Stromaufwärts (continued 2)
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Ich fühlte, wie plötzlich alle Freude aus meinem Herzen schwand, und mit fast weinerlicher Stimme sagte ich: »Ich verstehe Sie nicht ... Sie haben doch gesagt ...«
»Ganz richtig,« unterbrach sie mich, »ich habe verschiedenes gesagt, was ich jetzt bereue, weil ich sehe, daß meine Mutter vollkommen recht hatte.«
»Ihre Mutter? – So haben Sie Ihrer Mutter davon gesprochen?«
»Ja! Ich habe meiner Mutter oft von Ihnen erzählt und berichtete ihr auch unser letztes Gespräch, worauf sie sagte, es sei sehr unüberlegt von mir gewesen, Sie mit Ihrer gegenwärtigen sicheren Lage« – sie betonte das Wort: »sicheren« besonders – »unzufrieden zu machen.«
»Ich verstehe, Ihre Mutter meint, ich sei für so eine Stelle nicht fein genug, und es sei darum nicht sicher, ob man mich behalten wird.«
Nach diesen Worten schlang das Mädchen ihren Arm um mich. »Sie sind ein Dummchen und viel zu fein für jede Stelle; doch weil Sie leider so ein armes Mäuschen sind und sich nun einmal Ihr Brot verdienen müssen, sind Sie in einem so stillen Orte, wie unser altes liebes Krems ist, viel besser aufgehoben als wie in Budapest, wo die Gefahren stündlich Sie umlauern.«
Die Rede rührte mich ungemein, und ich verstand nun wirklich. »Ich weiß, was Sie meinen, aber Sie brauchen nichts zu fürchten, ich bin kein leichtsinniges Mädchen.«
»Pst,« sagte sie in dem sanften, beruhigenden Tone, in dem eine Mutter zu ihrem aufgeregten Kinde spricht, »natürlich sind Sie kein leichtsinniges Mädchen, doch sind es ja gerade die braven Mädchen, die immer hineinfallen.«
»Nein, nein,« erwiderte ich hastig, »mir geschieht nichts.«
Nach diesen Worten hielt mich meine neue Freundin etwas von sich und sah mir lange in die Augen. »Nein, ich glaube auch, daß Ihnen nichts geschieht.« Und dann schnell und leise, als ob sie irgendein Unrecht beginge, öffnete sie ihre kleine Handtasche und zog einen Briefumschlag heraus. »Da,« sagte sie und drückte mir das Papier in die Hand, »ich habe es doch mitgebracht, im Falle Sie unbedingt gehen wollen« – und rasch, als ob sie sich fürchtete, daß sie bereuen könnte, lief sie davon. Ich strich den Papierumschlag glatt und überflog die paar Worte: Miklos Sandor, Stellenvermittelung, Budapest.
Ich rief die Kinder zusammen, und wie in einem Traum befangen, schritt ich nach Hause. –
... Der Abschied von der Familie, in der ich über zwei Jahre war und stets gütig behandelt wurde, der Abschied von der Köchin, die in ihrer einfachen, unverdorbenen Art mir eine Freundin geworden war, der Abschied von meinem lieben Fräulein Risa de Vall und der Abschied von zu Hause, sie wurden mir nicht leicht. Der letztere war vielleicht der, den ich am leichtesten verwinden konnte, da meine Eltern während der zwei Jahre, die ich fort war, noch ärmer geworden waren und ich mehr als je die Sehnsucht fühlte, ihnen zu helfen. Als meine Eltern erfuhren, was ich zu tun gedachte, als ich ihnen ferner den Brief aus Budapest zeigte, der meine Aufnahme zu drei Kindern mit einem monatlichen Gehalte von 35 Kronen bestätigte, da hofften sie in ihrer einfachen Weise, daß ich mein Glück gefunden hätte.
Von dem wenigen Gelde, das ich hatte, schaffte ich mir einen kleinen Koffer an, der mit brauner Leinwand überzogen war. Trotzdem er sehr klein war, blieb doch die Hälfte davon leer, so wenig besaß ich an Wäsche und Kleidern. Das machte mir aber nicht die geringste Sorge. Während ich die ärmlichen Stücke der Reihe nach in den Koffer legte, träumte ich fortwährend von 35 Kronen, die ich jeden Monat bekommen, und von den Dingen, die ich mir davon anschaffen würde.
Am Tage meiner Abreise kam ein Brief aus Wien von meinem Bruder. Er sandte zum erstenmal eine Adresse. Die früheren Schreiben hatten nie eine solche enthalten. Er schrieb, daß er sehr viel Geld verdiene, doch sagte er nicht, womit. Ich wunderte mich auch nicht darüber, sondern nahm an, daß er eben ein Künstler geworden sei und meine Eltern von seiner Arbeit nichts verstünden. Allerdings hätte ich gern gewußt, ob er ein Maler oder Bildhauer, oder vielleicht gar ein Dichter sei. Bei dem letzten Gedanken errötete ich und dachte, das könnte ja sein, denn ich dichtete ja auch, – wenn auch meine Gedichte die seinen selbstverständlich nie erreichen würden.
Seine Adresse war der Name eines Kaffeehauses. Während der ganzen Zeit, die ich noch zu Hause zubrachte, dachte ich an meinen Bruder, und endlich faßte ich einen kühnen Entschluß – so kühn, daß ich fast selber darüber erschrak. Ich wollte ihn besuchen. Auf meiner Reise nach Budapest mußte ich ja nach Wien fahren, und ich hoffte einige Stunden Zeit für einen solchen Besuch finden zu können. Den nächsten Tag, es war der Tag meiner Abreise, sprach ich zu meiner Mutter davon, und sie meinte, das würde ihn sicher sehr freuen.
Ich hatte zur Reise mein bestes Kleid aus billigem blauen Wollstoff angezogen, sowie mir einen Hut für zwei Kronen gekauft. Der Hut war aus lichtblauem Stroh, und ich dachte, ich sähe ungemein fein darin aus. Meine Eltern gingen mit mir zur Bahn, und um den Abschied für uns alle leichter zu machen, sprach ich fortwährend von den 35 Kronen und von dem, was sich alles damit tun ließe. Wir waren zu früh gekommen, und so schritten wir auf dem kleinen Perron auf und ab. Als der Zug endlich in die Halle dampfte, hielt ich die Tränen tapfer zurück und nickte den Meinen aus dem Wagenfenster mit lächelndem Gesicht zu. In einigen Minuten ertönte der Pfiff, der die Abfahrt ankündigte; mein Vater schwenkte seinen Hut, die Mutter wischte sich über die Augen, und ich zog mit einem unterdrückten Schluchzen den Kopf vom Fenster zurück.
Die Fahrt nach Wien dauerte vier Stunden, und ich beschäftigte mich die ganze Zeit in Gedanken mit meinem Bruder. Ich war überzeugt, daß ich die zwei Jahre, in denen wir uns nicht gesehen hatten, in jeder Beziehung große Fortschritte gemacht hatte, und stellte mir seine Freude und Überraschung vor, wenn ich ihm sagen würde, daß ich auch etwas englisch gelernt hätte. Als ich schon die Hälfte der Fahrt hinter mir hatte, fiel mir ein, einige meiner Gedichte niederzuschreiben, um sie ihm zu zeigen und ihn zu fragen, was er davon dächte. Ich fand etwas weißes Papier unter meinen Sachen und ging sofort ans Werk. Eines davon begann mit den unsterblichen Worten:
Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget
Und ich vor Leid verzweifle schier,
Dann greife ich nach meiner Feder
Und füll' mit Zeilen das Papier ...
In Wien angekommen, zeigte ich einem Schutzmann den Zettel mit der Adresse, die uns mein Bruder geschickt hatte, und nach kurzer Zeit ging ich mit meinem braunen Koffer vor dem Kaffeehause auf und ab. Soweit hatte ich nicht viel Schwierigkeiten gehabt, doch nun wußte ich nicht, was ich eigentlich beginnen sollte. Es wäre ja allerdings das einfachste gewesen, hineinzugehen und nach ihm zu fragen. Ich sah jedoch durch die hohen Fenster zahllose Menschen an vergoldeten Tischchen sitzen und wagte so etwas nicht zu tun. Vielleicht, dachte ich, kommt er durch irgendeinen Zufall heraus, oder, sollte er ausgegangen sein, zurück, und ich könnte ihn dann sprechen.
Als aber fast eine Stunde verging und mein kleiner Koffer anfing, recht schwer zu werden, trat ich näher an die Fenster und blickte scharf hinein, in der Hoffnung, ihn vielleicht an einem Tische zu entdecken. Es waren aber alles fremde Gesichter. Eben wollte ich allen Mut, den ich besaß, zusammenraffen und doch hineingehen, als ich zwischen den Gästen einen Kellner bemerkte, dessen Gang und Haltung mir ungemein bekannt vorkamen. Er stand mit dem Rücken gegen das Fenster, so daß ich sein Gesicht nicht erkennen konnte; doch hatte ich das Gefühl, als hätte ich diesen Menschen schon irgendwo gesehen. Ich starrte eine Weile auf ihn und vergaß dabei ganz den eigentlichen Zweck meines Hierseins, als ein Gast, der ganz nahe bei dem Fenster saß, auf den Tisch klopfte, worauf der Gegenstand meiner Aufmerksamkeit sich umdrehte und eilig näher kam. – Ich hatte fast meinen Koffer fallen lassen, so bestürzt war ich, – es war mein Bruder! Ohne noch eine Minute zu zögern öffnete ich nun die Tür und trat hinein. Er bemerkte mich sofort, und während er sich mit scheuen Blicken nach links und rechts drehte, um sicher zu sein, daß ihn niemand beobachtete, kam er auf mich zu und sagte ganz leise, ich solle sofort hinausgehen und an der Straßenecke auf ihn warten, er käme in einer halben Stunde. Ich tat, wie er mir geheißen hatte. Während ich auf ihn wartete, konnte ich von meiner Überraschung kaum zurückkommen. Ich konnte kaum glauben, daß es wirklich mein Bruder war, mit dem ich gesprochen hatte, und daß er ein Kellner und kein Künstler sei. Die halbe Stunde war eben vorüber, als ich einen sehr elegant gekleideten jungen Mann auf mich zukommen sah. Es erfaßte mich ein neues Erstaunen, der elegante junge Mann war mein Bruder. Ich vermutete, daß er nun frei habe und bewunderte die Feinheit seines Anzuges. »Bekommst du denn so viel Trinkgeld?« frug ich, nachdem wir uns die Hände geschüttelt hatten, wie den Gedanken weiterknüpfend.
»Unglaublich,« rief er entrüstet, »wie kannst du mich mit einer so unerhörten Taktlosigkeit an dieses elende Geschäft erinnern?«
»Warum elendes Geschäft?«
»Warum?« wiederholte er zornig, »denkst du vielleicht, daß es mir Vergnügen macht, um Kerls herum zu schwänzeln, die in geistiger Weise weit unter mir stehen?«
»Ich glaubte,« sagte ich nach einer Pause, »du seiest ein Künstler geworden?«
Er lachte so fürchterlich, daß die Leute auf der Straße stehen blieben und uns ansahen. »Ein Künstler – das hätte ich dir wahrhaftig nicht zugetraut. Denkst du denn, daß die Künstler über Nacht vom Himmel fallen?«
»O nein,« erwiderte ich, um ihn auszusöhnen. »Ich weiß, es braucht oft viele Jahre.«
»Nun und von mir verlangst du, daß ich mit einem Male ein Künstler werden soll, wo mir jede Hilfe und jede Gelegenheit zur Ausbildung fehlt.«
»Natürlich nicht, ich dachte nur, du wüßtest schon, welche deiner Fähigkeiten die hervorragendste ist.«
»Oh,« entgegnete er leichthin, »darüber ist schon lange kein Zweifel; ich wäre sicher einer der ersten Maler geworden, wenn sich mir Gelegenheit geboten hätte, mit dem Mischen der Farben und der Führung des Pinsels vertraut zu werden. Ferner ist es ebenfalls zweifellos, daß ich ein großer Komponist geworden wäre, wenn ich das Wesen der Musik hätte studieren können. Drittens ist es außer Frage, daß ich auf dem Gebiete der Dichtkunst als Bahnbrecher erscheinen würde, wenn meine Verhältnisse jene Tiefe der Empfindung möglich machen würden, die unbedingt notwendig ist, um Großartiges zu schreiben.«
»Aber,« warf ich ein, an meine eigenen Gedichte denkend, »warum kannst du nicht genau so empfinden wie andere Leute?«
»Großer Gott!« rief er mit demselben fürchterlichen Lachen wie zuvor, »wie stellst du dir denn das eigentlich vor? Den ganzen Tag zwischen vier Wänden sein, Tassen tragen und Bücklinge machen. Kannst du dir nicht denken, daß bei einer so erbärmlichen Lebensweise jedes feinere Gefühl verkommt, der Intellekt versumpft und der ganze Mensch zum gemeinen Arbeitstiere herabsinkt?«
Er hatte mich vollständig überzeugt, und trotzdem ich nicht sprach, mußte er es gefühlt haben, denn seine Züge nahmen einen ruhigeren Ausdruck an, und auf meinen Koffer deutend, frug er: »Du hast wohl die Richtigkeit meiner letzten Worte von damals eingesehen und dich gewaltsam von den kleinlichen Verhältnissen auf dem Lande losgerissen, um in Wien eine Stelle anzunehmen?«
Ich erzählte ihm hastig, was ich zu tun gedachte.
»Da hört sich doch alles auf,« rief er, als ich geendigt hatte, »bist du denn verrückt geworden?«
»Warum, du hast doch damals selbst gesagt, daß ich trachten solle, es weiter zu bringen.«
»Solltest du wirklich so dumm sein, nicht zu wissen, daß du auf eine solche Stelle, wie du mir sie geschildert hast, kein Anrecht hast.«
»Wie meinst du das?«
»Solltest du nicht wissen,« fuhr er fort, ohne meine Frage zu beantworten, »daß solche Leute kein Dienstmädchen, sondern eine Dame brauchen, ein Wesen, das Manieren und Lebensart besitzt, um solche eventuell den Kindern beizubringen, die ihr anvertraut sind? Solltest du ferner nicht wissen, daß du von dem, was man hier ›Schliff‹ nennt, nicht das geringste besitzest? Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, als er hörte, daß ein schluchzender Laut sich meiner Brust entrang, »ist das nicht deine Schuld. Wo hättest du auch im Umgang mit den Leuten auf dem Lande witziges, gefälliges und sicheres Betragen lernen, wo jenes unerklärliche Etwas hernehmen können, das den feinen Menschen sofort von dem gewöhnlichen unterscheidet, wo hättest du endlich jene Bildung erlangen können, ohne welche man ein Nichts, eine Null, ein Niemand ist?«
Ich glaubte jedes Wort, das er sagte, und schluchzte leise in mich hinein. »Was soll ich denn tun?« frug ich endlich.
