Dritter Akt
Reading edition
Die Kantine. Deren Wände sind aus Fachwerk gebildet. Die Decke ist niedrig und verräuchert. Auf der rechten Seite die Tür zum Werkplatz. Im Hintergrunde rechts das Fenster, im Hintergrunde links das Büfett mit einem Schanktisch davor. — Auf der linken Seite eine Tür zu Schlafräumen. — In der Mitte unter der Hängelampe ein Tisch mit Stühlen, links vorne ein Sofa mit Tisch und Stühlen, rechts vorne Tisch mit Stühlen. Vor dem Fenster Schustergerät. In der Ecke rechts hinten ein eiserner Ofen.
Das Ganze trotz des ärmlichen oder vielmehr provisorischen Charakters sauber und beinahe freundlich. Blumentöpfe auf den Tischen und vor dem Fenster. Blitzblankes Gerät auf dem Schanktisch, darunter ein verzinkter Wasserwärmer. Plakate und Bilder ohne Rahmen sind als zufälliger Schmuck an die Wände geheftet. Die »Platzordnung« unter Glas und Rahmen hängt neben der Eingangstür. Über dem Büfett eine Uhr; neben ihm eine Mandoline
Erste Szene
Lore hinter dem Schanktisch mit einer Handarbeit beschäftigt. Der alte Eichholz auf dem Sofa schlafend. Lenchen an dem Schusterschemel
Eichholz (schnarcht)
Lore
Was machst du da, Lenchen?
Lenchen
Ich spiel' mit Großvatern seine Schuhmacherspielsachen.
Lore
Zerbrich ihm man nich seine Glasglocke.
Lenchen
Nein, nein.
Lore
(sieht nach der Uhr und geht dann zum Sofa)
Vater — Vater!
Eichholz
(brummt aus dem Schlafe, ohne sich zu rühren)
Lore
Vater, du mußt aufstehn.
Eichholz (im Halbschlaf)
Wieso denn?
Lore
Es is Sonnabend heute. Nach der Lohnzahlung — du weißt ja — dann wird's noch einmal voll hier.
Eichholz
Ja, ja ... Na ja ... (Richtet sich auf und reckt die Glieder) Ich muß ja auch noch gehn, mir neues Verschmierpech besorgen.
Lore
Laß doch, Vater, das eilt ja nicht.
Eichholz
Nu ja. Ich arbeit' ja doch nich. Ich bin 'n altes Faultier, sagt meine Tochter. (Rülpst) Dein Kümmel is das reine Rattengift. — Meine Leber kriegt schon harte Stellen von. Ich muß mal baldigst gehn, mich an einen Mäßigkeitsvereine zu beteiligen.
Lore
Ach ja, das wär' ganz gut, Vater.
Eichholz
Wär' ganz gut. Wär' ganz gut. Was weißt du, was mir gut is? Ich freß nich mehr aus'n Steinguttopp. Das laß dir gesagt sein.
Lore
Ach, das is ja alles Einbildung, Vater.
Eichholz
Denn was bin ich? ... Stück Vieh auf'm Schindanger bin ich ... Wenn sie mich schon wegjagen tun um — um — um 'n Mörder.
Lore (abwehrend)
Ach!
Eichholz
Auf meinem Platz sitzt 'n Mörder. Das halt' ich nich aus. Da jeh' ich ins Wasser. Da nehm' ich eine Jiftpille zu mir. Und dann verkauf' ich mir an die Annetomie ... Damit du nichts zu erben kriegst, du Biest. Nich mal meinen Leichnam.
Lore (lächelnd)
Ich will ja auch nichts, Vaterchen.
Eichholz
Wenn du hättest Ehre in deinem Herzen, dann schmißt du den Kerl 'raus und scheuerst mit Karbol die Stelle, wo er gestanden hat. Statt dessen frißt er sich hier rund an deine Karbonade.
Lore
Gönn ihm doch sein bißchen Essen, Vater. Und ob er wirklich der is, von dem der Kommissär gestern gesprochen hat, das weiß ja keiner.
Eichholz
Ich hab's immer gesagt: der Kerl hat Mörderaugen im Kopp. Heute is nu jeder so klug.
Lore
Was sind denn Mörderaugen, Vater?
Eichholz
Die sind wie beim Fisch. Da sitzt ein Stein drin. Und das is der Tod. Und wegen so einen — haben sie — mir — (Weint)
Lore (mitleidig)
Vaterchen!
Eichholz (weinend)
Das halt' ich nich aus. Da werde ich verrückt von. Einer muß hin. Er oder ich. Tot oder lebendig. Der muß verrecken, der Hund, der Bluthund, der — der — (Kläglich) Ich hab' so 'n Leberstechen.
