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Th. M. Dostojewsky

IX. Briefwechsel aus der Fremde. (1867-1871.) (continued 2)

Reading edition

Endlich schickt Weltschaninow den verhängnisvollen Gast fort, schliesst diesmal seine Thüre fest zu und wirft sich angekleidet auf sein Lager. Als er spät am Morgen erwacht, fällt ihm sofort der Tod jenes Weibes ein. Er denkt über sie nach, kommt zu dem Schluss, dass sie verderbt war — mit seiner Beihilfe, wie der Dichter „im Vorübergehen“ bemerkt — ohne sich im geringsten dafür zu halten, und dass eine solche Frau als notwendigen Gegenpart einen Hahnrei zum Manne haben müsse. „Seiner Ansicht nach besteht die Wesenheit solcher Gatten darin, dass sie „ewige Gatten“ oder, besser gesagt, im Leben nur Gatten sind und weiter nichts.“ „Ein solcher Mensch wird geboren und entwickelt sich einzig und allein, um sich zu verheiraten und, nachdem er sich verheiratet hat, sich sofort in eine Zugabe seiner Frau zu verwandeln, auch in dem Falle, dass er selbst einen eigenen unbestreitbaren Charakter besässe. Das Hauptmerkmal eines solchen Gatten bildet — ein gewisser Stirnschmuck. Ein so Gehörnter nicht zu sein, ist ihm gerade so unmöglich, als es der Sonne ist, nicht zu scheinen. Allein er weiss nicht nur gar nichts davon, sondern er kann den Naturgesetzen nach nie etwas davon wissen.“

Weltschaninow hat sich im letzten Augenblick Trussotzkys Adresse geben lassen und findet ihn endlich in einer elenden Mietwohnung, halbangekleidet — ein kläglich bittendes Kind züchtigend. Es ist Lisa, der Verstorbenen Töchterchen, „das uns geboren wurde, als Sie schon — wie lange fort waren?“ Er zählt die Monate: ja acht Monate, nachdem Sie fort waren. — Das Kind ist furchtbar eingeschüchtert. Wir erfahren aus Abrissen des Gespräches, dass Trussotzky das Kind sehr geliebt, nach dem Tode der Frau aber gequält, geschreckt und Tage lang sich selbst überlassen habe. Weltschaninow erkennt unter Qualen, dass es sein Kind ist, und führt es zu guten Freunden aufs Land. Es ist eine kinderreiche Familie, die das kranke, scheue Mädchen liebevoll aufnimmt. Das Kind erkrankt dort am zweiten Tage und stirbt, ohne dass Trussotzky auch nur einmal hinausgekommen wäre, sich nach ihm umzusehen. Weltschaninow entschliesst sich mit Widerwillen, den Mann wegen des Begräbnisses aufzusuchen, und findet ihn endlich in trunkenem Zustande bei einigen „Damen“. Als er ihm mitteilt, dass sein Töchterchen gestorben sei und die Bestattungspflichten an ihn herantreten, ruft er ihm lallend giftig die Worte zu: „Erinnern Sie sich des Lieutenants, der nach Ihnen ankam; zu dem gehen Sie wegen der Bestattung.“ Der Rausch allein versetzt ihn in die mutige Stimmung, giftige Pfeile unmittelbar nach seinem Feinde zu schleudern. Indessen zahlt er nach einigen Tagen in nüchternem Zustande jener Familie die Begräbniskosten bei Heller und Pfennig.

Dies ist das erste Stück seiner Rache. Er will nichts anderes, als in Weltschaninow jene Empfindungen erwecken, die er selbst gehabt, als er erfuhr, dass nicht er Lisas Vater sei. Zwischen diesen durch Trunkenheit aufgestachelten Rache-Versuchen des feigen „Gatten“ spielen sich Szenen widriger „Vergebung“, Küsse, Thränen, Umarmungen ab, denen sich Weltschaninow — da er sich im Banne der Schuld fühlt, ihn auch wohl nach einem klaren Abschluss dieser peinvollen Sache verlangt und vor allem, weil er eben jetzt physisch entsprechend konstituiert ist — auf keine Weise entwinden kann. Nach einer solchen Szene, die ihn wieder in den Bann seiner eigenen Reuegefühle versetzt hatte, lässt er sich auch von Trussotzky erbitten, ihn zu einer töchterreichen Familie aufs Land zu begleiten, in deren Schosse er, Trussotzky, sich — eine Braut erwählt habe. Es ist dies die sechste der Haustöchter, Nadja, eine frische, kecke Gymnasiastin. In Weltschaninow, der auf der Fahrt mit seinem Gefährten auch nicht ein Wort gewechselt hatte, erwacht draussen unter der blühenden Mädchenschar der alte Frauenbestricker; er musiziert, singt, entzückt die junge Nadja und reizt dadurch Trussotzky zu verbissener Wut.

Als ein Gewitter heraufzieht, fahren sie endlich auf Trussotzkys stilles Drängen nach Petersburg zurück, wo dieser Weltschaninow in seine Wohnung folgt. Der Hausherr ist erschöpft, fühlt sich leidend; Trussotzky aber weicht nicht von der Stelle, bis er nicht das Versprechen empfangen hat, Weltschaninow werde niemals in jenes Haus zurückkehren. Da, schon spät am Abend, unter Blitz und Donner, stürmt ein sehr junger Mensch herein, der sich als Nadjas heimlich Verlobter vorstellt und mit der ganzen Sicherheit und Anmassung der Jugend — eine meisterhafte Szene — Trussotzky verbietet, um seine Braut zu werben. Diese Episode zieht sich so lange hin, dass endlich Weltschaninow nach des Studenten Abgang Paul Pawlowitsch veranlasst, bei ihm zu übernachten. Kaum hat sich Weltschaninow niedergelegt, als der Brustkrampf, welcher ihn schon seit geraumer Zeit angefallen hatte, sich zu einem unerträglichen Grade steigert. Trussotzky eilt in die leere Küche, macht Feuer an, weckt die Frau des Hauswächters und wärmt abwechselnd mit ihr Tücher und Teller, die er mit unermüdeter Sorgfalt dem Kranken auflegt, giebt ihm Thee zu schlucken, den er schnell bereitet hat, bis endlich das Übel sich legt und nur eine grosse Schwäche zurückbleibt, die zur Nachtruhe mahnt.

Überwältigt von dieses Menschen aufrichtiger Bemühung um ihn, ruft ihn Weltschaninow noch einmal an sein Lager und sagt halbmurmelnd: „Sie — Sie — Sie sind besser als ich! Ich begreife alles, alles ... ich danke Ihnen.“ — Trussotzky löscht das Licht aus und legt sich leise auf den zweiten Divan nieder. Es ist nach dem Gewitter tiefdunkel in der Stube, wo schwere Vorhänge das Licht ausschliessen. Nur vom Nebenraum her dringt ein schwacher Schein herein. Weltschaninow hat einen beängstigenden Traum. Er hat ihn schon einmal gehabt, als Trussotzky das erste Mal bei ihm übernachtet hatte und er ihn plötzlich mitten im Zimmer stehend mehr fühlte als sah. Ihm war auch diesmal, als kämen immer mehr Leute die Treppe herauf und zu ihm herein, sodass die Stube zu voll wird, um darin atmen zu können. Endlich hört er genau, ebenso wie damals, drei Glockenschläge an der Wohnungsthür und erwacht mit einem Schrei.

Eine Eingebung heisst ihn mit vorgestreckten Händen dorthin eilen, wo Paul Pawlowitsch schläft. Da berühren seine Hände zwei andere Hände, etwas Scharfes schneidet in seine Linke und fällt darauf zu Boden. Es ist sein Rasiermesser, das gerade heute zufällig auf dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben war. Nun folgt ein minutenlanger, lautloser Kampf, der damit endet, dass Weltschaninow trotz seiner Schwäche Trussotzky niederwirft und ihm die Hände mit der Vorhangschnur, die er mit Zorneskraft abgerissen, auf dem Rücken zusammenbindet.

Es ist nun fünf Uhr geworden. Weltschaninow lässt den vollen Tag herein, eilt zu einem Schrank um ein Handtuch, verbindet sich damit die blutende Hand, hebt das Rasiermesser vom Boden auf, verwahrt es an seinem Ort und wendet sich zuletzt Trussotzky zu, welchem es indessen gelungen war sich aufzurichten und in einen Stuhl zu setzen. Plötzlich blickt er halb stumpf empor und deutet nach der Wasserflasche: „Wasser möcht’ ich“, flüstert er. Weltschaninow giesst ein Glas voll ein und führt es zu seinen Lippen, bis der Durst schluckweise gestillt ist. Darauf nimmt Weltschaninow sein Kopfkissen und begiebt sich in das Nebenzimmer zur Ruhe, nachdem er vorher Trussotzky nach aussen eingeschlossen hat.

Wir lassen hier den Dichter erzählen: „Seine Schmerzen waren ganz vergangen, allein er empfand aufs neue eine ungeheure Mattigkeit, jetzt nach der aussergewöhnlichen Anspannung seiner ihm, weiss Gott woher, zugeströmten Kräfte. Er wollte versuchen sich den ganzen Vorgang vorzustellen, allein seine Gedanken vermochten sich noch nicht aneinander zu reihen; der Schlag war allzu stark gewesen. Bald fielen ihm die Augen zu und blieben etwa zehn Minuten geschlossen, bald zuckte er plötzlich zusammen, erwachte, erinnerte sich an alles, erinnerte sich seiner schmerzenden, in das blutnasse Handtuch gewickelten Hand und begann fieberhaft, wühlend, nachzudenken. Klar wurde ihm nur eines: dass Paul Pawlowitsch ihm thatsächlich hatte die Gurgel abschneiden wollen, dass er aber möglicherweise eine Viertelstunde vorher nicht wusste, dass er es thun werde. Das Rasierzeug (das übrigens sonst immer im Schreibtisch eingeschlossen lag) war von ihm vielleicht erst am Abend mit dem Blick gestreift worden, ohne jedoch dabei irgend einen Gedanken in ihm zu erwecken. „Wenn er sich schon seit langem vorgenommen hätte, mich umzubringen — fiel ihm unter anderem ein —, so hätte er sicherlich schon ein Messer oder eine Pistole vorbereitet und nicht auf mein Rasiermesser gerechnet, das er bis zum gestrigen Tage noch nie gesehen hat.“

Der Dichter kommt auf das Unbewusste im Handelnden zurück, und damit beim Leser auch kein Irrtum sei, wie er Trussotzky zu betrachten habe, lässt er diesen eben das noch nie gesehene Rasiermesser benutzen. Er geht noch weiter. Im Kapitel, das ‚Analyse‘ überschrieben ist, nimmt Weltschaninow den Faden seiner Folgerungen — nachdem er Trussotzky entlassen hat — folgendermassen wieder auf. „Diese Leute,“ dachte er, „eben diese Leute, welche vor einer Minute noch nicht wussten, werden sie den Hals abschneiden oder nicht, — wenn die schon einmal das Messer in ihre zitternde Hand nehmen und sie den ersten Spritzer heissen Bluts auf ihren Fingern fühlen, dann bleibt es nicht beim Schneiden allein — den ganzen Kopf schneiden sie dann herunter: ‚zum Wohlsein‘, wie die Arrestanten sagen. So ist es.“

Dieses tiefe Eindringen in den Blutrausch der unbewusst Mordenden zeigt er noch ausführlicher in der Besprechung des Prozesses der Kairowa, welche „noch am Vorabend sicher nicht wusste, ob und wie weit sie ihrer Rivalin in die Gurgel schneiden werde“. Auch in jener ergreifenden Gerichtsszene, wo Dmitri Karamasow erzählt, er habe daran gedacht, den Vater zu töten, aber den mörderischen Stössel von sich in den Garten geschleudert, er wisse nicht warum — „es muss wohl in diesem Augenblick meine Mutter für mich gebetet haben“, meint er — auch hier ist das Mysterium betont, die tiefen Zusammenhänge der Möglichkeiten in der Menschenseele, über die kein Gesetz je gerecht zu entscheiden vermag.

Im weiteren Verlauf der Analyse kommt Weltschaninow-Dostojewsky zu seltsamen Schlüssen: „Wenn es also entschieden ist, dass er mich ohne Vorbedacht umzubringen auf dem Wege war, grübelte Weltschaninow, ist ihm dieser Gedanke etwa schon einmal früher in den Sinn gekommen, wenn auch nur wie eine Vorstellung in einem zornigen Augenblick?“ „Er löste die Frage seltsam, — damit, dass Paul Pawlowitsch ihn wohl umbringen gewollt, dass aber der Gedanke des Mordes dem künftigen Mörder auch nicht einmal eingefallen war.“ Kürzer gesagt: „Paul Pawlowitsch wollte umbringen, allein er wusste es nicht, dass er umbringen wollte. Das ist unsinnig, aber es ist so,“ dachte Weltschaninow: „er ist wegen meiner hergefahren und mit Lisa hergekommen!“ „Und war denn das wahr, das alles wahr,“ rief er, plötzlich den Kopf vom Kissen erhebend und die Augen öffnend, „alles, was dieser ... Verrückte mir gestern über seine Liebe zu mir vorgeredet hat, als sein Kinn zu zittern begann und er sich mit der Faust an die Brust schlug?“ „Vollkommene Wahrheit,“ entschied er, sich immer mehr in die Analyse vertiefend, „dieser Quasimodo aus T. war genug dumm und edelmütig dazu, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu verlieben. [Man merke hier die Anschauung des Weltmannes Weltschaninow, wie sie der Dichter markiert.] Einer Frau, der er zwanzig Jahre lang nichts anmerkte. Er achtete mich neun Jahre lang, ehrte mein Andenken und erinnerte sich an meine ‚Aussprüche‘ — Herrgott, und ich wusste von gar nichts! Er konnte gestern nicht lügen! Aber, liebte er mich gestern, als er mir seine Liebe erklärte und sagte: ‚werden wir quitt?‘ Ja, aus Bosheit liebte er mich; diese Liebe ist die allerstärkste.“

Nun lässt der Dichter Weltschaninow sich erinnern, welchen Eindruck er auf diesen „Schiller in der Form eines Quasimodo“ gemacht habe. [Bei den Russen ist der Name Schiller als ein Gattungsname für verschrobene, hohle Idealisten eingebürgert.] Den günstigsten, vor allem durch seine Handschuhe und die Art, sie zu tragen; „denn die Quasimodos lieben die Ästhetik, hu, wie sie sie lieben! Handschuhe sind ganz genügend für manche edle Seele, gar aus dem Geschlechte der ‚ewigen Gatten‘.“ Weltschaninow geht alle Phasen von Trussotzkys Zustand durch, natürlich in der Beleuchtung des leichtfertigen Weltmannes. „Wenn auch dieser, wem kann man danach noch trauen!“ — „Nach einem solchen Aufschrei wird man ein Tier!“ denkt er bei sich.

