Front matter (continued 2)
Reading edition
Herzogin. O Albrecht! Was hast du getan!
Wallenstein. Nun das noch!
Gräfin. Verzeih mir, Bruder. Ich vermocht' es nicht, Sie wissen alles.
Herzogin. Was hast du getan!
Gräfin. (zu Terzky) Ist keine Hoffnung mehr? Ist alles denn Verloren?
Terzky. Alles. Prag ist in des Kaisers Hand, Die Regimenter haben neu gehuldigt.
Gräfin. Heimtückischer Octavio!—Und auch Graf Max ist fort?
Terzky. Wo sollt er sein? Er ist Mit seinem Vater über zu dem Kaiser. (Thekla stürzt in die Arme ihrer Mutter, das Gesicht an ihrem Busen verbergend.)
Herzogin. (sie in die Arme schließend). Unglücklich Kind! Unglücklichere Mutter!
Wallenstein. (beiseite gehend mit Terzky). Laß einen Reisewagen schnell bereit sein Im Hinterhofe, diese wegzubringen. (Auf die Frauen zeigend.) Der Scherfenberg kann mit, der ist uns treu, Nach Eger bringt er sie, wir folgen nach. (Zu Illo, der wiederkommt.) Du bringst sie nicht zurück?
Illo. Hörst du den Auflauf? Das ganze Korps der Pappenheimer ist Im Anzug. Sie verlangen ihren Oberst, Den Max zurück, er sei hier auf dem Schloß, Behaupten sie, du haltest ihn mit Zwang, Und wenn du ihn nicht losgebst, werde man Ihn mit dem Schwerte zu befreien wissen. (Alle stehen erstaunt.)
Wallenstein. Sagt' ich's nicht? O mein wahrsagend Herz! Er ist noch hier. Er hat mich nicht verraten, hat es nicht Vermocht—Ich habe nie daran gezweifelt.
Gräfin. Ist er noch hier, o dann ist alles gut, Dann weiß ich, was ihn ewig halten soll! (Thekla umarmend.)
Terzky. Es kann nicht sein. Bedenke doch! Der Alte Hat uns verraten, ist zum Kaiser über, Wie kann er's wagen, hierzusein?
Illo. (zum Wallenstein) Den Jagdzug, Den du ihm kürzlich schenktest, sah ich noch Vor wenig Stunden übern Markt wegführen.
Gräfin. O Nichte, dann ist er nicht weit!
Thekla. (hat den Blick nach der Türe geheftet und ruft lebhaft) Da ist er!
Achtzehnter Auftritt
Die Vorigen. Max Piccolomini.
Max. (mitten in den Saal tretend). Ja! Ja! da ist er! Ich vermag's nicht länger, Mit leisem Tritt um dieses Haus zu schleichen, Den günst'gen Augenblick verstohlen zu Erlauern—Dieses Harren, diese Angst Geht über meine Kräfte! (Auf Thekla zugehend, welche sich ihrer Mutter in die Arme geworfen.) O sieh mich an! Sieh nicht weg, holder Engel. Bekenn es frei vor allen. Fürchte niemand. Es höre, wer es will, daß wir uns lieben. Wozu es noch verbergen? Das Geheimnis Ist für die Glücklichen; das Unglück braucht, Das hoffnungslose, keinen Schleier mehr, Frei unter tausend Sonnen kann es handeln. (Er bemerkt die Gräfin, welche mit frohlockendem Gesicht auf Thekla blickt.) Nein, Base Terzky! Seht mich nicht erwartend, Sicht hoffend an! Ich komme nicht zu bleiben. Abschied zu nehmen, komm ich—Es ist aus. Ich muß, muß dich verlassen, Thekla—muß! Doch deinen Haß kann ich nicht mit mir nehmen. Nur einen Blick des Mitleids gönne mir, Sag, daß du mich nicht hassest. Sag mir's, Thekla. (Indem er ihre Hand faßt, heftig bewegt.) O Gott!—Gott! Ich kann nicht von dieser Stelle. Ich kann es nicht—kann diese Hand nicht lassen. Sag, Thekla, daß du Mitleid mit mir hast, Dich selber überzeugst, ich kann nicht anders. (Thekla, seinen Blick vermeidend, zeigt mit der Hand auf ihren Vater; er wendet sich nach dem Herzog um, den er jetzt erst gewahr wird.) Du hier?—Nicht du bist's, den ich hier gesucht. Dich sollten meine Augen nicht mehr schauen. Ich hab es nur mit ihr allein. Hier will ich, Von diesem Herzen freigesprochen sein, An allem andern ist nichts mehr gelegen.
Wallenstein. Denkst du, ich soll der Tor sein und dich ziehen lassen Und eine Großmutsszene mit dir spielen? Dein Vater ist zum Schelm an mir geworden, Du bist mir nichts mehr als sein Sohn, sollst nicht Umsonst in meine Macht gegeben sein. Denk nicht, daß ich die alte Freundschaft ehren werde, Die er so ruchlos hat verletzt. Die Zeiten Der Liebe sind vorbei, der zarten Schonung, Und Haß und Rache kommen an die Reihe. Ich kann auch Unmensch sein, wie er.
Max. Du wirst mit mir verfahren, wie du Macht hast. Wohl aber weißt du, daß ich deinem Zorn Nicht trotze, noch ihn fürchte. Was mich hier Zurückhält, weißt du! (Thekla bei der Hand fassend.) Sieh! Alles—alles wollt' ich dir verdanken, Das Los der Seligen wollt' ich empfangen Aus deiner väterlichen Hand. Du hast's Zerstört, doch daran liegt dir nichts. Gleichgültig Trittst du das Glück der Deinen in den Staub, Der Gott, dem du dienst, ist kein Gott der Gnade. Wie das gemütlos blinde Element, Das furchtbare, mit dem kein Bund zu schließen, Folgst du des Herzens wildem Trieb allein. Weh denen, die auf dich vertraun, an dich Die sichre Hütte ihres Glückes lehnen, Gelockt von deiner gastlichen Gestalt! Schnell, unverhofft, bei nächtlich stiller Weile Gärt's in dem tück'schen Feuerschlunde, ladet Sich aus mit tobender Gewalt, und weg Treibt über alle Pflanzungen der Menschen Der wilde Strom in grausender Zerstörung.
Wallenstein. Du schilderst deines Vaters Herz. Wie du's Beschreibst, so ist's in seinem Eingeweide, In dieser schwarzen Heuchlers Brust gestaltet. O mich hat Höllenkunst getäuscht. Mir sandte Der Abgrund den verstecktesten der Geister, Den Lügenkundigsten herauf und stellt ihn Als Freund an meine Seite. Wer vermag Der Hölle Macht zu widerstehn! Ich zog Des Basilisken auf an meinem Busen, Mit meinem Herzblut nährt' ich ihn, er sog Sich schwelgend voll an meiner Liebe Brüsten, Ich hatte nimmer Arges gegen ihn, Weit offen ließ ich des Gedankens Tore Und warf die Schlüssel weiser Vorsicht weg— Am Sternenhimmel suchten meine Augen, Im weiten Weltenraum den Feind, den ich Im Herzen meines Herzens eingeschlossen. —Wär' ich dem Ferdinand gewesen, was Octavio mir war—Ich hätt' ihm nie Krieg angekündigt—nie hätt' ich's vermocht. Er war mein strenger Herr nur, nicht mein Freund, Nicht meiner Treu vertraute sich der Kaiser. Krieg war schon zwischen mir und ihm, als er Den Feldherrnstab in meine Hände legte; Denn Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn, Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede. Wer das Vertraun vergiftet, o der mordet Das werdende Geschlecht im Leib der Mutter.
Max. Ich will den Vater nicht verteidigen. Weh mir, daß ich's nicht kann! Unglücklich schwere Taten sind geschehn, Und eine Frevelhandlung faßt die andre In enggeschloßner Kette grausend an. Doch wie gerieten wir, die nichts verschuldet, In diesen Kreis des Unglücks und Verbrechens? Wem brachen wir die Treue? Warum muß Der Väter Doppelschuld und Freveltat Uns gräßlich wie ein Schlangenpaar umwinden? Warum der Väter unversöhnter Haß Auch uns, die Liebenden, zerreißend scheiden? (Er umschlingt Thekla mit heftigem Schmerz.)
Wallenstein. (hat den Blick schweigend auf ihn geheftet und nähert sich jetzt). Max! Bleibe bei mir.—Geh nicht von mir, Max! Sieh, als man dich im pragschen Winterlager Ins Zelt mir brachte, einen zarten Knaben, Des deutschen Winters ungewohnt, die Hand War dir erstarrt an der gewichtigen Fahne, Du wolltst männlich sie nicht lassen, damals nahm ich Dich auf, bedeckte dich mit meinem Mantel, Ich selbst war deine Wärterin, nicht schämt' ich Der kleinen Dienste mich, ich pflegte deiner Mit weiblich sorgender Geschäftigkeit, Bis du, von mir erwärmt, an meinem Herzen, Das junge Leben wieder freudig fühltest. Wann hab ich seitdem meinen Sinn verändert? Ich habe viele Tausend reich gemacht, Mit Ländereien sie beschenkt, belohnt Mit Ehrenstellen—dich hab ich geliebt, Mein Herz, mich selber hab ich dir gegeben. Sie alle waren Fremdlinge, du warst Das Kind des Hauses—Max! du kannst mich nicht verlassen! Es kann nicht sein, ich mag's und will's nicht glauben, Daß mich der Max verlassen kann.
Max. O Gott!
Wallenstein. Ich habe dich gehalten und getragen Von Kindesbeinen an—Was tat dein Vater Für dich, das ich nicht reichlich auch getan? Ein Liebesnetz hab ich um dich gesponnen, Zerreiß es, wenn du kannst—Du bist an mich Geknüpft mit jedem zarten Seelenbande, Mit jeder heil'gen Fessel der Natur, Die Menschen aneinanderketten kannn. Geh hin, verlaß mich, diene deinem Kaiser, Laß dich mit einem goldnen Gnadenkettlein, Mit seinem Widderfell dafür belohnen, Daß dir der Freund, der Vater deiner Jugend, Daß dir das heiligste Gefühl nichts galt.
Max. (in heftigem Kampf) O Gott! Wie kann ich anders? Muß ich nicht? Mein Eid—die Pflicht—
Wallenstein. Pflicht, gegen wen? Wer bist du? Wenn ich am Kaiser unrecht handle, ist's Mein Unrecht, nicht das deinige. Gehörst Du dir? Bist du dein eigener Gebieter, Stehst frei da in der Welt, wie ich, daß du Der Täter deiner Taten könntest sein? Auf mich bist du gepflanzt, ich bin dein Kaiser, Mir angehören, mir gehorchen, das Ist deine Ehre, dein Naturgesetz. Und wenn der Stern, auf dem du lebst und wohnst, Aus seinem Gleise tritt, sich brennend wirft Auf ein nächste Welt und sie entzündet, Dukannst nicht wählen, ob du folgen willst, Fort reißt er dich in seines Schwunges Kraft Samt seinem Ring und allen seinen Monden. Mit leichter Schuld gehst du in diesen Streit, Dich wird die Welt nicht tadeln, sie wird's loben, Daß dir der Freund das meiste hat gegolten.
Neunzehnter Auftritt
Vorige. Neumann.
Wallenstein. Was gibt's?
Neumann. Die Pappenheimischen sind abgesessen Und rücken an zu Fuß; sie sind entschlossen, Den Degen in der Hand das Haus zu stürmen, Den Grafen wollen sie befrein.
Wallenstein. (zu Terzky) Man soll Die Ketten vorziehn, das Geschütz aufpflanzen. Mit Kettenkugeln will ich sie empfangen. (Terzky geht.) Mir vorzuschreiben mit dem Schwert! Geh, Neumann, Sie sollen sich zurückziehn, augenblicks, Ist mein Befehl, und in der Ordnung schweigend warten, Was mir gefallen wird zu tun. (Neumann geht ab. Illo ist ans Fenster getreten.)
Gräfin. Entlaß ihn. Ich bitte dich, entlaß ihn!
Illo. (am Fenster) Tod und Teufel!
Wallenstein. Was ist's?
Illo. Aufs Rathaus steigen sie, das Dach Wird abgedeckt, sie richten die Kanonen Aufs Haus—
Max. Die Rasenden!
Illo. Sie machen Anstalt, Uns zu beschießen— Herzogin und Gräfin. Gott im Himmel!
Max. (zu Wallenstein). Laß mich Hinunter, sie bedeuten—
Wallenstein. Keinen Schritt!
Max. (auf Thekla und die Herzogin zeigend) Ihr Leben aber! Deins!
Wallenstein. Was bringst du, Terzky?
Zwanzigster Auftritt
Vorige. Terzky kommt zurück.
Terzky. Botschaft von unsern treuen Regimentern. Ihr Mut sei länger nicht zu bändigen, Sie flehen um Erlaubnis, anzugreifen, Vom Prager- und vom Mühl-Tor sind sie Herr, Und wenn du nur die Losung wolltest geben, So könnten sie den Feind im Rücken fassen, Ihn in die Stadt einkeilen, in der Enge Der Straßen leicht ihn überwältigen.
Illo. O komm! Laß ihren Eifer nicht erkalten. Die Buttlerischen halten treu zu uns, Wir sind die größre Zahl und werfen sie Und enden hier in Pilsen die Empörung.
Wallenstein. Soll diese Stadt zum Schlachtgefilde werden Und brüderliche Zwietracht, feueraugig, Durch ihre Straßen losgelassen toben? Dem tauben Grimm, der keinen Führer hört, Soll die Entscheidung übergeben sein? Hier ist nicht Raum zum Schlagen, nur zum Würgen; Die losgebundnen Furien der Wut Ruft keines Herrschers Stimme mehr zurück. Wohl, es mag sein! Ich hab es lang bedacht, So mag sich's rasch und blutig denn entladen. (Zu Max gewendet.) Wie ist's? Willst du den Gang mit mir versuchen? Freiheit zu gehen hast du. Stelle dich Mir gegenüber. Führe sie zum Kampf. Den Krieg verstehst du, hast bei mir etwas Gelernt, ich darf des Gegners mich nicht schämen, Und keinen schönern Tag erlebst du, mir Die Schule zu bezahlen.
Gräfin. Ist es dahin Gekommen? Vetter! Vetter! könnt Ihr's tragen?
Max. Die Regimenter, die mir anvertraut sind, Dem Kaiser treu hinwegzuführen, hab ich Gelobt; dies will ich halten oder sterben. Mehr fordert keine Pflicht von mir. Ich fechte Nicht gegen dich, wenn ich's vermeiden kann, Denn auch dein feindlich Haupt ist mir noch heilig. (Es geschehn zwei Schüsse. Illo und Terzky eilen ans Fenster.)
Wallenstein. Was ist das?
Terzky. Er stürzt. Wallenstein. Stürzt! Wer?
Illo. Die Tiefenbacher taten Den Schuß.
Wallenstein. Auf wen?
Illo. Auf diesen Neumann, den Du schicktest—
Wallenstein. (auffahrend). Tod und Teufel! So will ich— (Will gehen.)
Terzky. Dich ihrer blinden Wut entgegenstellen? Herzogin und Gräfin. Um Gotteswillen nicht!
Illo. Jetzt nicht, mein Feldherr.
Gräfin. O halt ihn! halt ihn!
Wallenstein. Laßt mich!
