zurückkehrten, umso größer ward sein Entsetzen über seine Handlungsweise.

Was hatte er getan! Die Frau eines Kameraden verführen wollen, er, dessen Ansichten und Grundsätze sonst so streng waren, der doch fast als einziger bei den Kameraden etwas galt, wenn er ihnen schonungslos den Kopf zurechtsetzte, denn jedermann wußte, er redete nicht nur, sondern lebte auch nach dem, was er anderen predigte.

Sein früheres Leben ließ er an seinem Geiste vorüber ziehen. War da irgend ein schwarzer Punkt, ein Makel zu finden? Nein, rein und fleckenlos lag die Vergangenheit hinter ihm, und jetzt, nachdem er die Klippe der leichtsinnigen Jugendjahre unversehrt überwunden, lud er eine so schwere Schuld auf sich, er betrog einen Kameraden mit seiner Frau! Pfui!

Aber hatte sie ihm nicht selbst gesagt, daß sie unglücklich sei, von ihrem Gatten schlecht behandelt werde, sodaß sein Tun als entschuldbar, vielleicht sogar edel erscheinen durfte?

Nein und abermals nein, er hatte gefehlt, schwer gesündigt an dem Heiligsten, was ein Mann sein Eigen nennt.

Die ehrenhafte Gesinnung des Offiziers lag in hartem Kampfe mit ihm selbst, er zweifelte an der Lauterkeit seiner Gesinnung, und diese Qualen waren ihm eine Folter.

Das Blut stieg ihm zu Kopfe, es tanzte ihm vor den Augen, sterben hätte er mögen, nur schnell sterben, nachdem er so die Moral mit Füßen getreten und sein Gewissen mit einem Fluch belastet hatte, der ewig auf ihm ruhen mußte.

Aber wie hatte es nur kommen können, daß er sich so vergaß?

Der verdammte Sektfrühschoppen mit dem leichtsinnigen Saufaus, dem Borgert, und dann das schwere Türkenblut, das Müller zum Essen spendierte, weil er eine Wette verloren, und dann die unselige Maibowle am Abend, das alles hatte ihm, der selten ein Glas Wein zu trinken pflegte, den klaren Verstand geraubt! Die gemeinen Kerle, die das merkten und ihm immer mehr zu trinken gegeben hatten, wahrscheinlich weil er sie in der Trunkenheit amüsierte!

Freilich mochte er die kleine zierliche Frau gern leiden, sie war so ganz nach seinem Geschmack, niedlich, mollig und zutunlich. Oft verlieben sich große, starke Männer in kleine Frauen. Aber so etwas wie gestern war ihm doch nie in den Sinn gekommen, es war ihm unerklärlich. Er mußte hingehen und tausendmal um Verzeihung bitten, rückhaltlos seine Sünde eingestehen, das konnte seine Schuld etwas mindern, wenn auch nicht tilgen.

Da klopfte es an der Tür. Als wenn der Rachegeist schon selbst erscheinen müsse, fuhr der gequälte Mann zusammen und ließ ein dumpfes »Herein« ertönen.

Oberleutnant Borgert trat über die Schwelle, den Helm in der Hand. Er schien etwas erstaunt, den Kameraden in diesem Zustande vorzufinden, dann aber nahm er ihn scharf ins Auge und sagte:

»Verzeihung, wenn ich störe, aber eine peinliche Angelegenheit veranlaßt mich, mit Ihnen zu reden.«

»Dienstlich oder privat?« brummte Pommer.

»Beides, wie Sie wollen,« antwortete Borgert dreist.

