Adelaide. (continued 3)
Reading edition
Theodor trat ein und unterbrach den Erzähler der Hochburgischen Geschlechts-Vorzeit mit der Frage: Ob Adelaide noch entschlossen sey, dem Leichnam diesen Abend selbst entgegen zu fahren, und wie sie den Zug geordnet wissen wolle?
Welcher Leichnam? fragte der Landrath.
Für den die Kirche, oder vielmehr die Todtenkapelle, dekoriert wird; antwortete mit heiterer Ruhe Adelaide. Die Ueberreste unsers guten Vaters, welche in der Georgkirche in der Residenz beigesetzt wurden, sollen nun hier in der Wallerseeschen Gruft ruhen, wo sich dann nach und nach seine Familie zu ihm gesellen wird.
Ei, ei! das war ein arger Mißverstand meiner Hoffnung! statt nahe geglaubter Hochzeit ein Leichencondukt! — Ich dachte wahrhaftig, die gütige Adelaide hätte uns Vätern und auch dem schmachtenden Bräutigam die Freude machen und den Termin abkürzen wollen.
Ich darf, ich vermag es nicht — klagte diese mit bittender Stimme um Entschuldigung.
Am Ende erlebe ich es nicht einmal —
Wenn Karoline und Theodor nicht ihren Eigensinn behaupten wollten, künftige Woche schon übernähmen Sie die Offices des Brautvaters am Ehrentage der geliebten Tochter. Die Anstalten sind bald getroffen.
Nein, das ist nichts. Da haben die Menschen recht. Beide Vermählungen auf einen Tag, und sollten Theodor und Karoline bis zum nächsten Schaltjahre warten, wiewohl wir erst vor sieben Monathen den 29sten Februar geschrieben haben.
Julius und Theodor stießen ein gemeinschaftliches: das wäre zu arg! ein heilloser Termin! in auffahrender Bewegung aus.
Es bleibe beim zweiten Januar Anni futuri. Ein lieber Tag von guter Vorbedeutung, als Geburtstag der Gräfin Mutter, und der zwanzigjährigen Feier meiner glücklichen zufriednen Ehe! versicherte besänftigt der Landrath. — Wir Alten werden ja wohl nicht ungeduldiger seyn, als die jungen Verliebten.
Schüchtern nahte sich der kleine Harry, leise flüsterte er: In der Antichamber erwartet man Ew. Durchlaucht Befehl.
In ein dumpfes Hinbrüten versunken stand der Erbprinz am Fenster und starrte in den blauen Aether, ohne zu wissen was er sah, und warum er ihn begaffte, ohne zu hören was sein Liebling, Bettys Bruder mit ungewöhnlicher Furchtsamkeit meldete. Vernehmlich begann dieser: Der Oberjägermeister wünscht vorgelassen zu werden!
Wer? — fuhr der Gedankenlose auf.
Graf Bendheim, Excellenz —
Ha, des Teufels Allervortrefflichster! — er und seine ganze Raçe.
Die Jagd versammelt sich.
Das ist so sein Element. Familienglück, Ruhe der Herzen wie ein Volk Rebhühner aufzuscheuchen. Die Forderungen besserer Menschen, welche die Seligkeit einer Generation mit in sich faßten, in den Schlund der Vernichtung zu hetzen.
Durchlaucht dürfen ja nur die Jagd absagen.
Darf ich das? — O mein guter Hall! da hilft kein Absagen mehr; auf was dieser Jagdlustige seine Hunde dressirt hat, das muß fallen und bluten. — Ist meine Schwester noch von der Parthie? —
Der Stallmeister hat Befehl erhalten, den Goldfuchs für Ihro Durchlaucht satteln zu lassen.
Oeffne die Thüren.
Harry gab das Signal — Die Flügel sprangen auf, das versammelte Jagd-Departement schritt in tiefer Unterthänigkeit in das Audienzzimmer, und bildete einen halben Zirkel am Eingang desselben. Der Oberjägermeister näherte sich dem Prinzen. „Durchlaucht, der Fürst haben diese Nacht erträglich geruhet“, meldete er in Devotion.
Davon habe ich mich schon unmittelbar bei meinem Vater selbst unterrichtet — war die Antwort.
Die Aerzte geben Hoffnung —
Fromme und böse Wünsche stimmen darüber überein, daß sie nicht vereitelt werden mögte!
Wie? den Bösen könnte es — meine ich unmaaßgeblich — wohl schwerlich Ernst seyn! —
Doch, doch! Herr Oberjägermeister! — der Fromme wünscht um des Guten selbst willen, daß ein edler Fürst der Menschheit noch erhalten werde — — doch zur Tagesordnung. —
Zu lieblich tönt die Suada der Weisheit von den Lippen eines solchen Thronfolgers! — Und der Gegensatz, mein gnädigster Prinz? — Die Bösen? — geruhen Sie erst huldreichst! Die Bösen? — —
Haben sich heuchelnd um den Stamm, der über ihren Schurkensinn erhabenen, und deswegen ihn nicht ahndenden Eiche zu schmiegen verstanden — Gewohnheit lehrte sie die armen Schächer ertragen, Großmuth, kleine Dienste für Opfer zu halten; Eigenliebe, von der der größte Mensch nicht gänzlich frei ist, seine Schmeichelei unter dem Anstrich treuherziger Gutmüthigkeit für — den guten Fürsten gewidmete Ergebenheit des Biedermanns zu nehmen, und — fürstlich zu belohnen! — Was giebt’s?
Der Halbzirkel theilte sich in zwei Reihen; im lieblichen Schimmer wie Diana, wenn sie als Anführerin der Musen und Grazien nach Delphi zu dem Sitz ihres Bruders eilte, und den goldnen Bogen nur als Attribut ihrer Herrschaft über die Thiere des Waldes spielend mit sich führt, schwebte jetzt Prinzessin Mathilde herein. Einfach, aber reizend geschmückt, drohte die schöne Jägerin nicht sowohl dem vierfüßigen Wilde, als den Herzen ihres Gefolges mit einer starken Niederlage. — Morgenroth glühte auf ihren Wangen, außerordentliche Lebhaftigkeit erhöheten den Glanz der dunkelblauen Augen, und — indem sie die blonden Locken mit schneller Bewegung der Despotie des plümirten Kastors entledigte, rollten diese auf den Brabanter Geweben, durch welche der Schwanenbusen sein stürmisches Wogen verrieth, und auf dem dunkelgrünen Reitkleide sich zu Fesseln für jeden kühnen Spötter der Liebe; denn er sah Mathilden jetzt in ihrer verführerischen Liebenswürdigkeit und — spottete nicht mehr.
Mit der Würde eines sechzehnjährigen Martissohnes, schwang sie den Hut, daß die blendende Esprit einen Luftzug verursachte. Guten Morgen, meine Herren und wackern Jagdgesellen! sagte sie launig, und schlüpfte durch die bis zur Erde gebückten, und lüstern in die Höhe nach ihr blinzelnden Reihen der Höflinge. — Guten Morgen, mein Louis! lispelte sie an der Brust ihrer Bruders.
So früh entzogst du dich wirklich schon den Armen des Schlafes, und den geschäftigen Händen der Zofen? — bewillkommte liebkosend der Prinz die holde Schwester, und tändelte mit der neidischen Locke, die den Schnee der sanftgewölbten Stirn umschattete.
„Ich habe wenig oder gar nicht geschlafen!“
Was hielt dich wach?
„Staatsgeschäfte meines Boudoirs, Korrespondenzen. Du weißt, mein bester Sekretair bin ich selbst.“
Depeschen der Großherzogin?
„Herzensergießungen nach Wallersee.“
Dann mißbrauchst du dein Herz.
„Nein, Louis! nein. — Mit deiner Erlaubniß, mon frère! — Meine Herren, wir folgen Ihnen sogleich.“
Die überflüßigen Zuhörer entfernten sich.
„Ich bitte dich, sey nicht ungerecht!“ flehte Mathilde.
Hat Kamillo der Gebrechlichkeit des Weibersinns abermals einen Nimbus zu geben gewußt? Denn die gepriesene Heldin Adelaide wäre doch wohl zu stolz, sich rechtfertigen zu wollen?
Sie ist zu groß — —
Ah, da höre ich ihren Vergötterer Zynthio!
Ich sage, sie ist zu groß, ihr Resignation in Anschlag zu bringen! — Vermagst du zu bestimmen, wie hoch ihr das Opfer anzurechnen sey?
Der Prinz lachte bitter.
