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Alte Nester

Zweites Buch (continued 2)

Reading edition

Und was das allerbeste war, der alte Waldmensch ließ es sich gefallen und wurde nicht grob oder zierte sich.

„Ewald! mein Junge!“ stotterte er leise, „o du Allerweltsschlingel, bist du es denn wirklich und wahrhaftig?… Na, na, schon gut, schon gut! Willst du mich nun auch noch zu einem alten Weibe machen?… zu allem übrigen?!… So sprich doch du ein Wort dazu, Just Everstein. So sagt ihm doch, ihr anderen alle, daß es mir recht sein soll, wenn er gehandelt hat, wie er es verstand!… Mein Junge, mein lieber Junge — so bring doch Licht herein, Eva, Mädchen, auf daß man — wir — ich ihn endlich mal wieder voll zu Gesichte kriege!… Von dem alten Kasten, dem Schloß Werden, und von der lieben Gräfin müssen wir ja auch noch bei Lichte reden!… Also ein Sixtus bist du gewesen und geblieben, weil du nichts dafür gekonnt hast?… Mein Junge, mein nichtsnutziger Galgenstrick bist du immer geblieben?… Und Schloß Werden hast du wirklich, und es ist kein dummes Zeug, sondern die reine volle Wahrheit? Was würde der Herr Graf sagen, wenn er in diesem Augenblick dort wieder auf seinem Platze sitzen würde? Und die Gräfin — Fräulein — Frau Irene? Ewald, sie sitzt ja auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just Everstein, was wird sie dazu sagen, daß der Spielkamerad aus der Werdener Försterei die vier leeren Mauern ihres Vaterhauses der letzten Ruinierung abgewonnen hat?“

Der Freund hatte, wie der späteste Leser merken wird, immerfort in die Worte des Greises hineingesprochen; doch Papierverschwendung würde es gewesen sein, wenn ich auch seine bruchstückhaften Eräußerungen hier hätte wiedergeben wollen.

Nun brachte Eva die Lampe, und der Klapptisch wurde nach ewiger Gewohnheit vom Fenster in die Mitte der Stube geschoben, und ein jeder von uns beiden, d. h. Meister Ewald Sixtus und ich, Friedrich Langreuter, saß wieder einmal vor seinem Namen, den er vor zwanzig Jahren in die Platte eingeschnitten hatte. Wir waren allesamt beträchtlich in die Jahre hineingeraten, seit wir zuletzt an diesem Tische so zusammengesessen; aber ein schöneres, frischeres Bild als diesen weißhaarigen Vater Sixtus zwischen seinen beiden Kindern gab es nicht. Neun Uhr schlug die Wanduhr, und bei ihrem Schlag sahen sowohl der irländische Ingenieur wie auch der Berliner Doktor der Weltweisheit auf und atemlos sich um. Wir hatten wahrlich nicht nötig, einander anzustoßen und zum Stillsein aufzufordern, bis die neun schrillen Schläge verhallt waren und das Ding sein Ticktack weiter in die Zeit hinein fortsetzte.

„Es ist reinewegs wunderbar!“ seufzte Ewald.

„In diesem Frühjahr hat sie einmal gerade so wie ich auf ihre Pensionierung angetragen,“ sagte der Vater Sixtus. „Es ist der Tausendkünstler da, der Vetter Just, der sich ihrer Altersschwäche erbarmt und sie in die Kur genommen hat. Nicht wahr, Just, es hat dich mehr als einen sauren Schweiß- und Angsttropfen gekostet, sie noch einmal auf die Beine zu bringen? Ach, tagelang ist er jeden Tag herübergeritten und hat den Uhrendoktor gespielt, und daß er wiederum ein Meisterstück gemacht hat, das habt ihr beiden anderen soeben mit eigenen Ohren vernommen.“

„Ich habe nichts lieber getan,“ meinte der Vetter leise und mit einem scheuen, zärtlichen Seitenblick auf Eva. „Es war ja meine eigene bittere Erfahrung, als ich von der Vagabondage nach Hause, nach dem Steinhofe heimkam und sie mir alles vertragen und verschleppt hatten. Und wenn alles übrige doch nur was Totes ist, dem wir selber unsere Stimme geben müssen, wenn es sprechen soll, so ist es mit so einer Uhr ganz und gar ein anderes, was in alles, was dir passiert von der Wiege an, mit hereinredet. Ich will mit keinem Menschen etwas zu tun haben, der die Stubenuhr aus seines Vaters Hause aus Not verkauft, wenn er vorher noch etwas anderes zu verschleudern hatte. Und wäre ich nicht der Bauer vom Steinhofe, so möchte ich nur ein Uhrmacher sein; aber ein wandernder, der von Dorf zu Dorfe seiner Kunst nachgeht. Mein seliger Vater war ein verschwiegener Mann — Sie wissen das, Herr Oberförster — aber wenn er den Uhrmacher auf dem Hofe hatte, kam er immer ins Erzählen, und es war immer ein Wunder, wieviel die Familie erlebt hatte, ohne daß weder meine Mutter noch sonst irgendein Mensch auf dem Steinhofe eine Ahnung davon gehabt hatte.“

Der alte Förster kratzte sich lächelnd hinter dem Ohre:

„Und was haben wir getan, Just, während der Tage, wo du neulich den wandernden Uhrmacher hier bei uns gespielt hast? Hier, Evchen, Mädchen, wie haben wir beide hier auf der Försterei uns bei ebenso bewandten Umständen, will sagen, als wir den Uhrmacher im Hause hatten, verhalten?“

Es schien mir, als ob der Vetter Just jetzt verstohlen zu mir herüberschaue; über Evas liebes Gesicht flog es wie ein Erröten, doch verlegen wurde sie nicht. Sie reichte dem Vetter vom Steinhofe unbefangen die Hand über den Tisch und sagte:

„Ei, wir haben wohl auch von allerlei Familiengeschichten geschwatzt. Gehörte Just nicht so ganz und gar dazu, so möchte es ihm wohl manchmal recht langweilig geworden sein. Nun aber lasse ich euch Männer und Herren für eine halbe Stunde allein — da kommt der Bruder aus der weiten Welt nach Hause und sein — der Freund Fritz aus der Stadt Berlin, und wir schwatzen, als ob wir erst gestern abend uns hier gute Nacht gesagt hätten. Jetzt sorge ich fürs Abendbrot; aber ich lasse die Tür offen und horche auf alles — ich meine, ein Jahr wird nicht ausreichen, um uns gegenseitig mit unserem Leben wieder aufs Laufende zu bringen, einerlei ob wir den Uhrmacher im Hause haben oder nicht.“

„Fürs erste gehe ich einmal mit in die Küche!“ rief der Besitzer von Schloß Werden aufspringend. „Endlich will ich doch mal wieder da die Funken im Schlot aufwirbeln sehen.“

Nach fünf weiteren Minuten schlich auch ich mich den beiden nach; aber ich blickte nur durch die Türspalte. Sie standen Arm in Arm an dem alten väterlichen Herde, und die Schwester hatte dem Bruder wieder den Kopf auf die Schulter gelehnt, und sie sahen stumm in die hüpfenden Funken des Heimatherdes. Als ich in die Stube zurückkam, sagte der Vater Sixtus:

„Recht hat das Kind, Fritze. Wir werden wohl eine ziemliche Zeit brauchen, um mit allen unseren Erlebnissen ins klare zu kommen. Da frage nur den Vetter Just, der ist jetzt doch schon über ein Jahr aus seinem Amerika zurück; aber wir sind immer noch nicht mit ihm fertig. Manchmal ist es mein Wunder, wie viel das Mädchen aufs Tapet zu bringen hat, sobald er die Nase in die Tür steckt. Die Zwei kann man schon einen ganzen Sommertag beieinander sitzen lassen, ohne daß ihnen der Unterhaltungsfaden abbricht. Na, ihr seid recht gute Freunde geworden, nicht wahr, Just Everstein?“

Ich aber, der ich hier sitze und schreibe, dachte wunders, wieviel ich von jenem inhaltreichen Abend zu Papier zu bringen haben würde, und wundere mich doch nun gar nicht, daß ein so kurzes Kapitel daraus geworden ist.

Achtes Kapitel.

„Wie süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft!“

Gegen elf Uhr abends ging er auf, der Mond, und in der längst aufgegangenen Sommersonne am Morgen unter. Um elf Uhr hatte uns der Alte gute Nacht gewünscht und sich von seinem heimgekehrten Sohne in seine Kammer führen lassen. Erst nach einer geraumen Weile hörten wir Ewalds Schritt wieder auf der Treppe. Sehr schweigsam und nachdenklich nahm der Herr von Schloß Werden wieder an unserem Tische Platz und sprach wenig mehr. Auch Eva wurde schweigsamer, rückte aber näher zu dem Bruder und hielt von neuem fortwährend seine Hand zwischen der ihrigen. Es war, als ob für diesen Abend nunmehr jedes Wort zwischen uns vier ausgesprochen worden sei. Nur die Uhr im Winkel redete weiter; als sie aber Mitternacht schlug und der weiße Schein des Mondes plötzlich voll in die Fenster fiel, da erschraken wir alle, und der Vetter Just stand auf und sagte:

„Nun wird’s doch wohl Zeit, daß ich reite! Was werden sie auf dem Hofe sagen, wenn ich ihnen fast das Morgenrot heimbringe?“

„Sie liegen wohl alle in einem guten Schlafe und kümmern sich wenig darum, wieweit es an der Zeit ist,“ meinte Eva.

„Frau Irene nicht,“ sagte der Vetter; Ewald Sixtus aber sah rasch aus seinem trüben Sinnen empor, tat jedoch keine Frage.

„Ich habe alles versucht, sie darin zur Vernunft zu bringen,“ fuhr der Bauer vom Steinhofe fort, „aber was hat es mir geholfen? Nichts!… Und wenn ich es um sie verdient hätte, so wäre dies zu gut, zu lieb, zu sorglich und zu dankbar. Was habe ich ihr denn viel helfen können in ihrer schlimmen Lebensnot und Angst? Du, Fritz, bist ja auch dabei gewesen und kannst bezeugen, daß ich nichts als den guten Willen gehabt habe. Und das Kind haben wir ja doch auch begraben müssen, und hätte ich auch mein Herzblut hergegeben, — sage selbst, Fritze, daß keine Hülfe dafür war! Jetzt aber sitzt sie gottlob auf dem Steinhofe in Ruhe und Sicherheit, soweit beides hienieden möglich ist; aber nun ist es fast, als sei ich ein krankes Kind und müsse gepflegt werden und süß behandelt werden wie ein solches. Die alte Jule war darin schon arg genug, nachdem wir von neuem auf dem Hofe beisammen waren; aber Frau Irene gibt ihr nicht das geringste nach. Geraten sich die beiden Guten einmal in die Haare, so könnt ihr sicher sein, daß es über mich geschieht. Sie sehen aus nach mir, sie erwarten mich bei dem schlechtesten Wetter draußen vor der Tür. Sie rücken mir den Stuhl zurecht, und ihr einziger Jammer ist, daß ich keinen Schlafrock trage und sie mir also mit dem nicht entgegenkommen können. Die Alte ist wohl zu alt, um bis nach Mitternacht auf mich warten zu können; aber die beiden anderen lieben Augen wachen, und in Irenes Stube brennt in dieser Nacht die Lampe bis in den Morgen hinein. Ich habe es natürlich versucht, böse darüber zu werden, aber geholfen hat es gar nichts! O, und es geht doch auch nichts über solch ein liebes Licht aus dem Fenster des alten Heimatnestes. Wie wird sich die Frau Irene wundern und von ihrem Buche aufsehen, wenn ich diesmal heimkomme und ihr zur Entschuldigung die Nachricht mitbringe, wer heute hier in der Försterei das alte Nest wiedererreicht hat. Jetzt aber im Galopp und im Mondschein gen Bodenwerder! Nur selten hat mir der Mond so ganz zur rechten Zeit am Himmel gestanden wie in dieser Nacht.“

Ewald Sixtus stützte den Kopf mit der Hand und beschattete die Augen mit der Hand.