Max. Tu es nicht, Jetzt nicht. Die blutig rasche Tat hat sie In Wut gesetzt, erwarte ihre Reue—
Wallenstein. Hinweg! Zu lange schon hab ich gezaudert. Das konnten sie sich freventlich erkühnen, Weil sie mein Angesicht nicht sahn—sie sollen Mein Antlitz sehen, meine Stimme hören— Sind es nicht meine Truppen? Bin ich nicht Ihr Feldherr und gefürchteter Gebieter? Laß sehn, ob sie das Antlitz nicht mehr kennen, Das ihre Sonne war in dunkler Schlacht. Es braucht der Waffen nicht. Ich zeige mich Vom Altan dem Rebellenherr, und schnell Bezähmt, gebt acht, kehrt der empörte Sinn Ins alte Bette des Gehorsams wieder. (Er geht. Ihm folgen Illo, Terzky und Buttler.)
Einundzwanzigster Auftritt
Gräfin. Herzogin. Max und Thekla.
Gräfin. (zur Herzogin) Wenn sie ihn sehn—Es ist noch Hoffnung, Schwester.
Herzogin. Hoffnung! Ich habe keine.
Max. (der während des letzten Auftritts in einem sichtbaren Kampf von ferne gestanden, tritt näher). Das ertrag ich nicht. Ich kam hierher mit fest entschiedner Seele, Ich glaubte, recht und tadellos zu tun, Und muß hier stehen, wie ein Hassenswerter, Ein roh Unmenschlicher, vom Fluch belastet, Vom Abscheu aller, die mir teuer sind, Unwürdig schwer bedrängt die Lieben sehn, Die ich mit einem Wort beglücken kann— Das Herz in mir empört sich, es erheben Zwei Stimmen streitend sich in meiner Brust, In mir ist Nacht, ich weiß das Rechte nicht zu wählen. O wohl, wohl hast du wahr geredet, Vater, Zu viel vertraut' ich auf das eigne Herz, Ich stehe wankend, weiß nicht, was ich soll.
Gräfin. Sie wissen's nicht? Ihr Herz sagt's Ihnen nicht? So will ich's Ihnen sagen! Ihr Vater hat den schreienden Verrat An uns begangen, an des Fürsten Haupt Gefrevelt, uns in Schmach gestürzt, daraus Ergibt sich klar, was Sie, sein Sohn, tun sollen: Gutmachen, was der Schändliche verbrochen, Ein Beispiel aufzustellen frommer Treu, Daß nicht der Name Piccolomini Ein Schandlied sei, ein ew'ger Fluch im Haus Der Wallensteiner.
Max. Wo ist eine Stimme Der Wahrheit, der ich folgen darf? Uns alle Bewegt der Wunsch, die Leidenschaft. Daß jetzt Ein Engel mir vom Himmel niederstiege, Das Rechte mir, das unverfälschte, schöpfte Am reinen Lichtquell, mit der reinen Hand! (Indem seine Augen auf Thekla fallen.) Wie? Such ich diesen Engel noch? Erwart ich Noch einen andern? (Er nähert sich ihr, den Arm um sie schlagend.) Hier, auf dieses Herz, Das unfehlbare, heilig reine will Ich's legen, deine Liebe will ich fragen, Die nur den Glücklichen beglücken kann, Vom unglückselig Schuldigen sich wendet. Kannst du mich dann noch lieben, wenn ich bleibe? Erkläre, daß du's kannst, und ich bin euer.
Gräfin. (mit Bedeutung) Bedenkt—
Max. (unterbricht sie) Bedenke nichts. Sag, wie du's fühlst.
Gräfin. An Euren Vater denkt—
Max. (unterbricht sie) Nicht Friedlands Tochter, Ich frage dich, dich, die Geliebte frag ich! Es gilt nicht, eine Krone zu gewinnen, Das möchtst du mit klugem Geist bedenken. Die Ruhe deines Freundes gilt's, das Glück Von einem Tausend tapfrer Heldenherzen, Die seine Tat zum Muster nehmen werden. Soll ich dem Kaiser Eid und Pflicht abschwören? Soll ich ins Lager des Octavio Die vatermörderische Kugel senden? Denn wenn die Kugel los ist aus dem Lauf, Ist sie kein totes Werkzeug mehr, sie lebt, Ein Geist fährt in sie, die Erinnyen Ergreifen sie, des Frevels Rächerinnen, Und führen tückisch sie den ärgsten Weg.
Thekla. O Max—
Max. (unterbricht sie) Nein, übereile dich auch nicht. Ich kenne dich. Dem edeln Herzen könnte Die schwerste Pflicht die nächste scheinen. Nicht Das Große, nur das Menschliche geschehe. Denk, was der Fürst von je an mir getan; Denk auch, wie's ihm mein Vater hat vergolten, O auch die schönen, freien Regungen Der Gastlichkeit, der frommen Freundestreue Sind eine heilige Religion dem Herzen, Schwer rächen sie die Schauder der Natur An dem Barbaren, der sie gräßlich schändet. Leg alles, alles in die Waage, sprich Und laß dein Herz entscheiden.
Thekla. O das deine Hat längst entschieden. Folge deinem ersten Gefühl—
Gräfin. Unglückliche!
Thekla. Wie könnte das Das Rechte sein, was dieses zarte Herz Nicht gleich zuerst ergriffen und gefunden? Geh und erfülle deine Pflicht. Ich würde Dich immer lieben. Was du auch erwählt, Du würdest edel stets und deiner würdig Gehandelt haben—aber Reue soll Nicht deiner Seele schönen Frieden stören.
Max. So muß ich dich verlassen, von dir scheiden!
Thekla. Wie du dir selbst getreu bleibst, bist du's mir. Uns trennt das Schicksal, unsre Herzen bleiben einig. Ein blut'ger Haß entzweit auf ew'ge Tage Die Häuser Friedland, Piccolomini, Doch wir gehören nicht zu unserm Hause. —Fort! Eile! Eile, deine gute Sache Von unsrer unglückseligen zu trennen. Auf unserm Haupte liegt der Fluch des Himmels, Es ist dem Untergang geweiht. Auch mich Wird meines Vaters Schuld mit ins Verderben Hinabziehn. Traure nicht um mich, mein Schicksal Wird bald entschieden sein. (Max faßt sie in die Arme, heftig bewegt. Man hört hinter der Szene ein lautes, wildes, langverhallendes Geschrei: "Vivat Ferdinandus!" von kriegerischen Instrumenten begleitet. Max und Thekla halten einander unbeweglich in den Armen.)
Zweiundzwanzigster Auftritt
Vorige. Terzky.
Gräfin. (ihm entgegen) Was war das? Was bedeutete das Rufen?
Terzky. Es ist vorbei, und alles ist verloren.
Gräfin. Wie, und sie gaben nichts auf seinen Anblick?
Terzky. Nichts. Alles war umsonst.
Herzogin. Sie riefen Vivat.
Terzky. Dem Kaiser.
Gräfin. O die Pflichtvergessenen!
Terzky. Man ließ ihn nicht einmal zum Worte kommen. Als er zu reden anfing, fielen sie Mit kriegerischem Spiel betäubend ein. —Hier kommt er.
Dreiundzwanzigster Auftritt
Vorige. Wallenstein, begleitet von Illo und Buttler. Darauf Kürassiere.
Wallenstein. (im Kommen). Terzky!
Terzky. Mein Fürst?
Wallenstein. Laß unsre Regimenter Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen, Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend. (Terzky geht ab.) Buttler—
Buttler. Mein General?—
Wallenstein. Der Kommendant zu Eger Ist Euer Freund und Landsmann. Schreibt ihm gleich Durch einen Eilenden, er soll bereit sein, Uns morgen in die Festung einzunehmen— Ihr folgt uns selbst mit Euerm Regiment.
Buttler. Es soll geschehn, mein Feldherr.
Wallenstein. (tritt zwischen Max und Thekla, welche sich während dieser Zeit fest umschlungen gehalten) Scheidet!
Max. Gott! (Kürassiere mit gezogenem Gewehr treten in den Saal und sammeln sich im Hintergrunde. Zugleich hört man unten einige mutige Passagen aus dem Pappenheimer Marsch, welche dem Max zu rufen scheinen.)
Wallenstein. (zu den Kürassieren). Hier ist er. Er ist frei. Ich halt ihn nicht mehr. (Er steht abgewendet und so, daß Max ihm nicht beikommen, noch sich dem Fräulein nähern kann.)
Max. Du hassest mich, treibst mich im Zorn von dir. Zerreißen soll das Band der alten Liebe, Nicht sanft sich lösen, und du willst den Riß, Den schmerzlichen, mir schmerzlicher noch machen! Du weißt, ich habe ohne dich zu leben Noch nicht gelernt—in eine Wüste geh ich Hinaus, und alles, was mir wert ist, alles Bleibt hier zurück—O wende deine Augen Nicht von mir weg! Noch einmal zeige mir Dein ewig teures und verehrtes Antlitz. Verstoß mich nicht— (Er will seine Hand fassen. Wallenstein zieht sie zurück. Er wendet sich an die Gräfin.)
Ist hier kein andres Auge, Das Mitleid für mich hätte—Base Terzky— (Sie wendet sich von ihm; er kehrt sich zur Herzogin.) Ehrwürd'ge Mutter—
Herzogin. Gehn Sie, Graf, wohin Die Pflicht Sie ruft—So können Sie uns einst Ein treuer Freund, ein guter Engel werden Am Thron des Kaisers.
Max. Hoffnung geben Sie mir, Sie wollen mich nicht ganz verzweifeln lassen. O täuschen Sie mich nicht mit leerem Blendwerk, Mein Unglück ist gewiß, und Dank dem Himmel! Der mir ein Mittel eingibt, es zu enden. (Die Kriegsmusik beginnt wieder. Der Saal füllt sich mehr und mehr mit Bewaffneten an. Er sieht Buttlern dastehn.) Ihr auch hier, Oberst Buttler—Und Ihr wollt mir Nicht folgen?—Wohl! Bleibt Eurem neuen Herrn Getreuer als dem alten. Kommt! Versprecht mir, Die Hand gebt mir darauf, daß Ihr sein Leben Beschützen, unverletzlich wollt bewahren. (Buttler verweigert seine Hand.) Des Kaisers Acht hängt über ihm und gibt Sein fürstlich Haupt jedwedem Mordknecht preis, Der sich den Lohn der Bluttat will verdienen; Jetzt tät' ihm eines Freundes fromme Sorge, Der Liebe treues Auge not—und die Ich scheidend um ihn seh— (Zweideutige Blicke auf Illo und Buttler richtend.)
Illo. Sucht die Verräter In Eures Vaters, in des Gallas Lager. Hier ist nur einer noch. Geht und befreit uns Von seinem hassenswürd'gen Anblick. Geht. (Max versucht es noch einmal, sich der Thekla zu nähern. Wallenstein verhindert es. Er steht unschlüssig, schmerzvoll; indes füllt sich der Saal immer mehr und mehr, und die Hörner ertönen unten immer auffordernder und in immer kürzeren Pausen.)
Max. Blast! Blast!—O wären es die schwed'schen Hörner, Und ging's von hier gerad ins Feld des Todes, Und alle Schwerter, alle, die ich hier Entblößt muß sehn, durchdrängen meinen Busen! Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier Hinwegzureißen—o treibt mich nicht zu Verzweiflung! Tut's nicht! Ihr könntet es bereun! (Der Saal ist ganz mit Bewaffneten erfüllt.) Noch mehr—Es hängt Gewicht sich an Gewicht, Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.— Bedenket, was ihr tut. Es ist nicht wohlgetan, Zum Führer den Verzweifelnden zu wählen. Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan, Der Rachegöttin weih ich eure Seelen! Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben, Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben! (Indem er sich nach dem Hintergrund wendet, entsteht eine rasche Bewegung unter den Kürassieren, sie umgeben und begleiten ihn in wildem Tumult. Wallenstein bleibt unbeweglich. Thekla sinkt in ihrer Mutter Arme. Der Vorhang fällt.)
Vierter Aufzug
In des Bürgermeisters Hause zu Eger.
Erster Auftritt
Buttler. (der eben anlangt) Er ist herein. Ihn führte sein Verhängnis, Der Rechen ist gefallen hinter ihm, Und wie die Brücke, die ihn trug, beweglich Sich niederließ und schwebend wieder hob, Ist jeder Rettungsweg ihm abgeschnitten. Bis hieher, Friedland, und nicht weiter! sagt Die Schicksalsgöttin. Aus der böhmischen Erde Erhub sich dein bewunder Meteor, Weit durch den Himmel einen Glanzweg ziehend, Und hier an Böhmens Grenze muß es sinken! —Du hast die alten Fahnen abgeschworen, Verblendeter, und traust dem alten Glück! Den Krieg zu tragen in des Kaisers Länder, Den heil'gen Herd der Laren umzustürzen, Bewaffnest du die frevelhafte Hand. Nimm dich in acht! dich treibt der böse Geist Der Rache—daß dich Rache nicht verderbe!
Zweiter Auftritt
Buttler und Gordon.
Gordon. Seid Ihr's? O wie verlangt mich, Euch zu hören. Der Herzog ein Verräter! O mein Gott! Und flüchtig! Und sein fürstlich Haupt geächtet! Ich bitt Euch, General, sagt mir ausführlich, Wie alles dies zu Pilsen sich begeben?
Buttler. Ihr habt den Brief erhalten, den ich Euch Durch einen Eilenden vorausgesendet?
Gordon. Und habe treu getan, wie Ihr mich hießt, Die Festung unbedenklich ihm geöffnet, Denn mir befiehlt ein kaiserlicher Brief, Nach Eurer Ordre blindlings mich zu fügen. Jedoch verzeiht! als ich den Fürsten selbst Nun sah, da fing ich wieder an, zu zweifeln. Denn wahrlich! nicht als ein Geächteter Trat Herzog Friedland ein in diese Stadt. Von seiner Stirne leuchtete wie sonst Des Herrschers Majestät, Gehorsam fordernd, Und ruhig, wie in Tagen guter Ordnung, Nahm er des Amtes Rechenschaft mir ab. Leutselig macht das Mißgeschick, die Schuld, Und schmeichelnd zum geringern Manne pflegt Gefallner Stolz herunter sich zu beugen; Doch sparsam und mit Würde wog der Fürst Mir jedes Wort des Beifalls, wie der Herr Den Diener lobt, der sein Pflicht getan.
Buttler. Wie ich Euch schrieb, so ist's genau geschehn. Es hat der Fürst dem Feinde die Armee Verkauft, ihm Prag und Eger öffnen wollen. Verlassen haben ihn auf dies Gerücht Die Regimenter alle bis auf fünfe, Die Terzkyschen, die ihm hieher gefolgt. Die Acht ist ausgesprochen über ihn, Und ihn zu liefern, lebend oder tot, Ist jeder treue Diener aufgefordert.
Gordon. Verräter an dem Kaiser—solch ein Herr! So hochbegabt! O was ist Menschengröße! Ich sagt' es oft: das kann nicht glücklich enden; Zum Fallstrick ward ihm seine Größ' und Macht Und diese dunkelschwankende Gewalt. Denn um sich greift der Mensch, nicht darf man ihn Der eignen Mäßigung vertraun. Ihn hält In Schranken nur das deutliche Gesetz Und der Gebräuche tiefgetretne Spur. Doch unnatürlich war und neuer Art Die Kriegsgewalt in dieses Mannes Händen; Dem Kaiser selbst stellte sie ihn gleich, Der stolze Geist verlernte, sich zu beugen. O schad um solchen Mann! denn keiner möchte Da feste stehen, mein ich, wo er fiel.
