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Am Glück vorbei

Front matter (continued 2)

Reading edition

Maggie riß das Fenster auf und atmete tief die kühle, klare Luft ein, die mit einem ganzen Strom von Frische ins Zimmer drang.

Gertrud fröstelte und trat zurück.

»Siehst du!« höhnte Maggie. »Nicht einmal einen Luftzug kannst du vertragen. Du bist ein verzärteltes Ding. Geistig ist das ebenso. Dich mit den Verhältnissen in Einklang bringen, kannst du nicht ... Und kämpfen kannst du nicht ... Aber ich kann ... und ich will ... Ich sage dir jetzt also frei heraus, ich werde mir Mühe geben, Seckersdorf dir abwendig zu machen, ich werde ihn zu sprechen versuchen, wo ich kann, ich werde alles tun, um ihm zu gefallen, und alles, damit ich seine Frau werde.«

Gertrud sah sie blaß und traurig an. »Tu's!« antwortete sie leise. »In dem einen hast du recht, daß ich vielleicht nicht gut genug für ihn bin ... Und kämpfen um seine Liebe – nein, das kann ich nicht! Ich kann nur warten. Aber das tue ich auch in festem Vertrauen auf ihn ... Nachdem du mir seine Worte ausgerichtet hast ...«

»Warte du lieber nicht, Trude,« sagte Maggie weicher. »Laß uns beide ehrlich kämpfen. Schreib' ihm, triff ihn, zeig' ihm daß du ihm gut bist, – und ich will dennoch versuchen, ihn zu bekommen.«

»Quäle uns nicht weiter mit solchen Gedanken,« bat Gertrud. »Du weißt ja gar nicht, was du sprichst. Sei vernünftig und gut.«

»... und laß mir Seckersdorf!« spottete Maggie. »Nein, ich will nicht. Und sobald ich Gelegenheit habe, werde ich für mich tätig sein. Über Lebensauffassungen kann ich mit dir nicht streiten. Aber ich weiß sehr wohl, was ich sage, was ich will. Und wir werden ja sehen, wer zuletzt lacht.«

Gertrud wollte etwas erwidern, aber sie bekam kein Wort über die Lippen. Da stand Maggie, ihre geliebte Schwester, hochrot, und sah sie böse und kalt an.

Sie kam sich mit einem Male wieder so schwach, so unbedeutend und überflüssig vor, als ob ihr Mann da vor ihr stände und höhnisch zu ihr herüberspräche. Aber dann atmete sie auf. Gott sei Dank, Hans Seckersdorf war ja da – und hatte sie lieb.

»Wenn du das alles ernst meinst, Maggie, wird's mit unserer Freundschaft wohl aus sein!« sagte sie mutig. »Tue, was du willst. Schön ist's nicht, was du vorhast, und – ich glaube, vergeblich.« Sie ging nach der Tür. Da fiel ihr noch etwas ein. »Und ich verbiete dir, Maggie, mit Hans über mich zu sprechen!« setzte sie hinzu und ging hinaus.

Dann aber verlor sie ihre Fassung. Alle traurigen und bitteren Gedanken, die aus ihrer falschen Lage sich emporrangen, schwankten in ihr durcheinander. Und durch all das Schmerzliche, das sie in ihnen durchkostete, drängte sich noch beängstigend, verwirrend die Frage: Muß ich wirklich etwas tun, um mir Hans zu erringen, und was soll ich nur anfangen? Ihr wurde bange, wenn sie an Maggies Frische, ihre Klugheit und Anmut dachte. Aber selbst einen ersten Schritt tun, um Hans zu bestimmen? Nein, dreistes Entgegenkommen war in ihrem Falle Verbrechen. Sie konnte nur harren, ob er sie liebte, wie sie es glaubte. Gefühl und Sitte verlangten es. Und Gertrud gehorchte.

In all ihr Grübeln, Verzagen und Hoffen traf unerwartet ein Brief ihres Mannes. Ironisch freundlich, wie man mit Kindern zu sprechen pflegt, in dem Ton, den er ihr gegenüber brauchte, wenn er gut gelaunt war, forderte er sie auf, nach Nizza zu kommen, mit den Kindern und Bedienung. Es wäre dort schön, und er hätte sich's vorgenommen, ihr endlich ihre Launen abzugewöhnen.

Da wußte sie, zum ersten Male fast im Leben, was sie zu tun hatte. Sie sprach mit niemand über den Brief und beantwortete ihn auf der Stelle. Kühl und ruhig setzte sie ihrem Manne auseinander, daß und warum sie eine Trennung wünschte, und sagte ihm, daß sie nach seinem Benehmen gegen sie bestimmt annähme, er würde ihr nichts in den Weg legen. Nach Nizza käme sie selbstverständlich nicht. Ob sie bei ihrem Vater bliebe, wüßte sie auch noch nicht, würde es ihm aber in nächster Zeit mitteilen können.

Damit war der Kampf eingeleitet.

In dem Gefühl, sich von den Ihren durch diesen selbständigen und von ihnen sicher nicht gebilligten Schritt innerlich geschieden zu haben, zog sich Gertrud nun täglich mehr von ihnen zurück. Es wurde ihr leicht, da der Oberförster viel unterwegs war und Maggie ihr selbst aus dem Wege ging. Es war ihr nun ganz klar, daß die Schwester nicht in einer bösen, sonderbaren Laune zu ihr gesprochen hatte, sondern daß sie imstande sein würde, ernstlich als ihre Feindin zu handeln.

Und so sah sie ihre Stellung im Vaterhause unhaltbar werden, fühlte, daß man sie, die einst so geliebte und verwöhnte Tochter, nicht mehr gern dort sah, und begriff, daß sie über kurz oder lang mit ihren Kindern einen anderen Platz würde suchen müssen.

Natürlich zitterte sie vor dem entscheidenden Schritt, ängstigte sie sich vor den unsicheren Verhältnissen, denen sie, im Besitz so geringer Mittel, entgegenging. Aber es schien ihr doch alles nicht mehr so unmöglich, auch ohne die Hilfe des Vaters. Durfte sie doch hoffen, jenseits des alten Lebens die starke Hand zu finden, die nie wieder sie lassen wollte.

Maggie wurde inzwischen immer fester in ihrem Entschluß. Oft fragte sie sich: »Bin ich denn eigentlich verliebt in Seckersdorf?« und zuckte ebenso oft die Achseln über diese Frage.

Er gefiel ihr – natürlich. Er war eine männlich kraftvolle Erscheinung und brachte, trotz seiner einfachen Art, einen Hauch der großen Welt mit sich. Er wurde einmal sehr reich. Sein Onkel, der ihn bereits rechtsgültig adoptiert hatte, besaß außer Romitten mit seinen vier Vorwerken noch große Güter in Sachsen, von deren Ertragsfähigkeit man Wunder erzählte; er war Kammerherr und hatte verwandtschaftliche Beziehungen in den höchsten Kreisen, die natürlich dem Adoptivsohn auch zugute kamen. Welche Aussichten also für sie, die einfach bürgerliche Oberförsterstochter aus Ostpreußen! Eine Chance, von der sie sich nie hatte träumen lassen.

Daß Gertrud ihr ernstlich im Wege stand, unterschätzte sie durchaus nicht. Aber sie sagte sich: Wenn einmal ein Mensch heutzutage, wo so viel vom Willen und Sichdurchsetzen geredet und so wenig gehandelt wird, wirklich ernsthaft, unbedenklich und energisch auf sein Ziel losgeht, muß er es erreichen. Im Grunde war ja alles ringsum schwächlich, bequem oder sentimental. Wer das geschickt zu benutzen verstand, mußte gewinnen.

Sie machte sich ganze Szenen mit Seckersdorf zurecht. Sie ließ ihn so oder so sprechen und erwiderte, wie sie es mußte, wenn sie Gertrud in den Schatten und sich selbst in den Vordergrund bringen wollte. Sie überlegte sich alles bis aufs kleinste, was sie zu tun und zu lassen hatte, um Seckersdorf aus seiner alten Neigung für Gertrud in eine neue Leidenschaft für sie selbst hinüberzulocken. Aber zunächst mußte sie ihn treffen, und sie machte schon Pläne, das in die Wege zu leiten, als das Glück ihr zu Hilfe kam.

Der Oberförster hatte nach längerem Überlegen die offizielle Verwaltung der Romitter Forsten abgelehnt, dagegen für die Aufforstung der verwahrlosten Schläge einen ehemaligen tüchtigen Revierförster empfohlen, der durch ein Disziplinarvergehen brotlos geworden war, seine Sache aber sehr gut verstand. Dem konnte er ab und zu Anweisungen geben und bei Gelegenheit selbst freundschaftlich nach dem Rechten sehen.

Soweit das Wetter es zugelassen hatte, war nun geschlagen und gerodet worden und alles im besten Zuge. Da erkrankte der Verwalter und die gedungenen Taglöhner standen, ohne Ahnung, was weiter tun, da. Seckersdorf schickte einen reitenden Boten und bat um Rat. Das Wetter war klar, ein weicher Wind deutete auf noch länger anhaltende Milde, und die Arbeitszeit mußte wahrgenommen werden.

»Wie wär's, Maggie?« fragte der Oberförster, dem noch am Frühstückstisch der Romitter Brief überbracht wurde. »Hältst du mit? Ich möchte am liebsten heute hin; aber wir marschieren hin und zurück stramm unsere zwanzig Kilometer!«

»Natürlich, Papa, wie immer,« sagte Maggie und streifte Gertrud, die blaß und aufgeregt ihr gegenüber saß, mit einem triumphierenden Blick.

Der Oberförster lächelte verschmitzt und streichelte aufstehend Gertruds Haar. »Ja, das ist eine fesche Margell, die Maggie, – so was konntest du nie.«

»Nein,« antwortete Gertrud, und ihr Blick wurde dunkel, »das konnte ich nie.«

Mit großen, bittenden, fordernden Augen sah sie Maggie an. Aber die achtete nicht darauf. Gertrud hätte aufschreien mögen: »Nehmt mich mit!« Eine heiße Angst preßte ihr Herz zusammen.

»Wir wollen doch sofort den Boten abfertigen, Papa,« sagte Maggie, »damit wir Seckersdorf rechtzeitig an Ort und Stelle finden. Ich werde selbst ein paar Worte schreiben.«

»Du, Mädel, verhau' dich nicht!« warnte der Vater erstaunt. »Briefe schreiben ...«

»Ich tu's ja in deinem Namen, Papa,« widersprach Maggie, setzte sich an das alte Zylinderbureau und warf ein paar Zeilen auf einen dort liegenden Briefbogen.

Gertrud sah mit brennenden Augen zu.

Als sie gingen, nickte Maggie ihr nur ganz flüchtig zu, und der Vater reichte ihr kaum die Hand. Wie war das vor drei Wochen anders gewesen, und wie hatte es so kommen können?

Angstvoll und gedemütigt sah sie den beiden nach, wie sie in den Waldweg einbogen. Maggies klare, laute Stimme schallte deutlich zu ihr herüber, und sie glaubte den geliebten Namen zu verstehen.

»Ich will nicht daran denken!« nahm sie sich vor und trocknete sich die feuchte Stirn. »Wenn sie wüßte, wie sie mich quält! Und nützen wird es ihr doch nichts. Er ist Schöneren und Besseren in der Welt begegnet, die langen acht Jahre hindurch, und ist mir doch gut geblieben.«

Damit tröstete sie sich und ging an ihre täglichen Beschäftigungen.

Der Oberförster und Maggie kamen unterdessen tüchtig vorwärts.

Es war ein Vergnügen, so zu wandern. Der November schien sich in einen Frühlingsmonat verwandelt zu haben. Ein weicher bläulicher Duft umschmiegte die Baumwipfel, die Sonne warf hier und da einen warmen, rötlichen Schein durch das graue Gewölk, Haubenlerchen trieben sich in den Wagengleisen zwitschernd umher, und in der Luft tummelten sich Krähen in dichten Scharen.

Der Oberförster pfiff den Dessauer Marsch. Er war gut gelaunt.

»Und nun sag' mal, Maggie,« fing er nach einem längeren Schweigen an, »was machen wir mit der Gertrud?«

»Ja, Papa,« erwiderte Maggie zögernd, »ich wollte längst mit dir darüber reden. Ich sprech es nicht gern aus, aber es ist doch wohl besser, ich tu's ... Die Gertrud hat sich den Seckersdorf in den Kopf gesetzt.«

Hagedorn machte große Augen. »Da soll doch der Teufel ... I da soll doch –«

»Ja, und weißt du, Papa, ich bin mit Schuld daran,« fuhr Maggie schnell fort. »Sie tat mir so furchtbar leid, und Seckersdorf schien sich auch für sie zu interessieren. Da hab' ich selbst ihr zugeredet, und nun ...«

Der Oberförster fuhr empört auf. »Zum Teufel, da seid ihr ja beide ... Weißt du, daß das dumm und niederträchtig ist, was du getan hast?«

Maggie stand unter dem Eindruck, als hole sie sich durch ihre Offenherzigkeit zum Vater Freisprechung für ihr Benehmen gegen Gertrud.

»Ja, Papa, du wirst schon recht haben ... Aber jetzt, jetzt ist das alles anders geworden –«

»Jetzt willst du den Seckersdorf selbst haben! Lüge nicht ... Nun seid ihr beide hinter ihm her! Ohrfeigen könnte ich dich. Die Gertrud wird sofort nach Laukischken geschickt, und an Kurowski werd' ich schreiben ... Da soll mir doch einer ... das soll in meinem Hause passieren ... meine Töchter ...«

»Papa, ereifere dich nicht,« sagte Maggie kalt, »damit änderst du doch nichts.«

»Oho ... die Geschichte ist mir jetzt ganz klar,« rief der Oberförster und lief wütend weiter. »Du bist ja eine Gerissene ... Du hast dich mit dem Seckersdorf so pani braci gestellt, ihn sozusagen mit der Gertrud geködert.«

»Nein, Papa, das ist mir erst seit der Waldlacker Gesellschaft eingefallen, daß ich mir selbst doch eigentlich die Nächste bin.«

Und sie setzte ihm auseinander, wie alles gekommen war. Wie sie zuerst durch Gertruds Zärtlichkeit für ihre Kinder stutzig geworden sei, wie sie allmählich dann auch an die anderen Schwierigkeiten bei einer Scheidung gedacht habe, und wie wenig Gertrud dem allem gewachsen sei; und schließlich wären dann auch ihre vierundzwanzig Jahre und ihre eigene Zukunft in Betracht gekommen. Kurz, sie sagte alles, wie es sich in der Tat verhielt; nur die unehrlichen Seiten der ganzen Sache, die überging sie möglichst, und von ihrer Schuld gegen die Schwester sprach sie überhaupt nicht.

Der Oberförster war fassungslos. Er hatte den Gedanken an eine Trennung Gertruds und Kurowskis, seit im Hause nicht mehr die Rede davon war, ganz von sich geschoben. Die Leutchen hatten sich eben gezankt, das kam vor, die Gertrud war einmal energisch aufgetreten, das konnte ihr, dem Manne gegenüber, nur nützen, und die Sache würde sich schon einrenken, sobald der Kurowski erst nach Hause kam. Manchmal war's ihm ja durch den Kopf gegangen, daß Gertruds wegen möglicherweise die Partie zwischen Maggie und Seckersdorf nicht zustande kommen könnte; daß Gertrud aber an Seckersdorf festhielt, hatte er nicht geahnt.

Er überhäufte Maggie mit Vorwürfen. Er fand es schamlos, daß sie unter solchen Verhältnissen sich Hoffnungen machte. Sie hätte abzuwarten, ob Seckersdorf kommen würde, wenn Gertrud abgereist wäre. Und daß das auf der Stelle geschähe, sollte seine erste Sorge sein.

Maggie ließ den Vater sich ruhig ausschelten und setzte ihm dann auseinander, was sie sich überlegt hatte.

Kurowski mußte wiederkommen, aber der Weg zu Gertrud sollte ihm nicht allzu leicht gemacht werden. Er würde ja ohnedies einer Scheidung abgeneigt sein, der Jungen wegen, an denen er hing, und auch weil Gertrud die bequemste Frau für ihn war.

Der Oberförster brauste wieder auf, daß er sich auf derartige Hinterhältigkeiten gar nicht einließe. Frau wäre Frau und bliebe es; er dulde keinen Skandal und wolle der Gertrud das klarmachen, sobald er sie sähe.

»Tu' das nicht, Papa,« sagte Maggie, »sonst verfährst du die ganze Sache. Wenn Gertrud und Seckersdorf sich trotzdem einigen, ist alles umsonst, was wir unternehmen. Es kommt darauf an, ihr wie ihm jede Aussicht abzuschneiden. Und deshalb bin ich heute mitgekommen, – nicht meinetwegen.«

Der Oberförster sah sie groß an und wußte in seinem Staunen über ihre kühle Berechnung nichts zu sagen.

»Sieh, Papa,« fuhr Maggie fort. »Ich bin eigentlich viel zu aufrichtig. Schließlich kann ich ja nicht wissen, ob's mir mit Seckersdorf glückt ...«

»Sprich nicht so frech!« fuhr der Oberförster auf.

Maggie sah ihn fest an. »Bitte, warum nicht aussprechen, was man empfindet? Hätte Gertrud damals den Mut der Offenheit gehabt, wäre sie nicht in ihr Unglück gerannt.«

Der Oberförster wußte nicht, was er mit seiner Tochter anfangen sollte. Im Grunde hatte sie recht, und die beste Lösung wäre es, wenn ihr Plan ihr gelänge und sie sich Seckersdorf gewann; aber daß sie ihn in die Intrige verwickelte, ihn gewissermaßen zum Mitschuldigen gegen Gertrud machte, obgleich diese ihm ja genug Kopfschmerzen verursachte, das empörte ihn, und die Bewunderung für das kaltblütige, zielbewußte Vorgehen Maggies hinderte nicht, daß er sie für ein herzloses, unleidliches Geschöpf ansah. Also mochte sie ihre eigenen Wege gehen, ihn aber aus dem Spiele lassen.

»Kein Wort will ich weiter hören – kein Wort!« schalt er. »Und heute kommst du zum letzten Male mit und triffst auf diese Art den Seckersdorf überhaupt nicht mehr. Ich bin ein ehrlicher Mann, freue mich, wenn ich meine Töchter gut versorgt weiß; aber so mit List einen Menschen einfangen, der für die eigene Schwester schwärmt, pfui! Und die Gertrud – eine verheiratete Frau! Das kommt eben davon, daß ihr ohne Mutter aufgewachsen seid.«

Maggie ließ ihn weiter reden und dachte sich ihren Teil. Sie wußte, wenn er sich die erste notwendige Empörung vom Herzen gesprochen hätte, würde er sich die Sache überlegen und schließlich sehr froh sein, wenn zunächst die Kurowskische Eheangelegenheit eingerenkt wäre.

Seckersdorf fanden sie mit einem kleinen Jagdwagen am Treffpunkt vor. Sein ehrliches Gesicht strahlte, als er Maggie sah. Sie aber hatte eine widrige Empfindung, fast wie Abneigung, als sie ihm die Hand gab und dabei dachte: »Diese Freude gilt der Erwartung, von Gertrud zu hören.«

Es schien nun wirklich, als ob ihr Vater sie an einer Aussprache mit Seckersdorf hindern wollte Er bemächtigte sich seiner ausschließlich, gab ihm Anweisungen, als sollte jener selbst die Aufsicht übernehmen, und was das Schlimmste war, Seckersdorf hörte mit vollster Aufmerksamkeit zu, fragte, ließ sich belehren und sprach selbst so anhaltend zu den Leuten, daß sie schließlich eine ungeduldige Bemerkung über seinen Eifer machte.

Er wandte sich um. »Entschuldigen Sie mich,« bat er. »Ich bin Landmann mit Leib und Seele und kann in Sachsen verwerten, was ich hier lerne. Wir haben auf Isenburg ganz ähnliche Forstverhältnisse.«

»Sie gehen wieder zurück?« fragte sie, froh, ein Gespräch anknüpfen zu können.

»Wahrscheinlich.«

Der Oberförster rief ihn, ehe er etwas hinzufügen konnte, von neuem an. Er hatte an einem der wenigen geschlagenen Stämme ein fremdes Forstzeichen bemerkt und fragte nach dessen Bedeutung.

Seckersdorf wußte sie nicht. Der Oberförster sprach Vermutungen darüber aus, warnte vor Holzdieben, die in der Gegend ein freches Wesen trieben; und darüber ereiferten sich beide Männer so, daß Maggie niedergeschlagen hinter ihnen herging und ihren heutigen Versuch als verfehlt zu betrachten begann.

Dabei steigerte sich aber der Wunsch, sich zur Geltung zu bringen, zugleich mit dem Abneigungsgefühl gegen Seckersdorf, der ihr diese Absicht so erschwerte. Und als ihr Vater ihr einmal, aus dem Gespräch heraus, an dem sie nicht teilnehmen konnte, einen listig triumphierenden Blick zuwarf, kochte eine jähe Wut gegen ihn, Seckersdorf und Gertrud in ihr auf. Aber dann wurde sie wieder ganz kalt. »Nun gerade!« sagte sie sich, und wartete zornig und geduldig zugleich.

Und ihre Stunde kam.

Das Wetter änderte sich plötzlich. Der Wind schien die schweren Wolken, die massig und unbeweglich über dem Wald gestanden hatten, mit einemal niederzudrücken. Sie fielen als dichter, fast tropfender Nebel nieder, der sich jeden Augenblick mehr zusammenzog und in kürzester Zeit ein tüchtiger Landregen werden mußte.

Der Oberförster, der sich auf seine Wetterkunde viel einbildete, war außer sich. Zwei Tage noch hätte sich das Wetter halten müssen, und nun äffte es ihn auf solche Weise. »Wenn ich allein wäre, wollte ich übrigens nicht viel davon reden,« sagte er schließlich. »Aber das kommt davon, wenn man ein schwacher Vater ist.«

Maggie lachte. »Mir macht doch das bißchen Regen nichts, und mein Lodenkleid ist auch daran gewöhnt.«

»Aber meine Herrschaften, mein Wagen ist ja da ... Ich fahre Sie natürlich nach Hause!« sagte Seckersdorf, halb verlegen, halb froh.

Er wechselte mit Maggie einen Blick.

Sie sah ihn erstaunt und vorwurfsvoll an; denn es war wider ihre Abrede, daß er in das Haus des Vaters kam. Er schien ihr jedoch zu antworten: »Aber das ist ja force majeure, siehst du das denn nicht ein?«

Der Oberförster verstand beide. »Nein, lieber Freund, das nehm' ich nicht an,« sagte er. »Fünf Meilen in einer Tour ist zu viel für Ihre Gäule!«

Seckersdorf stutzte. In einer Fahrt? Das war ja eine offenbare Ablehnung seines Aufenthaltes im Hause, jedes Verkehrs mit ihm. Er verbeugte sich also und machte ein höflich leeres Gesicht, aus dem doch die mühsam bezwungene Enttäuschung hervorguckte.

Der große Junge! dachte Maggie ärgerlich.

»Ich will Ihnen aber einen anderen Vorschlag machen, Nachbar,« fuhr der Alte fort, durch das sekundenlange Schweigen in seinem Vorsatz bestärkt. »Zu Ihnen haben wir knappe zehn Kilometer. Nehmen Sie mich und mein Mädel einfach mit nach Romitten, geben uns einen Teller Suppe, und schicken uns mit den Kutschierpferden oder den Schimmeln nach Hause. Einverstanden?«

»Mit tausend Freuden,« rief Seckersdorf erleichtert aufatmend. »Wenn Sie, und vor allem das gnädige Fräulein, in meinem Junggesellenhaushalt vorliebnehmen?«

Auch Maggie empfand diese Lösung als eine glückliche und freute sich auf das Abenteuer; denn etwas Ähnliches wäre es doch. Während sie einstiegen, sagte sie ihm halblaut: »Papa hatte recht, Sie durften nicht mit!« Dann nahm sie mit dem Vater auf dem Vordersitz Platz, während er vom Kutschersitz her die Zügel führte.

Man fuhr schweigend aus dem Wald heraus, über die langweilige, von Ebereschen eingefaßte Chaussee. Der Regen zog sich wie in Wellen über die Felder zu beiden Seiten, der Wind war still geworden, und kein lebendes Wesen zeigte sich.

Der Oberförster hatte sich frierend in seinen grauen Regenrock gewickelt. Maggie saß gerade und steif auf ihrem Platz, auch schweigend. Nur einmal erkundigte sie sich nach den Grenzen von Romitten, und als sie erreicht waren, kam eine Art Polykratesgefühl über sie. »Das alles ist mir untertänig.« Und besonders amüsierte sie, daß der, dem in Wirklichkeit Feld und Flur einmal gehören sollten, gar nicht ahnte, daß sie in Gedanken mit ihm teilte, daß sie mit dem festen Willen in sein künftiges Besitztum einfuhr: »Hier werde ich in kurzem wohnen, wenn ich es nicht vorziehe, die 'Welt' zu sehen.«

Wie ein Rausch kam es über sie. Ein wilder, energischer Siegerwille brauste durch ihre Gedanken und gab ihrer Erscheinung einen starken, neuen Reiz.

Als sie vom Wagen sprang, ehe noch Seckersdorf ihr helfen konnte, großen, forschenden Blickes das graue Haus musterte, mit einem Lachen, aus dem ein verhaltenes Jauchzen klang, die Kappe ihrer Jacke vom Kopfe schob und von der Schwelle der Tür, die man bei dem hastigen und lautlosen Vorfahren noch nicht geöffnet hatte, den beiden Herren ein übermütiges »Willkommen!« zurief, da fuhr Seckersdorf zurück vor der prachtvollen, kraftatmenden Erscheinung des Mädchens, das ihm mit der ganzen ursprünglichen Frische der Jugend und Hoffnung entgegenlachte.

Dann verlief alles regelrecht und programmäßig. Diener und Hausmädchen versorgten sie tadellos. Maggie wurde aus der großen Treppenhalle, in der eine Bank aus altertümlichem Holzrat mit einem riesigen Bärenfell davor, alte verrostete Kürasse und Waffen und eine Menge vertrockneter Erntekronen ihr ins Auge fielen, in ein altväterisch behagliches, molliges Zimmerchen geführt, in dem alles darauf hindeutete, daß es zum ausschließlichen Gebrauch für Damen bestimmt war.

»Es ist noch von früher her so,« bemerkte das junge adrette Dienstmädchen, »und der gnädige Herr hat es wieder in Ordnung schaffen lassen, damit, wenn Damen kommen, die ihren Platz haben.«

Maggie nickte. Sie hätte für ihr Leben gern gefragt, welche Damen den Junggesellen Seckersdorf besuchten, aber das widersprach ihren Lebensgewohnheiten doch so sehr, daß sie schwieg und mit dem Mädchen nun in der herablassend freundlichen, sicheren Weise verkehrte, die den Leuten so sehr an ihr imponierte.

Frisch frisiert und zurechtgemacht, ging sie unter der Führung des Mädchens in das Eßzimmer. Von der Halle aus gelangte man unmittelbar hinein. Es füllte einen ganzen Anbau, hatte hohe Holztäfelung und ehrwürdigen, unbequemen, aber vornehmen Hausrat; man sah ihm an, daß er von Generationen benutzt worden war. Fremdartiges, uraltes Tafelgeschirr bedeckte auch den kleinen, am Mittelfenster hergerichteten Eßtisch; es stand auf gelblich weißem, feinsten Damast, dessen tiefe Bruchfalten zeigten, daß es lange im Wäscheschrank geruht hatte. Die altertümlichen Gläser mit dicken Füßen trugen eine Krone und zwei verschnörkelte Buchstaben.

Maggie sah das alles mit fast gierigen Blicken. Romitten war ein ehemaliges Majorat, das schon vor dem Aussterben der letzten schwachsinnigen Erben von dem jetzigen Besitzer, dem Onkel Seckersdorfs verwaltet, dann von ihm übernommen war und zu einem neuen Erbgut für seinen jüngsten Sohn eingerichtet werden sollte.

So erzählte Seckersdorf, nachdem er zu Maggie getreten war. Der Oberförster fehlte noch; er wechselte auf seine Zureden die Kleider. Seckersdorf unterbrach sich, da man das Diner anzurichten begann, und trat mit Maggie in eine Fensternische, anscheinend um ihr draußen auf dem großen, gelben Rasenrondel etwas zu zeigen.

»Wie steht's?« fragte er hastig. »Was habe ich zu erwarten? Schnell ... ich bitte Sie ...«

Maggie sah zu Boden. Jetzt war der Augenblick da, in dem sie Gertruds Schicksal und ihr eigenes in ihrer Hand hielt. Bangigkeit und ein prickelndes Wohlgefühl zugleich durchschauerten sie, aber schwanken tat sie nicht.

Sie sah Seckersdorf mit einem bedauernden Blick an, der sich zu einem Ausdruck innigen Mitleids vertiefte.

»Ich weiß nicht recht,« sagte sie suchend, »Herr von Seckersdorf, ich müßte da viel sagen. Im Grunde glaube ich ja doch, daß Gertrud an Sie denkt. Ich glaube es nur! Aber ich habe schließlich nicht so viel Verständnis für das Verantwortlichkeitsgefühl einer Mutter.«

»Was heißt das, Fräulein Maggie?« fragte Seckersdorf bestürzt. »Haben Sie Ihrer Schwester gesagt, was ich in Vokellen ...«

Maggie nickte. »Wörtlich, Herr von Seckersdorf.«

»Und?«

»Sie war einen Augenblick froh und sagte: 'Das wußte ich ja!' Und dann ist sie still geworden und hat diese übertriebene – ich meine, sie hat ihre Kinder von da ab mit ganz ausschließlicher Zärtlichkeit behandelt. Und als ich – ich dachte doch, man müßte ihr ein bißchen helfen – sie ist so ängstlich und im besten Sinne des Wortes förmlich, und ich wollte Ihnen auch gern Nachricht geben ...«

»Kurz und gut?« sagte Seckersdorf erregt.