„Durch das Dorf führst du doch noch deinen Gaul am Zaum, Just,“ sagte ich. „Durch das Dorf Werden begleite ich dich bis auf die Straße nach Bodenwerder. Es ist freilich eine helle Nacht, und ein segensreicher Zauber liegt hoffentlich über uns allen. Ich begleite dich noch ein Stück Weges, Vetter Just. Es ist lange her, seit ich zum letzten Mal die Heimat im Mondenschein liegen sah.“

Im Mondenschein sattelte der Vetter auf dem Hofe der Försterei seinen Fuchs. An den hohen Ulmen des Hofes, denen es so viel besser geworden war als den stolzen Bäumen um Schloß Werden, regt sich kein Blatt. Schatten und Licht lagen still auf dem Boden. An dem Hoftor gaben Ewald und Eva noch einmal dem Bauer vom Steinhofe die Hand, — die des lieben Mädchens hielt er eine geraume Weile fest und sagte dann nur zögernd:

„Nun, so komm, Fritz Langreuter. Nach einer Reise wie die deinige solltest du freilich schon längst im Bett liegen —“

„Und recht angenehm von euch hier und euren Zuständen träumen! O, du Egoist, und du willst wachend hoch zu Roß währenddem durch die Mondnacht jagen und mit kitzelndem Behagen deinen Spaß über den Berliner Doktor haben?“

„Ganz gewiß nicht, Fritze“ meinte der Vetter ehrlichst. „Solange du willst, führe ich den Gaul am Zügel hier an deiner Seite. Vielleicht wäre es sogar recht gut, du gingest den ganzen Weg mit mir und erzähltest an meiner statt der Frau Irene, wen du heute nach Schloß Werden begleitet hast. Ach, Fritz, du weißt zu sprechen und deine Worte zu stellen, ich aber nicht! Mir muß alles abgefragt werden, und mir ist dann stets, als wäre alles, was dann herauskommt, als sei es durch Zufall gekommen. Sieh, alter Kerl, das Gegenteil hiervon ist’s eben, was ihr Gelehrten alle Zeit vor uns voraus habt, die wir zum Nachdenken kommen so wie ich, heute bei Regen, morgen bei Sonnenschein, heute hinter dem Pfluge und morgen auf dem Stoppelfelde bei den letzten Erntegarben. Es ist gar keine Logik darin, und dann am wenigsten, wenn man sie am nötigsten braucht. Und daß man fast zehn Jahre lang in den Vereinigten Staaten den Schulmeister gespielt hat, hilft gar nichts dazu. Und Fritz, Fritz, lieber Fritz, da wir jetzt wieder zwischen uns beiden allein sind — ich habe das Schwabenalter längst hinter mir und — und Eva Sixtus will meine Frau werden! Du hast es wohl schon lange gemerkt, aber — gottlob — jetzt habe auch ich es dir gesagt!“ …

„Und ich wünsche dir von ganzem Herzen Glück dazu,“ sagte ich, des Mannes brave, starke Hand nehmend und drückend. Er aber sah mich im Mondlicht noch einmal einen kürzesten Augenblick so an, als ob er ganz und gar das Gegenteil von diesem meinem Wunsche zu hören erwartet habe, und dann tat er einen Seufzer wie aus befreiter Brust und rief:

„Und das ist mir das Liebste, was mir nach ihrem Jawort begegnen konnte, daß auch du mir Glück wünschest. Ich bin nun leider schon so ein zerzauster alter Kerl, und sie ist immer noch jung, und du bist auch noch jung, Fritzchen — wenigstens — wenigstens recht viel jünger als ich; und wenn ich in meiner jetzigen Ruhe und meinem Glück und Behagen an die alten Tage denke, wo ihr junges Volk zum Besuch nach dem Steinhofe kamt, so — — ach, Fritz, Fritz Langreuter, du mußt es doch wohl dir selber sagen, was ich in diesem Moment dir sagen möchte! Aber die Frau Irene weiß es auch und hat Eva geküßt und — mich auch, wirklich und wahrhaftig! Wenn du sie gleichfalls fragen willst: sie billigt auch unser Vorhaben, unsere alten Tage in Friede und Glück und in der alten Freundschaft mit der ganzen alten Heimat zu verleben. Sie hat nicht gemeint, daß es zu spät sei; — sie, die soviel mehr als wir alle übrigen zusammen in der boshaften, stürmischen Welt erlebt hat, und es also auch wohl am besten verstehen muß.“

„Sie hat vollständig recht, Just! Aber von uns allen bist auch du nur der einzige, der nie etwas zur unrichtigen Zeit erleben kann, dem alles recht und richtig gekommen ist im Leben, Segen wie Ungemach. Ja, so gnädig waren dir, und dir von uns allen allein, die Götter, als sie dir deine Wiege auf den Steinhof stellten und dich nachher an den Weg setzten —“

„Mit offenem Munde und um Maulaffen feil zu halten! Ei ja, es wundert mich freilich heute noch, wieviel Abenteuer der Mensch erleben kann, ohne daß er etwas dazu tut. Manchmal ist das gar mein Kummer und Gewissensbiß sozusagen; dann fühle ich es, wie als ob ich eine Stelle in mir hätte, wo ich im größten Tumult wie ein Stück Holz werde, während die anderen sich weiter abängsten.“

Das stille Licht des Mondes lag über uns und um uns, und der Vetter Just sprach, ohne es zu wissen, von dem Unterschied zwischen den vornehmen Naturen innerhalb der Menschheit und den gewöhnlichen. Er drückte sich eben nur schlecht aus, wenn er da von einem ton- und klanglosen Stück Holz sprach, wo er von der Stelle in seiner Seele hätte erzählen sollen, wohin keine Welle des vorbeifließenden Tages schlagen konnte.

„Ihr werdet ein schönes Leben haben, und mich laßt ihr — alle dann und wann an eurem Herde als euren Historiographen niedersitzen,“ sagte ich leise und tief gerührt. „Für Kinder, wie wir waren, als wir zu dir auf den Steinhof zu Besuche kamen, werdet ihr freilich nicht erzählen und werde ich nicht wieder erzählen.“

In und an dem Dorfe Werden hatte sich in den Jahren, während ich es nicht sah, nichts verändert. Es dehnte sich genügend weit in die Länge aus, daß wir vollkommen Zeit hatten, während wir es durchwanderten, uns alles das mitzuteilen, was ich eben hier niedergeschrieben habe. Von den Bewohnern störte uns auch niemand dabei; sie lagen sämtlich im tiefen Schlafe. Es saß keiner bei der Lampe wach, — selbst der Pastor und der Kantor nicht. Der Mondenschein hatte das Reich für sich allein, und das war gut; für mich sowohl wie auch für den Vetter Just Everstein. Wären wir bei hellem Tage und unter dem Zudrängen alter Bekanntschaft durch das alte Nest im Grünen gewandelt, so würden wir sicherlich mehr Mühe und Plage gehabt haben, mit unseren Gefühlen und Stimmungen ins Reine gegeneinander zu kommen. Sonderbarerweise aber dachte ich in dieser hellen, schönen Nacht, auf dieser Wanderung durch das friedliche vergessene Heimatdorf, nicht ohne ein Gefühl stiller Sicherheit an die große Stadt Berlin, meine kleine Stube und meine Tätigkeit, kurz an das Dasein, das mir dort zuteil geworden war. Es lag ein Gefühl von Wehmut darin, aber doch zugleich eine innerlichste Beruhigung: sie, die anderen alle konnten und durften heimkehren in das alte Leben, wann sie wollten, sie waren da zu Hause; ich aber nicht oder doch nie mehr so, wie sie noch zu jeder Zeit sein konnten. Resignation nennt man das mit einem Fremdwort, das wir wohl nicht so leicht aus dem deutschen Sprachgebrauch loswerden. Die deutsche Welt darf manchmal noch so süß in Mondenlicht und in weiche Redensarten gebettet liegen: wir wollen das scharfe, aber gesunde Wort festhalten und es uns durch kein anderes zu ersetzen suchen.

Am Ausgange des Dorfes nahmen der Vetter und ich für diesmal von neuem Abschied voneinander und trennten uns gottlob im besten Einvernehmen. Er schwang sich ein wenig schwerfällig auf seinen Fuchs und ritt gen Bodenwerder; ich wandelte langsamen Schrittes und unter einigem Selbstgespräch nach der Försterei zurück.

Hier saßen Ewald und Eva wieder bei der Lampe am Tische und hatten wohl das Ihrige gesprochen während meiner Abwesenheit. Das gute Mädchen mochte auch wohl wieder einige Tränen vergossen haben, doch schmerzhafte waren es nicht gewesen. Ein wenig befangen lächelnd sah sie aus ihren lieben Augen zu mir auf; doch ich reichte ihr schnell die Hand und sagte:

„Ich habe dem Vetter Just schon Glück gewünscht, Eva, nun laß du es auch dir von mir wünschen. Du weißt es auch schon, Freund Ewald, was für eine neue Freude dem Steinhofe von unserem Geschick zugedacht ist?“

„Ja, sie hat es mir so ruhig gesagt, wie sie uns immer alles ruhig sagte. Darin hat sich an ihr nicht das mindeste geändert. Aber sie passen nur desto besser zueinander, und die Jahre, die sie gebraucht haben, sich zu finden, sind ihnen ja ebenfalls nur etwas ganz Selbstverständliches gewesen. Nicht wahr, mein Herz, mein Herzensmädchen, um ein Glück, das aus den Wolken fiele, würdet ihr eine geraume Zeit herumgehen, ehe ihr es vom Boden aufhöbet. Doch ob ihr nicht darum gerade die Glücklichen seid, gewesen seid und sein werdet, das ist an dem heutigen Abend für mich eine Frage, die einen sein wüstes, wirres Lebenswerk noch einmal wie im Fluge von neuem tun läßt. Och arrah, arrah, komme ich noch einmal auf die Welt, so tue ich vielleicht auch meine Arbeit, ohne auf das Glück zu zählen, das aus den Wolken fällt! Selbst auf die Gefahr hin, daß man in Bodenwerder und Dorf Werden samt Umgegend selbstverständlich sagen wird: Auf das Glück, das aus den Wolken fällt, hat der Schlingel immer einzig und allein gerechnet, — ja, da sieht man’s nun!“

„Mir ist das Herz so voll, daß ich gar nichts zu sagen weiß,“ flüsterte Eva. „Lieber Friedrich, — lieber Bruder Ewald, wir müssen alle, alle glücklich und zufrieden sein. Das Schicksal kann es ja nicht böse mit uns meinen, es hätte uns sonst wohl nicht diesen Abend geschenkt. Wir sind wieder alle zu Hause, und das ist doch die Hauptsache! Morgen wollen wir von dem Schloß Werden und von Irene sprechen — wir haben ja eigentlich noch von nichts vernünftig geredet. Nimm es nur nicht übel, Fritz: im Grunde bist du doch der einzige von uns gewesen, der alle seine fünf Sinne ordentlich beieinander halten konnte!“

„Und da kräht wirklich und wahrhaftig der erste Werdener Hahn den Morgen an,“ sagte ich, um doch etwas zu erwidern. „Glück auf in der Heimat, Freund Ewald!“

Ich hatte ihn durch einen Schlag auf die Schulter von neuem aus seinem nachdenklichen Hinbrüten zu wecken.

„Was hast du gesagt?“ fragte er zerstreut.

„Wir wollen doch noch den Versuch machen, vor Sonnenaufgang unter dem alten Heimatsdache einen glücklichen Traum zu träumen.“

„Ich habe alles oben in Ordnung für euch gebracht; aber geht leise auf der Treppe, daß ihr den Vater nicht stört,“ bat Eva Sixtus.

Neuntes Kapitel.

Als ich am anderen Morgen erwachte, fand es sich, daß ich länger in den Tag hinein geschlafen hatte als irgendein anderer im Hause; und sie hatten mich ruhig schlafen lassen, und zwar mit vollem Recht, denn auf meine tätige Teilnahme an dem, was jetzt die Zeit in der alten Heimat brachte, kam leider am wenigsten an. Ich durfte ausschlafen und brachte dadurch höchstens die Hausordnung ein wenig in Unordnung; aber dafür war ich ja jetzt der Historiograph von Schloß und Dorf Werden sowie vom Steinhofe und hatte, wie der Vater Sixtus sich ausdrückte, „von allen immer am meisten Tinte an den Fingern gehabt“.

Und seltsam und — wie schon gesagt! es ging darob eine gewisse Umwandlung meiner Stimmungen ins Heitere und Zufriedene in mir vor. Ich merkte es, daß meine einsamen Lehrjahre doch ihre Frucht getragen hatten: es verstand keiner von ihnen es so gut wie ich, sich seine Stimmungen „zurecht zu machen“. Zurecht machen! ich finde kein besseres Wort dafür, und sämtliche philosophische Systeme sind gleichfalls darauf erbaut.

So sah ich, hörte und schreibe ich jetzt nieder, und allesamt meinten sie ganz verwundert:

„Nein, dieser Fritz! Nein, dieser Langreuter! Nein, dieser Herr Doktor! Dieser Herr Doktor Langreuter! Wacht er jetzt erst so auf, oder ist er immer so gewesen? Im Grunde ist das ja der Gemütlichste, Heiterste und Gleichmütigste von uns allen! Wie sich doch der Mensch verändern kann!“

Lassen wir auch dieses und vorzüglich das letztere mit Gelassenheit auf sich beruhen. Es hat noch kein Mensch wirklich ausfindig gemacht, wie weit und wie sehr sein Nachbar im Raum und in der Zeit sich verändert habe, während man selbst glaubte, ganz derselbe geblieben zu sein.

„Wo steckt Ewald?“ fragte ich, als ich endlich zum Kaffee herniederstieg und nur die Sonne, die Hunde, den Förster und seine Tochter in der Wohnstube fand.

„Er ist zum Vorsteher und holt sich die Schlüssel zu seinem Schloß,“ sagte Eva.

„Sage nur dreist: zu seinem bezauberten Schloß, Kind,“ meinte der alte Herr, ein wenig schadenfroh lachend. „Nun laß ihn die Nuß knacken, die er sich vom Busch heruntergeholt hat! Mein Junge Herr von Schloß Werden? ’s ist die Möglichkeit! Kein Mensch begreift, was das heißen soll, und ich am allerwenigsten. ‚Sind Sie ganz fest überzeugt, daß er nicht verrückt ist, Herr Förster?‘ hat mich der Doktor Spindler, der Advokat aus Bodenwerder, erst vor acht Tagen noch gefragt.“

„Und was haben Sie dem Doktor geantwortet, Herr Oberförster?“

„Du, was habe ich ihm denn eigentlich geantwortet?“ wendete sich der Alte an seine Tochter.

„Darf ich dir noch eine Tasse Kaffee einschenken, lieber Fritz?“ fragte Eva. „Ach, es war ja noch vor eurer Heimkehr, daß der Herr Notar Spindler neulich bei uns vorsprach.“

„Wie die Gräfin sich zu der Geschichte stellen wird, soll mich am meisten wundern,“ brummte der Alte, eine gewaltige Rauchwolke in die wundervolle Sommermorgenluft hineinblasend und einen Kohlweißling, der sich eben in das Fenster verirrte, halb dadurch erstickend. In demselben Augenblick trat der Sohn des Hauses, hochrot vom raschen Gange und sonstiger Aufregung und sich bereits so früh bei seinem Tagewerk den Schweiß von der Stirn trocknend, wieder ein.

