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Stille Kämpfer

Stille Kämpfer. (continued 2)

Reading edition

Lebe wohl, chère tante, bitte zu den Heiligen, daß sie mein Gebet erhören. Immer in Liebe

Deine tieftraurige Jusia.

»Wenn ich nur wüßte, ob Graf Kasimir wirklich so reich ist, wie Fama sagt!« so überlegt Jusia, während sie den Brief in den im Hausflur befindlichen Postkasten senkt und dann mit leisen Schritten das Schloß verläßt. Sie fürchtet, Kasia könnte kommen, lieber vertieft sie sich in die Lektüre von Paul Bourgets neuesten Roman, den ihr Tante Amélie gesandt, als sich an den endlosen Gesprächen über Marias unbegreifliche Rücksichtslosigkeit zu erbauen. Leichtfüßig eilt sie die verschlungenen Wege des Parkes entlang, dem See zu und besteigt dort angekommen, den, an einer Kette liegenden Kahn; träumerisch sieht sie auf das graue Wasser, das leise plätschernd an die Wände des Bootes schlägt.

»Oh pescator dell'onda Fidelin Vieni pesca in qua Colla bella sua barca Colla bella sene va Fidelin lin la«

trällert sie, mit sehnsüchtigen Augen in die Ferne blickend, dem großen unbekannten Glück entgegen.

»Colla bella sene va, Fidelin, lin la!«

Der einsam am Ufer des Sees dahinschreitende Mann hebt den Kopf, da der helle Gesang an sein Ohr schlägt. Er lauscht. Da stockt ihm der Atem, als er durch das Gebüsch das rote Kleid der Sängerin schimmern sieht.

»Führe mich nicht in Versuchung,« stammelt er und will zurück, nur nicht wieder mit ihr sprechen, sie sehen, deren Bild ihn umgaukelt im Wachen und Träumen.

»Jo vo un basin d'amore Fidelin,«

klingt es zu ihm herüber, die weichen Laute der fremden Sprache umkosen ihn wie Schmeichelworte. Mit Zauberfäden zieht es ihn näher, immer näher, Schritt für Schritt, bis er an der kleinen Bucht steht und mit heißen Augen auf Jusia Potocka sieht.

Diese stößt einen leisen Schrei aus, da die dunkle Gestalt neben ihr auftaucht.

»Verzeihung, gnädigstes Fräulein, daß ich Sie erschreckt habe, der Gesang zog mich an,« stammelt Michael sich fast demütig verneigend, seine Stimme bebt dabei, seine Augen sehen mit flehender Bewunderung zu dem schönen Mädchen nieder und Jusia lächelt, durch den Sinn zieht ihr der Gedanke:

»Wie gerufen kommt er, mir die Langeweile dieser Stunde zu vertreiben.«

»Sie sollen Verzeihung erlangen, wenn Sie mich an das jenseitige Ufer rudern wollen, immer am Schilf entlang, es sollen da noch Wasserrosen blühen, die möchte ich haben!«

Nicht eine Sekunde zögert Michael, er denkt nicht an sein Mühen, die blonde Gräfin zu vergessen, an all' die heißen, unruhigen Tage, er sieht nur das holde Gesicht, hört die süße, weiche Stimme und ist vollständig in Jusias Bann.

So fährt er sie hinaus auf das stille, graue Wasser. — Es ist einer jener trüben, sonnenlosen Spätsommertage, die Vorboten des kommenden Herbstes; eine endlose graue Fläche, spannt sich der Himmel über die Erde; der Horizont verschwimmt in demselben eintönigen Grau.

Regungslos stehen die hohen Ulmen, die tief sich neigenden Trauereschen, keine flimmernden Lichter zucken golden über sie hin, all' die leuchtenden, glühenden Farben des Sommers sind ertrunken in dem schweren, eintönigen Grau. Kein Laut auch unterbricht die Stille ringsum, nur manchmal wird der klagende Schrei eines Wasservogels hörbar, ein Fischreiher streicht, nach Beute spähend, über das Wasser hin und leise rauscht das Schilf, an dem der Kahn entlang gleitet.

»Erzählen Sie mir mehr von ihrem Leben, von Ihrer Braut,« unterbricht Jusia Potocka das Schweigen, sie neigt sich vor und sieht prüfend in das schöne Männergesicht mit dem schwermütigen Zug darin. »Sagen Sie mir, wie sieht Ihre Braut aus, ist sie hübsch, woher hat denn sie den seltsamen Namen Tabea?«

Michael schweigt, er will antworten, aber er kann nicht, die Kehle ist ihm wie zugeschnürt. Tabea! er soll von Tabea reden, er muß sich beinahe besinnen, wo er den Namen gehört hat, alles ist vergessen in der Minute, da ihn Gräfin Jusia rief und er sieht nur immer sie, sie allein. Tabea! der Name klingt wie fernes Meeresrauschen und das Meer ist so weit, so weit!

Er bleibt die Antwort schuldig und sieht die Fragerin nur an mit seinen ernsten Augen, so flehend, so um Liebe heischend, daß ein banges Gefühl Jusia überschleicht.

Soll sie das Spiel, das sie so leichtherzig begann, nicht lieber enden, soll sie nicht umkehren?

Es ist ein gefährliches, aber für sie köstliches Spiel, es reizt sie, diesen Mann, der so gar nicht mit ihren bisherigen Bewunderern zu vergleichen ist, in ihrem Banne zu sehen, mag es lächerlich, mag es absurd erscheinen, so wie dieser blonde Schwärmer hat ihr noch keiner gefallen.

Sie schlägt mit einer kleinen Gerte auf das Wasser, daß die hellen Tropfen ihr ins Gesicht spritzen, soll sie zurück, soll sie weiter fahren, allein mit ihm? Sie sieht ihn von der Seite an, er hat die Ruder eingezogen und sitzt in müder Haltung still da, als fühle er ihren Blick, wendet er sich ihr zu, ihre Augen kreuzen sich und ruhen sekundenlang ineinander, dann sagt Jusia Potocka mit leisem Lachen:

»Ach, sehen Sie dort, da sind noch Wasserrosen, ach, schnell fahren Sie hin, ich möchte welche haben,« sie streckt verlangend die weißen Hände nach den Blumen aus und Michael treibt den Kahn mit einigen raschen Ruderschlägen näher und zieht die weißen Blüten, an ihren langen, schlüpfrigen Stengeln, aus dem Wasser und legt sie zu Jusias Füßen nieder, die sie ineinander schlingt und sie sich wie eine weiße Krone aufs Haupt setzt. »Sehen Sie mich an, Herr Wisniewski, sehe ich nun nicht aus, wie eine Wasserfrau?«

Schwermütig schüttelt er das Haupt: »Oh nein, Komtesse, oh nein, nicht wie eine Nixe, die sind schlecht, und locken uns arme, thörichte Menschen in Leid und Tod. Sie gleichen eher einer« — er bricht stockend ab und wendet den Blick von ihr.

»Wie sehe ich eher aus, schnell, das müssen Sie mir sagen, sonst werde ich böse, oder ist es so wenig schmeichelhaft für mich, daß Sie es nicht sagen können?«

»Es ist keine Schmeichelei, es ist Wahrheit; Sie gleichen einer holden, gütigen Fee, zu gut, zu schön und — unerreichbar für uns Menschen,« sagt Michael, und die letzten Worte ersterben in einem Flüstern.

»Legen Sie dort an, sehen Sie, da ist eine Einfahrt, ich möchte ein Stück dort entlang gehen,« ruft Jusia fast befehlend statt jeder anderen Antwort, und wieder gehorcht Michael willenlos ihrem Wunsch, bald darauf fährt der Kahn in die schmale Bucht ein und leichtfüßig springt Jusia ans Land.

Immer dichter waren die grauen Wolkenschleier auf die Landschaft herniedergesunken, sie hatten das jenseitige Ufer mit dem Schloß umhüllt, die Baumgruppen waren untergetaucht in dem grauen Nebel, es schien, als ginge der See in unermeßliche Weiten, als gäbe es keine Ufer, keine Häuser, keine Bäume, nichts als graues, trübes Wasser. Leise begann jetzt ein feiner Regen herniederzurieseln, der aber die beiden Wanderer, die unter den dichten Trauereschen am Ufer dahingingen, nicht traf.

»Sehen Sie, es regnet, auf dem Wasser sieht man es, wie fatal! Ob es wohl lange dauert?«

Jusia streckte bei diesen Worten die weiße Hand unter dem schützenden Blätterdach hervor, um die fallenden Tropfen zu spüren.

»Es wird Landregen, der vergeht nicht so schnell, es ist ein treuer Geselle,« sagt Michael.

»Dann wollen wir rasch umkehren, es hat ja keinen Zweck, zu warten, schade, daß wir unseren Gang nicht weiter ausdehnen konnten,« die Gräfin wandte sich, um nach der Bucht zurückzukehren; vorsichtig, so viel wie möglich die Nässe meidend, setzte sie den Fuß auf einen glatten Stein, der aber unter dem Druck nachgab, sie glitt aus und wäre gefallen, wenn Michael sie nicht in seinen Armen aufgefangen hätte.

Zum zweitenmal hielt er das schöne Mädchen umfangen, ihr weiches, schimmerndes Haar streifte seine Wange, er fühlte, wie ein leises Beben ihre Gestalt durchlief; da vergaß er alles, seine Braut, das stille Dorf auf dem Sande, vergaß seine Ehre, seinen Stand, alles, alles, er sah nur das schöne, lebensvolle Weib, das er in seinen Armen hielt. Da riß es ihn fort, wie ein toller, wahnsinniger Rausch durchdrang es ihn, fester umschlang er sie und dann küßte er sie, küßte sie auf die roten Lippen, auf das flimmernde Haar, er küßte die geschlossenen Augen und dazwischen stammelte er heiße, bethörende Liebesworte.

Jusia erzitterte unter der Leidenschaft des Mannes, die wie ein Sturm über sie hinbrauste, dennoch machte sie keinen Versuch, sich aus den sie umschlingenden Armen zu befreien, sie schmiegte sich fester an seine Schulter, schloß die Augen wie in seliger Betäubung.

Einmal kam ihr der Gedanke: »Schade, daß er nicht Kasimir Sucholski ist, und wenn Tante Amélie mich sehe,« da mußte sie lächeln, und Michael küßte sie auf die lächelnden Lippen und flüsterte:

»Oh, Du Hohe, Du Geliebte, meine Königin, mein Glück, ich liebe Dich, ich liebe Dich.« —

Immer dichter hüllte die Ferne sich in ihr graues Nebelgewand, kein Laut, kein Ruf drang an das Ohr der Beiden, sie waren so einsam in dem wallenden Nebel, wie auf einer stillen, fernen Insel.

So verrann die Zeit für das Paar unter den hängenden Eschen wie eine kurze, flüchtige Minute, irgendwo schlug ein Hund an, das langgezogene Bellen trug den ersten Laut der Welt in diese graue Einsamkeit und schreckte Jusia Potocka empor. Tief aufatmend befreite sie sich aus Michaels Armen.