»Für Privatsachen bin ich jetzt nicht in Stimmung. Bitte lassen Sie uns den Fall ein andermal besprechen.«

»Bedaure sehr, ich wünsche den Fall jetzt zu erledigen. Sie wissen wohl, daß ich als Dienstälterer das Recht habe, Sie wegen einer Angelegenheit zur Rede zu stellen, wenn ich es für nötig halte.«

Pommer besann sich einen Augenblick. Er, der vor seiner Offizierslaufbahn drei Jahre die Universität besucht und dann in großen Bankhäusern tätig gewesen war, der das Leben von der ernstesten Seite kennen gelernt und die doppelte Erfahrung besaß, wie die meisten seiner Altersgenossen, er sollte sich von einem Menschen zur Rede stellen lassen, der nichts als trinken, schimpfen und Geld ausgeben konnte, der im Dienst eine Null war? Und zu dieser Handlungsweise war jener berechtigt, sie war dienstlich sanktioniert?

Richtig, ja, es war so, jetzt fiel es ihm ein, daß er schon früher einmal über diese widersinnige Bestimmung nachgedacht und überlegt hatte, wie sehr jenes Recht gemißbraucht werden könnte, wenn es einem nur daran lag, einem jüngeren Kameraden ordentlich eins auszuwischen, ohne daß dieser sich wehren konnte. Alle durften sich also einem Jüngerem gegenüber jederzeit als Vorgesetzte aufspielen, wenn es ihnen eine Laune eingab! Wirklich großartig!! —

Ein spöttisches, grimmiges Lächeln ging über Pommers blasses Gesicht, dann antwortete er mit fester Stimme:

»Bitte, was steht zu Diensten?«

»Der Zufall führte mich gestern Abend in den Garten, wo ich etwas sah, das ich mir noch nicht erklären kann. Sie haben......«

»Jawohl, ich habe eine Dame, die Gattin des Rittmeisters Kahle geküßt, ihr von Liebe gesprochen u. s. w., das weiß ich.«

»Darf ich Sie um eine Erklärung bitten, wie Sie dazu kommen?«

»Ich war betrunken, sonst wäre es nicht vorgekommen!«

»Nun, Ihre Erklärung klingt ja ganz kurz und einfach, warum betrinken Sie sich, wenn Sie es nicht vertragen können und so wenig Herr Ihrer Handlungen bleiben?«

»Daß ich betrunken war, ist nicht nur meine Schuld, in erster Linie mußten andere.....«

Borgert schnitt ihm das Wort ab, um nichts zu hören, was ihn als Vorwurf treffen konnte. Mit ironischer Miene fiel er ein:

»Sie scheinen sich über die Schwere Ihrer Handlungsweise nicht ganz im Klaren zu sein, deshalb möchte ich Sie nochmals darauf hinweisen!«

»Ihrer Belehrung darüber bedarf ich nicht, ich weiß selbst, was ich......«

»Pardon, ich rede wohl, mein Verehrter, ich gestatte Ihnen nicht, mich zu korrigieren, denn ich bin gekommen, Sie zu korrigieren!«

Pommer wollte auffahren, aber die kalten Augen und der entschiedene, schneidende Tonfall der Worte des Oberleutnants geboten ihm Schweigen.

»Was Sie da getan haben, ist das schwerste Vergehen gegen die Kameradschaft, welches ich mir denken kann. Die Frau eines Kameraden anfassen, heißt einen Treubruch, fast ein Verbrechen begehen, welches mit Recht eine schwere Sühne fordert. Bedenken Sie nur, was Sie tun würden, wenn Sie Ihre Gattin in den Armen eines anderen fänden, ich glaube, Sie würden ihn sofort umbringen oder wenigstens nachher zum Zweikampf auf Leben und Tod herausfordern. Sie aber haben sich an einer verheirateten Frau vergriffen, an einem Etwas, das uns ein Nolimetangere, ein Heiligtum sein soll! Schon ein Händedruck, ein Blick kann zum Ehebruch werden, allein der geheime Wunsch, die Frau eines anderen zu besitzen, zu küssen! Können Sie dem Manne jetzt noch ehrlich ins Gesicht sehen, nachdem Sie ihn so hintergangen und betrogen haben? Ich könnte es nicht! Ich würde vor ihn treten, meine Sünde freiwillig eingestehen und ihm Genugtuung geben. Nie hätte ich von Ihnen geglaubt, daß Sie einer solchen Handlungsweise fähig wären, schämen Sie sich bis in den Grund Ihrer Seele! — Ich will Sie nun nicht ins Unglück stürzen und den Fall nicht weiter verbreiten, denn sonst dürften Sie verloren sein. Abgesehen von Ihrer Stellung würde Ihr Leben auf dem Spiele stehen. Ich erwarte aber von Ihnen, daß Sie noch heute der Dame einen Besuch machen, um Verzeihung bitten und sich vergegenwärtigen, was ich für Sie getan habe!«

