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Späte Rache

Im Lande der Heiligen.

Reading edition

Achtes Kapitel. Auf der großen Alkali-Ebene.

Im Innern des Festlandes von Nordamerika liegt eine dürre, unwirtliche Wüstengegend, die sich Jahrhunderte lang als ein unübersteigliches Hemmnis für jeden Fortschritt der Zivilisation erwiesen hat. Diese große Einöde, welche der Yellowstonefluß im Norden, der Colorado im Süden begrenzt, dehnt sich von der Sierra Nevada bis Nebraska in schauerlichem Todesschweigen aus. Es herrscht zwar auch hier keine Einförmigkeit in der Natur — hohe Schneeberge wechseln mit düstern Thalgründen, reißende Ströme stürzen durch zerklüftete Bergschluchten, die endlosen Ebenen, die der Winter in ungeheure Schneefelder verwandelt, sind im Sommer unter einer grauen Decke von salzigem Alkalistaub begraben — doch eine schrecklichere, trostlosere Gegend findet sich nirgends.

Dies Land des Grauens ist menschenleer. Einzelne Scharen von Pawnees oder Schwarzfuß-Indianern durchstreifen es wohl, um andere Jagdgründe aufzusuchen, aber selbst die tapfersten Rothäute frohlocken, wenn die gefürchteten Salzebenen hinter ihnen liegen und sie wieder über ihre geliebte Steppe schweifen. Hier lauert nur der Coyote im Gestrüpp, der Bussard fliegt schwerfällig durch die Luft und der täppische graue Bär sucht in den dunkeln Schluchten der Felsengebirge seine kärgliche Nahrung. Dies sind die einzigen Bewohner der schauerlichen Wüste.

Eine trübseligere Aussicht findet man auf Erden nicht, als den Blick von den nördlichen Höhen der Sierra Blanca. Soweit das Auge reicht, nichts als die endlose, flache Ebene, hier und da ein verkrüppeltes Chapparal-Gebüsch und Haufen von Alkalistaub, der die ganze Gegend bedeckt. Am fernsten Horizont zieht sich eine Gebirgskette hin, deren zerklüftete Gipfel mit Schnee bedeckt sind. Meist ist kein lebendiges Wesen zu erblicken, kein Laut unterbricht die fürchterliche Stille, starres, totes Schweigen herrscht rings umher.

Mitten in der Wüste aber gewahrt man, in der weiten Ferne sich verlierend, eine Karawanenstraße. Manches Fuhrwerk hat dort tiefe Räderspuren im Boden zurückgelassen, viele Glücksjäger haben mit wanderndem Fuß das Erdreich festgetreten. Hier und da glänzt etwas Weißes in der Sonne und hebt sich grell von der grauen Alkalischicht ab. Wir betrachten es näher und erkennen, daß es Gebeine sind — die derberen sind Knochen von Zugstieren, die feineren von Menschen. Fünfzehnhundert Meilen lang läßt sich diese Totenstraße an den irdischen Ueberresten derjenigen verfolgen, die hier am Wege niedergesunken sind.

Dies war der Ausblick, der sich am vierten Mai des Jahres 1847 einem einsamen Wanderer darbot, welcher von einer kleinen Anhöhe ins Thal hinabsah. Ob der Mann ein Vierziger oder Sechziger war, ließ sich schwer entscheiden. Sein eingefallenes, abgezehrtes Gesicht, die vorstehenden Backenknochen, die braune runzlige Haut, das lange, wie mit weißen Fäden durchzogene Haupt- und Barthaar, gaben ihm das Ansehen eines hinfälligen Greises. Seine Augen, die mit unnatürlichem Glanz funkelten, lagen tief in den Höhlen, die Hand, welche die Flinte hielt, war dürr und abgemagert wie bei einem Gerippe, seine Kleider schlotterten ihm am Leibe. Und doch, wie er so dastand, auf die Waffe gelehnt, ließ seine hohe, starkknochige Gestalt auf eine zähe, urkräftige Natur schließen. Das hagere Gesicht, die zusammengeschrumpften Glieder, verrieten nur zu deutlich den Grund seines verfallenen Aussehens. Der Mann war dem Tode nahe — er kam langsam um vor Hunger und Durst.

Mühselig hatte er sich in die Schlucht hinuntergeschleppt und den Hügel hinauf, in der vergeblichen Hoffnung, irgend ein Anzeichen zu entdecken, daß Wasser in der Nähe sei. Jetzt lag die große Salzwüste vor ihm, von der fernen Bergkette eingerahmt, rings umher weder Baum noch Kraut, keine Spur einer Feuchtigkeit. Er schaute nach Norden, nach Osten und Westen mit gierigen Blicken, aber wie weit sich das Land auch dehnte, nirgends war für ihn ein Schimmer von Hoffnung. Nun sah er ein, daß seine Wanderung ihr Ende erreicht habe, und er hier auf der öden Klippe seine Todesstunde erwarten müsse. „Ob jetzt auf hartem Stein, oder zwanzig Jahre später im weichen Bett — es macht wenig Unterschied,“ murmelte er, sich an die Felswand lehnend.

Ehe er sich niedersetzte, hatte er zuvor seine Flinte auf den Boden gelegt und daneben ein großes Bündel, das er in einem grauen Shawl eingeknüpft über der rechten Schulter getragen. Das Bündel schien zu schwer für seine geschwächten Kräfte und fiel etwas unsanft zur Erde, als er es abnahm. Da ließ sich ein leiser Schmerzensschrei vernehmen und aus der grauen Umhüllung kam ein erschrecktes Gesichtchen mit hellen, braunen Augen zum Vorschein und zwei niedliche, kleine Fäustchen.

„Du hast mir wehgethan,“ klagte eine Kinderstimme in vorwurfsvollem Ton.

„Wirklich?“ erwiderte der Mann bedauernd, „das thut mir leid.“ Dabei knüpfte er das Bündel auf, und heraus sprang ein etwa fünfjähriges Mädchen, dessen zierliche Schuhe, rosa Röckchen und weißleinenes Schürzchen auf mütterliche Sorgfalt deuteten. Die Kleine war bleich und mager, doch ließen die rundlichen Aermchen und Beinchen erkennen, daß sie weniger Mangel gelitten hatte, als ihr Gefährte.

„Ist’s denn noch nicht wieder gut?“ fragte er ängstlich, als sie sich noch immer das goldgelbe Lockenhaar auf dem Hinterkopf rieb.

„Gieb mir einen Kuß drauf, dann wird es heil,“ versetzte sie ernsthaft, auf die schmerzende Stelle zeigend. „So macht es meine Mutter immer. Wo ist denn Mama?“

„Fortgegangen. Aber du wirst sie bald wiedersehen, glaube ich.“

„Fort — sagst du?“ rief die Kleine. „Na, so was — sonst ging sie nie zur Tante ’rüber, ohne erst ‚B’hüt Gott‘ zu sagen — und jetzt ist sie schon drei Tage weg. — Mir ist so trocken im Munde. Hast du kein Wasser oder etwas zu essen?“

„Nein, Herzchen, es ist nichts da. Hab nur noch ein Weilchen Geduld, dann wird alles gut. Leg dein Köpfchen auf meine Schulter, so, nun ist’s schon besser. Mir klebt die Zunge am Gaumen, daß ich kaum sprechen kann, aber ich muß dir doch sagen, wie die Sachen stehen. Was hast du denn da in der Hand?“

„So was Hübsches, das glänzt und funkelt,“ rief die Kleine, entzückt zwei Stückchen Glimmerschiefer emporhaltend. „Wenn wir heimkommen, bring ich sie Bruder Bertel mit.“

„Du wirst bald schöneres Spielzeug kriegen,“ sagte der Mann zuversichtlich, „wart’ nur noch ein wenig. Aber, was ich dir sagen wollte — weißt du noch, wie wir vom Fluß fortzogen?“

„Freilich.“

„Siehst du, wir glaubten, es käme bald ein anderer Fluß — aber er kam nicht. Ich weiß nicht, waren die Karten falsch oder der Kompaß, oder woran lag es. Das Wasser ging uns aus; nur für dich war noch ein Tröpfchen da — und —“

„Du konntest dich gar nicht waschen,“ sagte sie, ihm ernsthaft in das dunkle Gesicht blickend.

„Nein, und auch nicht trinken. Herr Bender sank zuerst um, und dann der Indianerpeter, dann Frau Gregor, dann Johanny Hones, und dann, Herzchen, auch deine Mutter.“

„Ist Mutter auch tot?“ Die Kleine verbarg ihr Gesichtchen in der Schürze und schluchzte bitterlich.

„Ja, alle außer uns beiden. Ich hoffte, in dieser Richtung würde Wasser zu finden sein, so lud ich dich denn auf die Schulter und wanderte fort mit dir. Aber es hat nichts genützt und jetzt weiß ich keine Hilfe mehr.“

Das Kind hörte plötzlich auf zu weinen.

„Du meinst, wir werden auch sterben?“ fragte es, die nassen Augen zu ihm aufschlagend.

„Dazu wird’s wohl kommen.“

„Warum hast du denn das nicht gleich gesagt?“ rief die Kleine, und lachte hell auf. „Du hast mich so erschreckt. Natürlich kommen wir wieder zur Mutter, wenn wir sterben.“

„Du gewiß, Herzchen.“

„Und du auch. Ich will ihr sagen, wie schrecklich gut du gewesen bist. Sie kommt uns gewiß am Himmelsthor entgegen mit einem großen Krug Wasser und frisch gebackenen Buchweizenkuchen, heiß und knusperig, wie sie Bertel und ich gern haben. Wie lange müssen wir noch warten?“

„Ich weiß nicht — nur kurze Zeit.“ Der Blick des Mannes war nach dem nördlichen Horizont zugewendet, wo in der blauen Luft drei dunkle Punkte schwebten, die jeden Augenblick an Umfang zunahmen. Jetzt erkannte man, daß es drei große Vögel mit braunem Gefieder waren, die über den Häuptern der Wanderer kreisten und sich dann auf den nächsten Felsspitzen niederließen. Es waren Bussarde, die Geier des Westens und Vorboten des Todes.

Die Kleine klatschte in die Hände. „Die können aber schön fliegen,“ rief sie fröhlich. „Sag mal, hat denn der liebe Gott dies Land gemacht?“

„Versteht sich,“ erwiderte ihr Gefährte, verwundert über die Frage.

„Er hat Illinois gemacht und Missouri, das weiß ich,“ fuhr das Kind fort. „Aber diese Gegend ist lange nicht so hübsch, die hat gewiß jemand anders geschaffen und dabei das Wasser und die Bäume vergessen.“

„Willst du nicht jetzt dein Gebet sagen?“ — Die Stimme des Mannes zitterte.

„Soll ich? — Es ist ja noch nicht Abend.“

„Das thut nichts. Wenn’s auch nicht die richtige Zeit ist, glaub’ nur, Gott hört dich doch. Sag’ dein Nachtgebet her, wie jeden Abend im Wagen, als wir über die Prairie fuhren.“

„Warum betest du denn nicht selbst?“ fragte die Kleine verwundert zu ihm aufschauend.

Der Wanderer und das betende Mädchen
Der Wanderer und das betende Mädchen

„Ich weiß nicht mehr wie — es ist so lange her, seit ich’s gethan, ich hab’ die Worte vergessen. Sag’ du sie mir vor und ich bete mit — noch ist’s nicht zu spät.“

„Dann mußt du niederknieen und ich auch,“ sagte sie, und breitete den Shawl auf die Erde. „Du mußt auch die Hände falten — so — du wirst sehen, wie gut das thut.“

Neben einander knieten sie am Boden, das kleine plaudernde Kind und der wetterharte Wanderer. Ihr Unschuldsblick und sein abgezehrtes Antlitz waren nach oben gerichtet, zu dem wolkenlosen Himmel. Vor Gottes Angesicht flehten sie um Gnade und Vergebung. Der Ton seiner tiefen, rauhen Stimme mischte sich in den hellen Klang der ihrigen. Nachdem das Gebet gesprochen war, nahmen sie wieder Platz im Schatten der Felswand und bald schlummerte die Kleine sanft ein, an die breite Brust ihres Beschützers geschmiegt. Seit drei Tagen und Nächten hatte er sich weder Ruhe noch Rast gegönnt, auch jetzt wollte er bei ihr wachen, aber die Natur forderte ihr Recht. Langsam fielen ihm die müden Augen zu, das Haupt sank ihm auf die Brust, sein grauer Bart mischte sich mit den blonden Locken des Kindes und beide lagen zusammen in tiefem, traumlosem Schlummer da.

