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Auf Gottes Wegen

Mannesalter (continued 4)

Reading edition

Bisher war ihr Gottesgefühl eigentlich nur Freiheitsdrang und eine nie versagende Wahrheitsliebe gewesen. In der Angst wurde es ihr zum Schicksal, zum unbeugsamen, mystischen Schicksal. Alles erschreckte sie; sie sah in allem Zeichen und Vorbedeutungen. Der Junge schien nur auf der kranken Seite liegen zu können; sonst schmerzte es ihn so, daß er laut jammerte, ... und jedesmal, wenn sie ihm dabei helfen mußte, kam ihr das ganz unbegreiflich vor. Sie schob ihm Luftkissen unter; seine einzige Antwort bestand in herzzerreißenden Bitten, sie möge ihn doch ruhig liegen lassen. Sie wußte nicht mehr, was richtig war und was falsch. Nicht einmal an seine Beine durfte sie mehr rühren; er zog die Knie herauf, das eine über das andere ... lauter unerklärliche Einfälle, durch die sie sich gänzlich überflüssig oder sogar lästig vorkommen mußte. Ob das bedeutete, daß sie sich an den Gedanken gewöhnen mußte, daß sie im Grund ganz überflüssig war?

Schließlich mußte sie das ja aufreiben. Schon die Angst vom einenmal zum andern, wenn sie ihn anrühren mußte, wäre genug gewesen. Aber die Gedanken, die dabei mit unterliefen, machten sie geradezu verrückt. Sprechen konnte sie mit niemand darüber. Die Sache mit den Beinen hauptsächlich kam ihr so ganz mystisch-widersinnig vor, daß sie sich förmlich ängstigte vor ihrem Jungen; er gehörte nicht mehr ihr. Erst später, und ganz zufällig, entdeckte sie eine Anschwellung um die Knöchel. Das — so hatte sie immer gehört — war der Anfang vom Ende. Sie vermochte sich kaum die Treppe hinunterzuschleppen ins Studierzimmer, wo der Pastor in einer Rauchwolke saß. Er sah sie, bleich, entsetzt in ihrem Nachtkleid vor sich stehen. "Was ist denn, Du?" Er hörte ihren Bericht, ging mit ihr hinauf, sah ebenfalls die Schwellungen, fiel vor dem Bett auf die Knie, den Kopf in die Hände gedrückt: er betete. Die kurzen, hastigen Atemzüge des Kleinen, die glänzenden und doch gänzlich gleichgültigen Augen, mit denen er seinen Vater ansah, — das schrie förmlich zu ihr über des Vaters Kopf weg. Auch sie hätte beten mögen; aber im selben Augenblick schob der Junge den Vater mit der Hand weg; der Tabakgeruch störte ihn. Und damit schob er sie weg vom Gebet.

Doktor Kents ruhiges Lächeln, sein stilles, bestimmtes Urteil, daß die Krankheit noch dieselbe sei wie damals, als er zuerst die Entzündung entdeckt hatte, daß nichts Schlimmeres hinzugekommen sei, und die Anschwellung sicher nur von der unglücklichen Lage der Knie herrühre, erleichterte sie beide so, daß Josefine vor Freude weinte. Die Untersuchung des Urins bestätigte seine Diagnose.

In dieser Nacht schlief Josefine wieder besser als seit langer Zeit; trotzdem fühlte sie sich matter als vorher.

Wieder verging eine Zeit; da kamen eines Abends der Pastor und Doktor Kent mit einer gewissen Feierlichkeit herauf. Josefine lag in den Kleidern auf dem Bett und richtete sich empor, um aufzustehen; aber Kent und der Pastor baten sie, sich wieder hinzulegen. Doktor Kent erzählte, gestern sei Frau Kallem gestorben. Beide Männer blickten Josefine an; sie schloß die Augen. Eine Weile tiefes Schweigen. Als aber mehrmals ein Zucken über ihr Gesicht lief, sagte Tuft hastig: "Unter diesen Umständen ist es für Edvard nur gut, Josefine. Natürlich geht es ihm jetzt nahe; aber später wird alles gut werden. Er wird daran wachsen." Josefine wandte den Kopf ab. Ihre Augen blieben geschlossen; aber dann brachen die Tränen hervor.

Im selben Augenblick fühlte er, was er da gesagt hatte, war etwas Eingelerntes; ja, er hatte sich einer Roheit schuldig gemacht. Während der Krankheit seines Jungen, im angsterfüllten Zusammenleben dieser letzten Zeit war er ein anderer geworden. Diese Worte aus einem früheren Dasein — eben weil sie in dieser Stunde fielen, auf ihren brennenden Schmerz hin — weil sie über ihrem eigenen kranken Kind fielen — gewannen selbständiges Leben, wurden ihm zu einem stummen Gefolge — "Sendboten Gottes".

Bis diese Worte fielen, hatte Josefine in der Stille mitgebetet, wenn der Pastor betete; nun tat sie es nicht mehr. Sie hatte dasselbe Gefühl, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, wenn er so maßlos war und doch zugleich von ihr forderte, daß sie mit ihm fromme Lieder singen solle. Damals hatte er nichts gemerkt; heute fühlte er es sogleich. Aber gerade darum verlangte ihn nach einer Gemeinschaft, vor allem im Gebet für sein krankes Kind. Er wandte sich an die Freunde der Betstunde; deren war er sicher. Die ganze schmerzliche Abrechnung dieser Tage, das Zittern um das Leben des Kindes, seine freudlose, wunde Liebe, all das wirkte zusammen zu einer starken Erschütterung. Er bat sie alle, mit ihm zu beten, er stürmte Gottes Barmherzigkeit; wenn er nur einer höheren Gemeinschaft mit Gott würdig befunden wurde, so war die Prüfung nicht zu hart.

Er leuchtete von Glaubenskraft, als er nach Hause kam und berichtete. Wenn das Stärkste in ihm einmal aufwachte, so war er wie kaum ein anderer; aber es kam so selten dazu.

Josefines Zustand wurde besorgniserregend. Frische Luft und regelmäßigen Schlaf entbehren, Woche um Woche, — den Appetit verlieren durch die unaufhörliche Spannung — das war fast genug, um selbst kerngesunde Naturen wie die ihre zu brechen. Tuft sprach heimlich mit Kent darüber; aber es war nichts zu machen, wenn sie nicht selber wollte.

Während er jede ihrer Bewegungen überwachte, mußte er ihr, gegen seinen Willen, eines Tages mitteilen, daß Ragni nicht hier, sondern im Friedhof des Nachbardorfs beerdigt werden sollte. Darin offenbarte sich doch des Schwagers Groll, ja Abscheu auf die denkbar stärkste Weise. Zweifellos war dieser Entschluß gegen die Gesellschaft im allgemeinen, am meisten aber gegen sie beide gerichtet.

Was Josefine fühlte, erfuhr Tuft nicht; ihm selbst ging es nahe. Ein einziges Mal verriet sie, wie ungeduldig sie geworden war. Er hatte sich über den Jungen gebeugt und kam ihm dabei etwas zu nah; Edvard stöhnte und schob ihn mit der Hand von sich. "So laß doch das ewige Rauchen!" sagte sie erbittert. Er wandte sich nach ihr um: "Das werd' ich auch!" antwortete er sanft. Als er sich dann wieder aufrichtete, fügte er bekümmert hinzu: "Heute steht es nicht gut mit ihm!" — "Nein", erwiderte sie still; die Art, wie er das aufgenommen hatte, beschämte sie.

Der Doktor wurde geholt. Er war an diese plötzlichen Botschaften gewöhnt, daher nahm er sie mit Ruhe auf, und er besaß die unschätzbare Gabe, diese Ruhe auch andern mitzuteilen. Sofort schien es den Eltern, als esse der Junge mit mehr Appetit und sei freundlicher gegen die Großmutter. Viermal am Tag kam sie herüber, und die Art, wie er sie empfing, galt als Barometer.

Die Großmutter war oben im Krankenhaus gewesen und hatte von dort Kallem und Karl Meek mit Ragnis Leiche wegfahren sehen. Der Sarg war weiß und stand auf einem schwarzen Schlitten; vorn neben dem Kutscher saß Sigrid; Kallem und Karl fuhren in einem Breitschlitten hinterdrein. Das war das ganze Gefolge.

Der Bericht über Ragnis letzte Fahrt kam ihnen überraschend. Und daß Karl Meek dabei gewesen war, er ganz allein! Bedeutete das, Kallem hege keinen Argwohn gegen ihn? Oder, was wahrscheinlicher war: er habe vergeben? Wollte vielleicht die Tatsache bemänteln und ihr so diesen letzten Dienst erweisen? Wer doch auch so gut sein könnte!

In der Nacht darauf kam Josefine zu ihrem Mann herunter, als er schon schlief. Ihr Haarknoten hatte sich gelöst; mit dem großen, hohläugigen Gesicht, von dem das schwarze Haar abstand, den Augen, die starr über die Lampe wegstierten, die sie trug, sah sie aus wie eine Besessene oder eine Nachtwandlerin. Er richtete sich im Bett auf und wollte aufstehen. Sie hielt ihn mit der Hand zurück und sagte eintönig: "Ich muß mit Dir reden, Ole; ich kann nicht schlafen. Diese Frau, die Frau meines Bruders, wird uns unsern Jungen nehmen."

Er fühlte, wie ihm alles Blut zum Herzen strömte. "Was sagst Du da?" flüsterte er.

"Wir sind zu hart gewesen, wir beide. Jetzt müssen wir bezahlen; und mit weniger begnügt sie sich nicht." — "Liebste Josefine, Du bist ja ganz außer Dir. Wir wollen uns doch nach Hilfe umsehen ...!" Und er sprang aus dem Bett. — "Ja, Hilfe suche ich! Alle, die beten können, müssen mir jetzt beistehen! Hörst Du, Ole!"

"Aber liebste ...!"