Buttler. Spart Eure Klagen, bis er Mitleid braucht, Denn jetzt noch ist der Mächtige zu fürchten. Die Schweden sind im Anmarsch gegen Eger, Und schnell, wenn wir's nicht rasch entschlossen hindern, Wird die Vereinigung geschehn. Das darf nicht sein! Es darf der Fürst nicht freien Fußes mehr Aus diesem Platz, denn Ehr' und Leben hab ich Verpfändet, ihn gefangen hier zu nehmen, Und Euer Beistand ist's, auf den ich rechne.
Gordon. O hätt' ich nimmer diesen Tag gesehn! Aus seiner Hand empfing ich diese Würde, Er selber hat dies Schloß mir anvertraut, Das ich in seinen Kerker soll verwandeln. Wir Subalternen haben keinen Willen; Der freie Mann, der mächtige allein Gehorcht dem schönen menschlichen Gefühl. Wir aber sind nur Schergen des Gesetzes, Des grausamen; Gehorsam heißt die Tugend, Um die der Niedre sich bewerben darf.
Buttler. Laßt Euch das enggebundene Vermögen Nicht leid tun. Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum, Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.
Gordon. So hat ihn alles denn verlassen, sagt Ihr? Er hat das Glück von Tausenden gegründet, Denn königlich war sein Gemüt, und stets Zum Geben war die volle Hand geöffnet— (Mit einem Seitenblick auf Buttlern.) Vom Staube hat er manchen aufgelesen, Zu hoher Ehr' und Würden ihn erhöht Und hat sich keinen Freund damit, nicht einen Erkauft, der in der Not ihm Farbe hielt!
Buttler. Hier lebt ihm einer, den er kaum gehofft.
Gordon. Ich hab mich keiner Gunst von ihm erfreut. Fast zweifl' ich, ob er je in seiner Größe Sich eines Jugendfreunds erinnert hat— Denn fern von ihm hielt mich der Dienst, sein Auge Verlor mich in den Mauern dieser Burg, Wo ich, von seiner Gnade nicht erreicht, Das freie Herz im stillen mir bewahrte. Denn als er mich in dieses Schloß gesetzt, War's ihm noch Ernst um seine Pflicht; nicht sein Vertrauen täusch ich, wenn ich treu bewahre, Was meiner Treue übergeben ward.
Buttler. So sagt, wollt Ihr die Acht an ihm vollziehn, Mir Eure Hilfe leihn, ihn zu verhaften?
Gordon. (nach einem nachdenklichen Stillschweigen kummervoll). Ist es an dem—verhält sich's, wie Ihr sprecht— Hat er den Kaiser, seinen Herrn, verraten, Das Heer verkauft, die Festungen des Landes Dem Reichsfeind öffnen wollen—Ja, dann ist Nicht Rettung mehr für ihn—Doch es ist hart, Daß unter allen eben mich das Los Zum Werkzeug seines Sturzes muß erwählen. Denn Pagen waren wir am Hof zu Burgau Zu gleicher Zeit, ich aber war der ältre.
Buttler. Ich weiß davon.
Gordon. Wohl dreißig Jahre sind's. Da strebte schon Der kühne Mut im zwanzigjähr'gen Jüngling. Ernst über seine Jahre war sein Sinn, Auf große Dinge männlich nur gerichtet. Durch unsre Mitte ging er stillen Geists, Sich selber die Gesellschaft; nicht die Lust, Die kindische, der Knaben zog ihn an; Doch oft ergriff's ihn plötzlich wundersam, Und der geheimnisvollen Brust entfuhr, Sinnvoll und leuchtend, ein Gedankenstrahl, Daß wir uns staunend ansahn, nicht recht wissend, Ob Wahnsinn, ob ein Gott aus ihm gesprochen.
Buttler. Dort war's, wo er zwei Stock hoch niederstürzte, Als er im Fensterbogen eingeschlummert, Und unbeschädigt stand er wieder auf. Von diesem Tag an, sagt man, ließen sich Anwandlungen des Wahnsinns bei ihm spüren.
Gordon. Tiefsinn'ger wurd'er, das ist wahr, er wurde Katholisch. Wunderbar hatt' ihn das Wunder Der Rettung umgekehrt. Er hielt sich nun Für ein begünstigt und befreites Wesen, Und keck wie einer, der nicht straucheln kann, Lief er auf schwankem Seil des Lebens hin. Nachher führt' uns das Schicksal auseinander Weit, weit! Er ging der Größe kühnen Weg, Mit schnellem Schritt, ich sah ihn schwindelnd gehn, Ward Graf und Fürst und Herzog und Diktator, Und jetzt ist alles ihm zu klein, er streckt Die Hände nach der Königskrone aus Und stürzt in unermeßliches Verderben!
Buttler. Brecht ab. Er kommt.
Dritter Auftritt
Wallenstein im Gespräch mit dem Bürgermeister von Eger. Die Vorigen.
Wallenstein. Ihr wart sonst eine freie Stadt? Ich seh, Ihr führt den halben Adler in dem Wappen. Warum den halben nur?
Bürgermeister. Wir waren reichsfrei, Doch seit zweihundert Jahren ist die Stadt Der böhm'schen Kron' verpfändet. Daher rührt's, Daß wir nur noch den halben Adler führen. Der untre Teil ist kanzelliert, bis etwa Das Reich uns wieder einlöst.
Wallenstein. Ihr verdientet Die Freiheit. Haltet euch nur brav. Gebt keinem Aufwieglervolk Gehör. Wie hoch seid ihr Besteuert?
Bürgermeister. (zuckt die Achseln) Daß wir's kaum erschwingen können. Die Garnison lebt auch auf unsre Kosten.
Wallenstein. Ihr sollt erleichtert werden. Sagt mir an, Es sind noch Protestanten in der Stadt? (Bürgermeister stutzt.) Ja, ja. Ich weiß es. Es verbergen sich noch viele In diesen Mauern—ja! gesteht's nur frei— Ihr selbst—Nicht wahr? (Fixiert ihn mit den Augen. Bürgermeister erschrickt.) Seid ohne Furcht. Ich hasse Die Jesuiten—Läg's an mir, sie wären längst Aus Reiches Grenzen—Meßbuch oder Bibel! Mir ist's all eins—Ich hab's der Welt bewiesen— In Glogau hab ich selber eine Kirch' Den Evangelischen erbauen lassen. —Hört, Bürgermeister—wie ist Euer Name?
Bürgermeister. Pachhälbel, mein erlauchter Fürst.
Wallenstein. Hört—aber sagt's nicht weiter, was ich Euch Jetzt im Vertraun eröffne. (Ihm die Hand auf die Achsel legend, mit einer gewissen Feierlichkeit.)
Die Erfüllung Der Zeiten ist gekommen, Bürgermeister. Die Hohen werden fallen, und die Niedrigen Erheben sich—Behaltet's aber bei Euch! Die spanische Doppelherrschaft neiget sich Zu ihrem Ende, eine neue Ordnung Der Dinge führt sich ein—Ihr saht doch jüngst Am Himmel die drei Monde?
Bürgermeister. Mit Entsetzen.
Wallenstein. Davon sich zwei in blut'ge Dolchgestalt Verzogen und und verwandelten. Nur einer, Der mittlere blieb stehn in seiner Klarheit.
Bürgermeister. Wir zogen's auf den Türken.
Wallenstein. Türken! Was? Zwei Reiche werden blutig untergehen Im Osten und im Westen, sag ich Euch, Und nur der lutherischen Glaub' wird bleiben. (Er bemerkt die zwei andern.) Ein starkes Schießen war ja diesen Abend Zur linken Hand, als wir den Weg hieher Gemacht. Vernahm man's auch hier in der Festung?
Gordon. Wohl hörten wir's, mein General. Es brachte Der Wind den Schall gerad von Süden her.
Buttler. Von Neustadt oder Weiden schien's zu kommen.
Wallenstein. Das ist der Weg, auf dem die Schweden nahn. Wie stark ist die Besatzung?
Gordon. Hundertachtzig Dienstfähige Mann, der Rest sind Invaliden.
Wallenstein. Und wieviel stehn im Jochimstal?
Gordon. Zweihundert Arkebusierer hab ich hingeschickt, Den Posten zu verstärken gegen die Schweden.
Wallenstein. Ich lobe Eure Vorsicht. An den Werken Wird auch gebaut. Ich sah's bei der Hereinfahrt.
Gordon. Weil uns der Rheingraf jetzt so nah bedrängt, Ließ ich noch zwei Pasteien schnell errichten.
Wallenstein. Ihr seid genau in Eures Kaisers Dienst. Ich bin mit Euch zufrieden, Oberstleutnant. (Zu Buttlern.) Der Posten in dem Jochimstal soll abziehn Samt allen, die dem Feind entgegenstehn. (Zu Gordon.) In Euren treuen Händen, Kommendant, Laß ich mein Weib, mein Kind und meine Schwester. Denn hier ist meines Bleibens nicht; nur Briefe Erwart ich, mit dem frühesten die Festung Samt allen Regimentern zu verlassen.
Vierter Auftritt
Vorige. Graf Terzky.
Terzky. Willkommne Botschaft! Frohe Zeitungen!
Wallenstein. Was bringst du?
Terzky. Eine Schlacht ist vorgefallen Bei Neustadt, und die Schweden blieben Sieger.
Wallenstein. Was sagst du? Woher kommt dir diese Nachricht?
Terzky. Ein Landmann bracht' es mit von Tirschenreit, Nach Sonnenuntergang hab's angefangen, Ein kaiserlicher Trupp von Tachau her Sie eingebrochen in das schwed'sche Lager, Zwei Stunden hab' das Schießen angehalten, Und tausend Kaiserliche sei'n geblieben, Ihr Oberst mit, mehr wußt' er nicht zu sagen.
Wallenstein. Wie käme kaiserliches Volk nach Neustadt? Der Altringer, er müßte Flügel haben, Stand gestern vierzehn Meilen noch von da; Das Gallas Völker sammeln sich zu Fraunberg Und sind noch nicht beisammen. Hätte sich Der Suys etwa so weit vorgewagt? Es kann nicht sein. (Illo erscheint.)
Terzky. Wir werden's alsbald hören, Denn hier kommt Illo fröhlich und voll Eile.
Fünfter Auftritt
Illo. Die Vorigen.
Illo. (zu Wallenstein) Ein Reitender ist da und will dich sprechen.
Terzky. Hat's mit dem Siege sich bestätigt? Sprich! Wallenstein. Was bringt er? Woher kommt er?
Illo. Von dem Rheingraf, Und was er bringt, will ich voraus dir melden. Die Schweden stehn fünf Meilen nur von hier, Bei Neustadt hab' der Piccolomini Sich mit der Reiterei auf sie geworfen, Ein fürchterliches Morden sei geschehn, Doch endlich hab' die Menge überwältigt, Die Pappenheimer alle, auch der Max, Der sie geführt—sei'n auf dem Platz geblieben.
Wallenstein. Wo ist der Bote? Bringt mich zu ihm. (Will abgehn. Indem stürzt Fräulein Neubrunn ins Zimmer, ihr folgen einige Bediente, die durch den Saal rennen.)
Neubrunn. Hilfe! Hilfe!
Illo und Terzky. Was gibt's?
Neubrunn. Das Fräulein!—
Wallenstein und Terzky. Weiß sie's?
Neubrunn. Sie will sterben. (Eilt fort. Wallenstein und Terzky mit Illo ihr nach.)
Sechster Auftritt
Buttler und Gordon.
Gordon. (erstaunt) Erklärt mir. Was bedeutete der Auftritt?
Buttler. Sie hat den Mann verloren, den sie liebte, Der Piccolomini war's, der umgekommen.
Gordon. Unglücklich Fräulein!
Buttler. Ihr habt gehört, was dieser Illo brachte, Daß sich die Schweden siegend nahn.
Gordon. Wohl hört' ich's.
Buttler. Zwölf Regimenter sind sie stark, und fünf Stehn in der Näh', den Herzog zu beschützen. Wir haben nur mein einzig Regiment, Und nicht zweihundert stark ist die Besatzung.
Gordon. So ist's.
Buttler. Nicht möglich ist's, mit so geringer Mannschaft Solch einen Staatsgefangnen zu bewahren.
Gordon. Das seh ich ein.
Buttler. Die Menge hätte bald das kleine Häuflein Entwaffnet, ihn befreit.
Gordon. Das ist zu fürchten.
Buttler. (nach einer Pause) Wißt! Ich bin Bürge worden für den Ausgang, Mit meinem Haupte haft ich für das seine, Wort muß ich halten, führ's wohin es will, Und ist der Lebende nicht zu bewahren, So ist—der Tote uns gewiß.
Gordon. Versteh ich Euch? Gerechter Gott! Ihr könntet—
Buttler. Er darf nicht leben.
Gordon. Ihr vermöchtet's?
Buttler. Ihr oder ich. Er sah den letzten Morgen.
Gordon. Ermorden wollt Ihr ihn?
Buttler. Das ist mein Vorsatz.
Gordon. Der Eurer Treu vertraut!
Buttler. Sein böses Schicksal!
Gordon. Des Feldherrn heilige Person!
Buttler. Das war er!
Gordon. O was er war, löscht kein Verbrechen aus! Ohn' Urtel?
Buttler. Die Vollstreckung ist statt Urtels.
Gordon. Das wäre Mord und nicht Gerechtigkeit, Denn hören muß sie auch den Schuldigsten.
Buttler. Klar ist die Schuld, der Kaiser hat gerichtet, Und seinen Willen nur vollstrecken wir.
Gordon. Den blut'gen Spruch muß man nicht rasch vollziehn, Ein Wort nimmt sich, ein Leben nie zurück.
Buttler. Der hurt'ge Dienst gefällt den Königen.
Gordon. Zu Henkers Dienst drängt sich kein edler Mann.
Buttler. Kein mutiger erbleicht vor kühner Tat.
Gordon. Das Leben wagt der Mut, nicht das Gewissen.
Buttler. Was? Soll er frei ausgehn, des Krieges Flamme, Die unauslöschliche, aufs neu entzünden?
Gordon. Nehmt ihn gefangen, tötet ihn nur nicht, Greift blutig nicht dem Gnadenengel vor.
Buttler. Wär' die Armee des Kaisers nicht geschlagen, Möcht' ich lebendig ihn erhalten haben.
Gordon. O warum schloß ich ihm die Festung auf!
Buttler. Der Ort nicht, sein Verhängnis tötet ihn.
Gordon. Auf diesen Wällen wär' ich ritterlich, Des Kaisers Schloß verteidigend, gesunken.
Buttler. Und tausend brave Männer kamen um!
Gordon. In ihrer Pflicht—das schmückt und ehrt den Mann; Doch schwarzen Mord verfluchte die Natur.
Buttler. (eine Schrift hervorlangend) Hier ist das Manifest, das uns befiehlt, Uns seiner zu bemächtigen. Es ist an Euch Gerichtet, wie an mich. Wollt Ihr die Folgen tragen, Wenn er zum Feind entrinnt durch unsre Schuld?
Gordon. Ich, der Ohnmächtige, o Gott!
Buttler. Nehmt Ihr's auf Euch. Steht für die Folgen ein! Mag werden draus was will! Ich leg's auf Euch.
Gordon. O Gott im Himmel!
Buttler. Wißt Ihr andern Rat, Des Kaisers Meinung zu vollziehen? Sprecht! Denn stürzen, nicht vernichten will ich ihn.
