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Zwischen Himmel und Erde

Vorwort (continued 2)

Reading edition

Die Zuschauer unten tief auf der Erde falten atemlos unwillkürlich die Hände, die Dohlen, die der Steiger von ihrem letzten Zufluchtsorte verscheucht, krächzen wildflatternd um sein Haupt; nur die Wolken am Himmel gehen unberührt ihren Pfad über ihn hin. Nur die Wolken? Nein. Der kühne Mann auf der Leiter geht so unberührt, wie sie. Er ist kein eitler Wagling, der frevelnd von sich reden machen will; er geht seinen gefährlichen Pfad in seinem Berufe. Er weiß, die Leiter ist fest; er selbst hat das fliegende Gerüst gebaut, er weiß, es ist fest; er weiß, sein Herz ist stark und sein Tritt ist sicher. Er sieht nicht hinab, wo die Erde mit grünen Armen lockt, er sieht nicht hinauf, wo vom Zug der Wolken am Himmel der tödliche Schwindel herabtaumeln kann auf sein festes Auge. Die Mitte der Sprossen ist die Bahn seines Blickes und oben steht er. Es gibt keinen Himmel und keine Erde für ihn, als die Helmstange und die Leiter, die er mit seinem Tau zusammengeknüpft. Der Knoten ist geschlungen; die Zuschauer atmen auf und rühmen auf allen Straßen den kühnen Mann und sein Tun hoch oben zwischen Himmel und Erde. Schieferdecker spielen die Kinder der Stadt eine ganze Woche lang.

Aber der kühne Mann beginnt nun erst sein Werk. Er holt ein anderes Tau herauf und legt es als drehbaren Ring unter dem Turmknopf um die Stange. Daran befestigt er den Flaschenzug mit drei Kloben, an den Flaschenzug die Ringe seines Fahrzeugs. Ein Sitzbrett mit zwei Ausschnitten für die herabhängenden Beine, hinten eine niedrige, gekrümmte Lehne, hüben und drüben Schiefer-, Nagel- und Werkzeugkasten; zwischen den Ausschnitten vorn das Haueisen, ein kleiner Ambos, darauf er mit dem Deckhammer die Schiefer zurichtet, wie er sie eben braucht; dies Gerät, von vier starken Tauen gehalten, die sich oberhalb in zwei Ringe für den Haken des Flaschenzugs vereinigen, das ist der Hängestuhl, wie er es nennt, das leichte Schiff, mit dem er hoch in der Luft das Turmdach umsegelt. Mittels des Flaschenzugs zieht er sich mit leichter Mühe hinauf und läßt sich herab, so hoch und tief er mag; der Ring oben dreht sich mit Flaschenzug und Hängestuhl, nach welcher Seite er will, um den Turm. Ein leichter Fußstoß gegen die Dachstühle setzt das Ganze in Schwung, den er einhalten kann, wo es ihm gefällt. Bald bleibt kein Menschenkind mehr unten stehen und sieht herauf; der Schieferdecker und sein Fahrzeug sind nichts Neues mehr. Die Kinder greifen wieder zu ihren alten Spielen. Die Dohlen gewöhnen sich an ihn; sie sehen ihn für einen Vogel an, wie sie sind, nur größer, aber friedlich, wie sie; und die Wolken hoch am Himmel haben sich nie um ihn gekümmert. Die Damen neiden ihm die Aussicht. Wer konnte so frei über die grüne Ebene hinsehen und wie Berge hinter Bergen hervorwachsen, erst grün, dann immer blauer, bis wo der Himmel, noch blauer, sich auf die letzten stützt! Aber er kümmert sich so wenig um die Berge, wie die Wolken sich um ihn. Tag für Tag hantiert er mit Flickeisen und Klaue, Tag für Tag hämmert er Schiefer zurecht und Nägel ein, bis er fertig ist mit hämmern und nageln. Eines Tages sind Mann, Fahrzeug, Leiter und Rüstung verschwunden. Das Entfernen der Leiter ist so gefährlich als ihre Befestigung, aber es faltet niemand unten die Hände, kein Mund rühmt des Mannes Tat zwischen Himmel und Erde. Die Krähen wundern sich eine ganze Woche lang, dann ist es, als hätten sie vor Jahren von einem seltsamen Vogel geträumt. Tief unten lärmt noch das Gewühl der Wanderer der Erde, hoch oben gehen noch die Wanderer des Himmels, die stillen Wolken, ihren großen Gang, aber niemand mehr umfliegt das steile Dach, als der Dohlen krächzender Schwarm.

Apollonius hatte zum Behufe seines Gutachtens noch manche Untersuchungen angestellt. Das Turmdach war mit Metall gedeckt; diese Decke lag schon nahe an zweihundert Jahre. Als er sie auf seinem Fahrzeuge umfuhr, fand er die Metallplatten der völligen Auflösung nah. Das hatte man gefürchtet. Bleideckung auf hohen Gebäuden kommt ungleich teurer als Deckung mit Schiefer, wenn man diesen in der Nähe hat. Den Schieferbedarf nimmt der Decker in seinem Fahrzeug mit hinauf, das kann er mit den ungleich schwereren Bleiplatten nicht. Die ganze Deckung mit Schiefer besorgt der Arbeiter von seinem Fahrzeuge aus; Bleideckung macht feste Gerüste nötig. Apollonius tat den Vorschlag, auch das Turmdach mit Schiefer einzudecken. Der Blechschmied, ein Bedeutender, wandte zwar ein, die Alten hätten die Sache so gut verstanden, als die Leute in Köln, — das sollte ein Stich auf Apollonius sein. Und der Bruder war damit einverstanden: hätten die Alten gemeint, Schiefer tue es so gut als Blei, sie hätten gleich Schiefer genommen. Damals waren eben noch keine Schiefergruben in nächster Nähe vorhanden; der Schiefer hätte weit hergeholt und so die Schieferdeckung teurer kommen müssen als die mit Blei. Das Kirchendach war damals mit Ziegeln und erst später, da die Schiefergruben in der Nähe schon im Gang, mit Schiefer gedeckt worden. Das wußten der Blechschmied und Fritz Nettenmair nicht oder wollten es nicht wissen. Den letzteren drückte das wachsende Ansehen des Bruders. Aber Apollonius wußte es und konnte damit den Einwurf entkräften.

Sein Vorschlag war angenommen worden. Man wollte die ganze Leitung der Reparatur in Apollonius Hände legen. Um seinen Bruder nicht zu kränken, bat er, davon abzusehen. So wenig wollte er den Bruder kränken, daß er nicht einmal aussprach, warum er so bitte. Er war von Köln her gewöhnt, selbständig zu handeln; wie er seinen Bruder wiedergefunden hatte, sah er manche Hemmung durch ihn voraus. Er wußte es, er lud sich eine schwere Last auf, als er dem Bauherrn versprach, die Sache solle unter dem zweiköpfigen Regiment nicht leiden. Der wackere Bauherr, der Apollonius erriet und ihn darum nur mehr achtete, schaffte ihm die Genehmigung des Rats und nahm sich im stillen vor, wo es nötig sein sollte, seinen Liebling und dessen Anordnungen gegen den Bruder zu vertreten.

Es war eine schwere Aufgabe, die Apollonius sich gesetzt; sie war noch viel schwerer, als er wußte. Sein Hiersein hatte den Bruder von Anfang nicht gefreut; Apollonius schob das auf den Einfluß der Schwägerin; er war ihm seitdem noch fremder geworden — kein Wunder! Apollonius hatte ja bereits des Bruders Eitelkeit und Ehrsucht kennen gelernt; dieser fühlte sich durch das, was seither geschehen, gegen Apollonius zurückgesetzt. Den Widerwillen der Schwägerin meinte Apollonius durch Zeit und redliches Mühen, die gekränkte Ehrsucht des Bruders durch äußere Unterordnung zu versöhnen. War kein weiteres Hindernis vorhanden, durfte er hoffen, die Aufgabe, so schwer sie schien, zu lösen. Aber was zwischen ihm und dem Bruder stand, war ein anderes, ein ganz anderes, als er meinte. Und daß er es nicht kannte, machte es nur gefährlicher. Es war ein Argwohn, aus dem Bewußtsein einer Schuld geboren. Was er tat, die vermeinten Hindernisse aus dem Weg zu räumen, mußte das wirkliche nur wachsen machen.

Wäre er nicht zurückgekommen! hätte er dem Vater nicht gehorcht! wäre er draußen geblieben in der Fremde!

An der Turmspitze hängt das Fahrzeug; nun wird es auch auf dem Kirchendach lebendig. Rüstige Hände hämmern den Seilhaken in die Verschalung und schleifen mit starkem Tau den Dachstuhl daran. Er besteht in zwei Dreiecken, aus festen Bohlen zusammengezimmert. Der Neigungswinkel des Daches hat das Verhältnis seiner Seiten bestimmt. Denn unten liegt er strohumwunden in ganzer Breite auf der Dachfläche auf, während er oben die quer übergelegten Bretter wagrecht emporhält. Darauf steht oder kniet der hämmernde Schieferdecker; neben ihm handrecht hängt der Kasten für Nägel und Schieferplatten, mit seiner Hakenspitze in die Verschalung eingetrieben.

Apollonius überließ dem Bruder die Überweisung der Arbeit. Fritz Nettenmair tat erst wunderlich, indem er zu verstehen gab, er meine, Apollonius sei gekommen, hier den Herrn zu spielen und nicht den Diener. Es lag in der argwöhnischen Richtung, die sein Denken einmal angenommen, allem, was der Bruder tun mochte, eine Absicht, eine planmäßige Berechnung unterzulegen. Er vermutete deshalb, Apollonius wünsche die Arbeit auf dem Kirchdach zu übernehmen. Wer hier schaffte, konnte zu jeder Zeit sehen, ob das Fahrzeug am Turmdach besetzt war oder ledig an der fliegenden Rüstung hing. Er tat arglos, er nehme an, Apollonius sei lieber bei der Umdeckung des Turmdaches beschäftigt, die er ja selber vorgeschlagen. Apollonius weigerte sich nicht. Fritz meinte, er willige ein, obgleich es ihm unangenehm sei, was er aber nicht merken lasse; Fritz hatte die Empfindung eines Menschen, dem es gelungen, einen Widersacher zu überlisten. Eine Empfindung, die sich erneute, so oft er von seiner Arbeit auf dem Dachstuhle hinaufsah nach dem Fahrzeug der fliegenden Rüstung am Turm, mit der Gewißheit, der Bruder könne das Fahrzeug nicht verlassen und heimgehen, ohne daß er es sehe und ihm zuvorkommen könne. Dann war ihm Apollonius der Träumer und er selbst war der, der die Welt kannte. Im andern Augenblick vielleicht sah er wieder den Arglistigen im Bruder und fand es wohltuend, sich dagegen als den Arglosen zu bemitleiden, dem jener Schlingen lege, um nur den Bruder hassen zu dürfen, der ihn hasse. Ihm fehlte das Klarheitsbedürfnis Apollonius’, das diesem den Widerspruch gezeigt und den erkannten zu tilgen gezwungen hätte. Vielleicht hatte er ein Gefühl von dem Widerspruch und unterdrückte es absichtlich. So setzte sein Schuldbewußtsein den Haß als wirklich voraus, den es verdient zu haben sich vorwerfen mußte.

Bald merkte Apollonius, hier war nicht die Ordnung, das rasche und genau berechnete Ineinandergreifen, an das er in Köln sich gewöhnt, ja nur, wie es der Vater früher hier gehandhabt. Der Decker mußte viertelstundenlang und länger auf die Schieferplatten warten; die Handlanger leierten und hatten in der Unordnung und Trägheit der Behauer und Sortierer eine gute Entschuldigung. Der Bruder lachte halb mitleidig über Apollonius Klage. Eine solche Ordnung, wie der sie verlangte, existiere nirgends und war auch nicht möglich. Bei sich verspottete er wieder den Träumer, der so unpraktisch war. Und wäre die Ordnung möglich gewesen, die Arbeit war im Taglohn verdungen. Die verlorene Zeit wurde bezahlt wie die angewandte. Und als Apollonius selbst dazu tat, den Schlendrian abzustellen, da war er dem Bruder wiederum der Wohldiener des Bauherrn und des Rates, er selber der schlichte Mann, der solche Kunstgriffe verschmäht. Da wollte ihn jener nur vollends aus dem Sattel heben und hatte noch Schlimmeres im Sinn, was ihm aber nicht gelingen sollte mit aller seiner Arglist; da war Apollonius eigens darum heimgekommen. Und doch meinte er, der Träumer werde sich die Hörner ablaufen, wenn er ins Werk setzen wollte, was ihm selbst, der die Welt kannte, nicht gelang. Ihm, der schärfer auf dem Zeuge war als selbst der im blauen Rock zu seiner Zeit gewesen.

Fritz Nettenmair meinte den alten Herrn noch zu übertreffen, wenn er noch schriller auf dem Finger pfiff, noch grimmiger hustete und noch entschiedener ausspuckte. Was an dem alten Herrn das wirklich respektgebietende war, die Folgerichtigkeit, die auch, wo sie in Eigensinn ausartet, Achtung wirkt, die ruhige, in sich gefaßte Würde einer tüchtigen Persönlichkeit, das übersah er. Wie er es selbst nicht besaß, fehlte ihm auch der Sinn, es an andern wahrzunehmen. Stand seine Gestalt überhaupt im Widerspruch mit der Haltung des alten Herrn, die er ihr aufkünstelte, so widersprach ihr seine Unruhe und innere Haltlosigkeit jeden Augenblick. Die diplomatische Art zu reden schien er dem alten Herrn nur abgeborgt zu haben, um seine eigene Oberflächlichkeit und Gehaltlosigkeit zu verspotten. Aus dem steifen Wesen des blauen Rockes fiel er dann zu Zeiten plötzlich in seine eigene herablassende Jovialität und in eine Region derselben, wo der Spaß den Abstand von Vorgesetzten und Untergebenen mit schmutzigen Fingern auslöschte, als wäre er nie gewesen. Rückte er sich dann ebenso plötzlich in der Autorität gewaltsam wieder zurecht, so brachte das die verlorene Achtung nicht wieder, es beleidigte nur. Zu alledem kam noch, daß er sich von manchem Arbeiter übersehen und in schwierigen Fällen sie machen lassen mußte, was sie wollten.

