Erster Teil. (continued 2)
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So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: »Siehe, er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt.«
Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut. Ich paßte ihm an einem schönen Sonntag abend, der alle Welt ins Freie gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob ich ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in seiner gelehrten Nähe noch einmal so schön.
Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die Tiefen der Wissenschaften zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigste Dirne der Stadt. – Ach! daß Hogarth an jenem Abend unter den spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können!
Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen, und rissen die Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht: »Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!« von Mund zu Mund der Stadt zu.
»Wehe dem, durch den Aergernis kommt!« riefen die Frommen. »Hat man das je erlebt von einem christlichen Prediger?«
»Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?« sprachen mit Achselzucken die Halbfrommen. »Wenn der Skandal nur nicht auf öffentlicher Promenade –!«
»Der Herr Doktor machen sich's bequem!« lachten die Weltkinder, »er predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren.«
So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen Ecken; und »Doktor Schnatterer« und »Schön Luisel« war das Feldgeschrei und die Parole für diesen Abend und manchen folgenden Tag.
An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die Neuigkeit ganz warm auftischten. Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen Meditationen versenkt, nicht das Drängen der Menge, die sich um seinen Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelächter, das seinen Schritten folgte. Es war zu erwarten, daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen Ehehälfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an der Hausglocke zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die fürchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltönend, als daß man hätte denken können, die Frau Doktorin habe die Wangen ihres Gemahls mit dem Munde berührt.
Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie die Augen auf den Doktor hinüberblitzen ließ: »Dieser Mensch dort behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein: sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!«
Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie träumen lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu Haus gewesen.
Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien seine Zunge gelähmt zu haben: »Zu Haus gewesen?« lallte er. »Nicht mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein als mit Ihnen, Wertester?«
»Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?« gab ich lächelnd zur Antwort. »Mit mir auf keinen Fall!«
»Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus,« heulte die wütende Frau, »was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der schönen Luisel hat er scharmutziert!«
»Das hat mir der böse Feind angetan,« raste der Doktor und rannte im Zimmer umher; »der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der Stinker.«
»Der Rausch hat dir's angetan, du Lump,« schrie die Zärtliche, riß ihren breitgetretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir: »Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er.«
Der Doktor Schnatterer wurde von da an in seinen Kollegien ausgepocht und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend geherrscht hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der Unversöhnlichen. Diesem hatte, so zu sagen, der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt.
Zehntes Kapitel. Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt die Universität.
Um diese Zeit hörte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben, Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darüber, weil es schien, man betrachte alles durch das Vergrößerungsglas, welches Angst und böses Gewissen vorhielten. Uebrigens mochte es an manchen Orten doch nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen …en spukte es in manchen Köpfen seltsam.
Ich will einen kurzen Umriß von dem Stand der Dinge geben. Wenn man unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen beiwohnte, so drängte sich von selbst die Bemerkung auf, daß viele unter ihnen von etwas anderem angeregt seien, als gerade von dem nächsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige großes Interesse daran fanden, sich morgens mit ihren Gläubigern und deren Noten (Philister mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn schöne Künste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schönen zu machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringerer Teil, auf Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, daß ich sie zum Studium des Trinkens anhielt, dafür gesorgt, daß die Herren sich nicht gar zu sehr der Welt entziehen möchten; aber es blieb doch immer ein geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden konnte.
Besonders aber äußerte sich dies, wenn die Köpfe erleuchtet waren; da sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art, manche sprudelten auch über und schrieen von der Not des Vaterlandes, von –. Doch das ist jetzt gleichgültig, von was gesprochen wurde, es genügt zu sagen, daß es schien, als hätte eine große Idee viele Herzen ergriffen, sie zu einem Streben vereinigt. Mir behagte die Sache an sich nicht übel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren Anstrich haben.
Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines Staatsmannes die Menge zu leiten wußten, die sich eine Eleganz des Stils, eine Leichtigkeit des Umgangs angeeignet hatten, wie sie in den diplomatischen Salons mit Mühe erlernt und kaum mit so viel Anstand ausgeführt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander geknetet, daß kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden hätte.
Ich merkte oft, daß einer oder der andere der Koryphäen in einer traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hätte; ich zeigte Verstand, Weltbildung, Geld und große Konnexionen, Eigenschaften, die nicht zu verachten sind, und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschließen, schien sie, ich weiß nicht was, zurückzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemüt, denn dieses edle Seelenvermögen schienen sie als Probierstein zu gebrauchen.
Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich durch meinen Einfluß auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitätssekretär folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu verstehen, daß ich als Demagoge verhaftet sei.
Man gab mir ein anständiges Zimmer im Universitätsgebäude, sorgte eifrig für jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war, wurde ich in den Saal geführt, um über meine politischen Verbrechen vernommen zu werden.
Die Dekane der vier Fakultäten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner und der Universitätssekretär saßen um einen grün behängten Tisch in feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen nötigten mir unwillkürlich ein Lächeln ab.
Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenüber am Ende der Tafel, Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat ab.
Noch immer tiefe Stille; der Sekretär legt das Papier zum Protokoll zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor läßt seine ungeheure Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedächtlich und mit Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nächster Nachbar, schnupft und präsentiert mir die Dose, läßt aber das teure Magazin, von einem abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Geräusch zu Boden fallen.
»Alle Hagel, Herr Doktor,« schrie der alte Professor, alle Achtung beiseite setzend.
»O Jerum,« ächzte der Sekretär und warf das Federmesser weg, denn er hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.
»Bitte untertänigst!« stammelte der erschrockene Doktor Saper.
Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der Eile ergriffen hatte, den verschütteten Tabak aufschaufeln.
Magnifikus aber ergriff die große Glocke und schellte dreimal; der Pedell trat eilig und bestürzt herein und fragte, was zu Befehl sei, und Magnifikus mit einem verbindlichen Lächeln zu Doktor Saper hinüber sprach: »Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks benötigt sein werden, glaube ich dafür stimmen zu müssen, daß frischer ad locum gebracht werde.«
Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen. Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher erfuhr, die halbe Universität versammelt, denn meine Verhaftung war schnell bekannt geworden, und alles drängte sich zu, um das Nähere zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der Gemüter denken, als man den Pedell aus der Türe stürzen sah. Die Vordersten hielten ihn fest und fragten und drängten ihn, wohin er so eilig versendet werde, und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden, daß er eilends drei Lot Schnupftabak holen müsse.
Aber im Saale war nach der Entfernung des Götterboten die vorige, anständige Stille eingetreten. Magnifikus faßte mich mit einem Blick voll Hoheit und begann:
»Es ist uns von einer höchstpreuslichen Zentral-Untersuchungskommission der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universität seit einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir sind nun nach reiflicher Prüfung der Umstände vollkommen darüber einverstanden, daß Sie, Herr von Barbe, sich höchst verdächtig gemacht haben, solche Verhältnisse unter unserer akademischen Jugend dahier herbeigeführt und angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu! Herr von Barbe?«
»Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts, ich erwarte geziemend die Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung verdächtig machen.«
»Die Beweise?« antwortete erstaunt der Rektor, »Sie verlangen Beweise? Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man führe selbst den Beweis, daß man nicht im sträflichen Verdacht der Demagogie ist.«
»Mit gütiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz,« entgegnete der Dekan der Juristen, »Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, in alle Wege verlangen, daß ihm die Gründe des Verdachtes genannt werden.«
Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiß auf der Stirne; man sah ihm an, daß er mit Mühe die Beweisgründe in seinem Haupte hin und her wälze. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit der Dose und berichtete zugleich mit ängstlicher Stimme, daß die Studierenden in großer Anzahl sich vor dem Universitätsgebäude zusammengerottet haben und ein verdächtiges Gemurmel durch die Reihen laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen scheine.