Gordon. O Gott! Was sein muß, seh ich klar wie Ihr, Doch anders schlägt das Herz in meiner Brust.
Buttler. Auch dieser Illo, dieser Terzky dürfen Nicht leben, wenn der Herzog fällt.
Gordon. O nicht um diese tut mir's leid. Sie trieb Ihr schlechtes Herz, nicht die Gewalt der Sterne. Sie waren's, die in seine ruh'ge Brust Den Samen böser Leidenschaft gestreut, Die mit fluchwürdiger Geschäftigkeit Die Unglücksfrucht in ihm genährt—Mag sie Des bösen Dienstes böser Lohn ereilen!
Buttler. Auch sollen sie im Tod ihm gleich voran. Verabred't ist schon alles. Diesen Abend Bei eines Gastmahls Freuden wollten wir Sie lebend greifen und im Schloß bewahren. Viel kürzer ist es so. Ich geh sogleich, Die nötigen Befehle zu erteilen.
Siebenter Auftritt
Vorige. Illo und Terzky.
Terzky. Nun soll's bald anders werden! Morgen ziehn Die Schweden ein, zwölftausend tapfre Krieger. Dann grad auf Wien. He! Lustig, Alter! Kein So herb Gesicht zu solcher Freudenbotschaft!
Illo. Jetzt ist's an uns, Gesetze vorzuschreiben Und Rach' zu nehmen an den schlechten Menschen, Den schändlichen, die uns verlassen. Einer Hat's schon gebüßt, der Piccolomini. Ging's allen so, die's übel mit uns meinen! Wie schwer trifft dieser Schlag das alte Haupt! Der hat sein ganzes Leben lang sich Abgequält, sein altes Grafenhaus zu fürsten, Und jetzt begräbt er seinen einz'gen Sohn!
Buttler. Schad ist's doch um den heldenmüt'gen Jüngling, Dem Herzog selbst ging's nah, man sah es wohl.
Illo. Hört, alter Freund! Das ist es, was mir nie Am Herrn gefiel, es war mein ew'ger Zank, Er hat die Welschen immer vorgezogen. Auch jetzo noch, ich schwör's bei meiner Seele, Säh' er uns alle lieber zehnmal tot, Könnt' er den Freund damit ins Leben rufen.
Terzky. Still! Still! Nicht weiter! Laß die Toten ruhn! Heut gilt es, wer den andern niedertrinkt, Denn Euer Regiment will uns bewirten. Wir wollen eine lust'ge Faßnacht halten, Die Nacht sei einmal Tag, bei vollen Gläsern Erwarten wir die schwed'sche Avantgarde.
Illo. Ja, laßt uns heut noch guter Dinge sein, Denn heiße Tage stehen uns bevor. Nicht ruhn soll dieser Degen, bis er sich In österreich'schem Blute satt gebadet.
Gordon. Pfui, welche Red' ist das, Herr Feldmarschall, Warum so wüten gegen Euren Kaiser—
Buttler. Hofft nicht zu viel von diesem ersten Sieg. Bedenkt, wie schnell des Glückes Rad sich dreht, Denn immer noch sehr mächtig ist der Kaiser.
Illo. Der Kaiser hat Soldaten, keinen Feldherrn, Denn dieser König Ferdinand von Ungarn Versteht den Krieg nicht—Gallas? Hat kein Glück Und war von jeher nur ein Heerverderber. Und diese Schlange, der Octavio, Kann in die Fersen heimlich wohl verwunden, Doch nicht in offner Schlacht dem Friedland stehn.
Terzky. Nicht fehlen kann's uns, glaubt mir's nur. Das Glück Verläßt den Herzog nicht; bekannt ist's ja, Nur unterm Wallenstein kann Östreich siegen.
Illo. Der Fürst wird ehestens ein großes Heer Beisammen haben, alles drängt sich, strömt Herbei zum alten Ruhme seiner Fahnen. Die alten Tage seh ich wiederkehren, Der große wird er wieder, der er war— Wie werden sich die Toren dann ins Aug' Geschlagen haben, die ihn jetzt verließen! Denn Länder schenken wird er seinen Freunden Und treue Dienste kaiserlich belohnen. Wir aber sind in seiner Gunst die nächsten. (Zu Gordon.) Auch Eurer wird er dann gedenken, wird Euch Aus diesem Neste ziehen, Eure Treu In einem höhern Posten glänzen lassen.
Gordon. Ich bin vergnügt, verlange höher nicht Hinauf: wo große Höh', ist große Tiefe.
Illo. Ihr habt hier weiter nichts mehr zu bestellen, Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung. Kommt, Terzky. Es wird Zeit zum Abendessen. Was meint Ihr? Lassen wir die Stadt erleuchten, Dem Schwedischen zur Ehr', und wer's nicht tut, Der ist ein Spanischer und ein Verräter.
Terzky. Laßt das. Es wird dem Herzog nicht gefallen.
Illo. Was! Wir sind Meister hier, und keiner soll sich Für kaiserlich bekennen, wo wir herrschen. —Gut Nacht, Gordon. Laßt Euch zum letztenmal Den Platz empfohlen sein, schickt Runden aus, Zur Sicherheit kann man das Wort noch ändern. Schlag zehn bringt Ihr dem Herzog selbst die Schlüssel, Dann seid Ihr Eures Schließeramtes quitt, Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung.
Terzky. (im Abgehen zu Buttler): Ihr kommt doch auch aufs Schloß?
Buttler. Zu rechter Zeit. (Jene gehen ab.)
Achter Auftritt
Buttler und Gordon.
Gordon. (ihnen nachsehend) Die Unglückseligen! Wie ahnungslos Sie in das ausgespannte Mordnetz stürzen In ihrer blinden Siegestrunkenheit!— Ich kann sie nicht beklagen. Dieser Illo, Der übermütig freche Bösewicht, Der sich in seines Kaisers Blut will baden!
Buttler. Tut, wie er Euch befohlen. Schickt Patrouillen Herum, sorgt für die Sicherheit der Festung; Sind jene oben, schließ ich gleich die Burg, Daß in der Stadt nichts von der Tat verlaute!
Gordon. (ängstlich) O eilt nicht so! Erst sagt mir—
Buttler. Ihr vernahmt's, Der nächste Morgen schon gehört den Schweden. Die Nacht nur ist noch unser, sie sind schnell, Noch schneller wollen wir sein—Lebet wohl.
Gordon. Ach Eure Blicke sagen mir nichts Gutes. Versprechet mir—
Buttler. Der Sonne Licht ist unter, Herabsteigt ein verhängnisvoller Abend— Sie macht ihr Dünkel sicher. Wehrlos gibt sie Ihr böser Stern in unsre Hand, und mitten In ihrem trunknen Glückeswahne soll Der scharfe Stahl ihr Leben rasch zerschneiden. Ein großer Rechenkünstler war der Fürst Von jeher, alles wußt' er zu berechnen, Die Menschen wußt' er, gleich des Brettspiels Steinen, Nach seinem Zweck zu setzen und zu schieben, Nicht Anstand nahm er, andrer Ehr' und Würde Und guten Ruf zu würfeln und zu spielen. Gerechnet hat er fort und fort, und endlich Wird doch der Kalkul irrig sein; er wird Sein Leben selbst hineingerechnet haben, Wie jener dort in seinem Zirkel fallen.
Gordon. O seiner Fehler nicht gedenket jetzt! An seine Größe denkt, an seine Milde, An seines Herzens liebenswerte Züge, An alle Edeltaten seines Lebens, Und laßt sie in das aufgehobne Schwert Als Engel bittend, gnadeflehend fallen.
Buttler. Es ist zu spät. Nicht Mitleid darf ich fühlen, Ich darf nur blutige Gedanken haben. (Gordons Hand fassend.) Gordon! Nicht meines Hasses Trieb—Ich liebe Den Herzog nicht und hab dazu nicht Ursach'— Doch nicht mein Haß macht mich zu seinem Mörder. Sein böses Schicksal ist's. Das Unglück treibt mich, Die feindliche Zusammenkunft der Dinge. Es denkt der Mensch die freie Tat zu tun, Umsonst! Er ist das Spielwerk nur der blinden Gewalt, die aus der eignen Wahl ihm schnell Die furchtbare Notwendigkeit erschafft. Was hälf's ihm auch, wenn mir für ihn im Herzen Was redete—Ich muß ihn dennoch töten.
Gordon. O wenn das Herz Euch warnt, folgt seinem Triebe! Das Herz ist Gottes Stimme, Menschenwerk Ist aller Klugheit künstliche Berechnung. Was kann aus blut'ger Tat Euch Glückliches Gedeihen? O aus Blut entspringt nicht Gutes! Soll sie die Staffel Euch zur Größe bauen? O glaubt das nicht—Es kann der Mord bisweilen Den Königen, der Mörder nie gefallen.
Buttler. Ihr wißt nicht. Fragt nicht. Warum mußten auch Die Schweden siegen und so eilend nahn! Gern überließ ich ihn des Kaisers Gnade, Sein Blut nicht will ich. Nein, er möchte leben. Doch meines Wortes Ehre muß ich lösen. Und sterben muß er, oder—hört und wißt!— Ich bin entehrt, wenn uns der Fürst entkommt.
Gordon. O solchen Mann zu retten—
Buttler. (schnell) Was?
Gordon. Ist eines Opfers wert—Seid edelmütig! Das Herz und nicht die Meinung ehrt den Mann.
Buttler. (kalt und stolz) Er ist ein großer Herr, der Fürst—Ich aber Bin nur ein kleines Haupt, das wollt Ihr sagen. Was liegt der Welt dran, meint Ihr, ob der niedrig Geborene sich ehret oder schändet, Wenn nur der Fürstliche gerettet wird. —Ein jeder gibt den Wert sich selbst. Wie hoch ich Mich selbst anschlagen will, das steht bei mir. So hoch gestellt ist keiner auf der Erde, Daß ich mich selber neben ihm verachte. Den Menschen macht sein Wille groß und klein, Und weil ich meinem treu bin, muß er sterben.
Gordon. O einen Felsen streb ich zu bewegen! Ihr seid von Menschen menschlich nicht gezeugt. Nicht hindern kann ich Euch, ihn aber rette Ein Gott aus Eurer fürchterlichen Hand. (Sie gehen ab.)
Neunter Auftritt
Ein Zimmer bei der Herzogin. Thekla in einem Sessel, bleich, mit geschloßnen Augen. Herzogin und Fräulein von Neubrunn um sie beschäftigt. Wallenstein und die Gräfin im Gespräch.
Wallenstein. Wie wußte sie es denn so schnell?
Gräfin. Sie scheint Unglück geahnt zu haben. Das Gerücht Von einer Schlacht erschreckte sie, worin Der kaiserliche Oberst sei gefallen. Ich sah es gleich. Sie flog dem schwedischen Kurier entgegen und entriß ihm schnell Durch Fragen das unglückliche Geheimnis. Zu spät vermißten wir sie, eilten nach, Ohnmächtig lag sie schon in seinen Armen.
Wallenstein. So unbereitet mußte dieser Schlag Sie treffen! Armes Kind!—Wie ist's? Erholt sie sich? (Indem er sich zur Herzogin wendet.)
Herzogin. Sie schlägt die Augen auf.
Gräfin. Sie lebt!
Thekla. (sich umschauend) Wo bin ich?
Wallenstein. (tritt zu ihr, sie mit seinen Armen aufrichtend) Komm zu dir, Thekla. Sei mein starkes Mädchen! Sieh deiner Mutter liebende Gestalt Und deines Vaters Arme, die dich halten.
Thekla. (richtet sich auf) Wo ist er? Ist er nicht mehr hier?
Herzogin. Wer, meine Tochter?
Thekla. Der dieses Unglückswort aussprach—
Herzogin. O denke nicht daran, mein Kind! Hinweg Von diesem Bilde wende die Gedanken.
Wallenstein. Laßt ihren Kummer reden! Laßt sie klagen! Mischt eure Tränen mit den ihrigen. Denn einen großen Schmerz hat sie erfahren; Doch wird sie's überstehn, denn meine Thekla Hat ihres Vaters unbezwungnes Herz.
Thekla. Ich bin nicht krank. Ich habe Kraft, zu stehn. Was weint die Mutter? Hab ich sie erschreckt? Es ist vorüber, ich besinne mich wieder. (Sie ist aufgestanden und sucht mit den Augen im Zimmer.) Wo ist er? Man verberge mir ihn nicht. Ich habe Stärke gnug, ich will ihn hören.
Herzogin. Nein, Thekla! Dieser Unglücksbote soll Nie wieder unter deine Augen treten.
Thekla. Mein Vater—
Wallenstein. Liebes Kind!
Thekla. Ich bin nicht schwach, Ich werde mich auch bald noch mehr erholen. Gewähren Sie mir eine Bitte.
Wallenstein. Sprich!
Thekla. Erlauben Sie, daß dieser fremde Mann Gerufen werde! daß ich ihn allein Vernehme und befrage.
Herzogin. Nimmermehr!
Gräfin. Nein! Das ist nicht zu raten! Gib's nicht zu!
Wallenstein. Warum willst du ihn sprechen, meine Tochter?
Thekla. Ich bin gefaßter, wenn ich alles weiß. Ich will nicht hintergangen sein. Die Mutter Will mich nur schonen. Ich will nicht geschont sein. Das Schrecklichste ist ja gesagt, ich kann Nichts Schrecklichers mehr hören. Gräfin und Herzogin (zu Wallenstein) Tu es nicht!
Thekla. Ich wurde überrascht von meinem Schrecken, Mein Herz verriet mich bei dem fremden Mann, Er war ein Zeuge meiner Schwachheit, ja, Ich sank in seine Arme—das beschämt mich. Herstellen muß ich mich in seiner Achtung, Und sprechen muß ich ihn, notwendig, daß Der fremde Mann nicht ungleich von mir denke.
Wallenstein. Ich finde, sie hat recht—und bin geneigt, Ihr diese Bitte zu gewähren. Ruft ihn. (Fräulein Neubrunn geht hinaus.)
Herzogin. Ich, deine Mutter, aber will dabei sein.
Thekla. Am liebsten spräch' ich ihn allein. Ich werde Alsdann um so gefaßter mich betragen.
Wallenstein. (zur Herzogin) Laß es geschehn. Laß sie's mit ihm allein Ausmachen. Es gibt Schmerzen, wo der Mensch Sich selber nur helfen kann, ein starkes Herz Will sich auf seine Stärke nur verlassen. In ihrer, nicht an fremder Brust muß sie Kraft schöpfen, diesen Schlag zu überstehn. Es ist mein starkes Mädchen; nicht als Weib, Als Heldin will ich sie behandelt sehn. (Er will gehen.)
Gräfin. (hält ihn) Wo gehst du hin? Ich hörte Terzky sagen, Du denkest morgen früh von hier zu gehn, Uns aber hierzulassen.
Wallenstein. Ja, ihr bleibt Dem Schutze wackrer Männer übergeben.
Gräfin. O nimm uns mit dir, Bruder! Laß uns nicht In dieser düstern Einsamkeit dem Ausgang Mit sorgendem Gemüt engegenharren. Das gegenwärt'ge Unglück trägt sich leicht, Doch grauenvoll vergrößert es der Zweifel Und der Erwartung Qual dem weit Entfernten.
Wallenstein. Wer spricht von Unglück? Beßre deine Rede. Ich hab ganz andre Hoffnungen.
