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Strix

Strix (continued 2)

Mathilde Mann translation

Aus ihrer Einöde in den Hochwäldern um die Tiefe der Föhrde wird sie nun weiter und weiter hinausgedrängt, dem Waldessaum zu, bis sie schließlich wegfliegen muß — hinweg über die Menschennester, hinweg über das Land jenseits der Menschennester, hinaus nach einem sonderbaren, ausgestorbenen Walde, der einsam und fern zwischen Sümpfen und Heidemooren liegt.

In einer wilden Hügelschlucht — Teufelshöhle genannt — vor einem öden, düstern Waldsee findet sie endlich in dem verfaulten Stamm einer alten, leeren Buche eine neue Freistatt, ein Heim, das ihr uraltes Sehnen nach einer Bergschlucht erfüllt.

Sie haßt Stimmengekrächz, sie haßt Hundegekläff — und Axthiebe und Sägezahnbisse können sie um Sinn und Verstand bringen. Sie sollte nur niederstoßen auf diese Friedensstörer, auf diese großen Ratten, die selbst hier im entlegenen Walde, wenn auch nur von Zeit zu Zeit, herumhuschen.

Aber sie mag nicht mehr; auf alle Fälle nicht am Tage — und des Nachts geschieht es nie, daß diese Mitgeschöpfe sich bemerkbar machen. Dann heult nur der Wind, und der Wald summt seine alten Melodien; sie kann ungestört jagen, ungestört kröpfen, nach allen den bekannten Wiesen und Lichtungen fliegen und vernünftige Spaziergänge in aller Ruh rings umher auf dem Waldboden unternehmen.

Die Finsternis ist ihr Reich, und die Finsternis kehrt wieder nach dem Lärm des Tages, kehrt immer, immer wieder ...

Nur diese Tatsache hält sie beständig fest, sonst wäre sie Uf längst nachgeflogen — über alle Berge!

6. Winterleben im entlegenen Walde

Dahin sind die hellen Tage des Sommers mit goldener Sonne über reifendem Korn! Die Wälder sind verwelkt, das Laub ist abgefallen — alle die bunten Farben des Herbstes liegen bleich und zermürbt um die Wurzeln der Bäume. Nur das Moos schimmert, und die Beeren an der Eberesche sind hellwach!

Klare, kühle Morgen mit dünnem Eise und Nachtreif sind dunklem, regnerischem Tagesgrauen gewichen. Der Novembernebel hat schwer und drückend über einsamer Heide und steifen Wäldern gelegen und die Säfte des Lebens zur Ruhe gebracht. Jetzt hat sich der Winter gemeldet, jetzt ist der Frost gekommen!

Überall liegt Schnee.

In dem fernen Walde ist die Schlucht zwischen den hohen, steilen Hügeln, wo Strix jetzt wohnt, ein Wirrwarr von Faulbaum und Erle, von Birke und Geißblatt — und unter den ineinander gefilzten Zweigen fließen — schwarz und kalt — die grundquellreichen Wasser des öden Waldsees. Hier ist das Märchenland, von dem der Mensch fabelt!

Es schäumt da drinnen. Aus dem blanken, sturmblauen Osthimmel tritt der weiße Wintermond hervor, rund und klar. Im Westen glüht es. Der Horizont brennt mit hagebuttenrotem, goldgelb flammendem Schein ...

Strix ist noch nicht aus ihrem Tagschlummer auf dem Grunde ihres hohlen Baumes erwacht. Aber Taa, der Marder — ihr alter Erbfeind und schlimmster Nebenbuhler, der sich wie sie aus dem Hochwald hat zurückziehen müssen — ist schon auf Jagd aus.

Ihnen beiden ist es eine Zeitlang kümmerlich ergangen! In den dunklen Dezembernächten, während strömender, eiskalter Regen mit Sturmesgewalt über den Wald herabgeschleudert wurde und ihn durchnäßte und schwer zugänglich machte, hat sich alles Lebende unter Dach gehalten. Da haben sich die fleisch- und pflanzenfressenden Tiere in Kriegszustand befunden — und Strix und der Marder haben bittern Hunger gelitten.

Jetzt, wo der Schnee dicht über Heide und Moor liegt, halten sie sich schadlos — und ihre scharfen Augen entdecken jetzt doppelt sicher den Raub, dessen sie bedürfen.

Zum Überfluß ist der Winter ungewöhnlich mildtätig gegen sie gewesen: er hat ihnen — als Neues vom Jahr — einen großen Zug Eichhörnchen gebracht. Anfangs gab es fast überall im Walde Eichhörnchen; die behenden Tierchen haben alle Löcher in den hohlen Bäumen mit Beschlag belegt, haben die Tannen und die leeren Krähennester ausgefüllt. Strix pflegt jede Nacht ein halbes Dutzend zu bewältigen. Da aber auch der Fuchs auf Raub ausgeht, und der Marder ganz einfach die Forderung stellt, in Eichhörnchen schwelgen zu können fangen die leckern Tiere schon an, auf die Neige zu gehen.

Der grausame Taa ist noch grausamer geworden! Die Härte des Winters macht sich auch in ihm geltend, und er muß fortwährend etwas Warmes in den Leib bekommen. Drinnen im Märchenland, auf einer Lichtung, nicht weit von dem Baum des großen Uhus, hat er früh am Abend das Glück, ein Eichhörnchen zu überraschen.

Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt in dem Wipfel einer kleinen, allein stehenden Tanne und pickt an einem samengespickten Tannenzapfen.

Es ist unvorsichtig von dem Eichhörnchen, seine Abendmahlzeit so spät einzunehmen und so weit entfernt von dem schirmenden Versteck; daher hat Taa auch sofort seinen Schlachtplan fertig: auf dem Erdboden wird er dem kleinen Springer überlegen sein, das weiß er!

Vorsichtig schleicht er sich unter die Tanne — und Ritsch, Ratsch — steigt er in die Höhe. Das Eichhörnchen läßt schleunigst die tannennadelbehafteten Pfoten von den Schuppen des Zapfens und stürzt auf den nächsten langen federnden Tannenzweig hinaus. Als es das Ende des Zweiges erreicht hat, benutzt es ihn als Schwungbrett und läßt sich mitten in die Lichtung hinabschleudern. Mit raschen Sprüngen eilt es dahin über den Schnee ...

Der Marder setzt dem Flüchtling nach. In wilden Rückenbiegungen und Streckungen nimmt er in Sprüngen von anderthalb Metern die Lichtung. Er gleicht einem Flitzbogen, der ununterbrochen bald stramm gezogen, bald schlaff gemacht wird. Aber Taa ist im Nachteil durch seines behenden Gegners lange, geschickte Luftsprünge; er kommt seiner Beute nicht nahe, ehe sie zwischen den Baumstämmen angelangt ist.

Das Eichhörnchen saust in die Höhe — und Taa ihr nach; und dann geht es durch eine Baumkrone nach der andern, so daß der Schnee in großen Klumpen herabfällt. Das Eichhörnchen bedient sich aller Kniffe; es führt den Marder auf Abwege, auf verfaulte Zweige hinaus, von dem obersten Wipfelzweig stürzt er sich mutig herab, und ist dann im nächsten Augenblick wieder oben in der äußersten Spitze eines Baumwipfels.

Die schneebedeckte Erde schimmert grünlich-weiß im Mondlicht ... unheimlich dunkel klemmt sich der Hochwald zusammen, um die beiden fliegenden Tiere, und schwarze Dickichte unter ihnen liegen da und rollen sich gleichsam im Schnee. Der Kronenwölbung Gewirr aus Zweigen und Ästen zeichnet ein Gewebe, ein Netz gegen den hellgedämpften Himmel, aus dem die Sterne wie ferne Katzenaugen hervorfunkeln.

Plötzlich hat das Eichhörnchen Unglück. Da, wo es sich hat herunterplumpsen lassen, hat sich der Schnee in einer großen Schanze angesammelt; es sinkt auf den Grund und wird in den losen, weichen Flocken begraben.

Gleich einer roten Rakete, beleuchtet von den flimmernden Mondstrahlen, streicht der Marder durch die Luft, seiner Beute nach und hakt sich in sie hinein, ehe sich das Eichhörnchen von dem Schnee zu befreien vermag. Er schüttelt den kleinen tüchtigen Akrobaten, bis der sein Leben aufgibt — und springt dann weiter, mit seinem Leckerbissen im Fange.

In der alten, hohlen Buche ist Strix erwacht und erscheint mit blinzelnden Lichtern in ihrer Tür.

Sie sitzt da und schielt ... hinauf zu dem Mond und zu den Sternen, und hinab auf ihre eigenen schweißbefleckten Fänge!

Ihr Blick hat einen harten und strengen Ausdruck bekommen. Die Einsamkeit quält sie, und sie kann nicht vergessen ... Der Groll und die Bitterkeit nach den vielen Unglücksfällen ihres Lebens nagt noch immer an ihrem Innern.

Gelegentlich, wenn es sich so trifft: wenn sie Menschen reden oder Axthiebe fallen hört oder wenn sie die dumpfen Sprünge ihres alten Feindes Taa vernimmt, flammt es in ihr auf — und dann wird sie grausam und rachedürstig.

Lautlos still, aber bitter kalt ist die Nacht ...

Eine spröde, glitzernde, gleichsam mit Nadeln angefüllte Frostluft fächelt ihr um den Bart; sie hört die Baumstämme stöhnen unter dem Joch des Frostes und die rieselnden Wellen des Waldsees gegen das Eis ankämpfen.

Hell wie am Tage breitet sich der Wald unter ihr aus und legt sich nackt hin, selbst ganz unter den dicht verzweigten Buchen, wo die ausgehungerten Mäuse hausen. Ganz deutlich sieht sie jedes Getier, das sich hervorwagt. Es ist Fangwetter, wenn die Erde ihr Wintergewand angelegt hat, und der Vollmond hoch am Himmel steht.

Gleich einer Riesenfledermaus wirft sie sich aus ihrem Loch heraus und verschwindet mit einem Geheul zwischen den Zweigwolken, um auf Raub auszugehen.

Eine Strecke vor ihr, drinnen im Walde, hüpft Taa mit seinem kleinen Akrobaten. Er hat schon ein wenig in sich hineingesogen und einzelne Bissen von dem Braten herausgerissen, aber er hat noch nicht den ganzen Akrobaten verschlungen. Er, der Marder, weiß sehr wohl, es ist eine Eigentümlichkeit jedes Bratens, der munden soll, daß man sich damit erst abseits in die Büsche schlagen und einen Ort finden muß, wo man verborgen sitzen kann, während man das Mahl verzehrt.

Da, auf dem Wege dorthin fällt er über einen Steig aus tiefen, groben Spuren, eine warme, frische Fährte steigt ihm in die Nase — und plötzlich sieht er vor sich etwas wie einen trocknen Tannenstumpf aus dem Schnee aufragen. Auf einmal steigt ein großer, brauner Kopf in die Höhe und ein Paar lange Lauscher schlagen die Schneeschollen weg, als schlügen sie nach Mücken. Es ist ein Rottier, das warm in seinem weißen Winterbett sitzt! Taa ist doch ein klein wenig bestürzt, namentlich, als er nach einigen weiteren Sprüngen dem Kalb des Rottieres von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht ... es ist dicht bereift über den ganzen Rücken.

Da ertönt plötzlich ein häßliches, wahnsinniges Getute. Es wird von einem durchdringenden, langgezogenen Geheul eingeleitet, dann folgt ein heiseres, abschreckendes Lachen, und endlich ein Schrei, der durch Mark und Bein geht.

Das Rottier fährt zusammen — und krasselt mit dem Kalbe in wilder Flucht davon, auf die nächste Dickung zu. Der Marder aber verliert die Besinnung, statt sich in das Lager des Rottiers zurückzuziehen, sich mit seinem Raube einzugraben und im Schnee zu verschwinden, weiß er im Augenblick nichts besseres zu tun, als das Eichhörnchen in den Fang zu nehmen und dem Wild zu folgen.

Strix jedoch jagt ebensosehr dem Gehör wie dem Gesicht folgend! Jeder Laut, den sie vernimmt, meldet ihr eine Möglichkeit; lautlos setzt sie ihm nach, ungeahnt taucht sie auf, das große, gefiederte Gespenst!

Längst haben ihre Ohren das Geräusch des fliehenden Rotwildes aufgefangen — sie beschleunigt den Flug der Wollschwingen und richtet die Marterfänge ... da erblickt sie Taa mit etwas im Fange!

Sie erinnert sich seiner deutlich von jenem Sommermorgen, wo er eingeklemmt in den zusammengepreßten Fängen ihrer Jungen saß; er war der Erste, der versuchte, ihr ihre Brut zu rauben — und auch er hatte sie angeführt.

Strix verschlingt ihn mit den Augen von dem abgenagten Stummel seiner Rute bis zu seinen breiten Sohlen; schon glaubt sie, daß die rote Waldkatze ihr gehört ...

Da spielt der Schattenvogel, den der Mond vor ihr auf den Schnee zeichnet, Strix einen niederträchtigen Streich — der Marder wird in der letzten Sekunde gewarnt! Im Augenblick wo sie niederstoßen will, drückt er sich plötzlich an den Boden, so daß die Eule über ihn hinfährt und nur das kleine verendete Eichhörnchen in den Klauen hält.

Wie sich ein Maulwurf in einem Nu in die Erde birgt, gräbt sich Taa bis auf den Grund in die weißen Kristalle hinein, Strix schlägt um sich, aber vergebens — die geschmeidige Marderkatze bringt sich in Sicherheit.

Da muß Strix sich zufrieden geben; mit ihrem geraubten Fraß fliegt sie auf einen Zweig hinauf und kröpft ...

Sie verschlingt das Eichhörnchen, kröpft seine Fahne, seine Zähne, seine Klauen; dergleichen grobkörniger Zusatz befördert die Verdauung so angenehm!

Aber ein Eichhörnchen ist zu wenig für einen Verbraucher wie Strix. Sie muß versuchen, sich mehr zu erlauschen, zu erlauern oder zu erjagen — und sie streicht, einer großen Flocke gleich, durch die Kellertiefe des Tannenwaldes und gleitet weiter wie ein Schatten durch den Hochwald. Sie untersucht die Wipfel — sollte da nicht eine Taube sitzen? Sie versenkt sich in die Dickungen —: sollte sich nicht eine Amsel dort verborgen haben? Die lähmende Angst folgt ihr; daß man sie nicht hört, sie nicht sieht, ehe sie auftaucht, darin besteht Ihre Zaubermacht.