„Sieh da bist du ja auch, Langreuter! Guten Morgen, old boy. Hoffentlich hast du gut geschlafen und angenehm geträumt in der ersten Nacht zu Hause.“

„Ich habe erst ziemlich gegen Morgen zu den Versuch gemacht, lieber Freund,“ erwiderte ich lächelnd. „Zum wenigsten freue ich mich gegenwärtig unendlich, endlich einmal wieder hier zu sein und solche Versuche, wie du sagst, zu Hause anstellen zu können.“

Der Freund setzte sich zu uns; er versuchte es, gleichmütig auszusehen und heiter in das Gespräch mit dreinzureden, doch es gelang ihm schlecht. Man sah wohl, daß der erste schöne Morgen in der Heimat nicht leicht auf ihm lag. Von Zeit zu Zeit schüttelte er leise den Kopf, kaute an dem Schnurrbart und summte eine seiner lustig-melancholischen irischen Weisen vor sich hin. Es arbeitete etwas in ihm, dem er noch auf keine Weise eine rechte Handhabe abzugewinnen vermochte. Jetzt sprang er, von innerlicher Unruhe getrieben, von neuem auf, schritt einige Male durch das Gemach, kam zu uns zurück, stützte beide Hände auf den Tisch, sah uns der Reihe nach an, als wolle er für ein schwer abgehendes Geständnis vor allen Dingen sich unserer gutmütigen Teilnahme versichern, klopfte sodann mit dem Zeigefinger der Rechten scharf auf, um unsere ganze Aufmerksamkeit noch mehr wachzurufen, und ächzte:

„So dumm — so verloren, verraten und verkauft wie in diesem Moment bin ich mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Hätte ich in meiner Jugend mehr Prügel bekommen, so wär’s mir jetzt vielleicht wohler, Herr Vater. Ob der Katzenjammer vorübergehend oder von Dauer ist, beste Schwester, kann ich gegenwärtig natürlich noch nicht wissen; aber für den Augenblick bin ich fest überzeugt, daß ich mich — gründlich verspekuliert und all meine Trümpfe vergeblich ausgespielt habe. Herrgott, da kommt das Dorf, um uns zu begrüßen zu unserer Heimkehr, Fritze! Evchen, ich bitte dich um alles in der Welt, geh hin und sag ihnen, wir wären schon wieder abgereist und ließen sämtliche gute Nachbarn und liebe Freunde herzlichst grüßen.“

„Was sich wohl schwer tun lassen möchte,“ meinte der Vater Sixtus aufstehend und seinem Sohne jetzt ganz zärtlich auf die Schulter klopfend. „Ja, ja, mein Söhnchen, es ist mancher Papst geworden, dem der heilige Stuhl nachher ziemlich heiß geworden ist. Kommt nur ’rein, Gevatter Timme! ja, ’s ist richtig, hier sind die jungen Leute aus der Fremde zurück, und mein Junge da ist Herr von Schloß Werden, … soviel noch davon übrig ist. Und da ist ja auch der Vorsteher! Alle herein, herein! Wir haben eben noch nach allen vier Wänden hin nach gutem Rat gewittert. Räume die Kaffeekanne ab und die Tassen, Mädchen; der Doktor ist item fertig. Jetzt nehmen wir einen Jägerschluck auf die vergnügte Gelegenheit, nicht wahr, Kantor Dröneberg? Dem Pastor warten die Insel Irland und die allmächtige gelehrte Stadt Berlin nachher freundlich und persönlich auf. Kannst auch auf die Rauchkammer steigen, Evchen, wenn du aus dem Keller glücklich wieder herauf bist. Wir hatten eben allesamt doch eine kleine Stärkung der Seele und des Leibes notwendig; nicht wahr, Ewald? nicht wahr, Fritze Langreuter? Vivat Dorf Werden und das Schloß dazu! Nur schade, daß wir den Vetter Just aus Neu-Minden jetzo nicht bei uns in unserer angenehmen Mitte haben. Setzt euch, Nachbarn und liebe Freunde, wenn ihr mit dem Händeschütteln endlich zu Rande seid und euch die zwei — Herren da genug und andächtig beguckt habt. Ei ja freilich, liebe Freunde, so was kommt wahrhaftig nicht alle Tage nach Hause, und es verlohnt sich wohl, daß man darum ausnahmsweise mal seine eigene Arbeit hinlegt, um das bei einem guten Stück Schinken und einem echten alten Korn sich genauer zu betrachten. Verwechselt sie nur nicht! Dies hier ist der Berliner Doktor, und das da — na, das ist denn wirklich mein Junge, der Ewald Sixtus, der sich als ausländischer Baumeister kurioserweise wirklich ein Vermögen gemacht hat und sich nachher doch noch kuriosererweise an seinen alten Vater erinnert hat und gestern abend angekommen ist, um hier bei uns, wie er eben sagt, seinen höchsten Trumpf auszuspielen. So dumm von wegen dessen, was die nächste Zeit hier bei uns passieren wird, bin ich auch noch niemals in meinem Leben gewesen. Da sitzt der Junge, und ich denke immer, ich sehe noch unseren seligen Herrn Grafen da sitzen und nach seiner Gewohnheit seine Schnupftabaksdose auf dem Tische hin und her drehen.“

„No, so’n alter Spuk!“ meinte der Vorsteher, der auch noch ein Junge gewesen war, als den Herrn Grafen der Schlag rührte und mit ihm das alte adelige Haus Everstein so tief zu Falle kam. „Da vermeine ich doch, daß wir jetzo einen neuen Hahn auf den alten Mist gekriegt haben. Zeit ist Zeit, und was paßt, paßt, und was nicht paßt, paßt nicht; wenn das Dorf den alten Kasten hätte brauchen können, so hätte ihn einer von uns längst um ein Butterbrot; aber wir haben dem Herrn — Ewald, dem Herrn Ingenieur Sixtus, am Ende gern die Vorhand gelassen. Was er herausschlägt, soll gerne ihm gehören; es wird keiner in der Gemeinde sein, der es ihm mißgönnt. Als er heute morgen die Schlüssel bei mir abholte, habe ich sie ruhig hergegeben; denn ich weiß ja, daß das Schriftliche darüber ebenso ruhig in Bodenwerder beim Notar Spindler liegt. Da brauchte ich keine weitere Sicherheit. Herrje, nun guck aber einer, jetzt haben wir bald das halbe Dorf, als ob es der Hirte zusammengetutet hätte, hier auf dem Försterhofe zur Gratulation versammelt.“

Dem war in der Tat so. Was in der Stube keinen Platz mehr fand, das drängte sich wenigstens vor der Haustür und versuchte in die Fenster zu sehen. Alte und Ältere erneuerten frühere gute Bekanntschaft. Was wir als hübsche junge Werdener Schulmädchen gekannt hatten, das wurde uns als mehr oder weniger wohlgediehene Hausfrauen zugeschoben.

„Na, ziere dich nur nicht, Hanne; bist ja früher ganz vertraulich mit den Herren gewesen!“

Kinder, die während unserer Abwesenheit das Licht der Welt erblickt hatten, wurden uns zu Dutzenden vorgeführt, oder auf den Armen hingehalten. Wir vernahmen von ortseingeborenen Taugenichtsen beiderlei Geschlechts, die gleich wie wir in die Fremde gegangen waren, aber sich „Gott sei Dank bis anjetzt noch nicht wieder im Dorfe hatten blicken lassen“. Zutunlich, — verschämt-zutraulich waren sie allesamt; das Reichlichste aber, was wir von ihnen bekamen, das war guter Rat; — freilich, wenn ich hier sage wir, so ist das wohl nicht ganz richtig. Da lief ich nur so beiläufig mit, und die Hauptperson war selbstverständlich Freund Ewald Sixtus, und der hatte bald alle seine Geduld und Liebenswürdigkeit zusammenzusuchen, um nicht mit den Ellenbogen sich Raum zu machen durch die Freundschaft und Bekanntschaft der Mannen von Dorf Werden.

Ich muß ihn aber loben, den Herrn von Schloß Werden. Er hielt all dieser Weisheit, Klugheit und Schlauheit gegenüber so sanft und sanftmütig still, daß er jedweder anderen kochenden Ungeduld als ein wahres Muster von Selbstbeherrschung und Ergebung hingestellt werden durfte. Jedwedem einzelnen, der ihn mehr oder weniger vertraut am Knopf nahm und ihm verblümt auseinandersetzte, wie dumm er gewesen sei, und was er eigentlich an Schloß Werden erhandelt habe, versprach er aufs glaubwürdigste, ihn sobald als möglich auf seinem Kothofe in der Abenddämmerung zu besuchen, um das Genauere über die Sache zu vernehmen. Der Vater Sixtus schenkte mit immer unverhohlenerem Wohlbehagen fortwährend im Kreise am Tische ein und sah immer mehr aus, als kitzele ihn jemand. Der Tabaksqualm wurde ungeachtet der offenen Fenster und Tür immer dichter, und Eva Sixtus — zog mich auf einmal in den Winkel dicht an die alte Wanduhr, die der Vetter Just so vortrefflich wieder in Gang gebracht hatte, und flüsterte:

„Fritz, es ist auch aus meinem Bruder — aus Ewald ein guter und vornehmer Mann geworden. O, wie es auch kommen wird, lieber Fritz; wir kommen alle noch zurecht im Dorfe und auf dem Steinhofe und mit dem verzauberten Schloß da drüben. Ich muß gleich wieder die Treppe hinauf, um noch ein paar Würste aus dem Rauche zu holen; aber es ist doch wie ein Märchen, und ich sehe klar wie in einem Spiegel mich und uns alle! O, es ist schön, daß ihr nach Hause gekommen seid, und vor allem, daß mein Bruder seinen Herzenswillen durchgesetzt hat (wenn er sich derweile auch nicht um uns kümmern konnte!), und daß Irenes Heimatshaus keinem Fremden mehr gehört. Sie kann nun darüber entscheiden, und ich könnte wohl sagen, wie ich es mir denke, wie es kommen wird; aber du siehst selber, ich habe wirklich in diesem Tumult keine Zeit dazu, und was ich dir da eben gesagt habe, weiß ich selber kaum; aber du kannst dir wohl denken, daß ich den Bruder seit gestern abend keinen Augenblick aus den Gedanken frei gegeben habe, und ich bin so sehr glücklich über ihn, und ich bin fest überzeugt, der Vater freut sich auch!“

Nach und nach verlief sich der freundschaftliche Schwarm der Dörfler wieder, und nur ein paar gänzlich beschäftigungslose Leibzüchter blieben fest sitzen, da sie einmal saßen; aber die Unterhaltung zwischen ihnen und dem Förster geriet doch wieder in das gewohnte Geleise. Der Tabaksqualm verzog sich ein wenig, Eva räumte den Tisch ab, und Ewald seufzte, reckte und dehnte sich, packte mich plötzlich stumm am Arme, führte mich vor die Haustür, wo ich auch seufzte und mehr als einen befreienden Atemzug tat, und wo er sagte:

„Komm mit, honey! Was haben wir denn heute eigentlich für ein Wetter?“

Ich sah den wunderlichen Freund ziemlich erstaunt ob dieser Frage an; er aber meinte:

„Mir tanzen alle Farben vor den Augen. Rot, grün und gelb schwimmt es mir vor dem Gesichte; und ich habe eine bittere Ahnung, daß ein recht trübseliges Grau aus alle dem bunten Wirrwarr werden wird. O Doktor, wie einfach blau sah ich einmal das alles — nämlich dieses alles hier um uns herum! Ach, Fritz, ich fürchte, ich fürchte, es war eine Täuschung, es war eine Dummheit von mir! Sie wird sich nicht hinsetzen wollen an dem Herde, den ich ihr in ihres Vaters Hause wieder aufbauen wollte! Dammy, Langreuter, wie ganz anders sieht sich so was aus der Ferne an als in nächster Nähe! Komm mit nach dem alten Neste! Den Schlüssel habe ich im Schlosse stecken lassen.“

Zehntes Kapitel.

Das Wetter, nach dem sich der irländische Freund soeben zu meiner zweifelnden Überraschung erkundigt hatte, ließ wirklich nichts zu wünschen übrig auf unserem Wege nach dem „verzauberten“ Schloß und während unseres Aufenthalts daselbst an diesem bewegten Morgen. Still, blau und wolkenlos spannte sich der Äther, soweit er zu erblicken war, über die unruhige Welt. Es war eben schon ziemlich heiß; mir aber kam es wunderbar treu von neuem in die Seele auf dem Wege, wie und unter welchen Umständen und bei welcher Temperatur ich zum ersten Mal das einst so stattliche feste Haus des alten Geschlechtes derer von Everstein erblickt hatte.

Jetzt betraten wir den Hof wieder durch das Haupttor, durch welches am Todestage des Vaters der Wagen, der den guten Kameraden, die Mutter und mich trug, eingefahren war. Zu dieser Tür hatte der jetzige Besitzer und Herr keinen Schlüssel nötig, sie stand weit genug offen. Die eisernen Gitter waren ausgehoben, die Wappen mit dem Eberkopfe abgemeißelt, und was die letzteren anbetraf, so hatte der vorletzte Eigentümer sicherlich nicht gewußt, „warum er sich auf seinem Grundstücke durch die fremde Firma ärgern lassen sollte“. — Über wohlerhaltene Pflasterung war vordem unsere Kutsche gerasselt, die Steine waren nunmehr meistens verschwunden und machten wahrscheinlich im Dorfe jetzt allerlei bedenkliche Pfade den Bauern bei Regen und Tauwetter gangbar. Aber schöne Brennesseln wuchsen überall, auch Kletten und Disteln hatten nicht eingesehen, weshalb gerade sie draußen bleiben sollten, da doch alles übrige, was Lust hatte, frei kommen durfte.

Noch führte die breite Treppe zu der Rampe empor, die sich, wie ich zu Eingange dieser Geschichten von den alten Nestern beschrieben habe, an dem Gebäude entlang zog. Wir traten da auch heute noch in den kühlen Schatten, den das graue Steinhaus auf den sonst so sonnigen Hof warf.

Da war die hohe, gewölbte Tür, die in das Schloß führte, und Ewald Sixtus hatte nicht bloß seinen Schlüssel darin stecken lassen, sondern die beiden Flügel weit aufgeworfen; und da sie gleichfalls nicht mehr ganz fest in den Angeln hingen, so hatten sie ihrerseits jetzt die günstige Gelegenheit benutzt, die Verbindung mit denselben so ziemlich zu lösen.