Apollonius dagegen hatte von Natur und aus der Schule beim Vetter, was dem Bruder fehlte; er besaß die Würde der Persönlichkeit, die Folgerichtigkeit bis zum Eigensinn. Seine innere Sicherheit galt; sie mußte sich nicht geltend machen — er war des sichtbaren Mühens um Achtung überhoben, welches so selten seinen Zweck erreicht, ja gemeiniglich ihn verfehlt. Und so gelang ihm, was er wollte. Bald war die musterhafteste Ordnung beim Bau und alle schienen sich wohl dabei zu befinden, nur Fritz Nettenmair nicht. Das rasche Ineinandergreifen, das wie im Geleise einer unsichtbaren Notwendigkeit ging, machte das Wesen im blauen Rocke, in welchem er sich so groß fühlte, überflüssig. Noch ein Grund zum Unbehagen daran war, daß die neue Ordnung von dem Bruder ausging; von demselben, dem er schon so viel zu verzeihen hatte und dem er immer weniger verzeihen mochte. Er wußte nicht, oder wollte nicht wissen, welchen Zauber eine geschlossene Persönlichkeit ausübt, obgleich er selbst widerwillig sie anerkennen mußte, und noch weniger, daß diese ihm fehlte und der Bruder sie besaß. Er war bei sich einig, der Bruder hatte Mittel angewandt, die zu brauchen er selbst mit Genugtuung sich zu edel fühlte. Dadurch hatte jener die Leute ihm abspenstig gemacht. Apollonius hatte keine Ahnung von dem, was in dem Bruder vorging; der war gegen ihn, wie man gegen Arglistige sein muß, auf der Hut; denn solche Feinde kann man nur mit ihren eigenen Waffen besiegen. Die brüderliche Freundlichkeit und Achtung, mit der ihn Apollonius behandelte, war eine Maske, unter der dieser seine schlimmen Pläne sicherer zu bergen meinte; er vergalt ihm, und machte ihn leichter unschädlich, wenn er unter derselben Maske seine Wachsamkeit barg. Die gutmütige Willigkeit Apollonius’, sich ihm äußerlich unterzuordnen, erschien dem Bruder wie eine Verhöhnung, an der die Arbeiter, von dem Arglistigen gewonnen, wissend teilnahmen. In seiner Empfindlichkeit griff er selbst nach den Mitteln, die er bei diesem voraussetzte. Offen ihm entgegenzutreten, verhinderte der Umstand, daß Apollonius ihm selbst imponierte, wenn er auch diesen Grund nicht hätte gelten lassen. Er legte den blauen Donnerrock beiseite und stieg bis auf die unterste Sprosse seiner Jovialität herab. Er begann, durch Winke, dann allmählich durch Worte, sein Mitleid mit den Arbeitern zu zeigen, die unter der Tyrannei eines wohldienerischen Eindringlings seufzten, wie er ihnen bewies; da er nicht den Mut hatte, sie zu offener Widersetzlichkeit zu reizen, suchte er sie zu einzelnen kleinen Ausgriffen zu verleiten. Er begann, sie täglich zu traktieren. Sie aßen und tranken, blieben aber wie zuvor in dem Geleise, das Apollonius vorgezeichnet.

Illustration from Zwischen Himmel und Erde

Der gemeine Mann hat den scharfen Blick des Kindes für die Stärken und Schwächen seiner Vorgesetzten. Durch dies Bemühen, das sie durchschauten, verlor Fritz Nettenmair noch den letzten Rest seiner Achtung; sie lernten daraus, wenn sie es noch nicht wußten, mit wem sie es verderben durften, mit wem nicht. Und wären sie ungewiß gewesen, so hätte sie das ungleiche Benehmen des Bauherrn gegen die beiden Brüder bestimmen können. Und da sie nicht so fein waren, und auch nicht die Gründe dazu hatten, wie Fritz Nettenmair, gab sich ihre Meinung unverholen kund. Sie nahmen sich Dinge gegen ihn heraus, die ihm zeigten, daß der Erfolg seiner Herablassung ein ganz anderer war, als den er beabsichtigte. Nun zog er zürnend die Wolke des blauen Rockes wieder um sich zusammen, pfiff schrillender als je, so daß es drüben in der großen Glocke wiedertönte; ging auf doppelten Stelzen, zog die Schultern noch einmal so hoch am schwarzhaarigen Kopfe herauf; der Grimm und die Entschiedenheit seines früheren Hustens und Ausspuckens war ein Kinderspiel gegen sein jetziges. Aber die Arbeiter wußten bald, dergleichen geschah nur in Apollonius Abwesenheit, und dessen zufälliges Kommen brachte, wie der aufgehende Vollmond, die schwersten Gewitter aus der Fassung.

Fritz Nettenmair mußte an der Wiederherstellung seiner verlorenen Bedeutung auf dem Schauplatz der Reparatur verzweifeln. Natürlich schrieb er auch das Ergebnis seiner falschen Maßregeln auf Apollonius’ immer wachsende Rechnung. Das Gefühl, überflüssig zu sein, packte ihn, wie den alten Herrn, brachte aber nicht ganz dieselben Wirkungen hervor. Was dem alten Herrn das Gärtchen, das wurde nun dem älteren Sohne der Schieferschuppen. Wenigstens so lange er Apollonius auf seinem Fahrzeug oder auf dem Kirchendache sah. Aber er brachte den blauen Rock nun auch mit in die Wohnstube. Seine Kinder — das war leicht, da er selbst sich nicht um sie bekümmerte, — hatte der Bruder ja auch — und natürlich mit schlechten Mitteln — gewonnen. Die schlechten Mittel waren eben die, die er selbst nie anwendete: unabsichtliche Güte und weise Strenge der Liebe. Aber auch in seiner Frau sah er immer mehr etwas wie einen natürlichen Bundesgenossen des Bruders gegen ihn. Das sah er lange vorher, ehe er noch den geringsten wirklichen Anlaß dazu hatte, und das war der Schatten, den seine Schuld in die Zukunft seiner Phantasie warf. Ihr altes Gesetz wird ihn zwingen, durch die Verkehrtheit seiner Abwehrmittel den Schatten selber zu verwirklichen, lebendigen Gestalt zu machen und vergeltend in sein Leben hereinzustellen.

Ahnungsvolle Furcht schien ihm, in lichten Zwischenblicken vorüberflatternd, von diesem Kommen zu sagen, das veränderte Benehmen gegen seine Frau müsse es beschleunigen. Dann war er plötzlich doppelt freundlich und jovial gegen sie, aber auch diese Jovialität trug ein Etwas von der Natur des schwülen Bodens an sich, aus dem sie erwuchs.

Man preist ein Heilmittel gegen solche Krankheit; es heißt Zerstreuung, Vergessen seiner selbst. Als ob der Steuermann beim Erblicken des drohenden Riffs, als ob man da sich vergessen müsse, wo es doppelt Vorsehen gilt. Fritz Nettenmair nahm es.

Von nun an fehlte er bei keinem Balle, bei keinem öffentlichen Vergnügen; er empfand sich für immer der Gefahr entflohen, war er nur eine Stunde lang fern von dem Orte, wo er sie drohen sah. Er war mehr außer als in seinem Haus. Und nicht er allein. Seiner Frau hielt er das Heilmittel noch nötiger als ihm. Das rächende Schuldbewußtsein nahm, was nur als möglich in der Zukunft war, als schon wirklich in die Gegenwart voraus. Und seine Frau stand noch so sehr auf seiner Seite, daß sie dem Bruder nun zürnte, dessen Einfluß sie in dem veränderten Benehmen des Gatten erkannte, — nur nicht in dem Sinne, in dem er es wirklich war. Sie hatte ja nur Beleidigendes von dem Bruder erwartet. Diese Erwartung hatte schon dem Kommenden nur die eine Wange zugewandt und die Wange so mit Rot gefärbt, als wäre sie schon erfüllt. Wußte sie denn nicht, er war nur gekommen, um sie zu beleidigen?

Apollonius, auf den dies alles wie eine schwere Wolke drückte, wie eine unverstandene Ahnung, begriff nur das eine: der Bruder und die Schwägerin wichen ihm aus. Er vermied die Orte, die sie aufsuchten. Er hätte sie schon vermieden aus dem innersten Bedürfnis seiner Natur, das auf Zusammenfassen, nicht auf Zerstreuen ging. Die Einsamkeit wurde ihm ein besser Heilmittel, als den beiden die Zerstreuung. Er sah, wie anders die Schwägerin war, als sie ihm vordem geschienen. Er mußte sich Glück wünschen, daß seine süßesten Hoffnungen sich nicht erfüllt. Die Arbeit gab ihm genug Empfinden seiner selbst; was sie frei ließ, füllten die Kinder aus. In dem natürlichen Bedürfnis ihres Alters, sich an einem fertigen Menschenbilde aufzuranken, das, Liebe gebend und nehmend, ihr Muster wird, und ihr Maß der Personen und Dinge, drängten sie sich um den Onkel, der ihrer so freundlich pflegte, als fremd die Eltern sie vernachlässigten. Wie konnte er wissen, daß er damit die Schuld wachsen machte in seiner Rechnung beim Bruder.

Und der alte Herr im blauen Rock? Hatte er von den Wolken, die sich rings aufballten um sein Haus, in seiner Blindheit keine Ahnung? Oder war sie es, was ihn zuweilen anfaßte, wenn er, Apollonius begegnend, gleichgültige Worte mit ihm wechselte. Dann kämpften zwei Mächte auf seiner Stirn, die der Sohn vor dem Augenschirm nicht sah. Er will etwas fragen, aber er fragt nicht. Der alte Herr hat sich so tief in die Wolke eingesponnen, daß kein Weg mehr von ihm herausführt in die Welt um ihn und keiner mehr hinein. Er gibt sich das Ansehen, als wisse er um alles. Tut er anders, so zeigt er der Welt seine Hilflosigkeit und fordert die Welt selber auf, sie zu mißbrauchen. Und wenn er fragt, wird man ihm die Wahrheit sagen? Nein! Er hält die Welt so verstockt gegen ihn, als er gegen sie ist. Er fragt nicht. Er lauscht, wo er weiß, man sieht ihn nicht lauschen, fieberisch gespannt auf jeden Laut. Aus jedem hört er etwas heraus, was nicht drin ist; seine gespannte Phantasie baut Felsen daraus, die ihm die Brust zerdrücken, aber er fragt nicht. Er träumt von nichts als von Dingen, die Schande bringen über ihn und sein Haus; er leert die ganze Rüstkammer der Entehrung und fühlt jede Schmach durch, die die Welt kennt. Was keine Schande ist, steigert sich seinem krankhaft geschärften Ehrgefühl dazu, das keine Ruhe wohltätig abstumpft, aber er trägt lieber, was die tiefste Schande ist, als daß er fragt. Er tut das Ungeheure in Gedanken, die drohende abzuwenden, aber er fragt nicht. Wie manches Tun zeigt ungeboren schon der Mutter Seele sein Bild vorher! Wird eine Zeit kommen, wo des alten Herrn Gedanke Wirklichkeit wird?

Die Natur der Schuld ist, daß sie nicht allein ihren Urheber in neue Schuld verstrickt. Sie hat eine Zaubergewalt, alle, die um ihn stehen, in ihren gärenden Kreis zu ziehen, und zu reifen in ihm, was schlimm ist, zu neuer Schuld. Wohl dem, der sich dieser Zauberkraft im unbefleckten Innern erwehrt. Wird er den Schuldigen selbst nicht retten, so kann er den übrigen ein Engel sein. Diese vier Menschen, in all’ ihrer Verschiedenheit in einen Lebensknoten geknüpft, den eine Schuld versehrt! Welch Schicksal werden sie vereint sich spinnen, die Leute in dem Haus mit den grünen Läden?

Illustration from Zwischen Himmel und Erde

Nun waren schon Wochen vergangen seit Apollonius Zurückkunft, und noch hatte er die Furcht der Schwägerin nicht wahr gemacht. In den ersten Tagen las Fritz Nettenmair ein krampfhaftes Zusammennehmen, ein verzweifeltes Gefaßtmachen in ihrem Wesen; nun machte dies einem Etwas Platz, das wie Verwunderung erschien. Er sah, und nur er, wie sie immer mutiger den Bruder zu beobachten begann, wo der nicht ahnte, ihr Blick sei auf ihn gerichtet. Sie schien sein Wesen, sein Tun mit ihrer Erwartung zu vergleichen. Fritz Nettenmair fühlte in ihrer Seele, wie wenig beide sich glichen. Er mühte sich, den Widerwillen der jungen Frau zu seiner alten Stärke aufzustacheln. Er tat es, während er fühlte, wie vergeblich es war; denn ein einziger Blick auf das milde, rechtschaffene Antlitz des Bruders mußte niederreißen, was er mühsam in Zeit von Tagen aufgebaut. Er fühlte, wie fein er zu Werke gehen mußte, und wie plump er doch zu Werke ging; denn dieselbe Macht, die sein Gefühl für das Maß schärfte, riß ihn im Handeln darüber hinaus. Er wußte, was er begonnen, mußte seinen Gang vollenden zu seinem Verderben. Er suchte Vergessen und riß seine Frau immer tiefer mit hinein in den Wirbel der Zerstreuung.

Arzneimittel sollen, in übergroßer Gabe angewandt, das Gegenteil wirken. So geschah es mit dem Mittel Fritz Nettenmairs; wenigstens bei der jungen Frau. Aus dem Alltag der häuslichen Arbeit hatte sie sich sonst nach dem Feste des Vergnügens gesehnt; nun dies der Alltag geworden, zog sie die Sehnsucht nach dem stillen Leben daheim. Übersättigt von den Ehrenbezeigungen der bedeutenden Leute, bemerkte sie nun erst, es gab auch andere Leute, die ihren Gatten nach anderem Maßstabe maßen. Sie begann zu vergleichen, und die Bedeutenden verloren immer mehr gegen die Alltagsmenschen. Sie dachte an den ledernen Ball den Abend von Apollonius Ankunft. Damals war sie Apollonius ausgewichen; sie hatte Beleidigung von ihm erwartet. Jetzt suchte sie mit den Augen durch den Saal; niemand sah es als Fritz Nettenmair, der es am wenigsten zu sehen schien. Denn er lachte und trank wilder und jovialer als je. Sie hatte nur das Gefühl der Langeweile, das nach Abwechslung aussieht; sie wußte nicht, daß sie jemand suchte. Fritz Nettenmair wußte es, und wollte vor Lachen ersticken. Er wußte mehr als sie; er wußte, wen sie suchte. Gegen alle andere Welt jovial, tat er gegen sie den blauen Rock an.

Er wird sie bald dahin bringen, den sonst Gefürchteten mit ihm zu vergleichen.