Wahrlich, was Adelaide that, erkennt sogar der Fürst als etwas großes! —
Nun so staune denn noch die Nachwelt die Seelengröße eines Weibes an, das sich geneigt fand, in den Armen eines jungen hübschen Mannes, der ihr Liebe einflößte und ihre Menschheit in Wallung bringt — eines Herzens zu spotten, das sich für sie verblutet, Thron und Leben mit ihr getheilt hätte, eine Venus Urania mit Minervens Weisheit begabt, in ihr anbetete. — O, ich Thor! der bei der Berührung ihrer Fingerspitzen sich zu einem Gott erhoben fühlte! — Doch, vergolten soll ihr werden — ich will ihr einen Spiegel vorhalten, Worte ihr in’s Gewissen rufen, vor denen sie wie eine gemeine Sünderin erbleichen soll! — Geduld, wir sprechen uns.
Um Gottes willen! was wolltest du?
Der Einladung gehorchen, die das Mädchen von Wort an mich ergehen ließ. Auf den achtzehnten November bin ich bestellt, sie in die Brautkammer zu begleiten. — Den zweiten Januar soll die berühmte Vermählung seyn? — Ich halte mich an die erste Verabredung. — Im Sarge, sagte sie. — Hahaha! — Einer Leiche ähnlich will ich dich schminken, Schauspielerin! — Jetzt fort zur Jagd. Der alte Hirschfänger Bendheim soll seine Freude an meiner Mordlust haben!
Im Hause des Landraths von Elfen wurden wieder einmal große Anstalten zu einem Banquet getroffen, desgleichen der sonst Ruhe und häusliche Bequemlichkeit liebende Hausherr sich nur selten zu Schulden kommen ließ. Für Tafelmusik war gesorgt, auch sollte ein lustiger Tanz die Gäste das Abschiednehmen vergessen, und — nicht wie man zu sagen pflegt in den Tag — sondern in die Nacht hineinleben und jubeln lassen. Adelaidens Nahme prangte im Blumengewinde über den Aufsatz der Tafel. Köche waren verschrieben worden — wiewohl unter vierzig der auserlesensten Speisen, welche selbst den Gaumen eines Domherrn gekitzelt hätten, die beliebten Klöße mit gebacknem Obst nicht fehlen durften, denen Adelaide einst huldigte. — Alles lebendige Wesen der Elfenschen Hausgenossen- und Dienerschaft drehte sich um die Achse des Strebens, das heutige Fest zu verherrlichen.
Anderthalb Stunden über Mittag waren verflossen, da erinnerte neckend Frau von Elfen ihren mit nochmaliger flüchtiger Revision der bereiteten Tafel beschäftigten Gatten — daß heut vor einem Jahre er gewaltig über das Verweilen der Wallerseeschen Damen geeifert, und sie fast aus Ungeduld wieder in die Residenz zurückgewünscht habe. Nun, da eine von ihnen sein Schooßkind geworden, mache er es wie alle schwache Väter, er übersehe mit freundlicher Geduld ein Vergehen des Lieblings, welches er an den weniger geliebten Kindern mit Strenge rügen würde.
Länger halte ich es auch wirklich nicht aus — sagte von Sorge ergriffen der Landrath. — Ich reite ihnen entgegen, die schon anwesende Gesellschaft mag mich entschuldigen! — es muß etwas vorgefallen seyn; sie versprachen mit Hand und Mund sich pünktlich um zwölf Uhr einzustellen. — Sieh, was ist das? Julius sprengt in den Hof, als wenn ein Heer Kosacken hinter ihm drein jagte. Er ist todtenblaß — Großer Gott! —
Er eilte dem Grafen entgegen. Um Gottes willen! — schrie dieser. Onkel! schicken Sie nach dem Arzt, nach unserm geschickten Weidenbach; fort, fort — Ihre Jagdkalesche — was die Pferde laufen können!
Weidenbach ist hier, der befindet sich schon unter den angekommenen Gästen. —
O, Gott sey Dank! —
Aber warum? — Wer? — Wo sind die Andern? —
Ich sehe gleich wieder, wo sie bleiben. Adelaide — starke Ohnmachten befielen sie, als wir schon über den halben Weg hierher zurückgelegt hatten. Langsam muß gefahren werden, jede schnelle Bewegung ist ihr empfindlich, und führt eine neue Ohnmacht herbei.
In demselben Augenblick fuhr eine unbesetzte Extrapost den Schloßhof vorbei. Halt, Schwager! — rief der Landrath, du kannst einen Dukaten verdienen. —
Er ließ dem Doktor kaum so viel Zeit, sich seines Hutes nebst der Hausapotheke der Frau von Elfen zu bemächtigen, riß ihn in die Postchaise — Julius war schon wieder vorausgesprengt — und schrie dem Postillon zu: die Straße nach Wallersee, auf dem halben Wege finden wir sie. Fahr, was deine Mähren aushalten, sie sollen nachher ein Futter bekommen, daß sie auf zwei Tage genug haben; und du sollst leben wie auf der Hochzeit zu Kanaan. Nur tummle dich! —
In acht Minuten hatten sie den langsamen Zug erreicht.
Nicht wahr — fragte mit matter nur mühsam gehobener Stimme Adelaide — nicht wahr, Vater Elfen! Ihr Neffe hat Sie unnöthig erschreckt? — O, das ist ein verzagter Ritter! — ich glaube eine Aderlaß zöge ihm selbst eine Ohnmacht zu.
Nun, liebes Herzenskind! ich will gern den blinden Schrecken hinnehmen, wenn nur die Wahrheit nicht wie ein hinkender Bote nachkommt. — Was meinen Sie, Doktor?
Mein Himmel! wir werden doch nicht hier ein Feldlazareth aufschlagen? — Sie haben lange genug auf uns gewartet. Lassen Sie uns machen, daß wir an Ort und Stelle, und — zur Tafel kommen.
So treibt sie es immer, sagte der Landrath, indem er sich wieder mit dem Aeskulap in den gebrechlichen Phaeton des Postmeisters setzte. Alles fürchtet, sie schwebe über dem Grabe, und lachend versichert sie, munterer als je, nehme sie es mit der Gesundheit selbst auf.
Karoline, welche seit einigen Wochen wieder in das väterliche Haus zurückgekehrt war, um sich zur künftigen Hausfrau unter der Anführung der wirthlichen verständigen Mutter vorzubereiten, und die reichliche Ausstattung selbst mit ordnen zu helfen — bebte erschrocken zurück, als sie die Schwester ihres Geliebten umarmen wollte. „Adelaide! du bist kränker, als du scheinen willst; jetzt kenne ich dich; mich täuschest du nicht!“
Würde ich gekommen seyn, wenn der Zufall von Bedeutung wäre? fragte diese.
„Du wolltest meinen Eltern die Freude nicht verderben, und trautest deinen Kräften zu viel.“
Liebst du mich, so beunruhige die Andern nicht mit deinem Argwohn! — Auf mein Wort, das dir doch sonst etwas galt, mir ist jetzt wieder sehr leicht und wohl.
Doch mußte Adelaide dem besorgten Alten sich fügen, und von des Doktors Hand einige Tropfen Herzstärkung nehmen, auch bei der Tafel in dessen Nähe und Aufsicht bleiben. Die Patientin scherzte über alle diese ängstlichen Aufpasser. Ha! Herr von Elfen! rief sie aus — als jene berühmte pommersche Hausmannskost aufgesetzt wurde — wo ist Ihr Glaube an Mutter Natur geblieben? — Wer empfahl mir bei Gelegenheit dieses Lieblingsgerichts, der medizinischen Vorsorge zu spotten?
Das war heut ein Jahr. — O der Tag ist Ihren Freunden zu merkwürdig, darum wollten wir ihn in Freude verleben!
So verschmähen Sie mein Scherflein nicht; ich bin physisch und geistig zu gleichem Genuß gestimmt. Entscheiden Sie, Herr Doktor! — Ich behaupte: wessen Constitution noch an dieser Würze des Lebens Geschmack findet, bedarf keiner weitern Arznei.
Man widersprach der liebenswürdigen Sophistin nicht länger; ihre Munterkeit that der Gesellschaft wohl. Aber bange Besorgniß quälte doch einen Theil derselben, die Adelaiden zu innig liebten, um nicht mit Schrecken bemerkt zu haben, daß Doktor Waidenbach verschiedenemal bedenklich, doch, wie er meinte, unbeobachtet den Kopf geschüttelt hatte.
