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Adelaide

Adelaide. (continued 2)

Reading edition

„Auf’s Gedeihen braver Schwiegersöhne!“ sagten listig schmunzelnd Sr. Durchlaucht, indem sie ihrem getreuen Joab, den Ratavia kredenzten, welcher nebst dem dazu gehörigen Morgenimbiß aus der Seitentasche der Jagdchaise gelangt worden.

„Da sich rechtgläubige Waidmänner auf glückliche Beute nicht zutrinken dürfen — so ist dieser Nothbehelf lustig genung gewählt!“ — erwiederte Alexis —

„Und ich dächte interessant für uns Beide. Wir sind Väter, und unsre Töchter gerade hübsch und liebeverlangend genung, um gegründete Ansprüche auf die Freuden einer glücklichen Ehe zu machen. — Wie?“ —

Alexis, welcher die betonten Wie’s? — Sr. Durchlaucht schon aus Erfahrung als bedeutend kannte, sah ihn forschend an, und erwiederte gleich stark betont: „Das eheliche Glück der Fürstenkinder wird ja schon bei ihrer Wiege entschieden, wie könnte dies zweifelhaft seyn? — Und, was meine Tochter betrifft, Adelaide ist keine Spanierin; ein Deutsches Mädchen, darf mit vierzehn Jahren — wann und wo ich mitzusprechen habe, an diesen wichtigen Schritt, weder nach ihrem, noch nach meinem Kopf, zu denken wagen. Zwei, drei Jahre später tritt allenfalls die Zeit der Reife für dergleichen Reflektionen bei ihr ein.“

„Meines Oberjägermeisters jüngster Sohn, Graf Heinrich, glaubt sie jetzt schon eingetreten; wenigstens ist er mit seinem Resultat in’s Reine, zur großen Freude seines Vaters.“ — „Wie nun so jeder seine Ansicht der Dinge hat“ — warf Alexis dem mit gespitzten Ohr ihn beobachtenden Fürsten leichthin ein, und lüpfte tändelnd, sein Couteau de Chasse in der Scheide.

„Und mir gaben Sie den Auftrag, daß ich mich um den Preis dieser Aufgabe für ihn verwenden soll. Mit einem Wort, lieber Wallersee! Ihr seht in mir den Freiwerber — um die liebenswürdige Adelaide für den jungen Graf Bendheim.“

„Adelaide hat vor wenig Tagen erst ihr vierzehntes Jahr erreicht. — Ich war so frei, Ew. Durchlaucht so eben mit meinen Gesinnungen hierüber bekannt zu machen.“

„Wohl! — Ich ehre die Besorgnisse des Deutschen Hausvaters. Frühe Heirath, frühes Mutterwerden schwächt die Gesundheit und Blüthe des zarten Weibes. Doch sagt hier die spekulative Vernunft, streitet sonst kein Hinderniß gegen diese Heirath — so verlobt man die jungen Leute, oder — um sicherer zu gehen, man vermählt sie. Nach solenner Festivität führe ich als Wirth der Fete den Neuvermählten — nicht zum Torus, sondern an den Reisewagen. Er aquirire sich — indem er ein paar Jährchen unsern Welttheil durchstreicht, die Würde eines Ehemannes, komme an Kenntnissen bereichert als Legationsrath zurück; und nehme dann erst von seiner Gemahlin, so wie auch nach des redlichen steinalten Lestocks Tode, von dessen erledigter Ministerstelle der auswärtigen Affairen Posseß. — Eh bien mon General! — wie gefällt Ihnen die Idee?“ —

„Als Idee betrachtet — fürstlich und lachend.“

„Vortrefflich! dort sprengt der Oberjägermeister und läßt seine Unruh an den armen Bauern, den Handlangern unsrer Treibjagd aus. — Wir wollen Wild und Menschen Luft gönnen, und Bendheim ohne Verzug das Zeichen zum Rendez vous auf dem Jagdschlosse geben, damit die Sache noch heute unter uns Männern zur völligen Richtigkeit komme.“

„Das muß ich verbitten, zur völligen Richtigkeit darf die Sache — ich wiederhole es noch einmal — wenigstens unter den nächsten anderthalb Jahren nicht kommen.“

„Wallersee! — Ich habe diesen eisernen Sinn gefürchtet; aber — doch auch viel von Ihrer Klugheit, und Ihrem Vertrauen auf meine gute Meinung gehofft. Wirklich Sie machen meine Freundschaft, mein herzliches Wohlwollen für Sie, um einen schönen Genuß ärmer. — Und warum? Sie haben gegen den Vorschlag nichts. — Zwar ist mir die alte Animosität unter Euch Herren bekannt.“ — —

„Die kömmt hier nicht in Frage, wenn es von dem Glück unsrer Kinder handelt; wiewohl der Herr Oberjägermeister in Erinnerung desselben, es nicht für räthlich zu halten scheint, sich gerad und ehrlich an mich selbst zu wenden.“

„Vielleicht, doch sein herzlichster Wunsch ist, diese fatale Erinnerung durch verwandschaftliche Bande, in der natürlichsten Vereinigung zu ersticken. Unverhohlner erklärte sich freilich des Sohnes Liebe und Absicht.“ — —

„Das heißt, er schwärmt und faselt um das unbefangene Mädchen; wie der Schmetterling um die kaum aufgebrochne Knospe.“

„Und die Liebliche entfaltet ihren Purpur, um ihn auf immer zu fesseln.“

„Dies mag die Zeit lehren. Der Plan Ew. Durchlaucht ist dazu der anwendbarste, nur mit der Abänderung: Er gehe auf Reisen, ohne durch Vermählung, nicht einmal durch Verlobung gebunden zu seyn; sind nach Verlauf von zwei Jahren Wünsche und Neigung des jungen Herrn noch dieselben — und was die Hauptbedingung ist — sind alsdann die Gefühle, das Bedürfniß der Liebe in Adelaidens Busen erwacht, für ihn erwacht — in Gottes Namen dann.“

„Sie glauben, noch schlafen diese Gefühle? — Wie?“ —

„Ich glaube nicht nur, sondern bin dessen fest überzeugt.“

„Hier irrt sich doch wohl der verdachtlose Vater.“

„Beweise dieses Irrthums, Ew. Durchlaucht!“ — —

„Liegen, meine ich — ziemlich klar am Tage.“

„Um so dringender muß ich bitten, auch mir dieses Licht leuchten zu lassen, da der Nebel der Verleumdung die höfische Sphäre gewöhnlich so verdickt, daß der reine Glanz der Wahrheit sich gänzlich unserm Auge verbirgt. Je fleckenloser und weißer das Gewand, je nachtheiliger und bemerkbarer sind an demselben die Spuren des Betastens unreiner Hände.“

„Sie gerathen in Affekt, lieber Graf! Freilich, wie Sie meine freundschaftliche und wahrlich auf nichts schlimmes deutende Berührung des Herzens der kleinen Gräfin vielleicht nehmen.“

„Ew. Durchlaucht unmittelbare Meinung auch im geringsten zweideutig oder ehrverletzend zu nehmen, wird mir nie einfallen. — Aber die Sprachröhre müßiger, geifernder Höflinge, wissen sich in das Ohr der Fürsten zu leiten — wie der verheerende Wurm in den Kelch der königlichsten Blume. — Beweise müssen uns wenigstens die Herzensbeobachter liefern; ich beruhige mich nicht ohne Erörterung dieser mir jetzt so konsequent scheinenden Bemerkung Ew. Durchlaucht.“

„So werfen Sie mir den Handschuh hin, ohne sich in Fehde mit dem übrigen uns umgebenden Troß zu verwickeln, welcher zu jener Bemerkung nichts beitrug. Freund zum Freunde also: Mein Louis und Adelaide ist die Losung in der Region liebender Wesen.“

„Der Erbprinz und meine Tochter?“ —

„Lieben sich zart und schwärmerisch wie Engel. Aber Sie begreifen — zum Glück dieser beiden edeln Geschöpfe kann diese Leidenschaft, je herrschender und distinkter sie wird — nicht führen.“

„Ich begreife und danke meinem wahr fürstlichen Freund für die Entdeckung, aus vollem innig gerührten Herzen!“

„Und haben jetzt Sinn für die Bendheimsche Bewerbung? — Daß sie schleunig angenommen das beste Präservativ für die Herzensverwirrung unsrer Kinder sey, ist unläugbar.“

„Je mehr ich die Nothwendigkeit anerkenne, sorgfältig die Entwickelung der Gefühle des Mädchens zu leiten, um so behutsamer und zarter muß diese Leitung seyn, und um so weniger ihr eine Wahl vorgeschrieben werden, die ihrer Neigung vielleicht nie entsprechen — ja durch so genannte väterliche Tyranney dazu gezwungen — Haß, oder was noch schlimmer ist — kalte Verachtung für ihren Gatten hervorbringen würde.“

„Lieber Graf! — Nur noch ein Wort. Ich denke es bedarf keiner Erwähnung, daß nur Sorge für die junge Gräfin mich wünschen und Ihnen rathen läßt, Adelaidens Herz ihrem soliden Glück gemäßer zu fixiren. Die Perle ist zum Objekt der Leidenschaft eines Fürstensohnes zu edel.“

„Unstreitig, unstreitig!! — Sie soll mit Argusaugen der väterlichen Sorgfalt für dergleichen Entweihung gehütet werden. Ohne sie indessen dermahlen zu der vorgeschlagenen Wahl zu forciren, will ich ungesäumt Maaßregeln treffen, die Ew. Durchlaucht um so mehr rechtfertigen werden, je dankbarer und richtiger ich die erhaltenen Winke verstehe und benutze.“

„Freilich, dem Gutachten des verständigen Vaters läßt sich nichts Nachdrückliches einwenden. Doch wir bleiben Freunde! — wir bleiben die Alten — nicht wahr?“ —

„Ich weiß diese Gnade zu schätzen.“ —

Mit traulichem Händedruck und einem sich alle weitere Respektsversicherung verbittenden: Basta! — brach der Herzog das Gespräch ab, und gab seinem Büchsenspanner Befehl, welcher auf der entgegengesetzten Buschseite nebst seinem Sohne in unruhiger Erwartung des Gelingens seines durchlauchtigsten Brautwerbers die Bauern beim Treibjagen die Schwere seiner Ungeduld fühlen ließ — das Signal zum neuen Angriff des Wildes durch die Hörner geben zu lassen.

Graf Wallersee kaufte das Palais eines die Residenz verlassenden russischen Fürsten. Garten und Park, welche dazu gehörten, war der wankenden Gesundheit, den hektischen Uebeln des Generals längerhin unentbehrlich. Das anbrechende Frühjahr fand demnach die Familie Wallersee schon in der neuen Wohnung eingerichtet, und Adelaide durchstreifte jetzt am Arm ihres Zynthio’s unter den Augen des beobachtenden Vaters die Bogengänge und Gebüsche, ohne die Gesellschaft des Erbprinzen auf eine ihre Freuden störende Art zu vermissen.

Die fürstlichen Leibärzte rühmten die schöne Jahreszeit zur Blatterimpfung als äußerst vortheilhaft. Prinz Louis hatte diese furchtbare Krankheit noch nicht überstanden. Man entschloß sich zur Inokulation. Die Vorbereitung erfoderte reine Landluft und leidenschaftslose arkadische Stille. Ein Lustschloß, einige Meilen von der Residenz entfernt, wurde zu des Blatter-Kandidaten Aufenthalt für dieses Frühjahr erwählt. Auch Prinzessin Mathilde sollte sich der Einimpfung unterwerfen.

„Ich will mich dem Tode unterwerfen, rief die kleine Schwärmerin — nur laßt mich in Adelaidens Armen sterben.“

Sie stürbe, sagte Baronin Tréval, ohne alle Gefahr der Krankheit selbst — wenn man sie in einer solchen Schonung verlangenden Epoche von ihrer Freundin trennte.

Der Graf und seine Gemahlin vereinigten so herzlich ihre aufrichtigen Anerbietungen mit den Bitten ihrer geliebten Adelaide, welche schon in frühester Kindheit die Blattern gehabt, daß Mathildens Wünsche erfüllt wurden und Letztere der kleinen Gräfin Zimmer nebst ihrer Gouvernante für die bevorstehende Leidensperiode beziehen durfte.

„Meine theure Ludmilla!“ sagte die Fürstin, als sie einen heitern schönen Nachmittag das Krankenzimmer der Prinzessin am Arm der Gräfin verließ, und dem Zypressenhayn des Wallerseeschen Parks zueilte — wo in dem Tempel des Apoll eine Collation die gutmüthigen geschwätzigen Mütter erwartete. — „Meine edelste, treuste Freundin! — daß wir uns trennen mußten, unser häusliches Leben und Weben nicht ferner mit einander treiben durften, das verzeih der Himmel unsern eigensinnigen gebietenden Eheherrn! — Aber daß es nicht immer so bleiben darf, wie es jetzt ist — dies wollen wir uns in dieser Stunde, in dem heiligen Tempel der Natur, unter dem heitern blauen Himmel geloben.“

Ein Trutz- und Schutzbündniß also, gegen die Despotie unserer Gemahle! — erwiederte lächelnd Ludmilla.

„So etwas dergleichen; doch wohl verstanden: In der Manier, daß die Herren selbst nichts sträfliches an dieser Verschwörung finden können. Es ist uns beiden bekannt, welches Phantom die beiden Unglückspropheten aus der unbefangenen Ruhe unserer Kinder wegen trieb, und auch uns arme Weiber wie geängstete Rehe aufscheuchen ließ. — Ich habe — allen Egard für die unfehlbare Weisheit dieser Herren unbeschadet — des blinden Feuerlärms gelacht. Unsere Adelaide, die unschuldige kindliche Taube —!“

Auch ist mein Alexis jetzt gänzlich beruhigt und überzeugt, daß ihrem Herzen keine Gefahr drohte.

„Und Louis — o da lasse man doch den Flattersinn der Männer für dessen Heilung sorgen, wenn sein Herz je krank war. Seine zu hoffende Verbindung mit der ***schen Prinzessin, seine einstweiligen Reisen und Aufenthalt an jenem Hof — welche künftigen Winter ihren Anfang nehmen sollen — werden den zärtlichen Etourdi schon völlig zur Raison bringen.“

Nichts gewisser als das.

„Und weiß meine Freundin wohl, daß der Graf von meinem Gemahl wieder mit Bitten bestürmt werden soll — das Kommando über unsern Louis zu führen und ihn an Vaters Statt auf seinen Freiers-Zügen zu begleiten? — Wie? Sie zucken zweifelhaft die Achseln?“

Meines Alexis Gesundheit schwankt jetzt mehr als jemals. Trübe Launen, innerer Kummer — den ihm ohne Zweifel die widerspenstige Gemüthsart meines unglücklichen Sohnes verursacht — machen mich öfters für einen uns vielleicht nur zu nahe liegenden Schlag zittern, der mich und meine Kinder in Verzweiflung stürzen wird. — Des ihm zugedachten so hoch ehrenden Vertrauens Sr. Durchlaucht wird er sich schwerlich diesmal würdig machen können.

