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Alte Nester

Zweites Buch

Reading edition

Erstes Kapitel.

Es ist nichts leichter, aber auch nichts schwerer, als eine gute Grabrede zu halten. Ich für mein Teil aber bleibe unter allen Umständen gern davon und lasse jedem beliebigen anderen das Wort. In dem vorliegenden Fall sprach der Vetter Just am Grabe, und er hielt seine Rede mit dem Regenschirm als Kanzeldach über sich, und der Regen fiel, während er so vor sich hinbrummte, fein und leise nieder auf den kleinen, frischen Hügel zu unseren Füßen.

Wir beide, der Vetter Just Everstein und ich, standen noch allein neben diesem Hügel. Die übrigen Trauergäste hatten bereits wieder ihre Kutschen bestiegen und waren abgefahren — Durchlaucht, der Herr Vetter **, unter ihnen. Der gutmütige Mann hatte es sich nicht nehmen lassen, gleichfalls, wenn auch etwas incognito, seiner kleinen Verwandten das letzte Geleit zu geben. Er und der Vetter Just hatten in dem ersten Wagen den winzigen Sarg auf dem Rücksitz vor sich gehabt, und der Vetter Just konnte späterhin die Bemerkungen, die der andere Vetter während der Fahrt gemacht hatte, nur loben. Das leichte aristokratische Unbehagen darüber, daß die Leiche nicht in dem Erbbegräbnisse zu Dorf Werden beigesetzt werde, hatte der Bauer vom Steinhof ebenso leicht dem illustren Herrn hingehen lassen, und das feste Versprechen desselben, auch fernerhin der armen Mutter nach seinen „beschränkten Verhältnissen“ ein treuer Freund bleiben zu wollen, durch die Bemerkung, daß man der guten Freunde nie genug haben könne, entschieden gewürdigt. Aber ebenso entschieden hatte er dann seine Meinung dahin ausgesprochen, das Beste werde sein, er, der Vetter Just, nehme fürs erste die Frau Baronin mal mit sich nach dem Steinhofe:

„Und wenn auch nur, um den Nerven in der Nähe der alten Heimat Zeit zu gönnen, sich zu beruhigen.“ — — — — —

Doch nun zu der Grabpredigt, die der Vetter Just der Kleinen hielt.

„Müde zu Bette gebracht,“ murmelte er. „Keine Mama kann doch die Decke wärmer überlegen als Mutter Erde. Von dir gesagt, Fritz, klänge das gar nicht neu; aber für mich als Landwirt ist hier das Allerälteste immerdar das Neueste und klingt auch so. Meinst du nicht? — Nun sagt die Mama: schlaf wohl und träume einen hübschen Traum, mein Herze; oder noch besser, träume gar nicht, denn das letztere soll das Gesundeste sein. — Hast du etwas weiteres bei dieser traurigen Gelegenheit zu bemerken, Doktor? Wenn die Kinder zu Bette gegangen sind, pflegen doch gewöhnlich die Erwachsenen von ihren wichtigen Geschäften und Angelegenheiten zu reden, oder holen die besten Ratschläge für den nächsten Morgen hervor.“

„Sage du nur, was du zu sagen hast, Just, — sowohl über die Schlafenden wie über die Wachenden.“

„Zu sagen habe ich eigentlich nichts,“ meinte der Vetter, mehr zu sich selber als zu mir gewendet. „Ich habe nur immer gefunden, daß solch ein Kinderbegräbnis ein eigen Ding ist. Du hast wohl weniger Gelegenheit als ich gehabt, dabei anwesend zu sein; auf den Zwischenstationen zwischen der alten und der neuen Welt, in den jungen Ansiedelungen im Walde und dann und wann auch ein bißchen im Sumpfe hat man freilich mehr dergleichen. Der Mensch muß überall wie jedes andere Gewächs aus dem Boden herauswachsen, um ihn mit der dazu passenden Luft und dem Witterungswechsel von Anfang an gleich vertragen zu können und behaglich darauf zu leben und alt darauf zu werden. Ich habe den Steinhof auch nur deshalb zurückgekauft, und ich nehme unsere Irene einzig und allein aus demselben Grunde mit mir dahin zurück, und — du bist auch auf dem alten Stammgrund willkommen, alter Eingeborener, — natürlich wenn es dir deine Zeit erlaubt und du dich noch nicht bis zum Ekel an unseren früheren Verhältnissen hier akklimatisiert hast.“

Da hätten wir denn wohl hiermit eine Grabrede für die Mehrzahl der Erdenbewohner; denn für wie lange ist es dem Menschen gestattet, in dem Boden zu wurzeln, aus dem er aufwuchs, dachte ich. „Ach, nicht nur um die Kinderbegräbnisse ist es ein eigen Ding, sondern um die Begräbnisse und Grabstätten der Menschheit überhaupt! Und inmitten der Gespräche, die geführt werden von den Erwachsenen, wenn die Kinder zu Bette gegangen sind, sind wir hiermit auch bereits, Vetter Just.“

„So ein armes, geplagtes kleines Wesen!“ brummte Just Everstein kopfschüttelnd. „Es sieht uns in seinen Schmerzen fragend an und sagt: bitte, bitte! — ist das nicht wunderbar und schrecklich? Da stehen wir denn nachher, und wir beide hier jetzt, und holen aus tiefster Brust Atem, und niemand kann uns das verdenken! Ich habe solche schlimmen, tiefen Atemzüge wohl hundertmal in Neu-Minden getan, und es war auf dem Nachhausewege doch nur ein leidiger Trost, daß immer noch so viele von ihnen da waren und übrig blieben, daß wir uns sogar wegen eines Schulmeisters für sie Sorgen machen mußten. Und dabei die Mütter, die übrig geblieben sind und bei der leeren Wiege sitzen, oder das verlassene Spielzeug und die Schreibbücher in ihrer Schürze zusammentragen! Sieh, da habe ich es uns denn so zurecht gelegt, daß Frau Irene ihren hiesigen Hausstand ganz aufgibt. Ich habe, wie du weißt, die Kleine in ihren Schmerzen, wenn es niemand anders, und auch die Mutter nicht, vermochte, zur Ruhe gebracht, und ich meine, wenn mir nur Zeit gelassen wird, bringe ich das auch mit der Mutter fertig. Ob ich einmal zu der Familie gehört habe, weiß ich nicht und kümmere mich auch nicht darum; aber für den letzten männlichen Stammhalter der Eversteins halte ich mich in dieser Zeit doch! Ein bißchen enge zusammenschachteln werden wir uns auf dem Steinhofe wohl müssen; aber viel Gepäck nehmen wir ja nicht mit, und jedenfalls halten wir vorher Auktion, und im Notfall baue ich an. Ich bin gottlob drüben oft genug mein eigener Baumeister gewesen, um einen Kostenanschlag aufstellen zu können und mit Wenigem einen hinreichenden Unterschlupf herzustellen. Es sind ja auch nur zwei Köpfe mehr, wenngleich freilich zwei Frauenzimmerköpfe. Aber da wollen wir uns dem anderen Geschlechte gegenüber doch auch nicht zuviel auf unsere Praktik zugute tun. Du hast keinen Begriff davon, Fritz, wie es gerade die Weiber sind, die sich in der Not zusammenzudrücken wissen, wenn sie auch sonst noch so viele überflüssige Kisten, Kasten und Hutschachteln mit sich herumschleppen und die Räumlichkeit auf dem Schiff, im Postwagen und auf der Eisenbahn beengen. Mit uns Mannsvolk ist’s genau das Umgekehrte. Geht es uns gut, so haben wir in einem Winkel mit einer Zigarre genug; aber geht es uns schlimm, so brauchen wir in unserer Phantasie zum mindesten das halbe Weltall, um Ellbogenraum für neue Dummheiten zu gewinnen. Im Grunde aber ist’s für alle ein und dasselbige; einerlei ob wir als Mann oder Weib durch die Welt laufen. Und, Gott sei Dank, die Phantasie ist auch in Irene Everstein noch hell auf, — nicht ganz und gar nach der dunkeln Seite hin! Du, liebster Fritz, kennst die Frau noch nicht lange genug wieder, um dieses beurteilen zu können, denn dazu gehört mehr als ein erster Blick und zwei und drei Besuche im Hause. Und dann — unsere liebe Eva! Wie wird die mir helfen und beistehen! Und hätte ich wohl ohne das Zutrauen zu ihr den Mut gehabt, bloß so auf meine eigene Verantwortung in solch ein betrübtes Menschenschicksal mit Rat und mit Tat einzugreifen? Sie und — daß wir den Winter so ziemlich hinter uns haben, das sind die Kerne, aus denen mein Trost aufwächst. Säße das gute Mädchen nicht im Dorfe Werden und würden nicht demnächst die Wälder wieder grün, so hätte die Sache freilich eine ganz andere Farbe. Aber nun geht die Sonne jeden Morgen früher wieder auf und am Abend später unter; und — ich sehe es kommen! Fritz, es ist mir eine wahre Beruhigung, daß ich es kommen sehe und zwar im ganz natürlichen Verlaufe der Tage, von den Wochen und Monaten bis zum Eintritt des nächsten kürzesten Tages gar nicht zu reden! Die Stunde kitzelt mich schon im Voraus, wo Mamsell Martin die erste vergnügte Katzbalgerei mit Jule Grote anfängt; — natürlich unter der gehörigen Oberaufsicht, auf daß die feinen und bissigen Anspiegelungen der beiden lieben alten Damen nicht in die reguläre Beißerei ausarten. So ein bißchen kribbelndes Gewürz in die Suppe ist den langen lieben Tag über gar nicht zu verachten. Meinst du nicht, Doktor? — Der Grasgarten bleibt selbstverständlich so, wie er ist; aber für meinen Bauern-Kohlgarten nehme ich aus einer eurer Buchhandlungen hier ein Exemplar von Wredows Gartenfreund mit. Wir treiben Adams Gewerbe im Ernst und zum Spaß, denn nichts anderes in der Welt zieht die abgeplagte Seele so ins Gleichmütige hin als das stille Aufmerken auf das Keimen, Blühen und Vergehen des Vegetabilischen, und wär’s auch nur am Unkraut unter der Hecke. Zeit muß man freilich dazu haben, und die soll sie haben, Irene meine ich; — fürs erste soll niemand vom Steinhofe zu sehr auf die Suche nach ihr gehen, wenn sie mal nicht gleich auf den ersten Ruf zum Essen kommt. Solange ich das hindern kann, wird sie nicht zu Tische gerufen, wenn sie keinen Appetit hat; — den Verdruß kenne ich aus eigener Erfahrung! Die Menschen fordern nur zu gern gerade die zum Tanze auf, welche der Schuh drückt. Der Teufel mag es wissen, was für ein Vergnügen das ihnen macht! Davon weiß ich, der übergeschnappte dumme Junge vom Steinhofe, gleichfalls das Meinige zu Protokoll zu geben, wenn’s verlangt wird; aber auch hierin will ich nicht ganz umsonst zwischen meinen Misthaufen gesessen und auf der Leiter in der Rauchkammer mit dem Messer zwischen Jules Würsten und Speckseiten gewirtschaftet haben — wütend vor Überdruß! Hoffentlich verstehst du mich recht, Fritze, und weißt auch hierin, was ich sagen will.“

Er bediente sich mit Vorliebe alle Augenblicke dieser sehr unnötigen Anfrage bei meiner Begriffsfähigkeit. Alte Gewohnheiten legt man eben nicht so leicht ab.

Doch nun beugte er sich nieder zu dem winzigen Grabhügel der kleinen Leonie von Rehlen und hob eine Handvoll des feuchten Sandes auf, ließ sie wieder, wie verstohlen, fallen und sah mich einen Moment lang, wie verlegen, von der Seite an.

„Nun guck einmal,“ brummte er, „der liebe Gott weiß es, wie fest einem seine Gewohnheiten ankleben, und er wird auch wohl hierauf bei der letzten Abrechnung ein wenig Rücksicht nehmen. Selbst auf dem Kirchhofe kann’s unsereiner nicht lassen, den Boden nach seiner Frucht, Güte oder Nichtsnutzigkeit zu studieren. Dies hier ist eigentlich purer Sand; aber — nicht nur für den sachverständigen Landwirt, sondern auch für den Pastor, einerlei ob er Ökonomie treibt oder nicht, bleibt es doch immer, wie Schiller sagt, der dunkle Schoß der heiligen Erde! Und nun — schlafe sanft darin, mein liebes, kleines Mädchen!… Mit deinen armen krummen Füßchen hätten dich wohl wenige zum Tanze aufgezogen, und du verlierst auch wenig dabei. Es kommt für alle Menschen eine Zeit, wo sie sich vor nichts mehr fürchten als vor dem, was man in der Welt Vergnügen zu nennen pflegt. — Man hat viel um dich geweint, mein kleines Kind; aber gelacht hat keiner über dich. Auch du hast viel geweint; — nun liege im Frieden; — gelacht hast du über niemand. — Ich schwatze wohl in die Kreuz und Quer, Doktor Fritz? Nimm es nur nicht übel, alter Freund. Wer weiß, was uns nachgeredet wird in puncto des Weinens und Lachens, wenn auch wir zu Bette gegangen sind, und wir gleichfalls als stille Leute liegen und jeglicher Wind frei über uns hinblasen darf. Komm, wir wollen den anderen nach, Doktor; das nützlichste und fruchtbarste Wetter ist ziemlich häufig das unangenehmste, macht einen trotz Regenschirm und Überrock naß bis auf die Knochen und bringt einen bis auf das Knochenmark hinein zum Frösteln.“

Zweites Kapitel.

Nun waren sie fort. Zur Zeit der Holunderblüte waren sie abgereist, und der Vetter Just Everstein hatte sich, wie das nicht anders zu erwarten stand, auch hierbei als einer der praktischsten Menschen erwiesen, die jemals aus der deutschen Erde hervorgewachsen und von ihren guten Freunden und Bekannten zuerst, das heißt eine erkleckliche Reihe von Jahren hindurch, für gänzlich unzurechnungsfähig taxiert worden waren. Wahrlich, mancherlei gab es auf- und abzuwickeln, ehe der Brave sein wohltätiges, barmherziges Werk zu einem vorläufigen Schluß und Ruhepunkt führen konnte.