»Ja, sie ist sehr böse auf mich geworden und hat mir verboten, je mit Ihnen über sie zu sprechen.«

»Ihnen verboten?« wiederholte Seckersdorf ratlos. »Ernsthaft verboten? Aber Sie selbst sagten mir doch ...«

Er sah Maggie beinahe so hilflos an, wie Gertrud es oft tat. In diesem Augenblicke empfand sie für ihn etwas von der Zärtlichkeit, die sie der Schwester entzogen hatte.

Ihr wortloses Mitgefühl tat ihm wohl. Er nahm ihre herabhängende Hand und hielt sie fest.

»Sie sind gut, Fräulein Maggie!« sagte er leise. »Aber, bitte, sagen Sie mir, was heißt das? Sagen Sie es offen. Das ist doch sonderbar. Gertrud hat ja mit mir kein Wort darüber gesprochen, Sie meinten jedoch ... Und ich sah es ihr ja auch an ...«

»Denken Sie um Gottes willen nicht schlimmer von der armen Gertrud,« bat Maggie weich. »Sehen Sie, sieben Jahre verheiratet und meiner Meinung nach unglücklich –«

»Natürlich!« sagte Seckersdorf mit Überzeugung. »Alle Welt weiß, wie schamlos Ihr Schwager ... Verzeihung ...«

Maggie machte eine abwehrende Bewegung.

»Ja wohl! Aber doch bin ich nicht sicher, ob Kurowski nicht trotzdem eine große Zuneigung für Gertrud hat. Die Kinder liebt er sicherlich. Es werden jetzt auch Briefe zwischen ihnen gewechselt, obgleich Gertrud Papa und mir gesagt hatte ... Nein, ich will nicht weiter sprechen. Es klingt beinahe so, als ob ich Gertrud anklage, daß sie, wie sie sagt, eine anständige Frau bleiben will.«

Da richtete Seckersdorf sich auf, und sein Gesicht überschattete sich mit einem hochmütigen Zuge des Befremdens.

»Hat sie das gesagt?« fragte er kurz. »Hab' ich sie etwa ... Aber das kann ja nicht sein. Fräulein Maggie, erinnern Sie sich unseres ersten Zusammentreffens?«

Sie nickte eifrig. »Schelten Sie mich, ich war voreilig in meiner –« das Wort ging doch nicht ganz glatt über ihre Lippen – »meiner Liebe zu Gertrud. Ich sag' Ihnen ja auch, innerlich hat sich sicher bei ihr nichts geändert. Aber vergessen Sie nicht, sie war nie sehr mutig, und jetzt ist sie acht Jahre älter und elend und Mutter und –«

Ein zärtlich mitleidiges Lächeln löste seine Lippen, die er vorhin fest aufeinandergepreßt hatte.

»Und Sklavin eines rohen Mannes gewesen,« fuhr Maggie fort, und warf einen hastigen Blick auf Seckersdorf, der ein nervöses Zucken bei ihren Worten nicht bemeistern konnte.

Nun nickte er ein paarmal sorgenvoll mit dem Kopf.

»Es mag ja Wahnsinn sein, nach acht Jahren anknüpfen zu wollen, eine zerrissene Sache,« sagte er fast schüchtern. »Es ist wahr, Fräulein Maggie, aber ... aber ich hab' sie jetzt fast noch lieber als damals. Ich möchte sie wieder schön und froh haben, und ich dachte, wie Sie damals so sprachen, das sollte mir auch wieder gelingen. Wenn sie frei sein würde ... Doch Gott soll mich bewahren, sie zu bereden oder zu verleiten, wenn sie es für Sünde hält. Recht hat sie ja auch, rein und gut wie sie ist. Nein, ich bin nicht sentimental oder überspannt. Was nicht geht, das geht nicht. Ich hatte mich ja auch schon damit abgefunden ... Bloß ...«

Er legte die große, weiße Hand übers Gesicht, als wollte er es in diesem Augenblicke nicht sehen lassen.

Maggie war mit einem Male gar nicht wohl zumute. Wie ein Stich durchfuhr sie der Gedanke: »Was tust du da?« Und gleich hinterher: »Was willst du selbst mit diesem großen Kinde, das so ganz erfüllt von der anderen ist?«

Es fehlte nicht viel und sie hätte eingelenkt. Aber da kam der Oberförster hinein, und man setzte sich zum Essen.

Seckersdorf machte liebenswürdig und ohne etwas von seiner Erregung zu verraten, den Wirt Nur seine Augen hatten einen zerstreuten, bekümmerten Blick und suchten fragend und vorwurfsvoll Maggie, wenn sie eine heitere Bemerkung machte, sich mit dem Vater herumstritt und ihn mit allen möglichen Dingen neckte.

»Ich will dich zerstreuen, dir über diese Stunde hinweghelfen,« sagten ihm dann ihre mit einem Male dunkel werdenden Blicke, und er antwortete darauf mit einem schwachen Lächeln. Sie wiederum fühlte, daß ihr Mitleid ihm gut tat, und spielte ihre Rolle mit Befriedigung weiter.

Das Essen war mäßig, die Weine gut. Man hielt sich also ans Trinken, die Herren natürlich, und dank Maggies Munterkeit – »sie ist immer so«, bemerkte der Oberförster – schien die kleine Tafelrunde bald in fröhlichster Stimmung. Auch Seckersdorf lachte viel. In einer großen Steigerung seines Wesens, die ihm selbst fremd war, wurde er fast redselig.

»Ich hab's nicht gedacht, daß ich noch so sein kann,« gestand er ehrlich. »Aber, gnädiges Fräulein verstehen es, einen vergnügt zu machen. Ich habe das schon damals bei den Waldlackern gemerkt.«

»Das findet Gertrud auch immer,« sagte sie, wie in Gedanken, und fuhr dann leicht zusammen, heimlich überlegend. »Ob er nun nicht vergleicht?«

Bei dem Namen, der ihm alles wieder in das Gedächtnis rief, machte er zwar ein trübseliges Gesicht, aber Maggie triumphierte doch.

»Ihre Frau Schwester ist nicht so heiter?« fragte er höflich.

»Gott bewahre,« sagte der Oberförster an ihrer Stelle mit mehr Betonung als nötig gewesen wäre. »Die war immer nur zum Ansehen und zum Hätscheln. Na ... ihr Mann setzt das ja fort. Denken Sie, tausend Mark Taschengeld gibt er ihr monatlich; das will was heißen für unsere, das heißt meine Verhältnisse, wo unsereins sich schindet und plagt, um die paar Tausend das ganze Jahr zu verdienen und davon Haushalt und alles übrige zu bestreiten!«

Von da aus kam die Rede auf dienstliche Verhältnisse, auf Beamtentum und Grundbesitz, und was der Wechsel des Gesprächs damit in Verbindung brachte.

Maggie sah dabei nicht mit dem üblichen interessierten Blick höflicher Damen von einem zum andern, hier und da eine zustimmende Bewegung machend, sondern sie redete eifrig mit. Sie grübelte nie viel, aber ihre unbefangene Beobachtungsgabe, ihre sichere Art, passende Worte für ihre Gedanken zu finden, ließen sie viel weltkluger scheinen, als sie war, und da sie zuweilen einen echt weiblichen, sachlichen Schnitzer mit unterlaufen ließ, kam sie bei den Männern trotzdem nie in den Verdacht einer verpönten Gelehrsamkeit.

Seckersdorf sah sie zuletzt voll verehrender Bewunderung an.

»Was bist du für ein Mädel?« übersetzte Maggie sich seine Blicke. »Gut, klug und temperamentvoll.«

Man verplauderte sich beim Kaffee. Es wurde schon dämmrig, als der Oberförster an den Aufbruch dachte.

»Schade,« meinte Maggie. »Ich hätte so gern das interessante alte Haus gesehen. Da gibt's sicherlich Schätze über Schätze.«

»Viel altes Gerümpel,« sagte Seckersdorf. »Aber falls Sie sich dafür interessieren, würde es mir eine große Ehre sein, wenn mir vielleicht ein andermal ...«

Maggie wollte freudig darauf eingehen, aber nach kurzem Zögern schüttelte sie doch den Kopf.

»Vielleicht, wenn meine Schwester wieder in Laukischken ist,« erwiderte sie, den Vater fragend ansehend. »Wir lassen sie nicht gerne viel allein, und sie will ohne ihren Mann nirgends hingehen.« Beide Männer wurden ernst, und der Abschied gestaltete sich kühler, als er nach den behaglichen Stunden wohl hätte sein müssen.

Die Herren besprachen vor dem Abfahren noch flüchtig einiges Geschäftliche, Maggie machte es sich in dem Familienhalbwagen bequem, und dann ging's fort.

»Empfehlen Sie mich angelegentlich Frau von Kurowski,« sagte Seckersdorf zum Schluß sehr steif.

Gertrud hatte den Vormittag verträumt. Es waren kaum bewußte Grübeleien, denen sie sich hingab: Vergangenheit und Zukunft zogen in hastigen, unklaren Bildern an ihr vorüber.

Tränen stiegen ihr in die Augen und versiegten wieder schnell, sobald sie auf die Jungen sah, die vor dem Fenster trotz des fein sprühenden Regens herumspielten.

Ihr war eigentümlich zumute. Sie wußte ganz genau, daß sie Seckersdorf liebte, wie sie ihren Mann verabscheute, daß sie Maggie fürchtete, ja beinahe verachtete; aber hinter all diesen starken und bewußten Gedanken regte sich mit vorahnendem Kältegefühl einer, der an Pflicht und Verantwortlichkeit, an Sichselbstverlieren, an Ausharrenmüssen mahnte, und alte Bibelsprüche, ehemals gedankenlos gelernt und hergesagt, bekräftigten ihn jetzt. Doch der Sieg blieb ihm nicht. In die Selbstvorwürfe und Vorschriften rief Hans Seckersdorfs nie vergessene Stimme hinein: »Gertrud, komme zu mir!«, und dann schloß sie die Augen und träumte sich trotz allem mit süßem Schauer an seine Brust und klagte ihm alles und sagte: »Denk' du für mich und sorge, daß ich das Rechte tue. Hilf mir, hilf mir, du Einziger, Liebster!«

Aus diesem Empfinden rüttelte sie sich wieder auf und sagte sich voller Gram, daß sie, auch wenn das heiß Ersehnte sich ihr erfüllen sollte, nicht mehr imstande sein würde, zu vergessen und neu zu erleben. Wie Herbstschauer überflog es sie. Und dann durchbrach von neuem alles eine unvernünftige Sehnsucht, jetzt in diesem Augenblick mit ihm durch den Wald zu gehen, an ihn geschmiegt und von ihm geschützt vor dem grauen Regenwetter. Oder auch nur neben ihm, wie Maggie es sicherlich jetzt tat.

Was sie wohl sprächen? Wie Maggie es anfinge, sie zu verdrängen? Eine trostlose Eifersucht machte sie elend. Abenteuerliche Entschlüsse sprangen in ihr auf, wie sie ihm schreiben, mit ihm zusammentreffen, was sie ihm sagen würde ... Sie verflatterten, kaum entstanden. Neue Ratlosigkeit fing an sie zu martern, die Stunden vergingen, es wurde Mittag und niemand kam heim. Sie aß schließlich mit Fräulein Perl und den Kindern und fing wieder ein schüchternes Gespräch über unglückliche Ehen an, über Frauen, die sich allein ihr Brot verdienten, und so allerlei, was ihr durch den Kopf ging.

Dann kam die Mittagspost. Sie brachte ihr die Antwort ihres Mannes aus Nizza. Zitternd schloß sie sich damit in ihr Zimmer ein, als ob Kurt Kurowski seinen Worten auf dem Fuße folgte, und lange konnte sie sich vor Angst nicht entschließen, den Umschlag zu öffnen. Es waren kaum zwei Seiten. Ihr Herz stand fast still, als sie sie las.

»Mein liebes Kind!

Es wird Zeit, daß ich heimkomme, um mit Dir ein deutliches Wort zu reden. Vorläufig so viel: Ich will durchaus nicht zurücknehmen, was ich Dir oft gesagt habe, nämlich daß Du mir als Frau und Gefährtin nicht genügst. An ein Auseinanderlaufen, weil Dir Deine alte Liebschaft wieder den Kopf verdreht hat, ist aber nicht zu denken. Skandal gibt's bei den Kurowskis nicht, und die Jungen werden's nicht erleben, daß ihr Vater und ihre Mutter vor die Gerichte kommen. Verstanden? Sollte es dem Seckersdorf eingefallen sein, in meiner Abwesenheit bei Dir herumzuscharwenzeln, so werde ich ihn mir kaufen. Und Du nimm Dich in acht und schreib mir nicht noch einmal so unsinniges Zeug. Herzukommen brauchst Du nun nicht, ich werde mich mit der Heimkehr beeilen und Dir den Herrn und Meister zeigen, wenn Du etwa nicht Order parieren solltest. Im übrigen keine Feindschaft und keine Gefühlsduselei.

Kurt.«

Gertrud warf sich schluchzend über ihr Bett. Sie fühlte sich wieder ganz unter der Zuchtrute der vergangenen sieben Jahre. Alle Sonnenstrahlen, die sie schüchtern in weiter Ferne aufblitzen gesehen hatte, verschwanden, und das trostlose Laukischker Elend breitete wieder seine grauen Flügel um sie.

»Was tue ich nur, was tue ich nur?« fragte sie sich immerzu. »Wer hilft mir? Wo soll ich hin? ... Hans! Hans!«

In ihrer Not und Verlassenheit konnte Gertrud gar keinen Gedanken fassen; und zum ersten Male packte sie eine entsetzliche Angst, daß Hans Seckersdorf vielleicht doch nicht kommen würde, ohne daß sie ihn rief. Und da rang sie sich zuletzt den Entschluß ab, ihm ein Wort zu schreiben.

Wie eine Verworfene kam sie sich dabei vor. Aber sie wußte sich keinen anderen Rat, und sie fürchtete sich vor ihrem Mann noch mehr, als vor dieser Zudringlichkeit gegen Seckersdorf.

»Er hat mich ja lieb, und er kommt gewiß gleich,« dachte sie. Und sie schrieb unter strömenden Tränen in ihrer hübschen, korrekten Schulmädchenhandschrift:

»Lieber Freund, ich bin in großer Herzensangst. Und da Maggie mir gesagt hat, daß Sie mir noch die alte Freundschaft bewahrt haben, bitte ich Sie, mir zu helfen. Denken Sie nicht schlecht von mir, ich bin so verlassen, und Sie sind der einzige, an den ich mich wenden kann. Mit vielen Grüßen Ihre Gertrud Kurowski.«

Diese Zeilen legte sie in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf. Ein Eilbote sollte es nach Romitten besorgen. Und dann wäre alles gut, er würde kommen und ihr sagen, was sie tun müßte.

Sie ruhte aus in dem Gedanken, – aber ihre Kinder anzusehen wagte sie nicht mehr.

