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Aus einer kleinen Garnison

Sechstes Kapitel.

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Die Flucht des Oberleutnants Borgert war nicht lange geheim geblieben.

Als er nach Ablauf des dreitägigen Urlaubs nicht zurückgekehrt war, und eine telegraphische Anfrage bei seinem Vater ergab, daß er das Elternhaus überhaupt nicht betreten habe, lag die Vermutung nahe, daß er sich durch Desertieren den Folgen seines bisherigen leichtsinnigen Lebens entzogen.

Freilich hatte außer Leimann niemand recht gewußt, wie schlecht es mit Borgert's Verhältnissen stand. Erst als der Jude die ihm verkauften Sachen abholen und der mit einer umfangreichen neuen Pfändung beauftragte Gerichtsvollzieher die bereits von ihm beschlagnahmten Gegenstände zurückhalten wollte, kam die Katastrophe und enthüllte mit einem Schlage das gesamte System, in welchem Borgert »gearbeitet« hatte.

Von Seiten des Gerichts ward das gesamte Eigentum des Oberleutnants mit Beschlag belegt, und ein Termin sollte entscheiden, in welcher Weise die einzelnen Gläubiger zu ihrem Rechte gelangen würden.

Stellte auch die wertvolle Einrichtung ein ziemliches Kapital dar, so war dieses doch nur der Tropfen auf einen heißen Stein, denn als von Gerichtswegen eine Aufforderung durch die Zeitung an alle diejenigen erging, welche noch Forderungen nachweisen konnten, gingen ganze Berge von Rechnungen ein, deren Gesamtbetrag sich über zwanzigtausend Mark belief.

Gleichzeitig verhängte der Gerichtsherr die Beschlagnahme des gesamten etwaigen Privatvermögens Borgert's, und die Staatsanwaltschaft folgte mit einem Steckbrief gegen den des Betrugs angeschuldigten Oberleutnant.

Die Wohnung hatte das Gericht versiegelt, selbst das arme Pferd im Stalle trug in der Mähne ein kleines Siegel, welches man mit einem Bindfaden kunstgerecht hineingeflochten hatte.

Wie ein Lauffeuer eilte die Kunde der neuesten Ereignisse durch die kleine Stadt und die Nachbarorte, auch in den Zeitungen las man kurze Notizen.

Der Oberst war ganz niedergeschlagen. Die schlauen Herren des Regiments wollten zwar diese Katastrophe schon lange haben kommen sehen — wie es ja bei allen Ereignissen Leute gibt, die ahnungslos ein Unheil neben sich erstehen sehen und dann, wenn das Unvermeidliche eingetreten, mit überlegenem Lächeln behaupten, sie hätten seit Jahren nichts anderes erwartet.

Der Oberst aber äußerte tieftraurig zu Rittmeister König, diese neue Wendung der Dinge sei der »letzte Nagel zu seinem Zylinder,« und man sah ihn fortan nur noch mit bekümmerter Miene seinen Geschäften nachgehen. Denn allmählich sah er klar, daß die sachgemäße Leitung eines Offizierkorps etwas anders angefangen werden müsse, und daß die Art seiner Regierung wohl den falschen Weg gewandert sei.

Daß Frau Leimann dem Oberleutnant gefolgt war, wurde erst nach einigen Tagen bekannt, als der von Berlin zurückgekehrte Gatte einen Brief erhielt, in welchem die Frau ihn um Verzeihung bat und beteuerte, sie habe nicht anders gekonnt.

So war denn Leimann doppelt gestraft. Vor aller Welt blamiert und belächelt ob seiner durchgegangenen Ehehälfte, mußte er jetzt schleunigst den größten Teil seines Besitztums verkaufen, um den Forderungen derer gerecht zu werden, bei welchen er für Borgert Bürgschaft geleistet, und dabei blieb ihm nur das Nötigste übrig.

Glaubte man anfangs durch Frau Leimann's Brief den Entflohenen auf der Spur zu sein, so war doch später das zahlreiche Aufgebot von Detektivs und Kriminalbeamten nicht im Stande, die Ausreißer zu fassen. Waren sie noch in Deutschland, oder im Auslande? Kein Mensch ahnte es.