Sachen und Menschen aller Art waren mehr oder weniger geschäftsmäßig aus dem Wege nach dem Steinhofe hin zu räumen, ehe er mit einem erleichternden Seufzer sagen konnte:

„Gott sei Dank, morgen fahren wir! Was jetzt noch in den Winkeln umherliegt, steckt oder vergessen ist, kann nicht viel zu bedeuten haben. Und nun, alter Kerl, jetzt gib uns die Hand darauf und versprich uns feierlich, daß du dich im Laufe des Sommers in der alten Heimat bei uns sehen läßt.“

Ich hatte ihm wenig bei seinem Liebeswerke behülflich sein können; — im Grunde hatte ich nur ihn, Irene und Mademoiselle Martin nach dem Bahnhofe begleitet. Wie hülflos die Mehrheit der Menschen eigentlich den Lebensgeschäften gegenübersteht, erfährt sie dann und wann auch, wenn sie’s mal versucht, anderen zu helfen. Das ist die ungemütliche Wahrheit, die einem jeden, der von sich selber schreibt, ganz von selber aus der Feder läuft, wenn er sich nicht recht zusammennimmt, das heißt mit gehaltenem Nachdruck lügt. Dachstuben-Philosophen und Wüsten-Anachoreten sollen aber nichtsdestoweniger auch in Zukunft berechtigt sein, über die tägliche Witterung und deren Einfluß auf ihre Konstitution zum allgemeinen Besten so genau als möglich Buch zu führen, um heikeln persönlichen Kriminationen dadurch schlau aus dem Wege zu schleichen.

So kam ich denn vom Bahnhofe zurück in meine vier Pfähle, um den neuen Frühling wenig genossen mir unter den Händen weggleiten zu lassen. Davon, daß nach der Bauernregel im Mai der gesundeste Tau fällt, verspürte ich auch nichts; aber dagegen tat ich etwas, was ich eigentlich nur mit einer gewissen komischen Verlegenheit berichte. Ich nahm für das Vierteljahr, in welchem die Bäume blühen und der Vollmondschein nach einer anderen Regel der Baumblüte schädlich sein soll, nicht etwa eine Brunnenkur vor, sondern — ein Abonnement in einer Leihbibliothek. Ich nahm an jedem Abend nach meiner Rückkehr vom Spaziergange einen Roman mit nach Hause und zwar stets einen der vergessensten — am liebsten einen aus den zwanziger Jahren dieses Säkulums. Ich, der ich hier keinen Roman schreibe, würde es gern sehen, wenn mir die besten der gegenwärtig vorhandenen Psychologen mein damaliges Bedürfnis gelten ließen.

Es war mir nämlich während dieser Epoche meines Lebens meine bisherige Tätigkeit sehr zum Überdruß geworden, und ich hatte niemals in meinem Dasein über so viele leere, beschäftigungslose Stunden bei Tage und bei Nacht zu verfügen als wie jetzt. Und merkwürdig! was in den Klassikern sämtlicher Nationen, sowohl der alten wie der neuen, über das Schloß Werden, den Steinhof, den Vetter Just und — Eva Sixtus stand, konnte ich durchaus nicht gebrauchen! Es stand wohl manches darüber drin; aber dann bezog sich dieses doch wieder so deutlich auf andere ganz bestimmte Leute und Verhältnisse, daß mir nicht im geringsten dadurch über eine melancholische Stunde hinweggeholfen wurde.

Sie sprachen wohl wahr, diese großen Poeten, in gebundener und ungebundener Rede; aber sie redeten doch allesamt nur in ihren Tag hinein und nicht in den meinigen. Dicht neben meinen mittelalterlichen Geschichtsquellen waren sie’s — die Quellen reinster Erdenschönheit und Wahrheit, denen ich am vorsichtigsten aus dem Wege zu gehen hatte, weil — — ich finde eigentlich keinen richtigen Ausdruck für das, was sie mir antaten. Jedenfalls sprachen sie mich nicht zur Ruhe, wenn sie mich nicht langweilten. Eine Bilderfibel aus meinen Kinderjahren hätte sie mir doppelt und dreifach aufgewogen. Für das fabulose Haupt- und Lieblingsbuch des Vaters Sixtus, für des Signors Gregorii Leti Leben des Papstes Sixtus des Fünften, hätte ich in jenen Tagen ganze Schatzkammern voll wirklicher literarischer Schätze unbesehen hingegeben. Es mußte freilich aber das Exemplar aus dem Försterhause im Dorfe Werden sein.

Da half ich mir denn auf eine andere Art. Der hat noch nie gelesen, der nie in solchen Stimmungen das wieder las, was ihm in seiner seligen Jugend, wenn es in seinen Händen ertappt wurde, als „das dümmste Zeug auf Gottes Erdboden“ um die Ohren geschlagen wurde!

Gottes Segen über das Lesefutter der großen Menge und der Jugend! Heil und Segen denen Lieferanten, die heute in dieser Hinsicht für jene sorgen, welche nach einem Menschenalter alt, enttäuscht, krank und verdrossen sein werden!

Verdrossen in sehr hohem Maße griff ich jetzt von neuem nach dem, was ich mit so unendlichem Vergnügen verschlungen hatte, als ich noch jung war und noch nichts wußte von aller Welt Verständigkeit und Kritik. Die gewöhnlichsten Produkte jener Art, die das Bekannteste, aber auch ewig Gültige in der abgeschmacktesten Verzerrung bringt — die alten, drolligen, pathetisch-lächerlichen Geschichten von Eduard und Kunigunde, in all ihren kuriosen Variationen, das war jetzt etwas für den Doktor Friedrich Langreuter! Diese schlecht gedruckte und noch schlechter stilisierte Abenteuerlichkeit in Original und Übersetzung, der süße, haarsträubende, heitere, tränenreiche Unsinn, in den die Fliederlaube hineingerauscht und geduftet hatte, über den voreinst der Baum seine roten und weißen Blüten schüttelte, den die Vögel mit ihren Stimmchen akkompagnierten, über den die weißen Sommerwolken im Himmelblau hinsegelten, von dem einen der Schulmeister aufscheuchte und in die lateinische Stunde trieb: Das ließ sich jetzt wieder in den halbvermoderten, abgegriffenen, übelduftenden, durch tausend und abertausend Hände gelaufenen Bänden nach seinem unveränderlichen Verdienst würdigen von dem oben genannten Doktor der Philosophie Friedrich Langreuter!

Da saß der alte Bursche und las wieder, wenn man das überhaupt lesen nennen konnte. Es genügte eigentlich schon, die guten alten Bekannten in Pappband mit Lederrücken und Ecken in der Tasche nach Hause getragen und das Titelblatt aufgeschlagen zu haben. Was war alle klassische Plastik und ästhetische Wahrheit gegen die Lebendigkeit, mit der sich hier die Karikatur bei der bloßen Berührung in der Erinnerung füllte? Ach, es waren ja eben nicht bloß Kunigunde und Eduard mit all ihrer Verwandtschaft in auf- und absteigender Linie, was hier wieder zu etwas wurde, was lachen, jauchzen, weinen, sich hinter dem Ohre kratzen, vor Wut außer sich geraten und vor Bekümmernis und Reue sich in den Winkel verkriechen konnte!

Was hatten Schloß Werden und der Steinhof und die Gärten, Wiesen, Felder und Wälder ringsum mit den unmöglichen Schlössern, Bauersitzen, Försterhäusern, Wäldern, Feldern, Wiesen und Gärten dieser närrischen Bücher gemein? was der gelbe ehrliche Fluß, der durch unsere Jugendwelt rauschte, mit den so absonderlich prachtvoll blitzenden Wassern, in denen sich dann und wann die lustig-tragischen und trübselig-komischen Gestalten und Bilder dieser wundervollen Autoren spiegelten?

Alles! —

Es ist immer eines und dasselbe, dieses unergründliche Meer der Phantasie, auf das der bedrückte Mensch stets von neuem von dem nüchternen, grämlichen Ufer der Wirklichkeit hinaussteuert! Es ist immer derselbe Wind in den Segeln!

Wehe dem, der niemals die grauen vier Wände um sich her mit diesem flimmernden, über die Stunde wegtäuschenden, segensreichen Lichtglanz überkleiden konnte!

Was ist die nichtige dumme Phrase: Mein Haus ist meine Burg! gegen die so sehr unpolitische, so selten ausgesprochene, und doch so tief und fest, ja manchmal mit der Angst der Verzweiflung im Herzen festgehaltene Überzeugung:

Mein Luftschloß ist mein Haus!

So saß ich damals, nachdem wir das kleine Mädchen der Frau Irene begraben hatten und der Vetter Just ganz beiläufig mir den Namen und die Gestalt und die Stimme der lieben Eva Sixtus in die Erinnerung zurückgerufen hatte; und da ich nicht mehr neue Luftschlösser in die ziehenden weißen und rosigen Wolken, in das Himmelblau, in den Regenhimmel zu bauen vermochte, so — kramte ich unter den Trümmern der versunkenen und paßte aneinander, was auseinander gefallen war, und richtete wieder auf — gerade so in der Einbildung wie vor Jahren, doch leider nicht mehr so fest wie damals. Es war schon lange die Zeit für mich da, wo der Mensch einzig und allein auf den Riegel an seiner Tür als den besten Wächter vor seinen guten Augenblicken, Stunden und Tagen angewiesen ist. Tagen?!… Wer kann, wenn er diese Epoche seines Daseins erreicht hat, den Riegel einen Tag lang vorgeschoben halten, um versunkene Luftschlösser wieder aufzubauen?

Die Juniuswinde hatten bereits das Korn in das Land hineingeweht, als „Thomas Thyrnau“ oder vielleicht auch „St. Roche“ oder „Jakob van der Nees“ das Buch hieß, das auf meinem Tische unaufgeschlagen lag. Jedenfalls aber war es ein Produkt der Verfasserin von „Godwie Castle“, und die Mädchen, Irene von Everstein und Eva Sixtus, hatten einst in dem Gartensaale von Schloß Werden die heißen Köpfe darüber zusammengesteckt und die tränenvollen Augen verstohlen darüber getrocknet. Und ich hatte das Ding dann auch in meiner Kammer verschlungen, und Freund Ewald hatte sich in gewohnter Unverschämtheit nicht nur über das Buch, sondern auch über uns drei ins altromantische Land Entrückte lustig gemacht. Es war nicht der Band, vor welchem die wirklich fein, vornehm und gut aussehende Verfasserin und Lieblingsschriftstellerin Friedrich Wilhelms des Vierten in Stahlstich abgebildet ist; aber das war auch die einzige Enttäuschung für mich, als ich ihn zu Hause nach so langen Jahren wieder auf- und sogleich wieder zuschlug. Sonst hielt er alles, was ich mir davon versprochen hatte, als mir der Zufall den Titel in dem Leihbibliothekskatalog in die Augen spielte.

Gottlob!

Dieser Ausruf bezog sich auf den Riegel an der Tür, den ich vorgeschoben hatte, nachdem ich den Schlüssel im Schlosse umgedreht hatte gegen einen wieder einmal für mich nicht ganz geheuren Tag, der nunmehr in die sommerliche Abenddämmerung überging. Und es war durchaus kein in ärgerlicher oder geistig-beschwerlicher und überhasteter Arbeit hingebrachter Tag, sondern einer von den faulen, trägen, apathischen, die, wenn sie einer hinter dem anderen hinschleichen, auf die Länge noch unerträglicher werden als die erste Art. O über diese langen, schleppenden Stunden, die bei dem Regsten, Lebendigsten nach zurückgelegtem dreißigsten Lebensjahre sich einzuschleichen beginnen und sogar durch den Kampf mit ihnen dann und wann nur vervielfältigt werden! Das sind die Tage, in denen man sich selber wie ein Charakter in einem schlechten Romane vorkommen kann, ein unmögliches Geschöpf, mit dem der Autor eben auch nichts anzufangen wußte. Öde Makulaturstimmung! das ist das richtige Wort; und — ein Lachen oder Weinen über und um einen scheint es nie in der Welt gegeben zu haben in dieser Stimmung!

Und nun, wie kam es, daß ich mich plötzlich über die Verfasserin von Godwie Castle weg auf einer stillen Berglehne, unter der fußhohen Tannenanpflanzung und im Thymiansduft und der brütenden Abendsonne der Jugendzeit wiederfand?

Es ist schwierig zu sagen, wie gerade in diesen Fällen seelischer Bedrücktheit aus Dunkelheit Licht wird; und ich hüte mich auch wohl, die Lösung mit zu großer Anstrengung zu suchen. Der vorgeschobene Riegel aber tut unbedingt viel dazu, und um so mehr, je hastiger und verworrener das Leben jenseits der Tür sich bewegt und vor dem Fenster rauscht……

„Ich bin’s, Herr Doktor!“

„Wer? in aller Plagegeister Namen!“

„Ich, Herr Doktor. Die Witwe Maier. Und dann der fremde Herr wieder, der heute morgen schon einmal da war und seinen Namen nur Ihnen selber sagen wollte.“

Ich hatte die Stimme meiner Frau Hauswirtin bereits erkannt.

„I, so wollt’ ich doch!“ Und der sonnige Bergrücken mit seiner Tannenanpflanzung und seinem Thymiansduft, die Hügel mit ihren Wäldern, Wiesen und Ackerstreifen nah und fern, der ferne Fluß und die Kirchtürme der Heimatsdörfer waren versunken: der fremde Herr, der am Morgen während meiner Abwesenheit bereits einmal dagewesen war und seinen Namen nicht hatte kundgeben wollen, stand vor mir — stattlich, braunbärtig, breitschulterig und in einem wohlsitzenden kleidsamen Sommerkostüm. Und anstatt jetzt zuerst mir seinen Namen zu nennen, reichte er mir die Hand entgegen und sagte mit dem Ausdruck verzwicktest gelassener Bonhommie:

„Guten Abend, Langreuter.“

Ich aber stand dem langen, festen Menschen gegenüber auf ziemlich unsicheren Füßen:

„Das ist — ich bin — aber ist denn das?… Ewald?!… mein Gott, Ewald Sixtus!… Ist es denn möglich?… Ewald Sixtus! Bei allem, was lebt, das bist du?“

„Und du bist das auch!“ sprach der Freund. „Ich habe dich sofort wiedererkannt, und jetzt sei so gut und nimm meine Hand; ihr braven, übersinnlichen Zweifler habt gewöhnlich am innigsten das Bedürfnis, euch durch Befühlen von der Wirklichkeit der Dinge zu überzeugen. Alter Freund Thomas, ich freue mich unendlich, dich endlich mal wiederzusehen!“

Ich setzte mich, rede aber von den Lauten und Gesten der Überraschung nicht weiter, sie wiederholen sich wie alles übrige auf Erden. Aber alles, was mir der Vetter Just neulich von seinem Besuche in Belfast und von diesem Manne erzählt hatte, glitt jetzt blitzschnell durch mein Gehirn. Der irische Ingenieur aus Belfast, Herr Ewald Sixtus aus Werden, nahm auch einen Stuhl und setzte sich gleichfalls und — sah mich von der Seite an.