Gräfin. So nimm uns mit. O laß uns nicht zurück In diesem Ort der traurigen Bedeutung, Denn schwer ist mir das Herz in diesen Mauern, Und wie ein Totenkeller haucht mich's an, Ich kann nicht sagen, wie der Ort mir widert. O führ uns weg! Komm, Schwester, bitt ihn auch, Daß er uns fortnimmt! Hilf mir, liebe Nichte.
Wallenstein. Des Ortes böse Zeichen will ich ändern: Er sei's, der mir mein Teuerstes bewahrte.
Neubrunn. (kommt zurück): Der schwed'sche Herr!
Wallenstein. Laßt sie mit ihm allein. (Ab.)
Herzogin. (zu Thekla) Sieh, wie du dich entfärbtest! Kind, du kannst ihn Unmöglich sprechen. Folge deiner Mutter.
Thekla. Die Neubrunn mag denn in der Nähe bleiben. (Herzogin und Gräfin gehen ab.)
Zehnter Auftritt
Thekla. Der schwedische Hauptmann. Fräulein Neubrunn.
Hauptmann. (naht sich ehrerbietig) Prinzessin—ich—muß um Verzeihung bitten, Mein unbesonnen rasches Wort—Wie konnt' ich—
Thekla. (mit edelm Anstand) Sie haben mich in meinem Schmerz gesehn, Ein unglücksvoller Zufall machte Sie Aus einem Fremdling schnell mir zum Vertrauten.
Hauptmann. Ich fürchte, daß Sie meinen Anblick hassen, Denn meine Zunge sprach ein traurig Wort.
Thekla. Die Schuld ist mein. Ich selbst entriß es Ihnen, Sie waren nur die Stimme meines Schicksals. Mein Schrecken unterbrach den angefangnen Bericht. Ich bitte drum, daß Sie ihn enden.
Hauptmann. (bedenklich) Prinzessin, es wird Ihren Schmerz erneuern.
Thekla. Ich bin darauf gefaßt—Ich will gefaßt sein. Wie fing das Treffen an? Vollenden Sie.
Hauptmann. Wir standen, keines Überfalls gewärtig, Bei Neustadt schwach verschanzt in unserm Lager, Als gegen Abend eine Wolke Staubes Aufstieg vom Wald her, unser Vortrab fliehend Ins Lager stürzte, rief: der Feind sei da. Wie hatten eben nur noch Zeit, uns schnell Aufs Pferd zu werfen, da durchbrachen schon, In vollem Rosseslauf dahergesprengt, Die Pappenheimer den Verhack; schnell war Der Graben auch, der sich ums Lager zog, Von diesen stürm'schen Scharen überflogen. Doch unbesonnen hatte sie der Mut Vorausgeführt den andern, weit dahinten War noch das Fußvolk, nur die Pappenheimer waren Dem kühnen Führer kühn gefolgt.— (Thekla macht eine Bewegung. Der Hauptmann hält einen Augenblick inne, bis sie ihm einen Wink gibt, fortzufahren.) Von vorn und von den Flanken faßten wir Sie jetzo mit der ganzen Reiterei Und drängten sie zurück zum Graben, wo Das Fußvolk, schnell geordnet, einen Rechen Von Piken ihnen starr entgegenstreckte. Nicht vorwärts konnten sie, auch nicht zurück, Gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge. Da rief der Rheingraf ihrem Führer zu, In guter Schlacht sich ehrlich zu ergeben, Doch Oberst Piccolomini— (Thekla schwindelnd, faßt einen Sessel.) ihn machte Der Helmbusch kenntlich und das lange Haar, Vom raschen Ritte war's ihm losgegangen— Zum Graben winkt er, sprengt, der erste, selbst Sein edles Roß darüber weg, ihm stürzt Das Regiment nach—doch—schon war's geschehen! Sein Pferd, von einer Partisan durchstoßen, bäumt Sich wütend, schleudert weit den Reiter ab, Und hoch weg über ihn geht die Gewalt Der Rosse, keinem Zügel mehr gehorchend. (Thekla, welche die letzten Reden mit allen Zeichen wachsender Angst begleitet, verfällt in ein heftiges Zittern, sie will sinken, Fräulein Neubrunn eilt hinzu und empfängt sie in ihren Armen.)
Neubrunn. Mein teures Fräulein—
Hauptmann. (gerührt) Ich entferne mich.
Thekla. Es ist vorüber—Bringen Sie's zu Ende.
Hauptmann. Da ergriff, als sie den Führer fallen sahn, Die Truppen grimmig wütende Verzweiflung. Der eignen Rettung denkt jetzt keiner mehr, Gleich wilden Tigern fechten sie, er reizt Ihr starrer Widerstand die Unsrigen, Und eher nicht erfolgt des Kampfes Ende, Als bis der letzte Mann gefallen ist.
Thekla. (mit zitternder Stimme) Und wo—wo ist—Sie sagten mir nicht alles.
Hauptmann. (nach einer Pause) Heut früh bestatteten wir ihn. Ihn trugen Zwölf Jünglinge der edelsten Geschlechter, Das ganze Heer begleitete die Bahre. Ein Lorbeer schmückte seinen Sarg, drauf legte Der Rheingraf selbst den eignen Siegerdegen. Auch Tränen fehlten seinem Schicksal nicht, Denn viele sind bei uns, die seine Großmut Und seiner Sitten Freundlichkeit erfahren, Und alle rührte sein Geschick. Gern hätte Der Rheingraf ihn gerettet, doch er selbst Vereitelt' es; man sagt, er wollte sterben.
Neubrunn. (gerührt zu Thekla, welche ihr Angesicht verhüllt hat). Mein teures Fräulein—Fräulein, sehn Sie auf! O warum mußten Sie darauf bestehn!
Thekla. —Wo ist sein Grab?
Hauptmann. In einer Klosterkirche Bei Neustadt ist er beigesetzt, bis man Von seinem Vater Nachricht eingezogen.
Thekla. Wie heißt das Kloster?
Hauptmann. Sankt Kathrinenstift.
Thekla. Ist's weit bis dahin?
Hauptmann. Sieben Meilen zählt man.
Thekla. Wie geht der Weg?
Hauptmann. Man kommt bei Tirschenreit Und Falkenberg durch unsre ersten Posten.
Thekla. Wer kommandiert sie?
Hauptmann. Oberst Seckendorf.
Thekla. (tritt an den Tisch und nimmt aus dem Schmuckkästchen einen Ring). Sie haben mich in meinem Schmerz gesehn Und mir ein menschlich Herz gezeigt—Empfangen Sie (indem sie ihm den Ring gibt) Ein Angedenken dieser Stunde—Gehn Sie.
Hauptmann. (bestürzt). Prinzessin— (Thekla winkt ihm schweigend, zu gehen, und verläßt ihn. Hauptmann zaudert und will reden. Fräulein Neubrunn wiederholt den Wink. Er geht ab.)
Elfter Auftritt
Thekla. Neubrunn.
Thekla. (fällt der Neubrunn um den Hals) Jetzt, gute Neubrunn, zeige mir die Liebe, Die du mir stets gelobt, beweise dich Als meine treue Freundin und Gefährtin! —Wir müssen fort, noch diese Nacht.
Neubrunn. Fort, und wohin?
Thekla. Wohin? Es ist nur ein Ort in der Welt! Wo er bestattet liegt, zu seinem Sarge!
Neubrunn. Was können Sie dort wollen, teures Fräulein?
Thekla. Was dort, Unglückliche! So würdest du Nicht fragen, wenn du je geliebt. Dort, dort Ist alles, was noch übrig ist von ihm, Der einz'ge Fleck ist mir die ganze Erde. —O halte mich nicht auf! Komm und mach Anstalt. Laß uns auf Mittel denken, zu entfliehen.
Neubrunn. Bedachten Sie auch Ihres Vaters Zorn?
Thekla. Ich fürchte keines Menschen Zürnen mehr.
Neubrunn. Den Hohn der Welt! des Tadels arge Zunge!
Thekla. Ich suche einen auf, der nicht mehr ist. Will ich denn in die Arme—o mein Gott! Ich will ja in die Gruft nur des Geliebten.
Neubrunn. Und wir allein, zwei hilflos schwache Weiber?
Thekla. Wir waffnen uns, mein Arm soll dich beschützen.
Neubrunn. Bei dunkler Nachtzeit?
Thekla. Nacht wird uns verbergen.
Neubrunn. In dieser rauhen Sturmnacht?
Thekla. Ward ihm sanft Gebettet, unter den Hufen seiner Rosse?
Neubrunn. O Gott!—und dann die vielen Feindesposten! Man wird uns nicht durchlassen.
Thekla. Es sind Menschen, Frei geht das Unglück durch die ganze Erde!
Neubrunn. Die weite Reise—
Thekla. Zählt der Pilger Meilen, Wenn er zum fernen Gnadenbilde wallt?
Neubrunn. Die Möglichkeit, aus dieser Stadt zu kommen?
Thekla. Gold öffnet uns die Tore. Geh nur, geh!
Neubrunn. Wenn man uns kennt?
Thekla. In einer Flüchtigen, Verzweifelnden sucht niemand Friedlands Tochter.
Neubrunn. Wo finden wir die Pferde zu der Flucht?
Thekla. Mein Kavalier verschafft sie. Geh und ruf ihn.
Neubrunn. Wagt er das ohne Wissen seines Herrn?
Thekla. Er wird es tun. O geh nur! Zaudre nicht.
Neubrunn. Ach! und was wird aus Ihrer Mutter werden, Wenn Sie verschwunden sind?
Thekla. (sich besinnend und schmerzvoll vor sich hinschauend) O meine Mutter!
Neubrunn. So viel schon leidet sie, die gute Mutter, Soll sie auch dieser letzte Schlag noch treffen?
Thekla. Ich kann's Ihr nicht ersparen!—Geh nur, geh.
Neubrunn. Bedenken Sie doch ja wohl, was Sie tun.
Thekla. Bedacht ist schon, was zu bedenken ist.
Neubrunn. Und sind wir dort, was soll mit Ihnen werden?
Thekla. Dort wird's ein Gott mir in die Seele geben.
Neubrunn. Ihr Herz ist jetzt voll Unruh, teures Fräulein, Das ist der Weg nicht, der zur Ruhe führt.
Thekla. Zur tiefen Ruh, wie er sie auch gefunden. —O eile! geh! Mach keine Worte mehr! Es zíeht mich fort, ich weiß nicht, wie ich's nenne, Unwiderstehlich fort zu seinem Grabe! Dort wird mir leichter werden, augenblicklich! Das herzerstickende Band des Schmerzens wird Sich lösen—Meine Tränen werden fließen. O geh, wir könnten längst schon auf dem Weg sein. Nicht Ruhe find ich, bis ich diesen Mauern Entrunnen bin—sie stürzen auf mich ein— Fortstoßend treibt mich eine dunkle Macht Von dannen—Was ist das für ein Gefühl! Es füllen sich mir alle Räume dieses Hauses Mit bleichen, hohlen Geisterbildern an— Ich habe keinen Platz mehr—Immer neue! Es drängt mich das entsetzliche Gewimmel Aus diesen Wänden fort, die Lebende!
Neubrunn. Sie setzen mich in Angst und Schrecken, Fräulein, Daß ich nun selber nicht zu bleiben wage. Ich geh und rufe gleich den Rosenberg. (Geht ab.)
Zwölfter Auftritt
Thekla. Sein Geist ist's, der micht ruft. Es ist die Schar Der Treuen, die sich rächend ihm geopfert. Unedler Säumnis klagen sie mich an. Sie wollten auch im Tod nicht von ihm lassen, Der ihres Lebens Führer war—Das taten Die rohen Herzen, und ich sollte leben! —Nein! Auch für mich ward jener Lorbeerkranz, Der deine Totenbahre schmückt, gewunden. Was ist das Leben ohne Liebesglanz? Ich werf es hin, da sein Gehalt verschwunden. Ja, da ich dich, den Liebenden gefunden, Da war das Leben etwas. Glänzend lag Vor mir der neue goldne Tag! Mir träumte von zwei himmelschönen Stunden. Du standest an dem Eingang in der Welt, Die ich betrat mit klösterlichem Zagen, Sie war von tausend Sonnen aufgehellt; Ein guter Engel schienst du hingestellt, Mich aus der Kindheit fabelhaften Tagen Schnell auf des Lebens Gipfel hinzutragen. Mein erst Empfinden war des Himmels Glück, In dein Herz fiel mein erster Blick! (Sie sinkt hier in Nachdenken und fährt dann mit Zeichen des Grauens auf.) —Da kommt das Schicksal—Roh und kalt Faßt es des Freundes zärtliche Gestalt Und wirft ihn unter den Hufschlag seiner Pferde— —Das ist das Los des Schönen auf der Erde!
Dreizehnter Auftritt
Thekla. Fräulein Neubrunn mit dem Stallmeister.
Neubrunn. Hier ist er, Fräulein, und er will es tun.
Thekla. Willst du uns Pferde schaffen, Rosenberg? Stallmeister. Ich will sie schaffen.
Thekla. Willst du uns begleiten?
Stallmeister. Mein Fräulein, bis ans End' der Welt.
Thekla. Du kannst Zum Herzog aber nicht zurück mehr kehren.
Stallmeister. Ich bleib bei Ihnen.
Thekla. Ich will dich belohnen Und einem andern Herrn empfehlen. Kannst du Uns aus der Festung bringen unentdeckt?
Stallmeister. Ich kann's.
Thekla. Wann kann ich gehn?
Stallmeister. In dieser Stunde. —Wo geht die Reise hin?
Thekla. Nach—sag's ihm, Neubrunn!
Neubrunn. Nach Neustadt.
Stallmeister. Wohl, ich geh, es zu besorgen. (Ab.)
Neubrunn. Ach, da kommt Ihre Mutter, Fräulein.
Thekla. Gott!
Vierzehnter Auftritt
Thekla. Neubrunn. Die Herzogin.
Herzogin. Er ist hinweg, ich finde dich gefaßter.
Thekla. Ich bin es, Mutter—Lassen Sie mich jetzt Bald schlafen gehen und die Neubrunn um mich sein. Ich brauche Ruh.
Herzogin. Du sollst sie haben, Thekla. Ich geh getröstet weg, da ich den Vater Beruhigen kann.
Thekla. Gut Nacht denn, liebe Mutter. (Sie fällt ihr um den Hals und umarmt sie in großer Bewegung.)
Herzogin. Du bist noch nicht ganz ruhig, meine Tochter. Du zitterst ja so heftig, und dein Herz Klopft hörbar an dem meinen.
Thekla. Schlaf wird es besänftigen —Gut Nacht, geliebte Mutter! (Indem sie aus den Armen der Mutter sich losmacht, fällt der Vorhang.)
Fünfter Aufzug
Buttlers Zimmer.
Erster Auftritt
Buttler. Major Geraldin.
Buttler. Zwölf rüstige Dragoner sucht Ihr aus, Bewaffnet sie mit Piken, denn kein Schuß Darf fallen—An dem Eßsaal nebenbei Versteckt Ihr sie, und wenn der Nachtisch Aufgesetzt, dringt ihr herein und ruft: Wer ist Gut kaiserlich?—Ich will den Tisch umstürzen— Dann werft ihr euch auf beide, stoßt sie nieder. Das Schloß wird wohl verriegelt und bewacht, Daß kein Gerücht davon zum Fürsten dringe. Geh jetzt—Habt Ihr nach Hauptmann Deveroux Und Macdonald geschickt?