Schon breiten sich blaßgelbe Nebel im Osten aus. Die graue Dunkelheit wird zu blauem Himmel, und schwarze Wolkenschichten erhalten Glorienglanz. Die gelbe Sonne ist auf dem Wege aufwärts, bald wird sie auf ihrem kurzen Tageszuge rings um den Wald wieder sichtbar werden. Ein paar rote Dompfaffhähne zwischen einem Gewirr reifgeschmückter Birkenzweige scheinen Strix grell in die Augen, und jetzt endlich sieht sie, wonach sie die ganze Nacht gesucht hat —: ein Eichhörnchen schlüpft vor ihr her, einen Zweig entlang.

Das Eichhörnchen ist morgenfrisch — und Strix hat Pech mit ihrem ersten grausamen Schlag; sie schlägt von unten zu, aber sie jagt nur die Fänge in den Zweig, auf dem das Eichhörnchen saß.

In langen, krummbahnigen Sprüngen, als wäre es eine abgeschossene Kugel, saust das Eichhörnchen von einem Baumwipfel zum andern.

Mit zusammengefalteten Flügeln schleudert sich Strix hinter ihm her, sie macht jähe Wendungen rund um die große Krone herum. Sie steigt mit schnellen, aber lautlosen Flügelschlägen, gleich einem großen, braunen Fußball, und streift mit blitzschnellen Hieben den glatten Pelz des Eichhörnchens.

Haare stieben durch die Labyrinthe der Zweigwölbungen ...

Das Eichhörnchen schwebt in größter Gefahr. Trotz ihres schweren Körpers versteht es Strix meisterhaft, sich zu winden, und sie ist dem Springgesellen mehrmals so dicht auf den Fersen, daß ihr die zurückschnellenden Zweige ins Gesicht schlagen.

Aber dieser Akrobat ist nicht von gestern. Es ist ein alter, gewiegter Bursche, der schon früher im Leben Eulen im Nacken gespürt hat — er weiß, wo er hin will, wo Hilfe zu finden ist.

Die Gebirge auf dem Mond werden schwarz ...

Immer mächtiger, immer blendender erscheint die Himmelskuppel im Osten. Schon schlecken gelbe Flammenstrahlen herauf — und weit draußen am Horizont schlägt gleichsam ein großer Pfau sein prachtvoll bläulich gleißendes Rad. Ein Schimmer vom Tag sickert zwischen den Bäumen herab ...

Strix ist zu sehr in Anspruch genommen von ihrer Jagd; sie achtet nicht auf das Licht, das den Wald um sie her lebendig macht.

— — —

Auf der Leeseite des Waldes, in einem entlegenen Eschenmoor, sitzen Krähen und Dohlen auf ihren Schlafbäumen.

Strix hat in der letzten Zeit zu sehr in Eichhörnchen geschwelgt; sie hat diese leckere Neuigkeit des Jahres der alltäglichen Kost, den Aasvögeln, vorgezogen. Sonst hätten die Krähen keine so ruhige Nacht gehabt!

Wie eine Sternschnuppe sinkt das Eichhörnchen nach einem glücklich ausgeführten Riesensprung quer durch das Krähenvolk hindurch ...

Da stiebt aus den Kronen alter Eschen eine boshafte, morgenverdrießliche Vogelschar auf. Mit Schreien und Flügelschlagen umwirbeln sie die Schlafbäume, kreischen wild und brechen in ein gellendes Gelächter aus.

Über den Waldwipfeln in der Ferne geht gerade die Sonne auf ...

Strix ist mitten zwischen ihnen, ehe sie sich’s versieht. Sie erhaschen einen Schimmer ihrer wolligen dämmerungsfarbenen Flügel, mit denen sie zwischen den Bäumen aus und ein fliegt — und nun stürzen sie sich über sie. Von oben, von unten, von der Seite kommen sie. Die Krähen haben etwas zu rächen. Der große nächtliche Räuber wirkt auf sie wie ein Schlag ins Gesicht, versetzt sie in Wut — sie kennen Strix von mancher Gewalttat her!

Gleich stechsüchtigen, aus dem Hügel aufgescheuchten Wespen umsummen sie Strix. In langgestrecktem Bogen, unter spitzen, unbeholfenen Wendungen stoßen sie auf sie ein. Sie sind mutig, sie sind zahlreich: Hunderte und aber Hunderte gegen einen Feind. Federn und Daunen stieben wie Laub im Herbst durch den Wald ...

Strix hat genug zu tun, um sich während der Flucht zu schützen. Mit Fauchen und Lichterblitzen, mit Flügelknochen und Fängen ist sie bemüht, sich die zudringlichen Viecher vom Leibe zu halten. Sie wagt nicht, ihre gewöhnliche Krähentaktik anzuwenden, die sie in ihrem Übermut zuvor so oft diesen Proletariern der Luft gegenüber benutzt hat. Freiwillig hat sie sich zuweilen von ihnen finden lassen und ihnen gestattet, ununterbrochen um sie zu kämpfen. Und dann plötzlich, wenn eines zu dummdreist geworden war, hat sie die Gelegenheit wahrgenommen und den Gesellen mit ihren Fängen erhascht.

Da aber sind es nur drei, vier Stück gewesen — und jetzt sind da Hunderte und aber Hunderte!

Das leckere kleine Eichhörnchen ist vergessen; das hat sich längst geborgen und sitzt wohl verwahrt in irgendeinem Schlupfwinkel und verschnauft. Auch Strix’ Gedanken drehen sich jetzt um nichts weiter als um einen hohlen Baumstamm. Das Gesindel ist hinter ihr drein, der Wald ist in Aufruhr ...

Da ist das Glück ihr hold.

Wie sie sich in wildester Flucht, verfolgt von dem Krähenschwarm, hinter einen Stamm wirft, verschwindet sie plötzlich. Ihren Verfolgern will es scheinen, als sei sie von dem Baum verschlungen. Kopfüber taumelt sie in einen tiefen Spalt hinab ...

Wo ist sie abgeblieben? schreien die Dohlen, und sie verdichten sich wie Kohlenrauch um ihr Versteck, machen einen langen Hals und starren. Ein verwegener Schelm wagt sich ganz dicht heran und guckt in das Loch hinein, fährt aber mit einem Gekreisch zurück. Hu! war das ein gräulicher Anblick! Es glüht aus dem faulen Holz heraus, wild und flammend; der Schelm hat genug gesehen, er ist am Rande einer Schlucht gewesen, die tief wie ein Abgrund war.

Dann kreischen die aufgeregten Krähen eine Stunde lang, sie schelten und schimpfen, fahren einander an die Kehle und kratzen und hauen sich gegenseitig nach den Augen, bis ein armer, räudiger, wintermatter Fuchs ihrer Wut endlich den nötigen Ablauf schafft.

— — —

Als eine Weile alles still gewesen ist, kommt ein großer Kopf behutsam zum Vorschein. Strix taucht auf und sieht sich lange wütend um.

Da sind Drohungen, da ist Rache in ihrem Blick!

— — —

Am folgenden Abend ist kein Brand im Sonnenuntergang: das Licht ist hinter Schneetüll verborgen. Ein schwerer, grauer Himmel lauert über der Erde; es schneit hin und wieder — und die vereisten Birkenkronen klirren.

In der freien Luft über dem Walde, wo ein beißend kalter Nebel die höchsten Wipfel verschleiert, sind die Krähen im Begriff, sich zur Nacht zu versammeln. Schon aus der Ferne hört man sie in kleinen Scharen von acht bis zwanzig heranziehen ...

Sie versammeln sich heute abend früh — und wie sie sich in schwarzpunktigen großen Schwärmen rund herum schwingen um den alten, dichten Tannenwald, der sie mit seinem Nadeldach und tausenden von Ruhezweigen anzieht, klagen sie in einem mächtigen Chor ihre Winternot.

Die Krähe gibt in der Regel einem kahlen Schlafast den Vorzug. Sie will am liebsten in der Esche des Moores oder in der alten Buche des Hochwaldes sitzen, um leicht aufhaken und abstreichen zu können. Aber heute abend ist das Wetter ungewöhnlich hart, und der Hunger im Bauch ist nur halb gestillt.

Kra-ah! Kra-ah! singen die schwarzen Vögel — und es liegt etwas bedrückend Unheimliches in ihren Stimmen. Jedesmal, wenn ein neuer kleiner Schwarm von der Tagesarbeit zurückkehrt und sich den Genossen anschließt, erhält der Chor gleichsam neue Unheimlichkeitsnahrung und vermehrt seine Stärke.

Und dann schwindet das Licht — —

Die rund herum segelnden großen Schwärme schweben näher und näher den emporragenden Wipfeln zu, lösen sich plötzlich auf und kuscheln sich in die Nadeltiefe ein. Es ist ein Wohlsein, eine namenlose Erquickung, den Körper unter den warmen Kissen zu bergen. — — —

Aber unten, ganz nahe am Stamm, auf dem knorrigsten Ast thront Strix.

Sie sitzt da und heuchelt einen Knorren.

Mit gespannter Aufmerksamkeit hat sie das Abendgekrächze der Aasvögel verfolgt ... die spielenden Federhörner haben ihre Gemütsstimmung ausgedrückt. Das unheimliche Dämmerungskonzert ist in ihren Ohren zu der lebhaftesten Musik geworden; sie hat mit voller Befriedigung vernommen, wie der Chor wuchs und wuchs, und die Luft von den vielen gespannten Schwungfedern dröhnte.

Jetzt, wo die Krähen wie die Flocken aus einer Schneewolke, die zerstiebt, rings um sie her in die Tannen hinabplumpsen, jetzt, wo sie es endlich in ihrer unmittelbaren Nähe kribbeln hört, wird sie auf ihre Weise dem Ursprung allen Lebens dankbar.

— — —

Ein stumpfrutiger Marder hat die gleichen Absichten wie Strix.

Er spaziert hoch oben in Kronenhöhe durch den Tannenwald; das regnerische Wetter begünstigt auch seine Meuchelmördertaktik.

Er ist an einem Stamme draußen am Rande des Waldes aufgebaumt; jetzt hat er einen Kilometer, oben zwischen den Zweigen balancierend, zurückgelegt.

Niemand ahnt ihn! Er schiebt sich an einem Zweig entlang, der im Winde schaukelt. Faßt dann das Ende des Zweiges und wippt in einen neuen hinüber, an dem er entlang kriecht, bis er im Baum verschwindet. Dann schiebt er sich auf der entgegengesetzten Seite weiter, lauert von Zeit zu Zeit und windet lange.

Es geht nicht in geschwinder Fahrt, wie hinter dem Eichhörnchen drein, aber es eilt ja auch nicht!

Zufällig steuert er geradeswegs auf die knorrige Tanne los, die sich so ungewöhnlich gut zum Lauern eignet.

Sie ist voll trockner Knorren und dicht nebeneinander sitzen sie, so daß er keinen Vorteil durch Klettern einbüßt, nein, er kann schleichen ... ganz bequem, als ginge es eine Treppe hinauf.

Und dann dort, wo der lange Schaft des Stammes allmählich irgendwo hoch oben unter den Wolken einen Besen bildet, ist die Tanne so zusammengefilzt, so dicht und nadelig, daß niemand, weder von oben noch von unten, einen Einblick hinein gewinnen kann. Eine kleine Lichtung in dem grünen Gewölbe, zu dem sich die Tanne emporreckt, erschließt den Krähen und Holztauben den nötigen Einflug.

In seine eigenen, tiefsinnigen Gedanken versunken, beginnt der alltäglich bekümmerte Taa seinen Aufstieg. Sein knurrender Magen hat unmöglich vergessen können, daß er vor mehr als achtzehn Stunden um einen kleinen leckern Akrobaten betrogen ist, für den die spähenden Lichter und der suchende Windfang ihm noch keinen Ersatz in Aussicht gestellt haben.

Seine Sprünge von einem Zweig zum andern auf dem Spaziergang hierher sind nur knapp bemessen gewesen; bei einer Gelegenheit ist er sogar hindurch geplumpst — bis hinab auf den Erdboden.

Er ist halbwegs müde und schlapp ...

Hin und wieder während des Aufbaumens streifen seine gierigen Lichter wohl einen großen Knorren oben an der Seite des Stammes; aber solche Knorren hat ja jeder zweite alte Baum, und die greisenhafte Tanne hier ist voll davon. Zum Überfluß kommt der Wind gerade von der verkehrten Seite; es zieht durch die Lichtung von unten herauf, wie durch einen Schornstein.

Als Taa bei dem Knorren angelangt ist, wird dieser plötzlich lebendig und fürchterlich zu schauen. Strix öffnet die Seher und zündet gleichsam Licht an, ein brandroter, phantastischer Schein schiebt sich über den Marder und hält ihn fest. Sein halb offener, arbeitstöhnender Rachen schließt sich und in seinen Blick kommt das Verschlagene und Verlegene, das ein Raubtier nicht zu unterdrücken vermag, wenn es sich einer groben Unachtsamkeit bewußt wird.

Aber Strix will hier keinen Kampf! Wohl haßt sie diesen schlauen und frechen Räuber — und kann sie ihn von hinten überfallen, die Fänge in seinen Rumpf schlagen und seinen starken Nacken in den Schraubstock ihrer Schneiden fangen — dann ist die Gelegenheit da. Aber nach offenem Kampf, wenn ihr der Hunger nicht in den Fängen kribbelt und sie unbändig macht, so daß sie gleichsam rufen: greif ihn und kröpf ihn! gelüstet es sie nicht.

Und Taa seinerseits wird sich schon hüten!

Es ist, als wenn diese beiden mordlustigen, ungefähr ebenbürtigen Gegner sich des Anlasses dieses Zusammentreffens wohl bewußt sind; kein Laut dringt aus ihren Kehlen. Der Uhu bläst sich nur auf und sträubt die Zauberhörner; der Marder schleicht von dannen wie eine begossene Katze.

Der Sturm schaukelt die Tannen, so daß ihre wolligen Zweige in die Höhe schlagen wie ein Kleid, das der Wind gefaßt hat. Es ist dunkel zwischen ihnen wie im Grabe.

Die tagmüden Krähen sind längst eingeschlafen. Der Himmel speit Schnee, und die Schauer treiben Brandung und Sturzseen in den Wald und bringen die Legionen der Tannennadeln zum Kochen und Sieden.

Wer hoch oben auf einem Zweige sitzt und in die Tiefe hinabsieht, dessen Gesicht wird noch dunkler, wer aber von unten heraufkommt und in die Höhe guckt, hat noch eine Chance trotz der Dunkelheit. Er sieht schwarze Krähenleiber auftauchen, als seien es große Tannenzapfen an den Zweigen.

Ein heiserer Todesschrei schleppt sich plötzlich durch die Nacht!

Strix hat lautlos ihren ersten schlafenden Klaus überrascht. Der Ärmste erwacht erst, als er in ihren Fängen eingeklemmt sitzt.

Der Schrei weckt jäh die zunächst schlafenden Kameraden. In das Sturmesgesause mischt sich vereinzeltes Krähengekrächz.