Eines hatte ich in meiner Einsamkeit zu einer gewissen Vollkommenheit gebracht: die große Kunst, auf Blicke zu achten, und dieser hob mir nur den Vorhang von einer uralten Lehre weg:

„Nun, dies ist aber großartig! Er ist ganz der Alte geblieben, und er hat den Vetter Just und uns alle jetzt nur gerade so zum Narren gehalten wie vor zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren!“ ……

Wie ein Schleier sank es abermals nieder vor der Zeit, die vor zehn, zwanzig und noch mehr Jahren war. Schloß und Dorf Werden, die Weser und der Steinhof lagen abermals im Sonnenlichte; aber durch das Sonnenlicht lief’s wie ein sonniges, mutwilliges Grinsen, und — Ewald Sixtus hieß einer der Hauptzüge der schönen Gegend!

„O Ewald!… Willkommen! sei mir herzlich willkommen zu Hause!… Der Vetter Just — unser Just Everstein hat mich neulich schon von dir gegrüßt!“

„Unmöglich!“ sprach dieser vollkommen irländische Land- und Wasserbaukünstler trocken. „Och honey, ich erinnere mich nicht, irgend jemand einen Gruß an Euch mitgegeben zu haben.“

Eine solche Mischung von grünem Erin und den grünsten Wald- und Wiesengehegen rund um Schloß und Dorf Werden war seit Anfang der Dinge noch nicht dagewesen und kam vielleicht auch bis zum Ende derselbigen nicht wieder! Bei allem, was je die Schule schwänzte, den biedersten Nachbar zum besten hatte und je in die weite Welt auf Abenteuer durchging, was war denn dies?

Und der Vetter Just war doch ein Mann, der auch allmählich allerlei Menschen gesehen hatte, und auf dessen Beobachtungsgabe und Urteilskraft man sich jetzt doch so ziemlich verlassen konnte! Sollte der Vetter Just, der sich so lange unter den schlauen Amerikanern aufgehalten hatte, dieser Vetter, der es durch mehr als eine Tat bewiesen hatte, daß man seinen Erfahrungen so ziemlich trauen durfte — sich so sehr geirrt haben? Sollte er wirklich von dem lustigen Werdener Vogel aus den alten Nestern im Baum an der Gartenhecke so ganz in der alten Weise an der Nase herumgezogen worden sein?

„Der?!“ fragte der deutsch-irländische Engineer, jetzt um so verschmitzter grinsend, als er im Moment vorher trocken getan hatte. „Alter Junge, dich hätte ich doch wenigstens für um ein Atom klüger gehalten. Menschen, ihr seid doch zu göttlich!… Oh, oh, ah, der Vetter Just! der Vetter Just vom Steinhofe? — Da lasse ich ihn, als ich, aus der süßen Heimat halb weggejagt, durchgehe, mir vorangehen, um in der öden Fremde wenigstens einen süßen Trost an etwas aus dem alten Neste zu haben — und was passiert? Habe ich ihn darum auf seinem Steinhofe in seiner ganzen absonderlichen Glorie gelten lassen und mich meine ganzen heimatlichen Flegeljahre hindurch himmlisch über ihn amüsiert, daß er auf einmal in Belfast wie ein Pastor, der die Tischglocke überhört hat, vor mir steht und mir Moral, Tugend, heimatliche Gefühle und wer weiß was sonst noch predigt — durch sein Beispiel? — Kommt man Paddy so?… Ganz gewiß nicht! Der Vagabondenkönig von Ithaka — wie heißt er doch, Langreuter? — ist gar nichts gegen ihn, den Vetter Just, sowohl was seine Abenteuer, wie seine unmenschliche Weisheit, Klugheit und Philosophie anbetrifft. O, und so herzensgut ist der Kerl — geblieben! Und den Steinhof hat er auch wieder! By Jingo, lassen muß man es ihm, ein Prachtbursche ist er, und seinen Ruhm für alle seine famosen Leistungen soll er bedingungslos behalten, wenn er nur — für mich immer der Vetter — der Vetter Just bleibt. Für mich, der der einzige war, welcher von Kindesbeinen an euch übrige alle nach allen euren Verdiensten unparteiisch zu würdigen wußte. Im Ernst, Fritze, es hat mir Mühe genug gekostet, ihm nicht um den Hals zu fallen und eine spaßhafte Träne ihm auf die Schulter hin zu weinen. Aber ich sagte dreimal leise: Komtesse Irene von Everstein! und blieb kühl wie eine saure Gurke. Cool as a cucumber, sagt drüben auf der Smaragdinsel Blarney O’Shaughnessy, wenn er Tim O’Connor mit dem Knüppel zu Leibe gehen will, weil der ihn an Großartigkeit und Heroentum übertroffen hat. Och, faix, it’s a long story, und es wäre viel davon zu sagen, weshalb ich diesen dummen Mädchennamen dreimal hersagte, um mir meinen Gleichmut wenigstens äußerlich gegen diesen heillos gemütlichen Neu-Mindener aufrecht zu erhalten; — nicht wahr, Fritzchen Langreuter?“

„Das wäre es wohl!“ murmelte ich unwillkürlich, und in demselben Augenblick packte mein Gast meinen Arm mit einem Griff wie aus Stahl und Eisen und rief:

„Und was ist es denn, was er mehr ausgerichtet hat als ich? Er sitzt von neuem auf seinem Steinhofe; ich aber — habe Schloß Werden wieder!“ …

Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder, die mich der Herr sehen ließ, ohne daß ich über das Wasser gefahren war, betäubten mich zu sehr.

„Und hier sitze ich,“ fuhr Ewald Sixtus fort, „um dich aufzufordern, übermorgen mit mir hinüberzufahren, um that old sheebeen, die alte Herberge von neuem für — uns in Besitz zu nehmen. Dringende Abhaltung hast du ja wohl nicht?“

Es war mir zwischen meinem mühseligen Sich-wieder-auf-sich-besinnen durch dunkel so, als ob auch der Vetter Just neulich einige Male eine ganz ähnliche Aufforderung zur Reise mit ganz den nämlichen Worten beschlossen habe, wie der irische Ingenieur.

Mr. Sixtus legte mir zutraulich schmeichelnd die Hand auf die Schulter:

„Es bleibt dabei, du begleitest mich nach Schloß Werden?!“

Ich aber kam in diesem Augenblick nicht einmal dazu, ihn zu fragen, weshalb er denn, wenn sich alles übrige so verhalte, die Korrespondenz auch mit seinen nächsten Angehörigen so schmählich vernachlässigt habe?

Drittes Kapitel.

Davon sprachen wir auf der Reise; denn wir reisten wirklich. Wie ein Kind im Sack wurde ich von diesem wilden Irländer aus dem Försterhause zu Dorf Werden mitgenommen. Er kam und half mir beim Packen, er packte für mich, und er packte mich selber und ließ nicht los. Hals über Kopf wurde auch ich wie in einen Reisesack hineingestopft und in eine Droschke geworfen; wie ich es dann und wann bereute, daß ich mich nicht schon von dem Vetter Just Everstein hatte mitnehmen lassen, kann ich gar nicht sagen.

„Nach dem Potsdamer Bahnhofe, Kutscher, und rasch! Viele Zeit haben wir nicht übrig.“

Mit dem Gefühle, meine Türen, meine sämtlichen Schubladen, Kisten und Kasten unverschlossen und jeglicher Durchstöberung offen hinter mir zurückgelassen zu haben, kam ich auf dem Bahnhofe an. Wir hatten in der Tat nur noch fünf Minuten vor dem Abgang des Zuges übrig, und das Schicksal benutzte dieselben, um mir einen rettenden Finger in den Wirbeln des aufregungsvollen Tages hinzuhalten.

„Siehe da! Reisen wir in der Tat zusammen, Herr Doktor?“ fragt eine Stimme mir gegenüber in dem Coupé, in das ich von dem raschen Freunde mehr gehoben als geschoben worden war, und ein einige fünfzig Jahre alter korpulenter Herr hob mit wohlwollendem Lächeln den Strohhut von einer ungemein glänzenden Stirn, grüßte auch meinen Irländer und meinte mit etwas asthmatischem Keuchen, das auf eine vielleicht etwas zu gute Ernährung und zu wenig körperliche Bewegung hindeutete:

„Ja? Dies freut mich wirklich. So bleiben wir so ziemlich bis zum Ende der Fahrt beisammen und hoffentlich möglichst unter uns. Bitte, mein Herr, lassen Sie mich bis zum Abgang des Zuges aus dem Fenster blicken. Ich bin der Dickste und schrecke am meisten ab.“

Mr. Sixtus sah sich den Fremden an, aber — bereits von hinten. Breit, schwitzend und blasend lag derselbige schon im Wagenfenster, sich ganz und gar für jetzt — dem Publikum unter der Bahnhofshalle widmend, und Ewald ließ von den weit auseinanderklaffenden Rockschößen des Reisegenossen den Blick fragend zu mir hinübergleiten.

„Kennst du ihn nicht mehr?… Bösenberg! — Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode,“ flüsterte ich.

„Ich werde mich sofort selber Ihnen wieder vorstellen, Sixtus,“ sprach der Stadtrat, halb über die Schulter zurück sich wendend, ins Coupé hinein. „Da gehen wir ab und bleiben fürs erste wenigstens als Provinzgenossen unter uns. So.“

Er setzte sich, nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, breit und behaglich, wischte nochmals die Stirn mit dem ziemlich provinzhaft aussehenden Sacktuch und sagte:

„Lieber Herr, ich bin in der Tat der Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode. Habe hier in dem ungemütlichen Großnest die letzten Wochen hindurch meine alljährliche, von verschiedenen Leuten sogenannte Auffrischungskur glücklich abgemacht; — Sie kennen das ja, Langreuter; — sehne mich unendlich nach meinem Schlafrock und meinen Pantoffeln und — Sie habe ich auf der Stelle wiedererkannt, Sixtus, obgleich ich seit einer erklecklichen Reihe von Jahren nicht das Vergnügen hatte, Sie zu sehen. Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt, junger Mann?“

Der „junge Mann“ gab willig in der Kürze die gewünschte Auskunft, und der Finkenrodener Stadtrat sagte:

„Sieh, sieh.“

Mir, der ich ihn, abgesehen von allem übrigen, auch aus der Literaturgeschichte kannte, war das Zusammentreffen mit ihm und seine Reisegenossenschaft keineswegs zuwider. Und da wir von dem gewöhnlichen Reisetumult und Gedränge in unserem Wagen ziemlich ungestört blieben, hinderte uns nichts oder doch nur wenig, so vertrauensvoll und mitteilsam gegeneinander zu sein, als das unter verständigen oder verständig gewordenen Leuten nur irgend der Fall sein kann. Was den Freund Ewald anbetraf, den der Vetter Just als einen vollständig ausgewechselten Werdener, als einen stocktauben und stockstummen Engländer in Belfast wiedergefunden zu haben glaubte, so war der auch jetzt derjenige, welcher das kleinste oder vielmehr gar kein Blatt in irgendeiner Beziehung vor den Mund nahm, so daß dies mir, wenigstens im Anfang, dem uns doch ziemlich fremden Stadtrat gegenüber ein wenig peinlich war. Alle seine und unsere Geschichten kramte er mit einer Unbefangenheit aus, die ganz und gar Schloß und Dorf Werden, Bodenwerder und der Steinhof war. Wie der Poet aus dem Sumpfe der Alltäglichkeit die Perle des Interesses für seine Zuhörer herausfischt, so ging dieser irländische Ingenieur, wenigstens zu Anfang unserer Reise, auf den Fang aus im Bereiche der größten Trivialität unserer Jugenderlebnisse, und die Fragen: Weißt du noch, Fritz? Erinnerst du dich noch, Langreuter? Alter Kerl, das kannst du doch unmöglich vergessen haben? — schienen nimmer ein Ende nehmen zu wollen. Poetisch aber gebärdete er sich durchaus nicht bei dieser Fischerei und wurde, wie ich nicht umhin kann zu bemerken, von dem Finkenrodener städtischen Würdenträger und früheren lyrischen Subredakteur des freilich auch schon ziemlich lange selig in allen seinen Sünden entschlafenen „Chamäleons“ nach dieser Richtung hin nicht im mindesten entmutigt, sondern im Gegenteil: der Verfasser der „Heiratsgedanken“, der Dichter der „frommen Liebeslieder“ gab nur da zum ersten Mal seine abweichende Ansicht durch ein asthmatisch Gegrunze zu erkennen, wo mein Jugendfreund zwischen zwei abgeschmackten Schnurren mit einem Seufzer sagte:

„Meine Herren, achten Sie dann und wann nicht auf mich! Ich sitze hier immer doch mit einem merkwürdigen Gemisch von Gefühlen; und Rührung und Beängstigung sind die vorherrschenden. Sie, Herr Bösenberg, haben ja aber auch einmal Ähnliches auf dieser selben Bahnstrecke durchgemacht, darüber geschrieben und das Geschriebene sogar drucken lassen.“

Der Stadtrat gab einen Ton von sich, der ungefähr wie: „Whu!“ klang. Dann brummte er:

„Jawohl. Das Vergnügen habe ich mir und einigen anderen gemacht. Ich danke Ihnen für die gütige Erinnerung, lieber Sixtus. Es ist mir freilich so, als ob ich das alles in Ihnen und dem anderen Herrn da in der anderen Ecke jetzt zum zweiten Mal erlebe; aber Gott sei gelobt und gepriesen! zu schreiben brauche ich heute nicht mehr darüber! also — erzählen Sie nur ruhig weiter von sich und dem Herrn Vetter Everstein und dem Herrn Doktor da; — von Schloß Werden, dem Försterhause und dem Steinhofe. Die Hauptsache denke ich mir selber dann wohl schon dazu. Ja, ich habe es mit vielem Interesse schon auf dem letzten Ostermarkt gehört, daß Frau von Rehlen, die frühere Komtesse Everstein, nunmehr ihren Aufenthalt bei dem Vetter Just auf dem Steinhofe genommen hat. Fräulein Schwester befindet sich, unberufen, immer noch recht wohl, pflegt den alten guten Papa und verkehrt dann und wann recht freundschaftlich mit meiner alten Freundin, Frau Sidonie Mietze in Bodenwerder. Sie wissen doch, daß der Spiritusfabrikant schon vor fünfzehn Jahren nach der Heimat des Freiherrn von Münchhausen übersiedelte?“

Ich wußte das letztere nicht, da es mich im Grunde auch wenig interessierte; aber seltsamerweise wußte es der Ingenieur und interessierte sich auch sehr dafür. Seine Kenntnis der heimischen Zustände war in der Tat überraschend, und, was mir als das Auffallendste erschien, nichts von allem hatte sich ihm irgendwie ins Phantastische gezogen, wie das leider bei mir heute der Fall war und im Jahre Achtzehnhundertachtundfünfzig bei dem heutigen alten, fett und Stadtrat gewordenen Junggesellen Dr. Max Bösenberg.