"Oder glaubst Du nicht, daß Ihr stärker seid als diese Frau? Glaubst Du es nicht? Neulich bist Du so freudig aus der Betstunde heimgekommen — ach, Du kennst die Leute ja, ... rufe sie, sie sollen kommen, — hörst Du, Ole!" Und sie fing zu jammern und zu weinen an. "Es ist doch Christenpflicht, uns zu helfen! Sie dürfen es doch nicht ruhig mit ansehen, daß sie ihn uns nimmt!" Die Stimme klang in einem langen Klageton aus. Er saß auf dem Bettrand; die Unterkleider hatte er angezogen, hielt aber nun, die Hosen in der Hand, inne. "Liebe, Liebste, so glaub' doch nur — Gott hat die Macht, und kein anderer! Du bist krank, Josefine!" — Er war voll Sorge und Liebe und eilte, sich fertig anzukleiden. "Du holst sie, nicht wahr?" sagte sie erfreut und stellte die Lampe hin. "Ich wußte es ja! Ich danke Dir! Sei heilig versichert, Ole — es eilt!" Er zog sich rasch weiter an, sagte aber: "Du weißt, Josefine, wir müssen vorsichtig sein, wenn wir für nicht-geistliche Dinge beten!" Das machte sie unruhig; sie streckte die Hände nach ihm aus. Alles an ihr war lose und offen, die Ärmel glitten zurück — unglaublich mager war sie geworden! Eine große Angst überfiel ihn. Ihr wildes Aussehen, die fieberkranke Sprache, die abgezehrte Gestalt.... "Um Gotteswillen, Josefine, Du darfst nicht alles so aufs Gebet setzen! Du könntest darüber zusammenbrechen, so, wie Du jetzt bist...." — "Glaubst Du denn nicht, Ole?" Es entfuhr ihr wie ein Blitz. "Doch, doch! Aber wenn nun Gottes Wille nicht der unsere ist, Kind?" — Die schmerzliche Erinnerung an Andersens Sterbebett stieg in ihm auf. "Du betest um nicht mehr und nicht weniger als um ein Wunder!" — "Ja. Natürlich! Selbstverständlich! Um was beten wir denn sonst?" — "Wir beten, um Gemeinschaft zu finden mit Gott, Josefine. Wenigstens darum bete ich. Dann ist alles gut; dann ist meine Seele gestärkt — und ich bedarf dessen oft so sehr!" — "Gottes Herz erweichen, so steht es geschrieben. Steht es nicht geschrieben? Gottes Herz erweichen! Hörst Du, Ole! Gottes Herz erweichen? So antworte doch!" — Er war vor dem Ofen niedergekniet, in der einen Hand ein Holzscheit, in der andern ein Messer; er wollte Feuer anmachen; sie war so leicht bekleidet. Aber jetzt hielt er inne und sah sie voll Trauer an: "Um ein Wunder beten — das darf ich nicht, Josefine! Ich bin dessen nicht würdig!" Und während er das sagte, wuchs es in ihm, und eh' er es wußte, war er so erregt, daß er das, was er in Händen hielt, fallen lassen mußte, um sein Gesicht zu bedecken. Als er aber wieder aufsah, sprang er in die Höhe; wenn sie in ihrem Schoß das kostbarste Porzellan gehalten und es hätte fallen lassen, daß es in tausend Stücke zersprang — sie hätte nicht anders dastehen können — starr, von Entsetzen gelähmt, die Hände ausgestreckt über dem, was ihr entglitten, die Augen auf ihn geheftet, der Sinne beraubt, als müsse sie auf der Stelle umsinken. Aber das geschah nicht; denn als er sie anfaßte, erwachte sie, faßte sich sofort und sagte rasch ohne Übergang: "Dann müssen wir nach meinem Bruder schicken! Dann kann nur er sie bewegen, von dem Jungen abzulassen!" Diese Worte, aus diesem wunderlichen Gedankengang geboren, klangen ihm wie eine Eingebung. Tausendmal hatte er dasselbe gedacht; der Fall mit dem Oberst hatte schon den Wunsch in ihm erweckt, viele hatten es ihm geraten. Aber bis jetzt hatte er sich immer geschämt.

Ein paar Minuten später war er auf dem Weg zu Doktor Kent, der zuerst gefragt werden mußte.

Eine klare, kalte Nacht, der Weg vom Tag aufgeweicht, in der Nacht gefroren, so daß Tuft aufpassen mußte — dazu die Gedanken, die ihn hetzten — es war schwierig genug. Was wurde aus den Dogmen der Bibel, von Schöpfung, Sündenfall und all dem andern — was war es wert, wenn der Tod anklopfte? Was war dann Nummer eins und was Nummer zwanzig?

In Kents Haus wollte niemand wach werden; er klingelte und klingelte, ohne selber den Klang der Glocke zu hören; sie mußte abgestellt sein. Er fing an, gegen die Tür zu donnern; es klang hart und hohl; und ihm, der an den Tod dachte, war, als klopfe der an; es war ja auch so! Endlich kam, etwas verdrossen, ein Mädchen; als sie jedoch sah, daß es der Pastor war, ging sie, um Doktor Kent zu benachrichtigen. Der geduldige Kent erschien, hieß ihn eintreten und hörte ihn an. Mit Freuden wolle er zu Kallem gehen; hätte er nur gewußt, ob es tunlich sei, so hätte er es schon längst getan.

Josefine war oben bei dem Jungen, als Tuft zurückkam; sie verstand ihn nicht richtig und glaubte, ihr Bruder werde sogleich kommen; und als er um sieben, um acht, um neun noch nicht da war, fürchtete sie, er wolle nicht, und geriet völlig außer sich; der Pastor mußte sich wieder auf den Weg machen. Kent war nicht gleich zu finden, gab aber Bescheid, Kallem und er würden Punkt elf Uhr kommen. Sie kamen auch; aber da war der Pastor eben abgerufen worden, so daß niemand zu ihrem Empfange da war. Kallem hatte seinen Fuß nicht mehr auf diese Treppe gesetzt seit dem Tag und der Stunde, da er die Stadt betreten hatte.

Wenn man sich nach etwas sehnt, geht es einem leicht wie jetzt Josefinen: seit der Nacht war der Bruder ständig in ihren Gedanken gewesen; als er nun aber mit Kent endlich über die dicken Läufer die Treppe heraufkam, dachte sie nicht an ihn. Sie stand gerade über den Jungen gebeugt und gab ihm zu trinken; als es klopfte, schrak sie auf und die Stimme versagte ihr. Die Tür wurde trotzdem geöffnet; Kent ließ Kallem zuerst eintreten.

Ein leiser Schrei tönte ihm entgegen. Fast hätte sie zu Boden fallen lassen, was sie in der Hand hielt. Wie sah er aus! Das war der Tod selbst, der da eintrat, knöchern, schneidend scharf, — nicht um zu helfen, sondern um über ihr Kind das Urteil zu sprechen; das fühlte sie sofort.

Kurz, erbarmungslos sah er sie an, ohne einen Funken Mitgefühl, obwohl auch sie von Kummer mitgenommen war. Als er näher gekommen, blickte er auf den Knaben; und fortan existierte sie nicht mehr für ihn. Sie trat auch ganz von selbst beiseite. Kent kam auf sie zu und begrüßte sie freundlich; dann ging er zu Kallem zurück. Und jetzt ging es wie gewöhnlich — wie es Kallem selbst neulich mit Doktor Meek gegangen war: Kent sah das Kind auf einmal mit andern Augen, mit Kallems Augen; das Aussehen des Jungen wurde plötzlich ein ganz anderes und erschreckte ihn aufs tiefste. Was er bisher weit von sich gewiesen hatte — jetzt drängte es sich ihm von selbst auf: "Empyème?" flüsterte er auf französisch Kallem zu. Der antwortete nicht, trat nur näher, fühlte des Knaben leichten, schwachen Puls, beklopfte leise die Brust, horchte auf die hastigen Atemzüge, besah sich die Temperaturliste und den letzten Auswurf des Jungen. Darauf eine kurze Beratung der Ärzte; Josefine hörte jeden Laut, obwohl sie ein ganzes Stück entfernt, auf der andern Seite des Bettes stand — das Bett des Jungen war da, wo früher das des Vaters gestanden hatte. — Aber sie begriff die technischen Ausdrücke und darum auch deren Bedeutung nicht. Irgend etwas unerhört Entsetzliches war es; das fühlte sie; ihre Hände krampften sich unter der Brust zusammen, während ihre Augen von einem zum andern wanderten. Endlich machte Kent ein paar Schritte auf sie zu. Er wolle nur fragen, ob sie erlaube, daß man eine nadelfeine Spritzenspitze in die Brusthöhle einführe? "Eine Operation?" flüsterte sie und mußte sich stützen.

"Das werden wir dann sehen", erwiderte er ebenso leise. Sie sank auf einen Stuhl. Ihr Bruder wartete die Antwort nicht ab, sondern zog seine Verbandtasche hervor, nahm daraus etwas Blankes, Dünnes, Langes und beugte sich damit über den Jungen. Mehr sah sie nicht, dachte auch nichts mehr —, sie fühlte bloß noch eins: nicht nachgeben! Sie hörte den Jungen jammern und "Mutter" rufen — angstvoll, immer wieder; aber sie konnte nicht aufstehen, sie getraute sich nicht aufzustehen. Dann hörte sie Kent sagen: "So, jetzt ist's vorbei, Jungchen!" Aber was vorbei war, das sah sie nicht.

Der Kleine jammerte und jammerte: die Mutter solle wieder zu ihm kommen. Sie versuchte es ein paarmal; aber es ging nicht; der Bruder drückte sie immer wieder in den Sessel nieder, trotzdem er sie überhaupt nicht ansah.

Dann ging die Tür. Er war fort; und sie atmete auf. Kent trat auf sie zu, mild, teilnahmvoll: "Es ist eine Operation nötig, Frau Pastor!" flüsterte er. "Wozu denn?" Sie wußte ja, es nützte doch nichts; sie hatte es in ihres Bruders Gesicht gelesen. "Weil wir alles versuchen müssen", erwiderte Kent. Der Junge bat jetzt im kläglichsten Ton die Mutter, sie möge zu ihm kommen. "Ich komme schon!" Sie kniete bei ihm nieder und brach in Tränen aus. "Es hat so weh getan!" klagte er. Ach, wenn sie hätte antworten können: "damit Du gesund wirst und wieder aufstehen kannst!" Aber nicht einmal Kent wagte das. Sie suchte nach Mut, um die Operation zu verbieten; aber sie wagte es ihrem Bruder gegenüber nicht. Kent wartete; das fühlte sie zuletzt und sah ihn verzweifelt an. Er beugte sich zu ihr hinab: "Ihr Bruder schickt gewöhnlich jemand von seinen Leuten vorher zum Desinfizieren und Vorbereiten", sagte er leise. "Heute schon?" flüsterte sie und schluchzte bitterlich. "Nein, aber mit dem Reinmachen und Auslüften muß jedenfalls heute begonnen werden. Die angrenzenden Zimmer müssen wir auch dazu nehmen." Sie hatte ihren Kopf wieder neben den ihres Jungen gelegt und antwortete nicht; sie hörte ihn weggehen.

Als der Pastor nach Hause kam, eilte er gleich ins Krankenzimmer hinauf und war nicht wenig verwundert, dort die Großmutter und — Sissel Aune zu finden. Die letztere hielt Wacht bei dem Jungen, der äußerst empfindlich war und niemand als die Mutter um sich dulden wollte; auch den Vater nicht; der roch noch immer nach Tabak; obgleich er das Rauchen aufgesteckt hatte. Der Pastor fand Josefine im Studierzimmer auf dem Sofa, verzweifelt, aufgelöst; sie stammelte zusammenhangslose Worte: "Das Todesurteil!" antwortete sie fast auf alles, was er sagte.

