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Unsichtbare Bande

Mutters Bild

Marie Franzos translation

Mutters Bild

In einem der hundert Häuschen des Fischerdorfes, die einander alle in Größe und Form gleichen, die alle gleich viele Fenster und gleich hohe Schornsteine haben, wohnte der alte Mattßon, der Lotse.

In allen Stuben des Fischerdorfes findet man denselben Hausrat, auf allen Fensterbrettern stehen dieselben Blumen, in allen Eckschränken prangen dieselben Arten Muscheln und Korallen, an allen Wänden hängen die gleichen Bilder. Und so wie die alte Sitte es festgestellt hat, leben alle Menschen des Fischerdorfes dasselbe Leben. Seit Mattßon, der Lotse, alt geworden war, richtete er sich ganz genau nach Brauch und Sitte: sein Haus, seine Stuben und sein Wandel glichen denen aller andern.

An der Wand über seinem Bette hatte der alte Mattßon ein Bild seiner Mutter. Eines Nachts träumte er, daß dieses Bild aus seinem Rahmen herabstieg, sich vor ihn hinstellte und ihm mit lauter Stimme sagte: „Du mußt heiraten, Mattßon.“

Der alte Mattßon begann sogleich Mutters Bild auseinanderzusetzen, daß dies unmöglich sei. Er war ja siebzig Jahre. – Aber Mutters Bild wiederholte nur mit noch größerm Nachdruck: „Du mußt heiraten, Mattßon.“

Der alte Mattßon hatte großen Respekt vor Mutters Bild. Es war in so manchen strittigen Fällen sein Ratgeber gewesen, und es hatte ihm immer Glück gebracht, wenn er ihm gefolgt war. Aber dieses Mal verstand er sein Vorgehen nicht recht. Es schien ihm, als befinde sich das Bild ganz im Widerspruch mit früher geäußerten Ansichten. Obgleich er dalag und träumte, erinnerte er sich klar und deutlich, wie es das erstemal gewesen war, als er heiraten wollte. Gerade als er sich zur Hochzeit ankleidete, lockerte sich der Nagel, an dem das Bild hing und fiel zu Boden. Da sah er, daß das Bild ihn vor der Heirat warnen wollte, doch er gehorchte nicht. Es zeigte sich aber später, daß das Bild recht gehabt hatte. Seine kurze Ehe war sehr unglücklich geworden.

Als er sich das zweitemal zur Hochzeit ankleidete, ging es ebenso zu. Das Bild stürzte wieder zu Boden, und diesmal wagte er nicht, ihm ungehorsam zu sein. Er ließ Braut und Hochzeit im Stiche, verdingte sich als Matrose und fuhr mehrmals um die Erde, ehe er sich wieder nach Hause wagte. – Und jetzt stieg das Bild von der Wand herab und befahl ihm zu heiraten. Wie gut und gehorsam er auch war, konnte er doch nicht umhin, zu denken, daß es nur seinen Scherz mit ihm treibe.

Aber Mutters Bild, das das barscheste Gesicht wiedergab, wie es nur scharfe Winde und salziger Meeresschaum ausmeißeln konnten, blieb ernst wie zuvor. Und mit einer Stimme, die das langjährige Ausbieten der Fische auf dem Markte der Stadt geübt und gestärkt hatte, wiederholte sie: „Du mußt heiraten.“

Da bat der alte Mattßon Mutters Bild, doch ein Einsehen zu haben und zu bedenken, in welcher Gemeinde sie lebten.

Alle hundert Häuser des Fischerdorfes hatten spitzige Dächer und weißgetünchte Wände, alle Boote des Fischerdorfes hatten denselben Bau und das gleiche Takelwerk. Niemand pflegte hier irgend etwas Ungewöhnliches zu tun. Mutter selbst wäre die erste gewesen, die sich einer solchen Heirat widersetzt hätte, wenn sie noch am Leben gewesen wäre. Mutter hatte streng auf Ordnung und Sitte gehalten. Und es war doch nicht Ordnung und Sitte in dem Fischerdorf, daß siebzigjährige Greise Hochzeit hielten.