Borgert reckte sich siegesgewiß in die Höhe und mit überlegenem Blick schaute er auf den armen Pommer herab, dessen erst widerwillige Miene allmählich den Ausdruck stiller Ergebenheit, eines großen Schuldbewußtseins angenommen hatte. Immer mehr war der große starke Mann auf seinem Stuhl zusammengesunken und sein leerer Blick starrte wie leblos zu Boden.

Zwei dicke Tränen blinkten ihm im Auge, der Mann weinte. Tat er es, weil seine Schuld ihm so schwer auf dem Gewissen lag, oder weil er vielleicht gar noch vor die Pistole des betrogenen Gatten treten mußte? Nein, gefehlt hatte er nun einmal, und er war Manns genug, die Folgen zu tragen. Feige war er nicht.

Aber er schämte sich! Und das Gefühl der Scham ist es, welches den Mann am meisten vor sich selbst erniedrigt.

Zugleich stieg ein warmes Gefühl der Dankbarkeit in ihm auf gegen den, welcher Zeuge seines Verbrechens gewesen, ihn aber jetzt, statt ihn der Kugel des Betrogenen zu überantworten, großmütig auf seinen Fehler hinwies. Und es war recht gewesen, was er gesagt hatte!

Da erhob sich der Offizier und reichte Borgert stumm die Hand, ihm fest ins Auge blickend. Borgert's Auge aber wich scheu nach der Seite und der Oberleutnant sagte gütig:

»Nun, trösten Sie sich nur! Machen Sie die Sache wieder gut und nehmen Sie sich künftig in Acht!«

»Ich danke Ihnen«, brachte Pommer mit tränenerstickter Stimme hervor. »Ich habe Ihr Wort, daß die Sache unter uns bleibt? Es ist nicht meinetwegen, aber der Dame soll man nichts nachsagen können:«

»Sie haben mein Wort, ich schweige!«

Und als er jetzt dem Oberleutnant mit dankerfüllten Blicken nachschaute, während er ihn verließ, glaubte er, über die Schwelle schritte ein Freund, dem er sein Leben danken müsse! —

Der großmütige Held war recht befriedigt von seiner Mission. Das war so ganz ein Fall nach seinem Geschmack! Zu riskieren gab es nichts dabei, im Gegenteil, er spielte die Rolle eines guten, rettenden Engels, der den Fehlern des Nächsten Verzeihung bot und ihn liebevoll auf den verlassenen Pfad der Tugend zurückgeleitete. Außerdem war es ja ein ganz amüsantes Schauspiel, einen Kameraden, der sonst als ganzer Mann dastand und den nichts rühren konnte, jetzt zu seinen Füßen zu sehen. Auch schien ihm ein glücklicher Gewinn, daß er Pommers Einfluß auf das gesamte jüngere Offizierkorps nun in seine Hand bekommen und sich dienstbar machen konnte. Schließlich fehlte auch das Pikante an der Sache nicht, denn er würde natürlich auch Frau Kahle demütigen und sie fragen, in welcher Weise die Sache ihre Erledigung gefunden habe. Wie freute er sich darauf, wenn die kleine Frau weinend vor ihm niedersank und ihn um Schweigen bat!

Ein Liedchen trällernd, betrat Borgert sein Haus, gab dem Burschen Säbel, Mantel und Helm und stieg die Treppe zu Leimanns hinaus.