Haus Werden stand weit offen, und sein jetziger Herr lud mich mit einem Achselzucken, einer höflichen Handbewegung, einem neuen tiefen Seufzer und mit etwas gezwungenem Lächeln zum Eintritt ein, indem er brummte:

„Du bist gelehrt, sprich du mit ihm, Horatio.“

Um doch etwas zu sprechen, meinte ich:

„Wie mir scheint, mein Bester, wird es wohl weniger auf die Gelehrtheit als auf das Kapital ankommen, um hier von neuem Ordnung zu stiften, die Eulen, Fledermäuse und sonstigen Nachtgespenster zu verjagen und gebildet menschlich Behagen wieder möglich zu machen.“

„Für deutsche Verhältnisse bin ich ein reicher Mann,“ sagte der Freund kläglich. „Meine Meinung aber ist, daß Maurer, Zimmerleute, Maler und Tapezierer es nicht in diesem Falle tun werden. In der Hinsicht weiß ich freilich schon selber, was ich zu tun habe, und brauche deinen Rat nicht, um den Bann und Zauber vermittelst eines vernünftigen Kostenüberschlags und mit Hammer, Säge und Mauerkelle zurechtzurücken. Wir hatten aber voreinst unsere Nester in das grüne Gezweig und den Sonnenschein gehängt, und du hast, als wir gestern nach Hause kamen, gesehen, wie die Racker ihren nichtswürdigen Kommunalweg über die Stätte hingelegt haben; — Fritz, Fritz, wir sind eben als alte Leute nach Hause gekommen, und die Landstraße geht auch über Schloß Werden weg. Fritz, ich richte es nicht wieder auf für uns und — Irene Everstein. Ich kann nur etwas anderes an die Stelle setzen, und sie wird höchstens kommen und sagen: „Ich danke, es war wohlgemeint, aber das Rechte ist es leider nicht!“ — Und wenn sie wirklich sagt ‚leider‘, so muß ich das Wort schon für etwas nehmen, worauf ich kaum einen Anspruch habe. Nun, der Glücklichste hat am Ende nichts weiter als die Illusionen, die er sich bei seiner Arbeit und auf dem Wege macht. Sieh dich um, Langreuter! Du bist aus Bequemlichkeit zu Hause nicht mein Schwager geworden, und ich war ein Tor, als ich mir einbildete, durch Hartnäckigkeit, grimmiges Zugreifen und Maulhalten in der Fremde meinen Willen durchzusetzen. Faix — och arrah, in die Kölnische Zeitung werde ich demnächst Schloß Werden setzen, und es wird sich hoffentlich ja wohl wieder ein Liebhaber dazu finden. An der gehörigen Reklame soll’s nicht fehlen.“

Ich sah mich um. Es war nicht nötig, daß der Freund mich noch dazu einlud; wir hatten die große Halle durchschritten und standen in dem Gartensaale, in welchem mein Vater gestorben war, und ich so kindlich-betroffen, verwirrt-verwundert, so müde, durstig und betäubt von der langen Fahrt durch den heißen Sommermorgen meine Mutter sich über die Leiche hinwerfen sah. Mit voller Deutlichkeit stand alles, wie es damals war, von neuem vor meiner Seele; aber es war kühl, kellerartig kühl in dem lange verschlossen gewesenen Raume, und die Bilder der Vergangenheit konnten mir das Frösteln nicht verjagen. Das Sonnenlicht fiel nur durch die Spalten der Läden in den Saal; Haufen Gerümpel aller Art füllten die Winkel. Die Tür, die in den Park führte, war gleichfalls mit Brettern vernagelt; ich aber hatte selbst den Vogel Pfau nicht vergessen, der damals so vornehm auf die Schwelle trat und mir seine Schönheit zeigte. Es war der Herr Graf, der meine heiße Hand mit seiner kalten ergriff und mich näher an das Sterbelager meines Vaters heranführte. Er berührte leise die Schulter meiner Mutter, sie aber zuckte nur zusammen, aber richtete sich nicht empor, sah sich nicht um. Der Spuk, der den Stadtrat Bösenberg beim Antritt seiner Erbschaft in dem Hause seines Onkels in Finkenrode bewillkommnete, war nur — anerkennenswert literarisch verwendet und nichts weiter!…

„Meine Tochter, Komtesse Irene!“ … Die Stimme kam herüber wie aus einem fernen Jahrhundert, und dann fühlte ich eine andere Hand in der meinigen, doch diesmal eine Kinderhand. Auf der sonnigen Gartenschwelle stand Irene Everstein — es flimmerte mir vor den Augen wie von einem hellen Mädchenkleide und einer Fülle blonder Locken. Der Wundervogel stieß einen gellenden, krächzenden Schrei aus und schlug sein Rad herrlicher. Sie aber verscheuchte ihn mit einer Handbewegung und stand plötzlich neben mir; — wir waren zum ersten Mal zusammen unter den vielen Erwachsenen um uns her.

Vielleicht hatte der Freund doch nicht so ganz Unrecht mit seinem seltsamen Zitat: ich war gelehrt und ich konnte vielleicht auch sprechen mit dem Schloß Werden! Jedenfalls verstand ich recht wohl, was es selber von sich erzählte. Wir hatten lange genug dazu auf einem vertrauten Fuße gelebt, und Gründe, uns gegenseitig die Wahrheit vorzuenthalten, waren auch nicht vorhanden; und gelassener als der Freund, der irländische Ingenieur, konnte ich von Rechts wegen die Gestalten und Bilder der Vergangenheit an den Wänden hinhuschen sehen. Ich hatte mir in der Fremde nicht vorgenommen, diese ruinierten Wände mit neuen Tapeten zu bekleben und neue Bilder daran aufzuhängen. Er, der Freund, der so weit von Hause und so lange Jahre hindurch still und hartnäckig seinen Schweiß und sein Herzblut darangesetzt hatte, den Bann, der auf dieser Stätte lag, zu lösen, hatte jetzt freilich große Angst und viel Unruhe, und zwar mit vollem Rechte: ich saß nur in melancholischem Nachdenken auf der Stelle nieder, wo wir vordem unsere jugendliche Spiele getrieben hatten, und sah die Schatten an den Wänden bald heiter, bald traurig vorbeigleiten.

Kopfschüttelnd sagte Ewald:

„Es ist ein gar nicht angenehmes Gefühl, und einen rechten Ausdruck weiß ich eigentlich nicht dafür. Ich komme mir mit einem Male alt — alt — merkwürdig alt vor. Ich habe keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie die Jahre hingehen; aber in diesem Augenblicke ist es mir zum ersten Male klar, daß sie hingegangen sind und uns mitgenommen haben. O, den ganzen Kauf für einen Spiegel in Schloß Werden!… Es ist unbehaglich kalt hier nach dem Gange durch die heiße Sonne. Was meinst du, Fritz; sollen wir weiter steigen, da wir einmal drin sind, und die Spinnen, Fledermäuse und Ratten in Erstaunen setzen? Grau, grau! Och honey, es ist manch ein schwarzer Schatten in meinem Leben auf mich gefallen, aber dieser hier, den Schloß Werden wirft, ist grau und macht grau. Weißt du noch — der große Spiegel im Zimmer der seligen Gräfin — es ist doch ein wahrer Segen, daß wir den nicht mehr an seinem Platze finden werden! Das könnte freilich dem Gespenstertum die Krone aufsetzen. Und wie glücklich waren die beiden Mädchen vor ihm! Und wie glücklich waren wir, wenn wir sie dabei in ihrem Spaß an sich stören konnten. Und dann — Mademoiselle Martin, und — deine Mutter! Fritz, sollen wir umkehren? Wenn wir weiter gehen, müssen wir durch alle Räume, und es sieht überall aus wie hier! Du gehst unbedingt voran, du hast studiert, und ich fasse deinen Rockschoß. Das hätte mir aber vor acht Tagen noch jemand sagen sollen, daß ich je einen anderen auf einem Wege mir voranschieben würde! O Fritz, hinter einer Tür sitzt sie noch in ihrer ganzen jungen Lieblichkeit, und — ich — ich störe die Fledermäuse und die Spinnen um sie auf. Verdammt! so komm endlich! hier haben wir doch wohl jetzt den Moder und Wurmfraß lange genug angegafft! So grimmig feige und schwachmütig habe ich mich noch nie gefühlt. Wahrhaftig, die Schlacht, die durch pure Heldenhaftigkeit gewonnen ist, sollt ihr Historiker noch ausfindig machen.“

„Aber es ist doch manche Schlacht gewonnen worden!“ meinte ich, und dann — durchwanderten wir Haus Werden, und ich hatte studiert und war ungemein gelehrt geworden im Laufe der Jahre; daß ich aber das Leblose sprechen hörte, das hatte doch seine anderen Gründe. Die lagen tiefer als die Bücher; und die allergrößesten und bekanntesten Geschichtsschreiber haben dahin zurückfühlen und -tasten müssen, um sich selber und den Leuten erträglich wahr vorzukommen.

„Ich bin vorhin nur bis hierher in den Gartensaal gekommen,“ sagte Ewald. „Wie ein Kind hatte ich nicht die geringste Lust, mich in die Öde und Dunkelheit allein weiter hineinzuwagen. Nun vorwärts zu Zweien, ich habe die Schlüssel zu jeder Tür, und hier — sind wir in — den Gemächern des alten Herrn! Puh, was für eine Luft!“

Wir standen in dem Zimmer des Grafen und warfen einen Blick in sein Schlafgemach. Das waren voreinst ziemlich unnahbare, unbetretbare Räume für uns gewesen, aber wir hatten doch als Knaben dann und wann hineingeguckt; heute guckte mir der jetzige Herr des Schlosses scheu über die Schulter, und wir fühlten uns beide nicht sicherer in unserem Fürwitz als vor Jahren.

„Wir hätten jedenfalls besser getan, zuerst in den oberen Stock hinaufzusteigen, Ewald. Dort haben wir wenigstens die Sonne der Gegenwart für uns und nicht diese unheimlichen Laden vor den Fenstern!“ flüsterte ich.

„Nicht wahr, es spukt? es geht um?“

„Ja, es geht um! Die Witwe Warneke hatte recht.“

Die kahlen Räume, die Dämmerung, der Staub und der Schimmel sprachen zu deutlich, als daß ein tröstlicheres Wort mir möglich gewesen wäre. Es war kein Wunder, wenn die Leute aus dem Dorfe dann und wann den letzten Grafen Everstein im Zwielicht oder in der Mitternacht um sein verlorenes, verwildertes Schloß wandern sahen. Daß seine Tochter auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just eine Unterkunft in ihrer Not gefunden hatte, machte den Spuk nur noch glaubwürdiger; aber — es war in der Tat so: das war auch mir in diesem Augenblicke das Gespenstischste, daß der lebendige starke, tapfere Freund diese Mauern wieder beleben, diese Räume wieder zu einem Sitz der Ruhe und des Glückes für das letzte Kind des Hauses zu machen sich vorgenommen hatte.

Wo war das Geräte, das dazu gehörte? Das hatte er nicht mitbringen können aus Irland. Verstoben in alle vier Winde war’s während seiner Abwesenheit im Lebenskampfe. Neu konnte er das Schloß Werden bauen; aber das alte wieder aufzurichten, das war unmöglich, und der Vetter Just auf seinem Steinhofe war kein Beispiel dafür, daß es doch wohl anginge. Der hatte etwas Lebendiges wiedergefunden, als er von seinen Weltfahrten nach Hause und auf den Steinhof zurückkehrte; aber Schloß Werden war tot! Die Fliesen und das Getäfel unter den Füßen, die zerbröckelnden Plafonds über unseren Köpfen, alle Mauern rundum erzählten davon, wie man von und in einem Märchen erzählt: Es war einmal!

Ohne noch weiter miteinander zu reden, stiegen wir jetzt die breite steinerne Treppe mit dem stattlichen Geländer aus künstlich geschnitztem Eichenholz empor zu dem oberen Stockwerk des Hauses. Die Dämmerung, die Dunkelheit, den feuchten Moder ließen wir zwar hinter uns, das Licht, die Sonne fanden wir hier in den Gemächern; aber geirrt hatten wir uns doch, wenn wir geglaubt hatten, daß das uns zu einem leichteren Atemholen verhelfen könnte.

Sie kann sehr grausam sein, die Sonne! viel grausamer als die Nacht! Und daß sie lacht, ist nur allzu häufig nicht das Liebenswürdigste an ihr. Daß Hoffnungen getäuscht, Täuschungen zunichte gemacht werden, daß die Vergänglichkeit alles Irdischen dem Menschen klar gemacht werden muß, ist zwar eine recht löbliche und vernunftgemäße Aufgabe; aber ist es denn unbedingt notwendig, daß dabei gelacht wird?

Die Dämmerung, die Nacht tun das auch nicht; aber die Sonne tut es, und dem armen, hülflosen Erdbewohner kommt es vielleicht nicht ohne Grund dann und wann in den Sinn, daß sie sich doch wohl auch einmal zu sehr in ihrem Rechte seinen Schmerzen, Hoffnungen und Täuschungen gegenüber fühlen könne.

Wenn die Sonne, der helle Tag sagt: Es war einmal! so ist das ein ganz ander Ding, als wenn die Nacht, die gute alte Mutter, mit tonloser, aber doch mitleidiger Stimme das melancholische Wort ausspricht. Sie, die Nacht, stemmt nie die Arme in die Seite und kreischt und kräht und will’s nie von allen Ecken und Enden her hören, daß sie recht hat; aber der Tag tut das und will das nur zu gern. Ach, und der Mensch könnte recht häufig etwas Besseres tun, als sich darauf berufen und von einem Rechte zu sprechen, das so klar sei wie der helle Tag!

In dem Erdgeschoß von Schloß Werden hatten die unberufenen Gäste und Besuche aus der Umgegend hier und da auch wohl eine Fensterscheibe und einige Male hinter den Läden auch einen ganzen Fensterflügel des Mitnehmens wert gehalten, und so vermochte doch noch immer ein frischerer Hauch von außen in die verriegelten, verschlossenen Räume zu dringen: in dem Oberstock fanden wir nicht nur alle Türen verschlossen und unerbrochen, sondern auch alle Scheiben ganz. Das Licht teilte sich da mit dem Staube allein in die Herrschaft. Der Staub wirbelte uns unter den Füßen auf; die Luft wurde durch unser Eindringen seit Jahren zum ersten Mal wieder bewegt, und die Sonne, die durch die schmutzigen, trüben, mit Spinnweb verhängten hohen Bogenfenster drang, kreischte auch hier und lachte gell: Macht euch keine Illusionen! — Und hier — hier war das Reich der Frauen des Hauses Werden gewesen, und hier war das Kind aufgewachsen, das jetzt als kummervolle Frau, für welche der tapfere Mann an meiner Seite das Alte neu machen wollte, auf dem Steinhofe saß!… Ach, für wie ehrlich hielten wir die Sonne, als wir selber in unserer Kindheit und Jugend in diesen Räumen lachten oder unser junges Leben zuweilen so drollig ernsthaft nahmen!