»An deiner Stelle würde ich nicht hinunterfahren, sondern hier in Wien bleiben, und ich werde mich bei meinen Freunden für dich verwenden; vielleicht könntest du eine Stelle als Kassiererin in einem Kaffeehause bekommen.«
»Nein, nein,« rief ich, meine Tränen zurückdrängend, »das will ich nicht.«
»Warum nicht, die verdienen viel Geld und machen gewöhnlich eine reiche Heirat.«
Ich schüttelte sehr bestimmt meinen Kopf. »Das will ich nicht,« sagte ich noch einmal, »da gehe ich lieber nach Budapest.«
Er zuckte gleichmütig die Schultern: »Wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen – wann geht dein Zug?«
»Um acht Uhr abends.«
»Das tut mir leid,« sagte er, seine Uhr ziehend, »ich habe um diese Zeit ein Rendezvous, und so kann ich nicht mitkommen.«
»Ein Randewau?«
»Ein Rendezvous,« verbesserte er mich, »da hat man's wieder,« fuhr er achselzuckend fort. »Du weißt eben gar nichts.« Dann öffnete er seinen Überzieher und suchte in seinen Taschen. Endlich zog er ein kleines Büchlein und einen Bleistift heraus und begann emsig zu schreiben. Als er fertig war, riß er das Blatt heraus und gab es mir. »Hier,« sagte er, »habe ich dir die wichtigsten Fremdwörter aufgeschrieben, die du unbedingt kennen solltest, weil heutzutage jeder wirklich gebildete Mensch nur Fremdwörter gebraucht. Und nun viel Glück und Gott befohlen, liebe Schwester.« Er reichte mir die Hand, die ich mechanisch nahm, und als ich aufblickte, war er fort.
Ich erkundigte mich nach dem Bahnhofe und schlug den angedeuteten Weg ein. Nachdem ich meine Karte gelöst hatte, stieg ich in den schon in der Halle stehenden Zug, und beim Schein der schwachen Wagenlampe überflog ich den Zettel, den mir mein Bruder gegeben. Darauf stand:
Rendezvous Melange
Engagement Carriere
Bureau oder Comptoir Milieu
Pardon Rouge
Toilette Noir
Banquet Manicure
Als ich mit dem Lesen fertig war, faltete ich den Zettel sorgfältig und steckte ihn in meine Tasche. Noch während ich damit beschäftigt war, setzte sich der Zug langsam in Bewegung....
Miklos Sandor, der Stellenvermittler, hatte in seinem letzten Briefe an mich bemerkt, daß er mich vom Bahnhof abholen würde, und mich gebeten, ein Taschentuch als Erkennungszeichen in der Hand zu halten. Als ich an jenem Morgen, nach einer vollkommen schlaflosen Nacht in Budapest ankam, stieg ich mit meinem kleinen Koffer in der einen und einem Taschentuch in der andren Hand, etwas schwerfällig aus dem Zuge, da meine Glieder durch das lange Sitzen ganz steif geworden waren. Ich sah mich einige Minuten auf dem Perron um und erblickte dann einen älteren Herrn, der eilig auf mich zukam. »Sind Sie das Fräulein aus Langenau?« frug er; ich bejahte seine Frage und hätte unendlich gerne gewußt, was er von mir dachte.
»Wollen Sie,« sagte er mit einem Blick auf meinen Handkoffer, »einen Wagen haben?«
Ich hatte nur ungefähr zwanzig Kreuzer in der Tasche und schüttelte sofort heftig den Kopf. »Nein, nein!« sagte ich rasch, »ich möchte lieber gehen.«
»Wie Sie wollen, Fräulein.«
Später frug er mich, ob er mir den Koffer tragen dürfte, doch ich verneinte ebenfalls hastig. Nach einem ziemlich weiten Weg trat er endlich in eines der hohen Häuser, und ich nahm an, es sei das Haus der Familie, in die er mich bringen wollte. »Sind wir schon da?« frug ich, und mein Herz schlug mir zum Zerspringen.
»Nein,« sagte er lächelnd, »das hier ist meine Wohnung; ich brachte Sie erst hierher, weil ich vermute, daß Sie etwas Toilette machen wollen. Meine Frau wird Ihnen gerne dabei helfen.«
Er hatte bei diesen Worten eine Tür geöffnet, und wir traten in ein hübsch aussehendes Zimmer. Eine Frauensperson kam herein und grüßte mich sehr freundlich; der Mann sprach einige Worte in ungarischer Sprache zu ihr, die ich natürlich nicht verstand, worauf er sich wieder zu mir kehrte und sagte: »Ich lasse Sie jetzt mit meiner Frau. Sobald Sie fertig sind, bin ich es auch.«
Nachdem er aus dem Zimmer war, begriff ich erst die ganze lächerliche Lage, in der ich mich befand; er erwartete von mir, daß ich mich umkleiden würde, um anständig auszusehen, wenn er mich der Familie vorstellte.
»Genieren Sie sich nicht,« sprach die Frau freundlich, »und tun Sie gerade, als ob Sie zu Hause wären.« Doch wenn ich zu Hause gewesen wäre, hätte ich auch nichts anderes tun können, als was ich tat. Ich stotterte, daß ich mich nicht umkleiden wolle, bat nur um eine Bürste, wenn das keine Ungelegenheiten bereite.
»Natürlich nicht, hier ist eine.« Und die Dame reichte mir den verlangten Gegenstand. Ich strich damit hastig einige Male über mein Kleid und gab sie ihr dankend zurück.
»Ist das wirklich alles?« frug sie in demselben freundlichen Ton.
»Ja, ich bin ganz fertig.« Darauf rief sie ihren Mann herein.
»Also fertig?«
»Ganz!« antwortete ich, und während ich mich nach meinem Koffer bückte, grüßte ich die Frau und folgte Herrn Miklos Sandor wieder auf die Straße.
Diesesmal aber gingen wir nur bis zur Straßenecke. Dort bedeutete er mich, auf einen Tramwaywagen zu steigen, einer Aufforderung, der ich höchst unbeholfen nachkam. Endlich aber war ich oben, und Herr Sandor setzte sich zu mir.
»Ich glaube,« begann er nach einer Pause, »daß meine Briefe ausführlich genug waren und Sie über Ihre künftigen Pflichten in keinerlei Zweifel sind. Was die Dame anbelangt, so denke ich, daß Sie ein lieberes und gütigeres Geschöpf kaum finden können. Sie ist wirklich ein Engel, und ich bin sicher, daß Sie sich in ihrem Hause wohl fühlen werden. Hinsichtlich der drei Knaben werden Sie ja selbst bald herausfinden, ob sie mit Güte oder mit Strenge behandelt werden müssen, und ich hoffe, daß Sie lange Zeit in Ihrer Stellung bleiben werden.« Er sprach noch eine ganze Weile in dieser Weise fort, und ich frug mich heimlich, ob ich denn vielleicht doch nicht so dumm und unfein aussähe. Endlich stiegen wir ab.
Das Haus, in das er mich führte, war ein sehr feines; es hatte Marmortreppen, und auf den Treppen lagen schwere Teppiche. Ein nett aussehendes Stubenmädchen brachte uns in ein geräumiges Vorzimmer und bat uns, zu warten. Ich stellte meinen Koffer auf den Boden und setzte mich herzklopfend auf die Kante eines Stuhles. Mein Begleiter setzte sich auch, doch Herzklopfen schien er nicht zu haben. Wir mußten ziemlich lange warten, und ich wünschte fast, daß nie jemand kommen möchte; aber noch während ich das wünschte, näherten sich leichte Tritte und eine noch junge Dame trat ein. Ich konnte vor Verlegenheit keinen Laut hervorbringen und stand nur furchtbar verschämt vom Stuhle auf. Sie blickte aber gar nicht nach mir, sondern begann ein Gespräch in ungarischer Sprache mit Herrn Sandor. Ganz plötzlich wandte sie den Kopf und sah mich voll an. »Glauben Sie,« frug sie, »daß es Ihnen in Budapest gefallen wird?« Ich wußte nicht, was sie eigentlich damit meinte, und neigte den Kopf. »Ich wechsle nämlich,« fuhr sie fort, »nicht gerne, und es wäre mir nicht erwünscht, wenn Sie vielleicht in zwei Wochen aus irgendeinem Grunde zurückkehren wollten.«
»O nein,« erwiderte ich, »ich werde sehr gerne hier sein.«
Der Stellenvermittler fing nun an, sich zu verabschieden und reichte mir die Hand. »Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe,« rief er mir noch zu, und dann ging er.
Die Dame bat mich darauf, mit ihr zu kommen und führte mich in ein Zimmer, das ganz weiße Möbel hatte und worin die drei Knaben um einen runden Tisch saßen. Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und sahen etwas schüchtern auf mich. »Das hier ist euer neues Fräulein. Sagt ihr guten Tag.«
Den Kindern gegenüber verschwand meine Schüchternheit vollkommen. Ich reichte jedem von ihnen die Hand und stellte einige Fragen, die sie in etwas gebrochenem Deutsch beantworteten. Dann legte ich meine Sachen ab, und trotzdem ich sehr müde war, beschäftigte ich mich doch sogleich damit, die Knaben zu gewinnen, indem ich ihnen Häuser aus Papier aufbaute und dergleichen mehr.
Nach und nach verlor ich auch meine Schüchternheit der Dame gegenüber, da ich merken konnte, daß sie mit mir zufrieden war. Auch die Kinder hatten mich bald lieb, und der Gedanke, daß man mich fortschicken würde, quälte mich nicht mehr.
Zu tun hatte ich genug; wie auf meiner früheren Stelle hatte ich die Kinder zur Schule zu bringen oder abzuholen. Nachmittags nahm ich sie spazieren, und des Abends setzte ich mich an den runden Tisch im Kinderzimmer und stopfte oder nähte.
Von einem brennenden Heimweh abgesehen, das mich besonders immer abends befiel, war ich ganz zufrieden und glaubte nun endlich gefunden zu haben, was ich so lange gesucht hatte. Nur ein Umstand trübte mein Glück. Ich hatte fast nichts anzuziehen. Es hätte mich das nicht sehr gekränkt, wenn ich nicht gewußt hätte, daß meine Dame mich gern hübsch angezogen gesehen hätte. Sie machte oft eine Bemerkung, die, wenn sie sich auch nicht direkt an mich richtete, mir doch zu verstehen gab, daß sie sich meiner armseligen Erscheinung vor ihren Freundinnen schämte, deren Fräulein so elegant gekleidet waren, daß ich im Anfang glaubte, sie seien auch Damen.
Einmal kam die Frau in das Kinderzimmer und blickte etwas ärgerlich um sich. »Die Kinder sind eingeladen,« sagte sie endlich, »doch mit wem soll ich sie schicken?«
Ich sah sie erstaunt an. »Natürlich mit mir,« sagte ich.
»Unmöglich, Sie können in Ihrem blauen Kleide dort nicht hingehen.«
Da erinnerte ich mich der Worte meines Bruders und begann wieder zu fürchten, daß man mich vielleicht doch fortschicken würde. Ich war noch keinen Monat dort und hatte darum mein Gehalt noch nicht bekommen, nahm mir aber vor, mir ein neues Kleid zu kaufen, sobald ich Geld hätte, und sah nun täglich die Schaufenster an, um mir jetzt schon ein solches auszusuchen. Es war auch manches Kleid darunter, das mir gefiel; so oft ich jedoch nach dem Preise frug, erschrak ich dermaßen, daß ich tagelang in kein Schaufenster mehr schaute. Meine Schuhe fingen auch schon zu zerreißen an, und als endlich der Tag der Erlösung kam, da waren so eine Menge Dinge nötig, daß die 35 Kronen nur so flogen, und zu einem Kleide reichte der Rest nicht.
Als ich einmal gerade beschäftigt war, die Kinder zu Bett zu bringen, kam der Hausherr herein, trat, nachdem er mit jedem der Knaben einige Worte gewechselt hatte, auf mich zu und fragte, während er mit seiner Hand über meine Bluse strich: »Ist denn das nicht zu kalt?« Die Worte waren ganz einfach und auch berechtigt, denn es war kalt, und die Bluse war dünn. Auch die Bewegung seiner Hand, wie er über die Bluse strich, war nicht weiter auffällig. Doch der Blick, mit dem er mich ansah, erinnerte mich an ein rohes Wort, wie ich es früher so oft gehört hatte. Ich verneinte seine Frage. Als er aber seine Hand wieder ausstrecken wollte, da trat ich rasch zurück.
Der Herr kam nun immer etwas früher nach Hause und hielt sich stets im Kinderzimmer auf; er sprach mit den Knaben, dabei aber wanderten seine Blicke fortwährend zu mir, und ich empfand jeden dieser Blicke als eine neue Beleidigung. Eines Nachmittags, als die Kinder in der Schule waren, auch die Dame ausgegangen war, und ich mit dem Ausbessern einiger Sachen am Tische saß, ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat herein. Ich neigte meinen Kopf zum Gruße und sah ihn etwas erstaunt an, weil er am Tage nie zu kommen pflegte. Nachdem er die Tür sorgfältig geschlossen hatte, trat er näher und lehnte sich an den Tisch. Ich hatte meine Arbeit wieder aufgenommen, doch meine Finger zitterten. Er sprach nichts. Das Schweigen war mir unerträglich.
»Warum,« sagte er endlich, »sehen Sie mich denn nicht an?«
»Weil die Kinder die Sachen hier brauchen,« erwiderte ich und senkte den Kopf noch tiefer.