Er traf sie nicht allein. Der Regimentsadjutant war anwesend, er hatte heute schon um ½12 das Geschäftszimmer verlassen, weil der Oberst sich auf Jagd befand. Frau Leimann trat auch herein, und, da die beiden Herren gerade plaudernd zum Fenster hinaus auf die Straße sahen, wo Frau König mit Leutnant Bleibtreu vorbei ritt, küßte er der Angebeteten stürmisch beide Hände.

Die Herrschaften aber wollten sich vor Lachen ausschütten, als Borgert in der ihm eigenen witzigen Weise mit furchtbar drolligen Gesten und trefflichem Mienenspiel seine neuesten Erlebnisse zum Besten gab.

Inzwischen saß Pommer am Schreibtisch und machte in einem langen Briefe an seine Mutter dem gepreßten Herzen Luft. Dabei sang er dem neuen Freunde wahre Loblieder und rühmte seine vornehme Gesinnung in überschwänglicher Weise.

Er war jetzt ruhiger geworden, die Vorgänge des verhängnisvollen Abends erschienen ihm zwar immer noch in demselben Lichte, aber mehr vom Standpunkte eines Menschen betrachtet, der, im Innersten überzeugt, eine verwerfliche Tat begangen zu haben, sich sagen kann, daß nur durch einen unglücklichen Zufall, nicht aber aus verderbter Gesinnung oder Schlechtigkeit jener Fehltritt geschah.

Um die Mittagsstunde kleidete er sich fertig an, um Frau Kahle aufzusuchen, denn um diese Zeit pflegte der Gatte nicht zu Hause zu sein. Vielleicht wäre es ihm gleich gewesen, was ein Fremder mit seiner Frau zu verhandeln hatte, aber man konnte nicht wissen, es war besser so.

Klopfenden Herzens, mit dem Gefühl einer tiefen Reue und Beschämung, schritt er die teppichbelegten Stufen zu Frau Kahle's Räumen empor, und er hatte auch nicht lange zu warten, bis man ihn einließ.

Mit einem leichten Aufschrei eilte die Dame auf ihn zu, umschlang seinen Hals und küßte dem Widerstrebenden stürmisch den Mund.

»Wie danke ich dir, daß du kommst! Wie habe ich mich nach dir gesehnt! Jetzt bin ich wieder glücklich, da du bei mir bist. Mein Mann ist bis zum Abend fort, bleibe bei mir, Hans, ich kann nicht ohne dich sein!«

Bei diesen Worten hatte sie ihn neben sich auf den Divan gezogen und schloß ihm den Mund mit stürmischen Küssen.

»Die ganze Nacht habe ich ruhelos verbracht,« fuhr sie süß flüsternd fort, »ich konnte mein Glück nicht fassen, ich glaubte, es sei ein Traum, daß ich in dir ein Wesen gefunden habe, das ich lieben darf, das mich liebt. O, wie danke ich dir, du einzig Geliebter!«

Leutnant Pommer saß da wie versteinert. Er brachte kein Wort hervor und duldete schweigend die Liebkosungen der Frau. —

Wo waren seine Vorsätze geblieben, wozu war er hierher gekommen? Um sein Unrecht wieder gut zu machen, um seiner Reue Worte zu verleihen, um zu beichten, daß alles nur die Eingebung eines unseligen Augenblicks, die Tat eines vom Rausch verwirrten und entfesselten Gefühls gewesen sei!

Aber er konnte sich jetzt nicht anklagen, konnte nicht mit einem banalen Wort den Traum zerstören, welcher die liebende Frau umfing. Und was er vorher für eine Ehrenpflicht gehalten, erschien ihm jetzt unmöglich angesichts der lodernden Glut, die er im Herzen des Weibes entfacht. Lieber sterben, als jetzt eingestehen müssen, es ist alles nur Lüge, Schein, Laune gewesen. Dieser glühenden Liebe durfte er nicht mit einem Faustschlag antworten!