„Ich hätte schon im vorigen Winter den Handel abschließen und nach Hause kommen können,“ seufzte der Freund. „Fritz, ich wollte, ich hätte es getan. Wie ein Maikäfer habe ich aber in meiner Dummheit gezählt, eh ich aufflog. Uh, wenn der Mensch nur nicht immerfort ebenso schlau sein wollte, als er dumm ist! Langreuter, ich habe mich noch nie nach Landregen, Schneegestöber und dem erbärmlichsten Hundewetter so sehr gesehnt als an diesem verruchten, nichtswürdigen Sonnentage. Übrigens wollen wir wenigstens doch die Fenster aufmachen oder einstoßen — schon deinetwegen, armer Kerl. Was mich anbetrifft, so kommt es ja wohl auf ein bißchen mehr oder weniger Erstickungsgefühl weiter nicht an! Ich habe mein frei Atmen schon drüben jenseits des Kanals diskontiert; — geh du wieder voran, Fritz, — dies hier war ihr Mädchenstübchen, und ich habe mir — drüben in Irland eingebildet — daß sie und es und ich und wir alle geblieben wären, was wir waren!“

Elftes Kapitel.

Einst hatte sich die Tür lautlos in ihren Angeln gedreht, jetzt gab sie nur mit Widerstreben und mit einem schrillen, ärgerlichen Ton nach. Mit angestemmtem Knie hatte ich nachzuhelfen und dachte dabei daran, wie es gewesen war, wenn sich die Mädchen hier in ihrem geheimsten Neste verriegelt hatten und wir gegen ihren Mutwillen, ihr Lachen und Kichern momentan nichts weiter aufzubieten vermochten als durch das Schlüsselloch das alte tröstliche Wort:

„Na, wartet nur! Morgen ist auch noch ein Tag, ihr Mamsellen, und ihr sollt euch ganz gehörig wundern, wenn das Lachen wieder an uns ist! Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“

Nun blickten wir aus dem Vorgemach in die geöffnete Tür —

„Da kommt deine Mutter, Fritz!“ rief der jetzige Herr von Schloß Werden nicht mehr, und ich fühlte nicht mehr Mademoiselle Martins knöcherne Soeur-ignorantine-Finger am Ohrläppchen oder am Rockkragen: die heiße, helle Sonne des gegenwärtigen Tages hatte mehr als von irgendeinem anderen Raume des Hauses in dieser Stunde von diesem kleinen Eckzimmer Besitz ergriffen; — fern im Dorfe schlug es zwölf Uhr am Mittage, und Ewald Sixtus sagte:

„Es ist einerlei — ich habe meinen Kauf in Besitz genommen und weiß wenigstens, was ich erhandelt habe. Auch das ist etwas wert! Hat es wirklich eben zwölf geschlagen? Da kommen wir ja richtig wieder einmal wie sonst zu spät zu Tische — weißt du noch, Doktor?!… Es ist einerlei, — die Fenster wollen wir auch hier wenigstens aufsperren und die frische Luft hereinlassen. Wer war es denn, der neulich in Belfast mir vorrenommierte, daß er in einem jungfräulichen Urwalde Ordnung gestiftet und für Ästhetika gesorgt habe? Ich habe ihn damals schon ziemlich kühl ablaufen lassen, den Vetter Just; aber — jetzt soll er mir nur noch mal kommen mit seinem — Neu-Minden!“

Wir traten nun doch auch hier einen Augenblick über die Schwelle und sahen uns um und auch von hier aus noch einmal hinunter in den verwüsteten, ins Unkraut geschossenen Park. Ich war auch hier der Unbeteiligtere, der nur als guter Freund und allenfalls als Ratgeber mitgenommene Privatgelehrte aus Berlin; aber, ich kann’s nicht leugnen, es kam in dieser Stunde doch auch mir sehr seltsam vor, daß das Grün draußen noch immer die Oberhand behielt, daß die Vögel lustig nach alter Sommerweise weiter zwitscherten, daß um das wuchernde Gebüsch und die Baumstumpfen dieselben Schmetterlinge wie zu unserer Zeit flatterten, kurz, daß sich alle Hauptlieblichkeiten der Erde weder um Schloß Werden noch um unsere gegenwärtigen Privatgefühle und Stimmungen im mindesten kümmerten. Und in diesem Augenblick trat es mir zum ersten Mal ganz klar und ohne Schatten auf der lichten Vorstellung vor die Seele, zu was für einem Segen der Vetter Just auf seinem Steinhofe auch für diesen Ewald Sixtus und jene Irene Everstein wieder angekommen war, um daselbst von neuem „auf menschliche Schicksale zu warten“.

Man hatte aus dem einen Fenster dieses Eckstübchens einen Blick nach jener Gegend. Der Freund stand mit untergeschlagenen Armen und zusammengepreßten Lippen und sah dorthin. Der einzige kühlende Hauch in dieser schwülen Mittagsstunde kam über Berge und Wälder, über den Fluß, wieder über die Wälder und Wiesen und über den verwilderten Garten, der zu dem Handel und Kauf des irländischen Ingenieurs gehörte, aus jener Richtung.

„Es wird wohl eine ziemliche Weile dauern, ehe du alle deine Arbeitsleute hier am Werke hast,“ meinte ich leise. „Da haben wir dann Zeit, alle möglichen Besuche in der Umgegend zu machen. Meinst du nicht?“

Der irische Glücksbaumeister drehte sich rasch von dem Fenster und der im Mittagssonnenschein flimmernden Ferne weg und mir zu:

„Wir kommen unbedingt zu spät zu Tisch. Das wenigstens ist uns aus der alten vergnügten Zeit geblieben. Deinen Rat habe ich nun auch. Schloß Werden haben wir gesehen; wenn du nicht noch eine Privatgespensterkammer in dem alten Kasten weißt, die ich dir aufschließen kann, so wird es wohl das beste sein, wir gehen so leise, wie wir gekommen sind. Ach, lieber Alter, mein Geschäft hat mich freilich hauptsächlich auf Erdarbeiter, Maurer und Zimmerleute angewiesen. Ich habe mancherlei durch das Volk ausgerichtet, und so ist es nicht ganz meine Schuld, wenn ich in der Ferne mir einbildete, meine Luftschlösser zu Hause mit ihrer Beihülfe wieder aufbauen zu können.“

„Es ist nicht das erste Mal, daß du mir dieses sagst, seit du mich aus meiner Dachstube abgeholt hast. Ein jeder bleibt unwillkürlich in seinen Handwerksausdrücken und was sonst zu den Künsten gehört, durch welche er durchs Leben kommt. Sonst aber gibt es eine Redensart: Du sprichst über dein Herz weg; und so ist es außer dem guten Rat, den ich dir gegeben haben soll, meine Meinung, daß wir gegenwärtig Schloß Werden auf sich beruhen lassen, wie es ist, und deinen Vater und — deine Schwester nicht gleich am ersten Tage von neuem über die Zeit mit der Suppe warten lassen. Schloß Werden haben wir gesehen, sehen wir uns also morgen den Steinhof an. Der Mensch, in seinem Gemäuer gefangen, besinnt sich lange nicht oft genug darauf, daß er lebt, Leben ist und es mit dem Lebendigen zu tun hat, solange er lebt.“

„Das solltest du drucken lassen, Fritze; das klingt ja ganz famos!“ sagte der Irländer, und dann gingen wir in der Tat endlich nach Hause und kamen wieder einmal nicht ganz zur rechten Zeit. Es ließ sich aber nicht ändern, und was wir diesmal zur Entschuldigung vorzubringen hatten, konnte leider nur zu sehr als rechtsgültig angenommen werden. Wir logen diesmal nicht, wenn wir zu unserer Entschuldigung anführten, daß es uns unmöglich gewesen sei, früher zu kommen. — —

Den langen Sommernachmittag durch saß ich an einer anderen Stätte der Erinnerung, neben dem Stein nämlich, welchen die Kameraden meinem Vater auf der Stelle, wo er von den Schmugglern zu Tode verwundet worden war, errichtet hatten. Wenn die Bäume um das Schloß zum größten Teil verschwunden waren und dem Gestrüpp und Unkraut Platz gemacht hatten, so war hier der Wald beträchtlich emporgeschossen, und ein schöner kühler Schatten lag auf dem bösen Ort. Da der Boden, wie ich geschrieben habe, ein wenig sumpfig war, so war der Stein auch bereits so ziemlich darin versunken und die Inschrift und Widmung darauf des Mooses und der Flechten wegen kaum noch zu entziffern: er predigte mir wirklich auch noch die Vergänglichkeit aller Dinge, die Nichtigkeit aller Sorgen, Wünsche und Hoffnungen, das Vorbeigleiten der Erscheinung, gerade — als ob das noch unbedingt notwendig gewesen wäre. Ich aber hielt ihm im Halbtraum nach der schwülen Wanderung durch Schloß Werden und nach dem Mittagsessen eine Gegenrede, und die Waldfrische tat wohl das meiste dazu, daß wir ruhig voneinander schieden. Es spukt immer viel mehr in altem Gemäuer als im jungen Laubwalde. Als ich nach dem Försterhofe zurückkam, war der Vetter natürlich längst daselbst vom Gaul gestiegen, und ich sah ihm sofort an, daß er im Vorbeigleiten der Erscheinung etwas zu bemerken hatte, was er lieber mir zu sagen wünschte als dem Freunde. Ich sah es jedoch auch der — Freundin — ich sah es Eva Sixtus an, daß er mit der bereits darüber gesprochen hatte. Also begleitete ich ihn zum zweiten Male durch die Mondscheinnacht und das Dorf Werden auf den Weg nach Hause; er aber sagte:

„Es ist auch Evas Meinung, daß du zuerst allein zu uns kommst und nachher erst unseren Freund mitbringst. Ich meinesteils habe doch den Schulmeister nicht lange genug gespielt, um ganz genau und deutlich in Worten ausdrücken zu können, wie ich die Sachlage ansehe. Wie ich dir es voraussagte, so war’s; ich fand Irene noch wach, als ich gestern oder vielmehr heute morgen nach Hause kam; — gefragt hat sie nicht, aber gewußt hat sie gleich, daß ich ihr eine Neuigkeit mitbrachte; — ‚Fritz und Ewald sind da, Irene!‘ habe ich gesagt, weil ich immer gefunden habe, daß das Einfachste stets das Beste ist; — erwidert hat sie eigentlich nichts, aber sie ist wach geblieben und nicht mehr zu Bette gegangen. Die Magd hat mich gefragt, weshalb die gnädige Frau in dieser Nacht gar nicht zu Bette gegangen sei? — Du sagst, Doktor, daß ihr auf Schloß Werden es heute mittag mit allerhand Gespensterspuk zu tun gehabt habt; aber meine Meinung ist, auf dem Steinhofe sind auch allerlei Geister und zwar nicht von der besten Sorte umgegangen! Wieviel ruhiger lebten wir in der Welt, wenn wir uns nicht immer aus unserem Schicksal unsere Reue und unsere Gewissensbisse zurechtschnitten — stets in dem Gefühl, uns selber nie das geringste vergeben zu dürfen. Fritz, du weißt, ich habe von frühesten Jahren an immer zu dir aufgesehen, du bist der einzige von uns, der es zu etwas gebracht hat, — du würdest mir nicht bloß einen Gefallen, sondern eine große Liebe antun, wenn du zuerst mit ihr sprechen wolltest.“

Das hatte ich denn aus meinem Leben in das alte Nest glücklich mitgebracht: sie durften mir alle in der wohlmeinendsten Weise ungestraft Sottisen meiner Brauchbarkeit wegen sagen. Fremden gegenüber würde ich mit Grund die bloße Ironie hinter der sehr ernsthaften Miene vermutet und gesucht haben; die Freunde durfte ich wenigstens für ehrlich und wirklich vertrauensvoll in ihrem Glauben an mein Studium in Wittenberg halten. Jedenfalls hatte ich genug studiert, um mir die Sache zurechtlegen zu können. Es gibt nämlich in gewissen Krisen des Lebens eine Feigheit, die nur ein anderer Name oder besser die Folge einer kurz zuvor bewiesenen Herzhaftigkeit ist. Wofür tapfere Männer alles gewagt und gelitten haben, wagen sie dann zuletzt nicht einen Gang über die Straße, nicht ein Anklopfen an eine Tür, sondern sie schicken einen andern oder möchten ihn doch am liebsten schicken, und deshalb — hatte ich für Ewald Sixtus mit Schloß Werden sprechen sollen, und darum — erschien es wünschenswert, daß zuerst ich mit Irene Everstein rede. Von meiner Gelehrtheit sprachen sie; aber, ihnen selber unbewußt, meinten sie: das, was uns bewegt, kümmert ihn am wenigsten, also was kümmert’s ihn? Wenn Einer uns sagen kann, was wir hören wollen oder hören müssen, so ist er’s. Er ist objektiv in dieser Sache; Steine und Menschen werden also ihm gegenüber unbefangen sich gehen lassen, und — Ihm werden sie nichts tun. Wir aber, die wir Tag für Tag mit ihnen zu tun gehabt haben, wir fürchten uns!

Ich hatte mich aus der Mitte der Gevattern- und Vettern-Besuche in der Försterei von dem Freunde wegholen lassen, um mit ihm Schloß Werden zu besichtigen; ich ging am anderen Morgen dem Freunde vorauf nach dem Steinhofe, um die letzte Herrin von Schloß Werden, um Irene Everstein darüber sprechen zu hören. Es ist stets in solchen Fällen viel leichter Ja als Nein zu sagen. Man will eben doch nicht umsonst an seiner Ehre gefaßt und für einen erfahrenen Mann gehalten worden sein.

Zwölftes Kapitel.