Dann auf einmal flattert es aus allen Tannenwipfeln heraus; gleich großen, verirrten Finsternisflocken schwingt sich Krähe auf Krähe in die Luft hinaus.

Heisere Schreie und langgezogene, wehmütige Klagen steigern das Grauen und das Entsetzen. Sie singen in ihrer Sprache, die schwarzen Aasvögel, über den Verlust und die Vergänglichkeit des Erdenlebens: hier saßen wir so schön, nachdem wir es so schwer gehabt hatten, da, da — —

Strix wütet oben zwischen ihnen. Sie schlägt die Fänge in den Bauch einer zweiten Krähe und macht sie schnell auf ewig verstummen. Sie packt eine neue und noch eine — gar viele schlägt sie nieder in der Schlacht.

Unten aber hüpfte Taa und sammelte eifrig auf ...

Jetzt endlich fand er Ersatz für seinen kleinen Akrobaten!

7. Der neue Wald rückt vor

Es war noch wild und urzeitartig in dem großen entlegenen Walde.

Er war ja freilich ein königlicher Staatswald. Es gab einen Forstmeister und es gab Förster, Hegereier und Waldhüter, und jeden Winter in der Zeit des Fällens dingte man drauf los unter den Leuten in der Umgegend, um zu roden; aber noch war man nicht so weit gelangt, den Wald auf fachgemäße Weise zu durchforsten. Darum gab es Teile, die noch nie unter dem Gesetz des Reißeisens und der Axt gestanden hatten, in die seit einem Menschenalter kein Mensch außer dem Wilddieb und dem Treiberjungen oder dem leidenschaftlichen Eiersammler seinen Fuß gesetzt hatte. Es war hier nicht wie im Kulturstaat, wo es kaum einen Quadratfuß Boden gibt, der nicht alle zehn Jahre mindestens einmal die Stiefelsohlen des Holzwärters spürt. Nein, Gräben und Entwässerungsröhren waren hier unbekannt, große Moore und Lichtungen lagen mit Gestrüpp bewachsen da, zahllose kleine Seen mit Röhricht und Weidenbüschen gab es, und im Winter war fast jede Niederung überschwemmt.

Es war ein stark kupierter Wald, durchschnitten von langen, sonderbar gewundenen Schluchten, die bei der Frühjahrsschmelze das Wasser der Hügel den stillen Waldseen zuführen halfen.

Arbeitete man sich die Hügel hinauf, so erreichte man Höhenpunkte mit weiter und ferner Aussicht; man sah den Wald von oben, sah Kronen und Wipfel im Schein der Luft: das grüne Gewölbe im Mai, das gelbe und rote im Oktober lag wie ein unermeßliches Blättermeer unter Einem und glitzerte in Wellen und Kräuselungen.

Durch den Boden der Klüfte wanden sich Bäche in tiefe Betten. Im Sommer waren sie trocken, nur welke Blätter und umgestürzte Baumstämme häuften sich darin auf. Aber zur Frühlingszeit gruben die Ströme der Schneeschmelze die Betten auf, gruben sie tiefer und tiefer; stellenweise konnte man in sie hineinsehen, als sähe man in einen Abgrund — so steil waren die Abhänge, daß das Herbstlaub, wenn es fiel, in Sprüngen an ihnen hinabhüpfte wie Kröten.

In diesem Walde, der so weicherdig und so laubgesättigt war, daß der Mensch seine eigenen Fußtritte nicht hören konnte, wo ihm, dem hohen Wesen auf Zehen, zumute war, als schwebe er, und wo er deswegen oft schauderte über das ungewöhnlich Geisterhafte, das plötzlich über seinen sonst so schwerfälligen Fuß und Rücken gekommen war, in diesem Wald versteckt sich Dänemarks letzte große Eule.

Sie hatte hier ungefähr zehn Jahre gelebt und war dieselben Luftwege — aus und ein — zwischen dem Zweiggewölbe geflogen, sie hatte dieselben Fangzweige, dieselben Lauerstellen benutzt und versucht, ihre Beute zu überholen, wo die Verhältnisse und ihre Erfahrung sie gelehrt hatten, daß sie überholt werden konnte. Alles war von einem Tage zum andern gegangen, wie es zu gehen pflegte — im Sommer Überfluß: Birkhähne, Hasen und spätgesetzte Rehkitzchen; im Winter Schmalhans: Eichhörnchen und Krähen, und Zank und Streit mit Fuchs und Marder.

Sie hatte sich nun an ihre Einsamkeit, an ihr großes Entbehren gewöhnt.

Nur um die Frühlingszeit bei Regenschauern, und auch sonst wenn schlechtes und unruhiges Wetter im Anzuge war, tauchten die alten Erinnerungen in ihrem Innern auf.

Wohl entsann sie sich keiner Einzelheiten ... nur unbestimmte Ahnungen von geraubtem Glück durch den Verlust von Männchen und Jungen konnten sie zu diesen Zeiten andauernd grimmig und böse stimmen.

Aber es ging nur über Marder und Fuchs, über Krähe und Habicht her, nur diese, ihre verhältnismäßig unschuldigen Feinde, bekamen ihre Fänge zu fühlen, die verfolgte sie noch immer aus tiefstem Herzensgrunde. Der Mensch dahingegen war für Strix nicht mehr das große, lächerliche Tier; er war der Herr, dem man gehorchen mußte, in dessen Launen man sich finden mußte, und nach dessen Treiben Strix sich notgedrungen richten mußte. Ihr Drauflosgehen den Menschen gegenüber hatte längst einen Knacks erlitten; sie scheute sie jetzt mehr, als sie es je zuvor getan hatte.

Und dann eines Tages verlautete es ... es ging auf Fledermausflügeln durch den Wald, unhörbar für andre, als für die, so es verstanden: sie hauen, sie fällen ...

Wer?

„Die Zweibeine“, „die Gesichter“, „die großen Zerstörer“ oder welche Namen man nun für die Friedensstörer hatte. Hört! Sie roden, sie hauen, die Bäume fallen um, Versteck wird zu Luft und Schutz zu Nässe. — — —

Es war ein neuer Forstmeister in die Wälder des großen Fördenkreises gekommen, ein eifriger Kerl; er hatte fast sein ganzes Leben in der Kanzlei gesessen und Entwürfe gemacht, daher hatte er ein fürchterliches Bedürfnis, sich zu rühren: zu hauen! Er sah den Wald durch die Zauberbrille der Kultur: die Bäume sollten da und da wachsen und so und so stehen ...

Sein Vorgänger war ein altes, amtsmüdes Individuum gewesen, mit Sehnsucht nach Natur im Leibe. Er hatte, wo er nur konnte, gern hier und da in seinen Anpflanzungen einen selbstgesäten Kümmerling stehen lassen, und er hatte auch Hirsch und Rehbock geschont und das Ohr dem Pfiff des großen, flüggen Habichtjungen verschlossen.

Jetzt sollte dieser Schlendrian ein Ende haben! Es sollte geschossen werden, geschossen, und es sollte gefällt werden, gefällt ... ein ganzes Menschenalter sei ja dort im Walde kein Ast angerührt, behauptete der neue „Meister“.

Die Holzwärter waren gewohnt gewesen, glimpflich vorzugehen; sie hatten viel zu Hause zu tun. In Zukunft sollte die Pfeife einen andern Ton haben; sie sollten im Walde sein und sonst nirgends. Der neue Forstmeister stürmte dahin wie ein Unwetter. Alles was mürbe und überlebt war, mußte sich beugen — und mit den Tagen, die gingen, und dem Winter, der vorschritt, ward es lichter und offener im Walde.

Strix hörte die Äxte schlagen und die Sägen schneiden, und spät am Abend, wenn sie ausflog, sah sie neue Haufen gefällter Bäume und geschlagenen Holzes; es lag in langen Streifen hinter den Menschen so wie die verdauten Erdknollen hinter einem Regenwurm.

Eines Tages kommt ein Fuß um die alte hohle Buche herum. —

Schale und Lauf sah man oft um den Baum herum, aber ein Fuß — —

Und Strix sträubt die Hörner.

Nach ihrem langjährigen ungestörten Leben hier draußen im Walde war sie gleichsam in den Urzustand ihres Stammes zurückversetzt. Noch bis vor wenigen Monaten hatte sie nur selten andere Laute gehört als die eigene Stimme und die Stimmen des Waldes und des Sturmes; jetzt steigt ihr ein brenzeliger Geruch wie von sonnengedörrtem Harz und sumpfigem Moor in die Nase, und das Geräusch von Tritten fordert eindringlich, in ihren Ohren zur Ruhe gebracht zu werden. Strix kann nicht recht wach werden — —

Da rafft sie sich auf; sie wird plötzlich schlank, mit übermächtiger Kraft drängt sich ihr die Erkenntnis auf: das ist ja der Mensch!

Ein Reißeisen wird hervorgeholt, und ein Stock mit einem Spatenblatt am Ende fängt an zu kratzen und zu hauen; Strix ist kurz davor, auszufliegen, so genau untersucht der neue Forstmeister die Buche.

Herr du meines Lebens! — entfährt es seinem Munde, und er reißt ein gewaltiges Loch in die Rinde des Baumes ... herunter mit ihm!

Am nächsten Tage kommen die Schritte wieder, das Kratzen und Hauen wiederholt sich.

Aber mehr als zweimal läßt sich Strix nicht in ihrer Tagesruhe stören, ihr Mißtrauen ist erwacht — wie ungern sie es auch tut, sie muß aus ihrer alten Wohnung ausziehen.

Sie fliegt nach der Tiefe der alten Tannen und sinkt in ihr warmes, lichtschwaches Gewölbe hinab. Hier sitzt sie eine Woche lang in einem alten Habichthorst. Bis es plötzlich eines Morgens in dem Stamm singt und wie von weißen Federn um seinen Fuß stiebt ... sie fühlt den Wipfel erbeben, den Baum schaukeln und auf einmal umfallen — da erst streicht sie ab. Sie wählt eine neue Tanne, weiter entfernt im Dunkeln, aber schließlich erreicht die Axt auch die ... die gierige Axt frißt ganz regelrecht auch Tannen!

Dann nimmt sie fürlieb mit dem tiefen Astspalt hoch oben in der Buche, der sie seiner Zeit vor den Krähen errettet hat. Es ist freilich ein enger Raum, in dem es zieht, denn der Baum ist fast durch und durch faul, und hatte ein Loch neben dem anderen, sowohl über ihr als auch unter ihr in der ganzen Länge des Stammes. Aber ein Zufluchtsort ist der Spalt doch!

Als der Frühling kam, wurden alle Löcher benutzt. Strix, die die Vornehmste war, wohnte im ersten Stockwerk, über ihr in den vielen andern Stockwerken hatten Stare, Blaumeisen und Kohlmeisen ihre Behausung, unter ihr wohnte ein Dohlenpaar und ganz unten im Keller eine fette schwarze Ratte, eines der sogenannten Moorschweine. Das Erdgeschoß aber stand leer, denn dort wohnte im Winter Meister Taa, und nach ihm roch es den ganzen Sommer.

Es war Strix indessen unmöglich, sich an den Spektakel der vielen kleinen Leute über und unter ihr in dem neuen Hause zu gewöhnen. Als daher der Sommer kam und das Laub die Schlupfwinkel des Waldes düster machte, blieb sie oft den ganzen Tag draußen sitzen.

Sie setzte sich gewöhnlich auf einen Fleck, wo selbstgesäete Birken und Erlen oder Tannen in großen Haufen Wurzel in der nachtschwarzen Erde der Waldmoore geschlagen hatten; dahinaus wagten sich nicht viele von denen, die zu Fuß gingen. Sie zog tief in die Moore hinein, nach den sumpfigen, feuchten Stellen, wo die Bäume klein waren und sich in den allerverzerrtesten Formen umeinanderschlangen. Namentlich hatte sie draußen auf einem Grasbüschel mitten in einer Wasserlache zwischen den kranzförmigen Zweigen eines uralten Weidengestrüpps eine liebe und ruhige Schlafstätte. Es war hier wie in einer Laubhütte — und diese Laubhütte benutzte Strix oft und lange.

Bis die vielen kleinen Vögel: Gartensänger, Mönch, Rohrdommel und Nachtigall, deren eigentlicher Besitz dies alles war, und die ihren Heckplatz und ihre Nestwohnung rings umher in dem Schlupfwinkel hatten, zufällig auf sie stießen. Da hatte der Friede ein Ende! Die kleinen Vögel hörten nicht auf, Strix ihr Mißfallen ins Ohr zu schmettern, die Lumpen des Waldes — die Häher, zogen auf, und bald darauf die Drosseln — die wachsamen Schutzleute des Waldes — da wußte sie, daß die Botschaft erging, daß das gellende Horn ertönte, daß der Wald binnen kurzem mobil gemacht sein werde, und sie breitete die Flügel aus und flog hinauf durch das Laubdach, flog davon — um sich wieder tief in ihrem Spalt zu verstecken.

Nichts konnte Strix so reizen wie dies Kleinvögelgesindel. Meinetwegen die Krähen! dachte sie. Meinetwegen Marder und Fuchs und zur Not auch die Menschen! Das alles war groß, so wie sie selbst und hatte das Recht, auszuschelten; aber so eine kleine lebende Flocke, was hatte die zu sagen!

In dem tiefen Spalt war es scheußlich im Sommer — schwül und zum Ersticken! Und kitzelndes Spinnengewebe hatte sie beständig im Schnabelbart — in der Laubhütte des Weidengestrüpps war es so frisch und kühl gewesen!

Der Sommer verging —

Es wurde immer schwieriger für Strix, sich in dem alten Walde zurecht zu finden. Es war mit dem bald ebenso wie mit den vielen andern, aus denen sie ihrer Zeit geflohen war: der große Zerstörer hatte ihn nun ganz umgewandelt.

Wo sich Sümpfe und Erderhöhungen zwischen stehenden Gewässern hinzogen, wo Zwergweiden und Birken, Wollgras und Porsch wuchsen, dahin kamen breite Gräben mit Wiesen und Gras. Wo einst Sandgräben und Heideebenen und rotbraunes Heidekraut gewesen, wo Rehbock, Birkhahn und Hase freien Durchgang gehabt, da wuchsen kleine immergrüne Miniaturwälder auf. Selbst Strix’ kleiner Waldsee zwischen den Hügeln war verschwunden. Wo einst Wasser glitzerte, und Röhricht und Entengrün und herrliche Wasserpflanzen für Wildente und Storch zum Hineinschlabbern bereit lagen, da sah sie nun auf ihren nächtlichen Zügen nur noch ein leeres Schlammbett liegen. Und so überall! Wo die Einsamkeit wohnte, wo der Wind seinen Singplatz und die Sonne ihre Badestelle hatte, wo der Herbststurm zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche wild brunstete, und der Lenzregen in Bachbett und Schluchten rieselte und summte — dort rumorte jetzt der Menschengeist.