„Hm! er ist hergekommen, um mich zu umarmen und mit mir zu weinen“, wie er selbst es in der niedrigsten Weise ausgedrückt hat — das heisst, er kam, um mich umzubringen, und dachte dabei, es sei „um mich zu umarmen und mit mir zu weinen“ ... Auch Lisa hat er hergebracht ... Wie aber, wenn ich mit ihm geweint hätte, da hätte er mir vielleicht thatsächlich verziehen, weil er schrecklich das Bedürfnis hatte, zu verzeihen! .. Alles das hat sich aber bei der ersten Begegnung in betrunkene Gewaltstücke, in Karikatur verwandelt, in weibisches Geheul über die Beleidigung. (Hörner hat er sich vor mir auf die Stirne gemacht, Hörner!) Darum ist er auch in trunkenem Zustand gekommen, um sich wenigstens fratzenhaft auszusprechen usw. Und wie er in der Nacht herumgesprungen ist, die Teller zu wärmen, dachte eine Abwechselung zu machen — vom Messer zum innigen Mitgefühl! Sich und mich wollte er retten — mit gewärmten Tellern! ...“

Endlich kommt Weltschaninow zur Ruhe, schläft sich aus, erwacht mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung, dass „alles vorüber sei“, geht an diesem Tage viel aus und hat Mühe sich zurückzuhalten, um nicht dem ersten besten sein Erlebnis zu erzählen. Nach einer gut zugebrachten Nacht erwacht er mit einem ungeheueren Schrecken. Er fühlt, dass er: Trussotzky aufsuchen muss. „Warum? Wozu? Darüber wusste er nichts und empfand einen tiefen Widerwillen es zu wissen, wusste aber nur das, dass er gewiss aus irgend einem Grunde dahin kriechen werde.“

Also auch hier versäumt es der Dichter nicht, das echt russische Schuld- und Ausgleichsbedürfnis in die Gegenfigur des in zwei gespaltenen Menschen ohne Gott zu legen. Den Weltmenschen wie den Sünder treibt das unbewusste Verlangen geheimnisvoll nach dem „Quittwerden“ mit äusseren und inneren Geschicken. Ohne dass ein einziges Mal im ganzen Buche der christliche Gedanke mittelbar oder unmittelbar ausgesprochen würde, sehen wir, wie er sich allmählich aus den Zuständen und den endgiltigen Schicksalen dieser Beiden herausschält.

Weltschaninow macht sich also auf den Weg zu seinem Mörder, begegnet aber dem jungen Studenten, Nadjas „Bräutigam“, in angeheitertem Zustand, der ihn mit dem Namen Trussotzkys anspricht. Weltschaninow ergänzt halb unbewusst, seiner inneren Vermutung folgend: „— — hat sich erhenkt“. „Ei was erhenkt, wir haben ihn zur Bahn begleitet, im Waggon noch mit ihm getrunken, auch auf Ihr Wohl.“ — —

Im letzten Kapitel, einer Art Epilog, mit der Aufschrift „Der ewige Gatte“, finden wir Weltschaninow zwei Jahre später, verjüngt, voll frischer Lebenspläne, seine ehemaligen „hypochondrischen Schrullen“ belachend, auf der Reise. Er hat seine Erbschaft angetreten, verwaltet sein Vermögen vernünftig, hat sein tägliches gutes, kleines „Diner“, verkehrt wieder mit der „Gesellschaft“, wo ihn „alle“ wieder aufs freundlichste in ihrer Mitte aufnehmen, als sei er nur „verreist gewesen“. Er fährt nach Odessa, um einen Freund zu besuchen und eine interessante Dame zu treffen, deren Bekanntschaft er schon lange zu machen gewünscht hat. Da, auf einem Kreuzungspunkte der Bahnlinien, fällt ihm ein, dass eine andere interessante Dame, eine ehemalige Bekannte, nicht weit von der Station, jedoch auf der anderen Linie ihre Besitzung habe und dass er sehr wohl die Fahrt unterbrechen könne, um auch sie zu besuchen. Doch war er noch nicht ganz entschlossen und erwartete, da ein Aufenthalt von 40 Minuten vollauf Zeit liess, irgend einen „Anstoss von aussen“.

Da entsteht im Gedränge der Fahrgäste beider Züge auf dem Bahnsteig eine laute Szene. Eine hübsche und sehr auffallend gekleidete junge Dame aus der Provinz zerrt einen betrunkenen, sehr jungen Offizier hinter sich her, welcher Skandal macht und ihr nicht in den Saal folgen will. Man drängt sich um sie, macht schlechte Witze, verlacht, beschimpft sie endlich. Sie sieht sich ängstlich nach jemand um, der ihr helfen möchte. Weltschaninow eilt herzu, nimmt sie in Schutz, packt einen sie belästigenden Krämer am Kragen und schafft im Nu Ruhe, da alles vor dem eleganten Herrn zurücktritt. Die Dame fliesst vor Dankbarkeit über, der junge Ulan brüllt ein besoffenes „Dddanke!“ und streckt sich auf zwei Stühle aus, wo er einschläft.

Weltschaninow hat der Vorfall interessiert: die Frau ist hübsch, scheint reich zu sein, wenn auch von etwas komisch kleinstädtischen Manieren. Sie dankt ihm wiederholt, schmäht auf ihren Mann, der, weiss Gott wohin verschwunden sei. Da taucht plötzlich ein bekannter Kahlkopf aus der Menschenmenge hervor; er kommt gerade auf die Gruppe zu. Es ist der Gatte; Paul Pawlowitsch steht vor Weltschaninow. Die Frau überhäuft ihn mit Vorwürfen und stellt ihm den Retter vor. Weltschaninow durchbricht die Entsetzensstarre, die jenen erfasst hatte, legt seinen rechten Arm kameradschaftlich um des anderen Schulter und sagt lachend: „Wir sind ja Freunde, von Kindheit an, hat er Ihnen nicht von Weltschaninow gesprochen?“ Olympia Semjonowna ladet nun diesen dringend ein, sie auf ihrem Gute zu besuchen, was er auch bestimmt zusagt.

Paul Pawlowitsch beeilt sich, die Gattin samt dem „jungen Verwandten“ in den Waggon zu bringen, und kehrt vor Aufregung zitternd zu Weltschaninow zurück, um ihm das Versprechen abzunehmen, dass dieser sie nicht besuchen werde. Es wird zur Abfahrt geläutet. Olympia und der Ulan rufen: „Paul Pawlowitsch! Paul Pawlowitsch!“ Paul Pawlowitsch wurde abermals unruhig und fing an, sich hin und her zu drehen; da packt ihn der — nun durch Gesundheit von aller Sentimentalität befreite — Weltschaninow am Ellbogen, hält ihn fest und sagt: „Wollen Sie, ich gehe sofort zu Ihrer Gattin und erzähle ihr, wie Sie mich einmal umbringen wollten — ha?“ „Was wollt Ihr, Herr, was wollt Ihr — Gott bewahre Euch.“ „Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!“ hört man wieder rufen. Endlich lässt Weltschaninow ihn los. „Nun, gehen Sie endlich“ sagt er, ihn gutmütig anlachend. [Wie charakteristisch hier die Leichtfertigkeit des Weltmenschen, der einen Scherz aus der Sache macht und den Mörder „gutmütig anlacht“; wie echt russisch auch!]

„Also Sie kommen nicht?“ flüsterte fast verzweifelt Paul Pawlowitsch zum letzten Male und legte sogar, wie ehemals, die Hände bittend vor ihm zusammen. „Ich schwöre es Ihnen ja, ich komme nicht! Laufen Sie, sonst giebts Verdruss.“ Und er streckte ihm behäbig breit die Hand entgegen — er streckte sie hin — und zuckte zusammen: Paul Pawlowitsch nahm die Hand nicht, zog sogar die seine zurück.

Da ertönte das dritte Glockenzeichen. In einem Augenblick ging nun etwas Seltsames mit den Beiden vor sich; es war, als wären Beide in ihr Gegenteil umgewandelt. Etwas zuckte und riss an Weltschaninow, der eben erst so gelacht hatte. Er packte Paul Pawlowitsch fest und wütend an der Schulter. „Wenn schon ich, ich Ihnen diese Hand reiche“ — und er wies ihm die linke Handfläche, in welcher die Schramme der Schnittwunde deutlich zu sehen war — „so können Sie sie wohl nehmen!“ stiess er leise mit zitternden, erbleichenden Lippen hervor. Auch Paul Pawlowitsch war bleich geworden und auch seine Lippen bebten. Wie Krämpfe lief es über sein Gesicht. „Und Lisa. Herr?“ lallte er im schnellen Flüstortone — und plötzlich begannen ihm Lippen, Kinn und Wangen heftig zu zittern und zu zucken, und Thränen stürzten aus seinen Augen. Weltschaninow stand vor ihm, zur Säule erstarrt. „Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!“ brüllte man aus dem Waggon, als würde dort jemand umgebracht — und plötzlich ertönte ein Pfiff. Paul Pawlowitsch kam zu sich, schlug die Hände zusammen und begann über Hals und Kopf zu rennen. Der Zug hatte sich schon in Bewegung gesetzt, allein es gelang ihm irgendwie, sich anzuhängen, und er sprang im vollen Lauf noch zurecht gerade in seinen Waggon.

Weltschaninow blieb auf der Station und fuhr, nachdem er einen anderen Zug abgewartet, erst abends, doch in der früher eingeschlagenen Richtung weiter. Nach rechts, zur Bekannten auf dem Landgute fuhr er nicht — es war ihm so gar nicht danach zu Mute. Und wie hat er das später bereut!“

Wen erschütterte nicht dieser mächtige und doch so einfache Schluss? Die tiefe Unruhe des Weltmannes wie die des „ewigen Gatten“, jener Beiden, die mit sich und mit einander nicht „quitt“ werden können, weil sie das nicht in sich tragen, was allein den „irrationalen Rest“ zwischen Begierde und Erfüllung aufhebt: einen Gott — der Künstler hat sie in jedem von ihnen gestillt. Aber wenn er den Weltmann mit jenen letzten Worten „wie hat er das später bereut!“ entlässt, ihn also seine Ruhe endgiltig in den wiedergewonnenen Lebensgenüssen finden lässt, so schüttet sein Genius über das Haupt des von Schmerzen zuckenden, widerwärtigen Sünders etwas von jenem Liebesstrom aus, dem einst die Worte entstiegen: „Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel geliebt.“

In einem Briefe vom 24. Februar 1870 schreibt Dostojewsky, ebenfalls an Maikow, unter anderem: „Ich bin wieder in einer solchen Not — es ist um sich nur aufzuhängen!“ Weiter heisst es: „Nach einer langen Pause zwischen den Anfällen haben diese angefangen mich wieder zu quälen und ärgern mich hauptsächlich darum, weil sie mich an der Arbeit hindern. Ich habe eine reiche Idee in Angriff genommen. Ich rede nicht von der Ausführung, nur von der Idee. Es ist eine jener Ideen, welche eine unzweifelhafte Wirkung auf das Publikum ausüben. Etwas in der Art wie „Schuld und Sühne“, allein noch näher, der Wirklichkeit mehr an den Leib gerückt und sich auf die wichtigste Frage der Gegenwart beziehend“.