Eben wollte er, dem der kleine hochrothe Fleck auf Adelaidens Wangen, das unstäte oft wechselnde Schlagen der Halspulse — endlich die variierende Stimme, und andere ihm auffallende Symptome nicht entgangen waren — nach aufgehobner Tafel, den ihm vielleicht mehreres Licht gebenkönnenden Zynthio ins Verhör nehmen; da stand auch schon der Landrath, als der dritte dieses Conciliums zwischen ihnen, und faßte Beide an die Klappen ihrer Fraks, zum Zeichen: daß sie ihm jetzt Rede stehen müßten.
Was meint ihr, Doktor? — Was haltet ihr von dem Zustand der jungen Gräfin? —
Ich vermag noch nicht zu beurtheilen, ob es eine vorübergehende Unpäßlichkeit ist, oder ob eine frühere Ursach der allerdings schwachen Gesundheit der Gräfin, die heutigen Zufälle zur Folge hat.
Freund Camillo! — Sie sind ihr täglicher Gesellschafter; aufmerksamer als ihre eignen, beobachten Sie die Athemzüge des lieben Mädchens. Sie verstehen jede ihrer Gemüthsbewegungen — Sagen Sie aufrichtig: was steht zu hoffen? woher die Verschlimmerung ihres Befindens? Den Sommer über schien sie sich völlig restituirt zu haben.
Sie schien es — seufzte Zynthio.
Was sagen eure Consulenten?
Wir haben keine. Die Aerzte haben die Gräfin, und diese die Aerzte aufgegeben.
Das ist Eigensinn! Zwar rieth ich ihr selbst einst dazu — aber wenn das Uebel nicht zu heben war —
Verzeihen Sie, fragte der Dokter — welches Uebel? —
O, sagte Zynthio — die Krankheitsgeschichte ist, wiewohl schon anderthalb Jahre alt, dennoch kurz und einfach. —
Er erzählte nun die Begebenheit jener furchtbaren Nacht, die Adelaide mit Mathilden in der fürstlichen Gruft, dann im kalten tiefen Wasser des Walles gefeyert hatte; welche Folgen dies für ihren zarten Körper gehabt, und daß endlich eine Geisteskraft, die man nur bewundern, aber nicht fassen könne — eine Selbstverläugnung und Standhaftigkeit, die Verachtung physischer Uebel, so fern es sie nur allein beträfe, nach sich gezogen hätte. Sie würde — so schloß er seinen Bericht — ruhig wie Sokrates, den Giftbecher leeren, wenn sie Anderer Wohl dadurch gründete. — Ohne Leidenschaft handelt sie groß und schnell, unter der Maske eines gewöhnlichen nichts tendirenden Mädchens; ohne prunkende Schwärmerey opfert sie sich selbst, ihre schönsten gerechtesten Ansprüche, und niemand ahndet, daß sie ein Opfer brachte! — So beherrscht ihr edler Feuergeist — indem er sich der Vollkommenheit eines Seraphs schon gleich geschwungen hat — diesen schwachen — durch die erwähnte Lebensgefahr ohnehin erschütterten Körper —
Und wird ihn aufreiben? wie? — fragte stürmisch der Landrath.
Neue angenehme Verhältnisse können vielleicht das Ganze wieder in einiges Gleichgewicht setzen; meinte Weidenbach. — Wenn es darauf ankommt, ihre physische Erhaltung zur Bedingung des Glückes eines ihr theuren Gegenstandes zu machen, sollte da Graf Hochburg nicht diesen Gleichmuth, diesen Stoizism’ mit Erfolg befehden können? Liebe leitete doch ihre Wahl —
Ich — hoffe nichts mehr! — preßte dumpf der Sicilianer aus der Brust hervor, welche der Zweifel mancherlei verschloß.
Der Doktor schien diese Zweifel zu ahnden, er glaubte, in jenen Worten liege mehr, als Zynthio gesagt haben wollte. — Wenn die Gräfin denn nie von einer Leidenschaft überrascht wird — warf er ihm ein, so bleibt freilich auch die Liebe der kältern Vernunft untergeordnet.
Wahr! in gewisser Hinsicht sehr wahr! erwiederte Zynthio — nur nicht jener kalten fühllosen Vernunft. Adelaidens Herz klopft leise, aber glauben Sie mir, es verzehrt sich in seinem eignen Feuer.
Herr! sagte der Landrath, alle diese Phrasen verstehe ich nicht. Ein Herz, das seinen Gegenstand gewählt, mit Ehren und Vernunft gewählt hat, darf laut klopfen, und somit seinem Feuer Luft machen, daß es innerlich nicht um sich greift und die Lebenslust erstickt.
Der Arzt, welcher auch jetzt wieder weiter sah, als der ehrliche Elfen, und eben so wohl merkte, daß Aufklärung in dieser Minute hier nicht am rechten Orte sey, wandte ein: daß Camillos Aeußerung sich gar wohl mit des Landraths Meinung vereinigen ließe. Die zarteren Gefühle der Comtesse — von jeher gewöhnt, sich der Kritik der strengen Vernunft, den Gesetzen excentrischer Tugend zu unterwerfen, haben folglich das Herz des seltnen Mädchens stillschweigend zum leidenden Theile gemacht; und je weicher das so genannte moralische Individuum sey, je nachgebender werde es gegen die anerkannte Consequenz der auf festen Grundsätzen beruhenden Richter seyn.
Doktor! — so gelehrt oder so handgreiflich Ihr mir auch das alles anatomirt — so sehe ich noch immer nicht ein, woran wir mit dem Mädchen sind. Behaltet Eure psychologische und philosophische Abhandlungen, und sagt mir: was steht noch zu hoffen? was ist eigentlich noch zu thun, daß sie uns nicht, ehe wir’s uns versehen, verlösche wie ein Licht?
Dazu gehört längere, ungestörtere Beobachtung ihres Temperaments und der noch vorhandenen Lebenskräfte. Sagen Sie mir, mein Herr! womit beschäftiget sich die Gräfin meistentheils? —
Sie schreibt, sie ordnet viel.
Mit Lebhaftigkeit und Zuziehung ihrer Freunde und Verwandten?
Einsam und verschlossen. Mehrentheils widmet sie jetzt die Stunden der Nacht ihrem Schreibpult.
Das soll sie bleiben lassen! lärmte der Landrath.
Sie will nicht gern Personen, die sie lieben, und ihre Gegenwart wünschen, vernachläßigen.
Was sie zu ordnen hat, eilt nicht — polterte noch immer Vater Elfen — Ich kann es mir so ungefähr denken.
Den 18ten kommenden Monaths wird sie nach dem ausdrücklichen Willen des verstorbenen Graf von Wallersee, für mündig erklärt, und bis zu diesem Tage — behauptet die Rastlose — alles in’s Reine gebracht haben zu müssen.
Eigensinn! wird sie dann auch majoren, so gelten ihre Verfügungen erst von dem Tage an.
Sie ist verlobt; und eine eigne Klausel des Testaments berechtigt sie als Verlobte, auch noch vor Beschluss des achtzehnten Jahres über ihr Vermögen zu schalten.
Also Ehepakten und Auseinandersetzungen des bis dato noch gemeinschaftlichen Vermögens unter den Geschwistern beschäftigen dermahlen die Gräfin? — fragte der Doktor. — Nun das wäre wenigstens keine Trauer verkündende Anordnung.
Ich weiß es nicht! — erwiederte Zynthio mit Achselzucken.
Adelaide schlich hinzu, pathetisch nahm sie das Wort: Und sie hielten einen Rath — ob es der dem Arzt Ueberantworteten anstehe, dem Herrn des Hauses zu einer Ehrenmenuet aufzufordern, und ob es ihm gezieme, ihr diese Lust zu versagen? —
Nun da ziehe einer einen vernünftigen Schluß! rief erfreut der Aufgefoderte — da sollte man denken, wer tanzen will, hofft und begehrt auch noch recht lange auf diesem Erdenrund zu tanzen, und das Leben zu genießen. Kommen Sie, kommen Sie, liebes theures Kind! — Aufgepasst, Neffe! — Die Geiger und Pfeiffer sollen beginnen. Seine Braut will mit mir, und nicht mit ihm den Ball eröffnen. —
Zynthio und der Doktor blieben noch zurück. Letzterer unterbrach das minutenlange Stillschweigen; Ich glaube Sie hin und wieder verstanden zu haben, und fürchte — man würde einen sehr trüglichen Schluß ziehen, wenn man diese angebliche Lust zu tanzen nach unsern Wünschen auslegen wollte.