„Mein Gott! Sie weinen; lassen Sie mich Ihre Sorgen theilen, vielleicht führt diese Mittheilung zum Verein meiner Wünsche mit der Bestimmung ihrer Zukunft.“

O mein Sohn Theodor! — Dieser verkehrte starrsinnige Jüngling, mischt mir Wermuth in jeden Tropfen der Freude; er läßt meine Nächte schlaflos in Gram dahinschleichen, und im verfallnen erlöschenden Auge meines Alexis den nur mühsam unterdrückten Grimm und das schreckliche Wort: Fluch dem Ungerathnen! — des tief beleidigten, von ihm langsam gemordeten und nicht versöhnten Vaters, als sein letzter Sterbensruf mit Zittern erwarten! —

„Allgerechter! — So schlimm steht es mit dem Jüngling? — Arme Mutter!“ —

Noch zählte ich den Verirrten nicht unter die Verlornen. Besseres Vertrauen auf den Grund seiner, nur durch wilde Thorheiten umnebelten aber nicht gänzlich verdorbenen Seele, fordert mit tröstender Ueberredungskunst, seine Vertheidigerin Adelaide; das zarte Herz des guten Kindes erwärmt mit dem überströmenden Gefühl der Schwesterliebe, den Glauben der verzagenden Mutter an den schon halb aufgegebnen Sohn. — Und nur dieser schmeichelnden Fürsprecherin gelang es selbst schon zum öftern, der Friedensengel zwischen Vater und Sohn zu seyn. O wäre in einer solchen Stunde gemildeter Gefühle, Theodor hier, und sähe die Zähre der Rührung, des Verzeihens auf der Wange des weichgestimmten Vaters, er sänke ihm zu Füßen; Engel sprächen das Amen zu dem heiligen Bunde, und trügen diese dem Segen geweihte Stunde in das Buch ewiger gränzenloser Liebe unsers Vaters im Himmel ein.

„Und könnte die Mutterliebe, die rastlose Betriebsamkeit der engelsguten Schwester nicht eine solche Stunde heilbringender Ueberraschung herbeyführen? — Der Hülfsleistung theilnehmender verschwiegener Freunde sind Sie hoffentlich gewiß — wo es nur eines Winkes bedarf, wann und wie Sie von des Fürsten und meiner Bereitwilligkeit Gebrauch machen könnten. — Lassen Sie uns raffiniren, wie wir die Annäherung Vater und Sohnes bewürken, ohne daß der intricate Schein unsrer Thätigkeit dabey etwa Beyde noch mehr opiniatrirt, und die gute Absicht vereitelt.“

Ich habe dieserhalb schon einige Versuche gewagt und fehlschlagen sehen. — Seitdem Theodor vergeblich um des Vaters Einwilligung zu der Reise nach Frankreich mit dem jungen La Valetta und der Idee, dort militairische Dienste zu nehmen, angehalten hat, seitdem ist Biegsamkeit, kindliche Ergebenheit gänzlich aus seinen Briefen verschwunden. In trotzigem herzlosen Subordinationston resignirt er auf die Willkühr freigeborner Menschen, welche nach Neigung ihre Bestimmung wählen dürfen, und versichert, daß er mit stoischem Gleichmuth den Befehl Sr. Excellenz des Herrn Generals von Wallersee erwarte, ob der Rekrut Theodor als Tambour oder als Fähnrich zur p...schen Fahne schwören soll. Diese schnöde Antwort zog ihm die Verurtheilung zu: noch ein Jahr als Ecolier in der Akademie militaire zu bleiben, nach deren Verlauf aber, als Kornett in das in B... stehende Husarenregiment zu treten, wozu ihn schon des Königs Gnade als Kind ernannte.

„Freilich, diese Spannung der Gemüther ist schwerer zu besiegen, als der leidenschaftlichste Ausbruch! — Kalter höhnender Trotz pikirt den General aufs höchste. — Doch, nur nicht den Muth verloren! — Sobald Graf Theodor sich als Officier der Knabenruthe völlig entzogen weiß, und den Unmuth als Kavallerist in glänzender Uniform auf einem feuersprühenden Araber austummeln kann — sodann wird sich auch das unnatürliche, grollende seines Gemüths legen, und Frohsinn, Zufriedenheit mit seiner Bestimmung ihn dankbar und liebevoll in die Arme seiner langentbehrten Familie führen.“

Bange Ahndung sagt mir, daß es dann zu spät seyn dürfte. Ein gleiches Vorgefühl scheint auch mein Gemahl zu haben. Er beschäftigt sich, verschlossen in seinem Kabinet, mit Verfügungen auf den traurigsten Fall, der für mich und meine Kinder statt haben könnte. Mit Einem Worte, er ordnet seinen letzten Willen; die Zuziehung des General-Auditörs und noch zweier seiner vertrautesten Freunde, bestätigt meine Vermuthung.

„Liebe Aengstliche! — Ihre Träume sind ansteckend! — Nein, lassen Sie uns die Beschuldigung des stärkern Geschlechts, daß wir in jedem Schatten Gespenster sehen — nicht wahr machen.“

Leider haben diese Schrecken schon das gräßliche ihrer Neuheit verloren; ich bin schon zu vertraut mit der Gewißheit des mich bedrohenden Unglücks.

„Nun, dann sind Sie auf dem Wege, den ich wünsche. Wir wollen also mit philosophischer Standhaftigkeit von diesem Zeitpunkt sprechen. Ihr Wittwenschleyer sey dann das Ordensgewand, in welchem Sie sich dem Gelübde unzertrennlicher Freundschaft und Vereinigung mit mir und unserm Hause unterwerfen. Die Soly ist alt, sehr alt; Keuchhusten und Nervenzerrüttung geben ihr kaum noch ein Lebensjahr Frist, und die Oberhofmeisterinstelle ist für meine theure Ludmilla erledigt; Ihre Hand darauf, daß Sie mir dann diese frohe Hoffnung nicht vereiteln.“

Es gelang der Fürstin, die bange Schwermuth der Generalin durch das schmeichelhafte Anerbieten der künftigen ehrenvollen Charge, in ein zwar wehmüthiges, aber freundliches dankbares Ergeben, in die ihr eröfnete Zukunft zu verwandeln.

Schon blickten Dichter und Kapellmeister stolz auf das gelungene Werk und hoffnungsvoll den vielen Beweisen hohen Beifalls entgegen, welche der zur Genesungs-Feier verfertigten Kantate, in Rollen goldenen Inhalts, oder Tabatieren gleichen Werthes werden mußten. Schon schoben sich Perüquen und Kaffeemützchen der Herren Dekoratörs und Feuerwerker, über dem Ausbrüten neuer Allegorien, von einem Ohr zum andern. Die arme aber wohlgebildete funfzehnjährige Jugend beiderlei Geschlechts ließ sich bereits in Aussicht des wohlthätigen Fonds künftiger Aussteuer — der neu altgriechischen Form anpassen, in welcher sie Gruppen auf Amphitheatern des Fürstlichen Parks formiren sollten — deren mythologische Tendenz kein Deutscher begriff, und wahrscheinlich die Manen ihres Adoptiv-Vaterlandes eben so wenig erkannt hätten.

Das Sonnenlicht des sieben und zwanzigsten Mais, der Geburtstag des Fürsten, war bestimmt, diese doppelte Feier mit seinem Strahlenmantel zu verherrlichen, bis die dunkle golddurchwirkte Drapperie der Nacht das Signal gäbe mit zahllosen Flämmchen auf Bäumen und Hecken, mit feuersprühenden Rahmen, Pyramiden, fürstlichen Attributen, Sinnbildern und Motto’s, dem Gesetz der nun Ruhe und nächtliche Stille gebietenden Zeit zu trotzen.

Auch Adelaide und Zynthio arbeiteten an einer Ueberraschung für die geliebte Mathilde zu diesem glänzenden Tag der Freude. Georg, welcher schon seine Lehrjahre überstanden, und in des Generals Hause, nicht als dienender Jäger, sondern nächst Zynthio den zweiten Platz unter Wallersee’s geliebten Pflegesöhnen behauptete, wiewohl keine gütige Dispensation, kein Befehl es vermochte, den Dankbaren seiner ihm selbst erwählten so süßen Pflicht, Adelaidens Leibeigner zu seyn, untreu zu machen; nur ihr wartete er bei der Tafel auf, nur die Zierde ihrer glänzenden Dienerschaft, ihrer Equipage zu seyn, war seine Eitelkeit. — Auch Georg bot jetzt seine Geschicklichkeit, sein Erfindungsvermögen auf, um jene lieblichentworfene Idee in ihrer ganzen Vollkommenheit ausführbar zu machen.

Aber — wer vermag des Schicksals Launen zu berechnen, um nicht hin und wieder sich mit vergeblichen Erwartungen zu täuschen? — Zynthio hatte es sich, besonders die letztere Zeit, nicht nehmen lassen, der treue Gehülfe Adelaidens in der Pflege und Zeitverkürzung der blatternden Mathilde zu seyn, und wurde nun das Opfer seiner Dienstwilligkeit. Ein dunkler Wahn machte ihn glauben, er habe schon an der Mutterbrust mit jener Krankheit gekämpft und sie überwunden, und folglich die Ansteckung dieser Menschenpest nicht mehr zu fürchten. Ein heftiges Fieber mit allen Symptomen der ihn hämisch begrüßenden Blattern widerlegten den Irrthum, und der sieben und zwanzigste May, der Tag allgemeinen Jubels, hatte den armen Sicilianer schon an die Pforten des Todes gerückt — noch einen Schritt weiter, und meine Feder hätte hier mit einem memento mori! seiner Existenz zu erwähnen beschließen müssen. — Doch als Mathildens Namenszug und Fürstenkrone im blauen Feuer auf der Plantage mit dem mitternächtlichen Glockenschlag verpuffte, und die nicht zurückzuhaltende Königin des Festes Adelaiden händeringend und verzweifelnd zur Seite am Lager des Leidenden seinem Hinscheiden entgegen starrte — brach die Krisis; einem Harnisch gleich überzog das herausgetriebene Gift den Körper, und neu belebt hüpften und jauchzten die noch kurz vorher Trostlosen sich in tausend Wiederholungen zu: Er ist gerettet! — Er wird nicht sterben! —

„Nicht um den Ober-Gränzzoll-Inspectordienst nebst allen daran hangenden Sportelchen und Deputaten, lasse ich mich verleiten, meinen allergnädigsten Versucher — den ich nicht erkennen mag — gegen Pflicht und Verbot zu dieser Stunde das Einpassiren zu vergönnen“ donnerte im rauhen Baß der Cherubim vor dem stählernen Gitterthor des Wallerseeschen Paradieses in den Herbststurm des schauerlichen Novemberabends, und hielt statt des feurigen Schwertes seine Hellebarde dem Einlaß begehrenden in Mantel und formidabler Bärenmütze Vermummten entgegen.

Alter ehrlicher Paul! — Mir wolltest du den Einlaß versagen? — antwortete es schmeichelnd aus der Hülle, die sich jetzt vom Kinn bis zum Auge lüftete.

„Graf Theodor!“ rief der graue Pförtner in freudiger Bestürzung — „unser junger Herr? — das hebt die Parole. Das Verbot galt nur so einen gewissen Jemand, so zu sagen fürstlichen Wilddieben, die mit der Zitter unter dem Arm, und allerlei Liebestriller unter der jungen Comteß Fenster, das unschuldige Reh aufzuscheuchen und in ihr Garn zu locken, sich ab und zu gelüsten lassen.“

So, so! — noch immer die alte Jagd? — murmelte Theodor — Recht, Meister Isegrim! halt dich brav auf deinen Posten, mach’ deinen Waffen Ehre. Welch’ einem unberufnen Schützen du die glatte Haut ritzest — hast du nicht zu verantworten: im Finstern kannst du ohnehin nicht wissen, wen und wohin deine Nachtwächterlanze trifft.

„Haha! dacht’s wohl, auch noch immer das alte Häkchen!“ schmunzelte pfiffig der Hellebardenträger — „Nun, nun, bis dahin lassen wirs nicht kommen. Indessen, schön willkommen! wenn nicht in’s Grüne, doch in Hagel und Sturm des frostigen Novembers.“

Oben, in den Armen der mich freundlich erwarmenden Familiensonne wird’s besser seyn. Bleib mit deiner Laterne zurück; ich will sie überraschen.

„Das Gott erbarm!“

Was krächzt der alte Rabe? — Sind sie nicht zu Hause, vielleicht für mich nicht zu Hause? —

„O ja, aber der Papa — die arme Excellenz stöhnt und sieht dem Christmonat entgegen, wie eine zum Verlöschen ausgebrannte Nachtlampe dem anbrechenden Morgen, kaum flackert’s, bis es draußen hell wird!“

O, meine weissagende Seele! —

„Ja, ja; das Weihnachtsfest wird wohl Trauer bringen. Nun, die gute brave Excellenz ist gefaßt; aber — die Ueberraschung rathe ich doch ab.“

Meinst du? —

„Komteßchen, die liebe fromme Seele! mag den Papa vorbereiten. Sie ist ohnehin die Einzige, die nicht von der Seite des wunderlichen Kranken weichen darf.“

Und meine Mutter? —

„Weint oft in ihrem einsamen Kämmerlein, weil Excellenz die Thränen nicht wohl leiden können, und Lamentationen seinen Zustand erschweren.“

Mit einem ängstlichen Schrey des Schreckens bebte die Generalin von dem Sopha auf, dessen Polster so wie ihre Wangen von den Spuren ihres Jammers, wie im Abendthaue glänzten, als Theodor das einsame Gemach betrat, und das düster leuchtende Kaminfeuer ihn, einem Abgeschiedenen gleich, nur in unsicherer Schattengestalt kenntlich machte.

Theodor! du Schmerzenssohn! — Ein guter Engel führe dich her! — Der Moment ist wichtig, der wichtigste deines Lebens. — In der Hand des sterbenden Vaters schwankt noch das Zünglein der Waage — eile, daß die Segensschaale den Ausschlag gebe! — Adelaiden verdankst du, daß es damit noch nicht zu spät ist. —

Ich weiß alles. — Aber soll ich den Dahinscheidenden betrügen? — Ich kann die Bedingungen nicht erfüllen, und komme, seine Billigkeit, seine väterliche Nachsicht in Anspruch zu nehmen.

„Unglücklicher! du dringst nicht durch. Quittirst du, und bestehest darauf, Deutschland zu verlassen, so bleibst du — bis auf ein sehr geringes Pflichttheil enterbt.“

Immerhin! Fesseln drücken, wären es auch goldne. —

Der Fluch des Vaters! —

„Schrecklich! aber spricht er ihn als ungerechter Tyrann aus, so“ —

„Ende nicht, Frevler! Mir zermalmt der Gedanke schon Arm und Bein!“ —

Was kann ich thun?

„Schweigen; die letzten Augenblicke des Edlen, dem du dein Daseyn dankst, mit stiller Ergebung — wär es auch nicht Gehorsam, doch Widerspruchslos zu ehren, und ihn in Frieden mit dem Troste in die Ewigkeit treten lassen, daß sein Wille dein Gesetz seyn werde.“

Und dann — —? —

„Spricht zwar das Testament über den Heuchler das Urtheil, doch folgt dir nicht der Nachhall väterlichen Fluches.“

Bleich, wie ein trauernder Genius am Monument eines geliebten Entschlafenen, trat Adelaide jetzt in das Zimmer. Man hatte ihr die Ankunft des Bruders zugeflüstert, eben als der theure Kranke eines erquickenden Schlummers genoß; die Folgen einer sehr angreifenden ernsten Stunde, in welcher die sechzehnjährige Tochter des vollen Vertrauens ihres sonst mit seinen Aufträgen und Kummer so vorsichtig verschlossenen Vaters gewürdigt wurde, und versiegelte Papiere in ihre Verwahrung bekam, die sie nur unter gewissen Bedingungen früher oder später eröfnen und sich mit dessen Inhalt bekannt machen sollte.