In einem Briefe an Strachow vom 10. März 1870 finden wir eine Wiederholung des abfälligen Urteils über frühere besprochene Nummern der „Zarjá“, worin auch eine Kritik Strachows gewesen war. Diese überzeugten Wiederholungen derselben Gedanken mit den nämlichen Ausdrücken sind sowohl in den Briefen, als auch in den Werken Dostojewskys sehr häufig und für ihn charakteristisch. Hier, in diesem Briefe ist die Wiederholung allerdings auch noch ein Beweis von Dostojewskys grosser Offenheit, ein Beweis, der uns nach so vielen Äusserungen persönlichen Misstrauens und Furcht vor verschobenen Beziehungen höchst wohlthuend berührt, ja Bedürfnis war. In noch viel grösserem Ausmasse finden wir diese Offenheit in den Briefen an jene tausend Unbekannte, die sich an den berühmten Seelenerforscher und Seelenkenner um Rat und Zuspruch wandten. Wir werden die bemerkenswertesten dieser Antworten weiter unten anschliessen. In einem Briefe an Strachow heisst es: „Ihr Artikel aber, obwohl vortrefflich, behandelt immer das alte Thema (ich spreche hier nicht von meinem Gesichtspunkt, sondern von dem der Abonnenten). Übrigens, wer hat Ihnen gesagt, dass Ihr Aufsatz über Turgenjew besser sei, als der über Tolstoj? Der Artikel über Turgenjew ist eine sehr schöne und klare Arbeit, aber in jenem über Tolstoj haben Sie gleichsam Ihre Grundanschauung niedergelegt, aus der heraus Sie Ihre Thätigkeit fortzusetzen gedenken — so sehe ich die Sache an. Und ich bin mit allem einverstanden (was ich früher nicht war), und lehne von allen den paar tausend Zeilen dieses Artikels nur zwei ab — nicht mehr, nicht weniger —, mit welchen ich mich unbedingt nicht einverstanden erklären kann. Doch davon später.“

Die Aufforderung, an der „Zarjá“ beständig mitzuarbeiten, beantwortet Dostojewsky mit der Bedingung, dass ihm Honorarraten vorgeschossen würden. „Ein Thema habe ich wohl auch jetzt. Ich will mich darüber nicht ausbreiten, nur dies will ich sagen: es ist selten etwas Neueres, Volleres und Originelleres in mir aufgetaucht. Ich kann so sprechen, ohne der Ruhmsucht geziehen zu werden, da ich nur vom Thema spreche, von der Idee, die in meinem Kopfe zu Fleisch geworden, aber nicht von der Ausführung. Die Ausführung hängt von Gott ab. Ich kann auch alles verderben, was sich schon oft bei mir ereignet hat; allein eine innere Stimme sagt mir, dass mich die Inspiration nicht verlassen wird. Aber für die Neuheit des Gedankens und die Originalität der Inscenierung verbürge ich mich und blicke vorläufig mit Entzücken auf diese Idee. Es wird ein Roman in zwei Teilen sein, nicht weniger als zwölf, keinesfalls mehr als fünfzehn Bogen stark. Er kann sicher noch dieses Jahr (1870) am 1. Dezember der Redaktion zugestellt werden; ich kann mich der Zeit versichern, um ordentlich zu schreiben. (NB. Der Roman könnte auch schon zum 1. November zugestellt werden, aber ich muss gestehen, mir wäre es sehr unlieb, in einem und demselben Jahre zum zweiten Male eine grössere Erzählung in ein und dasselbe Blatt zu schreiben. Wäre es nicht besser, so wie jetzt, erst zum Januar oder Februar des künftigen Jahres? Übrigens könnte es, scheint mir, auch gar nicht anders sein.) Zum Schluss die Stelle: „Anna Grigorjewna grüsst Sie und gedenkt Ihrer mit Herzlichkeit. Wir tollen jetzt mit unserer Ljubotschka herum. Ach, warum sind Sie nicht verheiratet und haben kein kleines Kind, lieber Nikolai Nikolajewitsch! Ich schwöre Ihnen, dass darin dreiviertel unseres Lebensglücks enthalten ist und in allem übrigen wohl nur ein Viertel. — Werde ich denn auch heute nicht die „Zarjá“ erhalten?“ — heisst es am Schlusse — „ich spitze schon die Lippen nach Ihrem Artikel ‚Die Frauenfrage‘ — was für ein Thema! Ich verspreche mir einen ausserordentlichen Genuss. Gerade Sie können darüber schreiben, wie es nötig ist usw.“

Dem Plan des Romans schien es beschieden zu sein, vielfache Änderungen der Ausführung und lange Verzögerungen zu erleiden. Schon am 5. April 1870 schreibt der Dichter gleich zu Anfang seines Briefes: „Ich will Ihnen offen und endgiltig sagen, dass ich, alles berechnet, den Roman auf keine Weise für die Herbsthefte versprechen kann oder zu versprechen wage.

Auf die Sache, welche ich jetzt für den Russkij Wjestnik schreibe, baue ich grosse Hoffnungen, aber nicht vom künstlerischen Standpunkt aus, sondern von dem der Tendenz. Ich habe Lust einige Gedanken herauszusagen, sollte dabei auch mein Künstlertum zu Grunde gehen. Aber es drängt mich, was sich alles in Geist und Herz bei mir aufgehäuft hat; mag ein Pamphlet daraus werden, ich spreche mich doch dabei aus. Ich hoffe auf Erfolg — übrigens, wer setzt sich denn zum Schreiben, ohne auf Erfolg zu hoffen?“ Weiter heisst es: „Ich beendige bald, was ich für den „Russkij Wjestnik“ schreibe, und werde mich mit Wollust zum Roman setzen. Die Idee zu diesem Roman lebt in mir schon drei Jahre, allein früher fürchtete ich mich im Auslande daran zu gehen; ich wollte dazu in Russland sein. Nun ist in drei Jahren vieles reif geworden, der ganze Plan des Romans; und ich denke, dass ich den ersten Teil desselben, d. h. jenen, welchen ich für die „Zarjá“ bestimmt, auch hier beginnen kann, da die Handlung viele Jahre früher beginnt. Beunruhigen Sie sich nicht darüber, dass ich von einem „ersten Teil“ spreche. Die ganze Idee verlangt einen grossen Umfang, mindestens einen so grossen, wie Tolstojs Roman „Krieg und Frieden“. Aber, das wird fünf abgesonderte Romane bilden, und zwar so abgesonderte, dass einige davon (mit Ausnahme der zwei mittleren) sogar in verschiedenen Zeitschriften, als ganz selbständige Erzählungen oder, einzeln herausgegeben, als ganz vollständige Dinge werden erscheinen können. Der Gesamtname übrigens wird sein: „Das Leben eines grossen Sünders“, während die einzelnen Teile ihre besonderen Titel haben werden. Jeder Teil (d. h. Roman) wird nicht mehr als fünfzehn Bogen haben. Zum zweiten Teil muss ich schon in Russland sein. Die Handlung dieses Teils wird in einem Kloster vor sich gehen, und obwohl ich das russische Kloster vortrefflich kenne, so muss ich dennoch dazu in Russland sein. Ich würde überaus gern des näheren mit Ihnen darüber sprechen, aber was sagt man denn schriftlich? Ich sage noch einmal, für dieses laufende Jahr kann ich nichts versprechen; drängt Ihr mich nicht, so bekommt Ihr eine gewissenhafte Arbeit, vielleicht sogar eine gute. Wenigstens habe ich aus dieser Idee das Ziel meiner ganzen künftigen litterarischen Laufbahn gemacht, denn ich darf nicht länger als auf 6-7 Jahre Leben und Arbeit rechnen.

Möge die „Zarjá“ nicht unwillig darüber werden, dass sie neun Monate voraus Geld hergiebt; ich habe manchmal auch zwei Jahre voraus Geld bekommen .... um Eines bitte ich Sie ernstlich, Nikolai Nikolajewitsch, — wenn die Sache sich machen lässt, so benachrichtigen Sie mich, als alten Freund und Mitarbeiter, so schnell als möglich. Mein Elend wächst in solcher Weise, dass ich keine Zeit verlieren kann, um endlich sicher zu sein. Ich habe für Frau und Kinder zu sorgen und brauche ausserdem Ruhe und Sicherheit ....

Das Märzheft der „Zarjá“ habe ich mit grossem Vergnügen durchgelesen. Ich erwarte daher mit Ungeduld die Fortsetzung Ihres Artikels, um alles darin zu erfassen. Ich ahne, dass Sie H. hauptsächlich als Westler darstellen und vom Westen im Gegensatz von Russland sprechen wollen; ist es so?“ N. Strachow erläutert hier in einer Fussnote, dass es sich um seinen Artikel „Herzens litterarische Thätigkeit“ handle, dessen erster Teil in der dritten Nummer der „Zarjá“ im März 1870 erschienen war .... „Sie haben“, fährt Dostojewsky fort, „sehr treffend Herzens Hauptgesichtspunkt hingestellt — den Pessimismus; aber erklären Sie seine Zweifel (wer ist schuldig usw.) für unlösbar? Sie umgehen das, wie es scheint, und, wie es mir scheint, darum, weil Sie ganz speziell Ihren Hauptgedanken aussprechen wollen. In jedem Falle erwarte ich mit fieberhafter Ungeduld die Fortsetzung des Artikels; es ist ein allzu brennendes und zeitgemässes Thema. Wie wird das aber sein, wenn Sie beweisen werden, dass Herzen früher als viele andere gesagt hat, dass der Westen in Fäulnis begriffen ist? Was werden die Westler aus Granowskys Zeit dazu sagen? Ich weiss nicht, ob das bei Ihnen herauskommen wird, ich rate nur, nebenbei gesagt, obwohl ich in das Thema Ihres Artikels gar nicht eingehen will. Finden Sie nicht, dass es noch einen Gesichtspunkt für die Bestimmung und Feststellung des Wesentlichsten in Herzens grosser Thätigkeit giebt: nämlich den, dass er immer und überall vor allem Poet war. Der Poet hat in ihm überall, in allem, in seiner ganzen Thätigkeit die Oberhand. Er ist als Agitator: Poet, Politiker: Poet, Sozialist: Poet, als Philosoph im höchsten Grade: Poet. Das ist die Eigenart seiner Natur. Mir scheint, es könnte vieles in seiner Thätigkeit, sogar durch seinen Leichtsinn und seinen Hang zum Calembourg, auch in den höchsten sittlichen und philosophischen Fragen erklärt werden — was nebenbei gesagt, in ihm sehr widerwärtig ist.

Die Frauenfrage (Februarheft) haben Sie, meiner Ansicht nach, vortrefflich disponiert. Ihre Frage: warum ich in der „Zarjá“ ungenügendes Selbstvertrauen gefunden habe, will ich beantworten. Ich habe mich vielleicht nicht genau ausgedrückt, aber hören Sie: Sie sind allzu, allzu weich. Für diese Leute muss man schreiben die Peitsche in der Hand. In vielen Fällen sind Sie zu gescheit für sie. Würden Sie etwas zorniger, gröber über sie herfallen, so wäre es besser. Nihilisten und Westler brauchen definitiv die Peitsche. In den Aufsätzen über Tolstoj flehen Sie sie gleichsam an, Ihnen beizustimmen; in dem letzten Tolstoj-Artikel aber verfallen Sie in eine Art Niedergeschlagenheit und Entzauberung, gerade da, wo nach meiner Ansicht der Ton triumphierend und freudig bis zur Frechheit sein sollte. Nun, was glauben Sie — werden sie wirklich Ihren feinen brillanten Humor in den Briefen des Kosiza verstehen? — — Mit einem Wort: in einem solchen Tone nicht zu schreiben — ist Ihnen unmöglich; denn dieser Ernst, diese Liebe und Achtung für die Sache ist jetzt der Ton des Blattes, dieser Ton ist ein hoher, was sowohl schön ist, als auch den Kern der „Zarjá“ ausmacht. Allein manchmal muss man, denke ich, den Ton herabstimmen, die Peitsche in die Hand nehmen, nicht nur um sich zu verteidigen, sondern um viel gröber darein zu fahren. Das ist’s, was ich unter Selbstvertrauen verstand. Übrigens — vielleicht urteile ich falsch, vom Zorn geleitet. Die zwei Zeilen über Tolstoj, mit denen ich nicht ganz einverstanden bin, sind die, wo Sie sagen, dass Tolstoj allem gleichkommt, was nur Grosses in unserer Litteratur vorhanden ist.“ Hier folgt jene Stelle über Tolstoj, welche wir gelegentlich der Besprechung von Dostojewskys Kunst-Anschauungen anführten.

Einen Tag später, am 25. März 1870, nimmt Dostojewsky das Thema seines Romans in einem Briefe an Apollon N. Maikow, seinen ältesten und durch Bande persönlicher Freundschaft mit ihm verknüpften Jugendbekannten, wieder auf, dem er mehr über seine Pläne anzuvertrauen sich gedrungen fühlt. Nach einer Entschuldigung über sein langes Schweigen beginnt der Dichter mit der Aufzählung der ihn hindernden Leiden in der Fremde: „Erstens die Arbeit, zweitens aber die Gesundheit und die Ängstlichkeit, welche durch die Vereinsamung entstanden ist. Angst um die Gesundheit; ich hatte grosse Unruhe. Das Herz schlug sehr unregelmässig, und ich habe keinen Schlaf. Ich ging also doch zu einem Arzt, einem der berühmten Professoren; er hat mich ganz untersucht: durchaus nichts, nur Nerven, aber diese sind arg zerrüttet. Im Sommer sollte man von Dresden weg irgend wo hinausfahren, an das Meer etwa, ein wenig baden. Auch für die Frau wäre es gut — besser als alles wäre, ohne Widerrede, die Luft der Heimat; und alles, was Sie mir darüber in Ihrem Briefe sagten, ist goldene Wahrheit, Wahrheit über alle Wahrheiten. Aber, Apollon Nikolajewitsch, wissen Sie denn nicht, warum ich nicht zurückkehre und dieses verfluchte Ausland nicht fahren lasse? Wie kann ich denn ankommen und sofort in den Schuldarrest eintreten? Bis zu einem gewissen Zeitpunkt kann ich auf keine Weise zurückkehren; und denken Sie denn, dass ich nicht selbst Heimweh habe und mich nicht selbst mit ganzer Seele nach Russland sehne? Und wie meiner Frau bangt! Ist es mir denn heiter zu Mute, ihr Heimweh anzusehen?

Nicht genug an dem; ich weiss es apodiktisch, aus Fakten, dass meine Angelegenheiten in ökonomischer Beziehung dort dreimal besser stünden, als sie hier stehen. Diesbezüglich will ich mich endgiltig mit Ihnen aussprechen. Ich schwöre Ihnen, teurer Freund, dass ich mich nicht daran stossen wollte, dass man mich unbedingt in den Schuldarrest setzt — ich habe wohl schon anderes in meinem Leben gesehen! Ich sässe ein Jahr ab und kaufte mich los. Allein ich weiss, dass, wenn das früher (noch vor fünf Jahren) möglich war, es jetzt — das weiss ich ganz sicher — unbedingt unmöglich wäre. Mit meiner Gesundheit halte ich auch ein halbes Jahr Arrest nicht aus, und was die Hauptsache ist: arbeiten könnte ich nichts. Themata habe ich zum Schreiben — einen Haufen. Über das Schreiben hier in der Fremde aber reden Sie goldene Worte; ich werde thatsächlich abgetrennt, — nicht vom Zeitalter, nicht von der Kenntnis dessen, was bei Euch vorgeht — ich weiss das wahrhaftig besser als Sie, denn ich lese täglich drei russische Zeitungen, bis auf die letzte Zeile, und erhalte zwei Monatsschriften — aber von dem lebendigen Quell des Lebens werde ich abgetrennt; nicht von der Idee, sondern von ihrem Fleisch und Blut. Dieses aber, ach! wie sehr beeinflusst es die künstlerische Arbeit! Alles dies ist wahr, aber wie soll ich’s machen?“ ...

