Vorwort (continued 2)
Reading edition
„In der Tat liegt in der Treulosigkeit eines geliebten Weibes ein schmerzhafter Reiz, die höchste Wollust.“
„Auch für dich?“ fragte Wanda rasch.
„Auch für mich.“
„Wenn ich dir also dies Vergnügen mache?“ rief Wanda spöttisch.
„So werde ich entsetzlich leiden, dich aber um so mehr anbeten,“ entgegnete ich, „nur dürftest du mich nie betrügen, sondern müßtest die dämonische Größe haben, mir zu sagen: ich werde dich allein lieben, aber jeden glücklich machen, der mir gefällt.“
Wanda schüttelte den Kopf. „Mir widerstrebt der Betrug, ich bin ehrlich, aber welcher Mann erliegt nicht unter der Wucht der Wahrheit. Wenn ich dir sagen würde: dies sinnlich heitere Leben, dies Heidentum ist mein Ideal, würdest du die Kraft haben, es zu ertragen?“
„Gewiß. Ich will alles von dir ertragen, nur dich nicht verlieren. Ich fühle ja, wie wenig ich dir eigentlich bin.“
„Aber Severin —“
„Es ist doch so,“ sprach ich, „und eben deshalb —“
„Deshalb möchtest du —“ sie lächelte schelmisch — „hab’ ich es erraten?“
„Dein Sklave sein!“ rief ich, „dein willenloses, unbeschränktes Eigentum, mit dem du nach Belieben schalten kannst, und das dir daher nie zur Last werden kann. Ich möchte, während du das Leben in vollen Zügen schlürfst, in üppigem Luxus gebettet das heitere Glück, die Liebe des Olymps genießest, dir dienen, dir die Schuhe an- und ausziehen.“
„Eigentlich hast du nicht so unrecht,“ erwiderte Wanda, „denn nur als mein Sklave könntest du es ertragen, daß ich andere liebe, und dann, die Freiheit des Genusses der antiken Welt ist nicht denkbar ohne Sklaverei. O! es muß ein Gefühl von Gottähnlichkeit geben, wenn man Menschen vor sich knien, zittern sieht. Ich will Sklaven haben, hörst du, Severin?“
„Bin ich nicht dein Sklave?“
„Hör’ mich also,“ sprach Wanda aufgeregt, meine Hand fassend, „ich will dein sein, so lange ich dich liebe.“
„Einen Monat?“
„Vielleicht auch zwei.“
„Und dann?“
„Dann bist du mein Sklave.“
„Und du?“
„Ich? was fragst du noch? ich bin eine Göttin und steige manchmal leise, ganz leise und heimlich aus meinem Olymp zu dir herab.“
„Aber was ist dies alles,“ sprach Wanda, den Kopf in beide Hände gestützt, den Blick in die Weite verloren, „eine goldene Phantasie, welche nie wahr werden kann.“ Eine unheimliche, brütende Schwermut war über ihr ganzes Wesen ausgegossen; so hatte ich sie noch nie gesehen.
„Und warum unausführbar?“ begann ich.
„Weil es bei uns keine Sklaverei gibt.“
„So gehen wir in ein Land, wo sie noch besteht, in den Orient, in die Türkei,“ sagte ich lebhaft.
„Du wolltest — Severin — im Ernste,“ entgegnete Wanda. Ihre Augen brannten.
„Ja, ich will im Ernste dein Sklave sein,“ fuhr ich fort, „ich will, daß deine Gewalt über mich durch das Gesetz geheiligt, daß mein Leben in deiner Hand ist, nichts auf dieser Welt mich vor dir schützen oder retten kann. O! welche Wollust, wenn ich mich ganz nur von deiner Willkür, deiner Laune, einem Winke deines Fingers abhängig fühle. Und dann — welche Seligkeit, — wenn du einmal gnädig bist, wenn der Sklave die Lippen küssen darf, an denen für ihn Tod und Leben hängt!“ Ich kniete nieder und lehnte meine heiße Stirne an ihre Knie.
„Du fieberst, Severin,“ sprach Wanda erregt, „und du liebst mich wirklich so unendlich?“ Sie schloß mich an ihre Brust und bedeckte mich mit Küssen.
„Willst du also?“ begann sie zögernd.
„Ich schwöre dir hier, bei Gott und meiner Ehre, ich bin dein Sklave, wo und wann du willst, sobald du es befiehlst,“ rief ich, meiner kaum mehr mächtig.
„Und wenn ich dich beim Worte nehme?“ rief Wanda.
„Tu es.“
„Es hat einen Reiz für mich,“ sprach sie hierauf, „der kaum seinesgleichen hat, einen Mann, der mich anbetet und den ich von ganzer Seele liebe, mir so ganz hingegeben, von meinem Willen, meiner Laune abhängig zu wissen, diesen Mann als Sklaven zu besitzen, während ich —“
Sie sah mich seltsam an.
„Wenn ich recht frivol werde, so bist du schuld —“ fuhr sie fort — „ich glaube beinahe, du fürchtest dich jetzt schon vor mir, aber ich habe deinen Schwur.“
„Und ich werde ihn halten.“
„Dafür laß mich sorgen,“ entgegnete sie. „Jetzt finde ich Genuß darin, jetzt soll es bei Gott nicht lange mehr beim Phantasieren bleiben. Du wirst mein Sklave, und ich — ich werde versuchen, ‚Venus im Pelz‘ zu sein.“
** *
Ich dachte diese Frau endlich zu kennen, zu verstehen, und ich sehe nun, daß ich wieder von vorne anfangen kann. Mit welchem Widerwillen nahm sie noch vor kurzem meine Phantasien auf und mit welchem Ernste betreibt sie jetzt die Ausführung derselben.
Sie hat einen Vertrag entworfen, durch den ich mich bei Ehrenwort und Eid verbinde, ihr Sklave zu sein, so lange sie es will.
Den Arm um meinen Nacken geschlungen, liest sie mir das unerhörte, unglaubliche Dokument vor, nach jedem Satze macht ein Kuß den Schlußpunkt.
„Aber der Vertrag enthält nur Pflichten für mich,“ sprach ich, sie neckend.
„Natürlich,“ entgegnete sie mit großem Ernste, „du hörst auf, mein Geliebter zu sein, ich bin also aller Pflichten, aller Rücksichten gegen dich entbunden. Meine Gunst hast du dann als eine Gnade anzusehen, Recht hast du keines mehr und darfst daher auch keines geltend machen. Meine Macht über dich darf keine Grenzen haben. Bedenke, Mann, du bist ja dann nicht viel besser als ein Hund, ein lebloses Ding; du bist meine Sache, mein Spielzeug, das ich zerbrechen kann, sobald es mir eine Stunde Zeitvertreib verspricht. Du bist nichts und ich bin alles. Verstehst du?“ Sie lachte und küßte mich wieder und doch überlief mich eine Art Schauer.
„Erlaubst du mir nicht einige Bedingungen —“ begann ich.
„Bedingungen?“ sie runzelte die Stirne. „Ah! du hast bereits Furcht, oder bereust gar, doch das kommt alles zu spät, ich habe deinen Eid, dein Ehrenwort. Aber laß hören.“
„Zuerst möchte ich in unserem Vertrag aufgenommen wissen, daß du dich nie ganz von mir trennst, und dann, daß du mich nie der Roheit eines deiner Anbeter preisgibst —“
„Aber Severin,“ rief Wanda mit bewegter Stimme, Tränen in den Augen, „du kannst glauben, daß ich dich, einen Mann, der mich so liebt, der sich so ganz in meine Hand gibt —“ sie stockte.
„Nein! nein!“ sprach ich, ihre Hände mit Küssen bedeckend, „ich fürchte nichts von dir, was mich entehren könnte, vergib mir den häßlichen Augenblick.“
Wanda lächelte selig, legte ihre Wange an die meine und schien nachzusinnen.
„Etwas hast du vergessen,“ flüsterte sie jetzt schelmisch, „das Wichtigste.“
„Eine Bedingung?“
„Ja, daß ich immer im Pelz erscheinen muß,“ rief Wanda, „aber dies verspreche ich dir so, ich werde ihn schon deshalb tragen, weil er mir das Gefühl einer Despotin gibt, und ich will sehr grausam gegen dich sein, verstehst du?“
„Soll ich den Vertrag unterzeichnen?“ fragte ich.
„Noch nicht,“ sprach Wanda, „ich werde vorher deine Bedingungen hinzufügen, und überhaupt wirst du ihn erst an Ort und Stelle unterzeichnen.“
„In Konstantinopel?“
„Nein. Ich habe es mir überlegt. Welchen Wert hat es für mich, dort einen Sklaven zu haben, wo jeder Sklaven hat; ich will, hier in unserer gebildeten, nüchternen, philisterhaften Welt, ich allein einen Sklaven haben, und zwar einen Sklaven, den nicht das Gesetz, nicht mein Recht oder rohe Gewalt, sondern ganz allein die Macht meiner Schönheit und meines Wesens willenlos in meine Hand gibt. Das finde ich pikant. Jedenfalls gehen wir in ein Land, wo man uns nicht kennt, und wo du daher ohne Anstand vor der Welt als mein Diener auftreten kannst. Vielleicht nach Italien, nach Rom oder Neapel.“
** *
Wir saßen auf Wandas Ottomane, sie in der Hermelinjacke, das offene Haar wie eine Löwenmähne über den Rücken, und sie hing an meinen Lippen und sog mir die Seele aus dem Leibe. Mir wirbelte der Kopf, das Blut begann mir zu sieden, mein Herz pochte heftig gegen das ihre.
„Ich will ganz in deiner Hand sein, Wanda,“ rief ich plötzlich, von jenem Taumel der Leidenschaft ergriffen, in dem ich kaum mehr klar denken oder frei beschließen kann, „ohne jede Bedingung, ohne jede Beschränkung deiner Gewalt über mich, ich will mich auf Gnade und Ungnade deiner Willkür überliefern.“ Während ich dies sprach, war ich von der Ottomane zu ihren Füßen herabgesunken und blickte trunken zu ihr empor.
„Wie schön du jetzt bist,“ rief sie, „dein Auge wie in einer Verzückung halb gebrochen, entzückt mich, reißt mich hin, dein Blick müßte wunderbar sein, wenn du totgepeitscht würdest, im Verenden. Du hast das Auge eines Märtyrers.“
** *
Manchmal wird mir doch etwas unheimlich, mich so ganz, so bedingungslos in die Hand eines Weibes zu geben. Wenn sie meine Leidenschaft, ihre Macht mißbraucht?
Nun dann erlebe ich, was seit Kindesbeinen meine Phantasie beschäftigte, mich stets mit süßem Grauen erfüllte. Törichte Besorgnis! Es ist ein mutwilliges Spiel, das sie mit mir treibt, mehr nicht. Sie liebt mich ja, und sie ist so gut, eine noble Natur, jeder Treulosigkeit unfähig; aber es liegt dann in ihrer Hand — sie kann, wenn sie will — welcher Reiz in diesem Zweifel, dieser Furcht.
** *
Jetzt verstehe ich die Manon l’Escault und den armen Chevalier, der sie auch noch als die Maitresse eines anderen, ja auf dem Pranger anbetet.
Die Liebe kennt keine Tugend, kein Verdienst, sie liebt und vergibt und duldet alles, weil sie muß; nicht unser Urteil leitet uns, nicht die Vorzüge oder Fehler, welche wir entdecken, reizen uns zur Hingebung oder schrecken uns zurück.
Es ist eine süße, wehmütige, geheimnisvolle Gewalt, die uns treibt, und wir hören auf zu denken, zu empfinden, zu wollen, wir lassen uns von ihr treiben und fragen nicht wohin?
** *
Auf der Promenade erschien heute zum erstenmal ein russischer Fürst, welcher durch seine athletische Gestalt, seine schöne Gesichtsbildung, den Luxus seines Auftretens allgemeines Aufsehen erregte. Die Damen besonders staunten ihn wie ein wildes Tier an, er aber schritt finster, niemand beachtend, von zwei Dienern, einem Neger ganz in roten Atlas gekleidet und einem Tscherkessen in voller blitzender Rüstung begleitet, durch die Alleen. Plötzlich sah er Wanda, heftete seinen kalten durchdringenden Blick auf sie, ja wendete den Kopf nach ihr, und als sie vorüber war, blieb er stehen und sah ihr nach.
Und sie — sie verschlang ihn nur mit ihren funkelnden grünen Augen — und bot alles auf, ihm wieder zu begegnen.
Die raffinierte Koketterie, mit der sie ging, sich bewegte, ihn ansah, schnürte mir den Hals zusammen. Als wir nach Hause gingen, machte ich eine Bemerkung darüber. Sie runzelte die Stirne.
„Was willst du denn,“ sprach sie, „der Fürst ist ein Mann, der mir gefallen könnte, der mich sogar blendet, und ich bin frei, ich kann tun, was ich will —“
„Liebst du mich denn nicht mehr —“ stammelte ich erschrocken.
„Ich liebe nur dich,“ entgegnete sie, „aber ich werde mir von dem Fürsten den Hof machen lassen.“
„Wanda!“
„Bist du nicht mein Sklave?“ sagte sie ruhig. „Bin ich nicht Venus, die grausame nordische Venus im Pelz?“
Ich schwieg; ich fühlte mich von ihren Worten förmlich zermalmt, ihr kalter Blick drang mir wie ein Dolch in das Herz.
„Du wirst sofort den Namen, die Wohnung, alle Verhältnisse des Fürsten erfragen, verstehst du?“ fuhr sie fort.
„Aber —“
„Keine Einwendung. Gehorche!“ rief Wanda mit einer Strenge, die ich bei ihr nie für möglich gehalten hätte. „Komme mir nicht unter die Augen, ehe du alle meine Fragen beantworten kannst.“
Erst Nachmittag konnte ich Wanda die gewünschten Auskünfte bringen. Sie ließ mich wie einen Bedienten vor sich stehen, während sie mir im Fauteuil zurückgelehnt lächelnd zuhörte. Dann nickte sie, sie schien zufrieden.
„Gib mir den Fußschemel!“ befahl sie kurz.
Ich gehorchte und blieb, nachdem ich ihn vor sie gestellt und sie ihre Füße darauf gesetzt hatte, vor ihr knien.
„Wie wird dies enden?“ fragte ich nach einer kurzen Pause traurig.
Sie brach in ein mutwilliges Gelächter aus. „Es hat ja noch gar nicht angefangen.“
„Du bist herzloser, als ich dachte,“ erwiderte ich verletzt.