Etwa zwei Wochen nach der Flucht wurde auch Röse eingeliefert. Man hatte ihn auf den erlassenen Steckbrief hin an der belgischen Grenze ergriffen.

Die Verhandlungen mit ihm ergaben, daß häufige Mißhandlungen seitens seines Oberleutnants die Triebfeder zu jenem Schritte gewesen waren. Milderte dies sein Strafmaß auch nur wenig, so bedauerte man doch allgemein den armen Soldaten, den Unbilden und schlechte Behandlung seiner Vorgesetzten ins Unglück gestürzt hatten. —

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In dem Ehescheidungsprozeß, welchen Leimann gegen seine Gattin angestrengt, kamen recht unliebsame Dinge zu Tage.

Die beiden Mädchen des Hauses, sowie der Bursche wußten Tatsachen zu berichten, bei denen sich Leimann's wenige Haare sträubten, die er noch auf dem Kopfe trug, und er begriff nicht, wie er so blind sein konnte, um den Verrat nicht zu sehen, mit dem man ihn im eigenen Hause betrog.

Die gerichtliche Scheidung wurde ausgesprochen, und Leimann reichte sein Abschiedsgesuch ein, weil er einesteils gezwungen war, sich einem einträglicheren Berufe zuzuwenden, andererseits, weil durch die gesamten Vorfälle sein Ruf derartig geschädigt war, daß dem weiteren Verbleiben in einem Offizierkorps erhebliche Bedenken entgegenstanden.

So nahm er denn eine Stelle als Reisender einer Weinfirma an, welche ihm den nötigsten Lebensunterhalt verschaffte. Den ohne dies fast aufgelösten Haushalt hob er ganz auf und übergab sein Kind zur Erziehung einer befreundeten Familie, wofür diese als Entgelt den Anspruch auf die kleine Pension des Oberleutnants zugesichert erhielt.

Fast gleichzeitig mit der Genehmigung seines Abschiedsgesuches wurde auch das Urteil über Borgert verkündet. Es lautete auf eine Gesamtstrafe von fünf Jahren Gefängnis, zehn Jahren Ehrverlust und Ausstoßung aus dem Heere, bewirkt durch Betrug, Fahnenflucht und Mißhandlung Untergebener in zehn Fällen.

Die Zeitungen veröffentlichten das Urteil, und somit war denn die tatenreiche Laufbahn jenes Mannes in seinem Vaterlande beschlossen.

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Indes saß im Bureau der großen Fabrik an einem der zahlreichen Schreibtische der ehemalige Sergeant Schmitz.

Die übrigen Angestellten hatten bereits ihre Plätze verlassen und waren gerade dabei, ihre Röcke von den Kleiderständern herabzunehmen, denn es hatte schon vor zehn Minuten Feierabend geläutet.

Schmitz aber ließ sich durch die laute Unterhaltung seiner Umgebung nicht stören, er schrieb emsig und war ganz vertieft in die langen Zahlenreihen, welche auf dem Bogen vor ihm geschrieben standen.

Der Raum hatte sich bereits geleert, und Schmitz wollte gerade einen neuen Bogen beginnen, als der Werkmeister Maurer eintrat.

Er war ein Mann von gedrungenem Körperbau, mit scharfen, stechenden Augen in dem blassen, ovalen Gesichte. Der Schnurrbart hing um die Mundwinkel, und der ganze Gesichtsausdruck hatte etwas Rohes, Grausames, und besonders jetzt, da der Mann aus dem Halbdunkel von der Tür herüberschaute, sah er wie ein Raubtier aus.

»Du kannst wohl wieder einmal nicht fertig werden? Kommst du bald?« redete er Schmitz an, welcher von seiner Arbeit nicht aufblickte, sondern nur kurz entgegnete:

»Im Augenblick, setz dich so lange!«

Die beiden Männer waren gute Freunde.

Noch vor wenigen Wochen stand Schmitz zwischen den Arbeitern vor der Drehbank und schob mechanisch ein Holzstück nach dem anderen zwischen die spitzigen Zähne des rotierenden Eisens. Und er hatte sich ganz gut eingelebt in diese geisttötende Beschäftigung, die ihm nicht viel Zeit zum Denken übrig ließ. Denn hier galt es mit allen fünf Sinnen bei der Sache zu sein, wenn man nicht den Verlust eines Fingers oder einer Hand beklagen wollte.