»Es kommt jemand, heilige Jungfrau, wenn mich ein Mensch sieht.« Sie strich sich das zerzauste Haar aus der Stirn und sah angstvoll um sich. »Rasch, nur rasch, ich muß zurück, man wird mich suchen, mich vermissen!« Sie hastete, um vorwärts zu kommen, jetzt, da sie aus dem Bann der letzten Stunde erwacht war, überkam sie eine namenlose feige Angst, daß jemand sie sehen könnte. Sie zitterte vor Ungeduld, vorwärts zu kommen, und ergriff Michaels Hand, ihn mit sich ziehend. »Schnell doch, nur fort von hier, ich muß zurück, oh, wäre ich doch erst in Lochowo!«

Michael folgte ihr willenlos, er konnte sich nicht so jäh aus dem schönen Traum lösen, ihm war alles andere, die Menschen, alles so völlig gleichgiltig. Mechanisch setzte er die Ruder ein, leise strich der Kahn über das Wasser, das gurgelnd an seine Wände schlug, alles wie zuvor und doch so anders. Jusia Potocka spähte angstvoll aus, ob ein anderes Boot ihnen entgegen käme, ob man sie suchte. Das Ufer mit den Trauereschen tauchte im Nebel unter, verschwommen und grau sahen die Umrisse von Schloß Lochowo hervor, mit einem Seufzer der Erleichterung begrüßte Jusia das Bild, dort war das Ufer; noch lag der Kahn nicht fest, da sprang sie schon heraus und eilte mit einem flüchtigen: »Auf Wiedersehen!« davon.

Die hohen Bäume des Parkes nahmen sie in ihren Schatten auf, sie hörte nicht mehr den flehenden Ruf des Mannes: »Bleibe, ach, bleibe doch, wann seh' ich Dich wieder?«

Immer stärker rauschte der Regen nieder, der trübe Tag war kaum merklich zum Abend geworden, immer noch saß Michael im Kahn und starrte nach dem Park, als müsse die Pforte sich öffnen und eine holde Gestalt heraustreten.

Er war wie im Fieber, wie wahnwitzige Fieberphantasien jagten die Gedanken sich hinter seiner Stirn. Aus dem wallenden Nebel lösten sich Gestalten heraus, er sah Propst Ryback, sah Vater Abraham und — Tabea, da stöhnte er vor Qual und Scham. Dann wieder fühlte er Jusias Gestalt in seinen Armen, er meinte den Duft ihrer schimmernden Haare zu spüren, da zuckte er vor Leidenschaft, er streckte die Arme aus und schluchzte: »Jusia, Jusia,« aber alles blieb stumm.

Kein Laut drang aus dem Schloß zu dem einsamen Mann herüber, einige Fenster erhellten sich, dort weilte sie jetzt, ob sie wohl lachte und sprach mit ihrer hellen, weichen Stimme, ob sie wohl an ihn dachte?

Spät erst raffte sich Michael auf, völlig durchnäßt, totmatt von den quälenden Gedanken, schlug er den Rückweg ein; er ging durch das Dorf, heute war es ihm vollständig gleichgiltig, ob man ihm Schmähworte nachrief oder nicht. Wie ausgestorben lag das Dorf da, nur aus dem Krug erscholl wüstes Johlen, und Michael dachte gerade wie einst; damit kehrten ihm die Gedanken zur Vergangenheit zurück, heiße Sehnsucht ergriff ihn plötzlich nach der entschwundenen Zeit der Jugend, der Reinheit, da er mit schuldlosem Herzen oft denselben Weg gegangen war.

Da stand er am Pfarrhaus, durch die grünen Fensterläden schimmerte Licht, der Propst weilte in seinem Studierzimmer, und als trieb ihn eine unsichtbare Macht vorwärts, der er nicht widerstehen konnte, trat Michael näher. Oh, nur jetzt in dieser Stunde eine treue Hand ergreifen können, jetzt »Vater« sagen dürfen, »Vater — ich verstehe Dich und Deine Schuld, denn jetzt weiß ich, was Leidenschaft heißt, weiß, welche unbesiegbare Macht sie ist, die uns zur Sünde treiben kann.«

Immer näher zieht es ihn, er durchschreitet den kleinen Vorgarten, er tritt durch die offene Hausthür in den weiten Flur, in dem eine kleine Öllampe ein mattes Licht verbreitet; er schleicht sich an die Thür des Studierzimmers und setzt sich dort auf die schmale Holzbank nieder, auf der er wartend einst so oft gesessen hat. Er legt den Kopf an den Thürpfosten und lauscht, ob er nicht drinnen den Schritt des Propstes hört, aber an sein Ohr schlägt nur das Geräusch des fallenden Regens draußen und das wilde Klopfen seines eigenen Herzens.

Ihm ist zu Mute, als sei er heimgekehrt nach langen, langen Jahren, er denkt nicht daran, wie Propst Ryback ihm entgegengetreten ist, als er im Winter in seine Heimat zurückkam, in dieser Stunde hat er alles vergessen, er hat nur grenzenlose Sehnsucht nach einem gütigen, verstehenden Wort, nach jemand, der seine heiße, verzehrende Liebe versteht. Er tastet nach der Klinke und öffnet leise die Thür, er sieht im Lichtkreis einer Lampe den Geistlichen sitzen, den Kopf tief über ein Buch geneigt.

»Vater!« Wie ein Hauch rang es sich von seinen Lippen.

»Michael!« Der Propst sprang nicht empor, regungslos blieb er sitzen und sah entsetzt auf den Mann in der Thür. Sekundenlang ruhten die beiden Augenpaare ineinander, bis sich der Propst erhob, ein eisiger Zug legte sich auf sein Gesicht, als er hart sagte: »In meinem Haus ist kein Raum für einen Abtrünnigen!«

»Vater!« In verzweifelndem Flehen, in beginnendem Trotz klang der Ruf.

»Kein Raum für einen Abtrünnigen,« wiederholte der Propst tonlos.

»Auch keinen Raum für den Sohn?«

Michael schrie es fast und doch klang namenlose Angst durch seine Worte.

Es war, als schwanke die stolze Gestalt des Geistlichen, aber nur kurz war die Schwäche.

»Ein Priester hat keinen Sohn, darf keine Liebe haben, als die zu der heiligen Kirche,« sagte er fest.

Michael lachte auf, wild, höhnisch, rasch trat er näher.

»Du,« stieß er hervor, »Du, der Du mein Leben verbittert hast, mich hineingetrieben in Zweifel und Irrtümer, der Du die Schuld trägst, daß mir mein stolzer, reiner Kinderglaube verloren ging, Du, der mir alles genommen, was rein und gut in mir war, Du verdammst mich als Abtrünnigen, schiltst mich einen Ketzer und stößt mich fort! Du verweigerst mir Vaterliebe, Du verleugnest mich aus feiger Angst vor der Welt, Du entziehst mir, was der Ärmste seinem Kinde giebt: Liebe! und nennst Dich einen Priester, einen Christ! Oh, ich Thor, ich kam her und wollte mich an die Brust des Vaters flüchten, wollte Dir sagen, daß ich Deinen Fehltritt verstehe, und verstehen heißt verzeihen, ich wollte nur ein wenig Liebe. Aber wehe Dir, die Liebe läßt sich nicht leugnen, hüte Dich, daß nicht einst eine Stunde kommt, in der all Dein Flehen, Dein Rufen vergebens ist, in der Du einsam bist und Dein Herz vergebens nach der Liebe Deines Kindes schreit, hüte Dich vor dem zu spät.« —

In wortlosem Entsetzen stand der Propst, er sah das leidenschaftdurchwühlte Gesicht des Sohnes, hörte die furchtbare Anklage, dann schlug ein grelles, verzweifeltes Lachen an sein Ohr, krachend fiel die Thür ins Schloß, er war allein. — Er wollte rufen: »Kehr zurück, komm wieder!« Kein Laut kam über seine Lippen, gebrochen sank er auf einen Stuhl nieder, mit starrem Blick nach der Thüre schauend, als müßte diese sich öffnen und der Sohn noch einmal kommen. Alles blieb still, der alte Mann saß stundenlang so, bis er endlich laut vor sich hin sagte: »Ein Priester darf nicht lieben, er gehört nur der heiligen Kirche!« —

Michael stürmte davon, seinem kleinen Hause zu, das so still dalag wie die anderen; vor der Thür saß die mächtige Dogge und begrüßte mit freudigem Winseln den heimgekehrten Herrn. Leicht strich ihr dieser über den Kopf, ihm that die Freude des Hundes ordentlich wohl.

Benjamin schien bereits zu schlafen oder war noch nicht zurückgekehrt, Michael dachte daran, daß heute Nachmittag eine Andacht im jenseitigen Walde hatte stattfinden sollen, er dachte daran, wie an etwas, das weit, weit hinter ihm lag, er war nur froh, jetzt nicht dem Freunde Rede stehen zu müssen, in dieser Stimmung nicht dem forschenden Blick der dunklen Augen standhalten zu müssen. Er zündete ein Licht an und betrat das niedrige Wohnzimmer, er prallte förmlich zurück, aus der Ecke leuchtete das weiße Bild des Heilands ihm entgegen, die Kerze in seiner Hand warf unruhige Lichter darauf, die darüber hinhuschten und dem weißen Bildwerk einen Schimmer von Leben verliehen.

Seine aufs äußerste angespannten Nerven verloren die Spannkraft, laut weinend warf er sich vor der Statue nieder und streckte die Arme aus.

»Hilf, hilf!« stöhnte er; er wollte beten, aber er konnte nicht, er stammelte nur wirre Worte, in ihm tobte alles wirr durcheinander, Liebe und Leidenschaft, Scham, Reue und Zorn stritten in ihm, bis zuletzt die mächtige Stimme der Leidenschaft all' die anderen übertönte. Jusias Bild trat vor seine Augen, er hörte ihr Lachen, sah ihr süßes Gesicht, er küßte wieder ihren roten Mund und hielt sie in seinen Armen. So verharrte er regungslos zu den Füßen des Christusbildes, bis ein wohlthätiger Schlaf sich auf seine Augen senkte und im Traum flüsterten seine Lippen: »Jusia, Jusia.«

Noch immer herrschte eine schwüle Stimmung auf Lochowo, Frau von Leninska ging herum mit der Miene einer trauernden Niobe, sie hüllte sich gegen Maria und gegen ihren Gatten, der zu ihrer Empörung ordentlich zärtlich zu ersterer war, in eisiges Schweigen; nur gegen Jusia und Kasia war sie milde. Selten wohnte sie den Mahlzeiten bei, sie lag in ihrem Boudoir, eine Schale Konfekt neben sich, und studierte die neuen Modezeitungen, neben diesen aber lag offen ihr Gebetbuch und ihr Rosenkranz und sobald ihr Gatte oder Maria das Zimmer betraten, griff sie danach.

Müde ließ sie soeben das Journal, in dem sie gelesen hatte, sinken, im Grunde war es doch recht ermüdend, eine sorgende Mutter zu sein, da öffnete sich vorsichtig die Thüre und Kasia trat über die Schwelle.

»Ach Du bist es, mein Seelchen, sage, ist der Propst noch nicht gekommen?«

»Nein, Mama, er wird aber wohl bald erscheinen.«

»Ach, käme er doch nur, daß mein armes, bangendes Herz Ruhe fände, oh meine Nerven!« stöhnte Frau Halinka.

»Soll der Propst mit Maria sprechen, Mama? Ich fürchte auch, er wird keinen Einfluß haben, Maria ist furchtbar eigensinnig, auf meine Vorstellungen hat sie mir nur erwidert, ich verstände nicht, was Liebe ist, allerdings! diese Liebe verstehe ich nicht,« sagte Kasia, hochmütig das hübsche Köpfchen hebend.

