Mannesalter (continued 3)
Reading edition
Da geschah es, daß er an einem der letzten Tage bei einem Freund war, dem einzigen, mit dem er dann und wann noch zusammenkam, seit er in Kallems Hause wohnte; und als er von seiner Abreise sprach, sagte der Freund: "Was ist denn eigentlich mit Dir und Frau Kallem?" Karl verstand nicht, was er meinte, und floß über von Lobpreisungen und Bewunderung für sie. Der andere unterbrach ihn. "Ja, ja, das weiß ich alles! Aber — offen gesagt — hast Du nicht ein Verhältnis mit ihr? Die Leute sagen es." Karl fuhr auf! Was unterstand er sich? Er solle Rechenschaft ablegen für seine Worte! Aber es war des Freundes ernstliche Absicht, Karl zu warnen; er habe selber erst kürzlich von dem Gerücht erfahren; allgemein verbreitet sei es noch nicht. Geduldig ertrug er Karls Raserei und machte ihm klar: er könne es nicht anders erwarten, als daß die Leute sich — bei ihrer beiderseitigen Unvorsichtigkeit — allerhand dächten. — —
Zu Haus bei Kallem begriff man nicht, was auf einmal in Karl gefahren war. Die paar letzten Tage kam er nie zu ihnen herein, war selten daheim, und war wieder ebenso stumm, scheu und finster wie damals, als er ins Haus zog. Der nächstliegende Gedanke war ja, daß er unglücklich war über die Trennung, besonders von Ragni; aber es war doch merkwürdig, daß die Verzweiflung genau zwischen drei und fünf Uhr am Mittwoch Nachmittag begonnen hatte! Um drei hatten sie in heiterster Stimmung miteinander vierhändig gespielt; um fünf wollte sie etwas aus seinem letzten Examenfach mit ihm durchnehmen; und da war er so sinnlos geistesabwesend nach Hause gekommen, daß sie es aufgeben mußte. Und so war er seitdem immer. Kallem neckte Ragni damit, daß der Junge verliebt sei; eben vor des "Abschieds bittrer Stunde" sei es in ihm aufgeblüht. Und er sang: "Zwei Drosseln saßen im Buchenlaub" und prophezeite, daß sie in allernächster Zeit eine Liebeserklärung bekommen würde, wahrscheinlich in Versen — er habe selbst seinerzeit mehrere verbrochen. Vielleicht würde Karl sich auch erschießen. Sie solle sich nur ja nicht einbilden, daß jemand in dem Alter billiger von ihrer schiefen Nase als mit einem kleinen Herzensschnupfen loskomme.
Wenn der Junge dasaß und sie in fürchterlichem Schweigen anstarrte, nicht aß, nicht sprach; wenn er den Schwermütigen spielte und sich von ihnen in die Einsamkeit zurückzog, sagte Kallem: "Hu! Das Leben ist schwarz!" Er ahmte den Jungen nach, sah sie mit ersterbenden Augen an, seufzte über drei Treppenstufen herauf, durchwühlte mit beiden Händen sein Haar und heulte. Gegen Karl selbst jedoch war er die Herzlichkeit selbst.
In der Stunde der Trennung aber hörte aller Spaß auf; denn Karl war so verzweifelt vor Schmerz, daß man überhaupt nicht mit ihm sprechen konnte und den Abschied nur möglichst beschleunigen mußte. Ragni wollte nicht mit zum Bahnhof fahren; sie fürchtete sich vor seinen Überschwenglichkeiten. Aber als Karl sah, daß sie auf der Treppe stehen blieb, sprang er aus dem Wagen und noch einmal zu ihr hinauf. Sie wich zurück, er kam ihr nach, sah sie an und weinte so, daß das Mädchen, das etwas weiter hinten stand, wirkliches Mitleid mit ihm empfand und ebenfalls zu weinen anfing. Ragni wurde kalt und stumm; sie konnte nicht ahnen, daß Karl in diesem Augenblick das Schönste tat, was er je getan, das Tiefste fühlte, was er je gefühlt hatte.
Auf dem Bahnhof bemerkten verschiedene Leute seine Verzweiflung, sowie Kallems Ernst. Besonders aber auch, daß Ragni nicht mitgekommen war. Ob Kallem es nun erfahren hatte?
Dieser Abschluß ihres Zusammenlebens mit Karl Meek hinterließ einen unangenehmen Nachgeschmack. Sie sprachen nicht gern von ihm, ja, sie machten sich beide Gedanken darüber, ob sie sich eigentlich auf einen solchen Versuch hätten einlassen sollen; sie hätten vielleicht voraussehen müssen, daß es so enden würde. Doch davon sagte keines etwas zum andern. Ihr eigenes Zusammenleben wurde inniger; nie war Kallem soviel zu Hause gewesen wie jetzt, noch nie hatte er ein solches Verständnis für alles gehabt, was sie anging.
Der Sommer wurde ganz dem "Fieberpavillon" gewidmet; sie konnten sich beide nicht satt daran sehen, wie er gebaut wurde, wie man ihn einrichtete, wie man alles zum Gebrauch fertig machte. Jetzt, seit alle Sommerzelte aufgeschlagen waren, war die gute Einrichtung und Ordnung des Krankenhauses in aller Munde.
Aber während sie so allein waren und ihre Zeit zwischen dem Krankenhaus, ihren Studien, dem Garten und dem Klavier teilten, drängte sich, gerade weil sie allein waren, zwischen alle ihre Interessen ein Gedanke, den sie beide längst gedacht hatten, und der immer mehr wuchs, eben weil er nie ausgesprochen wurde. Bald konnten sie nicht mehr Zusammensein, ohne daß der eine etwas davon in den Augen des andern zu lesen glaubte.
Weshalb hatten sie kein Kind? Lag der Fehler an Ragni? Wollte sie nichts dafür tun?
Er hatte sich nach und nach davon überzeugt, sie sei zu scheu, als daß er den Anfang hätte machen dürfen. Warum wagte sie nicht selbst davon zu sprechen? Warum wagte sie nicht einmal den Wunsch zu verraten, davon zu sprechen, damit er ihr hätte weiterhelfen können? Was war der Grund? Die Angst vor der Untersuchung — vor der Operation? Er sah sie selten, ohne daß er fühlte: jetzt dachte sie daran. Und sie wieder fühlte: er entbehrt das Kind. —
Ende August erhielt Ragni einen dicken Brief aus Berlin — von Karl Meek! Er war ihnen beiden willkommen, ja, mehr als sie sich zuerst eingestehen mochten.
Karl hatte die Festspiele in Bayreuth besucht und schilderte nun seine Eindrücke in glühenden Farben und mit überschwenglichen Worten. Der ganze Brief handelte nur davon, zuletzt vier bis fünf Zeilen des Dankes, Grüße, und schließlich die Frage: "Darf ich Ihnen öfter schreiben?" Beide merkten sofort, daß die vier oder fünf Zeilen den eigentlichen Brief bildeten, und alles andere nur geistreiche Einkleidung war. Gerade das gefiel Kallem, und er äußerte den Wunsch, daß sie mit ihm in Briefwechsel treten solle. Das könne ihm in mehr als einer Hinsicht während seines Aufenthaltes im Ausland von Nutzen sein.
Ohne besondere Lust, wie oft in der Zeit, als sie noch mit Karl gearbeitet hatte, mehr aus Gehorsam und Güte setzte sie sich hin, schrieb — humoristisch — weil sie so am besten damit fertig wurde, und erhielt Antwort — erst eine, dann noch eine, lange Antworten, ganze Tagebücher.
An einem der ersten Oktobertage war Ragni im Garten, um Obst und Gemüse zu ernten. Sie ging gerade auf den Zaun am Kirchweg zu, als ein Wagen langsam vorüberfuhr. Darin saß ein vierschrötiger Kerl, der sich vom Rumpeln des Wagens hin- und herwerfen ließ, wie Milch in einem Butterfaß. Ragnis Tauben schwirrten eben vom Kirchendach über den Wagen weg aufs Haus zu; bei dem eigentümlichen Laut des Flügelrauschens wandte der Fremde den Kopf nach der Richtung, in der sie flogen. "Waren das nicht Tauben?" fragte er, und der Kutscher antwortete.
Ragni wollte eben auf eine Leiter steigen, um Äpfel zu brechen; aber sie mußte sich festhalten. Diese schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese nordländische Einförmigkeit — das war Sören Kule! Seine blinden Augen waren halb nach der Richtung der Tauben gewandt, halb dahin, von wo die Antwort kam, während der Wagen schlottrig weiterrumpelte.
Sören Kule hier? Ein blinder, halbgelähmter Mann ist nicht auf Reisen! Ob ihn die doppelte Erbschaft, die ihm zugefallen war, hierhergeführt hatte?
Bald darauf kam Kallem. Auch er war Kule begegnet; sie sah es ihm sofort an — und er sah sofort, daß sie in die Wohnstube geflüchtet war, um sich zu verbergen. Da trafen sie einander; sie preßte ihren Kopf an seine Brust; sie witterte böse Geister in der Luft.
Kallem sagte sich: falls Sören Kule eine von den Besitzungen übernimmt, die den Geschwistern zugefallen sind, also hierherzieht, dann hat Josefine ihre Hand dabei im Spiel; da ist ihr "Gerechtigkeitsgefühl" bei der Arbeit gewesen!
Denn er empfand: der einzige Mensch auf Erden, gegen den er unrecht gehandelt hatte, ohne es wieder gutzumachen, war dieser blinde Mann.
Ich will ihn aufsuchen, dachte er. Ich will offen und ehrlich mit ihm reden. Dann kann ich ihm zugleich begreiflich machen, daß er um Ragnis willen nicht seinen Wohnsitz hier haben darf.
Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Haus gleich hinter ihnen; im Park neben dem Krankenhaus!
Dieser Teil der Erbschaft also war ihm zugefallen! Und in solcher Nähe sollten sie ihn jetzt täglich haben! Lange ging er umher, um seine Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen; aber noch als er vor dem Haus stand, war er so aufgeregt, daß er mühsam an sich halten mußte. Ein kleines zweistöckiges Backsteinhaus mit einem Garten davor. Im Hausflur hörte er von der Küche her das Geräusch des Aufwaschens und sah hinein; da stand das nordländische Hünenweib mit aufgestreiften Ärmeln, so unverändert, als hätten sie sich erst gestern gesehen. Als die Tür aufging, sah sie sich um und erkannte sofort den großen Brillenmann mit der krummen Nase und den dichten Augenbrauen wieder; sie lächelte und wandte sich ganz nach ihm um. "Ei, wirklich — der Herr Kallem?" sagte sie singend. "Ja." — "Gestern hab' ich's gehört, daß Sie hier wohnen." Ihr Lächeln wurde breiter. Du Tranfisch Du! dachte er, Du hast es schon längst gewußt! "Wann sind Sie angekommen?" — "Gestern." — "Von Kristiania?" — "Ja, von Kristiania. Kule hat das Haus hier geerbt; und das Leben soll hier billiger sein." Hinter Kallem öffnete sich eine Tür; er wandte sich um. Ein vierschrötiger Kerl mit kleinen schlauen Augen, die mißtrauisch dreinsahen, streckte vorsichtig seinen Kopf aus der Zimmertür. Kallem schloß die Küchentür; der andere trat in den Flur und machte die Stubentür hinter sich zu; dann standen sie einander gegenüber. Aber die Küchentür öffnete sich wieder und die Nordlandköchin guckte heraus und lächelte dem Vierschrötigen zu. Kallem ahnte ein süßes Geheimnis. "Ist das Dein Mann?" — "Ja, seit'n Sommer." Der Bursche sah wie ein Seemann aus. "Ist Herr Kule zu sprechen?" Der Vierschrötige setzte eine feierliche Miene auf; er wollte hineingehen und fragen. Er blieb lange fort, Kallem hörte, daß drinnen unterhandelt wurde. Bald vernahm er Kules schleppende Stimme, bald die knappen, trockenen, in Trondhjemer Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides gedämpft. Inzwischen erzählte Oline, ihr Mann sei ursprünglich Seminarist gewesen, habe das Steuermannsexamen gemacht, spräche Spanisch und sei Kules Sekretär und Bevollmächtigter. Dann erzählte sie, daß "die Kinderchens" im Westland in Frau Rendalens Pensionat seien, d. h. es gehöre jetzt nicht mehr Frau Rendalen, sondern dem Sohn, "dem Herrn, der auch mal bei uns gewohnt hat". Und plötzlich fragte sie: "Na, und die gnäd'ge Frau? Was macht denn die gnäd'ge Frau? So haben Sie sich doch noch gekriegt, wa—as? Das wird aber eine Freude werden!" Jetzt öffnete sich die Tür, der Vierschrötige stellte sich draußen auf, und Kallem ging an ihm vorbei zu Kule hinein.
Kule saß in demselben plumpen Rollstuhl mit demselben Brett vor den Beinen; dieselben spanischen Bilder an der Wand; dieselben Möbel, nur daß sie einen andern verblichenen Überzug hatten. Nur kein Flügel und kein Kinderspielzeug.
Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden. Die "Flossen" lagen auf den Armlehnen, wie gewöhnlich; eine riesige Tabakspfeife stand unbenutzt daneben.
Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht. Aber eine kleine Bewegung der gesunden Hand und ein paar heisere stöhnende Laute deuteten an, daß die Wogen in ihm hoch gingen.
Auch Kallem mußte sich zusammennehmen, damit er ruhig bleibe. Um die Qual abzukürzen, sagte er sofort, Herr Kule wisse vielleicht nicht, daß sie Nachbarn seien. — Doch, das wisse er. — "Das hätte ich nicht gedacht," erwiderte Kallem und ließ den Ton seiner Worte erklären, was er damit meine. Kule schwieg.
"— Sie werden hier wohnen bleiben?"
"Ja."
Kallem blickte in das blinde Gesicht; es war kalt und verschlossen. Er fühlte, es war unmöglich, auch nur einen Funken Mitleid mit Ragni darin zu erwecken. Ein entsetzlicher Widerwille packte ihn. "Dann habe ich nichts weiter zu sagen!" sprach er und erhob sich.
Die Küchentür stand halboffen. "Bitte, auch 'n schönen Gruß an die Gnä—di—ge!"