Am Nachmittag kam eine Krankenhausschwester und übernahm die Aufsicht; mit ihr rückten neue Leute ein; das ganze Haus war in der Gewalt Fremder. Das Scheuern klang wie das Hobeln der Sargbretter. Die Dienstmädchen kummervoll; die Großmutter in Tränen; und als das Bett des Kindes in ein anderes Zimmer getragen wurde und sie die Tritte der Träger hörten, saßen die Eltern Hand in Hand und zitterten.

Wenn jetzt jemand gesagt hätte: "Es ist gut für die Eltern, wenn der Junge stirbt. Freilich, jetzt sehen sie das noch nicht ein; aber sie werden daran wachsen!" Wenn jemand die Roheit hätte, ihnen so etwas zu sagen! Tuft mußte mit Josefine darüber sprechen, mußte ihr bekennen, was seine eigenen Worte in ihm bewirkt hatten. Sie drückte ihm stumm die Hand.

Abends, als wieder Ruhe im Hause war, waren beide oben beim Jungen, und beiden war es, als habe der Tod ihn schon gezeichnet. Die Hand der Mutter in der seinen schlief er ein; dann führte Tuft sie sanft hinweg. Es war ihr jetzt nur willkommen, daß jemand sie führte; infolge der vielen Umänderungen im Hause war auch ein zweites Bett im Fremdenzimmer aufgeschlagen worden.

Am nächsten Tag saßen die Eltern von früh an bei dem Kleinen. Sobald sie weg waren, sollte er in sein ehemaliges Zimmer geschafft werden; dort war alles zur Operation bereit. Um zehn Uhr kamen die Ärzte. Josefine lag auf dem Sofa im Studierzimmer. Als sie die Männer kommen hörte, hielt sie sich die Ohren zu; die Teppiche waren fortgenommen, so daß man das leiseste Stiefelknarren hörte. Sie ließ sich nicht trösten, ließ sich nicht zureden, verfiel wieder in den halbbesinnungslosen Zustand, in dem sie schon einmal gewesen war; sie wollte um jeden Preis hinauf zu dem Jungen; er konnte ihnen ja unter den Händen sterben. Der Pastor hätte gern mit den Ärzten gesprochen; aber sie hängte sich an ihn: sie wollte mit. So blieb er unten. Wenn irgend jemand oben einen Fuß rührte, so wußte sie gleich, wer es war; bewegten beide Ärzte sich zu gleicher Zeit, dann ging etwas Besonderes vor; dann krümmte sie sich und saß in sich zusammengekauert da, die Hände vor den Ohren. In ein anderes Zimmer wollte sie sich nicht bringen lassen; hier wollte sie bleiben, und Qualen erleiden. Manchmal, wenn sie sich halb zu Tode gehetzt hatte, flüchtete sie zu Tuft, wie zu einem stillen Hafen; "hilf mir!" flüsterte sie; es ginge um ihren Verstand, um ihr Leben; immer habe sie gewußt, daß es einmal ein jammervolles Ende mit ihr nehmen würde.

Tuft bewog sie endlich, sich aufs Sofa hinzulegen und sich kalte Umschläge machen zu lassen; er bat sie so innig, und seine Liebe war so stark, daß sie ihr einen Halt gab. "Danke, Ole, danke!" Darnach wurde sie still.

"Er schreit!" rief sie plötzlich und setzte sich auf; sie wollte hinauf. Der Pastor beteuerte, er höre nichts; aber im selben Augenblick hörten sie es beide. "Ja, ja!" rief sie und wollte hinauf. Tuft umschlang sie mit beiden Armen, bat und beschwor. Und wieder wurde sie still. Von oben kam kein Laut mehr jetzt.

Oben ging alles schnell. Auf Kallems Verantwortung wurde der Junge chloroformiert, und das Schreien, das die Eltern gehört hatten, galt der Flanellmaske, die Kent ihm vors Gesicht hielt. Der Junge schob sie weg; er meinte, er müsse ersticken. "Mutter! Mutter!" Aber bald schlief er ein. Die Großmutter saß in einem frischgewaschenen Kleid auf der andern Seite am Kopfende und hielt seine Hand; sie zitterte, die Alte. Aber sie saß da, und sie wollte da sitzen bleiben, bis alles zu Ende war. Niemand hatte sie darum gebeten; aber sie hatte ihren Gott darum gebeten. Sobald der Junge eingeschläfert war, forderte Kallem sie jedoch höflich auf, zu gehen. Langsam und stumm entfernte sie sich.

Nun gings ans Werk. Zwischen den Rippen auf der rechten Seite wurde ein acht Zentimeter tiefer Einschnitt gemacht. Mit stumpfen Instrumenten bohrte Kallem tief hinein, kam bis an den Rippenrand und sägte ein kleines Stück heraus; der Eiter strömte aus der Wunde.

In diesem Augenblick wurden alle von einem wilden Schrei im Hintergrund aufgeschreckt. Josefine hatte blitzschnell die Tür aufgerissen, sah die weißen Operationsmäntel, sah Kallem voller Blut in der Brust ihres Kindes wühlen, — und stürzte kopfüber zu Boden.

"War die Tür nicht abgeschlossen?" fragte Kallem. Sissel kam von innen gelaufen, der Pastor von außen, und zusammen trugen sie sie hinaus. "Achten Sie auf den Puls!" wurde der Diakonissin zugeflüstert. "Und schließen Sie die Tür zu!" — "Und Sissel —?" — "Muß draußen bleiben!"

Man hörte Josefine bald darauf an der Tür; aber niemand achtete ihrer. Eine Drainröhre wurde in die Brusthöhle eingeführt, diese wurde ausgespritzt und vorsichtig ein Gazeverband darum gelegt. Die Röhre mußte ein paar Tage liegen bleiben und die Zimmertemperatur gleichmäßig auf 15 Grad gehalten werden. Bald darauf zog Kallem sich samt seinen Instrumenten ins nächste Zimmer zurück und war verschwunden, bevor noch irgend jemand, der nicht der Operation beigewohnt hatte, wußte, daß er fertig war.

Die Großmutter, die Ärmste, war wieder hinaufgegangen, um an der Tür zu horchen, als Sissel, die jetzt im Zimmer war, öffnete und etwas unter der Schürze davontrug. Im Vorbeigehen erzählte sie schnell, es sei alles vorüber. Die Großmutter wagte sich hinein; aber als sie das blasse Kind sah, verlor sie alle Herrschaft über sich selbst; sie ging schnell wieder hinaus und erreichte ihr Haus mit Mühe und Not.

Dieses Petrefakt von der Meeresküste, pietistisch plattgedrückt, in die Nordwand des Hauses eingemauert, war für gewöhnlich gänzlich unzugänglich; der einzige Mensch, mit dem sie eine Art Gemeinschaft zu haben schien, war der Knabe. Ihr ganzes Haus war seine Spielstube; alles, was er nur wollte, durfte er ihr hineinschleppen; sie schleppte es wieder hinaus; sie hatte ja nichts anderes zu tun, als hinter ihm her aufzuräumen. Man hätte denken sollen, er müßte deswegen an ihr hängen; aber es war eigen: seit er krank war, mochte er die Großmutter gar nicht mehr sehen. Das klare Wesen der Mutter hatte, bei aller Strenge, seine Phantasie gefangen genommen; die Nachgiebigkeit der Großmutter, mit all ihrer Hinterhältigkeit und ihren Verboten, mit all den Gebeten, die er auswendig lernen sollte, und all den biblischen Geschichten, die er nicht verstand, hatte ihn gequält. Nun er matt und krank war, durfte sie überhaupt nicht mehr reden. Ein Jammer ist es mit diesen alten Leuten! Auch ihr Sohn vernachlässigte sie, seit Josefine wieder zugänglicher war. Wäre nicht die Diakonissin gekommen — die Operation wäre vielleicht vor sich gegangen, ohne daß die Alte darum gewußt hätte.

Einige Stunden später schlich sie sich wieder hinauf, lauschte draußen, hörte nichts, dachte, es sei vorbei und wagte sich hinein. Sissel saß da und nickte; aber sie sah gleich auf. "Lebt er?" fragte die Großmutter. "Ja", antwortete Sissel, nur ebenso laut, daß man es hörte; größer schien auch ihre Hoffnung kaum. Die Großmutter konnte nicht mehr; sie ging. Aber schon etliche Stunden darauf war sie wieder da. Er lebte noch immer. Diesmal hatte sie ihre Brille mitgebracht und ein altes, liebes Buch; Sissel konnte schlafen; sie würde hier sitzen bleiben, bis es zu Ende war. Sissel sagte ihr, was zu tun sei, und legte sich dann auf Josefines Bett.

Erst um sechs Uhr abends streckte der Pastor den Kopf zur Tür herein. Erst jetzt wagte er, Josefine auf einen Augenblick zu verlassen. Er sah seine Mutter dasitzen, mit ihrer Brille und der alten Postille; er trat näher und forschte in ihrem Antlitz wie in einer Schrift: "Er lebt!" las er darin. Sie nickte, wie vorhin Sissel, — im selben Sinne. Vor dem leichenblassen, schlafenden, schlaffen Gesicht des Jungen schauderte er zurück und ging.

Ganz, ganz still war das Haus. In der Küche, die abseits lag, hörte man leise reden; überall waren die Türangeln geölt, überall lagen wieder Läufer und Teppiche. Allstündlich kam der Pastor, immer auf den Zehenspitzen; und immer derselbe Bescheid: bis jetzt lebe er noch. Alle kamen und gingen, lautlos, als wandelten Gespenster. In dem Fremdenzimmer, wo Josefine lag, und in seiner Nähe gab es keine Worte mehr, nur noch Zeichen.

Die Nacht war womöglich noch schweigsamer. Großmutter saß nicht mehr am Bett, sondern Sissel; in der Küche brannte das Feuer, und irgend jemand wachte da immer, für den Fall, daß etwas sich ereignen sollte. Auch der Pastor wachte und ging ab und zu. Aber gegen drei Uhr schliefen er und die Küchenwache ein. Als die Großmutter gegen vier kam, schlief auch Sissel. Großmutter setzte sich wieder an ihren Platz. Nirgends ein Laut, bis gegen sieben Uhr. Großmutter sah nach dem Ofen und gab dem Kranken die Medizin; atmete der kleine Edvard leichter? Oder täuschte sie sich?