»Ganz richtig, aber wenn ich mit Ihnen sprechen will, erwarte ich, daß Sie etwas Zeit haben.«
Ich nahm an, daß ich sehr unhöflich gewesen, da er doch der Herr des Hauses war. Ich stand auf und blickte demütig zu ihm empor.
»Sie müssen wissen,« sagte er langsam und jedes Wort in einer seltsamen Weise betonend, »daß ich es sehr gut mit Ihnen meine, daß ich z. B. zu manchem Opfer bereit wäre, wenn Sie es anerkennen möchten.«
Ich öffnete den Mund zu irgendeiner ungeschickten Entgegnung, doch winkte er mit der Hand, ruhig zu sein und fuhr fort: »Sie wissen selbst am besten, daß Sie sich in etwas bedrängten Verhältnissen befinden. – Ich würde nun alles tun, um Ihnen zu helfen. So bin ich gern bereit, Ihnen einen größeren Vorschuß zu geben, von dem Sie meiner Frau gegenüber ja nichts zu erwähnen brauchen.«
Während der letzten Worte hatte er ein Päckchen Banknoten aus der Tasche gezogen und legte es auf den Tisch.
Nun aber verließ mich alle Klugheit, und mich überkam eine maßlose Wut: »Nehmen Sie das Geld fort,« schrie ich, »sonst zerreiße ich es;« und da er es nicht sofort nahm, warf ich es ihm vor die Füße. Er bückte sich und hob es auf, aber der Blick, mit dem er mich nun ansah, war ein drohender.
»Ich werde,« sagte er, »noch heute mit meiner Frau sprechen, daß sie eine Dame ins Haus bringt und kein Dienstmädchen.«
Dann ging er hinaus.
Ich beschloß, die Stelle sofort zu kündigen, und konnte den Abend kaum erwarten, wo die Dame nach Hause kommen würde. Doch noch ehe dies geschah, erhielt ich einen Brief von zu Hause, der jämmerliche Nachrichten über die dortigen Verhältnisse enthielt. Der Schluß sprach die schüchterne Bitte aus, eine, wenn auch nur ganz kleine Summe Geld zu schicken, um die notwendigsten Ausgaben bestreiten zu können. Ich hatte mein Gehalt vor einigen Tagen erhalten und fast nichts davon ausgegeben; ich nahm nun alles, was ich besaß, und lief damit zu einem Postamt. Erst nachdem ich die Quittung in der Hand hielt, atmete ich auf und eilte mit dem Schein nach Hause.
Da es schon spät wurde, legte ich unter den quälendsten Gedanken die Kinder zu Bett, und erst da fiel mir ein, daß ich nun eigentlich keinen Heller Geld hatte und die Stelle ja nicht kündigen konnte, sondern noch wenigstens einen Monat warten mußte, um genug Geld zur Heimreise zu haben, denn von einer anderen Stelle in Budapest wollte ich nichts mehr wissen. Ich hatte in der kurzen Zeit so viel Demütigungen und so viel Heimweh erlitten, daß ich in dieser Stadt nicht mehr bleiben wollte. Mir fielen dann auch wieder die Worte ein, die der entsetzliche Mensch mir gesagt hatte. Der Gedanke, daß man mich fortschicken werde, ließ mich jedoch kalt. Wenn man mich wegsendet, so ist das etwas ganz anderes, als wenn ich selbst das Dach über meinem Kopfe abbreche.
Als es gegen acht Uhr ging, kam die Dame und ihr Mann zu gleicher Zeit zurück. Sie kam in Hut und Schleier in das Kinderzimmer und fragte mich, ob die Jungen artig waren. Ich bejahte es, worauf sie wieder ging. Ich hatte mein Abendbrot immer im Kinderzimmer, konnte aber das Klirren der Messer und Gabeln im Eßzimmer, das nur einige Schritte entfernt lag, deutlich hören. Diesen Abend horchte ich gespannt auf jedes Geräusch, das mir hätte verraten können, ob man von mir sprach. Doch sehr bald beruhigte ich mich. Die Dame lachte sehr oft und erzählte etwas mit lauter Stimme, aber von mir sprach man nicht.
Am nächsten Morgen war die Frau zu mir freundlich wie immer, und ich war nun sicher, daß ihr Mann nichts gesagt hatte. Nachdem ich die Knaben in die Schule gebracht hatte und eben beschäftigt war, der Kleinen Betten zu machen, kam die Köchin herein mit einem Paar Schuhe in den Händen. Ich hatte nun schon etwas Ungarisch gelernt und konnte mich dem Mädchen ganz gut verständlich machen. Die Köchin hielt die Schuhe hoch, und ich sah, daß es meine eigenen waren, die ich vor einigen Tagen zum Ausbessern gegeben hatte. Sie sagte, daß der Mann draußen warte, und nannte den Preis, der für das Ausbessern zu bezahlen war. Mit einem jähen Schrecken erinnerte ich mich wieder, daß ich alles Geld fortgesandt hatte und nun nichts besaß, um die Schuhe bezahlen zu können. Nach einigem Sinnen sagte ich der Köchin, daß der Bote die Schuhe wieder mitnehmen müsse.
»Aber,« frug sie, auf meine Füße sehend, die in Schuhen staken, die sicher nicht neu aussahen, »brauchen Sie sie denn nicht?«
»Ja, das wohl, aber was soll ich tun? Wenn die Dame zu Hause wäre, könnte ich sie um Geld bitten.«
»Das ist nur eine Kleinigkeit,« sagte die Köchin, »ich leihe Ihnen das Geld sehr gern.«
Da ich die Schuhe dringend brauchte, war ich sehr glücklich über ihr Anerbieten. »Ich danke Ihnen herzlich, Sie werden Ihr Geld schon abends wieder bekommen.«
»Das ist nicht nötig, die Dame hat es nicht gern, wenn man sie um einen Vorschuß bittet. Das hat Zeit, bis Ihr Monat zu Ende ist.«
Am Abend, als die Dame zurückkam, bat ich sie nicht um Geld, wie ich mir vorgenommen hatte. Außer der Bemerkung der Köchin hatte ich noch einen andern Grund, es nicht zu tun; ich schämte mich nämlich, zu sagen, daß ich mein Geld nach Hause gesandt hatte.
Im Laufe des Monats tat ich nun etwas, das ich noch heute bereue und wahrscheinlich immer bereuen werde. Ich borgte noch mehr Geld von der Köchin. Es waren sicher nur Kleinigkeiten, um die ich sie bat, doch wenn ich sagte, sie solle mir 10 Kreuzer leihen, so gab sie mir 10 Kronen, und ich hatte am Abend nichts mehr davon. In dieser Weise schuldete ich ihr, noch ehe der halbe Monat vorüber war, 25 Kronen, eine Schuld, rechnete ich, die mir noch immer 10 Kronen übrig lassen wird. Doch noch ehe der Monat zu Ende war, geschah etwas, das alles anders gestaltete.
Die Dame hatte ungefähr vierzig Personen zu einem Nachtessen eingeladen. Es wurde den ganzen Tag gekocht und vorbereitet, und der Abend war ungemein großartig. Selbstverständlich war ich von der vornehmen Versammlung ausgeschlossen und saß, wie gewöhnlich, im Kinderzimmer. Ich saß auf einem niedrigen Stuhl und las. Auf einmal hörte ich vorsichtige Fußtritte, und als ich aufblickte, stand der Herr des Hauses vor mir. Ohne ein einziges Wort zu sprechen, bog er sich nieder, nahm meinen Kopf in seine beiden Hände, hielt ihn wie in einem Schraubstock und küßte mich; dann ließ er mich hastig los, und leise, wie er gekommen war, ging er hinaus. Mit einem dumpfen Laut sank mein Buch auf den Teppich, und ich saß eine Weile regungslos. Am ganzen Körper zitternd, stand ich endlich auf und schritt zur Waschschüssel. Ich nahm eine Bürste und rieb mein Gesicht so lange, bis die Haut sprang und Blutstropfen hervorkamen; dann warf ich mich angekleidet auf mein Bett und blieb dort, ohne mich zu rühren, lange bis nach Mitternacht. Was ich in diesen Stunden empfand, war kein Zorn, kein Haß, es war ein namenloser Schmerz.
Am Morgen erwachte ich wie betäubt, und mechanisch verrichtete ich meine Arbeit. Auf dem Wege zur Schule überlegte ich mir, wie ich es nur anstellen sollte, um dieses Haus sofort verlassen zu können. Ich gedachte der 25 Kronen, die ich der Köchin schuldete, und der schauderhaften Tatsache, daß mein Gehalt erst in zwei Wochen fällig war. Würde ich sogleich kündigen, so reichte das Geld nicht einmal hin, um die Schuld bei der Köchin zu decken. Wo sollte ich denn noch alles Nötige für meine Heimreise hernehmen? Bei dem Gedanken an diese befiel mich eine heiße Scham. Ich hatte mir vorgestellt gehabt, daß ich in schönen Kleidern und vielen feinen Sachen einmal zu Hause ankommen werde, und statt dessen war ich um nichts besser daran als um die Zeit, da ich wegging. Doch darüber beruhigte ich mich bald. Zum Schluß wurde mir mein Aussehen ganz gleichgültig. Ich wünschte nur genug Geld zu haben, um die Köchin bezahlen zu können und die Reise nach Wien zu ermöglichen. – Vielleicht konnte mir mein Bruder von Wien aushelfen. Doch wie ich auch rechnete, es blieb kein anderer Ausweg, als das Fehlende zu verdienen, und das hieß: noch zwei weitere Wochen in der unerträglichen Umgebung bleiben.
Innerlich fast verzweifelnd, doch äußerlich ruhig sagte ich eine Stunde später meiner Dame »Guten Morgen«, und sie gab mir den Gruß gähnend zurück. »Ich habe mich gestern köstlich unterhalten,« sagte sie, »doch heute bin ich todmüde.«
Als ich einmal während des Morgens in die Küche ging, um einen Krug Wasser zu füllen, sah ich die beiden Mädchen zusammenstehen und leise miteinander flüstern. Als sie mich erblickten, schwiegen sie rasch und warfen hämische Blicke auf mich. Ich füllte den Krug und ging wieder ins Zimmer zurück, doch das beklemmende Gefühl konnte ich nicht loswerden.
Als ich dann gegen Abend die Kinder aus der Schule brachte, sagte mir die Köchin, daß die Dame mich sofort zu sprechen wünsche. Ich wollte den Kindern erst die Mäntel ausziehen, doch sie riß mir den Arm des Jüngsten, mit dem ich angefangen hatte, aus der Hand und sagte, ich müsse sofort hineingehen. Etwas geärgert und erstaunt, tat ich, wie sie mir gesagt hatte, und da das Zimmer offen war, schritt ich ohne anzuklopfen hinein. Die Dame stand in der Mitte des Zimmers, als ob sie mich schon erwartete, und ihre dunklen Augen blitzten mir zornig entgegen. »Muß ich es,« rief sie mir zu, ohne meinen Gruß zu erwidern, »von den Dienstmädchen erfahren, welche Kreatur ich in mein Haus aufgenommen habe? Hinaus!« schrie sie dann in einer schrecklichen Wut. »Und verpesten Sie die Luft nicht mehr, als Sie es schon getan haben. Wenn Sie in zehn Minuten nicht fertig sind, lasse ich Sie die Treppe hinunterwerfen.«
Ohne ein einziges Wort zu sagen oder zu fragen begab ich mich in das Kinderzimmer und packte rasch meine wenigen Sachen in meinen braunen Koffer. Die Kinder sahen ungemein verwirrt aus und hoben mir die Stücke auf, die mir in der Hast und Aufregung aus den Händen fielen. Als ich fast fertig war, hielt ich plötzlich inne und horchte auf; draußen in der Küche war ein furchtbares Geschrei entstanden, und im nächsten Augenblick stürzte die Köchin herein. »Mein Geld,« schrie sie, »wie komme ich jetzt zu meinem Geld?«
»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich. Darauf heulte sie wie ein hungriges Tier und lief wie verrückt im Zimmer auf und ab. Plötzlich aber war sie mäuschenstill, und als ich von meinem Koffer aufblickte, sah ich, daß die Dame im Zimmer stand.
»Was gibt es?« frug sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die Köchin gab Erklärungen unter erneutem Geschrei.
»Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin,« wandte sich die Dame an mich. »Sie elendes Frauenzimmer.... Und Sie haben neun Monate an meinem Tische gesessen und neun Monate bei meinen Kindern geschlafen? ... Sie Schmutzfleck, Sie ...« Und dann sagte sie ein Wort, das ich nicht wiederholen will. Ich fühlte, wie mir bei den letzten zwei Worten alles Blut aus den Wangen trat, doch ich biß die Zähne zusammen und sprach kein Wort. Ohne mich um die beiden zu kümmern vollendete ich meine Arbeit, und als ich fertig war, wollte ich hinaus.
Die Dame aber vertrat mir den Weg.
»Den Koffer lassen Sie hier,« donnerte sie. »Der Koffer bleibt hier, bis Sie der Köchin ihr Geld gegeben haben.«
»Ich habe Anrecht auf zwei Wochen Gehalt,« sagte ich, »das kann sie ja haben; sobald ich eine Stelle habe, schicke ich den Rest.«
Sie fingen dann untereinander zu beraten an, und die Dame sagte zur Köchin, daß sie mir die zwei Wochen Gehalt lieber auszahlen wolle, damit ich nach Hause fahren könne, denn sie wolle mich in Budapest nicht wissen, und das einzige, was man tun könne, sei, meinen Koffer zurückzubehalten.
Nach diesem Gespräch drehte sie sich zu mir herum und warf mir 17 Kronen auf den Tisch; »machen Sie schnell, daß Sie hinauskommen,« rief sie mit schrecklicher Stimme, »und der Koffer bleibt hier.«
Ich nahm das Geld und sah mich nach den Kindern um, sie waren jedoch nicht mehr im Zimmer. Draußen in der Küche stand das Stubenmädchen, das die ganze Zeit gehorcht hatte. Mit einer höhnischen Verbeugung öffnete sie mir die Tür.