Da streckte Mutters Bild die ringgeschmückte Hand aus und befahl ihm geradezu zu gehorchen. Mutter hatte immer etwas unbegreiflich Ehrfurchtgebietendes an sich gehabt, wenn sie so im schwarzen Taffetkleide mit den vielen Volants gekommen war. Die große glänzende Goldbrosche, die schwere rasselnde Goldkette hatten ihn immer eingeschüchtert. Wäre sie in ihren Marktkleidern gekommen, mit dem buntkarierten Kopftuch und mit der Wachstuchschürze voll Fischschuppen und Fischaugen, dann hätte er nicht ganz so großen Respekt vor ihr gehabt. Aber jetzt war das Ende vom Liede, daß er versprach, zu heiraten. Und dann schlüpfte Mutters Bild wieder in seinen Rahmen.

Am nächsten Morgen erwachte der alte Mattßon in großer Angst. Es fiel ihm gar nicht ein, gegen Mutters Bild ungehorsam zu sein, es wußte natürlich, was für ihn am besten war. Aber es graute ihm doch vor der Zeit, die jetzt kommen mußte.

An demselben Tage hielt er um die häßlichste Tochter des ärmsten Fischers an, ein kleines Ding mit dem Kopf zwischen den Schultern und mit vorstehendem Unterkiefer. Die Eltern sagten ja, und der Tag, an dem man zur Stadt fahren sollte, um sich aufbieten zu lassen, wurde festgesetzt.

Über windige Strandwiesen und morastige Gemeindeweiden führt der Weg vom Fischerdorf in die Stadt. Eine Viertelmeile ist er lang, und man behauptet, daß die Einwohner des Fischerdorfes so reich sind, daß sie ihn mit blankem Silbergelde pflastern könnten. Das würde dem Weg einen eigentümlichen Reiz verleihen. Glitzernd wie ein Fischbauch würde er sich mit seinen weißen Schuppen zwischen Riedgrashügeln und Strandpfützen dahinschlängeln. Tausendschönchen und Mandelblumen, die diesen von den Menschen verlassenen Boden schmücken, würden sich in den blanken Silbermünzen spiegeln, die Disteln würden schützend ihre Stacheln darüber ausstrecken, und der Wind würde einen klingenden Resonanzboden finden, wenn er durch das Schilf der Strandweiden spielte und in den Telephondrähten sang.

Dem alten Mattßon wäre es vielleicht ein gewisser Trost gewesen, wenn er seine schweren Seestiefel auf klingendes Silber hätte setzen können, denn eines ist gewiß, jetzt kam eine Zeit, in der er diesen Weg öfter machen mußte, als er wünschte.

Seine Papiere waren nicht in Ordnung gewesen. Aus dem Aufgebot hatte nichts werden können. Dies kam daher, daß er das vorige Mal seiner Braut durchgegangen war. Es dauerte lange, bis der Pfarrer an das Konsistorium über seine Sache schrieb und ihm die Erlaubnis erwirken konnte, eine neue Ehe zu schließen.

Solange die Wartezeit dauerte, kam der alte Mattßon an jedem Expeditionstage in die Stadt. Im Pfarrhause setzte er sich unten zur Tür hin und wartete dort stumm, bis alle ausgesprochen hatten. Dann stand er auf und fragte, ob der Pfarrer etwas für ihn habe. Nein, er hatte nichts.

Der Pfarrer wunderte sich, welche Macht die alles bezwingende Liebe über diesen alten Mann erlangt hatte. Da saß er in seiner dicken gestrickten Wolljacke, den hohen Seestiefeln und dem windverwehten Südwester, mit einem scharfen, klugen Gesicht und langen grauen Haaren, und wartete auf die Erlaubnis, zu heiraten. Dem Pfarrer schien es eigentümlich, daß dieser alte Fischer von einer so heißen Sehnsucht erfüllt war.

„Sie haben es recht eilig mit dieser Heirat, Mattßon,“ sagte der Pfarrer.

„Ach ja, es ist am besten, wenn es bald geschieht.“

„Könnten Sie nicht eigentlich ebensogut von der ganzen Sache abstehen, Mattßon? Sie gehören ja nicht mehr zu den Jüngsten.“

Der Pfarrer sollte sich nicht allzusehr wundern. Mattßon wußte ja selbst, daß er zu alt war, aber er war gezwungen, zu heiraten. Da gab es keine Hilfe.

Und so kam er ein halbes Jahr lang Woche für Woche wieder, bis endlich die Erlaubnis eintraf.

Während dieser ganzen Zeit war der alte Mattßon ein gehetzter Mann. Rings um den grünen Trockenplatz, wo die braunen Fischnetze hingen, längs der zementierten Mauer um den Hafen, an den Fischerbuden auf dem Markte, wo Dorsche und Krabben verkauft wurden, und weit draußen auf dem Sunde, wo man den Heringszug verfolgte, brauste ein Sturm des Staunens und Spottes.