Sie saß im Garten, während der alte Herr seine schweren Mittagsträume träumte. Fritz Nettenmair lag in der Stube auf dem Sofa und trug die Nachwehen einer durchschwärmten Nacht. Vorher hatte er nach dem Turmdache gesehen. Sie fühlte sich so eigen wohl daheim. Und sollte sie nicht? Spielten nicht ihre Kinder um sie? Sie dachte nicht daran, wie oft sie sich von den Kindern fortgesehnt in den Wirbel, der sie nicht mehr lockte. Sie nähte. Die Knaben spielten zu ihren Füßen, so still, als wäre der alte Herr zugegen. Doch nicht so; war der alte Herr im Gärtchen, sie hätten sich gar nicht hinein getraut. Das Mädchen hatte die Mutter umschlungen, die selber, in der Unberührtheit ihres Wesens, noch ein Mädchen schien. Wenig mehr von der Ähnlichkeit mit ihrem Gatten lag in ihren Zügen. Sie war nur eine äußerliche gewesen, nur Äußerliches schien die heiteren Linien berührt zu haben: kein tiefinneres Erlebnis hatte seine Marke ihnen aufgeprägt.

Das kleine Mädchen hatte dem erwachsenen, seiner Mutter, von Puppen, Blumen, Kindern, und in seiner Weise manches zweimal, manches nur halb erzählt. Jetzt erhob sie mit altkluger Ernsthaftigkeit das Köpfchen, sah die Mutter bedenklich an und sagte: „Was das nur ist?“

„Was?“ fragte die Mutter.

„Wenn du dagewesen bist und fortgehst, sieht er dir so traurig nach.“

„Wer?“ fragte die Mutter.

„Nun, der Onkel Apollonius. Wer sonst? Hast du ihn gescholten? oder geschlagen, wie mich, wenn ich Zucker nehme und nicht frage? Du hast ihm doch gewiß etwas getan; sonst wär’ er nicht so betrübt.“

Das Mädchen plauderte weiter und vergaß den Onkel bald über einen Schmetterling. Die Mutter nicht. Die Mutter hörte nicht mehr, was das Mädchen plauderte. Was war das doch für ein eigenes Gefühl, wohl und weh zugleich! Sie hatte die Nadel fallen lassen und merkte es nicht. War sie erschrocken? Es war ihr, als wäre sie erschrocken, etwa so, wie man erschrickt, hat man mit einem Menschen geredet, und wird plötzlich inne, es ist ein andrer, als mit dem man zu reden meinte. Sie hatte gemeint, Apollonius wolle sie beleidigen, und nun sagt das Kind: du hast ihn beleidigt. Sie blickte auf und sah Apollonius vom Schuppen her nach dem Hause kommen. In demselben Augenblicke stand ein andrer Mann zwischen ihr und dem Vorübergehenden, als wäre er aus der Erde gewachsen. Es war Fritz Nettenmair. Sie hatte ihn nicht nahen gehört.

Er kam in seltsamer Hast von einer gleichgültigen Frage auf den „ledernen Ball“. Er erzählte, was die Leute darüber meinten, wie jedermann sich beleidigt fühle von der Beschimpfung, daß Apollonius sie damals nicht aufgezogen, nicht einmal zum ersten Tanze. Eigen war es, wie sie jetzt daran erinnert wurde, empfand sie es stärker als je; aber nicht zürnend, nur wie mit wehmütigem Schmerze. Sie sagte das nicht. Es war nicht nötig. Fritz Nettenmair war wie ein Mensch im magnetischen Schlaf. Er brauchte sie nicht anzusehen; mit geschlossenen Augen, von einem Baumblatt, einer Zaunlatte, von einer weißen Wand las er ab, was sein Weib fühlte.

„Wir werden ihn bald los werden, denk’ ich,“ fuhr er fort, als hätte er nicht an der Stallwand gelesen. „Es ist kein Platz für zwei Haushälte hier. Und die Anne ist weiten Raum gewöhnt.“

So hieß das Mädchen, mit der Apollonius am „ledernen“ tanzen, die er heimbegleiten mußte. Sie war seither öfter hier gewesen, unter Vorwänden, die ihre hochrote Wange Lügen strafte. Auch ihr Vater, ein angesehener Bürger, hatte sich um Apollonius Bekanntschaft bemüht, und Fritz Nettenmair hatte die Sache gefördert, wie er konnte.

„Die Anne?“ rief die junge Frau wie erschreckend.

„Gut, daß sie nicht lügen kann,“ dachte Fritz Nettenmair erleichtert. Aber es fiel ihm ein, ihr Unvermögen, sich zu verstellen, kam ja auch dem argen Plan des Bruders zu gut. Er hatte die Eifersucht als letztes Mittel angewandt. Das war wieder eine Torheit, und er bereute sie schon. Sie kann sich nicht verstellen; und wäre er noch ganz der alte Träumer, ihre Aufregung muß ihm verraten, was in ihr vorgeht; ihre Aufregung muß ihr selber verraten, was in ihr vorgeht. Noch weiß sie es selbst ja nicht. Und dann — er stand wieder an dem Punkte, zu dem jeder Ausgang ihn führt; er sah sie sich verstehen; „und dann,“ zwängte er zwischen den Zähnen hervor, daß jede Silbe daran sich blutig riß, „und dann — wird sie’s schon lernen!“

Der Bruder erwartete ihn in der Wohnstube. „Er muß doch einen Vorwand machen, warum er da vorbeikam, wo er sie allein dachte, da er weiß, ich hab’ ihn gesehen.“ So dachte er und folgte dem Bruder.

Apollonius wartete wirklich in der Wohnstube auf ihn. Der Bruder gab sich durch seine Wendung auf den Fersen recht, als er ihn sah. Apollonius suchte den Bruder auf, ihn vor dem ungemütlichen Gesellen zu warnen. Er hatte manches Bedenkliche über ihn gehört, und wußte, der Bruder vertraute ihm unbedingt. „Und da befiehlst du, ich soll ihn fortschicken?“ fragte Fritz, und konnte nicht verhindern, daß sein Groll einmal durchschimmerte durch seine Verstellung. Apollonius mußte aus dem Tone, mit dem er sprach, seine wahre Meinung herauslesen. Sie hieß: „du möchtest auch in den Schuppen dich eindrängen, und mich von da vertreiben. Versuch’s, wenn du’s wagst!“

Apollonius sah dem Bruder mit unverhehltem Schmerz in das Auge. Er fuhr mit der Hand über des Bruders Rockklappe, als wollte er wegwischen, was sein Verhältnis zu dem Bruder trübte, und sagte:

„Hab’ ich dir was zu leid’ getan?“

„Mir?“ lachte der Bruder. Das Lachen sollte klingen, wie: „Ich wüßte nicht was?“ aber es klang: „Tust du was andres, willst du was andres tun, als wovon du weißt, daß es mir leid ist?“

„Ich wollte schon lange dir etwas sagen,“ fuhr Apollonius fort, „ich will’s morgen; du bist heute nicht gelaunt. Das mit dem Gesellen mußtest du erfahren, und es war nicht so gemeint, wie du’s aufnahmst.“

„Freilich! Freilich!“ lachte Fritz. „Ich bin überzeugt. Es war nicht so gemeint.“

Apollonius ging, und Fritz ergänzte seine Rede: „Es war nicht so gemeint, wie du, Federchensucher, mich glauben machen willst. Und anders gemeint, als ich’s aufnahm? Du meinst, ich hab’ — — Der Geselle ist ein schlechter Kerl; aber du hättest mich nicht gewarnt, hättest du keinen Vorwand gebraucht.“ Er machte seine überlegene Wendung auf den Fersen; in seinen verwüsteten Zustand hinein hatte ihn die glückliche Anwendung von des alten Herrn diplomatischer Kunst, durch Halbsagen zu verschweigen, gefreut.

Die Freude war schnell vorübergehend, die alte Sorge schraubte ihn wieder auf ihre Marterbank. Und noch eine jüngere hatte sich ihr zugesellt. Er hatte das Geschäft vernachlässigt; der Geselle, in seiner Abwesenheit Herr im Schuppen, hatte Gelegenheit genug gehabt, ihn zu bestehlen, und sie gewiß benutzt. Bei der Reparatur war er schon lange nicht mehr tätig; Apollonius mußte einen Gesellen mehr annehmen, und für den Bruder einstellen. Er verdiente schon lange nichts mehr, und versäumte doch dabei kein öffentlich Vergnügen. Die Achtung der bedeutenden Leute zeigte eine wachsende Neigung zum Sinken und war nur durch wachsende Massen von Champagner aufrecht zu erhalten. Er hatte sich in Schulden gesteckt, und vergrößerte sie noch täglich. Und doch mußte einmal der Augenblick kommen, wo der mühsam erhaltene Schein von Wohlhabenheit verging. Er wußte, daß er nur so lang der Geachtete war, als der Jovialste der Jovialen galt. Er war klug genug, den Unwert solcher Achtung und solchen Bemühens um ihn zu erkennen, aber nicht stark genug, es entbehren zu können. Es war ein kleiner Zuwachs zu der alten Marter, und jene wie diese kam ihm von dem Bruder, nur von ihm!

Wohligs Anne war öfter dagewesen seit Apollonius Ankunft, und die junge Frau hatte in dem Glauben, der in naiven Gemütern die natürliche Folge der eigenen Wahrhaftigkeit ist, an ihren gesuchtesten Vorwänden nicht gemäkelt. Heute war das anders. Sie war plötzlich so scharfsichtig geworden, daß der erkannte Vorwand ihr in der Größe eines unverzeihlichen Verbrechens erschien. Das Mädchen war ihr zuwider, das so falsch sein konnte, und sie selbst zu ehrlich, das zu verbergen. Anne suchte den Grund dieses Benehmens in dem Widerwillen der jungen Frau gegen den Schwager. Es war ja bekannt, die junge Frau gönnte dem armen Menschen die Liebe des Bruders nicht. Sie hatte selbst geäußert, sie würde ihm einen Korb geben, wenn er es wagen würde, sie zum Tanze aufzufordern. Und dem guten Apollonius war es anzusehen, sie ließ ihn des Aufenthalts in seinem Vaterhause nicht froh werden. Die Gereiztheit machte auch die Anne ehrlich; sie sprach von ihren Gedanken aus, was ausgesprochen werden konnte, ohne den zarten Punkt ihrer Neigung bloßzugeben. Christiane mußte den Vorwurf nun auch aus fremdem Munde vernehmen, den schon das eigene Kind ihr gemacht.

Das Mädchen ging. Apollonius kam, vom Bruder zurück, wieder vorüber. Er konnte das Mädchen noch gehen sehen. Aber nichts zeigte sich in seinem Gesichte, was ihrer nur halb verstandenen Furcht recht gegeben hätte. Und so sah auch Fritz Nettenmair, der dem Bruder aus dem Versteck der Hintertür nachblickte, auf ihrem Antlitz nicht soviel, als er gefürchtet, zu sehen.

Das Kind sagt: du hast ihm was getan; die Anne sagt: du hassest ihn, du lässest ihn nicht froh werden. Und sein traurig Nachblicken — bald ertappte sie ihn selbst unbemerkt dabei — sagt dasselbe. Wie ein Blitz und mit freudigem Lichte zuckte es dazwischen, er sah der Anne nicht traurig nach und auch nicht freudig, nein! gleichgültig, wie jedem andern sonst. Ihr wird gesagt: du hassest ihn; du hast ihn beleidigt und du willst ihn kränken, und sie hat geglaubt, er hasse sie, er will sie kränken. Und hat er sie nicht gekränkt? Sie blickt in lang vergangene Zeit zurück, wo er sie beleidigte. Sie hat ihm schon lang nicht mehr darum gezürnt, sie hat nur neue Beleidigung gefürchtet. Kann sie jetzt noch darum zürnen, wo er ein so andrer ist; wo sie selbst weiß, er beleidigt sie nicht; wo die Leute sagen und sein trauriger Blick: sie beleidige ihn? Und wie sie zurücksinnt, eifrig, so eifrig, daß die Musik wieder um sie klingt, und sie wieder unter den Gespielinnen sitzt, im weißen Kleid mit den Rosaschleifen, im Schießhaus auf der Bank den Fenstern entlang, und wieder aufsteht, von dem dunklen Drang getrieben, und durch die Tanzenden hindurch träumend nach der Türe geht — da draußen; ist das nicht dasselbe Gesicht, das ihr jetzt nachsieht, wenn sie geht, so ehrlich, so mild in seiner Wehmut? ist es nicht dasselbe eigene Mitleid, das jetzt auf Schritt und Tritt mit ihr geht, und sie nicht läßt, wie damals? Dann wich sie ihm aus, und sah ihn nicht mehr an, denn er war falsch. Falsch! Ist er es wieder? Ist er es noch?

Eine Nachtigall schlug in dem alten Birnbaume über ihr, so wunderbar und wie gewalttätig innig und tief. Vom Georgenturm bliesen vier Posaunen den Abendchoral. Über ihnen, und wie von ihren schwellenden Tönen getragen fuhr Apollonius auf seinem leichten Schiff. Das Abendrot vergoldete die Fäden, in denen es hing. Wohin sie sah, glänzten die treuen, trauernden Augen, die ihm gehörten, mit denen er ihr nachsah, wenn sie ging. Das kleine Mädchen sah mit ihnen auf zu ihr, und erzählte vom Onkel, wie lieb und gut er sei. Oder erzählte sie von damals? Es war keine Zeit mehr, sonst und jetzt war eins. Die letzte Ähnlichkeit mit Fritz Nettenmair war aus ihrem Antlitz verschwunden. Ihre Seele schauerte hoch oben zwischen Himmel und Erde. Was sie ansah, war ein Rätsel mit süßer Deutung, aber sie kannte sie nicht. Sie selbst war sich ein Rätsel. Ihrem Gatten war sie es nicht.

Illustration from Zwischen Himmel und Erde

Fritz Nettenmair dachte den ganzen Tag, was das sein möge, was Apollonius ihm morgen sagen wolle; „morgen; weil ich heute nicht gelaunt bin? Gelaunt? Ich habe den Federchensucher in meine Karten sehen lassen. Hätt’ ich’s nicht, wär’ er plump herausgegangen; nun hab’ ich ihn gewarnt und vorsichtig gemacht. Ich bin zu ehrlich mit solch einem falschen Spieler; ich muß verlieren. Gut; ich will morgen „gelaunt“ sein, ich will tun, als wär’ ich blind und taub! als säh’ ich nicht, was er will, und wär’s noch deutlicher. Eine Spinnenwebe auf meine Rockklappen, damit er was zu bürsten hat. Ich kann’s nicht leiden, wenn mir so einer ins Gesicht sieht, solch ein Heuchler!“

So vorbereitet und entschlossen, den Lister zu überlisten, gält es auch die schwerste Probe von Selbstbeherrschung, fand Apollonius den Bruder am folgenden Tage seiner harrend. Auch Apollonius hatte seinen Entschluß gefaßt. Er wollte sich von keiner Laune des Bruders mehr irren lassen; es kam ja eben darauf an, allen diesen Launen ihre Quelle abzuschneiden. Fritz bot ihm den unbefangensten, jovialsten guten Morgen, der ihm zu Gebote stand.