„Severin,“ begann Wanda ernst. „Ich habe noch nichts getan, nicht das Geringste, und du nennst mich schon herzlos. Wie wird das werden, wenn ich deine Phantasien erfülle, wenn ich ein lustiges, freies Leben führe, einen Kreis von Anbetern um mich habe, und ganz dein Ideal, dir Fußtritte und Peitschenhiebe gebe?“
„Du nimmst meine Phantasie zu ernst.“
„Zu ernst? Sobald ich sie ausführe, kann ich doch nicht beim Scherze stehen bleiben,“ entgegnete sie, „du weißt, wie verhaßt mir jedes Spiel, jede Komödie ist. Du hast es so gewollt. War es meine Idee oder die deine? Habe ich dich dazu verführt oder hast du meine Einbildung erhitzt? Nun ist es mir allerdings Ernst.“
„Wanda,“ erwiderte ich liebevoll, „höre mich ruhig an. Wir lieben uns so unendlich, wir sind so glücklich, willst du unsere ganze Zukunft einer Laune opfern?“
„Es ist keine Laune mehr!“ rief sie.
„Was denn?“ fragte ich erschrocken.
„Es lag wohl in mir,“ sprach sie ruhig, gleichsam nachsinnend, „vielleicht wäre es nie an das Licht getreten, aber du hast es geweckt, entwickelt, und jetzt, wo es zu einem mächtigen Trieb geworden ist, wo es mich ganz erfüllt, wo ich einen Genuß darin finde, wo ich nicht mehr anders kann und will, jetzt willst du zurück — du — bist du ein Mann?“
„Liebe, teure Wanda!“ ich begann sie zu streicheln, zu küssen.
„Laß mich — du bist kein Mann —“
„Und du!“ brauste ich auf.
„Ich bin eigensinnig,“ sagte sie, „das weißt du. Ich bin nicht im Phantasieren stark und im Ausführen schwach wie du; wenn ich mir etwas vornehme, führe ich es aus, und um so gewisser, je mehr Widerstand ich finde. Laß mich!“
Sie stieß mich von sich und stand auf.
„Wanda!“ Ich erhob mich gleichfalls und stand ihr Aug’ in Auge gegenüber.
„Du kennst mich jetzt,“ fuhr sie fort, „ich warne dich noch einmal. Du hast noch die Wahl. Ich zwinge dich nicht, mein Sklave zu werden.“
„Wanda,“ antwortete ich bewegt, mir traten Tränen in die Augen, „du weißt nicht, wie ich dich liebe.“
Sie zuckte verächtlich die Lippen.
„Du irrst dich, du machst dich häßlicher, als du bist, deine Natur ist viel zu gut, zu nobel —“
„Was weißt du von meiner Natur,“ unterbrach sie mich heftig, „du sollst mich noch kennen lernen.“
„Wanda!“
„Entschließe dich, willst du dich fügen, unbedingt?“
„Und wenn ich nein sage.“
„Dann —“
Sie trat kalt und höhnisch auf mich zu, und wie sie jetzt vor mir stand, die Arme auf der Brust verschränkt, mit dem bösen Lächeln um die Lippen, war sie in der Tat das despotische Weib meiner Phantasie und ihre Züge erschienen hart, und in ihrem Blicke lag nichts, was Güte oder Erbarmen versprach. „Gut —“ sprach sie endlich.
„Du bist böse,“ sagte ich, „du wirst mich peitschen.“
„O nein!“ entgegnete sie, „ich werde dich gehen lassen. Du bist frei. Ich halte dich nicht.“
„Wanda — mich, der dich so liebt —“
„Ja, Sie, mein Herr, der Sie mich anbeten,“ rief sie verächtlich, „aber ein Feigling, ein Lügner, ein Wortbrüchiger sind. Verlassen Sie mich augenblicklich —“
„Wanda! —“
„Mensch!“
Mir stieg das Blut zum Herzen. Ich warf mich zu ihren Füßen und begann zu weinen.
„Noch Tränen!“ sie begann zu lachen. O! Dieses Lachen war furchtbar. „Gehen Sie — ich will Sie nicht mehr sehen.“
„Mein Gott!“ rief ich außer mir. „Ich will ja alles tun, was du befiehlst, dein Sklave sein, deine Sache, mit der du nach Willkür schaltest — nur stoße mich nicht von dir — ich gehe zugrunde — ich kann nicht leben ohne dich,“ ich umfaßte ihre Knie und bedeckte ihre Hand mit Küssen.
„Ja, du mußt Sklave sein, die Peitsche fühlen — denn ein Mann bist du nicht,“ sprach sie ruhig, und das war es, was mir so an das Herz griff, daß sie nicht im Zorne, ja nicht einmal erregt, sondern mit voller Überlegung zu mir sprach. „Ich kenne dich jetzt, deine Hundenatur, die anbetet, wo sie mit Füßen getreten wird und um so mehr, je mehr sie mißhandelt wird. Ich kenne dich jetzt, du aber sollst mich erst kennen lernen.“
Sie ging mit großen Schritten auf und ab, während ich vernichtet auf meinen Knien liegen blieb, das Haupt war mir herabgesunken, die Tränen rannen mir herab.
„Komm zu mir,“ herrschte mir Wanda zu, sich auf der Ottomane niederlassend. Ich folgte ihrem Wink und setzte mich zu ihr. Sie sah mich finster an, dann wurde ihr Auge plötzlich, gleichsam von innen heraus erhellt, sie zog mich lächelnd an ihre Brust und begann mir die Tränen aus den Augen zu küssen.
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Das eben ist das Humoristische meiner Lage, daß ich, wie der Bär in Lilis Park, fliehen kann und nicht will, daß ich alles dulde, sobald sie droht, mir die Freiheit zu geben.
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Wenn sie nur einmal wieder die Peitsche in die Hand nehmen würde! Diese Liebenswürdigkeit, mit der sie mich behandelt, hat etwas Unheimliches für mich. Ich komme mir wie eine kleine, gefangene Maus vor, mit der eine schöne Katze zierlich spielt, jeden Augenblick bereit, sie zu zerreißen, und mein Mausherz droht mir zu zerspringen.
Was hat sie vor? Was wird sie mit mir anfangen?
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Sie scheint den Vertrag, scheint meine Sklaverei vollkommen vergessen zu haben, oder war es wirklich nur Eigensinn, und sie hat den ganzen Plan in demselben Augenblicke aufgegeben, wo ich ihr keinen Widerstand mehr entgegensetzte, wo ich mich ihrer souveränen Laune beugte?
Wie gut sie jetzt gegen mich ist, wie zärtlich, wie liebevoll. Wir verleben selige Tage.
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Heute ließ sie mich die Szene zwischen Faust und Mephistopheles lesen, in welcher letzterer als fahrender Skolast erscheint; ihr Blick hing mit seltsamer Befriedigung an mir.
„Ich verstehe nicht,“ sprach sie, als ich geendet hatte, „wie ein Mann große und schöne Gedanken im Vortrage so wunderbar klar, so scharf, so vernünftig auseinandersetzen und dabei ein solcher Phantast, ein übersinnlicher Schlemihl sein kann.“
„Warst du zufrieden,“ sagte ich und küßte ihre Hand.
Sie strich mir freundlich über die Stirne. „Ich liebe dich, Severin,“ flüsterte sie, „ich glaube, ich könnte keinen anderen Mann mehr lieben. Wir wollen vernünftig sein, willst du?“
Statt zu antworten, schloß ich sie in meine Arme; ein tief inniges, wehmütiges Glück erfüllte meine Brust, meine Augen wurden naß, eine Träne fiel auf ihre Hand herab.
„Wie kannst du weinen!“ rief sie, „du bist ein Kind.“
** *
Wir begegneten bei einer Spazierfahrt dem russischen Fürsten im Wagen. Er war offenbar unangenehm überrascht, mich an Wandas Seite zu sehen und schien sie mit seinen elektrischen, grauen Augen durchbohren zu wollen, sie aber — ich hätte in diesem Augenblicke vor ihr niederknien und ihre Füße küssen mögen — sie schien ihn nicht zu bemerken, sie ließ ihren Blick gleichgültig über ihn gleiten, wie über einen leblosen Gegenstand, einen Baum etwa, und wendete sich dann mit ihrem liebreizenden Lächeln zu mir.
** *
Als ich ihr heute gute Nacht sagte, schien sie mir plötzlich ohne jeden Anlaß zerstreut und verstimmt. Was sie wohl beschäftigen mochte?
„Mir ist leid, daß du gehst,“ sagte sie, als ich schon auf der Schwelle stand.
„Es liegt ja nur bei dir, die schwere Zeit meiner Prüfung abzukürzen, gib es auf, mich zu quälen —“ flehte ich.
„Du nimmst also nicht an, daß dieser Zwang auch für mich eine Qual ist,“ warf Wanda ein.
„So ende sie,“ rief ich, sie umschlingend, „werde mein Weib.“
„Nie, Severin,“ sprach sie sanft, aber mit großer Festigkeit.
„Was ist das?“
Ich war bis an das Innerste meiner Seele erschrocken.
„Du bist kein Mann für mich.“
Ich sah sie an, zog meinen Arm, welcher noch immer um ihre Taille lag, langsam zurück und verließ das Gemach, und sie — sie rief mich nicht zurück.
** *
Eine schlaflose Nacht, ich habe so und so viel Entschlüsse gefaßt und wieder verworfen. Am Morgen schrieb ich einen Brief, worin ich unser Verhältnis für gelöst erklärte. Mir zitterte die Hand dabei, und wie ich ihn siegelte, verbrannte ich mir die Finger.
Als ich die Treppe emporstieg, um ihn dem Stubenmädchen zu übergeben, drohten mir die Knie zu brechen.
Da öffnete sich die Türe und Wanda steckte den Kopf voll Papilloten heraus.
„Ich bin noch nicht frisiert,“ sprach sie lächelnd. „Was haben Sie da?“
„Einen Brief —“
„An mich?“
Ich nickte.
„Ah! Sie wollen mit mir brechen,“ rief sie spöttisch.
„Haben Sie nicht gestern erklärt, daß ich kein Mann für Sie bin?“
„Ich wiederhole es Ihnen,“ sprach sie.
„Also,“ ich zitterte am ganzen Leibe, die Stimme versagte mir, ich reichte ihr den Brief.
„Behalten Sie ihn,“ sagte sie, mich kalt betrachtend, „Sie vergessen, daß ja gar nicht mehr davon die Rede ist, ob sie mir als Mann genügen oder nicht, und zum Sklaven sind Sie jedenfalls gut genug.“
„Gnädige Frau!“ rief ich empört.
„Ja, so haben Sie mich in Zukunft zu nennen,“ erwiderte Wanda, den Kopf mit unsäglicher Geringschätzung emporwerfend, „ordnen Sie Ihre Angelegenheiten binnen vierundzwanzig Stunden, ich reise übermorgen nach Italien, und Sie begleiten mich als mein Diener.“
„Wanda —“
„Ich verbitte mir jede Vertraulichkeit,“ sagte sie, mir scharf das Wort abschneidend, „ebenso, daß Sie, ohne daß ich rufe oder klingle, bei mir eintreten und zu mir sprechen, ohne von mir angeredet zu sein. Sie heißen von nun an nicht mehr Severin, sondern Gregor.“
Ich bebte vor Wut und doch — ich kann es leider nicht leugnen — auch vor Genuß und prickelnder Aufregung.
„Aber, Sie kennen doch meine Verhältnisse, gnädige Frau,“ begann ich verwirrt, „ich bin noch von meinem Vater abhängig und zweifle, daß er mir eine so große Summe als ich zu dieser Reise brauche —“
„Das heißt, du hast kein Geld, Gregor,“ bemerkte Wanda vergnügt, „um so besser, dann bist du vollkommen von mir abhängig und in der Tat mein Sklave.“
„Sie bedenken nicht,“ versuchte ich einzuwenden, „daß ich als Mann von Ehre unmöglich —“
„Ich habe wohl bedacht,“ erwiderte sie fast im Tone des Befehls, „daß Sie als Mann von Ehre vor allem Ihren Schwur, Ihr Wort einzulösen haben, mir als Sklave zu folgen, wohin ich es gebiete, und mir in allem zu gehorchen, was ich auch befehlen mag. Nun geh, Gregor!“
Ich wendete mich zur Türe.
„Noch nicht — du darfst mir vorher die Hand küssen,“ damit reichte sie mir dieselbe mit einer gewissen stolzen Nachlässigkeit zum Kusse, und ich — ich Dilettant — ich Esel — ich elender Sklave — preßte sie mit heftiger Zärtlichkeit an meine von Hitze und Erregung trockenen Lippen.
Noch ein gnädiges Kopfnicken.
Dann war ich entlassen.
** *
Ich brannte noch spät am Abend Licht und Feuer im großen, grünen Ofen, denn ich hatte noch manches an Briefen und Schriften zu ordnen, und der Herbst war, wie es gewöhnlich bei uns der Fall ist, auf einmal mit voller Gewalt hereingebrochen.
Plötzlich klopfte sie mit dem Stiel der Peitsche an mein Fenster.
Ich öffnete und sah sie draußen stehen in ihrer mit Hermelin besetzten Jacke und einer hohen, runden Kosakenmütze von Hermelin, in der Art, wie sie die große Katharina zu tragen liebte.
„Bist du bereit, Gregor?“ fragte sie finster.
„Noch nicht, Herrin,“ entgegnete ich.
„Das Wort gefällt mir,“ sagte sie hierauf, „du darfst mich immer Herrin nennen, verstehst du? Morgen früh um 9 Uhr fahren wir hier fort. Bis zur Kreisstadt bist du mein Begleiter, mein Freund, von dem Augenblicke, wo wir in den Waggon steigen, — mein Sklave, mein Diener. Nun schließe das Fenster und öffne die Türe.“
Nachdem ich getan, wie sie geheißen, und sie hereingetreten war, fragte sie, die Brauen spöttisch zusammenziehend, „nun, wie gefall’ ich dir?“
„Du —“
„Wer hat dir das erlaubt,“ sie gab mir einen Hieb mit der Peitsche.
„Sie sind wunderbar schön, Herrin.“
Wanda lächelte und setzte sich in meinen Lehnstuhl. „Knie hier nieder — hier neben meinem Sessel.“
Ich gehorchte.
„Küss’ mir die Hand.“
Ich faßte ihre kleine kalte Hand und küßte sie.
„Und den Mund —“
Ich schlang meine Arme in leidenschaftlicher Aufwallung um die schöne, grausame Frau und bedeckte ihr Antlitz, Mund und Büste mit glühenden Küssen, und sie gab sie mir mit gleichem Feuer zurück — die Lider wie im Traum geschlossen — bis nach Mitternacht.
** *
Pünktlich um 9 Uhr morgens, wie sie es befohlen hatte, war alles zur Abreise bereit, und wir verließen in einer bequemen Kalesche das kleine Karpathenbad, in dem sich das interessanteste Drama meines Lebens zu einem Knoten geschürzt hatte, dessen Auflösung damals kaum von jemandem geahnt werden konnte.

Noch ging alles gut. Ich saß an Wandas Seite, und sie plauderte auf das Liebenswürdigste und Geistreichste mit mir, wie mit einem guten Freunde, über Italien, über Pisemskis neuen Roman und Wagnerische Musik. Sie trug auf der Reise eine Art Amazone, ein Kleid von schwarzem Tuche und eine kurze Jacke von gleichem Stoffe mit dunklem Pelzbesatz, welche sich knapp an ihre schlanken Formen schlossen und dieselben prächtig hoben, darüber einen dunklen Reisepelz. Das Haar, in einen antiken Knoten geschlungen, ruhte unter einer kleinen dunklen Pelzmütze, von welcher ein schwarzer Schleier ringsum herabfiel. Wanda war sehr gut aufgelegt, steckte mir Bonbons in den Mund, frisierte mich, löste mein Halstuch und schlang es in eine reizende, kleine Masche, deckte ihren Pelz über meine Knie, um dann verstohlen die Finger meiner Hand zusammenzupressen, und wenn unser jüdischer Kutscher einige Zeit konsequent vor sich hinnickte, gab sie mir sogar einen Kuß und ihre kalten Lippen hatten dabei jenen frischen, frostigen Duft einer jungen Rose, welche im Herbste einsam zwischen kahlen Stauden und gelben Blättern blüht, und deren Kelch der erste Reif mit kleinen, eisigen Diamanten behangen hat.
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Das ist die Kreisstadt. Wir steigen vor dem Bahnhofe aus. Wanda wirft ihren Pelz ab und mir mit einem reizenden Lächeln über den Arm, dann geht sie die Karten lösen.
Wie sie zurückkehrt, ist sie vollkommen verändert.
„Hier ist dein Billett, Gregor,“ spricht sie in dem Tone, in welchem hochmütige Damen zu ihren Lakaien sprechen.
„Ein Billett dritter Klasse,“ erwidere ich mit komischem Entsetzen.
„Natürlich,“ fährt sie fort, „nun gib aber acht, du steigst erst dann ein, wenn ich im Coupé bin und deiner nicht mehr bedarf. Auf jeder Station hast du zu meinem Waggon zu eilen und nach meinen Befehlen zu fragen. Versäume dies ja nicht. Und nun gib mir meinen Pelz.“
Nachdem ich ihr demütig wie ein Sklave hineingeholfen, suchte sie, von mir gefolgt, ein leeres Coupé erster Klasse auf, sprang auf meine Schulter gestützt hinein und ließ sich von mir die Füße in Bärenfelle einhüllen und auf die Wärmflasche setzen.
Dann nickte sie mir zu und entließ mich. Ich stieg langsam in einen Waggon dritter Klasse, der mit dem niederträchtigsten Tabaksqualm, wie die Vorhölle mit dem Nebel des Acheron gefüllt war, und hatte nun Muße, über die Rätsel des menschlichen Daseins nachzudenken, und über das größte dieser Rätsel — das Weib.
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So oft der Zug hält, springe ich heraus, laufe zu ihrem Waggon und erwarte mit abgezogener Mütze ihre Befehle. Sie wünscht bald einen Kaffee, bald ein Glas Wasser, einmal ein kleines Souper, ein anderesmal ein Becken mit warmem Wasser, um sich die Hände zu waschen, so geht es fort, sie läßt sich von ein paar Kavalieren, die in ihr Coupé gestiegen sind, den Hof machen; ich sterbe vor Eifersucht und muß Sätze machen wie ein Springbock, um jedesmal das Verlangte rasch zur Stelle zu schaffen und den Zug nicht zu versäumen. So bricht die Nacht herein. Ich kann weder einen Bissen essen noch schlafen, atme dieselbe verzwiebelte Luft mit polnischen Bauern, Handelsjuden und gemeinen Soldaten, und sie liegt, wenn ich die Stufen ihres Coupé ersteige, in ihrem behaglichen Pelz auf den Polstern ausgestreckt, mit den Tierfellen bedeckt, eine orientalische Despotin, und die Herren sitzen gleich indischen Göttern aufrecht an der Wand und wagen kaum zu atmen.
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In Wien, wo sie einen Tag bleibt, um Einkäufe zu machen, und vor allem eine Reihe luxuriöser Toiletten anzuschaffen, fährt sie fort, mich als ihren Bedienten zu behandeln. Ich gehe hinter ihr, respektvoll zehn Schritte entfernt, sie reicht mir, ohne mich nur eines freundlichen Blickes zu würdigen, die Pakete und läßt mich zuletzt wie einen Esel beladen nachkeuchen.
Vor der Abfahrt nimmt sie alle meine Kleider, um sie an die Kellner des Hotels zu verschenken, und befiehlt mir, ihre Livree anzuziehen, ein Krakusenkostüm in ihren Farben, hellblau mit rotem Aufschlag und viereckiger, roter Mütze, mit Pfauenfedern verziert, das mir gar nicht übel steht.
Die silbernen Knöpfe tragen ihr Wappen. Ich habe das Gefühl, als wäre ich verkauft oder hätte meine Seele dem Teufel verschrieben.
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Mein schöner Teufel führte mich in einer Tour von Wien bis Florenz, statt der leinenen Masuren und fettlockigen Juden leisten mir jetzt krausköpfige Contadini, ein prächtiger Sergeant des ersten italienischen Grenadierregiments und ein armer deutscher Maler, Gesellschaft. Der Tabakdampf riecht jetzt nicht mehr nach Zwiebel, sondern nach Salami und Käse.
Es ist wieder Nacht geworden. Ich liege auf meinem hölzernen Ruhebette auf der Folter, Arme und Beine sind mir wie zerbrochen. Aber poetisch ist die Geschichte doch, die Sterne funkeln ringsum, der Sergeant hat ein Gesicht wie Apollo von Belvedere, und der deutsche Maler singt ein wunderbares deutsches Lied:
„Nun alle Schatten dunkeln Und Stern auf Stern erwacht, Welch Hauch der heißen Sehnsucht Flutet durch die Nacht!“ „Durch das Meer der Träume Steuert ohne Ruh’, Steuert meine Seele Deiner Seele zu.“
Und ich denke an die schöne Frau, die königlich ruhig in ihren weichen Pelzen schläft.
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Florenz! Getümmel, Geschrei, zudringliche Fachini und Fiaker. Wanda wählt einen Wagen und weist die Träger ab.
„Wozu hätte ich denn einen Diener,“ spricht sie, „Gregor — hier ist der Schein — hole das Gepäck.“
Sie wickelt sich in ihren Pelz und sitzt ruhig im Wagen, während ich die schweren Koffer, einen nach dem anderen herbeitrage. Unter dem letzten breche ich einen Augenblick zusammen, ein freundlicher Carabiniere mit intelligentem Gesicht steht mir bei. Sie lacht.
„Der muß schwer sein,“ sagte sie, „denn in dem sind alle meine Pelze.“
Ich steige auf den Bock und wische mir die hellen Tropfen von der Stirne. Sie nennt das Hotel, der Fiaker treibt sein Pferd an. In wenigen Minuten halten wir vor der glänzend erleuchteten Einfahrt.
„Sind Zimmer da?“ fragt sie den Portier.
„Ja, Madame.“
„Zwei für mich, eines für meinen Diener, alle mit Öfen.“
„Zwei elegante, Madame, beide mit Kaminen für Sie,“ entgegnete der Garçon, der herbeigeeilt ist, „und eines ohne Heizung für den Bedienten.“
„Zeigen Sie mir die Zimmer.“
Sie besichtigt sie, dann sagt sie kurzweg: „Gut. Ich bin zufrieden, machen Sie nur rasch Feuer, der Diener kann im ungeheizten Zimmer schlafen.“
Ich sehe sie nur an.
„Bringe die Koffer herauf, Gregor,“ befiehlt sie, ohne meine Blicke zu beachten, „ich mache indes Toilette und gehe in den Speisesaal hinab. Du kannst dann auch etwas zu Nacht essen.“
Während sie in das Nebenzimmer geht, schleppe ich die Koffer herauf, helfe dem Garçon, der mich über meine „Herrschaft“ in schlechtem Französisch auszufragen versucht, in ihrem Schlafzimmer Feuer machen und sehe einen Augenblick mit stillem Neide den flackernden Kamin, das duftige, weiße Himmelbett, die Teppiche, mit denen der Boden belegt ist. Dann steige ich müde und hungrig eine Treppe hinab und verlange etwas zu essen. Ein gutmütiger Kellner, der österreichischer Soldat war und sich alle Mühe gibt, mich deutsch zu unterhalten, führt mich in den Speisesaal und bedient mich. Eben habe ich nach sechsunddreißig Stunden den ersten frischen Trunk getan, den ersten warmen Bissen auf der Gabel, als sie hereintritt.
Ich erhebe mich.

„Wie können Sie mich in ein Speisezimmer führen, in dem mein Bedienter ißt,“ fährt sie den Garçon an, vor Zorn flammend, dreht sich um und geht hinaus.
Ich danke indes dem Himmel, daß ich wenigstens ruhig weiteressen kann. Hierauf steige ich vier Treppen zu meinem Zimmer empor, in dem bereits mein kleiner Koffer steht und ein schmutziges Öllämpchen brennt, es ist ein schmales Zimmer ohne Kamin, ohne Fenster, mit einem kleinen Luftloch. Es würde mich — wenn es nicht so hundekalt wäre — an die venetianischen Bleikammern erinnern. Ich muß unwillkürlich laut lachen, so daß es widerhallt und ich über mein eigenes Gelächter erschrecke.
Plötzlich wird die Türe aufgerissen und der Garçon mit einer theatralischen Geste, echt italienisch, ruft: „Sie sollen zu Madame hinabkommen, augenblicklich!“ Ich nehme meine Mütze, stolpere einige Stufen hinab, komme endlich glücklich im ersten Stockwerke vor ihrer Türe an und klopfe.
„Herein!“
** *
Ich trete ein, schließe und bleibe an der Türe stehen.
Wanda hat es sich bequem gemacht, sie sitzt im Negligé von weißer Mousseline und Spitzen auf einem kleinen, roten Samtdiwan, die Füße auf einem Polster von gleichem Stoffe und hat ihren Pelzmantel umgeworfen, denselben, in dem sie mir zuerst als Göttin der Liebe erschien.
Die gelben Lichter der Armleuchter, die auf dem Trumeau stehen, ihre Reflexe in dem großen Spiegel und die roten Flammen des Kaminfeuers spielen herrlich auf dem grünen Samt, dem dunkelbraunen Zobel des Mantels, auf der weißen, glatt gespannten Haut und in dem roten, flammenden Haare der schönen Frau, welche mir ihr helles, aber kaltes Antlitz zukehrt und ihre kalten, grünen Augen auf mir ruhen läßt.
„Ich bin mit dir zufrieden, Gregor,“ begann sie.
Ich verneigte mich.
„Komm näher.“
Ich gehorchte.
„Noch näher,“ sie blickte hinab und strich mit der Hand über den Zobel. „Venus im Pelz empfängt ihren Sklaven. Ich sehe, daß Sie doch mehr sind als ein gewöhnlicher Phantast, Sie bleiben mindestens hinter Ihren Träumen nicht zurück, Sie sind der Mann, was Sie sich auch einbilden mögen, und wäre es das Tollste, auszuführen; ich gestehe, das gefällt mir, das imponiert mir. Es liegt Stärke darin, und nur die Stärke achtet man. Ich glaube sogar, Sie würden in ungewöhnlichen Verhältnissen, in einer großen Zeit, das was Ihre Schwäche scheint, als eine wunderbare Kraft offenbaren. Unter den ersten Kaisern wären Sie ein Märtyrer, zur Zeit der Reformation ein Anabaptist, in der französischen Revolution einer jener begeisterten Girondisten geworden, die mit der Marseillaise auf den Lippen die Guillotine bestiegen. So aber sind Sie mein Sklave, mein —“
Sie sprang plötzlich auf, so daß der Pelz herabsank, und schlang die Arme mit sanfter Gewalt um meinen Hals.
„Mein geliebter Sklave, Severin, o! wie ich dich liebe, wie ich dich anbete, wie schmuck du in dem Krakauerkostüme aussiehst, aber du wirst heute Nacht frieren in dem elenden Zimmer da oben ohne Kamin, soll ich dir meinen Pelz geben, mein Herzchen, den großen da —“
Sie hob ihn rasch auf, warf ihn mir auf die Schultern und hatte mich, ehe ich mich versah, vollkommen darin eingewickelt.
„Ah! wie gut das Pelzwerk dir zu Gesichte steht, deine noblen Züge treten erst recht hervor. Sobald du nicht mehr mein Sklave bist, wirst du einen Samtrock tragen mit Zobel, verstehst du, sonst ziehe ich nie mehr eine Pelzjacke an —“
Und wieder begann sie mich zu streicheln, zu küssen und zog mich endlich auf den kleinen Samtdiwan nieder.
„Du gefällst dir, glaube ich, in dem Pelze,“ sagte sie, „gib ihn mir, rasch, rasch, sonst verliere ich ganz das Gefühl meiner Würde.“
Ich legte den Pelz um sie, und Wanda schlüpfte mit dem rechten Arme in den Ärmel.
„So ist es auf dem Bilde von Titian. Nun aber genug des Scherzes. Sieh doch nicht immer so unglücklich drein, das macht mich traurig, du bist ja vorläufig nur für die Welt mein Diener, mein Sklave bist du noch nicht, du hast den Vertrag noch nicht unterzeichnet, du bist noch frei, kannst mich jeden Augenblick verlassen; du hast deine Rolle herrlich gespielt. Ich war entzückt, aber hast du es nicht schon satt, findest du mich nicht abscheulich? Nun, so sprich doch — ich befehle es dir.“
„Muß ich es dir gestehen, Wanda?“ begann ich.
„Ja, du mußt.“
„Und wenn du es dann auch mißbrauchst,“ fuhr ich fort, „ich bin verliebter als je in dich, und ich werde dich immer mehr, immer fanatischer verehren, anbeten, je mehr du mich mißhandelst, so wie du jetzt gegen mich warst, entzündest du mein Blut, berauschest du alle meine Sinne“ — ich preßte sie an mich und hing einige Augenblicke an ihren feuchten Lippen — „du schönes Weib,“ rief ich dann, sie betrachtend, und riß in meinem Enthusiasmus den Zobelpelz von ihren Schultern und preßte meinen Mund auf ihren Nacken.