Gegen sieben Uhr ging langsam die Tür auf. Sie glaubte, es sei ihr Sohn; aber es war Josefine, die hereintrat. Im Zwielicht sahen ihr großes Gesicht unter dem wirren Haar, ihre wilden Augen noch entsetzlicher aus; die Alte, die längst für ihren Verstand gefürchtet hatte, erschrak. Aber Josefine blieb an der Tür stehen; sie hörte Sissels feste Atemzüge, aber nicht die des Jungen; da wagte sie nicht weiterzugehen. Das sah die Großmutter und nickte ihr ermunternd zu. Ein paar Schritte vorwärts — und die Mutter sah ihren Jungen — zum Erschrecken blaß, ohne jedes Lebenszeichen. Aber Großmutter nickte wieder; da wagte sie sich weiter vor. Die Gardinen waren noch zugezogen, deshalb sah sie nicht deutlicher; aber jetzt schien ihr doch, als atme er! Sie kniete nieder. Atmete er wirklich leichter, oder...? Sie hatte sich so verrannt in ihren Glauben an das Todesurteil, daß sie gar nicht hörte, was sie hörte. In äußerster Spannung lauschte sie, überlegte, hielt den Atem an, und erst, als sie die Gewißheit hatte, daß er leichter atmete, ließ sie den eigenen Atem unwillkürlich mit voller Gewalt über das Gesicht des Jungen hinströmen. Der warme Hauch weckte ihn; er schlug die Augen auf und sah seine Mutter an, und es schien, als besinne er sich. Ja, es war die Mutter; sie war wieder da! Seine Augen wurden lebhafter, klarer, als man sie seit Wochen gesehen hatte, und sie blickten in die ihren, bis Josefines Augen von Tränen überflössen.

Kein Wort sagte er, kein Glied regte er aus Furcht vor den alten Schmerzen; und ihr war, als müsse ihm der Lebensgeist entfliehen, wenn er es tue oder wenn sie ihn anrühre oder anrede. Ja, sie dachte sogar, sie atme zu laut, atmete leiser, bewegte keine Hand, wandte nicht den Kopf. Und in dieser bewegungslosen Stille war ihr, als seien Flügel ausgebreitet über ihnen beiden. Der Augenblick glich dem, da sie ihn geboren, da sie den ersten kleinen Laut seiner lebendigen Stimme gehört hatte. Jetzt begann das Leben zum zweitenmal, jetzt, in diesen ersten, scheuen Atemzügen. Seine Augen waren wie Licht im Schnee. Nicht satt konnte sie sich sehen an ihrem frischen Glanz; sie beide schwebten miteinander, als ob es nimmer enden solle.

Aber dem Jungen wurde die Macht ihrer Augen zu schwer; er gab sich der Sicherheit ihrer Nähe hin und schloß die Augen wieder, öffnete sie noch ein paarmal, um sich zu vergewissern, ... ja, sie war noch da, und dann schlief er ein.

Eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer. Draußen war heller Tag; herein damit! Sie zog die Gardinen auf; der Tag füllte den hohen Raum mit dem Leben des Lebens, füllte ihre eigene Seele bis in den verborgensten Winkel; sie stieß die Tür zum Fremdenzimmer auf und stellte sich in die Öffnung.

Da lag Tuft, breit und stark, mit ausgestrecktem Arm, das dichte Haar, die hohe Stirn noch glänzend vom gestrigen Schweiß, um den Mund ein Lächeln. Jetzt weckte das Licht ihn halb aus dem Schlaf. "Ole!" sagte sie. Er öffnete die Augen weit, kniff sie aber gleich wieder zu. Im Geist ordnete er, was er da mit einem Blick gesehen hatte, und zugleich hörte er aus all dem Licht heraus Josefines Stimme: "Er lebt!"

Am Sonntag sprach in der Kirche von der Kanzel herab ein Mann aus dem heraus, was er gelernt hatte.

Darüber nämlich, was für uns alle das Größte ist.

Der eine vergißt es in seinem Strebersinn, der andere in seinem Kampfeseifer, ein dritter in seiner Verranntheit und ein vierter über seiner eigenen Weisheit, ein fünfter in seinem Alltagstrott, und alle haben wir es mehr oder minder verkehrt gelernt. "Denn fragte ich nun Euch, die Ihr mir zuhört, so würdet Ihr alle, just weil ich von dieser Stätte aus frage, mir gedankenlos antworten: 'Das Höchste ist der Glaube'."

"Ich aber sage Euch: wahrlich er ist es nicht! Sitz am Bett Deines Kindes, das daliegt in Atemnot, am Rande des Todes; oder laß Dein Weib, aufgerieben von Angst und Nachtwachen, dem Kinde nachgleiten bis an diesen äußersten Rand — da lehrt Dich die Liebe, daß das Leben das Höchste ist. Und nie wieder von diesem Tag an werde ich Gott oder Gottes Willen zuerst in einer Formel, in einem Sakrament oder in einem Buch oder einer Bibelstelle suchen, als sei er vor allem hier oder dort; nein, vor allem im Leben, in dem Leben, das der Tiefe der Todesangst abgerungen ist, im Sieg des Lichts, in der Inbrunst der Liebe, in der Gemeinschaft der Lebenden ist Gott. Gottes vornehmstes Wort an uns ist das Leben; unsere höchste Gottesverehrung die Liebe zu den Lebenden. Dieser Lehre, so selbstverständlich sie ist, bedurfte vor allen andern ich. Diese Lehre hatte ich aus verschiedenen Gründen und auf mancherlei Weise abgelehnt — am stärksten in letzter Zeit. Aber niemals wieder soll das Wort mir das Vornehmste sein, ebensowenig die Zeichen; nein, das Größte soll mir sein die ewige Offenbarung des Lebens. Niemals wieder will ich festfrieren in einer Lehre; die Lebenswärme soll meinen Willen lösen. Niemals wieder will ich Menschen richten nach Dogmen und nach der Gerechtigkeit vergangener Zeiten, wenn sie nicht den Maßstab der Liebe unserer Zeit tragen. Niemals, so wahr ein Gott lebt! Und das, weil ich an ihn glaube, an den Gott des Lebens, und an seine unablässige Offenbarung im Leben!"

12

Am selben Nachmittag erschien bei Tuft ein seltener Besuch. Es klopfte leise an, und auf das erste "Herein" zeigte sich niemand. Auf das zweite wurde die Tür bedächtig geöffnet von Sören Pedersen, und hinter ihm tauchte nach langem Zögern und in großer Verlegenheit Aase auf.

Sie wollten nichts Geringeres als dem Herrn Pastor für die heutige Predigt danken. "Denn niemand, Herr Pastor, kann leben ohne Gott; wenigstens wir ungelehrten Leute nicht. Es geht nicht, es geht ganz einfach nicht. Und so kommen wir wie der verlorene Sohn — d. h. Aase wäre da wohl die verlorene Tochter — (komm nur näher! Na, so mach', was Du willst!) und bitten Sie, ob Sie nicht zu Gott um Gnade für uns beide beten wollen, Herr Pastor!" Und Tuft tat es mit einer Inbrunst, wie nur er sie in ein Gebet zu legen vermochte. Sören sagte dann, sie wollten jetzt gleich zu Herrn Doktor Kallem gehen. "Ganz gewiß ist er der beste Mensch auf der ganzen Erde, jedenfalls hier in der Stadt. Aber in diesen Dingen ist er im Irrtum, Herr Pastor. Es gibt ganz sicherlich einen Gott und auch Geister, und das wollen wir ihm jetzt sagen."

Tuft selber hatte beschlossen, an diesem Nachmittag noch Kallem aufzusuchen. Er war ihm dankbar, und es drängte ihn, zu bekennen, daß ohne das Unrecht, das sie an Ragni begangen hatten, nicht einmal die Erlebnisse dieser Tage ihm zur Erkenntnis der Lebenswerte verholfen hätten. Vor allem wollte er Josefine rechtfertigen, indem er ihre Schuld auf sich nahm. In der geschäftigen Dogmen-Postkutsche, in der er getrabt war wie ein Postpferd mit Säcken voll Papier beladen, hatte sie mitfahren müssen, ob sie nun wollte oder nicht. Und durch dies Unrecht war sie mißtrauisch und hart geworden.

Als er sich eine Stunde später auf den Weg machte, stand ihre gemeinsame Kindheit merkwürdig lebendig vor ihm. Damals hatte er Missionär werden wollen; jetzt würde er es vielleicht im Ernst werden. Die Evolutions- und Entwicklungslehre auch ins Religiöse zu übertragen, das war eine Mission wert, und sie gedachte er auf sich zu nehmen. Der kleine Dogmengott vergangener Zeiten und seine Priester mußten überwunden werden wie die Götzen und Wundertäter der Heiden. Und hatte er später in theologischem Machtbegehr davon geträumt, Bischof zu werden — nun wohl! Hier war ein gefahrvolles Bistum — aus leicht erklärlichen Gründen — frei in Norwegen.

Auf der Treppe zum oberen Eingang wartete Sigrid, als Pastor Tuft mit langen Schritten über den Hof gesteuert kam. Sie war schwarzgekleidet und trug ein schwarzes Tuch über dem lichtgelben Haar. "Herr Doktor ist nicht zu Hause!" sagte sie in ihrer stillen Art. Er machte sofort Kehrt und ging entschlossen nach dem Krankenhaus hinauf. Dort stand Mutter Andersen, ebenfalls in Schwarz und einer Haube mit schwarzen Bändern. "Tragen Sie noch immer Trauer um Ihren Mann?" — "Nein, jetzt um Frau Kallem." — "Ist Doktor Kallem hier?" — "Nein, er ist vor einer Weile nach Hause gegangen."

Da irrst Du! dachte Tuft und schlug den Weg nach der Landstraße ein; er konnte inzwischen eine tüchtige Promenade machen.

Es waren viele Spaziergänger unterwegs; sie grüßten ihn voll freudiger Teilnahme, das war zweifellos. Mutter Andersens strenges Gesicht hatte einen Schatten über ihn geworfen; aber vor der Milde der andern zog sich der Schatten zurück. Wieder überkam den Pastor der stürmende Mut, den er vor einer Weile noch gehabt hatte, und der den meisten Neubekehrten eigen ist. Dicht beim Krankenhaus begegnete er Sören Pedersen und seiner Frau; auch sie wollten sich an diesem lichten Sonntagabend voll Frühlingsverheißung einen kleinen Spaziergang leisten. "War er zu Hause?" fragte Tuft. "Ja, Herr Pastor", erwiderte Pedersen höchst aufgeräumt. "Na, was hat er denn gesagt, der Doktor?" — "Es hat mir gefallen, was er sagte, Herr Pastor. Es gibt zwei Arten von Menschen, sagte er; die eine glaubt nur das, was sie weiß; die andere tut das auch, aber das, was sie glaubt, läßt sich nicht beweisen — wenigstens für niemand, als sie selber." — "Er hat recht." Tuft lachte und eilte weiter. Aber sowie er allein war, überfiel ihn Markus 16, Vers 16; das lag noch von seiner "rechtgläubigen" Zeit her im Hinterhalt und lauerte ihm auf. "Wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden!" Gott respektiert also nicht "zwei Arten Menschen". Tuft setzte sich eifrig zur Wehr; vom neunten Vers bis zum sechzehnten Kapitel ist alles ein späterer Zusatz, von dem die ältesten Handschriften nichts wissen. Wenn diese Stelle unecht ist, so enthält keins der drei Evangelien eine Stelle, die auch nur annähernd so furchtbar wäre. Und das vierte, das sie enthält, hat damit sich selbst "verdammt". Nein — das Leben ist alles — und der Glaube ist der wunderbare Weg zur Erklärung des Lebens, d. h. zu Gott. Auf diesem Wege werden wir dereinst die höchste Gemeinschaft mit ihm erlangen, wenn nicht hienieden, so doch im Jenseits. Der Glaube soll uns nicht zum Gericht werden, sondern zum Führer. Menschen um ihres Glaubens willen zu verdammen, mochte in entschwundenen Zeiten als Wahrheit gelten; in unserer Zeit stößt es ab. Gott offenbart sich unserem Verstand auf höhere Weise. Wieder schritt er eilig über den Hofraum.