Der Fluß hatte es eilig wie immer; aber er, der mir in meiner Kindheit den einzigen klaren Eindruck von dem Vorbeigleiten der Erscheinung gegeben hatte, dessen schnelle Wasser mich in der Phantasie stets unwiderstehlich mit sich in die Ferne gerissen hatten, er war von allen Dingen in der Heimatgegend allein derselbe geblieben. Unsere Nester in den großen Nußbüschen waren verschwunden, die Wiese, über die sonst der Weg nach dem Walde führte, zerstückelt und zum Teil zu Ackerfeldern gemacht. Auch die Wälder selbst waren nicht mehr die nämlichen wie sonst. Den Hochwald hatte man teilweise gelichtet, teilweise ganz niedergeschlagen; das Unterholz war aufgeschossen, und Heidestrecken hatten sich mit dichtem Gebüsch bedeckt. Wo man sonst von einem Berggipfel die freieste Aussicht in die Ferne gehabt hatte, suchte man nun nach einem Blick auf den Sommerhimmel zwischen dem dicht verschlungenen Gezweig. Nicht alle Pfade liefen noch wie in unserer Jugendzeit durch den Forst, aber der Fluß — der Fluß ging noch seinen alten Weg; ich aber ging diesmal über die Brücke bei Bodenwerder und verließ mich nicht mehr auf den Kahn, welchen vordem der Vater Klaus stets so mürrisch-wohlgefällig zu unserem Dienst aus dem Uferschilf und Röhricht hervorzog. Auch das war sehr fraglich, ob ich den guten Alten, seine Fischerhütte, sein lustig romantisch Herdfeuerchen und sein morsches Fahrzeug noch am Rande der Weser finden würde. Über sechzig Jahre war er schon zu unserer Zeit alt gewesen, aber unterwegs tat es mir doch leid, daß ich mich nicht nach ihm erkundigt hatte, und fast wäre ich noch umgekehrt.

Wie andere gelassene Leute gelangte ich über die Brücke bei Bodenwerder von einem Ufer auf das andere und auf den Weg nach dem Steinhofe.

Der zog sich noch durch die Felder wie sonst. Mir war es, als müsse ich jeden Dornbusch an seinem Rande wiedererkennen und dürfe ruhig auf seine Identität schwören; doch dies war wohl ein Irrtum. Ich habe es beschrieben, wie wir als Kinder auf diesem Pfade an heißen Sommertagen müde wurden und uns nach dem Baumschatten, dem kühlen Grase im Grasgarten und nach der guten Verpflegung des Hofes sehnten; ich habe es geschildert, wie wir den Vetter auf einem Steine am Wege auf Menschenschicksale wartend fanden, und — auf den Stein durfte ich dreist schwören: es saß wiederum jemand darauf, in seine Träume verloren, auf Menschenschicksale wartend und die Schritte, die sich auf dem heißen, sonnigen, steinigen Wege näherten, überhörend.

Auf dem Feldquarz, unter den Disteln und Nesseln, zwischen die einst der Vetter Just Everstein verlegen greinend seine lateinische Grammatik versteckt hatte, als wir ihn nach unserer Art jubelnd anschrien, saß unter dem wolkenlosen blauen Sommerhimmel, ihr schönes müdes Haupt mit der Hand stützend, der Gast des Vetters Just, Irene von Everstein.

Ich sah sie niedergleiten am frühen frischen Morgen aus unseren schwankenden Märchennestern im Grün, hinab auf die tauige, blitzende Wiese; ich sah sie elfenhaft uns vorangleiten durch das Waldesdunkel; ich hörte sie lachen auf dem Fluß und sah sie ihre Hand in die rinnenden Wellen tauchen: erzählte uns nicht einmal vor langen Jahren der Vater Klaus auf der Überfahrt von einer, die wohl weit von oben her zugereist sein mußte, weil sie, nachdem er sie aus dem Schilf ans Land geholt hatte, niemand kannte im Lande?

„Lassen Sie das Schaukeln lieber auf dem Wasser, junge Herrschaften! Die alten Bretter unter uns sind doch wohl allgemach ’n bißchen brüchig geworden, und das dreht sich gerade hier in Wirbeln, und der Untiefe ist nicht gut zu trauen. Ich möchte um alles nicht, daß die Herrschaft zu Hause es mir zuschieben könnte, wenn ich die jungen Herrschaften nicht heil ans Land brächte.“

Ich sprach sie leise an:

„Guten Tag, liebe Irene.“

Sie fuhr zusammen und empor; doch als sie mich erkannt hatte, stand sie nicht auf, sondern blieb sitzen auf dem Stein am Wege und reichte mir mit einem traurigen Lächeln die Hand in die Höhe.

„Du bist es, Fritz? Wie kann man die Leute so erschrecken!… Aber es ist wohl nicht deine Schuld, sondern meine und meine Torheit. Wie kann man sich so ins freie Feld setzen und sich die blendende Sommersonne auf den Scheitel und in die Augen scheinen lassen, ohne für seine besten Freunde blind und taub zu werden? Das ist aber gut von dir, daß du gekommen bist, der Vetter wird sich sehr freuen; — er kam gleich in der Nacht mit glänzenden Augen, um es zu verkünden, daß — du wieder im Lande seist.“

Sie sprach die letzten Worte nur zögernd; ich hielt ihre Hand noch fest und sagte:

„Ich bin aber nicht allein in die alte Heimat zurückgekommen, Irene.“

Da zog sie mir die Hand weg, erhob sich nun und erwiderte erst nach einer geraumen Weile:

„Ich weiß durch den Vetter Just Bescheid über alles.“

„Über alles?… Über alles doch wohl nicht!“

„Doch!“ sagte sie, und das Wort kam kurz und hart heraus. „Wir stehen hier jetzt in der hellen heißen Sonne des Mittags, und es ist mir lieb so und ganz recht. Wir wollen nicht den Schatten und das freundliche Dach des Freundes suchen, um uns behaglicher und langatmiger über Schicksal und Schuld auszulassen —“

„Irene?!“

„Ich höre gern einmal wieder meinen Namen mit so freundlicher besorgter Stimme auch von dir rufen, Friedrich; — o, ich weiß es wohl, ihr alle meint es sehr gut mit mir und habt so viel Geduld; ich aber habe nichts für euch, als daß ich euch sage, wie es mir zumute ist; und — um das Herz ist’s mir, als hätte ich weiter nichts in der Welt, als daß ich mich gegen euch wehre, … gegen euch alle!“ …

Wie verstohlen hatte der Vetter Just den alten Broeder, die Grammatik, in der er alle Weisheit der Welt vermutete, einst unter dem Stein da und zwischen den Disteln und dem Wegelattich versteckt; — wie hatten Ewald und Irene gelacht, als sie das zerlesene Buch doch hervorzogen: nun hielt mir heute Irene Everstein das Blatt für Blatt mit Tränen getränkte Buch, über welchem ich sie jetzt überrascht hatte, offen hin.

Ganz nahe beugte sie sich zu mir und flüsterte mehr, als daß sie sprach:

„Sage ihm, daß ich alles weiß, was er für mich getan hat, um mich getan hat! Er hat sein Leben daran gesetzt, und er hat nicht nach rechts und nach links gesehen, sondern nur rückwärts nach der Stunde, in der wir, ich und er, Abschied voneinander nahmen. Ich bin das Weib eines anderen Mannes geworden, und er hat seinen Willen durchgesetzt, um mich zu demütigen und zu dem Geständnis meiner Schuld gegen ihn zu bringen …“

„Nein, nein! Das ist nicht so! Irene Everstein, das ist wahrhaftig nicht so!“ rief ich.

„Das ist doch so!“ antwortete sie kopfschüttelnd, aber ganz sanft. „Sieh, Freund, er und ich haben uns immer zu gut gekannt, um nicht besser als all ihr übrigen zu wissen, wie es um uns steht. Es ist auch ganz das Richtige, was er getan hat, und ich gönne ihm seinen Sieg und seinen Triumph; — ich freue mich, daß er so stark und so tapfer gewesen ist und im Stillschweigen! wäre ich seine Schwester, wie unsere liebe Eva, so wäre mein Glück vollkommen! Aber ich bin nicht seine Schwester — ich bin nicht sein Weib geworden — sieh, Fritz Langreuter, die Sonne steht uns klar und hell über den Köpfen, und in ihrem Scheine spreche ich zu dir klar und hell, und eine alberne frauenzimmerliche Närrin bin ich nie gewesen: ich gehörte ihm zu, und er gehörte zu mir von Gottes und Rechts wegen, seit wir unseren Kinderhaushalt im Spiel in den grünen Büschen von Schloß Werden aufschlugen! Er aber weiß das, und jetzt, da meine Jugend dahin ist, und da ich als Bettlerin bei dem guten, barmherzigen, weisen Mann, dem Vetter Just, hier auf dem Steinhofe sitze, da ich bin, was ich bin, kommt er — der Unbarmherzige, und ich fühle seine tapfere treue Hand wie mit einem bösen zornigen Griff und Schütteln an meiner Schulter! Mir gehört heute deines Vaters Haus, deinetwegen gehört es mir; ich habe in der Fremde, im Stillschweigen, in der Arbeit, die lange, lange Zeit durch, dich keinen Augenblick aus meinen Sinnen und Gedanken freigelassen, nun nimm deine Kraft zusammen und vergiß und sei glücklich; wir wollen uns von neuem einrichten in den Ruinen, mit keinem Wort und keinem Blick will ich dich je daran erinnern, daß wir in Ruinen wohnen! Und nun — rede du mir dagegen, Fritz, und sage, es hat keinen Sinn, was du sprichst, Irene, du sprichst nur aus deinem kranken, verwirrten Gemüte in den hellen, gesunden, lichten, stillen Tag hinein, weil du in deiner Unruhe und Angst eine Stimme — deine Stimme hören möchtest.“

Sie hatte recht; es war recht schwer, ihr etwas zu erwidern. Während ich nach Formeln, Phrasen suchte und für hundertfältiges Ja und Nein ein erlösendes Wort suchte, schritt ich wieder mit Ewald Sixtus durch die Gänge, Stuben und Kammern von Schloß Werden, rüttelte an verrosteten Türgriffen, drückte mit dem Knie die verquollenen, widerspenstigen Türen auf und sah scheu auf die Fußtapfen, die wir hinter uns zurückließen in dem Staube, der den Boden bedeckte.

Er hatte recht, der Freund: es war nicht dasselbe, wenn er Schloß Werden gewann und Just Everstein den Steinhof wiedergewann! Schlafendes Leben läßt sich wieder aufwecken, aber Totes läßt sich nicht lebendig machen; und Schloß Werden war tot, war tot auch für das Kind des Hauses und für den, der sein Herzblut darum gegeben hätte und seinen ganzen Willen gegeben hatte, das Rad zurückzudrehen und der Frau auf dem Steinhofe zu sagen:

„Komm und sieh, was ich für dich und mich habe tun können“ …

Das war nichts; aber in dieser heißen, blendenden Mittagsstunde, nach dem letzten Worte Irenes zuckte es mir eben durch Hirn und Herz: „Aber das ist ja auch nichts, und die Hauptsache ist es ja einzig und allein, daß sie es wissen und es deutlich sagen können, wie es ihnen zumute ist. Alles andere bedeutet nichts, und die Nester, die sie in die Zweige der Nußbüsche an der Hecke bauten, gelten ebensoviel wie die Mauern von Schloß Werden. Auf schwankendem Gezweige, zwischen Himmel und Erde schaukeln wir alle; aber am meisten dann, wenn wir am tiefsten in die Erde graben, um einen festen Grundstein für die Burg zu legen, in der wir mit unserem Glück zu wohnen wünschen.“ Irene kämpfte mühsam mit ihren Tränen; mich aber überkam allgemach immer mehr die Gewißheit, daß hier doch noch nicht alles aus und zu Ende sei; wie es aber sich zuletzt schicken mochte zwischen diesen zwei stolzen, widerspenstigen Seelen, wer konnte das sagen?!

Wie aber schickte es sich, daß die Jugendfreundin gerade in diesem Augenblick meine Hand fester nahm und mir zuflüsterte:

„Nicht wahr, Fritz, es ist doch auch gut so, wie sich das Verhältnis zwischen dem Vetter Just und unserer Eva gestaltet hat?“

„Ja!“ sagte ich, und ich sprach keine Unwahrheit, wenn ich hinzufügte, daß ich meinesteils vollkommen damit einverstanden sei. Habe ich es nicht schon gesagt, daß ich der größte Egoist von allen diesen Menschenkindern geworden war und mir am meisten die Fähigkeit gewonnen hatte, allein zu bleiben und — dann und wann auf Verlangen ruhig den anderen ihre Ansicht zu bestätigen oder gar sogenannten guten Rat zu geben?…

Vielleicht hätte ich aber doch nicht so klar und gelassen bejahend auf diese zwischen Tränen hervorspringende Frage geantwortet, wenn es nicht die Hauptperson in diesen Lebensgeschichten gewesen wäre, welcher gegenüber ich mein Recht, nein zu sagen, aufgegeben hatte.

Ihre Augen hastig trocknend, rief Irene:

„Da kommt der Vetter!“ und wir wendeten beide uns ihm rasch zu, beide froh, daß er dieser kurzen, bitteren, schmerzensreichen Unterhaltung auf dem schattenlosen Feldwege ein Ende machte.

Er kam von seinem Gehöft, von seinem in so ganz anderer Weise als Schloß Werden wiedergewonnenen Erbsitz auf dieser Erde. Auch ihn sah ich jetzt zum ersten Mal in der hellen Mittagssonne der Heimat, und sie änderte nichts daran, sie stellte es nur in ein helleres, freudigeres und sozusagen verständigeres Licht: in seinen gemütsruhigen, gesunden Jahren paßte und gehörte er ganz und gar zu Eva Sixtus, und ich änderte nichts an dem Faktum!

Es lag in jedem seiner Schritte etwas wie eine Bürgschaft für den ferneren guten, stillen, hülfswilligen Lebensweg der beiden Leute. Mit den buntfarbigen Phantasmagorien, mit den Schmerzen und Tränen der Jugend hatte die lächelnde Sonne, die auf seiner Stirn und seinem Hausdache lag, freilich schon längst nichts mehr zu schaffen; aber nichtsdestoweniger ist und bleibt sie etwas sehr Gutes und Wünschenswertes in dieser Welt der Verwirrung, des Nebels und des Landregens.