»Gott sei es geklagt, Marias Eigensinn macht mich krank, sage, mein Liebling, wie nimmt Gräfin Jusia die Sache auf, ich vermied bisher ein Gespräch mit ihr darüber, ist sie nicht empört, wie es all' unsere Freunde sein würden?«

»Empört, oh nein,« etwas zögernd kam die Antwort von Kasias Lippen; »Mama, ich muß es Dir sagen, ich bin eigentlich etwas indigniert über die Art, wie Jusia den Fall auffaßt, denke nur, sie findet es gar nicht schlimm, einen Bürgerlichen zu heiraten; sie sagt so ungefähr: ›das Geld wiegt den Adel auf‹, ich glaube beinahe, sie würde einen Bürgerlichen heiraten, wenn er nur reich wäre!«

»Ja, mein Kind, das ist etwas anderes, leider, leider sind die Zeiten vorüber, wo der Adel die einzige Macht war, heute teilt er sich mit der Macht des Geldes, aber dieser Dr. Werner ist ja nicht einmal reich, ja, könnte er Maria ein standesgemäßes Leben bieten, ach, für das Glück meines Kindes wollte ich mich demütigen, ich bin ja so selbstlos, lebe nur für Euch, bringe mich selbst zum Opfer, ach!«

»Mama, ich glaube, Propst Ryback ist gekommen,« unterbrach Kasia die Redende, froh, daß sie das Gespräch beenden konnte, denn sie wußte, wenn die Mama einmal begann, von sich und ihrer Aufopferung zu sprechen, kam sie so bald nicht zu Ende.

»Der Propst, ach, es ist mir wirklich ein Trost,« und rasch ergriff Frau Halinka das Gebetbuch und sah erst auf, als Propst Ryback vor ihr stand.

»Oh, mein teurer Freund, gut, daß Sie kommen, mir armen Frau Trost zu bringen,« rief sie, des Geistlichen Hand erfassend, und nun folgte die ganze Leidensgeschichte, unaufhaltsam floß der Strom ihrer Rede dahin und schweigend hörte der Propst ihr zu.

»Darf ich Maria sprechen, gnädige Frau?« sagte er statt jeder Antwort.

»Gewiß, oh gewiß, das ist es ja, was ich wünsche, auf Sie, ihren alten Lehrer und Beichtvater, wird mein irregeleitetes Kind vielleicht eher hören, wie auf die Stimme der sorgenden Mutter, ich werde sie rufen lassen.«

»Bitte, nein!« Der Propst zog Frau Halinkas Hand von der Klingel fort. »Ich werde zu ihr gehen, es ist besser, ich spreche allein zu ihr, ich komme nachher und erstatte Ihnen Bericht, bis dahin Gott befohlen, ich werde Maria schon finden.«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, eine Erwiderung Frau Halinkas gar nicht abwartend.

»Unerhört eigentlich, diese Art, einfach meinen Wunsch unbeachtet zu lassen, der gute Propst scheint seine Stellung etwas zu vergessen, aber daran ist wieder Marcel schuld, der versteht auch nicht im Geringsten, seine Würde als Patronatsherr zu betonen, ich muß ihm wirklich einige Vorstellungen darüber machen.« —

Propst Ryback brauchte nicht lange nach seinem Beichtkind zu suchen, in ihrem Zimmer fand er sie, unthätig am Fenster sitzend und mit versonnenen Augen in die Ferne schauend.

Langsam stieg ihr ein feines Rot in die Wangen, als sie den Geistlichen erblickte.

»Gelobt sei Jesus Christus,« sagte er, ihr segnend die Hand auf das dunkle Haar legend.

»In Ewigkeit, Amen,« erwidert sie, ihm ehrerbietig die Hand küssend.

»Du wirst ahnen, warum ich komme, Maria?« frug er.

Er nannte sie, die er getauft und in die Lehre der heiligen Kirche eingeführt hatte, noch Maria und Du, auf ihren besonderen Wunsch war es so geblieben.

»Ja, Hochwürden, ich weiß es, ich weiß auch, daß Sie im Auftrag meiner Mutter kommen, aber ich will es Ihnen gleich sagen, daß Sie vergebens kommen. Sie, Hochwürden, wissen ja, wie ich gerungen habe gegen diese Liebe, wie ich still mein Leid getragen habe, aber nun ist mein Glück gekommen und ich will es halten. Sagen Sie nichts von Religionsunterschied, von Standesvorurteil,« fuhr sie beinahe heftig fort, so daß der Priester erstaunt auf sie sah. War das die stille ergebene Maria, die da sprach mit glühenden Wangen und strahlenden Augen? »Mein Gott weiß es, wie ich gekämpft habe gegen diese Liebe, nicht einmal, hundertmal habe ich es mir gesagt, Du darfst Dich dem Gefühl nicht hingeben, darfst diese thörichte Hoffnung nicht hegen, er hat Dich längst vergessen, aber immer wieder übertönte die Sehnsucht alles, und als er vor wenig Tagen vor mir stand, da wußte ich es, diese Liebe kann nicht sterben, sie ist ein Teil meines Selbst, sie ist mein Leben! Meine Mutter und Schwester widerstreben mir, sie sehen nur den bürgerlichen Mann, nicht sein großes, gütiges Herz, sie schelten mich, verdammen mich und heißen meine Liebe ein Unrecht. Sie haben es mich gelehrt, die heilige Schrift sagt es uns, daß die Liebe von Gott kommt, kann sie da ein Unrecht sein? Nein, Hochwürden, nein, meine Liebe ist keine Sünde, was zwischen uns steht, ist Menschenwort, Gott, der über uns Allen ist, an den wir glauben, wie wir uns auch nennen, ob Katholiken, ob Protestanten, ist ein Gott der Liebe, der nicht zürnt, wenn wir die Liebe im Herzen tragen. Was hilft es dagegen zu kämpfen, leugnen läßt sich die Liebe nicht, sie bleibt doch Siegerin. Meinem Glauben werde ich treu bleiben, wie er dem seinen, meinem Glauben, aber auch meiner Liebe, denn ich liebe ihn mit der Liebe, die alles trägt, alles duldet, mag Sorge und Leid unser Los sein, mag eine Welt sich zwischen uns stellen, er ist mein Glück und meine Liebe ist unwandelbar!«

Maria schwieg, feines Rot lag auf ihren Wangen, die Augen strahlten und ein Ausdruck von Begeisterung verklärte ihr Gesicht förmlich.

Unverwandt sah der Propst auf das Mädchen, er wollte sprechen in Frau Halinkas Namen, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt, aus dem Nebel der Vergangenheit löste sich ein Bild, er sah vor sich ein schlichtes Mädchen aus dem Volk, die ihm alles gegeben hatte, ihre Liebe, ihre Ehre, und er sagte ihr, er müsse scheiden von ihr, um der Welt, um seines Gelöbnisses Willen, da hatte sie demütig gesagt: »Ich will aus Deinem Leben gehen, aber meine Liebe kann erst mit mir sterben, sie ist unwandelbar.« Vor wenig Stunden hatte der Sohn jenes Weibes ihm zugerufen: »Die Liebe läßt sich nicht leugnen,« hatte er recht?

Totenstille herrschte im Zimmer, Propst Ryback hatte die Hand über die Augen gelegt, er war beinahe zusammen gesunken auf seinem Stuhl und Maria stand und sah mit strahlenden Augen, mit lächelnden Lippen hinüber nach dem leuchtenden See, er verwandelte sich vor ihren Blicken in einen breiten Fluß, sie sah prächtige Kuppeln, schimmernde Häuser sich in ihm spiegeln, sie saß im Schiff mit ihm, dem Geliebten, Hand in Hand.

Eine dicke Fliege flog summend im Zimmer umher, sie stieß mit dem Kopf an die Fensterscheiben, sie wollte hinaus in den Sonnenschein, in die Freiheit.

Schwerfällig erhob sich endlich der Geistliche, auf seinem sonst so strengen Gesicht lag ein milder, wehmütiger Zug, den Maria noch nie an ihm gesehen hatte, er ergriff die Hand des Mädchens und hielt sie einige Minuten fest in der seinen, forschend in Marias Gesicht sehend, dann sagte er ruhig:

»Ich will nicht erst versuchen, Dich umzustimmen, meine Tochter, ich sehe, es wäre vergebens, möchtest Du nie den Schritt bereuen und nie Deinem Glauben und Dir selbst untreu werden, die heilige Jungfrau schütze Dich.« Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihrem Haupt und verließ dann das Zimmer; er ging auch nicht mehr zu Frau Halinka hinein, er schritt hastig durch das Dorf, seinem Hause zu.

In seinem Studierzimmer, in das durch die dichtbewachsenen Fenster ein gedämpftes, grünliches Licht fiel, saß er dann und sann. In seinen Ohren klangen die Worte nach, die Maria zu ihm gesprochen hatte, das Wort von der Liebe, die sich nicht verleugnen läßt, war es nicht Wahrheit, hatte er nicht selbst gegen die Gefühle gerungen, die er als Priester nicht hegen durfte? Er sah noch immer das bleiche Weib vor sich, tot am Boden liegend, er hörte noch das verzweifelte Schluchzen des Knaben; dann fühlte er die weiche Kinderhand in der seinen, sah die großen Kinderaugen fragend in inniger Liebe auf sich gerichtet.

Der einsame Mann stöhnte auf. Fort, fort mit diesen Bildern, alles lag weit hinter ihm, hart wollte er gegen sich sein, wie er es gegen den Abtrünnigen gewesen war, keine Brücke gab es zwischen ihnen.

Was war nur mit ihm, war er denn schon so alt und schwach, daß die Worte eines Mädchens an seinen Grundsätzen zu rütteln vermochten?

»Nein,« sagte er vor sich hin, »ich will nicht schwach werden, oh Herr, gieb mir die Kraft dazu, reiße dies thörichte Gefühl aus meinem Herzen, daß kein anderer Gedanke darinnen lebe, als der, Dir und unserer heiligen Kirche zu dienen!«

Dann verließ der Geistliche das Zimmer und ging durch den Garten bis zur Kirche und betrat diese, sie war leer, in einer Ecke lag zusammengewundenes Grün und Blumen, grellbunte Astern, zartfarbene Balsaminen und starkduftender Lavendel, vermischt mit Birkenlaub und Rosmarin, bestimmt, zu dem morgenden Marientag die Kirche zu schmücken.

Der Propst blieb stehen und sah auf die Blumen nieder. Auch eine Maria war jene gewesen, deren blasses, trauriges Antlitz ihm nicht aus den Sinnen kommen wollte. Eine Maria, eine arme, müde, gequälte Dulderin! Er wandte hastig den Blick von den Blumen und schritt zum Altar, dort kniete er nieder und rang mit sich in stummem Gebet, bis ihn das Öffnen der Kirchthür aufschreckte. Dicht am Eingang kniete ein junges Weib, heiße Zähren rollten ihr über die Wangen; als sie den Priester erblickte, fuhr sie erschrocken zusammen.

»Bist Du es, Valevka? schweres Leid scheint Dich zu bedrücken, bete zu der heiligen Jungfrau, damit Dir Trost werde!« Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihrem Haupt und schritt dann weiter, das Mädchen richtete sich auf und streckte die Hände nach ihm aus, als wolle sie ihn halten, er wandte sich noch einmal um und sie sah in sein strenges Gesicht, das unbeweglicher denn je war. »Willst Du noch etwas, Valevka?«

Stumm bewegte diese verneinend das Haupt und sank in ihre Stellung zurück, Propst Ryback verließ die Kirche, ihm nach klang ein leises, wehes Schluchzen.