Aber wieder kam Sigrid auf die Treppe: "Herr Doktor ist nicht zu Hause." Die verschleierten Augen wichen den seinen aus; aber sie blieb unbeweglich stehen, das Gesicht dicht eingerahmt von ihrem Tuch. Das Haus hinter ihr war wie ein Geheimnis, eine geschlossene Gemeinschaft, etwas in sich Treu-Gefestigtes, von dem er ausgeschlossen war.

Jetzt begriff er.

Der Preis, um den er hier Einlaß fand, war doch wohl höher, als er gedacht hatte. Demütig ging er heim; Josefine gegenüber schwieg er von der Sache.

Die Zurückweisung war ihm ein neuer Ansporn, weiter auf dem Wege vorzudringen, der einzig die Geschwister wieder zusammenführen konnte. Und das war die Bedingung für alles andere. Er gestand sich ehrlich ein, daß er war auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen. Dies rein persönliche Gefühl hatte großen Einfluß auf die Beschränktheit seiner Lehre gehabt.

Da kam ihm von außen her Hilfe. Zuerst verwunderte Fragen, zurückhaltendes Wesen, was ihm wehtat, ihn zuweilen schwankend machte; bald aber offener Kampf mit seinen treusten Anhängern. Und das trieb ihn vorwärts. Sein alter Freund, der ehemalige Krankenhausverwalter, schien nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben, um sich von einem Dankbarkeitsverhältnis, das ihm lästig war, freizumachen; er schlug gewaltig Lärm und zog Hilfstruppen sogar aus der Hauptstadt herbei. Seminarlehrer, Schulmeister, Wanderprediger und verschiedene Pastoren gingen Pastor Tuft in der Betstunde mit allen möglichen theologischen Instrumenten zuleibe. Vor allem lernte er, sich deutlich ausdrücken; denn die meisten Punkte, in denen sie ihn angriffen, beruhten auf Mißverständnissen. Er lernte aber auch den Gebrauch von Kräften und Kenntnissen, die er bis jetzt nicht geübt hatte.

Im ersten Monat war Josefine nur müde und stumpf; sie war mehr heruntergekommen, als sie wußte. Aber nach einiger Zeit fing sie an, dem Bauernjungen, der einst ihr Herz mit seinem lichten Glauben gefangen hatte, zu folgen.... Ob er wiederkam?

Ein Ereignis, das sie ihrem Mann verheimlichte, hatte sie wieder so zurückgebracht, daß sie nur langsam zu Kräften kam. Auch sie war nämlich in aller Stille bei ihrem Bruder gewesen, sobald sie wieder ausgehen konnte; auch sie war von Sigrid auf der Treppe empfangen worden mit dem Bescheid, er sei nicht zu Hause; aber sie hatte ihn, als sie kam, auf der Veranda stehen sehen! Mit knapper Not hatte sie sich heimgeschleppt.

Sie hatte ja das tiefste Mitgefühl mit ihm gehabt und war zu jedem Zugeständnis bereit gewesen; seine Unerbittlichkeit jedoch weckte ihren Trotz. Von ihrer eigenen Eifersucht auf Ragni hatte Josefine selbst keine Ahnung, also auch nicht davon, wie dadurch ihr eigenes Wesen beeinflußt worden war. Sie sah ihre Schuld darin, daß sie unverträglich gegen eine Frau gewesen war, die im Grunde eben doch eine Sünderin war. Wenn Sissel Aune oben bei dem Jungen saß und ihm von Ragni erzählte, wie liebevoll sie bis zum letzten Augenblick gewesen sei, dann empfand sie das Unmenschliche ihres Betragens, daß sie Ragnis Herzensgüte, daß sie Kallems Liebe hatte übersehen können. Aber abgesehen von dieser Unversöhnlichkeit fühlte sie sich nicht schuldig.

Die Enttäuschung war um so größer und hätte schwere Folgen gehabt, wenn nicht gerade jetzt ihres Mannes Kampf sie mitgerissen hätte. Ein unklarer Mensch, der wesentlich nur in Trotz gelebt hat, kann nur durch eine große Begebenheit erlöst werden. Und zu einer solchen wurde ihr der Tag, als Tuft zu ihr sagte: "Josefine — hierfür müssen wir Amt und Vermögen einsetzen!"

Drei Monate waren vergangen, da fühlte sie sich, neubelebt vom Kampf, stark genug, es mit ihrem Bruder aufzunehmen. Sie schrieb ihm, was sie auch verbrochen hätten — es müsse Klarheit sein zwischen ihnen; einer Anklage wenigstens müßten sie gewürdigt werden. Ihre Dankbarkeit gegen ihn sei groß, ebenso groß aber ihr Bedürfnis, mit ihm zusammenzuarbeiten, nun, da sie ihre frühere Unverträglichkeit bereuten und dem Geist der Liebe und der Gerechtigkeit, den sie verkannt hätten, jedes nur mögliche Opfer zu bringen bereit seien.

Ein sehr geschickter Brief; das sagte auch ihr Mann.

Aber Tag auf Tag verging ohne Antwort. Es war ein wahres Glück, daß gerade diese Tage die schwersten Kampftage für Tuft waren. In der Betstunde und nachher auch in der Kirche hatte er die Worte angewendet, mit denen Josefines Brief schloß: "Gerechtigkeit und Liebe" ohne Unterschied des Glaubens (wie in der Erzählung vom barmherzigen Samariter) sei der Kern des Christentums; deshalb müsse alles mit diesem Maß gemessen werden, in erster Linie die Lehre selbst, bis jedes Körnlein, das sich nicht daran messen ließe, vor der Offenbarungsmacht der Gerechtigkeit unserer Zeit fallen müsse als eine Gotteslehre ferner und harter Zeiten.

Dafür wurde er noch am selben Tage zur Disputation geladen.

Zwei Versammlungen wurden abgehalten im Verlauf der Woche, alle drei stark besucht. Sein Hauptgegner war ein Pastor und Redakteur einer theologischen Zeitschrift aus der Hauptstadt. Die Lehre von der Hölle war fast ausschließlich der Gegenstand, um den es sich drehte, und Tuft hielt daran fest: alles, was Paulus darüber gesagt habe, sei völlig verschieden z. B. von der Offenbarung Johannis. Nach Paulus sei das Leben hier und im Jenseits ein stetiges Fortschreiten, das damit ende, daß Gott "Alles in Allem" werde. Diese Lehre halte das Maß der Gerechtigkeit und der Liebe, — und es machte Eindruck, als er mit seiner metallreichen Stimme in der lebhaften, westländischen Tonart über die dichtgedrängte Versammlung hinrief, ob sie denn glaubten, Krieg und Unterdrückung durch den Stärkeren würden ein Ende nehmen, solange die Lehre von der Hölle mit ihrer grausamen Rachsucht und Roheit in allen Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit und Liebe gelehrt würde!

Die Gegner waren ganz im "Stil der Höllenlehre", indem sie alles taten, ihn zu verketzern und zu verdammen. Unter den Zuhörern herrschte nur eine Meinung: in Klarheit und Überzeugungstreue war Tuft den andern allen über.

Das letzte Mal war auch Doktor Kallem zugegen; er sah auch Josefine mit flammenden Augen dasitzen; und am nächsten Tag gegen Abend kam seine Antwort.

Sie stand gerade vor dem Haus und sah ihrem Jungen zu, wie er mit der Gartenspritze spielte, als der Brief kam; sofort erkannte sie die Handschrift, und zitterte so, daß sie ihn gar nicht öffnen konnte. Es erschreckte sie, wie wenig kräftig sie im Grunde doch noch war. Sollte sie die Gesundheit ihrer Jugend nie wieder erlangen?

Sie ging also auf ihr Zimmer und riegelte hinter sich ab. Ein dicker Brief! Sie drehte und wendete ihn, setzte sich und überlegte, ob sie ihn vielleicht nicht doch Tuft zuerst lesen lassen sollte. Aber möglicherweise stand etwas über ihn darin, was er nicht sehen durfte.

Sie öffnete.

Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort an sie! Das erste, was sie sah, war von fremder Hand geschrieben; das nächste ebenfalls, das übernächste auch, zwei verschiedene Handschriften. Ein paar zusammengeheftete Bogen, einige Briefe, ein paar lose Zettel ... von Edvard kein Wort.

Was bedeutete das? Aus all den Papieren zog Josefine unwillkürlich das kleinste hervor, ein Zettelchen mit drei Zeilen darauf:

"Sie haben meinen guten Namen getötet und ich hab' es nicht gewußt. Denn ich wußte nicht, daß ich einen hatte, bis er getötet war."

Auf einem andern Zettel bloß die feingeschriebenen Worte: "Vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie tun."

Diese zarte, leichtschwingende Handschrift war natürlich Ragnis. Josefine begann zu zittern, und wußte doch nicht warum.

Da lag ein Brief von einer andern Hand geschrieben, die ersten Worte in roter Tinte. Keine Unterschrift. Aber als sie las, daß Kallem dies nicht sehen dürfe, vermutete sie einen Liebesbrief von Karl Meek, den Kallem nach ihrem Tode gefunden hatte. Was sollte sie damit? Flüchtig las sie die ersten Worte, hielt aber inne, als es "Sie" hieß — als er von einem Schmerz sprach, den er hatte allein tragen wollen, der nun aber auch sie betroffen hätte, eine Verleumdung...? War es Verleumdung gewesen?

Überall die allerehrerbietigsten Ausdrücke! — Wann war der Brief geschrieben? Es war kein Datum angegeben; aber der Schreiber war im Ausland; also nach ihrem Zusammenleben hier. Der Brief war ein einziger großer Schrei, ein Schmerz, so echt, wie sie einen größeren nie gelesen hatte.

Josefines Hand zitterte; sie mußte den Brief auf den Tisch legen.

Sie las, wie Karl infolge dieser grausamen Verleumdung an niemand anders und an nichts anderes zu denken vermochte; sie las, wie dadurch seine Liebe zu Ragni erwacht war; Josefine sah diese Liebe, aus Kummer, Dankbarkeit, Anbetung geboren, ihr entgegenatmen, — in den reinsten, rührendsten Ausdrücken.

Ragni unschuldig? Gott im Himmel, war sie wirklich unschuldig? Dann waren die ergreifenden Szenen zwischen Edvard und ihr, während der Tod sie Zoll für Zoll auseinanderriß (Sissel Aune hatte sie ihr geschildert) ja nicht zu ertragen gewesen! Ja, dann begriff sie, weshalb er mit ihrer Leiche von hier weggezogen war und Karl Meek mitgenommen hatte. Sie begriff nur das eine nicht: daß er es überlebt hatte.