Auf der Straße lief ich dann so schnell ich konnte dem Bahnhof zu und erkundigte mich nach dem nächsten Zug nach Wien. Zwei Stunden später drückte ich mich tief in eine Wagenecke und sah mich scheu um, weil ich glaubte, jemand hätte gerufen: »Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin, Sie elendes Frauenzimmer, Sie ...« Ich zitterte am ganzen Körper und schloß die Augen. Trotzdem mir unendlich elend und traurig zumute war, weinte ich diese Nacht keine einzige Träne. Am nächsten Morgen kam ich in Wien an. Ich dachte einen Augenblick daran, meinen Bruder zu besuchen, doch gab ich den Gedanken auf. Würde er nicht nur Spott und Verachtung für mich haben? So fuhr ich weiter nach Langenau.
Es war dunkel, als ich ankam, und ich eilte nach Hause. Die Kinder schliefen schon, doch meine Eltern saßen noch auf; sie sahen erschrocken auf mich, als ich zur Türe hereinkam, und stellten ängstliche Fragen. Ich aber sagte, daß die Familie, wo ich war, gestorben sei. Später ging auch mein Vater zu Bett, und ich befand mich mit meiner Mutter allein. »Wo hast du denn deinen Koffer?« frug sie mich. »Oh,« erwiderte ich mit erheucheltem Gleichmut, »man wird ihn mir schicken.« Es entstand nun eine lange Pause, während der meine Mutter nachdenklich auf mich starrte.
»Ich glaube, du hast kein Glück,« sagte sie endlich.
»Ich glaube auch,« erwiderte ich, und verfolgte mit den Augen eine große schwarze Spinne, die langsam über die Diele kroch.
Ich verblieb nun vorläufig zu Hause, doch wollte ich keinem einzigen Bekannten zu Gesicht kommen und verließ darum die Wohnung nie. Auch in Krems wußte niemand, daß ich zurückgekommen sei, und obgleich ich mich sehr sehnte, meine Lehrerin zu sehen, so konnte ich es doch nicht über mich gewinnen, ihr zu schreiben; sie zu besuchen war ganz unmöglich, da ich ja nichts Anständiges anzuziehen hatte. Meine Mutter frug mich jeden Tag, wann denn mein Koffer kommen würde, und ich sagte jedesmal: »Vielleicht morgen.«
Nach drei Wochen kam der Koffer zu meiner größten Überraschung wirklich an; ich war sehr glücklich, meine Sachen wieder zu haben; doch welchem Umstande ich es zu verdanken hatte, weiß ich noch heute nicht.
Meine erste Sorge war nun, eine neue Stelle zu finden. Die Verhältnisse meiner Eltern waren nicht besser als sie mir geschrieben hatten, und die Miete war immer eine brennende Frage. Doch wo sollte ich eine Stelle suchen? In Langenau? Davon wollte ich nichts wissen; in Krems? Auch davon wollte ich nichts hören; so blieb nur Wien. Ich schrieb meinem Bruder und bat ihn, etwas Passendes für mich zu suchen. Der Brief blieb ohne Antwort. Die Verhältnisse wurden nun immer bedrängter. Da ich nichts verdiente, konnte ich mir auch nichts anschaffen und stand wieder einmal auf dem Punkte, wo mir ein Paar neue Schuhe ein verlockender Gegenstand waren.
Ich hatte schon beschlossen, doch wieder eine Stelle in Krems anzunehmen, als eines Tages der Postbote einen Brief für mich brachte. Ich erkannte sofort die ungarische Marke mit dem schiefstehenden Kreuz und dem ausgespannten Adler. Die Handschrift aber war mir unbekannt. Ich fürchtete, daß man mich vielleicht an die 25 Kronen mahnen würde, und öffnete darum den Brief mit heimlicher Angst. Als ich ihn gelesen hatte, wußte ich nicht, ob ich mich über den Inhalt freuen sollte oder nicht. Der Brief war von Herrn Sandor. Er erwähnte nichts von der früheren Stelle und schrieb, daß er einen sehr guten Posten für mich hätte; es seien nur zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen im Alter von drei bis fünf Jahren in der Familie, und das Gehalt sei dasselbe. Meine Eltern drängten mich sofort, die Stelle anzunehmen, doch hatte ich meine eigenen Gedanken darüber und blieb lange unschlüssig. Am nächsten Tage kam schon wieder ein Schreiben aus derselben Quelle, und Herr Sandor bat mich, umgehend zu antworten. Daraufhin nahm ich alle meine Sachen und unterzog sie einer eingehenden Prüfung. Wenn ich, so rechnete ich dabei, neue Ärmel an diese Bluse nähe, so wäre sie noch ganz gut, und an diesen Rock einen neuen Bund, so könnte er auch noch gehen. Stück für Stück legte ich beiseite und nahm mir vor, mit dem Ausbessern sofort zu beginnen; doch erst setzte ich mich nieder und schrieb an Herrn Sandor, daß ich die Stelle annehmen möchte.
Am Tage vor meiner Abreise trieb es mich hinaus.
Es war spät am Abend, und im Schutze der Dunkelheit besuchte ich alle die Plätze, die ich so gut kannte und noch immer lieb hatte. Ich ging an dem Hause vorbei, das wir nach unserer ersten Übersiedelung bewohnten, und blickte durch das offene Tor. Der Bach floß noch wie früher durch den schmalen Hof, doch in der Ecke, in welcher meine Lilien geblüht hatten, die sich stets so großmütig für mich öffneten und schlossen, stand eine Hundehütte, und ein fremder zottiger Köter fuhr feindselig auf mich los. Traurig ging ich weiter. Der Kirchplatz war noch derselbe; die Kirche in der Mitte stand dunkel und still, und gegenüber lag das Haus meiner früheren Freundin Leopoldine. Die Fenster waren alle erleuchtet und das ganze Gebäude sah stattlich und wohlhabend aus; dann schritt ich die Straße hinunter, noch weiter als zum Hause des Färbers, bis ich beim Kirchhofe anlangte. Ich hatte als Kind vor diesem Orte immer große Scheu gehabt, doch heute fühlte ich mich so müde, daß jedes andere Gefühl dagegen verschwand. Ich lehnte mich an die niedrige Kirchhofsmauer und ließ die Gedanken gehen. Was war mein Leben bisher gewesen? Von Jugend auf verachtet und gemieden und nichts anderes zu eigen als die stillen Gedanken und die noch stilleren Träume. Ja, wenn mein Prinz gekommen wäre ... Der Prinz aus dem Märchenland ... Und als ich so über die Gräber ins Dunkle starrte, da hatte ich eine Vision. Ich sah einen riesengroßen feuerroten Kreis, der alle Menschen umschloß, nur ich war draußen – allein.
Am nächsten Tage begleiteten meine Eltern mich wieder zur Bahn, doch dieses Mal sprach ich fast nichts und schritt beinahe widerwillig neben ihnen; später saß ich im Zuge, aber was ich empfand, war nur Gleichgültigkeit ... Ich wußte nicht, daß mein Schicksal auf mich wartete ...
Dieses Mal holte mich der Stellenvermittler nicht vom Bahnhofe ab. Er schrieb mir, daß ich ja nun Budapest schon kenne und daher meinen Weg leicht finden würde, um so mehr, da das Haus der Familie, der er mich empfohlen hätte, ganz nahe beim Bahnhof sei. Es war auch so. Ich hatte nur eine einzige Straße zu überschreiten und fand schon, was ich suchte. Mir war in der letzten Zeit alles so furchtbar gleichgültig geworden, und ohne eine Spur des üblichen Herzklopfens stieg ich die Treppen hinauf. Oben angelangt, drückte ich auf die Klingel, worauf ein Mädchen erschien, das mich fragte, ob ich die neue Friseurin sei. Ich schrieb diese Frage meinem abgetragenen Kleide, meinen abgestichelten Handschuhen, meinen vertretenen Schuhen zu, verneinte aber ihre Frage mit aller Würde, der ich fähig war, und sagte, ich sei das neue Fräulein. Daraufhin führte sie mich in ein Vorzimmer. Nach einer Weile kam das Mädchen wieder und bat mich, mit ihr zu kommen. Ich folgte ihr in ein Zimmer, das grüne Vorhänge hatte und über dessen Tisch eine grüne Decke lag. Es muß wohl die grüne Decke gewesen sein, die mich plötzlich an den einstigen »Salon« meiner Mutter erinnerte. Ich hatte mich beim Eintritt in das Zimmer stramm aufgerichtet, um so würdevoll als möglich auszusehen. Als jedoch meine Gedanken mich plötzlich in jene entfernte Zeit zurücktrugen, vergaß ich meinen Vorsatz, und meine Schultern sanken etwas nach vorne, in ihre gewohnte Haltung.
»Sind Sie das neue Fräulein?«
Ich wandte meine Augen verwirrt von der Decke, nickte bejahend auf die Frage und blickte dann voll auf den Herrn, der vor mir stand.
»Sie schrieben doch, daß Sie einundzwanzig Jahre alt seien.«
»Das bin ich auch.«
»Sie sehen viel jünger aus.«
Ich sagte, daß ich nichts dafür könne, und darauf lächelten wir beide. Er stellte mir noch einige Fragen, und gleich darauf erschien eine große stattliche Dame, seine Frau. Sie führte mich in das Kinderzimmer, und da es noch früh am Tage war, traf ich die Kleinen im Hemdchen an, worin sie so herzig aussahen, daß ich sie sofort lieb hatte ... Mein Leben wurde nun wieder so ziemlich dasselbe, wie auf meiner früheren Stelle. Ich beschäftigte mich ausschließlich mit den Kindern, spielte mit ihnen, führte sie spazieren und später auch zur Schule. Unsere Spaziergänge machten wir gewöhnlich der Donau entlang, die in Budapest so breit und prächtig wallt, und mit den großartigen Gebäuden am jenseitigen Ufer, hauptsächlich der Königsburg, einen ungemein vornehmen Eindruck macht. Bei schlechtem Wetter schickte ich die Kinder auf den Gang, der auf derselben Höhe wie die Wohnung um den ganzen Hof herumlief und seiner Glattheit wegen einen unvergleichlichen Ort für jenes Spielzeug bot, das die Pflicht hat, von selbst zu laufen, wie Eisenbahnen, Automobile und dergleichen.
Eines Nachmittags hatte ich die Kleinen wieder hinausgeschickt und versprochen, bald nachzukommen. Als ich ihnen aber in wenigen Minuten folgte, konnte ich sie nirgends erblicken. Da rief ich ihre Namen, und sie antworteten sofort, doch wußte ich noch immer nicht, wo sie eigentlich steckten.
»Wo seid ihr?«
»Hier!« ertönte es, und dabei öffnete sich eine gegenüberliegende Tür, der ich bis jetzt keine Beachtung geschenkt hatte, und mein kleines Mädchen steckte seinen süßen dunklen Kopf heraus. »Hier,« wiederholte sie, »kommen Sie herein, bitte.« Ich kannte zwar die Leute nicht, die dort wohnten, da ich aber annahm, daß es Freunde der Familie seien, schritt ich hinein.
In dem Zimmer, in das die Kleine mich geführt hatte, befand sich ein vielleicht dreißigjähriger Mann, der anscheinend allein zu Hause war und die Kinder mit Marken, Bildern und anderen Dingen unterhielt. Er grüßte mich in geläufigem Deutsch und mit einer Höflichkeit, wie noch nie jemand mich begrüßt hatte; ich bezwang meine anfängliche Verlegenheit und setzte mich auf seine Aufforderung.
Die beiden Kinder hatten sich in eine Unterhaltung über den möglichen Wert einer ausländischen Marke vertieft, und so wandte der Inhaber des Zimmers sich mir im Gespräche zu. Erst banal, alltäglich, mit einer feinen Ironie in seiner Stimme; dann durch einige meiner Bemerkungen plötzlich interessiert, forschend und ernst. Wir kamen auf ein Gebiet, von dem ich heute noch nicht weiß, wie wir uns dahin verstiegen hatten. Elegant in dem Sessel zurückgelehnt, eine Zigarre im Munde und den Kopf nach hinten, frug er: »Und was glauben Sie, das größer ist: der Rausch oder die Reue; ist der Rausch die Reue wert?« Ich begriff die Frage nur halb und sagte, ich wüßte das nicht. Dann erzählte ich ihm von meinen Gedichten, und er horchte auf und lächelte das feine ironische Lächeln, das ich damals auch nicht begriff. Als ich mich bei ihm mit den Kindern verabschiedete, frug er mich, welche Bücher ich lese.
»Keine.«
Über diese Antwort schien er erstaunt zu sein.
»Darf ich Ihnen aus der Bibliothek welche besorgen?«
Ich fand sein Anerbieten sehr liebenswürdig und sagte, es würde mich sicher freuen. Einige Tage später übergab mir der Hausbesorger ein Paket mit Büchern. Auf dem obersten lag ein kleiner Zettel.
»Ich habe die Bücher in aller Eile gewählt, hoffe aber, die Wahl zu Ihrer Zufriedenheit getroffen zu haben.« Nichts weiter, nicht einmal eine Unterschrift. Sobald ich Zeit hatte, schlug ich eines der Bücher auf. Es war ein Bändchen Erzählungen von Jakobsen. »Morgan« hieß eine der Geschichten. Ich las sie vom Anfang bis zum Ende. Ein Mann, ein Träumer, der heute ein Mädchen leidenschaftlich liebt und sie morgen wieder vergißt. Und um diesen Menschen Bilder von seltsamer Farbe und funkelndem Licht. Das Buch gefiel mir, aber eigentlich verstand ich es nicht. »Haben Sie schon aus den Büchern gelesen?« frug mich mein neuer Bekannter, sobald er mich traf. Ich bejahte es.