„Er schläft? — Diese Ruhe gäbe ihm neue Kräfte? — O, Adelaide! gutes Kind! täusche mich nicht mit eitler Hoffnung!“ — bat die trostbedürftige Mutter.

Weh mir, wenn ich dieser Schwachheit fähig wäre! — Fassung, liebe Mutter! oder — erleichtern Sie jetzt ihr Herz durch Thränen. — Diese Ruhe giebt ihm Kraft, uns noch einmal zu segnen, und dann im wohlthätigsten Bewußtseyn erfüllter Vater- und Gattenpflicht zu vollenden. — Sein Erwachen wird das letzte seyn für dieses Leben.

Die Generalin sank laut schluchzend auf das Sopha.

„Schwester, ich bewundere deine Standhaftigkeit — sagte Theodor — ein Vaterherz hört alsdann auf zu schlagen, daß im Uebermaaß der Liebe für dich, beinah für jedes andre Gefühl des Wohlwollens verarmte.“

Diese Standhaftigkeit verdanke ich dem Todesengel, der nicht allein dieses Vaterherz zu brechen erschienen ist — sondern auch mir im Buche der Zukunft ein Blatt aufzuschlagen, dessen dunkler Spruch mich zu muthiger Resignation erhebt! —

Zynthio schlich in dumpfer Betäubung mit der Nachricht herein, daß der General erwacht sey, und nach der Familie verlange; auch Theodor, dessen Anwesenheit ihm gemeldet — solle kommen. — Auf ihre beiden Kinder gestützt, wankte die fast selbst mit dem Tode ringende Gattin, an das Bette des von ihr so innigst geliebten Gemahls; unwillkührlich sank sie auf die Knie vor demselben, und bedeckte mit Küssen und Thränen die kalte feuchte Hand ihres Alexis. Adelaide und Theodor standen zu den Füßen des Bettes.

„Gut, mein Sohn, daß du kommst und deinen Vater sterben siehst,“ sagte mit vernehmlicher, aber sanfter Stimme der General — „ehre deine Mutter, ehre das Andenken an diese Stunde, und die Stunde deines Todes wird dir so leicht und sanft werden, wie es mir die meinige ist. Das Uebrige wirst du aus meinem letzten Willen ersehen. Dein ist die Wahl, so oder so; ich habe mich auf jeden Fall mit dir abgefunden.“

Theodor hielt beide Hände gefaltet vor die glühende Stirn, seine Brust hob sich schwer athmend — Mein Vater! rief er gepreßt — so scheiden Sie von mir? — O vernichten Sie mich! —

„Mein Sohn! — ich scheide von dir als dein gerechter aber nicht erzürnter Vater! dies dein Segen — verdiene ihn. — Adelaide, wir Beide haben uns für diese Welt nichts mehr zu sagen, wir haben uns verstanden, und ich bin deinetwegen ruhig. — Auf Wiedersehen!“

Auf Wiedersehen, mein Vater! — tönte wie Geisterstimme Adelaidens Antwort.

„Und nun zu dir, treues redliches Weib, meine geliebte Ludmilla! — in deinen Armen will ich sterben, richte mich auf; mein letzter Blick sey Dank für deine fromme Liebe! — dort erst wirst du begreifen, welch ein großer Schuldner ich dir war — aber auch verzeihen! — Keinen Abschied! die mich lieben, werden mich bald wiederfinden. — Also nur gute Nacht! — an der Brust der treuen Gattin schläft es sich sanft ein. — Gute Nacht, Zynthio — gute Nacht, all ihr Freunde! — Adelaide, Theodor; unterstützt eure Mutter, daß mich ihre Arme nicht eher fallen lassen, bis ich fest eingeschlafen bin. — So — so — gute Nacht!“ —

„Schlaf wohl, edler guter Mann!“ sprach mit weicher des Freundes Verlust klagender Stimme der Fürst, und drückte die kalte Rechte seines auf dem Paradebette liegenden Generalissimus.

Ja, dieser Schlaf ist dem edlen großen Mann Bürge, daß seine Ruhe nicht mehr gestört werden kann. — Wohl mir — daß ich giftigen Insekten, als sie ihn noch verwunden konnten, den Stachel stumpfte! — flüsterte es leise zu den Füßen der Leiche.

Der Fürst blickte seinen Thronfolger bedeutend an — „Fühlst du das, mein Sohn? — Gott Lob! dann leichterst du mein Herz um ein großes!“

Wir verstehen uns nicht — mein Vater, und können uns nicht verstehen! —

„Wie?“

Ich bitte, Ew. Durchlaucht geruhen die neugierige Menge zu erwägen, von der wir Beide noch weniger verstanden werden. — Mein Ehrenwort an dieser mir heiligen Stätte, wenn dies genügt, daß sich der Fürst nie seines Sohnes wird schämen, noch seinen Handlungen fluchen dürfen!

„Damit begnüge ich mich — fürs erste.“

„Graf Bendheim, Sie haben erlauscht, was ich so eben mit meinem Vater sprach; raunte der Erbprinz dem Legationsrath zu, als sich der Fürst mit dem Oberjägermeister vertiefte — und ich habe das höhnende Manöver Ihrer Gesichtszüge bemerkt. Ich bitte ferner aufmerksam zu seyn; auch die Ueberreste des Grafen, seinen Schatten werde ich mit besonderer Strenge und Wachsamkeit vor dickbenannten Insekten zu schützen wissen. Sie haben mich verstanden — denn uns beiden ist diese Metapher kein Räthsel.“

Der Legationsrath biß sich wüthend auf die Lippen; heuchelnd gelobte er, die Meinungen und Winke Seiner Durchlaucht zu ehren. — Das Räthsel selbst blieb vor der Hand noch unter fürstlichem Siegel bewahrt.

Die Testamentseröfnung rechtfertigte die mütterlichen Besorgnisse der Generalin. Theodor trat nur unter den von ihm verworfenen Bedingungen, in den Besitz — der für den Fall ihrer Erfüllung, zu Majorat ernannten Herrschaften Wallersee und Tomsdorf — dahingegen bei Nichtachtung der ihm vorgeschriebenen Bestimmung, er mit einem Kapital von 10,000 Thaler ein für allemal abzufinden, und Adelaide zur Universalerbin ernannt war. Selbst über das ansehnliche Witthum durfte die leichter verzeihende Mutter nicht nach Willkühr zu Vermächtnissen disponiren. Nur ein Drittheil fiel nach deren Tode an den ungehorsamen Sohn — das Uebrige ebenfalls der geliebtern Tochter zu. — Endlich hatte der Testator, unter der Garantie der Regierung selbst, verfügt: daß Adelaide mit dem Beschluß ihres achtzehnten Jahres für mündig erklärt, und vermählte sie sich vor Erreichung dieses Alters — noch vor ihrer Heirath der Minderjährigkeit enthoben werden sollte, wo sie alsdenn frey über ihr Vermögen zu schalten und zu walten hätte, welches, wenn sich Theodor auch der beiden Herrschaften Tomsdorf und Wallersee würdig machte — dennoch beträchtliche Reichthümer in sich faßte.

Man schüttelte die Köpfe, definirte und verwarf wieder die mühsam herausgerechneten Muthmaßungen über dieses sonderbare Testament: — lobte des verstorbenen Generals Klugheit und Vorliebe für seine Tochter, der nun von allen Seiten Freyers-Attaken droheten — während andere den mit offenbarem Unrecht in Nachtheil zurückgesetzten Sohn bedauerten.

„Ich habe einen Stiefvater verloren,“ sagte dieser bitter lächelnd — „in dieser Hinsicht betrachtet, ist das Legatchen von zehntausend Thaler immer ein sehr respectabler Beweis seiner Großmuth.“

„Nicht doch,“ flehete die Schwester liebreich — „Du wirst Majorathsherr, verbindest dich mit der schönen Sophie, und sicherst dir das Glück eines dankbaren guten Sohnes, das nur der zärtlichste Vater dir so bestimmen konnte.“

„Nur an den Ufern der Seine blüht das meinige; in den Armen einer Julie La Valette kann ich das Loos eines verstoßnen Sohnes vergessen!“ —

Adelaide erblaßte. — Welchen Gefahren willst du dich Preiß geben? — Kennst du diese Julie La Valette? —

„Sieh hier ihr Bild. Ihr Cousin gab es mir; wir stehen seit länger als einem Jahre in Briefwechsel. Der Weg zu meiner Carriere in Frankreich ist bereits gebahnt; des Vaters Tod öffnete mir die Schranken“ —

Eines Labyrinths vielleicht — erfahrungslos, ohne Freund! — ich beschwöre dich — wäge deinen Entschluß; höre die Warnungen meines beängsteten ahnenden Herzens!

„Keine Theater-Beschwörung, Schwester! — Sie verliert bei mir, so sehr mich alles interessirt, was du sagst — weil ich dich, das einzige Wesen, selbst mit Aufopferung meines Mißtrauens gegen die Menschen, innig liebe. — Unsers Vaters Ungerechtigkeit schmerzt mich weniger, da aus meinem Verlust dein Vortheil entsprang.“

Grolle nicht mit dem theuren Verstorbenen. Mit achtzehn Jahren werde ich mündig; kannst du zweifeln, daß ich seine Absicht verstehe, und dir nicht nach Kräften vergüten werde? —

„Adelaide! wähnst du dich so weit über mich erhaben, daß ich nicht einmal die Größe deiner Tugenden zu begreifen vermag?“

Du thust mir weh, wiewohl ich dich eigentlich nicht verstehe —

„Bescheiden hüllt die Großmüthige ihr Opfer in erdichtete gütige Absicht des noch mit Haß gegen mich in die Grube Gefahrnen“ —

Du gefällst dir in deiner Verblendung, leider ist dann jede Vorstellung vergeblich. Zeit und Erfahrung mögen deine Lehrerinnen seyn. — Nur vergiß und verkenne nie deine Schwester!

„Es gilt, Adelaide! — Deine gutmüthige Arglosigkeit rechte mit den feindseligen Verhältnissen, in denen ich mit der Menschheit von meiner frühesten Jugend an stand, daß mir nur Glauben an dich und an die Wahrheit deines mir wohlwollenden edlen Zartgefühls blieb. — Und nun, um deiner Liebe willen: vermittle, daß ich den Jammerexplosionen, Bußpredigten und dergleichen mütterlichen Berufsübungen entgehe! — Die gute mater dolorosa würde mich mit ihren Thränenströmen inondiren, ohne auch nur ein Jota von meinen Entschlüssen wegzuwaschen.“

Adelaide sah ein, daß dem wilden starrköpfigen Jüngling mit keinem Zügel — wäre er auch sanfter als das Band der Liebe selbst, gerathen sey; daß auch des Vaters letzte Verfügung — welche ihn doch nach dessen Vermuthung am sichersten in Schranken hätte halten sollen — ihn noch widerstrebender machte. Ihr Herz klopfte bang; Wehmuth schmolz die Thräne, die ihrem Auge zu entfallen drohte, und mit lächelnder Freundlichkeit, unbemerkt mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand, auf welchem ein goldner Reif mit dem Motto: Wiedersehen! — ein Geschenk ihres Bruders, diesen an sein Gelübde erinnerte, erdrückt wurde. — Selbst der in dreifachen Jammer versenkten Generalin machte die ihren eigenen Schmerz verläugnende Trösterin begreiflich, daß Theodors Plan für seine Neigung der beste sey, und der nach Kenntniß fremder Länder schmachtende, aber keinesweges ausgelaßne, seiner Pflichten spottende Sohn, zuverläßig in wenig Jahren, gebildet und bewährt in männlicher hoher Tugend — deren väterliches Erbtheil ihm nicht entgangen zurückkehren werde. — „Auch der Verewigte vermogte nicht, dem Hange zu widerstehen — sich unter fernen Himmelsstrichen seiner Vervollkommung zu nähern, und blieb dem ohnerachtet der Edelsten einer unter Deutschlands Männern“ schloß beruhigend die Vermittlerin.

Ludmilla hatte hohe Achtung für die Gründe ihrer mit der Weihe eines Engels sprechenden Tochter. — Sie trocknete die mütterlichen Thränen der Verzweiflung über den ungebührlichen Sohn mit dem Wittwenschleier, und segnete ihren Erstgebornen — welcher nun als Vaterwaise ihrer Liebe in verdoppeltem Maaße bedurfte, auf daß es ihm entfernt von der Heimath wohl ergehe, und kein Schatten des verheißnen Fluches der Uebertretung väterlichen Willens, seinen Weg verfinstere, und ihn auf Abgründe führe.

Schon berechnete man nach Tagen in den Apartements der Fürstin die Auflösungsstunde der zum Grabe keuchenden Gräfin Soly; schon hatten erneuerte Zusagen und süßschmeichelnde Trostgründe ihrer erhabenen Busenfreundin, die Betrübniß der verwittweten Generalin in sanftwehmüthiges Andenken an den ihr entrissenen Alexis übergehen lassen; auch Adelaide lächelte mit theilnehmender Gefälligkeit den fröhlichen Bildern, welche sich die freudentrunkne Mathilde in der zu hoffenden Wiedervereinigung mit ihrer geliebten Jugendgespielin in dem rosigsten Kolorit erschuf. — Die Abwesenheit des Erbprinzen, welcher wenige Wochen nach dem Tode des Generals eine Reise nach B*** antreten müssen, um hoher Absicht zufolge, während eines für längere Zeit bestimmten Aufenthaltes daselbst, sich um seine künftige Gemahlin verdient zu machen — hob jede Bedenklichkeit Ludmillas und ihrer Tochter. — Nur Zynthio ließ banger Ahndung voll den Kopf sinken, und riß in bebenden Molltönen tragisch gehaltene Akkorde, wenn eben Adelaide einen Gesang an die Hoffnung gerichtet, anstimmen wollte. — Man lachte des Schwermuths-Berauschten; aber bald schwand dieses Lachen.

Jener Würger, dessen verheerende Thätigkeit öfterer das stille Glück liebender und geliebter Verbundenen in nahmenlosen Schmerz verwandelt, als die Wünsche der Erben reicher Greise, der Sklaven entbehrlicher Tyrannen — ja selbst das Flehen so vieler von jeder Freude verlassener und nur von Schmerz und Leiden heimgesuchter Unglücklichen in Erfüllung bringt — jener herzlose Freudenstörer streckte die knöcherne raubgierige Hand nicht nach der siebzigjährigen Oberhofmeisterin, sondern nach der kaum das fünfte Stufenjahr betretenden edlen Erzieherin Mathildens und deren Freundin. Ein heftiges Fieber zerrüttete das schwache Nervensystem der schon seit längerer Zeit sich ins Geheim dem Grabe nahe fühlenden nun dahinsinkenden Baronin von Treval. Es bedurfte nur wenige Tage zur entscheidenden Vernichtung ihres Lebens. Die unerbittliche Atropos zuckte, und abgemähet sank die allgemein Geliebte, allgemein Bedauerte, in die Arme des Schlafes, aus dem kein Erwachen, weder zu neuem Genuß der Freuden, noch zu drückender Tageslast hienieden statt findet.

Es wird ja nur die Hülle in Grabes Nacht versenkt, und Seligkeit die Fülle dem bessern Seyn geschenkt. Drum weinet nicht, ihr Lieben! dem Geist ist wohlgeschehn. Hört auf, Euch zu betrüben, bald winkt uns Wiedersehn!

— sang noch zum Schluß der Trauerkantate mit Trost gebietender Baßstimme der Kantor, und das Chor stimmte ein, als der Sarg in die Gruft der Schloßkirche gesenkt wurde.