„Du liebst mich also, wenn ich grausam bin,“ sprach Wanda, „geh jetzt! — du langweilst mich — hörst du nicht —“
Sie gab mir eine Ohrfeige, daß es mir in dem Auge blitzte und im Ohr läutete.
„Hilf mir in meinen Pelz, Sklave.“
Ich half, so gut ich konnte.
„Wie ungeschickt,“ rief sie, und kaum hatte sie ihn an, schlug sie mich wieder ins Gesicht. Ich fühlte es, wie ich mich entfärbte.
„Habe ich dir weh getan?“ fragte sie und legte die Hand sanft auf mich.
„Nein, nein,“ rief ich.
„Du darfst dich allerdings nicht beklagen, du willst es ja so; nun, gib mir noch einen Kuß.“
Ich schlang die Arme um sie, und ihre Lippen sogen sich an den meinen fest, und wie sie in dem großen, schweren Pelze an meiner Brust lag, hatte ich ein seltsames, beklemmendes Gefühl, wie wenn mich ein wildes Tier, eine Bärin umarmen würde, und mir war es, als müßte ich jetzt ihre Krallen in meinem Fleische fühlen. Aber für diesmal entließ mich die Bärin gnädig.
Die Brust von lachenden Hoffnungen erfüllt, stieg ich in mein elendes Bedientenzimmer und warf mich auf mein hartes Bett.
„Das Leben ist doch eigentlich urkomisch,“ dachte ich mir, „vor kurzem hat noch das schönste Weib, Venus selbst, an deiner Brust geruht, und jetzt hast du Gelegenheit, die Hölle der Chinesen zu studieren, welche die Verdammten nicht, gleich uns, in die Flammen werfen, sondern durch die Teufel auf Eisfelder treiben lassen.
Wahrscheinlich haben ihre Religionsstifter auch in ungeheizten Zimmern geschlafen.“
** *
Ich bin heute Nacht mit einem Schrei aus dem Schlafe aufgeschreckt, ich habe von einem Eisfelde geträumt, auf dem ich mich verirrt hatte und vergebens den Ausweg suchte. Plötzlich kam ein Eskimo in einem mit Renntier bespannten Schlitten und hatte das Gesicht des Garçons, der mir das ungeheizte Zimmer angewiesen.
„Was suchen Sie hier, Monsieur?“ rief er, „hier ist der Nordpol.“
Im nächsten Augenblicke war er verschwunden, und Wanda flog auf kleinen Schlittschuhen über die Eisfläche heran, ihr weißer Atlasrock flatterte und knisterte, der Hermelin ihrer Jacke und Mütze, vor allem aber ihr Antlitz schimmerte weißer als der weiße Schnee, sie schoß auf mich zu, schloß mich in ihre Arme und begann mich zu küssen, plötzlich fühlte ich mein Blut warm an mir herabrieseln.
„Was tust du?“ fragte ich entsetzt.
Sie lachte, und wie ich sie jetzt ansah, war es nicht mehr Wanda, sondern eine große, weiße Bärin, welche ihre Tatzen in meinen Leib bohrte.
Ich schrie verzweifelt auf und hörte ihr teuflisches Gelächter noch, als ich erwacht war und erstaunt im Zimmer herumsah.
** *
Früh am Morgen stand ich bereits an Wandas Türe, und als der Garçon den Kaffee brachte, nahm ich ihm denselben und servierte ihn meiner schönen Herrin. Sie hatte bereits Toilette gemacht und sah prächtig aus, frisch und rosig, lächelte mir freundlich zu und rief mich zurück, als ich mich respektvoll entfernen wollte.
„Nimm auch rasch dein Frühstück, Gregor,“ sprach sie, „wir gehen dann sofort Wohnungen suchen, ich will so kurz als möglich im Hotel bleiben, hier sind wir furchtbar geniert, und wenn ich etwas länger mit dir plaudre, heißt es gleich: die Russin hat mit ihrem Bedienten ein Liebesverhältnis, man sieht, die Rasse der Katharina stirbt nicht aus.“
Eine halbe Stunde später gingen wir aus, Wanda in ihrem Tuchkleide, ihrer russischen Mütze, ich in meinem Krakauerkostüm. Wir erregten Aufsehen. Ich ging etwa zehn Schritte entfernt hinter ihr und machte ein finsteres Gesicht, während ich jede Sekunde in lautes Lachen auszubrechen fürchtete. Es gab kaum eine Straße, in der nicht an einem der hübschen Häuser eine kleine Tafel mit dem „Camere ammobiliate“ prangte. Wanda sendete mich jedesmal die Treppe hinauf, und nur wenn ich die Meldung machte, daß die Wohnung ihren Absichten zu entsprechen scheine, stieg sie selbst empor. So war ich um Mittag herum bereits so müde, wie ein Jagdhund nach einer Parforcejagd.
Wieder traten wir in ein Haus und wieder verließen wir es, ohne eine passende Wohnung gefunden zu haben. Wanda war bereits etwas ärgerlich. Plötzlich sagte sie zu mir: „Severin, der Ernst, mit dem du deine Rolle spielst, ist reizend, und der Zwang, den wir uns auferlegt haben, regt mich geradezu auf, ich halte es nicht mehr aus, du bist zu lieb, ich muß dir einen Kuß geben. Komm in ein Haus hinein.“
„Aber gnädige Frau —“ wendete ich ein.
„Gregor!“ sie trat in die nächste offene Flur, ging einige Stufen der dunklen Stiege hinauf, schlang dann mit heißer Zärtlichkeit die Arme um mich und küßte mich.

„Ach! Severin, du warst sehr klug, du bist als Sklave weit gefährlicher, als ich dachte, ja, ich finde dich unwiderstehlich, ich fürchte, ich werde mich noch einmal in dich verlieben.“
„Liebst du mich denn nicht mehr?“ fragte ich, von einem jähen Schrecken ergriffen.
Sie schüttelte ernsthaft den Kopf, küßte mich aber wieder mit ihren schwellenden, köstlichen Lippen.
Wir kehrten in das Hotel zurück. Wanda nahm das Gabelfrühstück und gebot mir, ebenfalls rasch etwas zu essen.
Ich wurde aber selbstverständlich nicht so rasch bedient wie sie, und so geschah es, daß ich eben den zweiten Bissen meines Beefsteaks zum Munde führte, als der Garçon eintrat und mit seiner theatralischen Geste rief: „Augenblicklich zu Madame.“
Ich nahm einen raschen und schmerzlichen Abschied von meinem Frühstück und eilte müde und hungrig Wanda nach, welche bereits in der Straße stand.
„Für so grausam habe ich Sie doch nicht gehalten, Herrin,“ sagte ich vorwurfsvoll, „daß Sie mich nach allen diesen Fatiguen nicht einmal ruhig essen lassen.“
Wanda lachte herzlich. „Ich dachte, du bist fertig,“ sprach sie, „aber es ist auch so gut. Der Mensch ist zum Leiden geboren und du ganz besonders. Die Märtyrer haben auch keine Beefsteaks gegessen.“
Ich folgte ihr grollend, in meinen Hunger verbissen.
„Ich habe die Idee, eine Wohnung in der Stadt zu nehmen, aufgegeben,“ fuhr Wanda fort, „man findet schwer ein ganzes Stockwerk, in dem man abgeschlossen ist und tun kann, was man will. Bei einem so seltsamen, phantastischen Verhältnisse, wie es das unsere ist, muß alles zusammenstimmen. Ich werde eine ganze Villa mieten und — nun, warte nur, du wirst staunen. Ich erlaube dir jetzt, dich satt zu essen und dich dann etwas in Florenz umzusehen. Vor dem Abend komme ich nicht nach Hause. Wenn ich dich dann brauche, werde ich dich schon rufen lassen.“
** *
Ich habe den Dom gesehen, den Palazzo vecchio, die Loggia di Lanzi und bin dann lange am Arno gestanden. Immer wieder ließ ich meinen Blick auf dem herrlichen, altertümlichen Florenz ruhen, dessen runde Kuppeln und Türme sich weich in den blauen, wolkenlosen Himmel zeichneten, auf den prächtigen Brücken, durch deren weite Bogen der schöne, gelbe Fluß seine lebhaften Wellen trieb, auf den grünen Hügeln, welche, schlanke Zypressen und weitläufige Gebäude, Paläste oder Klöster tragend, die Stadt umgeben.
Es ist eine andere Welt, in der wir uns befinden, eine heitere, sinnliche und lachende. Auch die Landschaft hat nichts von dem Ernst, der Schwermut der unseren. Da ist weithin, bis zu den letzten weißen Villen, die im hellgrünen Gebirge zerstreut sind, kein Fleckchen, das die Sonne nicht in das hellste Licht setzen würde, und die Menschen sind weniger ernst wie wir, und mögen weniger denken, sie sehen aber alle aus, wie wenn sie glücklich wären.
Man behauptet auch, daß man im Süden leichter stirbt.
Mir ahnt jetzt, daß es eine Schönheit gibt ohne Stachel und eine Sinnlichkeit ohne Qual.
Wanda hat eine allerliebste kleine Villa auf einem der reizenden Hügel an dem linken Ufer des Arno, gegenüber der Cascine, entdeckt und für den Winter gemietet. Dieselbe liegt in einem hübschen Garten mit reizenden Laubgängen, Grasplätzen und einer herrlichen Camelienflur. Sie hat nur ein Stockwerk und ist im italienischen Stile im Viereck erbaut; die eine Front entlang läuft eine offene Galerie, eine Art Loggia mit Gypsabgüssen antiker Statuen, von der steinerne Stufen in den Garten hinabführen. Aus der Galerie gelangt man in ein Badezimmer mit einem herrlichen Marmorbassin, aus dem eine Wendeltreppe in das Schlafgemach der Herrin führt.
Wanda bewohnt das erste Stockwerk allein.
Mir wurde ein Zimmer ebener Erde angewiesen, es ist sehr hübsch und hat sogar einen Kamin.
Ich habe den Garten durchstreift und auf einem runden Hügel einen kleinen Tempel entdeckt, dessen Tor ich verschlossen fand; aber das Tor hat eine Ritze, und wie ich das Auge an dieselbe lege, sehe ich auf weißem Piedestal die Liebesgöttin stehen.
Mich ergreift ein leiser Schauer. Mir ist, als lächle sie mir zu: „Bist du da? Ich habe dich erwartet.“
** *
Es ist Abend. Eine hübsche kleine Zofe bringt mir den Befehl, vor der Herrin zu erscheinen. Ich steige die breite Marmortreppe empor, gehe durch den Vorsaal, einen großen mit verschwenderischer Pracht eingerichteten Salon und klopfe an die Türe des Schlafgemachs. Ich klopfe sehr leise, denn der Luxus, den ich überall entfaltet sehe, beängstigt mich, und so werde ich nicht gehört und stehe einige Zeit vor der Türe. Mir ist zumute, als stände ich vor dem Schlafgemach der großen Katharina und als müßte sie jeden Augenblick im grünen Schlafpelz mit dem roten Ordensbande auf der bloßen Brust und mit ihren kleinen, weißen, gepuderten Löckchen heraustreten.
Ich klopfe wieder. Wanda reißt ungeduldig den Flügel auf.
„Warum so spät?“ fragt sie.
„Ich stand vor der Türe, du hast mein Klopfen nicht gehört,“ entgegne ich schüchtern. Sie schließt die Türe, hängt sich in mich ein und führt mich zu der rotdamastenen Ottomane, auf der sie geruht hat. Die ganze Einrichtung des Zimmers, Tapeten, Vorhänge, Portieren, Himmelbett, alles ist von rotem Damast, und die Decke bildet ein herrliches Gemälde, Simson und Delila.
Wanda empfängt mich in einem betörenden Deshabillee, das weiße Atlasgewand fließt leicht und malerisch an ihrem schlanken Leib herab und läßt Arme und Büste bloß, welche sich weich und nachlässig in die dunklen Felle des großen grünsamtenen Zobelpelzes schmiegen. Ihr rotes Haar fällt, halb offen, von Schnüren schwarzer Perlen gehalten, über den Rücken bis zur Hüfte herab.
„Venus im Pelz,“ flüstre ich, während sie mich an ihre Brust zieht und mit ihren Küssen zu ersticken droht. Dann spreche ich kein Wort mehr und denke auch nicht mehr, alles geht unter in einem Meere niegeahnter Seligkeit.
Wanda machte sich endlich sanft los und betrachtete sich, auf den einen Arm gestützt. Ich war zu ihren Füßen herabgesunken, sie zog mich an sich und spielte mit meinem Haare.
„Liebst du mich noch?“ fragte sie, ihr Auge verschwamm in süßer Leidenschaft.
„Du fragst!“ rief ich.
„Erinnerst du dich noch deines Schwures,“ fuhr sie mit einem reizenden Lächeln fort, „nun, da alles eingerichtet, alles bereit ist, frage ich dich noch einmal: ist es wirklich dein Ernst, mein Sklave zu werden?“
„Bin ich es denn nicht bereits?“ fragte ich erstaunt.
„Du hast die Dokumente noch nicht unterschrieben.“
„Dokumente — was für Dokumente?“
„Ah! ich sehe, du denkst nicht mehr daran,“ sagte sie, „also lassen wir es bleiben.“
„Aber Wanda,“ sprach ich, „du weißt ja, daß ich keine größere Seligkeit kenne, als dir zu dienen, dein Sklave zu sein, und daß ich alles um das Gefühl geben würde, mich ganz in deiner Hand zu wissen, mein Leben sogar —“
„Wie du schön bist,“ flüsterte sie, „wenn du so begeistert bist, wenn du so leidenschaftlich sprichst. Ach! ich bin mehr als je in dich verliebt und da soll ich herrisch sein gegen dich und strenge und grausam, ich fürchte, ich werde es nicht können.“
„Mir ist nicht bange darum,“ entgegnete ich lächelnd, „wo hast du also die Dokumente?“
„Hier,“ sie zog sie halb verschämt aus ihrem Busen hervor und reichte sie mir.
„Damit du das Gefühl hast, ganz in meiner Hand zu sein, habe ich noch ein zweites Dokument aufgesetzt, in welchem du erklärst, daß du entschlossen bist, dir das Leben zu nehmen. Ich kann dich dann sogar töten, wenn ich will.“
„Gib.“
Während ich die Dokumente entfaltete und zu lesen begann, holte Wanda Tinte und Feder, dann setzte sie sich zu mir, legte den Arm um meinen Nacken und blickte über meine Schultern in das Papier.