Es waren dieselben Geleise, auf denen wir mit dem Eilzuge dahinglitten: ich, der Biograph der Leute von Schloß Werden, heute, und der Doktor Bösenberg, der Biograph der Kinder von Finkenrode, damals. Ganz wunderlich sprach der irisch-deutsche Baukünstler aus seiner Wagenecke darein; nämlich so hell, unbefangen und vernünftig, daß ich kaum ein Wort dazwischen zu reden wagte und dem Stadtrat dankbar war, wenn er das mit schwitzender Gemütlichkeit tat.

„Weshalb ich nicht häufiger an die lieben Angehörigen — das gute Evchen und den alten Papa schrieb? Weshalb ich ihnen nicht von Tag zu Tag über mich Nachricht und Rechenschaft gab?“ fragte der Ingenieur und jetzige Besitzer von Schloß Werden. „Einfach aus dem nämlichen Grunde, aus welchem die zärtlichsten Leute es verabsäumen, die gewöhnlichsten Pflichten der Höflichkeit zu erfüllen, gentlemen. Heute haben sie keine Zeit, und morgen haben sie keine Lust. Gewissensbisse lassen sich in dieser Hinsicht weit leichter verdauen als die Ärgernisse, die an allem hängen, was in der Ferne vordem unsere Behaglichkeit, unser Pläsier und — unsere Hoffnung war. Es quält einen in der Fremde nichts mehr als das Schönste und Liebste, was man in der Heimat gehabt hat und hat aufgeben müssen! Habe ich nicht recht, Herr Bösenberg?“

„Natürlich! Von Ihrem Standpunkte aus!“ brummte der Stadtrat und summte dabei aus Zampa: Wenn ein Mädchen mir gefällt!… „Bitte um etwas Feuer, wenn Ihre Zigarre noch brennt. Ich habe so ein Liedchen von den Zuständen und Verhältnissen zu Werden singen hören. Bis in unsere Magistratssitzungen drang es herüber nach dem Tode des Alten — ich meine des alten Biedermanns und bankerotten Dynasten von Schloß Werden. Man wächst dann und wann nicht ungestraft zusammen auf als Jüngling und Jungfrau, wenn man nicht zufällig Bruder und Schwester ist. Kenne das! Also deshalb haben Sie nicht häufiger nach Hause geschrieben? Aber fahren Sie nur fort! Das andere interessiert einen nach den eigensten persönlichen Erlebnissen immer noch, selbst wenn man mehr oder weniger durch Gunst der Götter zu den Höchstbesteuerten in seiner Kommune gehört und es — zu einer Stellung gebracht hat wie ich.“

Wir waren diesmal mit dem Abendzuge von Berlin abgefahren und fuhren also auch in die beginnende Nacht hinein wie der Feuilleton-Redakteur des Chamäleons im Jahre Achtundfünfzig. Der einzige Unterschied bestand darin, daß es Sommer war und nicht der dreißigste November wie damals. Jenes Buch von den Kindern von Finkenrode hatte aber seinerzeit, wenigstens in unserer Gegend, und dieses selbstverständlich, ein gewisses drolliges, mit Erstaunen vermischtes Aufsehen gemacht, und die Figuren und Situationen hafteten mir auch heute noch deutlich genug im Gedächtnisse, um mich ihnen, sowie dem — gegenwärtigen Stadtrat Dr. Max Bösenberg mit vollstem Verständnis hingeben zu können. Was ich dann und wann aus dem Buche zitiere, schreibe ich freilich, wie das nicht anders sein kann, nachträglich ab. Auswendig wußte ich es nicht.

„Zu Hause! Jeder aufblitzende Lichtstrahl aus einem Hüttenfenster auf der nebeligen Heide erfüllte mich mit einem Gefühl der Verödung, der Vereinsamung. Zu Hause! Wo ist mein Haus? Wo ist meine Heimat?… Mein Blick verlor sich in dem dichter gewordenen Nebel draußen. Der Zug flog in diesem Augenblick über ein altes Schlachtfeld, wo vor langen Jahren um Langvergessenes Tausende und Abertausende geblutet hatten. Es schien mir, als ob die wogenden, wallenden Dunstmassen sich in kämpfende Männer und Rosse verwandelten, zum Kampfe um ein zerfließendes Nichts. Im wilden, geisterhaften Getümmel drängte sich ein Chaos phantastischer Gestalten auf beiden Seiten des dahinschießenden Dampfrosses, zerschellte an den Rädern, ballte sich von neuem, wirbelte von neuem gespensterhaft durcheinander. Auch ich kam ja aus einer Schlacht, wilder als je eine mit Waffen von Stahl und Eisen gekämpft wurde. Wie manchen hatte ich an meiner Seite fallen sehen, wie manchen hatte ich auf dem Schild mit heraustragen helfen aus dem Getümmel:

— at socii multo gemitu lacrimisque Impositum scuto referunt —“

„Sie schnupfen wirklich nicht, Doktor?“ fragte der Stadtrat, mir von neuem die silberne Dose, die jedenfalls auch aus der von ihm beschriebenen Erbschaft des weiland Onkels Bösenberg zu Finkenrode stammte, anbietend. „Sie sollten sich allgemach das doch auch angewöhnen. Ein jeglicher befindet sich auf einmal, ganz ohne es vorher bemerkt zu haben, in den Jahren, wo er dieses beinahe zu seinen ästhetischen Genüssen zählt. Sie sollten sich wirklich bald gleichfalls eine Dose zulegen, Doktor Langreuter.“

Nachher holte er, während ich — sehr gestört durch ihn! — immer noch den Wegen, Geschicken, Erleuchtungen und Verdunkelungen des Lebens nachzusinnen versuchte, aus einem eleganten und sehr praktischen Reisefutteral verschiedenes Trinkbare und Eßbare hervor, von dem er uns höflich anbot, an welchem jedoch nur der Ingenieur mit unverhohlenem Wohlbehagen und unverkennbarem Durste sich beteiligte.

Nachher sprach er, der Stadtrat:

„Weiß der Teufel, ich werde immer sofort schläfrig im Eisenbahnwagen!“ und als der Schaffner die Lampe in unserem Coupé anzündete, tönte bereits sein sehr gesundes und regelmäßiges Schnarchen in meine Erinnerungen an sein liebenswürdiges Buch hinein. Ich gab es auf, mich mit ihm und seinen jugendlichen schriftstellerischen Leistungen (als noch nicht er, sondern höchstens Weitenweber schnupfte!) für jetzt weiter zu beschäftigen, und wendete mich wieder dem Jugendfreunde zu.

Dieser saß wach in seiner Ecke, hatte das Gesicht gegen das offene Fenster geneigt, und nur von Zeit zu Zeit fiel der Schein der trüben Laterne unter der Decke darauf hin. Dann gefiel es mir jedesmal sehr und immer besser. Ich hatte mich nun schon nach und nach in das Wesen des Mannes mit mehr Verständnis hineingefunden. An die „Türme der versunkenen Julin“, wie der schnarchende Stadtrat voreinst in seinem Buche, dachte er unbedingt nicht: er lächelte zu heiter und hell dazu in die vorbeifliegende Sommernachtslandschaft hinein; aber es war doch auch ein lebendiger Ernst in diesem Werdener Irländer. Er glaubte sich unbeachtet genug in der Dämmerung, um längere Zeit auch einmal ein sehr ernstes Gesicht machen zu dürfen, und nimmer hatte ich ein vertrackt unleserlich Pergament-Manuskript mit größerem Interesse zu enträtseln gesucht wie jetzt im rötlichen Schein der Wagenlaterne die männlich schönen Züge meines Jugendfreundes.

Eine Erbschaft wie die des Onkels Bösenberg dem Redakteur des Chamäleons, war ihm nicht in den Schoß gefallen; Ewald Sixtus kam nicht heim wie der Bauer vom Steinhofe, der Vetter Just Everstein; aber was wir auch an ihm noch in der nächsten Zeit auf Schloß Werden, im Dorfe, in Bodenwerder, auf dem Steinhofe und in der Umgegend erleben mochten, ich hatte für ihn keine Sorge mehr.

Wissen kann man es ja nicht, was die nächste Stunde bringen wird, und nur die Narren pflegen das ganz genau vorauszusagen; aber für diesen gefesteten, hellen, heiteren Menschen brachte sie nichts, was er nicht im Guten wie im Schlimmen mit in seine Rechnung gezogen hatte, und das ist immer viel und bedeutet im Bösen wie im Guten die Hauptsache und Hauptwaffe im bitteren Kampfe der Verwirrungen dieses verzwickten Daseins auf der Erde.

Da war die berühmte Festungsstadt, die wir auch diesmal wie einst der Doktor Bösenberg, ruhig seitwärts liegen ließen. Keine Jungfrau ließ den gehobenen Schleier wieder sinken in unserem Coupé und schlüpfte zierlich aus dem Wagen. Kein alter zu einem Taugenichts von Sohne reisender Herr sagte grimmig: Der wird sich wundern! Wir hatten keine Kinder zärtlich harrenden Vätern aus dem Wagen zuzureichen.

„Wahrhaftig, wieder mal das verdammte Nest!“ schnurrte der Finkenrodener Stadtrat, aus dem Schlummer aufgerüttelt und verdrießlich sich dehnend und die Augen reibend. „Jedes Mal, wenn ich hier halte, schwöre ich mir zu, daß es das letzte mal gewesen sein soll, — und weiß der Henker, da sind wir doch wieder, und natürlich nicht eine Idee von einem Kellner am ganzen Zuge!“ …

Wir fuhren weiter, und es war kurz vor Sonnenaufgang, als der Schaffner, von neuem die Tür aufreißend, „Station Sauingen!“ schrie. Statt einer an einer langen Stange schwankenden Laterne glimmte eine ganze Reihe dergleichen den breiten „Bahnsteig“ und die stattlichen Bahnhofsgebäude entlang und in die rosige Eos hinein. Der Ort hatte sich in den letzten zwanzig Jahren fast nicht weniger als der Dr. Max Bösenberg verändert. Wenn dieser Stadtrat, so war jener ein lebendigster Eisenbahnknotenpunkt geworden; und die Bahn nach Finkenrode war seit mehr denn zehn Jahren ebenfalls weiter gebaut worden. Wir erlebten diesmal nicht die geringsten tragischen und heiteren Abenteuer zum Besten eines erstaunten Leserkreises in Sauingen als vielleicht das Wort des Biographen der Kinder von Finkenrode:

„Sollten Sie es für möglich halten, meine Herren, daß ich mich noch immer nicht anders als mit aufgeklapptem Rockkragen und dem Taschentuche vor der Physiognomie durch den Ort schleichen darf? Vor einem Jahre hatte man hier eine Provinzial-Viehausstellung mit Preisverteilung arrangiert, und ich war als Vertreter unseres Gemeinwesens hergeschickt worden. Ich sage Ihnen, das nächste Mal lasse ich sicherlich einem anderen die Ehre und das Vergnügen. Sie hatten nichts vergessen! Wohl verkorkt hatten sie ihre ganze Ranküne, wie auf Flaschen gezogen, zur Hand, ein jeglicher von ihnen die seinige bei seinem Teller; und was das Vergessen meinerseits anbetrifft, so ist es durchaus keine Kunst, den vergnügten Tag, welchen ich damals unter ihnen hinzubringen hatte, in alle Ewigkeit nicht zu vergessen. Gott sei Dank, diesmal fahren wir mit einem Aufenthalt von fünf Minuten durch. In einer Stunde sind wir in Finkenrode; ein wenig übernächtig fühlen wir uns doch alle; ich lade Sie hiermit freundschaftlichst zum Frühstück. Nachher schlafe ich aus, und nichts hindert Sie, dasselbe zu tun oder das Dampfschiff stromabwärts nach Münchhausenburg zu benutzen. Von Bodenwerder werden Sie ja dann wohl schon ohne Führer die alte Heimat erreichen, und wünsche ich viel Pläsier dazu. Sollte Ihnen zufällig daselbst mein guter alter Freund Alexander begegnen, so bitte ich, ihn recht schön von mir zu grüßen.“

Die Sonne ging auf. Wir erreichten Finkenrode und frühstückten wirklich daselbst in dem Hause des weiland Onkels Bösenberg. Mir roch es recht moderig und unbehaglich drin. Mit welchen modernen Gefühlen, Stimmungen und „Meliorationsintentionen“ der heutige Inhaber vor zwanzig Jahren hineingezogen sein mochte und, seinem Buche nach, hineingezogen war: er hatte sich allgemach geradeso darin verpuppt wie der alte Herr, und er war noch dazu ein recht alter Junggesell darin geworden. Das Bild der Frau mit dem Kinde auf dem Arme sah jedoch auf einen ungemein verständnisreich besetzten Tisch herab. Der Stadtrat war fett geworden in dem alten Hause und wurde noch immer fetter drin; dies schien mir so ziemlich der einzige Unterschied gegen die Tage der Vergangenheit zu sein.

Daß aber ein wohlgemeintes Wort häufig viel mehr Verdruß anrichtet als die überlegteste Bosheit in Wort und Tat, das sollte ich auch jetzt einmal wieder erfahren.