Und als der Kopf der ganz den Gefühlen ihres Glückes hingegebenen Frau an seinem Busen ruhte, in welchem das Herz zum Zerspringen klopfte, ging eine Wandlung in ihm vor: aus dem sonst so willensstarken Manne ward ein willenloses Opfer einer gewaltigen Macht: der Liebe. —

Sein Blick streifte an der Gestalt des Weibes herunter, die ihn in ihren Armen hielt. Das leichte Morgenkleid ließ die Formen eines jugendlichen Körpers erkennen, die weißen Arme, von denen die Spitzen des Ärmels herabgeglitten waren, und der Duft, welcher von ihnen ausströmte, alles verwirrte und betäubte ihm den Sinn und ließ den letzten Rest Entschlossenheit in dem sonst so zielbewußten Manne ersterben. Und er umschlang das zitternde Weib mit wilder, sinnlicher Glut. — — —

Der Tag neigte sich schon seinem Ende zu, als Pommer die Tür des Hauses hinter sich schloß, in dem Frau Kahle wohnte.

Mit scheuem Blick, wie verstört, schritt er über die Straße und achtete nicht der Soldaten, die des Weges kommend, ihm die schuldige Ehrenbezeugung erwiesen, er wäre auch an Oberleutnant Borgert vorbeigegangen, hätte ihn dieser nicht mit einem über die Straße gerufenen Gruß aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Zögernd blieb er stehen und schaute wie geistesabwesend nach dem Kameraden, der jetzt über den Straßendamm auf ihn zukam.

»Guten Tag, lieber Pommer! Nun, was macht Ihr Kater?«

»Danke, danke, es ist gut, ich fühle mich ganz wohl, sehr wohl, und was ich noch sagen wollte,.... ich bin dort gewesen!«

»Bei ihr? Na sehen Sie, das war vernünftig! Alles in Ordnung?«

»Natürlich, alles glatt, jawohl, alles in bester Ordnung.«

»Na, dann leben Sie wohl, ich muß weiter. Adieu!«

»Adieu! Und nochmals vielen Dank!«

»Aber ich bitte Sie! Es war gern geschehen, Sie haben wohl gesehen, daß ich es gut mit Ihnen meine!«

»Ja, wir wollen gute Freunde werden!«

Als Pommer in seiner Wohnung anlangte, glaubte er verzweifeln zu müssen. Was hatte er getan?! —

Statt das Vergehen vom gestrigen Tage durch ein offenes Bekenntnis seiner Schuld zu sühnen, war er noch tiefer in die Sünde hineingeraten, er hatte aus einem Fehltritt ein neues, weit größeres Verbrechen entstehen lassen, statt mit aller Entschlossenheit gegen seine Schwäche anzukämpfen. Und noch mehr! Er hatte einen Freund betrogen, sein Vertrauen, seine ehrenhafte, liebevolle Handlungsweise in gemeinster Weise mit Füßen getreten!

Aber es war zu spät! Jetzt gab es kein Befreien mehr aus den Ketten der Sünde, der Lüge, jetzt hieß es den einmal betretenen Pfad weiter schreiten, wie auch das Ende sein mochte. Und er suchte sich vor seinem Gewissen zu entschuldigen, daß die Macht des Zufalls, an der sein Wille sich gebrochen, ihn in seine jetzige Lage hineingezwungen habe.

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Wochen und Monate vergingen.

Das Paar traf oft zusammen, machte Spaziergänge im nahen Wäldchen, begegnete sich »zufällig« auf der Straße oder genoß, wenn der Gatte abwesend war, ein Schäferstündchen in Frau Gretes traulichem Boudoir.

