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Am Glück vorbei

Front matter (continued 3)

Reading edition

Daß die beiden Schwestern sich nie sahen, obwohl doch über die alten Geschichten längst Gras gewachsen und Gertrud eine vernünftige, tüchtige Frau geworden war, hatte ihn anfänglich nicht viel gekümmert. Nun aber, da der Abschied aus dem Heimathaus näher rückte und hier und da auch die Ahnung des bald kommenden großen Abschieds einen weicheren Ton in seinem alten, harten Herzen anschlug, begann er sich darüber Gedanken zu machen.

Sie sollten sich unter seinen Augen, hier, wo sie zusammen herangewachsen und flügge geworden waren, aussprechen und ihm durch Zusammenhalten und Eintracht einen ruhigen und frohen Lebensabend verschaffen.

Gertrud sowohl als Maggie waren darauf eingegangen, als er sich von ihnen eine Zusammenkunft zu seinem Geburtstage gewünscht hatte, und so stand er denn nun heute in der Mittagsstunde auf der Veranda und spähte mit seinen noch immer scharfen kleinen Augen den Weg hinunter, den Seckersdorfs, die er von Romitten her erwartete, kommen mußten.

Fräulein Perl, eisgrau und gebückt, stand neben ihm und schwatzte über Dinge aus vergangenen Zeiten, als »unsere Mädchen« noch zu Hause waren. Der Oberförster nickte, und kaute mit den braunen Zahnstümpfen an den schmalen Lippen.

Die Sonne brannte. Heiße Luftwellen strichen mit schwülem Atem durch das rote Weinlaubgeäst hinauf, im Garten hoben buntfarbige Georginen ihre leuchtenden Köpfe, und die großen gelben Gloire de Dijon-Rosen füllten ihn mit starkem Duft. Aber hin und wieder erhob sich ein leiser kühler Wind und trug einen herben Modergeruch in die lieblichen Sommerdüfte. Dann sahen sich die beiden Alten mißvergnügt und leise schauernd an, und Fräulein Perl sagte: »Ja, der Herbst kommt doch schon.«

Wo nur Seckersdorfs blieben? beunruhigte sich der Oberförster. Kurowskis kamen erst eine Stunde nach dem Zuge, – aber Maggie war doch seit gestern in Romitten ...

Ja, wenn die wirklich ganz da bleiben möchten und das verwünschte Neusenburg aufgeben, auf dem sie doch Unglück über Unglück gehabt hätten – zu guter Letzt noch den großen Brand –, dann wäre für sie beiden Alten auch gesorgt. Dann brauchten sie keine enge Stadtwohnung in dem Nest, dem Friedland. Und der Seckersdorf wäre ein Kerl, mit dem sich's leben ließe, wenn er auch ein bißchen zu viel kneipte.

Fräulein Perl nickte sorgenvoll. »Ja, aber die Maggie, die doch so selbständig ...«

Die wäre längst nicht so hinter allem her, wie die Gertrud, meinte der Alte.

Fräulein Perl sprang auf. Eine Staubwolke erhob sich an der Biegung des Weges. Einige Minuten später hielt der Jagdwagen vor der Veranda. Noch derselbe, von dem Maggie einmal auf jener Fahrt nach Romitten triumphierend und siegesgewiß heruntergesprungen war. Das tat sie heute nicht. Ihr Mann hob sie herunter, und langsam, den Staubschleier im Gehen in die Höhe schlagend, stieg sie hinauf und umarmte die beiden alten Leute.

Sie war sehr verändert. Mager geworden und dadurch größer scheinend. Über ihren unverwüstlichen Farben lag es wie ein gelblicher Ton, die großen Augen sahen spähend und unruhig, und ein unzufriedener Zug hatte aus dem lachenden Mund einen kummervollen gemacht. In ihrer Kleidung war sie schick bis zum äußersten, aber nicht ganz die Linie der Vornehmheit einhaltend.

»Ach, mein Maggiechen,« schluchzte das alte Fräulein, sie musternd, – »sieben Jahre, sieben Jahre – und so – und dein Haar ist ja so rot ... und ...«

»Ja, ja, Perlchen, und wir sind alle nicht jünger geworden ... Sieh dir den an ...« Sie schob ihren Mann vor.