„Wenn du mich ruhig und brüderlich anhören willst,“ sagte Apollonius, „so hoff’ ich, dieser Morgen soll der beste sein für dich und mich und uns alle.“

„Und uns alle,“ wiederholte Fritz, und legte von seiner Erklärung der drei Worte nichts in seinen Ton. „Ich weiß, daß du immer an uns alle denkst; darum rede nur jovial vom Herzen weg, ich mach’s auch so.“

Apollonius ließ die beabsichtigte Einleitung weg. Er hatte klug und vorsichtig sein gelernt, aber klug und vorsichtig gegen einen Bruder sein, hätte ihm Falschheit geschienen. Selbst, hätte er die Falschheit des Bruders gekannt, er wäre nicht auf dessen Gedanken von den gleichen Waffen gekommen. Er hätte sich seine Erfahrung als Täuschung ausgeredet.

„Ich glaube, Fritz,“ begann er herzlich, „wir hätten anders gegeneinander sein sollen, als wir seither gewesen sind.“ Er nahm aus Gutmütigkeit die halbe Schuld auf sich. Der Bruder schob ihm in Gedanken die ganze zu, und wollte jovial das Gegenteil versichern, als Apollonius fortfuhr: „Es war nicht zwischen uns, wie sonst, und wie es sein sollte. Die Ursache davon ist, soviel ich weiß, nur der Widerwille deiner Frau gegen mich. Oder weißt du noch eine andere?“

„Ich weiß keine,“ sagte der Bruder mit bedauerndem Achselzucken; aber er dachte an Apollonius’ Heimkunft gegen seinen Rat, an den Ball, an die Beratung auf dem Kirchenboden, an seine Verdrängung von der Reparatur, an den ganzen Plan des Bruders, an das, was davon ausgeführt, an das, was noch auszuführen war. Er dachte daran, daß Apollonius eben an dem letzteren arbeite, und wieviel darauf ankomme, seine nächste Absicht zu erraten und zu vereiteln.

Apollonius sprach indes fort und hatte keine Ahnung von dem, was in dem Bruder vorging. „Ich weiß nicht, woher der Widerwille deiner Frau gegen mich kommt. Ich weiß nur, daß er von nichts kommen kann, was ich mit Absicht getan hätte, mir ihn zu verdienen. Kannst du mir den Grund sagen? Ich will sie nicht anklagen; es ist möglich, daß ich etwas an mir habe, das ihr mißfällt. Und dann ist’s gewiß nichts, was zu loben oder nur zu schonen wäre. Und ich will dann ebenso gewiß der letzte sein, es zu schonen, weiß ich nur, was es ist. Weißt du’s, so bitte, sag’ es mir. Etwas Schlimmes darfst auch du nicht an mir schonen, und täte dir’s auch noch so weh. Weißt du’s und sagst mir’s nicht, so ist’s nur darum. Aber du kränkst mich nicht damit, gewiß nicht, Fritz.“ —

Fritz Nettenmair tat, was Apollonius eben getan; er maß den Bruder in seinen Gedanken nach sich. Das Ergebnis mußte zu Apollonius’ Nachteil ausfallen. Apollonius nahm sein gedankenvolles Schweigen für eine Antwort.

„Weißt du’s nicht,“ fuhr er fort, „so laß uns zusammen zu ihr gehen, und sie fragen. Ich muß wissen, was ich tun soll. Das Leben seither darf nicht so fortgehen. Was würde der Vater sagen, wenn er’s wüßte! Mir ist’s Tag und Nacht ein Vorwurf, daß er es nicht weiß. Es ist für uns alle besser, Fritz. Komm, laß es uns nicht verschieben.“

Fritz Nettenmair hörte nur die Zumutung des Bruders. Er sollte ihn zu ihr führen! Er sollte ihn jetzt zu ihr führen! Wußte Apollonius schon von ihrem Zustand, und wollte ihn benutzen? Es bedurfte der Frage nicht; wenn sie sich jetzt nur sahen, mußten sie sich verstehen. Dann war es da, was zu verhindern er seit Wochen sich keine Stunde lang Ruhe gegönnt. Dann war es da, wovon er wußte, es mußte kommen, und doch Verzweiflungsanstrengungen machte, ihm das Kommen zu wehren. Sie durften jetzt nicht einander gegenüberstehen; sie durften sich jetzt nicht sehen, bis er eine Scheidemauer zwischen sie gebaut. Woraus? Darauf zu sinnen war jetzt nicht Muße. Einen Vorwand mußte er haben, den Gang zu ihr zu verhindern; Zeit, den Vorwand zu finden. Und nur um Zeit zu gewinnen, lachte er:

„Freilich! jovial fragen. Wer fragt, wird berichtet. Aber wie fällt dir das eben jetzt ein? Eben jetzt?“ Ein Gedanke, der ihn überwältigend traf wie ein Blitz wurde ohne seine Wahl zu dieser Frage.

Apollonius war schon an der Tür. Er wandte sich zurück zum Bruder und antwortete mit einer Freude, die diesem eine teuflische schien, weil er ihm nicht in das ehrliche Gesicht sah. Dafür würde Apollonius in des Bruders Antlitz ein Etwas von Teufelsangst ertappt haben, hätte dieser es ihm zugewandt. Und vielleicht dennoch nicht. Er würde den Bruder vielleicht für krank gehalten haben, so ohne die mindeste Ahnung von dem, was den Bruder dabei ängsten könne, als er war. Ja, was ihn freute, mußte ja auch den Bruder freuen.

„Früher,“ entgegnete Apollonius, „mußt’ ich fürchten, sie noch mehr zu erzürnen. Und das würde dir noch weniger lieb gewesen sein als mir.“

Der Bruder lachte und bejahte in seiner jovialen Weise mit Kopf und Schultern, um nur etwas zu tun. Und sein: „Und jetzt?“ schien nun vom Lachen halb erstickt, nicht von etwas anderem.

„Deine Frau ist anders seit einiger Zeit,“ fuhr Apollonius vertraulich fort. —

„Sie ist,“ — antwortete Fritz Nettenmair’s Zusammenzucken wider seinen Willen, und wollte sagen, wofür er sie hielt. Es war ein arges Wort. Aber würde er selbst, der sie dazu gemacht, es ihm sagen? Nein, es ist noch nicht da, was er fürchtet. Und wenn es kommen muß; er kann es noch verzögern. Er hält mit Gewalt seiner Erregung den Mund zu. Er fragte gern: „Und woher weißt du, daß sie — anders ist?“ wüßte er nicht, seine Stimme wird zittern und ihn verraten. Er muß ja wissen, wer es dem Bruder verraten hat. Hat er sie schon gesprochen? Hat er es ihr von fern aus den Augen gelesen? Oder ist ein Drittes im Spiel? ein Feind, den er schon haßt, ehe er weiß, ob er vorhanden ist.

Apollonius scheint ein Etwas von des Bruders unglückseliger Lesegabe angeflogen. Der Bruder fragt nicht; sein Gesicht ist abgewandt; er kramt tief im Schranke und sucht wie ein Verzweifelnder und kann nicht finden; und doch antwortet ihm Apollonius.

„Dein Ännchen hat mir’s gesagt,“ entgegnet er und lacht, indem er an das Kind denkt. „Onkel,“ sagte das närrische Kind, „die Mutter ist nicht mehr so bös auf dich; geh’ nur zu ihr und sprich: ich will’s nicht mehr tun; dann ist sie gut und gibt dir Zucker. So hat sie mich auf den Gedanken gebracht. Es ist wunderbar, wie’s manchmal ist, als redete ein Engel aus den Kindern. Dein Ännchen kann uns allen ein Engel gewesen sein.“

Fritz Nettenmair lachte so ungeheuer über das Kind, daß sich Apollonius Lachen wieder an dem seinigen anzündete. Aber er wußte, es war ein Teufel, der aus dem Kinde geredet; ihm war das Kind ein Teufel gewesen und konnte es noch mehr werden. Und doch mußte er noch über das Kind lachen, über das joviale Kind mit seinem „verfluchten“ Einfall. So sehr mußte er lachen, daß es gar nicht auffiel, wie zerstückt und krampfhaft klang, was er entgegnete. „Morgen meinetwegen oder heute nachmittag noch; jetzt hab’ ich unmöglich Zeit. Jetzt begleit’ ich dich nach Sankt Georg. Ich hab’ einen nötigen Gang. Morgen! Über das verwünschte Kind!“

Apollonius hatte keine Ahnung, wie ernst das lachende „verwünscht“ gemeint war. Er sagte, selbst noch über das Kind lachend: „Gut. So fragen wir morgen. Und dann wird alles anders werden. Ich freue mich wie das Kind, und du dich gewiß auch, Fritz. Es soll ein ganz ander Leben werden als seither.“ Der gute Apollonius freute sich so herzlich über des Bruders Freude! Noch als er bereits wieder auf seinem Fahrzeuge um das Kirchendach flog.

Ebenso rastlos umschwankte seines Bruders Furcht das dunkle Etwas, das über ihm schwankte und ihn zu begraben drohte; noch emsiger hämmerte sein Herz an den brechenden Planen, den Sturz zu hindern; aber sein Gedankenschiff hing nicht zwischen Himmel und Erde, von des Himmels Licht bewahrt; es taumelte tiefer und immer tiefer, zwischen Erd’ und Hölle, und die Hölle zeichnete ihn immer dunkler mit ihrer Glut.

Illustration from Zwischen Himmel und Erde

Ännchen hatte die Mutter wieder umschlungen, die in der Laube saß. Sie sah wieder mit Apollonius Augen zu ihr auf und erzählte ihr von ihm. Und kam sie nach Kinderweise von ihm ab, so leitete die Mutter mit unbewußter Kunst sie wieder zu ihm zurück. Dann rauschte es einen Augenblick in den Blättern der Laube hinter ihr. Sie dachte, es sei der Wind oder hörte es gar nicht; vielleicht, weil es nicht von Apollonius sprach. Hätte sie hingesehen, sie wäre entsetzt aufgesprungen von der Bank. Was die Blätter rauschen machte, war das stürmische Erzittern einer geballten Faust. Darüber stand ein rotes Gesicht, verzerrt von der Anstrengung die die gehobene Faust zurückhielt, sonst hätte sie das lächelnde Gesicht des Kindes getroffen, das, so jung, schon eine Kupplerin war. Das lächelnde, vatermörderische Gesicht! Das Kind hat ein blaues Kleidchen an; blau ist die Lieblingsfarbe Apollonius’. Sein Kind trägt seines Todfeindes Livree. Und die Mutter — o, Fritz Nettenmair kann sich noch auf die Zeit besinnen, wo sie täglich so gekleidet ging wie heute. Und fürchtet sie das nicht? Glaubt sie, was damals vorgegangen, gibt ihr ein Recht, ihn nicht zu fürchten? Ein Recht, in Schande zu leben, weil es seine Schande ist? Das alles reißt an der gehobenen Faust.

Jetzt sagt die Mutter vor sich hin und hat das Mädchen vergessen: „Der arme Apollonius!“ — Was hält die Faust zurück? — „Ich muß Fritz sagen, wie er mich dauert. Er ist gut. Nicht, Ännchen?“ Ännchen singt und hört auf die Frage nicht. Sie bedarf auch keiner Antwort. „Fritz ist zornig auf ihn, weil er mich einmal gekränkt hat. Ich hab’s lang vergessen. Er ist anders, und Fritz tut ihm unrecht, wenn er meint, er ist noch immer so. Und vielleicht ist er nie so gewesen, und die Menschen haben Fritz belogen. Wir wollen gut sein gegen ihn, damit er froh wird. Ich kann’s nicht mehr ertragen, wie er traurig ist. Ich will’s ihm sagen, dem Fritz.“ So schließt die junge Frau ihr Selbstgespräch; ihr ganzes süß vertrauliches Mädchenwesen ist wieder aufgewacht, und Fritz Nettenmair begreift, das Tun, zu dem der Zorn ihn hinreißen will, zu erschaffen, was noch nicht ist, muß beschleunigen, was kommen wird. Er ist arm geworden, entsetzlich arm. Die Zukunft ist nicht mehr sein; er darf nicht auf Tage hinaus rechnen; er lebt nur noch von Augenblick zu Augenblick; er muß festhalten, was zwischen dem Gegenwärtigen ist und dem Nächstkommenden. Und dazwischen ist nichts, als Qual und Kampf.

Er hat die Frau bis jetzt geliebt, wie er alles tat, wie er selbst war, oberflächlich — und jovial. Das Gewissen hat seine Seele ausgetieft. Die Furcht vor dem Verlust hat ihn ein ander Leben gelehrt. Das Leben lehrte ihn wiederum ein ander Fürchten. Hätte er sie früher so geliebt, wie jetzt, ihre tiefste Seele hätte sich ihm vielleicht geöffnet, sie hätte auch ihn geliebt. Sie haben Jahre zusammengelebt, sind nebeneinander gegangen, ihre Seelen wußten nichts von einander. Dem Leibe nach Gattin und Mutter ist ihre Seele ein Mädchen geblieben. Er hat die tieferen Bedürfnisse ihres Herzens nicht geweckt, er kannte sie nicht; er hätte sie nicht befriedigen können. Er erkennt sie erst, wie sie sich einem Fremden zuwenden. Er fühlt erst, was er besaß, ohne es zu haben, nun es einem andern gehört. Mit welcher Empfindung sieht er die Knospe ihres Angesichts sich entfalten, die er schon für die Blume hielt! Welch nie geahnter Himmel öffnet sich da, wo er sonst Genüge hatte, sein eigen Spiegelbild zu finden. Und wie viel er sah; all den Reichtum an hingebendem Vertrauen, an Opferfähigkeit, an verehrendem Aufstaunen und dienendem Ergeben zu fassen, der in der Morgenröte dieses reinen Angesichts aufging, war sein Auge, auch krankhaft weit geöffnet, noch zu eng. Sein Schmerz übermannte einen Augenblick seinen Haß. Er mußte sich fortschleichen, um das Geständnis seiner Schuld vor dem Antlitz zu flüchten, dessen Blick er jetzt wie ein Verbrecher fürchtete, so sanft es war.