Ein bedeutender Händedruck war dessen stumme Antwort.
Ein pensionirter Oberster rief seinen Pythias Weidenbach um L’Hombretisch; und Zynthio verlor sich unter das lustige Gewühl im Tanzsaal — nicht um mit den Fröhlichen fröhlich zu seyn, sondern um zu sehen, wie die Ehrenmenuet ablaufen werde, die ihm jetzt so etwas ähnliches von einem Todtentanz zu haben dünkte.
Mit jedem Sonnenuntergang neigte sich das Haupt der Lilie ermüdeter und näher der Nacht des Grabes entgegen; mit jedem Aufgang sproßten neue Blüthen zum jungfräulichen Kranz, welcher bald die kalte Stirn der mit dem Tode vermählten Braut schmücken sollte. Mit Schillers Flüchtling konnte sie ausrufen:
Steig empor, o Morgenroth, und röthe Mit purpurnem Kusse Hain und Feld, Säusle nieder Abendroth und flöte Sanft in Schlummer die erstorbne Welt. Morgen — ach! du röthest Eine Todtenflur, Ach! und du, o Abendroth! umflötest Meinen langen Schlummer nur.
Heiter und warm war einer der ersten Novembertage; seit jenem Feste bei dem Landrath von Elfen hatte es Adelaide noch nicht wieder wagen dürfen, sich der rauhen Herbstluft auszusetzen —
Heut will ich Vater Elfen und Schwester Karolinen überraschen! — sagte sie, und bat das Anspannen zu bestellen.
Kind! ich begleite dich — versicherte bedächtig die Generalin. Ich hätte keinen ruhigen Augenblick zu Hause.
O, dann werden mir zwei Wünsche für einen gewährt! liebkoste ihr zärtlich die dankbare Tochter.
Ueberraschen werden wir sie freilich — meinte die Mutter — Theodor ritt schon diesen Morgen hinüber — melden konnte er uns nicht, denn er wußte von nichts. Wir überfallen sie beim Mittagstisch — denn jetzt müssen wir fahren; lange dürfen wir auch nicht ausbleiben: erstlich die Abendluft; dann kommt heute Graf Julius wieder. — Zwei, drei Stündchen sind bald verstrichen! — ermahnte die Besorgte noch, und trippelte, sich zu der Ausfarth anzuschicken.
Du leistest uns doch auch Gesellschaft, guter Zynthio? flötete ihm schmeichelnd die liebliche Freundin zu — Sieh, wenn du fein vernünftig seyn, und es dir nur allein gesagt seyn lassen willst, so wisse — daß ich wohl zum Letztenmal mit den Lebenden gemeinschaftliche Sache machen, und mit euch herumkutschiren werde! —
O Gott! — Wie lange war ich mit dieser Neuigkeit vertraut! — Ja, Adelaide! — längst riß sich schon die Hoffnung aus meiner Seele! — Sie haben mich ja Resignation gelehrt! —
Dank, feurigen Dank dir! edler, geliebter Bruder! — Wüßtest du, wie glücklich mich deine Fassung macht! Nun kann ich erst mit Sicherheit eine Last — ach eine sehr angenehme Last auf deine Schultern legen; dir ein Vertrauen gewähren, das du standhaft und doch mit theilnehmendem, fühlenden Herzen aufnehmen und seine Bedingungen erfüllen mußt! — Bald, bald sprechen wir deutlicher hierüber. O Zynthio! behalte diesen Muth bei! du wirst dann ein großes Verdienst um die Heiterkeit meiner letzten Stunden haben — Ich sage dir: dein Lohn wird in deiner Liebe zu mir liegen — denn du wirst erfahren, daß der Tod mir ein beneidenswerthes Geschenk war!
Und ich soll dieser Wohlthat nicht theilhaftig zu werden wünschen? —
Nein, Zynthio, nein! Dein Leben sey dir heilig! — Sey mir das, was ich einst meinem Vater war; mein letzter Wille hat große Forderungen an dich — wem könnte ich sie anvertrauen, als dir! —
Das war ein großes Wort! von Adelaiden gesprochen, ein großes Wort! — Wohl, ich will und werde dies Vertrauen rechtfertigen!
Gott Lob! wir sind einig. — Man kommt, nichts mehr von meiner nahen freundlichen Aussicht! — nicht alle sehen mit unsern Augen.
Georg kam zu melden, daß vorgefahren sey. Die Generalin folgte ihm reisefertig. Betty brachte ihrer Gräfin den Mantel, Schleier und Handschuh.
Maman! bat Adelaide — lassen Sie uns die kleine Närrin mitnehmen! — Sie trennt sich so ungern von mir, ihrer Lehrerin im Sticken, und von ihrem Musikmeister Signor Camillo. — Sie erlauben doch?
Wie du fragen kannst! —
Betty hüpfte für Freuden. — „Daß du mir aber auch den weißen Rosenstock pflegst! — ich sage dir, zu meinem Geburtstag muß er blühen, und du mich mit seinen Erstlingen schmücken. — Mein Kunstgärtner Camillo lasse diese Rosen sich gleichfalls empfohlen seyn! bat mit Engelsgüte die holde Dulderin, und wankte langsam an den Wagen.“
Sie sprach wahr; zum letzten Mal sah sie Wald, Wiesen und Thal. Das fallende Laub gab ihr ein freundliches Bild ihres nahem Dahinsinkens; das allmählige Entschlaffen der sich entkleidenden Natur einen süßen Vorgeschmack ihres Schlummers im Grabe. — Sie fuhren durch eine Lindenallee; die Sonne stand im Mittag, ihre senkrechten Strahlen brachen sich auf den gelblichrothen Lindenblättern, und warfen den matten Wiederschein auf Adelaidens blasses Gesicht. In seligem Entzücken wandte sie das seelenvolle Auge zu dem reinen Aether, über den sich bald ihr Geist zu schwingen hoffte. — So dachte sich der sie anstaunende Zynthio den Engel der Auferstehung, welcher die Gräber der Gerechten öffnet, ohne sein Antlitz von der ihm geliebten Heimath zu wenden, wohin er — sobald der Zweck seiner Sendung vollbracht, zurückzukehren sich sehnet. Selbst Betty wurde von diesem Anblick ergriffen; begeistert rief sie aus:
Erscheinet mir einst so mein Engel, Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn; So winke mir der Todesengel, und freudig werd’ ich mit ihm gehn.
Würdest du, liebe Kleine? sagte überrascht Camillo. Nimm dafür den Bruderkuß. — Aber dieser Engel wird uns nicht winken, mit ihm zu gehn! —
Adelaidens Blick fiel unzufrieden auf den Unbesonnenen, denn sie sah, daß der Sinn dieser Worte den Jammer der Mutter aufregte. „Daß Betty doch so leicht schwärmt und Zynthio so gern ein solches Thema applaudirt! Ohne den Sicilianer würde die Phantasie der Brittin im ruhigern Gleise geblieben seyn!“ — klagte die Holde.
Kind, laß sie! unterbrach die Generalin ihre Tochter. Wohl ihnen! ihre Phantasie erhält ihren Muth, wo mir das Herz brechen wird. — Wie Gott will! Lange werde ich mein Unglück nicht beweinen!
Wo ist Karoline? fragte Adelaide, als sie zur Heimkehr aufbrechen wollten — daß ich ihr gute Nacht wünsche.
Sie schnürt ihr Bündel — antwortete der Landrath — und geht mit nach Wallersee.
Die Freude dank ich dir, Theodor!
Ach mir macht die Ursach wenig Freude; versicherte dieser.
Ja wahrlich — nahm der Erste wieder das Wort — wer könnte sich jetzt freuen: — Gutes, liebes Kind! — werden Sie dieses Haus, wo wir alle Ihnen mit Liebe entgegen kamen, wohl wieder betreten? — und wann? — Karoline erwählt das beste Theil. Sie will sich lieber vors erste gar nicht mehr von Ihnen trennen. — Aber das können wir Alten nicht; Nun, wir haben einen guten Bothschafter an unsrer Tochter; — Nachricht von Ihrem Befinden soll und täglich zweimal werden.
Will man mich denn hier nicht wiedersehen? — scherzte Adelaide, ihre Wehmuth ziemlich mühsam verbergend — Es wird Ihnen nicht gelingen; ich dränge mich ein — und verschließt man mir die Thüren, so erscheine ich als Geist.
Als Geist! — wiederholte tief bewegt Vater Elfen — als er die langsam dahinrollende Equipage endlich aus den Augen verlor, und eben so langsam in das Zimmer zurückschlich.