Seckersdorf beugte sich über Fräulein Perls runzlige Hand und küßte sie.

Er war sehr gealtert. Seine stattliche Schlankheit war zu einem schlaffen Embonpoint geworden, das Gesicht etwas gedunsen, und die Augenlider hingen schwer über den leicht geröteten blaßblauen Augen.

»Kommt – kommt,« sagte der Oberförster. »Ihr seid alle Kinder gegen euren alten fünfundsiebzigjährigen Vater ...« Er murmelte gerührt etwas Unverständliches, und ging ihnen in das alte Wohnzimmer voran, in dem noch jeder Stuhl wie vor sieben Jahren stand.

Maggie fing plötzlich an zu weinen. Seckersdorf wollte mit seiner dicken Hand über ihre Schulter streichen, aber er sah ins andere Zimmer und griff ins Leere.

»Und Gertrud?« fragte Maggie.

Der Oberförster sah nach der Uhr.

»Werden gleich da sein.«

»Wie sieht sie aus? Wie leben sie denn eigentlich? Der Auklapper erzählte gestern auf dem Bahnhof, daß sie so fromm geworden ist.«

Der Oberförster und Fräulein Perl erzählten durcheinander.

Sie war immer noch die Schönste; alle hatten das gesagt, neulich, als das große Provinzfest beim Oberpräsidenten gewesen war, und die Kaiserin hatte sich lange mit ihr unterhalten ... Und Kurowski, na, der war nach wie vor ein toller Heiland, aber er hatte einen Heidenrespekt vor seiner Frau. Wahrscheinlich von damals her, wo sie ihm endlich den Standpunkt klargemacht hatte. Und dann war sie ja auch so mit der Zeit tüchtig geworden, wie keine andere im ganzen Kreise, und das sah Kurowski wohl ein. Ein bißchen viel gesungen und gebetet wurde ja in Laukischken, aber natürlich im Dorf, und das schadete keinem; denn die Laukischker Leute wären wohl die besten in der ganzen polnischen Gegend da.

»Bei uns zu Hause war das auch so,« bemerkte Seckersdorf in Gedanken. »Meine Mutter hielt sehr darauf, daß die Leute kirchlich waren. Und eigentlich gehört sich das auch –«

Maggie lachte hell auf. Und erschrocken hielt er plötzlich inne.

Ein Wagen fuhr vor. Ein beklommenes Schweigen entstand. Dann gingen die beiden Alten hinaus. Seckersdorfs traten ans Fenster.

Maggie verschlang die Aussteigenden fast mit den Augen, während Seckersdorf rot und kurz atmend zur Tür ging.

Kurowski schien ziemlich derselbe. Etwas grau und fahl geworden, aber ebenso energisch in den Bewegungen, ebenso selbstbewußt, und ebenso überlegen ironisch. Aber Gertrud! Etwas voller, aber immer noch schlank, eine reife, blühende Frau und doch mädchenhaft anmutig, vornehm und liebreizend, eine andere, als vor sieben Jahren, aber eine bessere, eine höhere.

Maggie empfand das beim ersten Blick. Das Herz preßte sich ihr zusammen. Zugleich durchfuhr es sie wie ein Stich. Die Worte ihres Mannes an jenem Abend kamen ihr ins Gedächtnis: »Das liebe, weißblonde Köpfchen – das siehst du nie mehr darunter ...«

Und nun trat Gertrud ein. Mit einfacher Herzlichkeit, aber ohne Rührung ging sie ihrer Schwester entgegen. Ihre klaren Augen und ihre ausgestreckte Hand sagten mehr als Worte.

Maggie war ganz blaß geworden.

»Vor keinem Menschen auf der Welt, Gertrud, wird es mir so schwer –« begann sie, die Anwesenheit der anderen vergessend, leise mit zitternder Stimme.

Gertrud zog sie an sich.

Da brach Maggie in ein fassungsloses Schluchzen aus.

»Maggie ... Kind ...« sagte Gertrud und streichelte das rotgefärbte Haar, das wirr den Kopf umbauschte.

Maggie machte sich los und strich sich mit bebenden Händen über das heiße Gesicht.

