Drittes Buch (continued 2)
Friedrich von Oppeln-Bronikowski translation
Männer und Frauen aus Zeeland riefen mitsammen:
„Bei Todesgefahr! Wir wollen!“
Und die Männer redeten untereinander:
„Es ist uns eine Lust, das Land der Knechtschaft zu verlassen und aufs freie Meer zu gehen. Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein?“
Die Frauen und Mädchen sagten:
„Wir wollen unsern Männern und Freunden folgen. Wir sind aus Zeeland und werden dort Zuflucht finden.“
Ulenspiegel erspähte ein junges, artiges Mägdlein, trieb seinen Scherz mit ihr und sagte:
„Ich will Dich freien.“
Und sie antwortete errötend:
„Ich will Dich, aber nur in der Kirche.“
Und mit Lachen sprachen die Frauen untereinander:
„Ihr Herz zieht sie zu Hans Utenhove, des Baas Sohn. Er geht gewiß mit ihr.“
„Ja,“ antwortete Hans.
Und der Vater sprach zu ihm:
„Du kannst es tun.“
Die Männer legten ihr Festgewand an, Wams und Hosen von Sammet und den weiten Mantel darüber; auch setzten sie große Hüte zum Schutz gegen Sonne und Regen auf. Die Weiber, in schwarzen Strümpfen und geschlitzten Schuhen, trugen den großen, güldenen Stirnschmuck, links für die Mädchen und rechts für die Ehefrauen; am Halse die weiße Krause, den Brustlatz in güldner, scharlachner und azurblauer Stickerei, der Rock von schwarzer Wolle mit breiten Sammetstreifen in der nämlichen Farbe, schwarzwollene Strümpfe und Sammetschuhe mit Silberschnalle.
Dann ging Thomas Utenhove in die Kirche, den Priester zu bitten, für zwei Reichstaler, die er ihm in die Hand steckte, ohne Verzug Tylbert, des Klas Sohn, mit Tannekin Pieters zu trauen, und der Pfarrer willigte darein.
Ulenspiegel ging also, von der ganzen Hochzeitsgesellschaft gefolgt, in die Kirche und vermählte sich allda vor dem Priester mit Tannekin, die so schön und reizend, so freundlich und rundlich war, daß er gern in ihre Wangen gebissen hätte wie in einen Liebesapfel. Und er sagte es ihr, da er aus Scheu vor ihrer sanften Schönheit es nicht zu tun wagte. Sie aber sprach schmollend zu ihm:
„Laß mich; da ist Hans, der sieht Euch an, um Euch umzubringen.“
Und ein Mägdlein, ein eifersüchtiges, sagte zu ihm:
„Such anderswo; siehest Du nicht, daß sie Angst vor ihrem Manne hat.“
Lamm rieb sich die Hände und rief aus:
„Du sollst sie nicht alle haben, Taugenichts.“
Und er freute sich baß.
Ulenspiegel nahm sein Leid in Geduld hin und kehrte mit den Hochzeitsgästen zum Pachthof zurück. Und da trank er, sang und war guter Dinge und trank dem eifersüchtigen Mägdlein zu. Des war Hans froh, aber nicht Tannekin noch des Mägdleins Bräutigam.
Bei hellem Sonnenschein und frischem Winde fuhren die Wagen um Mittag, mit Grün und Blumen geschmückt davon, mit flatternden Fahnen und beim fröhlichen Klang der Schellentrommeln, Schalmeien, Quer- und Sackpfeifen.
In Albas Lager war ein ander Fest. Nachdem die Wachen und Vorposten Alarm geblasen hatten, kamen sie nacheinander zurück und meldeten:
„Der Feind ist nahe; wir haben den Lärm der Trommeln und Pfeifen gehört und die Fahnen erblickt. Es ist eine starke Abteilung Reiterei, die dorthin gerückt ist, um Euch in irgend einen Hinterhalt zu locken. Die Hauptmacht ist ohnzweifelhaft ferner.“
Alsbald ließ der Herzog Feldmeister, Obristen und Hauptleute benachrichtigen, befahl, das Heer in Schlachtordnung aufzustellen, und ließ den Feind auskundschaften.
Plötzlich erschienen vier Wagen, die auf die Scharfschützen zufuhren. In den Wagen tanzten die Männer und Weiber, die Flaschen machten die Runde, und lustig kreischten die Pfeifen, ächzten die Schalmeien, dröhnten die Trommeln und schnarrten die Dudelsäcke.
Nachdem die Hochzeitsgesellschaft Halt gemacht hatte, kam Alba selbst auf den Lärm herbei und sah die junge Frau auf einen der vier Wagen, Ulenspiegel, ihr Ehegespons, neben ihr, ganz mit Blumen geschmückt; und alle Bauern und Bäuerinnen waren abgestiegen, tanzten herum und gaben den Soldaten zu trinken.
Alba und die Seinen verwunderten sich gewaltig der Einfalt dieser Bauern, die da sangen und feierten, wo alles um sie her in Waffen war. Und die in den Wagen waren, gaben den Soldaten all ihren Wein.
Und sie wurden von ihnen gepriesen und geehrt.
Da der Wein in den Wagen ein Ende nahm, machten sich die Bauern und Bäuerinnen beim Klange der Schellentrommeln, Quer- und Sackpfeifen wieder auf den Weg, ohne belästigt zu werden. Und frohen Muts gaben die Soldaten ihnen zu Ehren eine Salve Büchsenschüsse ab. Und dergestalt zogen sie in Maestricht ein, wo Ulenspiegel sich mit reformierten Unterhändlern ins Einvernehmen setzte, um der Flotte des Schweigers Schiffe, Waffen und Munition zu senden. Und desgleichen taten sie in Landen. Und als Tagelöhner gekleidet zogen sie allerorten hin.
Dem Herzog ward die Kriegslist kund; und es ward ein Lied darauf gemacht, welches man ihm sandte, und der Kehrreim lautete:
„Blutherzog, Du Tropf, Hast Du die Braut gesehen?“
Und allemal, wenn er ein falsches Manöver gemacht hatte, sangen die Soldaten:
„Der Herzog ist geblendet, Er hat die Braut gesehen.“
24
Inzwischen brütete König Philipp unheilvollen Trübsinn. In seinem leidenden Hochmut bat er Gott, ihm Macht zu geben, Engelland zu besiegen, Frankreich zu erobern, Mailand, Genua und Venedig zu nehmen und dergestalt als großer Meerbeherrscher über ganz Europa zu regieren.
Dieses Triumphes gedenkend, lachte er nicht.
Es fror ihn beständig; der Wein erwärmte ihn nicht, noch das Feuer von duftendem Holze, das allezeit in dem Gemache, darin er sich aufhielt, brannte. Dieweil er unaufhörlich schrieb und inmitten so vieler Briefe saß, daß man hundert Tonnen damit hätte anfüllen können, gedachte er der allumfassenden Weltherrschaft, wie sie die römischen Kaiser ausgeübt hatten. Er gedachte des eifersüchtigen Hasses wider seinen Sohn Don Carlos, seit dieser an Herzog Albas Stelle nach den Niederlanden hatte gehen wollen, ohne Zweifel, um dort den Versuch zu machen zu regieren; so glaubte er.
Und beim Anblick dieses wilden und bösartigen Verrückten, der häßlich und mißgestalt war, faßte er noch größeren Haß gegen ihn. Doch er redete nicht darüber.
Die, so König Philipp und seinem Sohne Don Carlos dienten, wußten nicht, welchen von beiden sie am meisten fürchten sollten, den behenden, mörderischen Sohn, der seine Diener mit seinen Nägeln zerfleischte, oder den feigen, tückischen Vater, der sich andrer bediente, um zu schlagen, und gleich einer Hyäne von Leichen lebte.
Die Diener erschraken, da sie sie um einander herum schleichen sahen. Und sie sagten, daß in Bälde etwelcher Todesfall im Escurial eintreten würde.
Nun aber erfuhren sie bald, daß Don Carlos wegen Verbrechen des Hochverrats eingekerkert sei. Und sie wußten, daß sich seine Seele in finsterm Groll verzehrte und daß er sich im Gesicht verletzt hatte, als er sich durch die Eisenstäbe seines Gefängnisses zwängen wollte, um zu entfliehen, und daß Madame Isabella von Frankreich unablässig weinte.
Aber König Philipp weinte nicht.
Und es ging das Gerücht, daß man Don Carlos grüne Feigen gegeben und daß er am nächsten Tage gestorben sei, gleich als wäre er eingeschlafen. Die Aerzte sagten: Sobald er die Feigen gegessen hatte, hörte das Blut auf zu pulsen und alle Funktionen des Lebens, wie die Natur sie vorschreibt, waren unterbrochen. Er konnte nicht mehr ausspeien, noch erbrechen, noch irgend etwas aus seinem Körper hinausbringen. Sein Leib schwoll beim Sterben auf.
König Philipp hörte für Don Carlos die Seelenmesse, ließ ihn in der Kapelle seiner königlichen Residenz beisetzen und einen Stein über seinen Leichnam decken; aber er weinte nicht. Und die Diener sprachen untereinander, indem sie mit der prinzlichen Grabschrift, so auf dem Leichenstein stand, ihren Spott trieben:
Hier ruht, der grüne Feigen gegessen; Er starb und ist nicht krank gewesen. A qui jaze qui en para desit verdad Morio sin infirmidad.
Und König Philipp sah die Prinzessin von Eboli, welche verheiratet war, mit begehrlichen Blicken an. Er bat sie um Liebe, und sie gewährte sie ihm.
Madame Isabella von Frankreich, von der man sagte, daß sie des Don Carlos Absichten auf die Niederlande begünstigt habe, ward mager und leidend. Und ihre Haare fielen in großen Strähnen auf einmal aus. Sie hatte oftmals Erbrechen, und die Nägel ihrer Füße und Hände fielen ab. Und sie starb.
Und Philipp weinte nicht.
Die Haare des Prinzen von Eboli fielen gleichfalls aus und er ward traurig und klagte immer. Dann fielen auch die Nägel seiner Füße und Hände ab.
Und König Philipp ließ ihn beisetzen.
Und er bezahlte die Trauer der Witwe und weinte nicht.
25
Zu jener Zeit kamen etliche Frauen und Mädchen aus Damm und fragten Nele, ob sie nicht Maienbraut sein und sich mit dem Bräutigam, den man ihr schaffen würde, im Gebüsch verstecken wolle. Denn, so sprachen die Frauen nicht ohne Eifersucht, es ist kein junger Mann in ganz Damm und Umgegend, der sich Dir nicht verloben würde: Dir, die Du so schön, sittsam und blühend bleibst, / ohne Zweifel eine Hexengabe.“
„Gevatterinnen,“ antwortete Nele, „saget den jungen Männern, die meiner begehren: Neles Herz ist nicht hier, sondern bei dem, der umherstreift, das Land der Väter zu befreien. Und wenn ich blühend bin, wie Ihr saget, so ist es nicht Hexengabe, sondern Gabe der Gesundheit.“
Die Gevatterinnen antworteten:
„Katheline steht jedoch im Verdacht.“
„Glaubet nicht den Worten der Bösen,“ antwortete Nele, „Katheline ist keine Hexe. Die Herren vom Gericht haben ihr Werg auf dem Kopf verbrannt und Gott hat sie mit Wahnsinn heimgesucht.“
Und Katheline kauerte in einem Winkel, schüttelte den Kopf und sprach:
„Nehmt das Feuer fort, Hanske, mein Liebster wird wiederkommen.“
Da die Gevatterinnen fragten, wer dieser Hanske sei, antwortete Nele:
„Es ist Klasens Sohn, mein Milchbruder, den sie verloren wähnt, seit Gott sie heimgesucht hat.“
Und die guten Gevatterinnen gaben Katheline Silberstüver. Und wenn sie neu waren, zeigte sie sie Einem, den keiner sah, und sagte: „Ich bin reich, reich an glänzendem Silber. Komm, Hanske, mein Buhle, ich werde meine Liebesfreuden bezahlen.“
Und nachdem die Gevatterinnen fort waren, weinte Nele in der einsamen Hütte. Sie gedachte an Ulenspiegel, der in fernen Landen umherirrte, ohne daß sie ihm folgen konnte, und an Katheline, die oftmals ächzte: „Nehmt das Feuer fort,“ und mit beiden Händen an ihre Brust faßte und also zeigte, daß das Feuer des Wahnsinns Haupt und Leib mit Fieber verbrannte.
Inzwischen versteckten sich Maienbraut und Bräutigam in den Büschen. Der oder die, so einen von ihnen fand, war nach dem Geschlechte des Findlings und dem seinigen, König oder Königin des Festes.
Nele hörte die Freudenrufe der Burschen und Dirnen, als die Maienbraut am Rand eines Grabens, in hohem Grase versteckt, gefunden ward. Und sie weinte, der holden Zeiten gedenkend, da man sie suchte, sie und ihren Freund Ulenspiegel.
26
Dieweil ritten er und Lamm, hier ein Bein und da ein Bein, auf ihren Eseln.
„Wohlan, höre, Lamm,“ sprach Ulenspiegel. „Die Adligen der Niederlande haben aus Eifersucht gegen Oranien die Sache der Verbündeten, den heiligen Bund verraten, den tapferen Kompromiß, der zum Wohle des Vaterlandes unterzeichnet ward. Von Egmont und von Hoorn waren gleichermaßen Verräter und ohne Nutzen für sie. Brederode ist tot, und uns bleibt in diesem Kriege nur das arme Volk von Brabant und Flandern, das treue Führer erharrt, um vorzudringen. Und dann, mein Sohn, sind noch die Inseln da, die Inseln von Zeeland, auch Nord-Holland, dessen Statthalter der Prinz ist, und weiter noch über das Meer, Edgard, Graf von Emden und Ostfriesland.“
„Wehe,“ sprach Lamm, „ich sehe es klar, wir pilgern zwischen Strick, Rad und Scheiterhaufen, vor Hunger sterbend und vor Durst gähnend, ohn alle Hoffnung auf Ruhe.“
„Wir sind erst im Anfang,“ erwiderte Ulenspiegel. „Geruhe, in Betracht zu ziehen, daß alles dabei für uns eine Lust ist: unsere Feinde zu töten, ihnen eine Nase zu drehen, unsere Säcke voller Gülden zu haben. Dazu haben wir guten Ballast von Fleisch, Bier, Wein und Branntwein. Was brauchst Du mehr, Federsack? Sollen wir unsere Esel verkaufen und Pferde einhandeln?“
„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „der Trab eines Pferdes ist für einen Mann meiner Leibesstärke gar beschwerlich.“
„Du setzest Dich auf dein Tier, wie die Bauern tun, und niemand wird über dich spotten, da Du wie ein Bauer gekleidet bist und nicht gleich mir einen Degen, sondern nur einen Spieß trägst.“
„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „bist Du sicher, daß unsere beiden Pässe uns in den kleinen Städten helfen können?“
„Habe ich nicht des Pfarrers Zeugnis,“ sagte Ulenspiegel, „mit dem großen Kirchensigill aus rotem Wachs, so an zwei Pergamentschwänzen daran hänget, und unsere Beichtzettel? Die Söldlinge und Bluthunde des Herzogs vermögen nichts wider zwei so trefflich versehene Männer. Und die schwarzen Rosenkränze, die wir zu verkaufen haben? Wir sind alle beide Reiter, Du Vläme und ich ein Deutscher, und reisen auf ausdrücklichen Befehl des Herzogs, die Ketzer dieses Landes durch Verkauf geweihter Sachen dem heiligen, katholischen Glauben zu gewinnen. Derart werden wir allerorten eindringen, in die Häuser der adligen Herren und in die fetten Abteien. Und sie werden uns salbungsvolle Gastfreundschaft gewähren. Und wir werden ihre Geheimnisse erlauschen. Leck Deine Lefzen, mein sanfter Freund.“
„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „wir treiben das Handwerk von Spionen.“
„Nach Recht und Gesetz des Krieges,“ entgegnete Ulenspiegel.