Erst draußen erinnerte sich Kallem seiner ursprünglichen Absicht; aber diese neue Roheit Kules befreite ihn davon. Also — fortan war er ihr Nachbar. So hieß es eben versuchen, die eigene Vergangenheit zu tragen, wie andere auch.
Er wanderte zur Stadt hinaus; er hatte nicht den Mut, sogleich nach Haus zu gehen. Schlechtigkeit ertrug sie nicht — in keiner Form. Er mußte erst überlegen, wie er es ihr beibringen sollte.
Ragni war im Studierzimmer und hatte schon längst die Lampe angezündet, als er heimkam. Sie las ihr Urteil sogleich auf seinem Gesicht — ja, sie hatte es schon an seinem Schritt gehört. Sie sank in einen Sessel, und ihr war, als sei von nun an alle Freude dahin.
Er versuchte, ihr klarzumachen, daß sie, eben weil sie schuldlos war, nichts zu fürchten brauche. Sie schüttelte nur den Kopf. Das war es ja nicht. Nein, die Schlechtigkeit war es, die konnte sie nicht ertragen, die Kälte. Und sie erinnerte ihn an das, was er selber an Kristen Larssens Grab gesagt hatte.
Aber sie könnten sich doch nicht mit Kristen Larssen vergleichen? Sie hätten doch vieles, was Wärme gab. Freilich — aber der gute Ruf! "Wenn sie mir den nehmen, nehmen sie mir auch alle Wärme!" Und nach einer Pause fuhr sie fort: "Das ist — die Kälte!" Sie weinte nicht, wie sie es sonst so leicht tat.
"Dann ziehen wir fort!" rief Kallem.
Als wenn sie das schon lang erwogen hätte, antwortete sie: "Wo gibt es einen Arzt, der so reich wäre, daß er alles, was Du hier hineingesteckt hast, kaufen könnte? Und Deine Arbeit? Für die Du lebst, die Dich glücklich macht? Nein, Edvard!" — "Aber wenn Du unglücklich bist, kann ich nichts mehr leisten." Und er küßte sie. Sie antwortete nicht. "Woran denkst Du?" — "Ich glaube doch, daß Du's kannst." — "Was?" — "Ohne mich arbeiten und glücklich werden!" erwiderte sie und brach in Tränen aus. Er zog sie dicht an sich und wartete; sie mußte ja fühlen, daß sie ihm wehgetan hatte. "Eigentlich passe ich nicht zu Dir!" — "Aber Ragni!" — "Ja, als Dein guter Kamerad — der beste, den Du auf Erden hast! Wenn ich es doch lange sein dürfte!" —
Sie schmiegte sich eng an ihn, als wolle sie ihm das Siegel des Schweigens auf den Mund drücken.
10
Am nächsten Tag war Nebel. Obwohl Ragni gut und traumlos geschlafen hatte, war ihr doch der Kopf schwer. Sie ging umher und sah alles nur in dem kalten Licht von gestern; nirgends mehr ein Glanz über den Dingen. Erst wollte sie gar nicht in die Küche hinaus; sie bildete sich ein, man könne von dort das Haus sehen, in dem Kule wohnte. Schließlich wurde ihr das aber doch zweifelhaft, und sie getraute sich hinaus; nein, es war nicht zu sehen. Dann wagte sie nicht ihre Morgenrunde durch den Garten zu machen; er konnte ja vielleicht gerade vorüberfahren. Endlich setzte sie sich an den Flügel, stand aber wieder auf, ohne gespielt zu haben. Sie schrieb einen Brief an Karl; sie war ihm auf zwei Briefe Antwort schuldig, und irgend etwas mußte sie ja vornehmen. Sie schrieb — aus ihrer Stimmung heraus — Schlechtigkeit in jeder Form, wie Lüge, Verrat, Hinterlist, herrschsüchtige Verfolgung, Tücke, Betrug — sei Todeskälte. Die sei es, gegen die wir kämpften. Leben sei Wärme. Manche Menschen seien mehr anfällig für Erkältungen als andere, gerade wie der eine empfänglich sei für Tuberkulose und der andere nicht; und sie sei sicher eine von jenen Unglücklichen. Von frühster Kindheit an habe sie den Hauch der Kälte gespürt, und zuletzt würde wohl dieser kalte Strom stärker werden als die Wärme, die sie ihm als Widerstand entgegenzusetzen vermöge; das sei die ganze Frage.
Der Brief war nicht lang; denn während sie so an ihre Kindheit dachte und an das, was sie später durchgemacht hatte bis zu ihrer Verheiratung mit Kule, kam ihr die Lust, es aufzuschreiben, um es gelegentlich einmal in Kallems treues Gedächtnis niederzulegen. Mündlich erzählen konnte sie es nicht; aber es aufschreiben — ja, jetzt konnte sie es. Auch trieb sie eine unbestimmte Furcht, und noch am selben Tage fing sie an.
Sie bot ihre ganze Kraft auf, um ruhig und gefaßt zu sein, als Kallem nach Hause kam. Er sah sie forschend an, war aber selbst in größter Spannung — einer ganz anderen, neuen Sache wegen. Er wollte eine Operation vornehmen, an deren Gelingen die beiden anderen Ärzte und noch ein dritter, der von weither geholt worden war, Zweifel hegten.
Einer der angesehensten Männer der Umgegend, Oberst Bajer, litt seit etwa einem Monat an Magenhautentzündung mit Anzeichen von Septichämie. Doktor Arentz war sein Hausarzt und behandelte ihn in der üblichen Weise mit Wasserumschlägen und Opium. Aber die Krankheit wurde bedenklich und Arentz riet, Kallem zu Rate zu ziehen. Die Frau des Obersten widersetzte sich — nicht gerade, weil sie eine eifrige Christin war, sondern weil ihr Kallem an sich unsympathisch war. Sie war ein gutes, warmherziges Wesen, aber hysterisch, und solche Menschen ergreifen leicht Partei für oder wider. Pastor Tuft hatte sie einmal gerettet; sie war krank gewesen an Schwäche, nichts wollte helfen, bis er gekommen war und ihren Willen durch den Glauben gestärkt hatte — eine Tatsache, die niemand bestreiten konnte; seitdem schwärmte sie für ihn.
Der Arzt des Nachbarbezirks und Doktor Kent wurden zugezogen; aber beide waren ehrlich genug, einzugestehen, daß nichts mehr zu machen sei; der Oberst sei ein Todeskandidat und eine Operation unmöglich.
Jetzt siegte die Liebe zum Gatten über allen Widerwillen; sie ließ anspannen und fuhr selbst zu Kallem, der sich sofort und unbedingt bereit erklärte, die Operation vorzunehmen. Ohne sich von den Einwendungen der andern abhalten zu lassen, öffnete er die Bauchhöhle und fand Eiter; dann öffnete er den Dickdarm. Besonders da die andern abgeraten hatten, erforderte dies Ereignis seine ganze Charakterstärke. Der Oberst war als Ehrenmann bekannt, in Stadt und Land nahm man Anteil, und der Zustand der Frau war derartig, daß sie wahnsinnig werden mußte, wenn der Mann starb. Ihre Abneigung gegen Kallem schlug in unbegrenztes Vertrauen um; es war, als habe seine Nähe sie magnetisiert. Alles das erfüllte Kallem mit tiefer Besorgnis.
Nun hatte Ragni an anderes zu denken als an sich selbst; denn sie sah, welche Seelenqual das Gefühl der Verantwortung unmittelbar vor der Operation und mehr noch in den Tagen nachher in ihm erregte. In solchen Zeiten hielt sie mit seltener Kunst alles Kleinliche von ihm fern, ermutigte ihn, heiterte ihn auf, lebte überhaupt ausschließlich für ihn. Einem solchen Mann etwas sein zu können — das war "Wärme" genug!
Der Oberst erholte sich; Kallem war bei übersprudelnder Laune. Ragni spielte wieder, nahm ihre übrigen Arbeiten wieder auf, ja, sie wagte sich sogar in den Garten und ließ die Augen zu dem Haus oben hinüberschweifen. Sie hörte den Wagen vorbeirollen, ohne mehr als höchstens ein ganz klein bißchen zu zittern; sie wurde von der Nordlandsköchin, die mit ihrem Korb auf den Markt ging, angesprochen, und obgleich sie dabei ein Gefühl hatte, als werde sie von einer Schlange gebissen, starb sie doch nicht daran. Es kam sogar der Tag, da sie mit ihr plaudern konnte, zuletzt konnte sie sogar jeden Morgen ihr Kommen abwarten, ohne davonzulaufen. Das geschah nicht etwa aus Mut — beileibe nicht — aber es geschah; und sie fühlte sich wohl dabei.
Das Wetter schlug um und kehrte seine allerrauhste Seite hervor. Die Blätter stoben im Nordwind, die Erde war festgefroren und jeden Morgen mit Reif bedeckt. Die Öfen zogen, daß es nur so krachte, und ihr Prasseln wetteiferte mit dem Wagengerassel, das draußen über den hohlen Boden zog. Jeden Tag fragte man sich, ob man nicht die Doppelfenster einsetzen und die Verandatür schließen solle. Und jeden Tag schob man es wieder auf; wer weiß — vielleicht kamen noch schöne Tage!
Eines Tages brachte die Post Ragni Briefe aus Amerika, aus Nordland und aus Berlin; einer war von Karl. Sie hatte alle geöffnet, aber keinen gelesen; es war zu vielerlei zu tun, damit das Haus für den Winter in Ordnung komme. Den Brief der Schwester las sie aber doch am Nachmittag; und er machte sie betrübt; der Schwester ging es nicht gut. Ragni dachte daran, sie zu sich zu nehmen. Die letzten zwei oder drei Briefe von Karl hatten stark nach Heimweh geschmeckt; er war schwermütig, und sie hatte deshalb nicht sonderliche Lust, seinen neuesten Brief zu lesen. Sie war gerade mitten in einem amerikanischen Roman, einem der besten von Howell; es war ein tiefeindringendes, spannendes Seelengemälde; und so nahm sie zuerst ihr Buch vor, als sie sich gegen Abend ins Studierzimmer setzte. Aber etwas in der Erzählung erinnerte sie an Karl; sie legte das Buch weg und nahm seinen Brief vor. Wie immer, ganze Bogen, auch recht interessant, aber der Ton geradezu seelisch krank. Als sie an den letzten Bogen kam, sah sie darüber in roter Tinte die Worte: "Bitte allein lesen!"
Er schrieb: "Seit ich Ihren Brief über die 'Kälte der Schlechtigkeit' erhalten habe, war ich in Zweifel, ob ich Ihnen sagen solle, daß ich es sogleich verstanden habe. Ich habe schon längst gewußt, was man von uns gesagt hat. Solch eine rohe Verleumdung! Das war es, was mich diesen Sommer beinahe zum Wahnsinn getrieben hat, als ich es — kurz vor unserer Trennung — erfuhr. Ist es nicht furchtbar? Damals dachte ich, es könne überhaupt nichts mehr kommen, was mich noch tiefer treffen könnte; aber nun ist doch noch etwas gekommen: auch Sie haben es erfahren! Denn natürlich ist das der Sinn ihres Briefes.
Wochenlang habe ich hin- und hergesonnen. Aber um meinet- und um Ihretwillen ist es besser, wenn wir davon sprechen. Lassen Sie Kallem nichts davon erfahren! Ich schäme mich so entsetzlich — ich bin so unglücklich — ach, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin! — Aber ihm wollen wir es ersparen!
Darum schreib' ich das auf einen besonderen Bogen; ich werd' es fortan immer so machen. Auch des andern wegen, das nun kommt, Sie Liebe, Liebste!
Von der ersten Zeit an, als Sie so gut zu mir waren, hab' ich Sie unendlich lieb gehabt. Ich hätte nie gedacht, daß ich Sie oder überhaupt einen Menschen noch lieber haben könnte. Jetzt aber sind wir in dieser Schmach und diesem Schmerz gleichsam miteinander verschmolzen; wir beide sind die einzigen, die darum wissen; und jetzt, — Gott ist mein Zeuge! — lebe und leide und arbeite ich nur noch in Gedanken an Sie! Immer sind Sie um mich — vom Morgen bis zum Abend und bis in den Traum meiner Nächte!
Ich liebe, liebe, liebe Sie! Ich schreib' es — unter Tränen. Ich liebe Sie — ich liebe Sie — ich liebe Sie!
Vielleicht erschreckt Sie das Wort, erschreckt Sie mehr als das andere, das es heraufbeschworen hat! Aber wenn Sie wüßten, welch eine Wonne es für mich ist, es bloß niederschreiben zu dürfen, bloß zu wissen, daß Sie es lesen! Sie sind so gut — Sie wissen, welch grenzenlose Ehrfurcht ich vor Ihnen habe — — —"
Als Kallem um acht Uhr nach Hause kam, stand der Abendtisch im Eßzimmer gedeckt; im Studierzimmer war geheizt und die Lampe angezündet; aber beide Zimmer waren leer; in der Wohnstube war es dunkel. Sigrid brachte den Tee und berichtete, Frau Doktor seien zu Bett gegangen. — "Zu Bett? Fehlt ihr etwas?" — "Ich glaube, sie war nur müde."
Kallem eilte sofort hinauf. Es war dunkel; doch im Mondschein sah er einen Arm im weißen Nachthemd sich ihm entgegenstrecken. "Verzeih!" sagte sie. "Ich war so müde; und dann hatte ich auch einen Brief von meiner Schwester, der mich traurig gemacht hat. Nein, mach' kein Licht, bitte! Es ist so schön so!" — Was für ein frischer, gesunder Duft von ihm ausströmte! Wie voll Kraft seine Stimme klang, während er antwortete: "Von Deiner Schwester?" — "Ja, sie fühlt sich unglücklich da oben." — "Wie wär's, wenn wir sie zu uns nähmen?" — "Ich wollte Dich eben darum bitten. Wie gut Du bist!" — Sie weinte. — "Aber Schatz, warum weinst Du denn? Glaub' mir, der einzige Grund, weshalb ich das nicht schon lange vorgeschlagen habe, war Dein Wunsch, wir sollten allein sein miteinander." — "Ja, das ist ja auch das Allerschönste! Aber wenn nun eins von uns krank wird?" — "Dummes Zeug! Wir werden nicht krank! Du bist doch so wohl jetzt! Die Stirn ist ein bißchen warm! Laß mal Deinen Puls fühlen! Na ja, ein bißchen Ruhe hast Du nötig, weiter nichts. Es war ganz richtig, daß Du zu Bett gegangen bist. Ich gehe jetzt hinunter und esse; ich habe einen Bärenhunger. Dann hast Du Ruhe. Karl hat geschrieben?" — "Ja. Der Brief liegt auf Deinem Schreibtisch." — "Schön! Ich werd' ihn beim Essen lesen. Nachher hab' ich noch viel zu tun. Gutnacht, Kleines!" — Er küßte sie; Ragni schlang beide Arme um seinen Hals, zog seinen Kopf dichter zu sich heran und küßte ihn. "Du herrlicher Mensch!"