Lore
Geh, leg dich aufs Bett, Vater.
Eichholz
Das hat er mir schon mit seinen bösen Blick anjetan, daß ich nicht werde jenesen meines Leidens ... Ich hab' so 'n Leberstechen. (Ab)
Lore (sieht ihm seufzend nach)
Lenchen, du bist ein kluges Kind. Geh mit Großvater. Und wenn er weint, dann ruf.
Lenchen
Ja, Mamachen. (Von Lore zur Tür geleitet, ab. Es klopft)
Lore
Herein!
Zweite Szene
Lore. Marie
Marie
'n Tag, Lore. Du hast wohl schon sehr auf mich gewartet?
Lore (gedrückt)
Ach! Jetzt hatt' ich schon aufgehört.
Marie
Wußtest du's, daß ich gestern mit ihm gesprochen hatte?
Lore
Die anderen erzählten sich's.
Marie
Und du fragst gar nicht? Dachtst dir wohl schon, daß ich keine guten Nachrichten bringe?
Lore (mutlos)
Gott, als Sie gestern abend nicht kamen. Und heute vormittag nicht. Wollen sich nich setzen, Mariechen?
Marie
Danke. (Setzt sich) Hast du gehört, wie schön die Amsel singt auf deinem Dach? Mitten in all dem Lärm. Täusch' ich mich, oder pfeift sie fröhlicher, seit sie ihr Nest hat? Es is wirklich so, als ob das Glück pfeift ... Auf deinem Dach, Lore.
Lore
Für mich pfeift kein Glück.
Marie
Wer weiß? ... (Zögernd) Lore, ich will dir was gestehn: Ich hab' Vater gebeten, daß er ihm am nächsten Termin kündigt.
Lore
Warum haben Sie das getan? Wenn er gehen will, dann soll er gehn. Aber nicht fortjagen. Nicht um meinetwillen.
Marie
Lore. Ich hab' auch Vater gebeten, daß er ihm dann sagt, daß er dir 'ne Aussteuer geben wird.
Lore
Ich will keine Aussteuer. Die heilt nichts und macht nichts gut. Ich will nichts.
Marie
Denn sieh mal: Er ist ehrgeizig. Er will eine Frau, die wohlhabend ist. Darauf geht er aus.
Lore
Woher wissen Sie das?
Marie
(stockend, mit abgewandtem Gesicht)
Nun, das — merkt — man doch.
Lore
Zuzutrauen ist es ihm schon. Aber so himmlisch gut Herr Zarncke is, wohlhabend, wie er meint, kann ich ja doch nie werden.
Marie
(mit geheimnisvollem Lächeln)
Nun — wer weiß?
Lore
Denn erspart hab' ich nichts. Ich verdien' hier gerade das tägliche Brot.
Marie (mit unterdrückter Erregung)
Sieh mal, Lore, was ich dir schon immer mal hab' sagen wollen: Lange leben werd' ich nicht, (langsam, mit Betonung) und — dein Lenchen — hab' ich sehr lieb.
Lore (nach langem Schweigen)
Mein Kind hast du — so lieb?
Marie (nickt)
Lore
Mein Lenchen hast du so lieb?
Marie (tonlos)
Ja.
Lore (aufschreiend)
Dann geb' ich's dir. Dann nimm's als dein eigen. Wozu soll sie sich durchschleppen mit mir durch all den Jammer, wenn sie das haben kann? (schluchzt)
Marie
Lore, hör mal! ... Vor zwei Tagen — da hätt' ich noch ja und »Schön dank« gesagt. Aber jetzt — seh' ich die Dinge — anders an. Denn, sieh mal! So ein — Kindchen — muß doch zuerst mal — seinen Vater haben ... Nicht wahr?
Lore (in neuem Erstaunen)
Marie, Marie! Wenn ich das recht versteh'! ... Das glaub' ich nicht! Das ist zu viel! Das ist zu viel! Und das kann auch nicht zum Guten sein. Nie im Leben. Nie.
Marie
Warum nicht?
Lore
Weil — weil ... Der — der will mich nicht mehr. Dem bin ich doch bloß 'ne Kette am Bein. Weiter nichts.
Marie
Auch wenn er weiß, was Lenchen mal zu erwarten hat? Und wovon er doch der Verwalter sein wird?
Lore
Mein Gott, mein Gott, mein Gott!
Marie
Nur wie das wird, wenn ich früher sterbe als Vater, das weiß ich nicht. Denn wollen wird er ja nicht.