Mit einer kleinen Handarbeit, an der sie flüchtig herumstichelte, setzte sie sich an das Fenster der Wohnstube, von dem aus sie den Weg übersehen konnte. Erst wenn der Vater und Maggie zurück waren, sollte ihr Bote, der älteste Junge des Kutschers, nach Romitten gehen. Ihr war eingefallen, daß der Vater und Maggie ihn auf ihrem Heimweg durch den Wald treffen und anhalten möchten. Sie sagte dem Stubenmädchen also Bescheid, ließ sich auch den Jungen kommen, um ihm ihre Weisungen einzuschärfen. »Es handelt sich um eine Geschäftssache,« erklärte sie verlegen dem Mädchen und dem Burschen, und fand das sehr überlegt von sich. Aber zugleich dachte sie voll Widerwillen: »Solche kleinen Winkelzüge werde ich nun wohl öfters machen müssen ...«

Endlich kamen die Erwarteten zurück. Maggie sprach sehr viel, erzählte ausführlich alles Äußere ihres Zusammentreffens mit Seckersdorf, beschrieb Romitten und ihren Aufenthalt dort, gesucht heiter und sich hauptsächlich an Fräulein Perl wendend. Gertrud, doppelt erregt wie sie war, ließ doch äußerlich ruhig alles über sich ergehen. Denn der Vater beobachtete sie, während Maggie erzählte. An dieser selbst glaubte sie hier und da ein spöttisches Lächeln wahrzunehmen.

Wie qualvoll war das alles! Sie floh in Gedanken weit fort aus diesem einst so geliebten Hause. Gott sei Dank, ihr Brief war nun unterwegs, und morgen vielleicht wußte sie, wohin und was tun.

Während des Hin- und Hersprechens trat das Stubenmädchen ein und wartete, bis man sie bemerken würde.

Gertrud sah teilnahmslos an ihr vorbei; in demselben Moment nahm sie aber wahr, daß Lina mit fragendem Blick an ihr hing. Sie fuhr zusammen.

»Was gibt's?« fragte der Oberförster und sah sich um.

Das Mädchen kam näher.

»Ich wollte nur fragen, ob der Romitter Kutscher nun nicht gleich den Brief mitnehmen kann, – oder soll doch der Fritz gehen?« sagte sie halb zu Gertrud gewandt.

Die wurde totenblaß. Sie winkte dem Mädchen, hinauszugehen. Der Oberförster stand auf.

»Welchen Brief?« fragte er unwirsch.

»Von der gnädigen Frau,« sagte das Mädchen schüchtern.

Der Oberförster kniff die Augen zusammen.

»Überhaupt nicht mehr nötig. Wir kommen ja von Romitten. Bring' den Brief her!«

Eine große Stille entstand.

Gertrud sagte sich immerzu: »Ich muß protestieren, ich muß meinen Brief abschicken.« Aber ihre Lippen zitterten und brachten kein Wort vor.

Der Oberförster stand von ihr abgekehrt und wartete auf das Zurückkommen des Mädchens. Maggie sah mit gespannter Neugier in Gertruds Gesicht, und Fräulein Perl begriff überhaupt nichts. »Hast du denn nach Romitten geschrieben, Herzchen?« fragte sie ahnungslos.

Gertrud schwieg.

Lina trat mit dem Brief in der Hand ein. Der Oberförster nahm ihn ihr ab und winkte ihr hinaus.

Er sah den schmalen gelblichen Umschlag lange an, dann zerriß er den Brief, ohne ihn zu öffnen, und warf ihn in den Papierkorb.

»Pfui!« sagte er, sich vor Gertrud aufpflanzend. »So etwas tut meine Tochter! Was wolltest du von ihm? Heraus damit! Was soll er? Was willst du von ihm ... Schämst du dich nicht?«

Ja, Gertrud schämte sich, als hätte sie ein unsühnbares Verbrechen begangen. Sie wußte vor Entsetzen gar nicht mehr, wo sie war. Sie fühlte sich ganz zerbrochen und dachte nur. »Fort, fort! Oder lieber noch sterben!«

Sagen konnte sie nichts.

Der Oberförster wurde dunkelrot.

»Wirst du reden?« schrie er.

Da trat Maggie zur Schwester.

»Quäle sie doch nicht unnütz, Papa,« sagte sie. »Schließlich kann sie doch tun und lassen, was sie will.«

»Nicht in meinem Hause,« rief der Oberförster erregt, »nicht in meinem Hause. Soll ich mich auf meine alten Tage durch euch verflixte Frauenzimmer um meine Reputation bringen lassen? ... Die eine läuft hinter dem Menschen her, daß es ein Skandal ist, die andere schreibt ihm Liebesbriefchen. Und ich, der Vater, sehe gefällig zu und halt's Maul zu dem ganzen Treiben, nicht wahr?«

»Es ist kein Liebesbrief, Papa,« sagte Gertrud heiser. »Du erlaubst wohl, daß ich mich entferne. Ich werde ... überhaupt bald fortgehn ...«

Sie taumelte hinaus.

Der Oberförster lief erregt im Zimmer umher. »Wenn bloß der Kurowski wieder da wäre.«

Maggie war tief erregt. So ganz leicht schien es doch nicht, zu einem Ziel zu gelangen, dem sich Hindernisse solcher Art entgegenstellten.

Sie lief in ihr Zimmer hinauf und weinte. Über Gertrud, über sich, über das ganze Leben.

Zum ersten Male seit der Vokeller Gesellschaft vermißte sie Gertrud. Sie hätte zu ihr hineinstürzen mögen und sich ausschreien. Vielleicht auch lachen über die ganze verfahrene Geschichte und einfach sagen: »Trude, sei gut ... du sollst ihn wieder haben.«

Und doch, nein – das würde sie nicht. Was fiel ihr denn überhaupt ein? Wollte sie nun auch anfangen sentimental zu werden?

Gute und böse Gedanken überstürzten sich in ihr und versetzten sie in einen Zustand fiebernder Unruhe. Einmal war es, als ob die ganze Berechnung, auf die sie ihr künftiges Leben gründen wollte, eine falsche sei, als ob sie verlieren würde, auch wenn sie's erreichte, Frau von Seckersdorf zu werden. Und eine fremdartige Angst packte sie. Aber dann verspottete sie sich selbst und verhärtete sich in ihren Grübeleien über Energie und die Berechtigung, ohne moralische oder sonstige Bedenken ihr Schicksal selbst zu schmieden. Zuletzt, wenn sie sich die ganze Situation überlegte, war diese Ungeschicklichkeit Gertruds ein rechter Segen für sie. Gertrud hatte einmal geschrieben, sie würde es vielleicht auch wieder tun, sie war also nicht ein wehrloses Opfer. Sie führte ihre Sache und kämpfte, wie sie, Maggie, selbst. Und der Schwester Position war die günstigere. Es hieß also sich zusammennehmen, anstatt zu träumen. Und nun, einmal in der Wirklichkeit, dachte sie an ihren natürlichen Bundesgenossen, ihren Schwager.

Ohne den Inhalt seiner letzten Briefe an Gertrud zu kennen, war sie doch überzeugt, daß er sich schon aus äußerlichen Gründen zu einer Scheidung nicht entschließen würde. Sie selbst erwog diese auch noch einmal und redete sich die Ansicht ein, daß es zweckmäßiger und vernünftiger wäre, wenn die Ehe nicht getrennt würde. Sie hatte sich nur durch Gertruds klägliche Flucht und Heimkehr zu einer falschen Auffassung verleiten lassen ... Man hätte Gertrud ernsthaft zureden sollen, energischer gegen ihren Tyrannen aufzutreten, nötigenfalls ihr dabei helfen müssen, anstatt –

Mitten in diesem Gedankengang sprang sie ärgerlich aus dem Winkel auf, in dem sie sich zusammengekauert hatte.

Wozu in aller Welt spielte sie sich selbst diese Komödie vor? Etwas tun mußte sie. Schreiben wollte sie an Kurowski. Er sollte nach Hause kommen. Gertrud wäre im Begriff ihnen fortzulaufen, und dann wäre der Skandal fertig.

Heiß von allem Denken setzte sie sich an den Schreibtisch, als man sie abrief. Nachbarbesuch war gekommen, die Auklapper Normanns, ein lustiges altes Ehepaar, dem man besonders nahestand. Maggie atmete erleichtert auf. Der Brief, der unangenehm und schwer abzufassen war, mußte also noch aufgeschoben werden.

Sie wusch sich rasch und lief hinunter, die Gäste zu begrüßen.

Wie Menschen aus einer andern Welt erschienen sie ihr heute. Und doch saßen sie behaglich und herzlich wie sonst in den gewohnten Ecken, tranken Grog wie sonst um diese Zeit, schwatzten gemütlich und neckten Maggie wie sonst.

Der alte Herr, dick geworden, mit ein paar sorgfältig hinaufgekämmten, schwarzen Haarsträhnen, ein freundlich ironisches Lächeln um den breiten Mund, war ehemals der Schwerenöter des Kreises gewesen. Seine Frau, lieb und sanft, hatte viel leiden und sich viel grämen müssen. Heute nannten sie sich »Papa« und »Mama«, sahen beide friedlich und fertig aus, und hatten gegenseitige kleine Aufmerksamkeiten für einander, um sich das Leben leicht zu machen.

Das war wohl der übliche Ausklang aller traurigen und frohen Ehemelodieen.

Maggies Gedanken flogen um zwanzig Jahre vorauf zu Gertrud und Kurowski und dann zu sich selbst und Seckersdorf. Ihr wurde ganz schlecht dabei, und sie fühlte wieder die alte, rasende Sehnsucht in sich aufsteigen, auszuschöpfen, zu genießen, solange sie noch jung und ihre Nerven noch dafür empfänglich waren.

Die Freunde fanden den Oberförster verstimmt und Maggie still. Man fing an, sie zu necken, der Name Seckersdorfs fiel, und da die Auklapper alte Freunde waren, machten sie auch eine Anspielung auf Gertrud und die Erbschaft, die Maggie da anzutreten scheine.

»Herrgott!« rief der Oberförster dazwischen. »Wo bleibt denn eigentlich die Gertrud? Vor euch braucht sie sich doch nicht zu verkriechen? Sieh mal nach, Maggie.«

Maggie ging zögernd hinaus. Lina behauptete, die gnädige Frau zu derselben Zeit wie das Fräulein benachrichtigt zu haben.

Maggie ging also hinauf.

Als Gertrud auf ihr Klopfen nicht antwortete, machte sie die Tür leise auf.

Die rotverschleierte Lampe brannte auf dem Tisch, auf dem Gertruds Schreibsachen lagen. Sie selbst saß am Fenster.

Maggie trat zu ihr. Sie war zum Ausgehen angekleidet, hatte sich aber in eine weiße Decke gewickelt und sah zum Fenster hinaus.

Der Mond schien gelb durch die graugrünen Wolken, die in Streifen und Fetzen über den Himmel zogen. Gertrud sah in dem unheimlichen Licht fahl und starr aus. Sie wandte sich gar nicht um.

Maggies Herz zog sich zusammen.

»Was willst du tun? Wo willst du hin?« fragte sie zitternd.

»Fort,« sagte Gertrud, ohne sie anzusehen.

»Wohin?«

Gertrud zuckte die Achseln. »Du, ich wollte weg,« sagte sie, »aber mich friert so.«

»Es ist, als ob sie den Verstand verloren hätte,« dachte Maggie entsetzt.

»Komm doch vom Fenster fort,« sagte sie beherrscht. »Es zieht so.«

Gertrud stand auf. »Ja,« sagte sie, »das ist wahr.«

Maggie befreite sie von der Decke, zog ihr den Mantel aus und nahm ihr den Hut ab. Sie ließ es sich gefallen.

Maggie hätte sie gern in die Arme genommen, aber sie wagte es nicht und fürchtete sich auch. Sie ging nach der Glocke.

»Was willst du?« fragte Gertrud lebhafter, in Angst.

»Aber, Kind, heut' ist es schon zu spät, heut' kannst du nicht mehr fort. Du hast auch Fieber, ja, du hast Fieber, und ich will nach der Jungfer ...«

Gertrud hielt sie fest.

»Ich habe einen Wagen gehört,« sagte sie bang. »Ist mein Mann etwa da?«

»Nein, nein, – wie sollte er?« sagte Maggie bebend. »Wie kommst du darauf?«

»Mir fiel ein, er könnte mit seinem Brief zugleich abgefahren sein –«, sie schob ihr den Brief zu, der auf dem Tisch lag.

Maggie nahm ihn an sich.

»Die Auklapper waren es,« sagte sie. »Sie wollen dich gern sehen. Aber du wirst nicht können, nicht? Du mußt zu Bett, ja?«

Gertrud antwortete nicht und starrte schweigend in die Lampe. Maggie klingelte.

»Die gnädige Frau ist nicht wohl, helfen Sie ihr,« bedeutete sie die eintretende Jungfer.

»Das geht wieder vorbei,« flüsterte die ihr zu. »Das war ebenso, als die gnädige Frau mit den Junkern fortging.«

Maggie war beruhigt. Gott sei Dank, das also wenigstens war nicht ihre Schuld. Aber ihre ganze Selbstherrlichkeit schrumpfte doch zusammen bei dem Anblick des gebrochenen Weibes, dem die letzte Hoffnung genommen war.

Ehe sie die Gäste von dem Unwohlsein Gertruds unterrichtete, überflog sie den Brief Kurowskis.

Auf den hin also hatte die arme Gertrud sich entschlossen, an Seckersdorf zu schreiben. Lieber Gott, es war doch ein Elend!

Aber schließlich ... fielen die Karten nicht von selbst? Sie brauchte gar nicht mehr hinterlistig zu handeln, es machte sich alles von allein. Sie hat es ja gewußt, daß Kurowski sich auf nichts einlassen würde. Gertrud hatte eben verspielt.

Sie sprach nach dem Aufbruch der Auklapper nur flüchtig mit dem Vater.

»Man wird doch an Kurt drahten müssen,« meinte der. »Weiß Gott, ob sie uns nicht ernstlich krank wird, und dann wird er uns hinterher Vorwürfe machen. Besorge du das.«

Maggie nahm die Feder in die Hand, aber dann schüttelte sie den Kopf.

»Nein, setze du das Telegramm auf,« sagte sie zögernd. »Ich schreibe unterdessen nach Friedland an den Doktor.«

Der Oberförster überlegte, die Brauen schief ziehend, eine Weile, dann faßte er das Telegramm ab, in dem er seinen Schwiegersohn wegen plötzlicher Erkrankung Gertruds heimrief.

Gertrud wurde aber gar nicht krank. Sie stand am nächsten Morgen auf und setzte sich ans Fenster, wie gestern. In ihr war eine große, stumpfe Ruhe. Lähmend hatte es sich auf ihr Denken gelegt. Das bißchen Lebensenergie, das vor kurzem in ihr erwacht war, überspann sich mit einer ihr bisher unbekannten Gefühllosigkeit, und um sie herum wogte es in gleichmäßigem, brandungsartigen Rauschen, als wollte es sie einwiegen.

»Ich habe zuviel aushalten müssen,« dachte sie ab und zu, »und dies ist wohl der Rückschlag.«

Nur den Weg, von dem gestern das Romitter Fuhrwerk gekommen war, behielt sie unbewußt immer im Auge. Wenn ein Wagen aus dieser Richtung vorbeifuhr, richtete sie sich auf und sah ihm nach, um sich dann wieder seufzend in ihren Lehnstuhl zurückzukauern und weiterzudämmern.