Und weiter: „Übrigens werde ich im Sommer ernstlich darüber nachdenken, wenn sich irgend eine Möglichkeit bietet. Jetzt arbeite ich für den „Russkij Wjestnik“. Ich bin dort in der Schuld, und indem ich den „Hahnrei“ in die „Zarjá“ gegeben, habe ich mich bei jenen in eine zweideutige Lage versetzt. Koste es, was es wolle, so muss ich für jene das vollenden, was ich jetzt schreibe. Ja, es ist ihnen auch fest von mir zugesagt worden; in der Litteratur aber bin ich ein ehrlicher Mensch. Das, was ich schreibe, ist eine tendenziöse Sache — ich habe das Bedürfnis, mich ein wenig hitziger auszusprechen. Da werden die Nihilisten und Westler über mich zu schreien anfangen, dass ich ein Reaktionär bin! Der Teufel sei mit ihnen — ich aber will mich bis aufs letzte Wort aussprechen. Und wissen Sie, in welchen Zweifeln ich stecke? Ich kann absolut nicht entscheiden, wird es Erfolg haben oder nicht? Bald scheint es mir, dass es ausserordentlich gut ausfällt und ich aus einer zweiten Auflage Geld ergattere, bald scheint es mir wieder, dass es ganz misslingt.“ [Es ist immer von den „Besessenen“ die Rede.] „Aber lieber ist es mir, ich falle ganz durch, als ich habe einen mittelmässigen Erfolg. Sie haben mir eins mit einem Knüttel aufs Haupt versetzt mit Ihrer Bemerkung über die „Anstrengungen der Vorstellungskraft“, die Sie im „Hahnrei“ gefunden haben. Was hat mir das für Sorge gemacht; indessen, wie Gott will. Ohne Hoffnung auf Erfolg ist es unmöglich mit Feuer zu arbeiten. Ich aber arbeite mit Feuer — folglich hoffe ich.“

Nach einer Stelle rein privater Natur folgt die Auseinandersetzung der geschäftlichen Lage des Dichters, welche mit den Worten beginnt: „Indessen aber bin ich jetzt in einer fürchterlichen Lage (Mister Micowber). Kein Heller Geld“ usw. Dann fährt er fort: „Das, was ich jetzt für den „Russkij Wjestnik“ schreibe, vollende ich sicherlich in drei Monaten. Dann, nach einem Monat Pause, würde ich mich zur Arbeit für die „Zarjá“ setzen. Ich habe jetzt 1½ Jahre in continuo nichts gearbeitet (den „Hahnrei“ zähle ich nicht), und das Schreiben ermüdet mich jetzt. Über dem, was ich für den „Russkij Wjestnik“ schreibe, werde ich nicht abgespannt werden; dafür verspreche ich der „Zarjá“ eine gute Sache.

Es sind schon zwei Jahre, dass sie für die „Zarjá“ in meinem Kopfe reift. Es ist dieselbe Idee, über welche ich Ihnen schon geschrieben habe: dies wird mein letzter Roman sein. Der Umfang von „Krieg und Frieden“; die Idee würden Sie gut heissen — soweit ich wenigstens nach meinen ehemaligen Gesprächen mit Ihnen schliesse. Dieser Roman wird aus fünf grossen Erzählungen bestehen, jede 15 Bogen stark. Die Erzählungen werden von einander vollkommen unabhängig sein, sodass jede einzelne verkauft werden kann. Die erste Erzählung bestimme ich eben für Kaschpirew [die „Zarjá“]; hier ist die Handlung aus den vierziger Jahren. Der gemeinsame Titel ist: „Das Leben eines grossen Sünders“, aber jede Erzählung wird ihren besonderen Namen haben. Die Hauptfrage, welche durch alle Teile gehen wird, ist dieselbe, mit der ich mich, bewusst und unbewusst, mein Leben lang herumgequält habe — das Dasein Gottes. Der Held ist im Lauf seines Lebens bald Atheist, bald ein Glaubender, dann Fanatiker und Sektierer, dann wieder Atheist.

Die zweite Erzählung wird in einem Kloster spielen. Auf diesen zweiten Teil habe ich alle meine Hoffnungen gesetzt. Vielleicht sagt man dann endlich, dass ich nicht nur leeres Zeug geschrieben habe. Ihnen allein will ich beichten, Apollon Nikolajewitsch; ich will in dieser Erzählung Tichon Zadonsky[28] als Hauptfigur hinstellen, natürlich unter einem anderen Namen, aber auch als Oberpriester, der seinen Ruhestand im Kloster verlebt. Ein 13jähriger Knabe, welcher an der Vollführung eines Kriminalverbrechens teilgenommen hat, begabt und verderbt (ich kenne diesen Typus), der künftige Held dieses Romans, wird von den Eltern im Kloster untergebracht (unsere gebildeten Kreise), auch des Unterrichts wegen. Das Wölflein und Nihilisten-Kindchen kommt mit Tichon zusammen (Sie kennen ja Tichons Charakter und ganzes Wesen). Hierher auch, setze ich Tschaadajew[29] (natürlich auch unter anderem Namen). Warum soll Tschaadajew nicht ein Jahr im Kloster sitzen? Nehmen Sie an, er habe es nach dem ersten Artikel, um dessenwillen ihn die Ärzte jede Woche begutachteten, nicht ausgehalten und z. B. im Ausland in französischer Sprache eine Broschüre gedruckt — es wäre ja sehr möglich, dass man ihn dafür auf ein Jahr ins Kloster gesetzt hätte. Zu Tschaadajew können auch andere auf Besuch kommen: Belinsky z. B., Granowsky, sogar Puschkin. (Ich habe ja, wie Sie wissen, keinen Tschaadajew, nehme nur diesen Typus in den Roman.) Im Kloster befinden sich auch Paul Prussky, Golubow und der Mönch Parfeny. In dieser Welt bin ich ein Kenner, ich kenne das russische Kloster von Kindheit an. Aber die Hauptsache bleiben: Tichon und der Kleine. Teilen Sie ja niemand den Inhalt dieses zweiten Teiles mit. Ich erzähle niemals irgend jemand meine Themen voraus, mir ist, als müsste ich mich schämen; Ihnen aber beichte ich. Für andere mag das keinen Groschen wert sein, für mich ist’s ein Schatz. Über Tichon sprechen Sie nicht. Über das Kloster habe ich an Strachow geschrieben, aber über Tichon nicht. Vielleicht führe ich da eine grossartige, unbedingt heilige Figur aus. Das ist schon kein Kostanschoglo[30], kein Deutscher (habe den Namen vergessen) aus dem Oblomow, keine Lopuchows und Rachmetows[31]. Allerdings, ich werde nichts erschaffen, sondern nur den wirklichen Tichon hinstellen, den ich vor langer Zeit mit Entzücken in mein Herz genommen. Aber ich werde mir auch das, wenn es gelingt, als eine wichtige That anrechnen. Sagen Sie’s also niemand.

Für den zweiten Teil jedoch, für das Kloster, muss ich in Russland sein. Ach, wenn es gelänge! Die erste Erzählung aber — bringt die Kindheit des Helden. Natürlich nicht Kinder sind im Vordergrund; der Roman hat begonnen. Dieses nun kann ich ganz gut in der Fremde schreiben; ich schlage dies der „Zarjá“ vor. Sollten sie ablehnen? Ja, und 1000 Rubel, Gott weiss, wie wenig das ist! Wie sie wollen? wenn sie so handeln, werden sie alles und alle aus der Hand lassen. Übrigens ist’s ihre Sache. Ich habe gestern an Strachow geschrieben und so schnell als möglich um Entscheidung gebeten. Sonst muss ich ohne Verzug etwas anderes unternehmen“ usw.

Aus allem, was hier der Dichter über den Plan seines „letzten Romans“ [der ja wirklich sein letzter geworden ist] seinem Freund Maikow „beichtet“, in Verbindung mit seinen früheren Andeutungen über den Atheismus und dem endlich vor uns erstehenden grössten Roman Dostojewskys „Die Brüder Karamasow“, empfangen wir ein ziemlich deutliches Werdebild dieser Arbeit. Wir sehen, wie viele Wandlungen die Ausführung, ja sogar die Fabel im Laufe der Jahre erfahren, wie zäh jedoch die Grundidee festgehalten ist, die in jenem zweiten Teil wirklich offen daliegt, von dem sich der Dichter mit Recht so viel versprochen hat. Die ursprüngliche Idee, seinen Helden erst Atheist, dann frommgläubig, fanatisch und wieder Atheist werden zu lassen, hat er indessen niemals ganz ausgeführt. Wie uns sowohl die Gattin des Dichters als auch sein um vieles jüngerer warmer Freund W. S. Solowiew mitteilte, hatte der Dichter wirklich eine Fortsetzung des Romans als Abschluss von des Helden Lebensweg geplant und sich auch gegen diese ihm nahestehenden Menschen darüber ausgebreitet; wir kommen hierauf gelegentlich der Besprechung dieses Werkes zurück. Aber auch schon in den ersten Teilen des Romans scheint der Dichter bei mancher Gestalt, ja sogar beim Helden Aljoscha die ursprünglichen Absichten modifiziert zu haben. Die „Verderbtheit“ des jungen Helden hat er da in eine Zeit vor dem Roman verlegt, in das zarte Alter, da junge Wesen ohne Sünde sündigen, sodass uns allerdings in seiner heutigen Gestalt Aljoscha eher als die Verkörperung des naiven Gottesglaubens erscheint. Dessen Antithese bildet Iwan mit seinem Grossinquisitor, der Betrachtung über die Kinder und der Teufelshallucination, während Sosima die beglückende Synthese in sich darstellt. In den „Memoiren aus einem Totenhause“ hat Dostojewsky den Eindruck der Jünglingsgestalt verewigt, die ihm wohl auch bei der Bildung Aljoschas in seiner Reinheits-Phase halb unbewusst mag vorgeschwebt haben. Allerdings hat die Bedachtsamkeit des Schaffenden es nicht unterlassen, das lebensvolle Menschenbild hier mit einem Tropfen Karamasowschen Atridenblutes zu versetzen. Allein wer, der jene Schilderung des dagestanschen Jünglings Alej liest, würde nicht sofort an Aljoscha erinnert?

Der Schluss des Briefes vom 6. April 1870 lautet: „Über den Nihilismus ist nichts zu sagen. Wartet nur ab, bis diese oberste Schichte jener, die sich vom Boden Russlands abgetrennt haben, gänzlich verwest. Wissen Sie was? Mir kommt’s oft in den Sinn, dass viele von diesen nämlichen, niederträchtigen Jungen damit enden, dass aus ihnen wirkliche, feste, russische Ur-Nationale werden. [Das hier gebrauchte unübersetzbare Wort: „Potschwenniki“ bedeutet genauer: „am nationalen Boden Haftende“; die Anhänger dieser Richtung wurden mit diesem Namen bezeichnet.] Nun, die übrigen — mögen sie verwesen. Es wird damit enden, dass auch sie verstummen, in der Paralyse verstummen. Nichtswürdige sind sie immer!“ — —

Am 9. Juni schreibt Dostojewsky an Strachow: „Ich danke Ihnen für Ihren Brief, mein Bester. Sie schreiben immer so kurze Briefe, welche aber die Eigentümlichkeit haben mich aufzuregen. Ihre Meinung über Ihre kritische Thätigkeit finde ich unzureichend und unrichtig. Erstens denke ich so: wären jetzt Ihre Kritiken nicht da, so bliebe bei uns in der ganzen Litteratur ja gar niemand, welcher die Kritik als eine ernste und streng unentbehrliche Sache ansähe. Es bliebe sogar keiner der Kritiken Schreibenden, welcher die Notwendigkeit einer regelrechten philosophischen Betrachtung gegenwärtiger und vergangener Dinge (und die Achtung davor) halbwegs würdigte, folglich also auch die Kritik, d. h. seine eigene Arbeit würdigte. Und so haben Sie vor allem diesen strengen und philosophischen Blick auf die Kritik, den die anderen nicht haben, was die „Zarjá“ zur einzigen Zeitschrift stempelt, die eine Kritik und die richtige Anschauung dafür hat. Wenn also auch nur dies für Euch spräche, so wäre das schon ungeheuer viel.

Ferner aber, erlauben Sie, dass ich Ihnen das sage: dass die Einflüsse nicht schnell zu Tage treten, dass der Unsinn unserer heutigen Gesellschaft doch einen Sinn hat, d. h. sein eigenes Bewegungsgesetz, und dass Sie endlich nicht einmal irgend eine Möglichkeit haben, die unmittelbare Nützlichkeit Ihrer Artikel und die Frage zu beurteilen, ob sie thatsächlich nur für jene geschrieben sind, „die ohne Sie auch schon so gedacht haben“. Das ist nicht richtig.

Hier haben Sie nun, meiner Vorstellung nach, ein gewisses Mass für die Beurteilung Ihres Einflusses: die Zeitschrift „Zarjá“ ist vor allem ein Blatt für Tendenz und Kritik. Die Zahl der Abonnenten wird nach 2 bis 3 Jahren auch den Einfluss des Blattes im Publikum ausdrücken, damit aber unzweifelhaft auch den Einfluss der Kritik, weil diese der Hauptzug des Blattes ist, ihre besondere Spezialität für das Publikum. Auf diese Weise spricht sich dieses immer, wenn auch unbewusst, aus.