»Ich bin nervös geworden,« sagte sie mit ihrer etwas heiser klingenden Stimme und einem unsicheren Versuch, zu lachen. »Und du? Laß dich anschauen ...«

Gertrud runzelte ein wenig die Stirn, aber sie sah nach Seckersdorf und lächelte.

»Wir haben uns noch gar nicht begrüßt,« sagte sie, ihm die Hand gebend.

Ehrfurchtsvoll, tief sich verbeugend, küßte er ihr die Hand.

Gertrud trat schweigend zurück.

»Na, wenn denn alles so weit in Ordnung wäre,« sagte der Oberförster erleichtert, »könnten wir ja wohl auch zu Tische gehen, nicht wahr?«

Das war ein merkwürdiges Mittagessen.

Man sprach viel, auch über wichtige Dinge, wie die Übersiedlung der Seckersdorfs nach Romitten, die schon beschlossene Sache war. »Auf Maggies Wunsch!« sagte ihr Mann, da sie sich in die sächsischen Verhältnisse nie hätte einleben können. Weil man sie beständig ihre bürgerliche Geburt hätte empfinden lassen, meinte Maggie mit bösem Stirnrunzeln – »die Damen wenigstens.« Man erörterte auch, ob der Oberförster und Fräulein Perl mit hinüberziehen sollten. Seckersdorfs wünschten es, und die beiden Alten sträubten sich nur noch der Form wegen. Und so ging das Gespräch lebhaft und doch ohne eigentliche Wärme weiter.

Während über die Zukunft geredet wurde, lag doch jeder im Bann der Vergangenheit, und über dem Plänemachen maß sich einer am andern.

Schließlich verstummte das Gespräch.

»Und Sie, gnädige Frau?« begann da Seckersdorf stockend, gegen Gertrud gewendet, das erstemal, daß er sie direkt anredete.

»Ach was, – gnädige Frau,« unterbrach ihn der Oberförster ... »wenn ich auch zu alt bin, um mit aller Welt Brüderschaft zu machen, unter euch Jungen ist solche Steifheit doch die reine Unnatur. Ihr könnt euch ruhig 'du' nennen.«

Einen Augenblick schwieg alles. Gertrud und Maggies Augen trafen sich mit ernstem, fragendem Blick, Seckersdorfs Gesicht zeigte einen entschiedenen Protest, nur Kurowski lachte sichtlich amüsiert auf und sagte:

»Papachen, Sie sind unternehmend ... aber ... einverstanden.« Und den Blick voll funkelnden Hohnes hob er sein Glas gegen Seckersdorf.

Über Gertruds schönes, ernstes Gesicht flog ein leises Zittern.

»Ich glaube doch, wir lassen uns Zeit damit,« sagte sie. »Wir unter uns wissen ja, daß wir sehr viele Mühe haben werden, uns miteinander einzuleben, nicht wahr? Wir haben alle den guten Willen, sicherlich ... aber ...«

»Meine Frau will also einfach nicht,« fiel Kurowski ihr etwas lärmend ins Wort. »Was sagen Sie zu ihr, Schwager? Und Sie, Maggie? Wir werden uns also die Sache überlegen, und in einiger Zeit wieder bei Euer Gnaden anfragen.«

Seine halb spöttischen Worte begleitete ein zufriedener Blick. Gertrud bemerkte ihn nicht, ebensowenig wie den dankbaren und bewundernden Seckersdorfs und den erschreckten und erstaunten ihrer Schwester. Sie sah still zu Boden.

»Die Gertrud ist jetzt immer so,« sagte der Oberförster mit dem klagenden Ton alter Leute, denen etwas nicht nach Wunsch geht. »Weiß Gott, wie das über sie gekommen ist. Früher –«

»Ja, setzen Sie ihr nur den Kopf zurecht, Papa, mir regiert sie manchmal auch ein bißchen viel,« meinte Kurowski. Gertrud sah ihn befremdet an, aber er lachte.