Geraldin. Gleich sind sie hier. (Geht ab.)
Buttler. Kein Aufschub ist zu wagen. Auch die Bürger Erklären sich für ihn, ich weiß nicht, welch Ein Schwindelgeist die ganze Stadt ergriffen hat. Sie sehn im Herzog einen Friedensfürsten Und einen Stifter neuer goldner Zeit. Der Rat hat Waffen ausgeteilt; schon haben Sich ihrer hundert angeboten, Wache Bei ihm zu tun. Drum gilt es, schnell zu sein, Denn Feinde drohn von außen und von innen.
Zweiter Auftritt
Buttler. Hauptmann Deveroux und Macdonald.
Macdonald. Da sind wir, General.
Deveroux. Was ist die Losung?
Buttler. Es lebe der Kaiser!
Beide. (treten zurück) Wie?
Buttler. Haus Östreich lebe!
Deveroux. Ist's nicht der Friedland, dem wir Treu geschworen?
Macdonald. Sind wir nicht hergeführt, ihn zu beschützen?
Buttler. Wir einen Reichsfeind und Verräter schützen?
Deveroux. Nun ja, du nahmst uns ja für ihn in Pflicht.
Macdonald. Und bist ihm ja hieher gefolgt nach Eger.
Buttler. Ich tat's, ihn desto sichrer zu verderben.
Deveroux. Ja so!
Macdonald. Das ist was anders.
Buttler. (zu Deveroux) Elender! So leicht entweichst du von der Pflicht und Fahne?
Deveroux. Zum Teufel, Herr! Ich folgte deinem Beispiel: Kann der ein Schelm sein, dacht' ich, kannst du's auch.
Macdonald. Wir denken nicht nach. Das ist deine Sache! Du bist der General und kommandierst, Wir folgen dir, und wenn's zur Hölle ginge.
Buttler. (besänftigt) Nun gut! Wie kennen einander.
Macdonald. Ja, das denk ich.
Deveroux. Wir sind Soldaten der Fortuna, wer Das meiste bietet, hat uns.
Macdonald. Ja, so ist's.
Buttler. Jetzt sollt ihr ehrliche Soldaten bleiben.
Deveroux. Das sind wir gerne.
Buttler. Und Fortüne machen.
Macdonald. Das ist noch besser.
Buttler. Höret an.
Beide. Wir hören.
Buttler. Es ist des Kaisers Will' und Ordonnanz, Den Friedland, lebend oder tot, zu fahen.
Deveroux. So steht's im Brief.
Macdonald. Ja, lebend oder tot!
Buttler. Und stattliche Belohnung wartet dessen An Geld und Gütern, der die Tat vollführt.
Deveroux. Es klingt ganz gut. Das Wort klingt immer gut Vor dorten her. Ja, ja! Wir wissen schon! So eine guldne Gnadenkett' etwa, Ein krummes Roß, ein Pergament und so was. —Der Fürst zahlt besser.
Macdonald. Ja, der ist splendid.
Buttler. Mit dem ist's aus. Sein Glücksstern ist gefallen.
Macdonald. Ist das gewiß?
Buttler. Ich sag's euch.
Deveroux. Ist's vorbei Mit seinem Glück?
Buttler. Vorbei auf immerdar. Er ist so arm wie wir.
Macdonald. So arm wie wir?
Deveroux. Ja, Macdonald, da muß man ihn verlassen!
Buttler. Verlassen ist er schon von zwanzigtausend. Wir müssen mehr tun, Landsmann. Kurz und gut! —Wir müssen ihn töten. (Beide fahren zurück.)
Beide. Töten!
Buttler. Töten, sag ich. —Und dazu hab ich euch erlesen.
Beide. Uns?
Buttler. Euch, Hauptmann Deveroux und Macdonald.
Deveroux. (nach einer Pause) Wählt einen andern.
Macdonald. Ja, wählt einen andern.
Buttler. (zu Deveroux) Erschreckt's dich, feige Memme? Wie? Du hast Schon deine dreißig Seelen auf dir liegen—
Deveroux. Hand an den Feldherrn legen—das bedenkt!
Macdonald. Dem wir das Jurament geleistet haben!
Buttler. Das Jurament ist null mit seiner Treu.
Deveroux. Hör, General! Das dünkt mir doch zu gräßlich.
Macdonald. Ja, das ist wahr! Man hat auch ein Gewissen.
Deveroux. Wenn's nur der Chef nicht wär', der uns so lang Gekommandiert hat und Respekt gefordert.
Buttler. Ist das der Anstoß?
Deveroux. Ja! Hör! Wen du sonst willst! Dem eignen Sohn, wenn's Kaisers Dienst verlangt, Will ich das Schwert ins Eingeweide bohren— Doch sieh, wir sind Soldaten, und den Feldherrn Ermorden, das ist eine Sünd' und Frevel, Davon kein Beichtmönch absolvieren kann.
Buttler. Ich bin dein Papst und absolviere dich. Entschließt euch schnell.
Deveroux. (steht bedenklich) Es geht nicht.
Macdonald. Nein, es geht nicht.
Buttler. Nun denn, so geht—und—schickt mir Pestalutzen.
Deveroux. (stutzt) Der Pestalutz—Hum!
Macdonald. Was willst du mit diesem?
Buttler. Wenn ihr's verschmäht, es finden sich genug—
Deveroux. Nein, wenn er fallen muß, so können wir Den Preis so gut verdienen als ein andrer. —Was denkst du, Bruder Macdonald?
Macdonald. Ja wenn Er fallen muß und soll, und 's ist nicht anders, So mag ich's diesem Pastalutz nicht gönnen.
Deveroux. (nach einigem Besinnen) Wann soll er fallen?
Buttler. Heut, in dieser Nacht, Denn morgen stehn die Schweden vor den Toren.
Deveroux. Stehst du mir für die Folgen, General?
Buttler. Ich steh für alles.
Deveroux. Ist's des Kaisers Will'? Sein netter, runder Will'? Man hat Exempel, Daß man den Mord liebt und den Mörder straft.
Buttler. Das Manifest sagt: lebend oder tot. Und lebend ist's nicht möglich, seht ihr selbst—
Deveroux. Tot also! Tot!—Wie aber kommt man an ihn? Die Stadt ist angefüllt mit Terzkyschen.
Macdonald. Und dann ist noch der Terzky und der Illo—
Buttler. Mit diesen beiden fängt man an, versteht sich.
Deveroux. Was? Sollen die auch fallen?
Buttler. Die zuerst.
Macdonald. Hör, Deveroux—das wird ein blut'ger Abend.
Deveroux. Hast du schon deinen Mann dazu? Trag's mir auf.
Buttler. Dem Major Geraldin ist's übergeben. Es ist heut Faßnacht, und ein Essen wird Gegeben auf dem Schloß, dort wird man sie Bei Tafel überfallen, niederstoßen— Der Pestalutz, der Leßley sind dabei—
Deveroux. Hör, General! Dir kann es nichts verschlagen. Hör—laß mich tauschen mit dem Geraldin.
Buttler. Die kleinere Gefahr ist bei dem Herzog.
Deveroux. Gefahr! Was, Teufel! denkst du von mir, Herr? Des Herzogs Aug', nicht seinen Degen fürcht ich.
Buttler. Was kann sein Aug' dir schaden?
Deveroux. Alle Teufel! Du kennst mich, daß ich keine Memme bin. Doch sieh, es sind noch nicht acht Tag', daß mir Der Herzog zwanzig Goldstück reichen lassen Zu diesem warmen Rock, den ich hier anhab— Und wenn er mich nun mit der Pike sieht Dastehn, mir auf den Rock sieht—sieh—so—so— Der Teufel hol mich! ich bin keine Memme.
Buttler. Der Herzog gab dir diesen warmen Rock, Und du, ein armer Wicht, bedenkst dich, ihm Dafür den Degen durch den Leib zu rennen. Und einen Rock, der noch viel wärmer hält, Hing ihm der Kaiser um, den Fürstenmantel. Wie dankt er's ihm? Mit Aufruhr und Verrat.
Deveroux. Das ist auch wahr. Den Danker hol der Teufel! Ich—bring ihn um.
Buttler. Und willst du dein Gewissen Beruhigen, darfst du den Rock nur ausziehn, So kannst du's frisch und wohlgemut vollbringen.
Macdonald. Ja! da ist aber noch was zu bedenken—
Buttler. Was gibt's noch zu bedenken, Macdonald?
Macdonald. Was hilft uns Wehr und Waffe wider den? Er ist nicht zu verwunden, er ist fest.
Buttler. (fährt auf) Was wird er—
Macdonald. Gegen Schuß und Hieb! Er ist Gefroren, mit der Teufelskunst behaftet, Sein Leib ist undurchdringlich, sag ich dir.
Deveroux. Ja, ja! In Ingolstadt war auch so einer, Dem war die Haut so fest wie Stahl, man mußt' ihn Zuletzt mit Flintenkolben niederschlagen.
Macdonald. Hört, was ich tun will!
Deveroux. Sprich!
Macdonald. Ich kenne hier Im Kloster einen Bruder Dominikaner Aus unsrer Landsmannschaft, der soll mir Schwert Und Pike tauchen in geweihtes Wasser Und einen kräft'gen Segen drüber sprechen, Das ist bewährt, hilft gegen jeden Bann.
Buttler. Das tue, Macdonald. Jetzt geht aber. Wählt aus dem Regimente zwanzig, dreißig Handfeste Kerls, laßt sie dem Kaiser schwören— Wenn's eilf geschlagen—wenn die ersten Runden Passiert sind, führt ihr sie in aller Stille Dem Hause zu—Ich werde selbst nicht weit sein.
Deveroux. Wie kommen wir durch die Hartschiers und Garden, Die in dem innern Hofraum Wache stehn?
Buttler. Ich hab des Orts Gelegenheit erkundigt. Durch eine hintre Pforte führ ich euch, Die nur durch einen Mann verteidigt wird. Mir gibt mein Rang und Amt zu jeder Stunde Einlaß beim Herzog. Ich will euch vorangehn, Und schnell mit einem Dolchstoß in die Kehle Durchbohr ich den Hartschier und mach euch Bahn.
Deveroux. Und sind wir oben, wie erreichen wir Das Schlafgemach des Fürsten, ohne daß Das Hofgesind' erwacht und Lärmen ruft? Denn er ist hier mit großem Komitat.
Buttler. Die Dienerschaft ist auf dem rechten Flügel, Er haßt Geräusch, wohnt auf dem linken ganz allein.
Deveroux. Wär's nur vorüber, Macdonald—Mir ist Seltsam dabei zumute, weiß der Teufel.
Macdonald. Mir auch. Es ist ein gar zu großes Haupt. Man wird uns für zwei Bösewichter halten.
Buttler. In Glanz und Ehr' und Überfluß könnt ihr Der Menschen Urteil und Gered' verlachen.
Deveroux. Wenn's mit der Ehr' nur auch so recht gewiß ist.
Buttler. Seid unbesorgt. Ihr rettet Kron' und Reich Dem Ferdinand. Der Lohn kann nicht gering sein.
Deveroux. So ist's sein Zweck, den Kaiser zu entthronen?
Buttler. Das ist er! Kron' und Leben ihm zu rauben!
Deveroux. So müßt' er fallen durch des Henkers Hand, Wenn wir nach Wien lebendig ihn geliefert?
Buttler. Dies Schicksal könnt' er nimmermehr vermeiden.
Deveroux. Komm, Macdonald! Er soll als Feldherr enden Und ehrlich fallen von Soldatenhänden. (Sie gehen ab.)
Dritter Auftritt
Ein Saal, aus dem man in eine Galerie gelangt, die sich weit nach hinten verliert. Wallenstein sitzt an einem Tisch. Der schwedische Hauptmann steht vor ihm. Bald darauf Gräfin Terzky.
Wallenstein. Empfehlt mich Eurem Herrn. Ich nehme teil An seinem guten Glück, und wenn Ihr mich So viele Freude nicht bezeigen seht, Als diese Siegespost verdienen mag, So glaubt, es ist nicht Mangel guten Willens, Denn unser Glück ist nunmehr eins. Lebt wohl! Nehmt meinen Dank für Eure Müh. Die Festung Soll sich euch auftun morgen, wenn ihr kommt. (Schwedischer Hauptmann geht ab. Wallenstein sitzt in tiefen Gedanken, starr vor sich hinsehend, den Kopf in die Hand gesenkt. Gräfin Terzky tritt herein und steht eine Zeitlang vor ihm unbemerkt, endlich macht er eine rasche Bewegung, erblickt sie und faßt sich schnell.) Kommst du von ihr? Erholt sie sich? Was macht sie?
Gräfin. Sie soll gefaßter sein nach dem Gespräch, Sagt mir die Schwester—Jetzt ist sie zu Bette.
Wallenstein. Ihr Schmerz wird sanfter werden. Sie wird weinen.
Gräfin. Auch dich, mein Bruder, find ich nicht wie sonst. Nach einem Sieg erwartet' ich dich heitrer. O bleibe stark! Erhalte du uns aufrecht, Denn du bist unser Licht und unsre Sonne.
Wallenstein. Sei ruhig. Mir ist nichts—Wo ist dein Mann?
Gräfin. Zu einem Gastmahl sind sie, er und Illo.
Wallenstein. (steht auf und macht einige Schritte durch den Saal) Es ist schon finstre Nacht—Geh auf dein Zimmer.
Gräfin. Heiß mich nicht gehn, o laß mich um dich bleiben.
Wallenstein. (ist ans Fenster getreten) Am Himmel ist geschäftige Bewegung, Des Turmes Fahne jagt der Wind, schnell geht Der Wolken Zug, die Mondessichel wankt, Und durch die Nacht zuckt ungewisse Helle. —Kein Sternbild ist zu sehn! Der matte Schein dort, Der einzelne, ist aus der Kassiopeia, Und dahin steht der Jupiter—Doch jetzt Deckt ihn die Schwärze des Gewitterhimmels! (Er versinkt in Tiefsinn und sieht starr hinaus).
Gräfin. (die ihm traurig zusieht, faßt ihn bei der Hand). Was sinnst du?
Wallenstein. Mir deucht, wenn ich ihn sähe, wär' mir wohl. Es ist der Stern, der meinem Leben strahlt, Und wunderbar oft stärkte mich sein Anblick. (Pause.)
Gräfin. Du wirst ihn wiedersehn.
Wallenstein. (ist wieder in eine tiefe Zerstreuung gefallen, er ermuntert sich und wendet sich schnell zur Gräfin) Ihn wiedersehn?—O niemals wieder!
Gräfin. Wie?
Wallenstein. Er ist dahin—ist Staub!
Gräfin. Wen meinst du denn?
Wallenstein. Er ist der Glückliche. Er hat vollendet. Für ihn ist keine Zukunft mehr, ihm spinnt Das Schicksal keine Tücke mehr—sein Leben Liegt faltenlos und leuchtend ausgebreitet, Kein dunkler Flecken blieb darin zurück, Und unglückbringend pocht ihm keine Stunde. Weg ist er über Wunsch und Furcht, gehört Nicht mehr den trüglich wankenden Planeten— O ihm ist wohl! Wer aber weiß, was uns Die nächste Stunde schwarz verschleiert bringt!
Gräfin. Du sprichst von Piccolomini. Wie starb er? Der Bote ging just von dir, als ich kam. (Wallenstein bedeutet sie mit der Hand, zu schweigen.) O wende deine Blicke nicht zurück! Vorwärts in hellre Tage laß uns schauen. Freu dich des Siegs, vergiß, was er dir kostet. Nicht heute erst ward dir der Freund geraubt; Als er sich von dir schied, da starb er dir.