Es wurde Winter — und Strix hörte Taa in seine Wohnung unter ihr einziehen. Er hatte ein Junges bei sich ...

— — —

Taa war jetzt eine alte Ratte und lange nicht mehr so kampflustig, wie er es in seinen jungen Tagen gewesen, als er die Nestpalisaden des großen Uhus stürmte. Er hatte graue Stoppeln im Bart, und die Farbe des Pelzes fiel ins laubbleiche und nicht mehr in das früher so glanzvolle und tiefe Kastanienbraun.

Er hatte das gewöhnliche Leben eines Marders gelebt, hatte sich durch die Welt geräubert und sich durch seine Schlauheit, Entschlossenheit und seine vielen körperlichen Fertigkeiten Respekt verschafft. Jetzt hatte er, was die letzteren anbetrifft, nichts mehr, dessen er sich rühmen konnte; er war halb steif und zahnlos und lebte hauptsächlich von dem, was er durch seine väterliche Würde einem Sohn abzupressen vermochte.

Klein-Taa artete in allem nach seinem Erzeuger. Er war, wie ein Waldmarder sein soll, voll Schlüpfen in der Pfote, Springen im Lauf und einem ewigen Verlangen nach Blut in den Zähnen; aber er war noch grün und unerfahren ...

Er ließ sich indessen gut an!

An Streitbarkeit des Gemüts übertraf er sogar noch den Vater — und so jung er war, ließ er sich kein Eichhörnchen nehmen, das er mühsam gefangen hatte, ohne vorher entschlossen sein Leben dafür eingesetzt zu haben.

Bei dergleichen dummdreisten Neigungen würde er nicht alt werden, das konnte sein Vater ihm weissagen, aber der große Taa hatte sich nie mit Weissagungen abgegeben.

Nur Einem gegenüber zeigte sich Klein-Taa ungewöhnlich gutmütig; das war so wie es sein sollte, nämlich seinem väterlichen Erzeuger, dem großen Taa gegenüber.

Schlau und erfahren, wie der große Taa war, hatte er den Sohn nämlich von frühester Jugend an daran gewöhnt, seine Beute mit ihm zu teilen.

So oft ward Klein-Taa der leckerste Teil seines Fanges weggenommen, daß er es allmählich als selbstverständliche Pflicht empfand, diesen kräftigen alten Kerl versorgen zu müssen.

Jetzt, wo es Winter mit ungünstigen Witterungsverhältnissen geworden war, und die Spärlichkeit der Beute das Leben noch kümmerlicher für einen alten, abgelebten Marder machte, hing sich der große Taa wie eine Klette an seinen Sohn und wich nie — auch nicht am Tage — von seiner Seite.

Klein-Taa empfand es zuweilen als etwas Naturwidriges, daß sie beide am Tage in derselben Höhle saßen und Grillen fingen, da aber auch für Marder Wohnungsnot herrschte und der Frühling noch nicht in der Luft zu spüren war, fand er sich darein.

Eines Morgens bei Tagesgrauen kehren sie beide schneedurchnäßt heim. Strix hört Vater und Sohn in ihre Behausung schlüpfen und anfangen, sich in ihrer luftigen Stube zu putzen.

Strix sitzt in der ihren über ihnen.

An diesem Morgen sind Spuren im Schnee zu lesen, und die Jäger sind überall auf den Beinen.

Drei große, starke Männer folgen den Mardern auf den Fersen; sie finden den Baum, versuchen hinaufzuklettern, sind aber nicht imstande dazu. Da zünden sie Feuer an der Wurzel des Baumes in dem Loch des Moorschweins an. Das „Schwein“ wird gebraten — und es schwält häßlich durch den ganzen mürben Stamm hinauf. Der große Taa niest, und Klein-Taa niest, und auch Strix muß niesen. Jeder von ihnen denkt, daß es ihm gilt.

Aber als die Marder hinausschlüpften, flog auch Strix auf ... Die Jäger schossen den großen Taa. Strix und Klein-Taa bekamen sie nicht.

Wo sollte Strix jetzt nur bleiben?

Die alten Tannen waren dahin, und die Einsamkeit und Waldestiefe um ihre liebe alte Buche auch. Von ihrem ganzen einst so wilden Walde mit Sturmesgebraus und Baumgeknarre waren nur noch einzelne zerstreute Teile übrig, in denen sie früher nie hatte sein mögen. Ein niedriger Jungwald breitete sich überall über den entwässerten Mooren und auf den offenen Stellen aus, und mystische, von Menschen geschaffene Laute hielten sie von Morgendämmerung bis Abend wach. Wo sollte sie nur bleiben?

Es wurde immer gefährlicher für Strix, hier im Walde umherzuschweifen. Die Jäger kamen oft mit Flinte und Hund hierher, und es wurden große Treibjagden abgehalten. Hätte sie das Leben nicht dies und jenes gelehrt, und hätte sie nicht beständig den Platz gewechselt oder sich unsichtbar gemacht, indem sie sich unter großen, halbverfaulten Baumstümpfen und in alten, unbewohnten Fuchsbauten versteckte, so würde es ihr nie gelungen sein, den Jägern zu entkommen.

Mehr und mehr ward es ihr klar, daß sie nun wieder weiter mußte!

In ihren jungen Jahren war sie viel gewandert. Im Herbst und namentlich zur Winterszeit war sie in der Regel von dannen gezogen, und hatte nach Lust und Laune umhergestreift. In späteren Jahren hatte sie sich nicht viel aus diesem Umherstreifen gemacht; sie war geblieben, wo sie war.

Aber nun zwangen die Verhältnisse sie von neuem.

Wohlan, so mußte sie denn fort; sie mußte sich eine neue und bessere Gegend suchen!

— — —

Um die Frühlingszeit werden die uralten Wandergrillen nach Verlauf von Jahren wieder lebendig in Strix — in einer schönen Nacht überkommen sie sie plötzlich wie mit der Unbändigkeit eines Fiebers.

Sie merkt, wie gleichsam ein Trieb, ein Verlangen in ihr aufsteigt. Es ist kein Hunger, nichts, was sie durch ihren Schnabel, durch ihre Fänge befriedigen kann. Es wohnt anderswo als in ihrem Magen und schmerzt auf eine eigene, innere Art. Sie wird unruhig, kann nicht schlafen, nicht still auf dem Zweig sitzen, sondern muß fortwährend mit den Augen zwinkern und die Flügel halb öffnen, wie zum Flug. Das Verlangen wächst und wächst, auf seine Weise genau so, wie der Hunger wächst ... und so steigt sie denn, als der Vollmond blank am Himmel steht und das Licht grell über der Landschaft liegt, wie in einem Rausch über den Waldeswipfeln auf und verschwindet.

Sie wandert, wie hunderte von großen Uhus vor ihr gewandert sind, von den Menschen vertrieben, der Naturruhe und Einsamkeit entgegen, nach denen ihr Sinn stand. Gleich diesen heimgegangenen Vorfahren aus den ländergroßen, jetzt verschwundenen Wäldern hat auch sie dieselbe Liebe, dasselbe innige Bedürfnis, sich auszuscheiden, zu isolieren.

Von Natur ist niemand so ungesellig wie Strix; aber es ist doch, als wenn ihres Zeitalters Überfluß an Menschen sie — die letzte — noch weniger umgänglich gemacht hat.

Ruhe, Ruhe, seufzt sie, wenn sie für sich seufzt; Ruhe ist sozusagen eine Lebensbedingung für sie. Sie kann nicht atmen, nicht gedeihen, wo wie hier Axthieb auf Axthieb fällt, wo Wagengerassel und Pferdegetrappel erschallt, und Menschen und Hunde lärmen. Sie ist der Vogel der großen Einsamkeit! Was die Sonne für die Blumen, ist die Naturruhe für sie; sie muß sie suchen, ihr nachziehen, wie man die Zweige der Bäume sich nach dem Licht krümmen und strecken sieht.

Sie wählt die Nächte zu ihren Flügen und hält sich am Tage still und verborgen in irgendeinem öden Winkel. Sie sitzt in einsamen Torfhütten, in verfallenen Scheunen, in alten Kirchtürmen, die ganz allein liegen. Hier darf sie in der Regel in Frieden sitzen, niemand ahnt ihre Anwesenheit — groß genug ist sie ja, aber sie hinterläßt keine Spur! Es geht ihr nicht wie dem Hirsch, der, wohin er auch immer tritt, einen großen Abdruck seiner breiten Schalen hinterläßt, eine Spur, die eine Unzahl von Schützen und Jägern hervorzaubert.

Das Einzige, was Strix verrät, wenn sie zu lange an einem Ort verweilt, sind die weißen Kalkkleckse die sie aus natürlichen Ursachen um ihren Sitzplatz verbreiten muß.

Aber sie ist scheu und erfahren; sonst wäre es ihr schon längst ergangen wie Uf, und sie wäre nie davor bewahrt worden, das Schicksal des großen Taa zu teilen.

8. Auf der Heide

Der Schimmer des Tagesanbruchs liegt gleich einem ungeheuren Tautropfen und schaukelt über der Erde draußen am östlichen Horizont.

Strix ist geflogen und geflogen —

Jetzt gewahrt sie in der Ferne Wald, sie sieht kuppelförmige Kronen und zahllose Anläufe zu Wipfeln — ein mächtiger Hochwald mit einer Wölbung neben der andern rundet sich üppig vor ihr empor.

Was sie eräugt, sind Heidehügel am Horizont, sind Hünengräber und Wachholderbüsche, die Bäume, an die sie gewöhnt ist.

Bald löst die ferne Fata morgana sich auf — und das ungeheure, schwarzgetönte Heidekrautmeer gibt sich zu erkennen.

Noch ein Kilometer — und als die Sonne aufsteigt, wird das Heidekrautmeer zu der großen herrlichen Naturebene der Heide mit dem Porschgrün der Schluchten und dem Violett der Hügelrundungen. Die unzähligen Heidekrauterhöhungen bekommen Form und Fülle, sie treten hervor und werden für Strix zu Reisern und Büschen. Ameisenroter Eisenocker guckt stellenweise hervor, olivenfarbene Mehlbeerenzweige recken sich über trocknen, natterbeschwerten Flechten empor. Der moosähnliche Wolfsfuß, der grüne Pflanzenwurm der Heide, kriecht mit seinen behaarten Ranken über den Sand hin, auf sie zu; sie erkennt das alles wieder von ihren wilden Streifzügen in ihrer Jugend — und sie fliegt hinein in die Heide bis an eine tiefe Schlucht zwischen ein paar hohen, finsteren Hügeln, da läßt sie sich nieder und setzt den Fuß auf den trockenen, knirschenden, mit Renntiermoos bedeckten Boden.

Es durchflutet sie, als sei sie lenztrunken und erfüllt von dem mächtigen Paarungstrieb; ihr wird so munter und leicht, sie wird wild vor Freude ... hier ist noch die Erde in ihrer Ursprünglichkeit, weit und offen mit Mooren und Sümpfen, mit Weide und Porsch und dem Zug der Hügel, der in den Himmel übergeht; ein Überrest Natur von ihrer Natur breitet sich vor ihr aus, mit Ruhe und Großzügigkeit, frei von den vielen Steinhaufen, aus denen immer Rauch und Lärm aufstieg!

Zwischen Heidekraut, so kräftig, daß es in bezug auf Höhe mit den Wachholderbüschen wetteifert, und Strix hoch über dem Kopf zusammenschlägt, watschelt sie den bemoosten, reich mit Porsch bestandenen Abhang hinauf und setzt sich auf den Gipfel eines alten Hünengrabes, das in einsamer Majestät hoch oben auf einem der Hügel thront. Sie sitzt da und keucht nach der Reise und starrt hinaus über ihr neues Heim.

Da hört sie ein Piepsen gerade unter ihren Ständern.

Es ist ein kleines Birkkücken ...

Strix beobachtet mit gespannter Aufmerksamkeit, wie es sich ganz langsam und mit großer Mühe durch das Moos hinaufarbeitet.

Strix hat wohl Lust zu dem Bissen; sie ist hungrig nach der Reise — und schlägt deswegen auf das Kücken nieder.

Da wird der Mooshügel, in dem das Birkkücken sitzt, gleichsam lebendig; es kribbelt und krabbelt um die Fänge der großen Eule herum. Strix will natürlich alles fangen, was kriecht — und sie greift wild und gierig nach alten Seiten um sich.

Endlich meint sie, daß sie genug hat und öffnet vorsichtig die Griffe — da hat sie nur Heidekraut und Moos in den Fängen.

— — —

Eine Birkhenne, die durch das Erscheinen des großen Uhus überrascht wurde, wußte nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als ihre kleinen Küchlein in das Moos einzugraben; dort sollten sie stillsitzen, solange der große Fänger ausruhte. Nun hätte ein kleines ungehorsames Junges um ein Haar die ganze Brut in Gefahr gebracht!

Strix nimmt sich ihr Mißgeschick nicht weiter zu Herzen, sie betrachtet das Ereignis als eine Art wohlgemeinten aber schlecht ins Werk gesetzten Willkomm.

Jetzt will sie sich eine Wohnung suchen.

Und sie fliegt eine Wendung nach der andern und stolziert auf ihren unbeholfenen, behosten Fängen, während sie mit rollenden Flügeln zwischen den Heidekrauthügeln herumsucht.

Da hört sie es auf der andern Seite des Hünengrabes brummen. Es ist, als erwache jemand da unten und spräche laut mit sich selbst, während er sich in aller Eile fertig macht.

Das Gebrumme des Reisenden klingt immer mürrischer; Strix fliegt aus Neugier dahin — und sieht eine große Hummel aus einem Fuchsloch herauskrabbeln.

Hu — Hu — Hu! schilt die Hummel und setzt mit einem gierigen und honigerpichten Brummen über den Kopf der Eule hinweg.

Diesmal ist der Willkomm hübsch ins Werk gesetzt, meint Strix! Der Fuchsbau riecht ja freilich ein wenig, ja, er stinkt; aber das ist ja nur heimatlich. Sie watschelt in den Eingang des Loches hinein und scharrt sich eine Vertiefung, einen richtigen Nestraum mit Wölbung und reichlich Platz zum Rühren; hier läßt sie sich nieder.

Reineke kommt früh heute morgen und sehr angegriffen von der Nachtjagd. Er geht halb im Schlaf und hält den großen Uhu für das, was er unter einem Gespenst versteht.

Er ist nur ein kleiner Fuchs, ein Dieb, der sich auf Art der Diebe leicht erschrecken läßt. Sein Körper ist schlaff, die Gesichtshaut sitzt ihm in Falten, die Lefzen hängen herab und seine listigen Lichter haben einen eigenen melancholischen Ausdruck.

Er sieht so aus, als habe er an Nahrungssorgen gelitten — von der Art, die ihren Mann zeichnen und ihn engherzig und hohlwangig machen.