Er ging. Sie hörte seine raschen Schritte auf der Treppe und unten im Korridor, hörte, wie er die Tür öffnete und hinter sich schloß.
Wieder dieser Schmerz in der Brust, den sein Kommen gemildert, sein Schritt verscheucht hatte! Etwas Schweres, Entsetzliches — nie wieder würde sie es los werden — und dabei fror sie so. Die Kälte, die Kälte, die Kälte — jetzt war sie ihr bis ins Innerste gedrungen. Jetzt begriff sie — zu Eis erstarrend — weshalb der "Walfisch" gekommen war und sich in das kleine Haus nebenan gewälzt hatte und nicht wieder hinaus wollte. Jetzt wußte sie, weshalb die andern das zugegeben hatten.
"Gott, ach Gott — wie hat das nur kommen können? Was hab' ich denn getan?" klagte sie und verkroch sich vor sich selber. Wie ein Flüstern durch Meeresbrandung tönten Karls Liebesworte hindurch. Armer Junge! Da lag sie — im Dunkeln — damit keiner sie sah — damit sie nachdenken konnte. Was sollte sie tun? Den letzten Bogen hatte sie herausgenommen. Sollte sie ihn Kallem zeigen?
Als Kallem nach zwölf Uhr heraufkam, um zu Bett zu gehen, war sie über all ihren traurigen Erwägungen eingeschlafen. Er steckte hinter ihr das Licht an, sah ihr ins Gesicht, horchte auf ihren Atem. Sie schlief — unschuldig — mit offenem Mund.
Am nächsten Vormittag wanderte sie auf der Südseite des Hauses umher, auf und ab, auf und ab, noch immer gleich verstört, gleich ratlos. Es hatte geschneit, zum erstenmal dieses Jahr; der Schnee war schon halb wieder geschmolzen. Über den Bergkämmen lag dichter Nebel, so dicht, daß er aussah wie festes Land, trotzig, undurchdringlich — ein Land, das an die Berge grenzte und sich über den ganzen Horizont erstreckte. Das seltsame Land sandte eine lange Zunge hernieder nach dem Wald — wie das äußerste Züngeln eines Geheimnisses. Sie fror. Weit konnte sie nicht gehen, ohne daß der Schutz des Hauses aufhörte und man sie vom Weg aus sehen konnte; und heut ertrug sie es nicht, daß man sie sah; vielleicht nie wieder.
Welch ein kindischer Wettkampf das war zwischen den Baumarten da draußen, rings um die Gehöfte! Am fernsten von den Häusern Nadelwald; bei trübem Wetter war er fast schwarz. Mehr in der Nähe mischte Laubholz sich dazwischen, langhalsige Espen, verrenkte Birken, die lichtgelb aus dem Dunkel leuchteten; noch näher Eberesche und Faulbaum, blutrot; dazwischen Ahorn und anderes; von flachsweißen bis rotgoldnen. Hohe Erlen und Espen, die zu alt waren, um überhaupt noch Laub zu treiben, ragten mit nackten Zweigen über der Farbenpracht der andern empor gleich blaugrauem Rauch.
Sie stampfte mit den Füßen, die gar nicht warm werden wollten, die nicht wußten, ob vorwärts oder rückwärts, weil sie selber nicht wußte, wohin. Wenn Kallem es erführe — was dann? Und wenn er es nicht erführe?
Die Wiesen waren von schwarzerdigem, gepflügtem Ackerland durchschnitten. Dazwischen mattgrüne, mit Wintersaat bestellte Roggenfelder und stoppelige Kleeäcker. Aber dort — weit hinter den Häusern — mißvergnügte, graue Erdflecken, die man überhaupt nicht beachtete, außer, wenn es sich darum handelte, sie zu plündern; nur zu viele solcher gab es hier zu Lande.
Juanita? Wie kam das Kind auf einmal mitten in das Herbstbild? Diese frischeste, lebendigste Erinnerung an den ersten Frühling? Ach, hier draußen wachte die Sehnsucht nach den Kindern auf! Jetzt wußte sie, daß er nicht war, wo die Kinder waren; jetzt konnte sie zu Rendalens reisen und die Kinder sehen!
Solange sie auf der Reise war, brauchte sie auch nicht zu entscheiden, was das Richtige sei; und sie bedurfte dringend des Aufschubs. Nur ein kurzer Brief an Karl Meek, daß er vorläufig nicht mehr schreiben solle; sie werde ihm später vielleicht Nachricht zukommen lassen. Ob sie die paar Worte telegraphierte? Nicht von hier aus! Aber auf der Stelle abreisen und von unterwegs telegraphieren.
Ein Vorsatz, ein inneres Geheiß, so stark, als habe sie überhaupt weiter nichts mehr zu tun als noch einmal die Kinder zu sehen, stieg in ihr auf. Als Kallem etwas später nach Hause kam, wanderte sie im Zimmer auf und ab, um sich warme Füße zu machen, und sagte ihm selber, sie müsse die Kinder sehen. Er empfing den unfehlbaren Eindruck, daß die Erinnerung an ihr Zusammenleben mit Kule in Sehnsucht nach den Kindern umgeschlagen sei. Das war ganz natürlich. "Reise nur gleich!" sagte er; "später wird es zu kalt." Damit meinte er freilich nicht, daß es gerade heut noch sein sollte; aber sie wollte es so, und am Nachmittag brachte er sie zur Bahn.
Gleich nach ihrer Ankunft bei Rendalens kam ein verzweifelter Brief: das Wiedersehen mit den Kindern war grausam gewesen. Sie hatten sie nicht wiedererkannt! Und auch sie die Kinder nicht. Äußerst wohlerzogene Kinder, gewiß! Aber nicht ihrer Schwester Kinder! Nicht verwandt mit ihr selber. Nur mit ihm! — Sein Blut war stärker als ihres. Große, dicke Kinder, die sie ansahen, als begriffen sie nicht, was sie wolle. Und dazu diese vielen fremden Menschen, die sie beständig beobachteten! Am liebsten wäre sie gleich wieder heimgereist, wenn sie nicht so erkältet gewesen wäre. — Ein späterer Brief lautete ein bißchen lebensfroher. Nicht daß sie zufriedener gewesen wäre mit den Kindern; die waren noch gerade so fremd und "materiell"; sooft sie die Kinder mit sich auf ihr Zimmer nahm, um mit ihnen zu plaudern oder ihnen vorzuspielen, fühlte sie, daß sie sie nur aufhielt. Aber das Zusammensein mit den prächtigen Menschen in und außerhalb der Schule machte ihr Freude; "hätten wir doch etwas Ähnliches!" seufzte sie.
Auch von Rendalen erhielt Kallem einen Brief, der in schwungvollen Worten ausdrückte, wie sich die ganze Kolonie freue, Ragni in ihrer Mitte zu haben. Er übermittelte die "einstimmige Bitte", sie ihnen doch noch eine Zeitlang zu lassen; sie sei auch müde von der Reise und nicht ganz wohl; die Ruhe scheine ihr gut zu tun.
So blieb sie acht Tage und noch einmal acht Tage fort. Mittags an einem kalten Wintertag kam sie zurück, blaß, noch immer erkältet, ängstlich, unfähig, zu sagen, wie fürchterlich es ihr war, wieder unter Menschen zu kommen, die sie für eine ehrlose Frau hielten. Kallem erschrak über ihr Erkältetsein und ihr schlechtes Aussehen; ihr Wiedersehen war kein frohes Wiederfinden, sondern eine besorgte Untersuchung ihrer Brust und ein bißchen mattes Erzählen; sie war müde und verlangte ins Bett.
Kallem fragte, ob Karl geschrieben habe; hierher sei kein Brief von ihm gekommen. — Nein, sie habe auch keinen erhalten. — Ob sie denn nicht geschrieben habe? — Nein. Karl habe eine Vertraulichkeit gezeigt, die ihr nicht gefiele. — Es waren schon oft kleine Reibereien zwischen den beiden vorgekommen, von denen er erst später gehört hatte; und da sie ihn nicht ansah, fühlte er, daß er nicht fragen dürfe.
Mehrere Tage hütete sie das Bett. Ein leidiger trockener Husten wollte nicht weichen; sonst waren keinerlei besorgniserregende Indizien vorhanden. Als sie wieder aufstand, kam sie ihm merkwürdig mager vor; das Gesicht hatte einen matten kränklichen Zug; unter den Augen lagen dunkle Ringe. Sie sehnte sich hinaus — in die frische Luft. Aber sie weigerte sich auf das bestimmteste, außerhalb des Gartens spazieren zu gehen. Erst behauptete sie, das sei langweilig; als er sie aus dieser Stellung vertrieb, verschanzte sie sich hinter eine stärkere: sie fing zu weinen an. Er hielt das für ein verdächtiges Zeichen; sie war am Ende gar schwanger? In dieser Hoffnung gab er sich zufrieden und wartete. Sie machte ihre Spaziergänge im Garten und erzählte es ihm voll Stolz; aber daß sie fast immer nur in der Dämmerung ging, das verschwieg sie. Nach und nach fand sie selber, daß ihr besser war; und er fand das auch.
So verging eine Zeit. Er wartete auf das, was er so gern gehört hätte, glaubte da und dort Anzeichen zu bemerken; zwischendurch aber ängstigte es ihn, daß sie immer magerer zu werden schien; er konnte sie auch nicht zum Essen bewegen. Eines Abends, als er fort gewesen, war sie wie gewöhnlich draußen in der Dämmerung spazieren gegangen und hatte nachher Schüttelfrost und Beklemmungen. Als Kallem zu Bett ging, schlief sie; aber ihr Husten weckte ihn. Er machte Licht und sah, daß sie die Hand gegen die Brust preßte. "Tut das weh?" — "Ja." — "Wo?" — "Hier!" — Und sie zeigte auf das rechte Schlüsselbein. — "Hast Du Stiche da, wenn Du hustest?" — "Ja." — Im selben Augenblick hatte sie einen heftigen Hustenanfall. Er stand auf, zog sich an, legte im Ofen nach, klingelte und schickte das Mädchen nach der Apotheke. Unterdessen untersuchte er sie und fragte sie dabei aus. Er hörte von dem Schüttelfrost gestern Abend, und wie sie ihre Spaziergänge am liebsten in der Dämmerung mache. "In der Dämmerung!" rief er; mehr war nicht nötig; sie versteckte ihren Kopf in den Kissen. — Das möge sie doch in Zukunft gefälligst bleiben lassen! Und vorläufig müsse sie das Bett hüten, und zwar mehrere Tage. Das Senfpflaster auf der Brust war ihr unangenehm, mit den Hustenpillen hatte er mehr Glück. Er verbarg seine Besorgnis hinter allerhand Scherz und Zärtlichkeit; und wirklich — nach ein paar Tagen war sie wieder so wohl, als er kaum zu hoffen gewagt hatte! Auch ganz gehorsam war sie geworden; vierzehn Tage lang hielt sie sich still im Zimmer. Der Husten kam seltener; die einzelnen heftigen Anfälle stachen zwar in der Brust; aber sonst fühlte sie sich ganz wohl; nur ungeheuer matt und kurzatmig, so daß sie nicht einmal mehr Lust hatte zu spielen.
Im Garten wurde ein Weg für sie gebahnt, und zum erstenmal ging sie — mit Kallem — wieder bei Tag aus, kehrte aber gleich wieder ins Haus zurück. Erst ängstigte ihn das, ängstigte ihn merkwürdig; aber aus ihrer Art und Weise schloß er, daß es nur Laune sei. Sie fühlte sich indessen matter, als sie gestehen wollte. Am Tag darauf versuchte sie es mit Sigrid. Aber nach den ersten Schritten versagte ihr der Atem; sie mußte ausruhen, und bat Sigrid, nichts zu sagen; es werde schon vorübergehen, wenn sie "mehr trainierte". Das Wetter wurde milder; über Mittag waren sogar ein paar Grad Wärme. Sie fühlte sich wohler und konnte länger gehen; Kallem freute sich, als er eines Tages sah, daß sie das Klavier öffnete. — —
Eines Abends erschien Sören Pedersen; bleich — allein — beides äußerst ungewöhnlich. Was war denn los? Kristen Larssen ginge um! Kallem brach in schallendes Gelächter aus. Sören verzog keine Miene: Kristen Larssen ginge, wahrhaftigen Gott, um! Im letzten Jahr seines Lebens hatte er nie mehr Geige gespielt; er hatte seine Geige Aune gegeben. Aber jetzt spiele er Geige in seinem alten Haus. — Ob denn niemand drin wohne? — Nein. Das Haus sei abgeschlossen; aber er spiele darin! Mehrere hatten es gleichzeitig gehört; nicht der leiseste Zweifel sei möglich. — Ach was — da habe sich einfach irgendein Schelm eingeschlichen! Wer den Schlüssel habe? — Der Neffe seiner Frau. — "Wer ist das?" — "Aune!" — "Na, siehst Du wohl!" — "Aune hat ja aber selber das ganze Haus mit durchsucht; und Aune hat am meisten Angst von uns allen!" — Ein Mädchen, die ein krankes Kind hatte — Kallem kannte sie, er war ihr Arzt — hatte eines Nachts Kristen Larssen an der Hauswand entlang schleichen sehen. Seitdem hatten noch mehrere ihn gesehen. "Zweifeln tat keiner daran!" schloß Sören. Wie wollte der Herr Doktor denn das erklären, daß Frau Bajer, die Frau des Obersten, eines Tags zu ihnen in ihren Tapezierladen gekommen sei, und ihnen erzählt habe, sie habe geträumt, Kristen Larssen sitze in einer langen Stube zwischen vielen großen, gelehrten Männern, die alle buchstabieren lernten? Sie hatte sich gedrungen gefühlt, Sören Pedersen, den Kristen Larssen ja doch verführt hatte, das zu erzählen. "Und denken Sie sich, Herr Doktor, gerade in der Nacht vorher haben wir beide, Aase und ich, geträumt, die Frau Oberst komme zu uns in den Laden!"
