Das Pferd (continued 2)
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Diese Erklärung ist sehr gelehrt, ist aber mit den Tatsachen durchaus unvereinbar. Elefantenherden überschreiten die Gebirge an den günstigsten Stellen, so daß sie seit Urzeiten für die Menschen als Lehrmeister im Wegebau dienen. Genau so ist der Eisbär in unwegsamen Polarländern der Wegweiser für Polarreisende. Wir können uns keine Vorstellung davon machen, woran ein Elefant bei einem riesigen Gebirge den zum Ueberschreiten günstigsten Paß erkennt. Sein Auge ist obendrein auffallend schwach, und sein feiner Geruch kann ihm am Fuße eines Gebirgsstocks ebenfalls nichts nützen.
Elefanten bleiben stets in Herden. Es ist also ausgeschlossen, daß ein einzelner Elefant durch Zufall die Uebergangsstelle gefunden hat.
Wäre der Instinkt eine vererbte Fähigkeit, so müßte sie versagen, sobald neue, ungewohnte Verhältnisse vorliegen. Ist das der Fall?
In der Wirklichkeit ist davon nichts zu merken. Im achtzehnten Jahrhundert hat ein Sonderling in der Nähe von Kassel eine Affenkolonie gegründet. Diese Tiere bewegten sich vollkommen frei und gediehen trotz unserer kalten Winter prächtig.
Wir müssen unsere Kinder immer wieder warnen, daß sie keine unbekannten Früchte oder Beeren essen. Trotzdem kommen alljährlich Vergiftungsfälle vor. Woher wußten nun die Affen, welche Beeren und Früchte für sie bekömmlich waren oder nicht? Sie stammten aus Afrika, und ihr vererbtes Wissen konnte ihnen in Deutschland doch nichts nützen.
Früher gab es kein Saccharin und keine Kunstwaben. Wenn der Instinkt auf Vererbung beruht, so müßten die Bienen dem Saccharin und den Kunstwaben ratlos gegenüberstehen. Das Gegenteil ist eingetreten, wie die Bienenzüchter übereinstimmend bekunden. Alle Bienen haben das Saccharin abgelehnt, und alle haben die Kunstwaben benützt. Die Sache mit dem Saccharin können wir uns zur Not erklären. Der Süßstoff hat den feinriechenden Bienen übel gerochen. Aber weshalb alle Bienen die Kunstwaben angenommen haben, bleibt ein vollkommenes Rätsel.
Wir müssen uns also bescheiden und offen zugeben, daß wir vorläufig für den Instinkt keine zufriedenstellende Erklärung geben können.
Auch bei uns Menschen spielt der Instinkt eine weit größere Rolle, als man gewöhnlich annimmt. Insbesondere lassen sich Frauen von ihren Instinkten in vielen Fällen leiten. Es kommt oft vor, daß eine Frau erklärt, wenn ihr Mann einen Bekannten einführt: »Schaffe mir diesen Menschen aus den Augen – ich kann ihn nicht leiden!« Einen Grund für diese Abneigung kann sie nicht angeben, aber sie verläßt sich auf ihren Instinkt.
Vielleicht ist unser Erstaunen über die durch den Instinkt veranlaßten zweckmäßigen Handlungen ganz unbegründet. Denn das Leben wäre kein Leben, wenn ein freilebendes Tier nicht seine Feinde und seine Nahrung kennen würde, schwimmen könnte usw. Diese Fähigkeiten gehören also zum Begriffe des Lebens. Sie verschwinden da, wo sie zum Leben nicht mehr erforderlich sind, beispielsweise bei den Haustieren und Menschen. Der Mensch kann durch sein Gehirn die meisten Instinkte ersetzen.
Hiernach müßten wir uns nicht über die Instinkte der Tiere wundern, sondern darüber, daß wir als Menschen so wenige haben.
70. Das Gedächtnis des Pferdes.
Jeder Kutscher wird uns bestätigen, daß Pferde ein ausgezeichnetes Gedächtnis besitzen. Selbst in der Großstadt kann man solche Leistungen bewundern. So war vor dem Weltkriege unser Brotkutscher einmal erkrankt und hatte nach Art dieser Leute kein Verzeichnis seiner Kunden. Da riet er, einen Mann auf den Bock zu setzen und in jedem Hause, wo das Pferd anhielt, nach dem Kunden zu fragen. So erhielten sämtliche Kunden ihr Brot.