»Auch die kleine Geschichte Morgan?«
»Ja.«
»Gefiel sie Ihnen?«
»Ich weiß es nicht.«
»Eine der schönsten Stellen ist die, wo er mit seiner jungen Frau durch die wogenden Kornfelder geht.«
»Ja, aber ich glaube, er muß ein schrecklicher Mensch gewesen sein.«
»Warum das?«
»So unruhig, so launenhaft, so unbeständig.«
Nach diesen Worten traf mich ein flammender Blick, dann zog er den weichen Hut tief über die Stirne und lächelte. –
Wir trafen uns nun fast jeden Tag, gewöhnlich am Morgen, wenn ich die Kinder zur Schule führte und er in die Bank mußte. Eine kleine Strecke fuhren wir zusammen, dann mußte ich mit den Kindern aussteigen, und er fuhr weiter. In diesen flüchtigen Minuten führten wir sprunghafte Unterhaltungen. An irgendeinen Zufall, einen Gedanken oder eines meiner Gedichte anknüpfend, sprachen wir scheinbar objektiv, bis wir plötzlich stockten, weil jedes meinte, es habe etwas verraten. Nach und nach fing ich an, an ihn zu denken, auch wenn ich ihn nicht sah. Mitten aus all den sehnsüchtigen, unverständigen Träumen, die ich von jeher geträumt hatte, hob sich sein Bild wie eine lodernde Frage. – Und etwas, das die ganze Zeit dumpf und leblos in mir gelegen hatte, dehnte sich, richtete sich auf und lächelte wie ein Genesender. Einmal hatte ich ihn zwei Tage nicht gesehen, und weil mein Herz voll war von einer wundersamen Sehnsucht, schrieb ich ihm einen Brief. Nicht daß ich ihn zu sehen wünschte oder ähnliches. Nein, Gedanken, die mir reich wie ein Regen in die Seele fielen und mit denen ich nicht wußte, was zu tun – Bilder, die ich schön und seltsam fand und mit ihm teilen wollte. Den nächsten Tag zitterte ich vor Ungeduld, ihn zu sehen. Doch ich sah ihn nicht. Den nächsten Tag auch nicht, den nächsten auch nicht. Am vierten Tage endlich ... Mein erster Impuls war, ihm entgegen zu stürzen, doch dann hielt mich das süße Zagen, das mich nun schon lange immer in seiner Nähe überfiel. Es schien erst, als ob er an mir vorüber wollte, ohne mich zu bemerken, doch dann zögerte er, blieb stehen und grüßte. Ich konnte sein zurückhaltendes Benehmen nicht verstehen und fühlte einen brennenden Schmerz. »Warum?« frug ich, »warum sehe ich Sie so selten?« Er atmete tief und sah an mir vorbei.
»Weil es unklug wäre, wenn wir uns öfter träfen.«
»Warum?«
Er antwortete wieder nicht gleich. »Es gibt,« sagte er endlich, »Wölfe, die im Schafspelze herumlaufen.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Nicht?«
»Nein.«
»Ich will Sie warnen.«
»Vor wem?«
»Vor einem Wolf, der im Schafspelze herumläuft und dem Sie Ihr Vertrauen schenken.«
»Wen meinen Sie?«
»Mich.«
Der Sinn seiner Worte dämmerte endlich in mir, doch einer tiefen, sicheren Glückseligkeit voll, schüttelte ich den Kopf.
»Sie sind kein Wolf im Schafspelz.«
Er atmete wieder, wie er es im Anfang getan hatte, und blickte geradeaus.
»Ich bin einer, ein grausamer, herzloser Wolf, einer, der ein Lamm unbarmherzig verschlingen würde, wenn es ihm ohne Hund und Hirte in den Weg käme.«
Ich sah in sein Gesicht, das mir auf einmal hager und verlebt erschien, und da wurde ich still und traurig. Das, was er da eben gesagt hatte, klang nicht nach Heimat und Glück. Wie ein Abgrund tat es sich plötzlich vor mir auf, und das helle Jauchzen, das wie eine Verheißung noch kurz vorher durch jede Falte meiner Seele stürmte, verstummte mit schrillem Klang. Doch schon im nächsten Augenblicke erhob es sich wieder. Erst ein feines Zittern, dann ein leises Trillern, dem ich nicht wehren konnte und auch nicht wehren wollte. Etwas in mir weinte, aber das, was gejubelt hatte, jubelte noch. –
»Haben Sie meinen Brief erhalten?« frug ich ihn nach einer langen Pause.
»Ja, und ich danke Ihnen dafür.«
»Darf ich Ihnen wieder schreiben und meine Gedichte mitsenden?«
Er blickte lange ins Weite und zögerte mit der Antwort.
»Darf ich?« frug ich noch einmal.
»Ja!« Er sagte es kurz und zögernd, als ob er fürchte, es zu bereuen.
»Und Sie werden mir zurückschreiben?«
Er zögerte wieder und länger als zuvor.
»Ich glaube nicht – das heißt, vielleicht manches Mal, aber nie sehr viel.«
»Nur manches Mal und nie sehr viel?«
»Ja, und das auch nur unter einer Bedingung.«
»Unter welcher Bedingung?«
»Das niemand von unserem Briefwechsel erfährt.«
»Warum?«
»Weil es Ihretwegen besser ist.«
»Warum meinetwegen?«
Und ehe er antworten konnte, flammte ein plötzlicher Groll in mir auf.
»Sie sind feige.«
Darauf zuckte er mit den Achseln.
»Wenn es Ihnen Freude macht, das zu denken, will ich Sie nicht daran hindern, doch dürfte eine kleine Aufklärung am Platze sein. – Es ist nicht meinetwegen, sondern Ihretwegen. Ein unverheirateter Mann kann tun, was er will. Er kann einem Mädchen den Hof machen, ihm den Kopf verdrehen, und niemand wird es einfallen, ihn darum zu tadeln. Die allgemeine Auffassung, die aber in bezug auf ein Mädchen herrscht, kennen Sie ja.«
»Ich kümmere mich nicht um die Leute.«
»Das glaube ich, aber die Leute kümmern sich um Sie.«
»Aber ich mache mir nichts daraus.«
»Aber ich.«
»Also doch Ihretwegen.«
»Nein Ihretwegen.«
Er war stehen geblieben und sah mich hart und entschieden an. Ich kam mir plötzlich so elend und erbärmlich vor, daß ich mich vor mir selbst schämte. Was sollte das eigentlich heißen? Da vor mir stand ein Mann, den ich bat und bettelte, ihm schreiben zu dürfen, und der mir erklärte, er würde es gnädig erlauben, wenn ich auf von ihm gestellte Bedingungen einginge. Ein bitterer Zorn überkam mich. Würde er es wagen, so zu einem andern Mädchen zu sprechen? Zu der Tochter eines Vorgesetzten oder eines Bekannten? Würde er sich da auch einer Bekanntschaft schämen? Denn nichts anderes konnte es sein, als daß er sich meiner schämte. Meiner armseligen Kleidung, meiner armseligen Stellung. Eine Vision von Mädchen in reicher, vornehmer Kleidung zog blitzschnell an mir vorbei, und es wallte wie Neid in mir empor. Hatte er nicht recht? Was war ich denn? Was waren meine Eltern? Arm – bitterlich arm.
»Gehen Sie,« sagte ich gequält, »ich will Ihnen nicht mehr schreiben.«
»Das können Sie nicht.«
Meine Traurigkeit wandelte sich wieder in Zorn.
»Warum kann ich das nicht?«
»Weil Sie mich brauchen.«
Seine Augen hatten den harten Ausdruck verloren, sie blickten ruhig, doch bestimmt, und von diesem Blicke ging eine Herrschaft aus, die bis jetzt kein Mensch imstande war, auf mich auszuüben; und weil sich dagegen alles, was frei und stolz und stark in mir war, auflehnen wollte, sagte ich: »Ich hasse Sie.« Dann drehte ich ihm den Rücken und lief davon. Später, als es dunkel wurde und die Kinder schliefen, setzte ich mich an das offene Fenster und blickte auf die Straße hinab, in der die Gaslaternen flammten und unzählige Menschen hin und her wogten, so verschieden in Aussehen und Gebaren und doch alle einander so ähnlich durch den gemeinsamen Trieb nach Zerstreuung und Vergnügen. Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten. Sie strömten dem Lustspieltheater zu, das ganz in der Nähe lag; wie ein feiner elektrischer Strom schlug ihre Hast und Erwartung zu mir empor. Mit einem leisen Schauder fühlte ich diese fremde, rätselhafte Gewalt, und plötzlich war es mir, als ob ein riesengroßes Ungeheuer, mit höhnischem Munde und boshaften Augen, den Knäuel von Menschen, Pferden und Kutschen mit lautem Gelächter und Fußtritten vor sich herrollte. Um das Bild los zu werden schloß ich die Augen und dachte nach Hause. Ich stellte mir die Kinder vor, wie sie zu zweien in den Betten lagen, und sah meine Mutter, angetan mit einem abgeflickten Kleidungsstücke, beim Tisch sitzen. Ich spürte förmlich den Geruch der kleinen Petroleumlampe und sah die rotgeränderte Flamme hinter dem verbogenen Schirme zucken.
Dann wieder sah ich mich selbst unter der Kinderschar, mit dem unzufriedenen Gemüt und dem unbestimmten Drang nach irgend etwas ganz, ganz anderem; mit der großen Sehnsucht nach einem Menschen, dem ich all die Dinge erzählen konnte, die ich beständig dachte und über die, hätte ich sie verraten, mein Vater verständnislos den Kopf geschüttelt und meine Mutter gequält gelächelt hätte. – Und plötzlich befand ich mich wieder im Banne jener Augen, die mich heute so ernst, so bestimmt angesehen hatten ...
»Weil Sie mich brauchen,« hörte ich ihn wieder sagen, und die Worte, die am Nachmittag so brutal, fast höhnisch klangen, tönten jetzt so weich und beruhigend, tönten so zuversichtlich, daß ich unwillkürlich die Arme ausstreckte, wie mich daran zu klammern.
Ich hatte ihm geschrieben und dem Briefe die letzten meiner Gedichte beigelegt. Daraufhin sandte er mir ein paar Zeilen, die den Wunsch enthielten, mich allein sprechen zu können. Ich hatte ihn bis jetzt immer nur in der Gesellschaft der Kinder getroffen, und der Gedanke, ihn einmal ganz allein und ungestört sprechen zu dürfen, ließ mich in einer eigentümlichen Weise erbeben.
Unter einem sehr dummen Vorwand machte ich mich am folgenden Tage eine Stunde frei und traf pünktlich ein. Sein Gruß war außerordentlich höflich, sein Gesicht außerordentlich ernst. »Ich habe,« sagte er, »nur eine Viertelstunde Zeit und will darum sofort mit dem beginnen, worüber ich mit Ihnen sprechen will.« Die Bemerkung, daß er nur eine Viertelstunde, während ich eine Stunde Zeit hatte, ärgerte mich, und so antwortete ich kaum auf seine Einleitung. Er schien aber meinen Unmut nicht zu bemerken und fuhr fort: »Ich danke Ihnen zuerst für den Brief sowie für die Gedichte; doch ist es der Gedichte halber, daß ich Sie sprechen wollte. Schon aus den früheren Gedichten habe ich ersehen, daß Sie ein großes schönes Talent besitzen. Aber so herrlich auch die Gedanken sein mögen, welche Sie darin aussprechen, so schlecht ist die Form, in die Sie sie kleiden. – Hier« – er zog meinen Brief aus seiner Brusttasche – »können Sie genau sehen, was ich meine.«
Ich starrte verwirrt auf das Blatt Papier, das er mir entgegenhielt, konnte aber nichts sehen und bat ihn um weitere Erklärung. Darauf lächelte er, doch nicht das spöttische Lächeln, und sagte:
»Den Gedichten fehlt jede Form.«
»Form?« frug ich erstaunt und verletzt, »was sollen sie denn für eine Form haben?«
»Richtige Form. Wie Sie selbst sehen werden, stimmt das Versmaß nicht.«
Er las dann jede Zeile langsam, und zwischendurch machte er Bemerkungen wie:
»Diese Zeile hat einen Fuß zu wenig, und diese hier hat einen Fuß zuviel ... diese Zeile ist, was Takt anbelangt, viel zu langsam, und diese viel zu schnell. Es müßte ungefähr so heißen ...«
Dann las er das Gedicht noch einmal, ersetzte aber durch irgendein Wort das fehlende, und ließ weg, was er für überflüssig fand. Ich hatte so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht gehört und horchte nun auf jedes Wort, das er sagte, mit größtem Interesse. Nachdem die Viertelstunde und noch einige Minuten darüber um waren, verabschiedeten wir uns, und ich ging, von ganz neuen Gedanken erfüllt, nach Hause. Sobald ich aber Zeit hatte, nahm ich einige meiner Gedichte vor und fand darin dieselben Unebenheiten. Einige Tage später, als ich meinen Freund, ich weiß nicht mehr, zufällig oder nicht zufällig, auf dem Gange traf, überreichte er mir zwei Bücher, ein großes und ein kleines. »Das hier ist eine Grammatik der deutschen Sprache, denn – und nun lächelte er wieder gütig – Sie machen in Ihren Gedichten auch sehr viel grammatikalische Fehler, und das hier ist eine Poetik, die Ihnen deutlicher, als ich es imstande bin, erklären wird, was Sie beim Dichten im Auge zu halten und was Sie zu vermeiden haben.«
Ich dankte ihm für die beiden Bücher. Als ich sie jedoch abends durchblätterte, fand ich die deutsche Grammatik recht langweilig und die Poetik ganz unverständlich. Wenn ich, so sagte ich zu mir, so dichten müßte, wie es in diesen Büchern steht, so würde ich überhaupt nichts dichten können. Ich legte darum die beiden Bücher beiseite und dichtete in meiner alten Weise fort. Dieses Mal verging fast eine Woche, ehe ich ihn wiedersah, und er frug mich sofort, wie mir die Bücher gefielen. Ich schämte mich aber, die Wahrheit zu sagen und antwortete: »Ganz gut.«
»Haben Sie etwas Neues gedichtet?«
Darauf bejahte ich und zeigte ihm meine letzten Gedichte; er las sie aufmerksam durch und gab sie mir dann zurück. »Die Gedanken, die darin enthalten sind, sind ja gut, wie immer, nur schade, daß Sie den beiden Büchern nicht mehr Aufmerksamkeit schenken.«
»Wie wissen Sie das?«
»Das kann ich sehen. Hätten Sie nur etwas Geduld mit ihnen gehabt, so könnten Ihnen solche grobe Fehler, wie sie sich in diesen Gedichten finden, nicht möglich sein.« Ich schämte mich bei dieser Rede noch mehr; doch plötzlich erwachte mein Trotz.