Gegen Abend wurde die junge Frau plötzlich von zwei Männerstimmen aus ihren Tränen geweckt. Sie saß unfern der verschlossenen Schuppentür im Grase. Fritz war eben mit dem Bruder von der Hintergasse in den Schuppen getreten. Sie hörte, er zog den Bruder mit Wohlig’s Anne auf. Anne sei die beste Partie in der ganzen Stadt und der Bruder ein Spitzbube, der die Welt kenne und die Art, die lange Haare und Schürzen trägt. Die Anne nähe schon an ihrer Aussteuer, und ihre Basen trügen die Heirat mit Apollonius von Haus zu Hause. Die junge Frau hörte ihn fragen, wann die Hochzeit sei? Sie hatte sich entfernen wollen; sie vergaß es; sie vergaß das Atmen. Und darauf hätte sie fast laut aufgejubelt: Apollonius sagte, er heirate gar nicht, die Anne nicht, noch sonst eine.

Der Bruder lachte. „Drum hast du den Abend deiner Heimkehr nur mit der Anne getanzt und sie heimgeleitet?“

„Mit deiner Frau hätt’ ich getanzt,“ entgegnete Apollonius. „Du warntest mich, deine Frau würde mir einen Korb geben, weil sie so unwillig auf mich war. Ich wollte nun gar nicht tanzen. Du brachtest mir die Anne, und wie du gingst, fragtest du sie, ob ich sie heimbegleiten dürfte. Da konnt’ ich nicht anders. Ich habe nie daran gedacht, die Anne —“

„Zu heiraten?“ lachte der Bruder. „Nun, sie ist auch zum — Spaße hübsch genug und der Mühe wert, sie vernarrt in dich zu machen.“

„Fritz!“ rief Apollonius unwillig. „Aber es ist nicht dein Ernst,“ besänftigte er sich selbst. „Ich weiß, du kennst mich besser; aber auch im Scherz soll man einem braven Mädchen nicht zu nahe treten.“

„Pah,“ sagte der Bruder, „wenn sie es selbst tut. Was kommt sie uns ins Haus und wirft sich dir an den Kopf?“

„Das hat sie nicht,“ entgegnete Apollonius warm. „Sie ist brav und hat sich nichts Unrechtes dabei gedacht.“

„Ja, sonst hättest du sie zurechtgewiesen,“ lachte Fritz, und es lag Hohn in seiner Stimme.

„Wußt ich,“ sagte Apollonius, „was sie dachte? Du hast sie mit mir aufgezogen und mich mit ihr. Ich habe nichts getan, was solche Gedanken in ihr erwecken konnte. Ich hätt’s für eine Sünde gehalten.“

Die Männer gingen ihren Weg wieder zurück. Christianen fiel es nicht ein, sie hätten auch auf den Gang kommen können, wo sie stand. Was von Offenheit und Wahrheit in ihr lag, war gegen ihren Gatten empört. Nicht die Leute hatten ihn belogen; er war selber falsch. Er hatte sie belogen und Apollonius belogen, und sie hatte irrend Apollonius gekränkt. Apollonius, der so brav war, daß er nicht über die Anne spotten hören konnte, hatte auch ihrer nie gespottet. Alles war Lüge gewesen von Anfang an. Ihr Gatte verfolgte Apollonius, weil er falsch war und Apollonius brav. Ihr innerstes Herz wandte sich von dem Verfolger ab, und dem Verfolgten zu. Aus dem Aufruhr all ihrer Gefühle stieg ein neues, heiliges siegend auf, und sie gab sich ihm in der vollen Unbefangenheit und Unschuld hin. Sie kannte es nicht. Daß sie es nie kennen lernte! Sobald sie es kennen lernt, wird es Sünde. — Und schon rauschen die Füße durch das Gras, auf denen die unselige Erkenntnis naht.

Fritz Nettenmair mußte seine neue Scheidemauer aufbauen, ehe er den Bruder zu seinem Weibe führte. Deshalb kam er. Sein Gang war ungleich; er wählte noch und konnte sich nicht entscheiden. Er wurde noch ungewisser, als er vor ihr stand. Er las, was sie fühlte, von ihrem Antlitz; es war zu ehrlich, um etwas zu verschweigen; es kannte zu wenig, wovon es sprach, um zu denken, es müßte dies verbergen. Er fühlte, mit den alten Verleumdungen werde er nichts mehr bei ihr vermögen. Er konnte sie über ihre Gefühle aufklären, sie dann bei ihrer Ehre, bei ihrem weiblichen Stolze fassen. Er konnte sie zwingen — wozu? Zur Verstellung? Zum Leugnen? Zur Verheimlichung, wenn sie — einmal wußte, was sie wollte? Würde sie nicht zu sich sagen: den Betrüger betrügen, das Gestohlene heimlich wieder nehmen, ist kein Betrug, kein Diebstahl? Das war es! Das Bewußtsein seiner Schuld verfälscht ihm die Dinge, die Menschen. Er kannte das starke Ehrgefühl seiner Frau, wie die bis zum Eigensinn feste Rechtlichkeit des Bruders, und er hätte beiden in allem getraut; nur in dem einen traute er ihnen nicht, wo er das Gefühl hatte, er habe es verdient, von ihnen betrogen zu sein.

So zog er doch den Weg vor, den er bis jetzt gegangen. Er machte einen kleinen Umweg über des „Federchensuchers Narrheiten“. Er wußte, kleine Lächerlichkeiten sind geschickter, eine werdende Neigung zu vernüchtern, als große Fehler. Er agierte Apollonius, wie er den Weg, den er mit einem Lichte gemacht, noch einmal zurückging, aus Sorge, er könnte einen Funken verloren haben; wie es ihn bei Nacht nicht ruhen ließ, wenn ihm einfiel, er hatte bei einer Arbeit seinen gewöhnlichen Eigensinn vergessen, oder ein Arbeiter hatte das strenge Wort nicht verdient, das er, vom Drang der Geschäfte erhitzt, gegeben; wie er aus dem Bette aufgesprungen, um ein Lineal, das er im schiefen Winkel mit der Tischkante liegen lassen, in den rechten zu rücken. Dabei strich und blies Fritz Nettenmair sich eingebildete Federchen von den Ärmeln. Er sah wohl, seine Mühe hatte den verkehrten Erfolg. Gereizt dadurch griff er zu stärkeren Mitteln. Er bedauerte die arme Anne, die Apollonius durch Scheinheiligkeit in sich vernarrt gemacht; und erzählte, auf wie gemeine Weise er sie öffentlich verspotte.

Auf den Wangen der jungen Frau war ein dunkles Rot aufgestiegen. Offene, naive Naturen haben einen tiefen Haß gegen alle Falschheit, vielleicht, weil sie instinktmäßig fühlen, wie waffenlos sie vor diesem Feinde stehen. Sie zitterte vor Erregung, als sie aufstand und sagte: „Du könntest das tun, du; er nicht.“

Fritz Nettenmair schrak zusammen. In dem Anblick der Gestalt, die voll Verachtung vor ihm stand, war etwas, was ihn entwaffnete. Es war die Gewalt der Wahrheit, die Hoheit der Unschuld dem Sünder gegenüber. Er raffte sich mit Anstrengung zusammen. „Hat er dir das gesagt? Seid ihr schon so weit?“ preßte er hervor. Sie wollte nach dem Hause gehen; er hielt sie auf. Sie wollte sich losreißen.

„Alles hast du gelogen,“ sagte sie, „ihn hast du belogen, mich hast du belogen. Ich habe gehört, was du vorhin im Schuppen mit ihm sprachst.“

Fritz Nettenmair atmete auf. So wußte sie nicht alles. „Mußt ich’s nicht?“ fragte er, indem sein Auge sich der Reinheit des ihren gegenüber kaum aufrechthielt. „Mußt’ ich nicht, um deine Schande zu verhindern? Soll der Federchensucher dich verachten?“ Noch drückte ihr Blick den seinen nieder. „Weißt du, was du bist? Frag’ ihn doch, was eine Frau ist, die Ehre und Pflicht vergißt? An wen denkst du mit Gedanken, wie du nur an deinen Mann denken solltest? Wenn du wie eine verliebte Dirne umherschleichst, wo du meinst, ihn zu sehen. Und meinst, die Menschen sind blind. Frag’ ihn doch, wie er so eine nennt? O, die Leute haben schöne Namen für so eine.“

Er sah, wie sie erschrak. Ihr Arm bebte in seiner Hand. Er sah, sie begann ihn zu verstehen, sie begann sich selbst zu verstehen. Er hatte ihren Trotz gefürchtet und sah, sie brach zusammen; das Zornesrot erblich auf ihrer Wange und Schamröte schlug wild über die bleiche hin. Er sah, wie ihr Auge den Boden suchte, als fühlte es die Blicke aller Menschen auf sich gerichtet, als hätte der Schuppen, der Zaun, die Bäume Augen, und alle bohrten sich in das ihre. Er sah, wie sie in der Jäheit der Erkenntnis sich selbst so eine nannte, für die die Leute die schönen Namen haben.

Der Schmerz strömte seinen Regen über die schamblutende, brennende Wange, und die Tränen waren wie Öl; das Feuer wuchs, als eine Stimme vom Schuppen klang und sein Tritt. Sie wollte sich gewaltsam losreißen, und sah mit halb wildem, halb flehendem Blicke auf, der sterbend vor den tausend Augen wieder zu Boden sank. Er sah, sein Auge, das Auge des, der durch den Schuppen kam, war ihr das schrecklichste. Er hatte seinen ganzen Mut wieder.

„Sag’s ihm,“ preßte er leise hervor, „was du von ihm willst. Wenn er ist, wie du meinst, muß er dich verachten.“

Fritz Nettenmair hielt die Kämpfende mit der Kraft des Siegers fest, bis er Apollonius, der fragend aus dem Schuppen sah, gewinkt, herbeizukommen. Er ließ sie und sie floh nach dem Hause. Apollonius blieb erschrocken auf dem halben Wege stehen.

„Da siehst du, wie sie ist,“ sagte Fritz zu ihm. „Ich hab’ ihr gesagt, du wolltest sie fragen. Willst du, so gehen wir ihr nach und sie muß uns beichten. Ich will sehen, ob meine Frau meinen Bruder beleidigen darf, der so brav ist.“

Apollonius mußte ihn zurückhalten. Fritz gab sich nicht gleich zufrieden. Endlich sagte er: „Du siehst aber nun, es liegt nicht an mir. O, es tut mir leid!“

Es war ein unwillkürlicher Schmerz in den letzten Worten, den Apollonius auf die mißlungene Aussöhnung bezog. Fritz Nettenmair wiederholte sie leiser, und diesmal klangen sie wie ein Hohn auf Apollonius, wie höhnisches Bedauern über eine verfehlte List.

Christiane war nach der Wohnstube gestürzt und hatte die Tür hinter sich verriegelt. An Fritz dachte sie nicht; aber Apollonius konnte hereintreten. Sie wälzte den fieberischen Gedanken, hinaus in die Welt zu fliehen; aber wohin sie sich dachte, im steilsten Gebirg, im tiefsten Walde begegnete er ihr und sah, was sie wollte, und er mußte sie verachten. Und was wollte sie denn? Wollte sie etwas von ihm? Wenn sie in Gedanken vor ihm floh und angstvoll eine Zuflucht suchte; war er es nicht wieder, zu dem sie floh? Wenn sie in Gedanken eine Brust umschlang, daran sich auszuweinen, war es nicht seine? Der Augenblick, der sie lehrte, sie wollte etwas Böses, hatte sie ja erst gelehrt, was sie wollte. Ännchen war im Zimmer; sie hatte das Kind nicht bemerkt. Alles Leben der Mutter war bei ihrem inneren Kampfe; Ännchen sah der Mutter nicht an, was in ihr vorging. Sie zog die Mutter auf einen Stuhl und umschlang sie nach ihrer Weise und sah zu ihrem Antlitz auf. Die Mutter traf ihr Blick, als käme er aus Apollonius’ Augen. Ännchen sagte:

„Weißt du, Mutter? der Onkel Lonius“ — die Mutter sprang auf und stieß das Kind von sich, als wäre er es selbst. „Sag’ mir nichts mehr von — sag’ mir nichts mehr von ihm!“ sagte sie mit so zorniger Angst, daß das Mädchen weinend verstummte. Ännchen sah nicht die Angst, nur den Zorn in der Mutter Auffahren. Es war Zorn über sich selbst. Das Mädchen log, als sie dem Onkel von der Mutter Zorn über ihn erzählte. Es bedurfte der Erzählung nicht. Hatte er nicht selbst die rote Wange gesehen, mit der sie seiner und des Bruders Frage auswich; dasselbe Rot der zornigen Abneigung, mit dem sie den Heimkehrenden empfangen?

Ach, es war ein wunderlich schwüles Leben von da in dem Hause mit den grünen Fensterladen, tage-, wochenlang! Die junge Frau kam fast nicht zum Vorschein, und mußte sie, so lag brennende Röte auf ihren Wangen. Apollonius saß vom ersten Morgenschein auf seinem Fahrzeug und hämmerte, bis die Nacht einbrach. Dann schlich er sich leise von der Hintergasse durch Schuppen und Gang auf sein Stübchen. Er wollte ihr nicht begegnen, die ihn floh. Fritz Nettenmair war wenig mehr daheim. Er saß von früh bis in die Nacht in einer Trinkstube, von wo man nach der Aussteigetür und dem Fahrzeuge am Turmdach sehen konnte. Er war jovialer als je, traktierte alle Welt, um sich in ihrer lügenhaften Verehrung zu zerstreuen. Und doch, ob er lachte, ob er würfelte, ob er trank, sein Auge flog unablässig mit den Dohlen um das steile Turmdach. Und wie durch einen Zauber fügte es sich, nie schlich Apollonius durch den Schuppen, ohne daß fünf Minuten früher Fritz Nettenmair in die Haustür getreten war.