„Bald winkt uns Wiedersehn!“ lispelte, von Thränen erschöpft, Mathilde Adelaiden leise zu. „Aber nicht erst in jenem Leben, darum erbat ich es von meinem Vater, daß die Entschlafene in die nur fürstlichen Gebeinen geweihte Ruhekammer dem großen Tage entgegen schlummern durfte. Der Sakristaner ist für mich gewonnen, er wird meine Wallfarth begünstigen.“

Versteh ich recht? — fragte mit einem brennenden von gleichem Verlangen belebten Blick Adelaide.

„Und du begleitest mich?“

Zu den Lebendigen und Todten! — Aber wie? —

„Heut noch, um Mitternacht. — Wir finden die Gruft erleuchtet, den Sarg geöffnet, und — — man beobachtet uns — nur dies noch: das Zugpförtchen über den Burggraben an der Kirchseite wird durch des ehrlichen Sakristaners Vorsorge niedergelassen bleiben. Wir Beide schleichen unbemerkt in die Halle; am Eingang der Gruft verläßt uns der Vertraute unsrer Todtenfeier.“

Und wir — allein? Ist die sonst so zaghafte Mathilde auch auf alles gefaßt — was Täuschung, nächtliche Stille und Grauen ihr vorgaukeln könnte?

„An deiner Seite — auf alles.“

Wo treffen wir uns?

„Unter dem Vorwande trauriger noch ungewohnter Einsamkeit, erhalte ich die Einwilligung unsrer Eltern noch diesen Abend, dich um Nachtquartier zu bitten. — Behutsamkeit, Liebe! daß kein Wörtchen sich in ungeweihte Ohren flüstere“ —

Sorge nicht, traute Schwärmerin! — die Wallfarth ist mir selbst zu heilig; siebenfacher Schleier verhülle unser Geheimniß, daß es selbst der Mond nur ahnde, auf welchem Wege sein blasser Schimmer uns leuchte.

Zynthio schlich diesen Abend, von banger Unruh getrieben, den beiden Priesterinnen der Todtenhalle auf Schritt und Tritten nach. — Gute Nacht, lieber Kamillo! rief ihm Mathilde zu, und zog Adelaiden zum Schlafzimmer. — Schlaf wohl! wünschte ihm diese, indem sie ihm einen Kuß zuwarf, und schlüpfte am Arm der Freundin ins einsame Gemach, wo verhüllende Gewänder für die beiden Wallfahrterinnen schon bereit lagen.

„Ich kann nicht schlafen,“ sagte der Sicilianer zu seinem Georg, welcher ebenfalls wie ein Geächteter umher irrte, ohne einen andern Grund seiner Unruhe angeben zu können, als daß der heutige Trauerpomp, das dumpfe Getön der Glocken, und die Schwermuth der jungen Damen ihn in diese Stimmung versetzt habe — „die Nacht ist kühl, aber schön. Der Vollmond lockt mich, trotz der strengen Märzluft, ins Freie.“

Ich trage Ihnen die Guitarre nach — fiel Georg, gleichfalls vom Reiz des nächtlichen Spazierganges ergriffen, dem ihm Dank zulächelnden Zynthio ins Wort.

„Was heißt das? Sonderbar!“ riefen Beide zugleich, als sie eine Stunde später auf ihrem Wege an die Zugbrücke der fürstlichen Burg gelangten, und das Pförtchen herunter gelassen fanden.

„Auch die Kapelle ist offen.“

Der Schein brennender Kerzen —

„Gerechter Gott! Geistern ähnliche Gestalten wanken hin und her.“

— Aengstliche Töne! wie Adelaidens Stimme!

„Wäre es möglich?“

Ob wir vordringen?

„Wenn es nur nicht unwillkommne Neugier werden könnte“ —

Unsere Damen schliefen ja wohl —

„Wieder ein vernehmbarer Ruf, wie aus der jungen Gräfin Brust entflohn!“

Bannen Sie das Fremde, und locken die Bekannten durch einige Akkorde Ihrer Guitarre.

Zynthio gab das empfohlne Signal.

„Zynthio! Zynthio!“ — rief es mit zitterndem Entsetzen. „Du hier? — oder dein Geist zu unserm Schutz gesandt?“ — Und bleich, athemlos stürzte Adelaide aus der Seitenpforte der Kapelle. Eine riesenartige Menschengestalt, im dunkelgrauen Mantel gewickelt, drängte sich auf dem schmalen Nebensteg der Schwankenden vor, stieß die herbeieilenden Jünglinge zurück, und Adelaiden in den tiefen Graben des Walles.

„Halte den Bösewicht auf“ — schrie der ihr nachspringende Zynthio dem ihm auch in den Graben folgen wollenden Georg zu. Das Geschrei versammelte die Wächter; man brachte Stangen herbei, band Fischerkähne los, und eben schwand Zynthios letzte Kraft, mit der er die leblose theure Bürde über dem Wasser erhielt, als Georg mit einer ausgerissenen Palisade sich durch Schlamm und Weiden zu den Sinkenden hinarbeitete, und Beide einstweilen an den von Weiden sich natürlich bildenden Strand zog, bis endlich die Kähne sich näherten, und die Gebadeten der Gefahr des Untersinkens und des Erstarrens gänzlich entrissen wurden.

Mathilde wurde schon ohnmächtig von dem erschrocknen Sakristaner aus der Gruft in dessen nahe an der Kirche liegenden Wohnung getragen.

Die beiden Wallfahrterinnen waren, sobald sie alles in Schlummer und sich unbemerkt glauben durften, in weiße Mäntel und Schleier gehüllt, durch eine geheime Treppe dem obern Stockwerk, und durch eine Hinterthür dem Schlosse entkommen. Ein Miethswagen erwartete am Ausgang der Allee, die von dem Portal des Wallerseeschen Schlosses auf die Chaussee führte, die begeisterten Heldinnen. — Einige hundert Schritt von der Burg, welche am äußersten Ende der Residenz lag, stiegen sie aus, und fanden alles der Verabredung getreu zu ihrem Vorhaben bereitet. Mit der Laterne in der linken Hand, und der zu nochmaliger Warnung aufgehobenen Rechten, kam ihnen der Vertraute aus der Pforte der Sakristei entgegen, und geleitete sie, da keine Vorstellungen ihren bedenklichen Entschluß ändern konnten, zum Eingang der Gruft.

Eine brennende Ampel gab der düstern Wohnung der modernden fürstlichen Sippschaft Mathildens nur eine schwache schauerliche Beleuchtung. Der vorsichtige Führer hatte sich mit Wachskerzen versehen, um sie vor Eröffnung des Sarges anzuzünden, und somit das Grauen Erweckende so viel als möglich zu mindern, als auch den Anblick des werthen Leichnams denen ihn besuchenden Freundinnen freundlicher zu machen. —

Entsetzen ergriff die unter dumpfen Tritten die letzten Stufen herunter Steigenden, als der Deckel des Sarges schon auf den Boden lag, und eine große wild umherschauende männliche Figur mit schwarzen, über das Gesicht hängenden Haaren von dem Todten hinwegeilte, und unter großem Getöse hinter die kolossalischen metallnen Särge verschwand, in denen die Gebeine der Verwesung anheimgefallnen fürstlichen Familie über den Frevel sich hörbar schüttelten.

„Ha! verruchter Dieb!“ — schnaufte der sich fassende Sakristaner — „ich kenne dich und deine Absicht. Heraus mit dem entwendeten Geschmeide. Sehen Sie, gnädigste Durchlaucht! der Spitzbube hat’s richtig schon in seinen Klauen. Aber Gewinn soll’s ihm nicht bringen!“

Mit dieser heftig ausgestoßnen Versicherung schritt er auf den ungebetnen Gast zu, und wollte ihn aus seinem Schlupfwinkel vertreiben; dieser kam ihm zuvor, schlug ihm die Laterne aus der Hand und ihn zu Boden.

Der Verwegne hatte bei Eröffnung des Sarges vor dem Altar, während der Trauermusik, ein Medaillon in Brillanten gefaßt, auf der Brust des Leichnams bemerkt, welches Mathildens Bildniß und Nahmenszug von ihren Haaren geschlungen enthielt, und auf deren ausdrückliches Verlangen, dem mehr als treuen Mutterherzen, dem es gewidmet war, auch im Tode nicht entrissen werden sollte. Mit Hebel, Nachschlüssel und Brechstangen wußte er, der ein Schlosser war, sich durch ein von ihm noch während der Begräbnißfeier unbemerkt geöffnetes und nur lose angelehntes Fenster in der Dunkelheit des Abends wieder in die Kirche zu schleichen, und als er alles sicher wähnte, in die Gruft zu gelangen. Daß er hier eine brennende Ampel fand, machte ihn anfänglich stutzig; doch hielt er es bald nur für eine Nachläßigkeit des Kirchendieners, welcher sie wahrscheinlich auszulöschen vergessen hatte, es däuchte ihm sogar bequemer zu seinem Unternehmen, denn jetzt bedurfte er der mitgebrachten Blendleuchte nicht. — Doch hielt er es für rathsamer, nicht eher Hand ans Werk zu legen, bis die schauerliche Mitternachtsstunde ihn für jede Unterbrechung eines lebenden Wesens sicherte. — Sein Schrecken war daher nicht minder groß, als die zwei in ihren Verhüllungen Geistern ähnlichen Nachtwandlerinnen, von dem mit schwarzem Mantel angethanen Sakristaner begleitet, die Gruft betraten.

Der Raub war bereits vollbracht — Furcht jagte ihn hinter und zwischen die Särge; als er sich erkannt und verrathen sah, dachte er jetzt nur auf Flucht, unbekümmert um die Erhaltung der erbeuteten Kleinodien, welche jetzt nebst dem Bildniß der blühenden Fürstentochter in und unter dem Staube ihrer stolzen Ahnen durch einen ungeschickten Fußtritt ihres Räubers zertrümmert lagen.

Adelaide versuchte um Hülfe zu rufen, doch ihre Stimme war zu schwach; größer wurde die tödtende Angst, als Mathilde, vom Schrecken überwältigt, besonders da ihres treuen Begleiters Fall auch das Hinstürzen des fremden Mannes nach sich zog, weil dieser sich in des Sakristaners Mantel mit den Füßen verwickelte, und erstere aus vollem Halse: Mörder! Diebe! schrie, ohnmächtig auf den offnen Sarg sank. Doch ergriff die beherztere Tochter des Helden Wallersee eine der mitgebrachten Kerzen, zündete sie an der brennenden in Oehl getränkten Laterne des mit dem Schlosser auf der Erde ringenden Sakristaners an, und eilte die Stufen hinauf, um Beistand zu rufen. Unterdessen waren die Kämpfenden wieder auf die Füße gekommen; der Verbrecher bestrebte sich um so mehr, denen auf das Geschrei Herbeieilenden nicht mehr zu begegnen. Der Klang der Guitarre über dem Walle überzeugte ihn, daß Personen in der Nähe wären, und als Adelaide über die schmale Brücke flog, wollte er ihr den Vorsprung ins freie Feld abgewinnen. — Wüthend packte ihn Georg, übergab ihn der jetzt zudringenden Wache, die noch eben früh genug kam, um die Ungeduld des ehrlichen Westphählingers vor eigenmächtiger, rascher Exekution an dem Mörder seiner jungen Gebieterin abzuhalten, da ihm jeder Augenblick unersetzlich schien, den er der Hülfe Adelaidens und Zynthios entziehen mußte.

Im Wahnsinn des hitzigen Fiebers klagte sich Mathilde des Mordes ihrer Gefährtin in jener Schreckensnacht an. Sie hatte die Schlußscene im Wasser, welche beinah das heroisch-romantische Drama in ein vollkommnes Trauerspiel verwandelte, erfahren, und hielt Adelaidens körperliche Gegenwart, ihren sanften Händedruck, für Erscheinung aus jener Welt; für geistige Berührungen und Aufforderungen, ihr dahin zu folgen. — Wie hätte auch die kranke Phantasie anders träumen sollen, da selbst die gesunde versucht wurde, die junge Gräfin Wallersee, seitdem sie aus dem Wellengrabe erstanden war, für einen Friedensengel zu halten, der dem bessern Jenseits noch einmal entschwebte, um seine hier noch umherirrenden Lieblinge mit himmlischer Geduld und schonender Freundlichkeit ebenfalls dahin zu geleiten. — Keine Klage körperlicher Leiden entschlüpfte ihren Lippen, wiewohl ihre physischen Lebenskräfte nicht wieder mit ihr aus jener Todesnacht zurückkehrten. Die Blüthe der Gesundheit war abgestreift, der Sturm hatte die Lilie zwar nicht geknickt, aber die zarte Wurzel dem nährenden Schooße der Mutter Erde entrissen; sie neigte nicht ihr Haupt, aber es schien sich im reinen Aether eines schönen Frühlingsabends nur bis zum gänzlichen Untergang der sie sanft umstrahlenden Sonne erhalten zu wollen.

Das stärkere Nervensystem der Prinzessin erkämpfte dieser nach einigen Wochen wieder ein vollkommnes Wohlbefinden. Auch Adelaide widersprach heiter den Bedenklichkeiten der Aerzte, und erklärte: kein Uebel nennen zu können, das sie fühlbar drückte; die abentheuerliche Geschichte ward demnach bald nebst ihren Folgen vergessen, wenigstens trübte die Erinnerung derselben keinen von Mathildens fröhlichen Tagen mehr.

„Es ist mir leid, wenn ich störe; aber der mütterliche Wunsch, die schon seit einer halben Stunde sehnlichst erwartete Tochter zu sehen, der Befehl, Sie zu suchen, entschuldige mich!“ — keuchte der schon seit dreißig Minuten im Park nach Adelaiden umherirrende Zynthio der endlich Gefundenen entgegen, und verfolgte mit forschenden Blicken einen sich durchs Gebüsch verlierenden Jüngling, dessen Gesichtszüge er wegen des tief in die Augen gesetzten Hutes nicht erkennen konnte, so bekannt ihm auch die schöne schlanke Gestalt zu seyn dünkte.

Du stören? — O wärest du früher gekommen! — antwortete freundlich, aber doch etwas bewegt, die Glühende, und stützte sich auf Zynthios Arm; — doch davon nachher. Laß uns zurück eilen.

Die Generalin hielt Adelaiden einen Brief entgegen. — Lies, meine gute Tochter, und rathe mir. Der Fall ist epinös; ich befinde mich in keiner geringen Verlegenheit.