Ganz harmlos erkundigte ich mich des näheren nach Weitenweber, und sofort legte unser gastfreundlicher Wirt Messer und Gabel nieder, blies eine Menge überflüssigen Atems über die breit vorgesteckte Serviette fort und keuchte:

„Uh, der alte Sünder! Außerdem daß er behauptete, längst vor der Entdeckung des Doktors Schopenhauer durch das deutsche Publikum den Schopenhauerianismus gründlich weg gehabt zu haben, hat er noch viel gründlicher meinen gesamten Vorrat von Lebensidealismus mit sich hinüber nach Berlin in das alte Leben genommen. Jawohl, das sind die Kerle, die in ihrer Säure und Knochentrockenheit hundert Jahre lang sich konservieren und dann sich ins Jenseits hinübergrinsen, während unsereiner in seiner — Liebenswürdigkeit — Weichheit — Lyrik — kurz, wie Sie das nennen wollen — — — na, verderben wir uns den Appetit nicht; und Sie, lieber Sixtus, sehen Sie nur nicht nach der Uhr, — Sie kommen noch früh genug aufs Schiff. Der Kapitän wartet mit Vergnügen auf jeden, der mit will, und Hannchen trägt Ihnen die Reisetaschen an den Fluß hinunter.“

Hannchen war ein sehr hübsches und ungemein freundliches Hausmädchen des alten Hauses Bösenberg, und nicht ungerechtfertigter Weise, wie es schien, ein großer Liebling des einstigen Feuilleton-Redakteurs des einstigen regnante Manteuffelio berühmten, oft konfiszierten und weit verbreiteten Blattes:

Das Chamäleon.

Viertes Kapitel.

Wir fuhren in einen recht heißen Tag hinein, und mir war es wunderlich, gar wunderlich, so auf einmal wieder auf diesen Wassern zu schwimmen, die ich so lange nicht zu Gesicht bekommen hatte.

„Der Mann — dieser Herr Stadtrat Bösenberg, hat mir recht gut gefallen,“ meinte mein Begleiter oder vielmehr Führer. „Er besitzt recht gesunde Ansichten nicht nur über Nationalökonomie, sondern auch die des Privatmannes. Daß er wie manche andere ein wenig in den Tag hineinschwatzt, muß man ihm hingehen lassen. Übrigens kennt er die Gegend aus dem Grunde, und ich werde unbedingt diese Bekanntschaft nicht kalt werden lassen; sobald ich daheim nur einigermaßen in Ruhe bin, werde ich ihm nochmals meinen Besuch machen. Und sein Buch muß ich doch auch mal wieder lesen.“

„Hoffentlich findest du noch ein Exemplar in einer Leihbibliothek, lieber Ewald; und wahrscheinlich werden seine Provinzgenossen dasselbe seit dem Jahre Achtzehnhundertneunundfünfzig durch ihre Randglossen und Fußbemerkungen noch um ein Bedeutendes lesenswerter gemacht haben.“

„Man trifft doch überall in diesem närrischen Deutschland — auch wo man es nicht vermutet — auf recht verständige, achtungswerte und spaßhafte Menschen,“ schloß der jetzige Besitzer von Schloß Werden diesen Abschnitt unserer Reiseunterhaltung. Der Doppelkirchturm von Finkenrode verschwand bei einer Biegung des Flusses hinter einem bewaldeten Höhenzuge; ich aber steckte nun einmal in den Kindern von Finkenrode und ich blieb darin stecken, und es erschien mir doch fast unbegreiflich, daß der Verfasser heute so wenig Verständnis mehr für die Wahrheit und Wirklichkeit dessen hatte, was er vordem niederschrieb. Im Halbtraum mußte er geschrieben haben: wie wach und munter er dann auch späterhin das Ding in den Druck geben mochte!…

Es ist kein ander Näherkommen, wenn es sich um die langentbehrte, halbvergessene Heimaterde handelt, dem zu Schiffe zu vergleichen. Nicht die Fußwanderung und noch viel weniger der Wagen bieten dies freie, leichte Getragenwerden. Wir wollen uns keine Illusionen machen über unsere Stärke in der Welt: es ist bei allen Dingen die Mühelosigkeit, die wir zuerst wollen, und die im Großen wie im Kleinen bei jeglicher Erhebung über den dahinschleichenden Tag und die dahingeschlichenen Tage das Willkommenste ist. An einen Schiffsrand gelehnt stehend, einst so vertraute und seit Jahren wie versunkene Bergesgipfel von neuem auftauchen, wachsen und sie immer deutlicher und immer bekannter sich in den Gesichtskreis schieben zu sehen: was geht darüber?! Und wenn ich vorhin gesagt habe, daß wir erst auf der Reise von unseren Verhältnissen zu der Heimat und vor allem von denen des Freundes Ewald Sixtus gesprochen hätten, so war das im vollen Sinne des Wortes erst auf diesem Schiffe und nachher auf dem Fußwege nach Schloß Werden der Fall.

„Lache mich nicht aus, Fritz,“ murmelte der Irländer, „ich wollte, wir wären erst acht Tage älter! Du kannst da gleichmütig genug sitzen und die liebe Gegend näher kommen sehen; aber ich — och faix, woran es eigentlich liegt, kann ich nicht sagen; aber ich versichere dich, ich fange allmählich an, Angst zu kriegen wie ein Schuljunge, der erst die Schule geschwänzt hat und dann noch zu spät zum Essen kommt. Ich wollte, by Jove, wir hätten noch den Stadtrat bei uns, ich fange an, einzusehen, daß er noch etwas mehr war als eine bloße Reisezerstreuung. An diese Stimmung habe ich, weiß Gott, in der Fremde nicht gedacht, und ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn ich sie mir vom Leibe und aus der Seele fern gehalten hätte! Fritz, ich weiß nicht, wie’s zugeht, aber ich gäbe jetzt viel für einen tüchtigen Landregen mit obligatem Verkriechen in der Kajüte. Das Wetter ist mir heute zu schön und die alten Berge dort in der Ferne viel zu blau!… Da ist der Pastor von Dölme! und da der Kirchturm von Pegestorff! — der Werder hier im Fluß war vor fünfzehn Jahren auch schon vorhanden. O Langreuter, Langreuter, der Pastor von Dölme! er schneidet noch dieselbe Sandsteinfratze wie — zu unserer Zeit; was ich aber jetzt für ein Gesicht ziehe, das weiß ich nicht und verlange auch nach keinem Spiegel. Langreuter, ich wollte, die Gegend wäre nicht ganz so sehr dieselbige geblieben! Wie alt mag wohl der Alte geworden sein?… und die Eva? und — — — na ja, und ich habe es auch nicht gewußt bis jetzt, um wieviel ich selber älter geworden bin!… da sollte man sich doch wirklich in den grauesten Sumpf vom grünen Erin hineinwünschen bis an den Hals. O Fritz, Fritze, o — Fritz Langreuter, der Tag ist mir heute zu schön, und die Nachtfahrt und die angenehme Unterhaltung, das Frühstück des Stadtrats Bösenberg sind wahrhaftig nicht allein schuld daran. O, der Vetter Just vom Steinhofe! Du brauchst es ihm weiter nicht auf die Nase zu binden, Fritz; aber ich wollte —“

Er brach ab, schüttelte den Kopf und sagte es nicht, was er in betreff des Vetters Just und seiner selbst jetzt lieber anders gewünscht hätte. Nur mit Mühe gewann er das alte drollige Zucken um die Mundwinkel noch einmal wieder, als ich ihn fragte: „Sie wissen es doch wenigstens, daß du in diesen Tagen nach Hause zurückkehrst?“ und er mir die Antwort schuldig bleiben zu wollen schien.

„Sie wissen es nicht, Ewald? Und sie wissen auch nicht, daß du heute der Herr von Schloß Werden bist?!“ …

Alle alte Knabenkomik und Verschmitztheit verschwand aus den wirklich hübschen und doch zugleich mannhaften Zügen des Ingenieurs:

„Weiß Gott, da ist Rühle und sieht auch noch gerade so aus als damals, wo wir hier die Welt allein zu haben glaubten! Ja, es ist ein dummer Jugendstreich! meine Flegeljahre haben sich aber nur ein paar Lustren weiter erstreckt als die anderer Leute, und ich habe das nur bis in diese Stunde hinein nicht gewußt. Bis heute bin ich wie diese nette Gegend der nämliche geblieben, und nun kommt es mir auf einmal vor, als ob von heute an meine Buße darüber recht nachdrücklich ihren Anfang nehmen könne. O Fritz, ich glaube, daß ich trotzdem, daß ich Schloß Werden für — euch alle wiedergewonnen habe, doch nur wenig Dank dafür zu erwarten habe und — ganz mit Recht!… Ob sie zu Hause — ob — ob Irene — ob sie alle über alles genau Bescheid wissen, ist wohl gleichgültig. Ganz mit Recht werden sie verschnupft sein, und ich wollte jetzt, ich hätte etwas Besseres und anderes getan, als die alten Jugendwitze noch einmal und im vergrößerten Maßstabe zu wiederholen! Ja, und du hast es selbstverständlich sofort herausgerochen, alter Verstandesmensch! Es gehörte meiner Meinung nach in Belfast dazu, daß ich nur mit meinem Advokaten in Bodenwerder und niemand sonst über das Geschäft korrespondierte. Wieviel von der Affäre dessenungeachtet unter die Leute durchgesickert ist, kann ich natürlich nicht wissen, aber ich ahne jetzt, es ist genug gewesen, um mir den Empfang nach allen Seiten hin zu gesegnen. Och honey, wie sieht sich das alles von der Fremde aus so ganz anders an! Da hatten wir mal in Dublin einen verrückten jungen Kerl aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, der führte seinen Papa, um ihm eine Geburtstagsfreude zu machen, eines Morgens ans Fenster und sagte: ‚Sieh mal, lieber Vater, da habe ich dir einen Elefanten gekauft!‘ Och, Freddy, Freddy, das Gesicht des alten Baumwollenimporteurs Mr. Maloney senior paßt ganz und gar in meine dermalige gemütliche Stimmung. Ich bin auch in diesem Moment durchaus nicht mehr darüber im klaren, was ich eigentlich gekauft habe, um meinen Angehörigen und — Irene — Everstein — eine — Freude zu machen! Was sollen sie auf dem Försterhofe mit meinem Elefanten anfangen, und wie — wie wird — Irene Everstein darüber denken?“

Da war es freilich schwer, das rechte Wort der Lösung für diese nur dem alleräußersten Anschein nach sehr einfachen Lebenswirren zu finden und dreinzugeben. Was ich erwidern konnte, war alles nichts weiter als guter Rat, der vorher hätte gegeben werden müssen und dann sicherlich nicht angenommen worden wäre. So überließ ich es denn den kühlen Wassern, die uns trugen, und den kochenden, welche die Räder, Hebel und Schaufeln in Bewegung erhielten, uns der Lösung, das heißt der Heimat und den Gesichtern, die die Leute dort über uns machten, näher zu führen. An das Müheloseste wendet sich der Mensch auch in allen großen und kleinen Krisen seines Daseins am liebsten, also nicht bloß im Glück und auf der Fahrt durch die Sommertage des Lebens.

Und jeder Augenblick brachte uns tiefer in die uns so bekannte und so sehr aus dem Gedächtnis geratene Jugendwelt hinein. Bei jeder Biegung des Flusses verflüchtigte sich der Schleier, den die Jahre uns über die Augen gelegt hatten, mehr und mehr. Gewinn und Verlust des Lebens wurden von Minute zu Minute deutlicher, aber stiller und friedlicher wurde es leider nicht darum in uns.

„Ich wollte, ich hieße von Münchhausen oder liefe schon gedruckt in der Welt herum wie der Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode!“ brummte der jetzige Herr von Schloß Werden. „Aber bis nach Bodenwerder bleiben wir nicht auf diesem verdammten Teekesselkahn, Fritz Langreuter. Das wäre die Höhe, wenn ich daselbst zuerst auf meinen Rechtsmandatar stieße und an seiner Hand in das alte, brave Vaterhaus zurückzuwandeln hätte. Bei der nächsten Haltestelle steigen wir aus und schlagen uns zu Fuße über die Berge und durch den Wald. Uh, hätte ich mir doch dies heutige Einschleichen hinter den Büschen weg vor drei Jahren schon so deutlich ausgemalt wie jetzt, so wäre es mir sicherlich besser zumute. Säße das Mädchen — ich meine die gnädige Frau — o Gott, säße die Irene nicht bei dem Vetter Just — — — bei den unsterblichen Göttern, ich schliche mich zuerst zu dem Vetter Just Everstein und ließe ihn einen Boten mit der Meldung nach Werden schicken, daß — ich — wieder da — sei! Der Peter in der Fremde mit seinen Dachkammer- und Taubenschlaggefühlen ist in diesem Moment ein wahrer Weltumsegler gegen mich! Deine Gefühle sind aber natürlich ja ganz andere, also geniere dich nur nicht meinetwegen, Bruder. Fahre du dreist weiter nach Bodenwerder, grüße daselbst, nimm einen Wagen und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber gehe.“

Ich ging auch.

Es war ein eigentümliches Gefühl, wieder den Kies des Flußufers unter den Füßen zu spüren. Das Dampfschiff drehte sich ab, und wir nahmen unseren Weg rechts in die Berge hinein. Zwei gute Stunden hatten wir vor uns, ehe wir Schloß Werden erreichen konnten; aber niemals sind mir zwei ziemlich beschwerliche Wegestunden so kurz vorgekommen wie diese. Und wir redeten wenig miteinander auf dieser Wanderung.

„Das ist eine kuriose Melodie, welche du da pfeifst, Ewald.“

„Rocky Road to Dublin! Jeder illegante blinde Fiedler greift sie im Schlafe bei uns, und sie paßt mir ganz für diesen Marsch, Fritz. Melancholisch und spaßhaft! was? Wer zuerst von uns die alten Türme aus dem Busch aufragen sieht, hält das Maul, aber stößt dem Gevatter die Ellenbogen in die Rippen… Und sie sitzt also heute bei dem Vetter Just auf dem Steinhofe. Hoffentlich im kühlen Schatten! Und wir — wir schwitzen hier!… O Fritz, ich will es nur gestehen, ich habe an mehr als einem heißen Tage in der Fremde an das böse liebe Mädchen gedacht und mir dies Nach-Hause-Kommen zur Kühlung ausgemalt. Der Teufel hole alle solche Malereien! Der ist selber ein Pinsel, der da meint, nur guter Wille gehöre dazu, den rechten Ton zu treffen.“

„Die arme Frau!“ murmelte ich, und der Herr von Schloß Werden sagte grimmig vor sich hin:

„Jawohl, die arme Frau! Und ich wollte nochmal, daß es erst heute übers Jahr wäre und wir alle möglichst in Ruhe!“

Ich will von dem Wege nichts weiter sagen. Wir erlebten alle Abenteuer darauf in unserer Seele. Gegen Abend, als jedoch die Sonne immer noch ziemlich hoch über den Hügeln im Westen, dem Steinhofe zu, stand, sahen wir die grauen Ecktürme unseres verzauberten, das heißt uns angezauberten Schlosses über die Linden und Kastanien aufragen. Und zehn Minuten oder eine Viertelstunde später standen wir — vor einer Mauer, die wir nicht kannten; vor einer hohen, nüchternen Mauer, die zu unserer Zeit noch nicht vorhanden gewesen war.

