Unser Frühling.
Reading edition
»Ich bin da – siehst Du mich?« sagte die Ranunkel zur Sonne, »sieh', ich glänze – bin ebenso golden wie Du!«
Und sie richtete sich in die Höhe, spreizte ihre eigelben Blütenblättchen auseinander und sah unglaublich frech in die Welt hinein.
Der Sonnenstrahl aber glitt über sie hinweg, über die Anemonen hin.
»Ihr seid schöner als die gelbe Blume,« flüsterte er ihnen zu, und sie erröteten wie junge, bleichsüchtige Mädchen und wurden sehr stolz.
»Was wollt Ihr hier?« riefen sie den Veilchen entgegen, die frisch und munter im grünen Röckchen und blauer Blouse anmarschiert kamen.
»Ihr habt hier nichts zu suchen – das ist unser Boden.« Aber das kümmerte das Veilchen gar wenig. Ueberall, wo es Wurzeln fassen konnte, zwischen Ranunkeln und Anemonen und Kuhblumen, zwischen Moos und Gras, unter Blättern und Reisig, sogar zwischen den vornehmen, sonderbaren Frühlingsblumen, die erst vorsichtig einen Blätterregenschirm aufspannen, damit ihre kleinen weißen Blüten, die sie unten am Stengel tragen, nicht naß werden – überall öffnete das Veilchen seine Blauaugen und lächelte sanft dem Frühling entgegen.
»Seid Ihr ein exklusives Volk,« sagte der. Er saß mit gekreuzten Beinen auf einem allmächtig großen Schneckenhaus und hatte eine Blütenkrone auf dem Haupt und eine Weidengerte mit lustigen Kätzchen daran in der Hand; er spielte mit einem überjährigen Schneeballen, der irgendwo in einem Waldwinkel, von der Sonne vergessen, liegen geblieben war, und der schmolz jetzt und träufelte der Schnecke, die aus ihrem Fenster guckte und schrecklich große Augen machte, gerade auf die Nase, daß sie entrüstet ihre Fühlhörner einzog und das Fenster zumachte. Die Schmetterlinge, die den Frühlingsknaben umgaukelten und wie Blumen aussahen, die von ihren Stengeln geflogen und auf die Wanderschaft gegangen waren – gerade wie unsere sehnsüchtigen Gedanken mitunter – machten vor Vergnügen die lustigsten Capriolen in der Luft und schlugen übermütig-hastig mit den kleinen, bunten Sammetflügeln. »Ihr seid ein exklusives Volk hier im Walde,« sagte der Frühling, »jede Sippe hockt auf ihrem Fleckchen Erde für sich und macht scheele Gesichter, kommt ihm ein anderes zu nahe. Und erst die Bäume – hier die Eichen, dort die Tannen, drüben die Birken – die Weiden sind in die Wiese geflüchtet, damit sie's Reich für sich allein haben, und die Obstbäume wollen erst recht nichts von den andern wissen. Freilich – seid auch auf verschiedenem Erdreich groß geworden. – 'S wär' auch langweilig in der Welt, wär' alles über einen Kamm geschoren! Und doch – Eine strahlende Sonne scheint über Euch alle, und ein gütiger Regen erquickt Euch!« – Und der Frühling erhob sich vom Schneckenhaus und schlenderte davon. Gern hätte er die Hände in die Hosentaschen gesteckt, aber das ging nicht, denn – er war ganz nackt und bloß wie die Natur selber, und der Sonnenstrahl strich gleitend vor ihm her und leuchtete ihm. Pfeifend und singend mit heller Stimme zog der Frühling durch den Wald; unter seinen Tritten sprossen die Blumen und sein Lachen – das war der Frühlingswind, der warme Südwind, der belebend über die Erde fuhr. Die Vöglein kamen und antworteten mit sehnsüchtigen Lauten. – Ueber den Wald hin schallt der starke Weckruf der Blauvögel. Sieh' – da blitzt es feuerrot auf – das ist ein lieblicher Sänger! Und horch! Hier die rostbraune Drossel – Hörst Du, was sie sagt? »Tüterlü! Der Frühling kommt! Siehst Du ihn – Du, Du, Du, Du!« – Und: »Komm' zu mir, komm' zu mir! Zerr – zeck, zeck, zeck, zeck!« bläst der Zaunkönig sein Kehlchen auf – wupp! schlüpft er durch die Hecke, und dahin geht's, im Lauf, geschwind wie ein Mäuschen. – Siehst Du den Specht? Weiße Hosen, schwarzes Röcklein und auf dem Kopf ein tiefrot Käpplein über dem schlauen, spitzen Näschen – ist doch gar ein putzig Weschen! Sieh', wie klug die schwarzen Augen funkeln, sieh' – wie er mit dem Frühling Verstecken spielt! Bald an dieser, bald an jener Seite des Stammes schimmert sein rotes Köpfchen und wirft ihm der Frühling eine Hand voll Blätter ins Gesicht, die sich schnell an die Zweige anklammern – hei! Da sitzt er schon ganz hoch oben im Baum und lugt schelmisch um die Ecke:
»Pick, – pick, – pick, – pick – hier find' ich mein Mücklein!