Der Fuchs ist abgelebt — das ist die Sache! Die Eckzähne im Unterkiefer sind bis auf die Höhe der Vorderzähne abgeschliffen, seine Krallen sind eckig und stumpf — er kann nicht mehr fangen.

So kommt es denn aus diesem Anlaß zu keiner Prügelei. „Das Gespenst“ ist standhaft; es hält sich Stunde auf Stunde in dem Bau, und so oft auch Reineke seine Nase hereinsteckt, bekommt er sie mit großen, perlenden Blutstropfen an der Spitze zurück. Schließlich ist die Sache entschieden; der Bau ist besetzt, Strix wohnt da!

Und dann geht Reinecke durch die Hintertür.

— — —

Eine lange Zeit behält Strix ihre Wohnung hier bei dem Heidefuchs, sie sitzt warm in seinem Bau, in Schutz vor Regen und Sturm und geschützt gegen das blendende Tageslicht.

Wenn der Fuchs nach Hause kommt und seine Einquartierung vergessen hat, wenn er sich in der Tür irrt und durch den Haupteingang geht, wie er es sonst immer gewohnt gewesen ist, bläst Strix sich auf und versetzt ihm einen Hieb mit einem ihrer Fänge ... das hilft dann seinem Gedächtnis für eine Woche auf.

Auf der Heide findet Strix Ruhe — der Kampf um ihre Ernährung fordert alle ihre Kräfte.

Sie fängt Regenpfeifer und junge Kuckucks und Brachvögel, wenn sie im August kommen und sich in dem Maße mit Heidelbeeren mästen, daß ihr Bürzel ganz schwarz davon wird. Sie fängt Stachelschweine und frißt sie mit Haut und Haar, und ohne Rücksicht auf die scharfen Stacheln zu nehmen. Sie nimmt auch Fische und Kreuzottern und Nattern. Und wenn der Tag zur Rüste geht und die Sonne hinter den Hügeln versinkt, wenn der Sommerwind sich legt und alles so wunderbar kühl wird, wenn die Blumen nach des Tages Arbeit ihren starken Duft ausatmen und der Schlaf sich schwer über die Landschaft legt, dann fliegt sie umher nach den fernen, einsam gelegenen Höfen und fängt ihre leckerste Speise.

Alle Menschen sind in ihren Steinhöhlen, nur ihre Gewänder —: Frauenhemden und Strümpfe, Socken und Männerhemden, die zum Trocknen hinausgehängt sind, nehmen noch den Kampf mit der Finsternis auf.

Da wimmert und pfeift und schreit es um die Gebäude herum, da heult es in der Nacht, gierig und garstig, während Strix die von den Menschen fett gemachten Ratten kröpft.

Alle ihre Jagdmethoden wendet Strix hier in der Heide an; sie macht Birkhühner und Hasen bange mit ihrem Geheul, schlägt sie in der Luft und im Fluge. Sie entreißt auch andern Raubtieren ihren Raub, wo sie dank ihrer Überrumpelungstaktik ihre Nebenbuhler von hinten überfallen kann.

Eines Abends segelt sie lautlos über die Heide ...

Sie streicht ganz niedrig und folgt den Windungen des Bachlaufes durch den langen, grasgefüllten Talboden. Da hört sie plötzlich unter sich einen klagenden, jammernden Laut und gewahrt nun zwei engverschlungene Gestalten, die sich im Wasser tummeln. Sie schießen in die Tiefe hinab, kommen plötzlich wieder zum Vorschein und treten Wasser, so daß der Bach schäumt.

Es sind zwei Ottern im Kampf.

Nach einer Weile arbeiten sie sich an Land und kämpfen dort weiter ...

Der eine hat einen leckern Fisch im Maul, und dem gilt der Kampf.

Strix schlägt zwischen ihnen nieder und setzt ihren Fang auf den Fisch. Da sitzt sie dann, äugt mit den Lichtern bald den einen, bald den andern an und versetzt ihnen einen Schlag mit dem Flügel, wenn ihre fauchenden Gesichter ihr ein wenig zu nahe kommen.

Dann auf einmal fliegt sie mit der Beute auf!

Da werden die beiden wütenden Gegner im Handumdrehen Busenfreunde, sie springen hoch in die Luft empor, ihr nach.

— — —

Hier auf der Heide liegt ein altes Eichengestrüpp. Es liegt auf einem Hügelabhang, nicht weit von dem Hünengrab, in dem sich der Fuchsbau befindet. Das struppige Heidekraut reicht den kleinen, verrenkten Eichenkrüppeln an vielen Stellen weit über den Kopf. Aber die Knirpse sind trotzig — sie krümmen sich zu einer dichten und umfangreichen Krone, indem sie die Zweige wild und heftig um sich schlingen. An den Zweigen wachsen Blätter — und dieser Sonnenschirm benimmt dem Heidekraut den Mut.

Höher hinauf an den Abhängen, wo die Knirpse in Gesellschaft stehen und durch ihr Zusammenhalten Macht gewinnen, muß sich das Heidekraut damit begnügen, eine Verbrämung um die Lichtungen zu bilden.

Und ganz oben auf dem Hügelrücken werden sie zu Bäumen, die fast Manneshöhe erreichen.

Diese Bäume nennen die Heidebauern „Wald!“

Es ist wilder Wald: keine Steige außer denen, die das Wild tritt, finden sich hier. Hier wachsen Zitterespen zwischen Ebereschen. Und Adlerfarne zwischen den Zitterespen. Das Geisblatt duftet. Hier ist Lauberde und Waldboden und Maiblümchen und Schatten hier auf der Heide! Im Frühling kommen hier Anemonen und im Herbst Pilze, und die Eichen tragen kleine, verkrüppelte Eicheln.

Ein Stelldichein für Tiere und Vögel ist dies Gestrüpp — ein Sammelplatz für die Insekten! Sie feiern die Ankunft jedes Warmblütlers und wimmeln ihm tanzend entgegen, wie Wilde bei der Landung eines vornehmen Europäers.

In diesem Gestrüpp schlägt Strix manch einen leckern Raub!

Es ist ein holdseliger Morgen!

Der Kuckuck ruft über die Heide hin, und im Eichengestrüpp zwischen blühendem Ginster und dichtbelaubten Ebereschen sitzt der kleine Bluthänfling mit der ziegelroten Brust und singt.

Strix hat sich am Rande des Gestrüpps auf einen alten Grenzwall zwischen einer Gruppe steifer Adlerfarnen und dem rötlichen, zarten Laub der Eichenschößlinge versteckt.

Es gluckert und ruft drinnen im Heidekraut ...

Jetzt schwingt sich eine Lerche mit kraftvollem Morgengezwitscher aus den taufeuchten, dicht benadelten Heidekrautbüschen empor, ruhig und selbstverständlich steigt sie dem Blau entgegen. Strix blinzelt mit dem einen Auge nach der Richtung hin — ja, da gewahrt sie den Ton! Eine Schwalbe bestreicht den Grenzwall längsschiffs und fängt Fliegen gerade über ihrem Kopf wie ein Fischdampfer Heringe im Schleppnetz; sie hört ihre Flügel schwirren. Es wimmelt in den Kräutern um sie herum; allerlei Gewürm eilt Stengel auf Stengel ab, es krabbelt, mißt, klettert und spinnt sich vorwärts.

Da sieht sie auf einmal durch den Ausguck der Laubhütte einen graubraunen Vogel mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf aus dem Heidekraut herausschreiten. Ein Schwarm von behenden, braunschwarzen Geschöpfen, nicht größer als welke Blätter, brodelt wie ein Ameisenhaufen rings um sie herum. Es ist ein Rebhuhn mit seinen Küchlein.

Das Huhn hüpft in die Höhe und wirft den Kleinen Grashalme hinab, es überholt eine Libelle, die über einen Sandfleck dahinschießt, und zerhackt sie in feine, feine Stücke, und nun wühlt es einen von den Haufen der weißen Ameisen auf ...

Hinter dem Eichenlaub und den Adlerfarnen schießt etwas wie ein großer brauner Pilz auf.

Da verstummt der Hänfling plötzlich in seinem Gesange, die Schwalbe, die dahergestrichen kommt, fängt an zu zwitschern und zu schreien, das Rebhuhn, dem der Wink gegolten hat, stößt ein warnendes Glucksen aus — und alle Blätter bekommen Beine zum Laufen.

Strix verläßt ihr Versteck! Es raschelt in den Adlerfarnen und kracht in den Brombeerranken. Aber sie hat sich zu gut versteckt —: ehe sie sich freimachen konnte, hat die kleine glückliche Familie sich gerettet!

Ein leises Geräusch in einem Moosbüschel dicht neben der Stelle, wo Strix sich niedergelassen hat, macht sie indessen glauben, daß dort vielleicht ein kleines Rebhuhn unter dem Moos versteckt sitzt — und mit einem kräftigen Hieb schließt sie ihren Fang um den Büschel.

Was sie faßt, fühlt sich wie ein Stock an; er rollt unter ihr, — und im nächsten Augenblick erhebt eine große, braune Kreuzotter ihren schuppenrasselnden Leib vor ihr in die Höhe.

Auch sie ist auf Rebhuhnjagd aus!

Die Schlange wohnt hier im Heidegestrüpp längs des alten Grenzwalls und pflegt eine gewisse Jahreseinnahme von ihren Hühnern zu haben.

Vor drei, vier Tagen hat sie eine große Beute gemacht. Da war sie über die Küchlein hergefallen, die noch so klein waren, daß sie keine Kraft in den Ständern hatten. Schon hatte sie zwei umgebracht, sie lagen zerkaut und mit Schleim übergeifert da, aber es war ihr nicht möglich gewesen Ruhe zu finden, um sie zu verschlingen. Wenn sie gerade dabei war, fuhren die rasenden Eltern auf sie ein; der Hahn krähte laut und das Huhn schlug sie mit den Flügeln in die Augen und kratzte sie mit seinen scharfen Krallen. Unablässig hatte sie zischen und mit der Zunge spielen und ausweichen müssen, wie vor Feuer und Rauch.

Endlich war es ihr gelungen, des dritten Küchleins habhaft zu werden; das Kleine lag da und spattelte in den letzten Zügen. Da packte sie es und sauste damit von dannen; sie trug es im Maul hoch erhoben über dem Heidekraut — und ging dann mit ihm in ihre Erdhöhle hinunter. Hier hatte sie es sich in Ruhe und Frieden einverleibt.

Aber das Malheur mit den beiden andern kitzelte ihr noch immer den Gaumen. Hätte sie bekommen, was ihr zukam, die drei Jungen statt des einen, so hätte sie ruhig faulenzen und sich an Nachttau und Tagessonne gütlich tun können. Nun fühlte sie sich nach ein paar Tagen wieder so schlank im Leibe — sie mußte hinaus, sie mußte etwas zu fressen haben!

Im Laufe der Nacht war sie in einem Dutzend Mäuselöchern bis auf den Grund gewesen. Aber nirgends traf sie jemand zu Hause. Dann hatte sie sich am Rande des Eichengestrüpps versteckt, wo sie in ihrem rechtmäßigen Revier lag und lauerte, als sie auf einmal urplötzlich in ihrer Jagd gestört wurde.

Die Schlange ist ein großes, rotbraunes Weibchen mit einem schwarzen Blitzstrahl am Rücken entlang. Sie mißt fast eines Armes Länge und ist stellenweise so beleibt, daß sie beinahe die Dicke eines Handgelenks hat. Als sie sich von dem Griff ihres brutalen Gegners befreit hat, rollt sie sich in einer Spirale zusammen, den flach gedrückten, eigentümlich herzförmigen Kopf klar zum Angriff über dem Gipfel der bebenden Körperringe erhoben.

Sie ist ergrimmt und erregt! Ihre kleinen verräterischen Augen blitzen und funkeln vor List und Bosheit. Ihr breiter Rücken und die Bauchmuskeln arbeiten krampfhaft und wringen und krümmen sich nach der unsanften Behandlung in Strix’ Fängen. Ihr kurzer, rundlicher Schwanz, der gewöhnlich steif wie ein Stock unter ihr zu liegen pflegt, fährt ununterbrochen wie ein tickender Pendel über den Sand hin und her.

Strix erwacht im Handumdrehen aus dem Fangerausch; steif wie ein kalkuttischer Hahn in Ekstase, die Lichter in den Augen der Schlange, dreht sie sich nach ihr hin. Wie von einer plötzlichen Eingebung getrieben, rollt sich die Kreuzotter aus ihrer zusammengewickelten Stellung, um bis an den Ständer der Eule zu gelangen und sich darum herum zu winden; Strix aber befreit sich mit einem Satz rechtzeitig aus den Schlingen. Da wechselt die Schlange die Taktik und richtet sich auf. Mit spielender Zunge und grausam starrenden Augen hängt sie vor Strix, sie siedet wie ein Teekessel und baumelt in der Luft wie ein großes umgekehrtes Fragezeichen.

Strix bläst sich zu doppelter Größe auf; sie sträubt ihre Federn wie ein Stachelschwein seine Stacheln, dann macht sie einen blitzschnellen Ausfall und schlägt mit einem ihrer Flügel nach dem Heidewurm.

Die Schlange stürzt sich auf den Flügel und bohrt ihre stark gekrümmten, nadelspitzen Giftzähne durch die weichen Federn, sie preßt die Zähne bis auf den Grund und läßt in bester Absicht mit ruhig geschlossenen Augen das Gift strömen.

Zum Glück für Strix ist es nur eine der hohlen Posen der Schwanzfedern, die die Schlange füllt — und sie schüttelt sie schnell ab.

Da richtet sich der Heidewurm nochmals auf — und diesmal bis zu zwei Dritteln seiner Länge; er schiebt sich lotrecht in die Höhe und so hoch, wie er nur kommen kann, nur sein kurzer, rundlicher Schwanzstummel ruht vom Afterloch bis zur Spitze als tragendes Fundament auf dem Erdboden. Sein schleimgefüllter, eiterspeiender Rachen ist auf Strix’ Kopf gerichtet, er kocht stark und rasselt mit seinen schuppenförmigen Bauchhäuten, während er schwarze Doppelblitze aus seiner drahtdünnen, tiefgespaltenen Zunge entsendet.

Strix ihrerseits ist auch nicht müßig! Ihre hornartigen Nasenlöcher beben und gellen wie von der Luft aufgeweitete Trompetentrichter, und sie träufeln reichlich während ihres Fauchens und Zischens. Sie wiegt sich elastisch auf den federbehosten Ständern, bereit zu Parade und Ausfall.

Da hat sie plötzlich ein Gefühl, als schlage ein eiskalter Schneeklumpen gegen eins ihrer Augen! Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht auf den Leib gerückt, ehe Strix sich mit dem Schild ihrer Flügel hat decken können — und nun sticht sie sie gerade unter das Auge in die feinbedaunte, empfindliche Haut des Augenlides. Da sie aber schon einmal, nur vor Sekunden, sich zur Genüge entladen hat, vermag sie — zum Glück für Strix — den Stich nicht mit ihrem Gift nachzufüllen.