Die weiten Säle von Schloß Lochowo hallten wider von Kasias lustigem Lachen und Singen, vergessen war der Ärger und die Empörung der letzten Tage, eitel Sonnenschein lag auf ihrem Gesicht, sie trällerte und zwitscherte wie ein Vogel, war ausnahmsweise liebenswürdig gegen die Dienstboten und fand sogar für Maria ein freundliches Wort. Auch Frau Halinka hatte sich von ihrem Leidenslager erhoben, hatte mit wehmütigem Blick die Trösterinnen ihrer sorgenvollen Stunden, Modenzeitung, Gebetbuch und Konfektschachtel, ad acta gelegt und hatte es für gut befunden, Herrn Marcel eine huldreiche Miene zu zeigen. All diese welterschütternden Veränderungen hatte der Hausherr mit der einfachen Frage veranlaßt, wann das geplante Sommerfest stattfinden sollte und ob die Damen Wünsche dazu hätten, er führe nach der Kreisstadt und sollte es ihm ein Vergnügen sein, alle Kommissionen zu erledigen. Frau Halinka fand danach das erste freundliche Lächeln seit langem für ihren Gatten; Kasia jubelte laut auf und umarmte stürmisch ihren einzig geliebten Herzenspapa, auch Gräfin Jusia wurde sichtlich lebhafter, als sie es seit einigen Tagen gewesen und Maria — sie ging still hinaus und dachte: »Armer, lieber, schwacher Vater, wie schwer mußt Du ringen um den Frieden im Haus.«

Der Kommissionszettel wurde lang, sehr lang und das Gesicht Herrn von Leninskis nicht kürzer; der Seufzer, mit dem er seinen Wagen zu der bewußten Fahrt bestieg, war auch lang, er endete eigentlich erst, als er in der Kreisstadt angelangt, das Haus von Samuel Schmuhl verlassen hatte und seine Brieftasche eine Anzahl blauer Scheine aufwies. Den Gedanken, wie verschwindend wenig ihm noch von dem letzten Ernteertrag blieb, spülte er bei Roman Przybilski mit einem Schoppen Ungarwein hinweg.

»Sag doch, Jusia, findest Du wirklich, daß dieses matte Rosa vorteilhaft für mich ist, sag' es doch bitte aufrichtig, Mama ist ja entzückt davon, ich möchte aber doch Dein Urteil hören?«

»Reizend, Hülle wie Kern,« bestätigte Jusia mit zerstreutem Blick, Kasias zierliches Persönchen musternd, das wie eine Bachstelze hin und her wippte.

»Ach Jusia, weißt Du, ich wünschte, dieses Fest bedeutete eine Wandlung in meinem Leben, aber dazu ist wohl keine Aussicht.«

»Ach so, eine Wandlung mit Trauring und Namensänderung, Hochzeitsreise nach Paris u. s. w., ich verstehe.«

»Nein, Jusia, Du bist unheimlich klug,« lachte Kasia halb verlegen, »aber Recht hast Du und ein Unrecht ist dieser Wunsch ja nicht, ach, wenn doch ein furchtbar reicher, furchtbar schöner, —«

»Furchtbar vornehmer Mann käme und klein Kasia mit sich nähme,« unterbrach Jusia sie lachend. »O Du einfältiges, anspruchsvolles Kind, reich, schön, vornehm und alles in erhöhtem Maßstabe, nein, da bin ich doch bescheidener, ich begnüge mich mit furchtbarem Reichtum und nehme sogar furchtbare Dummheit in den Kauf, die ist angenehmer wie Schönheit, denn schöne Männer sind noch eitler wie schöne Frauen und beide Teile eitel, verträgt sich nicht gut zusammen.«

»Nein, Jusia, höre auf; Du bist gräßlich, wenn Du so anfängst, sage mir lieber, welche Blumen ich nehmen soll, ich will hübsch sein; Jemand ist doch da, für den es sich vielleicht lohnte, Du weißt, daß Graf Sucholski zugesagt hat, schön ist er ja nicht, eher häßlich und alt, aber reich und vornehm, Mama sagt, das wären genügende Vorteile.«

Kasia tritt vor den Spiegel und hält eine noch nicht voll erblühte Theerose an ihr braunes Haar, sie sieht nicht den halb spöttischen, halb ärgerlichen Blick der Freundin.

»Eine Konkurrentin also und mir scheint, keine zu unterschätzende,« murmelt diese, dann tritt sie hinter die am Spiegel stehende und vergleicht sorgsam die beiden Gesichter und sagt ruhig: »Die weiße Rose steht Dir nicht, nimm lieber ein etwas kräftigeres Rosa, aber nun muß ich einmal nach meiner eigenen Toilette sehen, addio, Kleine, verliebe Dich nicht in Dein eigenes Spiegelbild! Aber was ich noch fragen wollte, wird Marias Verlobter zugegen sein und wird das Brautpaar vorgestellt werden?«

»Um Himmelswillen, Jusia, was denkst Du, das ist doch einfach unmöglich, es wäre geradezu ein Skandal, nein, diese Überraschung können wir unseren Gästen nicht bereiten, zumal die Sucholskis denken in dieser Beziehung so streng. Mir vergeht gleich alle Freude, wenn von der unseligen Sache gesprochen wird, ich hoffe immer noch, Maria besinnt sich, aber nun hat sie ja noch einen Bundesgenossen, ich finde es unbegreiflich von Propst Ryback, für Maria zu sprechen, noch der Mama zuzureden, in diese romantische Heirat zu willigen, ich würde lachen, wenn ich mich nicht so ärgern müßte.«

»Rege Dich nur nicht auf, mein Herz,« sagte Jusia, »ich wollte es nur wissen,« und während sie den Korridor nach ihrem Zimmer entlang geht, denkt sie: »Ein interessanter Gesprächsstoff, um die Unterhaltung mit Graf Kasimir zu beginnen.«

Lange steht sie dann vor ihrem Spiegel und prüft nachdenklich ihre Erscheinung, ein weißes Seidenkleid umschließt in tadellosem Sitz ihre schlanke Gestalt, es ist ein schönes Bild, das ihr entgegenstrahlt, aber vor ihrem geistigen Auge taucht ein anderes daneben auf, das einen häßlichen Schatten wirft. Sie starrt in den Spiegel und eine feine Falte gräbt sich in ihre weiße Stirn.

»Es ist zum wahnsinnig werden,« murmelt sie, »immer dieselben thörichten Gedanken, immer das häßliche Bild, fort, fort damit, ich will nicht mehr an die Stunde im Kahn erinnert sein, ich will nicht! Oh, wenn Tante Amélie dies erführe oder die Leninskis, Prinz Sergei und all die Anderen, Gräfin Jusia Potocka, die Stolze, die Kalte, läßt sich von einem etwas verfeinerten Bauernburschen küssen, nur weil er zufällig zur rechten Zeit kommt, die Langweile einer Stunde zu verscheuchen! Pfui, wie häßlich, Jusia, woran dachtest Du, als Du in des blonden Propheten Armen lagst? Es wird Zeit, daß ich fortkomme, die Einsamkeit ruft diese verrückten Gedanken hervor; ja, fort, fort, dann werden auch diese Bilder schwinden, ich hasse mich selbst, hörst Du es, Jusia Potocka, ich hasse Dich, könnte Dich erwürgen vor Wut über Deine unglaubliche Thorheit; wenn doch der Mensch wer weiß wo wäre und mir nicht gerade bei jeder Gelegenheit begegnete, ich glaube, es geschieht noch mit Absicht! Wie er mich anschmachtet, es ist zum lachen, eine richtige Fastnachtskomödie, ich glaube gar, er denkt, es giebt nun eine fröhliche Hochzeit, ich ziehe als Prophetenfrau mit in sein Häuschen hinter den Malven, bete, koche Suppe etc. und bin hochbeglückt. Ha, ha! Ja, lache nur, dumme, einfältige Jusia, oder weine lieber über Deine Thorheit,« sie stampfte mit dem Fuße auf und ballte die weißen Hände gegen den Spiegel: »Pfui, wie häßlich, wie kindisch, wie lächerlich hast Du Dich benommen, oh, wäre ich nur erst fort, weit fort von hier!« —

Gräfin Jusia hatte Recht, Michael suchte mit Absicht jede Begegnung herbei, er streifte in der Nähe von Schloß Lochowo umher, er spähte über die Mauer des Parkes, harrte stundenlang an der kleinen Bucht am See, saß träumend unter den hängenden Eschen, immer in der stillen Hoffnung, Du wirst sie sehen, sie wird Dich anlächeln, wie auf jener einsamen Fahrt.

Wohl begegnete er ihr, aber nie allein, entweder schritt sie mit Kasia von Leninska in munterem Geplauder einher oder sie fuhr an ihm vorüber, aber nie traf ihn ihr Blick, ihre Augen schweiften über ihn hinweg, als hätte es nie einen Augenblick gegeben, in dem sie in seinen Armen geruht. Mit hochmütiger Kälte erwiderte sie seinen Gruß, sie sah nicht das stumme Flehen, das heiße Werben in seinen Blicken. In dem Manne aber loderte der Brand, den sie entfacht hatte, hell auf. Er kämpfte einen verzweifelten Kampf mit seinem Stolz, seiner Leidenschaft und der mahnenden Stimme seines Gewisses.

Unruhevoll irrte er umher, er hörte kaum darauf, wenn Benjamin ihm frohlockend von dem Anwachsen seiner Gemeinde sprach, ja, er empfand plötzlich ein förmliches Grauen vor dessen Fanatismus, seine Lehre, die einsamen Gottesdienste im Walde, erschienen ihm als Komödie, jetzt, da er gleichsam in einem anderen Banne stand, erkannte er das Unklare und Verworrene in Benjamins neuem Glauben. In Stunden der Ernüchterung, in denen er erwachte aus dem Fieber seiner Liebe, ergriff ihn heiße Angst um den irregeleiteten Freund, um sich selbst, er sah dann den Abgrund, an dem sie beide standen, Benjamin, verstrickt in seine verworrenen Lehren, er, im Bann der Leidenschaft. Dann dachte er voll tiefer Sehnsucht an das stille Dorf auf dem Sande, mit seinem Frieden, an das schlichte, keusche Mädchen und an die klugen Augen Vater Abrahams, dann faßte er den Entschluß, Benjamin zu bewegen, mit ihm heimzukehren; dann sah er wieder die Gräfin oder er ging hinunter an den See, und vergessen waren all seine guten Vorsätze, mächtiger denn je loderte die Flamme in seinem Herzen auf und beherrschte seine Sinne.

Benjamin bemerkte wohl des Freundes innere Kämpfe. Michael war auch im Grunde eine zu wahrhaftige Natur, um erfolgreich Komödie spielen zu können, und so lag seine Seele bald offen vor dem Freunde da. Dieser, der nur eine Leidenschaft, ein Ziel kannte, seine Lehre zu verbreiten und dadurch gleichsam ein Herrscher zu werden, hatte nur Verachtung für diese weibische Schwäche, wie er es nannte. Statt dem Freund als Freund zur Seite zu stehen, dessem schwankenden Charakter eine Stütze zu sein, griff er zum Spott; mit beißendem, höhnischem Spott überschüttete er diesen, zog seine Liebe zu Jusia Potocka in den Staub und erreichte gerade dadurch, daß Michael sich im Trotz von ihm abwandte, und verbittert über das geringe Verständnis, das er fand, sich immer tiefer in seine Schwärmerei verstrickte.