Wäre der Wanderer noch eine halbe Stunde länger wach geblieben, er hätte ein seltsames Schauspiel erblickt. An dem äußersten Rande der großen Alkaliwüste stieg eine Staubwolke auf, die sich zuerst kaum von dem Dunst der Ferne unterschied, bis sie allmählich höher und breiter wurde und eine dichte, undurchsichtige Masse bildete. Die Wolke wuchs und wuchs, bis kein Zweifel mehr war, daß sie nur durch eine ungeheure sich bewegende Menge Menschen oder Tiere entstanden sein könne. Auf der Prairie würde man geglaubt haben, eine der großen Büffelherden, die dort grasen, sei im Anzug, aber hier, in dieser dürren Wüstengegend, war an dergleichen nicht zu denken. Immer näher an die einsame Felswand, wo die beiden Verschmachtenden ruhten, kam der Staubwirbel herangezogen; jetzt unterschied man Fuhrwerke mit leinenem Verdeck, und die Gestalten bewaffneter Reiter tauchten aus dem Dunst hervor. Es war eine Karawane, die nach dem Westen wanderte. Welch ein gewaltiger Zug! — Als die Spitze desselben das Gebirge erreicht hatte, war am Horizont das Ende noch nicht abzusehen. Quer durch die weite Ebene erstreckte sich die lange Linie von Wagen und Karren, Reitern und Fußgängern. Große Scharen von Frauen schwankten daher unter Lasten, die sie trugen, und Kinder trabten neben den Fuhrwerken oder guckten unter der weißen Leinwand hervor. Das konnte kein Trupp gewöhnlicher Auswanderer sein, es war ein ganzes Nomadenvolk, welches Not oder Verfolgung zwang, sich eine neue Heimat zu suchen. Lautes Stimmengewirr und Getöse erhob sich aus der Menschenmenge, dazwischen knarrten die Räder und die Rosse wieherten. Aber die beiden müden Wanderer oben am Felsenabhang weckte der Lärm nicht auf.

An der Spitze der Kolonne ritten etwa zwanzig ernste Männer mit eisenharten Zügen. Sie waren mit Flinten bewaffnet und in grobe Stoffe gekleidet. Am Fuß der Felswand machten sie Halt und versammelten sich zu einem Kriegsrat.

„Die Quellen liegen zur Rechten, meine Brüder,“ sagte ein Mann mit glattem Gesicht und kurz geschorenem, grauem Haupthaar.

„Ja, rechts von der Sierra Blanca — das ist auch der Weg nach dem Rio Grande,“ versetzte ein anderer.

„Fürchtet keinen Mangel!“ rief ein Dritter. „Der Herr ließ einst Wasser aus dem Felsen fließen; er wird seine Auserwählten auch jetzt nicht verlassen.“

„Amen, Amen!“ fiel die ganze Schar ein. Eben wollten sie die Wanderung fortsetzen, als einer der Jüngsten einen Ruf der Überraschung ausstieß und nach einer Felsklippe deutete, auf welcher sein scharfes Auge etwas Rotes flattern sah, das sich grell von dem dunkeln Gestein abhob. Wie auf Kommando faßten alle die Zügel ihrer Rosse fester und nahmen die Gewehre von der Schulter. Auch galoppierten von hinten neue Reiterscharen herbei, um den Vortrab zu verstärken. „Die Rothäute!“ schallte es aus aller Munde.

„Es können keine Indianer hier in der Nähe sein,“ sagte der ältere Mann, welcher den Oberbefehl zu haben schien. An den Pawnees sind wir schon vorbeigekommen und andere Stämme giebt es hier nicht, bis wir jenseits der hohen Berge sind.“

„Ich will hinaufsteigen, Bruder Stangerson,“ schlug einer aus der Schar vor, „und nachsehen, was es bedeutet.“

„Ich auch — ich auch,“ riefen mehrere Stimmen.

„Laßt eure Pferde unten, wir wollen hier auf euch warten,“ gebot der Alte. Schnell stiegen die jungen Männer ab, banden ihre Pferde fest und kletterten die steile Anhöhe hinauf, rasch und geräuschlos, mit der Sicherheit und Geschicklichkeit geübter Kundschafter. Die Leute in der Ebene sahen ihre Gestalten, die sich klar gegen den Himmel abhoben, von Fels zu Fels aufwärts steigen. Jetzt hatten sie die Stelle erreicht. Es mußte wohl ein seltsamer Anblick sein, der sich ihnen bot — sie hoben ihre Arme in die Höhe und gaben auch sonst durch allerlei Zeichen die höchste Verwunderung zu erkennen.

Auf der Platte, die den Gipfel des kahlen Hügels krönte, erhob sich ein einziger Felskegel; an diesem lehnte ein Mann mit langem Bart und verwittertem Gesicht; seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge zeigten, daß er in festem Schlafe lag. Neben ihm aber, die Ärmchen um seinen braunen, sehnigen Hals geschlungen, den goldenen Lockenkopf an seine Brust gebettet, ruhte ein schlummerndes Kind. Die rosigen Lippen der Kleinen waren halb geöffnet, und um ihre lieblichen Züge spielte ein friedliches Lächeln.

Drei Raubvögel, die auf der Felsenspitze über ihnen gesessen hatten, flogen erschreckt auf, als sie der neuen Ankömmlinge ansichtig wurden. Ihr heiseres Geschrei weckte die Schläfer, die verwirrt um sich blickten. Der Mann richtete sich schlaftrunken auf und starrte in die Ebene hinunter, die noch vor kurzem so verödet gewesen war und auf der es jetzt wimmelte von Menschen und Tieren. „Ein Fieberwahn,“ murmelte er, die Hand an die Stirn legend. Das Kind stand neben ihm, hielt sich an seinem Rock fest und sah mit großen, verwunderten Augen umher.

Den Rettern gelang es schnell, die beiden Wanderer zu überzeugen, daß, was sie sahen, keine Täuschung ihrer Sinne, sondern Wirklichkeit sei. Einer der jungen Leute hob das kleine Mädchen auf seine Schulter, während zwei andere ihrem hageren Gefährten stützend unter die Arme griffen.

John Ferrier und das Mädchen bei der Wagenkolonne
John Ferrier und das Mädchen bei der Wagenkolonne

„Mein Name ist John Ferrier,“ sagte der Gerettete; „ich und die Kleine hier, wir sind die einzig Ueberlebenden von einundzwanzig Personen. Alle übrigen sind auf dem Wege vom Süden her vor Hunger und Durst verschmachtet.“

„Ist es Ihr Kind?“ fragten die, welche ihn führten.

„Ja, mir gehört es,“ rief er mit entschlossener Miene, „ich habe es gerettet. Von heute an heißt die Kleine Lucy Ferrier und niemand, außer mir, hat ein Recht an sie. — Wer seid denn aber ihr?“ fuhr er fort, seine mannhaften, sonnverbrannten Retter neugierig betrachtend, „das sind ja ganz endlose Schwärme, die da herangezogen kommen.“

„Fast zehntausend,“ versetzte einer der jungen Leute. „Wir sind die verfolgten Kinder Gottes, die Auserwählten des Engels Merona.“

„Von dem habe ich noch nie gehört,“ meinte der Wanderer. „Eine schöne Masse Menschen hat er auserwählt.“

„Scherze nicht über heilige Dinge,“ sagte der andere streng. „Du siehst vor dir das Volk, welches an die geoffenbarten Schriften glaubt, die auf goldenen Tafeln dem heiligen Josef Smith in Palmyra übergeben wurden. Im Staate Illinois in Nauvoo hatten wir unsern Tempel gegründet. Jetzt sind wir ausgezogen, um vor den gottlosen und gewaltthätigen Menschen eine neue Zufluchtsstätte zu suchen, und wenn es auch mitten in der Wüste wäre.“

Die Erwähnung von Nauvoo schien bei John Ferrier eine Erinnerung zu wecken. „O, jetzt verstehe ich,“ rief er, „seid ihr nicht die Mormonen?“

„Jawohl, die Mormonen sind wir,“ riefen alle einstimmig.

„Und wohin geht ihr?“

„Das wissen wir nicht. Die Hand Gottes führt uns durch unsern Propheten. Wir bringen euch zu ihm; er muß entscheiden, was mit euch geschehen soll.“

Sie hatten inzwischen den Fuß des Hügels erreicht, wo die Pilger sie umdrängten — bleiche Frauen mit demütiger Miene, muntere, kräftige Kinder und ernste Männer. Die große Jugend des Mädchens und die völlige Erschöpfung ihres Begleiters entlockte der Menge Ausrufe der Verwunderung und des Mitleids. Von neugierigen Scharen geleitet, schritten die Führer der Geretteten unverweilt vorwärts, bis sie einen Wagen erreichten, der sich durch besondere Größe und prächtige Zierate vor allen andern auszeichnete. Auch war er mit sechs Pferden bespannt, während die andern nur zwei oder höchstens vier hatten. Auf dem Wagen saß ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit gewaltigem Haupt und entschlossenem Blick — der Führer des Volkes. Er las in einem Buch mit braunem Einband, das er bei dem Herannahen der Menge beiseite legte, um dem Bericht über das Ereignis ein aufmerksames Ohr zu leihen. Dann wandte er sich in feierlichem Ton an die beiden Wanderer.

„Wenn wir euch mit uns nehmen sollen,“ sagte er, „so müßt ihr auch unsern Glauben bekennen. Wir dulden keine Wölfe in unserer Hürde. Weit besser, eure Gebeine bleichen hier in der Wüste, als daß ihr wie räudige Schafe die Ansteckung in die ganze Herde traget. Wollt ihr unter dieser Bedingung mit uns ziehen?“

„Ich ziehe mit, unter jeder Bedingung, die ihr stellt,“ rief Ferrier mit solchem Eifer, daß die Ältesten ein Lächeln nicht unterdrücken konnten. Der Anführer allein bewahrte sein ernstes, feierliches Wesen.

„Nimm ihn mit, Bruder Stangerson,“ befahl er, „gieb ihm Speise und Trank, dem Kinde auch. Es soll deine Aufgabe sein, ihn in unserer heiligen Lehre zu unterweisen. — Doch jetzt haben wir lange genug gezögert. Vorwärts. Auf nach Zion!“

„Auf, nach Zion!“ riefen die Mormonen im Chor, und der Ruf pflanzte sich in der langen Karawane von Mund zu Mund fort, bis nur noch ein dumpfes Gemurmel aus der Ferne herüberklang. Die Peitschen knallten, die Räder der großen Fuhrwerke setzten sich in Bewegung und bald zog die ungeheure Schar wieder ihres Weges dahin. Der Aelteste, der die Sorge für die beiden Verirrten übernommen hatte, führte sie zu seinem Wagen, wo ihrer schon eine Mahlzeit wartete.

„Ihr dürft hier bleiben,“ sagte er. „In wenigen Tagen werdet ihr euch von euren Anstrengungen erholt haben. Vergeßt aber nicht, daß ihr euch von jetzt an zu den Bekennern unseres Glaubens zählt. Brigham Young hat es gesagt und aus ihm hat die Stimme Josef Smiths geredet, welche die Stimme Gottes ist.“

Neuntes Kapitel. Die Blume von Utah.

Dies ist nicht der Ort, um die Drangsale und Beschwerden zu schildern, welche die ausgewanderten Mormonen zu erdulden hatten, bevor sie ihren neuen Zufluchtshafen erreichten. Von den Ufern des Mississippi waren sie nach den westlichen Abhängen des Felsengebirges gezogen, und hatten dabei eine Ausdauer und Zähigkeit bewiesen, die einzig in der Geschichte dasteht. Gegen reißende Tiere und feindliche Wilde, gegen allerlei Mühsal, Krankheit, Hunger, Durst und jedes Hindernis, das die Elemente ihnen in den Weg legten, hatten sie siegreich gestritten, obwohl unter den Schrecknissen der langen Wanderung auch dem Mutigsten bange ums Herz geworden sein mochte. Als endlich das weite Thal von Utah im Sonnenschein zu ihren Füßen ausgebreitet lag, und sie aus dem Munde des Führers vernahmen, daß es das Land der Verheißung sei, der jungfräuliche Boden, welcher ihnen auf ewige Zeiten zu eigen gehören solle, da gab es wohl keinen unter der großen Schar, der nicht freudig auf die Knie gesunken wäre, um ein Dankgebet für seine Rettung emporzusenden.