„Bin ich im Traum, oder haben wir uns verlaufen, und sind das dort gar nicht unser Dach und unsere Giebel?“ murmelte der Ingenieur, mich ansehend.

„Schloß Werden ist es wohl noch,“ seufzte ich, „aber, Ewald, andere Leute sind doch recht lange Herren hier gewesen und haben sich nach ihrem Gefallen eingerichtet. Wer hätte es überhaupt vorausgesehen, daß wir noch einmal wiederkommen würden?“

„Alle Wetter, und die verdammte Landstraße!“ rief der Irländer erbost. „O die Schufte! Hier lief ja der Graben an der grünen Hecke! Und dort hingen unsere Nester in der blauen Luft und in den grünen Zweigen! Alles ruiniert! Alles glatt gestampft… Und wie wird es erst jenseits dieser Mauer aussehen? O Fritz, Fritz, wäre es nicht wiederum zu dumm, so täte ich nochmal, als ginge mich die ganze Geschichte nicht das geringste an. O meine — arme Irene! das ist mehr als ein Symbol, diese gottverfluchte, nichtswürdige Mauer! Das ist die Wirklichkeit! das ist, wie es ist, und ich habe es mir in meiner Albernheit und in der Fremde nur etwas anders zurechtphantasiert. So ist es, wie es ist, und ich wollte, — ich säße in diesem angenehmen Moment auf Bloody Farland Point und spuckte in den Atlantischen Ozean, statt hier an dieser Mauer mit dir zu stehen und Maulaffen feil zuhalten!“

Das war so herausgestoßen und für jeden anderen Menschen als für mich und vielleicht Irene von Everstein völlig unverständlich; ich aber verstand diesen, in diesem Augenblick des vollkommensten Gelingens seiner hartnäckigen Lebensarbeit über sich so zornigen Mann und die energische Falte zwischen seinen Brauen vollkommen. Zu sagen wußte ich jedoch jetzt auch weiter nichts als mit einem Stoßseufzer:

„O Sixtus, weshalb sind wir nicht in Korrespondenz miteinander geblieben?“

„Ich habe mein Leben auf die Lust am Leben gestellt, — auf den Spaß, — du weißt es ja, Fritz. Hätte ich mich auch schriftlich oder gar durch den Druck als ein Esel manifestieren können, so gebe ich dir hiermit mein Wort darauf, daß ich es sicherlich getan hätte. Wieviel Ernst hinter dem Narrentum im Versteck lag, das magst du dir nunmehr selber zusammenkalkulieren. Und — Irene ist auch schuld daran gewesen. Fritz Langreuter, wir, das heißt sie und ich, haben vielleicht nur zu gut zueinander gepaßt! Ein wenig weniger gut wäre wahrscheinlich besser gewesen, und ich stände dann nicht so da vor — dieser gottverdammten Mauer und — hätte so große Angst vor ihr; nämlich vor ihr — der Frau auf dem Steinhofe unter der Obhut des Vetters Just Everstein! Alle Wetter, wenn es dem Burschen so ausgezeichnet gut drüben in Amerika erging, so hätte er meinetwegen ruhig dort bleiben können. Du meinst, daß ihm dazu zuviel an seinem Steinhofe gelegen gewesen sei? O Fritz, ich weiß es, — mir ist an diesem vertrackten Schloß Werden hinter dieser heillosen Mauer doch noch mehr gelegen gewesen, und ich habe auch darum gearbeitet und — der Kerl imponiert mir gar nicht, und ich wollte, Irene — die Frau Baronin säße im Pfefferlande, aber nicht bei ihm! Und jetzt, alter Freund, laß uns versuchen, um diese Mauer herum ein Loch zum Durchschlüpfen nach Schloß Werden zu gewinnen. Ich ziehe nicht ein in das alte Nest wie der liebe Vetter Just auf dem Steinhofe. Das ist eine Tatsache, daß das, was man erreicht hat, es nie tut!“ — — —

„Wahrlich, ich hatte meine Vaterstadt Finkenrode erreicht; nicht mit den Gefühlen eines Olympiasiegers, nicht mit den Gefühlen eines Heimwehkranken, aber doch mit recht anständigen, stichhaltigen, naturgemäßen Gefühlen, welche von einem nicht allzu verhärteten und gleichgültig gewordenen Gemüte zeugten,“ lautet eine Stelle in dem Buche des Finkenrodener Stadtrats, Dr. Max Bösenberg, und es ist mir nicht unlieb, daß ich mich ihrer erinnere, um sie an dieser Stelle zitieren zu können.

Fünftes Kapitel.

Wie wir diese heiße Mauer entlang gingen, die sich jetzt da hinzog, wo früher unsere grüne Hecke unser Märchenreich umschloß, ohne die unermeßliche übrige Welt auszuschließen, kam mir ein Gedanke. Nämlich, daß es Leute, die in allen Dingen, großen und kleinen, auf der Stelle Partei nehmen, die Hülle und Fülle gibt, daß aber der Leute, die im wahren Sinne des Wortes neutral zu bleiben vermögen, sehr wenige sind, und daß drittens die Namen und Adressen der letzteren überall, mit goldenen Lettern in ein besonderes Buch eingetragen, zum eiligsten öffentlichen Nachschlagen aufzulegen seien. Ich, der ich im Grunde heute so sehr Partei war, gewann aus dieser Mauer melancholisch die nicht mehr umzustoßende Überzeugung, daß mir sowohl im Schloß und Dorf Werden wie auch vor allen Dingen auf dem Steinhof nichts mehr übrig geblieben sei, als mich — vollkommen neutral zu verhalten.

Das hatte ich gewonnen! Ich, dem die Mühe, etwas Verlorenes wiederzugewinnen, erspart worden war; oder besser, der selber sie sich erspart hatte.

„Am sichersten wäre es vielleicht doch gewesen, wenn wir unseren Advokaten von Bodenwerder abgeholt hätten, um mit seiner Hülfe den Eingang in Schloß Werden zu finden,“ brummte Ewald. „Nun, gottlob, hier haben sie wenigstens ein Loch gelassen, und sind wir somit drin und — zu Hause angekommen. Begorra, eine schöne Wirtschaft scheint das gewesen zu sein! Meiner Treu, als ich von der Fremde aus die Katze im Sacke kaufte, habe ich doch keine Ahnung davon gehabt, wie ruppig das Vieh sich bei der Okularinspektion ausweisen würde. Sieh nur hin, Langreuter, wie die Halunken gehaust haben! Und ich gebe dir mein Wort darauf, Fritz, daß ich längere Zeit hindurch in der festen Überzeugung gelebt habe, ich hätte das alte Haus und seinen Zubehör zu billig erstanden! oh, oh, oh!“

Ich konnte auch nichts weiter tun, als in die Seufzer des Freundes betrübt einstimmen. Kahl und verwildert lag der früher so stattlich schöne Park innerhalb der neuen Mauer vor uns da. Die Alleen waren niedergeschlagen worden, die Gebüsche ausgereutet. Nur um das Schloß selbst standen noch einige der ältesten Bäume aufrecht und hatten uns von Ferne die Täuschung gegeben, daß das alte adelige Haus Werden noch aus dem alten vollen Grün aufrage. Es war nichts als eine Fata Morgana gewesen, die aus der fernen Jugendzeit in die schwüle Gegenwart herüberfiel. Die jüngsten Besitzer hatten auf Schloß Werden nur einen Raubbau in jeglicher Hinsicht betrieben und waren zugrunde darauf gegangen in der Sonne wie — der Herr Graf in dem vornehmen Schatten seiner hundertjährigen Linden und Kastanien.

„Da stehen wir!“ sagte der irländische Ingenieur grimmig. „Wenn es dir beliebt, so können wir auch weiter gehen oder — umkehren. Das Letztere wäre mir vielleicht in diesem Augenblick das liebste.“

„Du willst doch wohl nicht jetzt den Mut verlieren?“

„Den Mut wohl nicht, lieber Freund, wohl aber die Lust, meine Rolle weiter zu spielen. Momentan ist mir meine Devil-may-care-Stimmung gründlich ausgetrieben, und ich sehe nach keiner Weltgegend mehr hin die Gelegenheit, mir durch einen mehr oder weniger fragwürdigen Witz aus der Patsche zu helfen. Ich sage dir, ich fühle mich in dieser Minute mindestens um ein Jahrhundert älter als der alte Kasten dort hinter den Kartoffelfeldern, das Haus Werden mit seinen sicherlich zersprungenen und eingeschlagenen Fensterscheiben, seinem Schwamm im Parterre und seinem Wurmfraß im oberen Stock. Ach Fritz, es ist doch wohl gut, daß Irene Everstein auf dem Steinhofe wohl aufgehoben ist; und ich — ich hätte besser getan, wenn ich fürs erste Schloß Werden hätte links oder rechts liegen lassen und den alten Mann in dem Dorfe und dem Försterhause um seine Ansicht von der Sache gefragt hätte! Was dich anbetrifft, liebster Langreuter, so wird es mir immer klarer, daß du mir kaum von Nutzen bei dieser mißlichen Geschichte sein wirst. Nimm mir das nicht übel.“

Ich hatte wahrlich keine Ursache, hier irgend etwas übel zu nehmen. Der Freund hatte nur zu sehr recht. Mehr sogar, als er selber zu ahnen imstande war.

Ein altes Weib, das mit einer Sichel in der Hand einige Schritte weiter vorwärts sich aus dem Kraut und Unkraut aufrichtete, und dem wir, wie es schien, einen gelinden Schrecken einjagten, gab unseren trübsinnigen Gedankenläufen, wenigstens für einen Augenblick, eine gelegene Ablenkung. Es war sicherlich eine gute Bekannte unserer Jugendjahre; aber wir waren allesamt älter geworden und kannten uns nicht mehr.

Das kümmerliche Mütterchen zog rasch und ängstlich eine hoch mit Grünfutter vollgestopfte Kiepe zu sich heran und hatte unbedingt die größte Lust, ohne sich weiter auf Gruß, Gegengruß und freundschaftliche Unterhaltung einzulassen, Reißaus zu nehmen; aber —

„Halt, Mutter! Hier geblieben, Mrs. Ragtail! Nur auf ein Wort, Mütterchen!“ rief der Herr von Schloß Werden. „Gehören wir zu dem Dorfe oder dort in das graue Haus — Schloß Wackelburg, oder wie es heißt!?“

„Schloß Werden, liebster Herr! das ist das Schloß. Ach, Jeses, liebste, beste Herren, nur ein bißchen Grünes für die Ziege und fünf lebendige Enkelkinder; es wächst ja alles hier rundum doch nur dem armen Volke und lieben Herrgott in die Hand —“

„Richtig, Mutter! Mich aber soll der Teufel holen, wenn ich Ihr nicht alles gönne,“ brummte Ewald Sixtus, und fügte gegen mich gerichtet hinzu: „Hätte ich nur dasselbe Recht an den Nachlaß und die Erbschaft hier!“ Und wieder der alten Frau sich zuwendend: „Es kommen wohl manche aus dem Dorfe, um da herum das, was dem lieben Herrgott in und aus der Hand wächst, und was auch in Hof und Stall nicht zu niet- und nagelfest ist, abzuholen, he?“

„O du guter Himmel, liebster Herr, ich habe ja gar nichts gesagt,“ winselte die Alte. „Fünf lebendige Enkelkinder, und mein Junge, der Vater dazu, ist zu Schaden und Tode gekommen in Koldeweys Steinbruche, und die Mutter hat die Lungensucht mitgenommen, und ich bin mit den fünf Würmern allein übrig. Nur ein bißchen Kraut für die Ziege; denn das Jüngste ist erst dreiviertel Jahr alt, und ich bin an die Sechzig nahe heran. Und sie kommen alle, denn es ist ja kein Herr und Meister da seit Jahren, und der Herr Notar in Bodenwerder, der die Verwaltung hat, kann doch nicht immer da sein und nach dem Rechten sehen. Und wenn Sie auch zu den Herren Advokaten aus Bodenwerder gehören und mich vor Gericht ziehen wollen, so habe ich doch nichts gesagt, und den hochseligen Herrn Grafen habe ich auch noch gekannt und das war ein guter Mensch, so vornehm er war; und ich habe auch zu seinen Zeiten schon das Gras an den Hecken schneiden dürfen, und aus dem vornehmen Schloß hab’ ich mir keinen Nagel aus der Wand geholt. Und die gnädige Gräfin, die jetzt bei dem — dem Herrn Vetter Just — dem Herrn Everstein auf dem Steinhofe wohnt und der es auch so schlimm in der bösen Welt ergangen ist, wie man sagt, ja, die habe ich, als ich noch eine junge Frau war, aus dem Dorfbache aufgehoben und naß wie eine Katze auf meinem Arme nach Hause getragen, und da war damals die Madam — die gute Frau — die Frau Steuerkontrolleurin auf dem Schloß, die hat das Kind mir abgenommen und mir zehn Groschen gegeben. Der Junge aus dem Försterhause — unserm Förster Sixtus sein Junge hatte die gnädigste junge Komtesse in den Bach gestoßen. Sie sagen, dem soll jetzt das ganze Schloß und alles gehören; aber es will keiner im Dorfe so recht daran glauben. Wenn er aber heute wiederkäme, und alles hätte sich ungelogen so geschickt, wie die Leute lügen, und er wäre der Herr, so brauchte er auch mit der Witwe Warneke nicht um eine Kiepe voll Ziegenfutter aus der Wüstenei hier herum ins Gerichte zu gehen; denn dazu ist er viel zu gut Freund mit meinem alten Seligen gewesen, und der hätte oft klüger sein sollen als der dumme tolle Junge aus der Försterei. Da ist der lieben Frau Langreuter ihrer ganz anders gewesen und sittsamer; aber sie sagen, der hat es auch dicke hinter den Ohren gehabt und ist ein Professor geworden und wohnt jetzt, was man nennt in Berlin. Ja, so werden aus Kindern Leute, und ich habe es als junge Frau auch nicht gedacht, daß ich als alte Frau mal fünf Enkelkinder mit Tagelöhnerarbeit und Hunger und Kummer großziehen müßte. Aber die Herren lassen mich da schwatzen, und ich stehe da auch und schwatze, als wäre ich wie von oben her und vom Pfänder drangekriegt, und — — o du meine Güte — o liebster Himmel — jetzt falle ich um! Das sind Sie!… das sind Sie ja selber! der kleine Fritz und der — Herr Ewald! Und so gewachsen! Solche Herren! Und wirklich noch im lebendigen Leben! Und wie wird sich der alte Herr Vater und die Schwester freuen, Herr Sixtus. Und die Schwester — ich meine Fräulein Eva, hat noch immer nicht gefreit. Jedermann im Dorfe wundert sich darüber —“