Adelaide entfaltete das Schreiben der Fürstin, es lautete:

„Der Tod der Solly hat freilich die Oberhofmeisterinstelle endlich erledigt, aber noch will der Zufall mir die Erfüllung meiner herzlichen Wünsche erschweren. Die Wittwe des Ministers Zach, welche durch den Prozeß mit den Lehnsvettern ihres verstorbenen Gemahls alles, bis auf ihr kleines eingebrachtes Vermögen, verloren hat — supplicirt um diese Stelle. Zach machte sich um den Staat verdient, das ist nicht zu läugnen. Eine Pension, die dem Gehalt der in Anspruch stehenden Charge gleich käme, dürfte für den Finanzetat etwas zu Ungewöhnliches, und folglich denen in der eingeführten Regel graugewordnen Verwesern desselben zu Auffallendes seyn. Der Fürst mögte sich so ungern das Vergnügen refüsiren, meine Freundin als Grande Maitresse unauflöslich an unsern Hof zu fesseln — er weiß, welchen Werth ich auf diese Gefälligkeit legen würde, — und doch kann er nicht umhin, auch Rücksicht auf die Ansprüche der verwittweten Zach zu nehmen, besonders da, als ihr naher Verwandter, der Oberjägermeister Bendheim, das Gesuch unterstützt. —

Mein Gemahl meint: hier sey guter Rath theuer! — aber ich denke: Nein. — Entschädigung werde der Hülfsbedürftigen von dem, was sonst für die überflüßige Befriedigung meiner kostspieligen Launen bestimmt war, aber nicht auf Kosten der schönsten Forderungen meines Attachements für Sie. — Dagegen erwarte ich von Ihnen, liebe Gräfin! alles Enthaltens einer unzeitigen Delikatesse; und wenn das voreilige Gerücht Ihnen die Prätensionen der Zachschen und Bendheimschen Allianz schon als akkordirt zu Ohren brächten, mir nicht durch übelangebrachte Resignation entgegen zu wirken. Ich engagire Sie für diesen Nachmittag, mich auf meine Meierei Luisensruh zu begleiten; dann das Weitere.“ — —

Nun, liebe Adele! fiel jetzt die Gräfin ein — kann ich nicht mit dem Fürsten sagen: hier ist guter Rath theuer? —

„Nichts weniger. Nie versahen uns Verhältnisse, neue unerwartete Ereignisse wohlfeiler damit“ — entgegnete die Gefragte.

Und welches Benehmen schrieben mir diese Verhältnisse vor? —

„Der Vorsehung zu danken, die meine edle Mutter durch hinlängliches Vermögen in Stand setzte, zum Vortheil einer unbegüterten Familie auf die angebotne Gnade der Fürstin Verzicht leisten zu können.“

Mein Gott! — So — de But en blanc —?

„Nicht de But en blanc! — Ihr Zweck ist redlich und unfehlbar.“

Aber die Fürstin will die Zach entschädigen. Ich selbst denke mich an Großmuth nicht übertreffen zu lassen, denn ich verlange nicht den ganzen Gehalt, die Hälfte davon möge die Revenüen der ärmern Wittwe vermehren; und somit könnten die Wünsche des Fürsten und seiner Gemahlin erfüllt werden, ohne der Ministerin Unrecht zu thun.

„Und die vom Hof Entfernten würden, ohnerachtet dieser Entschädigung, über Unrecht klagen. Der Glanz, das Ansehen, welches mit dieser Stelle verbunden ist, und dessen die ohnedies reiche im hohen Range stehende Gräfin Wallersee nicht bedarf — dünkt der Frau von Zach eben so ersprießlich für die Versorgung ihrer Töchter, als es der wohlthätige reichliche Gehalt ihrer zerrütteten Finanzen seyn wird.“

Doch — ich bitte dich, Kind! wie würde mein Renonciren von der lieben Fürstin aufgenommen werden?

„Sie müßte weniger billiges Gefühl, weniger richtigen und feinen Takt haben, als doch selbst jede Zeile ihres Briefes beweist, wenn sie nicht ihren Entschluß im voraus so berechnet hätte, wie er der nicht minder edel und gerecht fühlenden Freundin einer solchen Fürstin geziemt.“

Und der Hof? — Gewiß, mein Kind! das wird ein Fest für unsere Neider geben. Man wird sagen, ich sey in Ungnade gefallen; die Zach habe mich verdrängt. Jedermann weiß, daß die Solly der Herrschaft nur deswegen zu lange lebte, weil man gern schon längst durch mich ihre Stelle remplacirt hätte.

„Dem läßt sich vorbeugen. Sie schlagen das ehrenvolle Anerbieten unter dem Vorwande aus, daß mir die Aerzte den Gebrauch der Bäder Pyrmont und Spaa verordnet, und überhaupt bis zu vollkommner Befestigung meiner schwankenden Gesundheit, die Stille und reine Landluft auf unserm Wallersee fürs zuträglichste hielten. Der Zweck rechtfertigt hier die Mittel, und entschuldige mich, wenn ich diesmal ein wenig die malade imaginaire spiele. — Gewiß, ich will das Vorgehen recht natürlich unterstützen. — Die Fürstin beklagt Angesicht des Hofes den Verlust ihrer gehofften Grande Maitresse, wünscht Ihnen mit schwerem Herzen glückliche Reise, und mir heilsames Gedeihen der Brunnenkur und der künftigen Landluft auf unsern Gütern. Die Höflinge wünschen unter tiefen Bücklingen uns desgleichen, bedauern, daß sie uns aus ihrer Mitte verlieren, und lachen, wenigstens nicht über getäuschte Hoffnung, da es von der beneideten Gräfin Wallersee abhing, sie erfüllt zu sehen!“

Adelaide! ist das dein Ernst? — Wenn der Gebrauch der Bäder nothwendig, ja dir nur wünschenswerth wäre, so reisen wir künftige Woche, wenn du willst. Aber warum von hier auf längere Zeit, wohl gar auf immer uns zu exiliren?

„Aus der triftigsten Ursach von der Welt, meine gute theure Mutter!“

Du bist bewegt — deine Wange glüht: ist dir etwas wiederfahren?

„Diesen Morgen — überraschte mich Prinz Louis im Fasanen-Gehege unsers Parks“ —

Der Erbprinz? — Mein Gott! ist er wieder angekommen?

„Für Niemand sichtbar, als für mich. Mit unserm Fasanenwärter im Einverständniß, kam er als reisender Jäger diese Nacht bei seiner Waldhütte an, nahm Herberge daselbst, und ließ mich durch eine falsche Einladung von Mathilden in aller Frühe dahin locken.“

Liebes Kind! die Sache ist ernsthaft — schlimmer als ich glaubte. Der Unbesonnene! Und was ist seine Absicht?

„Mich mit der Unmöglichkeit bekannt zu machen, eine längere Trennung zu ertragen. Er spricht von lästigen, ja selbst unsrer Ruhe gefährlichen Anschlägen des jungen Graf Bendheims, und droht, in längstens vier Wochen wieder am Hofe seines Vaters, berufen oder nicht berufen, willkommen oder nicht willkommen, zu erscheinen, und die beabsichteten Zwecke des Fürsten andern Händen zu überlassen.“

Die Generalin schlug die Hände über den Kopf zusammen, und blickte starr umher, als fürchtete sie, durch eine der drei Thüren des Zimmers den Unwillkommenen eintreten zu sehen. Nach einer kleinen Pause fragte sie kleinlaut: Wie hast du denn diesen Tollkopf bedeutet?

„Mit der Würde des Mädchens, das von ihm verlangen darf, einen solchen Besuch nie zu wiederholen: ihren Ruf, ihre Ruhe fürs künftige mehrerer Schonung werth zu achten. Er versprachs; indeß dem sey wie ihm wolle, meine theure Mutter sieht das Zusammentreffen aller dieser Umstände gewiß für einen Wink der Vorsehung an, ihre Ansprüche der verwittweten Frau von Zach mit der anständigsten ehrenvollsten Manier zu cediren.“

Freilich, freilich — So zusammen gehalten, bei so bewandten Fällen — bin ich genöthigt, und noch überdies mit guter Miene bei schlimmen Spiel, der Fürstin den Kauf aufzusagen, soll ihr und mir nicht das Mutterherz für Leid über unsere Kinder brechen. — O, der rasende Roland! — Verderben brächte er über mich und dich, du Unschuldige! Wohl, es geschehe, wie du mir gerathen.

Die Generalin hielt Wort, so viel es ihr kostete, die Residenz, welche nun schon ihre Heimath geworden, die Fürstin, in der sie eine schwesterliche Vertraute gefunden, und den Hof, welcher ihr Element zu seyn schien, zu verlassen, und trat mit ihrer Adelaide Anfangs Juni die Reise nach den Bädern an. Der Herbst fand sie schon als Einheimische auf Wallersee, den erwählten Aufenthalt für kommenden Winter und Sommer.

„Es ist schön, ganz wie ich es längst um Ihretwillen wünschte“ — sagte Zynthio, als Adelaide am Abend vor ihrer Abreise aus der Residenz ihm mit hoher Rührung um den Hals fiel, und eine bedeutende Thräne in ihrem Auge zitterte — „allein zu spät; was wird es jetzt überhaupt helfen? Mit blutendem Herzen beginnt die sich Opfernde die Heldenthat, und Genesung dem Liebekranken bewirkt man demohnerachtet nicht.“

Zeitungen verkündeten, daß der Erbprinz in der Residenz seines Vaters wieder eingetroffen sey; vertraute Briefe daher meldeten, daß Er über die Abreise Adelaidens, ihrer gänzlichen für immer berechneten Entfernung von dort erst gewüthet, mit sich und dem Schicksal grausend gerechtet — nachher aber sich besänftigt habe, und jetzt wie in einer Art Resignation lebe; man hoffe, daß er der Vernunft endlich Gehör geben, und sich wieder mit der Nothwendigkeit aussöhnen werde.

„Was wird es helfen?“ sagte abermals Zynthio — „die schönsten Hoffnungen des Lebens hat der Mehlthau eiserner Nothwendigkeit schon vergiftet; Resignation ist entweder die Frucht abgestumpfter Verzweiflung, Groll gegen Schöpfer und Geschöpf; oder sie enthält, wie in Adelaidens Seele, die Kraft des Magnets einer andern Welt.“

Mathilde an Adelaiden.

Daß du mich liebst, weiß ich; daß deine Gesundheit gewinnt, glaube ich dir nur halb, und Zynthio schreibt mir, daß du es selbst nicht glaubst, so beflissen du es auch allen, die dich lieben, versichern willst. Ferner, daß mein Bruder dir schmerzlichen Kummer mit seinem Besuch auf Wallersee verursachte, daß seine eigensinnige Leidenschaft die Störerin deiner Zufriedenheit sey, möge das Verhängniß verantworten, welches die edelste Richtung des menschlichen Herzens meinem armen Louis zum Verbrechen macht, weil Convenienz das Urtheil spricht. — Aber auch mit mir bist du unzufrieden, dies verräth so manche Zeile, ja die ganze Haltung deines Schreibens. — Stimme dich zur Harmonie mit deinen Landfräuleins herab; diese Selbstverläugnung ist deiner alles umfassenden Menschenliebe und sanften Hingebung reiner Genuß! — Aber wer alle seine Nebengeschöpfe mit gleicher Liebe umfaßt, bevortheilt die vorzüglichern Rechte geprüfter uns näher verschwisterter Seelen! — Beschuldige mich nicht kleinlicher Eifersüchtelei! — ich weiß, und du selbst wirst fühlen, daß meine Besorgniß vor dem Richterstuhl einer so zarten Freundschaft, wie die unsrige, gerechtfertigt ist.

Jeder Tag vermehrt die Sammlung deiner schriftlichen Aufsätze — auch dies weiß ich, Dank sey es der Aufrichtigkeit des felsenfesten Bundesgenossen Camillo! — aber für mich schuf eine den Gelegenheitsgeschäften gewidmete Stunde ein längst mir schuldiges Antwortschreiben. — Ich könnte vergelten; denn noch baue ich auf meinen Werth bei dir — aber nein, dieses Blatt ist nur die Beilage eines Tagebuchs von mehrern Wochen, in denen ich mich für dich und mit dir aussprach. Die kleine Betty, welche ohne dich und Zynthio fernerhin, so wenig als die Biene ohne den Saft der Blüthen zu leben und zu weben vermag — überbringt dir dieses Paket.

Weh mir! Adelaide ist für mich verloren. Auch das trauliche Du entzieht sie mir. — Du verweisest mich auf die Stuffe der künftigen Großherzogin, und läßt mich dort isolirt stehen. — O Adelaide! das ist nicht der Weg, mich für meine Bestimmung zu gewinnen. So süß die Schaale auch seyn mag, in der du mir deine Ermahnungen darreichst, der Kern ist bitter — bittrer als mir ihn je die Hand der Freundschaft hätte bieten sollen. — Sobald die Arznei widersteht, geht die Wirkung verloren. — Ich soll von einer Schwärmerei genesen, die in dieser sublunarischen Welt weder eignes noch allgemeines Glück gedeihen läßt — noch gefährlicher sey ihr berauschender Duft dem unbefangnen Herzen der Fürstentochter, welche alsdann mit exaltirten Forderungen an das Menschengeschlecht den Pfad zum Throne wandelt; diese Erwartungen getäuscht: folglich sich zur Verachtung, zur Gleichgültigkeit gegen diese Menschen berechtigt glaubt — und was dergleichen sanktionirte Sentenzen mehr sind.

Wisse, gute Adelaide, du beschuldigst mich einer Schwäche, der du selbst unterworfen bist, nur daß du dich größer, erhabener auf deinem stolzen Zelter ausnimmst! — Du schwingst dich mit der Geisteskraft eines Weltweisen zum vollkommensten Erdengeschöpf hinauf, ohne Enthusiasmus für dies glänzende Ziel würde das siebzehnjährige Mädchen dies nicht ausdauernd wollen, nicht vermögen. — Ich lebe nur dem weichen Gefühle meines Liebe und Freundschaft bedürfenden Herzens. — Mein Ideal von Glückseligkeit steht tief unter dem deinigen — aber ich umfasse es mit glühender Seele — während dich das letztere in sokratische Temperatur versetzt. — Bedaure mich, wenn du schlußgerecht Unglück für mich daraus folgerst: um so mehr, da ich dir aufrichtig bekenne, daß ich jenem Ideal treu zu bleiben mir fest gelobt, und noch nichts weniger, als für die Anträge des Großherzogs, mich entschieden habe. —

Gleiches Blut wallt in den Adern meines Bruders, gleiche Standhaftigkeit in dem System heißer reiner Liebe, motivirt auch seine Begriffe über das, was er darf oder nicht darf; so sehr diese Begriffe auch die exemplarische Staatsklugheit vor den Kopf stoßen mögen.

Verzeihe der schwesterlichen Liebe den Verrath an der Freundschaft — der nur dir Lebende ist mit deinem Entschluß, dich nie zu vermählen, bekannt. Eine Adelaide beschließt nie, ohne reiflich erwogen zu haben, und Beharrlichkeit ist dann ihr Gesetz — folglich versiegt nie die Quelle süßer Hoffnung für meinen Bruder. Sein letzter Brief überzeugt mich neuerdings, daß, kühn durch diese Hoffnung, er den Zweck seiner Sendung schlecht befördere und uns auf die gehoffte Erbprinzessin vergeblich warten lassen werde. — Verdamme ihn, wenn deine strenge Weisheit auch schon über deine Herzensgüte, ja selbst über die menschliche Billigkeit, gesiegt hat.

Am lodernden Kaminfeuer, auf seinem mit Leder beschlagenen Armstuhl sitzend, und unzufrieden mit dem Schneegestöber des angehenden Aprills aufs Fenster hinblickend, blies der Landrath von Elfen formidable Wolkensäulen von Tabacksrauch um sich — die, je mehr ihm, außer dem Kitzel des angenehmen Brandopfers Virginischen Kanasters, noch etwas Wichtigeres auf der Zunge lag, immer dicker und undurchdringlicher wurden.

Graf Hochburg ergriff jetzt auch die Beilage zum hamburgischen Korrespondenten.