Man hatte aber bald in dem stillen, fleißigen Arbeiter den Mann entdeckt, dessen überlegene Ruhe und bestimmtes Auftreten ihn zu einem weiteren Wirkungskreise geeignet machten, und so ward denn Schmitz nach kurzer Zeit Aufseher der Maschinenhalle, in welcher er bis jetzt gearbeitet hatte.

Die übrigen Arbeiter freilich sahen mit neidischen Blicken auf den Emporkömmling, der erst eben auf der Bildfläche erschienen war und ihnen gegenüber nun schon als Befehlender sich aufspielte. Es fehlte daher nicht an spöttischen Bemerkungen, der alte Soldat aber wies jeden, der ihm zu nahe trat, mit kalter Ruhe in seine Schranken zurück.

Wenn er so des Morgens alle emsig bei der Arbeit sah, ging er manchmal zu Maurer hinüber, welcher im Maschinenhause beschäftigt war.

Und bei diesen allmorgendlichen Plaudereien entdeckte Maurer, ein gefürchteter Sozialdemokrat der Stadt, bald in Schmitz einen Mann, der leicht zu gewinnen war und der ein tatkräftiger Genosse zu werden versprach, wenn man ihn nur geschickt ins rechte Fahrwasser hineinlenkte.

Dieses Streben Maurer's ward umso mehr unterstützt, als Schmitz noch immer nicht den Groll gegen den Militarismus und die Staatsleitung, welche diesen groß gezogen, vergessen konnte. Ein tiefer innerer Grimm wühlte noch in ihm ob der Unbilden, die ihm die Früchte der besten Jahre seines Lebens zerstört.

So hatte er denn bald mit Leib und Seele zur roten Fahne geschworen, und aus dem königstreuen Soldaten war eine tatkräftige Stütze der sozialistischen Partei geworden.

Morgen sollte nun Schmitz eine Rede halten, vor einem großen Kreise seiner Gesinnungsgenossen, und deshalb wartete Maurer auf ihn, um noch einmal die wichtigsten Punkte mit seinem Freunde durchzusprechen.

Als Schmitz seine Arbeit fortgelegt und den Bogen im Schreibtisch verschlossen hatte, auf dem die Arbeitsliste der vergangenen Woche verzeichnet stand, schritt er mit Maurer hinab, und schweigsam wandelten die beiden durch die enge Gasse nach Maurer's Wohnung hin.

Aus einem Nachbarhause nahmen sie eine Kanne Bier mit, zündeten dann die Lampe an und begannen die Besprechung.

Es handelte sich um ein neues Steuergesetz, welches besonders den arbeitenden Klassen zur Last fiel, und daher galt es, möglichst viele Gegner zu gewinnen, damit im Reichstag bei der letzten Lesung der Angelegenheit eine ausschlaggebende Majorität die Durchführung der Vorlage zum Scheitern brachte.

Bis nach Mitternacht waren die beiden Freunde in eifriges Gespräch vertieft. Und als sie sich trennten, waren ihre gleichschlagenden Herzen um ein Band reicher.

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Den ganzen folgenden Tag befand sich Schmitz in einer Art fieberhafter Unruhe. Es schien ihm doch eine sonderbare Wandlung mit ihm vorgegangen seit der kurzen Zeit, die er des Königs Rock nicht mehr trug. Vor einem Jahre noch war er Soldat des Kaisers, ein Mann, der geschworen, das Vaterland zu schützen und es fördern zu helfen, und heute? Einer von denen, welche man beschuldigt an den Grundfesten des Staatsgebäudes zu rütteln, um sich nach eigenen Gesetzen ein neues Gemeinwesen zu schaffen.

Doch als er am nämlichen Abend in stolzer Haltung die Rednertribüne betrat, und eine nach Hunderten zählende Menschenmenge dem neuen trefflichen Genossen Beifall rief, noch ehe er ein Wort gesprochen, da stieg ein nie empfundenes Gefühl des Selbstbewußtseins, ein unbestimmtes, gewaltiges Streben nach Großem in seiner Seele auf. Gefallen wollte er der versammelten Menge, sie hineinzwingen in den Bannkreis seiner Gedanken, daß alle ihm folgen mußten, willenlos, wie dem Hirten die Herde.