Pick, – pick, – pick, – pick – hier schlag' ich mein Brücklein,
Von Baum zu Baum über Busch und Strauch –
Ei, Frühling – geschwinde! Nun folge Du auch.«
»Hahaha,« lacht die Spottdrossel wie toll und gleich darauf klingen langgezogene, friedliche Sehnsuchtslaute aus ihrer Nachtigallenkehle, daß alle Vögel inne halten und dem Frühling die Thränen aus den Augen rinnen.
Wo hört' ich jüngst solch ein Spottdrossellied? – Weich und schwül – hohnlachend – – war's nicht in meinem Herzen? Ist's nicht das Menschenherz selber – in all seinem Leid, all seiner Sehnsucht, all seinem Haß? –
»Sputet Euch,« sagt der Frühling zu den Eichen und schlägt sie schmeichelnd mit seiner Weidengerte, »Ihr knorrigen Gesellen! Seid zwar auch so schön mit Euren kuriosen Knorpeln und verdrehten Aesten – gerade so knorpelig und verzwickt, wie ein Menschenhirn – aber wenn Ihr die zackigen Blätter von Euch spreizt, habe ich Euch noch lieber!«
Und da sproßten die roten Keime und Blättchen, und nun hatten sie ein noch wunderlicheres Ansehen, gerade wie ein Schalksnarr, dem die Liebe aus den Augen guckt. –
»Ich,« sagt die Ulme, »ich bin vorgeschritten in der Kultur – seht, mein krauses, grünes Gewand ist schon fix und fertig.« –
Und der Frühling geht weiter:
»Sieh', sieh', wie schön steht das maigrüne Kleidchen zu Deiner weißen Haut, kleine Birke, – bist fast die Schönste von allen! Alte Tanne« – er streicht über der Tanne stattliche Haare – »mußt immer dasselbe dunkle Kleid tragen jahraus, jahrein – bist wohl gar neidisch?«
Aber die Tanne ist unartig, sie streckt dem Frühling und seiner Birke eine lange, hellgrüne Zunge aus den dunkeln Nadeln heraus und antwortet noch nicht einmal vor Trotz.
»Böses, altes Ding Du,« schilt der Frühling, und um sie zu ärgern, gibt er den Lärchen lauter kleine hellgrüne Federbüsche, kleinen Pinseln gleich, die tragen sie stolz, wie ein angehender Maler seine Farbenpinsel in der Brusttasche. – Horch! Was regt sich hinter dem Tannendickicht? Ein hübsches, verstecktes Plätzchen – Taubengegirr, Vogelgesang – ist's Windessäuseln, rauschen die Zweige, geheimnis-ahnungsvoll! Leise schleicht sich der Frühling heran, er verbirgt sich hinter einem Baumstamm – er lauscht – er sieht – –
Menschenkinder sind's, zwei junge, lachende, kosende Menschenkinder, den ewigen Frühling, die Liebe, im Herzen, in den Augen. – Sie ruht im Gras, den Kopf gegen eine Tanne gelehnt, er zu ihren Füßen, den braunen Lockenkopf in ihrem Schoß – leises Lachen, halblautes Singen, abgebrochene, unverständliche Laute – halbgeflüsterte, halbgeküßte Liebesworte. – Glückliche, selige Menschenkinder – was wißt Ihr vom brennenden Sommer, vom welkenden Herbst, vom eisigen Winter? – Der Frühling streichelt Euch Stirn und Wangen. – Blondes Mädchen, Du streichst Dir die Löckchen aus der Stirn und schiltst über den Wind – oder den Geliebten, der Dir die Haare zerzaust hat – und der Sonnenstrahl küßt Euch und dringt Euch bis ins junge Herz hinein! –
Auf leisen, flüchtigen Sohlen eilt der Frühling von dannen:
»Jetzt muß ich aber auch die Obstbäume anlächeln,« sagt er im raschen Lauf, »daß sie treiben und blühen und Früchte tragen.« Aber die waren voreilig gewesen, wie gewöhnlich, hatten nicht auf das Lächeln des Frühlings gewartet, hatten sogar vergessen, sich erst die Blätter anzuziehen. – Da stehen sie in ihren schlohweißen Hemdchen und lächeln verschämt, ach, und Apfelbäume und Pfirsiche werden ganz rot, als sie den Frühling kommen sehen, und nur die Birne ruft triumphierend: »Ein paar grüne Blättchen habe ich schon – aber Du, Frühling, bist ja ganz nackt!« Hei, wie sie sich alle schütteln vor Lachen, daß ihr weicher, duftender Blütenschnee über die grüne Erde hinweht. – Ganz überschüttet wird der Frühling; in seinen Locken hängt die duftige Ueberfülle, um Stirn und Wangen schmeicheln die süßen Boten – da wird es ihm ganz weh ums Herz vor Wonne und Jubel, sehnsüchtig breitet er seine Arme der Geliebten entgegen, der leuchtenden Sonne – und da wird er zum Manne – er vermählt sich mit der Sonnenglut – und siehe, es war Sommer!