»Weißt Du auch, daß übermorgen auf dem Schloß ein Ball stattfindet, es nimmt mich Wunder, daß sie Dich nicht eingeladen haben,« spottete Benjamin, indem er Hut und Stock nahm, um sich zum Fortgehen zu rüsten.

Michael schwieg, er ließ des Freundes Hohn ruhig über sich ergehen und las anscheinend eifrig weiter.

»Nun, kommst Du nicht mit, Du fehlst jetzt beinahe immer bei den Andachten, natürlich, Gräfinnen sind nicht dabei und nach Bauerndirnen sieht mein vornehmer Freund wohl nicht?«

»Schweig, Benjamin,« fuhr Michael auf, »warum ich nicht zu den Andachten komme, ahnst Du sehr wohl, weil ich eingesehen habe, daß Du mit Deinen phantastischen Lehren, mit Deinen Utopien, daß Ihr alle auswandern wollt und in Amerika einen Staat gründen, in dem Ihr als Brüder und Schwestern leben wollt, bloß den Leuten die Köpfe verwirrst. Ja, ich leugne nicht, als ich hierher kam, meinte ich auch, ich würde meinen Heimatgenossen ein Heil bringen, aber ich habe eingesehen, daß sie viel glücklicher sind ohne uns, warum ihren Frieden stören! Laß uns lieber heimkehren, Benjamin, heim nach unserem stillen Dorf, zurück in den Frieden!«

»Nachdem Du Dich sehnst, wie ein Greis, nein, ich will nicht Ruhe, ich will Kampf, gehe Du heim, wenn Dich die Sehnsucht treibt, Du bist ja doch wie ein schwankendes Rohr, ja, gehe heim, setze Dich hinter den Ofen und rede klug; Du bist ein Schwächling! Ein Blick aus Weiberaugen genügt, um Dich plötzlich hellsehend zu machen, um alles, für was Du seit Monaten gekämpft hast, über Bord zu werfen.«

»Nein, mein Benjamin, diese Vorwürfe verdiene ich nicht, seit vielen Monaten fühle ich, daß wir nicht Segen stiften, daß wir nur Unheil anrichten, wir bringen Zerwürfnis in die Familien, Unruhe in die Herzen, ziehen uns Feinde zu und — machen niemand glücklich.«

»Oh, Du weiser Moralprediger, Du,« höhnte Benjamin, »woher kommt Dir so plötzlich Deine Erleuchtung? Hast wohl einen Mahnbrief erhalten aus unserem stillen Sanddorf, und darum der Umschwung Deiner Gefühle?«

Eine jähe Glut stieg in Michaels Gesicht.

»Ja,« sagte er gepreßt, »Vater Abraham hat geschrieben, willst Du lesen?«

»Nein, danke, ich kann mir ungefähr vorstellen, was er schreibt; nun, er ist ein alter Mann, und Alter sehnt sich nach Ruhe, aber Du bist in der Kraft Deiner Jahre und willst schon vom Kampf zurücktreten, willst feige das begonnene Werk verlassen, und alles um eines Weibes willen? Ja, fahre nur auf, es ist doch so, ich ahnte es an dem Tag, an dem die blonde Hexe hier eintrat und vor mir zusammenschrak, wie vor einem giftigen Reptil, da sah ich es kommen, da wußte ich, daß Dein Schwur an Tabea nur leerer Schall war. Du zuckst zusammen, das Wort trifft Dich, denn es ist wahr, gehe Du nur heim, vielleicht ist es besser so!«

»Ja, ich gehe auch heim, ich sehne mich nach der Stille im Sanddorf, aber nicht allein, komm mit mir Benjamin, ich will die harten Worte, die Du mir soeben gesagt hast, vergessen; laß uns wieder Brüder sein, wie einst, reich mir die Hand und komm mit mir zurück zur Heimat!« Er war aufgesprungen und streckte flehend dem Gefährten die Hand hin, aus seinen Augen leuchtete die alte Innigkeit.

Mit heiserem Auflachen wich Benjamin zurück: »Ach so, nun soll eine Versöhnungskomödie aufgeführt werden, zu was die Heuchelei, Bruder, Freund, als ob man Freunde sein kann, wenn man sich haßt. Und ich hasse Dich, Du brauchst mich nicht anzustarren, als wäre ich wahnsinnig, ich hasse Dich, denn Du bist mir im Weg. Längst habe ich es eingesehen, bei Deinen Schwärmeraugen, Deiner Reckengestalt vergessen die Weiber sich und kommen zur Betstunde, vor mir aber weichen sie zurück, wie damals die holde Gräfin; aber ich will nicht immer der Zweite sein, hörst Du, nicht immer vor Dir zurückstehen, ich will herrschen. Mir sollen die Menschen sich beugen, ein Führer will ich sein und meine Lehre muß siegen!«

Mit schriller Stimme stieß Benjamin die Worte hervor, ein verzehrendes Feuer brannte in seinen Augen, sein Gesicht war totenblaß geworden, die Züge in Haß verzerrt, daß Michael unwillkürlich zurückwich. War es nicht ein Wahnsinniger, der da vor ihm stand? Grauen schüttelte ihn und er vermochte keine Antwort zu finden. Aber diese erwartete Benjamin garnicht, spöttisch sah er in das verstörte Gesicht des Anderen und verließ dann rasch das Zimmer, und wenige Augenblicke später knarrte das eiserne Gitter, Benjamin hatte das Haus verlassen.

»Er geht zu seiner Gemeinde, auch hier das Band zerrissen, nun stehe ich bald ganz allein,« dachte der Zurückbleibende mit tiefer Bitterkeit. Dann nahm er noch einmal den Brief zur Hand, der ihn heute aufgerüttelt hatte aus dem schweren Traum der letzten Zeit.

»Mein lieber Sohn,« begann er, »die Tage werden zu Wochen und deren sind schon viele vergangen und vergebens sehen meine alten Augen nach meinen heimkehrenden Söhnen aus. Oh Michael, ich will nicht in Dich dringen, nur bitten will ich, komm' zurück, laßt ab die Hände von Eurem Werk, kehrt zurück in den stillen Frieden unseres Dorfes! Ihr bringt Unruhe in die Herzen Deiner Heimatgenossen, laßt sie in ihrem Glauben, er ist so gut wie der unsere. Sieh', mein Sohn, unser Bekenntnis sagt: ›Wir sollen in Liebe und Frieden mit einander leben, wir sollen auch nicht den Frieden unserer Mitmenschen stören‹ und thut man dies nicht, wenn man die Herzen in Zweifel bringt? Ich fühle aus Deinen kurzen Briefen heraus, daß eine Last auf Deiner Seele liegt, kehr' zurück, vielleicht finde ich mit Gottes Hilfe wieder die Kraft, sie Dir zu erleichtern wie einst. Tabeas Augen sehen so fragend auf das weite Meer, komm, Michael, und löse die Frage!«

Michael ließ den Brief sinken.

»Löse die Frage, oh, wenn ich es noch könnte, aber Du hast recht, Du treuer, alter Warner, ich werde heimkehren zu dem stillen Sanddorf und meine Schuld beichten, oh, Tabea, werde ich Verzeihung finden?«

An dem Tag blieb Michael daheim, er eilte nicht rastlos an den Ufern des Sees entlang, spähte nicht mit heißen Augen hinaus, als draußen ein Wagen rollte, er packte seine Sachen und ordnete alles zu seiner Abreise, die am nächsten Tag stattfinden sollte, er suchte jeden Winkel des kleinen Hauses auf, um Abschied zu nehmen für immer und ging endlich zur Ruh, mit dem festen Vorsatz, mit der sicheren Hoffnung, wieder sein altes Leben zu beginnen.

In der heißen, schwülen Sommernacht aber floh der Schlaf seine Augen, seine kaum zur Ruh' gekommenen Gedanken verwirrten sich, ein verführerisches Bild lockte ihn, er sah blonde, weiche Haare, hörte ein helles, melodisches Lachen und fiebernd vor Sehnsucht streckte er die Arme aus: »Jusia, Jusia!« schrie der Mann in die stille Nacht hinein, seine Pulse hämmerten, seine Stirn glühte, vergessen war der Brief Vater Abrahams, vergessen war die Frage in Tabeas Augen.

Am nächsten Tage reiste Michael nicht ab, »Morgen!« beschwichtigte er die leise mahnende Stimme seines Gewissens, »ich darf kein Feigling sein, ich muß es Jusia erklären, warum ich gehe,« und so blieb er, wieder rastlos umherirrend, aber vergebens, nirgends erblickte er die Geliebte.

In Schloß Lochowo wurde beinahe das Unterste nach oben gekehrt, es herrschte ein heidenmäßiger Wirrwarr, so hatte Herr von Leninski gesagt, als seine Gattin zu Mittag sein geliebtes Rauchzimmer mit Beschlag belegte. »Ich muß hier einige Anordnungen treffen, Marcel, Du mußt Dir heute schon einen anderen Platz suchen,« hatte sie mit lieblichstem Lächeln gesagt, er hatte ihr galant die Hand geküßt und war seufzend von dannen gegangen.

Sein Rauchzimmer, sein Tuskulum, in das er sich manch liebes Mal vor Frau Halinkas Liebenswürdigkeiten und vor den Gedanken an fällige Zinsen geflüchtet hatte, um hier, bei einer Havanna und einem Gläschen Ungarwein die Sorgen des Lebens zu vergessen, auch das wurde hineingezogen in den gewaltigen Umsturz. Wie Ahasverus zog er nun umher, in dem weiten Schlosse ein stilles Plätzchen zum ungestörten Nachdenken zu finden. Stille Plätzchen gab es genug, kühle, lauschige Zimmer, die eben nur kühl und lauschig waren und sonst auch nicht das geringste Möbelstück aufwiesen, das einem müden Körper zum Ruheplatz dienen konnte.

Gerade als er seufzend in den Park wandern wollte, um in einer Hängematte die ersehnte Ruhe zu finden, traf er Maria und diese wußte Rat, in dem linken Seitenflügel befand sich ein Zimmer, in dem ein altes Ledersopha, ein Tisch und ein mächtiger Flickkorb ein gemütliches Trio bildeten; hier saß Maria manche Stunde, um Risse und Löcher kunstvoll zusammen zu nähen und hier fand Herr Marcel die Ruhe, an dem aufregenden Tag des Balles. Als ihn Maria verließ, lag er auf dem Sopha und blies behaglich blaue Rauchwolken in die Luft und hielt Selbstgespräch: »Wenn der Kerl, der Doktor auch eine arme Frau, hm, eine sehr arme Frau bekommt, einen Schatz erhält er doch an ihr, ich denke beinahe, mein größtes Wertstück.«

Endlich war alles so weit, ein Teil der Gäste war bereits eingetroffen und hatte sich, die Toiletten zu ordnen, in die Fremdenzimmer zurückgezogen. Frau Halinka rauschte in silbergrauer Seide durch die Säle und nickte wohlgefällig zu den Anordnungen, die Maria getroffen hatte, sie rückte hier eine Vase zurecht und schob da einen etwas verschossenen Sessel mehr in den Schatten und warf im Vorbeigehen huldvolle Blicke ihrem eigenen Spiegelbild zu.