"Ich will Ihnen etwas ebenso Merkwürdiges erzählen, Pedersen. Am ersten Tag, als meine Frau und ich hier in der Stadt waren, begegneten wir Maurer Andersen, Karl Meek, Kristen Larssen, Sigrid, Ihnen und Ihrer Frau — alles im Lauf einer Viertelstunde!" Pedersen rollte seine Kugelaugen, ohne zu verstehen. Daran war doch weiter nichts Besonderes? — "Nein, denn auf die hundert anderen, denen wir begegneten, gaben wir gar nicht acht. Genau so wie Sie, Sören Pedersen, nicht acht geben auf die Hunderte, von denen Sie und Aase träumen, — wenn Sie sie nicht gerade tags darauf in Ihrem Laden sehen!"
Sören Pedersen war aber nicht überzeugt.
Der Aberglaube lag nun einmal in der Luft. Einer steckte den andern an; bald sprach die ganze Stadt von nichts weiter; besonders, nachdem sich auch der Pastor in die Sache gemischt hatte. Seit dem Frühjahr hatte er allein gehaust mit seiner Mutter — Frau und Sohn waren erst kürzlich wiedergekommen — und in dieser ganzen Zeit hatte seine Lehre zugenommen an Strenge, — in der letzten Zeit mit einem Gepräge von Leidenschaft, das Unheil prophezeite. Jetzt verkündete er im Betsaal, jeder Gläubige wisse ganz wohl, daß Geister unter uns lebten und wirkten, und daß viele nach dem Tode den Weg der Ruhelosen wanderten; das seien erwiesene Tatsachen, die sich als Mahnung von Geschlecht zu Geschlecht wiederholten.
Als Kallem davon hörte, machte er ernst mit einem Gedanken, den er schon längst gehabt hatte — nämlich: sich Aunes zu bemächtigen. Aune hatte gar keine Lust und war erfinderisch genug, ihm immer wieder zu entschlüpfen; er besaß eine große Überredungsgabe, mit der er auch Kallem oft zum Besten gehabt hatte; aber jetzt mußte er heran! Die Frau war vollkommen einverstanden, und in ihrer Gegenwart nahm Kallem ihn eines Sonntag vormittags im Krankenhause vor — zunächst wegen des Trinkens, dann aber vor allem, um Licht in die Spukgeschichte zu bringen, die natürlich kein anderer als dieser Erzschelm selbst in Szene gesetzt hatte. Und so war es auch! Jetzt kam aber die Schwierigkeit: wurde das bekannt, so war Aune zugrunde gerichtet. Das war der Frau sofort klar, und sie bat für ihn. Darum ließ sich nichts anderes tun in der Sache, als es ihm zu verbieten und zu schweigen.
Natürlich hinderte das Kallem nicht, auf seiner Vormittagsrunde Doktor Kent, der so wenig an den Spuk glaubte, wie er selbst, zu erzählen, man wisse jetzt, wer die ganze Geschichte mit Kristen Larssen in Szene gesetzt habe; den Namen dürfe man nicht nennen; aber das Ganze sei ein abgekartetes Spiel. Kent, der bei einem Kranken Josefine traf und wußte, daß nichts ihr willkommener war als eine Nachricht von ihrem Bruder, wiederholte ihr Kallems Worte. Beim Mittagessen erzählte der kleine Edvard, der täglich von diesen Spukgeschichten voll war, jetzt hätten auch zwei Jungens Kristen Larssen gesehen, Aunes Junge und der Sohn des Laienpredigers. Edvard funkelte vor Eifer. Da erklärte die Mutter ihm kurz und bestimmt, das sei ein Betrug; einer der Ärzte aus der Stadt wisse, von wem der Betrug herrühre; es gebe keinen Kristen Larssen, der umgehe.
Als der Junge sich entfernt hatte, sagte der Pastor, er finde ihr Benehmen rücksichtslos. "Wieso rücksichtslos?" — "Nun, daß Du dem Jungen das sagst; Du hast doch gehört, daß er sich gleich dahinter verschanzte, ich glaubte auch an Gespenster!" Des Pastors Ton war nicht überlegen, nicht einmal vorwurfsvoll; sie fühlte, er hatte recht, und antwortete darum nicht. Aber es wirkte nach, und eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer.
"Ich habe über das nachgedacht, was Du vorhin sagtest." Er lag auf dem Sofa und rauchte, erhob sich aber, um Platz zu machen. Es tat ihm wohl, daß sie zu ihm hereinkam. Aber sie blieb stehen. "Soll etwas, das Du dem Jungen einmal gesagt hast, für ihn eine Wahrheit sein, auch wenn es nicht wahr ist?" — "Nein. Aber Du könntest es mir überlassen, es zu berichtigen!" — "Und wer sagt mir, daß Du es berichtigen willst?" — "Was soll das heißen?" — "Das soll heißen, daß Du dem Jungen fortwährend Dinge beibringst, an die Du selber unmöglich glauben kannst." — "Was für Dinge?" — Er wurde rot; denn er begriff, jetzt kam es zu einer Abrechnung. — "Ich habe in der letzten Zeit oft daran gedacht, mit Dir darüber zu reden," sagte sie, "und nun soll es einmal geschehen. Du selbst glaubst nicht daran, daß die Welt vor etwa sechstausend Jahren in sechs Tagen geschaffen worden ist, oder daß die Sagen von den ersten Menschen und den Patriarchen etwas anderes seien als Sagen, nicht wahr? Ebenso die ganze Geschichte vom Paradies. Erde und Menschen können nicht gleich von Anfang an vollkommen gewesen sein. Aber die Kinder lehrst Du das, und in der letzten Zeit auch Edvard." —
Er schritt im Zimmer auf und ab; sie stand zwischen den beiden Türen, die zum Flur und zum Wohnzimmer führten. So oft er sich ihr näherte, schaute er sie mit einem starken, ja mächtigen Blick an; so sieht ein schlechtes Gewissen nicht aus; das fühlte sie. Und um ihr zu zeigen, in welchem Geist hier verhandelt werden mußte, blieb er stehen und sagte ruhig: "Wollen wir uns nicht setzen, Josefine?" — "Nein", erwiderte sie. "Ich würde ja doch gleich wieder aufstehen!"
"Das, was Du Sage nennst," sagte er, "trägt in sich die ewige Wahrheit, daß Gott alles und alle geschaffen hat, und daß die Sünde ein Abfall von ihm ist." — "Weshalb es nicht so lehren, anstatt in unwahren Bildern?" — "Kinder fassen es am besten in Bildern, Josefine." — "Dann sage ihnen, daß es nur Märchen sind." — "Darauf kommt es nicht an." — "Gewiß kommt es darauf an, daß die Kinder ewige Wahrheiten nicht in unwahren Bildern lernen, meine ich!" — Er sah, wie leidenschaftlich sie die Sache nahm, und warnte sie; sie müßten ohne Leidenschaft darüber reden können. "Nein", sagte sie, "das kann ich nicht. Denn Du mußt wissen — es geht um die Zukunft unseres Kindes — und um Deine und meine!" Und sie trat an den Schreibtisch, wie um ihm näher zu kommen, vielleicht auch, um sich zu stützen.
Aber er ließ sich nicht beirren. "Wärst Du selber so durchdrungen von jener ewigen Wahrheit, die Du im Munde führst, Josefine, — kämpftest Du nur um sie, so wäre all dies für Dich etwas ganz Untergeordnetes. Das, was wir an Stelle des Alten setzen könnten, ist ja auch nichts Sicheres; wir wissen, so, wie das ehrwürdige Buch es berichtet, kann es schwerlich zugegangen sein; aber wir wissen auch nicht, wie es in Wirklichkeit gewesen ist. Bloß das wissen wir: von Gott stammt unser Leben, in Gott sind wir glücklich — im übrigen laß Kinder und Erwachsene die ersten Vorgänge auffassen nach der Väter Weise — bis auf weiteres." Die ehrliche Kraft der Überzeugung lag in seinen Worten, und sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Darum schwieg sie lange. Dann aber brach plötzlich etwas anderes hervor. "Weißt Du, daß — ohne die grenzenlose Verschandelung meines Verstandes und Willens in meiner Kindheit auch ich anders geworden wäre, als ich jetzt bin?" — "Ja," sagte er kalt, "wie ich höre, hast Du es in der letzten Zeit so weit gebracht, den Glauben für das Unglück Deines Lebens zu halten!" — "Das hab' ich nie gesagt!" fuhr sie auf und wurde sehr blaß. "Und auch niemals gemeint!" Ruhiger fügte sie hinzu: "Den Glauben an Gott und die Erlösung durch Jesus hab' ich niemals als Zwang an meinem Verstand empfunden. Niemals!" — "Wirklich? Das ist ja schön!" sagte er, seufzte aber gleich darauf tief. — "Gut! Wenn Du mich nicht anhören willst," sagte sie, "so will ich mich kurz fassen. Entweder Du hörst auf, dem Jungen Märchen zu erzählen, die nicht unschuldig sind, wenn sie seinen Kinderverstand einengen können; oder ich halte Dich nicht mehr für vollkommen gewissenhaft, Ole!"
Es war nicht das erste Mal, daß sie harte Worte brauchte; sie hatten lange und schwere Kämpfe miteinander gehabt. Aber nie hatte sie so hart gesprochen, niemals seinen Glauben angegriffen. Sie hatte ihr Recht verteidigt, so zu sein, wie sie war, wenn auch mit heftigen Ausfällen gegen die Art, wie er war; sie war seinen Herausforderungen mit schneidiger Waffe begegnet; aber niemals, bis zu diesem Augenblick, hatte sie etwas derartiges gesagt oder Bedingungen gestellt. Er hatte schon ziemlich lange das drückende Gefühl gehabt, daß sich in ihr etwas zusammenzog; aber ihr fest gewappneter Vorsatz — von solchem Zorn, solchem Willen getragen —! So standen sie sich gegenüber, Aug' in Auge; und wollten die Tiefe ihres Willens aneinander messen. Auch in ihm kochte es auf zu gewaltigem Zorn, und um von vornherein jede falsche Hoffnung abzuschneiden, sagte er: "Der Junge bleibt bei mir!" — "Bei Dir?" — Sie wurde aschfahl. "Hast Du ein größeres Anrecht an ihn als ich? Bist Du seine Mutter?" — "Ich bin sein Vater. Bibel und Gesetz machen den Vater zum Eigentümer des Kindes."
Jetzt begann sie auf- und abzugehen; aber nur zwischen Fenster und Tür, wie zwischen den Stäben eines Käfigs. Ihre Brust wogte; ihr Atem ging hörbar; ihre Gesichtsfarbe, ihre Augen, ihre Stimme verrieten, in welch furchtbarer Aufregung sie war. Sie hatte nie geglaubt, daß er zu so etwas imstande sei. — "Schämst Du Dich nicht? Du wolltest den Jungen behalten?" — "Das will ich, so wahr Gott es mir gebietet! Du sollst unsern Jungen nicht verderben." — "Ihn verderben? Ich? Das ist zu viel! Jetzt sollst Du die Wahrheit hören! Von Kindheit an hast Du Macht über mich gewonnen — dadurch! Hast Macht gewonnen über meinen Verstand durch Deinen unerschütterlichen Glauben, ohne daß ich es merkte, weil Du gut warst und Dich hingabst. Und damit hast Du meine Natur verpfuscht — ja, das hast Du! — denn ich war anders geartet. Du hast meinem Leben Bahn und Ziel gewiesen, ich merkte es selber nicht. Ich sag' es, wie es ist; ich messe Dir keine Schuld bei. Aber Du sollst wissen, weshalb Du nicht auch Macht gewinnen darfst über mein Kind! Das darfst Du nicht — solange noch ein Funken Leben in mir ist — trotz Gesetz und Bibel! Jetzt weißt Du's — und Du wirst es sehen!"
Hätte sie geahnt, daß er schon lange, lange darauf gewartet hatte, sie möge ihm einmal so gegenüberstehen, sie hätte es sich erspart, mit solch sprühender Leidenschaftlichkeit zu reden. Er selber war vollkommen Herr seiner Gefühle. "Ja, Deine göttlichen Gefühle hab' ich auf Abwege geleitet — das weiß ich längst. Ich hab' es getan durch den Glauben, der nicht der Deine wurde. Das hab' ich gewußt, mein Kind, noch ehe Du wegreistest!" Er sagte es breit und sicher. — "Nun, also dann weißt Du es!" schrie sie mit derselben funkelnden Leidenschaft. "So weißt Du es! Dein Glaube ist niemals der meine geworden! Er paßte mir nicht! Aber auch zu keinem andern Glauben bin ich gekommen. Immer dachte ich, es sei Sünde, daß ich nicht glauben konnte wie Du! Es lag wie ein Stein auf mir, daß ich nicht alle meine Kräfte aufwenden konnte für etwas, das mein war! Darum bin ich nicht geworden wie andere. Alles war verpfuscht!" — "Und was hätte denn aus Dir werden sollen, wie?" — "Oh — wenn Du gleich das Tollste wissen willst — Kunstreiterin!" antwortete sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Er blieb stehen; er traute seinen Ohren und Augen nicht. "Kunstreiterin!" Er lachte höhnisch. "Wahrlich — ein großer Verlust für die Welt und für Dich, daß Du das nicht geworden bist, Josefine!" — "Das wußt' ich, daß Du so denken würdest. Aber wenn es mein Los gewesen wäre, einen Zirkus zu leiten, so hätt' ich Hunderten Brot und Tausenden ein gesundes Vergnügen verschafft. Das ist gar nicht so wenig, Du — das ist mehr, als die meisten Menschen leisten! Und was hab' ich so geleistet? Mit was für Kleinkram hab' ich mich beschäftigt? Was hab' ich erreicht? Daß ich nahe daran bin, Dich und mich zu verachten! Was ist aus unserm Leben, was ist aus unserer Ehe geworden? Kannst Du ehrlich behaupten, Du fühltest noch Liebe zu mir? Kann ich behaupten, ich hätte Dich noch lieb?" — "Nein, Josefine — wen Du lieb hast, das wissen wir beide!"— Wenn er sie geschlagen hätte, wie ihr Bruder, sie hätte nicht rasender sein können; erstens weil es überhaupt ausgesprochen wurde — sie wußte ja kaum, daß man wagen konnte, es zu denken — und dann, weil der Mann es aussprach, der ihrem Bruder und ihr alles verdankte, was er war, und der trotzdem Schuld daran trug, daß die Geschwister entzweit waren. "Allerdings — er hat, was Du nicht hast!" antwortete sie, um ihn so recht empfindlich zu verletzen. "Im übrigen ist es erbärmlich von Dir, so etwas zu sagen." — "So? Glaubst Du, ich wüßte nicht, daß es seine Schuld ist, wenn ich Dich verloren habe, Dich und meinen häuslichen Frieden und dadurch die Freudigkeit für meinen Beruf, und daß mir nun auch noch die Gefahr droht, mein Kind zu verlieren?"