Im Schuppen und in der Schiefergrube schaltete der Geselle an seiner Statt. Er brachte Fritz Nettenmair den Rapport vom Geschäfte; im Anfang schrieb der joviale Herr davon in dicke Bücher, dann nicht mehr. Die Zerstreuung wurde ihm immer unentbehrlicher; er hatte keine Zeit mehr zum Schreiben. Bis er tief in der Nacht wieder heimkam, wandelte der Geselle in dem Gange von dem Wohnzimmer bis zum Schuppen hin und her. Es waren in der Nähe Diebstähle vorgekommen; der Geselle stand Wache: Fritz Nettenmair war daheim ein ängstlicher Mann geworden. Die übrigen Leute wunderten sich über das Vertrauen Fritz Nettenmair’s zu dem Gesellen. Apollonius warnte ihn wiederholt. Freilich! Er hatte Gründe, die Wache nicht zu wünschen, am allerwenigsten von dem Gesellen, der ihm nicht gewogen war. Und das eben war Fritz Nettenmair’s Grund, dem Gesellen zu vertrauen und auf die Warnungen nicht zu hören. Als Fritz Nettenmair zu dem Bruder gesagt: es tut mir leid, war er des Gesellen gewahr geworden. In seinem Grinsen hatte er gelesen, der Geselle durchschaute ihn und wußte, was Fritz Nettenmair fürchtete. Da biß er die Zähne aufeinander; eine halbe Stunde später übertrug er ihm die Wache und die Stellvertretung in Schuppen und Grube. Es kostete wenig Worte. Der Geselle verstand, was Fritz ihm sagte, daß er sollte; er verstand auch, was Fritz nicht sagte und dennoch sollte. Fritz Nettenmair traute seiner Redlichkeit im Geschäfte so wenig wie Apollonius. Er erkannte, der Geselle würde dort mißbrauchen, daß er etwas wußte, wovon außer ihm und Fritz Nettenmair niemand Kunde hatte und niemand Kunde haben durfte. Die Unredlichkeit des Gesellen dort haftete ihm für seine Redlichkeit, wo er sie nötiger brauchte. Es war die Sorglosigkeit fieberhafter Angst um alles andere, was sich nicht auf ihren Gegenstand bezieht.

Der alte Herr im blauen Rock hatte schlimmere Träume als je; er horchte gespannter als je auf jeden flüchtigen Laut, hörte mehr heraus und baute immer größere Lasten über seine Brust. Aber er fragte nicht.

Illustration from Zwischen Himmel und Erde

Es war eines Abends spät. Fritz Nettenmair hatte vom Fenster der Weinstube Apollonius sein Fahrzeug verlassen und an das fliegende Gerüst binden sehen, er eilte nach seiner Gewohnheit aus dem Wirtshause, um noch vor Apollonius heimzukommen. Er traf seine Frau in der Wohnstube bei einer häuslichen Arbeit. Der Geselle trat herein und machte die gewöhnliche Meldung. Dann sagte er seinem Herrn etwas in das Ohr und ging.

Fritz Nettenmair setzte sich zur Frau an den Tisch. Hier saß er gewöhnlich, bis ein schlürfender Tritt des Gesellen im Vorhaus ihm sagte, Apollonius sei zu Bett gegangen. Dann suchte er sein Weinhaus wieder auf; er wußte, das Haus war vor Dieben sicher, der Geselle war bei der Wache.

Das Gefühl, wie er sein Weib in seiner Hand hatte, und sie sich leidend darin ergab, hatte bisher dem Weine geholfen, einen schwachen Widerschein in der jovialen Herablassung über ihn zu werfen, die ehedem sonnenhaft von jedem Knopfe Fritz Nettenmairs geglänzt. Heute war der Widerschein sehr schwach. Vielleicht, weil ihr Auge nicht den Boden gesucht, als es sein Blick berührte. Er tat einige gleichgültige Fragen und sagte dann:

„Du bist heute lustig gewesen.“ Sie sollte fühlen, er wisse alles, was im Hause geschehe, sei er auch selbst nicht drin. „Du hast gesungen.“

Sie sah ihn ruhig an und sagte: „Ja. Und morgen sing’ ich wieder; ich weiß nicht, warum ich nicht soll.“

Er stand geräuschvoll vom Stuhle auf und ging mit lauten Tritten hin und her. Er wollte sie einschüchtern. Sie erhob sich ruhig und stand da, als erwarte sie einen Angriff, den sie nicht fürchtete. Er trat ihr nahe, lachte heiser und machte eine Handbewegung, vor der sie erschreckend zurückweichen sollte. Sie tat es nicht. Aber das Rot des beleidigten Gefühls trat auf ihre Wangen. Sie war scharfsinnig geworden, argwöhnisch dem Gatten gegenüber. Sie wußte, daß er sie und Apollonius bewachen ließ.

„Und hat er dir weiter nichts gesagt?“ fragte sie.

„Wer?“ fuhr Fritz Nettenmair auf. Er zog die Schultern empor und meinte, er sähe aus, wie der im blauen Rock. Die junge Frau antwortete nicht. Sie zeigte nach der Kammertür, in der das kleine Ännchen stand. „Der Spion! der Zwischenträger!“ preßte der Mann hervor. Das Kind kam ängstlich mit zögernden Schritten. Es war im Hemdchen.

Fritz Nettenmair sah nicht das Flehen in des Kindes Blick: er sollte der Mutter gut sein, die Mutter sei auch gut. Er sah nicht, wie das häusliche Zerwürfnis auf dem Kinde lastete und es bleich gemacht; wie es den Zustand mit durchlitt, ohne ihn zu verstehen. Er bemerkte nur, wie gespannt es horchte, um dem erzählen zu können, der es zum Horchen abgerichtet. Es wollte seine Knie umschlingen, sein Blick, seine gehobene Faust drängte es zurück. Die Mutter nahm das Kind in stillem Schmerz auf die Arme und trug es in die Kammer und in sein Bett zurück. Sie fürchtete, was der Mann ihm tun konnte. Was er ihr tun konnte, das fürchtete sie nicht. Sie sagte es dem Manne, als sie wieder hereinkam und die Tür verschlossen, wie um das Kind vor ihm zu retten.

„Ich bin eins geworden mit mir,“ sagte sie, und in ihren Augen stand das mit so glänzender Schrift, daß der Mann wieder hin und her schritt, um nicht hineinsehen zu müssen. „Ich bin eins geworden mit mir. Die Gedanken sind gekommen, daran bin ich nicht schuld, und ich habe sie nicht kommen heißen. Ich habe nicht gewußt, sie waren bös. Dann hab’ ich mit den Gedanken gekämpft, und ich will nicht müd’ werden, so lang’ ich lebe. Ich bin mit meiner Seele an dem Bett meiner seligen Mutter gewesen, wo sie gestorben ist, und habe sie liegen sehen und habe die drei Finger auf ihr Herz gelegt. Ich habe ihr versprochen, ich will nichts Unehrliches tun und leiden, und habe sie mit Tränen gebeten, sie soll mir helfen, nichts Unehrliches tun und leiden. Ich habe so lange gesprochen und so lange gebeten, bis alle Angst fortgewesen ist, und ich hab’ gewußt, ich bin ein ehrlich Weib und ich will ein ehrlich Weib bleiben. Und niemand darf mich verachten. Was du mir tun willst, davor fürchte ich mich nicht und wehre mich nicht. Du tust’s auf dein Gewissen. Aber dem Kinde sollst du nichts tun. Du weißt nicht, wie stark ich bin und was ich tun kann. Ich leid’ es nicht; das sag’ ich dir!“

Sein Blick flog scheu an der schlanken Gestalt vorüber, er berührte nicht das bleiche, schöne Antlitz; er wußte, ein Engel stand darauf und drohte ihm. O, er erkannte, er fühlte, wie stark sie war; er empfand, wie mächtig der Entschluß eines ehrlichen Herzens schirmt. Aber nur gegen ihn! er empfand es an seiner Schwäche. Er fühlte, ihr mußte glauben, wer glauben durfte. Dies Recht hatte er im unehrlichen Spiele verspielt. Er hätte ihr glauben müssen, wußte er nicht, es mußte kommen, was kommen mußte. Sie nicht, niemand konnte es verhindern. Einen Rettungsweg zeigte ihm sein Engel, ehe er ihn verließ. Wenn er redlich, unablässig sich mühte, gut zu machen, was er an ihr verschuldet. Wenn er ihr die Liebe tätig zeigte, die die Angst vor dem Verluste ihn gelehrt. Hatte er nicht Helfer? Mußten die Kinder nicht seine Helfer sein? Und das Pflichtgefühl, das so stark war? Die tote Mutter, an deren Bett sie in Gedanken getreten, auf deren Herz sie ihre Schwurfinger gelegt? Aber eben das, worauf er hofft, ihre Reinheit, scheucht ihn zurück, wie er sich ihr nahen will. Er ist dem Gespenste seiner Schuld verfallen, dem Gedanken der Vergeltung, der ihn unwiderstehbar treibt, das zu schaffen, was er verhindern will. Zu tief hat ihn die lange, stete Gewohnheit, ihn zu denken, eingegraben. Hoffnung und Vertrauen sind dem Gedanken fremd; der Haß ist ihm verwandter. Ihn ruft er zu Hilfe. — Draußen schlürft der Fuß des Gesellen auf dem Sande des Vorhauses. Das Haus ist sicher vor Dieben. Er kann wieder gehen.

Fritz Nettenmair ist heute im Weinhaus so jovial, als er sein kann. Seine Schmeichler haben Durst und lassen sich seine Herablassung gefallen. Er trinkt, schlägt seinen Gästen die Hüte über die Ohren und das Gesicht und übt mit Stock und Hand manche andere zarte Liebkosungen und belacht sie als geistreiche Scherze mit bewunderndem Lachen. Er tut alles, sich zu vergessen; es gelingt ihm nicht.

Könnte er mit seiner jungen Frau tauschen, die unterdes einsam daheim sitzt! Wonach er sich sehnt: sich zu vergessen, dagegen muß sie sich wehren. Was er muß, was er mit aller Mühe nicht abwenden kann, danach ringt sie, und es will ihr nicht gelingen, sich auf sich selbst zu besinnen. — Was hilft es, daß sie es dem Kinde verbot? alle ihre Gedanken reden ihr von Apollonius. Sie meinte, sie wich ihm aus, und sie sieht, er flieht sie. Sie sollte sich freuen, und es tut ihr weh. Ihre Wangen brennen wieder. Eigen ist es, daß sie selbst ihren Zustand strenger und milder ansieht, je nachdem sie in Gedanken Apollonius strenger oder milder darüber urteilend glaubt. So ist er ihr das unwillkürliche Maß der Dinge geworden. Weiß er, wie sie ist, und verachtet sie? Er ist so mild und nachsichtig; er hat die Anne nicht verspottet, nicht verachtet; er hat ihr das Wort geredet gegen Verachtung und Spott. Hat sie schon, ehe er kam, Gedanken gehabt, die sie nicht haben sollte, und er hat sie erraten? Ist sie sich doch, als wäre sie mit allem, was sie weiß und wünscht, nur ein Gedanke in ihm, den er weiß, wie seine andern. Und sie hat ihn gedauert; und darum sah er ihr mit traurigem Blicke nach, wenn sie ging? Ja! Gewiß! Und nun floh er sie aus Schonung; sein Anblick sollte nicht Gedanken in ihr wecken, die besser geschlafen hätten, bis sie selber schlief im Sarg. Er vielleicht selbst hatte es ihrem Manne gesagt oder geschrieben; und dieser hatte das Mittel gewählt, sie durch Widerwillen zu heilen.

War es Zufall, daß sie in diesem Augenblicke nach ihres Mannes Schreibpult blickte? Sie sah, er hatte den Schlüssel abzuziehen vergessen. Sie erinnerte sich, er war nie so nachlässig gewesen. Sonst hatte sie keine Acht darauf gehabt; jetzt erst fiel ihr auf, er war, wußte er sie zugegen, nicht auf Augenblicke aus dem Zimmer gegangen, ohne zu schließen und den Schlüssel abzuziehen. Im obersten Fache rechts lagen Apollonius’ Briefe; ihr Blick war sonst der Stelle ausgewichen. Jetzt öffnete sie das Pult und zog das Fach heraus. Ihre Hände zitterten, ihre ganze Gestalt bebte. Nicht aus Furcht, ihr Mann könnte sie dabei überraschen. Sie mußte wissen, wie es stand zwischen ihr, Apollonius und ihrem Mann; sie hätte diesen gefragt; sie hätte sich nicht selbst geholfen, konnte sie ihrem Manne trauen. Sie bebte vor Erwartung, was sie finden wird. Ob sie etwas davon ahnt, was sie finden wird?

Es waren viele Briefe in dem Fach; alle lagen offen und entfaltet darin, und alle schienen nur Abdrücke eines einzigen zu sein, so sehr glichen sie sich; nur daß die Züge in den ersten weicher erschienen. Wie abgezirkelt stand die Anrede in jedem genau auf derselben Stelle; genau um ebenso viel Zoll und Linien darunter der Beginn des Briefes. Der Abstand der schnurgeraden Zeilen voneinander und vom Rande des Bogens war in allen der gleiche; nichts war ausgestrichen; keine kleinste Unregelmäßigkeit verriet die Stimmung des Schreibers oder eine Veränderung derselben; ein Buchstabe genau wie der andere.

Sie berührte die Briefe alle, einen um den anderen, ehe sie las. Mit jedem schlug neue glühende Röte über ihre Wangen, als berührte sie Apollonius selbst, und sie zog die Hand unwillkürlich zurück. Jetzt fiel mit einem Briefe eine kleine metallene Kapsel in den Kasten zurück; die Kapsel fuhr auf, und heraus fiel eine kleine, dürre Blume. Ein kleines, blaues Glöckchen. Solch eines, wie sie einst auf die Bank gelegt, damit er es finden sollte. Sie erschrak. Jene hatte Apollonius ja noch denselben Abend mit Spott und Hohn unter seinen Kameraden ausgeboten und gefragt, was sie gäben, und dann unter dem Lachen aller dem Bruder feierlich zugeschlagen. Dieser brachte sie ihr und erzählte ihr es während des Tanzens, und Apollonius sah zum Saalfenster herein, höhnend, wie der Bruder sagte. Jene hatte sie zerpflückt; das junge Volk war über die Trümmer hingetanzt. Die Blume in der Kapsel war eine andere. Es mußte in dem Briefe stehen, von wem sie war oder wem sie Apollonius schickte.