„Das ist gut, daß du wenigstens da bist,“ sagte der Vetter Just Everstein.

Dreizehntes Kapitel.

„Und das Quadrat der Hypotenuse ist immer noch so groß wie die Summe der Quadrate der beiden Katheten,“ rief ich; es ging nicht anders. Wie einer der grünen Zweige, auf denen sich unsere Kindheitsnester wiegten, hing der Magister matheseos aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein; ich mußte danach greifen und nicht bloß nach ihm, sondern nach allem, was an Blüten und Früchten sonst dran hing.

Und es war wohlgetan. Zum ersten Male glitt etwas gleich einem Lächeln über Irenes Gesicht.

„Wie wunderlich,“ sagte sie, „daß wir einst kamen, um dich auszulachen, Just, und uns heute noch daran als an unsere glücklichsten Minuten erinnern. Auch an Eva haben wir mit unserer Kinderlustigkeit wohl arg gesündigt; aber das war wohl vor hundert Jahren —“

„Nicht ganz so lange ist es her!“ meinte der Vetter Just; doch Irene Everstein, seinen Arm nehmend, rief:

„Für dich und — deine Braut wahrhaftig nicht, aber für uns andere. Sieh nur den Fritz Langreuter an, wie er mir recht gibt und was für ein verrunzelt ernsthaft urväterlich Gesicht er zu seinem Seufzer macht. Gewiß und wahrhaftig, ihr allein seid jung geblieben, Just und Eva; — kreischend lachen und jauchzen wie wir konntet ihr nie; nun dürft ihr heute lächeln, und wir dürfen das jetzt so wenig für eine Beleidigung nehmen als ihr damals unser Lachen. Nun komm aber, Just, wir wollen dem Berliner Doktor hier endlich einmal wieder den Steinhof zeigen; es ist doch hundert Jahre her — mehr als hundert Jahre, seit er durch sein gastfreundlich-freudiges Tor einging. Wie oft er das freilich im Schlafen und Wachen im Traum tat, kann ich nicht wissen.“

Ja, da lag der alte Hof, der echte, rechte Bauernsitz, die deutsche Heimstätte des gelehrten Bauern Just Everstein vom Steinhofe im vollsten Glanze der Sommersonne, das heißt, soviel augenblicklich, nachdem wir den altbekannten Weg bis zu dem altbekannten Zaune zurückgelegt hatten, von ihm zu sehen war. Es war die Zeit der Heuernte, und bis ans Dach, schier bis hinauf an das Fenster der Giebelstube des Vetters lagen die duftenden Haufen aufgetürmt, und der Zufuhr von allen Seiten schien kein Ende zu sein.

„Auf unserem steinigen Ackerlande bauen wir wie sonst, was darauf passen will,“ seufzte der gelehrte Bauer, um sodann behaglich hinzuzufügen: „Ja, da ist der Steinhof wieder, Fritz Langreuter, und ich glaube, ich habe nunmehr wirklich daraus gemacht, was zu machen war. Man will sich eben immer von seinen liebsten Freunden am liebsten loben lassen, sei es wegen seines Lateins, seiner Mathematik oder seiner Landwirtschaft. Also lobe mich nur dreist heraus! Mit meiner Vorfahren Ackerboden habe ich auch mit allen meinen amerikanischen Erfahrungen wenig anzufangen gewußt; aber an eine rationelle Ausnutzung unseres Wiesenlandes hatte vor mir keiner gedacht; ich aber habe manchen guten Morgen zugekauft, und es trägt sich aus.“

Lächelnd stieß er mich in die Seite:

„Du weißt es ja wohl, daß ich immer eine Vorliebe für das grüne Gras und das weiche Heu gehabt habe, nämlich für das Langhin-drein-sich-legen. So kommt man denn stets zu seinen Lieblingsneigungen zurück; — lache nur, Horaz hat’s: Naturam expellas furca und so weiter, soviel Latein weiß ich noch! Das war ein Satz bei Römern und Griechen und ist es auch bei uns neuen geblieben. Klettre über, wühle dich durch; — die Haustür findest du hinter dem Haufen an der alten Stelle, und — hör nur — da sind sie in gewohnter Weise scharf in der Unterhaltung — gegeneinander. Taub sind sie alle beide ein bißchen, und zu sagen haben sie sich natürlich immer was, — Jule Grote und Mamsell Martin meine ich! Na, auf das Gesicht freue ich mich, was meine Alte über dich machen wird. Weißt du noch, für das liebe Fritzchen drüben von Werden hielt sie immer eine Extrapartie von Pfeffer, Salz und Essig in ihrer Natur bereit; denn darauf ließ sie sich jeden Tag totschlagen: wenn ein Mensch und nichtsnutziger studierter Taugenichts von Jungen den dummen Jungen, ihren Just, auf dem Gewissen hatte, so warst — du das.“

„Ist das wahr, Irene?“ fragte ich, mich zurückwendend, doch die Freundin war uns im Rücken abhanden gekommen, ohne daß ich es gemerkt hatte.

„Das ist jetzt ihre Art so,“ sagte der Vetter Just, „sie wird sich schon wiederfinden lassen. Hättest du es wohl für möglich gehalten, daß die Gute, Wilde so lärm- und menschenscheu hätte werden können? Aber sie hatte verweinte Augen! Ihr habt wohl schon die paar Augenblicke der Unterhaltung am Wege nach Möglichkeit ausgenutzt? Das ist recht, denn im Grunde habe ich dich dazu hergerufen; aber nun komm fürs erste ins Haus und sieh zu, ob du die alte Herberge am Wege noch wiedererkennst. Glaube nicht, daß mir das etwas Natürliches und Selbstverständliches ist. Einen um den anderen Morgen wache ich auf und wundere mich, mich so wieder zu Hause zu finden. Naturgeschichtlich besteht es ganz und gar nicht zu recht, daß jeder Vogel wieder in dasselbe Nest fällt, in welchem er flügge geworden ist, sondern ganz im Gegenteil.“

„O Vetter, da sprichst du ein trostreiches Wort aus!“ rief ich. „Und das beste für uns andere ist, daß du, du das sagst! Was kümmert uns denn da noch Schloß Werden? Wie sehr es da spukt, das glaubte ich gestern erfahren zu haben, als man mich bat, als Gelehrter mit dem Gespenst zu reden; aber in Wahrheit erfahre ich es erst jetzt. Mit Geistern soll sich der Mensch herumschlagen, aber die Gespenster mag er sich selber überlassen. Was geht uns Schloß Werden an; denn wie würden wir an jeglichem Morgen erwachen und uns wundern, uns daselbst wieder zu Hause zu finden?!“

„Irene auch, und das ist das allerbeste!“ sprach der Vetter Just, und wir stiegen durch das Heu, die durch die Sommersonne in Wohlduft und Nutzen verwandelte Wiesenschönheit des Jahres. Noch einmal dachte ich an den gestrigen Weg über den verwilderten, verwüsteten Schloßhof zu der Tür von Schloß Werden, dann aber nicht mehr; der Steinhof nahm mich ganz gefangen.

„Mit Fräulein Martin bist du ja erst neulich zusammengetroffen und ihr kennt euch also noch; aber mit dir ist es etwas anderes, Jule. Komm her, Alte, und betrachte dir den Gast genauer. Wer ist das? Wer kann es sein?“

Die Greisin hielt die Hand über die blöden Augen; doch schon platzte der Vetter heraus:

„Das Fritzchen ist’s! Der kleine Fritz Langreuter von Werden! Wer könnte es denn sonst anders sein?“

„I du meine Güte!“ schrillte der verrunzelte, graugelbe, weißhaarige Schutzgeist des Steinhofes, und mit dem Ton wachte auch der Rest von dem auf, was an Jugenderinnerungen auf dieser Erdstelle bis jetzt für mich noch im Schlafe gelegen hatte. Was waren alle Heimchen an dem sonnigen Feldwege von Bodenwerder herauf gegen diese aus der Vergangenheit hervorzirpende Alt-Weiber-Stimme? Aus allen Winkeln und Ecken nicht nur des Hausflurs, sondern des ganzen Hauses hallte es wieder bis auf das Klatschen der Ohrfeige, wie sie Freund Ewald Sixtus in Empfang nahm, wenn er mit dem gesamten Eiersegen aus den Hühnerställen des Steinhofes in den Taschen sich harmlos, aber dreist auf den Heimweg machte und noch unter der Pforte von der Hüterin des umfriedeten Bezirkes ertappt wurde. Wer je einen erhitzten Gemütes abgezogenen Holzpantoffel gegen eine verriegelte Tür pochen hörte, dem lebt der Hall auch wieder auf, wenn er die Klopferin nach Jahren wiedererblickt, und die nämliche Fußbekleidung griffgerecht an ihren Füßen. „Es hilft uns nichts, Fritze, sie trommelt uns heraus,“ pflegte der Vetter Just in der Giebelstube zu sagen. — Ja, da stand sie, Gott sei Dank, noch in ihren Schuhen, und nun schlug sie die Hände vor dem Leibe zusammen, daß es gleichfalls den alten trockenen, knöchernen Hall gab, und seufzte herzzerbrechend, aber doch, wie es mir schien, mit einem gewissen Behagen:

„Ach, du liebster Gott, also das ist er wirklich? Ach, und ist wirklich aus einem so überstudierten Jungen ein so gelehrter Herr und Herr Doktor geworden? Ach, und du liebste Barmherzigkeit, Herr Fritz, und — so dünn! — Nehmen Sie es nur nicht übel, Herr Doktor Fritz; je ja — je ja, es ist mir ja wirklich eine rechte Herzensfreude, aber recht schlecht und kümmerlich muß es Ihnen doch wohl da draußen in der Welt ergangen sein? Je ja, das ist so, wenn der Mensche dem lieben Herrgott zu genau in die Karten gucken will; da vernachlässigt er denn seine Leibesnahrung, zumal wenn ihn auch keiner daran erinnert, daß es Klokke Zwölfe am Mittage ist, wie ich meinen Just da, der sonst auch wohl als Faden sich durch’n Stopfnadelöhr ziehen lassen könnte. Das habe ich ja immer gesagt, wenn Sie sonst hier auf den Steinhof kamen, und mein Just jedesmal das Fieber nach Ihnen kriegte. Just, habe ich gesagt, wie kann so ’nem Jungen was anschlagen? Den setze du in’n Fettpott, und er bleibt, was er ist; an den kommt nie in seinem ganzen Leben was Rechtes. Wenn ich dem seine Mutter wäre, so schliefe ich keine Nacht aus Angst um ihn. Also, wenn du denn gar nicht von ihm lassen kannst, Just, so nimm dir zum wenigsten ein Exempel an ihm! Ja, je ja, so habe ich dunnemalen in den Wind gesprochen, und daß ich jetzo wiederum darauf komme, das tue ich nur, weil dem Menschen in seinem Vergnügen manches hingeht, was man sonst wohl krumm nimmt, wenn einer kein Blatt vor den Mund nimmt. Und das ist meine Rede, Herr Fritze, Herr Doktor Fritze, ich freue mich gewiß und sehr, daß ich Sie endlich doch noch mal erblicke; und wie es Ihnen auch draußen in der Fremde ergangen sein mag, auf dem Steinhofe sind Sie immer willkommen, und nun kommen Sie nur wie sonst recht oft nach dem Steinhofe; meinen Jungen, den Just da, verführen Sie mir jetzt nicht mehr; wir aber wollen es mit Pläsier versuchen, ob sich denn gar nichts an Sie heranfuttern läßt! Ihre Frau Mutter habe ich doch auch gut genug gekannt und gern gehabt, nach Ehren strebe ich nicht, aber das wäre mir doch was wert, wenn sie mir dermaleinst da oben die Hand gäbe und sagte: Jule Grote, Sie hat an allem, was mit Ihrem Just gut Freund gewesen ist, getan, was sie konnte, selbst wenn sie es nicht verdient haben wie viele aus Bodenwerder und sonst hier aus der Umgegend, die ich jetzt hier nicht in den Mund nehmen mag; aber an meinem Jungen, dem Fritz, da hat Sie Ihr Allermöglichstes getan, und jetzt komme Sie nur her, dafür will ich Sie jetzt hier bekannt machen; denn die Besten, die von unten heraufkommen, sind zuerst immer ein bißchen fremd — das ist überall so.“

Nicht das kleinste Wörtchen, kaum ein zustimmender Gestus war in diese Begrüßungsrede einzuschieben gewesen. Wie der gelbe Heimatsfluß beim Eisgange rollte her, was Jule Grote zu meiner Bewillkommnung auf dem Steinhofe vorzutragen hatte.

Der Vetter Just stieß mir nur bei jedem Komma und Atemholen den Ellenbogen in die Seite, was nichts weiter hieß als: Siehst du wohl? Ganz die Alte! — Was wäre das alte Nest, der Steinhof, ohne die Alte! — Ich aber hätte die Alte bei jeder neuen Wendung und vorzüglich da, wo sich die Schollen aufeinander zu schieben drohten, beim Kopf und Kragen nehmen mögen, um sie abzuküssen, wie keine Jüngere im Lande.

Und dazu brotzelte es vom Küchenherde her, und alles war voll Heuduft; und Frau Irene und ich waren die einzigen, die nicht in Hemdärmeln auf dem Steinhofe herumwirtschafteten. Es war ein heißer Sonnentag mitten im Sommer und in unserem Leben; aber die Sonne war doch das Beste in der Welt, und wer sie nicht ertragen mag, der mag sich einfach vor der Zeit begraben lassen. Es sind aber auch nur diejenigen, welche auch hier unten „fremd“ bleiben, wie Jule Grote sich ausdrückt, die die Sonne nicht vertragen können.