Seine Stimme zitterte; er hatte anfangs im Zorn gesprochen, doch der Zorn ging über in tiefes Leid, und der gleiche Vorgang war in ihr. Sie hätte am liebsten laut geweint. Doch keines wollte einem weicheren Gefühl nachgeben. Sie stand am Fenster und blickte hinaus. Er ging im Zimmer auf und ab. Ein langes, langes Schweigen. Und währenddessen gewann in ihr der Zorn wieder die Oberhand. Seine schweren Schritte klangen ihr voll Trotz; auch in dem Schweigen lag Trotz. Und das, was er vorhin gesagt hatte, war schändlich.
"Also," sagte sie, ohne ihn anzusehen, "Du kennst nun die Bedingung. Solche Märchen, wie die Spukgeschichte von Kristen Larssen ... erzählst Du, und hast sie dabei nicht einmal untersucht. Und genau so ist es mit den Märchen vom Paradiese, an die glaubst Du nicht einmal und erzählst sie doch. Kann ich Achtung haben vor so etwas? Da ist mein Bruder doch ein anderer Mensch! Der ist doch aufrichtig. Kommst Du meinem Jungen noch weiterhin mit solchen Märchen, ohne ihm zu sagen, daß es Märchen sind," — und jetzt wandte sie sich um — "so ist es aus mit uns beiden, Ole! Bei Gott, es ist aus! Niemals wird es Dir gelingen, ihn mir wegzunehmen durch so etwas!" Sie trat auf ihn zu. "Darin gebe ich nie und nimmer nach, Ole!" Sie ging.
Am selben Sonntag und zur selben Zeit kam Kallem nach Hause zum Mittagessen, das bei ihm etwas später lag als bei seinem Schwager.
Schon durch die Küchentür sah er Ragni in einer großen Schürze, die bis unters Kinn reichte, am Küchentisch stehen und Gemüse putzen. Er legte im Flur ab und ging zu ihr hinein; in letzter Zeit war in ihm eine stetig wachsende Angst, die er ihr jedoch verbarg. War es die weiße Schürze, die einen so bleichen Schein über sie warf, oder der Dampf von Sigrids Braten — Ragni sah entsetzlich schlecht aus. Und sie hatte sicher geweint! Das schnitt ihm ins Herz. Sie sah nicht von ihrer Arbeit auf, sondern sagte: "Wir haben einen Gast zu Tisch." — "So?" — "Ja, Otto Meek, Karls Vater, ist heut Vormittag dagewesen und kommt zum Essen." — "Wie geht's denn Karl?" — "Nicht gut. Da kommt ja Herr Meek." Der große Kopf in der Pelzmütze tauchte jenseits des Zaunes auf; jetzt trat Meek in den Garten; und Kallem ging ihm entgegen. Früher, als Meek noch praktizierte, hatte auch er sich besonders mit Brustkrankheiten befaßt, die in dieser Gegend des Landes nur allzu verbreitet waren, und er verfolgte Kallems Arbeit am Krankenhaus und seine Schriften mit reger Teilnahme; Kallem freute sich über sein Kommen. Während er ihm half, den Überzieher abzulegen, sagte er, Ragni habe ihm erzählt, es ginge Karl nicht gut. "Nein, es geht ihm nicht gut." — "Was ist es denn?" — "Ja, deshalb bin ich gerade gekommen," erwiderte Meek. — "Haben Sie mit meiner Frau darüber gesprochen?" — "Ja." Sie gingen beide ins Zimmer. Es war warm und gemütlich drin; der Flügel stand offen. Hatte sie gespielt, als Meek gekommen war? Dann konnte es ihr nicht so schlecht gehen, wie es aussah; er brannte darauf, sie zu untersuchen.
Meek war heute noch schwerfälliger und schweigsamer als gewöhnlich. "Na," sagte Kallem, "haben Sie sich über Karl geeinigt, Sie und meine Frau?" — Meek sah ein bißchen verwundert auf. "Sie meinen, daß man ihm schreiben soll?" — "Na ja, das auch. Es hat natürlich — wie schon oft — eine kleine Reiberei gegeben?" — "Ja", antwortete Meek und schwieg dann wieder. — "Sie denken wohl, ich wüßte etwas davon? Nein, mein Bester, keinen Schimmer!" Meek schien immer nachdenklicher zu werden. "Ich habe Ihrer Frau gesagt, sie müsse es Ihnen sagen. Es ist ja schön von ihr, daß sie es nicht getan hat. Aber die Sache fängt an, eine gefährliche Wendung zu nehmen." Seine schwermütigen Augen blickten in Kallems Augen. — "Gefährlich, sagen Sie?" — "Ja. Ich muß ihn nach Hause kommen lassen." — Kallem sprang von seinem Stuhl auf; Meek fuhr fort: "Es hat gar keinen Zweck, daß er dort ist." — "Aber, mein Gott, was ist denn los? Wollen Sie, daß wir es wieder mit ihm versuchen?" — Kallem dachte, der Junge habe möglicherweise einen Rückfall gehabt. Meek sah ihn forschend, beinah erschrocken an. "Wie geht es eigentlich Ihrer Frau?" Kallem wurde rot; das traf wie ein Schuß mitten in seine heimliche Angst. "Sie hat sich eine häßliche Erkältung zugezogen, die nicht weichen will; ich habe eine Zeitlang geglaubt, ... Wissen Sie was? Könnten Sie sie nicht einmal untersuchen?" Sein Zweifel war zur Gewißheit geworden; sein Herz schlug so, daß er selber sie nicht hätte untersuchen können. Meek sah ihn noch immer an; und Kallems Angst wurde immer größer. "Ich bitte Sie, wollen Sie sie nicht untersuchen?" — "Doch, natürlich. Sie haben es in der letzten Zeit nicht getan?" — "In der allerletzten Zeit nicht. Ich wollte sie nicht ängstigen. Ihre Phantasie bemächtigt sich gleich der Sache, und das ist bei ihr furchtbar gefährlich. Außerdem war da noch etwas anderes ... Aber jetzt werd' ich —" Er wollte hinausgehen und sie holen. "Haben Sie ihren Vater gekannt?" fragte Meek. Kallem überlief es kalt. "Haben Sie ...?" — "Ja. Ich war Fischerarzt dort oben." — "War er —?" fragte Kallem atemlos, und verschluckte den Schluß. Meek nickte bloß. Kallem griff sich mit beiden Händen an den Kopf, eilte nach der Tür, und kam wieder zurück: "Wollen Sie jetzt gleich, auf der Stelle, sie untersuchen, ja?" — "Wie Sie wünschen." — Kallem führte sie behutsam herein, ohne daß sie erst hatte die Schürze abbinden können; sanft zog er sie ans Fenster. Ja, sie hatte geweint. Und diese Ringe um die Augen, die Magerkeit, die Farbe —! Sie sah sein Entsetzen und deutete es falsch. Draußen in der Küche hatte sie gedacht: jetzt sprechen sie von Karl. Jetzt erfährt Kallem, was geschehen ist, und warum ich keine Briefe mehr von ihm haben will. Als sie nun Kallems Aufregung sah, dachte sie: ist er böse, weil ich nichts gesagt habe? Das konnte sie nicht ertragen; ihr wurde kalt und heiß. — "Liebe, liebste Ragni, darf Doktor Meek nicht mal Deine Brust untersuchen?" Also das war es —! Sie erschrak aufs heftigste und sah ihn wie ein wundes Tier an, das um Schonung fleht. Aber er bat wieder und begann behutsam ihr die große Schürze abzubinden; und gehorsam wie sie war, fügte sie sich.
Gleich an der ganzen Art, wie und wo Meek innehielt und wieder horchte, merkte Kallem, daß da etwas Entsetzliches über sie beide hereingebrochen war. Ihre verängstigten Blicke suchten die Augen des Gatten und vermehrten seinen eigenen Schmerz — ahnte sie es selbst? Oder war es ein Vorwurf, daß er einen andern das tun ließ?
Jetzt lag der große Kopf an ihrem Rücken. An der rechten Seite — da ... Verdichtung in der Lungenspitze? Kavernen im Gewebe? Er dachte sich das Schlimmste — und sie auch; das sah er. Wußte sie vielleicht mehr, als sie hatte sagen wollen? Verheimlichte sie ihm etwas, ebenso wie er seine Furcht verheimlichte? O Gott, so kummervoll fragend sucht kein Auge das andere, es sei denn in Todesangst! Auch ihn packte sie.
"Haben Sie in der letzten Zeit außergewöhnlich viel gehustet?" Sie schien unsicher, was sie antworten solle, und blickte flehend auf Kallem. Ihre Hände zitterten, und sie wollte es verbergen; Meek sah es. "Fühlen Sie sich sehr matt, wenn Sie spazieren gehen?" fragte er. Wieder blickte sie verzweifelt auf Kallem, als wolle sie ihn dafür um Verzeihung bitten. "Kommen Sie leicht außer Atem?" fuhr der andere fort. — "Ja." — "Fühlen Sie sich manchmal sehr entkräftet, — fast als ob Sie ohnmächtig werden wollten?" In schrecklicher Angst sah sie jetzt Kallem an. — "Sind Sie etwa schon in Ohnmacht gefallen?" — "Ja." — "Ist das wahr?" rief Kallem. — "Ja, heute", sagte sie hastig, mit zitternder Stimme. — "Nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte?" — "Ja. Ich wollte gern ein bißchen frische Luft schöpfen, und ..." Bei diesen Worten brachen die Tränen hervor.
Meek wartete eine Weile. "Wenn Sie husten, — haben Sie dann Schmerzen hier?" er zeigte auf das rechte Schlüsselbein. Sie nickte. "Haben Sie jemals Ihren Auswurf angesehen?" Sie antwortete nicht. "Haben Sie ihn nie angesehen?" — "Doch, gestern Abend." — "Nun, und — ?" Sie schwieg und starrte zu Boden. — "War Blut darin?" — Sie nickte; die Tränen liefen ihr über die Wangen; sie wagte nicht mehr aufzusehen.
Kallem stand da, unfähig zu sprechen. Meek fragte nicht weiter. Ragni ordnete ihre Toilette. Meek reichte ihr stillschweigend ein Tuch, das sie abgenommen hatte, als die Untersuchung begann. Und während sie hilflos dasaß und es wieder umzubinden versuchte, schien Kallem etwas einzufallen, was er im Arbeitszimmer holen mußte. Er kam nicht wieder. Sie wußte weshalb; und eine Weile zweifelte sie, ob sie überhaupt aufstehen könne, und hatte ein Gefühl, als würde sie wieder ohnmächtig werden; aber der Gedanke an ihn, der da drin in seinem Studierzimmer saß, überwand die Ohnmachtsanwandlung; sie wollte zu ihm. Sie bat Meek um Entschuldigung, stand auf, ging auf die Eßzimmertür zu und verschwand. Auch sie kam nicht wieder.
Meek wartete eine Weile, wartete lang und länger. Dann ging er auf den Flur, zog seinen Mantel an, rief zur Küchentür hinein, er müsse gehen, und bat, die Herrschaften zu grüßen.
Sigrid suchte sie in der Wohnstube, klopfte an die Tür des Arbeitszimmers, — keine Antwort. Sie horchte und öffnete schließlich. Kallem lag auf dem Sofa; Ragni kniete, an ihn gelehnt, vor ihm. Leise meldete Sigrid, das Essen sei fertig, und Doktor Meek sei fortgegangen. Keines antwortete; keines blickte auf.
Edvard und Ragni hatten bis jetzt geglaubt, der Tag, an dem Ragni nach Amerika gereist, sei der schwerste ihres Lebens gewesen; brieflich und mündlich hatten sie einander gesagt, das sei ein Gefühl gewesen, als müßten sie sterben. Aber der Tod ist noch anders; er gleicht nichts sonst auf der Welt. Das erfuhren sie jetzt. —
Auf diesen Tag folgte eine lange Zeit voll Kampf ohne Hoffnung, voll Verzweiflung ohne Worte, voll innigster Liebe ohne Freude. Ragni hatte allerlei zu "ordnen", womit sie in der Stille anfing. Sie hatte auch verschiedenes zu schreiben, und so oft sie nur irgend konnte, machte sie sich daran, schrieb, strich aus, — nach langer Arbeit wurde das Ganze nur kurz. Aber so lange sie mit dem beschäftigt war, was sie sich zu erledigen vorgenommen hatte, ging es ihr leidlich. Kallem war ganz erstaunt.