„So sie die Tat an den drei Predigern erfahren, ist es um uns geschehen,“ sprach Lamm.
Ulenspiegel sang:
„Auf meiner Fahne steht Leben, schaut! Allzeit im Lichte leben. Von Leder ist mir die erste Haut, Von Stahl die zweite gegeben.“
Doch Lamm seufzte:
„Ich habe nur eine gar weiche Haut, der geringste Dolchstoß würde sie ohne Verzug durchlöchern. Wir täten besser, uns irgend einem nützlichen Handwerk zu widmen, als derart über Berg und Tal zu vagieren, um all den großen Prinzen zu dienen, die mit den Beinen in sammetnen Hosen stecken und von vergüldeten Tafeln Fettammern speisen. Für uns sind Schläge, Gefahren, Schlacht, Regen, Hagel, Schnee und magere Landstreichersuppen. Für sie sind leckere Aale, fette Kapaune, duftende Krammetsvögel und saftige Masthühnchen.“
„Das Wasser läuft Dir im Munde zusammen, mein sanfter Freund“, sprach Ulenspiegel.
„Wo seid Ihr, frisches Brot, goldene Pfannkuchen und köstliche Rahmspeise? Ja, wo bist Du, mein Weib?“
Ulenspiegel versetzte:
„Die Asche brennt auf meinem Herzen und treibt mich in die Schlacht. Du aber, sanftes Lamm, das weder den Tod von Vater noch Mutter, noch den Kummer derer, die Du liebst, noch Deine gegenwärtige Armut zu rächen hast, laß mich allein wandern, wohin ich muß, wenn des Krieges Beschwerden Dich schrecken.“
„Allein?“ sprach Lamm und brachte plötzlich seinen Esel zum stehen. Der hub an, einen Distelstrauch zu benagen, deren es auf diesem Wege eine große Ernte gab. Ulenspiegels Esel stand still und fraß desgleichen.
„Allein?“ sprach Lamm. „Du wirst mich nicht allein lassen, mein Sohn, das wäre eine ausgesuchte Grausamkeit. Mein Weib verloren haben und auch noch meinen Freund verlieren, das kann nicht sein. Ich werde nicht mehr stöhnen, ich gelobe es Dir. Und da es sein muß,“ / und er hub stolz das Haupt / „so werde ich in den Kugelregen gehen, ja! / Und mitten in die Degen hinein, jawohl, und unter die schmählichen Söldlinge, die Blut trinken wie die Wölfe. Und wenn ich eines Tages blutend und zu Tode getroffen zu deinen Füßen falle, begrabe mich, und so Du mein Weib siehest, sag ihr, ich sei gestorben, weil ich nicht leben konnte, ohne von irgend einem in dieser Welt geliebt zu werden. Nein, das vermöcht ich nicht, mein Sohn Ulenspiegel.“
Und Lamm weinte. Und Ulenspiegel ward gerührt, da er diesen sanften Mut sah.
27
Um diese Zeit teilte der Herzog sein Heer in zwei Haufen und ließ den einen nach dem Herzogtum Luxemburg den anderen nach der Markgrafschaft Namur marschieren.
„Das ist irgend ein militärischer Entschluß, der mir unbekannt ist,“ sagte Ulenspiegel. „Einerlei, laß uns mit Zuversicht nach Maestricht ziehen.“
Als sie nahe der Stadt an der Maas entlang gingen, sah Lamm, wie Ulenspiegel alle Schiffe, die auf dem Fluß schwammen, achtsam betrachtete und vor ihrer einem, so am Bug ein Meerweib trug, still stehen blieb. Und dieses Meerweib hielt einen Schild, darauf in güldenen Lettern auf schwarzem Grunde das Zeichen J-H-S, welches das unseres Herrn Jesu Christi ist, stand.
Ulenspiegel bedeutete Lamm stehen zu bleiben und hub an, fröhlich wie eine Lerche zu trillern.
Ein Mann kam auf Deck und krähte wie ein Hahn. Dann auf ein Zeichen Ulenspiegels, der wie ein Esel schrie und auf das auf dem Flußdamm versammelte Volk wies, hub er auch an, wie ein Esel erschrecklich zu schreien. Ulenspiegels und Lamms beide Esel legten die Ohren an und sangen ihr Naturlied.
Weiber kamen vorbei, auch Männer auf Pferden, so die Schiffe zogen, und Ulenspiegel sagte zu Lamm:
„Dieser Bootsmann macht sich über uns und unsere Reittiere lustig. Wollen wir ihn auf seinem Boot angreifen?“
„Mag er doch lieber hierher kommen,“ antwortete Lamm.
Darauf sprach eine Frau und sagte:
„Wenn anders Ihr nicht mit zerschnittenen Armen, zerbrochenem Kreuz und zerfetztem Gesicht zurückkommen wollet, so lasset diesen Stercke Pier nach Belieben schreien.“
„I—ah, I—ah, I—ah,“ machte der Bootsmann.
„Lasset ihn singen,“ sprach die Gevatterin. „Wir sahen ihn jüngst einen mit schweren Bierfässern beladenen Wagen auf seine Schultern heben und einen andern von einem starken Pferd gezogenen Wagen aufhalten. Dorten,“ sprach sie, auf die Herberge zum Blauwen Torren deutend, „hat er mit seinem Messer, das er auf zwanzig Schritt schleuderte, eine eichene Planke von zwölf Daumen Dicke durchbohrt.“
„I—ah, I—ah, I—ah,“ schrie der Bootsmann, indes ein Junge von zwölf Jahren auf Deck kam und ebenfalls wie ein Esel zu schreien anhub.
Ulenspiegel antwortete:
„Was kümmert uns dein Sterke Pier! Ein wie starker Peter er auch sein mag, wir sind noch stärker, und hier ist mein Freund Lamm, der könnte zwei von seiner Statur verschlingen, ohne aufzustoßen.“
„Was sagst Du, mein Sohn?“ fragte Lamm.
„Was wahr ist,“ antwortete Ulenspiegel; „widersprich mir nicht aus Bescheidenheit. Ja, Ihr guten Leute, Gevatterinnen und Handwerker, bald sollt Ihr sehen, wie er diesen berühmten Sterke Pier mit den Armen bearbeitet und zu nichte macht.“
„Schweig,“ sagte Lamm.
„Deine Kraft ist bekannt,“ antwortete Ulenspiegel, „Du könntest sie nicht verbergen.“
„I—ah,“ schrie der Bootsmann, „I—ah, I—ah,“ schrie der Junge.
Plötzlich sang Ulenspiegel wiederum gar melodisch wie eine Lerche, und die Männer, Weiber und Arbeiter fragten ihn voller Entzücken, wo er dies göttliche Trillern gelernt hätte.
„Im Paradeis, von wannen ich gradenwegs komme,“ sprach Ulenspiegel.
Dann sprach er zu dem Manne, der nicht nachließ mit Schreien und spottend mit dem Finger auf ihn wies:
„Warum bleibst Du da auf Deinem Schiff, Taugenichts? Traust Du Dich nicht, an Land zu kommen, um über uns und unsere Tiere zu spotten?“
„Traust Du Dich nicht?“ fragte Lamm.
„I—ah, I—ah,“ schrie der Bootsmann. „Ihr eselhaften Esel, kommt auf mein Schiff.“
„Tu so wie ich,“ flüsterte Ulenspiegel Lamm zu.
Und zum Bootsmann sprechend:
„Wenn Du der starke Pier bist, bin ich Tyll Ulenspiegel. Und diese beiden sind unsere Esel Jef und Jan, die besser i—ahen können als Du, denn es ist ihre natürliche Rede. Und auf Deine schlecht gefügten Planken steigen, das wollen wir nicht. Dein Schiff ist gleich einem Napfe; jedesmal, wenn eine Welle es anstößt, weicht es zurück, es könnte nur auf der Seite gehen wie die Krabben.“
„Ja, wie die Krabben,“ sprach Lamm.
Darauf sagte der Bootsmann zu Lamm:
„Was murmelst Du da zwischen den Zähnen, Du Speckblock?“
Lamm geriet in Wut und sagte:
„Schlechter Christ, der Du mir mein Gebrechen vorwirfst, wisse, daß mein Speck mein ist und von meiner guten Nahrung herrührt, derweil Du, alter, verrosteter Nagel nur von alten Pökel-Heringen, Lichtdochten und Stockfischhäuten gelebt hast, nach Deinem magereren Fleisch zu urteilen, das man durch die Löcher Deiner Hosen durchscheinen sieht.“
„Sie werden sich wacker verhauen,“ sprachen erfreut und neugierig die Männer, Weiber und Arbeiter.
„I—ah, I—ah,“ schrie der Schiffer.
Lamm wollte von seinem Esel steigen und Steine aufheben, um den Schiffer damit zu werfen.
„Wirf nicht mit Steinen,“ sagte Ulenspiegel.
Der Schiffer sagte dem Jungen, der neben ihm auf dem Schiff iahte, etwas ins Ohr. Derselbige machte von der Breitseite ein Boot los und mit Hilfe eines Bootshakens, den er geschickt handhabte, näherte er sich dem Ufer. Als er ganz nahe war, sagte er in stolzer Haltung:
„Mein Baas fragt an, ob Ihr waget, auf das Schiff zu kommen und einen Kampf mit Faust und Fuß mit ihm aufzunehmen? Diese Männer und Weiber werden Zeugen sein.“
„Das wollen wir,“ sprach Ulenspiegel gar würdig.
„Wir nehmen den Kampf an,“ sagte Lamm mit großem Stolz.
Es war um Mittag und die Deicharbeiter, Pflasterer, Schiffsbauleute, die Frauen, die ihren Männern das Essen brachten, die Kinder, die gekommen waren, um ihre Väter Bohnen und gekochtes Fleisch essen zu sehen; alle lachten und klatschten in die Hände bei der Aussicht auf einen bevorstehenden Kampf. Sie erhofften voller Freuden, daß dem einen oder andern der Kämpen der Schädel zerbrochen, oder daß er zu ihrem Ergötzen in den Fluß fallen würde.
„Mein Sohn,“ sagte Lamm ganz leise, „er wird uns ins Wasser werfen.“
„Laß Dich nur hineinwerfen,“ sprach Ulenspiegel.
„Der Dicke hat Angst,“ sagte der Haufe der Arbeiter.
Lamm, der immer noch auf seinem Esel saß, drehte sich nach ihnen um und sah sie zornig an, aber sie höhnten ihn.
„Laß uns auf das Schiff gehen,“ sagte Lamm, „sie sollen sehen, ob ich Angst habe.“
Bei diesen Worten ward er abermals verhöhnt, und Ulenspiegel sagte:
„Laß uns auf das Schiff gehen.“
Nachdem sie von ihren Eseln gestiegen, warfen sie dem Jungen die Zügel zu. Selbiger streichelte die Grautiere freundschaftlich und führte sie dahin, wo er Disteln sah.
Alsdann nahm Ulenspiegel den Bootshaken, hieß Lamm in das Boot steigen, steuerte auf das Schiff zu und erkletterte es mit Hilfe eines Taus hinter dem schwitzenden, schnaufenden Lamm.
Als sie auf dem Deck des Boots waren, bückte Ulenspiegel sich, als wolle er seine Schuhe schnüren, und sprach etliche Worte zu dem Schiffer. Der lächelte und blickte Lamm an. Dann stieß er tausend Schimpfworte aus, schalt ihn einen, von sträflichem Fett aufgedunsenen Taugenicht, eine Galgenfrucht, einen Breifresser und sagte zu ihm: „Dicker Walfisch, wieviel Tonnen Oel gibst Du, wenn man Dich zur Ader lässet?“
Unversehens stürzte Lamm, ohne zu antworten, wie ein wütender Ochs auf ihn los, warf ihn zu Boden und prügelte ihn mit aller Kraft, tat ihm aber wegen der Schwachheit seiner fetten Arme nicht sehr wehe. Der Schiffer, wiewohl er sich stellte, als wehre er sich, ließ sich’s gefallen, und Ulenspiegel sagte: „Dieser Taugenichts soll uns zur Strafe frei halten.“
Die Männer, Weiber und Kinder, so vom Ufer aus dem Kampfe zuschauten, sprachen: „Wer hätte geglaubt, daß dieser Dicke so hitzig wäre!“
Und sie klatschten in die Hände, derweil Lamm wie ein Besessener zuschlug. Aber der Schiffer trug nur Sorge, sein Gesicht zu schützen. Plötzlich sah man Lamm, wie er, mit dem Knie auf der Brust des starken Pier, ihn mit der einen Hand bei der Kehle packte und die andere erhob, um zuzuschlagen.
„Schrei um Gnade,“ rief er wütend, „oder ich werde Dich durch die Planken Deines Waschkübels drücken!“
Der Schiffer hustete, um anzuzeigen, daß er nicht schreien könne, und bat mit einer Handbewegung um Gnade.
Alsbald sah man, wie Lamm seinen Feind edelmütig aufrichtete. Dieser stand sogleich wieder aufrecht und steckte, den Zuschauern den Rücken kehrend, Ulenspiegel die Zunge heraus. Der aber brach in Gelächter aus über Lamm, welcher stolz die Feder seines Baretts schüttelte und in großem Triumph auf dem Deck einher stolzierte. Und die Männer und Weiber, die Knaben und Mädchen, so am Ufer standen, klatschten aus Leibeskräften Beifall und riefen dabei:
„Es lebe der Besieger des starken Pier! Das ist ein Mann von Eisen. Habt Ihr gesehen, wie er ihn mit der Faust bearbeitete und ihn unversehens auf den Rücken warf? Jetzund werden sie trinken, um Frieden zu schließen. Der starke Pier kommt mit Wein und Würsten aus dem Schiffsraum herauf.“
Wirklich war der starke Pier mit zwei Humpen und einem großen Krug weißen Maasweins nach oben gekommen. Und er und Lamm hatten Frieden geschlossen. Und Lamm, der ob seines Sieges, des Weins und der Würste schier guter Dinge war, wies auf eine eiserne Esse, die schwarzen, dicken Rauch ausspie, und fragte ihn, welche Gerichte er im Schiffsraum machte.
„Kriegskost,“ antwortete lächelnd der starke Pier. Der Haufe der Arbeiter, Weiber und Kinder hatte sich verlaufen, um zur Arbeit oder nach Hause zu gehen. Alsbald lief das Gerücht von Mund zu Mund, daß ein dicker Mann auf einem Esel, von einem kleinen Pilger begleitet, der gleichfalls einen Esel ritt, stärker als Simson sei, und daß man sich hüten müsse, ihn zu beleidigen.
Lamm trank und blickte den Schiffer siegesbewußt an.
Dieser sagte plötzlich:
„Eure Esel langweilen sich da unten.“
Dann lenkte er das Schiff nach dem Flußdamme, stieg ans Land, faßte einen der Esel bei den Vorder- und Hinterbeinen, trug ihn wie Jesus das Lamm trug und setzte ihn auf das Verdeck nieder. Nachdem er ein Gleiches mit dem andern getan, ohne zu verschnaufen, sagte er:
„Laßt uns trinken.“
Der Junge sprang aufs Deck.
Und sie tranken. Ganz verblüfft, wußte Lamm nicht mehr, ob er, Lamm, aus Damm gebürtig, diesen starken Mann überwältigt hatte. Er wagte ihn nur noch verstohlen und ohne etwelchen Triumph anzusehen, in der Befürchtung, daß ihn eine Lust anwandeln möge, ihn zu packen, wie er es mit den Eseln getan, und ihn aus Rache für seine Niederlage lebendig in die Maas zu werfen. Doch der Schiffer lud ihn lächelnd und lustig ein, noch mehr zu trinken, und Lamm erholte sich von seinem Schrecken und blickte ihn wiederum siegesbewußt an.