Das sollte uns der gütige Gott nicht erleben lassen! — klagte weinend dessen Gattin.
Uns nicht erleben lassen? — Ach, ich möchte nur den lieben Gott zu erwägen bitten: daß ein junges Blut, wie unser Julius, wohl schwerlich für die Zukunft an sein Güte glauben würde — denn um dessen gesunden Verstand steht es dann so und so! —
Das Grab ist nicht tief, es ist der leuchtende Fußtritt eines Engels, der uns sucht. Wenn die unbekannte Hand den letzten Pfeil an des Menschen Haupt sendet, so beugt er vorher das Haupt, und der Pfeil hebt blos die Dornenkrone von seinen Wunden ab.
Jean Paul.
Karoline schrieb ihren Eltern: Nachdem Sie uns gestern verlassen hatten, vermehrte sich die Fieberhitze unsrer theuren Kranken. Ihre Gedanken verwirrten sich; die Brust arbeitete ängstlich — jede Nerve zuckte; wir all vergingen vor Jammer! — Doch tröstete uns Doktor Weidenbach mit der Versicherung, daß die Leidende selbst wenig empfinde, und ihr Nervensystem zu schwach sey, um bey diesem convulsivischen Bewegungen sich anders als leidend zu verhalten. Je weniger Widerstand die Natur leiste, je geringer wäre das Gefühl. — Gegen Mitternacht wurde sie ruhiger. Ach! — ein Nervenschlag hatte die Krisis entschieden. Abwechselnd mit Schlafen und Wachen hat sie diesen Morgen hingebracht; auch wir sollen uns durch einige Stunden Schlaf zu erholen suchen! dies war ihre dringendste Bitte, und wir müssen wenigstens scheinbar ihrem Willen nachkommen.
Ich verließ sie, um Ihnen, theure Eltern zu melden, wie es hier mit uns steht. Julius liegt in dumpfer Verzweiflung vor Adelaidens Bildniß in der Gallerie. — So eben trägt man ihn außer sich in Theodors Zimmer auf ein Bett; Theodor bedarf selbst des Trostes und soll meinen unglücklichen Vetter zur Vernunft bringen! — Eine Wohlthat war es, daß Sie Doktor Weidenbach zu uns brachten. Adelaide sagt: es ist mir lieb, meiner Mutter wegen! sie wir seiner bedürfen. — Ja wohl, der Zustand der alten Gräfin kann bedenklich genug werden! meint selbst Weidenbach; er fürchtet für ihren Verstand. Sie hatte gehört, daß er zu Camillo gesagt: kaum könne Adelaide noch vier und zwanzig Stunden leben, und seitdem scheint sich ihre Vernunft verwirrt zu haben; bald weint, bald lacht sie; bald fragt sie: ob Adelaide aus der fürstlichen Gruft schon glücklich herausgekommen — bald ob ihre Tochter schon als Braut geschmückt sey, und zur Trauung gehen werde? — Man läßt sie nicht ins Krankenzimmer; auch hat sie heut dahin noch nicht verlangt. — Sie wird mich schon rufen; sagte sie vor einer Stunde — ich kenne meine Tochter: sie überrascht mich gern; ich muß ihr die Freude nicht verderben!
Zynthio! du darfst jetzt nicht schlafen, — säuselte Adelaidens Stimme, dem leisen Ton der Aeolsharfe gleich — O, ich weiß wohl, du könntest auch nicht! — Laß mich erst zur Ruhe seyn, dann soll und wird sie dir auch wieder werden. — Ewiges, allgütiges Wesen! wie dank ich dir, daß ich einen so leichten Kampf zu überwinden gehabt, — daß du mich in der letzten Stunde noch mit solcher Kraft ausgerüstet! — denn noch ist mein Tagewerk nicht vollendet. — Zynthio, hast du die Papiere gelesen, welche ich dir diese Nacht übergab? — Es geschah nicht mehr in der Fieberhitze, als ich sie dir empfahl.
Ich habe sie gelesen.
So ist dir meine und deine Schwester nicht mehr fremd, Seraphine! — Jetzt klage ich nicht mehr, daß ich hienieden mich ihrer nicht freuen durfte; es war zärtliche Schonung in dem väterlichen Befehl: die mir anvertrauten Schriften früher nicht zu eröffnen, als in der vor einigen Wochen eingetretenen Epoche; entweder ich sollte verlobt, oder auf dem Wege zur Gruft seyn, beide Fälle berechtigten mich seit mehreren Monaten dazu — und ich entdecke eine Schwester, in derselben Minute, da ich sie auch schon wieder aufgeben muß. — Hätte ich leben sollen — diesmal würde mich Entsagung geschmerzt haben. — In der Disposition über das Vermögen meines Vaters habe ich mich auch in Betreff Seraphinens ganz nach seiner Vorschrift gerichtet. — Dein Erbtheil, das ich einstweilen verwaltete — —
Mein Erbtheil? — Wenn ich die Beweise der Großmuth des Generals so nennen darf, wurden mir schon nach dessen Tode übergeben; ich hätte es nicht bedurft.
Widerstrebe mir nicht in Kleinigkeiten! doch erst noch von anderen Dingen; jenes ist ohnedies schon in Ordnung und unumstößlich. Der Landrath von Elfen wird der Vollstrecker meines Testaments seyn. Ihn habe ich in einer versiegelten Schrift, welche man in meinem Schreibpult finden wird, dazu ernannt. —
Ha, Vater Elfen! dies waren die Ehepakten? Armer Mann! auch deine Augen lernen noch Thränen kennen! Wohl dir! Ich werde nicht weinen können —
Denn du wirst handeln müssen. Denke meiner Forderungen an dich, und deines Versprechens!
Wohl, wohl!
— Graf Bendheim hatte meines Vaters theuerstes und schmerzlichstes Geheimniß erschlichen. Nach Eröffnung der Papiere ward es mir deutlich, was seine Drohungen, seine Reise nach Italien sagen wollten. — Der Erbprinz hat viel gethan, seine feindlichen Absichten gegen uns zu vereiteln. — Du begreifst leicht, daß mein edler Vater die Ruhe meiner Mutter nicht vergiftet haben wollte — auch wirst du in dem Aufsatz der nicht minder edlen Giuliana dich unterrichtet haben, daß es die einzige Bedingung ihres Friedens in der Ewigkeit sey, seine Gemahlin nie etwas von dieser Begebenheit — auch nur ahnden zu lassen. O wie freue ich mich des Augenblicks, wo ich dem reinen Engel für diese zarte Tugend mit dem Troste lohnen kann: ihr Friede sey und werde nicht gestört.
Mutter! Adelaide läßt mich bei Euch wohnen! rief Zynthio, und sank auf seine Knie.
Und Seraphine? fiel Adelaide ein. — Erfülle erst die Pflichten des Bruders, werde erst Gatte und Vater!
Zynthio schauderte. — Das Letztere nimmermehr! — Verhältnisse dieser Art haben keinen Reiz für mich.
Werde Gatte und Vater! Verfehle nicht die Bestimmung des nützlichen-redlichen Weltbürgers! Laß tragische Schwärmerei dich nicht zum seelenkranken Weichling machen. — Mein Andenken wird dir werth, ja ich hoffe, unvergeßlich seyn. Denke meiner wie einer geliebten Schwester, und sprich oft von mir mit unsrer Seraphine! — ich werde Euch nicht seltner im Hauch reiner geistiger Liebe begrüßen — einst sehen wir uns alle wieder.
Adelaide! — O Gott! Gott! — gieb mir Fassung! —
Höre mich aus. Möchte meine Stimme nicht früher sinken, als meine Seele sich ausgesprochen hat! — manches habe ich dir noch zu sagen. — Bist du gefaßt? —
Rede! rede! — ich höre den Worten eines Engels!
Doch wardst du vor einiger Zeit an mir irre! —
Dann verzeihe mir Gott diese Lästerung!
Ich verlobte mich einem Manne — die Braut des Grabes schien ihren Weg verfehlen zu wollen! — Graf Hochburg möge mir verzeihen, an ihm ward ich zur Verrätherin! — der Stunde meines Todes fast gewiß, durfte ich nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen. Nie das Weib eines Mannes zu werden, gelobte ich meinem Herzen! — Liebe konnte ich keinem mehr geben! —
O Adelaide, an der Pforte der Ewigkeit darf Wahrheit sprechen. — Sie liebten, liebten den edelsten der Menschen —
Ich liebte, liebte den edelsten der Menschen! — Aber er ist Fürst. Ich habe gekämpft und den Sieg errungen.