Strix empfindet nur einen beißenden, brennenden Schmerz — und bis zur Raserei gereizt, langt sie mit ihrem Fang aus. Und diesmal hat sie die Kralle voll; sie packt die Schlange an ihrer schwächsten Stelle, greift sie um den Halsstengel gerade hinten in den Nacken — und sie breitet die Flügel aus und hebt sich mit ihr in die Luft empor. Gleich einem langen Ende Tau schleppt die Kreuzotter ein Stück am Erdboden hinter ihr drein ...

Vergebens sucht die Schlange sich mit dem Schwanz festzuhaken; die Fahrt ist schon zu schnell, als daß es glücken könnte. Da, als sie merkt, daß der Erdboden unter ihr schwindet, zieht sie schnell ihren geschmeidigen Körper in die Höhe — und nun schlingt sie sich um den Leib ihres fliegenden Widersachers. Die Schlange hat Kräfte — und schwer ist sie! Doch Strix ist gewohnt, mit größeren Lasten umzuspringen. Sie hat ja früher ein junges Zicklein weggeschleppt, und sie hat sich nicht gescheut, mit einem Rehkitz anzubinden, fast täglich kämpft sie mit Birkhühnern und Hasen, die tüchtig um sich beißen und kratzen können; mit der Schlange wird sie schon fertig werden — wenigstens vorläufig noch!

Es ist Strix’ Absicht, sie plötzlich loszulassen, so daß sie herabfällt; von dieser Taktik hat sie die wunderbarsten Erfolge erlebt! So wie die Krähe, die sich der widerspenstigen Muschel gegenüber, die sich nicht bereitwillig öffnen will, zu helfen weiß, indem sie sie in den Schnabel nimmt und über einen großen Stein mit ihr aufsteigt, um sie darauf plötzlich herabfallen zu lassen — so kennt auch Strix ihr Gesetz der Schwerkraft.

Aber das abscheuliche Gewürm scheint Strix nicht loslassen zu wollen! Immer dichter windet es sich um ihren Leib; sie fühlt seinen naßkalten, geschmeidigen Schwanz sich unablässig unter ihre Daunen hineinbohren und mit seiner stumpfen Spitze überall prickeln.

Mit einem Trotz und Eigensinn, der der großen Bubo eigen ist, hält sie beständig den Hals der Kreuzotter in ihrem Schraubenstock fest. Die Schlange windet den Nacken nach allen Richtungen und versucht bald mit heftigem Rucken, bald mit List und Vorsicht den Kopf so weit zu befreien, daß er seine Hauzähne wieder gebrauchen kann. Ihre großen Giftbehälter haben jetzt wieder das Bedürfnis, entleert zu werden; der Notwehrtrieb und die Wildheit, die sie vorhin so stark zapften, haben wieder Überfluß an der tötenden Flüssigkeit geschaffen.

Schon mehrmals ist es der Schlange gelungen, den einen ihrer spitzen, kegelförmigen Giftzähne in der Richtung nach dem Fang der Eule zu winden, aber der Zahn ist abgeprallt an der harten, hornartigen Haut.

Strix wackelt in der Luft. Die Schlange windet und krümmt sich, so daß es durch Strix’ Schenkelbeine zittert; sie schwankt hierhin und dahin, wie ein havarierter Ballon, der mit der Schwere seiner schon von der Erde gefangenen Gondel kämpft.

Aber Strix ist ein alter Uhu; sie läßt sich nicht so leicht erschrecken!

Wie oft hat sie nicht mit einer widerspenstigen Beute ringen müssen. Niemand ergab sich ja gutwillig, niemand wollte aus freien Stücken in ihren roten dampfenden Rachen hinein; selbst der Maulwurf und das angstgelähmte kleine Moorschwein sind, wenn es galt, nicht bange gewesen, sie fühlen zu lassen, daß sie Zähne hatten.

Dann gelingt es ihr, auch ihren andern Fang nutzbar zu machen. Sie umklammert damit den dicken Kreuzotterleib und preßt ihn so, daß die Schlange ihren stinkenden Unrat von sich gibt und der Schlangenbauch unter ihrer Umklammerung aufschwillt.

Da läßt die Kreuzotter los.

Es ist auch höchste Zeit, denn in ihrer Todesangst hat sie sich rund um Strix’ Flügel gerollt, sie preßt den Federfächer zusammen, so daß die eine von Strix’ Tragflächen immer kleiner wird — sie hat schon lange mit den Flügeln schlagen müssen, um nicht in der Luft zu kentern.

Überwunden ist die Schlange jedoch nicht!

Im nächsten Nu fühlt Strix sie um ihre Ständer, und ihre mächtigen Fänge werden jammervoll zusammengeschnürt. Die Schlange wickelt sich rund um sie herum, bis der dicke Teil ihres Körpers in Schlingen und Krümmungen übereinander liegt, wie die Windungen in einer aufgeschossenen Trosse.

Auf diese Weise hat Strix noch nie einen Fang gemacht. Ihr ist zumute, als wenn sie in einem Anfall wahnsinnigen Hungers sich hat verleiten lassen, die Fänge in einen Klumpen Harz zu schlagen, von dem sie sich nie wieder befreien kann — und sie windet und verrückt sie und bohrt in ihrer Verzweiflung ihre langen, pfriemspitzen Krallen, die kleinen Krummsäbel ihrer Fänge, bis auf den Grund in das Fleisch der Kreuzotter. Es quillt heraus und siedet um sie auf.

Da gebiert die Schlange; eines nach dem andern gehen ihr zehn lebende Junge ab!

Aber damit ist auch ihre Lebenskraft erschöpft. Ihr dicker, geschwollener Hinterkörper schwindet an Umfang. Die Windungen in der lebenden Trosse erschlaffen, sie gleiten auseinander und rollen sich ab — eine langes Tauende baumelt leblos herunter.

— — —

Strix aber behielt die Kreuzotter einen ganzen Tag und eine ganze Nacht in ihren Fängen; sie saß in ihrer Höhle innerhalb des Fuchsbaus und schlief damit.

Dann kröpfte sie ihre Beute mit gutem Appetit!

Die Heide blüht!

Die bisher so eintönige Fläche der braunen Heide zaubert jetzt auf einmal die sieben Farben des Regenbogens vor Augen — und so gewaltsam ist die Blüte, daß gleichsam ein Nebel von Violett von allen Hügeln und Schluchtenrändern aufsteigt. Die Heidebeere wird schwarz, die Preiselbeere wird einmacherot und die Blaubeere tiefblau wie ein Nachthimmel. Auf den kahlen Stellen im Renntiermoos streckt der Bärlapp seine weißlich-gelben Staubfäden in die Höhe, und rings umher an den Ufern des seichten Moors wimmelt es rostrot von rundblätterigem Sonnentau; zu tausenden wimmelt er hier empor, der kleine Insektenfresser — und jede Pflanze klemmt eine schwarze, zusammengedrückte kleine Fliegenleiche in ihrem kleberigen Schoß.

Strix ist aus dem Fuchsbau in das alte Eichengestrüpp übergesiedelt; sie hat versehentlich den rechtmäßigen Inhaber des Baues aufgefressen.

Eines Nachts saß sie auf dem Hünengrabe ... der Donner rollte über die Heide, und die Blitze knatterten; es war so erstickend heiß, daß es ihr den Atem benahm. Das ungemütliche Wetter machte sie wie gewöhnlich reizbar, sie fühlte sich boshaft, grausam und rachgierig.

Da kehrte ihr alter, gutmütiger Wirt heim und schnupperte in aller Unschuld an den kümmerlichen Überresten eines Birkhuhns. Das war ihr Birkhuhn; sie hatte es in der Dämmerstunde geschlagen und gleich bis auf wenige Überbleibsel gekröpft. Der Anblick Reinekes dort bei ihrem Raube schaffte dem Gewitter in ihrem Innern plötzlich Luft — und ohne weiteren nachweisbaren Grund flog sie hinterrücks auf ihn los und schlug ihm ihre acht Krummesser tief zwischen die Rippen. Er riß sich los und sprang auf sie ein; sie aber überspritzte ihn mit Kalk und stieg auf ihren Flügeln in die Luft empor.

Dann war Reineke in seinen Bau geschlichen. Strix hatte ihren Birkhuhnrest verzehrt und sich zum Schlaf in ihre Höhle gesetzt.

Plötzlich aber war er — stöhnend, hustend und röchelnd — vor ihre Eingangstür gekrochen und hatte, gleichsam reuevoll, weil er fehl gegangen, seinen zottigen Kopf vor sie hingelegt.

Sie versetzte ihm einen Schlag mit der Kralle! Er rührte sich nicht. Sie versetzte ihm noch einen. Er schlief noch ebenso fest. —

Da löste sie das weiche Fleisch von seinen stumpfen Zähnen — und kröpfte später weiter, so oft sie Appetit hatte.

Aber eines schönen Nachts fing sein Fleisch an, bitter zu schmecken, und sie konnte nun auch nicht weiter in den Bau hineinkommen. Fliegen und Aasgräber wimmelten in ihre Höhle hinein, und diese ungeladenen Gäste störten sie im Schlafe — so war sie denn ausgezogen.

Tief drinnen im Eichengestrüpp, wo selbst der wilde Westwind nicht imstande ist, hineinzugelangen, wo das Wiesel sein Nest in Gemeinschaft mit Bussard und Turmfalk hat, da wohnt sie. Die kleinen Eichenkrüppel, die die Laubhütte bilden, in der sie sitzt, sind mit Flechten und schwarzgrünem Moos dicht bepelzt.

Oft am Tage, wenn sie erwacht und zwischen dem Flitter des Laubes zum Himmel hinauflugt, der so blau aussieht, geschieht es wohl, daß das Guckloch sich auf einmal verdunkelt, eine Wolke gleitet davor, eine lebende, flimmernde Wolke aus Grau und Blau und Weiß und Flügeln. Bald ist es eine Taubenwolke, bald eine Starwolke mit überstarker, übermütiger Brut! Oder auch der lebende Schneeflug, Wildgänse in einem Keil, zieht mit Gegacker und Geschrei über ihrem Kopf hin.

Wohin geht ihr Flug? — Weit fort, gen Süden, über ferne, sich gelb färbende Wälder.

Da sträubt sie die Federbüsche; sie kann den Lärm der Vogelschar hören, schon lange, bevor sie da sind. Es klingt wie ferner, rollender Donner.

Der Herbst ist im Anmarsch.

Bald wird das Korn von den Feldern eingefahren, und auf den einsamen Heidehöfen heimst die Hungerharke die Überreste ein. Tausende von Feldmäusen, die im Überfluß geschwelgt haben, merken, daß sie arm und ärmer werden. Früher brauchten sie nur an den Halmen hinaufzurennen und die Ähre hinabzubiegen, dann wurde sie mit den Zähnen abgeschnitten und heimgetragen — hinunter in das Mauseloch. Jetzt muß man mühselig nach einer Ähre suchen, lange Wege laufen — und findet man sie, so ist man glücklich, wenn sie nur nicht verschimmelt ist oder nicht schon längst gekeimt hat.

Aber es soll noch schlimmer werden! Die Rolle, die eine Ähre früher gespielt hat, wird bald von einem Korn übernommen.

Die Mäuse huschen zwischen den Stoppeln umher ... sie haben ihre Gänge und Schlupfwinkel über das ganze Feld; es ist gleichsam von ihren Tunneln untergraben. Und ein Loch liegt neben dem andern, schräge geht es hinab und bestimmt guckt es aus der Erde hervor mit einem Kissen aus herausgetragenen Erdklümpchen am Ende ... die Mäuse suchen unablässig nach Körnern. Aber sie sind noch nicht sparsamer geworden, nein, dazu müssen sie mehr Mißgeschick, größeres Unglück erleiden — dann kommt der Schälpflug und wendet das Tischtuch um, so daß die Brocken und sie selbst darunter geraten.

Und nun beginnt die Not — und damit die große, alljährliche Auswanderung. Bei Tag wie bei Nacht, hauptsächlich aber bei Nacht, zieht ein Strom von kleinen Nagetieren aus den Feldern auf die Heide hinüber. Ein einzelner fester Stamm, der ein ordentliches Mauseloch hat, in das kein Regen hineinläuft, und hinreichenden Vorrat, von dem er zehren kann, bleibt an Gräben und Hecken zurück, die übrigen aber wandern und wandern ...

In solchen Tagen bekommt das alte Eichengestrüpp „Eulenbrot“.

Strix nimmt Gottes Gaben in Empfang, lange ehe sie zu ihr hereinkommen. Im Halblicht der Dämmerung fliegt sie weit hinaus auf die Heide und setzt sich, als Granitstein oder Heidehügel vermummt, dort hin und läßt die wandernden Mäuse ganz dicht an sich herankommen. Dann lähmt sie sie, wie sie tausende vor ihnen gelähmt hat — und nun kann sie nur zulangen und in sich hineinstopfen.

— — —

Jetzt ist die Luft rauh und naßkalt und eisige Regenschauer gehen nieder — der Schoß der Heide wird blumenleer, wildleer und unfruchtbar. Die Laubhütte wird zu Feuchtigkeit und das Eichengestrüpp bildet ein Bauer aus Zweigen um sie her.

Sie zieht in einen verfallenen Torfschuppen draußen in einem großen Moor und lebt hier eine Weile herrlich und in Freuden von hereinwimmelnden Ratten. Von allen Seiten wittern sie diese einzige warme Behausung mit ihrer Streu und ihrem Dünger.

Ratten sind ein Leckerbissen für Strix! Und doch — recht lange, das fühlt sie, hält sie die Heide nicht aus: wenn sie in den bebenden Heidekrautbüscheln den schwachen Ton eines mächtigen Brausens spürt, steigt das Bild des Waldes in ihrem Innern auf.

Der Wald ist ihr Bereich! Der Wald ist warm und traulich in jedem Wetter ... bei Sonne und Windstille wie bei Sturm und Regen. Selbst die Oktoberstürme verschwinden ja im Walde, und wenn die kalten Regenschauer des Novembers kommen, nimmt er ihnen das Übermütige, so daß man das Plätschern nur weich und sanft empfindet.

Und der Wald fährt fort, sie zu locken, sie zu betören, in ihren Träumen zu spuken.

Ho—o, heult sie, ho—o! Der Wald in Sturm und Nässe, wenn man doch geborgen in seinem hohlen Stamm säße ... ja, dabei bleibt sie: Regenwetter im Walde mit den plaudernden Tropfen ist das Unterhaltendste, was sie sich denken kann!