Mit fester Stimme begann er seine Rede. In großen Zügen schilderte er zuerst die Art des neuen Gesetzentwurfs und legte sodann die Folgen desselben für die arbeitenden Klassen dar.

Eine neue Steuer bedeute stets einen weiteren Schritt zur Verarmung der Mittellosen. Und diese neuen Ausgaben seien überflüssig, wenn man es unterließe, eine beständige Vergrößerung und fortwährende Ausrüstungsänderung der Armee vorzunehmen.

»Unsummen verbraucht der Staat alljährlich für das Militär«, sagte er, »kaum hat man Millionen für die Einführung eines neuen Geschützes, die Aufstellung eines neuen Regiments aufgewendet so erweisen sich diese Änderungen oft bald als nicht mehr zeitgemäß, und neue Summen von unglaublicher Höhe werden gefordert, um einen Irrtum oder eine Übereilung gut zu machen. Deutschlands Ruf und Machtstellung hat ihm die Armee erworben, und sein Heer ist es, um welche die Nachbarländer es beneiden, aber stehen wir denn nicht auf dem Gipfel der militärischen Macht, müssen wir denn den Militarismus so weit ausdehnen, bis er schließlich alle anderen Organe der Staatsmaschine erdrückt?

Wollte man nur einen Teil der Unsummen, die das Heer alljährlich verschlingt, anderen Gliedern des Reiches zuwenden, so würde es nicht nötig sein, den Bürger so unverhältnismäßig an seinem Einkommen zu kürzen. Dann wären wir ein reiches Land, der Bürger könnte den Wohlstand erreichen, die Industrie aufleben und mit neuen Kräften einen gewaltigen Aufschwung nehmen.

Will man aber nicht abgehen von dieser enormen Bevorzugung des Heeres,« fuhr Schmitz fort, »so soll man die dafür nötigen Summen denen abnehmen, die in Nichtstun oder geringer Arbeit Millionen zusammenscharren. So aber belastet man den Reichen nicht mehr wie den Arbeiter, der ein Stück des sauer erworbenen Brotes hergibt, um ein Kapital mit aufbringen zu helfen, dessen Nutznießung ihm versagt bleibt.

Denn welchen Segen bringt dem Bürger, dem Volke die Armee? Sie zieht seine Kinder heran, um sie in den besten Jahren der Jugend, in denen der Jüngling sich zum Manne entwickelt und sein Charakter reift, oft mit Ungerechtigkeit und Roheit zu behandeln und dann den einen als erbitterten Gegner der Staatsverfassung, manch anderen als Krüppel in's Leben zurückzuschicken. Und hat er auch die schönsten Jahre männlicher Arbeit, seine Gesundheit dem Staate geopfert, so schickt man ihn oft um einer Kleinigkeit willen hinaus in die Welt, wo er dann wie ein fortgejagter Hund nach Nahrung und einem neuen Herrn suchen muß.

Darum laßt uns die Staatsleitung zu zwingen suchen, das Geld, welches sie zwecklos ausgibt, nutzbringend auf bessere Ziele zu verwenden, damit das Volk für seine Opfer auch einen Lohn genießt!«

Die Worte des Redners, der an seine eigenen bitteren Erfahrungen gedacht hatte, waren von häufigen Rufen des Beifalls und der Zustimmung begleitet, als Schmitz aber von der Tribüne herabstieg, jubelte die begeisterte Volksmenge dem Manne zu, der die richtigen Mittel gefunden, ihr den Lebensweg zu ebnen.

So überzeugend hatten seine Worte geklungen, daß mancher, der noch nicht fest entschlossen war, welcher Partei er seine Gesinnung zuwenden solle, bedingungslos sich dem Manne anschloß, in dessen Bann ihn der heutige Abend hineingezogen.

Und so galt Schmitz mit einem Schlage als einer der tüchtigsten Anhänger der roten Partei, deren Macht in der großen Fabrikstadt immer weitere Kreise zog.

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