Wallenstein. Verschmerzen werd ich diesen Schlag, das weiß ich, Denn was verschmerzte nicht der Mensch! Vom Höchsten Wie vom Gemeinsten lernt er sich entwöhnen, Denn ihn besiegen die gewalt'gen Stunden. Doch fühl ich's wohl, was ich in ihm verlor. Die Blume ist hinweg aus meinem Leben, Und kalt und farblos seh ich's vor mir liegen. Denn er stand neben mir wie meine Jugend, Er machte mir das Wirkliche zum Traum, Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge Den goldnen Duft der Morgenröte webend— Im Feuer seines liebenden Gefühls Erhoben sich, mir selber zum Erstaunen, Des Lebens flach alltägliche Gestalten. —Was ich mir ferner auch erstreben mag, Das Schöne ist doch weg, das kommt nicht wieder, Denn über alles Glück geht doch der Freund, Der's fühlend erst erschafft, der's teilend mehrt.
Gräfin. Verzag nicht an der eignen Kraft. Dein Herz Ist reich genug, sich selber zu beleben. Du liebst und preisest Tugenden an ihm, Die du in ihm gepflanzt, in ihm entfaltet.
Wallenstein. (an die Türe gehend) Wer stört uns noch in später Nacht?—Es ist Der Kommendant. Er bringt die Festungsschlüssel. Verlaß uns, Schwester, Mitternacht ist da.
Gräfin. O mir wird heut so schwer, von dir zu gehn, Und bange Furcht bewegt mich.
Wallenstein. Furcht! Wovor?
Gräfin. Du möchtest schnell wegreisen diese Nacht, Und beim Erwachen fänden wir dich nimmer.
Wallenstein. Einbildungen.
Gräfin. O meine Seele wird Schon lang von trüben Ahnungen geängstigt, Und wenn ich wachend sie bekämpft, sie fallen Mein banges Herz in düstern Träumen an. —Ich sah dich gestern nacht mit deiner ersten Gemahlin, reich geputzt, zu Tische sitzen—
Wallenstein. Das ist ein Traum erwünschter Vorbedeutung, Denn jene Heirat stiftete mein Glück.
Gräfin. Und heute träumte mir, ich suchte dich In deinem Zimmer auf—Wie ich hineintrat, So war's dein Zimmer nicht mehr, die Kartause Zu Gitschin war's, die du gestiftet hast Und wo du willst, daß man dich hin begrabe.
Wallenstein. Dein Geist ist nun einmal damit beschäftigt.
Gräfin. Wie? Glaubst du nicht, daß eine Warnungsstimme In Träumen vorbedeutend zu uns spricht?
Wallenstein. Dergleichen Stimmen gibt's—Es ist kein Zweifel! Doch Warnungsstimmen möcht' ich sie nicht nennen, Die nur das Unvermeidliche verkünden. Wie sich der Sonne Scheinbild in dem Dunstkreis Malt, eh' sie kommt, so schreiten auch den großen Geschicken ihre Geister schon voran, Und in dem Heute wandelt schon das Morgen. Es machte mir stets eigene Gedanken, Was man vom Tod des vierten Heinrichs liest. Der König fühlte das Gespenst des Messers Lang vorher in der Brust, eh' sich der Mörder Ravaillac damit waffnete. Ihn floh Die Ruh', es jagt' ihn auf in seinem Louvre, Ins Freie trieb es ihn; wie Leichenfeier Klang ihm der Gattin Krönungsfest, er hörte Im ahnungsvollen Ohr der Füße Tritt, Die durch die Gassen von Paris ihn suchten—
Gräfin. Sagt dir die innre Ahnungsstimme nichts?
Wallenstein. Nichts. Sei ganz ruhig!
Gräfin. (in düstres Nachsinnen verloren): Und ein andermal, Als ich dir eilend nachging, liefst du vor mir Durch einen langen Gang, durch weite Säle, Es wollte gar nicht enden—Türen schlugen Zusammen, krachend—keuchend folgt' ich, konnte Dich nicht erreichen—plötzlich fühlt' ich mich Von hinten angefaßt mit kalter Hand, Du warst's und küßtest mich, und über uns Schien eine rote Decke sich zu legen—
Wallenstein. Das ist der rote Teppich meines Zimmers.
Gräfin. (ihn betrachtend) Wenn's dahin sollte kommen—Wenn ich dich, Der jetzt in Lebensfülle vor mir steht— (Sie sinkt ihm weinend an die Brust.)
Wallenstein. Des Kaisers Achtsbrief ängstigt dich. Buchstaben Verwunden nicht, er findet keine Hände.
Gräfin. Fänd' er sie aber, dann ist mein Entschluß Gefaßt—ich führe bei mir, was mich tröstet. (Geht ab.)
Vierter Auftritt
Wallenstein. Gordon. Dann der Kammerdiener.
Wallenstein. Ist's ruhig in der Stadt?
Gordon. Die Stadt ist ruhig.
Wallenstein. Ich höre rauschende Musik, das Schloß ist Von Lichtern hell. Wer sind die Fröhlichen?
Gordon. Dem Grafen Terzky und dem Feldmarschall Wird ein Bankett gegeben auf dem Schloß.
Wallenstein. (vor sich) Es ist des Sieges wegen—Dies Geschlecht Kann sich nicht anders freuen als bei Tisch. (Klingelt. Kammerdiener tritt ein.) Entkleide mich, ich will mich schlafen legen. (Er nimmt die Schlüssel zu sich.) So sind wir denn vor jedem Feind bewahrt Und mit den sichern Freunden eingeschlossen; Denn alles müßt' mich trügen, oder ein Gesicht wie dies (auf Gordon schauend) ist keines Heuchlers Larve. (Kammerdiener hat ihm den Mantel, Ringkragen und die Feldbinde abgenommen.) Gib acht! Was fällt da?
Kammerdiener. Die goldne Kette ist entzweigesprungen.
Wallenstein. Nun, sie hat lang genug gehalten. Gib. (Indem er die Kette betrachtet.) Das war des Kaisers erste Gunst. Er hing sie Als Erzherzog mir um, im Krieg von Friaul, Und aus Gewohnheit trug ich sie bis heut. —Aus Aberglauben, wenn Ihr wollt. Sie sollte Ein Talisman mir sein, so lang ich sie An meinem Halse glaubig würde tragen, Das flücht'ge Glück, des erste Gunst sie war, Mir auf zeitlebens binden—Nun es sei! Mir muß fortan ein neues Glück beginnen, Denn dieses Bannes Kraft ist aus. (Kammerdiener entfernt sich mit den Kleidern. Wallenstein steht auf, macht einen Gang durch den Saal und bleibt zuletzt nachdenkend vor Gordon stehen.) Wie doch die alte Zeit mir näher kommt. Ich seh mich wieder an dem Hof zu Burgau, Wo wir zusammen Edelknaben waren. Wir hatten öfters Streit, du meintest's gut Und pflegtest gern den Sittenprediger Zu machen, schaltest mich, daß ich nach hohen Dingen Unmäßig strebte, kühnen Träumen glaubend, Und priesest mir den goldnen Mittelweg. —Ei, deine Weisheit hat sich schlecht bewährt, Sie hat dich früh zum abgelebten Manne Gemacht und würde dich, wenn ich mit meinen Großmüt'gern Sternen nicht dazwischenträte, Im schlechten Winkel still verlöschen lassen.
Gordon. Mein Fürst! Mit leichtem Mute knüpft der arme Fischer Den kleinen Nachen an im sichern Port, Sieht er im Sturm das große Meerschiff stranden.
Wallenstein. So bist du schon im Hafen, alter Mann? Ich nicht. Es treibt der ungeschwächte Mut Noch frisch und herrlich auf der Lebenswoge, Die Hoffnung nenn ich meine Göttin noch, Ein Jüngling ist der Geist, und seh ich mich Dir gegenüber, ja, so möcht' ich rühmend sagen, Daß über meinem braunen Scheitelhaar Die schnellen Jahre machtlos hingegangen. (Er geht mit großen Schritten durchs Zimmer und bleibt auf der entgegengesetzten Seite, Gordon gegenüber, stehen.) Wer nennt das Glück noch falsch? Mir war es treu, Hob aus der Menschen Reihen mich heraus Mit Liebe, durch des Lebens Stufen mich Mit kraftvoll leichten Götterarmen tragend. Nichts ist gemein in meines Schicksals Wegen Noch in den Furchen meiner Hand. Wer möchte Mein Leben mir nach Menschenweise deuten? Zwar jetzo schein ich tief herabgestürzt, Doch werd ich wieder steigen, hohe Flut Wird bald auf diese Ebbe schwellend folgen—
Gordon. Und doch erinnr' ich an den alten Spruch: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Nicht Hoffnung möcht' ich schöpfen aus dem langen Glück, Dem Unglück ist die Hoffnung zugesendet. Furcht soll das Haupt des Glücklichen umschweben, Denn ewig wanket des Geschickes Waage.
Wallenstein. (lächelnd) Den alten Gordon hör ich wieder sprechen. —Wohl weiß ich, daß die ird'schen Dinge wechseln, Die bösen Götter fordern ihren Zoll: Das wußten schon die alte Heidenvölker, Drum wählten sie sich selbst freiwill'ges Unheil, Die eifersücht'ge Gottheit zu versöhnen, Und Menschenopfer bluteten dem Typhon. (Nach einer Pause, ernst und stiller.) Auch ich hab ihm geopfert—Denn mir fiel Der liebst Freund, und fiel durch meine Schuld. So kann mich keines Glückes Gunst mehr freuen, Als dieser Schlag mich hat geschmerzt—Der Neid Des Schicksals ist gesättigt, es nimmt Leben Für Leben an, und abgeleitet ist Auf das geliebte reine Haupt der Blitz, Der mich zerschmetternd sollte niederschlagen.
Fünfter Auftritt
Vorige. Seni.
Wallenstein. Kommt da nicht Seni? Und wie außer sich! Was führt dich noch so spät hieher, Baptist?
Seni. Furcht deinetwegen, Hoheit.
Wallenstein. Sag, was gibt's?
Seni. Flieh, Hoheit, eh' der Tag anbricht. Vertraue dich Den Schwedischen nicht an.
Wallenstein. Was fällt dir ein?
Seni. (mit steigendem Ton) Vertrau dich diesen Schweden nicht!
Wallenstein. Was ist's denn?
Seni. Erwarte nicht die Ankunft dieser Schweden! Von falschen Freunden droht dir nahes Unheil, Die Zeichen stehen grausenhaft, nah, nahe Umgeben dich die Netze des Verderbens.
Wallenstein. Du träumst, Baptist, die Furcht betöret dich.
Seni. O glaube nicht, daß leere Furcht mich täusche. Komm, lies es selbst in dem Planetenstand, Daß Unglück dir von falschen Freunden droht.
Wallenstein. Von falschen Freunden stammt mein ganzes Unglück. Die Weisung hätte früher kommen sollen, Jetzt brauch ich keine Sterne mehr dazu.
Seni. O komm und sieh! Glaub deinen eignen Augen. Ein greulich Zeichen steht im Haus des Lebens, Ein naher Feind, ein Unhold lauert hinter Den Strahlen deines Sterns—O laß dich warnen! Nicht diesen Heiden überliefre dich, Die Krieg mit unsrer heil'gen Kirche führen.
Wallenstein. (lächelnd) Schallt das Orakel daher?—Ja! Ja! Nun Besinn' ich mich—Dies schwed'sche Bündnis hat Dir nie gefallen wollen—Leg dich schlafen, Baptista! Solche Zeichen fürcht ich nicht.
Gordon. (der durch diese Reden heftig erschüttert worden, wendet sich zu Wallenstein). Mein fürstlicher Gebieter! Darf ich reden? Oft kommt ein nützlich Wort aus schlechtem Munde.
Wallenstein. Sprich frei!
Gordon. Mein Fürst! Wenn's doch kein leeres Furchtbild wäre, Wenn Gottes Vorsehung sich dieses Mundes Zu Ihrer Rettung wunderbar bediente!
Wallenstein. Ihr sprecht im Fieber, einer wie der andre. Wie kann mir Unglück kommen von den Schweden? Sie suchten meinen Bund, er ist ihr Vorteil.
Gordon. Wenn dennoch eben dieser Schweden Ankunft— Gerade die es wär', die das Verderben Beflügelte auf Ihr so sichres Haupt— (vor ihm niederstürzend) O noch ist's Zeit, mein Fürst—
Seni. (kniet nieder) O hör ihn! hör ihn!
Wallenstein. Zeit, und wozu? Steht auf—Ich will's, steht auf.
Gordon. (steht auf) Der Rheingraf ist noch fern. Gebieten Sie, Und diese Festung soll sich ihm verschließen. Will er uns dann belagern, er versuch's. Doch sag ich dies: Verderben wird er eher Mit seinem ganzen Volk vor diesen Wällen, Als unsres Mutes Tapferkeit ermüden. Erfahren soll er, was ein Heldenhaufe Vermag, beseelt von einem Heldenführer, Dem's Ernst ist, seinen Fehler gutzumachen. Das wird den Kaiser rühren und versöhnen, Denn gern zur Milde wendet sich sein Herz, Und Friedland, der bereuend wiederkehrt, Wird höher stehn in seines Kaisers Gnade, Als je der Niegefallne hat gestanden.
Wallenstein. (betrachtet ihn mit Befremdung und Erstaunen und schweigt eine Zeitlang, eine starke innre Bewegung zeigend) Gordon—des Eifers Wärme führt Euch weit, Es darf der Jugendfreund sich was erlauben. —Blut ist geflossen, Gordon. Nimmer kann Der Kaiser mir vergeben. Könnt' er's, ich, Ich könnte nimmer mir vergeben lassen. Hätt' ich vorher gewußt, was nun geschehn, Daß es den liebsten Freund mir würde kosten, Und hätte mir das Herz wie jetzt gesprochen— Kann sein, ich hätte mich bedacht—kann sein Auch nicht—Doch was nun schonen noch? Zu ernsthaft Hat's angefangen, um in nichts zu enden. Hab' es denn seinen Lauf! (Indem er ans Fenster tritt.) Sieh, es ist Nacht geworden, auf dem Schloß Ist's auch schon stille—Leuchte, Kämmerling. (Kammerdiener, der unterdessen still eingetreten und mit sichtbarem Anteil in der Ferne gestanden, tritt hervor, heftig bewegt, und stürzt sich zu des Herzogs Füßen.) Du auch noch? Doch ich weiß es ja, warum Du meinen Frieden wünschest mit dem Kaiser. Der arme Mensch! Er hat im Kärntnerland Ein kleines Gut und sorgt, sie nehmen's ihm, Weil er bei mir ist. Bin ich denn so arm, Daß ich den Dienern nicht ersetzen kann? Nun! Ich will niemand zwingen. Wenn du meinst, Daß mich das Glück geflohen, so verlaß mich. Heut magst du mich zum letztenmal entkleiden Und dann zu deinem Kaiser übergehn— Gut Nacht, Gordon! Ich denke einen langen Schlaf zu tun, Denn dieser letzten Tage Qual war groß. Sorgt, daß sie nicht zu zeitig mich erwecken. (Er geht ab. Kammerdiener leuchtet. Seni folgt. Gordon bleibt in der Dunkelheit stehen, dem Herzog mit den Augen folgend, bis er in dem äußersten Gang verschwunden ist; dann drückt er durch Gebärden seinen Schmerz aus und lehnt sich gramvoll an eine Säule.)