»Die Bücher sind sehr langweilig, und ich werde nichts daraus lernen.«
»Gut,« entgegnete er, »so wollen Sie also immer ein Kindermädchen bleiben?«
Ich senkte den Kopf und ärgerte mich, daß er es wagte, so mit mir zu sprechen. Am Abend nahm ich die Bücher und lernte. Es war besonders die Poetik, mit der ich mich beschäftigte, und sobald ich etwas in das eigentliche Wesen dieser Kunst eingedrungen war, merkte ich bald genug, was meinen Gedichten mangelte. Schon nach einigen Wochen eifrigen Lernens schrieb ich ein neues Gedicht, das mir ein warmes Lob von meinem Freunde einbrachte. Das Gedicht, »Lebenslied« genannt, lautete:
Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget
Am goldenen Rocken,
Aus Dunkel und Licht,
Ohn' Säumen und Stocken,
Horch, fühlst du es nicht?
Still sachte und leise
Nach ewiger Weise
Das Schicksal die flimmernden Fäden flicht.
Mit ruhigen Zügen
Und offenem Haar
Die Göttinnen fügen,
Nur Himmlischen klar,
Süßholder Gefühle
Liebreizende Spiele
Im menschlichen Busen uns wunderbar.
Und wirken und weben,
O, sorget euch nicht!
Noch während wir beben,
Schon knüpfen sie Licht,
Und ziehn uns die Säume
Frohglänzender Träume
Um's tränenbefeuchtete Angesicht.
»Es ist das,« so sprach er, »Ihr erstes Gedicht, und ich gratuliere Ihnen dazu.« Diese Worte machten mich ungemein glücklich und stolz. Mit einer erschreckenden Gewißheit hatte ich begriffen, daß ich in jeder Beziehung weit unter ihm stand, daß ich nichts, nichts in die Wagschale zu werfen hatte, wenn man meine Verhältnisse gegen die seinen wog. Daß ich ein armes unbedeutendes Mädchen war, das nie, nein, in seinen kühnsten Träumen nicht, hätte von ihm träumen dürfen.
Und nun fühlte ich mit einem süßen Zittern, daß dieser elegante Mann mit dem feinen Wesen wie ein fremdländischer Vogel, mit glänzendem Gefieder, durch die stillen Wälder meiner Seele flog – und fortfliegen würde, sobald er sie nimmer still und duftend fand. Und wie ich so in die tiefsten und geheimsten Gedanken lauschte, spürte ich auf einmal eine heiße Angst. – Dieser Fremdling, der da zufällig, wie im Vorüberwandern zu mir kam, durfte nicht wieder fort. Nein, nie wieder. Aller Glanz, alle Wärme, alle Lieder würden mit ihm gehen. Diese uneingestandene köstliche Erwartung, die mir ihr Märchen wie mit Silberglocken in die Seele läutete – diese neue wundersame Zagheit, die mir so oft den Fuß zum Stocken und das Herz zum Zittern brachte – dieses rasche, süße Aufquellen einer unergründlichen Glückseligkeit, das alles würde mit ihm gehen. – Und dann wachte etwas in mir auf, das sich gegen diese Angst bäumte, etwas, das wuchs und wuchs, bis es alles andere überragte: ein neues Bewußtsein, gepaart mit einer neuen Stärke, und so nahm ich den Kampf auf, den jedes Mädchen wenigstens einmal kämpft und der schwerer ist als alle Kämpfe, die je von Heereszügen ausgefochten wurden.
Aber so tief und leidenschaftlich dieser Kampf innerlich auch gewesen sein mag, so wenig offenbarte er sich nach außen. Wir trafen uns zwar fast jeden Tag, doch selten allein; und verabredeten wir auch hie und da eine Zusammenkunft, hatten wir nie mehr als eine halbe Stunde zur Verfügung. Er hatte sich nach und nach völlig verändert. Das spöttische Wesen, das er im Anfange unserer Bekanntschaft immer zur Schau getragen hatte, war verschwunden, und an seiner Stelle erschien ein nachdenklicher Ernst. Was mich anbelangt, so machte mich seine Ruhe und Höflichkeit scheu und schroff, weil ich fürchtete, Empfindungen preiszugeben, die vielleicht gar nicht erwidert wurden. Denn wie und was er über mich dachte, konnte ich nie begreifen. Er war immer so gut, so besorgt, dabei so unbarmherzig streng, fast brutal, wenn sich mein Eigensinn gegen seinen Willen auflehnte.
Einmal befand ich mich mit den Kindern am Gang, und meine Dame war ebenfalls herausgekommen. Ich saß mit einer Näharbeit beschäftigt, und trotzdem ich nicht aufblickte, fühlte ich plötzlich, daß noch jemand da war. Gleich darauf hörte ich eine Stimme, die ich kannte, und mein Herz begann stärker zu klopfen. Ich hatte gedacht, daß er zu mir herantreten und mich grüßen würde. Er tat das aber nicht, sondern unterhielt sich mit meiner Dame. Alles Blut drängte sich mir langsam ins Gesicht. »Der Feigling,« schrie es in mir, »er wagt es nicht einmal, mich zu grüßen.« Ich zitterte vor Scham und Empörung, und nichts in der Welt hätte mich bewegen können, die Augen aufzuschlagen. Die Unterhaltung, die sie führten, war kurz und nichtssagend; nach einigen Minuten verabschiedete er sich mit höflichen Worten von meiner Dame, mit ein paar Scherzworten von den Kindern, dann flog eine Tür ins Schloß und ich wußte, daß er fort war. Ich hätte weinen mögen, vor Wut und Traurigkeit. Das also war mein Freund. – Sobald ich die Kinder zu Bette gebracht hatte, schrieb ich ihm einen Brief, worin ich ihn bat, mir sämtliche Briefe und Gedichte, die er von mir erhalten hatte, zurückzusenden, da ich unsere Freundschaft, die, wie ich erst jetzt herausgefunden, nie eine Freundschaft war, aufgehoben wünschte. Ich dachte, daß er meinem Wunsche sofort nachkommen würde, und war erstaunt, nichts von ihm zu hören. Ein Tag verging nach dem andern, und endlich, nach einer Woche, übergab mir der Hausbesorger einen Brief, besser gesagt, einen Zettel: »Ich möchte Sie allein sprechen, bitte, bestimmen Sie Zeit und Ort.« Erst nahm ich mir vor, nichts zu erwidern. Zwei Tage hielt ich es aus, dann schrieb ich ihm, »wo und wann«.
»Was soll das bedeuten,« frug er, mein letztes Schreiben hervorziehend. Darauf brach ich in bittere Vorwürfe aus. Er unterbrach mich mit keiner Silbe, und ich sprach, bis ich nichts mehr zu sagen wußte. »Sie sind ein Kind,« sagte er dann, und dabei sah er mich halb belustigt, halb traurig an. Seine anscheinende Gleichgültigkeit aber ärgerte mich. »Bitte,« sagte ich würdevoll, »wann werde ich meine Briefe wieder haben?«
Seine Augen flammten plötzlich und seine Lippen preßten sich aufeinander:
»Niemals.«
»Aber es sind meine Briefe.«
»Sie täuschen sich, die Briefe gehören mir.«
Er war stehengeblieben und in seinen Zügen war der tiefe Ernst und die Entschlossenheit, die ich so gut kannte. Da brach aller Zorn in mir zusammen, und halb weinend schmiegte ich mich an ihn. Eine Sekunde lang ließ er mich gewähren, dann richtete er sich straff auf und zog seine Uhr.
»Es ist Zeit, daß Sie gehen.«
Er sprach kühl und höflich wie immer, der Blick aber, mit dem er mich ansah, war ein wunderbarer Blick, und voll von einem neuen Wunder, gemischt mit einem herben Weh, schritt ich halb betäubt nach Hause. –
Später lernte ich auch seine Mutter kennen. Sie war eine so feine, vornehme Frau, daß ich sie lieb gehabt hätte, auch wenn sie nicht seine Mutter gewesen wäre. So oft sie mich traf, plauderte sie in liebenswürdiger Weise mit mir. Einmal sagte sie, daß ihr ein schönes Buch in die Hände gefallen wäre, ob ich es mir holen möchte. Recht schüchtern, aber auch recht entschlossen, drückte ich an einem der nächsten Tage die Klingel, worauf mich das Stubenmädchen in den Salon führte. Die Zusammenstellung der Möbel und sonstiger Dinge war ebenso geschmackvoll als elegant, und unwillkürlich dachte ich an unsere Wohnung zu Hause, an das eine Zimmer, in dem sie alle zusammen aßen, schliefen und sich quälten. Der Eintritt meiner Gönnerin entriß mich den düsteren Gedanken. Sie stellte mir einige freundliche, unaufdringliche Fragen, und bald kamen wir ins Plaudern.
»Eigentlich schäme ich mich,« sagte sie, während sie ein Schubfach aufzog und vergilbte Blätter herausnahm, »aber ich kann mir nicht helfen. Hier sind noch eine Menge Dinge aus meiner Mädchenzeit, die ich mich nicht entschließen kann, fortzuwerfen.« Dann zeigte sie mir Gedichte, die sie einmal ausgeschnitten hatte, Blumen die sie getrocknet hatte, und vieles andere, worüber sie mit leisem zärtlichen Drucke ihrer weißen Finger strich. Ganz zum Schlusse überreichte sie mir das Buch, weswegen ich gekommen war, ein Bändchen Gedichte von »Mirza-Schaffy«.
Es blieb nicht bei dem einen Besuche. Noch oft war ich in dem trauten Zimmer mit den schwarzen Möbeln, und wenn sie mir so gegenüber saß, die Augen mit einem eigenartigen, fragenden Ausdruck auf mich gerichtet, hätte ich am liebsten meinen Kopf in die dunkle Seide auf ihren Schoß gelegt und ganz leise mein Leid geklagt. –
Eines Tages erhielt ich einen Brief von zu Hause, in dem mir meine Eltern mitteilten, daß es schlechter ginge als je, daß sie dieses Mal den Mietzins nicht aufbringen konnten und ihnen am ersten Januar, das war in einigen Tagen, die Möbel auf die Straße gesetzt werden würden. Dieser Brief versetzte mich in ungeheure Aufregung. Ich hatte in den zwei Jahren, während ich auf meiner Stelle war, öfters größere und kleinere Beträge geschickt, doch gerade jetzt hatte ich kein Geld. Meine Einbildung zeigte mir meine Eltern und Geschwister auf der Straße, und in meiner Verzweiflung weinte ich die ganze Nacht. Am Morgen hatte ich einen Gedanken, über den ich zuerst erschrak und den ich entschieden abwies; aber er kam immer wieder, dringlicher und dringlicher, und als es Zeit war, die Kinder in die Schule zu nehmen, hoffte ich sehnsüchtig, meinen Freund zu treffen. Ich hatte nicht vergebens gehofft, und als ich seiner ansichtig wurde, flog ich auf ihn zu. »Ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte ich und zitterte vor Erregung. Er blickte besorgt auf mich.
»Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«
»Nicht jetzt,« antwortete ich und blickte scheu nach den Kindern.
»Ich muß Sie allein sprechen, kann es Sonntag sein?«
»Wenn es etwas ist, das Ihnen Sorge macht, warum nicht früher?« Diese Worte erleichterten mich ungemein. »Kann es heute sein?« frug ich.
»Gewiß, wann immer Sie wollen.«
Wir bestimmten dann die genaue Stunde und verabschiedeten uns. Kaum aber war er fort, so erschien mir mein Vorhaben unmöglich. Durfte ich ihn denn um Geld bitten? – Die quälendsten Gedanken stürmten auf mich ein, und als die Zeit herannahte, wo ich ihn treffen sollte, war ich fest entschlossen, nicht zu gehen. Ich ging auch nicht. Statt dessen nahm ich den Brief von zu Hause zur Hand und las ihn immer wieder. Er war von meinem Vater geschrieben und eine Stelle lautete: »Du kannst Dir denken, daß die ewigen Sorgen auch die Mutter aufreiben, und sie kränkelte in der letzten Zeit. – Was wir tun sollen, wenn wir auf die Straße gesetzt werden, weiß ich nicht; ins Armenhaus würden sie uns nicht aufnehmen, weil wir nach Langenau nicht zuständig sind.« Ich legte mein Gesicht auf den Tisch und weinte bitterlich. Plötzlich entschloß ich mich, doch zu tun, was ich vorgehabt hatte; die Uhr aber zeigte mir, daß es bereits eine ganze Stunde später war, als wir verabredet hatten, und ich konnte nicht erwarten, ihn noch zu treffen. So gut ich imstande war, verbarg ich meinen Kummer und lag meinen gewohnten Pflichten ob. Am Abend desselben Tages ging meine Dame mit ihrem Manne in das Theater. Nachdem ich die Kinder zu Bett gebracht hatte, erfaßte mich eine solche Angst meiner Mutter wegen, daß ich beschloß, keine Stunde mehr zu zögern. Wie aber sollte ich das anstellen? – Er war ja sicher nicht zu Hause, und wenn er auch zu Hause gewesen wäre, hätte ich doch unmöglich in der Wohnung seiner Eltern nach ihm verlangen können. In der Hoffnung, ihm vielleicht dennoch irgendwo zu begegnen, schlich ich auf den Gang hinaus und bemerkte zu meiner wahnsinnigen Freude, daß Licht in einem kleinen, einen Stock höher gelegenen Zimmer war, wo er oft verschiedene Arbeiten, wie das Anfertigen von Photographien oder Ausbessern von Uhren, zu seinem Vergnügen besorgte ... Fast ohne zu wissen, was ich tat, schritt ich die Stiege hinauf und klopfte leise, so leise, als ob ich gewünscht hätte, daß er mich nicht hören sollte. Er hatte das Klopfen aber gehört und rief »herein«, worauf ich die Türe aufklinkte und zögernd eintrat. Drinnen drückte ich mich fest an die Wand und sagte kein Wort.
Er hatte bei meinem Eintritt seine Arbeit sofort unterbrochen und sah mich fragend an.
»Sprechen Sie,« sagte er endlich.
In fliegender Hast und von Schluchzen unterbrochen, erzählte ich ihm meine Geschichte. Noch während ich berichtete, schoß es mir durch den Sinn, daß er vielleicht nach so genauer Angabe meiner Familienverhältnisse mit mir nichts mehr zu tun haben wolle, und als ich fertig war, sah ich ängstlich zu ihm auf. Aber sein Gesicht verriet nichts von dem, was ich befürchtete. Seine Augen hatten jenen tiefen, besorgten Ausdruck, den ich mir gegenüber nun schon so oft wahrgenommen hatte, und sein Mund lächelte das gütige Lächeln.