Er selbst hatte allen Mut verloren. Er sah das Schlimmste kommen. Am längsten sträubte er sich, ihren Auswurf zu untersuchen; ... er wußte im voraus, daß er den Tuberkelbazillus darin finden würde, den Feind, zu dessen Bekämpfung er Vermögen und Leben eingesetzt hatte. Nun war er vom Feind in seinem eigenen Hause besiegt worden. Aber eines Tages mußte er doch darangehen; und er fand ihn. Er rannte nicht im Laboratorium auf und ab, er weinte nicht, er rang nicht die Hände. Er versuchte nur, ob er ohne sie denken könne; aber immer dachte er nur an sie. Von der ersten Stunde ihrer Begegnung an — all die kleinen Züge, die unbedeutendsten Beweise ihrer Anmut und Begabung, ihre Schwächen ebenso wie ihre schweigende, poetische Liebe — alles durchlebte er noch einmal mit der gleichen Wonne, dem gleichen Schmerz; alles war ihm gleich lieb, gleich unentbehrlich; unzählige Begebenheiten voll Humor, Wärme, Furcht, Schönheitssinn, Hingebung an den Augenblick — alle sahen sie ihn an wie Augen. Wo sollte er hin? Was sollte er weiter? Sie war ja auch in all seinen Arbeiten. Ihr Bild aus dem dritten Jahr in Amerika stand drüben auf dem Kaminsims; es war seinerzeit gekommen als erster Abdruck dessen, was ihr geistiges Entwicklungsleben in Gesicht und Augen hineinmodelliert hatte, eine wundervolle Bestätigung dessen, was er geahnt hatte, als er sie hinüberschickte. Aus dem Bild heraus suchten ihre Augen wie immer die seinen; dieses Lächeln ihrer Augen war ihm in der Wartezeit wie eine Verheißung alles Guten gewesen! Und was war es ihm eben dadurch nicht alles gewesen! Jetzt strömten wieder die Erinnerungen herbei an ihr erstes Wiedersehen, an die ersten Worte, die erste Verlegenheit über das Fremde, das hinzugekommen war, das erste ganze, volle Wiedererkennen, die erste Umarmung ...
Und das nur, um zu sagen, daß nun alles zu Ende gehe! Auch alles, was er im Zusammenleben mit ihr gedacht und getan hatte, seine Freude daran, seine Kraft, sein Glaube. Was in aller Welt war nur geschehen? Er mußte wirklich einmal mit ihr darüber sprechen. Da war etwas, was sie ihm verheimlichte. Eine Unvorsichtigkeit, die sie nicht einzugestehen wagte? Was konnte es sein? Aber in sie dringen mochte er nicht.
Dann, eines Tages, als er nach Hause kam, fand er sie nicht unten. Und als er hinaufkam, lag sie im Bett! Sie streckte ihre Hand aus — wie mager die geworden war! — und richtete die großen Augen mit einem matten, halbverschleierten Ausdruck auf ihn: "Ich hab' mich ein bißchen hingelegt", flüsterte sie; "bloß auf einen Augenblick!" Sie sah nicht einmal so schlecht aus, vielleicht weil sie lag. Er setzte sich an ihr Bett und hielt ihre lange, magere Hand zwischen seinen beiden Händen.
"Hinter all dem", begann er vorsichtig, "steckt etwas, in das ich nicht eingeweiht bin. Einmal war ich auf vollständig falscher Fährte; aber auch später ist es schneller gegangen, als ich begreife — einfach, weil ich nicht wachsam genug gewesen bin. Da steckt etwas dahinter, irgendeine große, vielleicht wiederholte Unvorsichtigkeit, die ich nicht mit in Rechnung gezogen habe. Schatz, sag' es mir jetzt; sonst hab' ich keine Ruhe."
"Ich will es Dir sagen. Ich habe es mir eben überlegt. Drunten in meinem Schreibtisch sind ein paar Papiere, im ersten Fach links; die sind alle für Dich. Die sollst Du lesen, wenn —" sie unterbrach sich selbst. "Später!" fügte sie hinzu und drückte schwach seine Hand. — "Also jetzt soll ich es nicht erfahren:" — "Doch, das, wonach Du fragst, gewiß. Ich kam nur nicht so weit." Sie bat ihn, sie etwas anders zu legen, und er half ihr. — "Doch, Du sollst es wissen. Nur Dir zuliebe habe ich es verheimlicht," — ihre Augen füllten sich mit Tränen, — "Du, mein ..." Wieder ein leiser Händedruck und ein Lächeln. Er trocknete ihre Tränen mit seinem Taschentuch ab und wischte sich heimlich die Augen hinter der Brille. Sie lag und sah ihn an, ohne zu sprechen; hatte sie es vergessen oder überlegte sie? Er beugte sich über sie: "Nun —?" fragte er; "willst Du es mir nicht sagen?" — "Doch! Das, was zu oberst liegt, von Karls Hand, das kannst Du gleich lesen. Das andere nicht." — "Steht es denn in Karls Brief?" Sie nickte. "Der Schlüssel?" flüsterte er. "Der steckt", antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen, und ließ seine Hand los.
Er ging hinunter, öffnete das Fach und nahm den Brief heraus, den wir kennen; dann setzte er sich hin, um ihn gründlich zu lesen.
Sein Entsetzen! Und seine Empörung, — und seine Ohnmacht! Und davon hatte er nichts erfahren, als es noch Zeit war! Er lief wie ein Rasender auf und ab; dann setzte er sich aufs neue hin, wie gelähmt. Er faßte Entschlüsse und verwarf sie wieder! Vor alle Welt wollte er hintreten und ihnen zurufen, es sei eine Lüge! In den Betsaal wollte er einbrechen, wenn er gesteckt voll war, auf die Kanzel steigen und sie des feigsten, erbärmlichsten Mordes anklagen! ... Und dann wieder fiel ihm ein, daß Ragni, selbst wenn sie ganz gesund gewesen, an so etwas gestorben wäre.
Er selbst lebte nur dafür, den Menschen so viel Gutes zu erweisen, wie er nur konnte; und nicht ein einziger unter ihnen war ehrlich genug, war dankbar genug oder auch nur empört genug, ihm zu sagen, daß er wachen müsse über seinem und seiner Frau guten Namen, über der Ehre seiner Ehe! So viel träge Verantwortungslosigkeit! So viel Raum für Splitterrichterei und Bosheit in dieser "christlichen" Gesellschaft! Jetzt verstand er seine Schwester! Diese Verleumdung hatte sie geglaubt! Das also war es, worüber sie mit ihm hatte reden wollen an jenem Abend, als sie auf ihn gewartet! Und aus Empörung über das, was sie so steif und fest glaubte — was trauen die Menschen einem Freidenker nicht alles zu? — hatte sie ihnen den "Walfisch" auf den Hals geschickt! Alle, die nicht fünfe gerade sein ließen, glaubten daran, alle verurteilten, niemand erhob Einspruch, niemand kam!
Das also hatte nun Ragni von ihrer Herzensgüte gegen Karl! Sie war um so uneigennütziger gewesen, als sie anfangs und auch später noch oft nur mit Überwindung ihrer eigensten Natur darangegangen war; erst jetzt, hinterher, hatte er das erfahren. Er kannte kein lieberes Geschöpf als sie! Und ihr großes, warmes Gemüt, das sollten diese ...! Diese Schurken, diese gewissenlosen Zionswächter, diese psalmodierenden Egoisten und herzenskalten Gebetmacher! Er las Karls Brief noch einmal; Karl tat ihm so herzlich leid. Armer, armer Junge! Natürlich hatte die Liebe in ihm erwachen müssen! Welcher brave Kerl würde nicht ein Wesen anbeten, dem die Menschen um seinetwillen so schweres Unrecht antaten? Da mußte ja die Dankbarkeit und Bewunderung des Jungen zuletzt zu Liebe werden! Sowie Karl zurückkehrte, sollte er zu ihnen kommen! Ganz sicher! Und hier sollte er bleiben, bis sie ihren letzten Atemzug getan hatte! Und seinen Arm wollte er nehmen, seinen und keinen andern ... an jenem furchtbaren Tag ... hinter ihrem Sarg ...! Er warf sich aufs Sofa und schrie laut auf.
Vielleicht war er zu sehr von seinen eigenen Interessen eingenommen gewesen; er hätte mehr mit Menschen umgehen, hätte sie unter Menschen bringen sollen; dann wäre das nie geschehen. Keiner, der einen tieferen Eindruck von ihrer reinen Seelengüte empfangen hätte, würde gewagt haben ... obgleich — wer weiß? Dogmenblinde Gewohnheitstiere sehen nicht.
Sigrid kam gerannt: der Frau Doktor sei wieder schlecht geworden; ein Hustenanfall. In neun, zehn Sätzen nahm er Zimmer, Flur und Treppen; der Anfall war vorüber, als er kam; sie lag da, in Schweiß wie gebadet, so matt, so hinfällig, daß sie jeden Augenblick ohnmächtig werden konnte. Ihr Auswurf war grünlich, mit ziemlich viel Blut darin; er kannte das. Er erklärte es sich damit, daß er zu lange weggeblieben war; ihre Spannung hatte sich gesteigert, sie war heiß geworden, hatte sich aufgedeckt ... Sie lag mit geschlossenen Augen da und er verhalf ihr zum Schlafen. Fortan verließ sie das Zimmer nicht mehr.
Von ihrem Bett ging er sogleich an seinen Schreibtisch, um Doktor Meek mitzuteilen, was geschehen war, und ohne sich auf weiteres einzulassen, schloß er: "Wenn Karl zurück ist, so sehen wir ihn wohl bald? Ich weiß jetzt alles."
Dann ging er aus, um eine Pflegerin zu besorgen, und sowie er zurückkam, wieder zu ihr hinauf. Sie schien sich leichter zu fühlen und schlief; und als sie endlich aufwachte, war er das erste, was ihre Augen trafen. Er gab ihr zu trinken, liebkoste sie, und die Fragen in ihren Blicken erwiderte er mit Küssen auf ihre magere Hand, während es um seinen Mund zuckte und Tränen die Brillengläser benetzten.
Aber sie redeten von ganz anderen Dingen: daß ihre Schwester nicht kommen könne, und daß er Sissel Aune zu Ragnis Pflege geholt habe; sie eigne sich von allen, die er kenne, am besten dazu und sei ihnen treu ergeben. Ragni nickte zustimmend. Und dabei sahen sie einander an, wie Menschen, die sich nicht satt aneinander sehen können. Und beide dachten an das, was sie nun beide wußten — an die Ursache, weshalb sie jetzt so dalag. "Der arme Karl!" flüsterte sie. "Der arme Karl!" wiederholte er.
Er mußte aufstehen und tat, als habe er unten etwas vergessen; irgendein Vorwand fand sich ja immer.
Hätte er nur wenigstens mit ihr reden können! Aber er wagte es nicht. Er hatte auch keine Zeit, mit sich selber allein zu sein. Er machte nur die notwendigsten Besuche im Krankenhaus und schränkte seine Sprechstunden möglichst ein; von allem andern machte er sich völlig frei, um bei ihr sitzen zu können.
Er hatte den Menschen sein Vermögen und seine Arbeit geopfert, und nun lohnten sie ihm damit, daß sie sein Lebensglück mordeten — wie grausam fand er das! Was ist das für ein Maß, mit dem die Menschen messen, wenn nicht ein Blick auf Ragni ihnen sagt, daß sie das feinste, reinste kleine Wesen unter der Sonne ist? Das war und blieb ihm unfaßlich! Diese Blindheit empörte ihn immer wieder! Von denen, die er kannte, schloß er auf die andern: nichts als Mittelware, für gewöhnlich nicht uneben, aber selbstverständlich nie über die Grenzen hinaus! Alle gingen sie in die Kirche, viele noch obendrein in die Betstunde — Pastor Tufts Leibgarde. Unter ihr hatte er auch mehrere ganz anständige, vorsichtige Menschen getroffen. Und trotzdem — ebenso gewissenlos in ihrem Urteil, so liebevoll-grausam — lauter makellose Mörder!
Nicht einer, den er an der Gurgel packen konnte: "Du bist es! Du sollst mir Rede stehen!" Alle — und keiner. Sanfte Mitwisser, liebenswürdige Mitschuldige. Eine war da — die stand abseiten — Josefine. Josefine hatte die Geschichte nicht aufgebracht; das war nicht ihre Art. Aber glauben, was einmal im Umlauf war, wenn es jemand galt, gegen den sie eingenommen war, — ja. Mit eisigem Schweigen ließ sie dann die andern bei ihrem häßlichen Glauben beharren — oder schürte ihn noch gar. Wie sein Herz sich mit Erbitterung gegen sie füllte! Trotzdem sie sicher nicht der Urheber war — das wiederholte er sich wieder und wieder; sie hätte die Verleumdung gar nicht über ihre Lippen gebracht, dazu war sie zu vornehm, — aber Josefine trug die Hauptverantwortung für diesen Mord! Er war überzeugt — so wenig sie selbst Christin war — die christliche Dogmensucht hatte sich auch in ihr beleidigt gefühlt durch die Ungläubigkeit eines kleinen Menschenwesens, — sich beleidigt gefühlt, weil ein so schuldbeladenes Geschöpf es wagte, ihren Glauben zu verwerfen. Daher jene merkwürdig peinliche "Gerechtigkeit", die so sicher und so wohlmeinend tötete.
Aber so weit war er ihr verwandt, daß auch ihn jetzt die tiefsten Schauer der Rachsucht durchtobten. Auch er nannte sie "Gerechtigkeit"; und auch er hatte keine Ahnung, daß er sich selbst belog. Wenn er bei Ragni saß, fühlte er nichts davon; ihre Nähe allein machte ihn gut. Bei ihr wurde er, wenn ihm solche Gedanken kamen, furchtbar aufgeregt, streichelte ihre Hand, strich ihr über die Stirn, sah ihr ins Auge, rückte ihr die Kissen zurecht — bis er gehen mußte; denn sonst wäre er niedergekniet und hätte alle Selbstbeherrschung verloren.
Da saß nun die stattliche Sissel Aune. Ihre dunkeln Augen wachten mit verständiger Ruhe und wandten sich zuweilen teilnahmsvoll ihm zu. In ihr hatte er alle die Menschen um sich, denen er etwas gewesen war, die ihm gern geholfen hätten, jetzt, wenn sie's nur gekonnt hätten. Aase und Sören Pedersen kamen jeden Morgen an die Küchentür geschlichen, um nachzufragen, wie es gehe; und je mehr die Kunde sich verbreitete, desto mehr Menschen kamen — alle still und voll Teilnahme. Sigrid selber fiel es schwer, zu Ragni hinaufzugehen; sie mußte dann immer gleich weinen. Aber manchmal kam sie doch — z. B. wenn Frau Oberst Bajer eine schöne Topfblume abgab, die sie den Winter über mit Liebe großgezogen hatte und der strengen Kälte wegen unter dem Mantel daherbrachte. Die mußte Sigrid doch ins Krankenzimmer hinauftragen und so stellen, daß Ragni sie sehen konnte. Ein Mädchen, deren Kind Kallem von schwerer Krankheit geheilt hatte — dieselbe, die Kristen Larssen hatte spuken sehen — und die ebenfalls einen Blumentopf besaß, einen einzigen, brachte ihn auch an, als sie von der Gabe der Oberstfrau hörte. Der Topf, in dem die Pflanze stand, war mehr als einfach; aber was tat's?
Kallem hätte es ja sonst nicht ausgehalten.
Eines Tags, als er vom Krankenhaus zurückkam, wo etwas Besonderes vorlag, und gedankenvoll durch den Flur ging, sah er fremde Reisekleider dort hängen. Bevor er selber ablegte, öffnete er die Wohnzimmertür. Am Verandafenster standen Otto und Karl Meek. Karl wandte sich zuerst um, ging auf Kallem zu und fiel ihm um den Hals. Er sah schlecht aus und hatte etwas Unruhiges, fast Verwirrtes. Sein langes Haar war ungepflegt, sein ovales Gesicht, schon an sich groß, schien noch größer geworden zu sein. Die Augen darin brannten schmachtend, mit einer Leidenschaft, wie sie Kallem nicht an ihm kannte. Und diese Augen ließen die seinen nicht los. Ein Flehen um Nachsicht war in ihnen, die Geschichte eines großen Schmerzes, der ihn verfolgte, wo er ging und stand. Karl konnte seine Bewegung nicht meistern, vermochte nicht ruhig zu sein; und als Kallem nun auch mit dem Vater reden mußte, fing er an, sich umzusehen, ging zum Flügel hin, strich mit der Hand über die Tische, betastete die Blumen, blätterte in den Noten, ging dann ins Eßzimmer, in die Studierstube. Dort blieb er lange — allein. Dann ging er hinaus in die Küche, zu Sigrid, und blieb draußen. Kallem sah sich wiederholt nach ihm um; Doktor Meek bemerkte es und sagte: "Wir Meeks haben alle starke Gefühle. Wir haben versucht, sie zu zügeln; aber der dort kann seine nicht zügeln; sie werden bloß eingezwängt auf der einen Seite, um auf der andern wieder hervorzubrechen." Karl trat wieder ein; ganz verweint. Kallem wollte nicht, daß er so zu Ragni hinaufgehe; jedenfalls müsse er erst warten, bis er ruhiger geworden sei. Karl beteuerte, oben würde er sogleich ruhig werden; er bat inständig, man solle ihn hinauf lassen; umsonst. Er sollte sie heute überhaupt nicht mehr sehen. Der Abend war immer ihre schlimmste Zeit; sie durfte gar nicht einmal wissen, daß er überhaupt da sei.
Am andern Vormittag, als sie zurecht gemacht war, teilte Kallem ihr mit, daß Doktor Meek in der Stadt und gestern Abend dagewesen sei, um sich nach ihr zu erkundigen. — "Und Karl?" fragte sie. — Ja, Karl sei auch mitgekommen. — Eine Weile lag sie da, ohne etwas zu sagen. "Wenn unten gespielt wird, muß ich es hier hören!" — "Ja, wenn die Tür offen ist; aber meinst Du wirklich ...?" Der Flur war warm und abgeschlossen; durch ihn wurden alle Räume oben gelüftet; also in der Beziehung stand nichts im Wege. "Glaubst Du wirklich, Du könntest Musik vertragen?" — "Ich sehne mich nach Musik!" erwiderte sie. Sissel Aune sah den Doktor an; sie war augenscheinlich nicht dafür. "Karl darf Dich wohl nicht begrüßen, wie?" Ragni faltete den Zipfel des Leintuchs mit der einen Hand zusammen; in der andern hielt sie das Taschentuch. Sie antwortete nicht; es war ihr offenbar peinlich. "Aber Doktor Meek darf Dir doch guten Tag sagen?" — "Muß es sein?" — Kallem wäre es lieb gewesen, wenn er sie gesehen hätte. Später kam Doktor Meek, und Kallem erzählte ihm alles. Karl bat voller Demut, ob er nicht — hinter den andern — an der Tür stehen dürfe. Er wolle kein Wort reden, sich nicht rühren, gleich wieder gehen. Kallem fühlte Mitleid mit ihm und mochte es ihm nicht abschlagen. Er ging erst zu Ragni hinein und meldete Doktor Meek; dann kam dieser; und sein breiter Rücken verdeckte Karl, der sich an der Tür aufstellte. Ragni lag mit dem Antlitz dem Licht abgekehrt, also nach der Tür zu. Sie sah Karl nicht, er aber sah einen flüchtigen Augenblick lang ihr abgemagertes, hohlwangiges Antlitz, die Fieberrosen, die trockenen Lippen; die Augen mit ihrem Glanz glichen einem langen Notschrei. Um den zehrenden Durst zu löschen, der sie Tag und Nacht quälte, trat auch Sissel ans Bett, halb vor sie hin und stützte und erquickte sie.
Meek fragte nach diesem und jenem; sie antwortete zerstreut und spähte furchtsam nach beiden Seiten an ihm vorüber; ahnte sie, daß Karl da war? Nachher veränderte sie ihre Lage etwas und Sissel glitt wieder zur Seite; jetzt hätte sie Karl sehen müssen; aber er war schon fort.
Sie fanden ihn nachher im Wohnzimmer, in sich verkrochen, verzweifelt. Aber er bat, man möge ihn dalassen, ihm sein altes Zimmer wieder geben; auch wenn er sie nicht wieder sehen dürfe — er könne nicht fort von hier. Kallem wagte nicht, es ihm abzuschlagen; auch sein Vater schien es zu wünschen. Etwas an seinem ganzen Zustand ängstigte sie beide.
Am nächsten Vormittag spielte Karl. Die Tür unten stand offen; Ragnis Tür war angelehnt; es klang gedämpft und schön. Er hatte im Spielen Fortschritte gemacht; das Stück kannte sie nicht, aber es ergriff sie. Sie bat, ihn zu grüßen und ihm ihren Dank zu bestellen. Später spielte er noch einmal, am nächsten Vormittag wieder. Schließlich erlaubte sie ihm, heraufzukommen und sie zu begrüßen. Karl versprach, ganz, ganz still zu sein und nur einen Augenblick zu bleiben. Schon im Flur ging er auf den Zehen und glitt wie ein Schatten ins Zimmer. Trotzdem kostete es ihn die größte Mühe, sich zu beherrschen. Aber sobald er unter der Gewalt ihrer Augen stand, wie in alten Tagen, empfand er, daß sie bang war vor ihm und es am liebsten gesehen hätte, wenn er gleich wieder gegangen wäre. Das drückte ihn nieder; er stand da wie eine zaghafte Bitte, bleiben zu dürfen. Sie fühlte die Veränderung, die in ihm vorging; Kallem nahm ihre Hand, und sie beruhigte sich. Je länger er so dastand, desto größeres Mitleid empfand sie mit ihm. Er hatte gelitten, er war ein guter Junge; sie versuchte zu lächeln, ja, sie streckte sogar ihre magere Hand aus. Karl sah Kallem an und nahm die Hand nicht, kam auch nicht näher; aber eine heiße Bewegung stieg in ihm auf, und wie um sie zu dämpfen flüsterte sie: "Guter Karl!" Da ging er.
Nach dieser Begegnung war er still und in sich gekehrt, als grüble er über einen Entschluß. Er sprach seltener mit Kallem, mit anderen gar nicht. Jeden Vormittag durfte er einen kurzen Augenblick zu ihr hinein; unten spielte er für sie und hielt sich im übrigen den ganzen Tag abseiten.
Eines Vormittags, als er wieder spielte, hörte sie gleich am ersten Anschlag, daß das etwas von ihm selber war. Schon ein paarmal hatte er kleine Bruchstücke gespielt, die augenscheinlich von ihm waren; diesmal aber folgte er neuen Vorbildern; das Eigenartige seiner Begabung litt darunter. Dieses neue Stück war der Anlauf zu etwas Größerem, eine wilde Einleitung, aufgewühlte Leidenschaft — mein Gott, gewiß soll das er selber sein! dachte sie. Zuletzt, mitten in den Braus hinein, kam eine Stille, und eine Melodie löste sich daraus, treuherzig und zart; ob ich das wohl sein soll? Dann fing es an zu schreien und zu heulen um diese friedvolle, kleine Melodie herum — ein paar Takte Melodie, darauf Takte voll Jammer und Geschrei — das erste Thema schmetterte und sprudelte über das andere hinweg — — äußerst natürlich gemacht — zu natürlich, denn es wirkte unwiderstehlich komisch. Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht zu lachen; so etwas vertrug sie gar nicht. Sie sah Sissel Aune an, um sie zu bitten, doch schnell hinunterzugehen und dem Spiel ein Ende zu bereiten; aber auch auf Sissel Aunes klugem Gesicht lag ein solches Erstaunen über dies natürliche Geschrei — ja, können denn die Leute auch in der Musik schreien? Der letzte vergessene Rest von Ragnis alter Lustigkeit brach sich in einem hellen Lachen Bahn — und noch einem — und dann Husten! Wieder Husten, und wieder und wieder — ein Anfall, schlimmer, als sie ihn je gehabt hatte.
Karl hörte mitten im Spiele, daß es in der Küche klingelte und klingelte; er hörte Sigrid die Treppe hinaufstürmen und gleich darauf wieder zurückkommen und nach dem Doktor rufen. Er wußte, daß der Doktor soeben ins Krankenhaus gegangen war, und lief selber, ohne Mantel und Hut, ihm nach, fand ihn aber nicht gleich, so daß beide erst kamen, als der Anfall schon vorbei war. Mehr Blut als gewöhnlich im Auswurf. Kallem war sehr erschrocken; Karl, der ihm, ohne es selber zu wissen, ins Krankenzimmer gefolgt war, sah es und zog sich augenblicklich zurück.
Später wurde das Zimmer gelüftet; Kallem war noch immer bei Ragni. Da kam Karl an die Tür und hörte ihn sprechen; er wagte, hineinzublicken. Ragni lag matt in ihrem Bett; Kallem hatte sie eben gefragt, ob sie nicht ein bißchen Erleichterung spüre. Undeutlich sah sie Karl, sein großes, erschrockenes Gesicht. Sie dachte daran, daß sie ihn ausgelacht hatte; sie hatte durch Kallem gehört, wie er in seiner Angst ohne Hut und Mantel davongestürmt war. Und sie gab Kallem ein Zeichen, Karl hereinzulassen. Sie lächelte ihm zu, hob sogar ein wenig — ein ganz klein wenig — die Hand. War es, um zu danken? Er wagte sich näher heran; heute wollte er ihre Hand fassen; noch mehr wollte er — er wollte sich über sie beugen; in seinen Augen glomm es auf. Kallem, der rechts von Ragni stand, sah es, sah zugleich, daß die Hand, über die Karl sich beugen, die er vielleicht küssen wollte, das Taschentuch hielt; hastig sagte er: "Laß, Karl!" Karl richtete sich auch wieder auf und sah sie beide an; aber wieder glomm es wunderlich in seinen Augen auf, und wie der Blitz hatte er sich über Hand und Taschentuch gebeugt und beide geküßt. Eh noch Zeit war, ein Wort zu sprechen, stand er wieder aufrecht, — stand da, wie einer, der zum Kampf gerüstet ist oder eine große Tat vollbracht hat. Ragni lag da, mit Augen ohne Hoffnung, ohne Verständnis; sie verstand seine kriegerische Haltung, seinen erhabenen Vorsatz nicht; desto besser aber seine erschreckende Unberechenbarkeit. Und Karl war schon zur Tür hinaus.
Wenn es seine Absicht war, mit ihr zu sterben, so hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und unter andern Umständen hätte es komisch wirken müssen, besonders wenn man bedachte, daß sie nach ihrem Anfall eben wieder frisch zurecht gemacht worden, und daß das Taschentuch ganz frisch war. Aber Kallem dachte bloß daran, wie törichte Menschen doch die beste Absicht ins Schlechteste verkehren können: für sie war es ein Schreck gewesen.
Sobald er konnte, suchte er Karl auf. Der hatte sich gerade zum Ausgehen angezogen. "Wo willst Du hin?" sagte Kallem. Karl antwortete nicht; er war im Innersten aufgewühlt; er wollte einfach hinaus! Kallem zog ihn mit sich ins Zimmer, stellte sich vor ihn hin und blickte ihm fest ins Auge; dann legte er den Arm um seinen Hals. Da brach Karl in Tränen aus. Er sei ein unmöglicher Mensch, klagte er, überflüssig, fertig, bevor er überhaupt angefangen habe, untauglich zu allem. Lange gelang es Kallem nicht, ein Wort dazwischen zu werfen, geschweige denn, ihn zu trösten; seine Erbärmlichkeit, seine Unwürdigkeit seien zu groß; er habe auch gar kein Talent. Seine letzte Komposition, seinem eigensten Leben entsprungen, wie keine andere, das wahrste, was er zu schaffen imstande war, habe er heut Vormittag gespielt; und da sei sie ihm einfach komisch, furchtbar komisch vorgekommen! — Aha! dachte Kallem. Da liegt der Hase im Pfeffer!
Und so war's. In ihrer Gegenwart fühlte er auch unwillkürlich ihr Urteil.
Kallem merkte, was für ein Mißgriff es gewesen war, ihn hierherkommen zu lassen. Mit Schrecken dachte er daran, was Ragni seinerzeit mit ihm hatte ausstehen müssen. Ihm selber machte es jetzt nicht geringe Mühe, ihn im Gleichgewicht zu halten.
Eines Tages — sie hatte eben nach Karl gefragt — sagte er zu ihr: "Sicher hast Du mehr Schererei mit ihm gehabt, als ich gewußt habe?" Sie schloß die Augen, öffnete sie wieder und lächelte.
Karl ging nicht mehr zu ihr hinauf, bat auch nicht mehr darum. Spielen konnte er in all seiner Selbstquälerei nicht; Kallem mußte ihn geradezu zwingen, ihm ein paar von seinen kleinen Stücken vorzuspielen. Er tat es nur bei geschlossenen Türen; aber Ragni hörte es doch und sagte zu Kallem, sie seien gut, was auch er fand. Dieses Lob machte Karl wieder froh; und so leise gewann er wieder ein bißchen Selbstvertrauen; nach und nach wurde er umgänglicher.