Aber denken Sie nur: ich hatte gemeint, Sie würden Struwe loben! Wenigstens um der guten Absicht willen. In der Philosophie bin ich etwas schwach (aber nicht in der Liebe zu ihr; da bin ich stark). Übrigens hat mir selbst, als ich Struwes Dissertation aufmerksam las, die Materialität der Seele herausgeschienen. Die Dissertation aber war mir hauptsächlich darum interessant, weil ich ahnte, dass dies gerade die gegenwärtige, neueste Denkweise der deutschen Philosophie sei. Allein wissen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, man wird Sie ja für einen zurückgebliebenen Alten nehmen, der sich noch mit Pfeil und Bogen bewaffnet, während bei ihnen schon lange das Schiessgewehr im Gang ist. Was mich betrifft, so habe ich Ihren Artikel zweimal und mit Hochgenuss gelesen. Ausserdem verstehen Sie es wunderbar, zu schreiben. Ihre Litteratursprache ist schöner, als die aller anderen. Das aber, Sie mögen sagen, was Sie wollen, kann endlich nicht anders als bemerkt werden. Ich habe mich sehr darüber gefreut, wie Sie sich verächtlich gegen die gegenwärtige Manier des Philosophierens verhalten, und würde es sehr wünschen, dass man Ihnen antwortete. Aber, was für ein ausgelassener Ton ist doch in der gesamten heutigen Litteratur! Die Unordnung und Verwirrung in den Ideen — nun, Gott mit ihnen — die musste ja kommen; aber dieser allgemeine Ton! Welche Ausgelassenheit, welche Trivialität! Und nicht ein einziger, zu eigen gemachter fester Gedanke, was immer für einer, wenn auch ein falscher! Was sind das für Philosophen, was für Feuilletonisten. Der reine Quark. Dafür giebt es aber Einzelne, welche sowohl denken als auch Einfluss besitzen — und so geht es immer, bei jedem Durcheinander. Es sollen nur einmal diese Einheiten die Albernheit des Publikums überwältigen, und Sie werden sehen, dass es endlich ihren Ton annimmt. Apropos: wer ist der junge Professor, der mit seinen Leitartikeln im „Golos“ Katkow vollkommen geschlagen hat, sodass man diesen gar nicht mehr liest? Den Namen dieses Glücklichen! Schreiben Sie mir ihn, um alles, so schnell als möglich teilen Sie ihn mit!“[32]

„Ja, noch eins“ — heisst es im nächsten Briefe — „ich wollte Sie schon lange fragen: kennen Sie vielleicht Leo Tolstoj persönlich? Wenn Sie ihn kennen, bitte, schreiben Sie mir, was es für ein Mensch ist. Es ist mir ungemein interessant, irgend etwas über ihn zu erfahren. Ich habe sehr wenig über ihn als Privatperson erfahren.

Ich schreibe für den „Russkij Wjestnik“ mit grossem Eifer und kann durchaus nicht erraten, was herauskommt. Noch niemals habe ich ein solches Thema, niemals etwas in dieser Art aufgenommen. — Dabei quäle ich mich mit dem Gedanken ab, um meine Übersiedlung nach Russland einzurichten; ich werde alle Kräfte daran setzen. Ach, es ist mir so unerträglich, in der Fremde zu leben, dass ich es gar nicht wiedergeben kann!

Von den mir gesandten 500 Rubeln — heisst es weiter — liess ich mir nur das Nötige bis zum 15. Mai übrig. Da sind nun aber zwei Wochen darüber hinaus vergangen; die Miete, der Krämer, der tägliche Unterhalt, alles ist ins Stocken geraten; zum Überfluss ist noch das Kind erkrankt, und der Arzt kommt ins Haus. Sie können sich nicht vorstellen, wie das auf meine Beschäftigung Einfluss nimmt, von allem anderen gar nicht zu sprechen. Ich bin manchmal mehrere Tage hindurch zur Arbeit ganz unfähig. Wenn schon bei der ersten Sendung (der versprochenen 100 Rubel monatlich) eine solche Ungenauigkeit herausgekommen ist, was wird dann in der Folge mit den anderen Anweisungen geschehen? Jetzt aber ist es Sommerszeit, alles ist auf dem Lande, es ist völliger Stillstand; mich wird man ganz vergessen. Ich aber kann nur im Winter auf irgend eine Sendung ausser der „Zarjá“ rechnen. Was soll ich also thun? Dann soll man mir aber keine Vorwürfe machen, wenn auch ich nicht pünktlich bin. Ich schwöre Ihnen, wie lächerlich es auch sei, dass die Pünktlichkeit der Sendung für mich fast wichtiger ist als das Geld selbst. Am Ende kommt doch irgend welches Geld von irgend wo an; aber die Ruhe, die Möglichkeit sich von Sorgen zu befreien, wenn auch nur für die Zeit der Arbeit — kehrt nicht wieder, das ist bereits ruiniert“ usw. ...

„Ich habe hier zufällig den heurigen Jahrgang des „Wjestnik Ewropy“ in die Hand bekommen und alle Nummern durchgesehen. Ich war verblüfft. Ist es denn möglich, dass eine bei uns noch nie dagewesene Mittelmässigkeit — wenn man etwa die „bulgarische nordische Biene“ ausnimmt — einen solchen Erfolg haben konnte (6000 Exemplare und eine zweite Auflage). Da sehen Sie, was es heisst, allen zu Gehör reden. Was für eine Anpassung an die Meinung der Gasse, die allerletzte Schablone des Liberalismus! Das also, heisst das, hat bei uns Erfolg! Die Ausgabe ist übrigens geschickt: am ersten jeden Monats und — Schriftsteller in Fülle. Ich habe unter anderem „Die Hinrichtung Tropmans“ von Turgenjew durchgelesen. Sie können anderer Meinung sein — mich aber hat dieser aufgeblasene und kleinliche Aufsatz aufgebracht. Warum wird er immer verwirrt und behauptet, kein Recht zu haben, da zu sein? Freilich, wenn er nur als Zuschauer zu einem Schauspiel gekommen. — Aber kein Mensch, der auf der Erdoberfläche lebt, hat das Recht, sich abzuwenden und das zu ignorieren, was auf der Erde vorgeht, und dafür giebt es die höchsten sittlichen Gründe. „Homo sum et nihil humanum“ usw. ... das Komischste von allem ist, dass er sich endlich abwendet und im letzten Moment es nicht zu sehen bekommt, wie man hinrichtet: „Seht, meine Herren, wie zart ich erzogen bin! Ich habe es nicht aushalten können!“ Übrigens giebt er sich ganz aus. Der Haupteindruck des Artikels als Endergebnis ist — eine schreckliche, bis zur äussersten Kleinlichkeit getriebene Sorge, um sich selbst, um die eigene Ganzheit und die eigene Ruhe, und das alles angesichts eines abgeschlagenen Hauptes. Speien soll man übrigens auf sie alle. Sie langweilen mich furchtbar. Ich halte Turgenjew für den ausgeschriebensten aller ausgeschriebenen russischen Schriftsteller — was immer Sie auch „in Sachen Turgenjews“ schreiben mögen. — Sie müssen schon verzeihen. — —

Anna Grigorjewna grüsst Sie. Sie ist ganz herabgekommen, sowohl durch das Stillen des Kindes als durch die Sorgen. Und auch noch diese Verdriesslichkeiten!“

Nach einer Unterbrechung von mehreren Monaten spricht Dostojewsky (21. Oktober 1870) seine Freude über den wieder aufgenommenen Briefwechsel aus: „Niemals habe ich Menschenverkehr so sehr gewürdigt, als jetzt in meiner abscheulichen Vereinsamung. Die Hoffnung, im Herbste nach Petersburg zurückzukehren, hat sich nicht erfüllt; die Mittel waren ungenügend. Wir mussten uns entschliessen, sie abermals bis zum Frühling zu verschieben und uns noch einen Winter in Dresden durchzuquälen.

Ich habe Ihnen bis jetzt nicht geantwortet, weil ich buchstäblich, ohne den Kopf zu erheben, hinter meinem Roman für den „Russkij Wjestnik“ sitze. Es ging so schlecht von statten, es musste vieles so oft umgearbeitet werden, dass ich mir endlich das Wort gab, nicht nur nicht zu lesen und nicht zu schreiben, sondern auch nicht um mich zu schauen, ehe ich beendige, was ich mir aufgegeben habe. Und das ist ja erst der allererste Anfang! Allerdings ist schon viel aus der Mitte des Romans aufgeschrieben, vieles ausgemerzt (nicht mit Stumpf und Stiel, versteht sich). Nichtsdestoweniger sitze ich noch über dem Anfang. Ein schlechtes Zeichen; und dennoch möchte man etwas besseres machen. Man sagt, Ton und Manier müssten sich bei einem Künstler ganz von selbst erzeugen; das ist wahr, aber manchmal verirrst du dich in ihnen und suchst sie. Mit einem Wort, niemals hat mir irgend etwas grössere Mühe gemacht. Anfangs, d. h. zu Ende des vorigen Jahres, sah ich auf diese Sache als auf eine herausgequälte, gemachte Sache von oben herab. Später kam wirklich Begeisterung über mich. Abermalige Veränderung: es tauchte noch eine neue Persönlichkeit mit der Prätension auf, der wirkliche Held des Romans zu werden, sodass der erste Held — eine interessante, doch den Namen Held nicht rechtfertigende Figur — auf den zweiten Plan zu stehen kam. Der neue Held fesselte mich so sehr, dass ich abermals an die Umarbeitung ging. Und nun, da ich schon den Anfang an die Redaktion des „Russkij Wjestnik“ gesandt habe — bin ich plötzlich erschrocken: ich fürchte ein Thema gewählt zu haben, das über meine Kraft geht; ernstlich fürchte ich es, mit Qualen! Dabei aber habe ich ja den Helden nicht aufs geradewohl eingeführt. Ich habe seine ganze Rolle voraus im Plan des Romans aufgeschrieben (mein Plan umfasst mehrere Druckbogen), der ganz und gar aus Scenen, d. h. Geschehnissen und nicht aus Erwägungen besteht. Darum, denke ich, wird eine Persönlichkeit herauskommen, ja vielleicht eine neue. Ich hoffe, aber ich fürchte! Es ist endlich Zeit, auch irgend etwas Ernstes zu schreiben. Vielleicht aber falle ich ganz hinein. Wie immer es ausfallen möge, es heisst schreiben: denn mit diesen Umarbeitungen habe ich überaus viel Zeit verloren und schrecklich wenig geschrieben.

Über den „Wjestnik Ewropy“ und seine Erfolge ist nichts zu sagen, als dass es das Blatt der Petersburger Beamten und allen mundgerecht ist (im trivialen, nicht im populären Sinne des Wortes); das Blatt konnte nicht anders als Erfolg haben ... Ihr Artikel über Polonsky hat mir ungemein gefallen. Unbestreitbar ist es ein wichtiges Thema: worin die eigentliche Poesie besteht. Aber es wäre, scheint mir, noch besser, wenn Sie sich darüber ausgebreitet hätten, was eigentlich die falsche, gezierte Poesie ausmacht. Ich versichere Ihnen, Nikolai Nikolajewitsch, dass das jetzige Publikum lange nicht mehr das ist, was es zur Zeit unserer Jugend gewesen. Der jetzigen Jugend muss man vieles aufs neue auseinandersetzen. Seien Sie etwas härter, damit werden Sie anderen und sich viel Nutzen bringen. Übrigens — was lehre ich Sie denn! Sie sind mir eben teuer. Nicht umsonst schneide ich zu allererst Ihren Artikel im Buche auf; der Tag, an dem ich ein Heft mit Ihrem Artikel erhalte, ist ein Feiertag für mich.

Wie ist Ihre Gesundheit? Ich kann mich grosser Gesundheit nicht rühmen — das ist das Zuwidere! Jetzt kommt für mich ein Winter angestrengter Arbeit bei Tag und Nacht. Ich will bis zum Frühling alles bewältigt haben. Das ist die einzig mögliche Art zu arbeiten: nämlich ohne aufzuatmen — sonst kommt man nicht zu Ende. Ich führe ein langweiliges und äusserst regelmässiges Leben. Ich mache täglich einen Spaziergang, lese einige Zeitungen, worunter russische. Nach meiner Meinung werden alle diese gegenwärtigen, erschütternden Ereignisse eine unmittelbare Einwirkung auch auf unser russisches Leben haben, also auch auf die Litteratur. In jedem Falle sind es ungewöhnliche Zeiten. Ich denke nicht, dass die Litteratur in ihrem Einfluss und ihrer Bedeutung verloren hat. Im Gegenteil, sie wird in jedem Falle gewinnen; aber wenn man liest, z. B. russische Zeitungen, so fühlt man, bis zu welchem Grade das alles frühreif und ohne eigene Gedanken ist, ausser den „Moskowskija Wjedomosti“ natürlich. Werden Sie mir nicht irgendwie antworten, teurer Nikolai Nikolajewitsch? Beglücken werden Sie mich. Ich aber verspreche, dass ich pünktlich sein werde.“

Im nächsten Briefe vom 14. Dezember wiederholt der Dichter seine Klage über die Schwierigkeiten, die er bei der Arbeit des Romans zu bekämpfen habe. Es ist dies der Roman „Die Besessenen“, dessen wir schon wiederholt erwähnten.