Aber ein drittes Wesen, das gleichfalls nicht in Hemdärmeln einherging, hatte ich eben doch vergessen aufzuzählen. Zugeknöpft bis an den Hals, sowohl was das Kostüm als was die Gemütsstimmung anbetraf, setzte mir jetzt Mademoiselle Martin aus Nanzig einen Knix hin — vor der Welt, um mich sodann mit zupackendstem, nicht den geringsten Aufschub zulassendem Interesse in den Winkel zwischen Stubentür und Wand zu ziehen und zu flüstern:

„Et l’autre?! Der andere?! Wo ist der andere? was denkt sich der andere? was tut der andere?“

„Der andere? Ewald? Ewald Sixtus?“

Die alte Dame hielt meinen Arm und schüttelte mich, wie sie mich nie in meiner Jugend auf Schloß Werden geschüttelt hatte:

„Ah — oui — ich werde wie gebraten hier auf heißen Kohlen, und da kommt dieser, und ich halte ihn, und er sieht mich dans mon angoisse, und ich schüttele ihn und er — fragt!“ …

„Ach Mademoiselle,“ seufzte ich, „der andere fragt ebenfalls. Vor allen übrigen fragt er auch Sie, was er mit Schloß Werden anfangen soll? Wir haben gestern um diese Tagesstunde alle Türen dort aufgeschlossen; aber einen Eingang haben wir darum doch nicht gefunden. Am hellen Mittage haben wir große Furcht gehabt —“

„Und ich weiß schon, was ich ihm sagen werde; aber der vaurien, der Taugenichts, muß selber zu mir kommen. Was schickt er einen anderen hierher, wenn der gute Gott ihm auch zwei Beine hat anwachsen lassen! Aber es war immer so! nur wo er einen Unsinn konnte ausüben, kam er selber; — wo es galt, nach der raison zu handeln, mußte man ihn immer suchen.“

Selten war mir zwischen Tür und Angel ein nur annähernd gleich trostreiches Wort gesprochen worden wie dieses letzte der atemlosen, vor Hast und Erregung zuckenden soeur ignorantine, die gottlob so genau Bescheid wußte. Aber unsere Privatunterhaltung war jetzt zu Ende für den Augenblick; — es war wieder einmal Essenszeit auf dem Steinhofe, und alles Hofvolk stieg durch das Heu und kam, seinen Platz an dem Tische einzunehmen, den der Vetter Just Everstein durch die alte Stube auf feste Eichenfüße von neuem hingestellt hatte: zwei Bänke von Tannenholz die Langseiten entlang, ein Schemel für den Hofjungen und ein Holzstuhl mit einer Lehne für den Herrn. Es konnte in ganz Germanien keine vornehmere Hoftafel abgehalten werden!

Vierzehntes Kapitel.

Die Nacht war still, und ich überdachte den ersten Tag, den ich wieder auf dem Steinhofe zugebracht hatte. Die Nacht war ungemein still, und, Gott sei Dank, auch in mir ging’s nicht außergewöhnlich lebhaft und lärmhaft zu. Was übrigens in dem gewohnten Laufe der Dinge und Stimmungen in der Welt durchaus nicht so hätte sein dürfen, denn ich befand mich in dem Hause meines außerordentlich glücklichen Freundes, und der Vetter Just hatte mir wiederum viel von der Vortrefflichkeit des Preises, der mir entgangen ist, gesprochen. Ich aber kann darüber nur sagen, was ich schon gesagt habe, und da es eine Nacht der Wiederholungen war, so will ich es auch an dieser Stelle noch einmal zu Papiere bringen: Ich gönnte dem Vetter aus vollstem Herzen alles Gute, Liebe und Schöne, das er, weil er’s verdient hatte, sich gewonnen hatte — so kurz noch vor Torschluß! Von alten Nestern handeln diese Lebenshistorien: die Zeiten, wo wir sie jung ins Grüne bauten, die waren für uns alle lange, lange vorüber; aber Just Everstein und Eva Sixtus wurden ein stilles, solides Paar, auch ein stattlich Paar und eine Krone der Gegend. Eine Herrin gehörte noch an die fürstliche Tafel, die der Bauer vom Steinhofe Punkt zwölf Uhr mittags öffentlich, d. h. bei offenen Türen hielt, und wer hätte den Platz währschafter und freundlicher auszufüllen vermocht als die jetzt so stattliche Jungfrau vom Försterhofe zu Werden — meine rehhafte, leichtfüßige, liebliche Jugendliebe?!…

Ich war aber auch dem Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode nicht umsonst unterwegs begegnet; ich hatte nicht umsonst mit ihm gefrühstückt in Finkenrode: Stadtrat zu Bodenwerder wurde ich mein Lebtage nicht und noch viel weniger Bürgermeister daselbst. Die den Ort sonst betreffenden historischen Studien hatten mir der Justizamtmann Bürger zu Göttingen und der Obergerichtsrat Immermann in Düsseldorf schon längst vor der Nase weggefischt. Um es mit ein paar kurzen Worten auszudrücken: mein Name war Dr. Langreuter, der irische Baukünstler Ewald Sixtus hatte mich nur für einige Wochen aus einem mir völlig angemessenen Lebensberuf weggeholt, und ich gehörte einfach nach Berlin und nicht nach Dorf Werden; letzteres ebensowenig wie der internationale Ingenieur Ewald Sixtus nach dem dort noch befindlichen, aber sehr zur Ruine gewordenen Herrensitz der Grafen von Everstein.

Ich lag lange in dieser Nacht im offenen Fenster auf dem Steinhofe, und die Kühle war sehr erfrischend, und die Monddämmerung sehr wohltätig nach dem heißen, blendenden Heumondstage. Sie hatten ihr Heu wohl meistens glücklich unter Dach gebracht, aber der Duft davon durchzog noch immer angenehm, wenngleich etwas betäubend die Nacht; ich aber konnte zu keiner besseren und günstigeren Zeit als zur Zeit der Heuernte auf dem Steinhofe wieder zu Gaste sein. Es ist immer ein anderes, wenn die Wiesen in voller Pracht und Blüte stehen, mit seinen Illusionen und Herzensneigungen abzuschließen, und ein anderes ist’s, zur Zeit des Heumachens anderer seine Lebensruhe sicher und trocken unter Dach zu bringen. Was dabei meine Gemütsstimmung nicht verschlechterte, war die im Verlauf des Tages gewonnene feste Überzeugung, daß auch zwei anderen Leuten und lieben Freunden sich der Pfad sanft abwärts führend viel leichter glätten werde, als sie augenblicklich noch beide für möglich hielten.

Ich hatte dem jetzigen Herrn von Schloß Werden mein Wort gegeben, ihm in dieser Nacht sofort zu schreiben; ich wußte, daß der Mann und wilde Irländer in der Försterei zu Werden ebenfalls wenig schlief in dieser Nacht, hatte mir auch gewissenhaft einen Briefbogen zurechtgelegt und dem Vetter Just sein Tintenfaß mir aus seiner Giebelstube geholt; aber — wozu eigentlich immer selber stets Wort halten in einer Welt, in der es einem selber so häufig nicht gehalten wird, sowohl vom Wetter wie vom Schicksal?… Ihrem Schicksal entgingen sie — Ewald und Irene — darum doch nicht; was ich aber brieflich mitteilen konnte an den Freund, war wenig und hatte in der Tat vollkommen Zeit bis morgen. Wie sich das stolze Herz der Frau noch sperrte und flatterte und mit den Flügeln schlug, das ließ sich doch nur schwer mit des Vetters schlechter Tinte und noch schlechterer Feder hinschreiben, und dazu hatte der Vetter selbst mich vom Schreiben abgehalten. Er war ganz meiner Meinung gewesen; aber bis über die Mitternacht hinaus hatte er bei mir gesessen und die Sache immer wieder von einer anderen Seite her beleuchtet und geredet wie der außerordentlichste Professor der Psychologie.

Der irländische Baumeister Ewald Sixtus hatte manche Nacht durchwacht, um Schloß Werden sich zu gewinnen, weshalb sollte er nicht die eine und die andere Nacht durchwachen, um zu dem Entschluß zu kommen, es wieder aufzugeben?

„Gute Nacht, Just. Dein Schreibzeug läßt du mir wohl bis morgen früh?“

„Ist denn noch Tinte drin? Wohl mehr tote Fliegen und dergleichen?“ fragte der Vetter, lächelnd sich hinter dem Ohre kratzend. „Lieber Bruder, die Zeiten haben sich ganz besonders in dieser Hinsicht sehr geändert. Ich habe schon mehrmals einen reitenden Boten nach Bodenwerder schicken müssen, um mir den notwendigen Tropfen zu einer Namensunterschrift holen zu lassen.“

Ich stieß den Federstumpf durch den Schimmelüberzug und fand noch genügendes schwarzes Naß, um aller Welt Glück und Leid dreintauchen zu können, und meine Ansicht, Meinung, Weisheit und guten Ratschläge dazu; der Vetter war gegangen, und ich hatte — die Feder neben den Briefbogen gelegt und mich in das Fenster.

Was konnte ich eigentlich dem Freunde in Werden schreiben?

Daß ich sie in der heißen Sonne am Wege sitzend fand, daß sie in der Abenddämmerung an meinem Arm durch die Felder wandelte, daß sie viel und hastig aufgeregt und verworren sprach, und ganz und gar nicht wie ein Professor der Psychologie? Daß wir bis spät in die Nacht hinein in der Gesellschaft des Vetters Just im Baumgarten saßen und zwar sehr still? Daß ich noch eine Viertelstunde zwischen Jule Grote und Mamsell Martin auf der Bank vor dem Hause hockte, und daß ich die beiden guten Alten reden ließ, ohne sie nur ein einziges Mal zu unterbrechen? Daß alles in der Welt von den verschiedensten Seiten angesehen werden kann? Daß aber, gerade weil dem so ist, alles auf Erden viel offener und sozusagen wehrloser daliegt, als der Mensch in seiner täglichen Verwirrung sich einzubilden pflegt? Daß der Mensch viel zu häufig Furcht hat? Daß es im Grunde keine Gespenster gibt — auch in und um Schloß Werden nicht? Daß die Nacht wundervoll klar und lieblich war, und daß die Nachtkühle außerordentlich beruhigend auf den Menschen wirkte, und daß es trotz alle, alle dem sehr leicht sei, über mittelalterliche Geschichten, und sehr schwer, über das lebendige Leben der Gegenwart zu schreiben?

Mit der letzteren Bemerkung begann ich selbstverständlich am folgenden Morgen meinen Brief und schloß ihn mit einer ganz ähnlichen.

„Ich reite wie gewöhnlich erst diesen Abend hinüber,“ sagte der Vetter Just, dem ich die Lektüre gern gestattet hatte. „Offen gestanden, Fritz, ich glaube, einen expressen Boten brauchen wir nicht damit hinzuschicken. Recht hübsch, Fritze!… und daß euch euer Abendspaziergang, ganz ohne daß ihr es merktet, dem Flusse zuführte, und daß ihr erst auf den letzten Hügeln umdrehtet, nachdem ihr längere Zeit nach den Bergen gegenüber ausgeguckt hattet — ist auch — recht hübsch, Doktor. Wenn du meinst, daß die Sendung Zeit hat bis zum Abend, so kannst du dich darauf verlassen, daß ich deine Schilderungen dem armen Teufel drüben getreulich überliefern werde. Übrigens — wenn ein Mensch auf eine prompte Korrespondenz gar keinen Anspruch hat, so ist das unser braver Freund Ewald auf Schloß Werden. Jetzt entschuldige mich freundlichst bis Mittag. Wir haben gerade heute einen ziemlich scharfen Arbeitstag vor uns. Bekümmere du dich um nichts als die Frau Irene und laß dir soviel als möglich von ihr Gesellschaft leisten. Über mittelalterliche Geschichten läßt sich wohl besser und leichter schreiben; aber in dem lebendigen Leben der Gegenwart stecken wir eben drin und haben uns durchzufühlen. Ich drücke mich wohl schlecht aus?… Aber — nimm es mir nicht übel, ich spreche nur nach, was du geschrieben hast, und in deinem Briefe an Ewald steht wirklich wenig von dem, was wir augenblicklich an uns und in uns und in der allmächtigen Schicksalswelt um uns erfahren. Dein Brief ist sehr nett und sehr freundschaftlich und sehr ausführlich — du hast den gestrigen Tag gut geschildert, und daß er zwischen den Zeilen wird lesen können, das ist noch besser; aber das beste und einfachste wäre meiner Meinung nach, — sie ginge einfach zu ihm.“

Das Wort kam wie etwas so Selbstverständliches heraus, so ruhig und sozusagen gemütlich, daß ich im Anfange glaubte, mich verhört zu haben:

„Was sagtest du, Vetter?“

„Ich bin bei eurer ersten Unterhaltung gestern auf dem Feldwege nicht gegenwärtig gewesen; aber das war auch gar nicht notwendig. Wenn einer weiß, wie dem anderen in seiner Verwirrung zumute ist, dann weiß er auch, welche Worte er gebraucht, um sich Luft zu machen; vorzüglich wenn er ihm ein jedes an den rotgeweinten Augen absieht. Bei einem lachenden Gesicht ist es freilich schon schwieriger, und daß ein Menschenelend wahr ist, erkennst du viel leichter, als wie ob ein Glück und Jubel dir nur als Komödie aufgeführt werde. Lache nicht über den Bauer vom Steinhofe, der ein Gelehrter werden wollte und es wirklich einmal für eine Zeit zum Schulmeister gebracht hat. An sich selber muß der Mensch in Erfahrung bringen, wie es dem anderen zumute ist, und in dieser Hinsicht glaube ich das Meinige gelernt zu haben.“

Es war nicht das erste Mal, daß der Mann es sich ausbat, daß man nicht über ihn lache. Es lohnte sich also nicht der Mühe, ihm noch einmal hierauf die gehörige Antwort zu geben. Wir saßen in seiner Giebelstube am Tisch; die Wände und die schräge Decke waren dieselbe geblieben. Ich war wieder ein Knabe, ein Kind; im Grasgarten unter den Kirschbäumen trieben die anderen als Kinder ihr Spiel, und ihr helles Lachen und Jauchzen drang zu uns her; und — es war geblieben, wie es schon damals war: nur der Vetter Just achtete darauf in sich selber nach der richtigen Weise, wie ihm und der Welt ums Herz war.

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