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Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2

Die Sängerin. (continued 2)

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»Was brauchen wir weiter Zeugnis?« unterbrach ihn der Direktor. »Herr Referendarius Pfälle, schreiben Sie einen Verhaftungsbefehl gegen –«

»Was tun Sie?« rief der Doktor, »sehen Sie denn nicht, daß ihm der Tod schon am Herzen ist? Er treibt es keine Viertelstunde mehr. Eilen Sie, wenn Sie noch etwas zu fragen haben.«

Der Doktor befahl dem Lakai, den Gerichtsdienern zu rufen, sie sollen den Gefangenen heraufbringen; der Kranke sank mehr und mehr zusammen, sein Auge schien stillzustehen, es hatte nur eine Richtung, nach der Sängerin, aber auch jetzt noch schien Wut und Ingrimm daraus hervorzublitzen. »Schepperl,« sprach er wieder, »du hast mich unglücklich gemacht, zu Grunde gerichtet, darum verdientest du den Tod; du hast deinen Vater zu Grunde gerichtet, sie haben ihn auf die Galeere geschickt, weil er dich mir um Geld verkauft hat; er hat mich beschworen, dich umzubringen; es tut mir leid, daß ich gezittert habe. Verflucht seien diese Hände, die nicht einmal mehr sicher stoßen konnten!« Seine greulichen Verwünschungen, die er über sich und Giuseppa ausstieß, wurden durch eine neue Erscheinung unterbrochen. Zwei Gerichtsdiener brachten einen Mann in türkischer Kleidung; es war der unglückliche Ali Pascha von Janina – der Turban bedeckte das jammervolle Haupt des Kommerzienrats Bolnau. Alle erstaunten über diesen Anblick, besonders schien der Kapellmeister sehr betreten; er erblaßte und errötete und wandte sein Gesicht ab. »Monsieur de Planto,« sprach der Direktor, »kennen Sie diesen Mann?« Der Kranke hatte die Augen geschlossen; er riß sie mühsam auf und sagte: »Gehet zu allen Teufeln, ich kenne ihn nicht.«

Der Türke sah die Umstehenden mit kummervoller Miene an; »ich wußte wohl, daß es so kommen werde,« sprach er mit weinerlichem Tone, »es hat mir schon lange geahnet. Aber, Mademoiselle Bianetti, wie konnten Sie doch einen unschuldigen Mann so ins Unglück bringen?«

»Was ist es denn mit diesem Herrn?« fragte die Sängerin; »ich kenne ihn nicht. Herr Direktor, was hat denn dieser getan?«

»Signora,« sprach der Direktor mit tiefem Ernst, »vor den Gerichten gilt keine Nachsicht oder irgend eine Schonung, Sie müssen diesen Herrn kennen; es ist der Kommerzienrat Bolnau. Ihr eigenes Kammermädchen hat eingestanden, daß Sie bei dem Mord seinen Namen ausgerufen haben.«

»Freilich!« klagte der Pascha, »meinen Namen genannt, unter so verfänglichen Umständen!«

Die Sängerin erstaunte, eine tiefe Röte flog über ihr schönes Gesicht, sie ergriff in großer Bewegung den Kapellmeister bei der Hand; »Carlo,« rief sie, »jetzt gilt es zu sprechen, ich kann es nicht verschweigen; ja, Herr Direktor, ich werde diesen teuren Namen genannt haben, aber ich meinte nicht jenen Herrn, sondern –«

»Mich!« rief der Kapellmeister und trat hervor. »Ich heiße, wenn es mein lieber Vater dort erlaubt, Karl Bolnau!«

»Karl! Musikant! Amerikaner!« rief der Türke und umarmte ihn; »das ist das erste gescheite Wort in deinem Leben, du hast mich aus einem großen Jammer befreit.«

»Wenn sich die Sache so verhält,« sagte der Direktor, »so sind Sie frei, und wir haben in dieser Sache nur mit gegenwärtigem Herrn Chevalier de Planto zu tun.« Er wandte sich um zu dem Bette; dort stand der Arzt und hielt die Hand des Mörders in der seinigen; er legte sie ernst und ruhig auf die Decke und drückte ihm die starren Augen zu. »Direktor,« sagte er, »der macht es jetzt mit einem höheren Richter aus.«

Man verstand ihn; sie gingen aus dem Gemach des furchtbaren Toten und traten drüben bei dem Kapellmeister, dem glücklichen, wiedergefundenen Sohne des Pascha, ein; die Sängerin verbarg ihr Gesicht an der Brust des Geliebten, ihre Tränen strömten heftig, aber es waren die letzten, die sie ihrem unglücklichen Schicksal weinte; denn der Pascha ging lächelnd um das schöne Paar, er schien an einem großen Entschluß zu arbeiten; er besprach sich heimlich mit dem Medizinalrat und trat von diesem zu seinem Sohn und der Sängerin. »Liebste Mademoiselle,« sprach er, »ich habe Ihretwegen vieles ausgestanden, Sie haben meinen Namen so verfänglich genannt, daß ich Sie bitte, ihn mit dem Ihrigen zu vertauschen. Sie haben gestern meinen Teller mit Punsch verschmäht, werden Sie mich wieder zurückstoßen, wenn ich Ihnen gegenwärtigen Herrn Karl Bolnau, meinen musikalischen Sohn, präsentiere, mit der Bitte, ihn zu ehelichen?«

Sie sagte nicht nein; sie küßte mit Freudentränen seine Hand, der Kapellmeister schloß sie mit Entzücken in seine Arme und schien diesmal sein erhabenes Pathos ganz vergessen zu haben. Der Kommerzienrat aber faßte des Doktors Hand: »Lange, sage Er, hätte ich denken können, daß es so kommen würde, als Er mir den Schrecken in alle Glieder jagte, als ich die Scheiben des Palais zählte und Er mir sagte: ›Ihr letztes Wort war Bolnau!‹«

»Nun! was will Er weiter!« antwortete der Medizinalrat lächelnd; »es war doch gut, daß ich es Ihm damals sagte; wer weiß es, ob alles so gekommen wäre ohne das letzte Wort der Sängerin.«

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