Der Ingenieur hielt die Alte am Oberarm und fing an, sie zu schütteln, um dem Übermaß der Gefühlsäußerungen ein Ende zu machen. Das Hereinsprechen in den Schrecken, die Verwunderung und die zitternde Hast, sich angenehm zu machen, half zu gar nichts weiter, als daß sich gar noch das helle Schluchzen und Schlucken in den Redeschwall mischte —

„Herr, mach ein Ende!“ stöhnte fast ebenso erregt wie das graue Weiblein der Werdener Irländer. „Alle Hagel, da ist ja ganz das Ende weg! Witwe Warneke, honey, liebstes, bestes, altes Mädchen, ja wir sind wieder da, und es ist mir im höchsten Grade erfreulich, daß Sie die erste ist, die mir hier auf meinem Grund und Boden — weiß Sie was? Sie kriegt einen Taler von mir, wenn Sie jetzt auch mich und den Herrn Doktor Langreuter hier auf eine halbe Minute zu Worte kommen läßt!“

Die Alte duckte sich. Sie saß nieder neben ihrer Tragkiepe im Kraut und Unkraut des Parkes von Schloß Werden. Sie starrte zu uns empor von einem zum anderen:

„Ach Gott, ach Gott, ist das eine Freude! Und wie werden sich der Herr Vater und Fräulein Eva und die gnädigste Gräfin auf dem Steinhofe freuen! Das Futter aber haben sie sich alle im Dorfe hier im Schloßgarten geholt, seit keine Herrschaft dagewesen ist. Und der Herr Graf soll sich nur des Nachts ums Schloß herum und da in dem Gange, wo zu seiner Zeit die dicken Lindenbäume standen, haben sehen lassen!“

„Wohnt denn niemand mehr in dem Hause da?“ fragte ich zögernd und beklommen.

„Wer sollte denn da wohnen? Seit fünf Jahren hat es ja keinen richtigen Herrn mehr gehabt, sondern ist nur immer auf dem Papier weiter gegeben. Aber vor vierzehn Tagen ist die alte französische Mamsell — von des Herrn Grafen Seligen Zeiten her — die Mamsell Martin mal vom Steinhofe ’rübergekommen und ist drumherumgegangen und hat in die Fenster gesehen — bei Tage, nicht zur Nacht- und zur Spukezeit — und hat geweint.“

„Und meine Schwester?“ fragte Ewald Sixtus, und die Witwe Warneke sah sehr verwundert von neuem scheu ihn an.

„Jawohl, Fräulein Eva ist mit ihr gewesen und hat mit ihr nachher lange auf einer der Steinbänke gesessen. Das halbe Dorf aber hat nur von ferne zugesehen; wir haben das französische Parlieren der alten französischen Mamsell ja doch niemalen recht verstanden.“

„In meinem ganzen Leben ist mir die rote Abendsonne, wie sie jetzt hier rundum auf allem und vor allem dort auf den Mauern und Fenstern liegt, nicht so spukhaft und gespensterhaft öde und schwül vorgekommen wie jetzt, Fritz,“ sagte der neue Herr von Schloß Werden, jetzt meinen Arm fassend und mich schüttelnd. „Es ist mir wie ein Traum, daß ich den Besitztitel vermittelst der Mathematik und der Arithmetik bei hellem, nüchternem Mittage und klar und kühl nächtlicherweile über dem Reißbrett und dazu vermittelst des Londoner Patentamtes erworben habe. Witwe Warneke, wer hat den Schlüssel von Schloß Werden?“

„Genau kann ich das wohl nicht sagen; aber der Vorsteher wird es ja wissen, Herr E — ach, ich weiß ja auch gar nicht einmal, wie ich Sie jetzt anreden und betitulieren soll, und bitte, es nicht übel zu nehmen. Aber im Gartensaale ist ein Fensterflügel herausgefallen und mit Latten vernagelt. Aber die haben die Jungens und der Wind bald wieder lose gemacht, und —“

„So ist eigentlich eine Tür und ein Schlüssel dazu die letzten Jahre hindurch für das Dorf Werden ziemlich überflüssig gewesen,“ brummte der Ingenieur. „Viel besser als hier herum im Garten sieht es drinnen im Hause wohl nicht aus, old girl?“

Die Alte hob nur stöhnend und ängstlich die Hände:

„Herre, Herr, für mein Teil will ich es vor jedem Gerichte beschwören —“

„Was meinst du, Fritz, sollen wir gleichfalls durch das Saalfenster Besitz von dem nehmen, was noch brauchbar von Schloß Werden ist? Zu dem Dorfe gehöre ich doch auch und taxiere mich um kein Haar breit besser als das übrige saubere Gesindel! O Irene, Irene, meine schöne, stolze, wilde Irene!… Und der Herr Graf hat sich um Mitternacht dort auf der Vortreppe blicken lassen! Mademoiselle Martin hatte es verhältnismäßig noch gut. Sie konnte sich dreist hinsetzen und ihre Tränen fließen lassen, ohne sich lächerlich zu machen. Das ist ja rein zum Verrücktwerden! Sage es dreist heraus, Langreuter, wenn dir zur Stunde mein Eigentumsrecht hier beneidenswert, wünschenswert und solcher bitterschweren Lebensarbeit wert erscheint. Ich überlasse dir mit Vergnügen Kaufbrief, Gefühle, Stimmungen und — wollte — wollte — ja, was wollte ich denn?! Witwe Warneke, sehe Sie mich mal ganz genau an, wenn Sie einen richtigen Spuk sehen will. Ich komme als verhexter Mann aus der Fremde und gehe am hellen Tage um Schloß Werden und durch Dorf Werden als Gespenst um. Frage Sie nur die Leute im Försterhause und die — Frau auf dem Steinhofe und — den Vetter Just.“

„Ach Jeses, Herr Ewald, ich kann Sie ja wirklich nicht so sprechen hören; und die anderen werden es auch nicht können!“ sagte das alte Weibchen mit zitternd gefalteten Händen und sprach damit ein braves, aber wenig tröstliches Wort.

Sechstes Kapitel.

Ohne den Schlüssel vom Vorsteher zu holen, gingen wir jetzt im letzten Scheine der Abendsonne um das Schloß Werden herum. Ewald Sixtus, ich und die Witwe Warneke. Letztere mit ihrer hochbepackten Kiepe auf dem vom Alter gekrümmten Buckel. Wir zwei anderen aber trugen freilich die schwerere Last.

Das schöne, rote Sonnenuntergangslicht spiegelte sich doch noch auf der westlichen Seite des alten, einst so stattlichen Herrensitzes in den erblindeten, zersprungenen Scheiben des Oberstockes. Und wir sahen ebenso scheu zu den Fenstern von Schloß Werden empor wie das Volk aus dem Dorfe, wenn es seine verstohlenen Wege hierher führten, und ehe es in die mit losen Latten verschlagene Öffnung stieg und Furcht hatte — vor dem seligen Herrn Grafen.

Wie hieß doch der sonderbare alte Herr in dem sonderbaren Buche des Stadtrats Bösenberg in Finkenrode — der verrückte Musikant der in eben dem Finkenrode, wo der Doktor Max Stadtrat geworden war, das Ideal, seine verzauberte Prinzessin, suchte? Mir fehlte die Lust und die Zeit, in dem Buche nachzuschlagen, der Name tut auch wohl nichts zur Sache; aber die Sache selber wirft mir jetzt einen melancholischen, in seiner Wahrheit wehmütigen Schimmer über meine Geschichtserzählung: wir täuschen uns nur, wenn wir glauben, andere Pfade zu gehen und zu anderen Zielen zu gelangen als andere Menschenkinder.

Der starke Mann mit dem schönen männlichen Gesicht und den klugen Augen, aber auch mit den Zähnen auf der Unterlippe und der Falte zwischen den Augenbrauen, mein armer Jugendfreund stand in diesem Moment vor seinem schwer errungenen Besitz und wußte seine verzauberte Prinzessin ebensowenig zu finden wie der närrische Geiger die seinige unter den Spießbürgern, wohlmeinenden guten Bekannten und den Zigeunern der wackeren Stadt Finkenrode. Die erblindeten Scheiben des Schlosses Werden konnten ihm nur seine eigenen grimmig-ratlosen Mienen widerspiegeln, und er wendete sich, zuckte die Achseln und sagte:

„Dieses nützt zu nichts, lieber Freund. Da hat Sie einen Taler, Witwe Warneke, alte Freundin, damit doch ein Mensch aus der gegenwärtigen Minute sein Vergnügen zieht. Und nun schere Sie sich nach Hause und breite es mit möglichster Raschheit im Dorfe aus: der tolle dumme Junge, der Monsieur Ewald aus der Försterei sei aus der Fremde heute heimgekommen, sei der Herr von Schloß Werden und habe sich soeben sein Besitztum — von außen besehen. Was uns beide anbetrifft, Fritz, so gehen wir auch wohl weiter, aber etwas langsamer. Was würde ich darum geben, wenn ich jetzt eine bekannte haarige, braune, brave Faust am Kragen fühlte und dazu das alte bekannte Wort vernähme: Auf der Stelle scherst du dich jetzo nach Hause, du Lümmel; dir werde ich sofort wieder mal zeigen, wie der Papst Sixtus der Fünfte an dir gehandelt hätte, wenn du sein Junge gewesen wärest, du heilloser Herumtreiber und Taugenichts, du!“

War auf der einen Seite eine neue Mauer um den früheren Park des Schlosses gezogen, so fanden sich an anderen Stellen niedergetretene und durchbrochene Hecken genug, durch welche man den Ausgang nehmen mochte.

Noch zog sich ziemlich in der alten Weise der Weg gegen das Dorf und die am Eingang desselben gelegene Försterei hin.

Die Witwe hatte sich das Wort Ewalds nicht zum zweiten Mal sagen lassen. Sie bog auf einem Seitenpfade zur Linken ab und war trotz ihres Alters in einem kurzen, keuchenden Trabe uns bald entschwunden, um die Nachricht von einem ihrer hauptsächlichsten Lebenserlebnisse im Dorfe zu verbreiten und ihren Taler als Wahrzeichen im Kreise herumzuweisen. Wir beide standen vor den Hoftorpfosten des Försterhauses, und der Besitzer von Schloß Werden nahm den Hut ab, fuhr mit dem Taschentuche über die Stirn und sagte:

„Es ist doch ein merkwürdig schwüler Sommer.“

Da lag in der Abenddämmerung und der Dämmerung der weitästigen Rüstern das gute Heimathaus. Nur die Bäume wachsen, nicht aber das, was der Mensch erbaut. Letzteres scheint stets niedriger, enger geworden zu sein, wenn man es nach längerer Abwesenheit wieder erblickt. Und man braucht dazu es gar nicht als Kind verlassen zu haben. Auch der Erwachsene geht fort und läßt genau bekannte Stätten hinter sich, und wenn er wiederkehrt, so wundert er sich. Er berührt noch wie früher mit ausgestreckter Hand die Decke über seinem Kopfe; aber die Balken haben sich doch gesenkt, die Wände haben sich doch zusammengezogen. Aber der Wert der Dinge steigt und dehnt sich für den wahren Menschen gerade dann im umgekehrten Verhältnis. Welcher melodische Lärm geht über das klimpernde Getön, welches das alte Klavier in seiner Ecke aus seinem eschenen Gehäuse von sich gibt? Wir dachten auf dem Heimwege über Land und See daran und hatten Lust, uns in alter Weise lustig darüber zu machen, und wir hatten in keinem Konzertsaale der Welt Laute vernommen, die uns so an das Herz griffen wie das schrille Klingen dieser Saiten, über die wir endlich, endlich wieder einmal mit den zitternden Fingern greifen dürfen.

Von Verfall, Moder und Ruin soll hier aber nicht die Rede sein. Wie ein behaglicher Greis im Großvaterstuhl rutscht so ein Haus in sich zusammen und läßt allem jungen Pfosten-, Sparren- und Balkenwerk, allem neumodischen Zement und Asphalt rundum gern sein Wesen. Es kündigt keinem Heimchen unter der Schwelle, hinter dem Kachelofen und am Küchenherde oder setzt ihm die Miete in die Höhe. Die Heimchen wohnen sicher bei ihm und warm und wissen’s auch und singen sein Lob, und — ihr Gesang verändert sich uns nie, wir mögen nach Hause kommen, wann wir wollen, früh oder spät, nach einem Tage oder nach einem halben Jahrhundert. Der wächst nicht wie die Bäume, er rüttelt sich nicht in sich zusammen wie die Dächer und die Mauern: er ist derselbe immerdar — Gott sei Dank!