Und der Schiffer und Ulenspiegel lachten.
Unterweilen hatten die Esel, voller Verwunderung, sich auf gedieltem Boden zu befinden, die Köpfe gesenkt und die Ohren angelegt und wagten aus Furcht nicht zu trinken. Der Schiffer holte ihnen eine Metze des Hafers, den er den Pferden, die seine Barke zogen, gab. Er hatte ihn selbst gekauft, um nicht von den Führern mit dem Futterpreise betrogen zu werden.
Als die Esel die Metze sahen, murmelten sie mit dem Maul ihre Paternoster, dieweil sie das Deck trübsinnig betrachteten und aus Furcht, auszugleiten, nicht wagten, einen Huf darauf zu bewegen.
Hierauf sagte der Schiffer zu Lamm und Ulenspiegel:
„Laßt uns in die Küche gehen.“
„In die Kriegsküche?“ sagte Lamm ängstlich.
„In die Kriegsküche, aber Du magst ohne Furcht hinuntergehen, mein Ueberwinder.“
„Ich habe keine Furcht und folge Dir,“ sprach Lamm.
Der Junge setzte sich ans Steuerruder.
Als sie hinunterstiegen, sahen sie überall Säcke mit Korn, Bohnen, Erbsen, Kohl, Mohrrüben und andern Gemüsen. Dann öffnete der Schiffer die Tür einer kleinen Schmiede und sprach:
„Sintemalen Ihr Männer mit tapferem Herzen seid, so den Sang der Lerche, des Vogels der Freien, den kriegerischen Trompetenton des Hahnes und das Schreien des Esels, des sanftmütigen Arbeiters kennen, so will ich Euch meine Kriegsküche zeigen. Diese kleine Schmiede werdet Ihr auf den meisten Maas-Schiffen finden. Niemand kann sie für verdächtig halten, denn sie dient dazu, das Eisenwerk der Schiffe wieder in Stand zu setzen. Doch was nicht alle besitzen, das sind die schönen Gemüse, die in diesen Speichern sind.“
Dann nahm er etliche Steine fort, die den Boden des Schiffsraums bedeckten, hob etliche Planken auf und zog ein schönes Bündel von Flintenläufen und Büchsen hervor, hob es auf, als wäre es eine Feder, und legte es wiederum an seinen Platz. Dann zeigte er ihnen Lanzenspitzen, Hellebarden, Degenklingen und Säcklein mit Kugeln und Pulver.
„Es lebe der Geuse,“ sprach er, „hier sind die Bohnen und die Brühe. Die Kolben sind die Hammelkeulen, die Salate sind die Hellebardenspitzen und diese Büchsenläufe sind die Ochsenbeine für die Suppe der Freiheit. Es lebe der Geuse! Wohin soll ich dies Futter bringen?“ fragte er Ulenspiegel.
Ulenspiegel antwortete:
„Nach Nymwegen. Dort wirst Du Dein Schiff anlegen, noch mehr beladen mit wirklichen Gemüsen, so Dir die Bauern, die Du in Etsen, Stephansweert und Ruvemarde aufnehmen wirst, bringen. Auch sie werden wie die Lerche, der Vogel der Freiheit, singen, und Du wirst ihnen mit kriegerischen Hahnenschrei antworten. Dann wirst Du zum Doktor Pontus gehen, der am neuen Waal wohnt, und ihm sagen, daß Du mit Gemüsen in die Stadt kommst, aber daß Du die Trockenheit fürchtest. Dieweil die Bauern auf den Markt gehen, um die Gemüse zu teuer anzubieten, als daß man sie kaufe, wird er Dir sagen, was Du mit Deinen Waffen tun sollst. Ich denke wohl, daß er Dich heißen wird, Waal, Maas oder Rhein hinabzufahren, wenn auch nicht ohne Fährlichkeit, und Deine Gemüse für Netze umzutauschen, die Du verkaufst, um mit dem Harlinger Fischerbooten Geschäfte zu machen. Dort sind viele Matrosen, die den Sang der Lerche kennen. Du mußt an der Küste entlang durch die Watten fahren, den Lauwer Zee erreichen, die Netze gegen Eisen und Blei eintauschen und Deinen Bauern die Trachten der Inseln Marken, Vlieland und Ameland geben. Dann mußt Du Dich ein Weniges an den Küsten aufhalten, fischen und Deinen Fisch einsalzen, um ihn aufzuheben, und nicht, um ihn zu verkaufen, denn frischer Trunk und gesalzener Krieg sind eine gerechte Sache.“
„Wohlan denn, laßt uns trinken,“ sprach der Schiffer.
Und sie stiegen auf Deck. Doch Lamm blies Trübsal.
„Herr Schiffer,“ sagte er plötzlich, „Ihr habet in Eurer Schmiede ein so prächtiges Feuerchen, daß man gewißlich das leckerste Fleischgericht darauf kochen könnte. Meine Kehle schmachtet nach Suppe.“
„Ich werde Dich erfrischen,“ sprach der Mann.
Und alsbald setzte er ihm eine fette Brühe vor, darinnen er ein dickes Stück gesalzenen Schinkens gekocht hatte.
Als Lamm etliche Löffel voll verschluckt hatte, sprach er zum Schiffer:
„Die Kehle klebt mir, und meine Zunge brennt. Das ist gewißlich keine Fischsuppe.“
„Es stehet geschrieben: Frischer Trunk und gesalzener Krieg,“ versetzte Ulenspiegel.
Der Schiffer füllte also die Humpen und sprach:
„Die Lerche, der Vogel der Freiheit, soll leben!“
Ulenspiegel sagte:
„Der Hahn, der zum Kriege bläst.“
Lamm sagte:
„Ich trinke auf mein Weib. Möge sie niemals Durst leiden, die Herzliebste.“
„Du wirst durch die Nordsee nach Emden gehen; Emden ist eine Zuflucht für uns,“ sagte Ulenspiegel zum Schiffer.
„Das Meer ist groß,“ sagte der Schiffer.
„Groß für die Schlacht,“ erwiderte Ulenspiegel.
„Gott ist mit uns,“ sagte der Schiffer.
„Wer könnte wider uns sein,“ versetzte Ulenspiegel.
„Wann gehet Ihr?“ fragte er.
„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel.
„Glückliche Reise und Wind im Rücken. Hier ist Pulver und Blei.“
Und er küßte sie und geleitete sie ans Ufer, nachdem er die beiden Esel wie zwei Lämmlein auf Hals und Schultern getragen hatte.
Ulenspiegel und Lamm stiegen auf und ritten gen Lüttich.
„Mein Sohn,“ sprach Lamm, dieweil sie ritten, „wie geht es zu, daß dieser so starke Mann sich so grausam von mir hat walken lassen?“
„Auf daß allerorten, wohin wir kommen, der Schrecken Dir vorauseile,“ sprach Ulenspiegel. „Das wird uns ein besser Schutzgeleit sein denn zwanzig Landsknechte. Wer wird es fortan wagen, Lamm, den Mächtigen, Siegreichen, anzugreifen? Lamm, den unvergleichlichen Stier, der, wie männiglich sah und erkannte, mit einem Stoß seines Kopfes den starken Pier zu Boden warf, welcher die Esel wie Lämmlein trägt und einen Wagen mit Bierfässern mit einer Schulter aufhebt. Jedermann kennt Dich hier schon. Du bist Lamm, der Furchtbare, der Unbesiegliche, und ich gehe im Schatten Deines Schutzes. Jedermann wird Dich auf dem Wege, den wir durcheilen, kennen, keiner wird wagen, Dich scheel anzusehen. Und in Anbetracht des großen Mutes der Menschen wirst Du überall auf Deiner Straße nichts als gezogene Hüte, Grüße und Ehrerbietung finden, so der Kraft Deiner furchtbaren Faust gelten.“
„Du sprichst gut, mein Sohn,“ sagte Lamm, sich im Sattel aufrichtend.
„Und ich spreche wahr,“ versetzte Ulenspiegel. „Siehst Du die neugierigen Gesichter an den ersten Häusern dieses Dorfes?“
Man weist mit dem Finger auf Lamm, den erschrecklichen Sieger. „Siehst Du diese Männer, die Dich neidvoll betrachten, und diese erbärmlichen Memmen, so ihre Hüte abnehmen? Erwidere ihren Gruß, Lamm, mein Herzchen, und verschmähe das schwache Volk nicht. Sieh, die Kinder wissen Deinen Namen und wiederholen ihn mit Bangen.“
Lamm ritt stolz vorbei, nach rechts und nach links wie ein König grüßend. Und die Kunde seiner Tapferkeit folgte ihm von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt bis nach Lüttich, Chocquien, Neuville, Vesin und Namur, welches sie um der drei Prediger willen umgingen.
Dergestalt folgten sie lange Zeit dem Laufe der Ströme, Flüsse und Kanäle. Und allerorten antwortete Hahnenschrei dem Sang der Lerche. Und allerorten wurden für das Werk der Freiheit Waffen geschmiedet, gegossen und geschliffen; und die Schiffe, die an den Küsten entlang fuhren, nahmen sie mit.
Und in Fässern, Kisten und Körben passierten sie die Zölle.
Allezeit fanden sich gute Leute, die sie aufnahmen und an sicherem Orte verbargen mit Pulver und Kugeln, bis zur gottgewollten Stunde.
Und da Lamm mit Ulenspiegel reiste und sein Ruf als Sieger ihm immerdar vorauslief, so begann er selber, an seine große Kraft zu glauben, und indem er hoffärtig und kriegerisch ward, ließ er sich den Bart wachsen. Und Ulenspiegel nannte ihn Lamm den Löwen.
Doch am vierten Tage verlor Lamm das Zutrauen zu diesem Plane wegen des Kitzelns der jungen Bartstoppeln. Und er ließ das Scheermesser über sein siegreiches Antlitz gehen, welches Ulenspiegel von neuem rund und voll erschien, wie eine Sonne, am Feuer guter Nahrung entzündet.
Und solchergestalt kamen sie nach Stockem.
28
Allda ließen sie ihre Esel und bei Einbruch der Nacht betraten sie die Stadt Antwerpen und Ulenspiegel sprach zu Lamm:
„Dies ist die große Stadt. Die ganze Welt häuft hier ihre Reichtümer an: Gold, Silber, vergüldetes Leder, Gobelins, Tuche Sammet- Woll- und Seidenstoffe, Bohnen, Erbsen, Korn, Fleisch, Mehl, gesalzene Häute, Wein aus Löwen, Namur, Luxemburg, Lüttich, Landwein von Brüssel und Aerschot, Weine von Buley, dessen Weinberg vor dem Tor de la Plante zu Namur liegt; desgleichen findet man hier Weine vom Rhein, Hispanien und Portugal, Rosinenöl von Aerschot, das sie Landolium nennen, die Weine von Burgund, Malvasier und viele andere. Und die Hafendämme sind voller Waren. Diese Schätze der Erde und der menschlichen Arbeit locken die schönsten Dirnen, die es gibt, an diesen Ort.“
„Du wirst träumerisch,“ sagte Lamm.
Ulenspiegel erwiderte:
„Unter ihnen werde ich die Sieben finden. Es ist mir geweissagt worden:
In Trümmern, Blut und Tränen suche.“
„Wer ist denn mehr als die lockeren Dirnen Ursache des Verfalls? Verlieren die armen, betörten Männer nicht bei ihnen ihre schönen, glänzenden, klingenden Karolus, ihre Kleinodien, Ketten und Ringe und gehen ohne Wams, zerlumpt und zerfetzt, wohl gar ohne Hemd von dannen, dieweil jene sich an ihrem Raub mästen? Wohin ist das klare, rote Blut, das in ihren Adern floß? Jetzt ist es wie Birnensaft. Und stechen sie sich nicht auch mit Dolch, Messer und Degen, um ihre holden reizenden Leiber zu genießen? Die bleichen, blutigen Leichname, die man fortträgt, sind die Leichen armer Liebestoller. Wenn der Vater schmält und finster auf seinem Sessel sitzt, wenn seine weißen Haare noch weißer und starrer scheinen und aus seinen trocknen Augen, darinnen der Kummer über des Sohnes Verderben brennt, die Tränen nicht fließen wollen, wenn die Mutter, stumm und bleich gleich einer Toten, weint, als ob sie nichts mehr sähe, denn die Schmerzen dieser Welt: wer läßt alsdann diese Tränen fließen? Die Dirnen, die nichts lieben als sich und das Geld und die denkende, arbeitende, philosophierende Welt an ihren güldenen Gürtel halten. Ja, da sind die Sieben, und wir werden zu den Dirnen gehen, Lamm. Deine Frau ist vielleicht auch dort; das wird ein doppelter Fang sein.“
„Wohlan,“ sprach Lamm.
Man war dermalen im Rosenmond, gegen Ende des Sommers, wenn die Sonne schon die Blätter der Kästenbäume rötet, die Vöglein in den Bäumen singen, und keine Milbe so klein ist, daß sie nicht vor Behagen im warmen Gras summte.
Lamm irrte mit gesenktem Kopf an Ulenspiegels Seite durch die Straßen von Antwerpen und schleppte seinen Körper wie ein Haus daher.
„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „Du bläsest Trübsal. Weißt Du denn nicht, daß nichts der Haut mehr schadet? Wenn Du in Deinem Kummer verharrst, wird sie in Streifen von Dir abfallen. Und das wird sich hübsch anhören, wenn man von Dir sagt: Der abgehäutete Lamm.“
„Mich hungert,“ sprach Lamm.
„Komm essen“, sprach Ulenspiegel.
Und sie gingen selbander zur „Alten Stiege,“ allwo sie Choesels aßen und Dobbel-kuyt tranken, so viel sie konnten.
Und Lamm weinte nicht mehr.
Und Ulenspiegel sagte: „Gesegnet sei das gute Bier, das Dir die Seele voller Sonnenschein macht! Du lachst und schüttelst Deinen Bauch. Wie gern seh ich den Tanz der lustigen Gedärme!“
„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie würden noch weit mehr tanzen, wenn ich das Glück hätte, mein Weib wiederzufinden.“
„Laß sie uns suchen,“ sprach Ulenspiegel.
So kamen sie in das Viertel der Unteren Schelde.
„Schau,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm, „dieses Häuschen, ganz aus Holz, mit schönen, wohlgefügten Fensterrahmen und Butzenscheiben. Betrachte diese gelben Vorhänge und diese rote Laterne. Da, mein Sohn, thront hinter vier Tonnen Braunbier, Uitzet, Dobbelkuyt und Wein aus Amboise eine schöne Wirtin von fünfzig oder mehr Jahren. Jedes Jahr, das sie zurücklegte, versah sie mit einer neuen Speckschicht. Auf einer der Tonnen brennt eine Kerze und vor den Deckbalken hängt eine Laterne. Es ist da hell und dunkel; dunkel für die Liebe und hell für die Bezahlung.“
„Aber,“ sprach Lamm, „das ist ja ein Kloster von Teufelsnönnlein, und diese Wirtin ist ihre Aebtissin.“
„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „diese ist’s, die in Herrn Beelzebubs Namen fünfzehn schöne Mägdlein von lockerem Wandel auf den Pfad der Sünde führt. Sie finden bei ihr Zuflucht und Nahrung, aber sie dürfen dort nicht schlafen.“
„Kennest Du dies Kloster?“ fragte Lamm.
„Ich will dort Deine Frau suchen. Komm.“
„Nein,“ sagte Lamm, „ich habe es überlegt und gehe nicht hinein.“
„Willst Du deinen Freund ganz allein der Fährlichkeit unter diesen Astartes aussetzen?“
„Möge er nicht gehen,“ sagte Lamm.
„Aber wenn er doch hingehen muß, um die Sieben und dein Weib zu finden?“
„Ich möchte lieber schlafen,“ sprach Lamm.