Kaum hatte er ausgesprochen, so stürzte eine Magd herein und richtete von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment aus, »und er möchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten allerhand verdächtige Bewegungen machen.«
»Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber Herr von Barbe?« sprach die Magnifizenz in kläglichem Tone. »Aber der Aufruhr steigt, videant Consules, ne quid detrimenti – man nehme seine Maßregeln; – daß auch der Teufel gerade in meine Amtsführung alle fatalen Händel bringen muß! – Domine Collega, Herr Doktor Pfeffer, was stimmen Sie?«
»Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu entlassen und ihm –«
»Richtig, gut,« rief der Rektor, »Sie können abtreten, wertgeschätzter junger Freund, beruhigen Sie Ihre Kameraden, Sie sehen selbst, wie glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache kein solches Aufsehen mehr erregt – weiß Gott, der Aufruhr steigt, ich höre pereat – so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch, lieber Barbe, da denn die Sachen weiter besprochen werden können.«
Ich konnte mich kaum enthalten, den ängstlichen Herren ins Gesicht zu lachen. Sie saßen da, wie von Gott verlassen, und wünschten sich in Abrahams Schoß, das heißt in den ruhigen Hafen ihres weiten Lehnstuhls.
»Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?« klagten sie. »Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und sich unter diese himmelstürmenden Cyklopen gemischt haben, ist keine Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muß befürchten, wie schlechte Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden.«
»Vom Erstechen will ich gar nicht reden,« sagte ein anderer, »es sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht allewege ein gut Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen.«
Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen für ihre Aufmerksamkeit für mich, sagte ihnen, daß sie nachts viel bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch Bitten und Vorstellungen, daß sie abzogen. Sie marschierten in geschlossenen Reihen durch das erschreckte Städtchen und sangen ihr Ça ira, ça ira, nämlich: »Die Burschenfreiheit lebe« und das erhabene »Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution.«
Ich ging wieder in den Saal zurück und sagte den noch versammelten Herren, daß sie gar nichts zu befürchten haben, weil ich die Herren Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschämung und Zorn rötete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bißchen Psychologie mußte mich ganz getäuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst entgelten ließen. Und gewiß! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu überzeugen, daß die Aufrührer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde »mein wertgeschätzter Freund« zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: »Wir können das Verhör weiter fortführen, Delinquent mag sich setzen!«
So sind die Menschen; nichts vergißt der Höhere so leicht, als daß der Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine Blöße gegeben, deren er sich zu schämen hat.
Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen. Sie behandelten mich grob und mürrisch. Der Rektor entwickelte mit großer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt.
»Demagog kommt her von δημος und ὰγειν. Das eine heißt Volk, das andere führen oder verführen. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog als Sie? Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Sie die jungen Leute zum Trinken verleiteten, daß Sie neue Lieder und Kartenspiele hierher verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die sichersten Symptome der Demagogie angeführt; folglich sind Sie ein Demagog.« –
Mit triumphierendem Lächeln wandte er sich zu seinen Kollegen: »Habe ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?« – »Vollkommen, Euer Magnifizenz,« versicherten jene und schnupften.
»Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt,« fuhr der Mediziner fort; »das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist, um mich so auszudrücken, eine vaterlandsverräterische Ausbildung der körperlichen Kräfte. Da nun die Turnplätze eigentlich die Tierparks und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben Sie sich durch Ihre Saltus mortales und Ihre übrigen Künste als einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt. – Habe ich nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr Doktor Schrag?«
»Vollkommen, Euer Magnifizenz,« versicherten diese und schnupften.
»Demagogen,« fuhr er fort, »Demagogen schleichen sich ohne bestimmten äußern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstäte Leute, denen man ihre Verdächtigkeit gleich ansieht; der Herr Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier, denn er läuft in allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie für immer zu frequentieren oder gar nachzuschreiben; was folgt? Er hat sich der Demagogie sehr verdächtig gemacht; ich füge gleich den vierten Grund bei: man hat bemerkt, daß Demagogen, vielleicht von geheimen Bünden ausgerüstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich locken; wer hat sich in diesem Punkt der Anklage würdiger gemacht als Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?«
»Sehr scharfsinnig, vollkommen!« antworteten die Aufgerufenen unisono und ließen die Dose herumgehen.
Mit Majestät richtete sich Magnifikus auf: »Wir glauben hinlänglich bewiesen zu haben, daß Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne den Beklagten anzuhören, ein Urteil zu fällen, darum verteidigen Sie sich. – Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da läutet es schon zu Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer schriftlich abfassen; somit wäre die Sitzung aufgehoben; wünsche gesegnete Mahlzeit, meine Herren.«
So schloß sich mein merkwürdiges Verhör. Im Karzer entwarf ich eine Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber ist mir, daß sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den Bescheid, daß man mich aus besonderer Rücksicht diesmal noch mit dem Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuß.
Als Demagog eingekerkert zu sein, als Märtyrer der guten Sache gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Haus begleitet; aber die Freude sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck, der mich in jene Stadt geführt hatte, erreicht und gedachte weiterzugehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb daher eine gelehrte Dissertation, und zwar über ein Thema, das mir am nächsten lag: De rebus diabolicis, ließ sie drucken und verteidigte sie öffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten tüchtig zusammengehauen, erzähle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen Auszug aus meiner Dissertation habe ich übrigens dem geneigten Leser beigelegt.[2]
Post exantlata oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte, gab ich einen ungeheuren Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein wurde. Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder mit schwerer Zunge prüften, ließ ich meine Rappen vorführen und sagte der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber überbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gästen, und manches Pochen des ungestümen Gläubigers, das sie aus den süßen Morgenträumen weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in spätern Zeiten an den berühmten Doktorschmaus und an ihren guten Freund, den Satan.
Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin.
»Die heutigen dummen Gesichter sind nur das Boeuf à la mode der frühern dummen Gesichter.«
Welt und Zeit.
Elftes Kapitel. Wen der Teufel im Tiergarten traf.
Ich saß, es mögen bald drei Jahre sein, an einem schönen Sommerabend im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberischen Zelt; ich betrachtete mir die bunte Welt um mich her und hatte großes Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder ganz anders geworden als zu der frommen Zeit Anno dreizehn und fünfzehn, wo alles so ehrbar, und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, daß es mich nicht wenig ennuyierte. Besonders über die schönen Berlinerinnen konnte ich mich damals recht ärgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang nach dem Tiergarten heraus; aber damals –? Jetzt aber ging es auch wieder hoch her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie früher zog durch die grünen Bäume, und der Teufel galt wieder was, wie vorzeiten, und war ein geschätzter, angesehener Mann.
Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte Gesellschaft zu machen. Die glänzenden Militärs von allen Chargen, mit ihren ebenso verschieden chargierten Schönen, die zierlichen Elegants und Elegantinnen, die Mütter, die ihre geputzten Töchter zu Markt brachten, die wohlgenährten Räte mit einem guten Griff der Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Bürger, Studenten und Handwerksbursche, anständige und unanständige Gesellschaft – sie alle um mich her, sie alle auf dem vernünftigsten Wege, mein zu werden! In fröhlicher Stimmung ging es weiter und weiter, ich wurde immer zufriedener und heiterer.
Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewühl der Menge, ein paar Männer an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner fröhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom Rücken sehen, es war ein kleiner beweglicher Mann, schien viel an seinen Nachbar hinzusprechen, gestikulierte oft mit den Armen und nahm nach jedem größeren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches Schlückchen dunkelroten Franzweins zu sich.
Der andere mochte schon weit vorgerückt in Jahren sein, er war ärmlich, aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand, während die andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in den Sand schrieb, er hörte mit trübem Lächeln dem Sprechenden zu und schien ihm wenig oder ganz kurz zu antworten.
Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich im Augenblick nicht entsinnen, wer sie wären. Der kleine Lebhafte sprang endlich herauf, drückte dem Alten die Hand, lief mit kurzen schnellen Schritten, heiser vor sich hinlachend, hinweg und verlor sich bald ins Gedränge. Der Alte schaute ihm wehmütig nach und legte dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.
Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner paßte zu dieser Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es – doch was braucht der Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat näher, setzte mich auf den Stuhl, welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen guten Abend.
Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf, ja, er war es, es war der ewige Jude.
»Bon soir, Brüderchen!« sagte ich zu ihm, »es ist doch schnakisch, daß wir einander zu Berlin im Tiergarten wiederfinden, es wird wohl so achtzig Jährchen sein, daß ich nicht mehr das Vergnügen hatte?«
Er sah mich fragend an. »So, du bist's?« preßte er endlich heraus. »Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!«
»Nur nicht gleich so grob, Ewiger,« gab ich ihm zur Antwort; »wir haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter warst auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um dich selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du, glaube ich, ein Pietist geworden.«
Der Jude antwortete nicht, aber ein hämisches Lächeln, das über seine verwitterten Züge flog, wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, daß er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei.
»Wer ging da soeben von dir hinweg?« fragte ich, als er noch immer auf seinem Schweigen beharrte.
»Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann,« erwiderte er.
»So, der? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nächtlichen Phantasien behilflich, daß es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich ihm nicht als sein eigner Doppelgänger über die Schultern geschaut, als er an seinem Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk anschaute, rief er seiner Frau, daß sie sich zu ihm setze, denn es war Mitternacht, und seine Lampe brannte trüb. – So, so, der war's? Und was wollte er von dir, Ewiger?«
»Daß du verkrümmest mit deinem Spott; bist du nicht gleich ewig wie ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den Rücken? Nenne den Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat Hoffmann betrifft,« fuhr er ruhiger fort, »so geht er umher, um sich die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus dem Geisterreich, so freut er sich baß und zeichnet ihn mit Worten oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspürt haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen.«
»So, so? Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?«
»Recta aus China!« antwortete Ahasverus. »Ein langweiliges Nest, es sieht gerade aus wie vor fünfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal dort war.«
»In China warst du?« fragte ich lachend. »wie kommst du denn zu dem langweiligen Volk, das selbst für den Teufel zu wenig amüsant ist?«
»Laß das,« entgegnete jener, »du weißt ja, wie mich die Unruhe durch die Länder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die lange Mauer von China gerannt, aber es wollte noch nicht mit mir zu Ende gehen, und ich hätte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des himmlischen Reiches gestoßen wie ein alter Aries, als daß der dort oben mir ein Härchen hätte krümmen lassen.«
Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die müden Augenlider wollten sich schließen, aber der Schwur des Ewigen hält sie offen, bis er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf. – »Satan,« fragte er mit zitternder Stimme, »wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?«
»Es will Abend werden,« gab ich ihm zur Antwort.
»O Mitternacht,« stöhnte er, »wann endlich kommen deine kühlen Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du, Stunde, wo die Gräber sich öffnen und Raum wird für den einen, der dann ruhen darf?«
»Pfui Kuckuck, alter Heuler!« brach ich los, erbost über die weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. »Wie magst du nur solch ein poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst dir gratulieren, daß du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat es an einem gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man hat doch hier oben immer noch seinen Spaß, denn die Menschen sorgen dafür, daß die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit hätte wie du, ich wollte das Leben anders genießen. Ma foi, Brüderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt über die galanten Abenteuer einer Königin öffentlich certiert? Warum nicht nach Spanien, wo es jetzt nächstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich, um dein Gaudium daran zu haben, wie man die Wände des Kaisertums überpinselt und mit alten Gobelins von Louis des Vierzehnten Zeiten, die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behängt. Ich kann dir versichern, es sieht gar närrisch aus, denn die Tapete ist überall zu kurz, und durch Risse guckt immer noch ernst und drohend das Kaisertum, wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips auslöschen kann, und das, so oft man es weiß anstreicht, immer noch mit der alten bunten Farbe durchschlägt?«
Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehört, sein Gesicht war immer heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. »Du bist, wie ich sehe, immer noch der alte,« sagte er und schüttelte mir die Hand, »weißt jedem etwas aufzuhängen, und wenn er gerade aus Abrahams Schoß käme!«
»Warum,« fuhr ich fort, »warum hältst du dich nicht länger und öfter hier in dem guten, ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas Possierlicheres sehen als diese Duodezländer? Da ist alles so – doch stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man könnte leicht etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als unruhige Köpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu kommen, warum bist du denn hier in Berlin?«
»Das hat seine eigene Bewandtnis,« antwortete der Jude. »Ich bin hier, um einen Dichter zu besuchen.«
»Du einen Dichter?« rief ich verwundert. »Wie kommst du auf diesen Einfall?«
»Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heißt es Novelle, worin ich die Hauptrolle spielte. Es führt zwar den dummen Titel: Der ewige Jude, im übrigen ist es aber eine schöne Dichtung, die mir wunderbaren Trost brachte! Nun möchte ich den Mann sehen und sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat.«
»Und der soll hier wohnen, in Berlin?« fragte ich neugierig, »und wie heißt er denn?«
»Er soll hier wohnen und heißt F. H. Man hat mir auch die Straße genannt, aber mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, durch das man Mondschein gießt!«
Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem Dichter produzieren würde, und beschloß, ihn zu begleiten. »Höre, Alter,« sagte ich zu ihm, »wir sind von jeher auf gutem Fuß miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, daß du deine Gesinnungen gegen mich ändern wirst. Sonst –«
»Zu drohen ist gerade nicht nötig, Herr Satan,« antwortete er, »denn du weißt, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche hinlänglich, aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz angenehm und recht. – Warum fragst du denn?«
»Nun, du könntest mir die Gefälligkeit erweisen, mich zu dem Dichter, der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du nicht?«
»Ich sehe zwar nicht ein, was für Interesse du dabei haben kannst,« antwortete der Alte und sah mich mißtrauisch an. »Du könntest irgend einen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bösen Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir übrigens nur aus dem Sinn, denn der schreibt so fromme Novellen, daß der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann. – Doch meinetwegen kannst du mitgehen.«
»Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kümmere ich mich wenig um Dichter und dergleichen, das ist leichte Ware, welcher der Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne selbst, was mich zu ihm zieht. Uebrigens, in diesem Kostüm kannst du hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!«
Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes Röcklein mit großen Perlmutterknöpfen, seine lange Weste mit breiten Schößen, seine kurzen, zeisiggrünen Beinkleider, die auf den Knieen ins Bräunliche spielten. Er setzte das schwarzrote dreieckige Hütchen aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab kräftiger in die Hand, stellte sich vor mich hin und fragte: »Bin ich nicht angekleidet stattlich wie König Salomo und zierlich wie der Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich keinen falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase, meine Haare stehen nicht in die Höhe à la Wahnsinn. Ich habe meinen Leib in keinen wattierten Rock gepreßt, und um meine Beine schlottern keine ellenweiten Beinkleider; wozu freilich Herr Bocksfuß Ursache haben mag.«
»Solche Anzüglichkeiten gehören nicht hierher,« antwortete ich dem alten Juden. »Wisse, man muß heutzutage nach der Mode gekleidet sein, wenn man sein Glück machen will, und selbst der Teufel macht davon keine Ausnahme. Aber höre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem anständigen Anzug, und du stellst dafür meinen Hofmeister vor. Auf diese Art können wir leicht Zutritt in Häusern bekommen, und wie wollte ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen ästhetischen Tee einführte.«
»Aesthetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Maß Tee geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee, aber ästhetischer Tee war nie dabei.«
»O sancta simplicitas! Jude, wie weit bist du zurück in der Kultur! Weißt du denn nicht, daß dies Gesellschaften sind, wo man über Teeblätter und einige schöne Ideen genugsam warmes Wasser gießt und den Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben dazu, und man amüsiert sich dort trefflich.«
»Habe ich je so etwas gehört, so will ich Hans heißen,« versicherte der Jude, »und was kostet es, wenn man's sehen darf?«
»Kosten? Nichts kostet es, als daß man der Frau vom Haus die Hand küßt und, wenn ihre Töchter singen oder mimische Vorstellungen geben, hie und da ein ›Wundervoll‹ oder ›Göttlich‹ schlüpfen läßt.«
»Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren. Zu Friedrichs des Großen Zeiten wußte man noch nichts von diesen Dingen. Doch des Spaßes wegen kann man hingehen. Denn ich verspüre in dieser Sandwüste gewaltig Langeweile.«
Der Besuch war also auf den nächsten Tag festgesetzt. Wir besprachen uns noch über die Rolle, die ich als Eleve von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen hätte, und schieden.
Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wußte sich so gar nicht in die heutige Welt zu schicken, daß man ihn im Gewand eines Hofmeisters zum wenigsten für einen ausgemachten Pedanten halten mußte. Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel nur immer möglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm überdies höchst nötig, denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen einen solchen Ansatz zur Frömmelei bekommen, daß er ein Pietist zu werden drohte.
Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude führte, ein Mann in mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hieß sich Doktor Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. Ich richtete meine äußere Aufmerksamkeit bald auf die schönen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bücher, die umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt möglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.
Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom ewigen Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als daß er seinen Gast hätte auf diesem Lob stehen lassen, wandte das Gespräch auf die Sage vom ewigen Juden überhaupt, und daß sie ihm auf jene Weise aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters, grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete: es liege in der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral, denn der Verworfenste unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz über getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnungen erregt habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die Hoffnung erregte, noch unglücklicher erscheine als der, welcher sich täuschte.
Es fehlte wenig, so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito abgelegt und wäre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu Leib gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als jener das Gespräch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die Stimme völlig aus, und er sah die nächste beste Gelegenheit ab, sich zu empfehlen.
Der brave Mann lud uns ein, ihn noch oft zu besuchen, und kaum hatte er gehört, wir seien völlig fremd in Berlin und wissen noch nicht, wie wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu begleiten, wo alle Montag ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der schönen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und schieden.
Zwölftes Kapitel. Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee.
Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt. Gerade das, daß er in seinem Innern dem Dichter recht geben mußte, genierte ihn so sehr. Er brummte einmal über das andere über die »naseweise Jugend« (obgleich der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen Hofmeister hätte haben sollen, sagte ich ihm tüchtig die Meinung und brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit, daß er höflich gegen den alten Mann sein wollte, der so artig war, uns in den ästhetischen Tee zu führen.
Die siebente Stunde schlug. In einen modischen Frack, wohl parfümiert, in die feinste, zierlichst gefältelte Leinwand gekleidet, die Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon, die Schuhe von Straßburg, die Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet, wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar; dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und hatte alles höchst sonderbar angezogen, wie er z. B. die elegante hohe Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden hatte und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht auf Morea.
Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte, brachen wir auf. Im Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, für diesen Abend gemietet hatte, wiederholte ich alle Lehren über den gesellschaftlichen Anstand.
»Du darfst,« sagte ich ihm, »in einem ästhetischen Tee eher zerstreut und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz unbedingt loben, sondern sieh immer so aus, als habest du sonst noch etwas in petto, das viel zu weise für ein sterbliches Ohr wäre. Das Beifalllächeln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst nach langer Uebung vor dem Spiegel völlig erlernt werden. Man hat aber Surrogate dafür, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hörst z. B. von einem Roman reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als ganz natürlich voraus, daß du ihn schon gelesen haben müssest, und fragt dich um dein Urteil. Willst du dich nun lächerlich machen und antworten, ›Ich habe ihn nicht gelesen?‹ Nein! Du antwortest frisch drauf zu: ›Er gefällt mir im ganzen nicht übel, obgleich er meinen Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und Originelle, die Entwickelung ist artig erfunden, doch scheint mir hie und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet zu sein.‹
»Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen.«
»Dein Gewäsch behalte der Teufel,« entgegnete der Alte mürrisch. »Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spaß zu machen, ästhetische Gesichter schneiden? Da betrügst du dich sehr, Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber –«
»Da sieht man es wieder,« wandte ich ein, »wer wird denn in einer honetten Gesellschaft saufen? Wieviel fehlt dir noch, um heutzutage als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlürfen, höchstens trinken – aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich zusammen, daß wir nicht Spott erleben, Ahasvere!«
Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter. Ich sah es dem Alten wohl an, daß ihm, je näher wir dem Ziele unserer Fahrt kamen, desto bänger zu Mut war. Obgleich er schon seit achtzehn Jahrhunderten über die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig in die Menschen und ihre Verhältnisse finden, daß er alle Augenblicke anstieß. So fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung, in welche wir fahren, aus lauter Christen bestehe, zu welcher Frage jener natürlich große Augen machte und nicht recht wissen mochte, wie sie hierher komme.
Mit wenigen, aber treffenden Zügen entwarf uns der Dichter den Zirkel, der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frömmigkeit, die in dem zarten Charakter der gnädigen Frau vorwalten sollte; der feierliche Ernst, die stille Größe des ältern Fräuleins, die, wenngleich Protestantin, doch ganz das Air jener wehmütig heiligen Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt Ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem großartigen, interessanten Schmerz zehren.[3] Das jüngere Fräulein, frisch, rund, blühend, heiter, naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den Eltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem ästhetischen Tee komme. Sie habe die schönsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gäbe sie hie und da mit allerliebster Präzision preis. Sie singt, was nicht anders zu erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit künstlichen Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die übrige Gesellschaft, einige schöne Geister, einige Kritiker, sentimentale und naive, junge und ältere Damen, freie und andere Fräulein[4] werden wir selbst näher kennen lernen.
Der Wagen hielt, der Bediente riß den Schlag auf und half meinem bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen. Geräusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelöffel tönte aus der halbgeöffneten Türe des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von dem Sonnenglanz der schwebenden Lüster, saß im Kreise die Gesellschaft.
Der Dichter führte uns vor den Sitz der gnädigen Frau und stellte den Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schöne zarte Hand, indem sie uns freundlich willkommen hieß. Mit jener zierlichen Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, faßte ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Küßchen der Ehrfurcht darüber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen, und gern gewährte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zöglings die nämliche Gunst. Aber o Schrecken! Indem er sich niederbückte, gewahrte ich, daß sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe. Gnädige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuß, aber der Anstand ließ sie nicht mehr als ein leises Gejammer hervorstöhnen. Wehmütig betrachtete sie die schöne weiße Hand, die rot aufzulaufen begann, und sie sah sich genötigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen. Ich sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette kölnisches Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden schöne glacierte Handschuhe geholt, die Käppchen davon abgeschnitten, so daß doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die gnädige Hand damit bekleidet.
Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflüstert, die Herren traten uns näher und befragten uns über Gleichgültiges, worauf wir wieder Gleichgültiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder hereintrat. Die Edle wußte ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so gut zu verbergen, daß sie nur einem häuslichen Geschäft nachgegangen zu sein schien und sogar der alte Sünder selbst nichts von dem Unheil ahnte, das er bewirkt habe.
Die einzige Strafe war, daß sie ihm einen stechenden Blick für seinen stechenden Handkuß zuwarf und mich den ganzen Abend hindurch auffallend vor ihm auszeichnete.