Brigham Young zeigte bald in der Verwaltung der Ländereien ebensoviel Geschick, als er bei der Führung des Volkes bewiesen. Er ließ Vermessungen vornehmen und Pläne entwerfen, auf welchen die künftige Stadt verzeichnet war. Ringsumher wurde Ackerland abgesteckt und jedem, ohne Rücksicht auf Rang und Stand, zugeteilt. Der Arbeiter erhielt Beschäftigung in seinem Handwerk, der Handelsmann in seinem Gewerbe. In der Stadt entstanden wie durch Zauberschlag Straßen und Plätze; auf dem Lande wurden Bäume gefällt, Wiesen entwässert, eingezäunt und bepflanzt, so daß schon im nächsten Sommer der goldene Weizen auf den Feldern wogte. Alles gedieh in der wunderbaren Ansiedlung. Mitten in der Stadt wurde der große Tempel erbaut, welcher einen immer erstaunlicheren Umfang annahm. Vom ersten Morgengrauen bis zur sinkenden Dämmerung waren dort Hammer und Säge unermüdlich beschäftigt, denn es galt ja, ein Denkmal zu errichten zu Ehren dessen, der sie durch alle Gefahren sicher geleitet hatte.

John Ferrier und seine kleine Schicksalsgefährtin, die er an Kindesstatt angenommen, hatten die Mormonen bis ans Ende ihrer Pilgerfahrt begleitet. Die kleine Lucy war unterwegs keinen allzugroßen Fährlichkeiten ausgesetzt gewesen. Sie durfte den Zug in dem Wagen des Aeltesten Stangerson mitmachen, in welchem sich außer ihr noch die drei Frauen des Mormonen befanden und sein Sohn, ein eigenwilliges, zwölfjähriges Bürschchen. Mit leichtem Kindersinn hatte sie sich schnell von dem Kummer erholt, den ihr der Mutter Tod bereitet. Sie wurde der Liebling der Frauen und gewöhnte sich bald an das neue Leben unter dem beweglichen Leinwandzelt. Auch Ferrier erholte sich nach kurzer Zeit von den ausgestandenen Beschwerden; er wußte sich als erfahrener Führer und unermüdlicher Jäger seinen neuen Gefährten nützlich zu machen und ihre Achtung zu erwerben. Als man das Ziel der Wanderung endlich erreicht hatte, wurde ihm ein ebenso großes und fruchtbares Ackerland zugewiesen wie allen übrigen Ansiedlern. Außer Brigham Young selbst erhielten nur die vier Hauptältesten Stangerson, Kemball, Johnston und Drebber ansehnlichere Besitztümer.

Auf dem ihm zugefallenen Strich Landes baute sich John Ferrier ein festes Blockhaus, das er im Laufe der Jahre vergrößerte, bis es ein geräumiger Landsitz wurde. Er war eine durchaus praktische Natur, geschickt zu jedem Handgriff, klug und besonnen in allem, was er unternahm. Eine eiserne Gesundheit setzte ihn in den Stand, von früh bis spät thätig zu sein beim Anbau seines Grund und Bodens. Dieser angestrengte Fleiß brachte ihm reichliche Früchte, und sein Hab und Gut mehrte sich zusehends.

Nach Ablauf von drei Jahren besaß er mehr als seine Nachbarn, nach sechs Jahren war er wohlhabend, nach neun Jahren reich, und als zwölf Jahre um waren, gab es in der ganzen Stadt am Salzsee kaum ein Dutzend Leute, die sich mit ihm vergleichen konnten. Von dem großen Binnensee bis zu dem Wahsatch-Gebirge kannte und schätzte man John Ferriers Namen allgemein.

Einen Punkt gab es jedoch, in welchem er den Anforderungen seiner Glaubensbrüder nicht genügte. Kein Drängen und keine Ueberredungskunst konnte ihn bewegen, sich einen weiblichen Hausstand nach Art seiner Gefährten einzurichten. Er gab für seine hartnäckige Weigerung keine Gründe an, sondern begnügte sich damit, unerschütterlich bei seinem Entschluß zu verharren. Manche beschuldigten ihn deshalb der Lauheit gegen die Religionsgemeinschaft, der er beigetreten war, andere meinten, er handle aus Habgier und wünsche die Kosten zu sparen. Wieder andere sprachen von einer früheren Liebesgeschichte, und sagten, er habe im Osten ein blondes Mädchen zurückgelassen, das er nicht vergessen könne. Eins nur war sicher — Ferrier blieb ein für allemal unvermählt. In jeder andern Hinsicht unterwarf er sich aber den herrschenden Gebräuchen und galt für ein strenggläubiges Mitglied der jungen Ansiedlung.

Lucy Ferrier wuchs in dem Blockhaus auf und half ihrem Pflegevater bei allen seinen Unternehmungen. Das Kind gedieh in der scharfen Bergluft und den balsamischen Fichtenwäldern besser, als wenn es die Pflege der besorgtesten Mutter und Wärterin genossen hätte. Wie die Jahre flohen, wurde ihre Gestalt schlanker und kräftiger, ihre Wangen röteten sich, ihr Schritt gewann an Elastizität; allmählich und unmerklich hatte sich die Knospe zur Blume entfaltet. Mancher Wanderer, den sein Weg auf der Landstraße an Ferriers Besitztum vorbeiführte, sah dem anmutigen Mädchen mit Wohlgefallen nach, wenn sie durch die Weizenfelder schritt oder auf ihres Vaters Mustang einhergeritten kam, den sie leicht und sicher zu regieren verstand, wie ein echtes Kind des Westens.

Zur Zeit, als John Ferrier für den reichsten Farmer an den westlichen Abhängen des Felsengebirges galt, war Lucy zur Jungfrau erblüht; unversehens hatte sie die Schwelle der Kindheit überschritten, und nun kam auch für sie der Tag, an dem sie das Erwachen eines neuen, schöneren Lebens in ihrem Innern mit Stolz und Freude empfand. Ein Ereignis trat ein, das nicht nur für Lucys Zukunft von den wichtigsten Folgen war, sondern auch auf das Schicksal vieler anderer einen entscheidenden Einfluß übte.

An einem warmen Junimorgen waren die ‚Heiligen des Jüngsten Tages‘ nach ihrer Gewohnheit geschäftig wie die Bienen, die sie sich zum Vorbild erwählt haben. Ueberall auf den Feldern und in den Werkstätten vernahm man das Gewirr und Gesumme menschlicher Thätigkeit. Auch auf den staubigen Landstraßen herrschte ein buntes Leben; dort trabten lange Züge schwerbeladener Maultiere einher, die alle nach dem Westen zogen, denn das Goldfieber war in Kalifornien ausgebrochen und wer zu Lande dorthin wollte, den führte sein Weg an der Stadt ‚der Auserwählten‘ vorbei. Zugleich mit den Scharen dieser Einwanderer, die sich mit ihren ermatteten Tieren mühsam weiter schleppten auf der endlosen Fahrt, begegnete man großen Herden von Schafen und Jungvieh, welche die ferner gelegenen Weideplätze verlassen hatten.

Auf der Straße war ein dichtes Gedränge von Menschen und Tieren entstanden, aber mitten durch das Gewühl hindurch galoppierte Lucy Ferrier, sich als geschickte Reiterin einen Weg bahnend; ihre Wangen waren gerötet von der raschen Bewegung, ihre kastanienbraunen Locken flogen im Winde. Der Vater hatte sie mit einem Auftrag nach der Stadt geschickt, und sie jagte in jugendlichem Mute, wie sie schon so oft gethan, furchtlos dahin, um ihn auszurichten. Mehr als einer der wegemüden Abenteurer blickte dem kühnen Mädchen bewundernd nach; ja, selbst der stoische Indianer, der mit seinem erbeuteten Pelzwerk beladen heimkehrte, ward von Staunen ergriffen über die Schönheit des lieblichen Bleichgesichts.

Lucy wird mit ihrem Pferd zwischen den Rindern eingekeilt
Lucy wird mit ihrem Pferd zwischen den Rindern eingekeilt

Schon hatte Lucy die ersten Häuser der Stadt erreicht, als eine große Rinderherde, die in der Hut ihrer wildblickenden Treiber von der Steppe daherzog, ihr plötzlich den Weg versperrte. Ungeduldig über dies Hindernis, sprengte sie in die erste beste Lücke hinein, die sich zu öffnen schien. Kaum aber hatte sie das gethan, als die gehörnten Scharen hinter ihr nachdrängten und sie sich mit ihrem Pferde fest eingekeilt sah in dem unaufhaltsam vorwärts flutenden Strome. Ohne über ihre Lage zu erschrecken, benutzte sie geschickt jeden Vorteil, der sich ihr bot, um weiter zu kommen, und trieb ihr Pferd an, in der Hoffnung, sich einen Weg durch die Herde zu bahnen. Dabei geriet jedoch ein junger, feuriger Stier in allzu nahe Berührung mit dem Mustang und stieß seine Hörner in dessen Weichen. Das Pferd ward wild, stieg auf die Hinterbeine, schnaubte und schüttelte sich mit solcher Heftigkeit, daß Lucy ihre ganze Kunst anwenden mußte, um sich im Sattel zu halten. Die Gefahr, in der sie schwebte, war groß, bei jedem Sprunge stieß das Pferd wieder gegen die spitzigen Hörner und wurde zu neuer Wut gereizt. Wenn es seine Reiterin abwarf, wäre diese ohne Erbarmen von den Hufen der ungefügen, erschreckten Stiere zu Tode getreten worden. Der aufgewirbelte Staub drohte sie zu ersticken, ein Schwindel ergriff sie, und schon begann ihre Hand, die den Zügel hielt, zu erlahmen. Die Kraft würde ihr versagt haben, wenn nicht in diesem Augenblick ein herzhafter Zuruf dicht neben ihr sie mit neuem Mut erfüllt hätte. Eine braune, sehnige Faust ergriff den Mustang beim Zaume und machte ihm Bahn mitten durch die Herde, bis er wieder freien Spielraum vor sich sah und sich ungehindert bewegen konnte.

„Ich hoffe, Sie haben keinen Schaden genommen, Fräulein,“ sagte Lucys Retter in ehrfurchtsvollem Ton.

Sie sah ihm beherzt in das dunkle, kühne Antlitz und erwiderte unbefangen. „Einen furchtbaren Schrecken habe ich gehabt, wer hätte auch denken können, Poncho würde sich von einer Herde Ochsen ins Bockshorn jagen lassen.“

„Gottlob, daß Sie sich fest im Sattel hielten,“ sagte der andere ernst. Er war ein junger Bursche von kräftigem Gliederbau und etwas verwildertem Aeußern, trug ein grobes Jägerwams, eine lange Büchse über der Schulter und ritt auf einem mächtigen Braunfuchs.

„Sie sind wohl John Ferriers Tochter,“ fuhr er fort, „ich sah Sie unten von seinem Hause wegreiten. Fragen Sie ihn doch einmal, ob er sich noch an Jefferson Hope aus St. Louis erinnert. Wenn er der Ferrier ist, den ich meine, müssen mein Vater und er gute Freunde gewesen sein.“

„Wollen Sie nicht lieber kommen und ihn selbst danach fragen?“ entgegnete sie mit freundlicher Miene.

Dem jungen Manne schien der Vorschlag zu behagen, seine dunklen Augen glänzten vor Vergnügen. „Das will ich thun,“ sagte er; „ich bin zwar jetzt mit meinen Kameraden zwei Monate im Gebirge gewesen, da sehen wir nicht gerade besuchsmäßig aus, vielleicht nimmt Herr Ferrier aber mit uns fürlieb wie wir sind.“

„Mein Vater ist Ihnen großen Dank schuldig,“ erwiderte sie, „und ich gleichfalls. Er hat mich sehr lieb, und wenn mich die Tiere zu Boden getreten hätten, wäre er nie wieder froh geworden.“

„Ich auch nicht,“ versicherte der Jäger.

„Sie? — Ja, was sollten Sie sich denn groß darum kümmern? Sie gehören ja nicht einmal zu unsern Freunden.“

Die Miene des jungen Mannes verfinsterte sich so sichtlich, als Lucy Ferrier diese Aeußerung that, daß sie hell auflachte.