Der Wunsch, die nihilistische Richtung auf künstlerischem Wege zu brandmarken, hat hier dem Dichter ein schweres Stück Arbeit aufgenötigt, dem sich von vornherein das Positive, das in jeder grossen Kunst und jedem grossen Künstler steckt, entgegensetzen musste. Er musste, um seine Geissel so hart und schwer als möglich zu flechten, um sie so unerbittlich auf die Nacken der „Gottlosen“ niedersausen zu lassen, diesen „Besessenen“ auch jeden menschlichen Zug rauben, jede Anwartschaft auf Sympathie entziehen, musste ihnen sowohl in ihren Zielen, als in ihren Mitteln nur das Ruchloseste zuschreiben und dem Leser solche Scheusale glaubwürdig machen, er, der sein Leben lang den göttlichen Funken im Herzen des vertierten Verbrechers suchte und zu finden verstand. Das Unwahre, Dostojewskysch Unwahre, das dieser Arbeit zu Grunde liegt, diese Spaltung seines Urwesens konnte ihm nicht gelingen und musste ihn mit grossem Unbehagen erfüllen. Dennoch weist der Roman, namentlich in seinem ersten Teil und am Ende, künstlerisch grosse Schönheiten auf, von den tiefen philosophischen Problemen zu schweigen, welche zu dem Ergebnis führen, dass der aufrichtige Atheismus, je nach der sittlichen Person, die er ergreift, im Mord oder Selbstmord seinen Abschluss findet.

In den Mund Stepan Trofimowitsch’, den geistreich-sentimentalen Litteraten der vierziger Jahre, eine der köstlichsten Figuren des Dostojewskyschen Humors, legt der Dichter, wie er das so gerne thut, das Resumé des Buches, seine Wahrheit nieder. Da dieses grosse, eitle, ‚genialische‘ Kind in einer fremden Herberge erkrankt und von einem armen, Evangelien verkaufenden Frauenzimmer gepflegt wird, das er ‚ma chère innocente‘ oder ‚chère et incomparable amie‘ nennt, da fällt ihm plötzlich ein, sie solle ihm „von den Säuen“ vorlesen; „de ces cochons“ — „ich erinnere mich: die Teufel fuhren in die Säue und alle sind ersoffen. Lesen Sie es mir unbedingt, ich will Ihnen dann sagen, warum. Ich will mich wörtlich daran erinnern, wörtlich will ich es haben.“ — — Nun liest Sofja Matwejewna die Stelle aus dem Evangelium Lucae, VIII, 32, 33, welche der Dichter als Motto vor sein Werk gesetzt hat:

„Es war aber daselbst eine grosse Herde Säue an der Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaubte, in dieselbigen zu fahren. Und er erlaubte es ihnen.

Da fuhren die Teufel aus dem Menschen und fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich mit einem Sturm in den See und ersoff.“

„Meine Freundin,“ sagte am Schluss Stepan Trofimowitsch in grosser Aufregung, „savez-vous, diese wunderbare .... ungewöhnliche Stelle war mir mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstosses .... dans ce livre .... so, dass ich mich an diese Stelle seit meiner Kinderzeit erinnere. Jetzt aber ist mir ein Gedanke gekommen — une comparaison. Mir kommen jetzt schrecklich viele Gedanken: sehen Sie, das ist Punkt für Punkt unser Russland. Diese Teufel, die aus dem Kranken heraus in die Säue fahren, das sind alles die Gifte, die Miasmen, alle Unreinigkeit, alle Teufel und alle Teufelchen, welche sich in unserem grossen, teueren Kranken, in unserem Russland angesammelt haben, seit Jahrhunderten, seit Jahrhunderten! Oui, cette Russie, que j’aimais toujours! Aber ein hoher Gedanke und ein hoher Wille beschützen es von oben, wie diesen sinnlosen Besessenen, und es werden alle diese Teufel aus ihm fahren, alle diese Unreinigkeit, all’ diese Abscheulichkeit, die sich auf der Oberfläche angefault hat ... und sie werden selbst darum bitten, in die Säue zu fahren. Ja, und sie sind vielleicht schon hineingefahren! Das sind wir, wir und die andern, Pjetruscha ... et les autres avec lui ... und ich vielleicht der Erste darunter; und wir Sinnlosen und Besessenen werden uns vom Felsen ins Meer stürzen und werden alle ersaufen; denn dahin geht unser Weg, weil unsere Kraft ja nur dazu ausreicht. Allein der Kranke wird genesen, „sitzen zu den Füssen Jesu“ ... und alle werden es mit Verwunderung schauen ... Liebe, vous comprendrez après, jetzt aber erregt mich das alles sehr ... Vous comprendrez après ... Nous comprendrons ensemble.

Wir kehren zur Korrespondenz der letzten Zeit im Auslande zurück und nehmen nur die markantesten Stellen einzelner Briefe hier heraus. Da ist noch am Schlusse des Briefes vom 2. (14.) Dezember 1870 an Strachow die Stelle: „Turgenjews ‚König Lear‘ hat mir gar nicht gefallen. Ein aufgeblähtes, hohles Ding. Der Ton niedrig. Ich sage das nicht aus Neid, weiss Gott!“

In einem Briefe an A. Maikow vom 30. Dezember 1870 finden wir ausser den uns bekannten geschäftlichen Erörterungen am Schlusse eine Stelle, welche als Illustration von Dostojewskys unkritischem Pessimismus in Dingen der europäischen Nationalitäten bezeichnend ist. Finden wir den Dichter in Frankreich mit den Franzosen, in Genf mit den Schweizern höchst unzufrieden, so ist seine Missgunst gegen Deutsche und Deutschland, so lange er dort lebt, ganz genügend, um sich wieder einmal der Franzosen anzunehmen. Man fühlt an solchen Äusserungen das ganz subjektive, vom Augenblick bestimmte Urteil auf dem, allerdings einheitlichen, Untergrunde des „Nichteuropäers“. Er spricht zuerst von seiner Heimkehr, die sowohl er als auch Anna Grigorjewna nicht mehr erwarten können, und fährt fort:

„Strachow schreibt mir, dass in unserer Gesellschaft noch alles furchtbar jugendlich-grün ist. Wenn Ihr wüsstet, wie sehr das von hier aus ersichtlich ist! Aber wenn Sie wüssten, was für einen blutigen Hass, bis zum Abscheu, Europa in diesen vier Jahren in mir hervorgerufen hat! Du lieber Gott, was hat man bei uns für Vorurteile über Europa! Nun, ist jener Russe nicht ein Säugling (das sind aber fast alle), welcher daran glaubt, dass der Preusse durch die Schule gesiegt hat? Das ist sogar schamlos: eine schöne Schule, welche quält und plündert wie eine Hunnenhorde (wenn nicht noch ärger?).

Sie schreiben, dass sich jetzt in Frankreich der Geist der Nation gegen die brutale Macht erhebt? Daran habe ich von allem Anfang an nie gezweifelt; und wenn sie dort keine Böcke schiessen, indem sie Frieden schliessen, sondern noch drei Monate ausharren, so werden die Deutschen hinausgejagt und dann — welche Schande! Da hätte man viel zu schreiben — und ich könnte Ihnen viel Interessantes aus eigener Anschauung mitteilen: z. B. wie die Soldaten von hier aus nach Frankreich aufbrachen, wie man sie zusammenruft, ausrüstet, verpflegt und fortführt. Das ist ungeheuer interessant. Ein armseliges Weiblein zum Beispiel, das davon lebt, dass sie zwei Stübchen aufnimmt, sie einrichtet und dann vermietet (sie besitzt also um ein paar Groschen Einrichtungsstücke), wird, da sie eigene Möbel hat, verpflichtet, auf ihre Rechnung zehn Soldaten aufzunehmen und zu beköstigen. Die bleiben drei Tage, zwei Tage, einen Tag, selten eine Woche. Aber das kommt sie ja auf 20-30 Thaler. — Ich selbst habe einige Briefe von jungen deutschen Soldaten, die vor Paris standen, an ihre hiesigen Angehörigen (Krämer, Marktweiber) gelesen. Herrgott, was schreiben die! Wie sind sie krank, wie hungrig!

Es wäre viel zu erzählen. Unter anderem folgende Beobachtung: Anfangs wurde die Wacht am Rhein sehr oft auf der Strasse in der Menge gesungen — jetzt gar nicht mehr. Am allermeisten erhitzen und brüsten sich die Professoren, Doktoren, Studenten, das Volk aber — nicht besonders; sogar durchaus nicht. Ich begegne jenen an jedem Abend in der Lesehalle. Einer mit einem schneeweissen Kopfe, ein einflussreicher Gelehrter, schrie vorgestern sehr laut: „Paris muss bombardiert werden!“ Das sind die Ergebnisse ihrer Gelehrsamkeit; wenn nicht der Gelehrsamkeit, so — der Dummheit. Mögen sie Gelehrte sein, doch sind sie schreckliche Dummköpfe! Noch eine Beobachtung: Das ganze hiesige Volk kann lesen und schreiben, ist aber unglaublich ungebildet, dumm, stumpf, von den untergeordnetsten Interessen erfüllt“ usw.

Im nächsten Briefe setzt der Dichter seine kritiklosen Kritiken fort und es fällt dabei ein Streiflicht auf Russlands Verhältnis zu Frankreich, das wegen seiner heute völlig veränderten Gestalt einen Kommentar zu den Ironieen der Geschichte zu bieten vermöchte. Es heisst da (30. Januar 1871): „— — Was Sie über unsere Gesellschaft sagen, habe ich mit Kummer in Ihrem Briefe gelesen; und was man von den deutschen Angelegenheiten denken soll, das wissen Sie selbst. Mehr Lug und Trug kann man sich ja gar nicht vorstellen. Mit dem Schwerte wollen sie Napoleons Thron wieder aufrichten, indem sie sich ihn und seine Nachkommenschaft für alle Ewigkeit zu Sklaven machen wollen, ihm aber dafür die Erbfolge sichern, d. h. also: alles, was er nur braucht — das ist klar. Sie werden sehen: wenn auch eine National-Versammlung tagen wird, so werden sie dieselbe durch die Unmässigkeit ihrer (ausgeklügelten) Forderungen zwingen, damit nicht einverstanden zu sein und dann — werden sie den Napoleon proklamieren.

Erinnern Sie sich an den Text des Evangeliums: ‚Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen?‘ Nein, was durch das Schwert aufgebaut ist, wird nicht bestehen! Und nach dem schreien sie „Jung Deutschland“. Umgekehrt — es ist eine Nation, die ihre Kraft verbraucht hat — denn nach einem solchen Geist, nach einer solchen Wissenschaft sich der Idee des Schwertes, des Blutes, der Gewalt anvertrauen und nicht einmal ahnen, was Geist und Geistessieg ist, und darüber mit korporalsmässiger Grobheit lachen, was ist das anders. Nein, das ist eine tote Nation, eine Nation ohne Zukunft. Wenn sie aber lebendig ist, so wird sie, glauben Sie mir, nach dem ersten Taumel in sich selbst einen Protest erstehen sehen, ein Streben zum Besseren, und das Schwert wird von selbst fallen.

Und noch das: Die materielle Erschöpfung Deutschlands ist so gross, dass es kaum mehr vier Monate Widerstand aushalten wird. Wenn sie von Frankreich zurückkommen, werden sie uns anfangs ein, zwei Jahre schön thun! Übrigens kann es geschehen, dass sie sich irgendwie schon früher gröblich verschnappen.

Gott schütze den Zar und Russland — aber für Europa ist die Zukunft wirklich kritisch.“

Wenden wir uns wieder der positiven und fruchtbaren Seite von Dostojewskys vaterländischer Thätigkeit zu. In einem Briefe vom 14. März 1871 an Apollon Maikow sagt der Dichter: „Ihr schmeichelhafter Ausspruch über den Anfang meines Romans hat mich in Entzücken versetzt. Gott, wie habe ich gefürchtet und wie fürchte ich noch! Wenn Sie dies lesen, werden Sie wahrscheinlich auch schon die zweite Hälfte des ersten Teils im Februarheft des „Russkij Wjestnik“ gelesen haben. Was werden Sie sagen? Ich fürchte, ich fürchte. Was das weitere anbelangt, so bin ich einfach in Verzweiflung, ob ich’s zurecht bringe. — Nebenbei gesagt: das Werk wird ja im ganzen vier Teile haben — 40 Bogen. Stepan Trofimowitsch wird eine Nebenfigur sein. Der Roman wird gar nicht von ihm handeln, allein seine Geschichte ist eng mit den übrigen (Haupt-) Vorgängen des Romans verknüpft, und darum habe ich ihn gleichsam zum Eckstein des ganzen genommen. Immerhin aber wird Stepan Trofimowitsch im vierten Teile sein Benefiz haben. Hier wird das sehr originelle Ende seines Schicksals Platz finden. Für alles andere stehe ich nicht, aber für diese Stelle verbürge ich mich von vornherein. [Wir haben gesehen, wie richtig diesmal des Dichters Empfindung und Urteil war.]

Aber ich wiederhole noch einmal, ich fürchte mich, wie eine geschreckte Maus. Die Idee hat mich berückt, und ich habe sie furchtbar leidenschaftlich erfasst. Komme ich aber durch, oder ist der ganze Roman ein .....? Das ist das Elend.

Stellen Sie sich vor, dass ich schon aus aller Welt verschiedene Glückwunsch-Schreiben über den Anfang erhalten habe. Das hat mir sehr, sehr viel Mut gemacht. Allein, ohne Ihnen zu schmeicheln, sage ich gerade heraus, dass Ihre Äusserung mir wertvoller ist als alles andere.“ Hier muss man sich erinnern, dass Strachow nur die erste Hälfte des ersten Teiles gelesen hatte, worin eben Stepan Trofimowitsch die Hauptrolle spielt. „Erstens“ — fährt Dostojewsky fort — „werden Sie mir ja nicht schmeicheln, und zweitens ist in Ihrer Auseinandersetzung ein genialer Gedanke hervorgesprungen: „Das sind Turgenjews Helden im Alter“. Das ist genial! Während ich schrieb, dämmerte mir selbst etwas Ähnliches. Sie aber haben es mit drei Worten, als wie mit einer Formel bezeichnet. Ich danke Ihnen für diese Worte. Sie haben mir das ganze Werk beleuchtet.