„Ei komm doch,“ sagte Ulenspiegel, öffnete die Türe und schob Lamm vor sich her. „Sieh, die Wirtin sitzt hinter ihren Fässern zwischen zwei Kerzen. Das Gemach ist weit, mit einer Decke von gedunkeltem Eichenholz und rauchgeschwärzten Balken. Rund herum sind Bänke und Tische mit wackligen Beinen, mit Gläsern, Schoppen, Bechern, Humpen, Krügen, Karaffen, Flaschen und anderm Trinkgerät. In der Mitte sind abermals Tische und Stühle, darauf Schauben, das sind Weibermäntel, güldene Gürtel, Stelzschuhe von Sammet, Dudelsäcke, Pfeifen und Schalmeien herumliegen. In der Ecke ist eine Stiege, die ins obere Stockwerk führt. Ein kleiner, kahlköpfiger Buckliger spielt auf einem Clavizimbal, das auf Glasfüßen steht, so dem Instrument einen scharfen Ton geben. Tanze, mein Dicker. Fünfzehn schöne Dirnen sitzen dort, die einen auf Tischen, die andern auf Stühlen, rittlings, gebückt oder gerade, mit aufgestütztem Ellenbogen, verkehrt herum oder nach ihrer Laune auf dem Rücken oder auf der Seite liegend. Sie sind weiß oder rot gekleidet, ihre Arme sind nackt, ebenso die Schultern und die Brust bis an die Mitte des Körpers. Es sind ihrer von allen Sorten da, auserlesene! Bei den einen läßt das Kerzenlicht, das ihre blonden Haare liebkost, die blauen Augen im Schatten, also daß man nur ihren feuchten Glanz schimmern sieht. Andere schauen zur Decke hinauf und säuseln zur Laute ein deutsches Lied. Wieder andre, rund, braun, fett und schamlos, trinken Wein von Amboise aus vollen Humpen, zeigen ihre runden, bis zur Schulter nackten Arme und ihr halb offnes Gewand, aus dem die runden Brüste wie Äpfel hervorsehen, und ohne Scham sprechen sie mit vollem Munde, eine nach der andern oder alle zumal. Höre sie an:
„Nichts da von Geld heute! Liebe wollen wir. Liebe nach unsrer Wahl“, sagten die schönen Dirnen, „Liebe eines Kindes, Jünglings oder wer immer uns gefällt, ohne zu zahlen“. / „Mögen die, in die Natur die männliche Kraft legte, die wahre Männer macht, zu uns an diesen Ort kommen, um Gottes und unsrer Liebe willen.“ / „Gestern war der Tag, da man zahlte, heute ist der Tag, da man liebt!“ / „Wer will von unsern Lippen trinken, sie sind noch feucht von der Flasche. Wein und Küsse, das ist ein vollkommnes Fest!“ / „Wir spotten der Witwen, die allein schlafen. Wir sind Dirnen! Heute ist ein Tag des Wohltuns! Den Jungen, Starken und Schönen öffnen wir unsere Arme. Zu trinken!“ / „Schätzlein, ist es der Liebesschlacht halber, daß Dein Herz in der Brust die Trommel schlägt? Welche Unruhe! Das ist das Schlagwerk der Küsse! Wann werden sie kommen, mit vollen Herzen und leerem Geldbeutel? Wittern sie nicht leckere Abenteuer? Welcher Unterschied ist zwischen einem jungen Geusen und dem Herrn Markgrafen? Seine Gnaden bezahlt in Gülden und der junge Geuse mit Liebkosungen. Es lebe der Geuse! Wer will gehen und die Kirchhöfe erwecken?“
Also redeten die jungen, heißblütigen und fröhlichen unter den Mädchen von lockerem Wandel.
Aber es waren ihrer andere mit schmalem Gesicht und mageren Schultern, die um Ersparnisse mit ihrem Körper Handel trieben und den Preis ihres dürren Fleisches auf Heller und Pfennig aufschrieben. Diese schmälten untereinander: „Es ist recht einfältig von uns, in diesem ermüdenden Handwerk auf Entgelt zu verzichten um der wunderlichen Launen willen, die den mannstollen Dirnen durchs Hirn fahren. Wenn sie ein Mondviertel im Kopf haben, so haben wir es nicht. Wir ziehen es vor, in unsern alten Tagen nicht unsere Lumpen durch die Gosse zu schleifen wie sie, sondern uns bezahlen zu lassen, da wir feil sind. / Nichts von umsonst! Die Männer sind häßlich, stinkend, brummig, Fresser und Säufer. Sie allein bringen die armen Weiber ins Unglück!“
Doch die Jungen und Schönen vernahmen von diesen Reden nichts; sie waren ganz bei ihrem Vergnügen und Zechen und sagten:
„Hört Ihr das Totenglöcklein von Notre Dame läuten? Wir brennen! Wer will gehen und die Kirchhöfe erwecken?“
Da Lamm so viel Frauen, braune und blonde, frische und verblühte, zumal sah, schämte er sich, schlug die Augen nieder und rief „Ulenspiegel, wo bist du“?
„Er ist verschieden, mein Freund,“ sagte ein dickes Mädchen und faßte ihn am Arme.
„Verschieden?“ fragte Lamm.
„Ja,“ sprach sie, „vor dreihundert Jahren, in Gesellschaft von Jacobus de Coster van Maerlandt.“
„Lasset mich,“ sprach Lamm „und neckt mich nicht. Ulenspiegel, wo bist Du? Komm und rette Deinen Freund! Ich gehe unverzüglich fort, wenn Ihr mich nicht loslasset.“
„Du wirst nicht fortgehen,“ sagten sie.
„Ulenspiegel,“ sprach Lamm zum andren Mal kläglich, „wo bist Du, mein Sohn? ... Madame, zieht mich nicht so bei den Haaren; ich versichere Euch, es ist keine Perrücke. Zu Hilfe! Findet Ihr meine Ohren noch nicht rot genug, ohne daß Ihr das Blut hineintreibt? Siehe, nun gibt mir diese Andere immerdar Nasenstüber. Ihr tut mir wehe. Ach, womit reibt man mir jetzt das Gesicht? Den Spiegel! Ich bin schwarz wie das Loch eines Backofens. Ich werde alsbald bös werden, wenn Ihr nicht ein Ende macht. Es ist schlecht von Euch, einen armen Menschen so zu mißhandeln. Laßt mich! Wenn Ihr mich rechts und links und überall an den Hosen gezogen und mich wie einen Kreisel gedreht habt, seid Ihr dicker davon? Ja, ich werde sicherlich bös werden.“
„Er wird bös werden,“ sagten sie spottend; „er wird bös werden, der gute Kerl. Lache lieber und sing uns ein Minnelied.“
„Ich werde allsogleich eins singen, wenn Ihr wollt; aber lasset mich los.“
„Wen liebst Du hier?“
„Keine, weder Dich noch die Andern; ich werde beim Magistrat Klage führen und er wird Euch peitschen lassen.“
„Ho, ho,“ sagten sie, „peitschen? Und wenn wir Dich vor dieser Peitscherei mit Gewalt küßten?“
„Mich?“ fragte Lamm.
„Dich,“ sagten sie alle.
Und siehe da! Die Schönen und die Häßlichen, die Frischen und die Verblühten, die Braunen und die Blonden stürzten sich auf Lamm, warfen sein Barett in die Luft, desgleichen seinen Mantel, und liebkosten und küßten ihn mit aller Kraft auf die Wange, die Nase, den Magen, den Rücken.
Die Wirtin lachte zwischen ihren Talglichtern.
„Zu Hilfe,“ schrie Lamm, „zu Hilfe! Ulenspiegel, fege mir alles dieses Lumpengesindel fort. Laßt mich los; ich will Eure Küsse nicht. Beim Heiligen Blut! Ich bin verheiratet und bewahre alles für meine Frau.“
„Verheiratet,“ sagten sie, „aber das ist zu viel für deine Frau; ein Mann von Deiner Beleibtheit! Gib uns ein wenig ab. Eine treue Frau, das ist wohlgetan; ein treuer Mann ist ein Kapaun. Gott steh Dir bei! Du mußt Eine wählen, oder wir peitschen Dich unsrerseits.“
„Das werde ich nicht tun,“ sagte Lamm.
„Wähle,“ sprachen sie.
„Nein,“ sagte er.
„Willst Du mich?“ fragte ein schönes, blondes Mägdlein. „Siehe, ich bin sanftmütig und liebe den, der mich liebt.“
„Laß mich,“ sprach Lamm.
„Willst Du mich?“ fragte ein reizend Mädchen mit schwarzen Haaren, braunen Augen und brauner Haut, und übrigens wie von Engeln gedrechselt.
„Ich mag keinen Honigkuchen,“ sprach Lamm.
„Und mich? Willst Du mich nicht nehmen?“ fragte ein großes Mädchen, deren Stirn fast ganz mit Haar bedeckt war. Sie hatte dichte, zusammengewachsene Brauen und große schwimmende Augen, Lippen so dick wie Wülste und feuerrot; und rot auch Gesicht, Hals und Schultern.
„Ich mag keine glühenden Ziegelsteine,“ sprach Lamm.
„Nimm mich,“ sagte ein Dirnlein von sechzehn Jahren, mit der Schnauze eines Eichkätzchens.
„Ich mag keine Nußknacker,“ sprach Lamm.
„Wir müssen ihn peitschen,“ sagten sie. „Womit? Mit schönen Peitschen, so eine Schnur von gedörrten Leder haben. Ein stolzes Stäupen. Da widersteht die härteste Haut nicht. Nehmt zehn Peitschen von Fuhrleuten und Eseltreibern.“
„Zu Hilfe, Ulenspiegel!“ schrie Lamm.
Aber Ulenspiegel antwortete nicht.
„Du hast ein schlechtes Herz,“ sprach Lamm, seinen Freund überall suchend. Die Peitschen wurden gebracht. Zwei der Dirnen schickten sich an, Lamm das Wams auszuziehen.
„Wehe,“ sprach er, „mein armes Fett, das ich mit soviel Mühe angesetzt habe, das werden sie mir gewißlich mit ihren scharfen Peitschen herunterreißen. Aber Ihr Weibsbilder ohne Erbarmen, mein Fett wird Euch nichts nützen, nicht einmal, um es in die Brühe zu tun.“
„Wir werden Talglichte daraus machen. Ist es nichts wert, ohne Kosten Beleuchtung zu haben? Wer fortan sagen wird, daß das Licht von der Peitsche kommt, wird jedermann närrisch scheinen. Wir werden bis an den Tod daran festhalten und mehr als eine Wette gewinnen. Tunkt die Ruten in den Essig. So, dein Wams ist ausgezogen. Auf Saint-Jacques schlägt es Voll. Neun Uhr. Wenn Du beim letzten Schlag nicht gewählt hast, peitschen wir Dich.“
Lamm sagte, schier gelähmt:
„Habt Mitleid und Erbarmen mit mir, ich habe meiner armen Frau Treue geschworen und werde sie halten, ob sie mich gleich böslich verlassen hat. Ulenspiegel, mein Liebling, zu Hilfe!“
Doch Ulenspiegel ließ sich nicht blicken.
„Sehet mich,“ sprach Lamm zu den Dirnen, „sehet mich zu Euren Füßen. Kann man demütiger sein? Sage ich nicht genug damit, daß ich Eure große Schönheit gleich den Heiligen verehre? Glücklich der Ehelose, der Eure Reize genießen kann. Das ist ohne Zweifel das Paradies; aber schlagt mich nicht, wenn es Euch beliebt.“
Plötzlich sprach die Wirtin, die zwischen ihren beiden Talglichtern stand, mit lauter, dräuender Stimme:
„Gevatterinnen und Mädchen, ich schwöre Euch bei meinem Erzteufel, so Ihr nicht im Augenblick mit Lachen und Güte diesen Mann zur Einsicht, das heißt, in Euer Bett gebracht habt, so werde ich die Nachtwächter rufen und Euch alle an seiner statt peitschen lassen. Ihr verdient nicht den Namen loser Dirnen, wenn Ihr umsonst die leichtfertige Zunge, die kecke Hand und lodernden Augen habt, um das männliche Geschlecht zu reizen, wie die Weibchen der Glühwürmer tun, die nur zu diesem Ende ein Licht haben. Und Ihr werdet ohne Gnade für Eure Dummheit gepeitscht werden.“
Bei dieser Rede zitterten die Dirnen, und Lamm ward frohgemut. „Heda, Gevatterinnen,“ sagte er, „welche Kunde bringt Ihr aus dem Lande der peitschenden Riemen? Ich werde selber die Wächter holen. Sie werden ihre Pflicht tun, und ich werde ihnen dabei helfen, das wird mir große Kurzweil sein.“
Doch siehe, da warf sich ein liebliches Kind von fünfzehn Jahren zu seinen Füßen.
„Herr,“ sagte sie, „Ihr sehet mich hier vor Euch in Demut ergeben. So Ihr nicht geruhet, eine unter uns zu wählen, muß ich Euretwillen geschlagen werden. Und die Wirtin dort wird mich in einen abscheulichen Keller unter der Schelde stecken, wo das Wasser von den Wänden sickert, und wo ich nur schwarzes Brot zu essen bekomme.“
„Wird sie wirklich meinetwegen geschlagen werden, Frau Wirtin?“ fragte Lamm.
„Bis aufs Blut,“ antwortete diese.
Da betrachtete Lamm das Mägdlein und sprach: „Ich sehe dich so frisch und duftig; deine Schulter taucht wie ein großes, weißes Rosenblatt aus Deinem Kleide auf. Ich will nicht, daß diese schöne Haut, unter der das Blut so jugendlich fließt, unter der Peitsche leidet, noch daß diese Augen, vom Feuer der Jugend hell, wegen schmerzhafter Schläge weinen, oder daß die Kälte des Kerkers diesen Körper einer Huldin erschauern lasse. So will ich Dich denn lieber wählen als Dich geschlagen wissen.“
Das Mädchen führte ihn fort. Also sündigte er aus Seelengüte, wie er es sein ganzes Leben tat.
Unterweilen stunden Ulenspiegel und ein großes, schönes, braunes Mädchen mit krausem Haar einander gegenüber. Das Mädchen sah Ulenspiegel lockend an, ohne ein Wort zu sagen, und schien ihn nicht zu wollen.
„Liebe mich,“ sprach er.
„Dich lieben,“ sagte sie, „törichter Freund, der dessen nur nach der Laune der Stunde begehrt?“
Ulenspiegel antwortete: „Der Vogel, der über Deinem Haupt dahinfliegt, singt sein Lied und entfleucht. Also auch ich, süßes Herz: wollen wir zusammen singen?“
„Ja,“ sprach sie, „ein Lied vom Lachen und von Tränen.“
Und das Mädchen warf sich an Ulenspiegels Hals.
Da nun alle Beide im Arm ihrer Liebsten vor Wonne vergingen, siehe da drang beim Klange von Trommel und Pfeife eine lustige Kompanie von Meisenfängern ins Haus, die sich drängten, stießen, sangen, pfiffen, heulten und schimpften. Sie trugen Säcke und Käfige, ganz voll dieser kleinen Vögel, und die Eulen, die ihnen dabei geholfen hatten, rissen im Licht ihre gelben Augen auf.
Die Meisenfänger waren zehn Mann hoch, alle rot und vom Wein und Würzbier geschwollen. Die Köpfe wackelten ihnen und sie schleppten ihre schlotternden Beine und schrien mit so rauher, gebrochener Stimme, daß es die furchtsamen Mädchen bedünkte, eher wilde Bestien in einem Walde denn Menschen in einem Gemache zu hören.