So verging der Vormittag. Der Arzt kam. Sie antwortete auf alle seine Fragen ganz vernünftig, erklärte sehr müde zu sein und niemand sehen zu wollen.

Doktor Hahn, der sie von klein auf kannte und liebhatte, sprach von starker Blutarmut und schwerer Nervenüberreizung und erkundigte sich nach etwaigen Gemütsbewegungen.

Der Oberförster, der innerlich seiner Gewohnheit nach jede Verantwortlichkeit von sich abwies, schimpfte auf Kurowski und verschonte auch Maggie mit Vorwürfen nicht. Der Arzt schüttelte den Kopf, gab Schlafmittel, empfahl äußerste Ruhe und versprach wiederzukommen.

Maggie ging blaß und finster herum. Sie dachte, wenn man Seckersdorf benachrichtigte und zu Gertrud führte, würde diese sicherlich gesund sein. Statt seiner kam jetzt Kurt. Was würde nun geschehen?

Gertrud würde einfach zugrunde gehen. Durch ihre, der Schwester Schuld. War sie stark genug, das zu tragen? Ihre Gedanken irrten zu den Herrschern, die über Leben und Tod von Verurteilten zu entscheiden haben, und sie schauerte zusammen. Sie hatte Momente, in denen sie sich ebenso gebrochen fühlte, wie Gertrud da oben. Sie litt unter dem Zuviel an Energie, wie jene an dem Mangel, und keine von ihnen fand irgendwo einen Halt; auch die fromme Gertrud nicht, die nach Kindergewohnheit doch noch morgens und abends betete.

In einem Augenblick besonders starker Gewissensangst, in dem sie ihre ganze Heiratsidee verwünschte, setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb ein paar Zeilen nach Romitten, in denen sie den »Freund« bat, Gertruds wegen herüberzukommen. Dann nahm sie das Kursbuch in die Hand und rechnete aus, wann Kurt eintreffen könne. Darüber versäumte sie, den Brief abzuschicken. Aber dennoch war ihr, als könnte sie nun Gertrud leichter in die Augen sehen, und sie ging hinein.

Gertrud saß wie vorhin da, mit großen, stillen Augen auf den Fahrweg blickend.

Sie war überirdisch schön, ganz ohne verhärmten oder verängstigten Ausdruck in dem reinen Gesicht.

»Wie eine Tote,« dachte Maggie und trat zitternd näher.

»Trude!«

»Was willst du?«

Maggie kauerte sich auf die weißen Felle an Gertruds Stuhl.

»Trude, ich hab' an Seckersdorf geschrieben. Soll er kommen?«

Gertrud hob den Kopf, der dadurch in einen Sonnenstreifen geriet und selbst zu leuchten schien.

»Warum?« fragte sie. »Um ihm Gelegenheit zu einer neuen Zusammenkunft mit dir zu geben? Geh, Maggie. Ich will euch alle nicht sehen.«

Maggie sprang trotzig auf und ging weg. Also Seckersdorf brauchte nicht herzukommen. Ihr konnte es recht sein. Sie hatte in einer Anwandlung von Sentimentalität mehr tun wollen, als klug war. Denn abgesehen von sich selbst, wie hätte man wohl Kurowski gegenübertreten sollen?

Und mit Kurowski war nicht umzuspringen wie mit dem Vater oder gar dem gutmütigen Seckersdorf.

Aus Kurts Brief an Gertrud, den sie noch bei sich trug, sprach wahrhaftig der »Herr und Meister«, den er ihr zeigen wollte. Eigentlich war ein solcher Mann doch viel interessanter als einer, der in der großen schönen Welt umherzieht und in allem Genießen durch die Erinnerung an ein »weißblondes Köpfchen« gestört wird!

Bitterkeit, Unzufriedenheit und Bangen um Gertrud erfüllten sie ganz. Dazu war auch das ganze Hauswesen verstört. Die Kinder spielten in dem entfernten Eckzimmer, der Vater hatte sich in Tabaksrauchwolken versteckt, und mit Fräulein Perl war gar nicht zu reden. Die weinte um Gertrud, ihren Liebling, den sie nicht eine Viertelstunde ungestört ließ; und wenn sie wieder hinausgeschickt worden war, verkündete sie im ganzen Hause, es würde sicherlich bei Gertrud ein Typhus ausbrechen. Welch ein Unterschied gegen gestern! Und was war denn eigentlich viel geschehen seitdem?

Nachmittags kam eine Depesche von Kurowski, die seine Ankunft für den übernächsten Mittag anmeldete und sich Nachricht über Gertruds Befinden auf den Berliner Bahnhof Friedrichstraße ausbat.

»Wenn Gertrud das hört, rafft sie sich auf und läuft fort, elend wie sie ist,« meinte Maggie. »Das Beste wäre schon, wir überlassen alles Kurowski.«

Der Oberförster war sehr einverstanden damit. Und so blieb denn, da man selbst Fräulein Perl nicht traute, die Nachricht zwischen Vater und Tochter. Aber ihnen beiden war böse zumute, und merkwürdigerweise glaubte jeder sich von dem andern angeklagt und verurteilt. Wenn Maggie den Vater voll und finster ansah, las der von ihrem Gesicht eine lange Rede herunter: »Du alter Herr, Vater einer solchen Tochter, der Tochter der Frau, die dir einmal lieber war als die ganze Welt, die eine Fülle von Lebensglück und Glut über dich rauhen Mann ausströmte, – statt ihr Kind nun in der großen Not ans Herz zu nehmen und es zu schützen, treibst du es zu dem Wüstling zurück, der seine Umarmungen zwischen ihr und dem Abschaume ihres Geschlechtes teilt ... vor dem sie in Todesangst zittert ...«

Und auch Maggie wand sich förmlich unter den Anklagen, die sie selbst aus den Blicken des Vaters las und von seinem Standpunkt aus sich selbst machte, bis sie schließlich einmal von dem gewohnten Platz ihm gegenüber aufstand und sagte: »Weißt du, Papa, wir beide sollten uns nun schon lieber nicht so kriegsbereit ansehen. Wir wollen ja gewiß das Beste, aber die Verhältnisse sind eben stärker als wir.«

Dieser Gemeinplatz leuchtete dem Alten ein, und er war gerade im Begriff, beruhigt eine kleine Wanderung zu unternehmen, als sich die Tür öffnete und Gertrud eintrat. Ein Gespenst hätte die beiden nicht so erschrecken können, als die schöne, ernste Frau, die in ihrem langen weißen Schlafrock plötzlich vor ihnen stand.

»Um Gottes willen, Gertrud!« stotterte der Vater. »Wird dir das nicht schaden? Weshalb rufst du uns nicht?«

»Mir ist ganz wohl, Papa,« sagte Gertrud, aber ihre leise Stimme klang rauh. »Ich sah den Depeschenboten vorhin über den Weg kommen. Hat Kurt telegraphiert?«

»Bewahre,« log der Oberförster. »Ich soll morgen nach Brasnicken zum Essen. Ganz plötzliche Sache. Aber willst du dich nicht setzen? Maggie, sorge für das Kind.«

Maggie kam näher. Sie bewunderte den Vater und war gespannt, wie er sich herausreden würde, wenn Gertrud die Depesche sehen wollte.

Aber daran dachte die gar nicht. Mit ihren klaren Augen sah sie den Vater dankbar an und nickte beruhigt.

»Ich geh' nun wieder hinauf. Schickt mir die Kinder, ja?« sagte sie.

In diesem Augenblick fühlte Maggie ein Überfluten alles Guten in sich. Sie sprang auf Gertrud zu und streckte ihr die Hand entgegen. Es wollte aus ihr hervorsprudeln: »Glaub' uns doch nicht, wir betrügen dich ja. Aber ich will nun nicht mehr – komm – komm ...«

Ein guter Blick von Gertrud, und sie hätte das alles gesagt und die Schwester in ihren Schutz genommen. Aber Gertrud sah an ihr vorbei und nahm die gebotene Hand nicht.

Da packte sie ebenso schnell Zorn und Verachtung gegen so viel Hochmut und Einfalt, die sie doch eben noch Reinheit und Stolz genannt hatte, und sie sah Gertrud so böse an, daß diese zusammenschauerte.

»Ich geh' schon,« murmelte sie und eilte nach der Tür.

Der Vater wollte sie zurückhalten, aber sie achtete nicht darauf.

Sie hatte sich aus dem schweren Nervenanfall, der sie in die trostlose Willenlosigkeit versetzt hatte, ein wenig aufgerafft, so weit, daß sie sich sagte: »Ich muß fort von hier, ehe Kurt kommt. Und da ich nun nach dem, was ich von Hans und Maggie erfahren, weiß, daß keiner mir helfen wird, muß ich allein sorgen.«

Geld hatte sie vorläufig ja genug, an das »Später« brauchte sie noch nicht zu denken. Nur fort von hier, wo man sie verachtete, verriet und aus dem Wege wünschte.

Sie rief die Jungfer und ordnete das Packen an.

»Aber gnädige Frau können doch so elend nicht nach Hause,« warf die bescheiden ein. »Und die Mamsell muß doch da auch erst alles besorgen.«

»Laß, laß,« sagte Gertrud gepeinigt und hielt sich die Hände vor die Ohren. »Pack nur für alle Fälle!«

»Aber gnädige Frau sehen so furchtbar müde aus ... Und die Unruhe hier mit dem Packen,« meinte die Jungfer und sah mit ihren guten Hundeaugen besorgt ihre geliebte Herrin an.

»Ja, das ist wahr,« antwortete Gertrud, wie immer nachgebend. »Unruhe möcht' ich im Zimmer jetzt nicht haben. Packe dann wenigstens, was draußen ist. Ich bin wirklich sehr müde. Hilf mir!«

Und er kommt ja noch nicht, dachte sie ruhiger. Sonst ginge Papa morgen nicht fort. Und anmelden tut er sich bestimmt, wegen des Fuhrwerks ... Oder sollte er von Laukischken aus ...?

Sie kam nicht weiter in ihren Gedanken. Die Schlafpulver, die sie bekommen hatte, fingen an zu wirken, und so schlummerte sie ein und vergaß für viele Stunden ihre ganze bittere Not.

Das Wetter hatte sich plötzlich geändert. Die Wolken waren verflogen, der Himmel weit und blaß, die Sonne matt und kühl. Ein scharfer Wind schien ihre gelben Strahlen auseinanderzujagen, ehe sie unten ankamen. Der Weg war trocken, in den Wagengleisen hatte sich Eis angesetzt, und an der Windseite der Fichtenstämme am Waldrand glitzerte es und rann widerwillig sich lösend in schimmernden Tropfen herab.

In solchem Wetter, dem unerwünschtesten für Landtouren, kam Herr von Kurowski nach zweistündiger Fahrt auf den eisglatten Wegen in der Oberförsterei an.

Er war ein großer, zur Korpulenz neigender Mann. Jede seiner raschen Bewegungen ein Ausdruck höchster Lebensenergie und Selbstzufriedenheit, jedes Zurückwerfen des Kopfes ein Zeichen unermessensten Hochmutes, das Antlitz mit breiten Backenknochen, einem sehr gepflegten dunklen Vollbart, starker Nase und kleinen, sehr scharfen Augen, ein Rassegesicht. Intelligent und raubtierartig.

Ungeduldig sprang er von dem ungefederten Wagen, auf dem er hergefahren war, die Treppe hinauf dem Oberförster entgegen, mit dem er jahrelang kein Wort gewechselt hatte.

»Nun, wie steht's?« fragte er in seinem harten, kurländischen Dialekt.

»Besser, besser, – aber sie erwartet Sie nicht. Sie war zu elend, wir durften ihr nichts von Ihrer Ankunft sagen.«

Kurowski schob ihn mit einer Handbewegung fast zur Seite.

»Die Jungen? Ah ...!«

Maggie trat ihm entgegen.

Er begrüßte sie, küßte feurig ihre Hand, und, als sie groß und wie in Gedanken zu ihm aufsah, auch ihren Mund.

Maggie erschrak vor ihm. Er sah ihr in die unsicher blickenden Augen und lief dann den Jungen entgegen, die mit lautem Jubelgeheul auf ihn zustürmten.

Er herzte sie, sagte ihnen ein paar derbzärtliche Worte und schob sie zur Seite.

»Wo ist sie denn?« fragte er. »Wollen Sie mich zu ihr führen, Maggie?«

Maggie schoß das Blut siedendheiß durch den Körper. »Seien Sie sehr gut mit ihr,« bat sie stockend – »sie ...«

Ihr Schwager sah sie aus zusammengekniffenen Augen, halb verwundert, halb ironisch an. Maggies Trotz bäumte sich auf unter diesem Blick.

»Gehen Sie nur allein zu ihr,« sagte sie kurz, »und übernehmen Sie die Verantwortung.«

Kurowski blieb im Hausflur stehen.

»Was machen Sie denn für Umstände, Schwägerin? Selbstverständlich will ich mit meiner Frau allein reden. Zeigen Sie mir nur den Weg. Sie können ja nachkommen.«

Er lief die Treppe hinauf, sie folgte langsam.

Gertrud selbst, durch die harten Tritte erschreckt, öffnete die Tür. Entsetzt, mit ausgestreckten Händen blieb sie stehen und fand keine Worte.

»Na, sieh' mal,« – Kurowski faßte sie an den Schultern und zog sie ins Zimmer – »laß dich mal anschauen ... Schön wie der Tag steht sie mir da, und der Alte depeschiert, als ob's Matthäi am Letzten wäre.«

Gertrud machte sich los und zuckte in einem Nervenschauer.

»Sie haben dich gerufen?« fragte sie ungläubig.

»Aber natürlich. Ich wäre sonst erst Ende der Woche gekommen. Und nun sag' mal, Kind, was ...?«

»Nichts, nichts ... nichts,« sagte Gertrud hastig, und ihr weißes Gesicht fing an zu glühen. »Ich bin gesund, ich werde mitkommen, wenn du willst, Kurt. Gleich – gleich ... Ich will bei dir auch nicht bleiben, aber zunächst komme ich mit. Laß mich nicht eine Stunde länger hier.«

Kurowski sah nach Maggie, die mit gesenktem Kopf in der Tür stand.

»So, so,« sagte Kurowski. »Ihr habt euch gezankt ... Und recht kräftig, scheint mir. Also bitte, Maggie, was ist los? Schnell!«

Er trat auf Maggie zu. Gertrud zog ihn zurück.

»Kurt, eine ehrliche Antwort bekommst du von ihr nicht. Und vom Vater auch nicht. Ich bitte dich noch einmal, frage nicht und nimm mich gleich mit. Gleich. Die hier sind froh, wenn wir weg sind.«

Kurowski faßte seine Frau unter das Kinn, bog ihren Kopf zurück und sah ihr nachdenklich in das erregte Gesicht.