Und dann eines Nachts macht sie sich auf, mit langem, hastigem Flügelschlagen streicht sie dahin, quer zum Winde. Sie hat es im Gefühl, welchen Weg sie einschlagen soll. Ein Gestank von Schornsteinrauch, ein Strahlen von Licht aus den Steinhöhlen der Menschen stößt sie ab, immer weiter, weiter — in entgegengesetzter Richtung von ihrem früheren Heim und den jetzt so fernen Hochwäldern am innersten Ende der Förde.

Wochenlang streift sie umher, duldet Hunger und leidet unter bösem Wetter, bis plötzlich eines Morgens ein Duft von sonnengesättigter Baumrinde und säuerlichem Waldboden sie an der Nase hinter sich dreinzieht.

Welche Wonne, als sie durch gelb gewordene Kronen jagt und die Moderluft des Laubfalls in ihren Nasenlöchern spürt — es ist, als wenn ein verspäteter, ausharrender Sommerfrischler an einem trübseligen und regenkalten Herbstabend wieder eingefangen wird von dem Lärm seiner geliebten Großstadt.

9. Im Kampf mit einem Adler

Es ist spät am Nachmittage.

Das fahle Licht des Wintertages wird noch fahler, die Dämmerung quillt förmlich aus den Wolken herab. Die Luft ist scharf, und der Ostwind, der seit Tagesgrauen geheult hat, nimmt mehr und mehr zu.

Strix sitzt in ihrer warmen Holzhütte tief unten in dem Bauch einer alten Esche ...

Der Wald, den sie vorgefunden hat, liegt tief zwischen Hügeln, und ist der letzte, von den einstmals so zahlreichen Wäldern in dem großen Fördendistrikt. Eine öde Gegend zieht sich zwischen ihm und der Heide hin — und auf der entgegengesetzten Seite, nur eine Meile entfernt, braust das Meer.

Strix schläft am Tage und träumt und sitzt unbeweglich, als sei sie ein großes unverzehrtes Stück von dem Mark des Baumes. Aber selbst im Schlaf hört sie und hat zuverlässige Empfindungen.

Den ganzen Tag hat die Kronenwölbung gebrummt. Ein surrender, orgeltiefer Laut ist von ihr ausgegangen. Es hat so hohl, so dumpf getönt ... das ist der Gesang des Schneegesauses.

Bald ein Menschenalter hat Strix nun gelebt und den Wechsel der Jahreszeiten verfolgt; sie kennt dies Sausen nur zu gut. Es wächst, wird stärker und stärker — und wie es zunimmt, während der Abend zur Rüste geht, werden alle andern Laute gedämpft; ihre Klangfarbe wird ihnen genommen. Selbst die nächsten werden gleichsam von weitem weggezogen und klingen schließlich ganz fern. Das Bum-Bum der großen Wassermühle, das Knurren dieses wunderlichen, von Menschen geliebten Raubtieres, das sie zu hören gewohnt ist, wenn ein Ostwind weht, wird schwächer und schwächer; sie merkt auch kein Fallen von Zweigen mehr, und das Heulen und Knarren der Bäume ist ohne tönenden Schallboden; jegliches Geräusch und Getöse wird gleichsam von Federn aufgefangen.

Der Schneesturm stiefelt über Wald und Heide, über Wiese und Moor hin, verkittet und löscht aus — nur die rinnenden Gewässer liegen wie vorher da, grauschwarz und offen. Über die blanken Eisgürtel auf den stillen Mooren, die sich wie ein Keil in den Wald hineintreiben, gleitet das Gestöber in breiter Schlachtordnung dahin, bis es plötzlich aufgewirbelt und in eine Schneeschlange verwandelt wird, die auf dem Schwanz steht.

Es dunkelt in der Baumtiefe um Strix herum. Ihre lichtstarken Augen können das Spinnengewebe nicht mehr sehen, das von dem Schlackerwetter fortwährend auf und nieder geschaukelt wird. Immer weniger scharf hebt sich der Eingang da oben zu ihrem Hause ab ... die Nacht, die sie so sehr liebt, naht.

Besonnen erklimmt sie die Treppe und sitzt in der Tür und heult: die Erde hat ja die Farbe gewechselt, wie die Bäume die Rinde, die Natur ist verwandelt, ihr alter Bekannter aus dem Wunderland gen Norden, der Winter — das Weißwetter — ist gekommen! Mit einem Satz fliegt sie hinaus und hinab in den Schnee, sie badet sich darin, sie tummelt sich darin wie eine Ente im Wasser!

— — —

Der Schneesturm aber nimmt zu.

Sprung auf Sprung wirft sich das Gestöber gegen den Wald. Es wirbelt vom Waldessaum her, es stiebt aus den Wipfeln herab, es ist, als falle der Himmel in weißen kleinen Stückchen nieder, ununterbrochen ... ein Wolfswetter, das drei Tage und drei Nächte anhält!

In einem solchen Wetter werden alle Raubtiere reizbar; es wird ihnen schwer, Beute zu finden, und sie haben kein Glück beim Fang. Alle Grasfresser suchen ihr Versteck auf; die zanksüchtigen unter ihnen werden friedlich und die streitbaren fügsam, sie erkennen ihre gemeinsame Ohnmacht und halten sich notgedrungen in Ruhe. Den Raubtieren ergeht es umgekehrt. Das Wetter peitscht sie auf, sie empfinden den Hunger doppelt, die Mordlust wird angespornt, und sie spüren einen eigenartig brennenden Durst nach Blut.

Es ist mitten in der Nacht nach dem dritten Tage.

Der Schneesturm hat sich gelegt, und der Wald liegt reifüberpudert und mit großen Schneeklecksen da. Abenteuerlich sieht er aus — großartig phantastisch erscheint er in der Dunkelheit.

Alle Blattknospen in den Windeln, alle Anemonen in der schwarzen Fruchterde, die Puppen, die zu Schmetterlingen werden, die Larven, aus denen sich einstmals beschwingte Insekten entwickeln sollen, sehen ihn — ohne ihn zu sehen — im Traume!

Ja, es ist, als wenn die Erde, auf der der Wald steht, selbst träumt — und der Wald in seinem phantastisch weißen Wetterkleide ist der wundervolle Mitwintertraum der Erde!

Der Vollmond, der rot und groß und flachgedrückt aus dem schneebewölkten Horizont weit hinten zwischen den Hügeln aufgestiegen ist, ward schon längst klein, weißschimmernd und rund. Ein kalter und beißender Atem weht zwischen den Stämmen herein; Strix, die schon stundenlang auf ihren Fangstellen gelauert hat, fühlt den eiskalten Hauch bis auf ihren Körper; mit großen Frosttropfen im Brustbart sitzt sie da.

Dreimal hat sie vergebens im Schnee nach einem Hasen geschlagen. Der Hase hat sie genarrt und sich in eine Dickung gerettet. Dann hat sie es mit einem Wiesel versucht, das am Graben entlang schnürte; aber das Wiesel ist ihr zwischen den Fängen entwischt, ist bis auf den Grund gesunken und ist von da aus durch einen seiner vielen Tunnel unter dem Schnee geschlüpft. Schließlich hat sie sich sogar herabgelassen, auf ein Moorschwein niederzuschlagen — jedoch alles ist vergeblich gewesen.

Sie hat Hunger, einen wahren Wolfshunger, Gekröse wie Magen sind gleich leer, und sie spürt schon die schrecklichen Halluzinationen des Hungers.

Da ist kein Tier zu groß ... wenn sie es sich rühren sieht schlägt sie blindlings drauf los, nur um Beute zu machen!

— — —

Auf der Leeseite des Waldes, wo der eisige Atem fast niemals hingelangt, sitzt auf einem Ast ein reisemüder Adler.

Er hat sich den ganzen Tag durch den Äther gewiegt, hat eine Landschaft nach der andern unter sich wechseln sehen; zuerst vom Meer zu Land, dann von großen steinigen Flecken, wo gleichsam Berg an Berg lag — Städte der Menschen — zu offenen, weitgedehnten Feldern, aus deren schneebedecktem Erdreich nur ein vereinzelter viereckiger Steinhaufen aufragte.

Schließlich war er wieder übers Meer gekommen und hatte schwarze, schwankende Waldessäume erblickt, Zweig hinter Zweig und Baum hinter Baum tauchte am Horizont auf. Er hatte sich beeilt, dahin zu kommen ... dort lag ja Wald, sein lieber Wald!

Im roten Schein des Sonnenuntergangs hatte er sich über den Wipfeln hingearbeitet, war in großen Bogen rund herum gesegelt und hatte sich tiefer und tiefer nach der ruhewinkenden Stätte hinabgesenkt.

Und dann war das Tageslicht entschwunden, die Dämmerung verdichtete sich zwischen den Stämmen und sprang gleichsam aus Rinde und Zweig heraus, sie wimmelte aus den Wipfelzweigen hervor und wirbelte empor wie Wolken von Mücken, den dunklen Fleck der Waldmasse verdoppelnd — die lag da wie ein großes Floß mit Baumstämmen beladen und schwamm auf dem Schnee.

Da strich der Adler durch die Wipfel hinab und nahm schwerfällig einen Ast in Besitz. Er umfaßte ihn gierig, faltete die Flügel zusammen und legte sie hübsch zurecht an dem Körper. Wie gut es tat zu sitzen!

Er sah sich um; er vergewisserte sich, indem er lange den Kopf drehte. Aber alles, was er sah, und alles, was er erlauschte, gehörte zu dem Walde, zu dem lieben alten Bekannten! Dann bewegte er sich seitlich, den Zweig entlang, bis er dicht an den Stamm kam, er schüttelte sich wie ein Pferd nach langem Ritt, wetzte die Krallen an dem Zweig, putzte die Federn und gähnte müde.

Noch ein paar Bewegungen nach der Seite, um eine Rundung an dem Zweig zu finden, die für seine Fänge paßte, damit er in der Nacht keinen Sitzkrampf darin bekam, dann gähnte er noch einmal, wohl zufrieden — jetzt endlich saß er — jetzt endlich saß er gut!

Es ist die Gewohnheit des Adlers, ruhig zu schlafen; es ist, als seien diese Vögel mit der Überzeugung geboren, daß sie nichts zu fürchten brauchen. Sie verschlafen Unwetter, Sturmgebrause, Fußtritte und Schüsse.

Der reisemüde Adler schläft und schläft ...

Sein schweres, langgezogenes Schnarchen, das regelmäßig steigt und fällt, wie das eines Menschen, kommt und geht durch den Wald — ein wunderliches, bullerndes Geräusch, das in der klaren Frostluft gleichsam verstärkt wird.

Zuweilen klingt es, als müsse der Riesenvogel von seinem eigenen Geschnarch geweckt werden, das zu einem langen, bullernden Schnarchen anschwillt und schließlich gleichsam in einem Befreiungsruf endet. Dann hat der Adler im Schlaf den Hals lang gemacht, hat den Kopf geschüttelt — und dadurch wieder Luft in die Nasenlöcher bekommen.

Verschwenderisch liegt der Schnee auf allen Ästen und Zweigen — jedes dünne kleine Reis hat sein Teil abbekommen! Selbst an den Stämmen, die nicht kerzengrade stehen, hat er sich festgekittet; er drängt sich in Borkenrisse, hakt sich ein in dürre Reiser, und liegt als verlorener Klecks auf allen Knorren und Narben.

Oft, wenn sich das Schnarchen des Adlers plötzlich zu einem Orkan steigert, verlieren die aufgetürmten Schneemassen in den Baumkronen das Gleichgewicht; da fallen sie in langen, weißen Spritzern herab und bohren sich mit hohlem, dumpfen Plumpsen in den Bodenschnee.

Der Adler aber schläft mit einem guten Gewissen! Er bedarf der Ruhe, während er sich wieder bis an den Rand mit der mächtigen, unerklärlichen Kraft des Schlafes füllt. Nachtfarben und groß wie ein Auerhahn sitzt er da und läßt sich weder von dem Mond stören, dessen bleiche Lichtstrahlen um seine Augenlider spielen, noch von Klein-Taa, der vorüberkommt. Teils um den fußhohen Schnee zu meiden, teils aus Furcht, seinem alten, halbsteifen Erzeuger wieder zu begegnen, durchjagt Klein-Taa den Wald oben in den Baumkronen.

Plötzlich wird der Adler durch einen Stoß von seinem Ast heruntergetrieben; er hat das Gefühl, als wenn er durch eine drohende Gefahr jäh geweckt wird und sich gleich in die Luft hinausstürzen muß. Ein paar feste Griffe klemmen sich ihm in die Seite, bohren sich in sein Fleisch; er will schlagen, aber eine scharfe Klammer schraubt sich ihm um den Nacken, so daß er, ohne es zu wissen, den Hals ausstrecken muß.

Während dessen flattert er auf einem Flimmern von Flügeln durch die Luft. Schneeklumpen und kleine Lawinen stürzen um ihn herab, bis er in dem fußhohen Schnee am Erdboden endet. Sein Hals und sein Nacken sind schon ein blutiges Fleisch und die Klammer um den Hinterkopf schraubt sich immer dichter zusammen. Der Vogel der Nacht, der Dämon der Finsternis, kämpft mit dem Sohn der Sonne, mit dem König aller Tagvögel — und auf Dämonenart hat der Angreifer seine Stärke in dem Ungewöhnlichen und scheinbar Übernatürlichen.

Da schüttelt sich der Adler; Strix hängt über seinem Rücken wie eine sturmgepeitschte Riesenklette und muß sich ununterbrochen ihrer Flügelarme und Schlagfedern bedienen.

Der Adler kommt auf den Einfall, sich zu rollen, er steigt in die Höhe, wirft sich auf den Rücken, so daß Strix zu unterst kommt, schlägt dann mit den Flügeln, so daß er das Gleichgewicht wieder gewinnt und macht plötzlich einen Satz in die Luft hinauf, wie eine Elster. Aber Strix sitzt fest; sie hat schon früher alle möglichen Purzelbäume geschlagen und noch viel schlimmere, halsbrecherische Schwenkungen mitgemacht.

Der Schnee stiebt auf unter den Flügelschlägen der beiden großen Vögel, er weicht ihnen aus und öffnet willig ihren schwer arbeitenden Körpern seinen Schlund. Da stürzt eine Lawine von dem Baum herab, unter dem sie kämpfen — und begräbt sie.

Lange Zeit sind sie weg; nur eine flackernde Spitze von ein paar Schlagfedern ist sichtbar.

Dann graben sie sich langsam aus der Tiefe heraus und steigen nach dem Untertauchen wieder auf: ein Vogel scheinbar, mit einem Kopf und einem Hals, aber mit vier Flügeln.

Die Natur des Adlers ist wie der helle Tag; er ist mutig und offen und ohne Tücke. Der Adler will seinen Gegner sehen, will ihn vor sich haben, Brust gegen Brust.