„Nein, so meine ich das nicht; natürlich sind Sie jetzt ein Freund unseres Hauses. Kommen Sie nur recht bald uns zu besuchen. Doch ich muß weiter, sonst läßt mich Vater nie wieder ein Geschäft für ihn besorgen. Auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen,“ sagte er, sich über ihre kleine Hand beugend, und nahm seinen breiten Sombrero ab. Sie ließ ihren Mustang eine kühne Schwenkung machen, versetzte ihm einen leichten Schlag mit der Peitsche und flog davon, die Landstraße hinunter, eine hohe Staubwolke hinter sich aufwirbelnd.

Der junge Jefferson Hope ritt mit seinen Gefährten langsam und schweigend weiter. Sie waren im Gebirge von Nevada gewesen, um nach Silber zu suchen, und kamen jetzt in die Salzseestadt zurück, mit der Hoffnung, dort ein Kapital zusammenzubringen, um die Erzgänge ausbeuten zu können, welche sie entdeckt hatten. Er war voll Eifer für das Unternehmen gewesen, bis das heutige Erlebnis seinen Gedanken eine andere Richtung gab. Der Anblick des schönen jungen Mädchens, das so frisch und frei war wie die Luft im Gebirge, hatte sein ungestümes, leidenschaftliches Herz bis in die innersten Tiefen erregt. Als sie ihm aus den Blicken entschwunden war, wußte er, daß ein Wendepunkt in seinem Leben eingetreten sei, und daß weder die Silbermine noch sonst etwas auf der Welt für ihn von Bedeutung war, neben dem neuen, ihn ganz beherrschenden Gefühl. Die Liebe, die in seinem Innern erwachte, glich nicht der plötzlichen und veränderlichen Laune eines Knaben, es war die wilde, unbezwingbare Leidenschaft eines Mannes von stolzem Sinn und starkem Willen. Alles was er bisher unternommen hatte, war von Erfolg gekrönt gewesen. In seinem Herzen gelobte er sich, auch dies höchste Gut zu erringen, wenn es für sein feuriges Streben irgend erreichbar war.

Noch am selben Abend besuchte er John Ferrier und ward seitdem ein häufig gesehener Gast in seinem Hause. Der alte Farmer war in den letzten zwölf Jahren ausschließlich mit seiner Arbeit beschäftigt gewesen und hatte sich wenig um die Außenwelt gekümmert. Durch Jefferson Hope erhielt er nun Kunde von dem, was sich draußen zugetragen, und alles, was dieser erzählte, zog Lucy ebenso sehr an, wie ihren Vater. Der junge Mann war als Pionier nach Kalifornien gegangen und wußte seltsame Dinge davon zu berichten, wie Reichtümer gewonnen und wieder verloren wurden in jenen Tagen wilder Begierde. Auch Pfadfinder war er gewesen und Pelzjäger, Silbergräber und Landwirt. Wo es galt, kühne Abenteuer zu bestehen, war Jefferson Hope überall als einer der ersten zu finden. Der alte John Ferrier, dem er bald lieb und wert wurde, ergriff jede Gelegenheit, um Gutes von ihm zu reden und ihm Lob zu spenden. Lucy schwieg dann meist still, aber ihre glühenden Wangen und hellen, glückstrahlenden Augen verrieten nur zu deutlich, daß die Liebe in ihrem Herzen Einzug gehalten hatte. Ihr wackerer Vater gewahrte vielleicht nichts von solchen Anzeichen, aber dem Manne, welcher das holde Mädchen für sich zu gewinnen trachtete, blieben sie nicht verborgen.

An einem Sommerabend stand Lucy auf der Schwelle des Hauses und sah Jefferson die Straße herabreiten und am Gitterthor halten. Als sie die Stufen hinunter eilte, um ihn zu begrüßen, band er rasch sein Pferd an den Zaun, und kam ihr auf dem Fußsteig entgegen.

„Ich muß fort, Lucy,“ sagte er, ihre Hand ergreifend und ihr zärtlich ins Auge blickend. „Ich will dich nicht bitten, mir schon jetzt zu folgen, wirst du aber bereit sein, mit mir zu ziehen, wenn ich zurückkehre?“

Lucy und Jefferson nehmen Abschied voneinander
Lucy und Jefferson nehmen Abschied voneinander

„Und wann wird das sein?“ fragte sie mit freudigem Erröten.

„In einigen Monaten. Dann komme ich, Geliebte, und bitte um deine Hand.“

„Was wird aber der Vater sagen?“

„Er hat seine Einwilligung gegeben, wenn es uns mit den Silberminen glückt. Davor ist mir nicht bange.“

„Nun, wenn ihr darüber eines Sinnes seid, der Vater und du, so darf ich keinen Einspruch erheben,“ flüsterte sie und barg ihre glühenden Wangen an seiner starken Brust.

„Gottlob!“ rief er beglückt, und drückte ihr einen innigen Kuß auf die Lippen, „soweit ist alles gut. Lebe wohl, mein Herz, ich darf nicht länger bleiben, sonst wird mir das Scheiden zu schwer. Die Kameraden warten auf mich in der Bergschlucht. In zwei Monaten sehen wir uns wieder. Lebe wohl!“

Er riß sich aus ihrer Umarmung, sprang in den Sattel und trabte mit Windeseile davon. Nicht einen Blick warf er noch zurück, als fürchte er, die Kraft möchte ihm versagen, wenn er sich noch einmal umschaute nach dem Glück, welches er verließ. Sie blieb am Gitterthor stehen und sah ihm nach, bis er ihren Augen entschwunden war. Dann kehrte sie ins Haus zurück. Ein glückseligeres Mädchen als Lucy Ferrier gab es in jenem Abend in ganz Utah nicht.

Zehntes Kapitel. John Ferrier spricht mit dem Propheten.

Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson Hope mit seinen Gefährten die Salzseestadt verlassen hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft und den Abschied von der geliebten Pflegetochter wollte John Ferrier das Herz wohl oft schwer werden; aber ein Blick in ihre glückstrahlenden Augen ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der Welt bewegen sollte, sein Kind einem Mormonen zur Frau zu geben, weil er eine solche Ehe als Schmach und Schande ansah. Was er auch sonst über die Lehren der Mormonen denken mochte, in diesem einen Punkt war er unbeugsam. Doch hütete er sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen galt es damals für ein gefährliches Ding, andere, als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen.

Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der größten Vorsicht, über religiöse Angelegenheiten zu reden, aus Furcht, eins ihrer Worte möchte falsch ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der Verfolgung waren jetzt selbst zu Verfolgern geworden und betrieben ihr Handwerk auf entsetzliche Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen Gesellschaften Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt, wie sie hier in Utah herrschte und die Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte.

Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und geheimnisvolle war, machte sie noch gefürchteter. Sie schien allwissend und allmächtig, und doch war nichts von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied, das sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand spurlos, ohne daß irgend jemand erfuhr, was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu Weib und Kind zurück, um zu erzählen, was das heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf ein rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte oft Tod und Vernichtung, aber niemand wußte, wann das Verhängnis über ihm schwebte oder wessen Hand die Strafe vollzog.

Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht, welche den Glauben der Mormonen bekannt hatten, sich aber später von ihnen loszumachen strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die Vielweiberei aufrecht zu erhalten, bedurfte man einer zahlreichen weiblichen Bevölkerung und der Zuzug von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame Gerüchte um, daß Einwanderer auf dem Zuge ermordet worden seien und ihre Lagerplätze ausgeplündert, in Gegenden, wohin keine Indianer je den Fuß gesetzt hatten. Zur selben Zeit sah man in den Harems der Aeltesten fremde Frauen auftauchen, welche trostlos weinten und dahinsiechten, im Antlitz den Ausdruck untilgbaren Entsetzens.

Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von Banden bewaffneter und vermummter Gestalten, die geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen vorübergehuscht waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte traten bald in greifbarer Form und mit größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen Seiten bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag spricht man in den abgelegenen Farmhäusern des Westens noch mit Grausen von den Danitischen Banden, die im Volksmunde auch ‚Würgengel‘ genannt wurden.

Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen erfuhr, um so größer ward das Entsetzen vor ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen derer, welche unter dem Deckmantel der Religion ihre blutigen Gewaltthaten verübten, blieben in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten Freunde selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an der Sendung des Propheten nicht anvertrauen, denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer gehören, welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu üben kamen. So mißtraute denn ein Nachbar dem andern und keiner wagte von den Dingen zu reden, die ihm vor allem am Herzen lagen. —

Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade zu einem Gang durch seine Weizenfelder rüsten, als er die Gitterthür gehen hörte und einen starken, blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg heraufkommen sah. Er erschrak heftig, denn es war niemand anderes als der große Brigham Young in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er wußte wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für ihn zu bedeuten habe, eilte Ferrier dem Oberhaupt der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und folgte ihm schweigend ins Wohnzimmer.

„Bruder Ferrier,“ sagte er, mit strenger Miene Platz nehmend, und warf unter seinen hellfarbenen Augenbrauen hervor einen durchdringenden Blick auf den alten Farmer, „die wahren Gläubigen haben dir treue Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran warst, in der Wüste zu verschmachten, nahmen wir dich auf in unsere Mitte, labten dich mit Trank und Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung; dort gaben wir dir ein schönes Ackerland und ließen dich reich werden in unserm Schutz. Ist es nicht, wie ich sage?“

„Ja, so ist es,“ bestätigte Ferrier.

„Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur die eine Bedingung, daß du den wahren Glauben annehmen und dich unsern Sitten und Gebräuchen unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun; aber, wenn wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen nicht gehalten.“

„Worin habe ich denn gefehlt?“ rief Ferrier. „Habe ich nicht in die gemeinsame Kasse gesteuert? Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel besucht? Habe ich nicht —“

„Wo sind deine Frauen?“ fragte Young, sich umblickend. „Rufe sie herbei, daß ich sie begrüßen kann.“

„Es ist wahr,“ versetzte der Farmer, „ich habe nicht geheiratet. Aber es war nur eine geringe Anzahl Frauen vorhanden und andere Gemeindeglieder hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.“

„Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit dir reden möchte,“ sagte der Führer der Mormonen. „Sie ist zur Blume von Utah erblüht und Männer, die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein Auge des Wohlgefallens auf sie geworfen.“

John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes Schwert durchs Herz.

„Man erzählt von ihr, was ich nur ungern wiederhole — daß sie sich einem Ungläubigen versiegelt hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger Zungen sein, denn — wie lautet die dreizehnte Regel im Gesetz Josef Smiths, des Heiligen? — ‚Eine Tochter, die sich zum wahren Glauben bekennt, darf nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten. Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer schweren Sünde schuldig.‘ Es ist nicht möglich, daß du, als Anhänger unserer heiligen Lehre, deiner Tochter gestattet haben solltest, dies Gebot zu übertreten.“

John Ferrier gab keine Antwort, er atmete schwer.

„Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden, daß dieser eine Punkt zum Prüfstein für deinen Glauben dienen soll,“ fuhr der Prophet fort. „Das Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart vermählen, und ihr sogar die Wahl lassen. Wir, die Aeltesten, sind bereits wohl versehen, aber wir müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen würde deine Tochter mit Freuden in seinem Hause willkommen heißen. Sie soll sich für einen von ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen sich zu dem wahren Glauben. Was hast du darauf zu erwidern?“

Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und schwieg eine Weile.

„Ihr werdet uns Zeit lassen,“ sagte er endlich. „Meine Tochter ist sehr jung — noch kaum in heiratsfähigem Alter.“

„Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,“ sagte Young von seinem Sitz aufstehend. „Ist diese Frist zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.“

In der Thür wandte er sich noch einmal zurück; sein Gesicht war gerötet, seine Augen funkelten. „Wenn jetzt dein und ihr Gebein im Wüstenstaub bei der Sierra Blanca moderte,“ rief er mit Donnerstimme, „es wäre weit besser für dich, John Ferrier, und für sie, als wenn ihr in eurer Ohnmacht wagen solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier zu trotzen.“

Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann verließ er das Haus und man hörte den Kies auf dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen.

Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf in die Hand gestützt, als er sich leise an der Schulter berührt fühlte. Er blickte auf und sah Lucy neben sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war.