Das Gedächtnis der Tiere ist vielfach besser als das des Menschen. Schon im Altertum hat man das gewußt. Denn der Held Odysseus, der nach 20 Jahren in seine Heimat zurückkehrt, wird von keinem Menschen wiedererkannt, nur von seinem treuen Hunde. Wenn man auf einem langgestreckten Jagdrevier die geschossenen Hasen nicht alle mitschleppen will, sondern in ein Gebüsch steckt, um sie bei der Rückkehr mitzunehmen, so ist der Jäger abends oft im Zweifel, ob und wo er morgens einen Hasen versteckt hat. Der Hund dagegen weiß immer Bescheid. Das Gedächtnis kann also keine geistige Gabe sein, sonst könnte sie beim Tiere nicht stärker entwickelt sein als beim Menschen. Da auch Kinder ein besseres Gedächtnis haben als der Erwachsene, so geht auch hieraus hervor, daß es sich um keine geistige Fähigkeit handelt.
Das Tier hat aber ein hervorragendes Gedächtnis nur für Dinge, die es interessieren. Die rechnenden Pferde in Berlin und Elberfeld waren insofern Ausnahmeerscheinungen, als sie sich für Sachen interessierten, die einem Pferde sonst ganz fernliegen, nämlich Lesen, Schreiben und Rechnen. Von einem wirklichen Verstehen unserer Sprache, sowie von einem wirklichen Rechnen kann natürlich keine Rede sein. Vielmehr hatten sich die Pferde vermittels ihres vortrefflichen Gedächtnisses gemerkt, was sie auf gewisse Laute für Hufbewegungen zu machen hatten. Der sogenannte kluge Hans in Berlin klopfte also neunmal mit dem Hufe auf, wenn sein Lehrmeister, Herr von Osten, ihn fragte: Wieviel ist 7 und 2? Er hatte die richtige Antwort in mehrjährigem Unterricht so oft gehört, daß er die Frage spielend leicht beantworten konnte.
Neuerdings sind in Stuttgart Versuche über die geistigen Fähigkeiten der Hunde angestellt worden, woraus sich ergibt, daß Hunde trotz ihres schwachen Gesichts die Anzahl von Gegenständen schneller erfassen als der Mensch. Das halte ich für durchaus möglich. Es ist für den Wolf, den Fuchs und andere hundeartige Tiere von großer Bedeutung, die Anzahl der Pflanzenfresser, also die Zahl der zu einem Rudel gehörigen Hirsche, die Zahl der Küchlein bei einer Wildente und in ähnlichen Fällen genau zu wissen. Was dagegen sonst von den Aussprüchen der ihre Ansicht klopfenden Hunde mitgeteilt wird, steht in völligstem Widerspruch mit unseren bisherigen Anschauungen über die geistigen Fähigkeiten der Tiere. Man wird daher erst abwarten müssen, um die Ergebnisse nachzuprüfen. Vorher kann man zu ihnen keine Stellung nehmen.
Es ist klar, daß ein Pferd, das neunmal klopft, auf die Frage 7 und 2, deshalb noch nicht rechnen kann. Denn die Zahlen 7 und 2 sind abstrakte, d. h. gedachte Begriffe. Es ist schon zweifelhaft, ob ein Tier anschauliche Begriffe versteht, z. B. den Begriff Hund, Pferd usw. Diese Frage wird man wohl bejahen können. Dagegen haben wir nirgends den geringsten Anlaß, um anzunehmen, daß ein Tier für gedachte Begriffe Verständnis besitzt.
Das Tier kann also die Zahlen klopfen, wie ein Kind ein Wort nachplappert. Aber von einem Verständnis hierfür sind beide weit entfernt.
Menschen, die über solche Sachen nicht nachgedacht haben, verfallen leicht in die merkwürdigsten Irrtümer.
71. Das Verständnis des Pferdes für Kommandoworte.
Ein lehrreicher Versuch wurde vor dem Kriege mit Militärpferden angestellt. Jeder Kavallerist schwört darauf, daß die Pferde die Signale verstehen. Weiß er doch, daß sie die nötigen Bewegungen viel richtiger ausführen, wenn er das Tier sich allein überläßt, als wenn er es lenkt.