Das erste lautete:
Vertrag zwischen Frau Wanda von Dunajew und Herrn Severin von Kusiemski.
Herr Severin von Kusiemski hört mit dem heutigen Tage auf, der Bräutigam der Frau Wanda von Dunajew zu sein und verzichtet auf alle seine Rechte als Geliebter; er verpflichtet sich dagegen mit seinem Ehrenworte als Mann und Edelmann, fortan der Sklave derselben zu sein und zwar so lange sie ihm nicht selbst die Freiheit zurückgibt.
Er hat als der Sklave der Frau von Dunajew den Namen Gregor zu führen, unbedingt jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, jedem ihrer Befehle zu gehorchen, seiner Herrin mit Unterwürfigkeit zu begegnen, jedes Zeichen ihrer Gunst als eine außerordentliche Gnade anzusehen.
Frau von Dunajew darf ihren Sklaven nicht allein bei dem geringsten Versehen oder Vergehen nach Gutdünken strafen, sondern sie hat auch das Recht, ihn nach Laune oder nur zu ihrem Zeitvertreib zu mißhandeln, wie es ihr eben gefällt, ja sogar zu töten, wenn es ihr beliebt, kurz, er ist ihr unbeschränktes Eigentum.
Sollte Frau von Dunajew ihrem Sklaven je die Freiheit schenken, so hat Herr Severin von Kusiemski alles, was er als Sklave erfahren oder erduldet, zu vergessen und nie und niemals, unter keinen Umständen und in keiner Weise an Rache oder Wiedervergeltung zu denken.
Frau von Dunajew verspricht dagegen, als seine Herrin so oft als möglich im Pelz zu erscheinen, besonders wenn sie gegen ihren Sklaven grausam sein wird.“
Unter dem Vertrage stand das Datum des heutigen Tages.
Das zweite Dokument entielt nur wenige Worte.
„Seit Jahren des Daseins und seiner Täuschungen überdrüssig, habe ich meinem wertlosen Leben freiwillig ein Ende gemacht.“
Mich faßte ein tiefes Grauen, als ich zu Ende war, noch war es Zeit, noch konnte ich zurück, aber der Wahnsinn der Leidenschaft, der Anblick des schönen Weibes, das aufgelöst an meiner Schulter lehnte, rissen mich fort.
„Dieses hier mußt du zuerst abschreiben, Severin,“ sprach Wanda, auf das zweite Dokument deutend, „es muß vollkommen in deinen Schriftzügen abgefaßt sein, bei dem Vertrage ist das natürlich nicht nötig.“
Ich kopierte rasch die wenigen Zeilen, in denen ich mich als Selbstmörder bezeichnete, und gab sie Wanda. Sie las und legte sie dann lächelnd auf den Tisch.
„Nun, hast du den Mut, das zu unterzeichnen?“ fragte sie, den Kopf neigend, mit einem feinen Lächeln.
Ich nahm die Feder.
„Laß mich zuerst,“ sprach Wanda, „dir zittert die Hand, fürchtest du dich so sehr vor deinem Glück?“
Sie nahm den Vertrag und die Feder — ich blickte im Kampfe mit mir selbst einen Augenblick empor und jetzt erst fiel mir, wie auf vielen Gemälden italienischer und holländischer Schule, der durchaus unhistorische Charakter des Deckengemäldes auf, der demselben ein seltsames, für mich geradezu unheimliches Gepräge gab. Delila, eine üppige Dame mit flammendem roten Haare, liegt halb entkleidet in einem dunklen Pelzmantel auf einer roten Ottomane und beugt sich lächelnd zu Simson herab, den die Philister niedergeworfen und gebunden haben. Ihr Lächeln ist in seiner spöttischen Koketterie von wahrhaft infernalischer Grausamkeit, ihr Auge, halb geschlossen, begegnet jenem Simsons, das noch im letzten Blicke mit wahnsinniger Liebe an dem ihren hängt, denn schon kniet einer der Feinde auf seiner Brust, bereit, ihm das glühende Eisen hineinzustoßen.
„So —“ rief Wanda, „du bist ja ganz verloren, was hast du nur, es bleibt ja doch alles beim Alten, auch wenn du unterschrieben hast, kennst du mich denn noch immer nicht, Herzchen?“
Ich blickte in den Vertrag. Da stand in großen kühnen Zügen ihr Name. Noch einmal schaute ich in ihr zauberkräftiges Auge, dann nahm ich die Feder und unterschrieb rasch den Vertrag.
„Du hast gezittert,“ sprach Wanda ruhig, „soll ich dir die Feder führen?“
Sie faßte in demselben Augenblick sanft meine Hand, und da stand mein Name auch auf dem zweiten Papier. Wanda sah beide Dokumente noch einmal an und schloß sie dann in den Tisch, welcher zu Häupten der Ottomane stand.
„So — nun gib mir noch deinen Paß und dein Geld.“
Ich ziehe meine Brieftasche hervor und reiche sie ihr, sie blickt hinein, nickt und legt sie zu dem Übrigen, während ich vor ihr knie und mein Haupt in süßer Trunkenheit an ihrer Brust ruhen lasse.
Da stößt sie mich plötzlich mit dem Fuße von sich, springt auf und zieht die Glocke, auf deren Ton drei junge, schlanke Negerinnen, wie aus Ebenholz geschnitzt und ganz in roten Atlas gekleidet, hereintreten, jede einen Strick in der Hand.

Jetzt begreife ich auf einmal meine Lage und will mich erheben, aber Wanda, welche, hoch aufgerichtet, ihr kaltes, schönes Antlitz mit den finsteren Brauen, den höhnischen Augen mir zugewendet, als Herrin gebietend vor mir steht, winkt mit der Hand, und ehe ich noch recht weiß, was mit mir geschieht, haben mich die Negerinnen zu Boden gerissen, mir Beine und Hände fest zusammengeschnürt und die Arme wie einem, der hingerichtet werden soll, auf den Rücken gebunden, so daß ich mich kaum bewegen kann.
„Gib mir die Peitsche, Haydée,“ befiehlt Wanda mit unheimlicher Ruhe.
Die Negerin reicht sie kniend der Gebieterin.
„Und nimm mir den schweren Pelz ab,“ fährt diese fort, „er hindert mich.“
Die Negerin gehorchte.
„Die Jacke dort!“ befahl Wanda weiter.
Haydée brachte rasch die hermelinbesetzte Kazabaika, welche auf dem Bette lag, und Wanda schlüpfte mit zwei unnachahmlich reizenden Bewegungen hinein.
„Bindet ihn an die Säule hier.“
Die Negerinnen heben mich auf, schlingen ein dickes Seil um meinen Leib und binden mich stehend an eine der massiven Säulen, welche den Himmel des breiten italienischen Bettes tragen.
Dann sind sie auf einmal verschwunden, wie wenn die Erde sie verschlungen hätte.
Wanda tritt rasch auf mich zu, das weiße Atlasgewand fließt ihr in langer Schleppe wie Silber, wie Mondlicht nach, ihre Haare lodern gleich Flammen auf dem weißen Pelz der Jacke; jetzt steht sie vor mir, die linke Hand in die Seite gestemmt, in der Rechten die Peitsche, und stößt ein kurzes Lachen aus.
„Jetzt hat das Spiel zwischen uns aufgehört,“ spricht sie mit herzloser Kälte, „jetzt ist es Ernst, du Tor! den ich verlache und verachte, der sich mir, dem übermütigen, launischen Weibe, in wahnsinniger Verblendung als Spielzeug hingegeben. Du bist nicht mehr mein Geliebter, sondern mein Sklave, auf Tod und Leben meiner Willkür preisgegeben.
Du sollst mich kennen lernen!
Vor allem wirst du mir jetzt einmal im Ernste die Peitsche kosten, ohne daß du etwas verschuldet hast, damit du begreifst, was dich erwartet, wenn du dich ungeschickt, ungehorsam oder widerspenstig zeigst.“
Sie schürzte hierauf mit wilder Grazie den pelzbesetzten Ärmel auf und hieb mich über den Rücken.
Ich zuckte zusammen, die Peitsche schnitt wie ein Messer in mein Fleisch.
„Nun, wie gefällt dir das?“ rief sie.
Ich schwieg.
„Wart’ nur, du sollst mir noch wie ein Hund wimmern unter der Peitsche,“ drohte sie und begann mich zugleich zu peitschen.
Die Hiebe fielen rasch und dicht, mit entsetzlicher Gewalt auf meinen Rücken, meine Arme, meinen Nacken, ich biß die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien. Jetzt traf sie mich ins Gesicht, das warme Blut rann mir herab, sie aber lachte und peitschte fort.
„Jetzt erst versteh ich dich,“ rief sie dazwischen, „es ist wirklich ein Genuß, einen Menschen so in seiner Gewalt zu haben und noch dazu einen Mann, der mich liebt — du liebst mich doch? — Nicht — Oh! ich zerfleische dich noch, so wächst mir bei jedem Hiebe das Vergnügen; nun krümme dich doch ein wenig, schreie, wimmere! Bei mir sollst du kein Erbarmen finden.“
Endlich scheint sie müde.
Sie wirft die Peitsche weg, streckt sich auf der Ottomane aus und klingelt.
Die Negerinnen treten ein.
„Bindet ihn los.“

Wie sie mir das Seil lösen, schlage ich wie ein Stück Holz zu Boden. Die schwarzen Weiber lachen und zeigen die weißen Zähne.
„Löst ihm die Stricke an den Füßen.“
Es geschieht. Ich kann mich erheben.
„Komm zu mir, Gregor.“
Ich nähere mich dem schönen Weibe, das mir noch nie so verführerisch erschien wie heute in seiner Grausamkeit, in seinem Hohne.
„Noch einen Schritt,“ gebietet Wanda, „knie nieder und küsse mir den Fuß.“
Sie streckt den Fuß unter dem weißen Atlassaum hervor und ich übersinnlicher Tor presse meine Lippen darauf.
„Du wirst mich jetzt einen ganzen Monat nicht sehen, Gregor,“ spricht sie ernst, „damit ich dir fremd werde, du dich leichter in deine neue Stellung mir gegenüber findest; du wirst während dieser Zeit im Garten arbeiten und meine Befehle erwarten. Und nun marsch, Sklave!“
** *
Ein Monat ist in monotoner Regelmäßigkeit, in schwerer Arbeit, in schwermütiger Sehnsucht vergangen, in Sehnsucht nach ihr, die mir alle diese Leiden bereitet. Ich bin dem Gärtner zugewiesen, helfe ihm die Bäume, die Hecken stutzen, die Blumen umsetzen, die Beete umgraben, die Kieswege kehren, teile seine grobe Kost und sein hartes Lager, bin mit den Hühnern auf und gehe mit den Hühnern zur Ruhe, und höre von Zeit zu Zeit, daß unsere Herrin sich amüsiert, daß sie von Anbetern umringt ist, und einmal höre ich sogar ihr mutwilliges Lachen bis in den Garten hinab.
Ich komme mir so dumm vor. Bin ich es bei diesem Leben geworden oder war ich es schon vorher? Der Monat geht zu Ende, übermorgen — was wird sie nun mit mir beginnen, oder hat sie mich vergessen, und ich kann bis zu meinem seligen Ende Hecken stutzen und Bukette binden?
** *
Ein schriftlicher Befehl.
„Der Sklave Gregor wird hiermit zu meinem persönlichen Dienst befohlen.
Wanda Dunajew.“
** *
Mit klopfendem Herzen teile ich am nächsten Morgen die damastene Gardine und trete in das Schlafgemach meiner Göttin, das noch von holdem Halbdunkel erfüllt ist.
„Bist du es, Gregor?“ fragt sie, während ich vor dem Kamin knie und Feuer mache. Ich erzitterte bei dem Tone der geliebten Stimme. Sie selbst kann ich nicht sehen, sie ruht unnahbar hinter den Vorhängen des Himmelbettes.
„Ja, gnädige Frau,“ antworte ich.
„Wie spät?“
„Neun Uhr vorbei.“
„Das Frühstück.“
Ich eile es zu holen und knie dann mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette nieder.
„Hier ist das Frühstück, Herrin.“
Wanda schlägt die Vorhänge zurück und seltsam, wie ich sie in ihren weißen Kissen mit dem aufgelösten flutenden Haare sehe, erscheint sie mir im ersten Augenblick vollkommen fremd, ein schönes Weib; aber die geliebten Züge sind es nicht, dieses Antlitz ist hart und hat einen unheimlichen Ausdruck von Müdigkeit, von Übersättigung.
Oder habe ich für dies alles früher kein Auge gehabt?
Sie heftet die grünen Augen mehr neugierig als drohend oder etwa mitleidig auf mich und zieht den dunklen Schlafpelz, in dem sie ruht, träge über die entblößte Schulter herauf.
In diesem Augenblicke ist sie so reizend, so sinnverwirrend, daß ich mein Blut zu Kopf und Herzen steigen fühle, und das Brett in meiner Hand zu schwanken beginnt. Sie bemerkt es und greift nach der Peitsche, die auf ihrem Nachttisch liegt.
„Du bist ungeschickt, Sklave,“ sagte sie, die Stirne runzelnd.
Ich senke den Blick zur Erde und halte das Brett, so fest ich nur kann, und sie nimmt ihr Frühstück und gähnt und dehnt ihre üppigen Glieder in dem herrlichen Pelz.
** *
Sie hat geklingelt. Ich trete ein.
„Diesen Brief an den Fürsten Corsini.“
Ich eile in die Stadt, übergebe den Brief dem Fürsten, einem jungen schönen Mann mit glühenden schwarzen Augen und bringe ihr von Eifersucht verzehrt die Antwort.
„Was ist dir?“ fragt sie hämisch lauernd, „du bist so entsetzlich bleich.“
„Nichts, Herrin, ich bin nur etwas rasch gegangen.“
** *
Beim Dejeuner ist der Fürst an ihrer Seite, und ich bin verurteilt, sie und ihn zu bedienen, während sie scherzen und ich für beide gar nicht auf der Welt bin. Einen Augenblick wird es mir schwarz vor den Augen, ich schenke eben Bordeaux in sein Glas und schütte ihn über das Tischtuch, über ihre Robe.
„Wie ungeschickt,“ ruft Wanda und gibt mir eine Ohrfeige, der Fürst lacht und sie lacht gleichfalls und mir schießt das Blut ins Gesicht.
** *
Nach dem Dejeuner fährt sie in die Cascine. Sie kutschiert selbst den kleinen Wagen mit den hübschen englischen Braunen, ich sitze hinter ihr und sehe wie sie kokettiert und lächelnd dankt, wenn sie von einem der vornehmen Herren gegrüßt wird.