Brigham Young hebt drohend seinen Regenschirm
Brigham Young hebt drohend seinen Regenschirm

„Ich konnte nicht anders,“ flüsterte sie voll Bangigkeit, „ich habe alles gehört — seine Stimme schallte durch das ganze Haus. O Vater, Vater — was sollen wir thun?“

„Sei ohne Furcht,“ sagte er, sie an sich ziehend, und ließ seine breite, rauhe Hand zärtlich über ihr braunes Haar gleiten. „Irgendwie wollen wir’s schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor an deinem Verlobten, nicht wahr?“

Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand.

„Ich hab’ mir’s gleich gedacht; so ein hübscher Bursche und ein ordentlicher Christenmensch obendrein; denn das ist hier keiner von allen, trotz ihrer vielen Gebete und Predigten. — Morgen reist eine Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen, daß ich ihm eine Botschaft schicken kann, um ihn wissen zu lassen, in welcher Not wir stecken. Wenn er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich sehr in dem jungen Mann getäuscht haben.“

Lucy lächelte unter Thränen. „Wenn er kommt, wird er uns zu raten und zu helfen wissen,“ sagte sie zuversichtlich. „Aber ich ängstige mich deinetwegen, Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge erzählen, wie es denen ergeht, die sich dem Willen des Propheten widersetzt haben.“

„Aber wir haben das noch gar nicht gethan,“ entgegnete der Alte, „und brauchen uns vorläufig nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden wir gut thun, Utah den Rücken zu kehren.“

„Was wird denn aber aus deinem Besitztum?“

„Wir machen zu Geld, was wir können, und lassen das Uebrige zurück. Ich will dir nur offen gestehen, Lucy, daß ich schon längst mit diesem Gedanken umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu Kreuze kriechen, wie die Leute hier vor ihrem verwünschten Propheten. Als freier Mann bin ich geboren und kann mich in diese Art nicht mehr finden — ich bin wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten, mir noch einmal ins Gehege zu kommen, sonst hat er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich’s versieht.“

„Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,“ warf Lucy ängstlich ein.

„Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson kommt. Beruhige dich jetzt, mein Herzchen, und weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei Gefahr, und du brauchst nichts zu fürchten.“

John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit großer Zuversicht, doch konnte Lucy nicht umhin, zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur Nacht verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte, rostige Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der Wand seines Schlafzimmers hing, aufs sorgfältigste gereinigt und geladen hatte.

Elftes Kapitel. Eine Flucht auf Leben und Tod.

Am Morgen nach seiner Unterredung mit dem Propheten begab sich John Ferrier nach der Salzseestadt, suchte dort seinen Bekannten auf, welcher im Begriff stand, ins Gebirge von Nevada zu reisen, und vertraute ihm die Botschaft für Jefferson Hope an. Er hatte dem jungen Manne geschrieben, von welcher furchtbaren Gefahr sie bedroht seien und ihn aufgefordert, unverzüglich zurückzukehren. Nachdem dies geschehen war, ging er erleichterten Herzens heim.

Als er sich seinem Hause näherte, sah er mit Verwunderung, daß an jedem der Thürpfosten ein Pferd angebunden stand. Im Wohnzimmer aber traf er zwei junge Männer, die sich höchst behaglich zu fühlen schienen. Der eine, mit hageren, blassen Zügen, lag im Armstuhl ausgestreckt, die Füße auf dem niedrigen Ofen. Der andere, ein Mensch mit aufgedunsenem, gemeinem Gesicht und einem Stiernacken, stand, die Hände in den Taschen, am Fenster und pfiff eine Melodie. Beide nickten Ferrier vertraulich zu, und der junge Mensch im Armstuhl begann das Gespräch.

„Sie kennen uns vielleicht nicht,“ sagte er. „Dies hier ist der Sohn des Aeltesten Drebber und ich bin Josef Stangerson, der mit im Zuge war, als der Herr in der Wüste seine Hand ausstreckte, um Sie mit der Herde der Gläubigen zu vereinen.“

„Wie er alle Völker versammeln wird zu seiner Zeit!“ fiel der andere mit schnarrender Stimme ein. „Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher.“

John Ferrier verbeugte sich kühl; er hatte sich schon denken können, wer die Besucher waren.

„Wir kommen auf den Rat unserer Väter,“ fuhr Stangerson fort, „und werben um die Hand Ihrer Tochter für denjenigen von uns beiden, welcher Ihnen und ihr am meisten zusagt. Da ich nur vier Frauen habe und Bruder Drebber hier deren sieben besitzt, so scheint mir, daß ich den nächsten Anspruch habe.“

„Bewahre, Bruder Stangerson,“ rief der andere; „es handelt sich nicht darum, wie viele Frauen man hat, sondern wie viele man ernähren kann. Mein Vater hat mir jetzt die Fabriken übergeben, und ich bin reicher als du.“

„Aber ich habe bessere Aussichten,“ erwiderte jener eifrig. „Wenn der Herr meinen Vater zu sich nimmt, bekomme ich die Lohgerberei und die Lederfabrik. Auch bin ich älter als du und mein Ansehen in der Kirche ist größer.“

„Das Mädchen soll zwischen uns entscheiden,“ entgegnete der junge Drebber, sich wohlgefällig im Spiegel betrachtend; „wir wollen es ihr ganz überlassen.“

Während dieses Zwiegesprächs stand John Ferrier schäumend vor Wut an der Thür. Es zuckte ihm in allen Fingern, seine Reitpeitsche auf den Rücken der beiden Bewerber niedersausen zu lassen.

„Hört einmal,“ sagte er endlich, auf sie zuschreitend, „wenn meine Tochter euch rufen läßt, mögt ihr kommen; bis dahin bitte ich mir aus, daß ihr mir den Anblick eurer Gesichter erspart!“

Die jungen Mormonen starrten ihn in maßlosem Erstaunen an. In ihren Augen war dieser Wettbewerb um die Hand des Mädchens die höchste Ehre, welche sie Vater und Tochter erweisen konnten.

„Es giebt zwei verschiedene Ausgänge aus diesem Zimmer,“ fuhr Ferrier zornglühend fort, „einen durch die Thür, den anderen durch das Fenster. Ihr habt die Wahl.“

Seine Miene war so drohend und seine hagern Hände schienen so eisenstark, daß die beiden unwillkommenen Besucher eilig aufsprangen und den Rückzug antraten. Der alte Mann folgte ihnen bis zur Thür.

„Sobald ihr untereinander ausgemacht habt, wer es sein soll, laßt mich’s wissen,“ rief er ihnen höhnisch nach.

„Dafür sollt Ihr büßen,“ schrie Stangerson bleich vor Erregung. „Ihr habt dem Propheten getrotzt und dem hohen Rat der Vier — das sollt Ihr bereuen bis an Euer Lebensende.“

„Die Hand des Herrn werdet Ihr fühlen,“ stimmte der junge Drebber ein. „Er wird wider Euch aufstehen und Euch schlagen.“

„Mit dem Schlagen kann es gleich seinen Anfang nehmen,“ rief Ferrier zornbebend. Er wollte die Flinte von der Wand reißen, aber Lucy war herzugeeilt und fiel ihm in den Arm. Bevor er sich noch von ihr losmachen konnte, tönte schallender Hufschlag und die Flüchtlinge waren außer seinem Bereich.

„Die jungen heuchlerischen Schurken,“ murmelte er voll Ingrimm; „weit lieber möchte ich dich im Grabe sehen, mein Herzenskind, als daß dich einer von ihnen als sein Weib heimführte.“

„Ja Vater, — lieber sterben!“ erwiderte sie entschlossen. „Doch bald wird Jefferson hier sein.“

„Freilich — und je früher er kommt, desto besser ist es. Wer kann wissen, was jene gegen uns im Schilde führen.“

Es war in der That hohe Zeit, daß ein kluger Ratgeber und Helfer dem wackern alten Ferrier und seiner Tochter in ihrer Not beistand. Seit der Gründung der Niederlassung war ein solches Beispiel von Ungehorsam und Widersetzlichkeit gegen die Befehle der Aeltesten noch niemals vorgekommen. Wenn schon kleine Vergehen mit unnachsichtiger Strenge bestraft wurden, welches Schicksal erwartete dann diesen Erzrebellen? Ferrier wußte, daß weder sein Reichtum noch seine Stellung ihn schützen würde. Leute, die über ebenso große Mittel verfügten und in nicht geringerem Ansehen standen wie er, waren schon spurlos verschwunden und ihre Güter der Kirche anheimgefallen. Der tapfere Mann hätte sich jeder offenen Gefahr kühn entgegengestellt, aber das düstere unheimliche Verhängnis, das über ihm schwebte, erschütterte seine starke Seele und flößte ihm Grauen ein. Zwar verbarg er seine Furcht vor der Tochter und that, als lege er der ganzen Sache nicht viel Wert bei, allein, mit dem scharfen Auge der Liebe erkannte Lucy nur zu deutlich die Unruhe in seinem Gemüt.

Nach dem, was vorgefallen war, mußte er sich darauf gefaßt machen, von Young wegen seines Benehmens eine Rüge oder Warnung zu erhalten. Die Botschaft traf auch wirklich ein, aber sie kam auf eine ihm völlig unerwartete Weise. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er auf der Bettdecke gerade über seiner Brust einen kleinen viereckigen Zettel angesteckt, auf welchem mit großen deutlichen Buchstaben die Worte standen: „Neunundzwanzig Tage sind dir zur Sühne gewährt, und dann — —“

Jede Drohung wäre weniger furchtbar gewesen als der beängstigende Gedankenstrich. John Ferrier zerbrach sich vergebens den Kopf, wie der Zettel in sein Zimmer gekommen sein könne, denn das Gesinde schlief in einem Nebenbau und er hatte mit eigener Hand alle Fenster und Thüren wohl verwahrt und verschlossen. Er vernichtete das Papier und sagte seiner Tochter nichts von dem Vorfall, aber ihn schauderte doch, wenn er daran dachte. Die neunundzwanzig Tage waren offenbar der Rest des Monats, den Brigham Young ihm zugesagt hatte. Was vermochten aller Mut und alle Kraft gegen einen Feind auszurichten, der so geheimnisvolle Hilfsmittel besaß? Die Hand, welche jenen Zettel befestigte, hätte ihn ebenso gut ins Herz treffen können und kein Mensch würde jemals erfahren haben, wer ihn erschlagen.

Am folgenden Morgen wurde er noch heftiger erschüttert. Sie saßen zusammen beim Frühstück, als Lucy plötzlich einen Schrei der Ueberraschung ausstieß und nach oben blickte. Mitten auf der Zimmerdecke stand in schwarzer Schrift die Zahl 28. Seine Tochter wußte nicht, was das zu bedeuten habe und er klärte sie nicht auf. Die folgende Nacht hindurch saß Ferrier mit der geladenen Flinte da und hielt Wache. Alles blieb still, er vernahm keinen Laut, aber am nächsten Morgen fand er die Zahl 27 auf seiner Hausthür angeschrieben.

So verging ein Tag nach dem andern und jeder neue Morgen brachte ihm Kunde, daß seine unsichtbaren Feinde ihre Rechnung weiter führten. An irgend einer Stelle, die ihm ins Auge fallen mußte, hatten sie die Anzahl der Tage verzeichnet, die ihm noch von der Gnadenfrist übrig blieb. Bald tauchten die verhängnisvollen Nummern an den Wänden auf, bald auf dem Fußboden, manchmal standen sie auf kleinen Anschlagzetteln, die an dem Gartenthor oder den Gitterstäben befestigt waren. Trotz aller Wachsamkeit konnte Ferrier nicht entdecken, woher diese täglichen Mahnzeichen kamen und er empfand ein fast abergläubisches Grauen, so oft er eine neue Zahl gewahrte. Er kam sich vor wie ein gehetztes Wild, eine verzehrende Unruhe ergriff ihn und wer in seinem Auge zu lesen verstand, konnte sehen, welche Qualen er litt. Nur der Gedanke, daß der junge Jäger jetzt bald aus Nevada eintreffen müsse, hielt ihn noch aufrecht.

Aus 20 war 15, aus 15 war 10 geworden, aber noch traf keine Nachricht von dem fernen Freunde ein. Immer kleiner ward die Zahl der noch übrigen Tage und Jefferson ließ sich nicht blicken. Vernahm man einen Hufschlag oder kam ein Fuhrmann des Weges gefahren, so eilte der alte Farmer an das Thor, weil er glaubte, daß die ersehnte Hilfe da sei. Erst als auf die 5 die 4 folgte und aus dieser eine 3 wurde, sank ihm der Mut, und er gab jede Hoffnung verloren.

Wenig vertraut mit Weg und Steg in den Gebirgen, welche die Ansiedlung umgaben, konnte er, auf sich allein angewiesen, die Rettung nicht ins Werk setzen; alle bekannten Pfade wurden aufs strengste bewacht, und jeder Wanderer, der sich darauf betreten ließ, mußte einen Passierschein des Hohen Rats vorweisen können. Wohin sich also Ferrier wenden mochte, nirgends bot sich ihm die Möglichkeit, dem Verhängnis zu entfliehen, das ihn bedrohte; dennoch schwankte der alte Mann keinen Augenblick in seinem Entschluß, lieber das Leben zu verlieren, als seine Tochter jener Verbindung preiszugeben.

Er war in schweren Sorgen abends allein aufgeblieben und sann vergebens nach, ob denn kein Entrinnen mehr möglich sei. Am Morgen war die Zahl 2 auf der Hauswand erschienen und mit dem nächsten Tage ging die festgesetzte Frist zu Ende. Was würde dann geschehen? — Seine Einbildungskraft war geschäftig, sich alle erdenklichen Schrecken auszumalen. Und was sollte aus seiner Tochter werden, wenn er ihr nicht mehr zur Seite stand? — Er sah sich rings von einem unsichtbaren Netz umgeben, das sich immer dichter zusammenzog. Von dem Gefühl seiner Ohnmacht überwältigt, brach er in schmerzliches Schluchzen aus und das Haupt sank ihm auf die Brust.

Aber was war das? — Durch die Stille der Nacht kam plötzlich ein leiser, schnarrender Ton deutlich zu ihm herüber. Er schien von der Hausthür zu kommen. Ferrier schlich geräuschlos durch den Gang und horchte scharf hinaus. Einige Augenblicke vergingen, dann ließ sich der seltsame, schwache Laut wieder vernehmen. Es klopfte jemand mit großer Behutsamkeit an der Thür. War es ein nächtlicher Abgesandter des heimlichen Gerichts, der gekommen war, um dessen Mordbefehl auszuführen, oder sollte ihm noch besonders angekündigt werden, daß der letzte Tag herannahe? Die furchtbare Ungewißheit schüttelte ihn wie im Fieber und nahm ihm jede Widerstandskraft. Länger vermochte er die Qual nicht mehr zu ertragen, mit der verglichen der Tod eine Erlösung schien. Rasch entschlossen zog er den Riegel zurück und öffnete die Thür.

Vor der offenen Tür liegt ein Mann auf dem Boden
Vor der offenen Tür liegt ein Mann auf dem Boden

Draußen war alles still. Die Sterne flimmerten am klaren Nachthimmel und weder in dem kleinen Vorgarten, den der Zaun umschloß, noch auf der Straße jenseits des Gitterthors, war ein menschliches Wesen zu erblicken. Ferrier sah nach rechts und nach links und atmete erleichtert auf. Als er aber zufällig gerade vor sich auf den Boden schaute, sah er mit Entsetzen zu seinen Füßen einen Mann platt auf der Erde liegen, Arme und Beine weit von sich gestreckt.

Der Anblick erschütterte ihn so sehr, daß er gegen die Wand taumelte und Mühe hatte, den wilden Schrei zu ersticken, der sich ihm auf die Lippen drängte. Sein erster Gedanke war, daß es ein Verwundeter oder Sterbender sein müsse; allein plötzlich kam Leben in die Gestalt, sie wand sich wie eine Schlange behende und geräuschlos am Boden entlang und erreichte den Hausflur. Sobald der Mann über die Schwelle gekommen war, sprang er rasch in die Höhe, schloß die Thür und vor dem überraschten Farmer stand Jefferson Hope mit ingrimmiger, entschlossener Miene.

„Großer Gott — du bist es —,“ keuchte John Ferrier; „weshalb kommst du so geschlichen? Du hast mich furchtbar erschreckt.“

„Gieb mir zu essen,“ rief jener mit heiserer Stimme, „seit achtundvierzig Stunden habe ich weder Trank noch Speise zu mir genommen.“ Er griff gierig nach Brot und Fleisch, das noch von Ferriers Abendmahlzeit auf dem Tische stand. „Hält sich Lucy tapfer?“ war seine erste Frage, sobald er seinen Heißhunger gestillt hatte.

„Ja, doch kennt sie die Größe der Gefahr nicht.“

„Das ist gut. Das Haus wird von allen Seiten bewacht; ich konnte mich nur kriechend nähern, um nicht bemerkt zu werden. Sie passen scharf auf, doch sind sie nicht schlau genug, um einen Washoe-Jäger zu fangen.“

John Ferrier war wie umgewandelt, nun er auf den Beistand eines getreuen Verbündeten zählen durfte. „Du bist ein Mann unter Tausenden,“ rief er, Jeffersons Hand herzlich schüttelnd; „nicht jeder wäre gekommen, um Gefahr und Not mit uns zu teilen.“

„Wärst du allein in der Bedrängnis, Vater, wahrlich — ich hätte es mir wohl zweimal überlegt, bevor ich mich in dieses Wespennest wagte,“ erwiderte der junge Hope freimütig. „Um Lucys willen bin ich hier und ehe ich zugebe, daß ihr ein Leid geschieht, müssen sie mir das Leben nehmen.“

„Was soll denn aber nun werden? Laß uns rasch handeln!“

„Morgen ist euer letzter Tag; wenn wir nicht diese Nacht entfliehen, seid ihr verloren. In der Adlerschlucht stehen zwei Pferde und ein Maultier bereit. Wieviel Geld hast du?“

„Zweitausend Dollars in Gold und fünftausend in Banknoten.“

„Das genügt; ich kann etwa die gleiche Summe hinzulegen. Wir müssen übers Gebirge nach Carson City. Lucy soll sich sogleich fertig machen. Gut, daß die Dienstboten nicht im Hause schlafen.“

Während Ferrier ging, seine Tochter zu wecken, traf Jefferson Hope die nötigen Vorkehrungen zur Flucht. Was sich von Eßwaren vorfand, packte er in ein kleines Bündel und füllte einen Steinkrug mit Wasser, da er wußte, daß sie in den Bergen nur auf wenige Quellen stoßen würden. Jetzt kehrte auch Ferrier mit Lucy zurück; beide waren zum Aufbruch bereit. Die Liebenden begrüßten einander mit wenigen herzlichen Worten, jeder Augenblick war kostbar und es gab noch viel zu überlegen.

„Wir müssen auf der Stelle fort,“ sagte Jefferson mit leiser, aber fester Stimme. „Es gilt der Gefahr mutig zu trotzen. Beide Eingänge, der vordere sowohl als der hintere, werden bewacht, aber bei gehöriger Vorsicht können wir durch das Seitenfenster entfliehen, das auf die Felder geht. Haben wir erst die Straße erreicht, so sind wir nur eine kurze halbe Stunde von der Schlucht entfernt, wo die Pferde warten. Bei Tagesanbruch müssen wir schon tief im Gebirge sein.“

„Aber, wenn wir angehalten werden?“ fragte Ferrier.

Hope deutete auf die Mündung des Revolvers, den er in seinem Wamse trug. „Wenn ihrer zu viele sind, müssen zwei oder drei ins Gras beißen,“ sagte er mit grimmigem Lächeln.

Alles Licht im Hause war ausgelöscht und Ferrier warf durch das dunkle Fenster noch einen Blick auf seine Wiesen und Felder hinaus, welche er für immer verlassen sollte. Schon längst war er jedoch auf dies Opfer vorbereitet und der Gedanke an seiner Tochter Glück und Ehre verscheuchte allen Kummer über den Verlust seines Eigentums. Die Gegend lag so still und friedlich da, die Bäume rauschten und das Korn wogte im Winde; es war schwer zu glauben, daß da draußen allerwärts der Mord auf sie lauere. Die bleiche, entschlossene Miene des jungen Jägers verriet aber nur allzu deutlich, daß er auf dem Wege nach dem Hause genug gesehen hatte, um darüber keinerlei Zweifel zu hegen.

Ferrier trug einen Sack mit dem Gold und den Banknoten, Jefferson die Vorräte an Eßwaren und den Wasserkrug; Lucy hatte ihre liebsten Besitztümer in ein Bündel geschnürt. Langsam und vorsichtig öffneten sie das Fenster und warteten, bis eine dunkle Wolke, die herangezogen kam, die Gegend in Finsternis hüllte, dann kletterten sie geräuschlos in den Vorgarten hinab. Mit verhaltenem Atem, halb schleichend, halb kriechend, erreichten sie glücklich den Heckenzaun, in dessen Schutze sie vorwärts eilten, bis sie an eine Lücke kamen, durch welche man in die Felder hinaus gelangte. Sie befanden sich gerade an dieser Stelle, als Jefferson sich plötzlich zu Boden warf, und Vater und Tochter mit sich zog. Das geübte Ohr des Steppenjägers hatte ein Geräusch vernommen. Kaum lauerten sie in ihrem Versteck, als wenige Schritte von ihnen der trübselige Ruf einer Bergeule ertönte, dem ein anderer Eulenruf aus einiger Entfernung antwortete. Gleich darauf sahen sie den Schatten eines Mannes an der Zaunlücke vorbeigleiten und eine zweite Gestalt tauchte aus dem Dunkel auf.

„Morgen um Mitternacht, wenn das Käuzchen dreimal ruft,“ sagte der erste im Ton des Befehls.

„Wohl,“ versetzte der zweite; „soll ich Bruder Drebber benachrichtigen?“

„Sage ihm die Weisung, er soll sie weiter geben. Neun und sieben.“

„Sieben und fünf!“ entgegnete der andere, und die beiden entfernten sich nach verschiedenen Richtungen. Ihre letzten Worte sollten offenbar eine Art Losung sein. Kaum waren ihre Tritte verhallt, als Jefferson aufsprang und mit seinen Gefährten, so rasch sie ihre Füße trugen, quer durch die Felder lief.

„Vorwärts, vorwärts,“ keuchte er von Zeit zu Zeit; „wir sind schon an den Wachtposten vorbei, nur die größte Eile kann uns retten.“

Wenn Lucys Kräfte zu versagen drohten, half er ihr und stützte sie mit starkem Arm. Auf der Landstraße angelangt, kamen sie rasch weiter, und kurz vor der Stadt bog ihr Führer in einen schmalen, steilen Pfad ab, der zu den Bergen aufstieg. Zwei dunkle, zerklüftete Felsspitzen ragten vor ihnen empor in der Finsternis; zwischen diesen öffnete sich die Adlerschlucht, wo die Pferde warteten. Von sicherm Instinkt geleitet, fand Jefferson den Weg zwischen Felsblöcken und in dem trockenen Bett eines Waldbachs, bis sie den versteckten Schlupfwinkel erreichten, wo er die treuen Tiere festgebunden hatte. Das Mädchen bestieg das Maultier und Ferrier mit dem Geldsack eines der Pferde, während Jefferson Hope das andere auf dem gefährlichen Pfade am Zügel führte.

Rechter Hand ragte eine wohl tausend Fuß hohe Felswand und zur Linken lagen Steinblöcke und Trümmer wild durcheinander geworfen. Der Fußsteg, der in regelmäßigem Zickzack mitten durch diese Wildnis führt, war an manchen Stellen so schmal, daß sie ihn hintereinander einzeln verfolgen mußten, und so rauh, daß nur die geübtesten Reiter ihn ohne Unfall passieren konnten.

Trotz aller Mühsal und Beschwerde war den Flüchtlingen dennoch fröhlich zu Mut, weil jeder Schritt, den sie vorwärts thaten, sie weiter aus dem Bereich des Tyrannen brachte, dem sie entrinnen wollten.

Bald jedoch erhielten sie den Beweis, daß sie noch immer nicht dem Bann der ‚Heiligen‘ entflohen waren. Sie hatten eben die ödeste und wildeste Stelle des Gebirgspasses erreicht, als Lucy mit einem Ausruf des Schreckens nach oben deutete. Auf einem Felsvorsprung, der den Pfad beherrschte und sich klar gegen den Himmel abhob, stand ein einsamer Wachtposten. Er hatte die Reiter gleichfalls bemerkt und seine Frage: „Wer geht da?“ klang herausfordernd durch die stille Schlucht.

„Reisende nach Nevada,“ rief Jefferson Hope, die Hand an der Flinte, welche am Sattel hing.

„Mit wessen Erlaubnis?“ schallte es von oben herunter.

„Der heiligen Vier,“ gab Jefferson zur Antwort. Er wußte von seinem Aufenthalt bei den Mormonen, daß dies die höchste Obergewalt sei.

„Neun und sieben!“ rief die Schildwache.

„Sieben und fünf!“ entgegnete Jefferson rasch, sich der Losung erinnernd, die er im Garten gehört hatte.

Die Flüchtenden passieren den Wächter, der mit seinem Gewehr im Arm auf einem Felsen steht
Die Flüchtenden passieren den Wächter, der mit seinem Gewehr im Arm auf einem Felsen steht

„Passiert — der Herr sei mit euch!“ ertönte es von der Felsspitze.

Bald darauf war der Weg breiter und die Pferde konnten sich in Trab setzen. Noch einmal sahen sie zurück nach dem einsamen Wächter, der sein Gewehr im Arm, an dem Felsen lehnte. Sie wußten, daß sie den letzten Posten der Mormonen hinter sich hatten und die Freiheit vor ihnen lag.

Zwölftes Kapitel. Die Würgengel.

Die ganze Nacht hindurch wanderten die Flüchtlinge über felsiges Gestein und durch die verschlungensten Pfade. Kamen sie auch öfters vom Wege ab, so wußte sich doch Jefferson, bei seiner genauen Kenntnis des Gebirges, immer wieder zurecht zu finden. Beim Morgengrauen enthüllte sich ihnen ein Schauspiel von wilder, aber wunderbarer Schönheit. In der weiten Runde sahen sie sich ringsum von hohen, schneebedeckten Berggipfeln eingeschlossen, die bis zu unabsehbaren Fernen neben und über einander emporragten. Droben im Gestein wurzelten Lärchen- und Fichtenbäume, die der nächste Windstoß von den steilen Felswänden auf ihre Häupter herabschleudern konnte; es lagen Steintrümmer und Baumstämme genug unten im Thal verstreut, zum Zeichen, daß ein solcher Absturz wohl zu fürchten sei. Eben jetzt löste sich wieder ein großes Felsstück und fiel donnernd in die Tiefe; erschreckt fuhren die müden Pferde auf und setzten sich in schärferen Trab.

Nun stieg die Sonne über den östlichen Horizont und entzündete die Berggipfel wie Lampen bei einem Fest, einen nach dem andern, bis sie alle glühten und leuchteten. Es war ein Anblick von solcher Erhabenheit, wie ihn die Flüchtlinge noch nie geschaut; er erfreute ihre Herzen und stärkte sie mit neuer Kraft und Zuversicht. Am Ufer eines Waldbaches, der aus der Schlucht hervorbrauste, machten sie bald darauf Halt, tränkten ihre Pferde und nahmen ein hastiges Mahl ein. Lucy und ihr Vater hätten gern eine Weile gerastet, aber Jefferson gab das nicht zu. „Sie sind uns jetzt gewiß schon auf der Spur,“ sagte er; „Eile thut vor allem not. Erst wenn wir sicher in Carson angelangt sind, dürfen wir daran denken, der Ruhe zu pflegen.“

Den ganzen Tag lang ging es weiter durch Hohlwege und Schluchten; am Abend mußten sie nach ihrer Berechnung weit mehr als dreißig Meilen zurückgelegt haben. Erschöpft suchten sie nun unter einer vorspringenden Klippe Schutz vor dem kühlen Nachtwind, schmiegten sich fest aneinander, um sich zu erwärmen und gönnten sich einige Stunden Schlaf. Bis jetzt hatten sie nicht das geringste Anzeichen einer Verfolgung entdeckt und Jefferson Hope glaubte schon, dem grimmigen Feinde glücklich entronnen zu sein. Ach, er ahnte nicht, wie weit dessen gefürchteter Arm reichte, und wie bald er sich ausstrecken würde, um sie erbarmungslos zu zerschmettern.

Um die Mittagszeit des zweiten Tages ihrer Flucht begann ihr geringer Vorrat von Lebensmitteln auf die Neige zu gehen. Dem Jäger machte das wenig Sorge; es mangelte nicht an Wildpret im Gebirge und seine Flinte hatte ihm schon öfters die nötige Nahrung verschafft. An einer geschützten Stelle häufte er trockene Zweige auf und zündete ein mächtiges Feuer an, damit sich Vater und Tochter wärmen könnten, denn sie befanden sich jetzt in einer Höhe von 5000 Fuß über dem Meeresspiegel und die Luft wehte scharf und kalt. Jefferson band die Pferde fest, nahm Abschied von Lucy, warf die Flinte über die Schulter und zog aus, um sein Waidmannsglück zu versuchen. Als er sich noch einmal umwandte, sah er den Alten neben dem jungen Mädchen am Feuer sitzen und im Hintergrunde die drei Reitpferde, bewegungslos, wie aus Stein gehauen. Schon im nächsten Augenblick hatten die Felsen ihm das Bild verdeckt.

Mehrere Meilen wanderte er von Schlucht zu Schlucht, ohne auf eine Beute zu stoßen, wiewohl er aus mancherlei Anzeichen erkannte, daß Bären in der Nähe sein mußten. Schon wollte er nach mehrstündigem fruchtlosem Suchen unverrichteter Sache zurückkehren, als er zu seiner Freude auf einem Felsvorsprung, um einige hundert Fuß über der Stelle, an der er stand, den gewaltigen Kopf eines Dickhorns gewahrte, jenes wilden Bergschafes, das sich herdenweise in diesen Höhen findet. Rasch warf sich Jefferson zu Boden, stützte sein Schießgewehr auf einen Steinblock, zielte lange und gab Feuer. Das Tier that einen Sprung in die Luft, schwankte einen Augenblick am Rande des Abgrunds und stürzte dann jäh ins Thal hinab, wohin Jefferson eilig nachkletterte. Die ganze Beute fortzuschaffen war unmöglich, der Jäger mußte sich begnügen, mit seinem Jagdmesser einen Schenkel des Tieres abzuschneiden und auf seine Schulter zu laden. Nachdem dies geschehen, machte er sich ohne Zaudern auf den Rückweg, — aber das war kein leichtes Beginnen. Der Abend brach schon herein und in dem ungewissen Dämmerlicht war es schwer, sich zurecht zu finden, denn das Thal verzweigte sich in viele Schluchten, die alle einander zum Verwechseln ähnlich sahen. Mühsam war Jefferson in der einen Schlucht emporgeklommen, als ihm ein Bergstrom entgegenschoß und seinen Weg hemmte; nun ging er zurück und wählte einen andern Aufstieg, aber ohne bessern Erfolg. Es war bereits Nacht geworden, als er endlich an einen Hohlweg gelangte, der ihm bekannt vorkam. Abermals kletterte er zwischen den steilen Felswänden aufwärts mit seiner Last. Der Pfad lag im tiefsten Dunkel, denn der Mond war noch nicht aufgegangen, und Jefferson strauchelte oft auf dem rauhen Wege; doch der Gedanke, daß er mit jedem Schritt seiner geliebten Lucy näher kam, trieb ihn rastlos weiter; auch brachte er ja genug Vorrat mit, um sie während der ganzen Dauer der Flucht vor Mangel zu schützen. Auf der Höhe angekommen, ward er zu seiner Freude gewahr, daß er von der Stelle, wo er seine Schutzbefohlenen verlassen hatte, nicht mehr allzufern sei; schon erkannte er, trotz der Finsternis, die schwachen Umrisse der Felsspitzen am Eingang der Schlucht. Fast fünf Stunden war er fortgeblieben — mit wie banger Sehnsucht mochten sie ihn erwarten. Um seine glückliche Rückkehr zu verkünden, rief er ein lautes Hallo! in die Berge hinein. Dann stand er lauschend da, ob keine Antwort käme, aber nur der Ton seiner eigenen Stimme schallte in vielfachem Wiederhall von den Bergen; sonst blieb alles still. Noch stärker und dringender ertönte jetzt sein Ruf, aber kein Laut aus geliebtem Munde hieß ihn willkommen. Von unbestimmter Angst ergriffen, ließ er die schwer errungene Beute zu Boden fallen und stürmte wie rasend vorwärts.

Jetzt bog er um die Ecke und vor ihm lag der Platz, wo er das Feuer angezündet hatte. Noch glühte der Aschenhaufen, aber man hatte kein Holz zugelegt und die Flamme war erloschen. Ringsumher herrschte Todesschweigen. Seine Furcht ward zur Gewißheit; nirgends ließ sich ein lebendes Wesen erblicken — die Pferde, das Mädchen, der Alte, waren spurlos verschwunden. Das Unheil mußte während seiner Abwesenheit urplötzlich hereingebrochen sein, zu ihrer aller Verderben.

Jefferson Hope untersucht das Lager der Geflüchteten
Jefferson Hope untersucht das Lager der Geflüchteten

Verwirrt und betäubt von dem schweren Schicksalsschlag, der ihn so unvermutet traf, stützte sich Jefferson auf sein Gewehr, sonst wäre er umgesunken. Doch rasch überwand er diesen Anfall von Schwäche, denn er war seiner ganzen Natur nach ein Mann der That. Mit bebender Hand zog er ein erst halbverkohltes Holzstück aus der Asche, blies die glimmenden Funken zur Flamme an und untersuchte mit Hilfe dieser Leuchte den Lagerplatz. Der Boden war nach allen Seiten hin von Pferdehufen zerstampft, ein Beweis, daß die Flüchtlinge durch eine große Schar Berittener eingeholt worden, welche dann, wie die vorhandenen Spuren vermuten ließen, die Richtung nach der Salzseestadt eingeschlagen hatten. Waren Vater und Tochter in ihre Hände gefallen und beide von ihnen mit fortgeschleppt worden? — Jefferson Hope mochte dies zuerst geglaubt haben, allein plötzlich fuhr er zusammen, und das Blut erstarrte ihm in den Adern. Etwas abseits von dem Lagerplatz sah er einen frisch aufgeworfenen Haufen rötlicher Erde, der vorher sicherlich nicht dagewesen war. Hatte man dort ein Grab gegraben? — Der junge Jäger trat näher hinzu — im Boden steckte ein Stab, an dem ein Blatt Papier befestigt war. Es trug eine kurze, aber bedeutsame Inschrift:

„John Ferrier aus der Salzseestadt, gestorben den 4ten August 1860.“

Der wackere, alte Mann, den er vor wenigen Stunden erst in der Fülle der Kraft verlassen, war also tot und dies seine ganze Grabschrift. Jefferson sah sich mit wilden Blicken nach einem zweiten Hügel um, aber ein solcher war nicht zu entdecken. Die Unmenschen mußten Lucy mit sich geführt haben, um sie dem Sohn des Aeltesten zu übergeben, damit sie das ihr bestimmte Geschick erfülle und ihm als Frau in seinen Harem folge. Als Jefferson erkannte, wie völlig machtlos er sei, dies Schicksal von ihr abzuwenden, da schien ihm im ersten Augenblick der alte Ferrier beneidenswert, der da unten den stillen Schlaf des Todes schlief. Doch nicht lange überließ er sich seiner dumpfen Verzweiflung. War ihm nichts anderes geblieben, so konnte er wenigstens sein Leben der Rache weihen.

Während er starren Auges dastand und in die Asche blickte, fühlte er, daß es für seinen Schmerz keine Linderung gab, bevor er nicht mit eigener Hand blutige Wiedervergeltung an seinen Feinden geübt hätte.

Neben unermüdlicher Geduld und Ausdauer lag in Jeffersons Charakter eine nicht zu bezähmende Rachsucht, die er vielleicht von den Indianern gelernt hatte, unter denen er solange gelebt. Sein starker Wille, seine rastlose Thatkraft sollten jetzt nur noch das eine Ziel verfolgen, das war sein fester Entschluß. Mit bleicher, ingrimmiger Miene kehrte er nach der Stelle zurück, wo seine Jagdbeute noch am Boden lag, darauf blies er das Feuer an und bereitete sich Speise für die nächsten Tage. Dann brach er auf, ohne seiner Ermüdung zu achten, um der Spur der Würgengel durch das Gebirge zu folgen.