Da von Gelehrten diese Angaben bezweifelt wurden, so sollte durch eine Prüfung Klarheit in die Angelegenheit gebracht werden. Den Reitern wurde aufs strengste befohlen, sich jeder Einwirkung auf das Pferd zu enthalten. – Die Signale erklangen, und die Pferde rührten sich nicht von der Stelle. Folglich, so schlossen die Gelehrten, verstehen die Pferde nichts von den Signalen.
Die Sache liegt in Wirklichkeit etwas anders. Sowohl der Kavallerist irrt, als auch der Gelehrte irrt.
Das Pferd weiß, daß, wenn ein bestimmtes Signal ertönt und sein Reiter gewisse Einwirkungen ausübt, es bestimmte Bewegungen machen soll. Bleibt jedoch bei dem ihm bekannten Signal der Reiter wie ein Mehlsack sitzen, so wird das Pferd irre und weiß nicht, was es tun soll.
Der Kavallerist irrt also insofern, als er glaubt, das Pferd verstünde das Signal als solches oder überhaupt einen Zuruf als solchen. Der Hund versteht doch auch die Worte nicht als solche. Wenn ich ihm zurufe »Komm!«, so kommt er nicht, weil er das Wort »Kommen« versteht. Er weiß nur, daß, wenn er einen ganz bestimmten Laut hört, so soll er kommen. Was das Wort bedeutet, weiß er nicht. Man kann deshalb einen deutschen Hund mit französischen und englischen Wörtern dressieren und tut es auch. Man denke an Apport, down (daun) usw. Ein Irrtum aber ist es zu sagen, es genügen die Vokale des Befehls für den Hund. Die Sachlage ist folgende. Der Hund in einer Familie hört einen Befehl, beispielsweise »Peter, mach' schön!« von den einzelnen Familienmitgliedern ganz verschieden ausgesprochen. Deshalb genügen die Vokale, um ihn zur Ausführung des Befehls zu veranlassen. Hat der Hund jedoch nur einen einzigen Herrn, so sind die Vokale gewöhnlich nicht ausreichend.
Weil das Pferd von der Bedeutung des Signals ebenfalls keine Ahnung hat, so glaubt es, daß es auf Signal und Einwirkung des Reiters sich bewegen müßte.
Die Gelehrten irren, wenn sie glauben, daß das Pferd gar kein Verständnis für das Signal besäße. Wo kein Reiter oder Kutscher ist, versteht das Pferd die Signale ausgezeichnet. Dafür kann man unzählige Beweise anführen. Hierfür dürfte nachstehender genügen. Alltäglich kann man auf dem Lande sehen, daß ein Landmann Dung ausbreitet. Hat er die genügende Menge auf eine bestimmte Stelle gebracht, so ruft er dem Pferde zu, daß es vorwärts gehen solle. Noch niemals habe ich erlebt, das ein Pferd das nicht verstanden hätte. Hier weiß das Pferd, daß es allein auf den Zuruf ziehen soll, denn der Lenker steht ja fern vom Wagen. Den Inhalt des Zurufes versteht es natürlich nicht.
Wir sehen also, daß es ungeheuer schwierig ist, über die geistigen Gaben der Tiere ein Urteil abzugeben. Die Tiere sind uns durch manche Sinne und ihre Instinkte überlegen. Hieraus erklärt es sich, daß die einfachen Leute zu den Tieren, als zu ihren Lehrmeistern, emporsehen. Dagegen sind solche zweckmäßige Handlungen, die auf Grund einer wirklichen Ueberlegung erfolgen, bei Tieren sehr selten anzutreffen. Ja, man möchte bezweifeln, ob sie überhaupt vorkommen.
Das im Kampf ums Dasein stehende Tier hat ja auch keine Zeit zur Ueberlegung, wie schon beim Scheuen erwähnt wurde. Bei Gefahren überlegt der Mensch auch nicht erst lange. Sieht er in der Nähe einen Löwen oder Tiger auftauchen, so verfällt der Mensch nicht erst in ein längeres Grübeln und überlegt sich die Sache nach allen Seiten. Er richtet sich vielmehr nach seinen Instinkten. Genau so ist es, wenn er durch einen Brand geweckt wird. Angesichts der eindringenden Flammen denkt er auch nicht daran, erst lange zu überlegen.