„Lass das nur weg;“ sagte der alte Herr. „Mir liegt dermalen etwas näher, als jene Ediktalien, Citationen und Ankündigungen wunderthätiger Arkane. — Höre, Neffe! Ich verstehe mich nicht auf das verfängliche Betasten des guten Gewissens eines ehrlichen Kerls — also ohne Umschweife: Freund, wie stehst um dein Herz? — wem gehörts?“

Lieber Onkel! — Karoline ist mit Ihrer Einwilligung meine Verlobte —

„Um die seit einer gewissen Zeit dein Leichnam wie eine Gliederpuppe herumstationirt, während deine Liebesgedanken meilenweit von der Verlobten Posto gefaßt haben? — Getroffen! das zeigt dein Erröthen, das verrät dein Stammeln.“

Nicht allemal sind dies überführende Beweise —

„Sey ehrlich, Bursche! — Antworte offen, wie es meine gutgemeinte Frage verdient. Ist dir Karoline noch das, was sie dir vor einem halben Jahre war? — wünschest du heute noch eben so herzlich: der Tag eurer Verbindung wäre auf morgen festgesetzt, als dazumal, da ich ihn noch auf ein Jahr hinaussetzte?“ —

Lieber Onkel! — warum sollte ich nicht — —

„Pfui! mit diesem armen Sündergesicht, mit diesem stotternden Behelf würdest du selbst von der jungen Wallersee kaum ein bedauerndes Lächeln über den Seelenbanquerouten Schächer gewonnen haben; um derentwillen du dich doch in dieser preßhaften Lage befindest.“

Noch verstehe ich nicht ganz. — Sollten Sie Verdacht auf mich und die Gräfin haben? — —

„Verdacht? — Ueber den steht die vortreffliche junge Gräfin zu erhaben, und Er — junger Herr — noch zu weit unten.“

Herr Landrath! — —

„Was beliebt?“ —

Sie sind meiner Mutter Bruder, und dürfen mir freilich manches sagen — —

„Was einem Andern eine blutige Nase kosten würde, so recht er auch übrigens hätte. Genug, du siehst, daß ich zu alt bin, um nicht vom Blatte wegzulesen, was unter deinem Brusttuche geschrieben steht. Seit du die Wallersee kennen gelernt, seitdem ist dir dein Verhältniß zu Karolinen lästig.“

Auf Ehre! ich liebe meine Kousine —

„Als Vetter, und würdest dich aufrichtig freuen, sie am Arm eines andern braven Mannes zum Traualtar treten zu sehen. — Du wünschest doch ihr Glück?“ —

Hätte ich so viel in Ihrer Meinung verloren, daß Sie auch daran zweifeln könnten? —

„Nun dann, eine frostige Ehe würde sie unglücklich machen, sie hat Hang zur Eifersucht, und du kaum ein halbes Herz für sie. — Folglich, aus der Heirath mit Karolinen kann nichts werden.“

Julius sank an des Landraths Brust. Guter, theurer Onkel! mein zweiter Vater! — entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht! —

„Halt, so klingt’s? — Ich habe mich also nicht geirrt. Der ehemalige Liebhaber würde mit Sturm und Donnerwetter gegen die Bräutigams-Entlassung protestirt haben; der erkaltete Bonjourmacher fällt mir dankbar gerührt über den erhaltenen Abschied um den Hals. Gut, gut — die Sache ist abgemacht, unter uns beiden, heißt das. Aber noch nicht mit deinem Vater, mit Karolinen — die schonende Behandlung und Achtung zu fordern hat; doch auch das wird sich finden.“

Aber — schließt und geht mein guter Onkel auch nicht zu eilig? —

„Erspare dir die unnöthigen Schnörkeln; ich kann die Proforma’s nicht leiden. An mir ist’s, dich zu fragen: gehst du auch nicht zu eilig? — Was soll’s werden mit dir und der Wallersee? — Du zwar bist der allezeitfertige Freier, aber sie? — und für dich?“

Ich glaube noch für Keinen. — Adelaide ist noch frei —

„Und nichts weniger als zu zärtlicher Neigung für dich gestimmt.“ —

Sie betrachtet mich als Karolinens Verlobten.

„Gut, dahinter will ich bald kommen. Das Mädchen ist ohne Verstellung; sie hat Vertrauen in mich.“

Bester Onkel! was wollen Sie?

„Das Eis probiren, auf dem du eingebildeter Thor vielleicht zu zuversichtlich deine unwiderstehliche Herrlichkeit produziren willst. — Würde sie auf dich reflektiren, wenn sie dich frei weiß, so überlaß das Weitere mir. Für Karolinen findet sich schon noch Entschädigung; besser den Brautstand aufgehoben, als den Ehestand mit Wehe zerrissen, oder verzweifelnd bis zum Grabe fortgeschleppt.“

Aber mein Vater wird —

„Seine podagraischen Beine verfluchen, daß sie ihn abhalten, dich selbst auf die Zinne des Straßburger Thurms zu schleppen, und seinen Stammhalter mit eigner Hand herunter zu stürzen. — Doch auch aus ihm hoffe ich den bösen Geist zu treiben, wenn nur die Wallersee den zärtlichen Schäfer zu erhören sich geneigt findet.“

„Heisa! trabe der Herr nicht so übermüthig einher!“ — raunte der Landrath seinem Neffen in’s Ohr, als dieser Tages darauf die Nachricht des jungen Baron Milken: Adelaide habe an dem Grafen Bendheim einen eifrigen Bewerber, aber dieser schien in seinen Bemühungen nicht glücklich zu seyn, und habe Wallersee vor ein Paar Tagen wieder sehr aufgebracht verlassen — mit fröhlichem Lachen aufnahm, und seinen Witz über den abgewiesenen Seladon spielen ließ. „Morgen wird sich’s entscheiden, ob er über Bendheim triumphiren, oder sich mit ihm werde trösten müssen.“

Der Landrath ritt nach Wallersee; gegen Abend kam er zurück. Seine Familie empfing ihn mit Fragen, wie es um das Befinden der Damen dort stehe? ob er von der Comtesse das neue Modejournal, von der Haushälterin die vollständige Koch- und Backereikunst, und von der Generalin den russischen Thee bekommen und wohlbehalten mitgebracht habe?

Alles das könnt ihr dort selbst in Empfang nehmen — erwiederte der bestürmte Kommissionair. — Karoline packt ihre Habseligkeiten, so viel sie deren auf einige Wochen bedarf, zusammen, und Mutter Friederike bringt morgen früh ihr Töchterchen nach Wallersee, wohin sie freundlichst eingeladen, und auf so lange, als es ihr dort gefällt, herzlich willkommen ist. — Die Comtesse verspricht dir viel Vergnügen, ein neues englisches Fortepiano, wie dir noch keines dergleichen vorgekommen, neue Moden, dir völlig den Kopf zu verdrehen, Affen und Papagoys, dich mit ihnen lehrreich zu unterhalten — alles dieß ist unterdessen angekommen, und von Euch Frauenzimmern noch nicht angestaunt worden. — Säumt nicht, morgen mit dem Frühesten ist für Euch angespannt.

O scharmant! rief erfreut Karoline, und hüpfte fort, ihre Reiseanstalten zu treffen.

Recht gern, sagte die Landräthin — es war längst mein Wunsch, die Generalin selbst zu besuchen; nur wagte ich ihn nicht zu äußern — wegen der Pferde, die du doch jetzt nicht gern in der Wirthschaft missest.

Muß wohl; wer kann so artigen Damen etwas abschlagen. — Jetzt, liebes Riekchen, sey auch du galant, und sorge für meinen Nacht-Imbiß; der Ritt hat mir Apetit gemacht.

Die Landräthin ging mit freundlichem Behagen an der bevorstehenden Lustreise ihren häuslichen Geschäften nach. Julius sah sich nun mit seinem Onkel allein; bange Erwartung des ihn angehenden Berichts aus Wallersee schloß ihm den Mund, so sehr ihm auch die Frage: Wie denkt Adelaide meiner? — das Herz drückte.

Der Landrath ließ ihn nicht lange in Ungewißheit: „Und mit dem, wovon wir gesprochen haben, lieber Neffe, ists nichts, rein nichts!! — Ich bedaure dich, wahrlich ich bedaure dich! — Du hättest ein glückliches Loos gezogen, wäre dies Mädchen dir zu theil geworden.“

Warum aber verschmäht sie mich? — stotterte Julius — So ist sie schon versagt —

„Nein. Sie wird keines Andern Weib, und — ich glaube, es verdient sie auch keiner; Adelaide ist zu gut für unsere lieben Alltagsmänner. Ich habe nur eine halbe Stunde mit ihr unter vier Augen gesprochen; sie hat mir Ursachen angegeben, warum es nicht seyn kann, in Wendungen und Entschuldigungen, die ich weder wörtlich verstanden habe, noch sie dir mitzutheilen vermögte; aber ich begreife und bin fest überzeugt, daß es nicht seyn kann. Uebrigens giebt sie deinen Wankelmuth der Unzufriedenheit mit Karolinens Mangel an feinem Ton und Weltkenntniß Schuld.“

Ja, wenn sie mich so charakterlos hält —

„Hm! Sie scheint mir auf dem rechten Wege zu seyn. — Adelaidens glänzend ausgebildete Talente, der Stempel der großen Welt, des Hoftons, der überall ihr Benehmen auszeichnet, verleidete freilich dem eleganten Chevalier das simple jener galanten Lebensart unkundige Landmädchen. — Die Wallersee behauptet: dem könne abgeholfen werden, und wiewohl ich nichts weniger willens bin, als dir meine Tochter aufzudringen, überhaupt das: Heute so, und morgen anders! nirgends statuire, wo ich drein zu reden habe — so mußte ich doch versprechen, ihr Karolinen in die Schule zu geben.“

Die ohnehin schon liebenswürdige Cousine wird unstreitig in jeder Art gewinnen; doch eben so wahr ist es, daß ich auf dieser entscheidenden Stufe mich sehr gedrückt fühlen muß.

„Er meint, diese Stufe sey das Fußgestell eines Donquixots? — So ganz unrecht habt ihr nicht, edler Ritter!“

O diese Adelaide! Gott gebe, daß sie mich nicht noch zu etwas Schlimmern macht, als zu einem Narren —

„Der Ihr jetzt schon im höchsten Grade seyd!“

Wie soll ich künftig ihren Anblick ertragen?

„Dessen bist du überhoben: man verbittet deine Besuche auf Wallersee in den ersten Paar Monathen.“

Ha, bravo, mon cher Oncle! ich erkenne dankbar die Früchte Ihrer Vermittelung — die Sachen stehen vortrefflich!

„Sieh, Bursche! hielt ich dich jetzt nicht für eine Art Gecken, von denen man sagen muß: Sie wissen selbst nicht, was sie thun — in diesem Augenblick würdest du mir verächtlich! — Ich glaube, der Pinsel unterfängt sich, mich der Kabale zwischen ihm und seinem Liebesglück bei der Gräfin zu beschuldigen.“

Der Landrath war in allem Ernst böse, und Julius, der wohl einsah, daß er des Onkels Beistand nicht verlieren dürfte, legte sich mit Bitten und Schmeicheln zum Ziel. Er versprach, sich seiner Verbannung aus Wallersee auf vier Wochen wenigstens zu unterwerfen, sich still und leidlich zu verhalten, und ohne Vorbehalt auf Karolinens Hand, die jetzt der stolze Vater ihm auf jeden Fall versagen würde, dem Mädchen selbst mit der bisherigen Vertraulichkeit und wohlwollender Achtung zu begegnen.

Karolinens Bekehrung überlaß ich Adelaidens Klugheit — fügte der Landrath noch zum Schluß hinzu. — Das weibliche Ehrgefühl kann auch nur von der zarten Schicklichkeit eines Weibes in jene nöthige Reizbarkeit gebracht werden, ohne den Stolz und die Ansprüche des Mädchens zu kränken.

Die Cousine nahm des Vetters finstere Laune für Verdruß, daß er sie nun mehrere Wochen hindurch nicht sehen würde; da eine vorgeschützte Reise zu seines Vaters Bruder ihn hinderte, ihr Vergnügen durch seine Gegenwart in Wallersee zu vergrößern. Sie selbst tröstete ihn, daß nichts schneller laufe, als die Zeit, und Wiedersehen nach langer Trennung das Süßeste sey, was ein treues Herz erfreuen könne. —

Was die Frühlingssonne der knospenden Schöpfung war — so wie der junge Mai den stürmischen Aprill verdrängte, und sich schöner entwickelte, als je die Dichter ihn besungen hatten — eben das war Adelaide für Karolinens Blüthen; auch das artige Landmädchen entwickelte sich unter der jungen Gräfin Leitung zur reizenden Hebe, die selbst den Landrath mit dem Becher hoher Vaterfreude über ihre Verwandlung berauschte.

Ich hoffe, sagte Adelaide dann mit sanftem Händedruck zu dem vergnügten Alten: der Ritter würde noch gern um diese Perle einen Zug nach Palästina unternehmen.

Hm! — ich zweifle. Herzen lassen sich nichts unterschieben — und dann — zum Lükkenbüßer wäre sie überall zu gut. Ich wünschte, sie ahndete, daß sie dies als Weib nur ihrem Vetter seyn könnte, ohne daß ein wörtlicher Commentar sie davon unterrichtete.

Zeit bricht Rosen, sprüchwörtelten unsere Alten, und die ehrlichen Leute wußten wohl, was sie sagten. — Befiehlt die subtilere Nothwendigkeit, dem Geliebten nur den Grad eines Vetters zu zuerkennen, so wird Lina dem Willen des Vaters und der jungfräulichen Würde vielleicht ohne sonderlichen Zwang Gehör geben. Als sie vor einigen Tagen vernahm, Graf Julius sey, während wir einen Besuch in der Nachbarschaft abstatteten, in der Hoffnung uns zu sehen, hier gewesen, bewunderte ich die Ruhe, mit der sie seinen vergeblichen Versuch bedauerte.

Die Dirne ist leichtsinniger, als ich geglaubt hätte, aber in gegenwärtigem Fall frommt es uns allen. — Nun, ich habe meine Sach’ Gott heimgestellt — singt auch ein braves altes Lied — und ich habe meine Noth mit dem Mädchen in ihre gütige, geschickte Hand gelegt; besser konnte sie nicht aufgehoben werden; denn ich betrachte Sie als einen Engel, uns von Gott geschenkt, Leiden zu versüßen und Freuden uns zu erhöhen. —

Ich kann es dem Passionsritter nicht verargen — murmelte der Landrath, indem er sich aufs Pferd und noch einen väterlichen Liebeskuß nach Adelaidens Fenster warf — wenn er um eines solchen Mädchens willen nicht nur seiner Braut, der ganzen Welt, ja sich selbst ungetreu wird.

Adelaide arbeitete mit Karolinen an einer Stickerei, die zum Geburtstag der Frau von Elfen vollendet werden sollte. Georg unterbrach mit einem Postpaket die emsigen Künstlerinnen.

Meines Bruders Hand — Mathildens, und — von Bendheim; sagte leise mit steigender Verwunderung die Empfängerin. Kaum hatte sie einen der Briefe zur Hälfte gelesen, so bat sie erblassend: Zynthio mögte die Vorzeichnung der Stickerei an ihrer Statt vollenden, und eilte in ihr Kabinet. Karoline wendete ihre besorgten Blicke auf den Sicilianer, der Adelaiden eben so betroffen nachsah.