Wie, er wollte heiraten, Mattßon, der vor seiner eignen Hochzeit davongelaufen war!

Und man verschonte weder Bräutigam noch Braut.

Doch am schlimmsten für ihn war, daß niemand mehr über die ganze Sache lachen konnte als er selbst. Niemand konnte sie lächerlicher finden. Mutters Bild war drauf und dran, ihn zur Verzweiflung zu bringen.

Illustration from Unsichtbare Bande: Erzählungen

Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der alte Mattßon, der noch immer ein von Gerede und Spott verfolgter Mann war, ging die Mole entlang, bis zu dem weißgetünchten Leuchtturm, um dort allein zu sein. Dort draußen traf er seine Braut. Sie saß da und weinte.

Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern hätte haben wollen. Sie saß da und lockerte kleine Kalkstückchen von der Mauer des Leuchtturmes und warf sie in das Wasser. Zuerst gab sie gar keine Antwort.

Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war?

Ach nein, gewiß nicht.

Draußen am Leuchtturm ist es sehr schön. Das klare Wasser des Sunds umrauscht ihn. Der flache Strand, die kleinen, regelrechten Häuschen des Fischerdorfes, die ferne Stadt, alles ist von der ewigen Schönheit des Meeres beglänzt. Aus den weichen Nebeln, die zumeist den westlichen Horizont verhüllen, taucht hier und da ein Fischerboot auf. Mit kühnem Kreuzen steuert es dem Hafen zu. Es rauscht fröhlich um den Kiel, wenn es in den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden ganz still die Segel eingezogen. Die Fischer schwenken den Hut zum fröhlichen Gruße, und unten im Boot liegt glitzernd die gefangne Beute.

Es kam gerade ein Boot in den Hafen, während der alte Mattßon draußen am Leuchtturm stand. Ein junger Bursche, der am Steuer saß, lüftete den Hut und nickte dem Mädchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen aufleuchtete.

„Ach so,“ dachte er, „hast du dich in den schönsten Burschen im ganzen Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du nie. Ebensogut kannst du da mich heiraten, wie auf den warten.“

Er merkte, daß er Mutters Bild nicht entkommen konnte. Wenn das Mädchen jemanden lieb gehabt hätte, den sie die geringste Aussicht hatte zu bekommen, dann wäre dies eine schöne Ausrede gewesen, um die ganze Sache loszuwerden. Aber jetzt nützte es nichts, sie freizugeben.

Illustration from Unsichtbare Bande: Erzählungen

Vierzehn Tage später wurde die Hochzeit gefeiert, und ein paar Tage drauf kam der große Novembersturm.

Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund hinabgetrieben. Steuer und Mast waren fort, so daß es unmöglich zu lenken war. Der alte Mattßon und fünf andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang ohne Nahrung herum. Als sie geborgen wurden, waren sie vor Mattigkeit und Kälte ganz erschöpft. Alles im Boote war mit einer Eiskruste überzogen, und ihre feuchten Kleider waren in der Kälte ganz steif geworden. Der alte Mattßon erkältete sich dabei so schwer, daß er nie mehr seine Gesundheit wiedererlangte. Er lag zwei Jahre lang krank, dann kam der Tod.

Manchen schien es eigentümlich, daß er unmittelbar vor dem Unglücksfalle den Einfall gehabt hatte, zu heiraten, denn die kleine Frau war ihm eine gute Pflegerin geworden. Wie wäre es ihm wohl ergangen, wenn er einsam und hilflos dagelegen wäre? Das ganze Fischerdorf erkannte schließlich, daß er nie etwas Klügres getan hätte, als da er sich verheiratete, und die kleine Frau stand in großem Ansehen wegen der Zärtlichkeit, mit der sie den Mann pflegte.

„Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten,“ sagte man.

Der alte Mattßon erzählte jeden Tag, solange er krank lag, seiner Frau die Geschichte von dem Bilde.

„Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles haben sollst, was mein ist,“ sagte er.

„Sprich doch nicht von so etwas.“

„Und du sollst auf Mutters Porträt acht geben, wenn die jungen Burschen um dich werben. Wahrlich, ich glaube, es gibt niemanden im ganzen Fischerdorf, der sich besser auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild.“

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