»Wieviel brauchen Sie ungefähr?« frug er mitten in meine Gedanken hinein.
»Sehr, sehr viel,« sagte ich errötend.
»Wieviel?« drängte er.
»Vielleicht hundert Kronen,« antwortete ich zögernd und dachte, daß hundert Kronen ein ungeheures Vermögen sei.
Er legte seine Hand auf die Türklinke, als ob er sie öffnen wollte, und sah mich bittend an.
»Gehen Sie jetzt, man könnte Sie vermissen ... Morgen mit dem frühesten wird Ihnen der Hausmeister einen Brief übergeben, der enthält, was Sie brauchen ...«
Aber ich ging nicht. Ich drückte mich noch fester an die Mauer und mit einem Gesicht, in welchem die Lippen zuckten, sah ich zu ihm empor.
»Sind Sie böse, daß ich mich an Sie wandte?«
»Sie sind ein Kind,« erwiderte er sehr entschieden, »und ich sage Ihnen jetzt ein für allemal, daß ich Ihr Freund bin, an den Sie sich in jedem Kummer und in jeder Sorge nicht nur wenden können, sondern wenden müssen.« Und während sein Gesicht wieder den bittenden Ausdruck annahm, legte er die Hand noch einmal auf die Klinke. »Aber gehen Sie jetzt ... gehen Sie.« Ich gehorchte wie im Traume.
Den nächsten Tag übergab mir der Hausmeister einen Brief, und als ich ihn öffnete, erblickte ich eng zusammengefaltete Banknoten. –
Von dieser Zeit an empfand ich für meinen Freund eine maßlose Dankbarkeit, liebte ihn, wenn das überhaupt möglich war, noch inniger und zärtlicher als zuvor und konnte bei den folgenden immer so kurzen Zusammenkünften meine Gefühle nur mühsam verbergen. Er aber war nach wie vor derselbe. Meine Gedichte bildeten für ihn stets die Quelle der Gespräche, und trotzdem ich sie nun schon für fehlerlos hielt, fand er noch oft etwas zu tadeln; doch lobte er auch manchesmal, und ein Lob aus seinem Munde war mir immer ein süßer Lohn. Selbstverständlich entstanden noch oft Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, wobei ich so weit ging, daß ich mich unhöflich, ja sogar grob benahm; ihn aber verließ seine Nachsicht und seine Ruhe nie. Gewöhnlich war es sein Schweigen, das mich zur Besinnung brachte, und sobald ich mein Unrecht eingesehen hatte, bemühte ich mich jedesmal, es wieder gut zu machen. Er war auch immer bereit, mir irgendwelches ungefüge Betragen zu verzeihen, und die alte Freundschaft war wiederhergestellt.
Heimlich aber war ich unzufrieden.
»Warum,« so frug ich mich oft, »warum sagt er mir nicht, was doch allein jedes Mädchen glücklich macht ...? Warum gibt er mir nicht das leiseste Zeichen, daß er mich liebt? ... Oder liebt er mich doch nicht ...?«
Diese Frage sandte immer einen jähen Schreck durch alle meine Glieder, und oft setzte ich mich in der Nacht auf und starrte mit fest verschlungenen Händen in das Dunkel um mich. Ist da vielleicht eine andere, an die er täglich und stündlich denkt, wie ich täglich und stündlich an ihn dachte? Ich schauderte bei der namenlosen Einsamkeit, die dieser Gedanke in mir erweckte, rief jedes Wort, jeden Blick von ihm ins Gedächtnis zurück und wog und wunderte, bis alle Formen und alle Farben in eins zusammenflossen und mir die Augen zusanken. –
Einmal hatten wir verabredet, uns wieder allein zu treffen, und wie immer konnte ich die Zeit unserer Zusammenkunft kaum erwarten. Ich traf eine halbe Stunde früher ein, doch auch er war schon angelangt. Es war das erste Mal, daß wir etwas mehr Zeit vor uns hatten, und ich hoffte heimlich, daß er vielleicht heute die Schranken des Schweigens fallen lassen und endlich – endlich sprechen würde. Er sprach auch, doch was er sprach, war etwas ganz anderes, als ich erwartet hatte. Er erzählte mir von seinen Knabenjahren, von seinen Jünglingsjahren, und von einer ersten Liebe, die ihn enttäuscht zurückgelassen hatte. Ich hörte zu, aber ich hörte alles wie im Traume. In meinem Kopf hämmerte und klopfte es, und mein Herz wußte nur von einem Wunsche. – Er braucht ja sein Betragen mir gegenüber nicht zu ändern, schrie es in mir, er soll mir nur sagen, daß er mich liebt. – Und mit dieser Qual in den Augen blieb ich plötzlich stehen und legte meine Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie mir,« frug ich mit einer Stimme, in der Kühnheit und Scheue kämpften, »warum tun Sie so viel für mich?«
Er schien auf einmal blaß zu werden, und seine Züge wurden eisern. – »Weil ich Ihr Freund bin,« sagte er dann.
»Ist das alles?« frug ich ihn.
»Alles,« antwortete er und schüttelte meine Hand von seinem Arm. – Dann war es so still, daß ich meinte, ich könnte sein Herz und mein Herz klopfen hören. Plötzlich aber weckte mich seine Stimme, eine Stimme, die mir neue Tiefen seiner Seele erschloß, eine Stimme, die, aus Leid und Qual gewoben, sich wie eine Brücke über den Abgrund legte, den seine Worte in mir ausgerissen hatten. »Wollen Sie,« sagte er, »wollen Sie jene Phrase hören? ... Sie sind mir viel zu gut dafür; ich habe mir geschworen, daß ich nie daran denken will, daß Sie ein Mädchen sind.«
Ich gab keinen einzigen Laut von mir; ich stand mit dem Blick nach innen gekehrt und maß kommende Jahre, – Jahre, in denen wir uns gegenseitig alle unsere Schätze geben würden, ohne jemals ärmer zu werden, Jahre, in denen es keine Scham und keine Reue gäbe, Jahre, in denen ich alle Leiden leiden würde ...
»Glauben Sie an mich?« hörte ich ihn sagen.
»Ja,« erwiderte ich einfach, und schweigend reichten wir uns die Hände. –
Die Zeit, die jetzt folgte, könnte ich nimmer beschreiben. Die kurzen Zusammenkünfte waren so voll von einem zagen Glück, von einer halberschrockenen Zärtlichkeit, daß keine Farbe fein, keine Hand sicher genug sein könnte, sie wiederzugeben. Doch waren auch oft Stunden, in denen eine seltsame Stimmung über uns schwebte; Stunden, in denen er sich jäh aufrichtete, als ob er etwas abschütteln wollte, Stunden, in denen seine Augen den stillen Glanz verloren und düster blickten, Stunden, in denen das Tier in ihm tobte ... In solchen Momenten erbebte ich, weil ich die Kraft der Leidenschaft ahnte, die ihn bewegte, und dann fürchtete ich mich fast vor ihm ... Wenn er einmal, ein einziges Mal nur seinen Schwur vergessen würde, wehe dann unsrer Freundschaft, wehe dann mir ...
In solcher Weise verfloß ein volles Jahr, und ich glaubte, daß ich absolut glücklich war und es nicht anders wünschte. Doch nach und nach bemächtigte sich meiner ein Gefühl dumpfer Angst. Nicht wie früher nahm ich meine Bücher zur Hand, sobald die Kinder schliefen, sondern setzte mich in einen Winkel und brütete über Gedanken, die mir langsam und langsam gekommen waren. – Wohin sollte das führen? – Ich dachte an die tiefen Blicke, die er mir oft gab, und schauderte. – Würden wir unsere Freundschaft durchtragen können? Und dann regte sich die spießbürgerliche Frage wieder, die ich mit vielen schönen Redensarten totgeschwiegen zu haben meinte, die Frage: Warum heiratet er mich nicht? Warum nicht? ... Meiner Armut, meiner Stellung wegen? ... Aber wenn ein Mann ein Mädchen liebt, konnte doch das kein Grund sein ... Wenn er mich aber nicht liebte, warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte, sein Interesse, sein Opfermut? ... Ich suchte nach einem ähnlichen Schicksal unter den Mädchen, die ich kannte, aber da gab es nichts Ähnliches. Wenn sie im Gespräche den Herzenspunkt berührten, lächelten sie ein schlaues, verschmitztes Lächeln, das mich nur anekelte, aber nie belehrte. Meine Gedichte wurden immer grübelnder, immer fragender; und er, um den sich alle Reime und alle Träume schlangen, korrigierte und kritisierte die Zeilen, in denen die ganze Sehnsucht und Trauer meiner Seele lag, korrigierte und kritisierte sie manches Mal mit den alten ironischen Blicken, manches Mal mit abgewandten Augen und einem Schatten in den Zügen. Und dann kamen Nächte, die mir keinen Schlaf brachten, sondern immer nur die eine ermüdende quälende Frage, bis mir einmal, hell wie ein Blitzstrahl, die Antwort in mein Bewußtsein fuhr ...
Es war gelegentlich einer unsrer Zusammenkünfte, daß er sagte: »Ich bin mit Ihren Fortschritten nicht ganz zufrieden.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ganz einfach, Ihre Gedichte behandeln immer nur denselben Stoff, was ja auch kein Wunder ist, da Sie sich stets in demselben Kreise der Verhältnisse bewegen, anstatt andere Leute und andre Sitten kennen zu lernen.«
Ich fühlte, wie mein Herz rascher schlug, doch verbarg ich meine Bewegung. »Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte ich zögernd, »daß ich eigentlich noch viel mehr lernen sollte, und – noch zögernder – fortgehen möchte.« Wir sahen uns nun in die Augen und wußten beide, daß wir logen, doch die Worte, die vielleicht erlöst, beseligt hätten, erstarben unter dem erheuchelten Gleichmut unserer Gesichter.
»Wohin?« frug er endlich.
Jetzt, wo der Würfel fallen sollte, schrak ich zurück, ihn zu werfen ... Die ganze hündische Anhänglichkeit und Treue meines Geschlechtes brach hervor, die ganze heiße Sehnsucht nach Glück, die schon so lange demütig gehofft und gewartet hatte, stand auf; jeder Gedanke, jeder Herzschlag in mir verneinte ... Die Sekunden verstrichen und ich antwortete nicht. Prüfend, wie ein Senkblei, fühlte ich seinen Blick in meine Seele fallen, und plötzlich sah ich, wie es um seinen Mund zuckte, das alte höhnische Lächeln, das ich so haßte und fürchtete. Nie hatte ich es verstehen können, nun war es mir auf einmal klar. Er hielt mich nicht fähig, von ihm fortzugehen, noch mehr, er hielt kein weibliches Wesen fähig, sich von dem Manne zu trennen, den es liebt, noch mehr, er verachtete alle Frauen, verachtete alle Mädchen. Und da wußte ich, daß ich noch kein Atom seiner Seele gewonnen hatte, daß der Kampf, den ich aus Trieb und Drang aufgenommen hatte, noch lange nicht zu Ende war ...
»Wohin?« frug er noch einmal.
Mit der Schnelligkeit eines bedrängten Gegners hatte ich meine Lage überschaut, und nun, trotzdem mir die Tränen hinter den Lidern brannten, lächelte ich.
»Nach England.«
»Warum nach England?«
»Weil ich etwas Englisch kann und die Sprache gerne gründlich beherrschen möchte.«
»Haben Sie in London Bekannte?«
»Nein, ich kenne dort niemand; es handelt sich für mich nur um das Reisegeld.«
Daraufhin wurde er sehr ernst und schwieg lange.
»Sie wissen,« sagte er endlich, »daß Sie einen Freund haben.« –
Einige Tage nach dieser Unterredung wurde ich krank. Ich hatte mir eine schwere Lungenentzündung zugezogen und verbrachte mehrere Wochen im Krankenhause. Als ich dasselbe verließ, erklärte mich der Arzt für jede Stelle vorläufig unfähig. Man schlug mir vor, mich für einige Monate zu Hause aufzuhalten und mich dort gründlich zu erholen. Ich war still, als man mir das sagte. »Zu Hause!« Wo war mein »Zu Hause?« Aber ich war viel zu stolz, das zu verraten, zu sagen, wie wenig ich mich wohl würde erholen können. So verließ ich, der quälendsten Gedanken voll, Budapest zum zweiten Male.
Meine Eltern waren indessen nach Wien übergesiedelt. Ich hatte von den veränderten Verhältnissen nicht viel erfahren und frug mich heimlich, wie wohl die Wohnung sowie das Geschäft beschaffen sein würden. Als ich aber bei meinen Eltern ankam, sank mein Mut. Alles bot einen traurigen Anblick dar. Das Geschäft war ganz klein und fast leer, und die Wohnung bestand nur aus einem Zimmer. Das Zimmer enthielt einen kleinen eisernen Ofen, einige Betten, einen Stuhl und einen Tisch; dazu lag der Raum unterirdisch und hatte weder Luft noch Licht.
Mein Vater war allein zu Hause. Nachdem ich ihn begrüßt hatte, frug ich nach meiner Mutter und erfuhr, daß sie eine Stelle als Aufräumerin für tagsüber angenommen hatte und erst gegen acht Uhr abends heimkommen würde.
Ohne meinen Hut abzunehmen oder meine Jacke auszuziehen, hatte ich mich auf eines der Betten gesetzt und hörte schweigend auf die Dinge, die mir mein Vater erzählte. Ich hatte ja das alles schon so oft gehört, und nun hörte ich es wieder.
»Werdet ihr denn Platz für mich haben?« frug ich endlich.