Und die Siegerin verblutet an ihren Wunden! ihren Sarg zu schmücken, sammelte sie die Trophäen. —
Dort, dort blühen sie schöner und wehen mir sanfte Kühlung entgegen! — Die Beharrlichkeit des Prinzen, rechtfertigte die Täuschung. — Sobald er mich verlobt wußte, ergab er sich dem Willen seines Vaters — so schwor er. — Der Hof, mit dem er in Verbindung treten sollte, fand sich durch den Aufzug beleidigt! — Der Fürst verzweifelte, Verdruß, Gram, brachten sein Leben in tödliche Gefahr! — Schon schwebte der Fluch über den ungehorsamen Sohn auf seinen Lippen! — Das Uebrige weißt du — die gute Absicht entschuldige die Mittel! — Wem gehören diese Klagetöne? —
Es war Betty, welche verzweifelnd in das Nebenkabinet trat. Sie hatte so eben aus dem Munde des Doktors erfahren, daß Adelaide wahrscheinlich in wenigen Stunden nicht mehr seyn werde. Ihr folgte Georg, dessen Schmerz sich durch keinen Seufzer, keine Thräne Luft zu schaffen vermochte.
Sie sollen zu mir kommen, die Treuen! lispelte die schwächer Werdende. — Tritt näher, Betty! Deine Hand! dich übergebe ich diesem Freunde! — Sie legte die zitternde Rechte der Trostlosen in Zynthios noch stärker bebende Hände. — Folge ihn, wohin er dich führt; macht er dich nicht glücklich, so vergebe ihm Gott, daß er mich so zu täuschen vermogte!
Was soll ich thun? Ich gelobe und werde halten!
Werde Gatte und Vater! Dieß mein Vermächtniß. Daß ich deiner Neigung für die ruhigere Zukunft nicht wehgethan habe, lehrte mich längst dein Wohlwollen für meine Mündel. — Georg näher! Warum so finster? Gönne mir doch den freundlichen Uebergang in ein besseres Leben! Wie oft trugst du mich auf deinen Armen, wenn du glaubtest, Dornen könnten meinen Fuß verletzen, oder wenn du mich schwankend und leidend auf einem kurzen Wege dem Hinsinken nahe glaubtest!
Georg schwankte jetzt selbst, und war dem Sinken nahe.
Betty, reiche ihm einen Stuhl. Setze dich, Georg! Hierher! Näher. Ich kann so laut nicht mehr sprechen, und möchte doch gern von dir verstanden werden. — Kinder! soll Euch die Sterbende mit Muth unterstützen? Weil Ihr mich liebt, müßt Ihr standhaft seyn! — Georg, du warst nicht bestimmt, mir den Teller zu reichen, oder als Diener auf dem Wagen zu stehen. Deine Anhänglichkeit wollte es aber nicht anders; ich hab es gelitten, um dir nicht weh zu thun. Doch nun tritt der Fall anders ein: du mußt unabhängig seyn und leben können. Deine Uneigennützigkeit hat freilich schlecht für diesen Fall gesorgt; ich habe dies bemerkt, und es an deiner Statt gethan. — Du erinnertest dich öfters mit so warmem Gefühl der Schweiz und deines ersten Pflegevaters — er lebt noch — Wie würde er sich freuen, dich als den Eigenthümer eines artigen Gutes in seinem Canton zu wissen. Für das Kapital zu dem Ankauf ist gesorgt. Uebrigens begleitest du — sobald ihr mich zur Ruhe gebracht, deinen Freund Camillo — Ihn ruft eine wichtige Angelegenheit nach Italien — und Trennung von ihm — würde dir — doch schwer fallen — Ha! Gott sey Dank! — ich habe vollendet! — Finster wird’s — vor meinen Augen! — Wehe! — wohl! — Wo seyd Ihr? — die Kraft — verläßt — mich — ah! —
Mit einem Schrei sank Betty zu Boden. Zynthio rief halb sinnenlos: Adelaide! — Vergebens! sie hörte nichts mehr! — Georg hob sie mit convulsivischer Heftigkeit von dem Ruhebette auf, als wollte er sie dem Tode entreißen; umsonst! ohne ein Zeichen des Lebens sank sie wieder zurück — Adelaide war nicht mehr! —
Schon wallte der violette Sammet über die errichtete Trauerbühne; — „nur nicht in die Farbe der Verzweiflung, dem finstern Schwarz, kleidet einst die Umgebungen meines entseelten Körpers!“ hatte oftmals die Verblichene geflehet. — Das reichsgräfliche Wappen der Wallersee prangte, von Gold gestickt, auf den vier Ecken der mit reichen Franzen besetzten Drapperie. Auf weißen marmornen, mit Zypressen umwundnen Säulen ruhte die blendende Kuppel, in deren Mitte ein sanft strahlender Reverber das Castrum magisch beleuchtete. Schon schlummerte Adelaide auf balsamisch duftenden Polstern im einfachen Sarge von Mahagoni, welchen ein Sarkophag von Karrarischem Marmor umschließen sollte — und noch vertiefte der Arzt sich stundenlang in Betrachtung der Leblosen. Kein Mittel war unversucht geblieben, den theuren Leichnam wieder zu beleben, aber ohne Erfolg; man hätte Wunder erwarten müssen, um noch hoffen zu dürfen. Und doch schien sie nur zu schlafen. Kein Erstarren der gewöhnlichen Todeskälte; Lippen und Nägel im blassen Rosenschimmer; elastisch das Fleisch der Schwanenarme und des Busens; weich und gelockt das seidne Haar, auf dem ein Diadem von weißen Rosen, bescheiden wie die Bekränzte es war, die liebliche Stirn umduftete! — Ach! Betty erblickte mit mattgeweinten Augen den Rosenbaum, welcher heut am achtzehnten November seine aufgeblühten Erstlinge zum Schmuck für Adelaiden darbot. Mit wundgerungnen Händen brach sie die Lieblinge der schönsten, so früh gebrochnen Blume, und flocht sie — zum Todtenkranz! Ein kleiner Zweig, auf dem zwei nur halb entfaltete Knospen wie in unschuldiger Liebe vereinigte Zwillinge sich wiegten, bezeichneten die Stelle, wo noch vor wenig Tagen das tugendhafteste Herz in himmlischer Reinheit groß und edel schlug!
Wann soll sie beigesetzt werden? — fragte der Doktor.
Diese Nacht um zwölf Uhr, sagte Karoline.
In Gottes Namen dann — heut ist der dritte Tag. Fräulein; lassen Sie ihr die Zugpflaster von den Füßen nehmen. — Man will den Sarg auf die Bühne haben.
Was wollt ihr? frage Julius wild, als die Bedienten den Sarg anfaßten, zu dessem Haupt er auf einem Tabouret kniete, und das Gesicht in die weiß atlaßnen Kissen gedrückt hatte. — Ha! bahret nur auf, rief er, als er vernommen, was man zu thun Befehl erhalten — aber, mich laßt nicht zurück! Wo sie schläft, will ich auch bald schlafen! — Und wie ein Schlaftrunkner folgte er dem Sarge; auf den Stuffen der Schaffottage sank er wieder in seine vorige Stellung.
Das karge Licht des Novembertages war meist verloschen; trübe stürmische Dämmerung umflorte immer undurchdringlicher den Tempel der Trauer. — Die Klagenden seufzten leiser um Adelaiden, denn ein neuer Anblick des Jammers forderte ihre Theilnahme und ihre Fassungskraft; die unglückliche Mutter beschäftigte Arzt und Freunde. — Völliger Wahnsinn war eingetreten; eine fixirte Idee, Alexis und Adelaide warteten ihrer in der Kapelle, hatte sich der kranken Einbildung bemächtigt, gegen alle sie zurückhaltende Gewalt ihrer Wächter wollte sie aus dem Fenster springen, um auf dem kürzesten Wege dahin zu gelangen. — Man schien der verblichenen Tochter, über die ihr folgen wollende Mutter zu vergessen.
Nur Julius, Zynthio und Georg weilten jetzt bei dem geliebten Leichnam; Betty war entkräftet auf der Stuffe am Fuße des Sarges eingeschlummert. Noch hielt sie mit der Hand, auf welche der Amors-Kopf sich stützte, das weiße naß geweinte Tuch vor die geschloßnen Augen. — Zynthio, in die Arbeit vertieft, zum letzten Male die Züge der ihm nun bald auf immer entrissenen Schwester aufzufassen, und dem Elfenbein anzuvertrauen, wußte kaum, daß noch etwas außerdem sich in der Welt ereignen könnte. — Georg lehnte eben so sprachlos an eine der Marmorsäulen, den starren Blick auf Adelaidens himmlisches von oben herab sanft beleuchtetes Gesicht gerichtet.