Strix aber ist hinterlistig und grausam wie die Finsternis; sie läßt nicht los, was sie hinterrücks gefaßt hat — —

Der Adler hat Schlund und Schnabel voll Schnee bekommen ... es wird ihm schwer zu atmen, aber seine Kräfte und seine Energie sind noch gleich ungeschwächt. Er will den Teufel auf seinem Rücken in den Fängen haben — und er langt mit seinem mächtigen Raubvogelfuß — er hat die Spannweite einer ausgewachsenen Männerhand — nach dem Eulenleib hinauf. Aber die Fänge wühlen in einem Berg von Daunen herum und es gelingt ihnen nicht, etwas anderes als die Haut zu fassen.

Zähe und ebenbürtig, unter lautlosen Kraftgriffen, kollern sich die beiden großen Gesellen im Schnee herum; nur das Blasen ihrer Nasen und das stöhnende, heftige Ringen nach Luft hört man.

Da glückt es dem Adler, während einer jähen Bewegung, seinen langen, spitzgekrümmten Schnabel in den Schenkel seines zottigen Gegners zu bohren; er reißt eine Wunde da hinein, die brennt.

Strix stößt ihr wildestes, unheimlichstes Geheul aus; als sei es eine Eingebung, löst sie ihren Griff aus der linken Seite des zitternden Adlerleibes, führt den freien Fang vor und schlägt beide Fänge um den Nacken des Tagraubvogels zusammen. Ihre langen, pfriemspitzen Krummfänge feiern aufs neue einen Triumpf — ohne jegliche Kraftanstrengung, als glitten sie durch Butter, versinken sie bis auf den Grund in dem Kopf des Gegners.

Der Adler dreht sich herum wie ein mächtiger Mistkäfer ... er weiß nicht mehr, daß er lebt. Aber es währt lange, bis seine Flügel, seine Fänge, seine Unmengen von Muskeln still werden. Strix ist zu hungrig, um darauf zu warten; so bald es möglich ist, beginnt sie unbekümmert ihre wohlverdiente Mahlzeit.

— — —

„Ein herrlicher Auerhahn“, fand Strix. Aber es war ja auch lange her, seit sie Auerhahn bekommen hatte.

Sieben fette Jahre verlebte Strix hier im Westerwald!

Der Wald war gut genug, nicht groß, aber so recht nach ihrem Geschmack. Ein unzulängliches Wegenetz und unzureichende Bahnverbindungen hatten die Forstverwaltung davon abgehalten, den Wald schlagen zu lassen.

Die Gegend war überhaupt nur dünn bevölkert und öde.

Wie man auf einem großen, reich bestellten Gut mit einem Überfluß an schwerem Weizen und tiefgrünen Rübenfeldern plötzlich mitten in aller Üppigkeit auf einen unfruchtbaren, von Unkraut überwucherten Steinplatz stoßen kann, so lag das Land hier um den Westerwald herum. Jahrhunderte schienen daran vorbei gelaufen zu sein; er lag da, gleichsam gefeit gegen die moderne Zivilisation.

Aber das Gefeitsein war nur scheinbar. Langsam aber sicher breiteten sich die Menschen beständig aus! Sie säeten sich über die Landschaft aus wie die Blumen, die sie in ihren Gärten zogen. Strix entdeckte anfangs nur eine vereinzelte, gleichsam verirrte Blume: ein Ansiedlerhaus, frisch ziegelgedeckt, taucht aus einem Heidetal auf, wie eine große scharlachrote Mohnblüte. Dann kam „die Pflanze“ allmählich häufiger vor, sie füllte Flecken und ganze Strecken — und ihr folgten Pflug und Spaten und Entwässerungsrohre und Windmotore, während Moos und Heidekraut den Eindringlingen mehr und mehr Platz machen mußten.

Kaum zehn Jahre bevor Strix nach dem Westerwald kam, hatte man von dem Gipfel seiner Waldhügel über lauter Moore und Heidehöhen, über niedriges Gesträuch und Sümpfe hinausgeschaut; jetzt wurde das Kahle und Eintönige allgemein! Die Buschflecken und Sumpfwasserspiegel verschwanden, die schwarzen Heidehügel schrumpften ein — und Strix sah lange, weiße Wegestreifen sich wie getrockneten Schleim hinter Schnecken die Kreuz und die Quer durch die Landschaft ziehen.

Wie einstmals im dichten Wald ertönte jetzt auch hier der Ruf: hört, sie pflügen, sie graben, sie schaufeln, sie entwässern — der Wasserspiegel wird zu Morast, das Röhricht zu Gras, Inseln und Werder zu landfestem Boden, die Katze geht trocknen Fußes, wo einst der Otter schwamm ...

Regenpfeifer und Brachvögel pfiffen es klagend hinaus, Krickenten und Schnatterenten plapperten es trauernd nach, und dumpf und unheimlich trommelten rauschende Birkhähne es heraus.

Der alte, herrliche Urpelz, den die Erde anhatte — ach, nun waren die Menschen dahinein gekommen!

Es schritt rüstig weiter mit der Zivilisation ... und der Raum, den einst ein alter Fuchs, ein großer Marder oder Uhu inne hatte, um sich darauf zu bewegen, ward kleiner und kleiner.

Und dann eines Tages, als ein armer Edelhirsch, gejagt und verfolgt, sich vor seinen Nachstellern in ein letztes Überbleibsel von Dickung im Westerwald zu retten suchte, stand dort weit hinten auf einem großen Platz, wo die schönste Zierblüte der Kultur, das Wahlvereinsbanner sich entfaltet hatte, ein Reichstagsabgeordneter und befürwortete den Bau einer Lokalbahn.

Da hatte aber Strix den Westerwald schon längst verlassen.

10. Der Leuchtturmwärter

Am Auslauf der Förde, wo der Sturm freien Zutritt hatte und wo das Meer schäumte, stand meilenweit ein eigenartiger Streif von Bäumen.

Sie waren zum größten Teil im Laufe der Zeiten von selber gekommen.

Die Vögel hatten sie gesäet und die Tiere hatten sie gepflanzt ... wenn Fuchs und Dachs nach Mäusen stachen, wenn das umherziehende Rehwild nach Dornenbeeren scharrte, hatten die Tiere unbewußt Bäume in die Erde gepflanzt. Sie hatten Eicheln und Bucheckern und Nüsse von der Haselstaude gelegt, sie hatten Ebereschen gepflanzt und das großblumige Geißblatt.

Ganz unten am Rande des Strandes zwischen dem Sand und den Steinen waren die Bäume so winzig klein, daß sie den Namen „Baum“ kaum verdienten. Dann stiegen sie an Höhe, je weiter landeinwärts man kam.

Aber mehr als zweimal Manneshöhe erreichte kein Baum. Selbst einen halben Kilometer weiter hinauf und mit einem halben Kilometer schutzgebenden Schirmes vor sich, erhielt kein Gipfeltrieb Erlaubnis, die einmal festgesetzte Höchstleistung zu überschreiten; der Sturm von der See her war eine Riesenschere, die beständig schnitt und schnitt ...

Gleich einem sanftabfallenden Halbdach über einem offenen Schuppen senkte sich die ganze Kronendecke nach der See hinab und tauchte den Rand des Daches in Gischt und Schaum. Ein eigenartiges Dach über einem eigenartigen, mit Schlackerwetter angefüllten Schuppen — und doch, wenn man aus See kam und sich zwischen dem Baumgewimmel barg, hatte man ein Gefühl von Wohlbefinden und Traulichkeit, als sei man zu Hause angelangt.

Bei ruhigem Wetter war es so still hier im Strandwald — da kehrte der Paradiesesfriede wieder. Aber bei Sturm und Regenschauern lärmte diese ganze, erwachsene Baumwelt häßlich, sie schrie und stöhnte und schuf die unheimlichsten Laute. Da bebte meilenlang das sturmgestutzte Halbdach, das Wetter legte sich darauf wie ein grober Gesell und versuchte, ob es nicht in den Schuppen hinabgelangen könne.

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Hier hinaus kommt an einem frühen Morgen im Herbst der alte Sonderling, die Eule.

Der Weißdorn steht mit Fleischbeeren da und die Schlehe mit blauschwarzen, kugelrunden Früchten, die Ameisen suchen einen Haufen, und die Wildgänse schmettern mit scharfen, gellenden Schreien eine Fanfare in die Luft über ihrem Kopfe. Sie findet ein Haus zwischen einem Haufen großer Steine mitten in der dichtesten Schlehenfestung.

Hier sitzt Strix, während das Laub von den Bäumen fällt, und spürt, wie es um ihr Haus herum wimmelt von Zügen und abermals Zügen stummer, reisender kleiner Vögel: Laubsänger, Rotkehlchen, Drosseln und dem lieben, leckeren Krammetsvogel, und sie hört den gehetzten Hirsch leise knöhrend umhertrollen und mit seinem Geweih an die Außenwerke ihrer Festung schlagen. Uhm, uhm, grunzt er, wenn er umgeben von ein paar Stücken Kahlwild sich seines Daseins freut; häßlich aber ertönt sein Röhren, wenn er, von den Schleiern des Morgennebels verborgen, sich erkühnt, seinen schallenden Brunstruf auszustoßen.

An den rauhen Novemberabenden, wenn die Meerestiefe grau da liegt und die Wellen in langen, weißen Grundstrichen in die Föhrde hineinjagen, wenn der Horizont Regen verkündet, und der aufgehende Mond mit seinem roten Segel kaum Erlaubnis erhält, hervorzuscheinen, verfolgt sie von ihrem Versteck aus den Zug der Tausenden von Wildenten. Gleich schwarzen Klumpen mit langen Hälsen, steigen sie Schof auf Schof über dem Walde auf, um landeinwärts zu eilen und sich in den Mooren und Sümpfen des Hinterlandes zu bergen. Und sie sieht die Möwen sich in großen Schwärmen vom Meer hereinwiegen und sich im Schutz hinter den Steinen des Strandes schwerfällig zur Ruhe setzen. Da schlägt sie an manch einem Abend eine fette Stockente oder eine wurmgespickte Möwe ... derartig hat sich der Freßsack angefüllt, daß ihm die Regenwürmer lang aus dem Halse heraushängen!

Und hier sitzt sie in den Wintertagen bei Schneegestöber und hört das Meer unter sich tosen und lärmen. Sie fühlt sich sonderbar ergriffen von dem Laut. Es liegt, so scheint es ihr, ein eigenartiges Waldessausen darin, und hohle, tiefe Töne, wie von ihrer eigenen Stimme.

Die dänischen Wälder sind arm an Uhus geworden; Strix’ eigene Art ist dahin, ebenso die Großen ihrer Rasse: Hühnerhabicht, Wanderfalke und Weihe hört sie kaum je mehr — sie weiß nur noch von Meeresbrausen und Waldessausen wie von einem Wesen ihrer Art. —

Sie muß es sich so recht traulich machen, die wunderliche, menschenscheue Eule, wenn sie hier aus der Tiefe ihres steingewölbten Hauses heraus altklug mit Meer und Wald plaudert.

Das Meer, das Meer ...

Es kamen Tage, wo das Meer in Aufruhr stand, wo das sturmgepeitschte Wasser von ihm aufstob wie Schneetreiben von einem Felde und Staub von einer Landstraße. Da trieb es die verschiedenartigsten Wracks an Land: Boote und Treppen, Pfähle und Kisten, alles bunt durcheinander, mehr oder weniger zersplittert. Da schwemmte es auch seinen frischen, seegrünen Tang an ... das Meer erntete, mähte selbst den Ertrag seines Bodens und trug ihn, Fuder auf Fuder, längs der Küsten und Ufer heim. Hier lag es am Strande in Haufen und Schobern und bildete neue Welten mit Einfahrten, Förden und Buchten.

Weit draußen am Horizont, unter einem düstern Chaos von Wolken und Regen richtete sich eine Welle nach der andern empor, man sah eine graugrüne Mauer, die in einem Nu mit schäumendem Weiß überpinselt wurde. Dann trat eine Verwandlung ein: die Mauer wurde zu einem Bergrücken, wild und zerrissen schoben sich weißlich-gelbe Felszinnen turmhoch empor, und es stob von ihnen wie Schneewehen ... bis der Wasserberg plötzlich zusammenstürzte und unter lärmendem Gepolter und siedenden Wirbeln in die Tiefe versank.

Und neue Mauern richteten sich empor, und neue Bergrücken schossen auf ... sie tummelten sich feurig, die mächtigen Wogen. Dann veranstalteten sie einen Wettlauf an Land und hauchten mit einem Gekrach ihr Leben zwischen den Steinen aus. — — —

An solchen sturmerfüllten Tagen ... wenn die Abende kamen und die Ragnaroksage auf die Erde wiederkehrte, wenn die Finsternis jede Kreatur bedrückte, so daß sie zitterte ... dann tanzte Strix, während der Horizont flammte, mit Buckel und krummen Flügeln oben auf dem Kamm des Abhanges. Ihre wehenden Federbüsche sträubten sich, die Pupillen wurden groß und der Blick scharf und ätzend.

Aber in den Nächten, die auf solche Tage folgten, fuhr die Wildheit in sie. Sie tötete rücksichtslos, sie wußte nicht warum, sie tötete nur, tötete ... Die Enten, die im Tang lagen und ihren Leib versteckten, fest überzeugt, daß sie sie nicht sehen konnte, nahm sie zu Zweien auf einmal, eine in jeden Fang; sie machte Jagd auf die kleinen Goldammern, die sie sonst gar nicht anrührte, sie quälte ihre gefangenen Ratten, wie eine Katze, und zog jedem Stachelschwein die Haut bei lebendigem Leibe ab.

Und ununterbrochen füllte sie den Strandwald mit ihrem durchdringenden Geheul —: Ho—o! Hu—u! Ha—Ha—Ha!

Im Strandwalde erlebt Strix ihre mageren Jahre.

Die Gegend ist zu rauh, um irgendwelchen Überschuß an Wild zu bergen.

Sie nimmt nicht zu an Wohlbeleibtheit und muß namentlich im Winter alles in Betracht ziehen und auf Mäuse und Bussarde und eingefrorene Seevögel niederschlagen. Nur im Sommer, in der Brutzeit, füllt sie sich mächtig; die Möwenkolonien am Strande entlang müssen ihr erklecklichen Tribut zahlen; sie schnappt die Gössel der Wildgans und die Jungen des großen Sägetauchers weg, und manch ein rundlicher Dachswelpe, manch ein feister Jungfuchs geht in ihrem sackähnlichen Magen zu den seligen Jagdgefilden ein.

Sie lebt glücklich auf ihre Weise, in ihrer Einsamkeit, und genießt ihre Ruhe. Kein aufreizender Axthieb, kein polterndes Wagengerassel peinigt ihre Nerven ... nur das Rollen der Wellen und das Zirpen der Heuschrecke klingt um ihr dickichtumkränztes, sturmzerzaustes Haus.

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