Sechster Auftritt
Gordon. Buttler, anfangs hinter der Szene.
Buttler. Hier stehet still, bis ich das Zeichen gebe.
Gordon. (fährt auf) Er ist's, er bringt die Mörder schon.
Buttler. Die Lichter Sind aus. In tiefem Schlafe liegt schon alles.
Gordon. Was soll ich tun? Versuch ich's, ihn zu retten? Bring ich das Haus, die Wachen in Bewegung?
Buttler. (erscheint hinten) Vom Korridor her schimmert Licht. Das führt Zum Schlafgemach des Fürsten.
Gordon. Aber brech ich Nicht meinen Eid dem Kaiser? Und entkommt er, Des Feindes Macht verstärkend, lad ich nicht Auf mein Haupt alle fürchterlichen Folgen?
Buttler. (etwas näher kommend) Still! Horch! Wer spricht da?
Gordon. Ach, es ist doch besser, Ich stell's dem Himmel heim. Denn was bin ich, Daß ich so großer Tat mich unterfinge? Ich hab ihn nicht ermordet, wenn er umkommt, Doch seine Rettung wäre meine Tat, Und jede schwere Folge müßt' ich tragen.
Buttler. (herzutretend) Die Stimme kenn ich.
Gordon. Buttler!
Buttler. Es ist Gordon. Was sucht Ihr hier? Entließ der Herzog Euch So spät?
Gordon. Ihr tragt die Hand in einer Binde?
Buttler. Sie ist verwundet. Dieser Illo focht Wie ein Verzweifelter, bis wir ihn endlich Zu Boden streckten—
Gordon. (schauert zusammen) Sie sind tot!
Buttler. Es ist geschehn. —Ist er zu Bett?
Gordon. Ach Buttler!
Buttler. (dringend) Ist er? Sprecht! Nicht lange kann die Tat verborgen bleiben.
Gordon. Er soll nicht sterben. Nicht durch Euch! Der Himmel Will Euren Arm nicht. Seht, er ist verwundet.
Buttler. Nicht meines Armes braucht's.
Gordon. Die Schuldigen Sind tot; genug ist der Gerechtigkeit Geschehn! Laßt dieses Opfer sie versöhnen! (Kammerdiener kommt den Gang her, mit dem Finger auf dem Mund Stillschweigen gebietend.) Er schläft! O mordet nicht den heil'gen Schlaf!
Buttler. Nein, er soll wachend sterben. (Will gehen.)
Gordon. Ach, sein Herz ist noch Den ird'schen Dingen zugewendet, nicht Gefaßt ist er, vor seinen Gott zu treten.
Buttler. Gott ist barmherzig! (Will gehen.)
Gordon. (hält ihn) Nur die Nacht noch gönnt ihm.
Buttler. Der nächste Augenblick kann uns verraten. (Will fort.)
Gordon. (hält ihn). Nur eine Stunde!
Buttler. Laßt mich los! Was kann Die kurze Frist ihm helfen?
Gordon. O die Zeit ist Ein wundertät'ger Gott. In einer Stunde rinnen Viel tausend Körner Sandes, schnell wie sie Bewegen sich im Menschen die Gedanken. Nur eine Stunde! Euer Herz kann sich, Das seinige sich wenden—Eine Nachricht Kann kommen—ein beglückendes Ereignis Entscheidend, rettend, schnell vom Himmel fallen— O was vermag nicht eine Stunde!
Buttler. Ihr erinnert mich, Wie kostbar die Minuten sind. (Er stampft auf den Boden.)
Siebenter Auftritt
Macdonald, Deveroux mit Hellebardierern treten hervor. Dann Kammerdiener. Vorige.
Gordon. (sich zwischen ihn und jene werfend). Nein, Unmensch! Erst über meinen Leichnam sollst du hingehn, Denn nicht will ich das Gräßliche erleben.
Buttler. (ihn wegdrängend). Schwachsinn'ger Alter! (Man hört Trompeten in der Ferne.)
Macdonald und Deveroux. Schwedische Trompeten! Die Schweden stehn vor Eger! Laßt uns eilen!
Gordon. Gott! Gott!
Buttler. An Euren Posten, Kommendant! (Gordon stürzt hinaus.)
Kammerdiener. (eilt herein.) Wer darf hier lärmen? Still, der Herzog schläft!
Deveroux. (mit lauter, fürchterlicher Stimme.) Freund! Jetzt ist's Zeit, zu lärmen!
Kammerdiener. (Geschrei erhebend) Hilfe! Mörder!
Buttler. Nieder mit ihm!
Kammerdiener. (von Deveroux durchbohrt, stürzt am Eingang der Galerie) Jesus Maria!
Buttler. Sprengt die Türen! (Sie schreiten über den Leichnam weg den Gang hin. Man hört in der Ferne zwei Türen nach einander stürzen—Dumpfe Stimmen— Waffengetöse—dann plötzlich tiefe Stille.)
Achter Auftritt
Gräfin Terzky. (mit einem Lichte) Ihr Schlafgemach ist leer, und sie ist nirgends Zu finden, auch die Neubrunn wird vermißt, Die bei ihr wachte—Wäre sie entflohn? Wo kann sie hingeflohen sein! Man muß Nacheilen, alles in Bewegung setzen! Wie wird der Herzog diese Schreckenspost Aufnehmen!—Wäre nur mein Mann zurück Vom Gastmahl! Ob der Herzog wohl noch wach ist? Mir war's, als hört' ich Stimmen hier und Tritte. Ich will doch hingehn, an der Türe lauschen. Horch! wer ist das? Es eilt die Trepp' herauf.
Neunter Auftritt
Gräfin. Gordon. Dann Buttler.
Gordon. (eilfertig, atemlos hereinstürzend): Es ist ein Irrtum—es sind nicht die Schweden. Ihr sollt nicht weitergehen—Buttler—Gott! Wo ist er? (Indem er die Gräfin bemerkt.)
Gräfin, sagen Sie—
Gräfin. Sie kommen von der Burg? Wo ist mein Mann?
Gordon. (entsetzt) Ihr Mann!—O fragen Sie nicht! Gehen Sie Hinein— (Will fort)
Gräfin. (hält ihn) Nicht eher, bis Sie mir entdecken—
Gordon. (heftig dringend) An diesem Augenblicke hängt die Welt! Um Gotteswillen, gehen Sie—Indem Wir sprechen—Gott im Himmel! (Laut schreiend.)
Buttler! Buttler!
Gräfin. Der ist ja auf dem Schloß mit meinem Mann. (Buttler kommt aus der Galerie.)
Gordon. (der ihn erblickt). Es war ein Irrtum—Es sind nicht die Schweden— Die Kaiserlichen sind's, die eingedrungen— Der Generalleutnant schickt mich her, er wird Gleich selbst hier sein—Ihr sollt nicht weiter gehn—
Buttler. Er kommt zu spät.
Gordon. (stürzt an die Mauer) Gott der Barmherzigkeit!
Gräfin. (ahnungsvoll) Was ist zu spät? Wer wird gleich selbst hier sein? Octavio in Eger eingedrungen? Verräterei! Verräterei! Wo ist Der Herzog? (Eilt dem Gange zu.)
Zehnter Auftritt
Vorige. Seni. Dann Bürgermeister. Page. Kammerfrau. Bediente rennen schreckensvoll über die Szene.
Seni. (der mit allen Zeichen des Schreckens aus der Galerie kommt) O blutige, entsetzensvolle Tat!
Gräfin. Was ist Geschehen, Seni?
Page. (herauskommend) O erbarmungswürd'ger Anblick! (Bediente mit Fackeln.)
Gräfin. Was ist's? Um Gotteswillen!
Seni. Fragt Ihr noch? Drinn' liegt der Fürst ermordet, Euer Mann ist Erstochen auf der Burg. (Gräfin bleibt erstarrt stehen.)
Kammerfrau. (eilt herein). Hilf'! Hilf' der Herzogin!
Bürgermeister. (kommt schreckenvoll) Was für ein Ruf Des Jammers weckt die Schläfer dieses Hauses?
Gordon. Verflucht ist Euer Haus auf ew'ge Tage! In Eurem Hause liegt der Fürst ermordet.
Bürgermeister. Das wolle Gott nicht! (Stürzt hinaus.)
Erster Bedienter. Flieht! Flieht! Sie ermorden Uns alle! Zweiter Bedienter (Silbergeräte tragend) Da hinaus. Die untern Gänge sind besetzt. (Hinter der Szene wird gerufen:) Platz! Platz dem Generalleutnant! (Bei diesen Worten richtet sich die Gräfin aus ihrer Erstarrung auf, faßt sich und geht schnell ab.) (Hinter der Szene:) Besetzt das Tor! Das Volk zurückgehalten!
Elfter Auftritt
Vorige ohne die Gräfin. Octavio Piccolomini tritt herein mit Gefolge. Deveroux und Macdonald kommen zugleich aus dem Hintergrunde mit Hellebardierern. Wallensteins Leichnam wird in einem roten Teppich hinten über die Szene getragen.
Octavio. (rasch eintretend) Es darf nicht sein! Es ist nicht möglich! Buttler! Gordon! Ich will's nicht glauben. Saget nein.
Gordon. (ohne zu antworten, weist mit der Hand nach hinten. Octavio sieht hin und steht von Entsetzen ergriffen).
Deveroux. (zu Buttler). Hier ist das goldne Vlies, des Fürsten Degen!
Macdonald. Befehlt Ihr, daß man die Kanzlei—
Buttler. (auf Octavio zeigend) Hier steht er, Der jetzt allein Befehle hat zu geben. (Deveroux und Macdonald treten ehrerbietig zurück; alles verliert sich still, daß nur allein Buttler, Octavio und Gordon auf der Szene bleiben.)
Octavio. (zu Buttlern gewendet). War das die Meinung, Buttler, als wir schieden? Gott der Gerechtigkeit! Ich hebe meine Hand auf. Ich bin an dieser ungeheuren Tat Nicht schuldig.
Buttler. Eure Hand ist rein. Ihr habt Die meinige dazu gebraucht.
Octavio. Ruchloser! So mußtest du des Herrn Befehl mißbrauchen Und blutig grauenvollen Meuchelmord Auf deines Kaisers heil'gen Namen wälzen?
Buttler. (gelassen) Ich hab des Kaisers Urtel nur vollstreckt.
Octavio. O Fluch der Könige, der ihren Worten Das fürchterliche Leben gibt, dem schnell Vergänglichen Gedanken gleich die Tat, Die fest unwiderrufliche, ankettet! Mußt' es so rasch gehorcht sein? Konntest du Dem Gnädigen nicht Zeit zur Gnade gönnen? Des Menschen Engel ist die Zeit—die rasche Vollstreckung an das Urteil anzuheften, Ziemt nur dem unveränderlichen Gott!
Buttler. Was scheltet Ihr mich? Was ist mein Verbrechen? Ich habe eine gute Tat getan, Ich hab das Reich von einem furchtbarn Feinde Befreit und mache Anspruch auf Belohnung. Der einz'ge Unterschied ist zwischen Eurem Und meinem Tun: Ihr habt den Pfeil geschärft, Ich hab ihn abgedrückt. Ihr sätet Blut Und steht bestürzt, daß Blut ist aufgegangen. Ich wußt immer, was ich tat, und so Erschreckt und überrascht mich kein Erfolg. Habt Ihr sonst einen Auftrag mir zu geben? Denn stehnden Fußes reis ich ab nach Wien, Mein blutend Schwert vor meines Kaisers Thron Zu legen und den Beifall mir zu holen, Den der geschwinde, pünktliche Gehorsam Von dem gerechten Richter fordern darf. (Geht ab.)
Zwölfter Auftritt
Vorige ohne Buttler. Gräfin Terzky tritt auf, bleich und entstellt. Ihre Sprache ist schwach und langsam, ohne Leidenschaft.
Octavio. (ihr entgegen) O Gräfin Terzky, mußt' es dahin kommen? Das sind die Folgen unglücksel'ger Taten.
Gräfin. Es sind die Früchte Ihres Tuns—Der Herzog Ist tot, mein Mann ist tot, die Herzogin Ringt mit dem Tode, meine Nichte ist verschwunden. Dies Haus des Glanzes und der Herrlichkeit Steht nun verödet, und durch alle Pforten Stürzt das erschreckte Hofgesinde fort. Ich bin die Letzte drin, ich schloß es ab Und liefre hier die Schlüssel aus.
Octavio. (mit tiefem Schmerz) O Gräfin, Auch mein Haus ist verödet!
Gräfin. Wer soll noch Umkommen? Wer soll noch mißhandelt werden? Der Fürst ist tot, des Kaisers Rache kann Befriedigt sein. Verschonen Sie die alten Diener! Daß den Getreuen ihre Lieb und Treu Nicht auch zum Frevel angerechnet werde! Das Schicksal überraschte meinen Bruder Zu schnell, er konnte nicht mehr an sie denken.
Octavio Nichts von Mißhandlung! Nichts von Rache, Gräfin! Die schwere Schuld ist schwer gebüßt, der Kaiser Versöhnt, nichts geht vom Vater auf die Tochter Hinüber als sein Ruhm und sein Verdienst. Die Kaiserin ehrt Ihr Unglück, öffnet Ihnen Teilnehmend ihre mütterlichen Arme. Drum keine Furcht mehr! Fassen Sie Vertrauen Und übergeben Sie sich hoffnungsvoll Der kaiserlichen Gnade.
Gräfin. (mit einem Blick zum Himmel) Ich vertraue mich Der Gnade eines größern Herrn—Wo soll Der fürstliche Leichnam seine Ruhstatt finden? In der Kartause, die er selbst gestiftet, Zu Gitschin ruht die Gräfin Wallenstein; An ihrer Seite, die sein erstes Glück Gegründet, wünscht' er, dankbar, einst zu schlummern. O lassen Sie ihn dort begraben sein! Auch für die Reste meines Mannes bitt ich Um gleiche Gunst. Der Kaiser ist Besitzer Von unsern Schlössern, gönne man uns nur Ein Grab noch bei den Gräbern unsrer Ahnen.
Octavio. Sie zittern, Gräfin—Sie verbleichen—Gott! Und welche Deutung geb ich Ihren Reden?
Gräfin. (sammelt ihre letzte Kraft und spricht mit Lebhaftigkeit und Adel) Sie denken würdiger von mir, als daß Sie glaubten, Ich überlebte meines Hauses Fall. Wir fühlten uns nicht zu gering, die Hand Nach einer Königskrone zu erheben— Es sollte nicht sein—Doch wir denken königlich Und achten einen freien, mut'gen Tod Anständiger als ein entehrtes Leben. —Ich habe Gift—
Octavio. O rettet! helft!
Gräfin. Es ist zu spät. In wenig Augenblicken ist mein Schicksal Erfüllt. (Sie geht ab.)
Gordon. O Haus des Mordes und Entsetzens! (Ein Kurier kommt und bringt einen Brief. Gordon tritt ihm entgegen.) Was gibt's? Das ist das kaiserliche Siegel. (Er hat die Aufschrift gelesen und übergibt den Brief dem Octavio mit einem Blick des Vorwurfs.) Dem Fürsten Piccolomini. (Octavio erschrickt und blickt schmerzvoll zu Himmel.)
(Der Vorhang fällt.)