Ich habe mich entschlossen, unbedingt im Frühling heimzukehren, da werden wir was plaudern!“

In einem Briefe vom 18. (30.) März schreibt der Dichter an Strachow: „Wenn ich lange keine Anfälle gehabt habe und sie sich plötzlich wieder entladen, so folgt darauf eine ungewöhnliche seelische Herabstimmung. Da bin ich am Rande der Verzweiflung. Früher hat diese Schwermut etwa drei Tage nach einem Anfalle gedauert, jetzt aber hält sie sieben, acht Tage an, obwohl die Anfälle selbst in Dresden seltener auftreten, als irgendwo sonst. Zweitens plagt mich der Kummer über meine Arbeit. Es ist nicht zu sagen, wie schwer ich schreibe. Ich muss nach Russland, wenn ich auch das Petersburger Klima ganz entwöhnt bin. Immerhin, koste es was es wolle, ich muss heimkehren .....

Sie können sich nicht vorstellen, was für traurige und schwere Gedanken mich beim Lesen Ihres Briefes bedrängt haben. Was heisst denn das? „Alles das, wodurch die „Zarjá“ originell war, alles, was ihr vor allen anderen einen individuellen Charakter verliehen hat, alles das hat man als ein Hindernis für ihren Erfolg erkannt. Und das ist die einzige russische Zeitschrift, in der sich noch die reine litterarische Kritik erhalten hat! Gerade darum, weil alle sie aufgegeben haben, ist sie eben jetzt nötig. Sie hat der „Zarjá“ ihre Physiognomie verliehen. Vor dem Gerede und Gespötte haben sie Angst bekommen! Im Gegenteil; in jeder Nummer hätten sie auf ihrer Idee bestehen sollen, und ihrer wäre die Zukunft gewesen. Ich weiss nicht, wie es bei anderen ist, aber ich habe jedesmal nach Erhalt des Heftes Ihre Artikel zuerst aufgeschnitten und mich daran berauscht. Es versteht sich, dass ich manchmal nicht ganz einverstanden war (so z. B. mit der Methode, dem Tone, d. h. mit Ihrer allzugrossen Weichheit und ausserdem mit Ihrem Vergrössern gewisser Erscheinungen der Litteratur und des Lebens) — aber mein Interesse daran war immer ein ausserordentliches. Ihr Artikel über Karamsin ist so tief und so männlich offen, dass ich hier eine helle Freude darüber hatte, dass bei uns noch solche Stimmen zu hören sind. Sie haben mir, so nebenbei, gesagt, und ich habe auch irgendwo etwas darüber gelesen und, so weit auch ich selbst urteilen kann, scheint es so, dass man den Artikel reaktionär findet. Dies denkt doch nicht auch Ihre Redaktion?“

In der weiteren Fortsetzung des Briefes spricht der Dichter eingehend über Strachows Verhältnis zur „Zarjá“, erteilt ihm litterarische Ratschläge und schliesst: „Abermals wiederhole ich, dass ich mit grosser Sehnsucht, ja mit Aufregung den Augenblick des Wiedersehens mit den früheren nahen Menschen in Petersburg erwarte. Hier muss ich aber noch eine Bitte stellen: sprechen Sie, wenn sich die Gelegenheit dazu böte, mit niemand von meiner baldigen Zurückkunft als einer Gewissheit. Ich möchte gern wenigstens die erste Woche nach meiner Heimkehr von den Gläubigern in Ruhe gelassen werden. Ich erwarte es, dass sie gleich auf mich losstürzen; ich fürchte das aber, weil ich kein Geld habe, sondern nur Erwartungen. — Das Schreiben geht nicht, Nikolai Nikolajewitsch, oder mit furchtbarer Anstrengung. Ich denke, das ist nur — weil ich Russland brauche. Um jeden Preis muss ich zurück. Mir scheint, ich werde in der Mitte des Sommers bei Euch auftauchen. Welche Umstände aber mit der Übersiedelung! Zu zweien sind wir fortgezogen, ich mit meinem jungen Weibe, und nun, obwohl ich mit der ebenso jungen Gattin zurückkehre, so ist’s doch auch mit Kindern! Ein Geheimnis: das eine ist 1½ Jahre alt, das zweite aber noch XYZ. Was werden das für Beschwerden auf der Reise sein!“

In einem Briefe an Apollon N. Maikow vom 21. April (a. St.) 1871, welcher zumeist geschäftlichen Inhalts ist, spricht er ebenfalls über die Nötigung der Heimkunft, welche aber durch die im August zu erwartende Niederkunft Anna Grigorjewnas abermals verzögert werden könnte. Er hat sich an die Redaktion des „Russkij Wjestnik“ gewendet, um 1000 Rubel Vorschuss für die Übersiedelung zu erlangen. Nun schickt man ihm allerdings einiges Geld für die Osterfeiertage, die 1000 Rubel aber bittet man ihn erst Ende Juni zu erwarten. Er meint dazu: „Indessen ist es ja geradezu unmöglich zu warten. Anfangs August soll meine Frau in die Wochen kommen; darum ist es unvergleichlich besser, zwei Monate vor der Niederkunft zu reisen, als einen Monat vorher, denn im letzteren Falle ist es sogar unmöglich. Bedenken Sie, dass wir ohne Dienerin und mit einem kleinen Kinde reisen müssen. Nach der Geburt hier bleiben, ist aber auch unmöglich; man kann mit einem neugeborenen Kinde nicht im Oktober reisen. Endlich, noch ein Jahr in Dresden bleiben, ist schon das allerunmöglichste. Das hiesse Anna Grigorjewna schon ganz umbringen, durch die Verzweiflung, deren sie nicht Herr werden könnte; denn sie ist thatsächlich vor Heimweh krank. Auch ich kann nicht mehr ein Jahr ausbleiben; erstens werde ich, wenn ich hier bleibe, aus mir bekannten Ursachen nicht imstande sein, den Roman zu beenden, und kann in geschäftlicher Beziehung noch furchtbar viel verlieren. Das alles werde ich Ihnen beim Wiedersehen erklären.

— — Dabei habe ich folgende Schlüsse gezogen, Schlüsse, die Sie sicherlich ebenfalls kennen, von deren Wahrheit Sie aber noch nicht vollständig durchdrungen sind, wie auch ich es bis in die allerletzte Zeit nicht gewesen bin. Es handelt sich um dieses: Infolge der grossen Umwälzungen, von den staatlichen angefangen bis zu dem Kreise des rein Litterarischen, ist bei uns die allgemeine Bildung und Erkenntnis auf einige Zeit zersplittert, zerstreut, gesunken. Die Leute haben sich eingebildet, dass sie keine Zeit mehr haben, sich mit Litteratur (gleichsam einem Spielzeug; was für eine Bildung!) zu befassen, und es ist das Niveau des kritischen Empfindens und aller litterarischen Bedürfnisse schrecklich tief gesunken, sodass jeder Kritiker, der etwa bei uns auftauchen sollte, jetzt gar nicht die richtige Wirkung hervorrufen würde. Dobroljubow und Pissarew haben gerade darum Erfolg gehabt, weil sie im Wesentlichen die Litteratur verwarfen — das ganze Gebiet des menschlichen Geistes! Gutheissen kann man das unmöglich, sondern man muss gleichwohl in seiner kritischen Thätigkeit fortfahren. Verzeihen Sie mir also den Rat, wie ich an Ihrer Stelle verfahren würde.

Sie sprachen in einer Ihrer Broschüren eine herrliche Idee aus und, was die Hauptsache ist, es geschah dies zum erstenmale in unserer Litteratur. Es ist diese: dass jedes halbwegs bedeutende und wirkliche Talent bei uns — immer damit endigte, dass es sich dem Nationalgefühl zuwandte, volkstümlich, slavophil wurde. So hat der Geck Puschkin plötzlich, früher als alle Kirejewskys und Chomjakows, den Chronikenschreiber im Wunderkloster geschaffen, d. h. früher, als alle Slavophilen, ihre ganze Wesenheit ausgedrückt und — nicht genug an dem — er hat dies unvergleichlich tiefer ausgedrückt, als sie alle es bis auf den heutigen Tag gethan haben.

Sehen Sie hingegen Herzen an — fährt der Dichter fort — wie viel Sehnsucht und Bedürfnis, auf diesen Pfad zurückzukehren, und welches Unvermögen dazu, infolge seiner widerwärtigen persönlichen Eigenschaften! Noch mehr; dieses Gesetz der Rückkehr zum Nationalen kann man nicht nur bei den Dichtern und den litterarischen Faktoren verfolgen, sondern in allen anderen Thätigkeiten; derart, dass man zuletzt auch ein zweites Gesetz daraus entwickeln könnte. Nämlich: Wenn ein Mensch wirklich Talent hat, so wird er trachten, sich aus einer schon verwitterten Gesellschaftsschichte heraus dem Volke zuzuwenden; wenn er aber thatsächlich kein Talent hat, so wird er nicht nur in der verwitterten Schichte verbleiben, sondern sich verpflanzen, katholisch werden usw. — — Belinsky (den Sie heute noch schätzen) war gerade durch sein Talentchen kraftlos und schwach, hat aber auch darum Russland verflucht und ihm sichtlich viel Schaden zugefügt (von Belinsky wird man noch einmal vieles zu sagen haben, Sie werden es schon sehen). Allein die Sache ist die, dass in dieser von Ihnen ausgesprochenen Idee so viel Kraft liegt, dass sie unbedingt für sich allein und speziell ausgeführt werden sollte. Schreiben Sie einen Artikel über dieses Thema, entwickeln Sie es im Einzelnen. Man wird sich gewiss darüber freuen. Es wird dieselbe Kritik sein, nur in anderer Form. Zwei, drei solcher Aufsätze im Jahre, und ich prophezeie Ihnen Erfolg. Ausserdem aber wird das Publikum Sie nicht vergessen, sondern sagen, dass Sie in einen Kreis getreten sind, wo man Sie besser versteht. Die Hauptsache ist: wozu die Litteratur aufgeben?

— — Ich kehre erst im Juni heim, so haben sich meine Geldmittel gestaltet. — Hören Sie, was ich Ihnen noch über Ihre letzte Beurteilung meines Romans sagen will. Erstlich haben Sie mich für das, was Sie Gutes darin finden, gar zu hoch gestellt, und zweitens haben Sie ungemein fein auf meine Hauptmängel hingewiesen. Ja, ich habe darunter gelitten und leide darunter; ich verstehe bis heute nicht (ich hab’ es nicht gelernt), meine Mittel richtig zu gebrauchen. Eine Menge einzelner Romane drängen sich bei mir in einen hinein, sodass weder Mass noch Harmonie vorhanden ist. Das alles haben Sie erstaunlich richtig ausgesprochen. Und wie habe ich selbst schon viele Jahre darunter gelitten, da ich es selbst erkannte!“

Zu dieser Stelle bringt Strachow in einer Fussnote einen Abriss seines kritischen Briefes an Dostojewsky, der im wesentlichen unseren Eindruck vom Roman „Die Besessenen“ bestätigt. Er lautet:

„Im zweiten Teile der „Besessenen“ sind wunderbare Dinge enthalten, welche mit dem Besten, das Sie geschrieben haben, in einer Reihe stehen. Der Nihilist Kirillow ist erstaunlich tief und scharf gezeichnet. Die Erzählung der Verrückten, die Szene in der Kirche, ja sogar die ganz kleine Szene mit Karmasinow — das sind lauter Perlen künstlerischer Vollendung. Allein der Eindruck auf das Publikum ist bis jetzt noch ein sehr unbestimmter. Es sieht dies Ziel der Erzählung nicht und verliert sich in der Menge der Personen und Episoden, deren Verknüpfung ihm nicht klar ist. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen diese unangenehmen Urteile schreibe. Es ist mir sogar in den Kopf gekommen, Ihnen Ratschläge zu erteilen, und ich kann mich dieser Dummheit nicht enthalten, welche ich als den Ausdruck meines sehr grossen Interesses an Ihrer Thätigkeit hinzunehmen bitte.“

„Offenbar sind Sie, was den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Ideen anlangt, bei uns der Erste, und sogar Tolstoj ist im Vergleich mit Ihnen einförmig. Das hindert nicht, dass über allem, was Sie schaffen, ein besonderes und starkes Kolorit ausgebreitet ist. Allein Sie schreiben sichtlich zum grossen Teil für ein ausgewähltes Publikum und Sie füllen Ihre Schöpfungen zu sehr an, komplizieren sie allzu sehr. Wäre das Gewebe Ihrer Romane ein einfacheres, so würden sie stärker wirken. „Der Spieler“ zum Beispiel und „Der Hahnrei“ haben die klarsten Eindrücke hervorgerufen, während alles, was Sie in den „Idioten“ gelegt haben, verloren ging.“

Diesem Urteil Strachows können wir nur hinsichtlich der zwei zuerst genannten Werke beipflichten. Über den „Idiot“ haben wir weiter oben einen sehr verschiedenen Eindruck ausgesprochen.