Die Leser werden gesehen haben, daß es ein ganz eleganter Tee war, zu welchem uns der Dichter geführt hatte. Die massive silberne Teemaschine, an welcher die jüngere Tochter Tee bereitete, die prachtvollen Lüster und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche und Tapeten, die künstlichen Blumen in den zierlichsten Vasen, endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostüm, schwarz und weiß gemischt war, ließen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau schließen.
Der Tee wies sich aber auch als ästhetisch aus. Gnädige Frau bedauerte, daß wir nicht früher gekommen seien. Der junge Dichter Frühauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht vorgelesen, so innig, so schwebend, mit soviel Musik in den Schlußreimen, daß man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehört habe, es stehe zu erwarten, daß es allgemein Furore in Deutschland machen werde.
Wir beklagten den Verlust unendlich, der bescheidene, lorbeerbekränzte junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in unserm Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die er hier preisgegeben, sondern einige vollständige Gesänge zu hören bekommen.
Das Gespräch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ältliche Dame ließ sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus hervor und sagte mit freundlichem Lispeln:
»Voyez là das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna. Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so glücklich, die Erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein wenig durchblättert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen, so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser glänzende Stil –«
»Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau,« unterbrach sie die Dame des Hauses, »darf ich bitten –? Ah, Gabriele von Johanna von Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wünsche ich Glück.«
»Wir lernten uns in Karlsbad kennen,« antwortete Frau von Wollau, »unsere Gemüter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem Ziel der Menschheit,[5] sie zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele geschickt.«
»Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft,« sagte Fräulein Natalie, die ältere Tochter des Hauses. »Ach! wer doch auch so glücklich wäre! Es geht doch nichts über eine geniale Dame. Aber sagen Sie, wo haben Sie das wunderschöne Stickmuster her, ich kann Ihre Tasche nicht genug bewundern.«
»Schön – wunderschön – und die Farben! Und die Girlanden! – Und die elegante Form!« hallte es von den Lippen der schönen Teetrinkerinnen, und die arme Gabriele wäre vielleicht über dem Kunstwerk ganz vergessen worden, wenn nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten hätte. »Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet,« rief die Wollau, »wer von den Herren ist so gefällig, uns, wenn es anders der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?«
»Herrlich – schön – ein vortrefflicher Einfall –« ertönte es wieder, und unser Führer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte, wurde durch Akklamation zum Vorleser erwählt. Man goß die Tassen wieder voll und reichte die zierlichen Brötchen umher, um doch auch dem Körper Nahrung zu geben, während der Geist mit einem neuen Roman gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das Zeichen, und die Vorlesung begann.
Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltönender Stimme aus dem Buche vor. Ich weiß wenig mehr davon, als daß es, wenn ich nicht irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen der großen Welt aufgeführt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar nicht bei der Vorlesung, denn ich belauschte die Herzensergießungen zweier Fräulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander allerlei Wichtiges in die Ohren flüsterten. Zum Glück saß ich weit genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten, und doch war die Entfernung gerade so groß, daß ein Paar gute Ohren alles hören konnten! Die eine der beiden war die jüngere Tochter des Hauses, die, wie ich hörte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren hatte.
»Und denke dir,« flüsterte sie ihrer Nachbarin zu, »heute in aller Frühe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen müssen.«
»Du Glückliche!« antwortete das andere Fräulein, »und hat Mama nichts gemerkt?«
»So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fünfmal aufzog. Was ich damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit dem …schen Attaché engagiert, und du weißt, wie unerträglich mich dieser dürre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den italienischen Gegenden Süddeutschlands angefangen und mir nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie noch schöner wären, wenn ich mit ihm dorthin zöge; da erlöste mich der liebe Fladorp aus dieser Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurückgebracht, als der Unerträgliche sein altes Lied von neuem anstimmte, aber Eduard holte mich noch viermal aus seinen glänzendsten Phrasen heraus, so daß jener vor Wut ganz stumm war, als ich das letzte Mal zurückkam. Er äußerte gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu verstehen.«
»Ach, wie glücklich du bist,« entgegnete wehmütig die Nachbarin, »aber ich! Weißt du schon, daß mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie wird es mir ergehen!«
»Ich weiß es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies so schnell kam?«
»Ach!« antwortete das Fräulein und zerdrückte heimlich eine Träne im Auge. »Ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im Leben gibt. Du weißt, wie eifrig Dagobert immer für das Wohl des Vaterlandes war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden, er hat ihn mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist schön. Seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben, er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen. Natürlich konnte Dagobert dies nicht tun, und, darüber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher, bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar nicht denken, wie wehmütig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an meinem Fenster vorbeikommt, sie spielen ihn alle Abend nach der neuen Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hören!«
»Ich bedaure dich recht. Aber weißt du auch schon etwas ganz Neues? Daß sie bei der Garde andere Uniform bekommen?«
»Ist's möglich? O sage, wie denn? Woher weißt du es?«
»Höre, aber im engsten Vertrauen, denn es ist noch tiefes, tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand mir es neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh, die Knöpfe werden auf der Brust weiter auseinandergesetzt und laufen weiter unten enger zu, auf diese Art wird die Taille noch viel schlanker, dann sollen sie auch goldene Achselschnüre bekommen, das weiß aber der Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz gewiß; auch an den Beinkleidern geschehen Veränderungen. – Eduard muß aussehen wie ein Engel – siehe, bisher …«
Sie flüsterten jetzt leiser, so daß ich über den Schnitt der Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah ich, daß schöne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schönes Feuer haben, daß sie aber viel reizender leuchten, bei weitem glänzendere Strahlen werfen, wenn sich sinnliche Liebe in ihnen spiegelt.
Dreizehntes Kapitel. Angststunden des ewigen Juden.
Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch der Gabriele zu teil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft der beiden Fräulein nicht genug bewundern; obgleich sie nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren sie doch schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und drückte sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuß, den sie allen bereitet habe.
Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach allen Seiten hin für das Lob, das ihrer Freundin zu teil geworden, und gab nicht undeutlich zu verstehen, daß sie selbst vielleicht einigen Einfluß auf das neue Buch gehabt habe. Denn sie finde hin und wieder leise Anklänge an ihre eigenen Empfindungen, an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen.
Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen, obgleich man allgemein überzeugt war, daß die geniale Freundin nichts aus dem inneren Wollauschen Leben gespickt haben werde.
Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemühen, nach meiner Vorschrift ästhetisch und kritisch auszusehen, nicht zu verkennen. Aber weil ihm die Uebung darin abging, so schnitt er so greuliche Grimassen, daß er einigemal während des Vorlesens die Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei?
Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befallen, und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von Wollau, die ihm gegenübersaß, ihren Einfluß auf die Dichterin mitteilte, mußte das preziöse, geschraubte Wesen derselben dem alten Menschen so komisch vorkommen, daß er laut auflachte.
Wer jemals das Glück gehabt hat, einem eleganten Tee in höchst feiner Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohns erscholl. Eine unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses, eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden, der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm zugetraut hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte.
»Ich hoffe, gnädige Frau,« sagte er, »Sie werden mein allerdings unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben, mich zu rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch schon begegnet, daß eine Ideen-Association Sie völlig außer Kontenance brachte. Ist doch schon manchem mitten unter den heiligsten Dingen ein lächerlicher Gedanke aufgestoßen, der ihn im Munde kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn zu verhalten und zurückzudrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf einmal hervor; so geschah es mir in diesem Augenblick. Sie würden mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen.«
Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht verletzt sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann: »Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzählt, wie sie in manchen Stunden über ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus meinem eigenen Leben.
Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S. Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen Garten, der jedem Stand zu allen Tageszeiten offen stand. Die schöne Welt ließ sich dort zu Fuß und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen gegen die Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen Moosbänken mir und meinen Gedanken lebte.
Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem Lieblingsplätzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete, ältliche Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale, aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt nicht für nötig, ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu erkennen zu geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt, denn ich kannte keine Seele in jener Stadt, also konnten mir ihre Reden höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor, Verehrteste, als ich folgendes Gespräch vernahm:
›Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? Haben Sie endlich die hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?‹
›Ja,‹ antwortete die andere Dame, ›heute früh nach dem Kaffee habe ich sie umgebracht.‹
Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als möglich näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von jenen trennte, schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen sollte, und hörte weiter.
›Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich durch Gift? Oder haben Sie die Unglückliche, wie Othello seine Desdemona, mit dem Deckbette erstickt?‹
›Keines von beiden,‹ entgegnete jene, ›aber recht hart ward mir dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon zwischen Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein; ich ließ sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Geländer in den tiefen Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von Elisen nichts mehr gesehen.‹
›Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die Sie auf die eine oder die andere Art umbringen?‹
›Nun, das wird bald abgezählt sein, Pauline Dupuis, Marie usw., aber die erstere trug mir am meisten Geld ein. Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige mit mir konkurrierten.‹
Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige Geschöpfe hatte diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel aufdeckte und die Mörderin zur Rechenschaft zog?
Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor, ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken, denn die eine sah sich einigemal nach mir um, ihr böses Gewissen schien mir erwacht, sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich durch die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt, täuschen, aber ich – folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. Sie ziehen die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der Türe, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß, auf die Direktion der Polizei.
Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider von den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine gewisse Pauline Dupuis, die im Jahre 1801 unter der mörderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen Fällen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer, schickt sogleich Patrouille in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen womöglich vermeide.
Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch dasselbe verlassen habe. Der Vogel war also gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des ersten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere, ältliche Dame als die Verbrecherin an.
Verwundert stand diese auf, trat uns entgegen und fragte nach unserem Begehr. In ihrem Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte die Dame etwas, das mir imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. Doch dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen. Mit der ernsten Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen Spaziergang aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah sie schon als überwiesen an. Die Frau fing an ängstlich zu werden, sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme?
Der Mann der Polizei sah in diesen ängstlichen Fragen nur den Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es für das beste zu halten, durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen zu entlocken. ›Madame, was haben Sie Anno 1801 mit Pauline Dupuis angefangen? Leugnen Sie nicht länger, wir wissen alles, sie starb durch Ihre Hand, wie heute früh die unglückliche Elise!‹
›Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,‹ antwortete diese Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes Lächeln überzugehen schien.
›Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie zwei Tauben abgetan?‹ fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in praxi eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte. ›Wissen Sie denn, daß Sie verloren sind, daß es Ihnen den Kopf kosten kann?‹
›Nicht doch!‹ entgegnete die Dame. ›Die Geschichte ist ja weltbekannt.‹ – ›Weltbekannt?‹ rief jener. ›Bin ich nicht schon seit vierundzwanzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könnte mir entgehen?‹
›Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die Belege herbeibringe?‹
›Nicht von der Stelle, ohne gehörige Bewachung. Wache! Zwei Mann auf jeder Seite von Madame. Bei dem ersten Versuch zur Flucht – zugestoßen!‹
Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.
›Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Morde finden,‹ sagte sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.
›Taschenbuch für 1802,‹ murmelte der Direktor, indem er das Buch aufschlug und durchblätterte, ›was Teufel, gedruckt und zu lesen steht hier: Pauline Dupuis von – mein Gott, Sie sind die Witwe des Herrn von – und, wenn ich nicht irre, selbst Schriftstellerin?‹
›So ist es,‹ antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen sprachlos, auf mich deutete.
›Und Elise, wie ist es mit diesem armen Kind?‹ fragte ich, den Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des Polizeimannes noch immer nicht verstehend.
›Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,‹ sagte die Lachende, ›und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.‹
Was brauche ich noch dazuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war der Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichst bekannte, interessante Th. v. H. Die Erzählung »Pauline Dupuis« ist noch heute zu lesen; ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht. Ich mußte aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große Diätenrechnung über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in einem Klub abgehalten hatte.« –
Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zu teil, und ein gnädiges Lächeln der Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt hatte. Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus seiner unglücklichen Nähe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn öfter ins Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich über jene in Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner für London und Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die Berliner, welche nie an den Rebhügeln des Neckars und an den fröhlich grünenden Gestaden der obern Donau eines jener sinnigen, herzlichen Lieder aus dem Munde eines »luschtiga Büebles«, oder eines rüstigen hochaufgeschürzten »Mädles« belauschten, ein Gegenstand hoher Neugierde.
Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten Zirkeln, wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich diesen Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem Zaubergarten von sanften Hügeln, von klaren blauen Strömen, von blühenden, duftenden Obstwäldern, von prangenden Weingärten durchschnitten, wohne, meinten sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der Kultur stehe. Immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken verstünden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes Deutsch sprechen. Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anstand. Ihre Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und im ganzen Lande werden alle Tage viele tausende jener Torheiten begangen, die allgemein unter dem Namen »Schwabenstreiche« bekannt seien.
Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden; hätte ich nicht befürchten müssen, aus der Rolle eines Zöglings zu fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wußte; so aber ersparte mir mein Mentor die Mühe, welcher unglücklich genug, die gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu schnell wieder verlieren sollte!
»Ob die Berliner,« sagte er, »mehr innere Bildung, mehr Eleganz der äußern Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf die Erde oder vielmehr auf Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu untersuchen, aber soviel habe ich mit eigenen Augen gesehen, daß man dort im Durchschnitt unter den Mädchen eine weit größere Menge hübscher, sogar schöner Gesichter findet als selbst in Sachsen, welches doch wegen dieses Artikels berühmt ist.«
»Quelle sottise!« hörte ich Frau von Wollau schnauben, »welche abgeschmackte Behauptungen dieser gemeine Mensch –«
Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu erinnern, daß er sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit Anspruch machten; ruhig, als ob er den erzürnten Schönen das größte Kompliment gesagt hätte, fuhr er fort: »Sie können gar nicht glauben, wie reizend dieser verschrieene Dialekt von schönen Lippen tönt; wie alles so naiv, so lieblich klingt; wie unendlich hübsch sind diese blühenden Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig erröten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich verschämt wegwenden und flüstern: ›Ach, ganget Se mer weg, moinet Se denn, i glaub's?‹ Hier in Norddeutschland gibt es meist nur Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder ätherisch auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je der Mühe wert halten, über dergleichen zu erröten.«
O Jude, welchen Bock hattest du geschossen. Kaum hast du das zornblickende Auge einer Dame versöhnt, so begehst du den großen Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen zweier Länder zu loben, und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen, sondern sogar ihren ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe für Teegesichter zu verschreien!
Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht, die ältern an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und auf die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu einer Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Löffelchen klirrten laut in den vor Wut zitternden Händen der Mütter, die seit zehn Jahren mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter nobel und edel aussehen möchten – wozu heutzutage, außer dem Gefühl der Würde, etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört –, welche die immer wieder anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende Röte der Wangen doch endlich zu besiegen gewußt hatten.
Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und ihre Freude, ihre Kunst zu schanden machen; er sollte es wagen, die Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und ihnen den ersten Rang zu versagen. Und dies sollten sie dulden?