Es klopfte an die Tür; sie sprang auf; es war bloß das Mädchen, das sie zum Abendessen holen wollte. Sie vermochte nicht zu antworten. Es klopfte wieder. "Nein, nein!" würgte sie endlich heraus, während sie sich wand vor Scham und Schmerz. Sie mußte zu ihrem Bruder! Sie mußte zu ihm! und sollte sie auf den Knien zu ihm rutschen!

Aber da waren noch mehr Papiere; und sie hatte ein Gefühl, als ob ihr Bruder neben ihr stehe und ihr gebiete zu lesen. Zitternd las sie:

"Ich will jetzt abschreiben, was ich nach vielen Versuchen und Ausstreichen über meine Kindheit und meine erste Ehe zustande gebracht habe; aber ich fühle mich auf einmal so müde und so fertig. Immer hatte ich mir ausgedacht, ich wolle ein paar Worte als Einleitung schreiben, und hatte mich darauf gefreut. Jetzt ist es zu spät. Jetzt kann ich Dir bloß noch sagen, Du 'weißer Pascha' meines Lebens, wie das alles so mit mir gekommen ist. Ganz kurz hab' ich's gesagt, weil es mir eine Qual war. Ich hab' es auch nur gesagt, damit Du mich verteidigen kannst, sollte irgend jemand es noch der Mühe wert finden, von mir zu sprechen, wenn ich fort bin. Liebster Freund, ich klage nicht. Ich habe das Schönste erlebt, was ich erleben konnte; nur daß es so kurz war! Du mußt Dir bloß vorstellen — ich hatte mich selber aus bloßer Furcht vor noch etwas Schlimmerem weggeworfen; und da hast Du mich emporgetragen aus der Tiefe des Meeres zum Frieden, zu allem Guten in guter Menschen Obhut — bis Du dann zum zweitenmal kamst und mich noch weitergetragen hast — zu Dir selbst. Und hier, in Deinem Heim, alles zu eigen zu haben, Dich, und alles, was Dir gehört — ohne es zu verdienen; ich hab' es oft schwer empfunden; aber glücklich war ich doch."

"Ich weiß, ich füllte meinen Platz nicht aus; aber nun, da es zu Ende geht, ist mir, als schade auch das nichts mehr. Du hättest Nachsicht gehabt mit mir, wie lang es auch gedauert hätte; das weiß ich ja gewiß."

"Liebster, wenn ich Dir auch alles sagen wollte, was von Dank und Bewunderung für Dich in mir ist — Du würdest es nicht begreifen; so selbstverständlich war es Dir, daß alles Frohe in Deinem Leben von mir kam. Und das ist auch in meinem Leben das Schönste gewesen."

"Aber Du liest das ja erst, wenn ich nicht mehr im Sessel neben Dir sitze, und da ist nichts, was die Erinnerung an mich besser in Dir wachhalten könnte, so wie ich sie in Dir lebendig wissen möchte, als ein großes unendliches

ich danke Dir!"

Das war die Ehe, der sie den Namen Ehe hatte absprechen wollen! Sie, Josefine, im Vergleich mit ihrer eigenen!

Sie glitt hernieder vom Stuhl, auf die Knie. Sie schluchzte, schluchzte — und zwang sich, still zu sein, damit niemand sie hier finden solle, zusammengekauert, zusammengebrochen unter der Schmach ihres Verbrechens. Ihre Hände tasteten um Ragnis Handschrift, ihr Kopf sank auf die Hände: "Vergib! Vergib!" flüsterte sie, und sie wußte, daß niemand, niemand sie höre, und daß niemand, niemand ihr vergeben könne.

Und blitzschnell erfaßte sie, daß Ragni auch in ihrer ersten Ehe rein gewesen, daß sie auch in ihr verleumdet worden war. Die Schriftstücke über diese Ehe, wie sie zustande gekommen war, — sie brauchte sie nicht, sie konnte sie nicht lesen. Mit fiebernden Händen packte sie alles zusammen — Ole sollte es lesen. Jetzt mußte er ihr helfen; es galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig des Mordes, des Mordes an einer ganz Unschuldigen! Nicht durch Worte oder Hetzereien; gesagt hatte sie nichts; aber gerade durch ihr Schweigen, gerade dadurch, daß sie Ragni vom ersten Tag an von sich gestoßen hatte — gerade dadurch war die Ärmste rettungslos verloren gewesen; das hatte sie getroffen wie der Blitz; das hatte sie betäubt, schreckerstarrt zu Boden geschlagen. Das Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen hatte, das Todesurteil, — sie hatte nicht falsch gelesen! — nur galt es nicht ihrem Sohn, ihr selber galt es. Sie verdiente den Tod!

Entsetzen packte sie; der Schweiß brach ihr aus wie nach einem betäubenden Schlag.... Jetzt war es da!

Ja, jetzt war es da, wovor sie Jahr um Jahr erschauernd gebangt hatte, — etwas über alle Maßen Grauenhaftes, das sie zu Staub zermalmen würde. Nichts war sie gewesen; nichts hatte sie gewollt, nichts geleistet; und dabei hatte sie getrotzt und verurteilt und das höchste Spiel gespielt!

Jetzt war es da! Sie hatte geglaubt, die Sache mit dem Jungen sei das Äußerste gewesen; nein, erst jetzt war es da, jetzt, seit sie wieder ein frohes Zusammenleben mit ihrem Mann und festen Boden unter den Füßen gewonnen hatte.... Jetzt traf es sie — und traf sie tödlich.

Sie eilte hinunter ins Studierzimmer, während Tuft noch aß, und legte den Brief auf seinen Tisch; Hut und Tuch hatte sie schon an; und nun lief sie mehr als sie ging zum Haus des Bruders. Nun galt es biegen oder brechen.

An einem Fußweg bog sie nach der Kirche ab; dabei dachte sie an Oles letzte Predigt. Wenn ihr Zusammenleben von Anfang an so freie Wahl, auf solche Ziele eingestellt gewesen wäre! Sie weinte und lief auf das fürchterliche Haus zu. Links hinter dem Laub erblickte sie auch die weiße Hauswand des andern, in dem Kule wohnte — das Mordinstrument! Nein, nein, nein! Sie hatte ihn nicht kommen heißen; sie hatte keinen Teil daran! Doch — sie hatte gehört, wie man davon sprach, und es für ganz gerecht gehalten. Einige hatten es als guten Witz aufgefaßt, andere wieder ernst, ja, religiös. Josefine erinnerte sich jedes Wortes, zu dem sie geschwiegen, jedes Gedankens, den sie im Stillen gehabt hatte.

Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung, das wußte sie. Was wollte sie bei dem Bruder? Er hatte ihr Kind gerettet; darüber hinaus wollte er nichts mit ihr zu schaffen haben. Und dennoch — ihr Leben hing von jetzt an diesem Fleck Erde; sie mußte hin, und wenn es ihr Tod war! Und sie hastete weiter.

Ihr Leben war geschändet; sie konnte keinem ehrlichen Menschen mehr ins Auge sehen. Mit Kälte und Bosheit hatte sie ein völlig, völlig unschuldiges Menschenkind getötet — hatte ihres Bruders Heim zerstört! Wie sollte sie darnach noch weiter leben? Was wollte sie jetzt? Ihre gerechte Strafe suchen? Aber die konnte nur sie selbst sich auferlegen. Zuerst mußte sie ihn gesehen, ihn gehört, selber mit ihm gesprochen haben — ja — — denn sie hatte auch etwas zu sagen, — — er wußte ja gar nicht, wie sie ihn liebe, wie sie ihn immer geliebt hatte; — er kannte sie überhaupt nicht. Und sie weinte und hastete weiter.

Sie sah ihn im Garten zwischen dem Haus und den Nebengebäuden stehen, über irgend etwas gebückt, was er eben in der Hand hielt. Sie sah ihn — über die Johannisbeer- und Stachelbeerhecke weg, wo die höheren Obstbäume ein bißchen weiter auseinanderstanden. Ein Frösteln durchrann sie; aber sie schritt weiter. Bald war sie unter den Bäumen des Parks, und bog dann nach dem Hof ab; nur die Mauer der Stallgebäude war noch dazwischen; jetzt trat Josefine hervor.

In einem hellgelben, rohseidenen Rock, demselben vielleicht, in dem er vor zwei Jahren gekommen war, stand er da — die Ärmel aufgestreift, die Manschetten abgelegt — und wusch unter der Pumpe einen Reisekoffer; die vielen Zettel, die die verschiedenen Eisenbahnen übereinander daraufgeklebt hatten, mußten aufgeweicht werden. Wollte er verreisen? Er war sonnverbrannt und mager; im Profil erschien sein Gesicht noch schärfer. Jetzt hörte er ihre Schritte und blickte auf.

Blickte ihr in das verweinte, flehende Gesicht. Von ihrer einstigen farbenfrohen Kleidung keine Spur mehr; ein dunkles Sommerkleid; um die Taille einen Gürtel; auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut mit braunem Band; über dem Arm lose ein Tuch. Ihre Tränen brachen hervor. "Edvard!" rief sie verzweifelt; weiter kam sie nicht....

... Denn er hatte den Koffer fallen lassen und sich hoch emporgerichtet; eine Stimme, die in zwei Oktaven zu klingen schien, sagte: "Nie verzeihe ich Dir, Josefine!" "Edvard — so laß mich doch erklären ... —" Sie wandte sich dem Haus zu, voll Angst und Verzweiflung, so streng sah er aus. Er glaubte, sie wolle hineingehen.

"... Nie kommst Du über diese Schwelle!" Und er stemmte die Hände in die Seiten, als wolle er Wache halten.

13

Tuft ging vom Abendbrot in sein Studierzimmer, sah aber die Briefe nicht liegen, weil er gar nicht auf den Schreibtisch blickte. Wie so häufig abends machte er einen kleinen Spaziergang; wäre Josefine dagewesen, so hätte sie ihn wohl begleitet, dachte er. Wohl eine Stunde ging er auf und ab; es war Sonnabend, und er überdachte seine Predigt für morgen. Als er nach Hause kam, setzte er sich mit einem Buch ans Fenster und las, wanderte dazwischen auf und ab, las wieder, bis es zehn Uhr war.

Er ging nach oben, um sich zu legen; Josefine war nicht da; nicht in ihrem eigenen Zimmer, nicht im ganzen Haus. So stieg er wieder hinunter ins Arbeitszimmer, um auf sie zu warten; wo konnte sie nur sein? Bei einem Kranken? Er wußte von keinem. Gedankenlos griff er nach dem Brief, während er am Schreibtisch vorüberging; sein Name stand darauf — von Josefines Hand! Heiß stieg es in ihm auf; er ging ans Fenster, um besser sehen zu können. Kein Siegel; bloß verschiedene Papiere; und obendrauf ein Zettel mit folgenden, von Josefine geschriebenen Worten: "Ich bin zu ihm gegangen — es gilt mein Leben." Was war das?