Pommers Zuneigung zu dem pflichtvergessenen Weibe hatte ihn in der ersten Zeit ganz in ihren Bann gezogen. Doch war jener Reiz mehr sinnlicher Art gewesen, einer wahren inneren Liebe fand er sich nicht fähig zu einer Frau, deren seichte Moral, deren oberflächliche Anschauungen über die Pflichten einer Gattin und Mutter, deren rückhaltlose Hingabe an den ersten, welcher ihr seine Liebe gestand, ihren inneren Wert bald hatten erkennen lassen. Und so gab es Stunden, wo dem Manne der Verkehr mit der heißblütigen, hysterischen Frau allmählich überdrüssig schien, denn es fehlte der innere Kern, der moralische Halt dieses Verhältnisses, und wie bald ist der Mensch von Genüssen übersättigt die sich in regelmäßiger Folge wiederholen und nicht im Herzen wurzeln, wie sie allein uns auf die Dauer mit Freude erfüllen! So ward aus der Zuneigung mit der Zeit eine schroffe Abneigung, eine Art Ekel und Widerwillen gegen jene Frau, welche in seinen Augen mit jedem Tage an Wert verlor und den Mangel an weiblicher Tugend mehr und mehr erkennen ließ, sie war ihm nur noch das Weib, wie es als solches die Schöpfung dem Mann bot.

Und je mehr diese Empfindung in ihm wuchs, um so geringer galt ihm das Vergehen, welches ihm früher als ein ehrloses Verbrechen erschien und sein Gemüt bedrückte. Aber offen eingestehen, daß sie ihm nicht genüge, daß er an ihren Reizen keinen Genuß mehr finde, das konnte er nicht, es schien ihm unmännlich und undankbar, denn hatte er nicht auch schöne Stunden durch sie genossen? —

Schreiben mochte er nicht, das war zu gefährlich, denn kam dem ahnungslosen Gatten der Brief in die Hände, konnte die Sache noch ein übles Nachspiel haben, und das war sie nicht wert.

Hätte Pommer in Frau Gretes Innerem lesen können, wäre er ein Frauenkenner gewesen, so hätte er bald eingesehen, daß eine Lösung des Verhältnisses nur eines einzigen Wortes bedurfte, denn auch sie fand keinen Reiz mehr im Verkehr mit einem Manne, der ihr zu pedantisch, zu linkisch und unbeholfen vorkam, der sich auf jedes Schmeichelwort besinnen mußte und immer erst einen Rippenstoß brauchte, den gebotenen Genuß zu kosten. Sie liebte das Feurige, das stürmische Sichhingeben, ohne das ewige Grübeln über Recht und Unrecht! Wem sie ihre Liebe gab, der mußte mit vollen Zügen den Freudenbecher trinken und ihn von neuem begehren, war er in wilder Leidenschaft geleert!

Als dann Pommer eines Tages die Mitteilung erhielt, daß er unter Beförderung zum Oberleutnant versetzt sei, kostete es ihm keine große Überwindung, von Frau Kahle Abschied nehmen zu müssen.

»Ich gehe fort, wir sehen uns nicht wieder!«, hatte er mit kühler Ruhe gesagt.

Und sie stieß einen Schrei aus und sank wie niedergeschmettert auf den Divan.

Da hatte er leise die Tür geöffnet und war verschwunden. Sie aber schaute ihm durchs Fenster nach, und als er um die Ecke gebogen, schlug sie den Flügel auf und spielte einen lustigen Walzer von Strauß.

Da fiel ihr ein, man könnte sie herzlos nennen, wenn sie die Trennung so leicht überstände; und so schrieb sie einen acht Seiten langen Brief an Oberleutnant Borgert, indem sie den Schmerzen und Seelenqualen einer betrogenen, unglücklichen Frau beredten Ausdruck verlieh. —

So sehr waren ihre Worte von dem Empfinden eines wahren, tiefen Schmerzens durchweht und so rührend, tief ergreifend die Ausbrüche des Jammers um den verlorenen Geliebten, daß niemand sich denken konnte, das alles sei nur ein Schauspiel, die virtuos durchgeführte Rolle einer Ophelia oder Desdemona. —

Selbst die Herrn des Offizierkorps konnten eine stille Teilnahme nicht unterdrücken, als Borgert am Abend den Brief im Kasino verlas, nur einer rief mit verschmitzter, verständnisinniger Miene:

»Fauler Zauber!«

Wußte er das aus Erfahrung? —

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