»Bleib oben, Kind,« sagte er dann freundlich. »Ich werde alles besorgen.«

Mit leisem Pfeifen ging er die Treppe langsam hinunter. Maggie folgte ihm. Sie wollte doch den Vater nicht allein mit diesem Manne lassen, der seine brutale, unberechenbare Rücksichtslosigkeit nur für den Augenblick unter ironischer Freundlichkeit versteckte.

Natürlich würde er Gertruds kopflose Übereilung ausnutzen. Es war ja auch gut so. Doch nun, da sie den Schwager wiedergesehen hatte, fühlte sie mit Bangigkeit, was sie Gertrud angetan hatte, und daß es jetzt für immer zu spät wäre, es gutzumachen.

Ihre Bahn war frei. Aber sie hatte Gertrud zugrunde gerichtet.

Verzagt trat sie hinter Kurowski in die Stube des Vaters, auf einen großen, geräuschvollen Auftritt gefaßt.

Aber Kurowski sah sie nur beide belustigt an und begann ein ganz gleichgültiges Gespräch über die Schönheiten der Riviera.

Der Oberförster ließ es eine Weile über sich ergehen, dann brauste er auf.

»Herr, wollen Sie mich zum Narren halten? Was ist also mit meiner Tochter?«

»Ach so,« sagte Kurowski und streckte ihm beide Hände entgegen. »Nun, Sie haben mir ja einen hübschen Dienst erwiesen. Sie haben sie so schlecht behandelt, daß sie sich schleunigst in meine Arme stürzt, nachdem sie mir brieflich kurz und bündig erklärt hatte, daß sie sich scheiden lassen will ... Schönen Dank also, alter Herr ... Übrigens werde ich natürlich dahinterkommen, wer es gewagt hat, meine Frau zu dem Entschluß der Scheidung aufzuhetzen ...«

Maggie sprang auf. »Ich ... ich,« rief sie voller Empörung. »Ich hab' sie beredet ... ich habe Seckersdorf ...« Sie hielt erschrocken inne und konnte seinen funkelnden Blick nicht mehr aushalten ...

Kurowski sah sie in drohendem Erstaunen an.

»Und trotzdem ruft ihr mich eiligst her?« fragte er.

»Ja, ich dulde so etwas nicht,« schrie der Oberförster. »Eine verheiratete Frau! Aber ebensowenig laß ich mir einen Zwang auferlegen. Maggie und ich verkehren, mit wem wir wollen ... Und es schließlich mit dem Seckersdorf verderben ...«

»Papa,« unterbrach Maggie ihn, hochrot vor Scham und Zorn.

Er schwieg. Kurowski sah von ihm zu Maggie. Er fing an den Zusammenhang zu ahnen und lächelte höhnisch.

»Nun, ich werde meine dumme kleine Frau einmal scharf ins Gebet nehmen.«

»Sie werden sie nicht quälen,« rief Maggie heiser.

Kurowski lachte. »Sie soll Brautmutter spielen, wenn Sie Hochzeit mit Seckersdorf machen ... Übrigens, Glück haben Sie mit Ihren Mädels, Papa.«

Er konnte das alles ja nur aufs Geratewohl sagen, doch Maggies totenblasses Gesicht und ihre zornfunkelnden Augen enthüllten ihm die ganze Wahrheit.

»Also noch einmal,« sagte er weiter zu den schweigend Dastehenden. »Mag nun vorgefallen sein, was da will, euch beiden bin ich dankbar. Ich hatte mich doch etwas vergaloppiert, der Gertrud gegenüber, und so gleicht sich das nun aus, und ich hab' meinen kleinen Spaß obendrein.«

»Ich werde in jedem Fall Gertrud schützen,« sagte der Oberförster mit starker Betonung. Und dachte in diesem Augenblick auch, daß er das tun würde.

»Sicher, sicher,« höhnte sein Schwiegersohn. »Aber für heute bitte ich um die Familienkutsche nach dem Bahnhof. Und schönen Dank für die Gastfreundschaft ... Gertrud wird doch fahren können?«

»Ich glaube,« sagte Maggie tonlos. Der Oberförster ging selbst hinaus, um die nötigen Anordnungen zu treffen. Er fürchtete Gertrud ins Gesicht zu sehen und dachte doch mit einem Gefühl banger Erleichterung, daß nun ja alles gut wäre.

Eine Stunde später saß Gertrud wohlverpackt mit ihrem Manne und den Kindern in dem alten Verdeckwagen. Der willenskräftige Mann, die schöne Frau, die er sorgsam stützte, die lebhaften, zärtlichen Knaben, das alles gab das Bild eines vollendet glücklichen Familienlebens. Und doch war Gertrud die Beute einer hoffnungslosen Verzweiflung. Mit weinenden Augen sah sie an der Biegung des Weges noch einmal auf das alte Haus zurück, in dem sie gehofft hatte eine Zuflucht zu finden. Jetzt erst war sie ganz einsam und schutzlos geworden. Enttäuscht in den noch einmal erwachten Glückshoffnungen, verraten vom Vater und Schwester, sollte sie das doppelt zerbrochene Leben weiterführen, vereint mit dem Mann, vor dem sie hatte fliehen müssen ...

Dabei fiel ihr in all dem trostlosen Jammer, in dem auch ihre Kinder ihr vollkommen gleichgültig waren, ein Merkwürdiges auf: Sie hatte mit einmal keine Angst mehr vor ihrem Mann.

Seit diesem Abschiedstage, an dem Maggie übrigens voller Reue und Sehnsucht hinter der verlorenen Schwester herweinte und dem kühler denkenden Vater heftige Vorwürfe machte, daß er jene so ruhig dem »Scheusal Kurowski« überlassen habe, ging in der Oberförsterei alles seinen früheren Gang. Aber das alte Behagen schien aus dem Hause gewichen. Leben und Poesie waren mit Gertrud und den Kindern fortgezogen, und eine unerträgliche Nüchternheit breitete sich überall aus. Und doch konnte das nur Einbildung sein. Man hatte jahrelang so wie jetzt gelebt und nichts vermißt. Die Entfernung von Gertrud war die gleiche, und dennoch, wie anders schien alles!

Der Oberförster hatte in diesen Tagen viel mit Versteigerungen und Terminen zu tun und kam immer müde und verärgert heim. Nachbarbesuche blieben aus, der schlechten Wege halber. Und so waren die beiden Frauen nachdenklich und schweigsam viel für sich. Das konnte nicht so bleiben, sagte sich Maggie eines schönen Morgens. Es war nun genug gegrübelt und getrauert, und hohe Zeit, auf ihren alten Plan, um den sie sich mit so vielem belastet hatte, ernsthaft zurückzukommen. Und von da an ging alles wie am Schnürchen.

Sie teilte Seckersdorf mit, daß Gertrud wieder in Laukischken wäre und bat ihn, schleunigst herüberzukommen. Der Vater war natürlich an dem bestimmten Tage nicht zu Hause, und Fräulein Perl hatte mit der Festschlächterei zu tun. So konnte Maggie unbeachtet dem »armen Freunde« ihr volles Herz ausschütten und ihn zu trösten versuchen.

Das war eine merkwürdige Szene. Hans Seckersdorf trug es mit männlicher Fassung. Er hatte mit stiller Trauer den ihm plötzlich wieder so nah gerückten Jugendtraum verflattern gesehen. Ihm war immer weh zumute, wenn ihm der Name Gertruds durch den Kopf schwirrte, und er lebte mit dem Bewußtsein, daß er sich auf höchstes Lebensglück keine Hoffnung mehr zu machen habe. Das war nun einmal so und nicht zu ändern. Wenn Gertrud gewollt hätte, wäre es wohl möglich gewesen, alle Schwierigkeiten zu besiegen, und er hätte sie auf seinen Händen dafür durchs Leben getragen. Aber er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, daß sie die einmal übernommene Pflicht heilig hielt, und er mußte sie noch mehr verehren darum.

Das alles und mehr sagte er Maggie in schlichten Worten, aus denen die tiefste Empfindung und reinste Ehrlichkeit leuchtete. Und sie, – sie sah mit den rotgeweinten Augen scheu nach dem Papierkorb, aus dem sie Gertruds zerrissenen Brief an ihn hervorgeholt und zusammengesetzt hatte. Der kleine Zettel war ihr dumm und kindisch vorgekommen. Jetzt bei Seckersdorfs Worten klang ihr die rührend unbeholfene Bitte, die er enthalten: »Helfen Sie mir doch,« schrill durch die Seele. Heiße Tränen flossen ihr über das Gesicht. Seckersdorf sah sie aus seinem trüben Sinnen heraus voller Verwirrung an.

»Fräulein Maggie ... Sie weinen?« Er stockte.

Sie schluchzte weiter. »Ach, sehen Sie, daß Gertrud sich solch ein Glück durch ihre Furchtsamkeit verscherzt hat, daß auch Sie darunter leiden müssen ... Und dann die ganze Trennung von ihr ... Es war unbegreiflich, furchtbar ... Sie warf sich dem entsetzlichen Menschen geradezu in die Arme ...«

Und sie erzählte alles, wie jemand, der die inneren Vorgänge nicht kannte, die äußeren auffassen mußte. Danach war freilich die arme Gertrud ein schwächliches Kind, ohne echtes Empfinden, Wachs in der Hand dessen, der sie am besten zu kneten verstand. Sie nahm ihr nicht viel von ihrer Art, aber gerade das Wesentlichste überging sie, die unendliche Herzensgüte, die strahlende Reinheit ihres Wesens und die scheue Vornehmheit, die sich vor jedem Antasten ihrer innersten Gedanken zurückzog, und betonte ausschließlich die große Ängstlichkeit, das Unselbständige, Schwankende, das ihr eigen war und gewiß – wie Maggie hervorhob – einen großen Reiz an Gertrud bildete, nur daß das alles nicht standhielt, sobald das praktische Leben in Frage kam.

Sie, Maggie, hätte ja, robust und tatkräftig wie sie war, gern geholfen, wenigstens anfangs, als Gertrud noch zugänglich war. Dann weinte Maggie wieder und war gar nicht zu beruhigen, und Hans Seckersdorf konnte trotz allen Forschens nicht herausbekommen, warum es zwischen ihnen allen zu einem Bruch hatte kommen müssen.

Desto mehr erfuhr er über Maggies Ansichten und wie sie gehandelt hätte, wenn sie Gertrud gewesen wäre. Da das, abgesehen von allem anderen, sehr schmeichelhaft für ihn war, zeigte er lebhaften Anteil an allem, was sie sagte. Er wehrte ihr Lob ab, er nahm Gertrud fast leidenschaftlich in Schutz, aber zugleich mußte ihn doch der Gedanke beschäftigen, wie schön es gewesen wäre, wenn die Frau, die er nun einmal lieb hatte, in gleicher Weise für ihre Liebe eingetreten wäre.

In den nächsten Tagen trafen sie auf einem großen Diner in Auklappen zusammen. Sie saßen weit voneinander und konnten sich auch zufällig im Laufe des Abends nicht allein sprechen. Maggie merkte wohl, wie ihn das beunruhigte, wie zerstreut er mit seiner Tischdame sprach, wie seine Blicke sie suchten, und welch ein liebes, leises Lächeln über sein ernstes Gesicht flog, wenn ihre Blicke sich trafen.

In solchen Augenblicken schlug Maggies Herz in einer stürmischen Zärtlichkeit für ihn, und sie dachte: »Gott sei Dank, ich bin ihm wirklich gut.« Aber trotzdem hatte sie doch Selbstbeherrschung genug, ihm an diesem Abend vorsichtig aus dem Wege zu gehen.

Darauf kam er, wie sie richtig berechnet hatte, am nächsten Tage zu Pferde, »einer Forstangelegenheit wegen«, blieb zum Kaffee und ritt erst abends wieder fort.

Das nächstemal kam er ohne Vorwand, und von da ab öfter und öfter.

Da wurde in des Oberförsters und Fräulein Perls Gegenwart natürlich nur wenig von Gertrud gesprochen. Da konnte sie wieder die alte, frohe Maggie sein, nur ein klein wenig gedämpfter, und mit einem warmen, kameradschaftlichen Ton für ihn, der dem schlichten, weichen Manne unendlich wohltat. Und dann regte das temperamentvolle Leben, das kraftsprühende Sichausgeben, die unbändige Lebenslust in ihr Seckersdorf, der still und müde geworden war, ersichtlich an.

»Weiß Gott, wie es kommt, Fräulein Maggie,« sagte er einmal, »auch wenn man sehr ernsthafte, traurige Dinge mit Ihnen bespricht ... Man versöhnt sich ordentlich mit ihnen, findet es gut, daß man sie erlebt hat ...«

»Was für ernsthafte Dinge besprecht ihr denn, wenn man fragen darf?« fragte der Oberförster darauf, mit einem Versuch, sie zu necken.

Da sahen sich die beiden groß an und schwiegen befangen.

Alles in allem war das Leben in dieser Zeit schön. Mit dem Gedanken an Gertrud war Maggie bald fertig geworden. Einmal hatte diese einen kühlen, bläßlich zufriedenen Brief geschrieben, nach dem es ihr gut zu gehen schien, und dann wurde auch alles widrige Grübeln übertäubt durch den großen Reiz, diese Tage der Spannung auszukosten. Immer das Ziel vor Augen, halb Komödie spielend, halb ehrlich, immer in der Beklommenheit junger heißblütiger Menschen bei häufigem Alleinsein, immer in der Erwartung der Entscheidung und doch instinktiv sie hinauszögernd.

Es verging schließlich kein Tag mehr, an dem man sich nicht sah, und von Gertrud wurde immer weniger gesprochen. Vergessen hatte er sie noch nicht; Maggie kannte den wehmütig scheuen Blick längst, der in Gedanken an sie sein Gesicht belebte, aber auch der kam seltener.

Einmal liefen sie in den Garten hinaus, eine Vogelspur festzustellen. Seine schmalen Gänge waren unter dem Schnee scharf gefroren. Maggie glitt aus, Seckersdorf stützte sie, und sie lag eine Sekunde fest an ihn gelehnt.

Er preßte sie heftig an sich, dann ließ er sie schnell los, sah sie mit maßlosem Erstaunen an und schüttelte den Kopf. Sie waren beide verlegen und konnten auch später im Zimmer in kein rechtes Gespräch mehr kommen.

Solche kleine Zwischenfälle wiederholten sich, ohne daß es zu einer Aussprache kam. Der Oberförster fing an, verstimmt zu werden, wenn Seckersdorf erschien, auch Maggie wurde zuweilen die Zeit etwas lang. Aber sie blieb vorsichtig, und zog sich eher zurück, als daß sie ihm in seiner Unbeholfenheit einen Schritt entgegengekommen wäre.

Darüber kam das Weihnachtsfest näher. Seckersdorf sollte dazu nach Sachsen zurück, und dann wollte er mit seinem Onkel beraten, ob er dort oder hier in Ostpreußen seinen dauernden Wohnsitz nehmen würde.

Eines Nachmittags, der Oberförster war hinausgegangen, und man hörte sein Schelten von dem Hof her, erzählte Seckersdorf Maggie davon, während er im Zimmer umherging. Sie saß mit einer Bescherungsarbeit am Fenster. Bei seinen Worten kam ihr zum erstenmal seit ihrer Bekanntschaft eine furchtbare Angst, daß sie sich am Ende verrechnet haben könnte. Wenn er so unbefangen von seinem Fortgehen sprach, wenn ihn nichts fesselte ... Sie wurde totenblaß vor Erregung und Bangigkeit.