Eine Viertelstunde später war auch Tuft auf dem Weg zur Kirche; auch er lief mehr als er ging. Er war der allein Schuldige; er hatte seinerzeit Josefine den Gedanken eingegeben, Ragni sei ihrem ersten Mann untreu gewesen, und damit alles ins Rollen gebracht, was seitdem geschehen war! Und wenn er nicht auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen wäre, so hätte er kaum dessen Bruch mit der Kirche, den Verkehr mit Spöttern zum Vorwand genommen, sich von den beiden zurückzuziehen. Und wenn der Schwager antworten würde: Josefine sei ja überhaupt gar nicht Christin genug, um aus diesem Grund Ragni zu verdammen, oder darum gleich das Schlimmste von einem Freidenker anzunehmen — er, Tuft, würde antworten, daß solche, die so etwas tun, eben keine Christen sind, sondern Halbchristen. Der, dem die Liebe zu Gott Lebensgesetz geworden ist, urteilt überhaupt nicht; aber die anderen tun das um so eifriger. Josefine hatte nach ihrem ganzen Lebensgang eine Halbchristin werden müssen, und das war wiederum seine Schuld. Das theologische Studium unterbindet alles Wachstum des Mannes.

Wie klar er das alles jetzt überschaute! Und darum war es ihm auch so unerträglich, sie in dieser Seelennot zu wissen. Er rannte so, daß er ganz außer Atem in den Park, ans Tor, über den Hof und auf die Treppe kam. Die Haustür war verschlossen, — es war doch kaum über zehn! Er klingelte wieder und wieder, und bald hörte er im Korridor Schritte, Männerschritte. Kallem war es, der öffnete.

"Ist Josefine nicht hier?" — "Nein." — "Ist sie nicht hier gewesen?" — "Doch, vor anderthalb Stunden." — "Und — —?" — "Ich habe ihr mein Haus verboten." — "Du hast nicht mit ihr gesprochen?" — "Nein." — Da streckte Tuft die rechte Hand aus: "Jetzt bist auch Du dogmenbesessen!" wandte ihm den Rücken und stürzte fort. Sein breiter Hut über den breiten Schultern war wie ein vierkantiger Nachdruck auf seine letzten Worte.

Es war schon über elf Uhr — da klingelte es wieder. Genau auf dieselbe Art. Kallem erschien sofort. Er war also nicht zu Bett gewesen.

Wieder war es Tuft, der dastand; aber, soweit Kallem zu unterscheiden vermochte, noch ehe er ihn näher sah, ein ganz anderer, ein verstörter, verzweifelter Mann. "Wo, denkst Du, könnte sie hingegangen sein, Edvard?" — "Ich denke, zu Ragnis Grab wird sie gegangen sein!"

Ein wunder Laut aus der Kehle, ein fast sichtbares Aufwallen von Schmerz. Und wieder war er auf und davon. Seine schweren Schritte klangen noch lange herauf durch die Stille der Nacht.

Gegen ein Uhr wieder das Klingeln; aber nur einmal, zaghaft — angstvoll. Kallem kam sofort aus dem Wohnzimmer; er war also noch immer auf.

Eine Frau stand vor der Tür. Der kurzsichtige Kallem ging hastig auf sie zu und erkannte Sissel Aunes Stimme. "Liebster, bester Herr Doktor, seien Sie doch gut und barmherzig!" fing sie an zu jammern. "Liebster, bester Herr Doktor!" — Kallem glaubte, sie komme seiner Schwester wegen; ihr sei etwas geschehen. Es überlief ihn kalt. Aber Sissel fuhr fort: "Niemand kann ihn mehr bändigen; jede Nacht ist er wie verrückt." — "Aune?" fragte Kallem. "Ja. Er glaubt, Kristen Larssen sei hinter ihm her, und da rennt er davon, immerzu, wer weiß, wie weit, in den Wald und auf die Landstraße; heut ist's die dritte Nacht; und ich kann nicht mehr! Liebster, bester Herr Doktor — ich hab' ja sonst niemand, zu dem ich gehen könnte!" — sie fing zu weinen an — "und niemand kann ihn ja bändigen, außer Ihnen!"

Der muntere Buchbinder und Spielmann verrückt geworden? Also hatte er sich seiner Macht entzogen? Oder trank er wieder? War es Delirium? Nein, es war einfache "Verrücktheit" aus Angst vor Kristen Larssens Geist. Kallem ging sofort mit.

Der Himmel war bewölkt; eine dunkle Nacht. Aber ein frischer Nordwind begann die Wolken auseinanderzufegen. Er rüttelte auch die Bäume am Weg; das laubdichte Rauschen fragte und spürte so manches auf, während sie vorübergingen. War es nicht auch seltsam und wunderlich, daß Aune, der unter den Leuten den Glauben an Kristen Larssens Spukerei aufgebracht hatte, jetzt selber davonrannte, in sinnlosem Entsetzen — vor seiner eigenen Luggeschichte? Jeden Abend, sobald es dunkel würde, versicherte Sissel, erschiene ihm Kristen Larssen und wolle ihn in die Hölle mit sich nehmen! — "Aber liebe Sissel, es gibt ja gar keine Hölle!" — Im selben Augenblick hörten sie aus weiter Ferne einen Schrei, einen einzigen, endlosen, schneidenden Hilferuf. Wie ein Gespenst stieg er auf durch die Nacht — man sah ihn beinahe. "Das ist er!" rief Sissel und faltete die Hände. "Jesus Christus! Hilf!" schrie sie und fing zu laufen an. Kallem eilte ihr nach. "Ruhig, Sissel! So kommst Du bloß langsamer vorwärts. Ruhig gehen, ruhig! Hörst Du?" Sie gehorchte sofort, wandte sich aber leidenschaftlich zu ihm: "Wer anders als der Satan kann einen Menschen so hetzen?" fragte sie schweratmend. Da schlug in der Nähe ein Hofhund an; der Schrei hatte ihn aufgeschreckt; er kläffte unaufhörlich. Kallems Stimme überschrie den Hund: "Aune ist so wenig vom Satan besessen als der wütige Köter dort! Weißt Du, wie überhaupt die Leute den Satan erfunden haben? Sie glaubten, alles sei vollkommen erschaffen auf Erden; und da hatten sie niemand, dem sie Schuld dafür geben konnten, daß die Sünde in die Welt gekommen war."

Im selben Augenblick fiel der rasende Hund sie an. Sissel flüchtete zu Kallem. "So ein wütiger Pfaff!" rief der und bückte sich nach einem Stein. Da wich der Köter ein Stück zurück. Ein neuer Schrei — näher als der erste — ein Notschrei aus der letzten Kraft eines Menschen. Ein Schauder überlief sie; sogar der Hund stutzte. Aber dann setzte er, an ihnen vorbei, in einem großen Bogen auf den Spuk los. "Gott steh uns bei — jetzt hat er ihn!" weinte Sissel auf und stürzte vorwärts; dem Hund durfte der Besessene auf keinen Fall zwischen die Zähne laufen! Und dabei hörten sie den Köter bellen, bellen, als ob er eine wilde Bestie vor sich habe, die er im nächsten Augenblick zerreißen wollte. Jetzt liefen sie beide, so schnell sie konnten; Kallem war Sissel bald weit voraus. Aune konnte es kaum sein, der da in Gefahr war, aus solcher Nähe hatte der letzte Schrei nicht geklungen. Das rasende Tier war über den ersten besten hergefallen. Wer aber war das? Seit seiner Kindheit war Kallem nicht so gelaufen; er hörte am Bellen des Hundes, daß der Gegner sich wehrte, und lief mit erneuter Kraft. Bald sah er am Wegrand vor einem Gehölz etwas Großes, Schwarzes, und davor den Hund. Noch einmal durchschnitt ein Schrei die Nacht; ja, er kam von dort her! Was war das für ein großer, schwarzer Klumpen? Doch kein Tier?

Nein, ein Mann war es, ein großer Mann, der mit einem kleineren rang, und auf beide ging der Hund los. Der Große schlug nach ihm, sie drehten sich umeinander; und zugleich hielt der Große mit der Linken einen andern gepackt. Und nun erkannte Kallem den breiten Hut über den breiten Schultern; Tuft war es, der Aune festhielt, mit Riesenkraft; der Hund wollte auf Aune los, und Tuft stieß ihn jedesmal mit einem Fußtritt weg. Wer weiß — Aune mochte glauben, der Hund sei der Teufel und Kristen Larssens Gespenst halte ihn gepackt; denn der Unglückliche schlug um sich mit Händen und Füßen, sperrte sich, biß um sich, zerrte und riß, um loszukommen; jetzt warf er sich hintenüber und mit dem letzten heiseren Rest seiner Stimme kreischte er: "Hilfe! Hilfe!" War seine Angst vorher schon groß gewesen, so wurde sie erst recht groß, als er Kallem aus dem Halbdunkel herauswachsen sah: er warf sich zu Boden und brüllte. Der Hund packte ihn sofort am Bein; der Pastor zog beide Beine gleichzeitig in die Höhe; so rasend war die Bestie, daß sie Kallem nicht bemerkte, bis der ihr einen Fußtritt versetzte, der sie ein paar Meter weit wegschleuderte. Ein einziges kurzes Aufheulen, ein Schnappen — ein Arzt versteht zu treffen — und sie sahen und hörten nichts mehr von ihr; vielleicht war sie tot.

Jetzt nahm Kallem Aune beim Arm und der Pastor ließ ihn los. Er war wirklich übel zugerichtet, der Rock schleppte zerrissen hinter ihm her, der Ärmel hing ihm in Fetzen auf die Hand herunter, ebenso sein wollenes Hemd. Das Blut quoll ihm aus Biß- und Kratzwunden; aber er war so angst- und wutentflammt, daß er überhaupt keinen Schmerz fühlte. Kallem packte den armen Narren mit beiden Händen am Kragen, hob ihn zu sich empor und bohrte mit all seiner durch den raschen Lauf und die Gemütserregung noch gesteigerten Energie den Blick in die Augen des andern, bis sie ganz groß und dumm und glasig wurden; mit aufgerissenem Mund und schlaffen Gesichtsmuskeln hing der Kerl da, wie ein ausgenommener Hering. Als endlich Sissel atemlos und weinend anlangte, lag Aune unter den Bäumen im Gras und schlief. Die beiden Männer standen vor ihm. Kallem meinte, Aune könne da liegen bleiben; Tau würde nicht fallen, da es windig sei. Später würde man sie beide abholen. Er denke, er werde schon Herr dieser Verrücktheit werden.

Der Pastor hatte seinen Rock ausgezogen, sich das Blut abgewischt und wurde, so gut es ging, verbunden; dann gingen er und Kallem heimwärts.