Da schreckten Ausrufungen von fremden Stimmen die Träumenden aus ihrem Sinnenschlummer.
Allmächtiger Gott! meine Adelaide! rief eine schlanke weiße Gestalt, der Schleier flog zurück, und Prinzessin Mathilde warf sich laut weinend über die entschlafene Jugendfreundin.
So konnte das Verhängniß meiner spotten? — Ha, im Sarge! — Allweise Vorsehung, die Weissagungen einer schwachen Seele mußtest du wahr machen, um dich zu verherrlichen! — sagte bitter Mathildens Begleiter, der Erbprinz.
So kalt nimmst du den Kuß der treuen Schwester hin? — klagte Mathilde — o du Stolze! — mit dem Tode buhltest du, unserer vergessend; — nicht achtend, daß ohne dich die Welt uns eine Einöde ist! — Zynthio, Zynthio! warum ließest du sie sterben? —
Sterben? — Konnte sie etwas bessers thun? — unterbrach sie in grollender Verzweiflung der Prinz. — Heirathen oder sterben, das sind so die gewöhnlichen Kunstgriffe — den Verschmähten am sichersten das Herz zu zerreißen! —
Zynthio führte ihn schnell in ein Fenster, mehrere Schritte von den Uebrigen hinweg. Prinz! — sagte er ihm leise — diese Nacht um zwei Uhr, wann die Beisetzung vorüber ist — habe ich Ihnen nur wenige Worte zu vertrauen, und Sie werden wünschen, diese Lästerung mit ihrem halben Fürstenthum zurück kaufen zu können.
Nicht um das Wahrzeichen des kleinsten Marktflecken, in diesem Fürstenthume! — Sieh jenen Schmerzenssohn! er darf als der Glücklichere um sie weinen, und sich mit seinem Schmerz brüsten! — ihn konnte sie lieben —
Lieben? fiel bewegt Zynthio ein. — Ja, sie liebte, aber nicht diesen. In der Stunde ihres Todes sagte sie: ich liebte den edelsten der Menschen — aber — er ist Fürst! —
Camillo! — spricht ein guter oder ein böser Geist aus dir? —
Es sind die Worte der Verklärten: — ich habe gekämpft und den Sieg errungen —
Ah, so — und erwartete den Lohn in den Armen meines erwählten Schäfers! —
An Hochburg ward ich zur Verrätherin; der Stunde meines Todes fast gewiß, durfte ich nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen. — Dies ihr Bekenntniß an den Pforten der Ewigkeit! — zweifeln Sie noch? —
An meiner Vernichtung? — nein. — Sie haben ihren Zweck erreicht.
Noch nicht. — Wer von einer Adelaide geliebt ward, muß ein großer, ihr an tugendhafter Entschlossenheit gleichender Jüngling seyn! — Ihn den Seltnen bitte ich, mich zu der schon erwähnten Stunde, ohne Zeugen und in empfänglicher Stimmung für das Zarte meines Auftrags zu hören. Bis dahin Schonung der kleinern Verhältnisse, deren Rechte selbst die Verewigte achtete.
Zynthio! — gieb mir Trost, ohne den ist Entschlossenheit ein Unding! Sie liebte mich! — Nun erst ist mein Verlust unersetzlich. — Adelaide! — Adelaide! —
Adelaide! — wiederholten die Klagetöne Mathildens —
Adelaide? — fragte Julius wie aus einem Traume erwachend — welcher bis jetzt selbst nicht wußte, was er sah und hörte. — Ja, diese Adelaide antwortet nicht mehr! —
Mathilde erblickte die zwei verschwisterten Rosen an der Brust der vergeblich Gerufenen, und entzog sie der kalten darauf ruhenden Hand. Ha, wie ich euch von dem Herzen eurer Königin reiße so riß sie sich von mir, und ließ mich traurig und einsam stehen. — Ihr seyd mein! an ihrer Brust habt ihr geblüht, an der meinigen sollt ihr verwelken, wie meine Freuden!
Julius sprang auf, die Hälfte des Raubes sey mein! rief er, indem er sich des Zweiges bemächtigte, und die zarten Zwillinge trennte. Ein unter den Blättern versteckter Dorn rächte den Frevel. Von seiner verwundeten Hand tropfte das Blut auf Mathildens weißes Gewand, während er ihr die blutbefleckte Rose reichte.
Sonderbar! sagte finster der hinzugetretene Prinz. Es scheint, Sie besiegelten bei diesem Altar einen Bund mit ihrem Blute, das selbst die makellose Reinheit meiner Schwester zur Mitschuldigen bezeichnete.
Einen Bund des heiligen Andenkens dieses Altars! fiel schwärmerisch Mathilde sein. Wem der Tod dieses Engels das Herz zerriß, der weihe sich dem mit Blut besprengten Bunde!
Der weihe sich ihm, bis das zerrissene Herz kein Blut mehr zu vergießen hat! — sagte Julius, und nahm die ihm über dem Sarg dargebotne Hand Mathildens.
Ein vernehmliches Ah! zitterte aus Adelaidens Brust, eine schwache Bewegung erschütterte den leblosen Körper —
Was war das? — Allmächtiger Gott! werden die Todten lebendig? fragten sich die Ergriffenen. Schauder der Ahndung durchbebte die Bundesverschwornen. — Die Schloßuhr schlug sechs; das dumpfe Trauer-Geläute der Kirchen umliegender Dorfschaften begann, und unsichtbare Chöre tönten in sanft klagenden Harmonieen.
Doktor Weidenbach trat ein; er hörte und eilte, sich selbst zu überzeugen. So waren doch meine Zweifel gegründet? rief er. Jetzt erst hat die Seele den Körper verlassen. Die Veränderung der Liniamente, das Ausspannen des Körpers — jetzt können wir mit Gewißheit sagen, daß sie aufgehört hat zu leben. Der bisherige Zustand war — ein Scheintod.
Phrenetisches Lachen schallte aus dem Zimmer der Generalin dem Leichenzuge nach. Den Fackelschein, das Läuten der Glocken, hielt die freudige erwartungsvolle Mutter für das Zeichen, daß Alexis und Adelaide im hochzeitlichen Pomp sie einzuholen kämen. Das heftige Lachen endete mit einem Stickfluß — und als das Trauergefolge zurückkam, war wirklich Gräfin Ludmilla dem Theuersten, was sie auf Erden gehabt — ihrem Gemahl und ihrer Tochter nachgefolgt.
Die Morgendämmerung fand den Prinzen in lebhaftem Gespräch mit Zynthio in des Letztern Zimmer.
Verschmerzen werde ich nie, und so gilts einerlei, eine Grad mehr oder weniger elend! sagte der Erstere, indem er vom Sopha aufsprang, und Adelaidens in schwarzen Flor gehüllte Guitarre ergriff. — Wie Prometheus wollte ich ein neues Fürstenglück und in ihm — Volksglück schaffen. Die erzürnte Politik schmiede mich dafür an den Felsen eine Ehe ohne Liebe; für den Geier laß die Bestimmung eines Fürsten nach der alten Schöpfung sorgen.
Herkules, mit Tugendkraft begabt, erlegte den Geier. —
Aber nie werden diese Saiten, von ihren Fingern belebt, wieder eines Menschen Ohr erfreuen, einem Herzen Wonne und harmonische Gefühle mittheilen. Und — darum — wie gesagt, ist’s alles eins. Zum Karnevall soll’s lustig zugehen in der Residenz; Trompeten und Pauken sollen — möchte ich mit Hamlet ausrufen — in kreischenden Tönen die erlauchte Begebenheit verkünden: daß der Fürst, als Schwiegerpapa einer Königstochter, sich einen Freudenrausch trinkt!
Ich werde, fern von Deutschland, dem edlen Sohn Glück wünschen, daß er seinem Vater den Freudentrunk zu reichen, groß und entschlossen genug war!
Es mag schön klingen — aber mir wird jeder solcher Wünsche ein Mißlaut seyn. — Wann reisen Sie?
In wenigen Wochen; Georg begleitet mich.
Auch dieser? — Nun gut, selbst der geringste Schatten aus meiner glücklichen Vergangenheit fliehet!