»Es ist nicht so leicht, so ein Fest zu arrangieren,« wandte sie sich an Jusia, die neben ihr herschritt, »aber ich habe in meiner Jugend in Paris gute Studien gemacht, so glänzend wie die dortigen Feste waren, ist es ja in unseren einfachen Landverhältnissen nicht herzustellen, ich denke aber doch, ich lege mir Ehre ein.«

»Gewiß,« pflichtete Jusia bei, »ich muß gestehen, gnädigste Frau, ich bin entzückt von den Arrangements, bewunderungswert, wie alles, was Sie thun,« im Stillen dachte die Sprecherin: »wäre die künftige Doktorsehefrau nicht gewesen, ich hätte die Verwirrung sehen mögen!«

Jusia Potocka sah bildschön aus in ihrem weißen Gewand mit einer mattgelben Rose im Haar, um den schlanken Hals lag eine schmale, goldene Kette mit einem kleinen Medaillon aus Brillanten, das letzte Schmuckstück aus dem einst so reichen Schatz der Potockis, oft genug war es in Gefahr gewesen, den Weg seiner Genossen zu gehen, aber immer schützte es die alte Prophezeiung, daß seiner Trägerin Glück beschieden sei.

Kasia stand vor dem Spiegel und zupfte unaufhörlich an sich herum, sie sah reizend aus und war auch augenscheinlich sehr befriedigt von ihrer eigenen kleinen Person.

Wagen rollten vor, neue Gäste kamen und bald belebte eine bunte, lachende, plaudernde Menge die Räume, Graf Kasimir Sucholski kam auch, Jusia Potocka sah kaum auf bei der Vorstellung, stolz und kühl neigte sie das Haupt; der reiche Erbe schien sehr wenig Eindruck auf sie zu machen, desto lebhafter begrüßte ihn Kasia von Leninska, er verwickelte sie bald in ein lustiges Wortgefecht und Frau Halinka, die mit scharfen Augen diese Scene beobachtet hatte, nickte befriedigt; aber seltsam, mehr und mehr widmete der Graf Jusia seine Aufmerksamkeit, er folgte ihr bald wie ein Schatten, da sagte sich Frau Halinka ärgerlich: »Man muß nie zu lange Besuch haben, Jusias Anwesenheit ist heute recht überflüssig,« sie vergaß nur den kleinen Umstand, daß das Fest dem lieben Gast zu Ehren gegeben wurde.

Die Musik lockte und schmeichelte, dann wieder klang sie wild und feurig, wie der Sturm, der über den See braust; die tanzenden Paare wirbelten durcheinander, heiße, prickelnde Lebenslust durchglühte sie, die Augen strahlten, die Lippen lachten, die Blumen in den hohen Vasen dufteten betäubend und durch die offenen Fenster strömte warme, weiche Sommerluft herein.

Draußen neben der Veranda, die nach dem Park zuführte, stand ein Mann und starrte mit brennenden Blicken durch ein Fenster nach dem Saal. Er sah in dem Gewirr der Tanzenden nur eine, jedesmal, wenn sie an dem Fenster vorbeikam, durchzuckte es den Mann, als müsse er hineinstürzen und sie an sich reißend rufen: »Sie ist mein, mein Lieb, mein Leben, mein Glück!«

Den Tag über war Michael umhergeirrt, bis er zuletzt die erleuchteten Fenster gewahrend, sich in den Park geschlichen hatte, er wollte sie nur noch einmal sehen, noch einmal mit ihr sprechen, die geliebte Stimme hören und dann für immer fortgehen, Vater Abrahams Ruf folgen.

Er sah sie in ihrem weißen Kleid, schön wie die Fee im Märchen, er sah, wie ihr Tänzer sich zu ihr niederbeugte, sie lachte, er meinte, das weiche, girrende Lachen herauszuhören aus dem Rauschen der Musik. Seine Hände umklammerten das wilde Rosengesträuch, daß sich die Dornen in sein Fleisch gruben, er achtete nicht darauf, rasende Eifersucht erfüllte ihn, hätte er sie jetzt doch küssen können, küssen bis zur Sinnlosigkeit. Niederschlagen hätte er den Mann neben ihr mögen, er haßte es, dieses blasierte, kalkweiße Gesicht, mit den Spuren eines durchtollten Lebens in den Zügen, und sie lachte diesen Menschen an, ihre Augen sahen gerade so berückend zu diesem empor, wie damals zu ihm unter den Trauereschen am See.

Michael Wisniewski barg sein Gesicht in die Hände und stöhnte auf in heißer Qual, dann fuhr er wieder empor, wo war sie jetzt, mit wem tanzte sie?

Vergebens strengte er seine Blicke an, er sah sie nicht mehr, er preßte den Kopf an die Scheiben, er fürchtete nicht, daß man ihn im Saal gewahren könne, es war ihm vollständig gleichgiltig, nur sehen mußte er die Geliebte. Neben ihm rauschte plötzlich ein Kleid, ein helles, girrendes Lachen schlug an sein Ohr, träumte er denn, war das nicht ihre Stimme, die er hörte? Dann sprach auch eine Männerstimme in eigentümlich schleppendem Ton, der Lauscher schrak zusammen, er drehte sich hastig um, da auf der Veranda, an die Brüstung gelehnt, stand Jusia Potocka und plauderte mit ihrem Tänzer.

In diesem Augenblick vergaß Michael alles, die gesellschaftliche Kluft, die sie trennte, seine guten Vorsätze, die stille Frage in Tabeas Augen, alles, er sah nur das Weib vor sich, das er liebte mit verzehrender, alle Schranken durchbrechender Glut.

Er trat einen Schritt vorwärts und hob seine Arme zu der Steinbrüstung empor. »Jusia, Jusia!« rief er flehend in gedämpftem Ton.

Wie von einer Natter gebissen, schnellte diese empor, ihr perlendes Lachen brach ab, mit angstvoll geöffneten Augen stierte sie auf den Mann.

»Mein Gott, Herr Graf, kommen Sie schnell, das ist ja der halbverrückte Mensch,« stammelte sie, hastig des Grafen Hand ergreifend und ihn mit fortziehend. »Ein entsetzlicher Mensch, der wohl religiösen Wahnsinn hat, mich verfolgt er förmlich, bitte, bitte, schützen Sie mich!«

Michael hörte alles, er hörte ihre vor Angst bebende Stimme, dann wieder die näselnde ihres Begleiters.

»Mit der Reitpeitsche züchtigen müßte man den Kerl für seine Frechheit!«

Dann ein leises, eindringliches Flüstern, ein kurzes Auflachen Jusias, durch das noch die verhaltene Angst klang, und die Stimmen verloren sich in dem Rauschen der Musik, die Veranda war leer. —

Noch immer stand Michael und sah wie im Traum auf die Stelle, wo er soeben ihre lichte Gestalt gesehen, nur langsam erfaßte er das Geschehene; er, verspottet und ausgelacht, sein Götzenbild zertrümmert zu seinen Füßen, ein dumpfer Laut kam über seine Lippen, wie ein Verfolgter eilte er davon, durch den Park über die Felder, ihm gleich, wohin, nur fort, fort, hinaus in die schweigende Nacht. —

Rastlos irrte er umher, er achtete nicht auf den Weg, manchmal stieß er an einen Stein oder stolperte über einen Grabenrand, dann raffte er sich wieder empor und eilte weiter, das Rauschen der Musik verhallte in der Ferne, dann wieder kam es näher, er merkte es nicht, in seinen Ohren gellten nur immer ihre verächtlichen Worte. Zuletzt überkam ihn eine tiefe körperliche Ermattung und mit dieser kehrten ihm die Gedanken zurück, er blieb stehen und sah um sich, wo er sich befand.

Er mußte in einem großen Kreis um Schloß Lochowo herumgegangen sein, die Landstraße, vom Mondlicht erhellt, lag vor ihm, am Ende das Dorf, dessen Kirchturm dunkel in die Nacht hineinragte, zur Seite schimmerten die erleuchteten Fenster von Lochowo. Dort, etwas abseits, stand auch noch das alte Muttergottesbild, und bei seinem Anblick kam ein großes Sehnen in sein Herz, er schritt darauf zu und nahm unwillkürlich den Hut ab. Die Säule stand noch, wie einst, ein wenig schief, ein paar Kränze hingen daran und bewegten sich leise im Winde, er sah auch noch das große, gelbliche Wachsherz hängen, vielleicht auch war es ein neues, das irgend ein Mädchen in der Not des eigenen Herzens gestiftet hatte. Er meinte, jeden Zug des Bildes zu erkennen, die Madonna mit dem gleichmäßigen, freundlichen Lächeln in dem blauen Mantel, den Jesusknaben mit dem goldenen Heiligenschein, und, wie einst der Jüngling, kniete jetzt der Mann nieder und umschlang das alte, hölzerne Bild, als müsse ihm der Trost kommen, und weinte. Thränen voll Zorn, Haß und Bitterkeit, voll Reue über sein eigenes Fehlen und voll namenloser Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies seines unschuldigen Kinderherzens.

Wie lange war es her, daß er nicht mehr geweint hatte, und nun rann die salzige Flut unaufhörlich aus seinen Augen, als müsse sie alles Leid, alle Bitterkeit hinwegschwemmen. Er betete auch, er stammelte unzusammenhängende Worte, er war in dieser Stunde kein Mennonit, kein Katholik, er redete zu dem Vater der Welt, er sprach zu ihm wie ein irrender Sohn, der, müde heimgekehrt, den Kopf an des Vaters Brust birgt. Langsam kam eine erlösende Ruhe über ihn, Klarheit in sein verwirrtes Fühlen und Denken; die Dissonanz seines Inneren löste sich in dieser sternenklaren Nacht zu einem wehmütigen Schmerz, ein stilles Sehnen kam über ihn: nach dem Frieden in Vater Abrahams Hause, nach Tabeas reinen Kinderaugen, dort allein war seine Heimat.

Endlich erhob er sich. »Nun werde ich nicht wieder wankend, noch heute Nacht trete ich den Heimweg an,« klang es in ihm, noch einmal schlang er die Arme um das hölzerne Bild und legte den Kopf daran, er nahm den letzten Abschied von der alten Heimat, in der niemand ihn liebte, die ihm nun völlig zur Fremde werden sollte.

Mit festem Schritt trat er dann den Weg an, der ihn durch das Dorf zu seinem Hause führte, dort wollte er noch Benjamin verständigen und dann zur nächsten Bahnstation wandern.

Je näher er dem Dorfe kam, je greller schlugen die Töne der Tanzmusik an sein Ohr, sie kamen aber von zwei Seiten, und mit leisem Schrecken gewahrte er beim Näherkommen, daß vor dem Krug, trotz der späten Nachtstunde, noch getanzt wurde; zwei Männer vollführten dazu auf einem Dudelsack und einer verstimmten Geige ein grelles Getöse.

Schon zuckte sein Fuß, schon wollte er umkehren, aber nein, dachte er, mögen sie mich schmähen, nun ficht es mich nicht mehr an, und er schritt so gelassen an den Leuten vorüber, als hätten sie ihn nie mit höhnenden Worten gescholten.