Kein Wort mehr von Aune oder wie er auf ihn gestoßen war; aber kaum standen sie auf dem Weg, sagte Tuft klagend: "Da war sie auch nicht, Edvard! Da war sie auch nicht!" Und kurz darauf: "Jetzt weiß ich nichts mehr, nein, jetzt weiß ich nichts mehr! Daß Du sie hast von Dir stoßen können, Edvard!" Das laubschwere Sausen der Bäume wiederholte es, wiederholte unaufhörlich: "Daß Du sie hast von Dir stoßen können, Edvard!"

"Weißt Du, was sie geschrieben und neben die Briefe von Dir hingelegt hatte? Um meines Lebens willen gehe ich zu meinem Bruder!"

Kallem überrieselte es eisig. "Um meines Lebens willen!" sauste es tausendstimmig, und das Sausen umwand ihn, enger und enger, bis er kaum mehr Atem zu holen vermochte.

Der Morgen begann zu dämmern; Tufts heißes, verzweifeltes Antlitz war gen Osten gekehrt, als flehe er unaufhörlich: "Gnade, Gnade für sie!" Er schritt aus, so schnell er konnte; er wußte nicht, wo er sie suchen sollte; aber er mußte gehen, gehen, gehen; — und Kallem mit.

"Ach, die Angst, die Angst!" jammerte er wieder. "Erinnerst Du Dich noch der Sturmnacht in unserer Kindheit, Edvard? Wir glaubten, die Welt würde untergehen. Weißt Du noch, wie Du Dich gefürchtet hast, am Abend darnach auf den Klippen? Diese ganze Nacht haben auch nach mir die 'Meerungeheuer' gezüngelt! Die Angst, die Angst! Die Seelenangst vor der Sündenstrafe! Von Kindheit an peitscht sie alles Verständnis aus uns heraus, gerade wenn wir es am meisten nötig haben! Und wir laufen davon und verzweifeln, oder werfen uns vor Gott in den Staub. Das Angstdogma werden wir später vielleicht los, aber das Anererbte, das Eingeübte! Und eben wie ich darüber nachdachte, stolperte ich über den verrückten Kerl; er sprang auf — die Angst war in ihm — er glaubte, ich sei ein Gespenst und der Hund sei der Teufel! Und Josefine! Auch sie verzweifelt und läuft davon! Und Du, Edvard! Auch Du, auch Du stehst unter dem Eindruck dieser Angst, wenn Du das Herz hast, sie noch mehr zu peinigen, als sie selbst sich schon peinigt! Denn das ist das schlimmste bei dieser Angst — sie macht uns schlecht; wer selber geschreckt worden ist, lernt andere schrecken!" — Die Worte fielen schwer, wie seine Schritte schwer klangen; Kallem redete nicht; wenn er litt, war er stumm.

Der Sohn des Laienpredigers aber hatte von kindauf alles Erleben in Lehren umsetzen hören. Er verblutete in seinem Innern; aber er sprach die ganze Zeit. Kallem dürfe nicht an Josefine zweifeln; sie sei das ehrlichste, wahrhaftigste Geschöpf auf Erden. In dieser Sache sei sie von ihm irregeleitet worden. Voll innigstem Mitgefühl legte er die Geschichte ihrer Seele bloß, so wie er selbst sie sah, und bewies deutlich — wenn ihr Bruder sie jetzt von sich stieße, so könne sie nicht weiterleben.

Kallem warf dann und wann ein "Lieber Ole!" — "Hör' mal, Ole!" dazwischen — aber weiter kam er nicht. Denn selbst, als er den Schwager mit sich nach Hause nahm, um seine Wunden genauer zu untersuchen, redete Tuft unaufhörlich. Es war, als ob das Entsetzen, die Ungewißheit ihn übermannen würden, wenn er schwiege; und dann — Edvard sollte sie so sehen, wie er sie sah, und vor allem, er sollte ihr helfen! "Allen, die gefehlt haben, müssen wir helfen; und vor allem müssen wir denen helfen, die gegen uns gefehlt haben, sobald wir selber ihre Schuld einsehen! Gottes Vergebung besteht darin, daß er uns dann weiter hilft!" — Noch als Kallem ihn zur Tür begleitete, fuhr er in seiner Auseinandersetzung fort; seine Riesenkraft gab auch jetzt noch nicht nach. O Gott! Wenn sie vielleicht doch mittlerweile zu ihrem Kind und zu ihm zurückgekehrt wäre! Seine Hoffnung war freilich nur gering; aber er lief doch, so rasch er konnte.

Es wurde heller und heller. Kallem konnte nicht schlafen. Schließlich hielt er es gar nicht mehr aus. In einer Angst, größer als er seinem Schwager hatte zeigen wollen, wanderte er durch alle Zimmer, wieder und wieder, als müsse er das Haus durchsuchen. Denn es war ja wahr: auch er hatte nur geurteilt und verdammt.

Die Schwester hatte immer mehr an ihm gehangen, als er an ihr. Seitdem sie diesen Winter zusammen getanzt hatten, wußte er, daß ihre Liebe sich nicht verringert hatte. Ja, selbst als er sie geschlagen hatte — war sie da nicht zu ihm gekommen, um ihm Gutes zu erweisen? Ihr Ausfall gegen Ragni damals ... natürlich steckte da noch mehr dahinter als Dogmenblindheit, — Eifersucht! Eifersucht war es, weil er alles nur noch Ragni war und ihr nichts mehr. Er hätte die beiden Frauen zusammenführen können; daran war kein Zweifel möglich. Aber hatte er auch nur einen Finger deswegen gerührt?

Je mehr er in die Tiefe stieg, desto mehr schrumpfte sein Recht, streng zu sein, zusammen; er war ja mitschuldig! Die großen Augen der Schwester von gestern Abend, ... jetzt schauten sie ihn in der äußersten Not an, jetzt sah er sie! Ihr ganzes Leben lang hatte sie, unklar und scheu, wenn nicht die Leidenschaft einmal die Luft reinigte, eingezwängt in widernatürliche Lehren, trotzig auf ihrer Wahrhaftigkeit beharrend, ausgeschaut nach ihm, Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag. Und als er endlich kam, stieß er sie beiseite. Stieß sie beiseite um einer Frau willen, die seiner nicht würdig war — so wie sie die Sache auffassen mußte.

Arme, arme Josefine! Er war ihr tatsächlich nie etwas gewesen, hatte ihr nur wehgetan, und doch hatte sie sich so treulich nach ihm gesehnt!

Es wurde ihm schwül in den Zimmern; und eine Angst überkam ihn. Es trieb ihn hinaus, die Schwester zu suchen. Heller und heller wurde es; im Vorgefühl des Morgens schlug er die Verandatür zurück. Aber er hatte ja da draußen nichts zu schaffen; im Gegenteil, er mußte sie wieder schließen, wenn er ausgehen wollte. Er trat hinaus, um sie wieder zuzumachen, und blickte dabei zufällig zur Seite: von der Veranda gegen den Nordwind geschützt, auf Ragnis Bank unter den Fenstern seines Studierzimmers saß Josefine, ihr Tuch über den Knien. Sie sah ihn und kroch in sich zusammen wie ein flügellahmer Vogel, der sich nicht vom Fleck rühren kann und doch Angst hat, man könne ihn sehen. Und doch saß sie ja bloß dort, damit er sie sehen solle! Nirgends anders konnte sie sein; sie hatte es versucht! Er eilte die Treppe hinunter, auf sie zu. Da zitterte sie. "Ach nein, nein Edvard! Laß mich sitzen!" bat sie und brach in Tränen aus. Und noch als er ihren Arm faßte und sie emporhob, flehte sie, weich wie ein Kind: "Ach nein, Edvard, laß mich!" Weiter aber kam sie nicht. Sie fühlte, daß sie an seiner Brust lag, fühlte die Bewegung, die sein Innerstes erschütterte. Nein, er war nicht böse! Er würde sie doch vielleicht anhören! Und sie schlang ihre Arme um ihn, und ihre Tränen mischten sich mit seinen. So standen die beiden Geschwister, Kopf an Kopf, Wange an Wange; und alles Verwandte in ihren Nerven und ihrem Blut, das älteste und ursprünglichste in ihrem Fühlen, das heimisch-vertraute in ihrem Erinnern, bis auf den leisen Geruch ihrer Kleidungsstücke draußen im Flur bei Vater und Mutter, all das strömte jetzt zusammen im Verlangen, nimmermehr voneinander zu lassen.

Und dennoch — als er mit ihr der Veranda zuschritt, zögerte sie; sie wagte nicht, ihm dahinein zu folgen. Durch Tränen sah sie zu ihm auf; er zwang sie vorwärts, Schritt für Schritt; noch auf der Treppe zögerte sie. Aber er zog sie weiter, bis sie in der Wohnstube standen; hier schlang sie wieder die Arme um ihn, sank dann auf einen Stuhl und barg das Gesicht in den Händen; das ganze Zimmer lauschte lange ihrem Weinen; und er mit.

Endlich ging er zu ihr hin und strich ihr übers Haar; aber er wußte, nicht er war es, der das tat; sondern Ragni.

Dann schritten sie in der Sommernacht Arm in Arm durch eine morgenwache Stadt, wo die Menschen noch schliefen. Der edle Gang der beiden hohen Geschwistergestalten hallte im Takt der alten Tage. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, gingen sie, um Ole zu suchen, verpaßten aber den Richtweg und kamen hinunter auf die Strandstraße. Bald bogen sie ab, hinauf nach dem Pfarrhaus; sie waren schon ein paar Schritte auf diesem Weg gegangen, als Josefine, wie aus einem Zwang heraus, den Kopf nach dem Strand zurückwandte. Sofort hielt sie Edvard an. "Da ist er!" flüsterte sie. Von dort her kam Tuft. Er ging schnell, schnell, hielt aber den Kopf so tief gesenkt, als vermöge er dessen Last nicht mehr zu tragen. Vergebens hatte er den ganzen Strand abgesucht nach ihr; nun wollte er weiter suchen, in südlicher Richtung — ebenso vergeblich, aber ebenso schnell. Beide verstanden; ihr Arm zitterte im Arm des Bruders. Fest schmiegte sie sich an ihn; denn vor wenigen Augenblicken noch hatte sie ihm gesagt: hätte der Bruder sie aus seinem Garten verjagt, dann —! Still! Sie wandten um und gingen Ole entgegen. Hellhörig, wie er war, vernahm er sofort die Schritte — er blickte auf, erkannte sie, breitete die Arme aus; weitergehen konnte er nicht mehr, auch nicht sprechen. Josefine aber machte sich los vom Arm des Bruders und eilte zu ihm.

Langsam gingen alle drei nach Hause; der Pastor, Josefine am Arm, — auf der andern Seite Kallem. Immer wieder sagte er: "Auf Gottes Wegen! Auf Gottes Wegen!"

"Aber ich bin nicht Deines Glaubens!" versuchte Kallem einzuwenden. "Nein, nein, nein!" rief der Pastor eifrig. "Wo gute Menschen gehen, da sind Gottes Wege!"

Anmerkungen:

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