Indessen sie ließen nicht ab zu sagen, indem sie einzeln oder allzumal sprachen: „Ich will, den ich liebe.“ / „Wir gehören dem, der uns gefällt. Morgen Denen, die an Gülden reich sind! Heute Denen, die an Liebe reich sind.“ Die Meisenfänger antworteten: „Gülden haben wir, Liebe desgleichen, für uns die Dirnen! Wer zurückweicht, ist ein Kapaun. Dies sind Meisen, wir sind Jäger. Drauf! Brabant dem guten Herzog!“
Doch die Frauenzimmer höhnten: „Pfui über die häßlichen Mäuler, die uns zu fressen gedenken! Den Schweinen gibt man keinen Sorbett. Wir nehmen, wer uns gefällt, und wollen mit Euch nichts zu tun haben. Ihr Öltonnen, Specksäcke, dürre Nägel, verrostete Klingen, Ihr stinkt nach Schweiß und Schmutz. Scheert Euch hinaus. Ihr werdet auch ohne unsere Hülfe verdammt werden.“
Sie aber sprachen: „Die Wälschen sind heuer wählerisch. Edle Fräuleins Zimperlich, Ihr könnet uns wohl geben, was Ihr aller Welt verkauft.“
Doch die Mädchen antworteten: „Morgen werden wir hündische Sklavinnen sein und Euch nehmen; heute sind wir freie Frauen und weisen Euch fort!“
Da schrien Jene: „Genug der Worte! Wer hat Durst? Laßt uns die Äpfel pflücken.“
So sprechend, stürzten sie sich auf sie, ohn Unterschied von Alter noch Schönheit. Die schönen Mädchen, zu ihrem Vorhaben entschlossen, warfen ihnen Stühle, Schoppen, Krüge, Becher, Humpen, Karaffen und Flaschen an den Kopf, daß es hagelte und sie verwundet, zerquetscht und ihnen die Augen ausgeschlagen wurden.
Ulenspiegel und Lamm kamen bei dem Lärm herzu und ließen ihre zitternden Liebhaberinnen oben an der Stiege. Da Ulenspiegel die Männer auf die Weiber losschlagen sah, ergriff er im Hof einen Besen, riß das Besenreis herunter, gab Lamm einen andern, und damit prügelten sie die Meisenfänger ohn Erbarmen.
Das Spiel dünkte den also durchgewalkten Trunkenbolden hart; sie hielten einen Augenblick inne, und die mageren Dirnen, die sich verkaufen und nicht verschenken wollten, selbst an diesem großen Tage der freiwilligen Liebe, wie die Natur sie gebeut, nutzten dies ohne Verzug. Wie Nattern glitten sie zwischen die Verwundeten, liebkosten sie, verbanden ihre Wunden, tranken den Wein von Amboise an ihrer Statt und leerten ihnen so trefflich die Säckel von Gülden und anderer Münze, daß ihnen auch nicht ein elender Heller blieb. Dann, da es Feierabend läutete, setzten sie sie vor die Tür, die Ulenspiegel und Lamm schon verlassen hatten.
29
Ulenspiegel und Lamm marschierten auf Gent und kamen bei Morgengrauen nach Lokeren. Die Erde war weithin betaut, weiße, kühle Dünste schwebten über den Wiesen. Da Ulenspiegel vor einer Schmiede vorbeikam, trillerte er wie die Lerche, der Vogel der Freiheit. Und alsbald erschien ein Kopf mit zerzaustem, weißem Haar in der Tür der Schmiede und ahmte mit schwacher Stimme den kriegerischen Trompetenstoß des Hahnes nach.
Ulenspiegel sagte zu Lamm:
„Dieser ist der Schmied Wasteele, der bei Tage Spaten, Hacken und Pflugscharen macht und das Eisen schmiedet, wenn es heiß ist, um daraus schöne Gitter für die Chöre von Kirchen zu bilden. Doch des Nachts macht und schleift er oftmals Waffen für die Soldaten des freien Gewissens. Dies Spiel hat ihm kein gutes Aussehen verschafft, sintemalen er bleich ist wie ein Gespenst, traurig wie ein Verdammter und so mager, das ihm die Knochen die Haut durchlöchern. Er hat sich noch nicht schlafen gelegt, da er ohne Zweifel die ganze Nacht geschafft hat.“
„Tretet alle beide ein,“ sagte der Schmied Wasteele, „und führet Eure Esel auf den Anger hinter dem Hause.“
Da dies besorgt war und Ulenspiegel und Lamm sich in der Schmiede befanden, trug der Schmied Wasteele alles, was er während der Nacht an Degen geschärft und an Lanzenspitzen geschmiedet hatte, in den Keller seines Hauses und bereitete die tägliche Arbeit für seine Gesellen vor.
Er blickte Ulenspiegel mit glanzlosen Augen an und fragte ihn:
„Welche Kunde bringst Du mir vom Schweiger?“
Ulenspiegel antwortete:
„Der Prinz ist mit seinem Kriegsvolk aus den Niederlanden vertrieben, wegen der Feigheit seiner Söldlinge, die „Geld, Geld!“ schreien, wenn sie kämpfen sollen. Er ist mit den getreuen Soldaten, seinem Bruder, dem Grafen Ludwig, und dem Herzog von Zweibrücken nach Frankreich gezogen, zum Beistand des Königs von Navarra und der Hugenotten. Von da ging er nach Deutschland, nach Dillenburg, allwo manche Flüchtlinge aus den Niederlanden bei ihm sind. Du sollst Waffen und das von Dir gesammelte Geld hinsenden, derweil wir auf dem Meere das Werk freier Männer vollbringen.“
„Ich werde tun, was sein muß,“ sagte der Schmied Wasteele; „ich habe Waffen und neuntausend Gülden. Aber seid Ihr nicht auf Eseln gekommen?“
„Jawohl,“ sprachen sie.
„Und ist Euch nicht unterwegs Kunde von drei Predigern geworden, so getötet, geplündert und in ein Loch in den Felsen der Maas geworfen sind?“
„Ja,“ sagte Ulenspiegel mit großem Gleichmut, „diese drei Prediger waren Spione des Herzogs und Meuchelmörder, gedungen, den Freiheitsprinzen aus dem Wege zu räumen. Wir zwei, Lamm und ich, brachten sie vom Leben zum Tode. Ihr Geld ist unser, und ihre Papiere desgleichen. Wir werden davon nehmen, was uns für die Reise not tut; den Rest werden wir dem Prinzen geben.“
Und Ulenspiegel öffnete sein und Lamms Wams und zog die Papiere und Pergamente heraus. Nachdem der Schmied Wasteele sie gelesen hatte, sagte er:
„Sie enthalten Pläne für Schlacht und Verschwörung. Ich werde sie dem Prinzen zustellen lassen, und es soll ihm kund werden, daß Ulenspiegel und Lamm Goedzak, seine getreuen Vaganten, sein edles Leben retteten. Ich werde Eure Esel verkaufen lassen, auf daß man Euch nicht an Euren Reittieren erkenne.“
Ulenspiegel fragte den Schmied Wasteele, ob das Schöffengericht zu Namur schon die Häscher auf ihre Fersen gesetzt habe.
„Ich werde Euch sagen, was ich weiß,“ antwortete Wasteele. „Ein Schmied aus Namur, ein wackerer Reformierter, kam jüngst hier durch, unter dem Vorgeben, meine Hülfe für Gitter, Wetterfahnen und andres Eisenwerk an einem Kastell, das man nahe dem Tor de la Plante erbauen will, zu erbitten. Der Gerichtsdiener des Schöffengerichts hat ihm gesagt, daß seine Herren schon eine Sitzung gehabt hätten und daß ein Schenkwirt vorgeladen sei, maßen er etliche hundert Klafter von der Mordstätte entfernt wohnte. Befragt, ob er nicht die Mörder gesehen habe, oder Die, auf die er Verdacht haben könnte, hat er geantwortet: „Ich habe Bauern und Bäuerinnen gesehen, die zu Esel reisten und von mir zu trinken verlangten und auf ihren Tieren sitzen blieben oder abstiegen, um bei mir zu trinken, die Männer Bier, die Frauen und Mädchen Meth. Ich sah zwei wackere Bauern, so davon redeten, den Herrn von Oranien um einen Fuß kürzer zu machen.“ So sprechend, machte der Wirt pfeifend nach, wie ein Messer durch einen Hals schnitt. „Beim Eisenwind,“ sprach er, „ich werde Euch insgeheim beistehen, da ich die Macht habe, es zu tun.“ Er sprach und ward freigelassen. Seit jener Zeit haben die Gerichtsräte ohne Zweifel Sendschreiben an ihre Untergebenen gerichtet. Der Wirt sagt, er habe nur Bauern und Bäuerinnen auf Eseln gesehen, daraus folgt, daß man auf alle, die man auf Eseln reiten sieht, Jagd machen wird. Und der Prinz braucht Euch, Kinder.“
„Verkaufe die Esel,“ sprach Ulenspiegel, „und behalte das Kaufgeld für den Schatz des Prinzen.“
Die Esel wurden verkauft.
„Nunmehr,“ sprach Wasteele, „müsset Ihr Jeder ein Handwerk haben, das von den Zünften frei und unabhängig ist. Verstehst Du, Vogelbauer und Mausefallen zu machen?“
„Ich machte sie ehedem,“ sprach Ulenspiegel.
„Und Du?“ fragte Wasteele Lamm.
„Ich werde Eete-koeken und Olie-koeken verkaufen“; das sind Krapfen und Ölkuchen.
„Folget mir. Hier sind fertige Käfige und Mausefallen, auch Werkzeuge und Kupferdraht, um sie auszubessern und neue zu fertigen. Sie wurden mir von einem meiner Spione gebracht. Dies ist für Dich, Ulenspiegel. Was Dich anbetrifft, Lamm, so ist hier ein kleiner Backofen und ein Blasebalg; ich werde Dir Mehl, Butter und Öl geben, um die Krapfen und Ölkuchen zu backen.“
„Er wird sie aufessen,“ sprach Ulenspiegel.
„Wann werden wir die ersten machen?“ fragte Lamm.
Wasteele antwortete:
„Ihr werdet mir erst eine oder zwei Nächte helfen; ich kann meine große Arbeit nicht allein zwingen.“
„Ich habe Hunger,“ sprach Lamm; „isset man hier?“
„Brot und Käse ist da,“ sprach Wasteele.
„Ohne Butter?“ fragte Lamm.
„Ohne Butter,“ sagte Wasteele.
„Hast Du Bier oder Wein?“ fragte Ulenspiegel.
„Das trinke ich nimmer,“ antwortete er, „aber ich werde nach dem „Pelikan“ nahebei gehen und Euch etwas holen, so Ihr es wünschet.“
„Ja,“ sprach Lamm, „und bringe uns Schinken mit.“
„Ich werde tun, was Ihr begehrt,“ sagte Wasteele und blickte Lamm gar verächtlich an.
Er brachte jedoch dobbel-clauwaert und einen Schinken mit. Und Lamm aß wohlgemut für fünf.
Und er sagte:
„Wann werden wir uns an die Arbeit machen?“
„Diese Nacht,“ sagte Wasteele; „aber bleibe in der Schmiede und habe keine Furcht vor meinen Gesellen; sie sind Reformierte wie Du.“
„Das ist gut,“ sagte Lamm.
Zur Nacht, als es Feierabend geläutet hatte und alle Türen geschlossen waren, stieg Wasteele mit Ulenspiegel und Lamm in den Keller hinab und ließ sich von ihnen helfen, eine große Menge Waffen in die Schmiede hinaufzutragen. Dann sagte er:
„Hier sind zwanzig Büchsen auszubessern, dreißig Lanzenspitzen zu schleifen und Blei für fünfzehnhundert Kugeln zu schmelzen. Ihr müsset mir dabei helfen.“
„Mit allen Händen,“ sprach Ulenspiegel. „Warum habe ich nicht vier, um Dir zu nützen?“
„Lamm wird uns zu Hülfe kommen,“ sprach Wasteele.
„Ja,“ sagte Lamm kläglich und vor Müdigkeit umfallend, aus Ursach des unmäßigen Trinkens und Essens.
„Du wirst das Blei schmelzen,“ sprach Ulenspiegel.
„Ich werde das Blei schmelzen,“ sprach Lamm.
Dieweil Lamm sein Blei schmolz und seine Kugeln goß, warf er grimme Blicke auf den Schmied Wasteele, der ihn zu wachen zwang, wenn er vor Schläfrigkeit umfiel. Mit stillem Zorn goß er die Kugeln und hatte großes Verlangen, dem Schmied Wasteele das geschmolzene Blei auf den Kopf zu schütten. Doch er hielt an sich. Um Mitternacht, als Wut und übergroße Müdigkeit ihn gleichermaßen überfielen, hielt er ihm mit zischender Stimme diese Rede, dieweil der Schmied Wasteele und Ulenspiegel geduldig Flintenläufe, Büchsen und Lanzenspitzen schliffen.
„Siehe,“ sprach Lamm, „Du magerer, bleicher und kümmerlicher Mensch glaubst an die Aufrichtigkeit von Fürsten und andern Großen der Erde, und voll Übereifer verachtest Du Deinen Leib, Deinen edlen Leib, den Du in Elend und Niedrigkeit umkommen lässest. Nicht darum hat Gott ihn mit Mutter Natur geschaffen. Weißt Du, daß unsere Seele, so des Lebens Odem ist, zum Atmen der Bohnen, des Rindfleisches, Bieres und Weines, des Schinkens, der Würste und der Ruhe bedarf? Du aber lebst von Brot, Wasser und Nachtwachen.“
„Von wannen kommt Dir dieser Redefluß?“ fragte Ulenspiegel.
„Er weiß nicht, was er redet,“ antwortete Wasteele traurig. Aber Lamm erboste sich:
„Ich weiß es besser als Du. Ich sage, daß wir Narren sind, ich, Du und Ulenspiegel desgleichen, uns die Augen aus dem Kopf zu arbeiten für all die Prinzen und Großen der Erde; sie würden trefflich lachen, wenn sie sähen, wie wir vor Müdigkeit umkommen und nicht schlafen, um Waffen zu schmieden und Kugeln für ihren Dienst zu gießen. Derweilen trinken sie französischen Wein aus güldenen Humpen und essen deutsche Kapaunen von Schüsseln aus engelländischem Zinn. Indessen wir in der Luft nach Gott suchen, durch dessen Gnade sie mächtig sind, fragen sie nicht danach, ob ihre Feinde uns mit ihren Sensen die Beine abschlagen und uns in die Grube des Todes werfen. Inzwischen aber werden sie, die weder Reformierte noch Calvinisten, weder lutherisch noch katholisch sondern ganz und gar Skeptiker und Zweifler sind, Fürstentümer kaufen und erobern; sie werden das Gut der Mönche, Äbte und Klöster verzehren; ihnen wird alles gehören: Jungfrauen, Frauen und Dirnen. Aus ihren güldenen Humpen werden sie auf ihre dauernde Spottlust trinken, auf unsere immerwährenden Albernheiten, Torheiten und Eseleien und auf die sieben Todsünden, so sie, oh Schmied Wasteele, vor Deiner von Begeisterung mageren Nase begehen. Schau die Felder, die Wiesen, die Ernten, die Obstgärten, die Ochsen, das Gold, das aus der Erde kommt; schau die Tiere des Waldes, die Vögel des Himmels, die köstlichen Fettammern, die feinen Krammetsvögel, den Wildschweinskopf, die Rehkeule: ihnen gehört alles, Waidwerk und Fischfang, Erde, Meer, alles. Und Du lebst von Brot und Wasser, und wir richten uns hier zu Grunde, ohne zu schlafen, ohne zu essen und zu trinken. Und wenn wir gestorben sind, werden sie unserm Aas einen Fußtritt geben und zu unsern Müttern sprechen: „Macht andere, diese sind nichts mehr nutz.“
Ulenspiegel lachte stumm, Lamm prustete vor Entrüstung, aber Wasteele sagte mit sanfter Stimme:
„Du redest leichtfertig. Ich lebe mit nichten für Schinken, Bier, noch Fettammern, sondern für den Sieg des freien Gewissens. Der Freiheitsprinz tut gleich wie ich. Er opfert sein Hab und Gut, seine Ruhe und sein Glück, um die Henker und die Tyrannei aus den Niederlanden zu vertreiben. Tu wie er und versuche mager zu werden. Nicht durch den Bauch rettet man die Völker, sondern durch stolzen Mut und Beschwerden bis an den Tod, ohne Murren ertragen. Und jetzo geh und leg Dich schlafen, wenn Dich schläfert.“
Doch Lamm wollte nicht, maßen er sich schämte.