Wie ich ihr aus dem Wagen helfe, stützt sie sich leicht auf meinen Arm, die Berührung durchzuckt mich elektrisch. Ach! das Weib ist doch wunderbar und ich liebe sie mehr als je.
** *
Zum Diner um sechs abends ist eine kleine Gesellschaft von Damen und Herren da. Ich serviere und diesmal schütte ich keinen Wein über das Tischtuch.
Eine Ohrfeige ist doch eigentlich mehr als zehn Vorlesungen, man begreift dabei so schnell, besonders wenn es eine kleine volle Frauenhand ist, die uns belehrt.
** *
Nach dem Diner fährt sie in die Pergola; wie sie die Treppe hinabkommt in ihrem schwarzen Samtkleide, mit dem großen Kragen von Hermelin, ein Diadem aus weißen Rosen im Haare, sieht sie wahrhaft blendend aus. Ich öffne den Schlag, helfe ihr in den Wagen. Vor dem Theater springe ich vom Bock, sie stützt sich beim Aussteigen auf meinen Arm, welcher unter der süßen Last erbebt. Ich öffne ihr die Türe der Loge und warte dann im Gange. Vier Stunden dauert die Vorstellung, während welcher sie die Besuche ihrer Kavaliere empfängt und ich die Zähne vor Wut zusammenbeiße.
** *
Es ist weit über Mitternacht, als die Klingel der Herrin zum letzten Male tönt.
„Feuer!“ befiehlt sie kurz, und wie es im Kamine prasselt, „Tee“.
Als ich mit dem Samowar zurückkehre, hat sie sich bereits entkleidet und schlüpft eben mit Hilfe der Negerin in ihr weißes Negligée.
Haydée entfernt sich hierauf.
„Gib mir den Schlafpelz,“ sagt Wanda, ihre schönen Glieder schläfrig dehnend. Ich hebe ihn vom Fauteuil und halte ihn, während sie langsam träge in die Ärmel schlüpft. Dann wirft sie sich in die Polster der Ottomane.
„Ziehe mir die Schuhe aus und dann die Samtpantoffel an.“
Ich knie nieder und ziehe an dem kleinen Schuh, welcher mir widersteht. „Rasch! rasch!“ ruft Wanda, „du tust mir weh! warte nur — ich werde dich noch abrichten.“ Sie schlägt mich mit der Peitsche, schon ist es gelungen!
„Und jetzt marsch!“ noch ein Fußtritt — dann darf ich zur Ruhe gehen.
** *
Heute habe ich sie zu einer Soirée begleitet. Im Vorzimmer befahl sie mir, ihr den Pelz abzunehmen, dann trat sie mit einem stolzen Lächeln, ihres Sieges gewiß, in den glänzend erleuchteten Saal, und ich konnte wieder Stunde auf Stunde in trüben einförmigen Gedanken verrinnen sehen; von Zeit zu Zeit tönte Musik zu mir heraus, wenn die Türe einen Augenblick geöffnet blieb. Ein paar Lakaien versuchten ein Gespräch mit mir einzuleiten, da ich aber nur wenige Worte Italienisch spreche, gaben sie es bald auf.
Ich schlafe endlich ein und träume, daß ich Wanda in einem wütenden Anfall von Eifersucht morde und zum Tode verurteilt werde, ich sehe mich an das Brett geschnallt, das Beil fällt, ich fühle es im Nacken, aber ich lebe noch —
Da schlägt mich der Henker ins Gesicht —
Nein, es ist nicht der Henker, es ist Wanda, welche zornig vor mir steht und ihren Pelz verlangt. Ich bin im Augenblick bei ihr und helfe ihr hinein.
Es ist doch ein Genuß, einem schönen üppigen Weibe einen Pelz umzugeben, zu sehen, zu fühlen, wie ihr Nacken, ihre herrlichen Glieder sich in die köstlichen weichen Felle schmiegen, und die wogenden Locken aufzuheben und über den Kragen zu legen, und dann wenn sie ihn abwirft und die holde Wärme und ein leichter Duft ihres Leibes hängen an den goldenen Haarspitzen des Zobels — es ist um die Sinne zu verlieren!
** *
Endlich ein Tag ohne Gäste, ohne Theater, ohne Gesellschaft. Ich atme auf. Wanda sitzt in der Galerie und liest, für mich scheint sie keinen Auftrag zu haben. Mit der Dämmerung, dem silbernen Abendnebel zieht sie sich zurück. Ich bediene sie beim Diner, sie speist allein, aber sie hat keinen Blick, keine Silbe für mich, nicht einmal — eine Ohrfeige.
Ach! wie sehne ich mich nach einem Schlag von ihrer Hand.
Mir kommen die Tränen, ich fühle, wie tief sie mich erniedrigt hat, so tief, daß sie es nicht einmal der Mühe wert findet, mich zu quälen, zu mißhandeln.
Ehe sie zu Bette geht, ruft mich ihre Klingel.
„Du wirst heute nacht bei mir schlafen, ich habe die vorige Nacht abscheuliche Träume gehabt und fürchte mich, allein zu sein. Nimm dir ein Polster von der Ottomane und lege dich auf das Bärenfell zu meinen Füßen.“
Hierauf verlöschte Wanda die Lichter, so daß nur eine kleine Ampel von der Decke herab das Zimmer beleuchtete, und stieg in das Bett. „Rühre dich nicht, damit du mich nicht weckst.“
Ich tat, wie sie befohlen hatte, aber ich konnte lange nicht einschlafen; ich sah das schöne Weib, schön wie eine Göttin, in ihrem dunklen Schlafpelz ruhen, auf dem Rücken liegend, die Arme unter dem Nacken, von ihren roten Haaren überflutet; ich hörte, wie sich ihre herrliche Brust in tiefem regelmäßigen Atemholen hob, und jedesmal, wenn sie sich nur regte, war ich wach und lauschte, ob sie meiner bedürfe.
Aber sie bedurfte meiner nicht.
Ich hatte keine andere Aufgabe zu erfüllen, keine höhere Bedeutung für sie, als ein Nachtlicht oder ein Revolver, den man sich zum Bette legt.
** *
Bin ich toll oder ist sie es? Entspringt dies alles in einem erfinderischen mutwilligen Frauengehirne, in der Absicht, meine übersinnlichen Phantasien zu übertreffen, oder ist dies Weib wirklich eine jener neronischen Naturen, welche einen teuflischen Genuß darin finden, Menschen, welche denken und empfinden und einen Willen haben wie sie selbst, gleich einem Wurme unter dem Fuße zu haben?
Was habe ich erlebt!
Als ich mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette niederkniete, legte Wanda plötzlich die Hand auf meine Schulter und tauchte ihre Augen tief in die meinen.
„Was du für schöne Augen hast,“ sprach sie leise, „und jetzt erst recht, seitdem du leidest. Bist du recht unglücklich?“
Ich senkte den Kopf und schwieg.
„Severin! liebst du mich noch,“ rief sie plötzlich leidenschaftlich, „kannst du mich noch lieben?“ und sie riß mich mit solcher Gewalt an sich, daß das Brett umklappte, die Kannen und Tassen zu Boden fielen und der Kaffee über den Teppich lief.
„Wanda — meine Wanda,“ schrie ich auf und preßte sie heftig an mich und bedeckte ihren Mund, ihr Antlitz, ihre Brust mit Küssen. „Das ist ja mein Elend, daß ich dich immer mehr, immer wahnsinniger liebe, je mehr du mich mißhandelst, je öfter du mich verratest! o! ich werde noch sterben vor Schmerz und Liebe und Eifersucht.“
„Aber ich habe dich ja noch gar nicht verraten, Severin,“ erwiderte Wanda lächelnd.
„Nicht? Wanda! Um Gotteswillen! scherze nicht so unbarmherzig mit mir,“ rief ich. „Habe ich nicht selbst den Brief zum Fürsten —“
„Allerdings, eine Einladung zum Dejeuner.“
„Du hast, seitdem wir in Florenz sind —“
„Dir die Treue vollkommen bewahrt,“ entgegnete Wanda, „ich schwöre es dir bei allem, was mir heilig ist. Ich habe alles nur getan, um deine Phantasie zu erfüllen, nur deinetwegen.
„Aber ich werde mir einen Anbeter nehmen, sonst ist die Sache nur halb, und du machst mir am Ende noch Vorwürfe, daß ich nicht grausam genug gegen dich war. Mein lieber, schöner Sklave! Heute aber sollst du wieder einmal Severin, sollst du ganz nur mein Geliebter sein. Ich habe deine Kleider nicht fortgegeben, du findest sie hier im Kasten, ziehe dich so an, wie du damals warst in dem kleinen Karpathenbade, wo wir uns so innig liebten; vergiß alles, was seitdem geschehen ist, o, du wirst es leicht vergessen in meinen Armen, ich küsse dir allen Kummer weg.“
Sie begann mich wie ein Kind zu zärteln, zu küssen, zu streicheln. Endlich bat sie mit holdem Lächeln: „Zieh dich jetzt an, auch ich will Toilette machen; soll ich meine Pelzjacke nehmen? Ja, ja, ich weiß schon, geh nur!“
Als ich zurückkam, stand sie in ihrer weißen Atlasrobe, der roten mit Hermelin besetzten Kazabaika, das Haar weiß gepudert, ein kleines Diamantendiadem über der Stirne, in der Mitte des Zimmers. Einen Augenblick erinnerte sie mich unheimlich an Katharina II., aber sie ließ mir keine Zeit zu Erinnerungen, sie zog mich zu sich auf die Ottomane und wir verbrachten zwei selige Stunden; sie war jetzt nicht die strenge, launische Herrin, sie war ganz nur die feine Dame, die zärtliche Geliebte. Sie zeigte mir Photographien, Bücher, welche eben erschienen waren, und sprach mit mir über dieselben mit so viel Geist und Klarheit und Geschmack, daß ich mehr als einmal entzückt ihre Hand an die Lippen führte. Sie ließ mich dann ein paar Gedichte von Lermontow vortragen, und als ich recht im Feuer war — legte sie die kleine Hand liebevoll auf die meine und fragte, während ein holdes Vergnügen auf ihren weichen Zügen, in ihrem sanften Blicke lag, „bist du glücklich?“
„Noch nicht.“
Sie legte sich hierauf in die Polster zurück und öffnete langsam ihre Kazabaika.
Ich aber deckte den Hermelin rasch wieder über ihre halbentblößte Brust. „Du machst mich wahnsinnig,“ stammelte ich.
„So komm.“
Schon lag ich in ihren Armen, schon küßte sie mich wie eine Schlange mit der Zunge; da flüsterte sie noch einmal: „Bist du glücklich?“
„Unendlich!“ rief ich.
Sie lachte auf; es war ein böses, gellendes Gelächter, bei dem es mich kalt überrieselte.
„Früher träumtest du, der Sklave, das Spielzeug eines schönen Weibes zu sein, jetzt bildest du dir ein, ein freier Mensch, ein Mann, mein Geliebter zu sein, du Thor! Ein Wink von mir, und du bist wieder Sklave. — Auf die Knie.“
Ich sank von der Ottomane herab zu ihren Füßen, mein Auge hing noch zweifelnd an dem ihren.
„Du kannst es nicht glauben,“ sprach sie, mich mit auf der Brust verschränkten Armen betrachtend, „ich langweile mich, und du bist eben gut genug, mir ein paar Stunden die Zeit zu vertreiben. Sieh mich nicht so an —“
Sie trat mich mit dem Fuße.
„Du bist eben, was ich will, ein Mensch, ein Ding, ein Tier —“
Sie klingelte. Die Negerinnen traten ein.
„Bindet ihm die Hände auf den Rücken.“
Ich blieb knien und ließ es ruhig geschehen. Dann führten sie mich in den Garten hinab bis zu dem kleinen Weinberg, der ihn gegen den Süden begrenzt. Zwischen den Traubengeländen war Mais angebaut gewesen, da und dort ragten noch einzelne dürre Stauden. Seitwärts stand ein Pflug.
Die Negerinnen banden mich an einen Pflock und unterhielten sich damit, mich mit ihren goldenen Haarnadeln zu stechen. Es dauerte jedoch nicht lange, so kam Wanda, die Hermelinmütze auf dem Kopf, die Hände in den Taschen ihrer Jacke, sie ließ mich losbinden, mir die Arme auf den Rücken schnüren, mir ein Joch auf den Nacken setzen und mich in den Pflug spannen.
Dann stießen mich ihre schwarzen Teufelinnen in den Acker, die eine führte den Pflug, die andere lenkte mich mit dem Seil, die dritte trieb mich mit der Peitsche an, und Venus im Pelz stand zur Seite und sah zu.
** *
Wie ich ihr am nächsten Tage das Diner serviere, sagt Wanda: „Bringe noch ein Gedeck, ich will, daß du heute mit mir speisest,“ und als ich ihr gegenüber Platz nehmen will: „Nein, zu mir, ganz nahe zu mir.“

Sie ist in bester Laune, gibt mir Suppe mit ihrem Löffel, füttert mich mit ihrer Gabel, legt dann den Kopf wie ein spielendes Kätzchen auf den Tisch und kokettiert mit mir. Es will das Unglück, daß ich Haydée, welche statt mir die Gerichte bringt, etwas länger ansehe, als es vielleicht nötig ist; mir fällt erst jetzt ihre edle, beinahe europäische Gesichtsbildung, die herrliche, statuenhafte Büste, wie aus schwarzem Marmor gemeißelt, auf. Die schöne Teufelin bemerkt, daß sie mir gefällt, und blökt lächelnd die Zähne — kaum hat sie das Gemach verlassen, so springt Wanda vor Zorn flammend auf.
„Was, du wagst es, vor mir ein anderes Weib so anzusehen! sie gefällt dir am Ende besser wie ich, sie ist noch dämonischer.“
Ich erschrecke, so habe ich sie noch nie gesehen, sie ist plötzlich bleich bis in die Lippen und zittert am ganzen Leibe — Venus im Pelz ist eifersüchtig auf ihren Sklaven — sie reißt die Peitsche vom Nagel herab und haut mich ins Gesicht, dann ruft sie die schwarzen Dienerinnen, läßt mich durch sie binden und in den Keller herabschleppen, wo sie mich in ein dunkles, feuchtes, unterirdisches Gewölbe, einen förmlichen Kerker werfen.
Dann fällt die Türe in das Schloß, Riegel werden vorgeschoben, ein Schlüssel singt im Schloß. Ich bin gefangen, begraben.
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Da liege ich nun, ich weiß nicht wie lange, gebunden wie ein Kalb, das zur Schlachtbank geschleppt wird, auf einem Bund feuchten Strohs, ohne Licht, ohne Speise, ohne Trank, ohne Schlaf — sie ist imstande und läßt mich verhungern, wenn ich nicht früher erfriere. Die Kälte schüttelt mich. Oder ist es das Fieber. Ich glaube, ich fange an, dieses Weib zu hassen.
** *
Ein roter Streifen, wie Blut, schwimmt über dem Boden, es ist Licht, das durch die Türe fällt, jetzt wird sie geöffnet.
Wanda erscheint an der Schwelle, in ihren Zobelpelz gehüllt, und leuchtet mit einer Fackel hinein.

„Lebst du noch?“ fragt sie.
„Kommst du, mich zu töten?“ antworte ich mit matter, heiserer Stimme.
Mit zwei hastigen Schritten ist Wanda bei mir, kniet an meinem Lager nieder und nimmt meinen Kopf in ihren Schoß. — „Bist du krank — wie deine Augen glühen, liebst du mich? Ich will, daß du mich liebst.“
Sie zieht einen kurzen Dolch hervor, ich schrecke zusammen, wie seine Klinge mir vor den Augen blitzt, ich glaube wirklich, daß sie mich töten will. Sie aber lacht und durchschneidet die Stricke, die mich fesseln.
** *
Sie läßt mich jetzt jeden Abend nach dem Diner kommen, läßt sich von mir vorlesen und bespricht mit mir allerhand anziehende Fragen und Gegenstände. Dabei scheint sie ganz verwandelt, es ist, als schäme sie sich der Wildheit, die sie mir verraten, der Roheit, mit welcher sie mich behandelt hat. Eine rührende Sanftmut verklärt ihr ganzes Wesen, und wenn sie mir zum Abschied die Hand reicht, dann liegt in ihrem Auge jene übermenschliche Gewalt der Güte und Liebe, welche uns Tränen entlockt, bei der wir alle Leiden des Daseins vergessen und alle Schrecken des Todes.
** *
Ich lese ihr die Manon l’Escault. Sie fühlt die Beziehung, sie spricht zwar kein Wort, aber sie lächelt von Zeit zu Zeit, und endlich klappt sie das kleine Buch zu.
„Wollen Sie nicht weiter lesen, gnädige Frau?“
„Heute nicht. Heute spielen wir selbst Manon l’Escault. Ich habe ein Rendezvous in den Cascinen und Sie, mein lieber Chevalier, werden mich zu demselben begleiten; ich weiß, Sie tun es, nicht?“
„Sie befehlen.“
„Ich befehle nicht, ich bitte Sie darum,“ spricht sie mit unwiderstehlichem Liebreiz, dann steht sie auf, legt die Hände auf meine Schultern und sieht mich an. „Diese Augen!“ ruft sie aus, „ich liebe dich so, Severin, du weißt nicht, wie ich dich liebe.“
„Ja,“ entgegne ich bitter, „so sehr, daß Sie einem anderen ein Rendezvous geben.“
„Das tue ich ja nur, um dich zu reizen,“ antwortet sie lebhaft, „ich muß Anbeter haben, damit ich dich nicht verliere, ich will dich nie verlieren, niemals, hörst du, denn ich liebe nur dich, dich allein.“
Sie hing leidenschaftlich an meinen Lippen.
„O! könnte ich dir, wie ich möchte, meine ganze Seele im Kusse hingeben — so — nun aber komme.“
Sie schlüpfte in einen einfachen, schwarzen Samtpaletot und umhüllte ihr Haupt mit einem dunklen Baschlik. Dann ging sie rasch durch die Galerie und stieg in den Wagen.
„Gregor wird mich fahren,“ rief sie dem Kutscher zu, der sich befremdet zurückzog.
Ich stieg auf den Bock und peitschte zornig in die Pferde.
In den Cascinen, dort, wo die Hauptallee zu einem dichten Laubgang wird, stieg Wanda aus. Es war Nacht, nur einzelne Sterne blickten durch die grauen Wolken, welche über den Himmel zogen. Am Arno stand ein Mann in einem dunklen Mantel und einem Räuberhut und blickte in die gelben Wellen. Wanda schritt rasch durch das Gebüsch zur Seite und schlug ihn auf die Achsel. Ich sah noch, wie er sich zu ihr wendete, ihre Hand faßte — dann verschwanden sie hinter der grünen Wand.
Eine qualvolle Stunde. Endlich raschelt es seitwärts im Laube, sie kehrten zurück.
Der Mann begleitet sie an den Wagen. Das Licht der Laterne fällt voll und grell auf ein unendlich jugendliches, sanftes und schwärmerisches Gesicht, das ich nie gesehen habe, und spielt in langen, blonden Locken.
Sie reicht ihm die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßt, dann winkt sie mir und im Nu fliegt der Wagen längs der langen Laubwand, die wie eine grüne Tapete gegen den Fluß zu steht, davon.
Man läutet an der Gartenpforte. Ein bekanntes Gesicht. Der Mann aus den Cascinen.
„Wen darf ich melden?“ frage ich französisch. Der Angeredete schüttelt beschämt den Kopf.
„Verstehen Sie vielleicht etwas deutsch?“ fragt er schüchtern.
„Jawohl. Ich bitte also um Ihren Namen.“
„Ah! ich habe leider noch keinen,“ antwortet er verlegen — „sagen Sie Ihrer Herrin nur, der deutsche Maler aus den Cascinen wäre da und bäte — doch da ist sie selbst.“
Wanda war auf den Balkon herausgetreten und nickte dem Fremden zu.
„Gregor, führe den Herrn zu mir,“ rief sie mir zu.
Ich wies dem Maler die Treppe.
„Ich bitte, ich finde jetzt schon; ich danke, danke sehr,“ damit sprang er die Stufen empor. Ich blieb unten stehen und sah dem armen Deutschen mit tiefem Mitleid nach.
Venus im Pelz hat seine Seele in ihren roten Haarschlingen gefangen. Er wird sie malen und dabei verrückt werden.
** *
Ein sonniger Wintertag, auf den Blättern der Baumgruppen, auf dem grünen Plan der Wiese zittert es wie Gold. Die Kamelien am Fuße der Galerie prangen im reichsten Knospenschmuck. Wanda sitzt in der Loggia und zeichnet, der deutsche Maler aber steht ihr gegenüber, die Hände wie anbetend ineinander gelegt und sieht ihr zu, nein, er blickt in ihr Antlitz und ist ganz versunken in ihren Anblick, wie entrückt.
Sie aber sieht es nicht, sie sieht auch mich nicht, wie ich mit dem Spaten in der Hand die Blumenbeete umgrabe, nur um sie zu sehen, ihre Nähe zu fühlen, die wie Musik, wie Poesie auf mich wirkt.
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Der Maler ist fort. Es ist ein Wagnis, aber ich wage es. Ich trete zur Galerie hin, ganz nahe und frage Wanda: „Liebst du den Maler, Herrin?“
Sie sieht mich an, ohne mir zu zürnen, schüttelt den Kopf, und endlich lächelt sie sogar.
„Ich habe Mitleid mit ihm,“ antwortet sie, „aber ich liebe ihn nicht. Ich liebe niemand. Dich habe ich geliebt, so innig, so leidenschaftlich, so tief wie ich nur lieben konnte, aber jetzt liebe ich auch dich nicht mehr, mein Herz ist öde, tot, und das macht mich wehmütig.“
„Wanda!“ rief ich schmerzlich ergriffen.
„Auch du wirst mich bald nicht mehr lieben,“ fuhr sie fort, „sag’ es mir, wenn es einmal so weit ist, ich will dir dann die Freiheit zurückgeben.“
„Dann bleibe ich mein ganzes Leben dein Sklave, denn ich bete dich an und werde dich immer anbeten,“ rief ich, von jenem Fanatismus der Liebe ergriffen, der mir schon wiederholt so verderblich war.
Wanda betrachtete mich mit einem seltsamen Vergnügen. „Bedenke es wohl,“ sprach sie, „ich habe dich unendlich geliebt und war despotisch gegen dich, um deine Phantasie zu erfüllen, jetzt zittert noch etwas von jenem süßen Gefühl als innige Teilnahme für dich in meiner Brust, wenn auch dies verschwunden ist, wer weiß, ob ich dich dann frei gebe, ob ich dann nicht wirklich grausam, unbarmherzig, ja roh gegen dich werde, ob es mir nicht eine diabolische Freude macht, während ich gleichgültig bin oder einen anderen liebe, den Mann, der mich abgöttisch anbetet, zu quälen, zu foltern, und an seiner Liebe für mich sterben zu sehen. Bedenke das wohl!“
„Ich habe alles längst bedacht,“ erwiderte ich, wie im Fieber glühend, „ich kann nicht sein, nicht leben ohne dich; ich sterbe, wenn du mir die Freiheit gibst, laß mich dein Sklave sein, töte mich, aber stoße mich nicht von dir.“
„Nun, so sei mein Sklave,“ erwiderte sie, „aber vergiß nicht, daß ich dich nicht mehr liebe, und daß deine Liebe daher keinen größeren Wert für mich hat, wie die Ähnlichkeit eines Hundes, und Hunde tritt man.“
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Heute habe ich die mediceische Venus besucht.
Es war noch zeitig, der kleine achteckige Saal der Tribuna wie ein Heiligtum mit Dämmerlicht gefüllt, und ich stand, die Hände gefaltet, in tiefer Andacht vor dem stummen Götterbilde.
Aber ich stand nicht lange.
Es war noch kein Mensch in der Galerie, nicht einmal ein Engländer, und da lag ich auf meinen Knien und blickte auf den holden, schlanken Leib, die knospende Brust, in das jungfräulich wollüstige Angesicht mit den halbgeschlossenen Augen, auf die duftigen Locken, welche zu beiden Seiten kleine Hörner zu verbergen scheinen.
** *
Die Klingel der Gebieterin.
Es ist Mittag. Sie aber liegt noch im Bett, die Arme im Nacken verschlungen.
„Ich werde baden,“ spricht sie, „und du wirst mich bedienen. Schließe die Türe.“
Ich gehorchte.
„Nun geh hinab und versichere dich, daß auch unten gesperrt ist.“
Ich stieg die Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Schlafgemache in das Badezimmer führte, die Füße brachen mir, ich mußte mich auf das eiserne Geländer stützen. Nachdem ich die Türe, welche in die Loggia und den Garten mündete, verschlossen fand, kehrte ich zurück. Wanda saß jetzt mit offenem Haar, in ihrem grünen Sammetpelz auf dem Bett. Bei einer raschen Bewegung, welche sie machte, sah ich, daß sie nur mit dem Pelze bekleidet war und erschrak, ich weiß nicht warum, so furchtbar, wie ein zum Tode Verurteilter, welcher weiß, daß er dem Schafott entgegen geht, doch beim Anblick desselben zu zittern beginnt.
„Komm, Gregor, nimm mich auf die Arme.“
„Wie, Herrin?“
„Nun, du sollst mich tragen, verstehst du nicht?“
Ich hob sie auf, so daß sie auf meinen Armen saß, während die ihren sich um meinen Nacken schlangen, und wie ich so mit ihr die Treppe langsam, Stufe für Stufe, hinabstieg und ihr Haar von Zeit zu Zeit an meine Wange schlug und ihr Fuß sich leicht auf mein Knie stemmte, da erbebte ich unter der schönen Last und dachte, ich müßte jeden Augenblick unter ihr zusammenbrechen.
Das Badezimmer bestand aus einer weiten und hohen Rotunde, welche ihr weiches, ruhiges Licht von oben durch die rote Glaskuppel bekam. Zwei Palmen breiteten ihre großen Blätter als grünes Dach über ein Ruhebett aus roten, sammetnen Polstern, von dem mit türkischen Teppichen belegte Stufen in das weite Marmorbassin hinabführten, welches die Mitte einnahm.
„Oben auf meinem Nachttisch liegt ein grünes Band,“ sagte Wanda, während ich sie auf dem Ruhebett niederließ, „bringe es mir und bringe mir auch die Peitsche.“
Ich flog die Treppe hinauf und zurück und legte beides kniend in die Hand der Gebieterin, welche sich hierauf das schwere elektrische Haar von mir in einen großen Knoten binden und mit dem grünen Sammetband befestigen ließ. Dann bereitete ich das Bad und zeigte mich recht ungeschickt dabei, da mir Hände und Füße den Dienst versagten, und jedesmal, wenn ich das schöne Weib, das auf den rotsammetnen Polstern lag und dessen holder Leib von Zeit zu Zeit, da und dort, aus dem dunklen Pelzwerk hervorleuchtete, betrachten mußte — denn es war nicht mein Wille, es zwang mich eine magnetische Gewalt — empfand ich, wie alle Wollust, alle Lüsternheit nur in dem Halbverhüllten, pikant Entblößten liegt, und ich empfand es noch lebhafter, als endlich das Bassin gefüllt war und Wanda mit einer einzigen Bewegung den Pelzmantel abwarf, und wie die Göttin in der Tribuna vor mir stand.
In diesem Augenblicke erschien sie mir in ihrer unverhüllten Schönheit so heilig, so keusch, daß ich vor ihr, wie damals vor der Göttin, in die Knie sank und meine Lippen andächtig auf ihren Fuß preßte.
Meine Seele, welche vor kurzem noch so wilde Wogen geschlagen, floß auf einmal ruhig, und Wanda hatte jetzt auch nichts Grausames mehr für mich.
Sie stieg langsam die Stufen hinab, und ich konnte mit einer stillen Freude, der kein Atom von Qual oder Sehnsucht beigemischt war, sie betrachten, wie sie in der krystallenen Flut auf und ab tauchte, und wie die Wellen, welche sie selbst erregte, gleichsam verliebt um sie spielten.
Unser nihilistischer Ästhetiker hat doch recht: ein wirklicher Apfel ist schöner als ein gemalter, und ein lebendiges Weib ist schöner als eine Venus aus Stein.
Und als sie dann aus dem Bade stieg, und die silbernen Tropfen und das rosige Licht rieselten nur so an ihr herab — eine stumme Verzückung umfing mich. Ich schlug die Linnen um sie, ihren herrlichen Leib trocknend, und jene ruhige Seligkeit blieb mir jetzt auch, als sie wieder, den einen Fuß auf mich, wie auf einen Schemel setzend, in dem großen Sammetmantel auf den Polstern ruhte, die elastischen Zobelfelle sich begehrlich an ihren kalten Marmorleib schmiegten, und der linke Arm, auf den sie sich stützte, wie ein schlafender Schwan, in dem dunklen Pelz des Ärmels lag, während ihre Rechte nachlässig mit der Peitsche spielte.