Die Gräfin entfärbte sich, ihre Stimme zitterte; die Angst würde mich antreiben, ihr zu folgen — aber sie könnte ungestört seyn wollen. Sie, als der vertrautere Freund des Hauses dürfen vielleicht —

„Zudringlicher seyn? — Nein, Fräulein! ich verstand ihren Wink, allein seyn zu wollen. Nie habe ich gewagt, dies stillschweigende Gesetz zu übertreten. — Droht ihrem Befinden ein Unfall, so ist Betty im Nebenzimmer, und zur Hülfe im Augenblick alles bereit.“

Eine Stunde später verließ Adelaide das Schreibepult. „Guter Georg!“ rief sie dringend dem Gerufenen entgegen — „laß dir den besten Renner aus dem Stall ziehen, und eile mit diesen Briefen nach der nächsten Post, von dort aus schicke ungesäumt eine Stafette mit deiner Depesche weiter. — O über den Dienstfertigen! Die Hast, mit der er den Auftrag schon erfüllt haben möchte, läßt ihn das Nothwendigste vergessen.“

Die Briefe habe ich doch alle richtig? —

„Ja, aber ohne diesen Kommandostab geht dir kein Fußbote aufs nächste Dorf, geschweige eine Stafette — sagte lächelnd Adelaide, und warf ihm eine gefüllte Börse zu. Georg verschwand, und die Erheiterte meldete für nächstens unerwarteten Zuspruch eines halb Europa durchwanderten Gastes an.“ —

Doch nicht jener Briefsteller, der meiner guten Adelaide vorhin das Roth von den Wangen blies? fragte Karoline; sonst rechne ich ihn ungekannt schon unter die Unwillkommnen.

Nichts weniger. Es ist mein Bruder, der Euch artigen Mädchen zwar gern gefährlich werden möchte, jedoch — wenn ich darum bitte — recht sehr willkommen zu seyn, so halbwegs verdient.

Lina flog fröhlich in ihrer Freundin Arme, und ruhig floß der Abend unter Musik und Scherzen bin.

Nur dieser Pulsschlag-Revisor lauert auf jede Wallung, jeden langsamern Lauf meines Blutes, als wäre er von meinen Erben besoldet — sagte neckend Adelaide zu dem immerwährend ernsten, jetzt aber doppelt bekümmerten Kamillo. — Glaube, mir, es ist nichts, was mich bedeutend decontenanciren könnte, und hätte mich auch die lästige Kaprice des Bendheims, immer wieder anzuklopfen, in unangenehme Laune versetzt, so erheitert mich die Freude, meinen Theodor zu sehen, doppelt und dreifach.

Stumm und unbefriedigt von dieser Versicherung stieg Zynthio den Schneckenberg zur Philosophen-Ruhe hinauf; durch hohe Linden stahl sich der Mond, und beleuchtete mit kaltem Hohn den Usurpator dieses Thrones ruhiger Weisheit, der in bittrer Fehde mit dem Schicksal lag. Er ahndete, daß hier ein Geheimniß herrschte, welches Adelaide aus Schonung gegen einen Dritten so sorgfältig verbarg, sich selbst aber, indem sie die Last desselben allein trug, unverantwortlich aufopferte. Daß auch die heut empfangenen Nachrichten schädlich auf ihr Befinden gewirkt hatten, bewieß die brennende Wange, das nur übel zu verbergende Zittern der Hände, und die Begierde, mit der sie ein Glas Limonade statt alles Nachtmahls verschlang.

Es war eine Lieblings-Gewohnheit der jungen Gräfin, vielleicht auch Beförderung ihrer sanftern Ruhe — da ein leidender Körper meistentheils das Bette, als den Tummelplatz seiner Schmerzen mit Widerwillen betrachtet — daß sie die erstere Hälfte der Nacht auf einer Ottomane wegschlummerte, und gegen Morgen erst in den Flaum der weichern und wärmern Kissen sich flüchtete. Auch diese Mitternacht belauschte die heißen Athemzüge der Schlafenden auf den morgenländischen Polstern des kleinen Museums. Eine Spiritlampe warf ihr blasses Licht durch die offne Thür aus dem daranstoßenden Schlafkabinett, aus welchem, durch ein leises Geräusch gelockt, jetzt die noch mit Schreiben beschäftigte Karoline trat, und den rastlos umherwandelnden Sicilianer, sorgsam über die Ottomane gebückt, erblickte. Er zündete die Kerzen des Spiegel-Lüsters an, und nahm Besitz von einer Chaise longue, von welcher aus er Adelaiden genau beobachten konnte.

So spät noch? Signor Kamillo! Wäre für die Gräfin wirklich zu fürchten? — fragte Karoline, doch etwas betroffen über den männlichen Besuch, der gegenwärtig durch die misteriöse Stunde der Nacht, in welcher die jungfräuliche Schamhaftigkeit im Nachtgewande dieses Kabinet zum Heiligthum machte, zur Entweihung desselben wurde.

Das wird die Zeit lehren, die man aber alsdann zu spät fragen dürfte! — erwiederte Zynthio, und rückte den Schirm vor die Lichter, daß ihre Strahlen in Adelaidens nur halbgeschloßnes Auge nicht drangen.

So leise Frage und Antwort, so behutsam jede Bewegung geschah, dennoch erreichten sie das Ohr der Schlafenden. Mit neuer Kraft belebt, an Muth und Hoffnung gestärkt, winkte sie dem treuen Freunde: „Dem voreiligen Frager antwortet die Geheimnißvolle nie, doch mich scheint sie zu ihrer Lieblingin erkoren zu haben; mit purpurnem Finger entschleierte sie in dieser Stunde für mich den wichtigen, mir nahe liegenden Zeitraum. — Weg jedes ängstliche Zweifeln, jedes fibrilsche Zagen menschlicher Schwäche und Unbestimmtheit. Vor allen Dingen halte dich an keinen Schein; du wirst Handlungen, Anstalten sehen, die dir manches Kopfbrechen kosten dürften, es sind Operationen der sich nähernden glücklichern Katastrophe; und sind wir am Ziel, dann soll dir auch nicht das kleinste Motiv, der geringste Zweck verborgen bleiben. Bis dahin erhalte deine Seele in ruhiger heitrer Erwartung, und glaube mir, ich befinde mich wohl. Schicke mir die Betty, und gehe schlafen. — Und du, Lina, unterläßt mir künftig das nächtliche Schreiben; schone den Glanz deiner Augen, die frische Farbe deiner Wangen — bald winde ich dir die bräutliche Myrthe um deine Locken, und du eilst aus dem Arm der Schwester mit dem Geliebten zum Altar.“

Ein apokalyptisches Gesicht durch den Eindruck der erhaltenen Nachricht erzeugt, und in der Fieberhitze verarbeitet, seufzte Zynthio; indem er sich entfernte. — Der Ungläubige! sagte Adelaide; und Karoline, weniger zu zweifeln geneigt, papilliotirte noch diese Stunde die bräutlichen Locken mit zwiefach angestrengter Geschicklichkeit.

Dort jene Nymphen-Gestalt am Bassin, welche das mit Blumen zierlich umwundne Füllhorn über den mit Moos gekrönten Häuptern der Nestors des Karpfengeschlechts ausschüttet — sollte das nicht meine Adelaide seyn? — dachte Theodor und eilte leise, die ihn nicht bemerkende Pflegerin der Wasser-Patriarchen mit seiner Umarmung zu überraschen.

„Willkommen an meinem Herzen, du Einzige!“ rief er, und erstickte mit einem feurigen Kuß den Schrei auf ihrer Lippe, als die Erschrockene das Gesicht kaum zur Hälfte nach ihm gewendet hatte, welches ein neidischer Basthut verbarg.

Karolinens Bestreben, sich aus den Armen des ungestümen Fremden zu winden, bewirkte in der nächsten Minute die Erkennung seines Irrthums. Verlegenheit und Entschuldigung von einer, — Bestürzungstammelndes: Wer sind Sie? glühende Wangen, furchtsam forschende Blicke von der andern Seite, machte die Unterhaltung für Beide zwar interessant genug, doch gewann sie nur durch Adelaidens Herbeifliegen an Lebhaftigkeit und leichterer Erklärung.

„Noch einmal an mein Herz, Theodor, du sehnlichst Erwarteter!“ sagte Adelaide, indem sie den kaum Freigelaßnen wieder mit einem Arm umschlang, und mit dem andern Karolinen an sich zog — „ich verlange vollen Ersatz der Küsse, die meine Freundin Karoline von Elfen auf meine Rechnung empfangen hat.“

Ich will den mir nicht gebührenden Empfang an die Behörde ehrlich erstatten, erwiederte diese, und begann die Zahlung auf Adelaidens Lippen. Graf Wallersee wollte die Entschädigung selbst leisten, und Karolinens Verwirrung erneuerte sich, als sie auch ihre Wangen von Theodors Küssen brennen, und sich mit dessen Schwester zugleich von seinen Armen umschlungen fühlte.

„Das hätte er doch nicht thun sollen!“ klagte sie sich eine halbe Stunde später, als sie in ihr Kabinet geflüchtet war, um die vertraulichen Mittheilungen des ersten Wiedersehens zwischen Geschwister und der erfreuten Mutter nicht zu stören. „Wie mich die Lippen schmerzen! wie ich glühe! und die Brust — er muß mich gewaltig gedrückt haben: denn es ist mir so beklommen. So küßt Julius nicht, nein! so nicht. Ach, der Vetter sollt’ es von ihm lernen — ich glaube, sein Kuß wäre süßer!“

Nichts mehr von dieser Julie La Valette! ergoß sich das geheilte Bruderherz den nächsten Tag, als er mit der geliebten Schwester in der Jasminlaube saß. — Herkules stand am Scheidewege. Die Phryne ließ die Maske noch früh genug fallen; ich entdeckte die Abgründe ungeachtet der täuschenden Blumenpfade, so wie Julie meine Kräfte, ihren unersättlichen Eigennutz zu befriedigen, schwinden sah. Durch manche meiner Erzählungen war ihr dein Edelmuth bekannt; frage nicht, welche Projekte die Elende darauf bauete. Als ich sie entschlossen verwarf, enthüllte sich das Laster; ich schleuderte die Natter von mir, und dankte Gott, daß noch kein unauflösliches Band mich mit — der Vice-Gemahlin des Düc de *** vereinigt hatte. Frankreich hatte keinen Reiz mehr für den Getäuschten, ich kehrte zurück, und denke doch wohl noch einen Platz in meinem Vaterlande zu finden, auf den sich ein Stück Brod verdienen und ruhig essen läßt.

Sophie ist vermählt — sagte Adelaide — einer Bedingung wärest du also enthoben, wenn deine Neigung nun einmal nicht für sie gesprochen hätte; und der Majorats-Herr darf hoffen — —

Nichts, denn ein Erbschleicher werde ich nun einmal nicht, folglich auch kein Majorats-Herr.

So darf’s aber nicht bleiben, durchaus nicht! — Soll ich die mir anvertrauten Güter unrechtmäßigen Händen übergeben? — In weniger denn acht Monathen heischt meine Pflicht, sie nach dem Willen unsers verstorbenen Vaters den eigentlichen Erben abzutreten.

Und dieser eigentliche Erbe ist der Glückliche, den du mir einst zum Schwager giebst; die Verfügung ist mir bekannt.

O, des Ohnfehlbaren! Dem nur eben der wichtigste, ihn am nächsten angehende Punkt dieser Verfügung unbekannt blieb! Du hast dich dem Vaterlande wiedergegeben. — Sophie hat anders gewählt, deine Verbindlichkeit ist gehoben. — Wallersee und Tomsdorf nebst den dazu gehörigen Ortschaften und Meiereien sind dein; für meine Mitgift ist außerdem gesorgt; — und nun darfst du nach deinem Herzen wählen.

Angenommen, ich hörte auf das schmeichelnde Geschwätz deiner großmüthigen Schwesterliebe; laß selbst die wohlgemeinte Lüge in deinem Munde zur Wahrheit werden — in Rücksicht des Wählens und meiner Neigung war ich niemals glücklich.

Unter den deutschen Mädchen hast du doch wohl noch keine Beweise für diese Behauptung? —

Hm! Von meinen Angelegenheiten auf deine Umgebungen zu kommen. — Bendheim findet also keine Erhörung? — und zwar mit Recht! Der Wicht verdient dich nicht. Er schlich um mich während der zwei Tage meines Aufenthalts in der Residenz, wie eine Kröte, die sich ihres Gifts entledigen wollte. Nur das forschende Auge, die drohende Miene des Erbprinzen, welcher, wie du weißt, wegen den neuerdings eingetretenen Apoplektischen Zufällen seines Vaters zurückberufen ist, nöthigten ihn, sich mit seiner Ladung jedesmal wieder zu retiriren, wie er avancirt war. — Italien scheint ein Donnerwort zu seyn, mit dem er die Ruhe der Wallerseeschen Familie in die Luft zu sprengen vermeint.

Ich hoffe, es soll ihm nicht gelingen. Bald kommt ein Zeitpunkt, wo unsere Ruhe aufhören wird sein Spielwerk zu seyn.

In dieser Zuversicht liegt viel Bedeutendes! Adelaide, die Fürstenkrone schwebt über deinen Locken —

Weh mir, wenn ich zu dieser Vermuthung Anlaß gab. O Theodor, störe nicht den süßen Genuß, den mir meine gegenwärtigen Umgebungen, wie du sie nennst, so rein gewähren. In diesem Zirkel belebt mich nur das Interesse der Schwester- und Kindesliebe, und der Freundschaft.

Die letztere blüht im lieblichen Kranze um dich — Karoline von Elfen dankt dir die Vollendung ihrer Liebenswürdigkeit, sagt mir unsre Mutter, so auch, daß sie schon verlobt sey —

Ob wohl Graf Hochburg glücklich wählte — fiel Adelaide schalkhaft ein.

Familienbündniß — vielleicht wie einst das meinige mit Sophien werden sollte. — Liebt sie ihn?

Es war ihre erste Liebe.

Der Glückliche!

Warum? — Auch Julie war deine erste Liebe; die frühern Gefühle sind nicht allemal die stärksten.

Wäre diese Bemerkung hier anwendbar? —

Bereichre deine Erfahrungen bei näherer Bekanntschaft mit ihr.

Man gewinnt nichts an Klugheit durch das Studium der Weiberherzen; öfters kostet es unsre Vernunft, ja selbst den baaren Gehalt einer honetten Männerseele.

Beginnt der Forschende mit unbefangnem Blick, mischt sich nicht aufkeimende Leidenschaft in seine Beobachtungen, so steht weder die Vernunft noch der Seelengehalt auf dem Spiel.

Zum Commerce nehme ich die Karten in die Hand, und ende im Hazard-Spiel, wo der letzte Point mich zum Bettler macht.

Karoline ist keine Julie.

Aber schön, blühender noch, als es jene war, und — bereits das Eigenthum eines Andern.

Unter Bedingungen, die beiden Verlobten vielleicht jetzt schon nicht mehr behagen. —

Begierig diese Bedingungen zu wissen, und mit erneutem Muth bewaffnet, die Herzen der Mädchen zu ergründen, begann Theodor für die Erndte seiner Erfahrungen, Karolinen sorgfältig zu prüfen. Der glücklichste Erfolg krönte seine Bemühungen. Nach Verlauf einer Woche war es entschieden, daß Fräulein von Elfen — wofern ungetheilte zärtliche Liebe für Graf Julius gegenwärtig noch die Hauptbedingung ihrer Verbindung mit ihn sey — sie nie dessen Gattin werden könnte.

Adelaide an Mathilden.