Und sie schliffen Waffen und gossen Kugeln bis an den Morgen. Und also während dreier Tage.
Dann brachen sie in der Nacht nach Gent auf und verkauften Käfige, Mausefallen und Oelkuchen.
Und sie rasteten in Meulestee, dem Städtlein der Mühlen, dessen rote Dächer man allerorten erblickt, und kamen dort überein, ihr Handwerk getrennt auszuüben und sich am Abend vor der Feierstunde in der Herberge „Zum Schwanen“ zu treffen.
Lamm streifte durch die Gassen von Gent, indem er seine Oelkuchen verkaufte und Geschmack an diesem Handwerk fand. Er suchte sein Weib, leerte gar viele Schoppen und aß ohn Unterlaß.
Ulenspiegel hatte des Prinzen Briefe Jakob Scoelap, einem Doktor der Medicin, und Lieven Smet, einem Tuchschneider, Jan de Wulfschager und Gillis Coorne, einem Rotfärber übergeben, desgleichen Jan de Roose, einem Ziegelbrenner. Diese gaben ihm das Geld, so sie für den Prinzen gesammelt hatten, und hießen ihn noch etliche Tage in Gent und in der Umgegend verweilen; denn man würde ihm noch mehr geben.
Nachdem jene später am Neuen Galgen wegen Ketzerei gehenket waren, wurden ihre Leichname auf dem Galgenfelde, nahe dem Tor von Brügge begraben.
30
Indessen eilte der Profoß Spelle, der Rothaarige, mit seinem roten Stock bewaffnet, auf seinem dürren Klepper von Stadt zu Stadt. Allerorten errichtete er Schafotte, entzündete Scheiterhaufen und schaufelte Gruben, um die armen Frauen und Mädchen darin lebendig zu begraben. Und der König erbte.
Ulenspiegel saß mit Lamm in Meulestee unter einem Baum und war voller Mißmut. Ohngeachtet man sich im Juni befand, war es kalt. Vom Himmel, der mit grauen Wetterwolken bedeckt war, fiel ein feiner Hagel.
„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „ohne Scham treibst Du Dich seit vier Nächten umher und läufst den Dirnen nach. Du gehst in de Zoeten Inval, in den „süßen Fall“ schlafen, und Du wirst es machen wie der Mann auf dem Schild, der mit dem Kopf zuerst in einen Bienenstock fiel. Vergebens harr’ ich Deiner „Im Schwanen“, und Dein unzüchtig Leben verheißt mir nichts Gutes. Was nimmst Du nicht tugendlicher Weise ein Weib?“
„Lamm“ sagte Ulenspiegel, „der, dem Eine für Alle gilt und dem Alle Eine sind, darf seine Wahl nicht leichtfertig überstürzen.“
„Und Nele, denkst Du ihrer nicht?“
„Nele ist in Damm, gar weit fort,“ sagte Ulenspiegel.
Dieweil er so saß und der Hagel dicht fiel, lief ein artiges Weiblein vorüber, das sich den Kopf mit seinem Rock bedeckte.
„Heda,“ sprach es, „Hans der Träumer, was machst Du unter diesem Baum?“
„Ich träume von einer Frau, die mir aus ihrem Rock ein Dach wider den Hagel macht,“ antwortete Ulenspiegel.
„Du hast sie gefunden,“ sprach die Frau, „steh auf!“
Ulenspiegel erhob sich und ging auf sie zu.
„Willst Du mich abermals allein lassen?“ fragte Lamm.
„Ja,“ sagte Ulenspiegel; „aber geh in „den Schwanen,“ iß eine Hammelkeule oder zwei und trink zwölf Humpen Bier, dann wirst Du schlafen und keine Langeweile haben.“
„So werde ich tun,“ sprach Lamm.
Ulenspiegel trat zu dem Frauenzimmer.
„Heb meinen Rock an einer Seite auf,“ sprach sie. „Ich tu es auf der andern, und jetzt laß uns laufen.“
„Warum laufen?“ fragte Ulenspiegel.
„Weil ich von Meulestee fliehen will,“ sagte sie. „Der Profoß Spelle ist mit zwei Häschern dort und hat geschworen, alle Dirnen, die ihm nicht fünf Gülden zahlen wollten, peitschen zu lassen. Darum laufe ich; laufe auch Du und bleibe bei mir, um mich zu verteidigen.“
„Lamm,“ rief Ulenspiegel, „Spelle ist in Meulestee. Geh nach Destelbergh in den „Stern der Weisen.“
Und Lamm stand voller Schrecken auf, faßte seinen Bauch mit Händen und begann zu rennen.
„Wohin geht dieser dicke Hase?“ sagte das Mädchen.
„In einen Bau, wo ich ihn wiedertreffen werde,“ antwortete Ulenspiegel.
„Laß uns laufen,“ sprach sie und stampfte mit dem Fuße die Erde gleich einer ungeduldigen Stute.
„Ich möchte tugendlich sein, ohne zu laufen,“ sagte Ulenspiegel.
„Was bedeutet das?“ fragte sie.
Ulenspiegel antwortete: „Der dicke Hase will, daß ich dem guten Wein, dem Würzbier und der frischen Haut der Frauen entsage.“
Das Mädchen sah ihn mit bösem Blick an.
„Du bist kurzatmig, mußt Dich ausruhen,“ sagte sie.
„Mich ausruhen,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich sehe kein Obdach.“
„Deine Tugend,“ sagte das Mädchen, „wird Dir als Decke dienen.“
„Dein Rock ist mir lieber,“ sagte er.
„Mein Rock,“ sagte das Mädchen, „wäre unwürdig, einen Heiligen, wie Du es sein willst, zu bedecken. Hebe Dich fort, daß ich allein laufe.“
„Weißt Du nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „daß ein Hund auf vier Beinen rascher läuft als ein Mensch auf zweien? Darum laufen wir besser, da wir vier haben.“
„Du führst kecke Reden für einen tugendlichen Mann.“
„Jawohl,“ sagte er.
„Aber,“ sagte sie, „ich habe immer gesehen, daß die Tugend eine ruhige, schläfrige, dicke und frostige Eigenschaft ist. ’s ist eine Larve, die mürrischen Gesichter zu verbergen, ein Sammetmantel für einen Mann von Stein. Ich liebe die, so in der Brust eine Kohlenglut haben, die am Feuer der Mannheit entzündet, zu kühnen und lustigen Abenteuern reizt.“
„Also sprach die schöne Teufelin zum glorreichen Sankt Antonius,“ erwiderte Ulenspiegel.
Eine Herberge war zwanzig Schritt entfernt auf der Landstraße.
„Du hast gut geredet,“ sagte Ulenspiegel, „jetzt heißt es gut trinken.“
„Meine Zunge ist noch frisch,“ sagte das Mädchen.
Sie kehrten ein. Auf einer Anrichte schlummerte ein großer Krug, ob seines dicken Wanstes Bauch genannt.
Ulenspiegel sprach zum Wirt:
„Siehst Du diesen Gülden?“
„Ich sehe ihn,“ sagte der Baas.
„Wieviel Stüver würdest Du herausziehen, um den Bauch da mit dobbele clauwaert zu füllen?“
„Mit negen mannekens (neun Groschenmännlein) wärest Du quitt.“
„Das sind sechs flandrische Scherflein und zwei zuviel. Aber fülle ihn immerhin.“
Ulenspiegel goß dem Mädchen einen Becher voll ein, dann erhob er sich stolz, und den Schnabel des Bauches an seinen Mund legend, leerte er ihn ganz in seine Kehle. Und es war ein Geräusch wie von einem Wasserfall.
Das Mädchen sagte verdutzt:
„Wie hast Du es gemacht, einen so großen Bauch in Deinen mageren Leib zu bringen?“
Ulenspiegel sprach, ohne zu antworten, zum Wirt:
„Bring einen kleinen Schinken und Brot herbei und noch einen vollen Bauch, auf daß wir essen und trinken.“
Solches taten sie.
Dieweil das Mädchen ein Stück Speckschwarte knabberte, umfaßte er sie so zart, daß sie davon zugleich gerührt, entzückt und fügsam ward.
Alsdann fragte sie ihn und sprach:
„Von wannen sind Eurer Tugend dieser Durst eines Schwammes, dieser Wolfshunger und diese verliebten Keckheiten gekommen?“
Ulenspiegel antwortete:
„Sintemalen ich auf hundert Arten gesündigt hatte, schwur ich, wie Du weißt, Buße zu tun. Das währte wohl eine gute Stunde. Indem ich während dieser Stunde über mein künftiges Leben nachsann, sättigte ich mich kärglich mit Brot; Wasser war mein schaler Trunk; traurig floh ich die Liebe und getraute mich nicht, mich zu rühren noch zu niesen, aus Furcht Böses zu tun. Von allen war ich geachtet, von jedermann gefürchtet, allein wie ein Aussätziger, traurig wie ein Hund, dem sein Herr gestorben ist, und nach fünfzig Jahren des Martyriums verendete ich trübselig auf einer elenden Pritsche. Die Buße war lang genug. Drum küsse mich, Liebchen, und laß uns zu zweit das Fegefeuer verlassen.“
„Ei,“ sagte sie, gern gehorchend, „welch schönes Aushängeschild ist die Tugend, auf die Spitze einer Stange gehängt.“
Die Zeit verging bei diesen verliebten Ergötzungen; schließlich aber mußten sie aufstehn, um fortzugehn, denn das Mädchen besorgte, mitten in ihrem Vergnügen den Profoß Spelle und seine Häscher auftauchen zu sehen.
„So schürze Deinen Rock,“ sprach Ulenspiegel.
Und sie liefen wie die Hirsche nach Destelbergh; allda fanden sie Lamm im „Stern der drei Weisen“ schmausend.
31
Ulenspiegel sah in Gent oftmals Jakob Scoelap, Lieven Smet und Jan de Wulfschager, die ihm Kunde vom guten und bösen Geschick des Schweigers gaben.
Und allemal, wenn Ulenspiegel nach Destelbergh zurückkehrte, sagte Lamm zu ihm:
„Was bringst Du, Glück oder Unglück?“
„Ach,“ sagte Ulenspiegel, „der Schweiger, sein Bruder Ludwig, die andern Führer und die Franzosen waren entschlossen, in Frankreich weiter vorzurücken und sich mit dem Prinzen von Condé zu vereinigen. Also hätten sie das arme, belgische Vaterland und das freie Gewissen gerettet. Gott hat es anders gewollt. Die deutschen Reiter und Landsknechte weigerten sich, weiter zu ziehen, und sagten, daß ihr Eid sie verpflichte, wider den Herzog von Alba zu fechten, nicht aber wider Frankreich. Nachdem er sie vergeblich angefleht hatte, ihre Pflicht zu tun, mußte der Schweiger sie notgedrungen durch die Champagne und Lothringen bis nach Straßburg führen, von wo sie nach Deutschland zurückkehrten. Infolge dieses plötzlichen und hartnäckigen Abzugs mißglückt alles. Der König von Frankreich, ohngeachtet seines Vertrages mit dem Prinzen, weigert sich, das Geld zu zahlen, das er versprochen. Die Königin von England hatte ihm welches schicken wollen, um die Stadt Calais und Umgegend wieder in Besitz zu bekommen; doch ihre Briefe wurden aufgefangen und dem Cardinal von Lothringen überliefert, der eine ablehnende Antwort fälschte. Also sehen wir dies schöne Heer, unsere Hoffnung, wie Gespenster beim Hahnenschrei vergehen. Aber Gott ist mit uns, und so das Land versagt, wird das Wasser seine Schuldigkeit tun. Es lebe der Geuse!“
32
Bitterlich weinend, kam das Mädchen eines Tages, und erzählte Lamm und Ulenspiegel:
„Spelle läßt für Geld Mörder und Diebe in Meulestee entwischen und die Unschuldigen bringt er um. Mein Bruder Michielkin ist unter ihnen. Wehe, lasset es mich Euch sagen, Ihr, die Ihr Männer seid, werdet ihn rächen. Ein schmutziger und schändlicher Wüstling, Pieter de Roose, ein gewohnter Verführer von Kindern und Mägdlein, war Ursach des ganzen Leids. Ach, mein armer Bruder Michielkin und Pieter de Roose waren eines Abends, ob zwar nicht am nämlichen Tisch, in der Schenke zum Falken, allwo Pieter de Roose von jedermann wie die Pest geflohen ward. Mein Bruder, der ihn nicht in der gleichen Stube mit sich sehen wollte, schalt ihn einen wollüstigen Schurken und hieß ihn reine Luft machen. Pieter de Roose entgegnete, der Bruder einer öffentlichen Dirne sollte den Kopf nicht so hoch tragen. Er log; ich bin nicht öffentlich und gebe mich nur dem, der mir gefällt. Michielkin drauf warf ihm sein Maß Würzbier ins Gesicht und erklärte ihm, daß er gelogen habe wie ein schmutziger Wüstling, der er wäre, und bedrohte ihn, so er sich nicht hinausschere, sollte er seine Faust bis an den Ellenbogen fressen. Der andere wollte noch reden, aber Michielkin tat, was er gesagt hatte. Er gab ihm zwei gewaltige Schläge ins Gebiß und schleppte ihn an den Zähnen, mit denen er biß, auf die Landstraße; allda ließ er ihn ohne Erbarmen verwundet liegen.
„Da Pieter de Roose geheilt war und nicht einsam leben mochte, kehrte er in’t Vagevuur ein, wahrlich ein Fegefeuer und eine elende Schänke, allwo nur arme Leute sind. Auch da ward er allein gelassen, sogar von diesen Lumpen. Und keiner redete zu ihm, ohne einige Bauern, welchen er unbekannt war, oder etliche fahrende Bettler und entlaufene Söldner. Er ward dort sogar unterschiedliche Male geprügelt, denn er war ein Zänker.
„Da der Profoß Spelle mit zwei Häschern nach Meulestee gekommen war, folgte Pieter de Roose ihnen allerwege wie ein Hund. Auf seine Kosten ließ er sie sich, soviel sie nur konnten, an Wein, Fleisch und andern Freuden, so mit Geld bezahlt werden, ergötzen. Also ward er ihr Geselle und Kamerad und begann, wie es seine Bosheit ihm eingab, Die, so er verabscheute, zu peinigen: nämlich alle Einwohner von Meulestee, insonderheit aber meinen armen Bruder. Er fing mit Michielkin an. Falsche Zeugen, nach Gülden lüsterne Galgenvögel, sagten aus, daß Michielkin ein Ketzer wäre, unflätige Reden über Unsere liebe Frau gehalten und manchesmal den Namen Gottes und der Heiligen in der Schenke „zum Falken“ gelästert hatte. Und überdies hätte er dreihundert Gülden in einer Truhe.
„Ohngeachtet die Zeugen nicht von gutem Wandel und Sitten waren, wurde Michielkin gefangen gesetzt. Da die Beweise von Spelle und seinen Häschern für ausreichend erklärt wurden, um den Angeschuldigten zu foltern, so ward Michielkin mit den Armen an einer Rolle aufgehängt, die an der Decke befestigt war. An jeden Fuß hängte man ihm ein Gewicht von fünfzig Pfund. Er leugnete seine Schuld und sagte, wenn es in Meulestee einen Lumpen, Schurken, Lästerer und Wüstling gäbe, so wäre das Pieter de Roose und nicht er. Aber Spelle wollte nichts hören und hieß seine Henkersknechte Michielkin bis an die Decke emporziehen und mit den Gewichten an den Füßen gewaltsam wieder herabfallen. Solches taten sie und so grausam, daß dem Gefolterten Haut und Muskeln der Knöchel zerrissen und der Fuß kaum am Beine festsaß.