»Seht den Ketzer, wo schleicht der in der Nacht herum,« rief eine heisere, trunkene Stimme, aus dem Knäuel der Tanzenden löste sich die Gestalt eines Mannes und schritt auf Michael zu. »Kommst mir gerade recht,« brüllte er den ruhig Stehenbleibenden an, »habe ein Hühnchen mit Dir zu rupfen, psia crew, kennst mich wohl nicht, bist wohl zu vornehm geworden, he?«

»Ich kenne Dich wohl, Woicech,« sagte Michael gelassen zu dem einstigen Spielkameraden, »was willst Du von mir?«

»Wo die Valevka ist, sollst Du mir sagen?«

»Ich kenne keine Valevka, was ist mit ihr?«

»Fort ist sie seit drei Tagen, das Aufgebot wollten wir bestellen, nun ist sie fort, Du hast ihr geholfen, gesteh' es nur, sie ist immer zu Euren Betereien, zu Eurem Ketzerspuk im Walde gerannt, gieb sie raus, Schurke, oder wehe Dir!«

Michael erinnerte sich dunkel an ein blasses, verschüchtertes Mädchen, das Benjamin mit Valevka angeredet, er hatte sie kaum beachtet.

»Ich weiß es nicht, wo sie ist, willst Du sonst noch etwas? Sonst gieb den Weg frei!«

Einen Augenblick imponierte dem Burschen die Festigkeit sichtlich, er trat zurück, seine angeborene Unterwürfigkeit, die vor dem Herrn sich beugt, kam hervor; da rief eine keifende, höhnende Stimme aus der Menge:

»Seht doch den Woicech, wie ihm der Mut alle wird, seht doch, und wie er erst geprahlt hat!«

Ein heiserer Schrei rang sich über die Lippen des Trunkenen, mit schwankendem Gang, mit starrem Blick kam er wieder näher an Michael heran, der Branntweinduft schlug diesem entgegen und die Erinnerung erfaßte ihn, er sah die wüste Scene vor sich, in der Nacht, da sein Pflegevater starb, ein Schauer überrieselte ihn und er streckte unwillkürlich die Hand aus, den Betrunkenen abzuwehren.

Die anderen Burschen, auch einige Weiber, waren näher herangetreten, um zu sehen, wie der Woicech mit dem Ketzer umspringen würde; als Michael den Betrunkenen abwehren wollte, ging ein Schrei der Entrüstung durch ihre Reihen.

»Woicech, er will Dich schlagen, lass' es Dir nicht gefallen,« brüllten sie.

»Mich schlagen, mich, der Ketzer,« mit einem Wutschrei raffte sich der Bursche auf, blitzschnell hatte er sein Messer gezogen und stieß im blinden Zorn um sich.

Michael sah plötzlich das blitzende Messer vor sich, er fühlte einen Stoß und taumelte, seine Hände griffen nach der Brust, warm rieselte es an seinen Fingern nieder; ein Schwindel ergriff ihn, er sah alles vor sich in einem blutroten Nebel zerfließen, wie aus weiter, weiter Ferne hörte er Musik, mit einem dumpfen Ächzen brach er zusammen.

Sekundenlang standen die Leute wie erstarrt vor dem Geschehenen, bis eine Frau aufschrie: »Heilige Jungfrau, der Woicech hat ihn erstochen, holt den Pan Kommissar!«

Da kam Leben in die Menge, gellende Rufe der Frauen mischten sich mit dem Fluchen der Männer, jäh verstummte die Musik, Wolf Salomon stürzte händeringend hervor und rief: »Erstochen hat er ihn, oh der verfluchte Mörder, ich armer Mann, was wird der Pan Kommissar sagen, er schließt mir den Krug, ich bin ruiniert!«

Alles schrie aufgeregt durcheinander, alle Heiligen wurden angerufen, den Woicech, der mit blödem Lachen davon taumelte, trafen einige Püffe, die Weiber zeterten nach dem Pan Propst, die Männer nach dem Pan Kommissar; eine Frau lief schließlich, den Propst zu holen, einige andere folgten ihr, immerfort jammernd, als müßten sie der stillen Straße das Unheil verkünden.

Der Stellmacher beriet erst mit dem vollständig fassungslosen Salomon, ehe er sich gemächlich auf den Weg nach dem Schloß begab, vielleicht war der Pan Kommissar dort oder ein Wagen wurde nach ihm ausgesandt.

Keine Hand aber rührte sich, dem Todwunden zu helfen, er war ja nicht mehr einer der Ihrigen und »alles so lassen«, hatte doch der Pan Kommissar ausdrücklich gesagt, als der Frantizack Wakowiak sich erhängt hatte, »alles so lassen, nichts anrühren, bis das Gericht kommt«, so standen sie und blickten mit blöder Neugier auf den Mann nieder, dem langsam der rote Lebensstrom aus der Brust quoll.

Auf einmal verstummte die lebhafte Rede, ein verhaltenes Flüstern ging durch die Reihen und alle sahen gespannt auf die Dorfstraße, die entlang ein kleiner Trupp kam, der Propst in sichtlicher Hast voran, gefolgt von einigen weinenden Frauen.

Der Propst! Die Leute neigen sich demütig, als der Geistliche in ihren Kreis trat, der Krugwirt fing lauter an zu zetern und die trüb brennende Öllampe, die er herbei geholt hatte, schwankte bedenklich in seiner Hand. Das flackernde Licht fiel gerade auf das totenbleiche Gesicht des Geistlichen, scheu wichen die Menschen zurück, vor dem Sterbenden, der da auf dem Rasen lag, war ihr Reden nicht verstummt, aber vor dem Priester mit den gleichsam versteinten Zügen wurden sie stille.

Kein Laut, kein Schrei kam über des alten Mannes Lippen, da er nun in dem schwankenden Licht der Lampe, im Strahl des Mondes, den stillen blassen Mann erblickte, der in einer Lache roten Blutes lag. Er riß nur mit zitternden Fingern ein Tuch aus der Tasche und preßte es auf die Stelle, wo unaufhörlich das Blut hervorsickerte, dann umschlang er behutsam den Kopf des Verwundeten.

»Helft tragen,« sagte er rauh, »zu mir!«

Die Leute, die erst nicht die Hand gerührt, griffen nun rasch zu und trugen ihn die kurze Strecke bis nach der Protein.

Wenige Minuten später lag Michael auf dem Sopha im Studierzimmer, die Träger waren gegangen, einer war zum Arzt gefahren, die alte, unaufhörlich lamentierende Haushälterin hatte Propst Ryback hinausgeschickt, nun war er allein mit dem Sterbenden. Er hatte so gut er es vermochte, einen Verband um die Wunde gelegt, um das Blut zu stillen, denn ehe der Arzt kam, konnten Stunden vergehen; nun saß er regungslos, unverwandt auf das blasse Gesicht starrend.

»Nur nicht sterben, nicht sterben, oh Gott, laß ihn nicht sterben,« schrie es in seinem Inneren.

Draußen auf der Straße verstummte allgemach das Schreien, die schlürfenden Schritte seiner Haushälterin waren verhallt, nur manchmal bellte ein Hund auf, sonst unterbrach kein Laut die tiefe Stille umher.

Allein Vater und Sohn, mit beiden Händen umklammerte der Alte die wachsbleiche, schlaffe Hand des Jungen.

»Michael, stirb nicht, wach auf, höre mich doch, stirb nicht, mein Sohn, ach, stirb nicht, hörst Du mich, ach, stirb nicht!« In namenloser Angst flüsterte er es, keinen Blick von dem weißen Gesicht wendend, oh Gott, er atmete noch, noch war Leben in ihm.

»Oh Du barmherziger Gott, laß ihn nicht sterben, Michael stirb nicht so, sieh mich noch einmal an, noch einmal!«

Draußen rollte ein Wagen, der Propst fuhr auf, der Arzt, vielleicht kommt er schon, er rettet ihn noch, aber das Rollen verliert sich in der Ferne, wohl einer der Gäste vom Schloß, der vom Ball heimfährt.

Wieder eine vergebene Hoffnung, die Minuten verrinnen, sie werden zu Stunden, immer noch liegt Michael still und unbeweglich da, nur der leise, kaum merkbare Atem zeigt, daß noch Leben in ihm ist; immer angstvoller klingt das Flehen des Propstes. »Wach' auf, oh nur noch einmal, oh Michael vergieb!«

Vor den Augen des alten Mannes zieht sein ganzes Leben vorbei, sein Fehlen und sein Sühnen; aber hat er denn gesühnt? Nein, tausendmal nein, schreit es in ihm, ich habe nicht gesühnt, neue Schuld zu der alten gehäuft, den Sohn verleugnet, ihn hinausgetrieben, seinen Frieden gestört, seinen Glauben an die Menschheit erschüttert. Selbstgerecht bin ich gewesen, stolz auf mein Priestertum, oh und welch schlechter Priester!

»Die Liebe läßt sich nicht verleugnen, sie bleibt Siegerin,« er denkt an die Worte Marias, ja, er hat die Liebe leugnen wollen, sie aus seinen Herzen reißen. Thörichtes Unterfangen! In dieser Stunde fühlt er es, die Liebe läßt sich nicht leugnen und nun ihm die Einsicht kommt, ist es zu spät.

»Wach' auf, wach' auf,« fleht er von neuem, »nur einmal noch sage Vater zu mir! Oh Du allmächtiger Erbarmer da droben, laß ihn mir, nimm ihn nicht jetzt, wo ich sühnen möchte, nur kurze Zeit noch laß ihn mir, nur einen Tag, oh, nur eine Stunde, großer Gott, sei barmherzig!«

Glitt nicht ein Zucken über die Züge des Sterbenden, der Alte beugte sich spähend über ihn, täuschte ihn nur das Flackern des Lichtes, nein, wirklich der Atem ging rascher, die Lieder hoben sich ein wenig, tastend glitten die Hände über die Decke hin.

»Michael, wach' auf!«

Es war, als hätte der Schrei die fliehende Seele zurückgehalten, langsam öffnete Michael die Augen, mit leerem, fremdem Blick ruhten sie auf dem Geistlichen, der seine Hände krampfhaft umklammerte, mit versagender Stimme flüsterte: »Mein Sohn, vergieb, ach, vergieb!«

»Vater, lieber, lieber Vater,« wie ein Hauch nur klangen die Worte, ein leises, friedliches Lächeln verklärte das Gesicht des Todwunden, »ach, nun ist alles gut — mir ist so wohl — Tabea — Vater — ich —« die Augen schlossen sich wieder, immer leiser wurde der Atem — ein kurzes Röcheln — ein Ruck ging durch die Gestalt — die Hand, die der Alte in der seinen hielt, wurde eiskalt. —

»Michael, mein Sohn,« mit einem Aufschrei brach der Vater neben dem Toten zusammen, er preßte seine runzelige Wange an die eiskalte des Sohnes, er umklammerte krampfhaft dessen Finger, er küßte die kalten Lippen und weinte. —

Am Himmel war strahlend das Frührot aufgeflammt, die ersten Laute erwachenden Lebens drangen in das stille Sterbezimmer, aber der alte Mann, der dort Totenwache hielt, saß zusammengebrochen bei der verlöschenden Lampe und sah nicht den Schimmer des jungen Tages. Erst als ein Wagen vor dem Hause hielt, ein rascher, junger Schritt: sich dem Zimmer näherte, fuhr er auf, er strich sich mit der Hand über die Augen und ging gebeugt, mit müden Schritten, dem eintretenden Arzt entgegen.