Und doch war es dieselbe Blume. Sie las es. Wie ward ihr, als sie las, es war dieselbe! Träne um Träne stürzte auf das Papier, und aus ihnen quoll ein rosiger Duft und verhüllte die engen Wände des Stübchens. In dem Duft regte sich ein Wehen, wie von leichtem Morgenwind im Lenz, wenn er die leichten Nebel flatternd ballt und durch die Risse goldener Himmel lacht und goldene Höhen. Und immer weiter wird der Blick, und wie der Schleier wogend tief und tiefer sinkt, steigen rauschende Wälder auf, grüne Wiesen mit ihrem Blumenschmelz, trauliche Gärten mit laubigen Schatten, Häuser mit glücklichen Menschen. O, es war eine Welt von Glück, von Lachen und Weinen vor Glück, die aus den Tränen stieg, jede färbte sie regenbogenglänzender, jede rief: sie war dein, und die letzte jammerte: und sie ist dir gestohlen! Die Blume war von ihr; er trug sie auf seiner Brust in Sehnsucht, Hoffen und Fürchten, bis die des Bruders war, deren er dabei gedachte. Dann warf er sie, die Botin des Glückes, dem geschiedenen nach. Er war so brav, daß er für Sünde hielt, die arme Blume dem vorzuenthalten, der ihm die Geberin gestohlen. Und an solchem Manne hätte sie hängen dürfen, sich mit allen Pulsen in ihn drängen, ihn mit tausend Armen der Sehnsucht umschlingen zum Nimmerwiederfahrenlassen! Sie hätte es gekonnt, gedurft, gesollt! es wäre nicht Sünde gewesen, wenn sie es tat; es wäre Sünde gewesen, tat sie es nicht. Und nun wäre es Sünde, weil der sie und ihn betrogen, der sie nun quälte um das, was er zur Sünde gemacht? Der sie zur Sünde zwang; denn er zwang sie, ihn zu hassen; und auch das war Sünde, und durch seine Schuld. Der sie zwang — er zwang sie zu mehr, zu Gedanken, die mit Gott im Himmel hadern wollten, zu Gedanken, die aus der Liebe und dem Hasse, die Gott verbot, ein Recht machen wollten, zu schrecklich klugen, verführerisch flüsternden, wilden, heißen, verbrecherischen Gedanken. Und wies sie diese schaudernd von sich, dann sah sie unabsichtliche Sünde unabwendbar drohen. Mit entsetzlich süßem Bangen wußte sie den Mann so nahe, der ihr fremd sein sollte, der ihr nicht fremd war, vor dem sie in der Angst ihrer Schwäche keine Rettung sah. Sie floh vor ihm, vor sich selbst in die Kammer, wo ihre Kinder schliefen, wo ihre Mutter gestorben war. Dorthin, wo ihr so heilig wurde, hörte sie das leise Regen der unschuldig schlummernden Leben, zu deren Hüterin sie Gott gesetzt; die ruhigen Hauche hinflüstern durch die stille, dunkle Nacht. Jeder Hauch ein sorglos süß aufgelöstes Sichbefehlen an die unbekannte Macht, die das All in ihren Mutterarmen trägt. Sie ging von Bett zu Bett und lag kniend regungslos davor, und legte die Stirn an die scharfen Brettkanten.

Vom Sankt Georgenturme her klangen die Glocken, wie sie der Schritt der Zeit berührte; und er hielt nicht an im Wandern. Es schlug viertel, halb, dreiviertel, ganz und wieder viertel und wieder halb. Das leise Weben der schlummernden Kinderseelen zitterte um sie. Sie lag, die heißen Hände gefalten, lange, lange. Da stieg es empor aus dem leisen Weben, silbern wie ein Ostermorgenglockenklang. Was fürchtest du dich vor ihm? Und sie sah all ihre Engel um sich knien, und er war einer von ihren Engeln, der schönste und der stärkste und der mildeste. Und sie durfte zu ihm aufsehen, wie man zu seinen Engeln aufsieht. Sie stand auf und ging in die Stube zurück. Die Briefe breitete sie auf dem Tische aus, dann ging sie zur Ruhe. Ihr Besitzer sollte wissen, wenn er heimkehrte und die Briefe fand, sie hatte sie gelesen. Nicht um ihn zu erschrecken, nicht als Anklage, wie sie auch von ihm denken mochte. Er las davon ab, was das Bewußtsein seiner Schuld darauf schrieb; er las aus seiner Beleidigung ihr Rachedrohen und ihre Pläne, es in das Werk zu setzen. Er kannte ihre Wahrhaftigkeit; wäre er so rein gewesen als sie, er hätte gewußt, sie hatte nur dem Triebe ihrer ehrlichen Natur genügt. Sie schied schwer von den Briefen: aber sie gehörten nicht ihr. Nur die Kapsel mit der dürren Blume nahm sie weg und wollt ihm am Morgen sagen, daß sie es getan.

Fritz Nettenmair saß noch ganz allein im Weinhaus. Das Haupt hing ihm müde auf die Brust herab. Er rechtfertigte vor sich seinen Haß und sein Tun. Der Bruder und sie waren falsch; der Bruder und sie waren schuld, nicht er, daß er hier vergeudete, was seinen Kindern gehörte. Wer ihm ihr Herz gestohlen, konnte für sie sorgen. Eben war es ihm gelungen, sich zu überzeugen, als daheim die Kammertüre ging. Die Frau war wieder vom Bett aufgestanden und legte auch die Kapsel mit der Blume wieder zu den Briefen. Apollonius hatte sie nicht behalten, sie durfte es auch nicht. Der Gatte dachte noch nicht an das Heimgehen, als sie die Decke wieder über ihre reinen Glieder breitete. Über dem Gedanken, sofort sollte Apollonius ihr Leitstern sein, und wenn sie handelte wie er, blieb sie rein und bewahrt, schlief sie ein und lächelte im Schlummer, wie ein sorglos Kind.

Illustration from Zwischen Himmel und Erde

Das Leben in dem Hause mit den grünen Laden wurde immer schwüler. Die gegenseitige Entfremdung der Gatten nahm mit jedem Tage zu. Fritz Nettenmair behandelte die Frau immer rücksichtsloser, wie seine Überzeugung wuchs, durch Schonung sei nichts mehr zu gewinnen. Diese Überzeugung floß aus der immer kälteren Ruhe der Verachtung, die sie ihm entgegensetzte; er dachte nicht, daß er selbst sie zu dieser Verachtung zwang. Es war eine unglückliche, immer steigende Wechselwirkung. So wenig Apollonius mit dem Bruder und der Schwägerin zusammentraf, ihr Zerwürfnis mußte er bemerken. Es machte ihn unglücklich, daß er die Schuld davon trug. In welcher Weise er sie trug, das ahnte er nicht. Während die Schwägerin mit liebender Verehrung an ihm hing und sich und ihrem ganzen Hauswesen seine Physiognomie aufprägte, grübelte er über den Grund ihres unbesiegbaren Widerwillens. Der Bruder tat nichts, diesen Irrtum zu berichtigen; er bestätigte ihn vielmehr. Zuweilen, indem er ihn überlegen bei sich verlachte, wenn Weinlaune und geschmeichelte Eitelkeit ihre Wirkung taten. Der Stunden der Erschlaffung, der Unzufriedenheit mit sich selbst waren freilich mehr. Dann zwang er sich, Verstellung darin zu sehen, um an dem Mitleid mit sich selber den Haß gegen die andern, in dem ihm wohl war, zu schärfen.

Apollonius wußte wenig von der Lebensweise des Bruders. Fritz Nettenmair verbarg sie ihm aus dem unwillkürlichen Zwang, den Apollonius’ tüchtiges Wesen ihm abnötigte, den er aber niemand, am wenigsten sich selber, eingestanden haben würde. Und die Arbeiter wußten, daß sie Apollonius mit nichts kommen durften, was nach Zuträgerei aussah, am wenigsten, wenn es seinen Bruder betraf, den er gern von allen geachtet gesehen hätte, mehr als sich selbst. Aber er hatte bemerkt, Fritz sah ihn als einen Eindringling in seine Rechte an, der ihm Geschäft und Tätigkeit verleidete. Apollonius fühlte sich von dem Tage seiner Rückkehr nicht wohl daheim; er war seinen Liebsten hier eine Last; er dachte oft an Köln, wo er sich willkommen wußte. Bis jetzt hielt ihn die moralische Verpflichtung, die er in Rücksicht der Reparatur auf sich genommen. Diese ging mit raschen Schritten ihrer Vollendung entgegen. So durfte der Gedanke seine Verwirklichung fordern, und er teilte ihn dem Bruder mit.

Es wurde Apollonius anfangs schwer, den Bruder zu überzeugen, es sei ihm Ernst mit der Rückkehr nach Köln. Fritz hielt es erst für einen listigen Grund, ihn sicher zu machen. Der Mensch gibt ebenso schwer eine Furcht auf als eine Hoffnung. Und er hätte sich eingestehen müssen, er habe den zwei Menschen Unrecht getan, die des Unrechtes an ihm anzuklagen ihm eine Gewohnheit geworden war, in der er eine Art Behagen fand. Er hätte dem Bruder ein zweites Unrecht verzeihen müssen, das dieser von ihm gelitten. Er fand sich erst darein, als es ihm gelungen war, in dem Bruder wieder den alten Träumer zu sehen, und in dessen Vorhaben eine Albernheit; als er ein unwillkürliches Eingeständnis darin sah, der Bruder begreife in ihm den überlegenen Gegner und gehe aus Verzweiflung am Gelingen seines schlimmen Planes. In dem Augenblick erwachte die ganze alte joviale Herablassung, wie aus einem Winterschlaf. Seine Stiefel knarrten wieder: da ist er ja! und: nun wird’s famos! läuteten seine Petschafte den alten Triumph.[2] Die Stiefel übertönten, was ihm sein Verstand von den notwendigen Folgen seiner Verschwendung, von seinem Rückgange in der allgemeinen Achtung vorhielt. Es war ihm, als sei alles wieder so gut als je, war nur der Bruder fort. Er glaubte sogar vorgreifend an seine außerordentliche Großmut, dem Bruder zu verzeihen, daß er dagewesen. Er richtete sich vor dem Bruder schon in der ganzen alten Größe wieder auf, in der er als alleiniger Chef des Geschäfts dem Ankömmling gegenübergestanden; er winkte ihm mit seinem herablassendsten Lachen zu, daß er es schon bei dem im blauen Rock durchsetzen wolle; er selber müsse Apollonius fortschicken.

Die junge Frau fühlte anders. Fritz Nettenmair war zu klug, ihr vorläufig davon zu sagen. Aber der alte Valentin war nicht so klug und wußte nicht, warum er so klug sein sollte. Der alte Valentin war ein närrischer Geselle. Dem alten Herrn sagte er nichts. Es war wunderlich, wie gewissenhaft er seine Pflicht an das Haus verteilte, der ehrlichste Achselträger, den es je gegeben. Er verriet den jungen Leuten nie etwas, was er dem alten Herrn abgemerkt; aus Treue gegen den blauen Rock verbarg er es den Jungen so angestrengt, als der alte Herr selbst. Aber er war auch den Jungen so treu ergeben, daß der alte Herr von ihnen nichts durch ihn erfuhr, als was sie selber wollten, und hätte der alte Herr getan, was er nie tat, nämlich ihn danach gefragt.

Der jungen Frau war es, als sollte ihr Engel von ihr scheiden. Sie empfand, daß sie in seiner Nähe sicherer vor ihm war als von ihm entfernt; denn all der Zauber, der ihren Wünschen wehrte, sündhaft zu werden, floß ja aus seinen ehrlichen Augen auf sie nieder; von der Stirn, die so rein war, daß ein sündhafter Blick verzweifelte, sie befleckend in sein Begehren mitzureißen, und selbst gereinigt und reinigend in die Seele zurückkam, die ihn geschickt.

Apollonius sollte nicht gehen, und das durch des Bruders Schuld, den allein in der ganzen Stadt sein Gehen freute. Freilich wird er die Schuld nicht anerkennen; auch diese wird er von sich ab und auf den Bruder schieben. Apollonius hatte auch dem Bauherrn von seinem Entschlusse gesagt. Es befremdete ihn, daß der brave Mann — der sonst alles, was Apollonius tun würde, schon im voraus gebilligt, als könnte Apollonius nichts tun, was er nicht billigen müßte — die Mitteilung mit fremder, wie verwundert einsilbiger Kälte aufnahm. Er drang in ihn, ihm den Grund dieser Veränderung zu sagen. Die braven Männer verständigten sich leicht. Der Bauherr sagte ihm, nachdem er sich gewundert, Apollonius damit unbekannt zu finden, was er von des Bruders Lebensweise wußte, und war der Meinung, Geschäft und Haus seines Vaters könne ohne Apollonius’ Hilfe nicht bestehen. Er versprach, sich weiter nach der Sache zu erkundigen und war bald imstande, Apollonius nähere Aufklärungen zu geben. Hier und da in der Stadt war der Bruder nicht unbedeutende Summen schuldig, das Schiefergeschäft war, besonders in der letzten Zeit, so saumselig und ungewissenhaft betrieben worden, daß manche vieljährige Kunden bereits abgesprungen waren und andere im Begriff standen, es zu tun. Apollonius erschrak. Er dachte an den Vater, an die Schwägerin und ihre Kinder. Er dachte auch an sich, aber eben das eigene starke Ehrgefühl stellte ihm zuerst vor, was der alte, stolze, rechtliche, blinde Mann leiden müßte bei der Schande eines möglichen Konkurses. Er fand sein Brot; aber des Bruders Weib und Kinder? Und sie waren des Darbens nicht gewohnt. Er hatte gehört, das Erbe der Frau von ihren Eltern war ein ansehnliches gewesen. Er schöpfte Hoffnung, es könne noch zu helfen sein. Und er wollte helfen. Kein Opfer von Zeit und Kraft und Vermögen sollte ihm zu schwer werden. Konnte er den Verfall nicht aufhalten, darben sollten die Seinigen nicht.

Der wackere Bauherr freute sich über seines Lieblings Denkart, auf die er gerechnet; es hatte ihn befremdet, daß sie sich nicht schon früher gezeigt. Er bot Apollonius seine Hilfe an; er habe weder Frau noch Kinder, und Gott habe ihn etwas erwerben lassen, um einem Freunde damit zu helfen. Noch nahm Apollonius kein Anerbieten an. Er wollte erst sehen, wie es stand, um sich Gewißheit zu verschaffen, ob er ein ehrlicher Mann bleiben konnte, wenn er den freundlichen Erbieter beim Worte nahm.

Es kamen schwere Tage für Apollonius. Der alte Herr durfte noch nichts wissen und, wenn seine Ehre aufrechtzuerhalten war, auch nicht erfahren, daß sie gewankt. Apollonius bedurfte dem Bruder gegenüber seine ganze Festigkeit und seine ganze Milde. Er mußte ihm täglich imponieren und stündlich verzeihen. Schon das war nicht leicht, den Stand seines Vermögens, seine Gläubiger und den Betrag der Schulden von ihm zu erfahren. Vergebens machte Apollonius seine gute Meinung geltend, der Bruder glaubte ihm nicht; und hätte er ihm glauben müssen, er hätte ihn darum nicht weniger gehaßt. Er haßte sich selbst in Apollonius, und haßte ihn darum um so mehr, je hassenswerter sein eigenes Tun ihm erschien.

Als Apollonius die Gläubiger und die Beträge wußte, untersuchte er den Stand des Geschäfts und fand ihn verwirrter, als er gefürchtet. Die Bücher waren in Unordnung; in der letzten Zeit war gar nichts mehr eingetragen worden. Es fanden sich Briefe von Kunden, die sich über schlechte Ware und Saumseligkeit beklagten, andere mit Rechnungen von dem Grubenbesitzer, der neue Bestellungen nicht mehr kreditieren wollte, da die alten noch nicht bezahlt waren. Das Vermögen der Frau war zum größten Teile vertan; Apollonius mußte den Bruder zwingen, die Reste davon herauszugeben. Er mußte mit den Gerichten drohen. Was litt Apollonius mit seinem ängstlichen Ordnungsbedürfnis mitten in solcher Verwirrung; was mit seinem starken Ehrgefühl für seine Angehörigen, dem Bruder gegenüber! Und doch sah dieser in jeder Äußerung, jedem Tun des Leidenden nur schlecht verhehlten Triumph. Nach unendlichen Mühen gelang Apollonius eine Übersicht des Zustandes. Es ergab sich: wenn die Gläubiger Geduld zeigten und man die Kunden wieder zu gewinnen vermochte, so war mit strenger Sparsamkeit, mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit die Ehre des Hauses zu retten, und ermüdete man nicht, konnten die Kinder des Bruders ein wenigstens schuldenfreies Geschäft einst als Erbe übernehmen. Apollonius schrieb sogleich an die Kunden, dann ging er zu den Gläubigern des Bruders. Die ersten wollten es noch einmal mit dem Hause versuchen; man sah, sie gingen sicher; ihre neuen Bestellungen waren wenig mehr als Proben. Bei den Gläubigern hatte er die Freude, zu sehen, welches Vertrauen er bereits in seiner Vaterstadt gewonnen. Wenn er die Bürgschaft übernahm, blieben die schuldigen Summen als Kapitale gegen billige Zinsen zur allmählichen Tilgung stehen. Manche wollten ihm noch bares Geld dazu anvertrauen. Er machte keinen Versuch, die Wahrheit dieser Versicherungen auf die Probe der Tat zu stellen, und gewann dadurch das Vertrauen der Versichernden nur noch mehr. Nun stellte er dem Bruder anspruchlos und mit Milde dar, was er getan und noch tun wolle. Vorwürfe konnten nichts helfen, und Ermahnungen hielt er für unnütz, wo die Notwendigkeit so vernehmlich sprach. Der Bruder konnte, wenn Apollonius die Leitung des Ganzen, des Geschäftes und des Hauswesens, alle Einnahmen und Ausgaben von nun an allein und vollkommen selbständig übernahm, keine willkürliche Beeinträchtigung darin sehen. In der Sache, in der er seine Ehre zum Pfande gesetzt, mußte Apollonius frei schalten können. Das ungestörte Zusammenwirken all der Tätigkeiten, durch die allein der beabsichtigte Erfolg zu erreichen war, verlangte die Leitung einer einzigen Hand.

Das Verkaufsgeschäft mußte vor allen Dingen wieder in Aufnahme gebracht werden. Der Grubenherr hatte immer schlechtere Ware geliefert und der Bruder solche für gute annehmen müssen, um nur überhaupt Ware zu erhalten; die Anerbieten der übrigen Gläubiger, die Schuld als Kapital stehen zu lassen, nahm er an, um mit dem, was von den Vermögensresten der Frau zunächst flüssig gemacht werden konnte, dem Grubenherrn die alte Schuld abzutragen und eine bedeutende neue Bestellung sogleich bar zu bezahlen. So erhielt man wieder und zu billigerem Preise gute Ware, und konnte auch seine Abnehmer bewähren. Der Grubenherr, der bei dieser Gelegenheit Apollonius und dessen Kenntnis des Materials und seiner Behandlung kennen lernte, machte ihm den Antrag, da er alt und arbeitsmüde sei, die Grube zu pachten. Bei den Bedingungen, die er stellte, konnte Apollonius auf großen Nutzen rechnen, aber so lange er noch in schwerer Lage auf sich allein stand, durfte er seine Kräfte nicht zwischen mehrere Unternehmungen teilen.

Apollonius entwarf seinen Plan für das erste Jahr und setzte ein Gewisses fest, das der Bruder zur Führung des Hausstandes allwöchentlich von ihm in Empfang zu nehmen hatte. Er entließ von den Leuten, wer nur irgend zu entbehren war. Den ehrlichen Valentin machte er zum Aufseher für die Zeit, wo er selbst in Geschäften auswärts sein mußte. Es lag begründeter Verdacht vor, daß der ungemütliche Geselle sich mancher Veruntreuung schuldig gemacht. Fritz Nettenmair, der an dem Wächter seiner Ehre wie an ihrem letzten Bollwerke festhielt, tat alles, ihn zu rechtfertigen und dadurch im Hause zu erhalten. Der Geselle hatte zu allem, was man ihm vorwarf, ausdrücklichen Befehl von ihm gehabt. Apollonius hätte den Gesellen gern gerichtlich belangt; er mußte sich begnügen lassen, ihn abzulohnen und ihm das Haus zu verbieten. Apollonius war unerbittlich, so mild er seine Gründe dem Bruder vortrug. Jeder Unbefangene mußte sagen, er durfte nicht anders, der Geselle mußte fort. Auch Fritz Nettenmair dachte, als er allein war, aber mit wildem Lachen: „Freilich muß er fort!“ In dem Lachen klang eine Art Genugtuung, daß er recht gehabt, eine Schadenfreude, mit der er sich selbst verhöhnte:

„Der Federchensucher wäre ein Narr, wenn er ihn nicht schickte. Ein Narr, wie ich einer war, daß ich glaubte, er würde ihn doch behalten. O, ich bin zu ehrlich, zu dummehrlich gegen so einen. Was gehen ihn meine Schulden an? In seiner Gewalt wollte er mich haben; darum zwang er mich, Schulden zu machen, damit er den Gesellen fortschicken konnte, der ihm hinderlich war. Herr im Hause wollte er sein, darum verdrängte er mich aus einer Stellung nach der andern, damit er mich einschüchtern könnte, daß ich leiden müßte, was er will, um mit ihr zusammen zu kommen ohne mich. Und wenn er recht hat, warum läßt er sich soviel von mir gefallen? Ein ehrlicher Kerl, wie ich, wäre anders gegen mich. Es ist sein böses Gewissen. Er wäre nicht so, wenn er nicht falsch wäre. Eine Zwickmühle ist’s. Was das Einschüchtern nicht hilft, soll das Einschmeicheln helfen. Er ist mir nicht klug genug. Ich bin einer, der die Welt besser kennt, als der Träumer!“

Was auch Apollonius ihm zeigen mochte, Strenge und Milde bestärkte ihn nur in dem Gedanken, der ihn um so weniger losließ, je länger er ihn hegte, und um so durstiger wurde, sein Herzblut zu trinken, je länger er ihn damit fütterte. Er sah kein äußeres Hindernis mehr, das die verbrecherische Absicht des Bruders verhindern konnte.

Von nun an wechselte sein Seelenzustand zwischen verzweifelter Ergebung in das, was nicht mehr zu verhindern, ja! was wohl schon geschehen war, und zwischen fieberischer Anstrengung, es dennoch zu verhindern. Danach gestaltete sich sein Benehmen gegen Apollonius als unverhehlter Trotz oder als kriechend lauernde Verstellung. Beherrschte ihn die erste Meinung, dann suchte er Vergessen Tag und Nacht. Zu seinem Unglück hatte der Geselle im nahen Schieferbruche Arbeit gefunden und war ganze Nächte lang sein Gefährte. Die bedeutenden Leute wandten sich von ihm und rächten sich mit unverhohlener Verachtung für das Bedürfnis, das er ihnen geweckt und nicht mehr befriedigen konnte; sie vergalten ihm nun die joviale Herablassung, die sie von ihm ertrugen, solange er sie mit Champagner bezahlte. Er wich ihnen aus und folgte dem Gesellen an die Orte, wo dieser heimisch war. Hier griff er die joviale Herablassung um eine Oktave tiefer. Nun ertönten die Branntweinkneipen von seinen Späßen und diese nahmen immer mehr von der Natur der Umgebung an. Hatten sie doch in besseren Zeiten eine wie vordeutende Verwandtschaft mit diesen gezeigt. Es kam die Zeit, wo er sich nicht mehr schämte, der Kamerad der Gemeinheit zu sein.

Während Apollonius den Tag über für die Angehörigen des Bruders auf seinem gefährlichen Schiff hämmert, und die Nächte über Büchern und Briefen sitzt und sich den wohlverdienten Bissen abdarbt, um mit liebendem Eifer gut zu machen, was der Bruder verdorben, erzählt dieser in den Schenken, wie schlecht Apollonius an ihm gehandelt, weil er brav sei und der Bruder schlecht. Er erzählte es so oft, daß er es selbst glaubte. Er bedauert die Gläubiger, die sich von dem Scheinheiligen bürgen ließen, der sie alle betrügen wird, und erzählt dabei ersonnene Geschichten, die sein Bedauern glaubhaft machen sollen. Läge es an ihm, Apollonius hämmerte vergebens und wachte vergebens bei seinen Büchern und Briefen. Aber es glaubt ihm niemand; er untergräbt nur, was er selbst noch von Achtung besitzt. Apollonius’ Vorstellungen setzt er Hohn entgegen. Dennoch hofft Apollonius, er wird seine Treue noch erkennen und sich bessern. Seine Hoffnung zeugt besser von seinem eigenen Herzen, als von seiner Einsicht in das Gemüt des Bruders. Kommt diesem der Gedanke seiner Verdorbenheit, dann hat er einen Grund mehr, den Federchensucher zu hassen, und die arme Frau muß es entgelten, kehrt er zu einer Zeit heim, wo sich Apollonius schon wieder zum Ausgehen rüstet.

Illustration from Zwischen Himmel und Erde

Dächer, die mit Metall oder Ziegeln eingedeckt sind, machen in der Regel erst nach einer Reihe von Jahren eine Reparatur nötig; bei Schieferdächern ist es anders. Durch die Rüstungen und das Besteigen der Dachfläche während des Eindeckens entstehen unvermeidlich allerlei Beschädigungen der Schieferplatten, die sich nicht immer sogleich zeigen. Die ersten drei Jahre nach beendeter Ein- oder Umdeckung verlangen oft bedeutendere Nachbesserungen als die fünfzig Nächstfolgenden. Zu dieser alten Erfahrung gab auch das Kirchendach von Sankt Georg seinen Beleg. Die Schieferdecke des Turmes dagegen, die Apollonius allein besorgt, legte genügendes Zeugnis ab von ihres Schöpfers eigensinniger Gewissenhaftigkeit. Die Dohlen, die sie bewohnten, hätten noch lange Zeit Ruhe gehabt vor seinem Fahrzeug, hätte nicht ein alter Klempnermeister seinen kirchlichen Sinn durch Stiftung eines blechernen Zierates an den Tag legen wollen. Es war ein Blumenkranz, den Apollonius dem Turmdach umlegen sollte, um dessentwillen er diesmal seine Leiter an der Helmstange anknüpfte. Vor etwas mehr als einem halben Jahre hatte er sie abgenommen.

Unterdes war sein angestrengtes Bestreben nicht ohne Erfolg geblieben. Die alten Kunden hatte er festgehalten und neue dazugewonnen. Die Gläubiger hatten ihre Zinsen und eine kleine Abschlagszahlung für das erste Jahr; das Vertrauen und die Achtung vor Apollonius wuchs mit jedem Tage; mit ihnen seine Hoffnung und seine Kraft, die er mit verdoppelter Anstrengung bezahlte.

Könnte man nur dasselbe von seinem Bruder sagen! von dem Verständnis der beiden Gatten!

Es war ein Glück für Apollonius, daß er mit seiner ganzen Seele bei seinem Vorhaben sein mußte, daß er keine Zeit übrig behielt, dem Bruder Schritt für Schritt mit Auge und Herz zu folgen, zu sehen, wie der immer tiefer sank, den zu retten er sich mühte. Wenn er sich freute über sein Gelingen, so war es aus Treue gegen den Bruder und dessen Angehörige; der Bruder sah etwas andres in seiner Freude und dachte auf nichts, als sie zu stören.

Es kam weit mit Fritz Nettenmair.

Im Anfang hatte er den größten Teil des wöchentlich für seinen Hausstand Ausgesetzten der Frau übergeben. Dann behielt er immer mehr zurück und zuletzt trug er das ganze dahin, wohin ihm das Bedürfnis, durch Traktieren sich Schmeichler zu erkaufen, treuer gefolgt war, als die Achtung der Stadt. Die Erfahrung an den „bedeutenden“ Leuten hatte ihn nicht bekehrt. Die Frau hatte sich kümmerlicher und kümmerlicher behelfen müssen. Der alte Valentin sah ihre Not, und von nun an ging das Haushaltsgeld nicht mehr durch ihres Mannes, sondern durch Valentins Hände. Zuletzt wurde Valentin ihr Schatzmeister und gab ihr nie mehr, als sie augenblicklich bedurfte, weil das Geld in ihren Händen nicht mehr vor dem Manne sicher war. Sie mußte das, wie alles, von ihm entgelten. Er war schon gewohnt, an der ganzen Welt, die ihn verfolgte, an sich selbst, an dem Gelingen Apollonius’, in ihr sich zu rächen. Valentin hätte ihn schon lang darum bei Apollonius verklagt, wenn nicht die Frau selber ihn daran gehindert hätte. Es war ihr eine Genugtuung, um den Mann zu leiden, der ja um sie und ihre Kinder noch mehr litt. Wußte sie Apollonius im Sturm auf der Reise, dann weilte sie stundenlang im unbedeckten Hofe: das Wetter, das ihn traf, sollte auch sie treffen; sie wollte eine gleich schwere Last tragen, wenn sie die seine nicht erleichtern konnte. Soweit trieb sie ihre Opferlust.

Notes in this chapter

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