Der glückliche Moment ist da, wo ich mich mit schwesterlicher Vertraulichkeit zu meiner Mathilde erheben darf; jede Rücksicht überwunden, welche mir gebot für dieses Erdenleben nicht die Fürstentochter — die künftige Großherzogin über der geliebtesten, der vertrautesten Freundin zu vergessen. Fesselfrei von jeder kalten nothgedrungenen Bedachtsamkeit fliegt Adelaidens Geist zu dem deinigen, und bringt dir Schwestergruß und Kuß! — Jetzt verstehest du mich auch wieder — nicht so meine Mathilde? — jetzt wird jedes meiner Worte Glauben und Eingang in dein Herz finden! und sey überzeugt: nie bedurften, nie verdienten sie dessen in so hohem Grade als jetzt. Das Schicksal legt die Hand an den letzten Akt des Drama’s, und bereitet die Entwicklungsscene mit der Phantasie eines heroisch schwärmenden Dichters, wo es an Energie, an Sprache der Weihe so wenig fehlen darf, als an den die Illusion befördernden Dekorationen und feierlicher Beleuchtung. Der Knoten ist geschürzt, die Auflösung folge hier einstweilen skelettirt — wenn ich erst noch einige der wichtigsten Punkte, welche — wie die größern Planeten auf unsere kleinere Welt, auf mich, oder vielmehr auf jene Entwickelungsscene Einfluß haben, mit dem glühenden Griffel meiner Gefühle für dich und die theuren Deinen angemerkt haben werde.

Winde den Flor um das Herz der liebenden Tochter, dem der Verlust des Vaters, nicht des Fürsten bevorsteht! Denke eine Schwester trauert mit dir. — Der erhabene Leidende verspricht, Grüße von mir meinem guten Vater mit hinüber zu nehmen? — O dürfte ich an des Fürsten Lager, wie an dem des Vaters stehen, und ihm zulispeln, was ich dir — wenigstens in diesem Briefe noch nicht sagen darf! — doch drücke den Kuß der kindlichsten Dankbarkeit für dieses schöne zarte Versprechen auf seine väterliche Hand; sage ihm: die Tochter seines ihn und mich dort erwarteten Alexis verstehe und fühle eben so zart, wie sie sich dieses segnenden Andenkens würdig machen müsse!! —

Wohl dir Mathilde! mit freiem Herzen kannst du die letzten Stunden deines großen Vaters, durch Erfüllung seiner Wünsche für dein Wohl versüßen. — Aber mit banger Furcht blicke ich jetzt auf deinen Bruder! — mißtrauend seinen Grundsätzen über Ehre und Pflicht des festen Mannes — ich will mich nicht einmal hier auf die weichern Gefühle des tugendhaften Menschen berufen, die selbst in der Brust der Fürsten die Basis seines edelsten Wollens seyn sollten; — von dem Gedanken niedergedrückt, ich sey der Gegenstand seiner beharrlichen Unglücks schwangern Leidenschaft, ergreift kalter Schauer meine Seele, und fremd wird ihr der Bruder meiner Mathilde. — Es bedarf keiner weitern Auseinandersetzung meiner Meinung hierüber, du fassest sie ohnehin so lebendig und wahr, als ich das unglückliche Gemählde in seiner schrecklichsten Darstellung vor Augen habe, welches du mit von den Verhältnissen des Fürsten und seines Sohnes nur als Skizze entworfen hast.

O zürne mir nicht, beleidigter Vater! wende dein Auge noch nicht hoffnungslos von ihm — bald wird er dir und dem Staate, den du jetzt schon verwaist zu sehen glaubst, wiedergegeben. Versöhnt, der erwählten Mutter künftiger Enkel gewiß, schwebt erst dein Geist hinüber, wann die wichtige Katastrophe meines Lebens unter deinem Segen entschieden hat.

Graf Bendheim hat Deutschland verlassen, um in Italien die Pfeile der Rache zu spitzen; ich soll vor seiner Rückkunft zittern? — Er komme: daß der Erbprinz ja nichts thue, uns dagegen zu sichern. Ich weiß bestimmt, daß der verblendete Eiferer sich nur zu sehr verrechnet, und in der Zwecklosigkeit seines Strebens sich selbst bestraft.

Und jetzt zu den Neuigkeiten unsrer Tage: Mein Bruder betrat als Gegner des Graf Hochburg den Kampfplatz; der Preis war Fräulein Karoline von Elfen. Sein Glück wollte, daß Julius von Hochburg und die ihm früher verlobte Karoline seit einiger Zeit sich mehr und mehr überzeugten, Liebe sey es nicht, was sie für einander bestimmte; die eingebildete glühende Zärtlichkeit verschwand, und an ihre Stelle trat nun ohne Täuschung, das freundschaftliche Wohlwollen, welches sich herzlich, aber ruhig, in die Verwandtschaftsbande guter Menschen webt. Theodor und Karoline schwuren sich gestern als Verlobte ewige Treue. Der redliche Landrath von Elfen weinte Thränen der Freude; denn die Unbeständigkeit seines Neffen hatte ihn schon früher zu dem Entschluß gebracht, Karolinens Verbindung mit diesem aufzuheben. Hochburg, der Vater, der sich seit sechs Jahren an der Aussicht weidete, die Brudertochter seiner verstorbenen Gemahlin mit seinem einzigen Sohn verheirathet zu sehen, zürnte gewaltig, diese Hoffnung durch die beiden Abtrünnigen vereitelt zu sehen. Er war durch nichts zu besänftigen, ein förmlicher Familienbruch zwischen Hochburgs und Elfens stand bevor, wenn ich ihm die verlorne Tochter nicht ersetzen wollte. — Mein guter Vater Elfen, den ich wahrlich kindlich verehre, bat so freundlich, mit so rührender Gutherzigkeit, — Ritter Julius dessen Dämon mich erkor, sein Herz Karolinen zu entwenden, rang wie ein Verzweifelnder mit meinem Gelübde, nie einem Manne angehören zu wollen — seine Verhältnisse, sein Charakter, so wie das Aeußere des Grafen, gaben mit keinen Vorwand, auf jenen Vorsatz zu beharren, hingegen bedeutende Ursachen bestimmten mich, ihn aufzugeben, und so vernimm denn die nie dir geträumte zweite Neuigkeit: wir feierten eine doppelte Verlobung — das zweite Paar: Julius und Adelaide.

Nun, meine geliebte Mathilde! — Du wünschest mir noch nicht Glück? — Denke dir, zur Verherrlichung der gestrigen Scene, die selige Wonne, die stille aber um so unaussprechlichere Freude meiner guten sanften Mutter! Du kanntest ihren Kummer um Theodor und jetzt ward der frommen Dulderin so schön vergolten; rein wie geläutertes Gold kniete der hochherzige Jüngling mit seiner Geliebten vor der verehrten Mutter; ihre liebe Hand ruhte segnend und zitternd vom überwältigenden Gefühl, auf dem schönen Apollskopf; denn wahrlich, Theodor ist, seit die Liebe die letzte Feile an ihn legte. Die vollkommenste, aber auch die verführerischte Kopie des Vatikanischen Gottes geworden: ihre Freudenthränen glänzten auf seinen goldnen Locken. — O, es war eine Gruppe, in deren Beschauung sich selbst Zynthio verlor; schon heut den ganzen Morgen war dieser beschäftigt, die Leinewand für seine Staffelet aufzuspannen um das Tableau durch seinen Pinsel zu verewigen.

Nach einer sehr herzlich gütigen Umarmung entließ die von allen Seiten mit Gratulationen bestürmte Mutter auch meinen Verlobten, und zog mich zärtlich einige Schritte abwärts. — Kind! sagte sie, deine Entschlüsse so wie deine Handlungen haben so einen besondern feierliche Gehalt — man fühlt und ist überzeugt, daß sie Gott und Engeln angenehm seyn müssen, aber man weiß nie, ob es dir dabei um dein eignes irdisches Glück zu thun war. — Du kannst nicht zweifeln, daß der Schritt, welcher dich dem Altar und einer glücklichen Ehe zuführt, meinen vollkommnen Beifall hat. Dich kann hienieden weder Reue noch Unglück treffen; aber mir engt eine Ahndung das Herz, und doch sollte ich mich dieses Schwachmuths erwehren; denn es ist ja, wie Gott es von seinen Frommen heischt! — Du siehest das Glück dieser Welt für Spielwerk an, womit du dich nur zur Freude für andere Kinder beschäftigest. — Deine Sehnsucht hat ein höheres Ziel.

Amen! sprach ich — und wie könnte die Tochter einer so frommen Mutter anders wünschen und fühlen? —

Sie drückte mich so fest an ihre Brust, als glaubte sie, die Erreichung dieses Ziels wollte mich schon in dieser Minute aus ihren Armen reißen. Ich hielt für nothwendig, sie durch weniger angreifende Gemüthsbewegung zu zerstreuen, und war bemüht, unter heitern Uebergängen in den Scherz der nach uns hinblickenden Gesellschaft, sie der vorigen fröhlichen Stimmung wiederzugeben. Die übrigen Glücklichen vereinigten sich mit mir zu diesem Endzweck, den wir auch sehr bald erreichten.

„Und das wäre denn die große Begebenheit, die wichtige Katastrophe, welche das wunderbare Schicksal, gleich dem kolossischen Erzeugniß seiner Phantasie einen Heldendichter in die Angst einer Gebährerin brachte? — hör ich dich fragen. Das Mädchen Adelaide hat sich nach ihrer Mütterweise einen Mann erwählt, und wird in etlichen Monaten, in der Ordnung gewöhnlicher Vorfälle, Gräfin Hochburg. Poetisch begannst du die Einleitung zu einer Alltags-Geschichte, die du auch, ihrem Stoff gemäß, sehr prosaisch endest.“

Ich sagte, das Schicksal legte die Hand an den letzten Akt, und bereitet die Entwickelungsscene — —

Doch! spotte wie du willst, ich habe durch einen herzhaften Sprung eine Stufe erreicht, auf welcher ich mit leichtem Herzen deiner Aufforderung willfahren und dich Schwester nennen darf. Die Verlobte des Grafen Hochburg vernichtet alle und jede Deutelei oder Schlußfolge — es sey das Studium der Verleumdung, oder das Hoffen eines kranken verirrten Herzens — über die mich ehrende Vertraulichkeit mit der Schwester des Erbprinzen! — Melde dem Fürsten, daß ich seinen Befehl erfüllt, und der Ring, welchen er mir einst an meinem Geburtstage mit dem Wunsche verehrt, daß ich ihn bald als Verlobungsring gebrauchen mögte, seit gestern in dieser Eigenschaft die Hand des Grafen Hochburg ziere.

„Keine Eifersucht, werther Neffe! — Es verdrieße ihn oder nicht, ich weiß mir nun nirgends besseres Wohlseyn zu suchen, als wo meine liebe künftige Nichte mich willkommen heißt!“ braußte eines Morgens mit ungewöhnlicher Munterkeit der Landrath, ungefähr vier Wochen nach dem Verlobungsfest in Adelaidens Zimmer. Julius, welcher im Taumel seines Glücks jetzt öfters wie ein Kind tändelte, und eben parterre zu Adelaidens Füßen saß, wollte aufspringen, seinen Onkel zu empfangen, während die Gehuldigte dem herzlich Willkommnen Hand und Kuß bot. „Bleibe er sitzen, der größte Ehrenplatz für ihn! Dreißig Jahre früher, und nur über meiner Leiche hätte er sich desselben bemeistern dürfen!“ fuhr der verjüngte Alte fort.

„Herr Landrath!“ fiel Adelaide ein — „Sie mögen es verantworten, wenn ich eitel werde, und ihnen alles aufs Wort glaube, denn ich bin ein Mädchen, und wann hätten Mädchen je an dem gezweifelt, was ihnen schmeichelhaftes gesagt wurde. Doch Ihnen leuchtet heute, wenn ich nicht irre“ —

„In verdoppeltem Maaße die Freude aus den Augen — nicht wahr, das wollten Sie sagen? — Ja, liebes Kind! ich bin so halb und halb hinter eine Ueberraschung gekommen, die ich wohl noch nicht hätte errathen sollen.“ —

Und welche? —

„Mein Weg führte mich an der Kirche vorbei; ich hörte und sah Maurer, Zimmerleute, Tapezierer in voller Arbeit, wahrscheinlich die Kirche zu einem besondern Fest zu schmücken; und dennoch — seht, Kinderchen! wie diskret ich bin! — ich spionirte nicht, wie oder wozu? — ich wollte Euch den Spaß nicht verderben. Aber da fallen mir durch die offne Thür des Zofen-Gemachs die violet-sammtnenen Decken mit den Wallerseeschen Wappen in die Augen, an die eine Stickerin die Grafenkrone in der Arbeit hatte, und da fiel mir natürlicherweise das Hochburgische, welches doch nun auch hinzugefügt werden muß, aufs Herz, wie ein Sache, an der ich längst ein Aergerniß genommen habe. Element, Neffe! Er ist ja sonst ein gewaltiger Heraldiker; es gefällt mir nicht mit seinen Neuerungen und frühern Auswüchsen. Seit zwei, dreihundert Jahren haben seine Vorfahren, Kaiser und Reichslehne so viel daran geschnürkelt, daß aus dem Kreuzzügler zu Roß auf einer hohen Felsenspitze, der sechste Tag der Schöpfung geworden ist, an dem Gott die vernünftigen und unvernünftigen Thiere ins Leben rief. Löwen, Pferde, Greifen und Raben haben den Felsen niedergestampft und gehackt, und ihn zierlich genug in sechs Felder eingetheilt, damit jedes von ihnen seinen eigenen Stall habe. In den beiden untersten steht endlich ein demüthiger Ritter, dessen Schwerdt in der Scheide ruhet, und blickt andächtig auf eine im nächsten Felde befindliche Mauer im Saracener Lande, wo ein Hochburg die christliche Fahne aufgesteckt, und dann unter vielen Wunden gefallen ist. — Ich bitte dich, Julius, erwähle wieder das erste Sinnbild des Muths und Vertrauens auf Gott und die gerechte Sache, wie es noch auf der Ruine einer alten verfallenen Burg der Hochburgs in Franken zu sehen ist! — Sie müssen wissen, liebe Komteß! Kurt von Elsek, der Stammvater dieses Herrn hier, zog mit Kaiser Friedrich nach Palästina, und war einer der Wenigen, die nicht ertranken. Er hielt sich tapfer, kam nach Franken zurück, fand seine Güter bereits in andern christlichen Händen, und gerieth mit seinen voreiligen Erben in Streit, der freilich nach damaligem Rechtsbrauch, nur durch Faust, Stärke und Muth entschieden werden konnte. Er erschlug seinen Anticipator im ehrlichen Zweikampf; indeß wurde der heilige Vater sehr unwirsch, denn einer der päpstlichen Legaten hatte den pfäffischen Söldner zum Erben konstituirt, wofür dieser einen Theil der Elsekschen Güter dem benachbarten Kloster zugeschlagen hatte. Der ehrliche Kreuzzügler wurde verfolgt und in den Bann gethan. Der neue Kaiser wollte es nicht gern mit Sr. Heiligkeit um eines gemeinen Ritters willen verderben, den er hingegen seiner bekannten Tapferkeit wegen seinem Heere erhalten und schützen wollte; auch wußte er wohl, daß aus den Händen der Geistlichkeit, die sich nun aller seiner Besitzungen bemächtigt hatte, schwer wieder etwas zurück zu erlangen war. Demnach fiel der Beschluß dahin aus: daß Kurt von Elsek die Spitze eines steilen hohen unwegsamen Felsen des Fichtelgebirgs im Fränkischen Hochland zu Gaule hinaufsprengen, und eine einzelne Fichte, die oben stand, als Wahrzeichen, daß er das Abentheuer bestanden, abhauen und mit herunter bringen sollte, welches dann, als Gottes Urtheil, daß seine Fehde gerecht war, anzusehen, und der Bann wieder von ihm zu nehmen sey; auch ferner er durch des Kaisers Gnade mit anderweitigen Burgen und Lehen“ — —

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