»Natürlich,« erwiderte mein Vater, »es muß eben gehen; du kannst ja mit einem der Kinder schlafen.«
»Wo sind denn die Kinder?«
»Fort, Geld verdienen.«
»Womit?«
»Sie tragen Zeitungen aus.«
»Sobald ich gesund bin,« sagte ich, »werde ich zum Haushalt beitragen.«
»Schau nur, daß du erst gesund wirst, das ist die Hauptsache.«
Ich sah mich in dem kleinen, schlecht gelüfteten Raume um. »Hier kann ich nicht gesund werden.«
»Seit die Mutter tagsüber aus ist, besorge ich das Kochen,« erklärte mein Vater. »Ich werde dir jetzt eine Tasse Kaffee bereiten, und dann können wir ja sehen, was sich tun läßt.« Nach diesen Worten brach er einige Stücke Holz über seinem Knie und machte ein Feuer in dem kleinen Ofen. Kaum hatte er das Streichholz angesteckt, so fing es aus dem Ofen zu dampfen und zu qualmen an. »Das kommt vom Wind,« entschuldigte er, »es wird schon vorbeigehen.«
Es ging auch vorbei, aber nicht eher, als bis der ganze Raum schwarz war und man nichts mehr sehen konnte. Meine Augen und meine Kehle brannten mir, doch sagte ich nichts und trank den Kaffee, den mein Vater mir in einer Schale reichte, die einen großen Sprung hatte. Ich dachte an meinen Bruder und konnte nicht begreifen, wie er ein solches Unglück mit ansehen konnte, ohne zu helfen. »Wo ist er denn?« frug ich plötzlich.
»Wer?«
»Karl.«
Bei Erwähnung dieses Namens wurde mein Vater sehr traurig.
»Es ist eben ein Unglück,« erwiderte er, »er hat schon seit langer Zeit keine Stelle.«
»Wo ist er denn?«
»Er lebt natürlich mit uns.«
Mein Blick flog durch den kleinen Raum. Mein Vater merkte es und zuckte die Achseln. »Wir müssen uns eben einrichten, wie es geht.«
Später kam meine Mutter und mit ihr kamen die Kinder, die, nachdem sie ihre Zeitungen verkauft hatten, vor dem Hause, wo meine Mutter arbeitete, auf sie gewartet hatten. Als das spärliche Abendessen vorüber war und es anfing, spät zu werden, kam mein Bruder. Ich erschrak furchtbar bei seinem Anblick, er hatte sich gänzlich verändert. Sein Gesicht war blaß und hohl, um seine Augen lagen schwarze Ringe, sein dunkelblondes Haar hing wirr über die Stirne, seine Gestalt war hager und seine Bewegungen waren ungefällig. So gut ich konnte, verbarg ich meine Bestürzung und reichte ihm die Hand.
»Ich fürchte,« sagte er, und es war derselbe spöttische Ton, den er früher immer gegen mich angewandt hatte, »daß es dir bei uns nicht sehr gefallen wird.«
»Sobald ich gesund bin,« antwortete ich, »werde ich trachten, etwas Ordnung ins Haus zu bringen.«
»Ordnung!« rief mein Bruder und schüttelte sich vor Lachen, »denkst du denn, daß dieser Mensch (dabei wies er auf meinen Vater) so etwas erlauben würde? Ich versichere dich, liebe Schwester, nichts macht deinen werten Papa glücklicher, als im Dreck herum zu wühlen.«
Zum zweiten Male in meinem Leben sah ich die Zornesader auf meines Vaters Stirne stehen. – »Du!« rief er.
»Ja,« sagte mein Bruder und stellte sich kampfbereit.
Ich sprang auf und stellte mich mit gefalteten Händen vor meinen Vater. »Höre nicht auf ihn,« schluchzte ich, »du weißt, ich glaube kein Wort.«
»Deinetwegen,« sagte mein Vater, dann ließ er die geballten Hände sinken und schritt rasch hinaus.
»Jetzt spielt er natürlich den Beleidigten,« fuhr mein Bruder in dem alten Tone fort »und ich hoffe, daß du dich nicht von seinem Komödienspiele beeinflussen läßt und ein Mitleid empfindest, das in diesem Falle ganz falsch angebracht wäre. Du bist die letzten Jahre fortgewesen und hast keine Gelegenheit gehabt, diesen Schauspieler kennen zu lernen. Was mich anbelangt, so habe ich ihn vollkommen durchschaut, und ich bin überzeugt, daß du mir recht geben wirst, sobald du einige Zeit hier gewesen bist. Für jetzt magst du ja in mir einen Lümmel oder so etwas Ähnliches sehen, doch ich kann dir die Versicherung geben, daß ich, trotzdem die Verhältnisse mich zwingen, mit diesen gewöhnlichen Leuten unter einem Dache zu leben, den Kavalier noch nicht abgelegt habe. Irgendwo in seinen Dramen sagt Schiller, daß ein Edelstein noch immer ein Edelstein sein wird, selbst wenn er zufällig in den Dünger fallen sollte. Gegenwärtig siehst du in mir einen Menschen, den das Leben leider enttäuscht hat, weil seine Ideale zu hoch gesteckt waren und seine Träume bis an den Himmel reichten. – Wie du mich heute siehst, bin ich vielleicht eine der fraglichsten Existenzen. Doch warte ein halbes, sagen wir ein ganzes Jahr; ich habe Ideen in meinem Kopfe, die, sobald ich sie ausgearbeitet habe, das Leben, wie wir es heute kennen, die Gesetze, wie sie heute gelten, in die Luft sprengen werden. Nach außenhin bin ich ein Kellner, ein Gauner oder was du willst, doch innerlich, da arbeite ich an einem Königreiche für Millionen verborgener, halbverhungerter Geschöpfe, und ich habe eine Krone für jeden.«
»Die Hauptsache ist,« unterbrach ich, »daß du eine für dich selber hast.«
Mein Bruder zuckte die Achseln. »Ich kann von dir natürlich nicht erwarten, verstanden zu werden. Du bist noch zu sehr im Schlamme deiner Abkunft, als daß du meinen Gedanken folgen könntest. Die große Lehre der Wiedergeburt ist für dich ein spanisches Dorf, und daß ich auf Grund dieser Lehre nur durch einen Zufall dein Bruder bin, kann Dir natürlich nicht einleuchten. Ebenso unglaublich würde es dir scheinen, wenn ich dir sagte, daß ich in einem früheren Jahrhundert wahrscheinlich ein gewaltiger Eroberer und Ländergründer gewesen bin. Meine Hoffnung, dich einst mit Stolz meine Schwester nennen zu können, hat sich leider so trügerisch erwiesen wie alle meine Hoffnungen, und ich muß nun allein – der große Mensch ist ja immer allein – meine Aufgabe vollbringen.«
Meine Mutter, die an solche Reden wohl schon gewöhnt war, war auf dem Stuhle eingeschlafen, und ich ging hinaus, um zu sehen, wo mein Vater geblieben war. Ich fand ihn in einem kleinen übelriechenden Hof. »Komm doch herein,« sagte ich bittend. Er ging dann mit mir hinein, und für heute brach kein Streit mehr aus. Später machten sich mein Vater und mein Bruder jeder ein Lager auf dem Boden zurecht.
Ich hatte mich auf eine der zerrissenen Matratzen gelegt und schloß die Augen sofort, damit man denken solle, ich sei eingeschlafen; sobald aber alles still geworden war, setzte ich mich auf und sah in wilder Verzweiflung um mich. Meine Mutter, die wohl von der Arbeit recht müde war, schlief tief und fest. Eine Weile horchte ich auf ihre Atemzüge, dann blickte ich nach der Stelle, wo mein Bruder lag. Er schien mir noch länger, noch hagerer als bei Tage, und auf seinem Gesicht, jetzt unbewacht, zeigte sich ein seltsamer Ausdruck von Enttäuschung, Leid und Qual, daß ich seine Roheit, Eitelkeit und Einbildung vergaß und ein mächtiges Mitleid mit seiner so früh verdorbenen Jugend, seiner wüsten, leidenschaftlichen Natur, die ihn wie mit Peitschenhieben vor sich trieb und nimmer zur Ruhe und Aussöhnung seines Schicksals kommen ließ, aufquellen spürte. Er konnte meinen Vater nicht leiden, weil er dachte, daß es seine leichtsinnige Führung des Geschäftes war, die uns nach und nach ins Unglück brachte. Doch konnte ich ihm hierin nicht recht geben. Ich wußte, daß mein Vater sehr viel hinausgeborgt hatte und die Leute ihn nicht mehr bezahlten. Die natürliche Folge davon war, daß auch er seine Ware nicht mehr bezahlen konnte und dadurch immer mehr in Schulden geriet. Dazu die vielen Kinder und noch manches andere, das ein größeres Kapital geschmolzen hätte, als mein Vater je besessen hat. Daraufhin mag man ja antworten, mein Vater hätte eben nicht hinausborgen sollen, doch war er zu gutmütig und zu leichtgläubig. Als das Kind armer Eltern besaß er ein lebendiges Gefühl für die Bitterkeit des Mangels, und hatte er darin gefehlt, so war die Sühne wahrhaftig nicht ausgeblieben. –
Ich konnte den Blick von den beiden, die jetzt so still und friedlich nebeneinander lagen, als hätten sie sich nie ein böses Wort zugerufen, nicht abwenden, und erst als ein trübes Morgendämmern durch die kleinen halberblindeten Scheiben brach, fielen mir die Augen zu. –
Den nächsten Morgen mußte meine Mutter frühzeitig aus dem Hause. Nachdem das magere Frühstück vorbei war, setzte sich mein Bruder an den Tisch und rief meine zwei kleinen Brüder zu sich heran.
»Was steht ihr da und faulenzt?« schrie er. »Wo sind die Bücher?« Sie brachten darauf einige schmierige Bücher aus einer Ecke hervor und setzten sich zu ihm. Mein Bruder fing dann an, mit ihnen zu lernen, wobei er furchtbar grob war und die Buben bei den geringsten Kleinigkeiten abohrfeigte. Als er aber einmal dem Kleineren von den beiden wegen nichts einen festen Rippenstoß versetzte, da sprang ich auf und stellte mich mit geballten Fäusten vor ihn hin.
»Rühr' ihn nicht mehr an!« schrie ich; darauf verfiel mein Bruder in eine schreckliche Wut.
»Das ist wohl dein Dank,« brüllte er, »daß ich meine ganze Karriere verpfusche, um Zeit zu haben, die Buben zu erziehen, ein Ding, das ihr allerdings überflüssig findet. Denkst du, ich könnte es mit ansehen, wie sie aufwachsen und gerade solche Gauner werden, wie ich einer geworden bin, weil ich keine Erziehung gehabt habe ...? Wo seid ihr, ihr Hunde?« schrie er und wandte sich wieder zu den Büchern; aber während er mit mir gesprochen hatte, waren die Jungen davongelaufen. »Da siehst du es,« sagte er, »das Lernen fürchten sie wie den Teufel. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamme. Die Buben sind um kein Haar besser als ihr ehrenwerter Erzeuger; doch ich habe mir vorgenommen, etwas Ordentliches aus ihnen zu machen, und will sehen, wer Herr im Hause ist.«
Er schimpfte dann noch eine Weile über meinen unbegreiflichen Blödsinn, die Lausbuben zu unterstützen, worauf er nach einem abgegriffenen Filzhut griff und verschwand.
Als er fort war, kam mein Vater herein, der, wie ich sehen konnte, so viel als möglich das Zusammensein mit meinem Bruder vermied.
»Was machst du jetzt?« frug ich ihn, als er sich eine große blaue Schürze vorband.
»Ich räume das Zimmer auf, und dann werde ich kochen.« Er nahm einen Besen zur Hand und fing an, den Boden zu fegen. Am liebsten hätte ich ihm diese Arbeit abgenommen, doch war die Schwäche in meinen Knien so groß, daß ich mich kaum aufrecht halten konnte. So blieb ich auf dem Bett sitzen und beobachtete ihn.
»Hast du schon daran gedacht,« frug ich nach einer Weile, »wohin ich eigentlich gehen soll?«
»Ja, am besten wäre es, wenn du aufs Land gehen könntest.«
»Das dürfte aber nicht zu teuer sein.«
»Du könntest zur Mühle hinausfahren. Ich habe den Onkel letzte Woche getroffen, sie würden dich gern für einige Zeit oben haben.«
Meine Freude war ungemein groß, ich war seit vielen Jahren nicht mehr dort gewesen, und der Gedanke, wieder einmal durch jene Wiesen wandeln zu können, erfüllte mich mit Entzücken.
»Nur,« sagte mein Vater und kratzte sich verlegen am Kopf, »der Postwagen ist etwas teuer ... vier bis fünf Kronen wird es schon kosten; doch ich muß eben schauen, daß ich es aufbringen kann.«
»Das ist nicht nötig, soviel Geld habe ich selbst.«
»Dann wären ja keine weiteren Schwierigkeiten. Wenn du mir sagst, wann du fahren willst, so werde ich gleich schreiben.« Am liebsten wäre ich schon sofort gefahren, da ich jedoch die guten Leute nicht überraschen wollte, wartete ich eine Woche. In dieser Woche litt ich ungemein. Die Streitigkeiten, die jeden Augenblick zwischen meinem Vater und meinem Bruder ausbrachen, machten mich halb wahnsinnig vor Angst. Ich begrüßte den Tag meiner Abreise mit inniger Freude und verbrachte fünf stille Wochen bei den nun schon recht alten Verwandten meiner Mutter. Die reine, würzige Luft, im Bunde mit der Sonne und der feierlichen Stille ringsum tat ihre Schuldigkeit, und ich konnte nun schon größere Strecken gehen, ohne daß die Schmerzen in den Knien wiederkehrten.
Sobald es anfing, besser mit mir zu werden, frug ich mich, was nun geschehen solle. Der Gedanke, zu Hause zu bleiben, war mir unerträglich, und doch hielt ich es für meine Pflicht, meine Eltern in ihrer bedrängten Lage nicht zu verlassen. Ich grübelte hin, ich grübelte her, doch ich konnte keinen Ausweg finden. »Ich muß zu Hause bleiben,« sagte ich mir immer zum Schluß, »und je eher ich anfange zu verdienen, desto besser wird es sein.« Mit diesem Entschlusse kehrte ich nach Wien zurück. Die Verhältnisse meiner Eltern waren natürlich noch dieselben, und ich bemühte mich sofort um eine Stelle, um zu dem allgemeinen Unterhalte beitragen zu können. Nach einigem Suchen fand ich eine Nachmittagsstelle, zu einem neunjährigen Knaben, dessen Mutter aus Amerika herübergekommen war und bis Januar in Wien zu bleiben gedachte.