Jamais! Gnädige Frau nahm das Wort, mit einem Blick, der über das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über Schneegefilde herabglänzte: »Ich muß Sie nur herzlich bedauern, Herr Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben und seine naiven Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber,« fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingeführt hatte, wandte, »ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr zu, meinen Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er könnte bei unsern Damen seine robusten Naturen und jene Naivität vermissen, die er sich so ganz zu eigen gemacht hat.«
Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter spendeten Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen Sacktüchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden und machten sich lustig über meinen armen Hofmeister. Doch der feine Takt der gnädigen Frau ließ diesem Ausbruch der Nationalrache nur so lange Raum, bis sie den Doktor Mucker hinlänglich bestraft glaubte. Beleidigt durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch seine rücksichtslose Aeußerung ihren Unwillen verdient hatte; sie beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen so eigentümlich ist, allen weitern Bemerkungen vor, indem sie ihren Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft die längst versprochene Novelle preiszugeben.
Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den übrigen jungen Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch Ernst und würdige Haltung, durch gewählten Ausdruck und kurzes, richtiges Urteil. Er war groß und schlank gebaut, männlich schön, nur vielleicht für manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder wenigstens einen Mann verriet, der das Leben und Treiben der großen und kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte.
Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem Gespräch des ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich möchte sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lächeln, das sein Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in diesen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein gewesen wäre, unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende Garde-Uniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt nicht aufwägen.
Vierzehntes Kapitel. Der Fluch.
(Eine Novelle.)
»Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante,« sprach der junge Mann mit voller, wohltönender Stimme, »eine artige Novelle oder eine leichte, fröhliche Erzählung für diesen Abend zu ersinnen. Doch, um nicht wortbrüchig zu erscheinen, muß ich schon den Fehler einigermaßen gut zu machen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem eigenen Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der Wahrheit für sich hat.«
Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit oft größeren Reiz habe als die erfundene Spannung einer Novelle, ja, sie gestand ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte, denn er sehe seit der Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, daß man auf seine Begebnisse recht gespannt sein dürfe.
Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen:
»Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen Gesellschaft, welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen – wenn ich nicht irre, war Frau von Wollau mit davon – vor den schönen Römerinnen, vor ihren feurigen, die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung dankbar an, noch kräftigeren Schutz aber versprach ich mir von jenen holden, blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm. Und sie schützten mich, diese Bilder, gegen jene dunklen Feuerblicke der Römerinnen; wie sie aber vor sanften blauen Augen, welche ich dort sah, sich unverantwortlich zurückgezogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz ohne Bedeckung ließen, will ich als bittere Anklage erzählen.
Der s…sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche eine Karte zu den Lamentationen in der sixtinischen Kapelle geschickt; mehr um den alten Herrn, der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloß ich mich hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde; statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte ich einen Klaggesang mitanhören, der mir schon an und für sich höchst lächerlich vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit solcher Ritualien überzeugen können, selbst in dem ehrwürdigen Kölner Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen Lichtes, die mächtigen vollen Töne der Orgel manchen andern ernster stimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen.
Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache, alte, ausgediente, schneiderhafte Gestalten, hielten hier Wache mit so meisterlicher Grandezza, als nur die Cherubim an der Himmelstüre. Der Glanz der Kerzen blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den dunklen Chor, in den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.
Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, dagegen fast alles, was Rom an Fremden beherbergte.
Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge Engländer von meiner Bekanntschaft, standen ganz in meiner Nähe. Sie zogen mich auf, daß auch ich mich habe verführen lassen, dem Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte, es sei dies wohl der Schönen zu Gefallen geschehen, die ich mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die sich neben mir niedergelassen. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr ungläubig, als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete.
Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke hohe Gestalt, dem Wuchs nach keine Römerin; ein schwarzer Schleier bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und ließ nur einen Teil eines Nackens sehen, so rein und weiß, wie ich ihn selten in Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.
Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen, wollte eben – da begann der Klaggesang, und meine Schöne schien so eifrig darauf zu hören, daß ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig warf ich mich in den Kirchenstuhl zurück, Gott und die Welt, den Papst und seine Lamentationen verwünschend.
Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich sechzig der tiefsten Stimmen, die unisono im tiefsten Grundton der menschlichen Brust Bußpsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende, eine Kerze auf dem Altar verlöschte. Getröstet, die Farce werde ein Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der Gesang anhub.
Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß noch alle zwölf übrigen Kerzen verlöschen müssen, bis ich ans Ende denken könne. Die Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu denken. Ich empfahl mich allen Göttern und gedachte, einen gesunden Schlaf zu tun. Aber wie war es möglich? Wie Strahlen einer Mittagssonne strömten die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei Kerzen verlöschten, meine Unruhe ward immer größer.
Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkürliche Rührung bemächtigte sich meiner, und Tränen entstürzten seit Jahren zum erstenmal meinem Auge.
Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen. Aber die Spieler, wunderbarer Anblick! lagen zerknirscht auf ihren Knieen, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Kerzen waren verlöscht. Noch einmal erhoben sich die tiefen, herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer, immer leiser verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich mit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis drang aus dem Chor und lagerte sich über die Gemeinde. Mir war, als wär' ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine fürchterliche Nacht.
Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße klagende Stimmen. Was jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der Weinenden, vom Chor herüber Töne, wie von gerichteten Engeln gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn gewesen.
Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge ergoß sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch zu rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine schöne Nachbarin noch immer auf den Knieen niedergesunken lag. Ich faßte mir ein Herz.
›Signora,‹ sprach ich, ›die Tore werden geschlossen, wir sind die letzten in der Kapelle.‹
Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite niederhing, sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.
Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit vorgerückt; nur noch einige Flambeaux zogen durch die Kirche, ich mußte alle Augenblicke befürchten, vergessen zu werden. Ich besann mich nicht lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit seiner Hilfe die Dame aufzurichten.
Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere Schein der halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf den herrlichsten Kartons von Raphael nie gesehen! Glänzendbraune Locken hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen und umzogen das liebliche Oval ihres Angesichtes, auf dem sich eine durchsichtige Blässe gelagert hatte. Die schönen Bogen der Brauen versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weißesten Perlen, konnte Gram, konnte Schmerz so gezogen haben.
Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge auf, dessen eigener schwärmerischer Glanz mich so überraschte, daß ich einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich auf, stand nun in ihrer ganzen Schöne mir gegenüber. Welch zarte Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses. Sie schaute verwundert in der Kirche umher, ließ dann ihre Blicke auf mich herübergleiten.
›Und Sie hier, Otto?‹ sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem, wohlklingendem Deutsch.
Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja, sogar meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen? – sie schien verwundert über mein Schweigen.
›Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich unterstützt? Doch, lassen Sie uns gehen, es wird spät.‹
Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm. Sie drückte zärtlich meine Hand.
Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht möglich – das Mädchen konnte keine Dirne sein. Verwechslung war offenbar. Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen, sie war so ohne Arg. – Ich wagte es – ich übernahm die Rolle eines verstimmten Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.
Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche Straße sollt' ich wählen, um nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Straße zu.
›Mein Gott,‹ rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, ›Otto, wo sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.‹
O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere Sprache in einem schönen Munde. Schon oft hatte ich die Römerinnen beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich in Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es aus allem, und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß erwarteten.
›Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen, daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!‹ weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels tauchte. ›Wie bin ich so allein! – Und wenn ich dich nicht hätte, mein Otto!‹
Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das schönste lieblichste Kind im Arme, und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: ›Wie könnte ich dir zürnen.‹
Sie schaute freudig dankbar auf – ›Du bist wieder gut? Und o! wie siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme klingt heute so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen ganzen langen Tag auf dich warten.‹
Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die Glocke zog. ›Und nun gute Nacht, mein Herz,‹ sagte sie, ›wie gern säß ich noch zu dir auf der Bank, aber die Signora wartet wohl schon zu lange.‹ Ich wußte nicht, wie mir geschah, ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen, und weg war sie.
Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße konnte ich nicht erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber vor ihrem Haus eine Madonna in Stein gehauen, konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirr der Straßen und war doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht schlafen, der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine vorzog, schien gar der Engelkopf des Mädchens hereinzublicken. Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und ich verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht kostete.
Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine rätselhafte Schöne zu Haus brachte, und schalten mich neckend, daß ich sie gestern gänzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer, dem größern Teil nach, erzählte, wurden sie noch ungestümer und behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen zu haben. Immer klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine Gestalt gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das leibhafte Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die beiden Engländer mußten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor dem Spott meiner Bekannten fürchtete, zugleich versprachen sie auch, mir suchen zu helfen.
Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mußten, um die erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Türe, auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging auch unser Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse, die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die Straße, immer war die Türe verschlossen, immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten uns, bewachten tagelang die Promenaden, weder meine Schöne noch mein Ebenbild ließen sich sehen.
Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt, hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte?
Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände, die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine Ruhe wieder.
Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter die Freuden des Karnevals zu mischen.
Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte, behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen und begrüßt zu haben. Er schwieg etwas beleidigt, als ich es wieder verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: wie, wenn es die Gesuchten wären? – Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten römischen Häusern eine Rolle übernommen hatten, sollte den Karneval verherrlichen. Ich gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.
Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben, nicht nur weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen wäre, sondern weil sich der Charakter der Römer gerade hier am meisten aufdeckt. Aber wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung geblieben, und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre Neugierde nicht zur Genüge befriedige.
Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch die Porta del popolo hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge durcheinander. Und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg, weil es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es festhielt. Die Erwartung war gespannt. Ueberall hörte man von dem Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber und verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen sich in die Seiten drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß ein herrlicher Anblick. Die Götter der alten Roma schienen wieder in die alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern. Liebliche, majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es nicht für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade hierin den schönsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den Göttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes unverhüllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst, diese sanfte Größe hätten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern können.
Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen, weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen auf der Straße, musternd mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und Balkone, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich fühlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. ›So einsam?‹ tönte in der lieben Muttersprache eine süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter mir. Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich damals so sehr überraschten. Sie ist's – es ist kein Zweifel. Ich bot ihr schweigend die Hand, sie drückte sie leise. ›Du böser Otto,‹ flüsterte sie, ›den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie mußte ich schwatzen, um die Signora loszuwerden!‹
Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es von selbst. Karneval, Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für mich verloren, als mein stiller Himmel sich öffnete, als sie die Maske abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schöner war sie als an jenem Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte noch von höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert, das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte.
Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann plötzlich: ›Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in der Kapelle, den du mir so hartnäckig leugnest! Gestehst du ihn deiner Luise noch nicht?‹
Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das Signal, die Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule, um nicht im Augenblick vor dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen, was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene Neugierde Frevel?
Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein könnte, bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich schlich näher hinzu, um wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei, da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen konnte.
›Wie magst du nur so zerstreut fragen?‹ sagte Luise. ›Du selbst hast mich ja heraufgeführt?‹
›Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete? Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?‹
Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie vorhin sagte. ›Du bist auch wie unsere Wetter über den Alpen, soeben noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.‹
Jener stand schnell auf: ›Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das Ziel Ihrer Scherze zu sein,‹ sagte er, ›und wenn Sie sich in Rätsel vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig werden.‹ Er brach auf und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr verlängern, trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflösung des Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die überraschende Aehnlichkeit –«
Fünfzehntes Kapitel. Das Intermezzo. – Die Trinker.
Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner einander folgend, unterbrach den Erzähler. Welcher Anblick! Der Jude lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, überschüttet mit Tee, Trümmern seines Stuhles und der feinen Meißner Tasse, die er im Sturz zerschmettert, um ihn her. Der Aerger über eine solche Unterbrechung war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr Auge von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu rühren, und schaute verwundert herauf.
Ich sprang auf, ihm beizustehen, ich hob ihn auf und sah mich nach einem andern Stuhl um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren; ich möchte machen, daß wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser Gesellschaft zu gefallen.
Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein, sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines Blickes. Sie neigte sich so kalt als möglich und ließ ihn abziehen. Gelächter schallte uns nach, als wir den Saal verließen, und ich hatte mit meiner Inkarnation soviel menschliche Eitelkeit angezogen, daß mich dieses Lachen ungemein ärgerte.
Wie gerne hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu Ende gehört;[6] wieviel Wichtiges und Psychologisches hätte ich von dem gardeuniformliebenden Fräulein erlauschen können; und war ich selbst nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein junger, reicher, ich darf sagen hübscher Mann auf Reisen findet, wo er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die Herzen einzieht – und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des alten Menschen verdorben, ich hätte ihn würgen können, als wir im Wagen saßen.
»War es nicht genug,« sagte ich, »daß du mit deinem scharfen Judenbart die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? Mußtest du auch noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen? Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles gegen dich auf? Was gingen dich denn die Schwabenmädel an, daß du ihre Schönheit an den Teetischen Berlins predigst? Darfst du denn sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau eingesteckt hattest, jetzt, als alles auf das erste vernünftige Thema, das diesen Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal und zerschmetterst – nicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener würdige jüdische Papst – nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und eine Tasse von Meißner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad, wie fingst du es nur an?«
»In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen unsereinen,« antwortete er verdrießlich, »Ihr wißt, daß Euch keine Gewalt über meine Seele zusteht, denn seit anderthalb tausend Jahren kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die Eli-Geschichte betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr begleitet mich in eine Auberge; denn der läpperige Tee hier, mit dem man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht.«
Ich ließ vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an einen Tisch zu vier oder fünf solcher nächtlichen Gestalten; ich ließ für den alten Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem Malabarisch, wovon die Trinker gewiß nichts verstanden, forderte ich ihn auf, zu erzählen.
Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte, begann er:
»Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, daß ich, sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen.
Du weißt, daß ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche – nun verziehe dein Gesicht nur nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem kräftigen Fünfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen eine Schöne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein so ausgemachter Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging. In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grazie der Hut gezogen und etwas weniges geseufzt.
Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgemäß, wenn die Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber; und ich hatte die Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der Straße; ich ging also, um die weißseidenen Strümpfe zu schonen, auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause meiner Schönen war der Schmutz reinlich in große Haufen zusammengekehrt, denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und mußte den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein Herz über diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schönfrisierten Toupet, schwenke ihn in einem kühnen Bogen, und – o Unglück – er entwischt meiner Hand, er fährt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, daß nur noch die Spitze hervorsieht.
Wie schön sagt Schiller:
Einen Blick Nach dem Grabe Seiner Habe Sendet noch der Mensch zurück.
So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber dann war zu befürchten, daß er ganz ruiniert sei; sollte ich völlig chapeau bas weiterziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus entsprungen?
Wie ein silbernes Feuerglöckchen schlägt jetzt das lustige Lachen meiner Dulcinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken, das Grabgeläute meiner Hoffnung, antworten zehn Bässe aus dem gegenüberstehenden Kaffeehaus, Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute, brüllen aus den aufgerissenen Fenstern, und ›Hussa, Sultan, such' verloren!‹ tönt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlänge stürzt hervor, packt den verlorenen Hut mit geübter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und präsentiert mir das triefende Corpus delicti.
Was ich dir hier mit vielen Worten erzähle, mein Bester, war das Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst die Zudringlichkeit des höflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder. Wieherndes, jauchzendes Gelächter scholl aus dem Kaffeehause, und auch bei ihr waren alle Fenster mit Lachern angefüllt; und als ich einen zärtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen ließ, sah ich, wie sie das batistene Sacktuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wütend ergriff ich den Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand keinen Spaß, sie packte mich an der zierlichen Busenstreife, ich ließ ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und dünn galoppierend, aber die Bestie folgte, und andere Hunde und Gassenjungen stürzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes stürzte.