„Da Michielkin bei Behauptung seiner Unschuld beharrte, ließ Spelle ihn abermals foltern und gab ihm dabei zu verstehen, daß er ihn los und ledig lassen würde, so er ihm hundert Gülden zahlte.
„Michielkin sagte, daß er lieber sterben würde.
„Da die von Damme die Kunde der Verhaftung und Tortur vernahmen, wollten sie als Massenzeugen auftreten, welches das Zeugnis aller guten Einwohner einer Gemeine ist. Einstimmig sagten sie aus, daß Michielkin keinesweges ein Ketzer wäre, jeden Sonntag zur Messe und zum Tisch des Herrn ginge, daß er niemals andere Gespräche über Unsere liebe Frau geführt hätte, als in bedrängten Umständen ihre Hülfe anzurufen. Dieweil er nimmer von einer irdischen Frau schlecht gesprochen hätte, würde er es mit viel mehr Grund nicht bei der himmlischen Mutter Gottes gewagt haben. Was die Gotteslästerungen anginge, so die falschen Zeugen in der Schenke zum Falken von ihm gehört haben wollten, so wäre das in jedem Punkt falsch und eitel Lug.
„Nachdem Michielkin freigelassen war, wurden die falschen Zeugen bestraft und Spelle forderte Pieter de Roose vor sein Tribunal, aber er entließ ihn wieder ohne Verhör noch Tortur für einmalige Zahlung von hundert Gülden. Aus Angst, das Geld, das ihm verblieb, möchte Spelles Aufmerksamkeit zum andern Mal auf ihn lenken, entfloh Pieter de Roose von Meulestee, indes Michielkin, mein armer Bruder, am Brand starb, der seine Füße ergriffen hatte.
„Er wollte mich nicht mehr sehen, ließ mich gleichwohl rufen, um mir zu sagen, ich sollte mich vor dem Feuer meines Leibes hüten; es würde mich zum Feuer der Höllen führen. Und ich konnte nur weinen, denn das Feuer ist in mir. Und er gab seine Seele in meinen Armen auf.“
„Ha,“ sagte sie, „wer den Tod meines geliebten, sanften Michielkin an Spelle rächen würde, der sollte auf immer mein Herr sein, und ich würde ihm gleich einer Hündin gehorchen.“
Dieweil sie so sprach, brannte Klasens Asche auf Ulenspiegels Brust. Und er beschloß, daß Spelle, der Mörder, gehenket werden sollte.
Boelkin, das war des Mädchens Name, kehrte nach Meulestee zurück. Sie war in ihrer Behausung sicher vor Pieter de Roose’s Rache, denn ein Ochsentreiber, der durch Destelbergh kam, brachte ihr Nachricht, daß der Pfarrer und die Bürger erklärt hätten, sie würden Spelle vor den Herzog bringen, so er Michielkins Schwester anrührte.
Ulenspiegel war ihr nach Meulestee gefolgt und trat in ein niederes Gemach in Michielkins Haus. Allda sah er ein Bildnis eines Zuckerbäckermeisters, das er für das des armen Toten hielt.
Und Boelkin sagte zu ihm:
„Es ist meines Bruders Bild.“
Ulenspiegel nahm das Bild und sagte im Fortgehen:
„Spelle wird gehenket werden.“
„Wie wirst Du es anstellen?“
„Wenn Du es wüßtest,“ sagte er, „so würde es Dich nicht ergötzen, es tun zu sehen.“
Boelkin schüttelte den Kopf und sagte mit klagender Stimme: „Du traust mir nicht“.
„Heißt es nicht, Dir aufs Höchste vertrauen, wenn ich Dir sage, Spelle wird gehenkt werden? Denn mit diesem einzigen Worte kannst Du mich von ihm henken lassen.“
„Fürwahr,“ sagte sie.
„Geh also,“ versetzte Ulenspiegel, „und hole mir gute Tonerde, ein doppelt Maß Braunbier, klares Wasser und etliche Schnitten Ochsenfleisch. Jedes besonders. Der Ochs soll für mich sein, das Braunbier für den Ochsen, das Wasser für den Ton und der Ton für das Bildnis.“
Derweil Ulenspiegel aß und trank, knetete er den Ton und verschluckte dann und wann ein Stücklein davon; doch das kümmerte ihn wenig, und er betrachtete aufmerksam Michielkins Bildnis. Da der Ton geknetet war, machte er daraus eine Maske mit Nase, Mund, Augen, Ohren, die dem Bildnis des Toten so gleich waren, daß Boelkin sich baß verwunderte.
Nach diesem legte er die Maske in den Backofen und als sie trocken war, bemalte er sie mit der Farbe der Leichen, schuf ihr verstörte Augen, ein ernstes Antlitz und die unterschiedlichen Verzerrungen eines Verscheidenden. Da hörte das Mädchen auf sich zu verwundern; sie sah die Maske an und konnte ihre Augen nicht abwenden, erblaßte und ward totenbleich, verhüllte ihr Antlitz und sagte schaudernd:
„Das ist er, mein armer Michielkin!“
Er machte auch zwei blutende Füße.
Dann, nachdem sie ihren ersten Schrecken überwunden hatte, sprach sie: „Der wird gesegnet sein, der den Mörder morden wird.“
Ulenspiegel nahm die Maske und die Füße und sprach:
„Ich bedarf eines Helfers.“
Boelkin antwortete:
„Geh in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem von Ypern, der diese Schenke führt. Er war meines Bruders bester Kamerad und Freund. Sag ihm, Boelkin schickte Dich.“
Ulenspiegel tat, wie sie ihm geheißen.
Nachdem der Profoß Spelle für den Tod gearbeitet hatte, ging er in „den Falken“, um eine heiße Mischung von Dobbele Clauwaert, Zimmet und Madeirazucker zu trinken. Aus Furcht vor dem Strang wagte man ihm in diesem Gasthause nichts zu verweigern.
Pieter de Roose, der wieder Mut gefaßt hatte, war nach Meulestee zurückgekehrt. Er ging Spelle und seinen Schergen allenthalben nach, damit sie ihn schützten. Spelle bezahlte bisweilen die Zeche. Und sie vertranken mitsammen wohlgemut das Geld der Opfer.
Die Herberge zum Falken war nicht mehr voll wie in den guten Zeiten, wo das Dorf fröhlich lebte, wo die Leute Gott als gute Katholiken dienten und nicht um der Religion willen gepeinigt wurden. Jetzt war das Dorf gleichsam in Trauer, wie man es an den zahlreichen leeren oder geschlossenen Häusern und an seinen verödeten Gassen sah, in welchen nur etliche magere Hunde irrten, so auf den Kehrichthaufen ihre verfaulte Nahrung suchten.
In Meulestee war nur noch Platz für die beiden Bösen. Die furchtsamen Dorfbewohner sahen die Frechen des Tages die Häuser der künftigen Opfer bezeichnen und die Totenlisten aufstellen und am Abend vom Falken zurückkehren und unflätige Gassenhauer singen, geleitet von zwei Schergen, trunken wie sie und bis an die Zähne bewaffnet.
Ulenspiegel ging in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem, der in seiner Schreibstube saß.
Ulenspiegel zog ein Fläschlein Branntwein aus dem Hosensack und sprach zu ihm:
„Boelkin hat zwei Tonnen davon zu verkaufen.“
„Komm in meine Küche,“ sagte der Wirt.
Dann schloß er die Türe und sah ihn fest an.
„Du bist kein Branntweinhändler; was bedeutet Dein Augenzwinkern? Wer bist Du?“
„Ich bin des Klas Sohn, der zu Damm verbrannt ist; die Asche des Toten brennt auf meiner Brust. Ich will Spelle, den Mörder töten.“
„Ist es Boelkin, die Dich sendet?“
„Boelkin sendet mich,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich werde Spelle töten und Du sollst mir dabei helfen.“
„Das will ich“, sagte der Wirt. „Was muß ich tun?“
Ulenspiegel antwortete:
„Geh zum Pfarrer, dem guten Seelenhirten und Feind von Spelle, hole Deine Freunde zusammen und finde Dich morgen nach Feierabend mit ihnen auf der Straße nach Ewerghem, jenseit Spelles Haus, zwischen dem Falken und besagtem Hause ein. Stellet Euch alle ins Dunkle und legt keine weißen Kleider an. Schlag zehn Uhr wirst Du Spelle aus der Schenke kommen sehen und ein Fuhrwerk von der andern Seite. Sage Deinen Freunden heute Abend nichts; sie schlafen dem Ohr ihrer Weiber zu nahe. Suche sie morgen auf. Kommet, horchet gut auf alles, und behaltet es wohl im Gedächtnis.“
„Wir werden es im Gedächtnis behalten,“ sagte Joos. Und seinen Becher erhebend: „Ich trinke auf den Strang für Spelle.“
„Auf den Strang,“ sprach Ulenspiegel. Dann kehrte er mit dem Wirt in die Schenkstube zurück, allwo etliche gentische Trödler zechten. Sie kamen vom Brügger Samstagsmarkt heim, wo sie Wämse und Koller von Gold- und Silberstoff teuer verkauft hatten, die sie zuvor für wenige Sous von verarmten Adligen, so es durch ihren Aufwand den Spaniern gleich tun gewollt, erhandelt hatten.
Wegen des großen Verdienstes hielten sie Schmaus und Gelage.
Ulenspiegel und Joos setzten sich in eine Ecke und verabredeten beim Trinken, ohne daß jemand sie hörte, daß Joos zum Pfarrer der Kirche, dem guten Pastor gehen solle, der wider Spelle, den Mörder Unschuldiger, erzürnt war. Danach sollte er zu seinen Freunden gehen.
Am folgenden Tage nach Feierabend verließen Joos und Michielkins Freunde, die benachrichtigt waren, die ‚Blaue Gans,‘ wo sie zu zechen pflegten, auf verschiedenen Wegen, damit man ihre Absicht nicht merke und gingen zur Landstraße nach Everghem. Es waren ihrer siebenzehn.
Um zehn Uhr kam Spelle aus ‚dem Falken,‘ und seine beiden Schergen und Pieter de Roose gingen hinter ihm. Lansaem und die Seinen hatten sich in der Scheuer von Samson Boene, einem Freund Michielkins, versteckt. Das Tor der Scheuer war offen. Spelle sah sie nicht. Sie hörten ihn vorübergehen, vom vielen Trinken schwankend, desgleichen Pieter de Roose und seine beiden Häscher, und er sagte mit breiiger Stimme und vielem Schlucken:
„Profoße, Profoße! Sie haben ein gutes Leben auf Erden. Stützt mich, Ihr Galgenvögel, die Ihr von meinem Abhub lebt.“
Plötzlich vernahm man auf der Landstraße von den Feldern her das Schreien eines Esels und das Knallen einer Peitsche.
„Da ist ein gar halsstarriger Esel“, sprach Spelle, „der trotz dieser schönen Mahnung nicht vorwärts will.“
Plötzlich hörte man lautes Rädergerassel und ein Karren kam in Sätzen die Landstraße heruntergefahren.
„Haltet ihn an,“ sagte Spelle.
Als der Wagen an ihnen vorbeikam, stürzten Spelle und seine beiden Knechte sich auf den Kopf des Esels.
„Dieser Wagen ist leer,“ sagte einer der Häscher.
„Tölpel,“ sprach Spelle, „laufen die leeren Wagen in der Nacht allein herum? In diesem Wagen ist einer, der sich versteckt. Zündet die Laternen an und haltet sie hoch, ich werde hineinsehen.“
Die Laternen wurden angezündet, und Spelle stieg auf den Wagen, die seine hochhaltend; aber kaum hatte er hingeblickt, als er einen lauten Schrei tat, zurücksank und rief:
„Michielkin, Michielkin! Jesus, erbarme Dich meiner.“
Alsbald erhob sich vom Boden des Wagens ein Mann, nach Art der Zuckerbäcker weiß gekleidet, und in seinen beiden Händen blutige Füße haltend.
Da Pieter de Roose diesen Mann im Schein der Laternen sich erheben sah, schrie er samt seinen beiden Bluthunden:
„Michielkin, Michielkin, der Tote! Herr, erbarme Dich unser!“
Die Siebenzehn kamen bei dem Lärm herzu und wollten das Schauspiel mit ansehen. Sie waren schier erschrocken, da sie beim hellen Mondschein gewahrten, wie ähnlich das Abbild Michielkins dem armem Verstorbenen war.
Und das Gespenst schwenkte seine blutigen Füße.
Es war sein Antlitz, voll und rund wie sonst, aber im Tode verblaßt, dräuend, fahl und unterm Kinn von Würmern zerfressen.
Das Gespenst schüttelte immer noch seine blutigen Füße und sprach zu Spelle, der ächzend auf dem Rücken lag:
„Spelle, Profoß Spelle, erwache!“
Aber Spelle rührte sich nicht.
„Spelle“, sprach das Gespenst zum andern Male, „Profoß Spelle, erwache, oder ich werde Dich mit mir in den gähnenden Rachen der Hölle schleppen.“
Spelle stand auf, seine Haare sträubten sich vor Furcht und er schrie jammervoll:
„Michielkin, Michielkin, hab Erbarmen!“
Indessen waren die Bürger näher gekommen, aber Spelle sah nichts als die Laternen, die er für Augen von Teufeln hielt, wie er später bekannte.
„Spelle,“ sprach Michielkins Geist, „bist Du zu sterben bereit?“
„Nein,“ antwortete der Profoß, „nein, Herr Michielkin, ich bin mit nichten dazu bereit und will nicht vor Gott erscheinen mit einer Seele, die ganz schwarz ist von Sünden.“
„Erkennest Du mich?“ fragte das Gespenst.
„Gott steh mir bei,“ sagte Spelle, „ja, ich erkenne Euch. Ihr seid der Geist Michielkins, des Zuckerbäckers, der unschuldig an den Folgen der Folter in seinem Bette starb. Und die zwei blutigen Füße sind die nämlichen, an deren jeden ich fünfzig Pfund hängen ließ. Ach, Michielkin, verzeiht mir, Pieter de Roose verführte mich; er bot mir fünfzig Gulden, die ich annahm, um Euren Namen auf die Liste zu setzen.“
„Willst Du beichten?“ fragte das Gespenst.
„Ja, Herr, ich will beichten, alles sagen und Buße tun. Aber geruhet, diese Teufel dort zu entfernen, die bereit sind, mich zu verschlingen. Ich werde alles sagen. Schafft diese feurigen Augen fort! Ich habe in Tournay ebenso an fünf Bürgern gehandelt, ebenso in Brügge an vieren. Ich weiß ihre Namen nicht mehr, aber ich werde sie Euch sagen, so Ihr es verlangt. Auch anderswo habe ich gesündigt, und durch mein Tun sind neunundsechzig Unschuldige in der Grube. Michielkin, der König brauchte Geld. Man hatte es mir eingeschärft; aber ich brauchte es gleichermaßen. Es ist in Gent, im Keller unter den Pflastersteinen bei der alten Grovels, meiner rechten Mutter. Ich habe alles gesagt, alles. Gnade und Erbarmen! Schafft die Teufel fort. Herr Gott, Jungfrau Maria, Jesus, bittet für mich! Entfernt die höllischen Feuer, ich werde alles verkaufen, alles den Armen geben und Buße tun.“
Da Ulenspiegel sah, daß die Menge der Bürger bereit war, ihm beizustehen, sprang er aus dem Wagen und Spelle an die Kehle, um ihn zu erdrosseln.
Aber der Pfarrer kam.