Sobald Kallem um sich her ein bißchen Ruhe geschaffen hatte, kam er selber an die Reihe. Sein mannhaftes Kämpfen hielt nicht immer stand, und Karl gingen endlich doch auch die Augen dafür auf, daß es noch andere Menschen gab, die litten, und daß man sich auch um andere kümmern konnte. Und nun schlug er vollständig um, lebte nur noch für Kallem, war voller Aufmerksamkeit, voller Sorgfalt. Ein Trostmittel, das nie fehlschlug, wandte er am häufigsten an: von Ragni sprechen, sie bis ins einzelne schildern. Er konnte ein feines Bild von der Eigenart ihres Wesens, ihres Talentes geben, eine Handlungsweise, ein Wort von ihr künstlerisch darstellen; und die Vergötterung, mit der er das tat, war gerade, was Kallem brauchte; er brauchte die leuchtende Wärme des Mitgefühls; denn mit ihrer zunehmenden Entkräftung brach auch er zusammen. Sie konnte nicht einmal mehr den Kopf auf dem Kissen halten; bald glitt er zur einen, bald zur andern Seite; ihre Augen hatten etwas Übersinnliches, das alles verklärte, was sie ansah; ihre schmalen, stimmlosen Lippen waren offen vor Atemnot; wie sie so dalag, in dem weißen Zimmer, dem weißen Bett, in dem weißen Nachtgewand, glich sie einem federlosen Vögelchen, das in einem verlassenen Daunennest nach Luft schnappt. Oft, wenn Kallem ihr Zimmer verließ, weil er seinen Schmerz nicht mehr beherrschen konnte, oder weil er am Rande seiner Kraft, war es Karl, der ihn zur Ruhe brachte, der das rechte Wort fand, oder auch ganz allmählich ihn in einen endlosen Lobgesang auf sie hinüberleitete.
Sie vermochte nur wenig zu sprechen, hatte auch keine Lust dazu; aber aus allem, was sie sagte, ging hervor, daß sie sich nicht einen Augenblick lang über ihren Zustand täuschte, wie etwa andere Lungenkranke es tun. Eines Tags machte sie Kallem ein Zeichen, er möge sich tiefer herabbeugen. "Kristen Larssen!" flüsterte sie. "Dort, in der Ecke." Dann lächelte sie und fügte nach einem Weilchen hinzu: "Jetzt fürcht' ich mich nicht mehr vor ihm." Ein andermal schickte sie nach Kallem, bloß um ihm zu sagen: "Du sollst niemand gram sein — meinetwegen!" Sie nannte keinen Namen. Kallem drückte ihre durchsichtige Hand; ihr Blick umfloß sie wie ein ganzer Himmel von Güte. Zuweilen versuchte sie, noch ein Lächeln hinzuzufügen, das sie doch nicht mehr besaß. Wenn sie seine Tränen sah, winkte sie ihm, er solle sich bücken, und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Einmal, als er ihr in dieser Stellung dankte für alles, was sie ihm gewesen war, von der ersten Begegnung an bis jetzt, versuchte sie ihn an den Haaren zu zupfen; so etwas solle er bleiben lassen.
Fortan wurde zwischen ihnen kaum noch ein Wort gesprochen. Nur noch ihre Augen und Hände sprachen. Sie waren eins in ihrem Schmerz und besaßen nichts mehr, was unausgesprochen war. Für die Dankbarkeit, die sie empfanden, für das Grauen, das sie vor dem Scheiden hatten, gab es ja auch keine Worte. Die Stunde nahte.
Eines Nachmittags hörten sie Sissel klingeln, klingeln, klingeln. Sigrid stürzte hinauf, Kallem, Karl; Karl blieb vor der Tür stehen. Er hörte, daß sie wieder einen Hustenanfall hatte, einen entsetzlichen. Er begriff nicht, daß sie überhaupt noch so viel Kraft hatte; jeder Hustenausbruch zerriß ihm die Brust, schnitt ihm ins Fleisch, zerbrach ihn; ihr Schmerzgestöhne dazwischen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; er konnte nicht lauschen und wagte auch nicht, zu gehen. Das mußte ihr Letztes sein. Er hörte Sigrid weinen, hörte sie rufen: "Frau Doktor! Frau Doktor!" Und gleich darauf: "Sie stirbt!" Da öffnete er die Tür. Das erste, was er sah, war Blut. Da wurde ihm schlecht, und er fiel in Ohnmacht.
Als er erwachte, lag er auf seinem Bett. Sigrid saß davor und weinte. Das war das erste, was er begriff. Dann fiel ihm das andere ein und er fragte: "Ist sie tot?" — "Der Herr Doktor glaubt, daß es bald zu Ende ist."
Später durften sie zu ihr, alle beide. Sie lag im Bett, als schliefe sie, weiß wie die Bettücher, in denen sie lag. Kallem hielt ihre Hand. Sein Gesicht sahen die Eintretenden nicht; aber von Zeit zu Zeit ein Zusammenzucken der Schultern; und sie hörten ihn stöhnen. Auf der andern Seite stand Sissel. Seltsam, wie verschiedene Grade des Schmerzes es gab! Obgleich auf ihrem kräftigen, offenen Gesicht viel Mitgefühl lag — es war doch das einer Fremden; meilenweit entfernt von Kallems stummer Verzweiflung sah sie es mit an. "Ist sie tot?" flüsterte Sigrid. Sissel schüttelte den Kopf. Und Ragni hörte die Frage; sie blickte auf. Mit ihrer allerletzten Kraft wollte sie ihnen noch einmal etwas Liebes erweisen — sie versuchte — man konnte nicht sagen zu lächeln — dazu war sie nicht mehr imstande — aber ihnen noch einmal Kunde von sich zu geben. Erst Sigrid und Karl; dann aber ausschließlich Kallem. Bald darauf war sie tot.
Die andern gingen; Kallem blieb.
Als er hinunterkam, fand er niemand. Karl war auf sein Zimmer gegangen; Sigrid saß mit Sissel in ihrer Kammer. Leer die Küche, leer die Stuben, leer das Studierzimmer. Er hatte ihr versprochen, etwas zu lesen, was sie geschrieben hatte — es lag unter Karls Brief. "Nachher!" stand darauf. Aber er konnte jetzt nicht, überhaupt nicht, solang sie noch im Hause war. Er stellte sich vor ihren Bücherständer und sah ihn an; auch der war ein Bild von ihr. Wie oft hatte er da gestanden und gelächelt, wenn er die Büchertitel las! Jetzt fiel sein Auge auf die "Wildente" von Ibsen. Bei seiner Größe konnte er das Buch gerade so weit von oben herunter sehen, um zu bemerken, daß zwischen den letzten Blättern eine Lücke war. Er zog das Buch heraus. Wirklich, sie hatte die Blätter, auf denen Hedvigs unglückliche Geschichte abschließt, — wie sie sich erschießt und was darauf folgt — herausgeschnitten! Herausgeschnitten! Als habe es so nicht kommen dürfen!
Nichts hätte ihn tiefer ergreifen können. Er warf sich aufs Sofa und schluchzte wie ein mißhandeltes Kind. Ja, sie war zu fein gewesen und zu furchtsam. Die Welt, in der wir kämpfen, ist noch zu roh. Sie muß erst besser werden, bis solche Wesen mitleben können. Sie hatte versucht, aus der Welt herauszuschneiden, was sie nicht mochte, — nun war sie selber herausgeschnitten worden.
11
Schon einige Tage vor dem Sonntag, da es den Kampf um die Erziehung des kleinen Edvard gab, hatte der Junge gehustet. Abends ging es ihm gar nicht gut, so daß er das Zimmer hüten mußte.
Nach einigen Tagen durfte er wieder hinaus und schien auch leidlich wohl zu sein; doch eines Abends war er wieder fiebrig und verdrießlich und hatte einen trockenen Husten. Die folgenden Tage mußte er wieder das Haus hüten. Weil er an die frische Luft gewöhnt war, wurde er weinerlich und verlor den Appetit; Josefine hatte viel Mühe mit ihm und wurde zuletzt streng. Der Junge jammerte — er wolle zur Großmutter! Das durfte er nicht. Als jedoch die Großmutter zu ihm herüberkam, war er eigensinnig und lief zum Vater. Von dort kam er weinend zurück: der Vater hatte ihm nicht erlaubt, die Bücher aus den untersten Fächern herauszunehmen und Häuser damit zu bauen.
Er wurde ins Bett gesteckt, heiß, aufgeregt; dabei klagte er über Stiche auf der rechten Seite der Brust beim Husten; nachts hatte er Fieberanfälle und phantasierte: Kristen Larssen lief mit einem großen Sack hinter den Jungens her und wollte sie in die Hölle schleppen.
Josefine doktorte mit Terpentinumschlägen an ihm herum; aber am Morgen, als der Pastor heraufkam, bat sie ihn, nach dem Arzt zu schicken.
Kent war ihr Hausarzt; er konnte erst gegen Abend vorsprechen, und da konstatierte er, daß der Junge eine Brustfellentzündung auf der rechten Seite hatte. Was Josefine angewandt hatte, war ganz richtig gewesen; er selber verordnete Diät und alle zwei Stunden eine Medizin und sagte, wenn die Temperatur 39 Grad übersteige, solle man ihn rufen lassen.
In den folgenden Tagen besserte sich das Befinden des Jungen; er aß und hustete weniger; Temperatur abends nie mehr als 38 Grad. Gott sei Dank!
So gering auch die Gefahr gewesen war — Tuft und Josefine hatten beide das Gefühl, als lege sich eine unsichtbare Hand mit leisem Druck auf ihre Schultern. Sie wandten sich ganz allmählich einander wieder zu und suchten Gelegenheit, miteinander zu sprechen — freilich nur über den Zustand des Kindes; aber durch Stimme und Wesen klang es wie eine Bitte um Verzeihung.
Der Husten und der Schmerz in der Seite ließen nach; das Befinden des Jungen besserte sich scheinbar; aber der Appetit wollte nicht recht kommen, das Fieber wollte nicht ganz weichen, und so nahmen auch die Kräfte nicht zu. Man kaufte ihm neue Spielsachen, die ihm einen Tag lang Spaß machten und ihn am nächsten schon langweilten. Die Märchen, die Vater und Mutter ihm abwechslungsweise erzählten, hörte er an, ohne dazwischenzufragen; den Besuch der Großmutter beachtete er gar nicht. Einmal war er plötzlich ganz heiß, dann fror er wieder. Am meisten beunruhigte es Kent, daß gegen Abend die Temperatur immer stieg; er fing an, Chinin zu geben, und legte eine spanische Fliege. Josefine wich nicht vom Bett und wollte von Ablösung nichts wissen; der Junge duldete auch nicht, daß andere ihm nahe kamen.
Aber es wurde besser, und eines Abends, als sie die Temperatur gemessen hatten, sagte der Pastor: "Ich glaube, wir kommen mit dem Schreck davon, Josefine!" Sie sah ihn an; er streckte seine Hand aus; sie legte die ihre flüchtig hinein, schien sich aber dessen zu schämen und zog sie gleich wieder zurück.
Doktor Kent hatte ihnen erzählt, Frau Kallem sei schwer krank und verlasse ihr Zimmer im Oberstock nicht mehr. Von anderer Seite hörten sie später, es sei Schwindsucht; sie fragten — jeder für sich — Doktor Kent; und er sagte, es sei sogar galoppierende Schwindsucht.
Josefine gegenüber erwähnte der Pastor nichts; aber zu Kent äußerte er, es sei jedenfalls ein Glück für seinen Schwager; vielleicht werde er jetzt ein freier Mann und würde die Schwingen regen.
Josefine hatte eine andere Auffassung; das sah er daran, daß sie sich völlig in sich selbst zurückzog. Kaum, daß er dann und wann ein paar Worte von ihr zu hören bekam.
Eines Nachmittags, lange Zeit nachher, als sie auf ihrem Bett lag und nachsann, wie ihr Bruder Ragnis Tod ertragen würde, sah sie ihn plötzlich. Sie dachte sich erst nichts dabei; aber das Bild wurde seltsam deutlich. Sie sah ihn, so lang er war — auf dem Sofa seines Studierzimmers liegen, sie sah den ganzen Raum, die Gardinen, die Bücherregale, die Bücher, den Schreibtisch, die zwei Tische, einen großen Lehnsessel, verschiedene aufgeschlagene Bücher, beschriebene Papiere bogenweise nebeneinander, ... alles sah sie, jedes Blatt, jeden Buchstaben, — und ihn selber, in einem braunen Anzug, den sie nicht kannte. Und dabei war sie nie in dem Studierzimmer gewesen, seit es möbliert war, und hatte die Möbel nie gesehen, auch nicht die Gardinen, die Teppiche; aber sie zweifelte keinen Augenblick, daß es genau so war, wie sie es sah. Zu jeder andern Zeit würde das einen seltsamen Eindruck auf sie gemacht haben; aber jetzt wurde alles verdrängt durch sein Aussehen. Er war so ganz verzehrt von Kummer! Je genauer sie ihn ansah, desto schlimmer wurde es. In einer solchen Verzweiflung sah sie ihn, daß es sie packte, wie nichts in ihrem Leben, nicht einmal des Vaters Tod sie gepackt hatte. Sie sah, wie er sich herumwarf und laut aufweinte, sah, wie er die Hände zusammengekrampft vors Gesicht hielt, sah zuletzt bloß noch ihn, den Jammer dieser Augen unter der Brille und den buschigen Brauen, und eine große Öde um ihn her. In kaltem Schweiß gebadet, wachte sie auf, so matt, daß sie kein Glied rühren konnte. Fortan lebte sie wie unter dem Druck einer unklaren Angst, die ihr den Schlaf raubte. Galt es ihrem Bruder oder ihrem Kinde? Dort neben ihr lag der kleine Edvard, atemlos, hustend, wie ein schon weit Entfernter. Seine hohe Stirn schien unbewohnt; seine Augen sahen ins Leere; seine Hände — das waren nicht mehr die derben Bubenfäustchen, nicht mehr lebendig.... Zuweilen stürzte sie an sein Bettchen, bloß um ihn wieder zu haben, und war's auch nur in einem flüchtigen Blick! Ja, ja ... da war er! Aber ... Gott im Himmel! — Wenn sie ihn hergeben mußte? Und in diesem Leid fühlte sie den Schmerz des Bruders mit, fühlte sich eins mit ihm. Das Schicksal des Jungen verknüpfte sich ihr mit dem Schicksal Ragnis. In wachen Nächten und bangen Tagen flössen die beiden so unauflöslich ineinander, daß sie beide für sie eins wurden.