»Was ist Ihnen, Maggie?« fragte er herzlich, »Sie sehen nicht gut aus.«

Sie schüttelte mit einem traurigen Lächeln den Kopf. »Also Sie gehen bestimmt?« fragte sie beklommen und legte ihre Arbeit fort.

Er trat zu ihr in die Fensternische. Sie sahen sich einen Augenblick an, fragend, warm, schwer atmend.

Sie sprang hastig auf und streifte ihn dabei. Er zuckte zusammen.

»Maggie?« sagte er unsicher.

»Was?«

»Kann das sein?«

»Was?« fragte sie noch einmal leise.

»Ist das möglich, daß wir – uns gut sind?«

»Ich glaube,« sagte sie mit hellem Aufjauchzen.

Da griff er nach ihr; sie warf sich an seine Brust, und sie küßten sich, wie Verdürstende, die sich endlich, endlich satt trinken.

So wurde Maggie Hagedorn Hans Seckersdorfs Braut.

Für Gertrud hatten sich die Tage in Laukischken nach der letzten furchtbaren Zeit zu Hause erträglich gestaltet.

Als sie an dem ersten Abend, durch die Vorsorge ihres Mannes, das ganze raffiniert luxuriöse Wohnhaus erleuchtet und warm vorfand, überkam sie zunächst ein Gefühl von rein körperlichem Wohlbehagen.

Sie wunderte sich, daß das nach solchen Erlebnissen und im Kampf mit solchen Entschlüssen möglich sein konnte, aber es war so. Ihr Mann, teils aus Berechnung, teils aus Launenhaftigkeit, ließ sie in Ruhe, nachdem er einmal den Versuch gemacht hatte, sie über die Einzelheiten ihres Zerwürfnisses mit den Ihren auszufragen.

»Ich möchte nicht darüber sprechen,« hatte sie kühl erwidert, und schließlich gar, als er in seiner alten Art herrisch und spottend sie doch dazu hatte zwingen wollen, gesagt, daß sie sich nicht mehr als seine Frau betrachte, und aufrecht halte, was sie ihm geschrieben hatte.

Er hatte ihre Worte ins Lächerliche gezogen, sie aber dann ein paar Tage ganz unbehelligt gelassen.

Und als sie äußerlich gleichmütig und kühl, bei aller innerlichen Zerbrochenheit, Morgen und Abend vergehen ließ, ohne sich ihm gegenüber zu ändern, hatte er, dem ein solcher Zustand unerträglich schien, eine große Aussprache herbeigeführt.

Er hatte ihr die Folgen einer Scheidung klargemacht, bei der eine Frau immer den Kürzeren zog.

Dann hatte Kurowski ernsthaft mit ihr gesprochen, wie noch nie im Leben. Er hatte ihr gesagt, daß er prinzipiell in eine Trennung einwilligen würde, ihr dann aber den Vorschlag gemacht, der Kinder wegen noch einmal zu versuchen, mit ihm zusammen zu leben, wie es sich für zwei praktische, nüchterne Leute, die nach außen hin Verpflichtungen haben, geziemte. Er wollte ihr vor der Welt keine Veranlassung mehr geben, sich zu beklagen, von ihr nichts verlangen, als was sie ihm gutwillig gäbe, und sich nur die Freiheit seiner Wege vorbehalten.

Die klare und eindringliche Art seiner Auseinandersetzungen war eine Wohltat für Gertrud gewesen und hatte im Augenblick alles, was sie fühlte, zurückgedrängt gegen das, was so verstandesmäßig an sie herantrat.

Ohne viel zu überlegen, hatte sie eingewilligt, diesen Versuch zu machen, und die Unterredung in einer Haltung zu Ende geführt, durch die ihrem Mann unwillkürlich Respekt abgenötigt worden war.

Und danach atmete sie auf und fing zum erstenmal an, sich als Hausfrau zu fühlen.

Sie mochte nicht immerzu über die Bosheit grübeln, die man ihr angetan hatte, über die Schande, in die sie bald gesunken wäre, – sie wollte schaffen, ihre Pflicht tun. Und sobald sie diese Absicht zeigte, meldeten sich von allen Seiten die Leute bei ihr, die bisher nach dem knappen Befehl des Herrn auf eigene Verantwortung geschafft hatten.

Aber sie war so unwissend. Sie konnte fast nie Bescheid geben. Sie mußte sich mühsam durch Nachdenken und Beobachten herausklauben, was anderen durch Gewohnheit und Übung selbstverständlich ist.

Manchmal fragte sie sich selbst erstaunt, wie das möglich gewesen sei, so lange in diesem Hause zu leben und es so wenig zu kennen. Da war allerdings eine alte Mamsell über dem Ganzen tätig gewesen, die Vertraute des ganzen weiblichen Dienstpersonals, soweit es dem »gnädigen Herrn« zusagte.

Diese Person, deren Anwesenheit in ihrem Hause ein Vorwurf für sie gewesen war, hatte sie nicht mehr vorgefunden, als sie wiederkam, ein stillschweigendes Zugeständnis ihres Mannes, mit dem sie jetzt einverstanden war, da sie dadurch zum selbständigen Disponieren gezwungen wurde.

Ihr anfänglich fester Entschluß, sich doch von ihrem Manne zu trennen, verblaßte mit der zunehmenden Tätigkeit. Nicht nur aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit gegen das äußere Leben, oder weil sie ihrem Gatten etwa freundlicher gesonnen gewesen wäre; vielmehr ging ihr in dieser Zeit, in der sie zum erstenmal sich bemühte, ihren Pflichten gerecht zu werden, wie es das Leben von jedem ausnahmslos fordert, ein Schimmer der Erkenntnis auf, daß es weniger auf Glück oder Unglück ankommt, sondern darauf, den Platz, den einem das Schicksal nun mal angewiesen hat, mit Ehren auszufüllen.

Ihr Mann war viel auswärts und kümmerte sich anscheinend auch im Hause nicht viel um sie; die neue Erzieherin erwies sich als ein liebenswürdiges, gescheites Mädchen, mit der sie gern ab und zu plauderte. Gesellschaften besuchte sie unter dem Vorwande ihrer Kränklichkeit nicht; und so ging das Leben in ebenmäßigem Gleise weiter, ohne Widerwärtigkeiten, aber in grauer Eintönigkeit. Von Hause hatte sie nur einen Brief durch Fräulein Perl erhalten, der bloß vom Alleräußerlichsten sprach, von Seckersdorf war zufällig bei den paar Nachbarbesuchen nicht die Rede gewesen, und so hörte sie nichts mehr von allem, was sie in den letzten Wochen so bitter gequält und mit so widersprechenden Glücksgefühlen erfüllt hatte. Das war sehr gut, sehr gut, sagte sie sich abends und morgens.

Da kam kurz vor Weihnachten ein Brief ihres Vaters an seine »lieben Kinder«.

Kurowski, im Begriffe, mit den Jungen auszufahren, las ihn im Stehen und lachte hell auf.

»Da,« rief er zu Gertrud herüber, die mit klopfendem Herzen darauf wartete, den Inhalt zu erfahren.

»Maggie hat sich mit Seckersdorf verlobt. Der Alte ist natürlich höllisch ... Na, was ist das?«

Gertrud sah ihn halb abwesend an. Sie schien erstarrt zu sein.

Kurowski sprang zu ihr. »Nimm dich zusammen,« zürnte er. »Was soll das heißen?«

Gertrud richtete sich auf. Heiße Tränen liefen ihr übers Gesicht.

»Weinen, – hier vor meinen Augen weinen!«, schrie Kurowski empört. »Das ist allerdings stark.«

»Kurt,« sagte Gertrud leise, »tu', was du willst. Du weißt es ja, daß ich ihn lieb gehabt habe. Und Maggie nimmt ihn nur aus Berechnung.« Der zornige Ausdruck in Kurowskis Gesicht ging in einen höhnischen über.

»So,« sagte er, seinen Bart streichend. »Nun, wir reisen jedenfalls hin, um zu gratulieren.«

Gertrud sah ihn mit gequälten Augen an. »Nein,« sagte sie.

»So entschlossen? Nun, ich sage: Ja!«

»Kurt, besteh' nicht darauf, ich tue es nicht.«

Als sie sich so zu ihm neigte, schön wie der Tag, mit einem fremden, entschlossenen Zug im Gesicht, packte ihn plötzlich eine rasende Eifersucht. Er faßte sie an den Schultern.

»Was ist vorgefallen zwischen dir und jenem Hund? Gesteh! Du hast dich mit ihm getroffen, ich bin betrogen!«

Fast an der gleichen Stelle, vor ihrer Flucht, hatte Gertrud denselben Vorwurf wie einen Faustschlag empfunden und geschwiegen. Heute, wo sie sich nicht so rein fühlte wie damals, verteidigte sie sich. Sie gab ihr Wort, daß sie Seckersdorf nie gesehen hätte.

Und Kurowski glaubte ihr. Er empfand wohl auch, daß er an diese Dinge besser nicht mehr rührte, und nahm von einem Gratulationsbesuche Abstand.

»Unter der Bedingung, daß wir sofort, meinetwegen nach Berlin, abreisen und in sechs Wochen zu ihrer Hochzeit zurückkommen,« sagte er.

Gertrud atmete erleichtert auf. Wenn sie ihnen nur jetzt nicht heuchlerisch die Hand drücken mußte!

»Zur Hochzeit gehen wir also bestimmt hin,« wiederholte ihr Mann finster, »damit den Leuten endlich mal der Mund gestopft wird. Du weißt, ich lasse nicht mit mir spaßen. Und der Seckersdorf soll sich nichts mehr einzubilden haben, wie damals – verstanden?«

Gertrud schauderte zusammen. »Verlaß dich drauf,« sagte sie tonlos und lief hastig aus dem Zimmer.

Sie wußte nicht, was am bittersten weh tat, Groll, Verachtung, Gedemütigtsein, oder das zum Äußersten gesteigerte Bewußtsein des Verlustes.

»Lieber Gott,« betete sie wimmernd, »gib mir einen großen Stolz, einen unbändigen Stolz, oder laß mich sterben.«

Maggie war nun zufrieden. Die alltäglichen kleinen Aufregungen der Brautzeit, die teils gutgemeinten, teils neidischen Glückwunschbesuche der Nachbarn und Freunde, die Beratungen über die nächsterforderlichen Einrichtungen, das alles nahm ihre Zeit und ihre Gedanken so sehr in Anspruch, daß sie sich nicht mehr weiter in Grübeleien vertiefte.

Sie hatte auch schon genug damit zu tun, sie ihrem Bräutigam fernzuhalten, und oft, wenn er neben ihr saß, ihre Hand schlaff in der seinen haltend und ihr ruhig und freundlich in die Augen sehend, empfand sie einen Stich in dem Gedanken: wäre er ebenso gelassen zärtlich, wenn sie hier neben ihm säße? Und in der Erinnerung sah sie seine Blicke fest und heiß werden, so oft sie damals, als sie noch Gertruds Verbündete war, von ihr gesprochen hatte.

Das tat sie übrigens jetzt auch. Kurowskis waren ja gerade im Begriff gewesen, eine verspätete Hochzeitsreise zu machen – wie Maggie deren Fahrt nach Berlin zu nennen pflegte –, als ihre Verlobungsnachricht in Laukischken eingetroffen war, und so hatten sie sich nicht mehr gesehen. Aber Gertrud schrieb zuweilen von Berlin aus an Fräulein Perl, und da war viel von Hofbällen, von Auszeichnungen der Majestäten, viel von »Kurt« die Rede, und den Schluß machten immer »freundliche Grüße« für den Vater und das Brautpaar.

Darüber gab es dann natürlich zu reden, und Maggie war auch überzeugt, daß es zweckmäßig wäre, den Namen der Schwester unbefangen und oft zu nennen. Seckersdorf gewöhnte sich daran und zeigte keine so merkbare Bewegung mehr, wie im Anfang.

Ob er ihr, seiner Braut, nun aber wirklich gut geworden war? Natürlich! Er war sogar verliebt, er behandelte sie als gleichberechtigten Kameraden, aber ... es war doch gut, daß sie im Grunde auch nicht alles gab, was sie hier und da einmal heiß in sich aufbrausen fühlte ... Nicht für ihn, für niemand, den sie kannte; sie suchte in Gedanken, aber es war wirklich niemand da. Und so küßte sie wieder, wie Hans Seckersdorf sie küßte, und dachte oft dabei an die große Flamme, die einmal in ihm gebrannt hatte, und ob die für immer ausgelöscht sei ...

Mit Gertrud und ihrem Schicksal beschäftigte sie sich nicht viel. Sie wollte deren glänzende äußere Erlebnisse, von denen sie hörte, als Tatsachen nehmen und nicht über der Schwester Seelenzustand grübeln. Sie machte es diesmal ebenso wie ihr Vater, und der war ja sein Lebtag bei dieser Art, die Dinge anzuschauen, gut fortgekommen.

Vor einem Zusammentreffen an ihrer Hochzeit, das Kurowskis angekündigt hatten, war ihr nicht sehr bange, weil sie eigentlich nicht daran glaubte. Auch Hans hatte sie einmal nach langem Zögern gefragt, ob die Laukischker wohl im Ernst daran dächten.

»Selbstverständlich,« hatte sie zwar gesagt, aber sie war innerlich doch davon überzeugt, daß Gertrud es nicht über sich gewinnen würde, zu Seckersdorfs Hochzeit zu kommen.

Darüber rückte der Februar und der Hochzeitstag heran. Reise- und Übersiedlungspläne brachten immer mehr Unruhe in das tägliche Leben. Die Ausstattung war besorgt, Erwägungen über die Art der Festlichkeiten kamen an die Reihe. Maggie nahm das nicht leicht.

Sie überlegte, wie sich alles für sie am vorteilhaftesten machte, und ordnete danach an. In jeder Weise war sie darauf bedacht, ihre äußere Erscheinung zu glänzender Geltung zu bringen, und ihre Hochzeitstoilette bereitete ihr ein paar schlaflose Nächte.

Zuweilen überkam sie ein Ekel vor all diesen Oberflächlichkeiten, die jetzt ihr Leben ausfüllten; aber sie überwand ihn und redete sich schließlich immer wieder das »große Ziel« ein, das sie in kurzer Zeit nun erreicht haben würde.

Wenn Gertrud doch nicht käme! Vor einer blassen, vergrämten Gertrud hätte sie sich ihr Leben lang fürchten müssen. In ihrer Phantasie natürlich, denn Hans, sobald sie seine Frau wäre, würde an keine andere mehr denken, dessen war sie sicher.

Aber Gertrud kam.

Einen Tag vor dem Polterabend traf, mit einem kostbaren Schmuck von Kurowskis, ihre Zusage für den nächsten Tag ein.