»Das heißt, wenn man ein Bummelante ist, wie ich, hat es schon seine guten Seiten, im Hause eine zu wissen, die die Augen offen hält ... was, Seckersdorf? Sie scheinen mir auch gerade nicht solider geworden als Ehemann. Und Frau Maggie ...«

»Ich habe gar keine Neigung zum Wachtmeister,« sagte die schnell. »Ich bin überhaupt weder Hausfrau noch Mutter ... Ja, Gertrud! Die Jungen hast du also im Korps? Und deine beiden Mädchen, die kenn' ich ja noch nicht. Wie alt ist jetzt die kleinste?«

Gertrud gab Auskunft und lächelte ganz unbefangen, als ihr Mann erklärte, es gehöre eigentlich zu den notwendigen Requisiten des Lebens, immer ein dreijähriges Gör um sich zu haben.

Und dann stand man auf. Der Oberförster mußte ruhen. Der Wein war ihm etwas zu Kopf gestiegen. Er war gerührt, umarmte seine Töchter mehrmals, und nannte Gertrud mit dem Namen seiner verstorbenen Frau »Ellinor«.

Fräulein Perl geleitete ihn. Kurowski nahm Seckersdorf unter den Arm und forderte ihn zur Zigarre und einem kleinen Rundgang auf.

Die Schwestern blieben allein, in demselben Zimmer, in dem Gertrud an jenem Herbstabend bitterlich klagend an Maggies Brust gelegen, demselben, in dem sie sich Seckersdorf in die Arme geworfen hatte.

Jetzt, in Maggies Gegenwart, flackerte die lang überwundene Bitterkeit mit einer müden kleinen Flamme wieder in ihr auf, und als Maggie mit halb ersticktem Schrei ausrief: »Trude ... Trude ... was ist aus dem Leben geworden?«, antwortete sie unwillkürlich: »Die Strafe für das, was wir verfehlt haben.« Aber dann besann sie sich gleich und trat zu der Schwester, die mit brennenden Augen zum Fenster hinausstarrte.

»Eigentlich ist das ja Unsinn,« sagte sie mit der alten, lieben Stimme, und drückte den Kopf Maggies an ihre Brust. »Man kommt schon wieder in die Höhe, auch wenn man etwas versehen hat, sobald man nur entschlossen ist, alles zu tun, was die Pflicht von einem fordert. Leicht ist das nicht, aber ich hab' es vermocht. Und du, Maggie?«

»Nein, nein, nein,« sagte Maggie heftig. »Man kommt nicht mehr in die Höhe, wenn man – Gertrud, ich hab' dich nutzlos betrogen, bin selbst am Glück vorbeigetaumelt. Er hat dich nie vergessen – und ich – Lieber Gott, ich bin mutlos zu allem anderen geworden, weil ich nicht einmal das in ihm habe überwinden können.«

»Und du liebst ihn?« fragte Gertrud zögernd.

Maggie schüttelte den Kopf.

»Ich liebe ihn nicht. Ich habe niemand lieb, wenn ich es auch manchmal möchte und oft geradezu danach suche. Aber dann, Gertrud, kommt die schreckliche Kälte in mir, und hinter allem lauert diese gräßliche Frage: Wozu?«

Sie schwiegen beide eine Weile.

»Komm, Maggie,« sagte Gertrud dann. »Wir wollen hinaus, es ist so bedrückt hier. Komm in den Buchengang.«

Und sie gingen hinaus. Es war ein holdseliger Frühherbsttag. Warme, bläuliche Dünste hoben sich von den Fichten und verschwebten duftend. Die Stoppelfelder, die durch den Waldeinschnitt sahen, lagen ausgedient und ruhend in funkelnden gelben Streifen und Ecken da. Von den abgemähten Wiesen zog ein herber Feldkräutergeruch aus, und aus den Waldwegen quoll ein prickelnder, herbstlicher Atem.

»Solch schöner Herbst,« sagte Gertrud in Gedanken.

Maggie blieb stehen und umfaßte mit beiden Händen den Arm ihrer Schwester.

»Für dich, Trude, – für dich,« sagte sie beklommen. Und ihre Augen wurden naß.

Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise ansonsten aber wie im Original belassen. Die korrigierten Stellen sind im Text mit einer roten Linie gekennzeichnet, der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.

Folgende Zeilen waren im Original vertauscht, richtig ist 3-2-1-4:

das sich lohnt, und nun wollen sie es einem

Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Geschäft,

euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine

verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin

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