Die Tiere haben also weniger Gehirn oder weniger Furchen im Gehirn und mehr Instinkte, weil sie, die mitten unter Gefahren stehen, mit einem Menschengehirn nichts anfangen könnten. Sie erreichen aber mit ihren Instinkten mehr, als man denken sollte. Die menschenähnlichen Affen werden in heißen Gegenden, wo die schrecklichsten Ungeheuer hausen, alt und grau ohne Waffen, ohne Arzt und ohne alle anderen Hilfsmittel des Europäers.
Es ist also richtig, daß das Tier nicht die geistigen Gaben besitzt wie der Mensch. Es ist aber der Schluß falsch, daß es deshalb weniger als der Mensch leisten könne. Mit seinen schärferen Sinnen und seinen Instinkten ist es vielmehr dem Menschen in vielen Sachen überlegen.
72. Warum müssen wir das Pferd putzen?
Die Wildpferde werden nicht geputzt – warum müssen wir Menschen es bei unseren Hauspferden tun? Hierauf wäre folgendes zu antworten:
Alle Einhufer haben die Gewohnheit, sich zu wälzen, was jedenfalls zur Anregung ihrer Hauttätigkeit geeignet ist. Demselben Zwecke dient wohl auch das gegenseitige Schaben der Pferde, das man bei Zweispännern oft beobachten kann.
Dadurch, daß wir das Pferd größer gezüchtet haben, ist seine Gelenkigkeit beeinträchtigt worden, und ein Sichwälzen findet nicht mehr so häufig statt wie früher.
Beim Esel dagegen ist das Sichwälzen sehr beliebt. Hiermit hängt die Redensart zusammen: Wo der Esel sich wälzt, da muß er Haare lassen. Das heißt: Der Verbrecher soll von dem Gerichte abgeurteilt werden, in dessen Bezirk seine Tat begangen worden ist.
Das Putzen dient gewissermaßen als Ersatz des Sichwälzens. Wie wichtig es für das Pferd ist, geht aus der Redensart hervor: Gut geputzt ist halb gefüttert. Denn das Hauspferd hat im Gegensatz zum Wildpferd schwer zu arbeiten und gerät deshalb häufig in Schweiß, was bei wilden Einhufern selten vorkommt.
73. Redensarten und Sprichwörter vom Pferde.
Besprochen sind bereits oder selbstverständlich sind folgende:
Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul.
Ein gut Pferd ist seines Futters wert.
Ein Pferd schabt das andere.
Gut geputzt ist halb gefüttert.
Es stolpert oft ein Pferd, das vier Füße hat.
Von jemandem, der eine Sache verkehrt macht, sagt man:
Er zäumt das Pferd von hinten auf.
Dagegen heißt es von denen, die ihre Umgebung von oben herab behandeln, daß sie
auf hohem Pferde (Rosse) sitzen.
Da nach allgemeiner Anschauung der Esel unendlich weniger wertvoll ist als ein Pferd, so sagt man von dem, der aus einem hochstehenden Beruf oder Amt in einen weniger hochstehenden gelangt:
Er setzt sich vom Pferde auf den Esel.
Eine unbestreitbare Wahrheit enthält der Vers:
Das Pferd, das am besten zeucht, bekommt die meisten Streich.
Unwillkürlich wird das Pferd am meisten ausgenutzt und infolgedessen am meisten gepeitscht, von dem man weiß, daß es am besten ziehen kann.
Gemietet Roß und eigene Sporen machen kurze Meilen.
Der Mensch liebt es, fremde Sachen, die ihm geliehen wurden, nach Möglichkeit auszunützen. Seinem eigenen Pferde würde er Erholung gönnen, aber ein fremdes hat sie nach seiner Anschauung nicht nötig. Er wird sich für ein fremdes Pferd die schärfsten Sporen nehmen und diese fleißig gebrauchen. So gelangt er schnell zum Ziel.
In den Sielen sterben
sagt man von einem Menschen, der wie ein Arbeitspferd bis zum letzten Augenblicke tätig war.
In meiner Gegend war die Redensart üblich:
Die rauhsten Fohlen werden die glattsten Pferde.
Mein Vater hat sich oft damit getröstet, wenn wir Knaben wieder einmal einen dummen Streich verübt hatten.

Pferdekoppel

Pferde in der Schwemme