Lore
Nein, nein, nein! Es wird nichts. Es kann auch nicht. Und es schadet auch gar nichts, wenn's — nichts — wird. — Man is ja längst schon viel zu mürbe. Und vielleicht ist einem ganz, ganz was anders bestimmt, wo nicht so viel Tränen drauf liegen. Aber 'ne Viertelstunde lang mal froh gewesen sein und ein Mensch, nicht bloß ein Stein, den man hin und her stößt, ach, das tut so gut, so gut, so gut! (Sinkt lachend und weinend vor ihr nieder und küßt ihr die Hände)
Marie
Laß doch! Steh auf! Mir scheint, es kommt wer. (Lore steht auf)
Dritte Szene
Die Vorigen. Biegler
Biegler (dumpf, scheu)
Guten Tag.
Marie.
Guten Tag, Herr Biegler. Ist denn schon Feierabend?
Biegler
Ja.
Marie
Geht's Ihnen gut?
Biegler
Danke.
Marie
Adieu, Herr Biegler. Adieu, Lore! (ab)
Vierte Szene
Lore. Biegler
Biegler (setzt sich an den Mitteltisch)
Lore
(geht zum Büfett, schenkt aus dem Wärmekessel einen Topf mit Kaffee ein, bricht eine Fünfpfennigsemmel ab und bringt sie nach dem Tisch links)
Setzen sich lieber hierher, Herr Biegler. Das da is ja der Steinmetzentisch, und die Bildhauer kommen nich nach der Auszahlung. Die sind zu große Herren.
Biegler
Ich geh' so wie so gleich fort. (Setzt sich links)
Lore
Warum sind Sie eigentlich nich bei der Wochenauszahlung?
Biegler
Ich — krieg' — monatlich. (Schweigen)
Lore
(immer in freudiger Erregung)
Ich weiß nicht; Sie kommen mir heut so anders vor, Herr Biegler. Sie reden gar nich.
Biegler
Ich red' ja — auch sonst nich — viel.
Lore
Wissen Sie, mir is nämlich heute ganz was — ganz was — Besonderes — passiert.
Biegler
Was Gut's?
Lore (nickt)
Biegler
Da gratulier' ich.
Lore
Ach, es is nichts zu gratulieren. Es wird sich nichts ändern. Aber es is doch wie 'n heller Schein. — Und da möcht' ich, daß es auch andern so geht. Ihnen auch.
Biegler (schwer atmend)
Danke!
Lore
Herr Biegler — ach, Herr Biegler, wozu sollen wir erst viel Versteck spielen. Ich weiß ja, was Sie quält — seit gestern.
Biegler
(sich in Erstaunen jäh umwendend)
Und da reden Sie noch mit mir?
Lore
Ja — is es denn wahr?
Biegler (nach einer Pause, schwer)
Die Herren Geschworenen haben die Frage — ob's Notwehr gewesen is oder nich — verneint ... Und nu lassen Sie mich meinen Kaffee austrinken. (Schweigen)
Lore (nach innerem Kampfe)
Herr Biegler! ... Sündig sind wir alle ... Ich auch.
Biegler (bitter lachend)
Sie?
Lore (zaghaft)
Sie wissen doch!
Biegler
Ja, Ohren hab' ich auch ... (in Wut auffahrend) Und wenn ich erst wieder Fleisch hätt' auf den Armen, dann würd' ich den Kerl — —
Lore
Ruhig, Herr Biegler, ruhig, ruhig! Sie wollen doch nich, daß ich Angst hab' vor Ihnen?
Biegler (hastig seinen Kaffee trinkend)
Ich geh' schon. Ich geh' schon.
Lore
Herr Biegler, wollen Sie nich mal Ihr Herz erleichtern?
Biegler
(unschlüssig, mit dankbarem Aufblick)
Ach! ... (hart) Ne.
Lore
Gott, Herr Biegler, gut tät's Ihnen schon! Man wird ja so wie so wie'n Stein! Die Steinmetzen erzählen nämlich: Der Stein wird durch Druck. Wissen Sie?
Biegler
Das sollt' ich wohl wissen.
Lore
Ja, Hunderttausende und Millionen Jahre müssen die drüberliegenden Schichten drücken, dann wird die lebendige Erde zu Stein ... Beim Menschen dauert's nich so lang. Das hab' ich ausprobiert. 'n paar Jährchen Druck — immer derselbe Druck. Das genügt.
Biegler (bitter)
Ob's genügt.
Lore
Man lacht und man weint und man schläft und man arbeitet — ach, lustig sein kann man sogar — man is überhaupt ein Mensch wie andere und is doch lang keiner mehr ... Drin im Innersten lebt man gar nich mehr ... Man is willenlos wie 'n Stein ... Man läßt sich mit dem Fuß stoßen wie 'n Stein. Man wird gegen alles gleichgültig wie 'n Stein.
Biegler (eifrig)
Ja, ja, ja, — so is es, — ja, ja.
Lore
Aber heut is wieder Leben in mich gekommen. So sehr hat mich was gefreut ... Gestern war ich wie Sie. Aber heut kann ich Ihnen was helfen. Bloß Vertrauen müssen Sie haben, daß ich's auch wirklich will.
Biegler
Das hätt' ich schon — aber — (vor sich hinbrütend) ich muß ja wohl wieder weg.
Lore
Ich denk', Sie waren zufrieden.
Biegler
Wenn sie mich in Ruh' gelassen hätten — alle — im Himmel wär' ich gewesen. Morgens — so gegen zweie — da is mir leicht geworden ... dann kann keiner kommen und was von mir wollen. — Doch! — Einer kann kommen ... Die kann immer kommen. Sie is noch nich — aber sie kann.
Lore (mit beruhigendem Lächeln)
Na wer denn, wer denn?
Biegler
Ach so — ich soll ja mein Herz erleichtern.
Lore
Nicht — wenn Sie nich wollen.
Biegler
Wissen Sie, wie's nu werden wird? ... Vors erste schieben sie sich so langsam von einem weg ... Man will mit anfassen, und dann is man allein. Und dann geht's Gerede los um einen rum. Da heißt es: »Na, habt ihr auch schon euer Leben versichert?« Und da heißt es: »Wenn sich gewisse Brieder nich bald dinne machen, dann werden wir den Platz schwarz stellen.« Und dann fliegt 'n Stück Holz. Und dann fliegt 'n Stein. Und dann kommen Sie eines Tags und sagen: »Es tut mir leid, Herr Biegler, aber Sie müssen wo anders essen, es is wegen der Leute.«
Lore (schüttelt heftig den Kopf)
Biegler
Na warten Sie man. Und schließlich kommt der Prinzipal und sagt: »Hier is Ihr Buch. Sie können gehen.« Und man weiß, daß man nu wieder ins Hungerland zieht, wo kein warmes Mittag is und kein Bett, und man sagt noch: »Gott sei Dank.«
Lore
Ach, es is schrecklich.
Biegler
Unser Pastor in der Anstalt hat immer gesagt: »Seid froh, daß ihr sühnen könnt« ... »Sühnen« heißt das schöne Wort ... Das haben die Herren extra für uns erfunden ... Ja, was soll ich nu alles sühnen? ... Daß der Weg mich in die Schlafstelle geführt hat — und gerade in die? ... Daß die Frau jung war — mit Flunkeraugen — und daß sie immer so machte (haucht mit spitzem Munde), wenn sie hinten an mir vorbeiging. Und wenn ich gesagt hab': »Was machen Sie da?« dann hat sie mich mit den blanken Zähnen angelacht und gesagt: »Ich kann's in den Tod nich leiden, wenn auf dem Rockkragen 'ne Feder sitzt« ... Und der Mann hat noch mitgelacht, wenn's mir schon heiß und kalt das Genick 'runterlief ... Ja, so kommt so was ... Er war Schuster. Wie Ihr Vater ... Mit den Schustern hab' ich kein Glück ... Nu, da wissen Sie ja auch, was 'n Klopfstein is ... (Zum Gerätschemel gehend) Da liegt er ja! (Bringt den Stein.) Sehn Sie sich den an! Bißchen kleiner war er — aber groß genug. Dann wie der Mann mich eines Tages abgefaßt hat — mit ihr — — und auf mich zugekommen is, Messer in der Hand, da hab' ich gedacht: was machen? Was hab' ich gemacht? So! (Hebt den Stein hoch) ... Und mit eins hat er langgelegen. Das Ganze hat gedauert, wie wenn einer bis drei zählt ... Weil der nu da lang lag, darum war mein Leben verdorben. Nu sagt der Pastor: »sühnen!« Ja, nun sühne mal, wenn der Wahnsinn schon hinter dir sitzt ... Was kann ein zu Schanden geprügelter Hund viel sühnen? Seine Wunden kann er sich lecken ... Mehr kann er nich.
Lore (mitleidig)
Mein lieber Gott.
Biegler
Ihr lieber Gott is nich mein lieber Gott. Sonst ließ' er das nich zu ... Ja, nu werd' ich gehn ... die ersten müssen gleich kommen.
Lore (fest)
Sie sollen nicht gehn, Herr Biegler.
Biegler (in flackernder Angst)
Ich hab' mein Vesper getrunken. Ich hab' hier nichts mehr zu tun.
Lore
Sie sollen dableiben. Was auch geschehen mag, Sie sollen dableiben. Ich setz' Ihnen ein Glas Bier hin wie den andern. Das trinken Sie aus und kümmern sich um nichts.
Biegler
Um Gottes willen. Hier? Hier? Wieso denn?
Lore
Sehn Sie denn das nicht? Je mehr Sie sich verkriechen, desto mehr sind die von Ihrer Schuld überzeugt. Und das darf nicht sein.
Biegler
Wenn's nu aber doch wahr is?
Lore
Das geht keinen was an. Außer Herrn Zarncke und mir weiß keiner was. Und wir halten reinen Mund. Wenn die sehn, daß Sie keinem aus dem Wege gehn, dann wird das Getratsche langsam wieder einschlafen ... Aber nichts gestehn! Sich nich verschnappen! Sonst ist alles aus ... Wissen Sie noch, wie Sie waren, als ich Ihnen das erste Butterbrot brachte?
Biegler (nickt voll Grauen)
Lore
So sehn Sie in vier Wochen wieder aus, wenn Sie sich jetzt wegjagen lassen. Es geht um Ihr Leben, Herr Biegler. (Hinaushorchend) Ich glaube, Sie kommen schon. Da setzen Sie sich hin. Und wer Sie anlappt, dem zeigen Sie die Zähne.
Biegler (stammelnd)
Ach ich — m — mir bl — eibt ja jedes Wort in der Kehle.
Lore
Soll nicht. Darf nicht. Sie müssen. Müssen, Herr Biegler, müssen!
Biegler
Und 's kann sein, wer's will? Ja?
Lore (stutzend, dann stark)
Ja.
Biegler (dumpf, zagend)
Na, is gut. (Setzt sich auf seinen Platz zurück)
Fünfte Szene
Die Vorigen. Lohmann. Sprengel. Struve. Drei andere Arbeiter
(Die Eintretenden begrüßen Lore, die rasch hinter den Schanktisch getreten ist, mit einem brummigen »Guten Tag« und setzen sich an den Tisch rechts)
Lohmann
Glas Bier!
Sprengel
Mir auch.
Struve
Jedem eins.
Sprengel
Kiekt mal, wer da huckt!
Lohmann
Mir wundert, daß er sich nich aufs Ehrensofa geschmissen hat. Das ist doch extra für ihm hingebaut.
Struve
Der Mensch sitzt, wo er kann. — Laß ihm sitzen.
Lore (Bier bringend)
Wohl bekomm's!
Lohmann
Danke. (Nach Biegler hinüber) Jemütlich is anders. Prost! (Sie stoßen an)
Lore
(bringt auch Biegler ein Glas Bier)
Sprengel
Wird der hier nu auch den Stammgast spielen?
Lohmann
Struve, du verstehst dir ja auf so 'ne Brieder. Graul ihm mal 'raus.
Struve
Kindersch, laßt mir in Ruh. Ick bin jetzt so beschäftigt mit meine eigenen Sorgen.
Lohmann
Wat vor Sorgen?
Struve
Wat vor Sorgen? Des fragste noch? Glaubste, es macht Verjniegen, mit so 'ne Verantwortung in de Welt rumzuloofen? Wenn du jehst bloß Steine schleppen, denn haste jar keene Verantwortung, dafür biste aber auch 'n Lump. Wenn du aber wirst jeehrt sein durch das Vertrauen deiner Mitbürger, wenn du wirst 'n Magazinschlüssel an dir tragen, oder so — dann wirst mal sehen, wie so 'n Mann zu Mute ist.
Sprengel
Dir is des wohl zu Koppe gestiegen? Was?
Struve
Denn wer eine jewisse Erfahrung hat von's menschliche Leben, der muß sich doch sagen: det is 'n janz jewehnliches Schnappschloß. — Da brauchste bloß 'n paar gesunde Zähne zu, um 'n vierzölligen Drahtnagel krumm zu biegen, und denn biste schon drinne. Immer so mitten mang de Diamanten. Kindersch, um Gottes willen, regt eich das jar nich uf?
Lohmann (lachend)
Ne.
Struve
Und jesetztenfalls und du hast se nu ausgebrochen —
Lohmann
Was?
Struve
Na — de Diamanten, denn kannste se jehn ruhig verschärfen bei jeden freindlichen Mann, wo mit blanke Knöppe handelt. Da kann dir kein Teckel an de Beene ... Des is 'ne aufjelegte Sache. Des reinste Beersenjeschäft ... Kindersch und da soll ick die Verantwortung vor haben? — Ne, des halt' ich nich aus. Da zieh' ick über Land.
Sprengel
Jlickliche Reise. Prost.
Struve
Und was der Nachtwächter da is, der schlappohrige Kerl, ick wette 'n Hering jegen 'n Löffel Jritze, dessentwegen könnte man 'rin und 'raus — wie de Schwalben.
Lohmann
Der blieht da nu so 'rum. Wie so 'n Maibliemchen.
Sprengel
Abjebrieht is er wohl. Sonst säß' er nich hier.
Struve
Kindersch, ick sag' eich immerzu. Wenn er und er wär's, dann wär' er noch nich 'raus.
Lohmann
Jedenfalls wollen wir da mal ein jelinde blasenziehendes Mittel anwenden. (Sehr laut) Fräulein! Wissen Sie vielleicht die Adresse von 'ne leistungsfähige Lebensversicherungsgesellschaft?
Biegler
(der solange scheinbar teilnahmslos, doch in gespannter Erwartung dagesessen hat, wendet sich jäh um)
Lore (abweisend)
Was soll ich mit 'ne Lebensversicherung?
Lohmann
Nu, 's is doch jetzt nich janz jeheier auf'n Platz. Da kann mal leicht so 'n kleiner Kuhhandel kommen, wo man plötzlich mit Tode abjeht, man weiß nich, wie?
Lore (abweisend)
Ich versteh' gar nich, was Sie meinen.
Lohmann
Diejenigen, wo's anjeht, die werden mir schon verstehn.
Biegler
(steht auf, will reden, bringt aber nur ein unartikuliertes Stammeln hervor und setzt sich wieder)
Lohmann
Hat jesessen.
Sprengel
Wo bleiben übrigens heite die Steinmetzen?
Struve
Nu — die müssen sich doch erst ausputzen. Mit ihre blaue Kalikoschirzen trauen die sich nich uf de Straße. Es könnt' se ja einer fir Hausknechte halten. (Lachen)
Lohmann
Jedenfalls müßt' man sich mit denen zusammentun und was unternehmen beim Alten, — damit er auf'm Platz 'n bißchen ausräuchern läßt. Es wird nötig.
Sprengel
Fang nich schon wieder an, Mensch ... hab doch Erbarmen mit so 'n plundrigen Kerl.
Lohmann
Wenn ich in 'n Modder trete, dann wisch' ich mir die Stiebeln ab; — da hab' ich auch kein Erbarmen.
Biegler
(zittert und atmet schwer. Er ringt mit sich, unschlüssig, ob er sprechen solle, wagt es aber nicht mehr)
Sprengel
Kein Mensch weiß, ob er's wirklich is.
Lohmann
Warum steht er denn nich auf und —
Sechste Szene
Die Vorigen. Willig. Göttlingk und andere Steinmetzen (in Feierabendkleidung)
Göttlingk
(auf den Tisch der Arbeiter weisend)
Da sitzt se ja, die janze feine Familie ... Ihr kriegt's wohl nich eilig genug mit eurem Feierabend — was?
Lohmann
Wieso denn?
Willig
Den großen Oberkirchner Block, links von der Treppe, habt ihr auf Hochkant stehn lassen. Wißt ihr das nich?
Sprengel
Nu, der hängt doch im Flaschenzug.
Willig
Aber locker hängt er.
Lohmann
Bis wir den 'runterkriegen, dauert's zwanzig Minuten. Wenn der Alte Überstunden zahlen will, gehn wir gleich noch mal 'ran.
Göttlingk
Husten wird er euch was.
Willig
Jedenfalls steift ihn noch ab. Wenn was passiert, seid ihr verantwortlich. (Setzt sich zu den Steinmetzen an den Mitteltisch)
Göttlingk
Na, Lore, Sie könnten ruhig 'n bißchen fixer sein, wenn die Steinmetzen kommen.
Lore
(die Bier bringt, eilig, ängstlich)
Hier is, bitte, hier is schon alles.
Göttlingk
Aber freilich, wenn man sich mit solchem Volk abgibt, wie der Kerl — der — (Biegler erkennend) Herrgott, wer sitzt denn da?
Willig (rasch)
Ach, kümmer dich nicht um den.
Göttlingk
Hast recht. So 'n Geschmeiß existiert nich. Prost, die Herren! Per Bacco, is mir mollig. Ganz fingrig is mir zu Mute. Wollt ihr was hören? Natürlich, ihr wollt immer was hören. Lore, bring mal — bringen Sie mal die Seufzerkiste.
Lore
Jawohl. (Holt die Mandoline von der Wand und bringt sie ihm)
Ein Steinmetz
Du, der Alte war doch heute so extra süß mit dir. Ahnste weswegen?
Göttlingk
(während er die Mandoline stimmt)
Tja, lieber Sohn, wer kann das wissen? Manchmal können sich Ereignisse vorbereiten — die Welt is eben 'n Affenkäfig.
Siebente Szene
Die Vorigen. Der alte Eichholz
Eichholz
(angezogen wie im ersten Akt)
Einen guten Feierabend wünsch' ich der hochgeehrten Gesellschaft.
Göttlingk
So in Jala, Papa Eichholz?
Eichholz
Jawohl. Mein Manschettenhemde hab' ich mir angezogen und habe mir angetan im Schmucke sämtlicher Orden und Ehrenzeichen. Nu wollen wir mal sehn, ob ein alter Krieger noch was gilt in seinem Vaterlande.
Lore (ängstlich)
Was hast du vor, Vater?
Eichholz
Zuerst bejeb' ich mir zum Alten und frag' ihn auf Ehr' und Jewissen: Wer is der Kerl? Was is der Kerl? ... Und wenn er in meinen unjewissen Zustande mir sollte — (bemerkt Biegler) was — was — was — was is denn das? Is das —?
Lore
Vater, hier darf jeder sein Bier trinken, der zum Platz gehört. Weißt du das nich?
Göttlingk (halblaut zu Lore)
Was mischst du dich da eigentlich immer 'rein?
Eichholz
Was man so sagt, der Wiedehopf, der läßt in sein eigenes Nest 'reinschmutzen, aber wenn du willst mein Fleisch und Blut sein — (in ausbrechender Wut) Kerl, dir werd' ich platt schmeißen! Dir bind' ich 'n Mühlstein um'n Hals, dir, dir ... Blut muß fließen, du Hund, du blutiger Hund!
Biegler (gequält)
Fräulein, soll ich nu immer noch länger hier bleiben? Ich denk', nu is genug.
Göttlingk (halblaut zu Lore)
Nanu? Was geht dich dem Kerl sein Hierbleiben an?
Lore
Vater, tu, was du willst, aber hier in der Kantine fang keinen Zank an. Sonst mußt du 'raus.
Lohmann (leise)
Sieh mal, wie sie sich auf dem seine Seite schmeißt.
Sprengel
Hat sie ganz recht.
Eichholz
Jawohl. Ich geh' schon. — Ich werde schon in geeignete Erfahrung bringen, wer, wer (mit geballter Faust) und wer Blut vergießt, deß — Blut — muß — — ich geh' schon, ich geh' schon. Guten Abend, die hochgeehrte Gesellschaft. (Ab)
Achte Szene
Die Vorigen ohne Eichholz
Göttlingk (leise zu Lore)
Hast du etwa Durchsteckereien mit dem?
Lore (wendet sich ab)
Göttlingk (verbissen)
Sieh mal an! (Kehrt auf seinen Platz zurück) Na, lassen wir uns nich die Laune verderben. (Ergreift die Mandoline, in neuem Argwohn) Freilich, wissen möchte man doch.
Willig
Halt bloß Ruhe, Eduard.
Die Anderen
(die am Steinmetztische sitzen, stimmen ihm bei)
Göttlingk (an der Mandoline zupfend)
Na also, was soll ich euch singen? Ich weiß 'ne Menge schöne Lieder, die mir die schönen Weiber dort unten in schönen Stunden beigebracht haben ... denn die Weibsleut' da unten! Überhaupt die Weibsleut', Kinder! Wenn man da nich feste 'ranjeht! (Beiläufig, herablassend) Ach, bringen Sie mir doch noch 'n Glas Bier, Fräulein Lore.
Lore
(bebend vor Erregung, holt sein leeres Glas)
Göttlingk
Du fragtest vorhin, warum der Alte heute so süß mit mir war. Ja, mein geliebter Sohn, Glück bei den Weibsleuten muß der Mensch haben. Das is der Ausschlag beim Rosinenhandel ... Danke, mein Fräulein, danke, danke, danke! (Singt und spielt) »Vè quà una giardiniera, si chiama Luisella, da sovra all'Arenella« — (Abbrechend) Sagt mal, Herrschaften, wie wär's, wenn ich zur Abwechslung mal so euer Chef würde hier auf diesem Steinmetzplatz?
Willig
Was is das wieder für 'n fauler Witz?
Göttlingk
Ja, das Leben macht manchmal so 'ne faulen Witze. Wenn ich da Jimm drauf hätte. Die Puckligen sind zwar nich gerade mein Jeschmack, aber wenn so 'n schönes Jeschäft dran hängt, kann man ja auch mal beide Augen zumachen.
Lore
(stößt einen unartikulierten Laut des Abscheus und des Entsetzens aus)
Sprengel (halblaut)
Is 'n Mensch wie 'n Vieh.
Willig (leise)
Läßte nu nich mal mehr die Krüppel in Ruh?
Göttlingk
(der das allgemeine Murren bemerkt hat, zum Arbeitstisch hinüber)
Riskiert da etwa einer zu mucken? Was?
Lohmann
Wir sind ja ganz still.
Göttlingk
Möcht' ich mir auch ausgebeten haben. (Da Lore, den Kopf in den Händen, noch einmal aufstöhnt) Was ist denn hier los? Was? Was? Was?
Biegler
(ist in zitternder Erregung langsam aufgestanden, leise, zaghaft, als traue er seinen erwachenden Kräften nicht)
Du Schuft! Du Schuft! — Du Schuft!
Göttlingk (fassungslos vor Erstaunen)
Was will das Gewächse da?
Biegler
Du ganz erbärmlicher Schuft!
Göttlingk (Humor heuchelnd)
Kinder, der is übergeschnappt. Soll ich den zu Mus quetschen? Nehmt mir das nicht übel, aber die Handvoll, das lohnt mir nich. Außerdem bin ich's als Steinmetz mir und euch schuldig, mich nich mit erst wem — Prost!
Biegler (heiser)
Was du bist, bin ich noch alle Tage.
Göttlingk
Dem Kerl muß man doch 'ne Zwangsjacke anlegen.
Biegler
Ich hab' zum Spaß deine Arbeit getan. Wenn's hell is, kann ich's besser.
Göttlingk (aufspringend)
Du warst das selber, du verfluchter —?
Die Anderen (halten ihn fest)
Ruhig, ruhig, ruhig.
Biegler
Aber das is Nebensache. (Auf Lore weisend) Da — da — wer steht da? — Der sagst du das ins Gesicht? — Jeder weiß, daß sie 'n Kind von dir hat. Zum Dank verhunzen tust du sie — schuriegeln tust du sie ... Wirst sie — wirst sie ehrlich machen? Wirst sie ehrlich machen? Du nichtswürdiger Schuft! Du!
Göttlingk (der sich zu befreien sucht)
Nu laßt doch los. — Is bloß 'n Floh, der ganze Kerl, aber das kost't ihm das Leben. (Reißt sich los und zieht den Dolch heraus) Los sag' ich, oder —
Die Anderen (weichen erschrocken zurück)
Biegler
Du meinst, ich hab' Angst vor deiner einzinkigen Gabel, weil alle anderen Angst haben? — Kraft hab' ich keine, Haut und Knochen bin ich vom langen Hungern, aber — (er hat den Klopfstein ergriffen, der auf dem Schanktisch liegen geblieben ist, und hebt ihn hoch) — mit so 'nem Schusterstein hab' ich schon einen erschlagen! Mit so 'nem Schusterstein hab' ich schon — — (große Bewegung) Nu komm mal 'ran, wenn du willst. Komm mal 'ran — komm mal 'ran! (Dringt auf Göttlingk ein)
Göttlingk (erschrocken zurückweichend)
Na, na, na, na.
Biegler
Komm 'ran — oder 'raus da — 'raus da. —
Göttlingk
(weicht, unverständliche Worte stammelnd, bis zur Tür zurück)
Biegler (der ihm gefolgt ist)
'raus da! 'raus da!
Göttlingk
Das werd' ich dir — gedenken. — (Rettet sich durch die rasch geöffnete Tür)
Biegler
(sieht sich wirr um und wankt zu seinem Tische zurück. Er sieht verständnislos noch einmal um sich, sieht Lore, die schluchzend, mit verhülltem Gesicht, abgewandt dasteht, sieht die blassen, entsetzten Gesichter und murmelt, wie wenn er langsam zu sich käme)
Was is denn? Was war denn? Was —? (Sein Gesicht verändert sich, er kämpft mit dem Schluchzen und will auf seinem Stuhl zusammensinken, rafft sich aber mit letzter Kraft empor, trinkt sein Bier aus, setzt seine Mütze auf und schreitet mit geballten Fäusten zur Tür zurück; — sich umwendend wirft er einen fragenden, trotzigen Blick auf die ihn regungslos Anstarrenden — und geht hinaus)
(Der Vorhang fällt)