Zufällig glitt mein Blick über den massiven Spiegel an der Wand gegenüber, und ich schrie auf, denn ich sah uns in seinem goldenen Rahmen wie im Bilde, und dieses Bild war so wunderbar schön, so seltsam, so phantastisch, daß mich eine tiefe Trauer bei dem Gedanken faßte, daß seine Linien, seine Farben zerrinnen sollen wie Nebel.
„Was hast du?“ fragte Wanda.
Ich deutete auf den Spiegel.
„Ah! es ist in der Tat schön,“ rief sie aus, „schade, daß man den Augenblick nicht festhalten kann.“
„Und warum nicht?“ fragte ich, „wird nicht jeder Künstler, auch der berühmteste, stolz darauf sein, wenn du ihm gestattet, dich durch seinen Pinsel zu verewigen?“
„Der Gedanke, daß diese außerordentliche Schönheit,“ fuhr ich, sie mit Begeisterung betrachtend, fort, „diese herrliche Bildung des Gesichtes, dieses seltsame Auge mit seinem grünen Feuer, dieses dämonische Haar, diese Pracht des Leibes für die Welt verloren gehen sollen, ist entsetzlich und faßt mich mit allen Schauern des Todes, der Vernichtung an; dich aber soll die Hand des Künstlers ihr entreißen, du darfst nicht wie wir anderen ganz und für immer untergehen, ohne eine Spur deines Daseins zurückzulassen, dein Bild muß leben, wenn du selbst schon längst zu Staub zerfallen bist, deine Schönheit muß über den Tod triumphieren!“
Wanda lächelte.
„Schade, daß das heutige Italien keinen Titian oder Raphael hat,“ sprach sie, „indes vielleicht ersetzt die Liebe das Genie, wer weiß, unser kleiner Deutscher?“ Sie sann nach.
„Ja — er soll mich malen — und ich werde dafür sorgen, daß ihm Amor die Farben mischt.“
** *
Der junge Maler hat in ihrer Villa sein Atelier aufgeschlagen, sie hat ihn vollkommen im Netz. Er hat eben eine Madonna angefangen, eine Madonna mit rotem Haare und grünen Augen! Aus diesem Rasseweibe ein Bild der Jungfräulichkeit machen, das kann nur der Idealismus eines Deutschen. Der arme Bursche ist wirklich beinahe noch ein größerer Esel als ich. Das Unglück ist nur, daß unsere Titania unsere Eselohren zu früh entdeckt hat.
Nun lacht sie über uns, und wie sie lacht, ich höre ihr übermütiges, melodisches Lachen in seinem Studio, unter dessen offenem Fenster ich stehe und eifersüchtig lausche.
„Sind Sie toll, mich — ah! es ist nicht zu glauben, mich als Mutter Gottes!“ — rief sie und lachte wieder, „warten Sie nur, ich will Ihnen ein anderes Bild von mir zeigen, ein Bild, das ich selbst gemalt habe, sie sollen es mir kopieren.“
Ihr Kopf, im Sonnenlichte flammend, erschien am Fenster.
„Gregor!“
Ich eilte die Stufen hinauf, durch die Galerie in das Atelier.
„Führe ihn in das Badezimmer,“ befahl Wanda, während sie selbst davoneilte.
Wenige Augenblicke und Wanda kam, nur mit dem Zobelpelz bekleidet, die Peitsche in der Hand, die Treppe herab und streckte sich wie damals auf den Sammetpolstern aus; ich lag zu ihren Füßen und sie setzte den Fuß auf mich, und ihre Rechte spielte mit der Peitsche. „Sieh mich an,“ sprach sie, „mit deinem tiefen, fanatischen Blick — so — so ist es recht.“
Der Maler war entsetzlich bleich geworden, er verschlang die Szene mit seinen schönen, schwärmerischen, blauen Augen, seine Lippen öffneten sich, aber blieben stumm.
„Nun, wie gefällt Ihnen das Bild?“
„Ja — so will ich Sie malen,“ sprach der Deutsche, aber es war eigentlich keine Sprache, es war ein beredtes Stöhnen, das Weinen einer kranken, sterbenskranken Seele.
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Die Zeichnung mit der Kohle ist fertig, die Köpfe, die Fleischpartien sind grundiert, ihr diabolisches Antlitz tritt bereits in einigen kecken Strichen hervor, in dem grünen Auge blitzt Leben.
Wanda steht, die Arme auf der Brust verschränkt, vor der Leinwand.
„Das Bild soll, wie viele der venetianischen Schule, zugleich ein Porträt und eine Historie werden,“ erklärt der Maler, der wieder totenbleich ist.
„Und wie wollen Sie es dann nennen?“ fragte sie; „aber was ist Ihnen, sind Sie krank?“
„Ich fürchte —“ antwortete er, mit einem verzehrenden Blicke auf das schöne Weib im Pelz, „aber sprechen wir von dem Bilde.“
„Ja, sprechen wir von dem Bilde.“

„Ich denke mir die Liebesgöttin, welche zu einem sterblichen Manne aus dem Olymp herabgestiegen ist und auf dieser modernen Erde frierend ihren hehren Leib in einem großen, schweren Pelz, und ihre Füße in dem Schoße des Geliebten zu wärmen sucht; ich denke mir den Günstling einer schönen Despotin, welche den Sklaven peitscht, wenn sie müde ist, ihn zu küssen, und von ihm um so wahnsinniger geliebt wird, je mehr sie ihn mit Füßen tritt, und so werde ich das Bild ‚Venus im Pelz‘ nennen.“
** *
Der Maler malt langsam. Um so rascher wächst seine Leidenschaft. Ich fürchte, er nimmt sich am Ende noch das Leben. Sie spielt mit ihm und gibt ihm Rätsel auf, und er kann sie nicht lösen und fühlt sein Blut rieseln — sie aber unterhält sich dabei.
Während der Sitzung nascht sie Bonbons, dreht aus den Papierhülsen kleine Kugeln und bewirft ihn damit.
„Es freut mich, daß Sie so gut aufgelegt sind, gnädige Frau,“ spricht der Maler, „aber Ihr Gesicht hat ganz jenen Ausdruck verloren, den ich zu meinem Bilde brauche.“
„Jenen Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen,“ erwiderte sie lächelnd, „gedulden Sie sich nur einen Augenblick.“
Sie richtet sich auf und versetzt mir einen Hieb mit der Peitsche; der Maler blickt sie starr an, in seinem Antlitz malt sich ein kindliches Staunen, mischt sich Abscheu und Bewunderung.
Während sie mich peitscht, gewinnt Wandas Antlitz immer mehr jenen grausamen, höhnischen Charakter, der mich so unheimlich entzückt.
„Ist das jetzt jener Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen?“ ruft sie. Der Maler senkt verwirrt den Blick vor dem kalten Strahl ihres Auges.
„Es ist der Ausdruck —“ stammelt er, „aber ich kann jetzt nicht malen —“
„Wie?“ spricht Wanda spöttisch, „kann ich Ihnen vielleicht helfen?“
„Ja —“ schreit der Deutsche wie im Wahnsinn auf — „peitschen Sie mich auch.“
„O! mit Vergnügen,“ erwidert sie, die Achseln zuckend, „aber wenn ich peitschen soll, so will ich im Ernste peitschen.“
„Peitschen Sie mich tot,“ ruft der Maler.
„Lassen Sie sich also von mir binden?“ frägt sie lächelnd.
„Ja“ — stöhnt er —
Wanda verließ für einen Augenblick das Gemach und kehrte mit den Stricken zurück.
„Also — haben Sie noch den Mut, sich Venus im Pelz, der schönen Despotin, auf Gnade und Ungnade in die Hände zu geben?“ begann sie jetzt spöttisch.
„Binden Sie mich,“ antwortete der Maler dumpf. Wanda band ihm die Hände auf den Rücken, zog ihm einen Strick durch die Arme und einen zweiten um seinen Leib und fesselte ihn so an das Fensterkreuz, dann schlug sie den Pelz zurück, ergriff die Peitsche und trat vor ihn hin.
Für mich hatte die Szene einen schauerlichen Reiz, den ich nicht beschreiben kann, ich fühlte mein Herz schlagen, als sie lachend zum ersten Hiebe ausholte und die Peitsche durch die Luft pfiff und er unter ihr leicht zusammenzuckte, und dann, als sie mit halb geöffnetem Munde, so daß ihre Zähne zwischen den roten Lippen blitzten, auf ihn lospeitschte, und ehe er sie mit seinen rührenden, blauen Augen um Gnade zu bitten schien — es ist nicht zu beschreiben.
** *
Sie sitzt ihm jetzt allein. Er arbeitet an ihrem Kopfe.
Mich hat sie im Nebenzimmer hinter dem schweren Türvorhang postiert, wo ich nicht gesehen werden kann und alles sehe.
Was sie nur hat.
Fürchtet sie sich vor ihm? wahnsinnig genug hat sie ihn gemacht, oder soll es eine neue Folter für mich werden? Mir zittern die Knie.
Sie sprechen zusammen. Er dämpft seine Stimme so sehr, daß ich nichts verstehen kann, und sie antwortet ebenso. Was soll das heißen? Besteht ein Einverständnis zwischen ihnen?
Ich leide furchtbar, mir droht das Herz zu springen.
Jetzt kniet er vor ihr, er umschlingt sie und preßt seinen Kopf an ihre Brust — und sie — die Grausame — sie lacht — und jetzt höre ich, wie sie laut ausruft:
„Ah! Sie brauchen wieder die Peitsche.“
„Weib! Göttin! hast du denn kein Herz — kannst du nicht lieben,“ ruft der Deutsche, „weißt du nicht einmal, was das heißt, lieben, sich in Sehnsucht, in Leidenschaft verzehren, kannst du dir nicht einmal denken, was ich leide? Hast du denn kein Erbarmen für mich?“
„Nein!“ erwidert sie stolz und spöttisch, „aber die Peitsche.“
Sie zieht sie rasch aus der Tasche ihres Pelzes und schlägt ihn mit dem Stiel ins Gesicht. Er richtet sich auf und weicht um ein paar Schritte zurück.
„Können Sie jetzt wieder malen?“ frägt sie gleichgültig. Er antwortet ihr nicht, sondern tritt wieder vor die Staffelei und ergreift Pinsel und Palette.
Sie ist wunderbar gelungen, es ist ein Porträt, das an Ähnlichkeit seinesgleichen sucht, und scheint zugleich ein Ideal, so glühend, so übernatürlich, so teuflisch, möchte ich sagen, sind die Farben.
Der Maler hat eben alle seine Qualen, seine Anbetung und seinen Fluch in das Bild hineingemalt.
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Jetzt malt er mich, wir sind täglich einige Stunden allein. Heute wendet er sich plötzlich zu mir mit seiner vibrierenden Stimme und sagt:
„Sie lieben dieses Weib?“
„Ja.“
„Ich liebe sie auch.“ Seine Augen schwammen in Tränen. Er schwieg einige Zeit und malte weiter.
„Bei uns in Deutschland ist ein Berg, in dem sie wohnt,“ murmelte er dann vor sich hin, „sie ist eine Teufelin.“
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Das Bild ist fertig. Sie wollte ihm dafür zahlen, großmütig, wie Königinnen zahlen.
„O! Sie haben mich bereits bezahlt,“ sprach er ablehnend mit einem schmerzlichen Lächeln.
Ehe er ging, öffnete er geheimnisvoll seine Mappe und ließ mich hineinblicken — ich erschrak. Ihr Kopf sah mich gleichsam lebendig wie aus einem Spiegel an.
„Den nehme ich mit,“ sprach er, „der ist mein, den kann sie mir nicht entreißen, ich habe ihn mir sauer genug verdient.“
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„Mir ist eigentlich doch leid um den armen Maler,“ sagte sie heute zu mir, „es ist albern, so tugendhaft zu sein, wie ich es bin. Meinst du nicht auch?“
Ich wagte nicht, ihr eine Antwort zu geben.
„O, ich vergaß, daß ich mit einem Sklaven spreche, ich muß hinaus, ich will mich zerstreuen, will vergessen.“
„Schnell, meinen Wagen!“
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Eine neue phantastische Toilette, russische Halbstiefel von veilchenblauem Samt, mit Hermelin besetzt, eine Robe von gleichem Stoff, durch schmale Streifen und Kokarden desselben Pelzwerkes emporgehalten und geschürzt, ein entsprechender, anliegender kurzer Paletot, gleichfalls reich mit Hermelin ausgeschlagen und gefüttert; eine hohe Mütze von Hermelinpelz im Stile Katharinas II., mit kleinem Reiherbusch, der von einer Brillanten-Agraffe gehalten wird, das rote Haar aufgelöst über den Rücken. So steigt sie auf den Bock und kutschiert selbst, ich nehme den Platz hinter ihr ein. Wie sie in die Pferde peitscht. Das Gespann fliegt wie rasend dahin.
Sie will heute offenbar Aufsehen erregen, erobern, und das gelingt ihr vollständig. Heute ist sie die Löwin der Cascine. Man grüßt sie aus den Wagen; auf dem Pfade für die Fußgeher bilden sich Gruppen, welche von ihr sprechen. Doch niemand wird von ihr beachtet, hie und da der Gruß eines älteren Kavaliers mit einem leichten Kopfnicken erwidert.
Da sprengt ein junger Mann auf schlankem wilden Rappen heran; wie er Wanda sieht, pariert er sein Pferd und läßt es im Schritte gehen — schon ist er ganz nahe — er hält und läßt sie vorbei, und jetzt erblickt auch sie ihn — die Löwin den Löwen. Ihre Augen begegnen sich — und wie sie an ihm vorbeijagt, kann sie sich von der magischen Gewalt der seinen nicht losreißen und wendet den Kopf nach ihm.
Mir steht das Herz still bei diesem halb staunenden, halb verzückten Blick, mit dem sie ihn verschlingt, aber er verdient ihn.
Er ist bei Gott ein schöner Mann. Nein, mehr, er ist ein Mann, wie ich noch nie einen lebendig gesehen habe. Im Belvedere steht er in Marmor gehauen, mit derselben schlanken und doch eisernen Muskulatur, demselben Antlitz, denselben wehenden Locken, und was ihn so eigentümlich schön macht, ist, daß er keinen Bart trägt. Wenn er minder feine Hüften hätte, könnte man ihn für ein verkleidetes Weib halten, und der seltsame Zug um den Mund, die Löwenlippe, welche die Zähne etwas sehen läßt und dem schönen Gesichte momentan etwas Grausames verleiht —