Wir standen und hörten durch die Abendstille die Heimchen von dem braunen, im Schatten versunkenen Hause her. Sonst war alles still; ein krähender Hahn im Dorfe, ein bellender Hund in der Ferne und ein erster Froschlaut vom nahen Mühlenteiche her störten den Frieden durchaus nicht. Wie immer standen alle Fenster und die Tür der Försterei weit offen, und in der einen Fensterbank zwischen den Blumentöpfen die Hauskatze im Halbschlaf und die Hunde auf der Schwelle der Haustür! Aber ein weißes, würdiges Haupt neben, hinter den Rosenstöcken und dem Kater — ein leichtes blaues Rauchwölkchen zwischen dem Weinlaub durch ins Freie hinausziehend! Ich hatte den Geruch jahrelang vergessen, aber ich erkannte ihn beim ersten Blick wieder! wahrlich nicht bloß mit der Nase! Da hebt der braune Hühnerhund den Kopf und der Teckel schlägt an — eine weibliche Gestalt tritt in die Tür des Werdener Försterhauses — die liebe, gute Eva des Vetters Just Everstein! Eva Sixtus in ihrem achtundzwanzigsten Lebensjahre — herzig, voll und reif; und ich — ich ziehe mechanisch ebenfalls den Hut und grüße; eine Bemerkung über die Temperatur mache ich dabei nicht, aber es wird mir ganz seltsam vor den Augen, und ich wundere mich, wie ich eigentlich auf einmal hierher komme; ach, zu der Frage, was ich eigentlich auf einmal hier will, gehören viel klarere Sinne und bedeutend mehr ruhige Überlegungskraft, als ich augenblicklich beisammen habe! Klar ist mir nichts, als daß ich eine weite, weite Reise getan habe, daß hundert Räder unter mir rasselten, daß unheimlich rastlose Schaufeln in ärgerliche Wellen schlugen, daß die Gegend und die Welt und das Leben vorbeigeflogen waren, daß die Plage und die Unlust an Körper und Seele groß waren und der Gewinn und die Befriedigung gering, und — daß es keine größere und erstaunlichere Offenbarung gibt als die der Stille im Lärm, des Schweigens im Geschrei und der Ruhe in der Unruhe. Stadtrat in Finkenrode braucht man darum gerade nicht zu werden.

„Sie habe ich auf den ersten Blick wiedererkannt,“ ist mir sehr häufig im Leben gesagt worden, und so hatte es eigentlich nichts Überraschendes, daß die Gute, die Liebe auf der Schwelle der Försterei in Werden zuerst mich erkannte und, wie es schien, mit einem leisen Erschrecken zuerst:

„Fritz!“ rief.

Und ich blieb stehen, wo ich stand; aber der Bruder lief vorwärts, und mit einem ebenso leisen Schrei erhob die Schwester die Hände:

„Ewald!… o Ewald, Ewald!“

Sie trat wohl auch einen Schritt vor, als wollte sie sich auf uns zustürzen; aber dann blieb sie doch stehen und ließ uns zu sich herankommen. Wie von einem Schwindel ergriffen, hielt sie sich an den treuen, schützenden Pfosten der Tür ihres Vaterhauses, und einen Augenblick hindurch hielt sie auch die Augen fest geschlossen; dann aber sah sie wieder auf, und wie im hellen, schluchzenden, wortlosen Jubel hing sie an der Schulter des so landfremd durch eigene Schuld und Grille gewordenen Bruders, und zitternd legte der Mann, der so selbstbewußt, stolz und sozusagen mutwillig hatte wiederkommen wollen, seinen Arm um sie:

„O, das ist gut! Mädchen, Mädchen, altes liebes Mädchen, du willst es mich nicht entgelten lassen? Wirklich nicht? Ich habe es ja gewußt, aber sagen mußt du es mir dennoch und — dem da auch! Wir haben uns so sehr gefürchtet, und ich für mein Teil, ich will noch vierzig Jahre älter werden, von dieser Stunde an gerechnet, bloß um vierzig Jahre lang von dir zu hören, was für ein Esel von Kindesbeinen an in mir gesteckt hat, und daß meine einzige Entschuldigung ist, daß — ich es nur zu gern getan habe und also nichts dafür kann!“

„Der Vater …!“ stammelte sie. „Ist es denn wahr, Bruder?… Es war wohl ein Gerücht seit einiger Zeit, doch — — O, der Vater, der Vater; er sitzt da am Fenster — er ist so alt geworden und immer noch so sehr gut; — o Ewald, lieber Ewald, aber er hat es mir nicht glauben wollen, daß du wieder zu uns kommen würdest, und es hat ihm keiner mehr von dem Gerücht reden dürfen.“

„Eva,“ klang es jetzt von dem Fenster her, „wen hast du denn da, Kind?“

Der alte Mann schob neugierig den Kopf hervor; aber die einst so scharfen Weidmannsaugen reichten nicht mehr soweit in die Abenddämmerung hinein, um die Fremden zu erkennen, die mit seiner Tochter sprachen. Der Irländer hielt meinen Arm so fest, daß es mich schmerzte. Eva Sixtus trat näher an das Fenster heran; sie trocknete ihre Augen und versuchte ruhig und fröhlich zu sprechen, es gelang ihr jedoch schlecht.

„O Vater,“ schluchzte sie, „wir haben Besuch bekommen —“

„Das freut mich, Kind; — wenn er mit einem alten Mann vorlieb nehmen will. Aber wie sprichst du denn? was hast du mit dem Tuch?“

„Vater, Besuch aus — vom — Schloß Werden — aus Berlin — aus — England. Lieber Vater, ich freue mich so, und du wirst dich auch freuen. Denke dir, Fritz — der Herr Doktor Langreuter aus Berlin — Herr — Fritz Langreuter —“

„Alle Wetter!“ rief der Alte, und der Kater neben ihm tat vor Schrecken einen Satz durch das Fenster und fuhr uns dicht an den Köpfen vorbei über den Hof, um sich, eine Stalleiter aufwärts, mit möglichster Eile in Sicherheit zu bringen. Mr. Ewald und ich hatten zu bleiben und das Weitere abzuwarten.

„Was ist das?“ fragte glücklicherweise noch eine Stimme aus der Tiefe der Stube. Wir hörten den Alten sich aufrappeln, und — da stand er auf der Schwelle seiner Amtswohnung, weißhaarig, die einst so scharfen Augen suchend auf uns richtend, auf seinen Stock gestützt, und — über die Schulter sah ihm zu unserem, das heißt zu Ewald Sixtus’ Glück der Vetter Just Everstein, der, wie sich auswies, sehr häufig vom Steinhofe zu seiner Unterhaltung herüberritt, und dessen Gaul auch an diesem merkwürdigen Abend wieder einmal im Stall einträchtiglich neben den zwei Kühen des Försterhauses stand.

Er war wieder der einzige, der Vetter Just nämlich, der ganz richtig und zur rechten Zeit an Ort und Stelle war. Er allein war schuld daran, daß eine Viertelstunde später — eine schlimme Viertelstunde! — der alte Mann mit dem guten Gesicht und der immer noch bitterbösen Falte zwischen den zusammengezogenen weißen, buschigen Brauen die Faust auf einen abgegriffenen Schweinslederband auf dem alten braunen, so teuern Klapptische zwischen den beiden Fenstern fallen ließ und murrte:

„Dieser hier hätte dich kurzab hängen lassen, Ewald, wenn du sein Junge gewesen wärest. Und wäre ich jünger und noch besser bei Kräften und Gedanken, so kämest du mir heute abend nicht so leicht weg, mein Sohn, das sage ich dir. Da wollte ich das Leben dieses Papstes doch nicht so lange studiert haben, um nicht zu wissen, was ich zu tun hätte!“

„O, lieber Vater,“ rief aber Ewald Sixtus, „ist denn nicht das verdammte Buch an der ganzen Geschichte schuld? Kann ich denn dafür, daß du mich alle Augenblicke mit der Nase darauf geduckt hast? Da frage nur den Just und den Doktor da, was sonst leichter im Menschen hängen bleibt als solche gute Lehren und Beispiele! Um auch meinen Willen durchzusetzen, habe ich gleichfalls jahrelang das Maul gehalten. Viel Reden hilft nicht und viel Schreiben macht dumm — frage dreist nur den Doktor hier danach, der kennt aus seiner Praxis genug Leute, die sich in beiderlei nie genug tun konnten und auch nach Hause kamen wie ich und doch noch weniger das Rechte getroffen hatten. Und ich bin doch auch nur darum wieder da, um mich von jetzt an von euch allen — ja allen! lenken zu lassen wie an einem seidenen Faden, und das ist noch mehr, als du von deinem Papst und unserem allerheiligsten Herrn Namensvetter, Sixtus dem Fünften, behaupten kannst, lieber Papa!“

Der Greis schüttelte den Kopf.

„Ich bin eben zu alt, um mich noch in allen euren Finessen zurechtfinden zu können, habe es auch nie recht gekonnt. Wenn dich dein Gewissen freispricht, so will ich es dir gönnen, mein Sohn, helfen täte es mir ja doch nichts, wenn ich mich auch noch mal abmühte, über die Verschiedenheit der Menschen auf Erden nachzusimulieren und mich über ihr Wesen gegeneinander zu ärgern. Also — lassen wir es gut sein; du bist wieder da und sagst, du habest es zu was gebracht, und das kann mir ja nur lieb sein. Was du unterwegs verloren hast, kann ich nicht taxieren; aber ein reicher Mann bist du geworden, sagen sie im Dorfe und sagt der Vetter Just; und Schloß Werden ist nun auch dein Eigentum; meine Sache ist das nicht, also sieh selber zu, was du mit deinen Ausrichtungen zu deinem Glücke weiter anfängst. Unter diesem, meinem Dache will ich dich als einen Gast ansehen, wenn es deine Zeit und Umstände zulassen und du deiner Schwester und mir die Ehre schenken willst. Auch der Fritz — der Herr Doktor Langreuter, ist mir willkommen, und das Kind soll auch ihm seinen Stuhl am Tische wieder zurücken. Wie ist es, Just Everstein; kann ich und soll ich noch mehr sagen und tun?“

Der Vetter Just faßte nur die Hand des Greises; Eva trocknete sich die Augen mit dem Schürzenzipfel; wir zwei anderen standen mit den Hüten in den Händen, in Wahrheit kläglich genug da — wirklich zwei dumme Buben, die zu spät zum Essen nach Hause gekommen waren, und zwar vom Fischfang in den Bächen dieser Welt, mit der Angelrute über der Schulter und ein paar Gründlingen in einem zerborstenen Henkeltopfe.

Siebentes Kapitel.

Dies Gefühl verstärkte sich noch um ein Bedeutendes, als wir nunmehr endlich einmal wieder in der niedrigen Stube standen, deren Decke der Förster Sixtus, so gebeugt ihn das Alter haben mochte, immer noch mit ausgestreckter Hand abreichte. Aber Eva hielt den Bruder von neuem fest in den Armen und schluchzte an seiner Brust; und dann reichte sie dem Vetter Just die Hand und sagte leise:

„O, wir danken dir!“

Und dann gab sie auch mir die Hand und versuchte es, durch ihre Tränen zu lächeln, und sie sagte:

„Und Ihnen danke ich auch recht schön und aus vollem Herzen. Es ist so sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mit meinem Bruder heim- und hergekommen sind. Nicht wahr, es hat sich wenig bei uns verändert? Wenn Sie es nur noch so behaglich wie in früheren guten Jahren finden!“

Ich griff mit der Hand nach der Kehle, weil eine andere — eine sehr heiße Geisterhand sie mir bedenklich zusammendrückte.

„Ach, Eva — Fräulein Eva —“

Glücklicherweise sprach der alte Herr, der seinen Platz in dem Lehnstuhl am Fenster wiederum eingenommen hatte, dazwischen.

„Weshalb nennst du denn den alten Jungen auf einmal Sie, Mädchen?“ fragte er. „Komm doch mal heran, Fritz! Wenn du auch zu uns gehörtest, so bist du doch nicht mein Fleisch und Blut gewesen, und so konntest du für dein Teil tun und lassen, was du wolltest, ohne dich viel um uns zu kümmern. Hättest dich aber doch wohl einmal wieder bei uns sehen lassen können, und wenn es auch nur schriftlich gewesen wäre! Schon unserer Freundschaft mit deiner seligen Mutter wegen!… So eine wie die ist mir nachher auch nicht wieder begegnet, und wenn ich manchmal hier in meinem Winkel vermeine, es sei nur, weil meine Augen stumpfer geworden seien und meine Sinne und Gedanken dazu, so kommt es mir bei besserer Überlegung als das Wahre, daß die wahren Menschen und Weibsleute doch immer das Seltenste in der Welt sind und bleiben. Was zur hohen Jagd gehört, das läuft nicht wie die Hasen im Felde. Übrigens hat mir der Vetter Just da nur Gutes von dir erzählt, Fritzchen Langreuter, und das hat mich wirklich recht gefreut, und wir sprechen wohl noch weiter darüber. Als du hier auf dem Boden mir zwischen den Beinen herumkrochest, deinem Ball und sonstigem Spielwerk nach, da hätte dir keiner an der Nase angesehen, daß wahrhaftig ein Doktor und noch dazu nicht ein bloßer medizinischer, die ich mir doch gottlob niemalen habe an den Leib kommen lassen, in dir steckte. Und nun sage mal, Fritz, ich hoffe doch, du nimmst hier mit uns vorlieb und Quartier; auf eines da bei dem vornehmen Herrn von Schloß Werden würde ich in dieser Nacht lieber doch nicht allzu feste rechnen. He, oder Er will wohl gar auch noch einmal sich in dem alten Bau verklüften, Musjeh Ewald Sixtus? Von Rechts wegen gehört er freilich nicht mehr hinein; aber da fährt das dumme Mädchen schon wieder mit dem Schürzenzipfel nach den Augen, und so will ich denn lieber weiter nichts gesagt haben als: na, Evchen, denn schütte den beiden dummen Jungen eine Streu auf, und vor allen Dingen sorge für’n anständig Abendbrot. Der Vetter Just kann bei Mondschein reiten, den Narren von Engländer da mag ich immer noch nicht recht ansehen, aber der gelehrte Doktor kommt mir selbst bei dieser zunehmenden Dämmerung sozusagen recht abgehungert vor, woran denn wohl hoffentlich nur alle seine Gelehrsamkeit und seine lange Abwesenheit in Berlin schuld ist.“

In diesem Augenblick schüttelte sich der „Narr von Engländer“, das richtige Werdener Kind, der irländische Brückenbauer und Tunnelwühler Ewald Sixtus wie ein — unbotmäßig gewesener Pudel, der seine Prügel weg hat und sich wieder in alter Behaglichkeit und im früheren gemütlich-drolligen Verhältnis zu seiner Umgebung fühlt. Aber es kam noch besser. Wie es zuging, konnte nachher wohl keiner uns genau angeben; aber das Faktum stand fest: mit einem Male hielt der Sohn den Vater im Arme wie eine Braut — ja besser, herzerfreulicher, zärtlicher und weicher und fester als wie solch ein weichliches, hübsches, zärtliches Ding von Mädchen!

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