„Dieser Mangel“ — fährt Strachow in jenem Briefe fort — „steht natürlich mit Ihren Vorzügen in enger Verbindung. Ein geschickter Franzose oder Deutscher würde sich, hätte er den zehnten Teil Ihres Gehaltes, auf beiden Hemisphären berühmt machen und als Leuchte ersten Grades in die Geschichte der Weltlitteratur einführen. Das ganze Geheimnis liegt, scheint mir, darin, dass die Schöpferkraft geschwächt, die Schärfe der Analyse reduziert werde, dass man anstatt zwanzig Bilder und hundert Szenen sich mit Einem Bilde und einem Dutzend Szenen bescheiden sollte. Verzeihen Sie, Theodor Michailowitsch, allein es scheint mir, dass Sie bis zur Stunde mit Ihrem Talente nicht zu schalten, es nicht für die grösste Wirkung auf das Publikum zuzubereiten wissen. Ich fühle, dass ich hier an ein grosses Mysterium rühre, dass ich Ihnen einen höchst unsinnigen Ratschlag vorlege — den, dass Sie aufhören Sie selbst, aufhören Dostojewsky zu sein. Allein ich denke, dass Sie in dieser Form meine Gedanken dennoch verstehen werden.“

Man kann Dostojewskys Fehler und Mängel nicht klarer und prägnanter kennzeichnen, als dies hier Strachow thut. Allerdings geschieht dies nur nach der positiven Seite hin, im Hinblick auf die Fehler, welche aus des Dichters übergrossem Reichtum an seelischer Nüancirung hervorquellen. Was uns als Mangel erscheinen muss, das Fehlen jeder Teilnahme für die Reize und Gewalten der Natur, oder die, der leblosen Umgebung des Menschen entströmende, oder von ihm auf diese ausgestreute Stimmung, das hat der Kritiker nicht berührt und er hat Recht damit gethan. Er mochte wohl fühlen, dass diese Mängel zu jenen gehören, welche am innigsten mit unserer Lebenswurzel verflochten sind und nicht genannt werden dürfen, weil dem, der sie zu tragen hat, keine Macht innewohnt, sie von sich zu lösen, sie selbst zu sehen. Für uns Fernerstehende müssen diese Mängel als das erscheinen, was sie sind: ein Übergewicht des inneren Realismus über den äusseren der Gegenstandswelt, der Grundmangel, aus dem der Fehler des Stoff-Aufhäufens als sichtbare Folge hervortritt. Uns fehlen in Dostojewskys Schöpfungen wohl niemals die tiefen und geheimnisvollen Anlässe in den Handlungen seiner Charaktere, wohl aber fast immer die äusseren und äusserlichen Bindeglieder und sinnlichen Übergänge, wie sie unsere Dutzenddichter zu Hauptmotiven so reichlich verarbeiten. Diese Mängel nun scheinen den Dichter keineswegs gestört zu haben. Ein anderes ist es, das, wie schon gesagt, ihn sehr quälte.

„Es giebt aber noch ein Schlimmeres,“ fährt er in jenem Briefe an Strachow fort, „ich mache mich, ohne meine Mittel zu berechnen, und nur vom poetischen Zuge hingerissen, daran, einen künstlerischen Gedanken auszudrücken, dem ich nicht gewachsen bin. (NB. So ist die Kraft der poetischen Begeisterung immer, z. B. bei Victor Hugo, stärker als die Mittel zur Ausführung. Sogar bei Puschkin lassen sich Spuren dieser Zweiheit erkennen.) Und damit ruiniere ich mich. — Ich füge hinzu, dass die Übersiedelung und eine Menge von Beschwernissen diesen Sommer über, dem Roman sehr schaden werden.“

Der nächste und letzte Brief aus der Fremde fällt in die Zeit der Pariser Kommune und giebt uns Gelegenheit, einen jener Aussprüche des Dichters über Sozialismus und Kommunismus zu hören, wie er sie breiter und ausführlicher in seinem Tagebuch eines Schriftstellers, in seinen letzten Tagebuchnotizen und seinen „Winterlichen Bemerkungen über Sommer-Eindrücke“ ausgesprochen hat, wovon wir weiter unten einige bedeutsame Stellen folgen lassen. Der Brief lautet:

„Dresden, 18. (30.) Mai 1871.

Sehr geehrter Nikolai Nikolajewitsch!

Da haben Sie nun wirklich Ihren Brief geradeaus mit Belinsky angefangen! Das habe ich vorausgeahnt. Aber sehen Sie doch nach Paris, auf die Kommune. Sind Sie wohl gar einer von jenen, welche sagen, dass es wieder nicht gelungen sei wegen Unzulänglichkeit der Menschen, der Umstände? Das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch träumt diese Bewegung entweder von einem Paradies auf Erden (vom Phalanstère angefangen), oder sie zeigt, knapp am Ziele (48-49 und jetzt), ein erniedrigendes Unvermögen, auch nur irgend etwas Entschiedenes zu sagen. Im wesentlichen ist’s immer wieder derselbe Rousseau und der Traum, die Welt mittels des Verstandes, der Erfahrung aufs neue zu erschaffen (Positivismus). Es sind doch, scheint es, schon genug Fakten vorhanden, die zeigen, dass ihr Unvermögen, ein neues Wort zu sagen, keine zufällige Erscheinung ist.

Sie schlagen Köpfe ab — warum? Einzig und allein darum, weil das das leichteste von allem ist. Irgend etwas sagen ist unvergleichlich schwerer. Der Wunsch nach einer Sache ist noch kein Erlangen. Sie wünschen das Glück des Menschen und bleiben bei der Bestimmung des Rousseauschen Wortes „Glück“ stehen, d. h. bei einer Phantasie, welche nicht einmal von der Erfahrung bestätigt worden. Der Brand von Paris ist eine Ungeheuerlichkeit. „Es ist nicht gelungen, so soll denn die Welt untergehen.“ Denn die Kommune steht höher, als das Glück der Welt und Frankreichs. Aber es erscheint ihnen (ja, und vielen anderen) diese Raserei nicht als eine Ungeheuerlichkeit, sondern als Schönheit. Und so hat sich im neuen Menschengeschlecht auch die ästhetische Idee getrübt. Die sittliche Grundlage der Gesellschaft (die dem Positivismus entnommene) erzielt nicht nur kein Resultat, sondern vermag sich selbst nicht zu bestimmen und verstrickt sich in ihren Wünschen und Idealen. Sind denn endlich, jetzt, nicht genug Fakten vorhanden, um zu zeigen, dass man nicht auf diese Weise eine Gesellschaft aufbaut, dass nicht diese Wege zum Glück führen und dass es nicht von daher komme, wie sie bis heute meinten? Woher denn? Sie werden viele Bücher schreiben, die Hauptsache aber auslassen: Im Westen hat man Christum verloren und darum sinkt der Westen, einzig und allein darum.

Das Ideal ist ein anderes geworden — wie klar ist das! Und das Sinken der päpstlichen Macht zugleich mit dem Sinken der römisch-germanischen Welt (Frankreichs und der anderen) — welch’ ein Zusammentreffen!

Dies alles fordert grosse und lange Auseinandersetzungen, allein, was ich im besonderen sagen will, ist dieses: Wenn Belinsky, Granowsky und diese ganze .... jetzt zusähen, so würden sie sagen: nein, davon haben wir nicht geträumt, nein, das ist eine Verirrung; wir werden noch warten, das Licht wird kommen, der Fortschritt wird die Herrschaft antreten und die Gesellschaft wird sich auf gesunden Grundlagen neu aufrichten und glücklich sein. Sie würden es nie zugeben, dass man, betritt man einmal diesen Weg, niemals wo anders anlangt, als bei der Kommune und Felix Piat. Sie waren so stumpf, dass sie auch jetzt nach den Ereignissen nichts zugeben, sondern weiter träumen würden. Hier habe ich Belinsky viel mehr als eine Erscheinung des russischen Lebens getadelt, denn als Menschen; dies war die hässlichste, stumpfste, schimpflichste Äusserung russischen Lebens. Ihre einzige Entschuldigung liegt — in der Unvermeidlichkeit dieser Erscheinung. Und ich versichere Sie, Belinsky würde sich jetzt bei folgendem Gedanken beruhigen: Seht darum ist es der Kommune nicht gelungen, weil sie doch immer vor allem französisch war, d. h. den Ansteckungsstoff der Nationalität in sich bewahrte. Darum muss man ein Volk auffinden, in dem kein Tropfen Nationalität enthalten und das fähig wäre, seiner Mutter Backenstreiche zu versetzen, wie ich [Russland]. Und mit Schaum auf den Lippen würde er sich wieder hinstürzen und seine heidnischen Artikel schreiben, Russland beschimpfen, ihre grossen Erscheinungen (Puschkin) verleugnen — um Russland endgiltig zu einer vacanten Nation zu machen, die fähig wäre, an der Spitze der allgemein menschlichen Aktion zu stehen. Den Jesuitismus und die Lüge unserer Hauptakteure würde er hocherfreut annehmen.

Aber noch eines: Sie haben ihn nie gekannt, ich aber habe ihn gekannt und gesehen und habe ihn jetzt völlig ergründet. Dieser Mensch hat mich einen ...... geschmäht, indessen aber war er niemals fähig, sich selbst und alle Führer der ganzen Welt Christus vergleichend an die Seite zu stellen. Er vermochte es nicht gewahr zu werden, wieviel kleinlicher Selbstsucht, Bosheit, Unduldsamkeit, Reizbarkeit, Niedrigkeit, aber hauptsächlich Selbstsucht in ihm selbst und in ihnen enthalten sei. [Diese Stelle des Briefes wurde schon weiter oben Seite 60 angeführt, wo sie uns zur Beleuchtung von des Dichters Stellungnahme sehr wichtig schien.] Er hat sich niemals gefragt: „Was werden wir denn an seine Stelle setzen? Etwa uns, die wir so hässlich sind? Nein, er hat sich niemals dabei aufgehalten, dass er selbst hässlich ist; er war im höchsten Grade mit sich zufrieden, und das war schon eine abscheuliche, schändliche, persönliche Stumpfheit. Sie sagen, er sei talentvoll gewesen. Durchaus nicht; wie hat Grigorjew in seinem Artikel über ihn gelogen! Ich erinnere mich noch an mein jugendliches Erstaunen, als ich einigen seiner rein künstlerischen Urteile lauschte (z. B. über die toten Seelen): er hat sich gegenüber den Typen Gogols bis zur Unmöglichkeit oberflächlich verhalten und war nur bis zum Entzücken erfreut darüber, dass Gogol betrog.

Hier habe ich, in diesen vier Jahren, seine Kritiken durchgelesen. Er hat Puschkin getadelt, als dieser seinen falschen Ton fahren liess und mit den Erzählungen Bjelkins und seinem „Arap“ hervortrat. Er hat mit Verwunderung die Nichtigkeit von „Bjelkins Erzählungen“ verkündet. Er hat in der Erzählung Gogols „Die Kutsche“ keine künstlerisch zielbewusste Schöpfung und keine Erzählung, sondern nur eine spasshafte Geschichte gefunden. Er hat den Schluss des „Eugen Onjegin“ abgelehnt. Er hat gesagt, Turgenjew werde kein Künstler werden, dabei ist das aber nach dem Lesen von Turgenjews Erzählung „Drei Porträts“ ausgesprochen. Ich könnte Ihnen solcher Beispiele so viele Sie wollen zusammenlesen, um Ihnen die Falschheit seines kritischen Gefühls und seines „empfänglichen Vibrirens“ zu beweisen, von welchem Grigorjew gefaselt hat (weil er selbst ein Dichter war). Über Belinsky und über viele Erscheinungen unseres Lebens urteilen wir heute noch durch eine Menge ausserordentlicher Vorurteile hindurch.

Habe ich Ihnen denn nicht über Ihren Turgenjew-Artikel geschrieben? Ich habe ihn gelesen, wie alle Ihre Arbeiten — mit Begeisterung, allein auch mit ein klein wenig Verdruss. Wenn Sie finden, dass Turgenjew die Richtung verloren hat, hin und her laviert und nicht weiss, was er über manche Erscheinungen des russischen Lebens sagen soll (sie jedenfalls nicht ernst nimmt), so hätten Sie auch gestehen sollen, dass seine grosse künstlerische Befähigung in seinen letzten Werken zurückgegangen ist und zurückgehen musste. So ist es auch in der That: er ist als Künstler sehr zurückgegangen. Der „Golos“ meint, dies sei darum der Fall, weil er im Auslande lebe; allein der Grund liegt tiefer. Sie aber sprechen ihm auch nach seinen letzten Werken seine frühere Künstlergrösse zu. Ist es so? Übrigens täusche ich mich vielleicht (nicht in meiner Beurteilung Turgenjews, sondern bezüglich Ihres Artikels). Vielleicht haben Sie sich nur nicht so ausgedrückt — — Aber wissen Sie, das ist ja alles Gutsbesitzer-Litteratur! Sie hat alles gesagt, was sie zu sagen hatte (grossartig bei Leo Tolstoj). Allein dieses, im höchsten Grade landadelmässige Wort war ihr letztes Wort. Ein neues, das Gutsbesitzerwort ablösendes Wort hat es noch nicht gegeben, war auch noch nicht möglich. Die Rjeschotnikows[33] haben nichts verkündet; aber immerhin drücken sie die Unvermeidlichkeit von irgend etwas Neuem in der Sprache des Künstlers aus, von etwas, das nicht mehr landadelmässig sei, obwohl sie das auf eine unförmliche Weise thun.

Wie sehr wünschte ich, Sie noch in Petersburg anzutreffen. Ich habe keine Vorstellung darüber, wann ich zurückkomme (unter uns: ich trachte in einem Monate). Wenn aber kein Geld kommt und ich den Termin verpasse, dann heisst es abermals bleiben. Aber das ist entsetzlich und unsinnig.

Den Roman werde ich entweder verpfuschen, dass es eine Schande sein wird (habe schon angefangen zu pfuschen), oder ich raffe mich auf und es wird doch was Ordentliches daraus. Ich schreibe auf gut Glück, das ist meine jetzige Devise.“

Am Schlusse des Briefes die Bemerkung: „— — Ich meine nur im allgemeinen, dass es für die Zeitschriften nicht übel wäre — wenn auch nur eine den Anfang machte — sich zu spezialisieren. Zum Beispiel die „Zarjá“ nach der einen ästhetisch-kritischen Seite hin, ohne sich weiter mit irgend etwas anderem zu befassen, ohne andere Ressorts. Sicherlich könnte das gelingen. Schade, dass ich Ihnen nicht sofort meine Ideen darüber entwickeln kann!“

Notes in this chapter

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