Mathilde brachte den übrigen Theil der Nacht ebenfalls schlaflos hin. Karolinens und Hochburgs Thränen hatten sich mit den ihrigen vereint; gleiches Gefühl ihres Verlusts brachte während den wenigen Stunden die Gemüther näher, als es in fröhlichen Zeiten kaum Monathe vermocht hätten.
Mein unglücklicher Vetter! flüsterte Fräulein von Elfen der Prinzessin zu. — Unaussprechlich ist sein Jammer — ihn erneuern wird meine Verbindung mit Graf Wallersee; denn auch seine Vermählung mit Adelaiden sollte mit der unsrigen an einem Tage vollzogen werden.
Er muß dieser Feierlichkeit ausweichen, antwortete Mathilde. Ueberhaupt wäre Beschäftigung, Zerstreuung das heilsamste für ihn. Wir wollen ihn dieser Einsamkeit entziehen —
Das wäre Wohlthat für den armen Julius, meinte Karoline.
Und als wohlthätige Absicht wenigstens nahm Graf Hochburg die schmeichelhafte Einladung Mathildens auf; in den nächsten acht Tagen trieb ihn sein rastloser Schmerz der Freundin seiner Adelaide, der Genossin des Trauerbundes, nach in die Residenz.
Still wie in dem Kloster La Trappe war es jetzt in Wallersee. Zynthio traf Reiseanstalten, er mußte für seine Gefährten mit denken, denn Georg und Betty schlichen traurig ab und zu; ihnen war eine Zeichnung von Adelaidens schöpferischen Händen — eine Blumenguirlande, so diese in ihren Haaren getragen, eine ihrer Lieblingscompositionen für Guitarre oder Pianoforte das wichtigste, was sie als Erbstücke mitzunehmen und sorgfältig einzupacken würdig erachteten. Schon war der Tag ihrer Abreise festgesetzt, als Georg eines Abends athemlos und zitternd in seines Freundes Zimmer stürzte. Adelaidens Geist! rief er — oder mich täuscht ein Blendwerk der Hölle. Er riß Zynthio mit sich nach dem untern Stockwerk, wo er die Erscheinung gehabt —
Ist’s möglich? rief Zynthio, als er die Fremden erblickte — Wen sehe ich? —
Ihre Schwester Seraphine, Signor Camillo! — sagte Graf Bendheim. Ich bedaure! ich glaubte Freude zu bringen, und finde ein Haus der Trauer.
Verzeihen Sie, Herr Graf, wenn ich überzeugt bin, daß Sie ein Haus des Friedens in Trauer und Verwirrung zu versetzen hofften. Sie sehen, Ihre Absicht ist vereitelt, der Zweck Ihrer Reise nach Italien verfehlt, und Sie geben mir wirklich, gegen Ihren Willen, den Trost, eine geliebte mir anvertraute Schwester früher wieder zu finden, als ich hoffen durfte, nachdem ich die Andere verlor! — Und wer ist ihre zweite Begleiterin? —
Zynthio! Kennst du mich nicht mehr? — Aloyse Prospero!
Zynthio lag in den Armen seiner Schwester und ihrer mütterlichen Freundin. Wirklich, Herr Graf! Sie haben weder Aufwand noch Mühe gespart, in dies Haus der Trauer Freude zu locken. Möchte Ihnen das Bewußtseyn genügen, daß es Ihnen gelungen ist! — Georg, du meldest wohl den Herrn Grafen bei dem Herrn des Hauses —
Der ist? — frage Bendheim gespannt.
Graf Theodor von Wallersee.
Wir sind — ich möchte ihn belästigen — Sie haben ja einen guten Gasthof im Orte. Morgen mit dem frühesten reise ich wieder ab. Ich habe das Meinige gethan, und bin belohnt, daß ich mit dieser Ueberraschung Ihren Dank verdient habe — sagte in verbißnem Grimm der Ueberraschende, schüttelte den Staub von seinen Füßen, und zog wieder von dannen.
So wurden wir getäuscht? fragte Signora Prospero. — Er meldete sich als Bevollmächtigter der Gräfin, welche Seraphinen bei sich zu haben wünschte, und als ihres Gemahls Tochter anerkannte. Er legitimirte sich durch Briefe, selbst an Seraphinen hatte die Generalin geschrieben.
Zynthio eröffnete den Getäuschten das Verständniß —
O, es ahndete mir wohl! nahm die redliche Matrone wieder das Wort. — Ein boshafter Mensch kann auch ein Verführer der Unschuld seyn — Nur unter meiner Aufsicht bewilligte ich Seraphinens Mitreise.
Georg, welcher die Zeit über Seraphinen angestaunt, und seinen Sinnen kaum glauben wollte, rief jetzt aus: Dies wäre meines Freundes Schwester?
Und die Deinige! antwortete dieser, indem er sie ihm in den Arm warf.
Betty kam. Gott im Himmel! schrie sie — die junge Gräfin! —
Meine und deine Schwester Seraphine! — Georg, Betty, Seraphine — wir alle ein Bund — eine Familie! — Adelaide! — Sieh herab und lispele dein heiliges Amen! — Signora Prospero, Sie verloren Ihren Gatten — lassen Sie uns ihre Kinder seyn!
Adelaidens freundlicher Segen mußte über der Gruppe geschwebt haben. — Unvergeßlich war ihnen der verklärte Engel, aber die hoffnungslose Trauer gieng bald in sanfte dankbare Erinnerung über. Zynthio Camillo erfüllte, was er der Verewigten gelobte; er machte Betty glücklich, und ward es mit ihr als Gatte und Vater. — Georg, der in Seraphinen Adelaidens Ebenbild verehrte, freuete sich — da zu dieser Verehrung sich bald die zärtlichste Liebe gesellte — der Großmuth seiner Wohlthäterin, kaufte sich im Canton Zürich sehr vorteilhaft an, und Zynthio umarmte nun den Freund auch als den liebenden und geliebten Gatten seiner Schwester.
Der Erbprinz söhnte seinen Vater, durch die Vermählung mit der ihm bestimmten Prinzessin, mit sich aus. Ob er glücklich ward? — Er bestieg zu bald nach dem prunkenden Beilager den Thron — ernste Geschäfte, Regierungssorgen, ließen ihm selbst kaum so viel Muße, sich diese Frage aufzuwerfen — deren Beantwortung, wie man erlauscht haben will, sich dann gemeiniglich in einen schweren Seufzer aufzulösen pflegte.
Julius Graf von Hochburg wurde, auf Mathildens Verwendung, Kammerherr. Die Bundesgenossen recapitulirten ihre melancholischen Gefühle in den Stunden der Weihe, deren Losungswort: Adelaide! war. — Das Frühjahr kam, mit ihm die Gelegenheit zu romantischer Feier des Bundes der Trauer. — Ein Zypressenhayn, das Flöten klagender Nachtigallen, nährte die Seelenkrankheit der Geweihten bis zur Unheilbarkeit. — Ja, müßige Höflinge wollten sogar bemerkt haben, daß sich noch ein neues Uebel dazu geschlagen.
Der junge Großherzog, welcher viel heißes Blut: aber nicht die geringste Anlage zu dergleichen mystischen Gefühlen besaß, und dessen Ansprüche auf Mathildens Hand ihn, nach seiner Meinung vollkommen berechtigte, die Genesung der Prinzessin ernstlich zu wünschen, war mit den Symptomen der vermehrten Krankheit höchst unzufrieden. — — Eine Jagd ward veranstaltet: Graf Hochburg, sonst kein leidenschaftlicher Jäger, wollte heut in Verfolgung eines Hirsches den Preis gewinnen, um damit diesen Abend von seiner erhabenen Bundesgenossin im Zypressenhayn bekränzt zu werden. Er sprengte dem Verfolgten in das Dickicht des Waldes nach — ein Schuß fiel — der vielleicht dem Wilde galt — und Julius sank blutend vom Pferde.
Mathildens Verzweiflung war keiner Verstellung fähig; — Argwohn bemächtigte sich ihre Herzens — mit Abscheu stieß sie den Durchlauchtigen Bewerber von sich — die blutige Locke des Gemordeten trug sie an Arm und Busen. — Das erregte Aufsehn beunruhigte den Hof — ein fürstliches Stift nahm die Unglückliche auf, und entzog sie den Augen der boshaft richtenden Welt.
Ein schmerzliches Ach! — entwand sich Adelaidens nicht mehr athmender Brust — als jener mit Blut geweihte Bund über ihrem Sarge geschlossen wurde! — Nur zu bedeutend war dieses ominöse Zeichen!