Seckersdorf nahm die Nachricht anscheinend gleichgültig auf; Maggie, aufgeregt und in Anspruch genommen, legte im Augenblick nun auch nicht so viel Gewicht darauf, wie die ganze Zeit vorher, und der Oberförster war von Herzen froh, denn mit diesem Kommen waren die fatalen Ereignisse des letzten Winters und jede Spannung zwischen Kurowskis und ihm fortgewischt.

Und nun war der Tag da. Das ganze Haus hatte ein anderes Aussehen. Alles war geräumt, um Platz für die Gäste zu schaffen, die in großer Menge erwartet wurden, und sämtliche Zimmer und Durchgänge mit Tannenbäumen, -zweigen und Girlanden geschmückt. Gertrud hatte es sich bei ihrer Hochzeit schon so gewünscht, um zum letztenmal ihren Wald um sich zu haben. Maggie war nicht so sentimental; sie hatte denselben Schmuck gewählt, weil er am leichtesten herstellbar, wirkungsvoll und leicht zu beschaffen war. Sie kommandierte auch heute noch herum, traf Änderungen, beschäftigte die Leute, und nahm Fräulein Perl alles aus der Hand. Sie fühlte sich recht als Siegerin.

Als aber am Nachmittag das Laukischker Fuhrwerk ankam, stand ihr das Herz doch still. Sehr blaß trat sie den Aussteigenden entgegen und wagte im ersten Augenblick nicht, der Schwester ins Gesicht zu sehen. Der Schwager begrüßte sie laut, während Gertrud in kühlem Herabneigen das Gesicht leicht an sie legte, ohne sie zu küssen.

Das hieß: »Ich habe nicht vergessen.«

Trotzig sah sie nun auf – und fuhr fast zurück. Gertrud leuchtete ihr in einer Schönheit entgegen, die sie noch nie an einer Frau wahrgenommen hatte.

Auch der Vater und Fräulein Perl machten ihre staunenden Bemerkungen darüber.

Gertrud sagte nichts, aber Maggie bemerkte mit Bangen einen neuen selbstbewußten, ja triumphierenden Zug in dem regelmäßig stolzen Gesicht, das sie sich in Gedanken blaß und gramzerstört vorgestellt hatte.

»Ja, die weiß sich jetzt zur Geltung zu bringen, die schüchterne, bescheidene Gertrud,« bemerkte ihr Mann. »Nicht wiederzuerkennen, sag' ich euch, seit sie ein bißchen Weltluft geschmeckt hat. Aber das war auch 'ne feine Sache, dieses Berlin, nicht wahr, Kleine?«

Gertrud nickte freundlich, ohne recht auf das zu hören, was Kurowski sagte. Mit hochmütig nachdenklichem Blick musterte sie ihre frühere Welt, in der sie so viel gelitten hatte.

Ihr Mann und Maggie sprachen noch eine Weile, während man in Eile und Ungemütlichkeit Kaffee trank und der Oberförster und Fräulein Perl über eine Weinfrage verhandelten. Gertrud wollte sich nicht angreifen vor dem Abend und erkundigte sich nach ihrem Zimmer. Es war das alte. Wann der Bräutigam denn käme, und wann die Geschichte eigentlich beginnen sollte, fragte Kurowski. Maggie gab Auskunft. Seckersdorf würde wie die anderen Gäste um halb acht erwartet. Jetzt war's vier Uhr. Gertrud stand auf und meinte, Maggie sollte sich auch noch zurückziehen; sie sprach in gleichgültig freundlichem Ton und schien nicht zu ahnen, wie fassungslos Maggie gerade darüber war.

»Sie muß diese Maske fallen lassen,« dachte diese zuletzt. »Ich werde sie zu einer Aussprache zwingen, mag es ausfallen, wie es will.«

Sie begleitete Gertrud hinauf in das früher von ihr bewohnte Zimmer, das jetzt für diese und ihren Mann hergerichtet war. Sie blieb vor ihr stehen und musterte sie mit herausforderndem Blick.

Aber Gertrud sagte nur: »Danke, – wenn es dir recht ist, möchte ich allein bleiben. Ich fange um halb sechs an, Toilette zu machen; soll meine Jungfer dir später helfen?«

Und damit trat Gertrud zu einem der Betten, von dem ihr Kleid, eine weißsilberne Wolke, Brokat- und Spitzengewebe, glitzernd und duftig herabfiel.

Mit Tränen des Zornes und der Scham ging Maggie hinaus, und das Herz schnürte sich ihr zusammen.

Das silberdurchwebte Ballkleidchen fiel ihr ein, in dem Gertrud zu jener ersten Vokeller Gesellschaft gefahren war, lachend und zärtlich gegen sie.

»Sie will mich ausstechen,« dachte sie plötzlich voll Schreck. »Sie hat absichtlich ein ähnliches Kleid gewählt, wie das von damals, und sie ist so viel schöner als zu jener Zeit ... Aber sie wird herablassend gleichgültig gegen Hans sein,« beruhigte sie sich dann. »Sie wird ihm die große Dame zeigen, und das wird ihn sicherlich nicht reizen.«

So durchgrübelte sie voll Unruhe die letzten einsamen Stunden ihres Mädchenlebens und dachte inzwischen immer: »Gott sei Dank, morgen ist alles vorbei. Dann habe ich nichts mehr zu fürchten und fange mein neues Leben an.«

Gertrud war fertig. Sie stand wie eine Königin in ihrer glänzenden Toilette da, aus der sie wie eine stolze, wunderschöne Blume leuchtend und rein herausblühte. Das kleine Köpfchen auf dem schlanken Hals trug seine weißschimmernde Haarpracht wie eine Krone, ihre Augen, dunkler und fester im Blick geworden, strahlten aus dem feinen, zartgefärbten Gesicht.

Ihr Mann, der nun zum Ankleiden heraufkam, betrachtete sie mit Kennerblicken und sagte lachend:

»Du, wenn es für einen Ehemann nicht moralischer Ruin wäre, sich in seine Frau zu verlieben, heute weiß ich beinah' nicht ...«

Er küßte sie leicht auf die zierliche nackte Schulter.

Sie stand ganz still und sah nachdenklich an ihm vorbei.

»Nun, so stumm und steif? Woran denken wir?«

Gertrud wurde rot. »Ich ärgere mich über die Art, wie du sprichst,« sagte sie.

»Freue dich lieber darüber, nach unserem siebenjährigen Krieg,« meinte er phlegmatisch und streckte den Arm nach ihr aus.

Gertrud wich zurück. »Nicht doch! Ich geh' hinab. Beeile dich auch, es ist gleich sieben Uhr.«

Vorsichtig ging sie die Treppe hinunter und in die bereits hell erleuchteten Zimmer, die sie geradeso schon einmal gesehen hatte.

Alles war still und leer, die Leute draußen beschäftigt. Ab und zu drang ein Gläserklirren oder ein unterdrücktes Durcheinandersprechen aus den hinteren Räumen herein. Sonst knisterten nur die Wachskerzen in dem Tannengrün, und die Hängelampen und Kronleuchter summten.

Es war ein eigenes Gefühl, da so einsam hin und her zu gehen. Fast wie ein Traum. Allerlei Erinnerungen an Jugend und Weihnachten, harmlos und feierlich, tauchten in ihr auf. Andere drängten sich nach, hier ein Ton, hier ein Bild aus einer lang vergangenen Zeit, und allmählich sproßte, über alles hinauswachsend, alles untereinander verbindend, ein herbes Wehgefühl in Gertruds wirren Grübeleien auf. Sie fröstelte, und doch schlug ihr Herz schnell und ihre Hände brannten. »Gott sei Dank,« sagte sie dabei zu sich selbst, »daß mir das alles nichts mehr macht. Gott sei Dank, daß sie mir gleichgültig ist, und daß ich ihm freundlich und kühl die Hand reichen kann. Herrgott, ich danke dir, daß du mich hast stolz werden lassen. Was finge ich heute an ohne meinen Stolz?« Sie überhörte den Wagen, der vorfuhr, überhörte das Öffnen der Tür.

Als sie aufsah, stand sie vor Hans Seckersdorf. Ihrer beider Blicke sogen sich ineinander.

Langsam trat sie zu ihm. Er hob die Arme, er breitete sie aus, und mit leisem Schrei warf sie sich hinein.

Sie sagten nichts, sie küßten sich nicht, aber sie hielten sich fest, fest wie zusammengeschmiedet, und ihre Herzen schlugen gegeneinander.

Und alles blieb still und leer.

»Trude,« stammelte er endlich. »Trude!«

Sie rührte sich nicht.

Noch einen Augenblick, dann riß er sich los. Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn.

»Barmherzigkeit, Trude ... ist das denn wahr? Sind wir wahnsinnig?«

Sie legte den Kopf wieder an seine Schulter. Und er deckte seine große Hand darauf.

»Trude, Einziggeliebtes ... Trude ...« Ein Windstoß schlug an das Fenster. Da raffte sie sich auf.

»Komm,« sagte sie heiser.

Er streichelte ihr Haar. Große Tränen standen in seinen Augen.

»Erbarm' dich doch ... Trude ...«

»So komm doch. Mein Pelz ist in der Garderobe. Laß deinen Schlitten vorfahren und komm schnell,« sagte sie noch einmal hastig.

»Aber Kind, wohin, um Gottes willen ... wohin?« rief er verzweiflungsvoll.

»Gleichviel – leben – sterben ... nur zusammen bleiben.«

»Nicht quälen, nicht quälen,« bat er mit erstickter Stimme. »Kind, geliebtes, wir müssen uns in die Trennung finden ... Aber warum, Trude, warum hast du das getan?«

Sie sah ihn mit dunklen Augen an.

»Trennung?« sagte sie. »Nein, das geht nicht. Ich darf dich nur ansehen, und ich weiß, das geht nicht. Wir verlieren Zeit ... schnell, fort ...«

Er preßte die Hände zusammen, er flüsterte abgebrochene Liebesworte, starrte sie wie besinnungslos an. Aber er blieb stehen.

»Warum kamst du nicht früher?« stöhnte er. »Wie sollen wir nun leben? Trude, warum hast du mir das getan?«

»Maggie –« stammelte Gertrud. Aber das war eine so alte, lange Geschichte.

»Ich bin wahnsinnig gewesen,« sagte sie hastig. »Zuerst – dann hab' ich wieder an Stolz, an elenden Stolz gedacht und Grundsätze, und ich weiß nicht was alles. Aber jetzt weiß ich ... das alles war Schein. Das einzig Wirkliche im ganzen Leben ist, daß ich dich liebe, grenzenlos, unsagbar ... Ich flehe dich an, nimm mich! Ich frage nach nichts mehr in der ganzen Welt, Kindern, Vater, wenn du nur ...«

Und während sie atemlos, fremd ihrem sonstigen Wesen diese Worte hervorsprudelte, hing sie sich an seinen Hals, glühend, zitternd, mit sprühenden Augen.

»Komm doch,« flüsterte sie.

Die Schauer, unter denen ihr Leib erbebte, durchrieselten auch ihn.

Er schwankte. Er murmelte etwas von Versuchung, während seine Lippen die des geliebten Weibes suchten.

Sie hob den Kopf und sah ihn an.

»Versuchung ... ja ... ich hab' so lange dagegen gekämpft, gegen die Versuchung; und ein Blick in dein Gesicht sagt mir heut wie vor Jahren, wie zwecklos – Du ... halt mich fest ... halt jetzt mich fest ...«

Ihre Stimme versagte.

Er löste sich sanft von ihr und sah sie mit überströmenden Augen an.

»Weil ich dich lieber habe als mein Leben, Gertrud, fleh' ich dich an: Komm zu dir! Trude, es geht doch nicht ... es geht nicht mehr ...«

Sie wurde schneeweiß und warf sich in einen Lehnstuhl.

»Du willst mich nicht?« fragte sie. Todesschreck verzerrte ihr Gesicht. »Du liebst also doch Maggie?«

»Maggie!« sagte Seckersdorf tonlos und preßte beide Fäuste an den Kopf. Es schüttelte ihn wie ein Fieberschauer, von seinen bebenden Lippen rang sich kaum hörbar ein Wort: »Lebe wohl ...«

»Gertrud, leb' wohl,« sagte er dann fester. »Wir zwei, wir sind am Glück vorbeigegangen. Und diese Sünde rächt sich nun an uns. Wir müssen es tragen. Tapfer sein, Kind, tapfer ...«

Wie eine eiskalte Welle dröhnten die Worte ihr ins Ohr. Sie wollte schreien, aber sie konnte nicht, sie wollte ihn an sich reißen, aber die Arme versagten. Sie zitterte. Dann machte sie die Augen weit auf; sie sah voller Scheu in das blasse angstvolle Gesicht Hans Seckersdorfs, und sah hinter ihm, im Nebenzimmer, Maggie, geisterhaft blaß, auftauchen und verschwinden.

Sie griff nach der Stirn.

»Um Gottes willen.« Sie sprang auf, spähte hinein. »Niemand. Ich muß geträumt haben,« stieß sie hervor. »Wenn ich etwas gesagt habe ... und ich weiß, ich habe ... vergessen Sie's, ich bitte Sie ... vergessen ...« Sie winkte mit der Hand und ging hastig hinaus.

Der Abend mit den üblichen Aufführungen, dem darauf folgenden Souper und Tanz verlief programmäßig. Das Brautpaar machte in liebenswürdigster Weise und nicht gar so sehr ineinander versunken, wie es sonst zu sein pflegt, die Honneurs, und alle Gäste fühlten voller Befriedigung, daß sie ein harmonisches Familienfest mitfeiern halfen.

Auch daß man die Kurowskis, über deren Haushalt in letzter Zeit viel geredet worden war, in so gutem Einvernehmen sah, erhöhte das Behagen aller, die Gertrud von früher her kannten und sie jetzt, den Gerüchten nach, beklagt hatten.

Man staunte ihre märchenhafte Schönheit, die manche überirdisch, manche aber auch fieberhaft nannten, an, und man fand es sehr begreiflich, daß Kurowski wenig von ihrer Seite wich. Nur, daß er sie begleitete, als sie sich bald nach dem Souper zurückzog, und auch nicht wieder zum Vorschein kam, fiel hier und da auf, wurde schließlich aber in dem angeregten und frohen Treiben nicht weiter erörtert.

Am nächsten Morgen wurden Seckersdorf und Maggie getraut. Beim Hochzeitsmahl hielt Kurowski eine launige Rede, in der er dem jungen Gatten dasselbe Glück wünschte, wie er es an der Seite der ältesten Tochter des Hauses gefunden habe.

Der Oberförster Hagedorn feierte seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Da es der letzte war, den er im Amt verleben wollte, hatte er den Wunsch ausgesprochen, seine Kinder noch einmal zusammen bei sich zu sehen.

In den sieben Jahren, die seit Maggies Hochzeit vergangen waren, hatte er mit Kurowskis in stetem, wenn auch flüchtigem Verkehr gestanden, Seckersdorfs dagegen auf Neusenburg, ihrem sächsischen Gut, nur zweimal besucht. Aber das war für ihn auch genügend gewesen, da seiner Meinung nach alles in bester Ordnung seinen Gang ging, bis auf die Kinderlosigkeit Maggies, die ihn um so mehr kränkte, als bei Kurowskis noch zwei kleine Mädchen eingekehrt waren.

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