„Lasset ihn leben,“ sprach er. „Es ist besser, daß er durch den Strick des Henkers sterbe, denn durch die Hände eines Gespenstes.“
„Was wollt Ihr mit ihm machen?“ fragte Ulenspiegel.
„Ihn beim Herzog verklagen und ihn henken lassen,“ antwortete der Pfarrer. „Wer aber bist Du?“ fragte er.
Ulenspiegel antwortete: „Ich bin Michielkins Conterfei und die Person eines armen vlämisches Fuchses, der sich wieder in seinen Bau verkriechen wird, aus Furcht vor den hispanischen Jägern.“
Inzwischen entfloh Pieter de Roose so schnell er konnte.
Nachdem Spelle gehenkt war, wurden seine Güter eingezogen.
Und der König erbte.
33
Am folgenden Tage marschierte Ulenspiegel an der Leye, dem klaren Fluß entlang auf Kortrijck.
Lamm wanderte kläglichen Mutes.
Ulenspiegel sprach zu ihm:
„Du stöhnst, Mattherziger, und sehnst Dich nach deinem Weibe, das Dir die gehörnte Krone des Hahnreis aufsetzte.“
„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie war mir allzeit getreu und liebte mich genug, wie ich sie allzu sehr liebte, mein süßer Jesus. Eines Tages, da sie nach Brügge gegangen war, kam sie schier verwandelt zurück. Von jener Zeit an sagte sie zu mir, wenn ich sie um Liebe bat:
„Ich muß als Freundin mit Dir leben, nicht anders.“
Darauf entgegnete ich mit Trauer im Herzen:
„Liebes Herz, wir wurden vor Gott getraut. Habe ich nicht alles für Dich getan, was Du wolltest? Hab ich nicht manches Mal ein Wams aus schwarzem Linnen und einen Mantel aus Barchent angelegt, um Dich trotz der königlichen Verordnungen in Seide und Brokat gekleidet zu sehen? Liebchen, liebst Du mich nicht mehr?“
„Ich liebe Dich, wie Gott und seine Gebote, wie die heilige Disziplin und Pönitenz es vorschreiben. Ich werde Dir gleichwohl eine tugendsame Gefährtin sein.“
„Was schiert mich Deine Tugend,“ antwortete ich. „Dich will ich, Dich, mein Weib.“
Sie schüttelte den Kopf:
„Ich weiß, daß Du gut bist. Bis heute warst Du der Koch im Haus, um mir die Mühe der Kochkunst zu ersparen. Du bügeltest unsere Leintücher, Krausen und Hemden, dieweil die Bügeleisen zu schwer für mich waren. Du wuschest unsre Wäsche, Du kehrtest das Haus und die Gasse vor der Tür, um mir jegliche Beschwer zu ersparen. Jetzo will ich statt Deiner schaffen, aber nichts weiter, lieber Mann.“
„Das ist mir einerlei,“ antwortete ich. „Ich werde wie zuvor Deine Kammerfrau, Deine Büglerin, Köchin und Wäscherin sein, Dein leibeigner, unterwürfiger Sklave; aber, Frau, trenne nicht diese beiden Herzen und Leiber, die eins waren, zerreiße nicht dies holde Band der Liebe, das uns so zart verknüpfte.“
„Es muß sein,“ antwortete sie.
„Wehe,“ sprach ich, „hast Du in Brügge diesen harten Entschluß gefaßt?“
Sie antwortete:
„Ich habe vor Gott und seinen Heiligen geschworen.“
„Wer hat Dich denn zum Schwur gezwungen,“ schrie ich, „Deine Pflichten als Frau nicht zu erfüllen?“
„Der, so den Geist Gottes in sich hat und mich unter die Zahl seiner Büßerinnen aufnimmt,“ sagte sie.
„Von Stund’ an hörte sie auf, mein zu sein, gleich als wäre sie die getreue Frau eines Andern gewesen. Ich flehete sie an, quälte, drohte, weinte, bat. Aber umsonst. Eines Abends, bei der Heimkehr von Blankenberghe, wohin ich gegangen war, um den Zins einer meiner Pachtungen einzunehmen, fand ich das Haus leer. Ohne Zweifel meines Flehens müde, böse und trübselig über meinen Kummer, war mein Weib entflohen. Wo weilt sie nun?“
Und Lamm setzte sich ans Ufer der Leye, senkte den Kopf und schaute das Wasser an.
„Ach,“ sprach er, „Liebchen, wie fett, zart und reizend warst Du! Werde ich jemals ein Hühnchen wie Dich wiederfinden? Werde ich nie mehr von Dir, Hausmannskost der Liebe, essen? Wo sind Deine Küsse, balsamisch wie Thymian? Dein lieblicher Mund, von dem ich Freude pflückte wie die Biene den Honig von der Rose; Deine weißen Arme, die mich kosend umschlangen? Wo ist Dein klopfendes Herz, deine runde Brust und der reizende Schauer Deines Feenleibes, der nach Liebe girrte? Ja wo sind Deine alten Wellen, Du kühler Fluß, der Du Deine neuen so lustig in der Sonne rollst?“
34
Als sie am Walde von Peteghem vorbeikamen, sprach Lamm zu Ulenspiegel:
„Ich brate, laß uns Schatten suchen.“
„Sei es,“ antwortete Ulenspiegel.
Sie setzten sich im Walde aufs Gras und sahen ein Rudel Hirsche an sich vorbeiziehen.
„Sieh genau hin, Lamm,“ sprach Ulenspiegel, indem er seine deutsche Büchse lud, „hier sind die Kapitalhirsche, so noch ihr Hirschgeschrötte haben und stolz ihr neunendiges Geweih tragen; zierliche Spießer, ihre Schildknappen, traben ihnen zur Seite, bereit, ihnen mit ihrem spitzen Gehörn zu Hilfe zu kommen. Sie gehen nach ihrem Lager. Drehe das Radschloß der Büchse, wie ich es mache. Feure! Der Kapitalhirsch ist krank geschossen. Ein Spießer ist aufs Blatt getroffen; er flieht. Ihm nach, bis er stürzt. Mach’s wie ich; laufe, springe und fliege.“
„Das ist ein Stücklein meines närrischen Freundes,“ sagte Lamm, „den Hirschen im vollen Lauf zu folgen. Flieg nicht ohne Flügel, das ist verlorne Müh. Du wirst sie nicht einholen. O, über den grausamen Gefährten! Glaubst Du, daß ich so behende sei, wie Du? Ich schwitze, mein Sohn, ich schwitze und werde fallen. Wenn der Förster Dich abfaßt, wirst Du gehenkt werden. Der Hirsch ist des Königs Wild. Laß sie laufen, mein Sohn, Du wirst sie nicht fangen.“
„Komm,“ sprach Ulenspiegel. „Hörst Du das Krachen seines Geweihs im Gebüsch, gleichwie ein dahinziehender Wirbelwind? Siehst Du die jungen, abgebrochenen Zweige, die Blätter, die den Boden bedecken? Diesmal hat er noch eine Kugel aufs Blatt gekriegt. Wir werden ihn verspeisen.“
„Er ist noch nicht gekocht,“ sprach Lamm. „Laß die armen Tiere laufen. Ach, wie heiß ist es! Ich werde hier gewißlich fallen und nicht wieder aufstehen.“
Plötzlich erfüllten zerlumpte, gewaffnete Männer von allen Seiten den Wald. Hunde bellten und stürzten sich auf die Fährte der Hirsche.
Vier wilde Männer umringten Lamm und Ulenspiegel und führten sie auf eine Lichtung inmitten eines Dickichts. Dort sahen sie unter Weibern und Kindern, die da lagerten, Männer in großer Zahl, mit Degen, Armbrüsten, Büchsen, Lanzen, Spießen und Reiterpistolen auf mancherlei Weise bewaffnet.
Da Ulenspiegel sie erblickte, sagte er:
„Seid Ihr Buschklepper oder Waldbrüder, da Ihr hier in Gemeinschaft zu leben scheint, um die Verfolgung zu fliehen?“
„Wir sind Waldbrüder,“ antwortete ein Greis, der neben dem Feuer saß und etliche Vögel in einem irdenen Tiegel schmorte. „Aber wer bist Du?“
„Ich bin aus dem schönen Lande Flandern,“ antwortete Ulenspiegel, „Maler, Bauer, Edelmann, Bildschnitzer, alles miteinander. Und solchergestalt lustwandle ich durch die Welt, lobe schöne und gute Dinge und spotte der Dummheit mit keckem Schnabel.“
„Wenn Du so viele Länder gesehen hast,“ sagte der alte Mann, kannst Du „Schild ende Vriendt,“ Schild und Freund, auf Genter Art aussprechen; wenn nicht, so bist Du ein falscher Vläme und mußt sterben.“
Ulenspiegel sprach: Schild ende Vriendt.
„Und Du, Dickwanst,“ fragte der alte Mann, zu Lamm redend, „was ist Dein Gewerbe?“
Lamm antwortete:
„Meine Ländereien, Pachthöfe, Meiereien und Güter aufzuessen und zu vertrinken, mein Weib zu suchen und meinem Freund Ulenspiegel allerorten zu folgen.“
„Wenn Du soviel gereist bist,“ sagte der alte Mann, „so mußt Du wissen, wie man die Leute aus Weert in Limburg heißt.“
„Das weiß ich nicht,“ antwortete Lamm; „aber wisset Ihr mir nicht den Namen des schändlichen Schuftes, der meine Frau aus dem Hause trieb? Fangt ihn mir, ich werde ihn stracks umbringen.“
Der Alte erwiderte: „Zwei Dinge gibt’s in dieser Welt, die einmal entflohen, nimmer zurückkehren: das ist ausgegebenes Geld und ein Weib, das seines Mannes überdrüssig davonfliegt.“
Dann redete er zu Ulenspiegel:
„Weißt Du, wie man die Leute von Weert in Limburg heißt?“
„Raekstekers, Rochenbeschwörer,“ antwortete Ulenspiegel, „maßen einstmals ein lebendiger Roche von einem Fischerkarren gefallen war und die alten Weiber ihn für den Teufel hielten, da sie ihn springen sahen. „Lasset uns den Pfarrer holen, um den Rochen zu exorzieren,“ sprachen sie. Der Pfarrer trieb den Teufel aus, nahm den Rochen mit nach Hause und machte ein leckeres Gericht davon, den Weertern zu Ehren. So tue Gott mit dem Blutkönig.“
Indes widerhallte der Wald vom Gebell der Hunde. Bewaffnete, die im Gehölz umherliefen, schrieen, um das Wild aufzuscheuchen.
„Das ist der Hirsch und der Spießer, die ich angeschossen habe,“ sagte Ulenspiegel.
„Wir werden ihn essen,“ sagte der Alte. „Aber wie nennt man die Leute aus Eindhoven in Limburg?“
„Pinnenmakers, Riegelmacher,“ antwortete Ulenspiegel. „Einst, da der Feind vor dem Stadttor war, verriegelten sie es mit einer Mohrrübe. Und die Gänse kamen und fraßen die Rübe mit heftigen Bissen ihrer gierigen Schnäbel und die Feinde drangen in Eindhoven ein. Aber es werden eiserne Schnäbel sein, die die Riegel der Kerker verzehren, darinnen man das freie Gewissen einsperren will.“
„So Gott für uns ist, wer kann wider uns sein!“ sagte der Alte.
Ulenspiegel sprach: „Hundegebell, Menschengeheul und krachende Zweige: es ist ein Sturm im Walde.“
„Ist Hirschfleisch gutes Fleisch?“ fragte Lamm, die Gerichte betrachtend.
„Das Geschrei der Treiber kommt näher,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm; „die Hunde sind ganz nahe. Welch ein Donnern! Der Hirsch! Der Hirsch! Achtung, mein Sohn! Pfui, das garstige Tier! Es hat meinen dicken Freund mitten unter Pfannen, Tiegel, Töpfe, Feldkessel und Schmorfleisch auf die Erde geworfen. Siehe, die Frauen und Mädchen entfliehen, von Schrecken betört. Blutest Du, mein Sohn?“
„Du lachst, Taugenichts,“ sagte Lamm. „Ja, ich blute, er hat mir sein Geweih ins Gesäß gerannt. Da sieh, wie meine Hose zerrissen ist und mein Fleisch desgleichen. Und all die schönen Gerichte liegen am Boden. Sieh, ich verliere all mein Blut durch den Strumpf.“
„Dieser Hirsch ist ein fürsorglicher Wundarzt. Er bewahrt Dich vor dem Schlagfluß,“ antwortete Ulenspiegel.
„Pfui über Dich herzlosen Taugenichts,“ sagte Lamm. „Aber ich werde Dir nicht mehr folgen. Ich werde hier unter diesen guten Männern und Frauen bleiben. Wie kannst Du sonder Scham gegen meine Schmerzen so hart sein, wenn ich Dir wie ein Hund durch Schnee, Frost, Regen, Hagel und Wind auf den Fersen folge und in der Hitze mir die Seele aus der Haut schwitze!“
„Deine Wunde hat nichts auf sich; leg einen Ölkuchen darauf, das wird ein leckeres Pflaster sein,“ entgegnete Ulenspiegel. „Aber weißt Du, wie die Leute aus Löwen heißen? Du weißt es nicht, armer Freund. Wohlan, ich will es Dir sagen, um Dich am Stöhnen zu hindern. Sie heißen koeye-schieters, Kuhschützen, denn sie waren einstmals so dumm, auf Kühe zu zielen, die sie für feindliche Soldaten hielten. Wir aber, wir zielen auf die hispanischen Böcke; ihr Fleisch ist stinkend, aber die Haut ist gut, Trommeln daraus zu machen. Und die von Tirlemont? Weißt Du das? Ebensowenig. Sie tragen den ruhmvollen Beinamen kirekers. Denn bei ihnen fliegt am Pfingsttage im Dom eine Ente vom Chor auf den Altar, und das ist das Abbild ihres Heiligen Geistes. Leg einen Krapfen auf Deine Wunde. Du hebst die Töpfe und Gerichte, die der Hirsch umstieß, schweigend auf. Das ist Eifer für die Kochkunst. Du zündest das Feuer wieder an, setzest den Suppenkessel wieder auf seinen Dreifuß und befassest Dich gar sorglich mit dem Kochen. Weißt Du, warum es in Löwen vier Wunder gibt? Nein. Ich will es Dir sagen. Erstlich, weil die Lebenden dort unter den Toten gehn, denn die Kirche Sankt Michael ist neben das Stadttor gebaut. Es folgt daraus, daß der Kirchhof darüber ist. Zweitens weil die Glocken dort außer den Türmen sind, wie an der Sankt-Jakobs-Kirche zu sehen ist. Dort ist eine große und eine kleine Glocke; dieweil die kleine im Glockenturm keinen Platz fand, hat man sie nach außen gehängt. Drittens wegen des Altars außerhalb der Kirche; denn die Vorderseite von Sankt-Jakob gleicht einem Altar. Viertens wegen des Turms ohne Nägel, sintemalen die Turmspitze von Sankt-Gertrudis aus Stein anstatt aus Holz gebaut ist und man die Steine nicht nagelt, ausgenommen das Herz des Blutkönigs, das ich über das große Tor von Brüssel nageln möchte. Doch Du hörst mir nicht zu. Ist kein Salz in der Brühe? Weißt Du, warum die von Termonde die Bettwärmer, de vierpannen genannt werden? Es sollte ein junger Prinz im Winter in der Herberge zum „Wappen von Flandern“ nächtigen, und der Wirt wußte nicht, wie er die Leintücher wärmen sollte, denn es fehlte an einem Bettwärmer. Er ließ das Bett durch sein junges Töchterlein erwärmen, das eilends davonlief, da es den Prinzen kommen hörte; und der Prinz fragte, warum man den Bettwärmer nicht darinnen gelassen habe. Gott gebe, daß Philipp, in einen Kasten von glühendem Eisen gesperrt, im Bett der Frau Astarte als Bettwärmer diene.“