»Sie kommen zu spät, Herr Doktor,« sagte er mit klangloser Stimme, »es ist vorbei!«

Der Arzt trat rasch näher. »Ja, ich komme zu spät,« bestätigte er, »ein schrecklicher Fall, der Mann, der mich holte, hat mir berichtet.« Er neigte sich über den Toten und untersuchte die Wunde. »Verblutung, der Mann wäre bei sofortiger Hilfe wohl noch zu retten gewesen, ich komme in Wahrheit zu spät!«

»Zu spät,« wiederholte der Geistliche, immer mit derselben tonlosen Stimme, »wir kommen oft zu spät im Leben und der Tote hat nun den Frieden.«

Teilnahmsvoll betrachtete Dr. Werner das Gesicht des alten Mannes. »Sie sind sehr erschüttert, Herr Propst, stand Ihnen der Verstorbene nahe?«

»Ja, sehr nahe,« sagte der Alte mit seltsam wehem Lächeln, sanft über die Stirn des Toten streichend, »ich habe ihn lieb gehabt, aber ich kam auch zu spät!«

Beinahe gleichgültig beantwortete er dann noch einige Fragen des Arztes. Als dieser sich bald verabschiedete, nahm er dessen Hand in die seine und sagte: »Sie sind verlobt mit Maria von Leninska, Gott segne Ihren Bund und bewahre Sie vor dem Zuspät, noch einmal, Gott segne Sie!« Er drückte dem Überraschten die Hand und ging ohne ein weiteres Wort in sein Zimmer zurück, dort setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb ein Entlassungsgesuch, er sei alt und müde seines Amtes.

Wenige Tage nach dem Ball nahm Gräfin Jusia Abschied von Schloß Lochowo, sie folgte einer dringenden Einladung der Gräfin Wanda Sucholska, einer Tante des Grafen Kasimir, die in ihr die Tochter einer teuren Jugendfreundin gefunden hatte und sie nun gebeten, einige Wochen ihr Gast zu sein; viel hatte zu dieser Aufforderung Graf Kasimir beigetragen.

Frohlockend begrüßte Jusia die ersehnte Veränderung, den Anfang eines neuen Lebens. Der Abschied von der Misère des alten, dachte sie, da sie den Leninskis Lebewohl sagte. Ein wortreicher, thränenvoller Abschied; Jusia Potocka rühmte so viel, wie entzückend die Wochen ihres Aufenthaltes auf Lochowo gewesen sei, daß sie sie nie vergessen würde, daß Herr von Leninski in seiner Harmlosigkeit sich wunderte, warum sie da schon abfuhr, wenn es ihr doch so gut gefallen hätte.

Frau Halinka war sehr liebenswürdig, obgleich sie im Grunde wünschte, der Gast hätte nie ihre Schwelle betreten, denn in ihrer Absicht hatte es nicht gelegen, eine Verbindung Jusias mit Graf Sucholski zu fördern und so sagte sie in aufrichtigem Schmerz:

»Die heilige Jungfrau schütze Sie, mein teures Kind, und wenn Lochowo für Sie der Anfang eines Glückes bedeuten sollte, so seien Sie überzeugt, daß es niemand mehr freuen würde, wie mich.«

Maria gab der Scheidenden nur kühl die Hand, während Kasia unter strömenden Thränen mit in den Wagen stieg, für sie bedeutete der Abschied wieder der Anfang einer Zeit voll trostloser Langerweile, sie weinte so herzbrechend, daß Jusia flüchtiges Mitleid fühlte.

»Sei ruhig, Kleine,« sagte sie, »ich verspreche Dir, ich lade Dich auf einige Zeit zu mir, wenn — ich erst am Ziel bin, vielleicht nächsten Frühling nach Nizza, wenn Du nicht vorziehst, zu Deiner Schwester, der Frau Doktorin nach Dingsda zu reisen und Dich an dem Glück in der Hütte zu erfreuen.«

»Oh pfui, Jusia,« halb lachend, halb weinend rief es Kasia, »spotte nicht über unser Unglück, oh, wäre ich an Marias Stelle gewesen, nie hätte ich ja gesagt, ich begreife auch nicht, daß die Eltern nun doch ihre Zustimmung gegeben haben.«

»Ach, Kleine, ereifre Dich doch nicht, jeder nach seinem Geschmack, laß doch Deiner Schwester ihr kleines Glück, es muß auch Menschen geben, die sich einbilden, ohne die sogenannte Liebe nicht leben zu können.«

Durch die Luft zog ein Ton, ein melancholischer, dünner Glockenklang.

»Die Totenglocke,« sagte Kasia, »sie begraben wohl den Wisniewski, Papa hat doch Recht behalten, sie haben ihn erschlagen. Aber mein Himmel! Jusia, was fehlt Dir, bist Du krank, Du siehst erschreckend blaß aus?«

»Nichts, danke, danke,« wehrte Jusia die besorgte Freundin ab, »es friert mich nur!« Sie schauerte zusammen trotz der sengenden Sonnenhitze und preßte die Hände an die Ohren. »Ich kann diese Töne heute nicht vertragen, sie klingen so disharmonisch, bitte, Kasia, sage dem Kutscher, er soll schneller fahren, ich will fort, so rasch wie möglich.«

»Wirklich, Jusia, Du bist krank, Du siehst furchtbar elend aus, wollen wir umkehren?«

»Nein, nur fort, fort, schau mich nicht so entsetzt an, Kleine, ich bin nervös, weiter nichts, und Eure Glocke ist so entsetzlich verstimmt.«

Der Kutscher hob die Peitsche, immer rascher fuhr der Wagen dahin, immer entfernter klang der melancholische Laut, bis er zuletzt dem eilenden Wagen nicht mehr zu folgen vermochte; aber Jusia Potocka hörte ihn noch, als längst Lochowo hinter ihr lag.

Auf der staubigen Dorfstraße entlang trugen sie Michael Wisniewski zur letzten Ruhe; wer irgend konnte, ging mit, that es doch Propst Ryback selbst, also mußte der Tote wohl versöhnt im alten Glauben gestorben sein, denn sonst würde der Propst doch nicht als Geistlicher mitgehen. Benjamin Jakobeit fehlte im Trauergefolge, er war am Tag nach Michaels Tod abgereist, wohin wußte niemand. Die Leute erzählten sich flüsternd, daß er sich geweigert hätte, die Propstei zu betreten, und verlangt, der Tote sollte in sein eigenes Haus gebracht werden, aber der Propst hatte es nicht geduldet, und so war Benjamin fortgezogen, wie die Leute sagten, nach Amerika, ohne noch einmal den toten Freund gesehen zu haben. Das Haus mit dem blühenden Garten stand verwaist.

Auf dem kleinen, halbverwilderten Dorfkirchhof hatten sie dem Toten das Grab bereitet an der Seite seiner Mutter. Die Totenglocke läutete mit ihrem müden, zitternden Klang, als Propst Ryback an das offene Grab trat und mit leiser Stimme ein Gebet sprach.

»Ruhe in Frieden, Michael Wisniewski, in dem Frieden, den Du vergeblich gesucht unter heißen Schmerzen auf dieser Erde, wir alle sind arme, irrende, fehlende Friedenssucher, stille Kämpfer auf dieser Erde, ach, rechne uns unser Fehlen nicht an und nimm uns auf in Deinen Frieden, Du barmherziger Gott,« sagte der alte Mann am Schlusse des Gebetes mehr zu sich, als zu den Leuten, die in stumpfer Gleichgiltigkeit dabei standen und kaum den Sinn der Worte erfaßten.

Die kurze Feier war zu Ende, die Frauen hatten einige Thränen geweint, wie es sich so schickte, dann hatten sie Alle dem Toten drei Hände voll Erde nachgeworfen und waren heimgegangen mit dem stolzen Bewußtsein, ein gutes Werk gethan zu haben.

Propst Ryback hatte auch den Friedhof verlassen und war die sonnige Landstraße weiter gegangen, bis an das alte Muttergottesbild am Weg, da hatte er sich müde auf einen Stein gesetzt und seine Blicke schweiften nach dem Dorfe hin, das im grellen Sonnenlicht dalag. Seine Augen umfassen das sonnige Landschaftsbild, drüben schimmert wie ein leuchtendes Auge der See, zur Seite zieht sich der Wald hin, in dessen Grün bereits die ersten bunten Herbstfarben aufflammen. Er sieht den weißen, staubigen Weg, wie der sich in der Ferne verliert, in wenigen Tagen wird er ihn zum letztenmal befahren, dann wird er für immer sein stilles Priesterhaus verlassen, die Gemeinde, in der er so lange gewirkt, das stille Grab auf dem Friedhof. Aber die Erinnerung daran wird er mitnehmen in seine einsame Klosterzelle, fern im ewigen Rom. Ruhe will er dort suchen für die letzten Tage seines Lebens; er wird dort von seiner Zelle aus auf die sonnigen Höhen des Sabinergebirges sehen können, und doch weiß er, daß er sich unsagbar sehnen wird nach dem stillen Dorf mit seinen kleinen, schmutzigen Häusern, seiner staubigen Landstraße, nach all den Menschen, unter denen er bisher gelebt. Einsam wird er seines Weges gehen und einsam sterben! Er denkt an die junge Braut dort oben im Dorf auf dem Sande, ach, könnte er doch zu ihr gehen und bitten: »Habe mich lieb um des Toten willen, lass' mich nicht allein in der Einsamkeit meines Herzens!«

»Oh, nur ein wenig Liebe,« murmelt er, »nur jemand auf der großen Welt, der mir ein wenig Liebe schenkt.«

So sitzt er und sinnt, bis junge, frohe Stimmen an sein Ohr schlagen, er sieht auf und sieht Maria von Leninska mit ihrem Bräutigam Arm in Arm daherkommen. Sie bleiben stehen, als sie den Geistlichen gewahren, und Maria zieht, wie sie als Kind gewohnt war, die Hand desselben an ihre Lippen.

»Sie wollen uns verlassen, sagte Papa, ist es wahr?« Sie sieht fragend zu ihm auf.

»Ja, meine Tochter, ich bin alt und müde und sehne mich nach Ruhe, Du aber gehst dem Glück entgegen, Gott geleite Dich!«

Er will von dannen gehen, da faßt Maria noch einmal seine Hand und sagt:

»Ich danke Ihnen noch für die guten Worte, die Sie bei Mama für mich eingelegt haben, ich werde Sie nie vergessen, mein treuer, väterlicher Freund,« und noch einmal küßt sie innig seine Hand.

Auch Heinz Werner ergreift dieselbe und sagt warm: »Lassen Sie sich auch von mir danken, Sie haben mir zu meinem Glück verholfen.«

»Gott segne Euch,« murmelt der alte Mann und wendet sich hastig ab, die beiden gehen weiter Hand in Hand, ihre klaren Stimmen schallen noch zu dem Einsamen hin, der, an das hölzerne Bild gelehnt, ihnen nachblickt, wie sie so jung, so kraftvoll und mutig, so stolz in ihrer Liebe dahinschreiten.

In die große Traurigkeit seines Herzens ist ein heller Strahl gefallen und er weiß, daß er dies Bild in der Erinnerung behalten wird, diese glücklichen, jungen Menschen, die seiner in Liebe gedenken.

Illustration from Stille Kämpfer: Roman
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