Fünf Tage lang pilgerte er mit wunden Füßen durch die Schluchten und Hohlwege zurück, welche er vor kurzem hinaufgeritten war. Bei Einbruch der Nacht warf er sich unter einem Felsvorsprung nieder, um ein paar Stunden zu ruhen, und sobald der Morgen graute, begann er seine Wanderung von neuem. Als er am sechsten Tage erschöpft und abgemattet die Adlerschlucht erreichte, von wo aus ihre unheilvolle Flucht den Anfang genommen, sah er die ‚Stadt der Heiligen‘ weit ausgebreitet zu seinen Füßen liegen. In ohnmächtigem Zorn schüttelte er drohend die geballte Faust gegen den Wohnplatz der Uebelthäter. Aber halt — was hatte das zu bedeuten? — In den Hauptstraßen sah er Fahnen von den Dächern wehen und festlichen Schmuck an den Häusern. Während er noch darüber nachsann, schallte der Hufschlag eines Pferdes und ein Reiter kam herangetrabt. Jefferson kannte den Mann, es war der Mormone Cowper, dem er früher manchen Dienst erwiesen hatte; von ihm durfte er hoffen, Nachricht über Lucys Schicksal zu erhalten.

Der Mormone sah Jefferson zuerst mit ungläubigen Blicken an, als ihm dieser in den Weg trat und seinen Namen nannte. Wer hätte auch in dem verwilderten und zerzausten Wanderer mit den unheimlich rollenden Augen und der bleichen Miene den früher so schmucken jungen Jäger erkennen sollen? — Sobald Cowper jedoch wußte, wen er vor sich hatte, erschrak er heftig.

„Seid Ihr rasend, daß Ihr Euch hierher wagt?“ rief er. „Wenn man mich hier im Gespräch mit Euch sieht, ist mein eigenes Leben verwirkt. Wißt Ihr nicht, daß die ‚heiligen Vier‘ einen Haftbefehl gegen Euch erlassen haben, weil Ihr den Ferriers zur Flucht behilflich gewesen seid?“

„Ich fürchte weder die Schurken noch ihren Haftbefehl,“ rief Jefferson entrüstet. „Cowper,“ fuhr er dann, seine Erregung bezwingend, fort, „wir sind immer Freunde gewesen — bei allem, was Euch teuer ist, beschwöre ich Euch, mir eine Frage zu beantworten. Um Gottes willen, verweigert mir die Antwort nicht.“

„Was wünscht Ihr zu wissen?“ fragte der Mormone, sich ängstlich umblickend; „redet schnell, hier hat alles Augen und Ohren, auch die Felsen und Bäume.“

„Was ist aus Lucy Ferrier geworden?“

„Man hat sie gestern dem jungen Drebber zur Frau gegeben. — Faßt Euch, Mann, faßt Euch — Ihr werdet ja bleich wie der Tod.“

Jefferson war auf den nächsten Felsblock niedergesunken, seine Lippen bebten. „Drebbers Frau, sagt Ihr?“ stammelte er mit brechender Stimme.

„Ja, seit gestern — deshalb seht Ihr auch die Stadt noch im Fahnenschmuck. Drebber und Stangerson, die jüngeren, stritten sich um ihren Besitz. Bei der Verfolgung, an der sich beide beteiligt hatten, war ihr Vater von Stangersons Hand gefallen, was diesem ein größeres Vorrecht zu geben schien. Als jedoch die Frage vor die Ratsversammlung gebracht wurde, war Drebbers Anhang stärker und der Prophet entschied zu seinen Gunsten. Es wird sie aber keiner lange sein eigen nennen, sie sieht geisterbleich aus und der Tod stand ihr schon gestern im Gesicht geschrieben. — Wollt Ihr jetzt fort?“

„Ja, ich gehe,“ sagte Jefferson, sich mühsam erhebend; sein Antlitz war bleich und starr, wie aus Marmor gemeißelt, nur in seinen Augen glühte ein wildes Feuer.

„Wo wollt Ihr hin?“

„Fragt mich nicht,“ erwiderte er und hing sich die Flinte über die Schulter. Dann schritt er die Schlucht hinab und vergrub sich tief in den Bergen, wo nur Bären und Wölfe hausten; aber keines der reißenden Tiere war grimmiger und blutdürstiger als er.

Was der Mormone vorausgesagt hatte, ging nur zu bald in Erfüllung. War es der Schmerz über den plötzlichen Tod ihres Vaters, was der armen Lucy am Lebensmark zehrte, oder der Abscheu vor der verhaßten Ehe, zu der man sie gezwungen — sie siechte von Tag zu Tag dahin und starb noch ehe ein Monat um war. Der rohe Mensch, welcher sie nur geheiratet hatte, um Ferriers reichen Besitz in die Hände zu bekommen, trug wenig Kummer zur Schau über seinen Verlust. Aber seine andern Frauen trauerten um die Tote und hielten in der Nacht vor dem Begräbnis bei ihr die Leichenwache, nach Sitte der Mormonen. Sie saßen noch um die Bahre, als beim ersten Morgengrauen die Thür plötzlich aufging und sie mit Staunen und Entsetzen einen wilddreinschauenden, wettergebräunten Mann in zerfetzter Kleidung eintreten sahen. Ohne auch nur einen Blick auf die geängstigten Frauen zu werfen, schritt er nach dem Totenschrein, in dem Lucys entseelte Hülle ruhte. Er beugte sich über sie und berührte ihre kalte Stirn ehrfurchtsvoll mit den Lippen, dann ergriff er sie bei der Hand und zog ihr den Trauring vom Finger. „Den soll man ihr nicht mit ins Grab geben,“ murmelte er dumpf. Bevor noch jemand die rätselhafte Erscheinung anhalten konnte, verschwand sie wieder, wie sie gekommen war. Das alles geschah so rasch, und der Vorgang schien so seltsam, daß man dem Bericht der Wächterinnen schwerlich Glauben geschenkt hätte, ohne die Thatsache, daß der goldene Reif wirklich vom Finger der Toten verschwunden war.

Monatelang hauste Jefferson Hope noch in den Bergen, wo er ein unstätes Jägerleben führte und für seinen Rachedurst täglich neue Nahrung einsog. Man begann sich allerwärts von dem unheimlichen Gesellen zu erzählen, der bald hier, bald da, in der Umgegend der Stadt oder in den rauhen Bergschluchten sein Wesen trieb. Einmal kam eine Kugel durch Stangersons Fenster geflogen und pfiff dicht an seinem Kopf vorbei. Ein andermal, als Drebbers Weg ihn am Bergabhang hinführte, ward aus der Höhe ein Felsstück auf ihn herabgeschleudert. Er konnte nur dadurch einem gräßlichen Tode entgehen, daß er sich platt zu Boden warf. Die beiden jungen Mormonen errieten bald, wer ihnen nach dem Leben trachtete, und unternahmen mehrere bewaffnete Streifzüge ins Gebirge, in der Hoffnung, ihren Todfeind zu fangen oder zu erlegen — aber immer vergebens. Sie gingen nun aus Vorsicht niemals allein oder nach Dunkelwerden ins Freie, und stellten Wachen um ihre Häuser her. Nun verstrich jedoch eine geraume Zeit, ohne weitere Angriffe von seiten ihres Gegners und allmählich schwand ihre Furcht. Sie hofften, sein heißes Blut habe sich abgekühlt und er werde das tollkühne Vorhaben aufgeben.

Daran dachte jedoch Jeffersons Seele nicht. Rache zu nehmen war und blieb sein einziger Zweck und Gedanke. Bei seiner durchaus praktischen Natur hatte er jedoch richtig erkannt, daß selbst die eisernste Gesundheit ein Leben, wie er es führte, auf die Dauer nicht ertragen könne. Mangel an gesunder Nahrung und Beschwerden aller Art mußten bald seine Kräfte verzehren. Was aber sollte aus seiner Rache werden, wenn er in den Bergen eines elenden Todes starb? — Nein, seine Feinde durften nicht triumphieren!

So war er denn nach dem Bergwerk in Nevada zurückgekehrt, mit der Absicht, sich von den Entbehrungen der letzten Zeit zu erholen und Geld genug zu erwerben, um seinen Lebenszweck weiter verfolgen zu können. Ursprünglich gedachte er höchstens ein Jahr lang dort zu bleiben, allein die Umstände fügten es so, daß fünf Jahre vergingen, bevor er zurückkehren konnte. Doch die Erinnerung an das erlittene Unrecht und sein Verlangen nach Rache war noch ebenso lebendig in ihm, wie in jener entsetzlichen Nacht an John Ferriers Grabe. Verkleidet und unter falschem Namen kam er nach der Salzseestadt, um die gerechte Sühne zu fordern, sei es auch mit Gefahr des eigenen Lebens. Dort erwartete ihn jedoch eine schlimme Kunde, die seine Pläne zu vereiteln drohte. Einige Monate zuvor war nämlich unter dem ‚auserwählten Volke‘ eine Spaltung entstanden. Die Mißvergnügten lehnten sich gegen die Obergewalt der Aeltesten auf; viele der jüngeren Gemeindeglieder verließen Utah und gesellten sich den Ungläubigen zu. Auch Drebber und Stangerson befanden sich unter dieser Zahl. Es ging ein Gerücht, daß Drebber es verstanden habe, den größten Teil seines Eigentums zu Geld zu machen, so daß er als reicher Mann fortgezogen war, während Stangerson, sein Gefährte, wenig Mittel besaß. Wohin sie sich aber gewandt hatten, darüber war kein Aufschluß zu erlangen.

Angesichts solcher Schwierigkeiten hätte mancher noch so rachsüchtige Mensch sein Vorhaben aufgegeben; daran dachte Jefferson jedoch keinen Augenblick. Er reiste von Ort zu Ort durch die Vereinigten Staaten, um seine Feinde aufzusuchen. Das kleine Kapital, welches er besaß, sicherte ihm zur Not sein Auskommen, doch nahm er Arbeit an, wo er sie fand. Jahre vergingen, sein schwarzes Haar war grau geworden, aber immer noch wanderte er weiter, das Ziel verfolgend, dem er sein Leben gewidmet hatte. Endlich ward seine Ausdauer belohnt. In Cleveland im Staate Ohio war es, wo er eines Tages Drebbers verhaßtes Gesicht an einem Fenster gewahrte. So hatte er seine Beute doch zuletzt noch aufgespürt. Rasch kehrte er in seine ärmliche Wohnung zurück, um seinen Racheplan vorzubereiten. Aber das Unglück wollte, daß auch Drebber bei dem flüchtigen Blick seinen Todfeind erkannt hatte. Er war mit Stangerson, der bei ihm das Amt eines Privatsekretärs versah, zu einem Friedensrichter geeilt, den er um Schutz gegen einen früheren Nebenbuhler bat, welcher ihnen aus Haß und Eifersucht nach dem Leben trachtete. An jenem Abend ward Jefferson Hope plötzlich in Haft genommen und da er außer stande war, Bürgschaft zu leisten, hielt man ihn mehrere Wochen im Gefängnis zurück. Sobald er wieder in Freiheit war, begab er sich nach Drebbers Hause, allein er fand es verlassen und erfuhr, der Besitzer habe mit seinem Sekretär eine Reise nach Europa angetreten.

Wieder war Jeffersons Rachewerk vereitelt und wieder trieb ihn sein grimmiger Haß, die Verfolgung fortzusetzen. Zuvor mußte er sich jedoch die nötigen Mittel für die Ueberfahrt erwerben. Als er genug zusammengespart hatte, um unterwegs sein Leben fristen zu können, schiffte er über den Ozean und folgte der Spur seiner Feinde von Stadt zu Stadt. Immer wieder mißlang es ihm, die Flüchtlinge einzuholen. Bei seiner Ankunft in Petersburg waren sie eben nach Paris gereist, und als er ihnen dahin folgte, hatten sie sich gerade nach Kopenhagen eingeschifft; auch dorthin kam er um einige Tage zu spät, da sie bereits nach London unterwegs waren. In der englischen Hauptstadt gelang es ihm zuletzt doch noch ihrer habhaft zu werden. Auf welche Weise dies geschah, erfahren wir am besten aus Jefferson Hopes eigenem Bericht, welchen Dr. Watson ausführlich in seinem Tagebuch niedergeschrieben hat.

Wir kehren daher wieder zu den Aufzeichnungen des jungen Militärarztes zurück, denen wir schon im ersten Teil unserer Erzählung bis zu Jeffersons Festnehmung gefolgt sind.

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