← Table of contents
Über die letzten Dinge

Note 25 — „Peer Gynt“ und Ibsen. (Enthaltend einiges über Erotik, über Haß und Liebe, das Verbrechen, die Ideen des Vaters und des Sohnes.)

Reading edition

Man hat Ibsen, den größten und tiefsten Individualisten seit Kant für einen Sozialethiker auszugeben, den Verfasser des „Brand“, der „Stützen der Gesellschaft“ und der „Frau vom Meer“ für die Oberhoheit der Gesamtheit gegen die Freiheit der Individualität auszubeuten versucht. Sicherlich ist Ibsen kein Verächter des Sozialen, der Idee der Gesellschaft, wie es jene modernen Pseudo-Individualisten sind, die an der allgemeinen Identifikation von Individualismus und Egoismus die Schuld tragen; die ihre Unlust, sich durch Phänomene wie Krankheit und Armut im Genusse der Tafel- und Bettfreuden oder auch nur im Eifer der Zeitungslektüre und in der Wärme des Salontratsches stören zu lassen, mit dem Namen des zum Darwinisten ausgedeuteten Nietzsche decken. Ibsens Individualismus ist viel entschiedener, weil viel geklärter als der Nietzsches. Jedoch pflegt Ibsen jedem seiner Kommentatoren auf Fragen, die eine Legitimation für den Interpreten erreichen wollen, ohne Unterschied zu antworten, daß er ihn am besten von allen verstanden habe, und so hat er es wahrscheinlich auch jener Auslegung gegenüber, die ihn zum Sozialethiker stempeln wollte, nicht der Mühe wert gefunden, ein Wort der Verwahrung zu sagen. Wie konnte man aber auch den Mann für die Gattungsschwärmerei in Anspruch nehmen, dessen Hauptproblem Wahrheit und Lüge, das individualethische Problem κατ’ ἐξοχήν, ist!

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings