Zweites Buch
Reading edition
Erstes Kapitel.
»Dat is en janz schöne Jegend hier ... oben Regen ... unten Dreck ... nix im Magen — der Düwel soll't holen!«
In unaufhaltsamem Marsch schob sich das erste Bataillon des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande dem »Feind« entgegen.
Unaufhaltsam strömte der Regen ... seit Tagen ... seit Wochen ...
Unaufhaltsam fluchten und wetterten die Unteroffiziere der Königlichen Zweiten:
»Ich glaub, hier regnet et überhaupt et janze Jahr!«
»Weiß der Kuckuck, die vierzehn Dag, dat mer als hier obe rumkrabbeln, hann mer noch kei' trockne Minute jehatt!«
»Ich sinn als janz aus em Leim ... die Buxen reißen wie Schafleder ... an de Stieweln platzen die Sohlen ab ...!«
»Und trocken kriegt man die Brocken überhaupt nit mehr!«
»Na, Friesen, Sie sagen ja gar nix!«
Der Einjährige schwieg.
Die Tragriemen des feldmarschmäßig gepackten Tornisters schnitten tief in die Achseln. Alle fünf Minuten wanderte das Gewehr von der rechten Schulter auf die linke und von der linken auf die rechte ... in den Stiefeln schwappte eine lehmige Flüssigkeit ... und hinter den Ohren entlang rieselte ein beständiges Rinnsal eiskalten Regenwassers in die Halsbinde hinein ...
Von dem allen merkte Hans Friesen in diesem Augenblick auch nicht das Mindeste ...
Hans Friesen merkte nicht einmal, daß ihm der kurze Pfeifenstummel zwischen den Lippen längst kalt geworden war ...
Hans Friesen dichtete.
Ach ... herrlich konnte man dichten auf solch einem endlosen Marsch ...
Den Kameraden, den aktiven Unteroffizieren, ging immer nach der ersten Stunde der Stoff für ihre Kommißgespräche aus.
Die Berichte über das letzte Quartier, die Klagen über den miserabeln Fraß, die Renommistereien über Abenteuer mit den Bauernmädeln, das reichte nie weiter als eine knappe Meile. Dann bemächtigte sich der Kilometerstumpfsinn der marschierenden Kolonne, zumal dann das Gewicht des gepackten Affen allmählich immer fühlbarer wurde ...
Dann aber begann Hans Friesens gute Zeit.
Wie mutwillige Schwalben schossen dann seine Gedanken der Marschkolonne voraus ... strichen durch die regennassen Wälder zur Rechten und zur Linken, wo in der triefenden Feuchte zwischen vermodernden Baumstümpfen und Farndickichten ganze Kolonien grauer, gelber, violetter Pilze aus dem Boden gewachsen waren und mit ihren breiten Schirmdächern in lustigen Gruppen beisammen hockten ...
Aber weiter flatterten des Poeten Träume ... zurück zur Garnison ... um das blonde Haupt eines gewissen jungen Mädchens, das chargenmäßig in unerreichbarer Höhe über dem Unteroffizier stand, das er räumlich in weiter Ferne wähnte ... und das in Wirklichkeit, ohne daß Hans Friesen etwas davon ahnte, nur einen Tagemarsch weit in süßträumender Ferienruhe unter den rauschenden Hunsrückwäldern weilte ...
Und Hans Friesen dichtete.
Eine Strophe nach der andern fügte er zusammen ... feilte Zeile auf Zeile in Gedanken durch und sprach sie sich so oft vor, bis sie sich unvergeßlich seinem Hirn eingeprägt hatten, damit er sie am Abend blank und sauber in sein Dienstnotizbuch eintragen könne ... zwischen Vermerken über Brotempfang ... Kompagniebefehle ... Vorposteninstruktionen ...
Nun wiederholte er noch einmal die ersten Strophen des Gedichts, das ihm aus den triefenden Nebeln zugeweht war:
»Bist du die Oreade, die lauschend hinterm Felsen schwieg? bist du des Quells Najade, die aus der Plätscherwelle stieg? Aus welcher Märchenferne hast du dich in mein Sein verirrt? Von welchem fernen Sterne bist du an meine Brust geschwirrt?«
Ja, die zwei Strophen saßen! Das ließ sich nicht bestreiten! Nun mußte die Antwort kommen ... also munter weitergereimt ...!
»Was soll das zage Fragen? Ich halte dich ans Herz gepreßt ...«
Ja, wahrhaftig, das hatte er getan, wenn es auch noch so märchenhaft klang ... er hatte sie gehalten, die schlanke, blonde Majorstochter, gehalten an seinem Herzen, das unterm Tressenrock des Unteroffiziers so verdammt unvorschriftsmäßig gepocht hatte ...
Ach, und als er seinen Arm zum ersten Male um den weichen Körper gelegt ... Richtig — so mußte es ja weitergehen:
»fühl' deines Herzens Schlagen ...«
Ach ... und dann ... dann war ja das Unvergeßliche ... das schier Unglaubliche gekommen ...
»und Lippe weilt auf Lippe fest ...«
Schau, da war ja wieder eine Strophe beisammen — und auch die stand fest auf ihren vierzehn Versfüßen ...
Vor dem Dichter trottete in mürrischem Schweigen sein Kompagnieoffizier, der Leutnant Quincke.
Scheußliche Sache, so ein Manöver! — Eigentlich Dienst von morgens früh um drei bis abends um zehn und von abends um zehn bis früh um drei ... Die Körperpflege wurde nur noch markiert ... aussehen tat man schon mehr wie ein Latrinenreiniger und nicht wie ein Angehöriger des ersten Standes der Nation ... Dabei seit vierzehn Tagen kein weibliches Wesen mehr zu Gesicht bekommen ... die dreckigen Bauerntrinen zählten nicht mit — die waren höchstens was für die Herren Burschen!
Und was das Lächerlichste war ... seit acht Tagen führte dieser krumme Landwehronkel, dieser Leutnant Frobenius, die Kompagnie an Stelle des Hauptmanns Goll, der seinerseits als ältester Kapitän des Regiments für den Major Blasberg die Führung des zweiten Bataillons übernommen hatte.
Blasberg hatte am Tage nach dem Regimentsfest, unmittelbar vor dem Ausrücken ins Manöver, in eine Nervenheilanstalt gebracht werden müssen. Die Schwermut, die ihn seit dem Tode seiner Frau zu Boden gedrückt hatte, war plötzlich als ausgesprochen krankhafte Melancholie zum Ausbruch gekommen.
Und so war nun der unmögliche Landwehroffizier der unmittelbare Vorgesetzte seines patenten Kameraden für die Dauer der Herbstübungen geworden ...
Und nun das Allerunglaublichste ... die Sache klappte —!
Auf seinem braunen, steifbeinigen »Roland«, der frömmsten Kuh aus dem Tattersall der Garnison, machte dieser Frobenius eine ganz leidliche Figur und hatte sich mit seinem vierbeinigen Freund auf ganz erträglichen Fuß zu stellen gewußt.
Der innere Dienst funktionierte tadellos ... na, Kunststück! — So ein Musterexemplar von Feldwebel — und der brillante Unteroffizierersatz!
Ja, darauf verstand sich der griesgrämige Hauptmann Goll ... Unteroffiziere erziehen, das war seine Spezialität! —
Übrigens war ja auch dieser Frobenius selber von einer kommissigen Gewissenhaftigkeit, daß es schon nicht mehr schön war!
In der Ortsunterkunft stelzte er wahrhaftig höchst eigenhändig von Quartier zu Quartier, steckte seine Nase in jede Eßschüssel und in jedes Bauernbett, um sich zu überzeugen, ob die Herren Füsiliere auch ordentlich zu essen kriegten und weich genug lägen.
Er selber, Quincke, hatte sich zum Glück eine etwas vornehmere Auffassung des Königlichen Dienstes zugelegt. Wofür waren denn die Korporalschaftsführer da?
Ja, Frobenius hatte sich in seine Pflichten als Kompagnieführer ganz famos eingearbeitet und war infolgedessen mit seiner militärischen Situation zufrieden wie nie zuvor.
Er sah sehr verändert aus, hatte sich am Tage vor dem Ausrücken die wenigen Haarsträhnen seines Schädels ganz kahl abscheren, seinen langen, struppigen Vollbart kurz verschneiden lassen.
Auch seine Uniform sah nicht mehr ganz so vorsintflutlich aus, seitdem ihr Träger eine etwas vorschriftsmäßigere Haltung gewonnen, und mit seinem braven, alten Roland vollends fühlte er sich verwachsen wie ein Zentaur.
Was tat's, ob es regnete von morgens früh bis abends spät und die ganze Nacht hindurch ...
»Alles Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, in der Gesundheit des Leibes ...«
Freilich, damit war's nun auch Schluß ... Glück am Herzen des Weibes — damit würde es wohl niemals was werden ...!
Seit seinem Sturz im Tanzsaal hatte er jede Hoffnung aufgegeben. »Herrgott nein, mit Ihnen ist aber auch wahrhaftig gar nichts anzufangen«, das klang ihm noch immer im Ohr, und immer meinte er das hochmütige, zurückgeworfene Köpfchen, das empört aufstampfende Füßchen im Goldkäferschuh zu sehen ... ihr hastiges Vondanneneilen ... den Ausdruck der Wut über die gräßliche Blamage und den verdorbenen Abend im Klang ihrer Stimme ... in jeder Bewegung ...
Abschiedslos war sie ihm enteilt, und auch als Dienstag morgens um vier Uhr in der Dämmerung das Regiment von der Kaserne aus an der Wohnung des Majors vorbeimarschiert war zum Bahnhof hin, da hatte sie mit ihrer Mutter und Schwester auf dem Balkon gestanden und allen Herren einen freundlichen Abschiedsgruß gewinkt ... als aber er, Wilhelm Frobenius, auf seinem Roland den Säbel vor ihr gesenkt, da hatte sie kühl über ihn hinweggeschaut und dann Herrn Quincke, den Führer des vordersten Zuges der Zweiten, mit um so deutlicherer Freundlichkeit gegrüßt ...
Ade Hoffnung ... ade Träume ... ade süße, stolze Verkörperung des alten Amazonenideals ...!
Nein, es war vorbei ... keine Hoffnung mehr ...! Und selbst auf das Wiedersehen konnte er sich nicht mehr freuen ... auf das Wiedersehen, das wenigstens im Bereich der Möglichkeit lag. Denn er wußte ja von seinem Freunde Flamberg, daß die Amazone mit ihrer Schwester ebenfalls auf den Hunsrück hinaufgepilgert war ... Nein, hoffen und sich freuen — das gab's nicht mehr.
Und dennoch ...!
Wilhelm Frobenius zog die Manöverkarte aus seiner Packtasche. Der Regen prasselte auf das Zelluloidfutteral, und durch die Tropfen hindurch suchte der Reiter den Namen, um den sich trotz allem immer und immer seine Träume rankten ...
Am Allenbach entlang, einem Nebenwässerlein der Nahe, dessen Lauf auf der Karte durch zahllose kleine Sternchen begleitet war, welche Mühlen, Schleifmühlen darstellten, an der Einmündung des Beierbachs, war das Dörfchen Hettstein eingetragen und dicht daneben ein kleiner Kreis mit einem Fähnchen ... Das war das Schlößchen Hettstein, die neue Erwerbung der schönen Frau Cäcilie.
Hier hauste nun die stramme Reiterin ... die fesche Tänzerin ... die lächerlich Verehrte ...
Verrücktheit! — So ein Mädchen und seine Bücherexistenz ... die Lange-Pfeifen-Atmosphäre seiner winzigen Junggesellenbude ... sein demütiges, halbbäuerliches Mütterchen daheim im Westerwalddörfchen — und dieses Luxusgeschöpf ... dieses Freiluftwesen ...
Lächerlich! — Und doch ... und doch ...! Oh, Schloß Hettstein —!
Da horch —: Bum — und wieder: Bum —
Aus den triefenden Nebeln, welche bis tief über die langgestreckten Kuppenzüge des Idarwaldes niederhingen, war der erste Kanonenschuß gefallen ... Von dort war der »Feind« zu erwarten: Aufgabe des Regiments, ihn am Heraustreten aus dem dicken Forste zu verhindern ...
Und Leutnant Blowitz sprengte von der Tête her am Bataillon entlang: »Die Herren Kompagnieführer zum Herrn Major!«
Da faßte Frobenius Rolands Zügel kürzer, nahm den linken Schenkel zurück ... Ein ganz klein bißchen sträubte sich die faule Kreatur, dann hoppelte sie gemächlichen Äppelgalopp mit ihrem Reiter an der Zweiten und Ersten entlang auf den Bataillonskommandeur zu, der seinen Kompagnieführern die Gefechtslage erklären und seine Befehle ausgeben wollte.
Der Herr Major von Sassenbach ...
Der schaute dem Anreitenden entgegen mit Augen, die Frobenius kannte ... mit schelmisch blitzenden Reiteraugen ...
»Na, lieber Frobenius, wie war's Quartier?«
»Danke gehorsamst, Herr Major! — Waschen müssen hab ich mich auf dem Korridor: meine Schlafstube reichte nur fürs Bett!«
»Und ich hab' 'ne Art Tanzsaal gehabt ... mußte heut morgen 'ne halbe Stunde nach mir selber suchen, bis ich mich fand! — Sie sehen übrigens ganz vergnügt aus bei diesem Sauwetter!«
»Warum auch nicht, Herr Major!? — Man kann ja dabei an die schönsten Sachen denken!«
Der Major schmunzelte.
Eigentlich ein ganz prachtvoller Herr, dieser Don Quijote! — Schade, das Malheur im Tanzsaal! — Schließlich — Frau Professor wäre doch eigentlich durchaus standesgemäß gewesen ... und daß er ein Bürgerlicher war ... du lieber Gott, wenn ein Mädel mal sechsundzwanzig Jahre alt geworden ist ...
Dem Miniaturkrieg, welchen beide Brigaden, durch Kavallerie, Artillerie und Spezialwaffen verstärkt, im zweiten Manöverabschnitt gegeneinander zu führen hatten, lag eine überaus komplizierte Annahme für die allgemeine Kriegslage zugrunde. Aber diese Annahme existierte eigentlich nur für die beiden Detachementsführer. In das geliebte Deutsch der Unterführer und vollends der Mannschaften übersetzt verwandelte sich jede Gefechtsannahme, verwandelte sich überhaupt das ganze Manöver in das äußerst einfache Rezept:
Marschieren, bis man an den Feind heran ist — dann ausschwärmen, schießen, sprungweise vorgehen — marsch, marsch, hurra!
Na — und das hatte man ja gebimst bis die Schwarte knackte!
Für das sogenannte »gemeine Truppenschwein« — und unter diesen Begriff rechnete man mindestens alles, was »tippeln« mußte, auch die Herren Leutnants der Infanterie — war so das ganze Manöver nichts weiter als ein abwechslungsreicher, strapaziöser und wenig komfortabler Spaziergang mit mancherlei scherzhaften Unterbrechungen.
»Also, meine Herren,« schloß Major von Sassenbach eine längere Auseinandersetzung über jenes verwickelte und höchst theoretische Problem, das sich aus der allgemeinen Kriegslage ergab, »der Witz vons Janze ist folgender: Durch die Aufklärung ist festgestellt, daß der Feind durch den Idarwald im Anmarsch ist, und zwar auf der Chaussee, die von Bischofsthron über das ›Graue Kreuz‹ nach Bruchweiler führt. Wir stehen augenblicklich am Südeingang von Kempfeld, das Nest halblinks vorn ist Bruchweiler; das müssen wir vor dem Feind erreichen und von seinem Nordwestrande aus den Feind am Heraustreten aus dem Idarwalde verhindern. Das erste Bataillon ist vorn, das zweite und dritte folgt; das Schwesterregiment marschiert auf der Linie Schafbrücke-Schauren. Wir haben also Gefechtsanschluß rechts und sollen im Angriffsfalle links überflügeln, sonach bleiben wir im Vormarsch auf Bruchweiler, alles übrige entwickelt sich historisch — ich danke Ihnen, meine Herren —!«
Na, das strategische Geheimnis des Morgens hatte sich also gelüftet, und die Herren Kompagnieführer galoppierten zu ihren Kolonnen zurück.
Weiter ging's in strömendem Regen durch das stumme, ärmliche Dörfchen Kempfeld — laut kakelnd stoben die Hühner von der Landstraße herunter auf die bergenden Misthaufen; flachsköpfige Buben und Mädel sprangen aus den Türen, schrien den Kriegern die ewige Kinderfrage zu: »Saldat — kummen 'er noch mieh?«
Langsam ansteigend gen Bruchweiler zu schlängelte sich der lehmige Weg durch abgeerntete, teilweise bereits umgepflügte Felder, deren nasse Schollen, von der Pflugschar abgestochen, speckig glänzten ... eine lange, dunkle Wand, von grauer, zerfranster Wolkendecke überlagert, reckte sich der Idarwald. Von dort her klangen immerfort die dumpfen Schläge der Geschütze. Zur Rechten irgendwo, auf einer umnebelten Höhe vergraben, antwortete die Artillerie des Süddetachements ...
Willkommene Musik für das Soldatenohr! Sie bedeutete: Bald hat sich's ausgekilometert — und wir kriegen ihn am Kragen, den bösen Feind — dann geht's ins Quartier.
Ei verflucht, nein ... nicht ins Quartier ... Heute stand am Ende des Marschtages ein Biwak auf kotigem Stoppelfeld ...
Noch drei Kilometer bis Bruchweiler.
Inmitten eines Hages von leise herbstlich gebräunten Obstbäumen träumte das verschlafene Dörfchen unterm Schirm des Waldgebirgs ...
Plötzlich — rack ... tack, tacktack — Vom Dorfrand her knatterten die ersten Gewehrschüsse durch die brauenden Dünste.
Nach einigen Minuten stob in vollem Galopp ein Zug der diesseitigen Kavallerie, der Deutzer Kürassiere, den Anger entlang, in eiliger Flucht hinter der anrückenden Infanterie Deckung zu suchen.
Wie schmutzige Mehlsäcke sahen die weißen Koller aus im trüben Morgenlicht ...
Ihr Führer meldete im Vorbeirasen dem Major: »Bruchweiler wird soeben von abgesessener feindlicher Kavallerie besetzt!«
Hochauf richtete sich der Major in den Bügeln: »Herr Leutnant Blowitz!«
»Herr Major?!«
»Das Bataillon entwickelt sich links gestaffelt, links der Chaussee — vierte Kompagnie hinter der linken Flanke aufmarschiert, aber geschlossen, zu meiner Verfügung!«
»Zu Befehl, Herr Major!«
Der Adjutant preschte zurück.
Wie der Blitz war Hauptmann von Brandeis vom Gaul herunter, warf die Zügel seinem Burschen zu, der dienstkundig sogleich zur Hand war: »Die ganze Kompagnie nach links — schwärmen! Marschrichtung: der große Baum in der Mitte des Dorfes!«
Und in den Bügeln richtete sich auch Leutnant Frobenius auf ... Roland fuhr aus seinem Halbdusel mit Entsetzen empor und machte einen kleinen Seitensprung: »Exerzierordnung! mit Gruppen links schwenkt — marsch, marsch!«
Schon stob der Major heran. »Zum Donnerwetter, Herr Leutnant Frobenius, Sie wollen wohl hier im Bereich des feindlichen Feuers Kompagnieexerzieren abhalten —?!«
»Herr Major, ich wollte —«
»Ach was, zum Kuckuck — lassen Sie schwärmen und gar nichts weiter! — Auseinander mit den Kerls! Geben Sie einen Marschrichtungspunkt an — dann läuft die Karre von selber!«
Jesses — dieser Landwehrfritze —! zu nichts zu gebrauchen — höchstens zum Schwiegersohn, und auch dazu nur unvollkommen — —
»Stellung!« kommandierte Hauptmann von Brandeis.
Da purzelte die lange Schützenlinie der ersten Kompagnie wie hingemäht auf den Bauch in den triefenden Sturzackerlehm —
»Geradeaus am Dorfrand, Schützen! Visier 800 und 900! Schützenfeuer!«
Und — rack, tacktacktack rollte das Schützenfeuer die Front entlang — —
Der lustige Waffentanz begann. —
In hellen Massen waren die Schützen des feindlichen Detachements aus den dunkeln Hängen des Idarwaldes herausgetreten, verstärkt durch zwei Flaggenbataillone, das heißt: Bataillone, die in Wirklichkeit nicht existierten, sondern nur durch je eine blaue Flagge statt einer Kompagnie markiert wurden, und hatten mit dieser künstlich hergestellten Übermacht die »Niederländer« und ihr Schwesterregiment bis weit hinter Kempfeld zurückgeworfen.
Hier fand das Süddetachement an den bewaldeten Hängen des »Sandkopfes« und der »Marscheider Burr« einen Stützpunkt.
Darüber war es vier Uhr nachmittags geworden.
Allmählich war das lärmhafte Duett der Geschütze von hüben und drüben verstummt und die Verfolgung ermattet. Gegen fünf Uhr hatten die »Niederländer« jenseits des Höhenrückens Biwak bezogen.
Das zweite Bataillon hatte das zweifelhafte Vergnügen, die Vorposten zu stellen, die sich nun auf den felsigen Kuppen des Höhenrückens aufbauten. Dahinter biwakierte geschlossen das erste und dritte Bataillon in einer schmalen Lichtung der Waldes auf dem langsam sich senkenden Abhang gen Herborn zu.
Mit Zauberschnelle bauten sich hinter den Gewehrpyramiden die niedern braunen Zugzelte auf ... Kochlöcher wurden geschaufelt ... lange Züge zum Wasserholen, die klappernden Kochgeschirre der ganzen Kompagnie in der Hand, stiegen zum entfernten Dorf herunter; bald rollten auf der Chaussee die bereits während der Gefechtspause vorsorglich an den vorbestimmten Biwakplatz dirigierten Wagenkolonnen heran. Ganze Berge von Stroh und Holz wurden abgeladen. Der Küchenunteroffizier empfing schmunzelnd seine Portion Blechbüchsen mit Pökelfleisch, seinen Stapel Pappkartons mit Preßgemüsekonserven, seinen Anteil Salz und Kartoffeln ...
Rasch wurde alles in eine Leinwandplane gewickelt: denn der Regen drohte die ganze Herrlichkeit schon vor der Zeit zu einem Brei zusammenzurühren ...
Und bald knisterten und qualmten überall die Flammen, umschwelten das durchnäßte Stroh, das triefende Reisig, das die Füsiliere zusammengeschleppt.
Martin Flamberg hockte auf den Knien dicht neben dem just einen Meter hohen braunen Zelte, das die Burschen für die Herren der ersten Kompagnie aufgeschlagen hatten, und pustete mit aufgeblasenen Backen das immer wieder erlöschende Feuer an ... aus dem Kessel stieg der Duft zerkrümelter Erbswurst, die mit würfelförmig geschnittenem Cornedbeef vermengt und mit einem dicken Büschel kleingeschnittener Küchenkräuter vermischt war — die hatte Martins gerissener Bursche, der Füsilier Klomprich, beim Vorbeimarsch durch die Stakete der Bauerngärten hindurch erwischt ... das duftete verdammt appetitlich ...
Wenn nur das Feuer endlich mal ordentlich durchbrennen wollte ... Die sämtlichen Burschen hatten schon ihren letzten Atemzug verpustet ... nun pustete der Herr Leutnant selber ...
Er fühlte sich persönlich verantwortlich für das leibliche Wohlergehen seines Kompagniechefs, seines Kameraden Carstanjen und der beiden Gäste des Offiziertisches, des Kompagniefeldwebels und des jungen Fahnenjunkers von Erichsen.
Er pustete, pustete, pustete. — Dunkelrot schwoll ihm das Gesicht ... Aschenflocken stoben ihm um die Nase ...
Gott sei Dank! Endlich schwelte ein schwaches Flämmchen auf, qualmig fauchte es in das nasse Stroh hinein ... »Sauerei verfluchte —!« ... Er richtete sich auf.
In diesem Augenblick scholl hinter seinem Rücken ... scholl — — was —?! Das mußte ein Traum sein — scholl ein silbern schmetterndes, dreistimmiges Frauenlachen — —
Er fuhr herum.
Bei Gott ... da standen drei schlanke Gestalten ... drei glühende, regenfeuchte Gesichter strahlten aus den aufgeklappten Kragen der Gummimäntel unter unförmlichen Wachstuchmützen ... in nasse Strähnen zusammengepappt hingen die rötlichblonden Haare der einen, die weißblonden der beiden andern über die erhitzten Wangen ... Nelly und Molly von Sassenbach und ... sie.
»— Hahaha, Herr Leutnant Flamberg ... nein — wie Sie bloß aussehen ... einfach zum Wälzen, Herr Flamberg!«
Wahrhaftig — er sah ein bißchen anders aus als beim Ball unter den flimmernden Kerzen des Kasinosaales.
Die hohen Stiefel, die Kniee, die Schöße des Waffenrocks lehmüberkrustet, in steifen, groben Falten hing der graue Umhang um seine Schultern; der hochgeklappte Kragen zeigte sein schmutzig rotes Futter, die weiche Feldmütze saß beiderseits auf dem Ohr, der große, zerschrammte Schirm tief in der Stirn ...
Aber darunter ... darunter leuchteten die braunen Augen aus dem nun tiefgebräunten Gesicht so verwettert, so kriegerisch in sieghafter Männlichkeit ...
Frau Cäcilie war jählings verstummt, als diese braunen Augen mit ungewollter heißer Huldigung sich in die ihren gesenkt hatten ... als die heißen Lippen sich tief auf ihre regenfeuchte Hand niederbeugten ...
»Gnädige Frau — meine Damen — — wahrhaftig, die Sonne geht auf!!«
»Sie sehn, wir haben's nicht lange ausgehalten da unten in unserer Dreieinsamkeit auf Schloß Hettstein,« sagte langsam, stockend die schöne Frau.
»Nee wahrhaftig — wir hatten direkt krampfhafte Sehnsucht nach roten Kragen und blanken Knöpfen!« bestätigte Nelly Sassenbach.
»Na, und da konnte Ihnen geholfen werden — nicht wahr, meine Damen? Aber nun sagen Sie bloß, wie in aller Welt haben Sie sich denn hier heraufgefunden in diese gottverlassene Wald- und Bergesöde?«
Frau Cäcilie wies nach der Chaussee hinüber. Da blinkte durch die Nebelschwaden ein funkelnagelneues, schneeweißes Automobil: »Ein sehr nobles Geschenk meines Vaters zu unserm Einzug auf Schloß Hettstein!«
»Reizend von dem alten Herrn — was sagen Sie, Herr Flamberg? Ja, ja, solchen Vater muß man haben!« lachte Nelly.
Aber ihre Augen schweiften dabei ruhelos suchend über das buntwimmelnde Bild des muntern Biwaktreibens hin ..
»Wo ist mein Mann?« fragte Frau Cäcilie.
»Der sorgt für seine hundertzwanzig räudigen Schäflein!« meldete der kleine Carstanjen, der inzwischen herangekommen war und die Damen begeistert begrüßte. »Aber sieh — da kommt er ja schon!«
Ja, da kam er.
Die Hand im braunen Feldhandschuh am breiten Schirm der Manövermütze — sein gutes, ehrenfestes Gesicht strahlend in Glückseligkeit: »Welch seltner Glanz in unserer Hundehütte, meine Damen! — Na, komm her, Alte!«
Ehe Cäcilie sich's versah, hatte er sie an beiden Schultern gefaßt, unbekümmert um die ringsum gaffenden Füsiliere, Burschen, Unteroffiziere —
»Aber Fritz —!«
»Teufel auch — armer, verdursteter Landsknecht! — Ja, da lachen Sie, kleiner Carstanjen! Ist aber nur der Neid der besitzlosen Klasse!«
Flamberg lachte nicht ... er hatte sich abgewandt ... starrte einen Moment in die Nebelschwaden hinein, die um die Bergkuppen geisterten ...
»Na, sag bloß, wie kommt ihr denn an den weißen Quietschkasten da hinten?«
Frau Cäcilie gab Aufklärung.
»Donnerwetter — geht doch nichts über 'nen nobeln Schwiegeralten! — Na warte, werden wir ihm gleich eine Meldekarte schreiben mit unserm gehorsamsten Dank! — Na, Flamberg, und da werden Sie wohl noch ein paar Erbswürste und ein paar Büchsen Cornedbeef mehr spendieren müssen!«
»Ach was — Erbswürste, Cornedbeef! — Wir haben euch viel was Besseres mitgebracht!«
Umringt von den staunenden Füsilieren schleppte der Chauffeur einen wuchtigen Korb heran ... goldbekapselte Flaschenhälse ragten daraus hervor ... aus appetitlichen Papierhüllen entwickelte sich kaltes Geflügel ... alle möglichen Blechbüchsen mit Pasteten und Ragouts ...
»Pfui Teufel — total unkriegsmäßig! — Luxus und Wohlleben greifen um sich!«
»Halt, halt — nicht alles wegnehmen! — Der hohe Bataillonsstab muß auch was mithaben!«
Das Automobil hatte natürlich das ganze Biwak auf die Beine gebracht. Von allen Seiten strömten die Herren der beiden Bataillone heran, die Damen zu begrüßen, und in respektvoller Entfernung starrten die Unteroffiziere, glotzten die Füsiliere herüber zu den liebreizenden Gästen ihrer Herren, die nun, von Geplauder und Lachen umschwirrt, ihre Schritte dem Bataillonsstabszelt zulenkten.
Als die Gruppe am Biwak der zweiten Kompagnie vorüberkam, hemmte Nelly ihren Schritt ... schon von weitem sah sie, den ihr Blick suchte ...
Frobenius hatte seine Kompagnie beim Gepäck antreten lassen und hielt Gewehrappell ab ... gewissenhaft ging er von Mann zu Mann ... jeder mußte mit ausgestreckter Rechten die Waffe, aus der die Verschlußteile entfernt waren, in die Höhe halten, und der Kompagnieführer schielte durch den Lauf hindurch, ob er auch gründlich gesäubert sei ...
Tausend, wie er sich verändert hatte in den paar Manövertagen! — Ordentlich militärisch sah er aus ... ordentlich kriegerisch, der gelehrte Herr, trotz seiner großen Brille ... mit den kotbespritzten Reitstiefeln, dem kurzverschnittenen Bart, der zerknitterten Feldmütze überm tiefgebräunten Gesicht ...
Nelly wußte: jetzt durfte sie nicht stören! Und schnell folgte sie ihren Reisegefährtinnen, die, von einer ganzen Schar Offiziere umschwärmt, ihren Vater zu begrüßen gingen. —
Wo aber die Unteroffiziere der Zweiten um ihr Feuerchen hockten und sich ihre Erbswurstsuppe zurechtbrutzelten, da war ein junger Bursch halbleibs emporgeschossen ...
Himmel! — die Oreade, die lauschend hinterm Felsen schwieg! die Heldin all der zahllosen Lieder, welche ihm zugeflogen waren auf den Märschen der letzten Tage ...
Auf! — auf! ihr entgegen! — aber, Teufel nein, wer war man denn? — Ein armer Kommißknabe ... nichts als ein ganz gewöhnlicher Kaldaunenschlucker ...
Er in seiner schirmlosen Feldmütze, in seinem geflickten Tressenrock, mit seinen ungewaschenen Händen ... und sie ... sie wandelte fern, fern und unerreichbar ... wie ein leibhaft gewordener Dichtertraum ...
Aber suchten nicht ihre Augen? — suchten sie nicht —
Nun hatten sie gefunden ... ihn gefunden ...!
Die flaumigen Bäckchen flammten ... sie nickte ihm kurz und gemessen ...
Da sprang er auf ... stand stramm ... legte die Hand an die Feldmütze ... und warf sich dann wieder lang hin neben das qualmende Feuer ... überhörte die plumpen Späße seiner Kameraden, des Sergeanten Metzges, des Oberlazarettgehilfen Nattermüller, des Unteroffiziers Franzkowiak ...
Stumm und ausgehungert löffelte er aus dem blechernen Kochgeschirrdeckel seine Erbswurstsuppe in sich hinein — seine Seele aber formte den letzten Vers zu seinem Morgenliede:
»In Demut will ich pflücken, was mir das Glück geoffenbart — ganz ohne Sinn beglücken, ist Glückes Art — ist — Glückes — Art.«
Vor dem Bataillonsstabszelt, der einzigen Behausung im ganzen Biwak, die mit den Wohnungen zivilisierter Menschen eine entfernte Ähnlichkeit hatte, unter dem Vordach, das wenigstens einen dürftigen Schutz gegen den immerzu munter niederströmenden Regen bot, hatte sich eine lustige Tafelrunde zusammengeschart ... ein paar hochkant gestellte Kisten bildeten Tische und Sitzgelegenheit ... das Service bestand aus groben Steinguttellern, aber die erlesensten Delikatessen der Saison gab's diesmal zu schmausen statt der üblichen Feldkost, der Preßgemüsesuppe, des halbverbrutzelten Konservengulasch ... Das heißt, auch diese kriegsmäßigen Speisen fanden ihre Abnehmer ... die drei Damen kosteten sie mit Begeisterung ... die mitgebrachten Herrlichkeiten überließen sie den Herren ...
Den Sekt trank man aus ramponierten Kaffeetassen ...
»An meiner is kein Henkel dran ...!«
»Schad' nischt — is Henkell drin!« schmunzelte der flaumbärtige Carstanjen.
Sassenbach hielt eine kleine Rede auf den holden Besuch: »Mit hold meine ich natürlich nur die gnädige Frau, nicht euch, ihr Mädels ... das bildet euch bloß nicht ein!«
Mit galantem, stürmischem »Oho!« protestierten die Leutnants.
Frau Cäcilie war still ... sie nahm sich zusammen; denn einmal hatte sie einen Blick ihres Gatten aufgefangen, der mit stummer, banger Beobachtung an ihr hing, als sie hingerissen ... selbstvergessen mit Martin Flamberg geplaudert ...
Doch immer verglich lechzend, qualvoll ihr armes Herz.
Hier ein friedlich knisterndes Herdfeuer — dort eine jetzt verhalten glostende, oft aber heiß und goldigrot auflodernde Glut.
Warum bin ich heraufgekommen? — Nutzlose Quälerei!
Und doch zählte sie angstvoll Viertelstunde um Viertelstunde, die verrann unter neckendem Geplauder, hin und wieder flatternden Scherzworten.
Der Sekt schäumte in blauen Emaillebechern, in zerbrochenen Tassen aus dem Fünfzigpfennigbasar. Gleichmäßig tropfte draußen der Regen aus den ziehenden Nebelschwaden hernieder. Die Dämmerung sank. Gesättigt, sangen draußen die Soldaten immer und immer wieder das Heimkehrlied:
»Es winket uns in weiter Ferne Das liebe, teure Vaterhaus! Wir war'n Soldaten, waren's gerne, Doch jetzt ist unsre Dienstzeit aus! Ihr Brüder, stoßt die Gläser an — Es lebe der Reservemann! Wer treu gedient hat seine Zeit, Dem sei ein volles Glas geweiht!«
Und eine tief lastende Melancholie umwob das Haupt der schönen Frau ... Warum war sie nur heraufgekommen? Es hatte ja doch keinen Zweck.
Mit einem Male meldete von draußen her die Stimme des Postens vor der Fahne: »Der Herr Oberst kommt!«
Hei — das platzte wie eine Granate mitten hinein in die harmlos schmausende Gesellschaft!
Der Major sprang auf: »Herrschaften, laßt mich durch!«
Er stelzte mit seinen vom langen Reiten und langen Sitzen steifgewordenen Beinen aus dem Schutze des Zeltdachs heraus, dem Regimentskommandeur entgegen, der heute das Detachement führte.
Durch den Nebel kam's von der Chaussee herangetrabt ... der Regimentsstab, die Herren in Mützen ...
Oberst von Weizsäcker, neben ihm, unnahbar wie immer, Herr von Schoenawa, sein Adjutant, und Oberleutnant Menshausen, der als Ordonnanzoffizier zum Regimentsstabe kommandiert war — ein paar Trompeter und Meldereiter von den Deutzer Kürassieren in ihren mattblinkenden Stahlhelmen.
Der Oberst, stattlich und rosig, mit den braunweißen, beständig zuckenden Schnurrbartflämmchen, nahm die Meldung des Biwakskommandanten entgegen, tat ein paar Fragen über Nachrichten vom Feind, Sicherheitsmaßregeln, Verfassung und Gesundheitszustand der Mannschaften ...
Da hatte er unterm schützenden Dach des Stabszeltes die hellen Regenmäntel, die wehenden Schleier der Damen erspäht.
Neugierig, in ritterlicher Haltung trabte er heran und begrüßte die errötenden Gäste des Biwaks.
»Meine Damen — allerhand Respekt! Bei dieser Sintflut im rauhen Kriegsgetümmel?«
Einen hämischen Zug um die Mundwinkel, hielt Oberleutnant Menshausen zur Linken des Obersten.
Schau, schau, die schöne Frau Cäcilie im Biwak — und die beiden Fräulein von Sassenbach ... und selbstverständlich in der Nähe der schönen Frau der Herr Sommerleutnant und Maler aus Düsseldorf ... und neben dem schlanken Majorstöchterlein die Karikatur, der Gehirnfatzke aus Bonn ...
Ein Skandal, daß man durch das an sich ja sehr ehrenvolle Kommando verhindert war, die Entwicklung dieser interessanten Ereignisse aus der Nähe zu verfolgen.
Aber warte — nächstens im Korpsmanöver ... was sagte die Manöverquartierverteilungsliste? Samstag, den neunzehnten September bis Sonntag, den zwanzigsten September: Regimentsstab — Schloß Hettstein — Erstes Bataillon — Bataillonsstab, erste und zweite Kompagnie: Dorf Hettstein —
Dann werden wir also die ganze Gesellschaft dicht beisammen haben ... dann werden ja die Dinge mehr oder weniger zum Klappen kommen ... dann könnte man vielleicht gar ein bißchen nachhelfen ...!
Wie ... das würde sich finden! — Jedenfalls irgend etwas würde sich dann ereignen ... ein kleiner Spaß ... eine kleine Abwechslung in diesem verflucht eintönigen Kommißdasein ...
Dann würde man sich entschädigen können für so manchen Ärger, den man hatte schlucken müssen ...
Inzwischen mußte man freilich die Karre laufen lassen, wie sie laufen wollte ...
Wenn man nur einen Vertrauensmann wüßte —?
Ah — Quincke — auch in dieser Wildnis das unvermeidliche Monokel ins fahle Gesicht geklemmt ...
Menshausen winkte den jüngern Kameraden an die Seite seines Gaules, streckte ihm die braunbehandschuhte Rechte hin: »Sie, lieber Quincke — im Interesse unseres Offizierkorps — beobachten Sie doch mal die beiden Herren des Beurlaubtenstandes, den Flamberg und den Frobenius, ein bißchen genauer, wenn die Damen in der Nähe sind ... Brandeis hat ja ein Schlößchen hier in der Nähe gekauft — also werdet ihr wohl öfter das Vergnügen haben — Mir kommt's vor, als ob die beiden fremden Herren — —«
»Selbstverständlich, lieber Menshausen, hab's längst gemerkt ... Denken Sie, ich schlafe mit offenen Augen?!«
Leise tuschelten die beiden Herren ...
— Und Quincke paßte auf, als nun der hohe Stab von dannen getrabt war ...
Immer tiefer sank die Dunkelheit ... die Damen, von den Herren geführt, unternahmen noch einen Rundgang durchs Biwak, während die Azetylenlampen des Mercedes, vom Chauffeur entzündet, bereits weiße, gleißende Lichtkegel in die Abenddünste zeichneten ...
Aha ... Frau von Brandeis wieder zwischen ihrem Mann und Herrn Flamberg ... ja, ja, immer à trois ... unbegreiflich diese eselhafte Vertrauensduselei des Kapitäns ...
Und Fräulein Nelly von Sassenbach natürlich Seite an Seite mit dem hagern Landwehrleutnant ...!
Quincke schlich hinter den beiden her und lauschte ...
»— Ja, mein altes Mütterchen, gnädiges Fräulein — eine ganz, ganz einfache, einsame alte Frau! Sie hat sich nicht entschließen können, nach meines Vaters Tode das Dörfchen droben auf dem Westerwald zu verlassen, wo ihr Mann dreißig Jahre lang die Buben und Mädel in die Geheimnisse des ABC eingeweiht hatte ... ach ja, eine einfache Frau! Aber was für Augen, gnädiges Fräulein ... Augen wie so ein altes wundertätiges Waldweiblein aus dem Märchen ...«
»Ach ja ... die möcht ich wohl kennen lernen —!«
Feine Zusammenstellung, grinste Quincke: junge Dame von Stand, passionierte Reiterin und Tänzerin ... Tochter eines preußischen Stabsoffiziers — — und eine Bauernschulmeisterswitwe in einem Waldnest! — Na ja ... wenn die Menschen verrückt werden, fängt's im Kopf an —!
Aber es kam noch toller.
Im Halbdunkel gewahrte Quincke, daß das jüngere Fräulein von Sassenbach unauffällig zurückzubleiben suchte ...
Und wahrhaftig! — Da tauchte aus der Mitte der Mannschaften, die um ihre Lagerfeuer rasteten, die Gestalt eines Unteroffiziers auf ...
Aha, der Einjährige, der den langweiligen Quatsch zum Regimentsfest verbrochen hatte! —
Weiß der Himmel — er begrüßt sie wie ein Kavalier ... sie plaudert mit ihm ... und nun zieht der Einjährige ein Notizbuch aus der Tasche ... nimmt eine beschriebene Meldekarte heraus ... reicht sie der Dame ... Die errötet tief ... legt sie sorgsam zusammen und steckt sie in die innere Tasche ihres Regenpaletots ...
Warte, Bürschchen ... dich wollen wir mal auf deinen Standpunkt zurückbringen ...!
»Nun, gnädiges Fräulein ... wollen Sie sich nicht Ihrem Fräulein Schwester anschließen? Die Damen begeben sich bereits zum Auto zurück ... Bitte übrigens einen Moment um Verzeihung! — Sie, Einjähriger, hier haben Sie zwanzig Pfennige ... gehen Sie doch mal zum Marketender an den Kantinenwagen und holen Sie mir ein Schinkenbutterbrot ... Sie können's mir ans Offizierzelt bringen ...!«
Hans Friesen war einen Augenblick starr ... dann faßte er sich, wandte sich kurz herum, spähte in die Gruppe der Füsiliere hinein, die ums Lagerfeuer saß: »Makowiak!«
Der Angeredete, ein hübscher, polnischer Rekrut, stand sofort in strammer Haltung neben dem Unteroffizier: »Zur Stelle!«
»Herr Leutnant Quincke wünscht ein Schinkenbutterbrot vom Marketender ans Offizierzelt. Hier ist das Geld!«
»Einjähriger, ich habe Sie selber beauftragt, wie Sie gehört haben! — Ist das vielleicht unter Ihrer Würde, was?!«
»Jawohl, Herr Leutnant —!«
Quincke biß sich auf die schmalen Lippen: »Na — dann erteile ich Ihnen also hiermit den dienstlichen Befehl, mir das Butterbrot zu holen!«
Hans Friesen stand stramm ... regungslos ...
»Wollen Sie sich vielleicht der Gehorsamsverweigerung vor versammelter Mannschaft schuldig machen —?!«
Hans Friesens Lippen bebten ...
Er erinnerte sich der Strenge der militärischen Gesetze: der Vorgesetzte hat in dem Augenblick, in dem er befiehlt, immer recht — — Er nahm dem Füsilier das Geld wieder ab, machte stramm kehrt und stapfte ins Dunkel, dorthin, wo die Laternen des Marketenderwagens gelblich aufleuchteten — — —
Dafür sollte der Frechling ihm Rede stehen — in vierzehn Tagen, wenn der bunte Rock abgestreift war ... Warte, du Affe! — Wollen sehen, wer am besten schießt von uns zweien! —
— Tränen der Wut und Empörung in den Augen, sprachlos hatte Molly dem Auftritt zugeschaut: »Das ist abscheulich, Herr Quincke!«
»Wieso?« näselte der Leutnant, »is doch höchstens 'ne Ehre für den Unteroffizier, wenn er seinem Zugführer einen Gefallen tun kann!«
»Ich sag' es meinem Vater — verlassen Sie sich drauf!«
Das Auto war von dannen gerattert ... und jählings sank die Nacht ... sank die Stille über das nebelumsponnene Feldlager ...
Schweigend, fest in ihre Mäntel gehüllt, saßen Brandeis und Flamberg auf den umgestürzten Wein- und Menagekisten vor dem niedern Zelt — —
Der kleine Carstanjen und der Fahnenjunker schnarchten bereits drinnen im Stroh — —
Beider Männer Blicke hingen an dem phantastischen Schauspiel der mählich verglimmenden Lagerfeuer, deren rötliches Glosten allein noch die Schwärze der Nebelnacht durchdrang — —
Und beide Männer träumten von Frau Cäcilie — —
»Sagen Sie, lieber Flamberg ... mögen Sie mich ein bißchen leiden?« fragte der Hauptmann auf einmal mit verschleierter Stimme.
»Wie meinen Herr Hauptmann —?!«
»Ob Sie mir ein bißchen gut sind, möcht' ich gern wissen?!«
»Herr Hauptmann, ich ... ich möchte unter Ihnen in den Krieg ziehen ... mit Ihnen zusammen fechten und bluten ... dann wollt ich's Ihnen beweisen ...«
»Das freut mich zu hören,« sagte der Hauptmann, »das freut mich zu hören ...«
Einen Augenblick Stille — tiefe Stille —
Martin hatte verstanden ...
Nein ... er durfte ganz ruhig sein, der brave, ehrenfeste Mensch da neben ihm ... er, Martin, würde sich künftig noch mehr zusammennehmen ... beim nächsten Wiedersehen ... seine Augen, seine Stimme noch mehr im Zaum halten ... noch mehr als heute ...
»Na ... nun kommen Sie —«
Freundschaftlich und vertrauensvoll klopfte der Kapitän dem Kameraden auf die Schulter — —
»Es ist Zeit ... morgen früh um vier wird abgebaut ... wollen ins Stroh kriechen ...!«
Zweites Kapitel.
Frau Cäcilie hatte einen bangen Traum.
Ein Geläut klang ihr ins Ohr ... ein tiefes, volltöniges Geläut ... unregelmäßig, oft wie vom Winde verweht, doch stark und mächtig ...
Und auf einmal wußte sie es ... das waren ja die Hochzeitsglocken ... heute machte sie Hochzeit mit Martin Flamberg ...
Das Glück war gekommen ... das große Glück ... die Lebensliebe, von der sie einst als Mädchen geträumt ... die Erfüllung, herrlicher, als kühnste Dichterphantasie sie schilderte.
Bim, bam, läuteten feierlich die Glocken ... die Glocken des Kölner Doms ... und sie beide, sie schritten mitten über den weiten Domplatz ... auf das weitgeöffnete Portal des ragenden Gotteshauses zu ...
Neben ihr ging der Maler ... in Paradeuniform, den schwarzen wehenden Roßhaarbusch auf dem Helm ...
War sie nicht schon einmal neben einem Manne hingeschritten, der diese Gewandung trug ...?!
Ach ... das war lange her ... das war gar nicht mehr wahr ...
Rechts und links staute sich das Volk, und sie hörte das Flüstern der Menge: Das ist Martin Flamberg, der große Maler, und seine glückliche Braut, die schöne Frau Cäcilie ...
Einen Blick warf sie dem Verlobten zu, und er erwiderte ihren Blick mit einem jähen verlangenden Aufleuchten seiner braunen durstigen Künstleraugen ...
Und immerfort ... tief und gewaltig ... summten dazu die Glocken aus der Höhe ...
Nun schritten sie Hand in Hand die hohe, breite Domtreppe hinan ... weit offen stand die metallene Pforte ... dem Blick erschloß sich das geheimnisdunkle, weihrauchdurchduftete Innere des Heiligtums ... von rechts her, magisch bunt gefärbt, fiel durch die Glasgemälde der Spitzbogenfenster ein breiter Strahl gedämpften Sonnengoldes hinein ...
Da — als das Paar die Pforte durchschreiten wollte ... plötzlich stand da eine gräßlich entstellte, bleiche Gestalt in der Wölbung — — Fritz —!
Er stand im kotbespritzten Manöveranzug ... die Feldmütze tief ins blasse Gesicht gezogen ... die braunbehandschuhte Linke hatte er fest aufs Herz gedrückt ... und unhemmbar floß ein Strom zähen, dunkeln Blutes zwischen seinen Fingern hindurch ... sickerte auf die Steinfliesen ...
Da schrie sie auf ... und brach in den Armen des Geliebten zusammen ...
Und erwachte — —
Erwachte in dem hellen, freundlichen Schlafgemach des Schlößchens Hettstein ... in dem messingfunkelnden englischen Bett unterm duftig lichten Gardinenhimmel ...
Und neben ihr harrte eine andere, unberührte Lagerstatt, von schimmernder Spitzenspreite bedeckt ...
Aber die Glocken ... die Glocken läuteten immer noch ...
Doch nein — das waren ja die Kanonen ... die Kanonen des Korpsmanövers ringsum auf den Hunsrückhöhen ...
Und heute, heute würden sie kommen ... ihre Gäste ... der Regimentsstab der Niederländer Füsiliere!
Und kommen würden auch die beiden Männer, deren einer in ihrem Traum an ihrer Seite gegangen war, bis der andere ihnen entgegentrat mit der blutdurchsickerten Linken auf der Brust und dem fahlen, starren Totenantlitz ...
Gott sei gedankt, er lebte ... Fritz lebte ...!
Frau Cäcilie richtete sich auf ... ihre Schläfen brannten ... die Augen flimmerten, als habe sie die ganze Nacht schlummerlos durchwacht ... und ihre Wangen waren kalt von nassen, bangen Tränen ...
Sie würden kommen ... würden sie anschauen ... beide ... und in beider Augen würde sie mit wirrem Streite der Gefühle das Bekenntnis lesen müssen: Ich gehöre dir ... meines Lebens Schicksal ruht in deiner Hand ...!
Das war ein grauenvolles Bewußtsein, also zweier Männer Seele zu beherrschen — und doch von einer geheimen, wilden Süßigkeit ... dieses Machtgefühl ... dieses Herrschergefühl ...
Sie sprang aus dem Bette ... ging zum Spiegel ... schaute lange in ihre Züge ...
Was ist denn eigentlich so Besonderes dran an dir, du weiße Larve mit den brennenden Augen drin, daß du immerfort durch einen Wall, durch einen Schwall von Huldigungen hinschweben mußt —?!
Bum, bum — läuteten droben auf den Bergen ringsum im Kreise die Kanonen, deren Sang ihren Traum wie Hochzeitsglocken durchwandelt ...
Dort oben stand das ganze rheinische Armeekorps, in zwei Parteien geteilt, in lustiger Friedensschlacht ... mehr denn zwanzigtausend rüstige Männer ... die Jugendblüte der schönsten und reichsten Provinz des Vaterlandes ...
Und in ihrer Schar gab es zwei, von denen sie wußte, daß sie mitten im Drang ihrer Pflicht ... im sengenden Sonnenbrande ... beim Marsch auf staubüberwölkter Landstraße ... und beim Ansprung wider den Feind über den Sturzacker — die Stunden zählten, die sie noch vom Wiedersehen trennten — vom Wiedersehen mit ihr ...
Dies Wissen war beseligend und fürchterlich.
Was würde werden? Ihre Seele war schwer und glühend von der Ahnung eines Schicksals, einer nahen Entscheidung, einer Entscheidung, der sie wehrlos gegenüberstand, einer Entscheidung, die sie über sich ergehen lassen würde wie ein unabwendbares Elementarereignis, wie einen Wirbelsturm, wie ein erlösendes und zerschmetterndes Gewitter.
Ja, machtlos — willenlos fühlte sie sich gegenüber dem Geschick.
Die beiden andern waren ja die Männer ... die mochten handeln, die mußten entscheiden, was werden sollte.
Sie war das Weib ...! Ihrer harrte nur die äußere Pflicht, die Pflicht der Hausfrau und Gastgeberin — die würde sie erfüllen, korrekt und anmutig ... von ihrer Erziehung, ihrem Instinkt unfehlbar geleitet ... ohne daß an Willen und Entschluß irgendwelche Anforderungen gestellt wurden.
Das andere ... das würde kommen von draußen her, unhemmbar, unabwendbar ...
Und droben im Turmkämmerchen träumten zwei andere Herzen einem Wiedersehen ... träumten ihrem Schicksal entgegen ... ein Kinderherzchen, so willenlos wie die reife Frau im Banne dumpfer, triebhafter Gefühle — und ein fester straffer Mädchenwille, der während schlummerloser Nacht in Frische und Resignation über sein Leben beschlossen hatte.
Ja, Nelly Sassenbach wußte, was sie wollte ...!
Heut abend freilich würden die Herren erst spät ins Quartier kommen — es war beschlossen, sie in Ruhe zu lassen. Nur der Regimentsstab, der ohnehin dem Schlosse bestimmt war, würde zur Tafel erscheinen, und natürlich der neue Schloßherr, obwohl er offiziell mit seiner Kompagnie drunten im Dörfchen lag.
Die Herren der ersten und zweiten Kompagnie würden sich ausschlafen beim Ortsvorsteher und bei den andern wohlhabenden Bauern, deren Höfen sie zugewiesen waren, würden mit aller Bequemlichkeit gegen Abend in der Schankwirtschaft ihre Mahlzeit einnehmen und um neun zu Bette gehen.
Morgen aber ist Rasttag — da werden die Herren gründlich ausgeruht als Gäste der Schloßherrin auf Hettstein erscheinen — man wird festlich und fröhlich zusammen dinieren — wird im Park spazieren gehen.
Und dann — dann wird es geschehen — dann soll es geschehen!
Dann wird sie die Braut des hagern Gelehrten werden, des Schulmeistersohnes vom Westerwald, des miserabeln Reiters und Tänzers, des Mannes aus dem Froschtümpel, des Entgleisten vom Kasinoparkett.
Es war beschlossen — es würde sich vollziehen — sie wollte es. Und daß er die gleiche Sehnsucht hatte, das wußte sie, seit er ihr von seiner Mutter erzählt, im Regenbiwak unter der »Marscheider Burr«.
Ja, viel — gar viel Resignation steckte in diesem Entschluß.
Ganz, ganz anders sah ihr Erwählter aus als die Gestalten, die einst durch ihre Mädchenträume geschwebt waren.
Aber wenn sie seiner gedachte, dann kam ein so tiefes Ruhegefühl ... ein so freudiges Geborgensein über sie ...
Ja ... er war doch der Rechte ... der, für den das Schicksal sie aufgespart hatte, das in ihrer Mutter Gestalt so manchen glänzenden, stattlichen Bewerber aus ihrer eigenen Welt von ihrer Seite gescheucht hatte ...
Ich danke dir, Mutter — es ist gut gewesen, daß ich den schwarzen Baron Höningen nicht bekommen hab, der jetzt in Amerika Pferde hütet ... und nicht den riesigen Bettingen, der nun drunten in Südwestafrika im Wüstensande liegt ...
Es ist gut so, Mutter ...!
Was morgen kommt, das ist fürs ganze Leben ... kein stürmisches Backfischglück wie das, von dem gewiß das blonde Schwesterchen jetzt träumt, das so eigenwillig sein Köpfchen der rosaroten Tapete zukehrt ... aber eine frohe Ruhe ... eine festlich stille Gewißheit ... eine Heimstatt für freudiges Wirken und Hineinwachsen in eine helle, lichte Welt, in ein höheres, geistigeres Dasein, als meine Jugend es je geahnt ...
Wilhelm Frobenius, du Prachtkerl! — Du sollst es gut haben bei deiner Nelly — hol mich der Teufel!
Bum, bum, drohten die Geschütze ringsum auf den Bergen ohn' Unterlaß ...
»Nun, gnädige Frau, wen bekomm' ich ...?«
Die drei Freundinnen standen im feierlich halbdunkeln, getäfelten Speisesaal des einstmals kurtrierschen Schlößchens, das ein Kölner Bankier vor acht Jahren aus einer ziemlich wohlerhaltenen Ruine in einen behaglichen weltfernen Herrensitz zurückverwandelt hatte ... und Frau Cäcilie legte die Tischkarten ...
»Abwarten, Kleine! — Also: Ans Kopfende komme selbstverständlich ich — leider, leider zwischen die beiden Herren Kommandeure ... den Oberst zu meiner Linken, Ihren lieben Brummbär Papa zu meiner Rechten!«
»Donnerwetter, fabelhafter Dusel für Papa! — Na, der wird schmunzeln ... gut, daß Mama nichts davon ahnt ... das gäb' ein paar schlaflose Nächte!«
»Schäm dich, Nelly!« zürnte das jugendliche Ebenbild der Entfernten.
»Na, und nun gehen wir mal zunächst hier links hinunter, damit die kleine Neugier auch lange genug auf die Folter gespannt wird! Also neben den Herrn Regimentskommandeur natürlich Sie, Nelly!«
»Um Gottes Willen! — läßt sich das nicht vermeiden?«
»Unmöglich, Kind! — Die Tischordnung versteht sich sozusagen von selbst ... es geht gar nicht anders, als ich's aufgesetzt habe! Aber nun kommt die Entschädigung: zu Ihrer Linken sitzt — Herr Oberleutnant von Schoenawa!«
Ernsthaft hatte die Wirtin das gesagt ... aber ihre Augen blitzten schelmisch prüfend zu der schlanken Freundin hinüber.
Die bewahrte Haltung. Was lag an dem Diner? ... Sie wußte ja doch, was sie wollte ...
»Zu Befehl, gnädige Frau!«
»Also wirklich — vollkommen einverstanden?!«
»Vollkommen!«
»Aber ich nicht! — Der gestrenge Herr Regimentsadjutant ist mir zu feierlich und offiziell für Sie ... Außerdem ist ein Herr da, der zwar eine Charge unter ihm steht, aber an Jahren der nächste nach den beiden Herren Kandillenträgern ist!«
Und nach der Melodie des Lockens zum Parademarsch trällerte die schöne Frau:
»Großmutter, die Landwehr kommt, Die Landwehr kommt, die Landwehr kommt, Großmutter, die Landwehr kommt ...«
Da errötete Nelly denn doch ein wenig und verstummte.
»Na, ich seh schon, ich hab's getroffen ... da, Kindchen, legen Sie selber den Zettel hin! — Also, neben Herrn Frobenius setzen wir Herrn Oberleutnant Menshausen und neben den: Herrn Flamberg ... Herr Menshausen kann die Herren vom Beurlaubtenstande nicht leiden — ich kann Herrn Menshausen nicht leiden — Rache ist süß, krächzte der Habicht!«
Außerdem kann es nicht schaden, dachte sie, daß ich Flamberg recht weit von mir entfernt auf einen schlechten Platz setze ... Fritz machte neulich im Biwak einmal so merkwürdige Augen ...
»Ans Fußende kommt natürlich das grüne Gemüse — unten meines Mannes Fahnenjunker, der kaum geborene Erichsen — zwischen ihn und den Herrn von der Reserve setze ich Herrn Quincke!«
Den Herrn von der Reserve! dachte Nelly — diese Heuchlerin!
»— dem gegenüber Herrn Carstanjen ... dann kommt mein Mann ... neben den kommen Sie, kleine Molly!«
»Sehr einverstanden! — Himmlisch!«
Der Backfisch hatte ein wenig für Fritz von Brandeis geschwärmt, ehe dieser anderweitig vergeben worden war.
»— an Ihre andere Seite der Adjutant des ersten Bataillons!«
Molly rümpfte das Näschen: »Der ist so entsetzlich brav!«
»Ja, ich hab niemand andern mehr ... nur noch Herr von Schoenawa ist übrig!«
»Ne, danke ... dann immer noch lieber Herrn Blowitz!«
»Gut — dann also Herrn von Schoenawa zwischen Blowitz und Ihren Vater! Na, ist das nicht tadellos, Kinder?«
»Ausgezeichnet — ganz vorzüglich, gnädige Frau!«
»Ach was — ihr immer mit eurer langweiligen gnädigen Frau —! Machen wir's uns doch endlich mal gemütlich: sagen wir du zueinander!«
Tief erglühend vor Seligkeit boten die Mädchen der vergötterten Wirtin ihre Lippen.
Und über alle drei kam's wie ein Festrausch. So herrlich strahlte draußen die Spätsommersonne ... die eben leise sich bräunenden Bergwälder schlossen sich so traulich um das Schlößchen wie ernste, fromme Hüter eines geheiligten Asyls ...
Und immer näher ... immer drängender scholl draußen das mächtige Geläute der Kanonen auf den Höhen ringsum ...
»Ach, Kinder, das Leben ist doch schön!«
»Das weiß der Himmel!« sagte Nelly aus tiefer, dankbar hoffender Brust.
»Ja wahrhaftig, das weiß der Himmel!« echote auch die Neunzehnjährige ... und sie träumte von einem, der morgen abend zwar nicht hier mit an der Tafel sitzen würde ... den sie aber doch sehen wollte ... heimlich, verstohlen sehen — und küssen ... draußen irgendwo in den verschwiegenen Bosketten, die sich über den Trümmern der alten, nicht wieder hergestellten Bastionen buschten ...
Sie mußte ihn ja trösten ... mußte ihn entschädigen für die Unbill, die der widerwärtige Quincke ihm zugefügt ... offenbar mit Absicht in ihrer Gegenwart ... um ihn zu blamieren vor ihr ...!
Zu blamieren vor ihr ... haha ... als ob das möglich gewesen wäre ...!
Aber er durfte sich's um Gottes willen nicht zu sehr zu Herzen nehmen ... ihr süßer Junge ... ihr Dichter ... dessen himmlische Verse, rasch mit Bleistift auf einer Meldekarte niedergekritzelt, unter der Bluse an ihrem Herzchen knisterten ...
Und darum mußte sie ihn trösten — unbedingt ... damit er keine Dummheiten machte! — Na, das würde ihr schon gelingen. — —
Bum, bum, bum, läuteten draußen die Kanonen ...
»Sie kommen! sie kommen!«
Die aufgeregt harrenden Mägde drunten am Schloßtor schrien's zuerst ...
Der Gärtner, der Chauffeur gaben's weiter ...
Das Hausfräulein stürzte zu den Damen hinein, die eben im Herrenzimmer die kleinere Tafel für den heutigen Abend mit Blumen schmückten.
»Wer kommt?« fragte die Hausfrau.
»Soldaten! Soldaten wie Sand am Meer!«
Von den tiefen Nischen der Fenster des Schloßturms aus konnte man den Weg überschauen, der durch die buschigen Abhänge nördlich des Beierbachs empor sich schlängelte nach Hettenrodt zu ...
Von dort stieg jetzt, ein Pferd hinter dem andern, vorsichtig ein endlose Linie von Reitern in hellblauen Waffenröcken hernieder — Saarbrücker Siebente Dragoner. —
»Die sind nicht von den Unsern!« erklärte Nelly sachverständig, »seht, sie tragen Helmbezüge ... das ist der böse Feind; der ist jedenfalls geschlagen und muß sich zurückziehen ...«
»Geschieht ihm recht!« rief Molly mit blitzenden Augen.
Nun sprengte auf der Chaussee, die an der andern Seite des Schlößchens von Mackenrodt her in langen Zickzackwendungen ins Tal hinunterkroch, ein Trupp Artillerieoffiziere, gleichfalls in Helmbezügen, hart am Schloß vorüber, bergab ins Tal ... verschwand drunten zwischen den Häusern des Dörfchens und tauchte an der andern Berglehne wieder auf, galoppierte jenseits in das Seitentälchen hinein, das sich gen Vollmersbach hinaufzog. Sie schwenkten rechts ab, erschienen, klein wie Bleisoldaten, droben auf der kahlen Höhe ...
Und durch die Gläser konnten die Damen deutlich erkennen, daß sie droben Halt machten und mit ihren Feldstechern übers Schlößchen hinweg Ausschau hielten.
»Sie suchen eine Stellung für die zurückgehende feindliche Artillerie aus; die soll den Rückzug des gegnerischen Detachements decken!« wußte Nelly wiederum zu erläutern.
»Da werden wir ja das Kanonenkonzert aus allernächster Nähe zu genießen bekommen!«
Und richtig! — Nach wenigen Minuten rasselte eine schier endlose Artilleriekolonne die Chaussee hinunter, so schnell als der abschüssige Weg mit seinen zahllosen, scharfen Krümmungen es nur irgend gestattete.
Die Kanoniere saßen mit rauchgeschwärzten, staubbekrusteten Gesichtern auf den Protzkästen und hielten sich krampfhaft fest, um nicht beim Rumpeln der federlosen Gestelle abgeschleudert zu werden ...
Das Sitzfleisch tat einem weh vom bloßen Ansehen ...!
Drüben den steilen Talweg ging's hinan ... da mußten die Kanoniere absitzen und die Geschütze bergan schieben helfen ... Die armen Kerle!
Ganz deutlich war's zu verfolgen, wie nun drüben die Mündungen der Geschütze über dem hohen Kamm auftauchten ...
Bum — da krachte auch schon der erste Schuß, bum — der zweite ...
Dicke weiße Wolken stiegen auf, doch verflogen sie in der blauen Nachmittagsluft wie der Rauch einer Zigarre ...
Die Damen hielten sich die Ohren zu, so heftig knallten die Schüsse ... widerhallend kam das Echo zurück von all den dunkelbelaubten Berghängen ringsum ...
Eine Viertelstunde später begann der Abstieg der geschlagenen feindlichen Infanterie ... eine dunkelblaue Schlange mit grau und silbern schillernden Schuppen, so wälzte sich der Zug des Fußvolks nieder ins Tal ... Kompagnie hinter Kompagnie ... Bataillon hinter Bataillon ...
Ganz dicht unter den Schloßfenstern wogte der endlose Schwall vorüber ...
Gott, sahen die wackern Jungen aus! —
Spätsommermittagsglut und der Staub vielstundenlanger Märsche hatten ihr Werk getan ... schmutzige Rinnen hatte der Schweiß in die tiefgebräunten, graubepuderten Gesichter gezeichnet ... die Rockkragen waren geöffnet ... die Gewehre pendelten schwer auf den müden Schultern ...
Aber die gesenkten Nacken richteten sich straffer auf, als plötzlich bei der Wegwende vor ihrem Blick das schmucke Schlößchen mit seinen altersgrauen Mauern und der blinkenden Zier seiner Erneuerungsbauten, den roten Ziegeldächern, den blitzend weißen Fensterkreuzen auftauchte, von dunkelgrünen Efeupolstern und leuchtendrotem Rankengeriesel wilden Weins umwuchert ...
Und über den Rand der Gartenanlage beugten sich frische Mädchenköpfe ... das Hausfräulein und die beiden Mägde ...
Hei — wie das elektrisierte, wie Jugend da plötzlich die Jugend erschaute ... da reckten sich die matten Gestalten der Marschierenden empor, da flog ein endloser Schwall von Neckereien und derben Späßen zur Mauer hinan in allen Mundarten der rheinischen Gaue ...
Aber Glied um Glied wurde rasch von dannen gerissen im rastlosen Rückmarsch.
Mochten auch die Vorbeimarschierenden die Köpfe noch so sehnsüchtig umwenden — die Blicke der strammen Holden droben waren schon wieder weitergewandert, neuen Kömmlingsscharen entgegen.
Die Herren Offiziere aber hoben ihre Blicke noch etwas höher als bis zur Mauer der Gartenbastion ... sie strebten zum Balkon empor, wo in lichten Gewändern drei Frauengestalten aus ihrer eigenen Kaste sich zeigten ...
Hei — wie flogen da feurig kecke Blicke empor ... dorthin, wo die Damen standen ... die Damen ...
Aber auch sie mußten von hinnen, die stattlichen Stabsoffiziere und Hauptleute hoch zu Roß, die schlanken, in Staub und Schweiß noch eleganten und aufrechten Leutnants mit den häßlichen Wachstuchtornisterchen auf dem Rücken — dem »Schandfleck der Ritterlichkeit« — —
Und von dem vorüberrollenden Strom kriegerischen Lebens stieg ein Dunst zu der schönen, schlanken Herrin, den winkenden Mädchen und Mägden empor ... ein heißer, schwüler Dunst hochblühender, waffendienstgestählter, jugendprangender Männlichkeit, der ihnen den Sinn verwirrte ... einen Schwall weckte von unbewußten, unbegriffenen Sehnsuchtgefühlen ...
Doch endlich war der Strom vorübergerauscht.
Schräger flimmerte die Spätnachmittagssonne auf der Chaussee, die sich wie ein fahlgelbes Band durch das Braungrün der Waldhänge zog.
Die Damen waren verstummt.
Nun müssen bald die Unsern kommen, dachte eine jede ... die Unsern ...
Und dann ... dann kommt auch er, der eine ... der meine, dachten die jungen Mädchen ...
Frau Cäcilien aber bebte das Herz ...
Der meine ... wer war das, der meine? — —
Ach, sie wußte es selber nicht zu sagen ... nur bang ... grenzenlos bang und ahnungstrüb zitterte nun auf einmal ihre einsame Seele, die sich niemandem — niemandem anvertrauen konnte in der Qual ihrer Zerrissenheit.
Drittes Kapitel.
»Ja, lieber Sassenbach — Sie können sagen, was Sie wollen, es war ein direkter Blödsinn vom General von Ketteler — ein direkter Blödsinn! Statt sich einfach auf der Höhe zwischen Mackenrodt und Hettenrodt mit seiner ganzen Division aufzubauen und unsern Angriff abzuwarten, geht er über das Aubachtal hinüber bis Nockental uns entgegen —«
»Aber — Verzeihung, Herr Oberst! — die Stellung bei Nockental war wesentlich besser als die bei Mackenrodt — namentlich seine Artillerie hatte er hinter den flachen Höhen hier beim R von Rötzweiler ganz glänzend placiert —«
»Zugegeben!« sagte der Oberst und neigte sich tiefer über die Karte, die mitten zwischen den zartgeschliffenen Weingläsern, den über die ganze Tafel verstreuten, nun schon halbverwelkten Astern auf der Damastdecke lag, dicht neben dem Teller der Hausherrin, die müde und gelangweilt sich fruchtlos Mühe gab, an dem endlosen Streit ihrer beiden Tischnachbarn über den Verlauf der gestrigen Übung pflichtschuldigen Anteil zu heucheln. — »Zugegeben! — aber bei der Wahl einer Verteidigungsstellung kommt's doch vor allem darauf an, daß man sich anständig aus dem Staube machen kann! Na ... und nun sehen Sie sich mal diese Rückzugslinie hier an ... zwischen seiner Stellung und dem Punkt, den er zu decken hatte, der Stadt Idar nämlich, liegen zwei — sage zwei! — Talsenkungen ... zweimal hat er mit seinem ganzen Schwamm im vollen Bereich unseres Feuers dreihundert Meter über kahle Höhenzüge hinauf und wieder herunter gemußt! — und wie sich die Infanterie massierte auf dem Rückmarsch — so etwas von einem Wurschtkessel ist ja überhaupt noch gar nicht dagewesen! Erinnern Sie sich ... unter dem Berg — wie hieß er doch —?«
»Der Galgenberg!« lachte der Major.
»Ja, ja ... und wissen Sie auch, wer an dem Galgen baumelt —?«
»Na — nach der Kritik versteht sich das wohl am Rande!«
»Allerdings,« erklärte der Oberst, »der Zylinder für Herrn von Ketteler dürfte fällig sein —!«
»— und die Brigade frei werden!« lächelte geschmeidig und beziehungsvoll der Major, der, wenn er wollte, in seiner rauhen Form ein richtiger Höfling sein konnte.
»Aber nun Schluß mit der Kommißsimpelei, lieber Sassenbach — unsre verehrte Frau Gastgeberin wird sonst bereuen, daß sie sich zu uns alten Knaben gesetzt hat, statt zur Jugend, wohin sie von Gottes und Rechts wegen gehört —!«
»Oh, bitte recht sehr, Herr Oberst, es hat mich natürlich ganz außerordentlich interessiert,« log Frau Cäcilie, »nun kann ich mir bei alle dem, was ich gestern gehört und gesehen hab, auch etwas denken — dieser heitre Vorbeimarsch gestern abend, das war in Wirklichkeit die zügellose Flucht eines geschlagenen, fast vernichteten Heeres — wie mir übrigens Ihre Nelly, Herr Major, ganz richtig erklärt hat!«
»Ja, die Nelly — die hat Ahnung!« schmunzelte der Vater.
»Ganz gewiß, meine gnädigste Frau«, sagte der Oberst. »Und gerade über Ihr niedliches Schlößchen hinweg tobte der Endkampf der beiden Artillerien ... im Ernstfalle würde von diesem entzückenden Nestchen wohl nicht mehr viel übrig geblieben sein!«
»Gott ja ... das sieht alles so lustig ... so frisch und freudig aus, und man vergißt gar zu leicht, was für ein schauerlicher Ernst dahintersteckt —«
»Ja, ja — gut wär's, wenn sich unsre jungen Dächse da unten das auch manchmal ein bißchen mehr zu Gemüte führen wollten — wir Alten, wir wissen's ja freilich und werden's nie vergessen! — was meinen Sie, Sassenbach?!«
Zärtlich schielten die beiden alten Kämpfer nach dem Bande des Eisernen Kreuzes im Knopfloch ihrer Überröcke ... zu gleicher Zeit hoben beide die Gläser und tranken auf das Gedächtnis der großen Zeit vor neununddreißig Jahren, die sie beide als blutjunge Leutnants mit durchlebt und mit durchfochten ...
Cäcilie aber hatte nur mit dem Aufgebot ihrer ganzen Haltung dem Gespräch der beiden alten Herren folgen können ... in ihr schrie die unverbrauchte Glückssehnsucht ... schrie all das Verlangen, das Fritz von Brandeis nicht hatte stillen können ...
Gott, wie wunderlich ... wie verrückt ... wie unheimlich rätselschwer das Leben ... Wie wirbelte es die Schicksale, die Herzen der Menschen durcheinander ...
Da unten bei lautem Gelächter und Geplauder saßen sie nun einander gegenüber, die beiden Männer ... saßen inmitten der Kameraden, schwatzten, tranken, tauschten hundert harmlose, lustige und tragikomische Manövererlebnisse aus ...
Und wenn dann einmal einer von ihnen beiden in einer unbewachten Sekunde sich vergaß ... dann sank urplötzlich die glatte Maske ... und der eine jetzt, der andere nun, starrte tief versonnen in sein Sektglas ... und auf eines jeden Gesicht lag dann plötzlich Spannung, Kampf und Qual ...
Und das alles ging um sie.
Martin Flamberg hatte einmal in einem solchen Moment der Versunkenheit rasch und heimlich ein Briefchen aus der Tasche des Überrocks gezogen und es unterm Tisch mit hastigen Blicken überflogen ...
Cäcilie wußte: ein Brief seiner Braut ... ein Brief des fernen, bang und selig harrenden Mädchens, dem in wenigen Tagen in Wirklichkeit die Hochzeitsglocken läuten sollten ...
Gewiß ... das Briefchen sprach von heißer Sehnsucht ... von kaum stillbarer Erwartung ... von einer süßen Ungeduld, welche die Tage und Stunden zählte, die sie noch von der Erfüllung trennten ...
Heute war Sonntag, morgen und übermorgen die beiden letzten Manövertage ... und schon Mittwoch sollte Martin Flambergs, des Heimgekehrten, Hochzeitstag sein ...
Über-übermorgen ... dann war er ihr verloren ... verloren für alle Zeit —
Aber ... während er das Briefchen überflog, hatte da auf seinem Gesicht auch nur ein leises, flüchtiges Leuchten des Glücks, der Hoffnung geflammt —? nein — quälendes Bangen ... herbe Gewissensnot ... finsterer Zwiespalt der Gefühle ...
Sie hatte es gesehen und hatte nicht hindern können, daß ihr Herz aufjubelte vor schamvoller Lust ... vor sündig grausendem Triumph ...
Ja, er sehnte sich nicht nach ... über-übermorgen ... er sehnte sich — — nach einem Tage, der niemals kommen würde — niemals — — oder nur, wenn wilde, schreckliche Dinge geschehen wären ... lange Monde des Kampfes überstanden ... Monde der Finsternis ... der Einsamkeit ... des Elends ...
Und ringsherum in dem kleinen Kreise der lachenden schmausenden Menschen, der festlich weiß geputzten beiden Mädchen, der sonnengebräunten wettergestählten Männer konnte ihr heimlich und ruhelos beobachtender Blick überall den Widerschein innern Erlebens verfolgen — —
Finster lauernd wanderten die eiskalten Augen des Regimentsadjutanten, hämisch funkelnd die des fatalen Oberleutnants Menshausen die Reihe der Tafelnden entlang ...
Mit zärtlichem Bangen hingen des Backfischleins Blicke an der stattlichen Gestalt der Schwester, die mit ihrem Tischnachbarn, dem rotbärtigen, bebrillten Gelehrten im verjährten Landwehrrock, so versunken und weltvergessen über große und ferne Dinge sprach, als säßen die beiden zwei einsam auf einer weitentlegenen seligen Insel und nicht inmitten eines Kreises, in dem jeder jeden kontrollierte, in dem jede Bewegung, jeder Blick überwacht wurde, ob er auch der strengen Satzung der Kaste entspreche ...
Ja, selbst unten, wo die ganz jungen Herren saßen, schossen aus dem fahlen Gesichte des monokeltragenden Herrn Quincke gehässig lauernde Blicke hinüber ... herüber ...
Nur der blutjunge Avantageur und der kindlich harmlose Carstanjen freuten sich ohne Hinterhalt der Gunst der Stunde ... futterten mit Knabenappetit von all den guten, langentbehrten Sachen ... kosteten mit glänzenden Augen die edeln Weine ... stopften, genäschig wie Pensionsmädel, Konfekt und Obst ...
Und mit der unerschütterlichen Gemütsruhe einer wohlgeordneten Daseinsführung, die keine Leidenschaft, keine Herzensstürme kannte, nichts als brave Pflichterfüllung und maßvoll harmlosen Lebensgenuß — selbstgenügsam und selbstzufrieden saß der Leutnant Blowitz inmitten der Tafelrunde, auch er wachsam, beobachtend, doch innerlich unbeteiligt ... nichts als Soldat ... nichts als eine Uniform mit einem Etwas darin, dessen ganzer Ehrgeiz nur war, Ehre zu machen dem Rock, in dem es steckte ...
Ach, wie beneidenswert ein solches Temperament ... ein solch unsträflicher, Gott und Menschen wohlgefälliger Wandel ...
War nicht ihr Fritz auch so einer gewesen? — war das nicht eigentlich seine Natur ... und die bittern Zweifel ... die jähe Wirrnis, in die das Schicksal ihn gestürzt — waren sie nicht über seine Kraft?
Frau Cäcilie sah gar wohl, wie tief er litt ... welch unfaßbare Anstrengung es ihn kostete, die lächelnde Miene des vornehmen Gastgebers, des allerwärts liebenswürdigen Wirtes zu bewahren, während er sein Glück, sein Leben wanken — wanken fühlte — —
Wie er ihr so leid tat, ihr guter prächtiger Fritz ... sie litt mit ihm ... in seine Seele hinein ... so mußte eine sorgende Schwester mit einem herzlich geliebten Bruder leiden ... und konnte sie ihm helfen ... konnte sie —?
Ein Blick in Martin Flambergs Gesicht — und sie wußte — der da war der Herr ihres Lebens ... was er erwählen würde, war ihre Wahl ... was er von ihr fordern würde, das würde sie tun.
Die Hausfrau hatte die Tafel aufgehoben, und der kleine Kreis der Gäste schwärmte nun in den Schloßgarten, um den Kaffee zu nehmen.
In tiefem Frieden verglomm der Spätsommertag ... sein letzter Abglanz lag auf den jenseitigen Höhen ... Dunkelheit umschleierte schon das Dickicht des Schloßparks, der von den gartenartig angelegten Terrassen der alten Bastionen her sich an den Abhängen des Beiertales, rechts und links des Baches, hinzog ...
Vorn, wo zwischen den üppig wuchernden Bosketten heimliche Lauben winkten, deren weißlackierte Stakete fast völlig unterm dicken Gerank des Jelängerjelieber, des Pfeifenkrauts, des wilden Weins verschwanden, erhellten bunte Lampions mit mattem Glimmen die Dämmerung ...
Weiter rückwärts, am Berghang lagerten schon tiefe, schwarze Schatten über den Wegen, die sich ins Dunkel der Parkgehege verloren.
»Kommen Sie, Herr Frobenius,« sagte Nelly, »ich muß Ihnen jetzt den Aussichtspunkt zeigen, von dem ich Ihnen bei Tisch erzählte ... er liegt ganz oben am Parkrand ... wir müssen das letzte bißchen Tageslicht benutzen, sonst wird es ganz finster, und wir kommen überhaupt nicht mehr hin ... Ihren Kaffee kriegen Sie später, wenn wir zurückkommen!«
Ihre Stimme hatte leise gezittert bei den hastigen Worten — und Wilhelm Frobenius fühlte sein Herz hoch klopfen, genau unter dem Fleck, wo auf seinem dunkelblauen Waffenrock die Landwehrdienstauszeichnung zweiter Klasse sich breit machte, diese geschmackvolle Dekoration, deren Form die Offiziere des Beurlaubtenstandes mit den altgedienten Unteroffizieren gemein hatten ...
In einer längst nicht mehr gekannten Erregung folgte er der schlanken Führerin in die Dunkelheit ...
Ja — nun kam es, das Unabwendbare ... nun würde er die Frage wagen, die ihm längst das Herz abpreßte! — Und natürlich würde sie ihn auslachen ... schneidend und grimmig auslachen, wenn er überhaupt so weit kam — wenn nicht schon vorher irgendeine neue unerhörte Lächerlichkeit ihm das Wort abschnitt — —
Herrgott, wenn's nur nicht so finster gewesen wäre! — Kaum wie einen matten Nebelfleck konnte er noch das weiße Kleid seiner Führerin erkennen ...
»Nehmen Sie sich in acht!« klang Nellys Stimme aus der Finsternis, »die Wege sind sehr schmal ... folgen Sie mir nur, ich weiß genau Bescheid!«
Da — ein dumpfer Krach! — Feuer und Funken sprühten dem Gelehrten durch den Schädel —
»Meine Brille — um Gottes willen, gnädiges Fräulein, meine Brille!«
»Himmel ... was ist denn passiert?!«
»Ich muß gegen einen Baum gelaufen sein ... meine Brille, meine Brille ist mir abgefallen ... ich wette, sie ist zerbrochen!«
»Nein — das ist doch aber auch zu arg — — so ein Unglücksmensch, wie Sie sind ... warten Sie, ich werde suchen!«
Tiefe Finsternis zwischen den Gehegen ...
Nelly tastete sich zurück: »Wo stecken Sie denn eigentlich?!«
»Hier!« klang es kläglich dicht neben ihr.
»So geben Sie mir doch mal Ihre Hand, damit ich überhaupt weiß, wo Sie sind!«
Frobenius tappte mit der Rechten in die Finsternis und bekam etwas wunderbar Weiches und Festes zu fassen ... einen elastischen, lebenswarmen Mädchenarm ... der glitt ihm rasch durch die Finger, und er fühlte nun die kräftige, leise bebende Hand. — —
»So, nun warten Sie — ich werde mich bücken und die Brille suchen!« sagte Nelly zu Frobenius.
Himmel, wie seine Stirn brannte — sicherlich hatte es eine tüchtige Beule gegeben über der Nase ...
»Da, wahrhaftig! Ich hab sie — aber, o weh: ein Glas fehlt — und das andere scheint zerbrochen zu sein!«
»Geben Sie nur her — ein zerbrochenes Glas ist besser als gar keins!«
»So — und nun ... nun kommen Sie weiter!«
Sie zog ihn vorwärts an ihrer Hand ... an ihrer lieben, festen Hand ... o Gott, wie gut das tat, so sicher geführt werden ...
Auf einmal blinkte vor ihnen ein Lichtschein —
»Sieh da — im Aussichtstempelchen oben hängt ein Lampion, das ist ja famos!« sagte die Führerin.
Der Achtunddreißigjährige fieberte wie ein Schulknabe.
»So, nun schauen Sie hinaus!«
Da lag das Schlößchen hart unter den zweien, schützend umfangen vom tiefen Schwarz der ragenden Bergketten hüben und drüben ... wie eine Märchenfeste schimmernd mit den hellerleuchteten Fenstern, den flimmernden Lichtschnüren der Lampions zwischen den Gartengehegen ... Lachen und Gläserklingen scholl herauf ...
Und hier droben die beiden Menschen ... entrückt, entronnen den lauernden Blicken der Gesellschaft, den hämischen Glossen, dem liebevoll forschenden Vaterblick ...
So, dachte Nelly, nun sprich du ... nun sprich!
Aber Wilhelm Frobenius sprach nicht.
Der Mund, der so beredt vom Katheder hernieder die Herrlichkeiten der Dichtung lauschenden Hörerscharen zu erschließen wußte, der noch vor wenigen Minuten drunten bei Tafel nicht müde geworden war des feinsinnigen Geplauders über allerhand schöne und gute Dinge, ernste Fragen des Lebens, der Wissenschaft, der Kunst ... der Mund war verstummt.
Die haarige Rechte rieb mechanisch, unbeholfen die dick aufquellende Beule an Stirn und Nasenrücken —
»Haben Sie sich weh getan?«
»Ich sehe nicht das mindeste ... ich bin reinweg wie blind!«
So jämmerlich hatte das geklungen — Nelly mußte laut auflachen —
Du großer tapriger, hilfloser Junge du ... nun, wenn du nicht sehen kannst, sollst du wenigstens fühlen! — Jedenfalls unverlobt geh ich nicht wieder hinunter ...!
Und mit einer raschen, wie besitzergreifenden Bewegung schob sie ihre Hand in des Mannes Arm, lehnte sich fest an seine Schulter.
Da warf es den langen Gesellen auf einmal um ... Wie ein schmachtender, stammelnder Knabe neigte er sich tief, tief hernieder, drückte seine Lippen auf den festen Arm. »Gott ... Fräulein Nelly ... Nelly ...!«
Da nahm das Mädchen des Mannes stoppelbärtige Wangen in beide Hände, beugte sich nieder und küßte ihn, wohin ihre Lippen zuerst trafen ... auf seine kahle Platte.
Molly hatte gewußt, daß er auf sie wartete.
Sie hatte sich sofort nach Aufhebung der Tafel für einen Augenblick bei der Hausherrin entschuldigt und war in ihr Turmkämmerchen hinaufgeschlüpft.
Von dort aus konnte man die Chaussee überblicken ... die erhellten Schloßfenster zeichneten scharfumrissene Lichtplakate auf den staubigen Straßendamm, und von drüben tauchten die regungslosen Fächeräste der Buchen in den Glast hinein ...
Schau — blinkte da nicht in den Büschen des Straßensaumes, halb versteckt, eine senkrechte Reihe flimmernder gelber Punkte aus dem Dunkel —? Und konnte dies Phänomen von etwas anderm herrühren denn von einer blankgeputzten Knopfreihe ...?
Wenn das nicht Hans Friesen war —!
Wie nur aus dem Schloß kommen, ohne gesehen zu werden? Zwar ... die Dinergesellschaft würde nichts merken, wenn Molly durchs Schloßportal huschte ... denn die war an der andern Seite im Garten versammelt — aber die Dienstboten —? Was würden sie denken, wenn das gnädige Fräulein aus der Schloßpforte spazierte, um sich auf der Chaussee ein Rendezvous mit einem Unteroffizier zu geben?
Aber es mußte gewagt werden ... es mußte einfach! — Der gute Junge mußte getröstet werden, sonst grämte er sich gar zu sehr über die Flegelei von diesem Leutnant Quincke ... redete sich am Ende gar ein, sie wolle nichts mehr von ihm wissen, seit er die erbärmliche Vergewaltigung seines Vorgesetzten in ihrer Gegenwart hatte hinunterwürgen müssen ... jedenfalls wollte sie ihm gleich ein Zeichen geben ...
Sie zündete eine Kerze an, bog sich weit aus dem Turmfensterchen, indem sie den vollen Schein des Lichtes auf ihr Gesichtchen fallen ließ, und winkte zugleich mit ihrem Taschentuch — das flatterte lustig im Abendhauch, der kühl vom Berge niederschwebte.
Schau — da löste sich die Knopfreihe drunten aus der Dunkelheit ... ein grauer Unteroffizierdrillichrock schob sich für einen Augenblick aus dem Gebüsch in den Bereich der Lichtgevierte ... eine Feldmütze wurde mit raschem Winken geschwenkt ...
Ach ... du Goldiger!
Nun schnell hinunter! — Auf dem ersten Treppenabsatz machte sie einen Augenblick halt, spähte durch ein schmales, schießschartenähnliches Fensterchen auf die Landstraße hinaus und lauschte, ob drunten die Luft rein sei.
Schwatzend schäkerten die Mägde in der Küche mit den Burschen, welche zu ihrer Unterstützung kommandiert waren.
Himmel — an denen mußte sie vorüber! Na ... vielleicht machten sie einmal die Küchentür zu ...
Auf einmal hörte sie von der Chaussee her scharfe Worte: »Halt, was da im Busch steckt! Kommen Sie gefälligst mal sofort 'raus!«
Leutnant Quinckes Stimme! Gott im Himmel — der mußte spioniert haben!
»Ich befehle Ihnen 'rauszukommen! — Zum Donnerwetter, komm 'raus, Kerl, sonst ruf ich die ganzen Burschen zusammen und lasse eine Razzia nach dir veranstalten!«
In atemlosen Entsetzen spähte Molly auf die Chaussee.
Wahrhaftig — da stand der Leutnant hart am jenseitigen Chausseerand und versuchte, ins dichte Gestrüpp des Berghanges einzudringen ... er griff mit den langen Armen ins Dickicht hinein ...
»Aha, Bursche — jetzt hab ich dich!«
»Ich bitte Herrn Leutnant, mich loszulassen — ich komme gutwillig!«
O Gott — mit einem raschen Schritt trat Hans Friesen aus dem Dickicht ... stand stramm im hellen Fensterlicht ... in Drillichanzug, Feldmütze, gelben Schnürschuhen ... ohne Seitengewehr ...
»Sieh da, der Herr Einjährige! — Haben Sie Urlaub, die Ortsunterkunft zu verlassen?!«
»Nein, Herr Leutnant!«
»So —?! Na, dann scheren Sie sich gefälligst mal augenblicklich ins Dorf und kriechen Sie in Ihr Quartier! — Verstanden? — Ich werde Sie dem Herrn Kompagnieführer melden — das weitere findet sich! Ihre Offizierqualifikation können Sie sich aber einsalzen ... das kann ich Ihnen schon jetzt sagen! — Also: kehrt marsch! na wird's bald?!!«
Hans Friesen machte eine stramme Wendung und ging zu Tal ... seine Schritte verhallten in der Dunkelheit.
Mit zufriedenem Grinsen sah der Leutnant einen Augenblick ihm nach, dann trat er ins Tor zurück.
Wie der Blitz war Molly die Treppe hinunter ... trat dem Offizier im Korridor entgegen: »Herr Leutnant — Sie werden den Unteroffizier Friesen nicht melden!«
»Ah — gnädiges Fräulein haben gehört ... das ist ja ein merkwürdiges Zusammentreffen!«
»Nein, das ist gar nicht merkwürdig ... Herr Friesen hat nämlich auf mich da unten gewartet, daß Sie's wissen ... und darum werden Sie ihn nicht melden ... verstehen Sie mich ...?!«
»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, mein gnädiges Fräulein — aber Dienst ist Dienst ... der Einjährige hat sich einer Urlaubsüberschreitung schuldig gemacht ... und somit ist es einfach meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit —«
»Dann erlauben Sie mir vielleicht die Frage, Herr Leutnant, wie Sie auf die Chaussee gekommen sind — auch in Ausübung Ihrer verdammten Pflicht und Schuldigkeit?!«
»Darüber bin ich Ihnen wohl schwerlich Rechenschaft schuldig, mein verehrtes gnädiges Fräulein! — Bei allem Respekt glaube ich das denn doch aussprechen zu müssen —«
»Nun, dann will ich's Ihnen sagen: Sie haben gelauert ... geschnüffelt haben Sie — wie ein ganz elender Spion —! Sie haben sich gedacht, daß ich mich irgendwo mit dem Einjährigen treffen wollte, und haben uns aufgepaßt! — Na, stimmt's?!«
»Ich — ich bewundere Ihre Kombinationsgabe, meine Gnädigste — —«
»So — nun wissen Sie also, daß ich Sie durchschaut habe, Herr Leutnant! — und nun will ich Ihnen mal was sagen: Wenn Sie Herrn Friesen melden, dann mache ich Ihnen einen Krach, wie Sie noch nie einen erlebt haben — so wahr ich Molly Sassenbach heiße —!!«
Wie eine Königin raschelte sie von dannen.
Quincke aber machte das dümmste Gesicht seines Lebens — und das wollte was heißen.
Viertes Kapitel.
Fritz von Brandeis stand an der Treppe, die von der Veranda in den Garten hinunterführte. Hinter ihm harrten die fünf Burschen, sein eigener und die vier seiner Gäste, kriegsgemäß in Drillichzeug und Schnürschuhen, nur durch die Serviette über ihrem linken Arm als herrschaftliche Leibdiener gekennzeichnet, der Befehle des Hausherrn gewärtig.
Scharfen Blicks überflog der Hauptmann das lustige Bild des Gartens, der festlich schimmerte im mattbunten Glanz der Lampions, im gelben Flimmer der Kerzen auf den Bowlentischen.
Na, alles gut versorgt? — Jawohl, alles klappte!
Ein alter dicker, runder Mauerturm sprang an der nördlichen Ecke des Gartens weit ins Gebüsch hinein, das aus dem ehemaligen Burggraben aufgewuchert. Wilder Wein überrankte hier das weiße Staketengezäun einer Laube: darinnen saßen die wichtigsten der Gäste bei der Pfirsichbowle, der Oberst und der Major.
Schau, schau — auch nach Tisch hatten die alten Herren sich anscheinend nicht von ihrer Tischnachbarin trennen können!
Und sie, seine Cäcilie — sie schien ja auch vollkommen zufrieden in der Gesellschaft der Herren Stabsoffiziere — hatte heut abend noch kaum ein Wort mit dem Maler gesprochen.
Na also — hätten wir uns ja wohl unnötige Unruhe gemacht!
Schoenawa, des Obersten Adjutant, und Menshausen, sein Manöver-Ordonnanzoffizier, hockten pflichtschuldigst bei ihrem Kommandeur — aber wo steckte denn Leutnant Blowitz? — ah — er war des trockenen Tons wohl satt, des beständigen »Schusterns« bei den hohen Stäben, hatte sich zur Jugend geflüchtet —
Aus der Nachbarlaube, in der auf rundem Tisch gleichfalls eine mächtige Pfirsichbowle aufgebaut war, klang schmetterndes Gelächter. Dort saß der Adjutant des ersten Bataillons mit den Offizieren der ersten Kompagnie, mit Flamberg und Carstanjen. Selbstverständlich war hier auch der Fahnenjunker von Erichsen zu finden, der immer wieder die Gläser füllen mußte. Nur die jungen Damen fehlten in der Runde der Jugend ... wo mochten die bloß stecken ...? und es fehlte auch die Landwehr ...
Aha — ach so —!!
Ja, Nellychen, über'n Geschmack ist nicht zu streiten ... aber Sie sind Manns genug, um selber zu wissen, was Ihrem Besten dient ...
Und das Schwesterchen? — Auch verschwunden? — Sieh da!
Und der Leutnant Quincke fehlte ebenfalls — hm, hm — — den Geschmack hätte man der Kleinen nun gerade nicht zugetraut —
Aber in Gottes Namen!
Heute mochten die zwei losgelassenen Füllen herumspringen, mit wem sie wollten ... Daß nichts Ernstes aus ihren Flirts wurde, dafür würde im geeigneten Augenblick die Frau Mama daheim schon sorgen, wie bisher noch immer ... auf Schloß Hettstein sollten sie jedenfalls machen dürfen, was sie mochten.
Also alles in schönster Ordnung!
Vergnügt schmunzelnd wandte sich der Hausherr zu der regungslos harrenden Phalanx der Burschen zurück:
»Na, Jungens, nun könnt ihr euch gegenseitig ablösen! Zwei von euch haben immer hier auf der Veranda zu warten, die andern drei in die Küche zum Bierempfang! — zunächst bleiben Kempges und Schnettelker hier! — Die andern drei — abschwirren!«
Er fühlte sich in Laune kommen.
Zu dumm, sich überhaupt Gedanken gemacht zu haben Cäciliens wegen! Pah — seine Cäcilie —!
Seine Lippen pfiffen leise das Avanciersignal, während er die Treppe hinuntersprang und quer durch den Garten auf die Jugendlaube zuschritt: »Tut mir leid, meine Herren, Ihre Hebe muß ich Ihnen für ein halbes Stündchen ausspannen! — Sie, kleiner Erichsen, und Sie, etwas größerer Carstanjen, kommen Sie mal einen Moment her!«
Die Angeredeten schossen in die Höhe.
»Also kommt 'mal raus, Kinder,« sagte der Kompagniechef, »ihr müßt mir eine Überraschung deichseln helfen. Die Burschen würden mir die Sache jedenfalls verderben: Ich habe also drüben auf der Wiese jenseits der Chaussee ein kleines Feuerwerk aufbauen lassen, das müssen Sie beide mir abbrennen. Kommen Sie mit, ich werde Sie instruieren!«
Blowitz und Flamberg blieben allein bei der riesigen Bowle zurück. Der Maler trank hastig und sprach wenig. Der Adjutant war auch kein Mann von vielen Worten. Es wurde still am Jugendtisch.
Und immer wieder zog es Martins Blicke dorthin, wo im matten Lichte der Lampions ein weißes Frauenantlitz zwischen den gebräunten, verwitterten, weinerregten Gesichtern der Stabsoffiziere, den frostigen, lauernden der beiden Oberleutnants stand.
Auf einmal erhob sich dorten die ganze Gruppe und kam die niedrige Stiege hinunter in den Garten, schritt der hellerleuchteten Veranda zu, die dem Speisesaal vorgelagert war.
Major von Sassenbach warf einen Blick zur Jugendlaube hinüber: »Ah, da sitzt ja auch unser Malermeister — unser Pinselheld! — Sie, Flamberg, die gnädige Frau will uns das Bild zeigen, das Sie von ihr gemalt haben — kommen Sie doch mal mit! Oder haben Sie's schon auf seinem neuen Platz gesehen?«
Flamberg sprang auf: »Nein, Herr Major!«
»Also los — gehen Sie mit uns!«
»Wenn die gnädige Frau gestattet —?«
»Ich bitte darum, Herr Flamberg!«
Blowitz schloß sich ungeladen an.
Zwischen dem Oberst und dem Major schritt Frau Cäcilie voran — schweigsam, mit verschlossenen Gesichtern folgten die beiden Oberleutnants — die beiden Leutnants machten den Beschluß.
Frau von Brandeis führte die Herren durch den Speisesaal, in welchem die Mägde mit den drei beurlaubten Burschen die Tafel abräumten, und in die behagliche, ganz als Wohnraum eingerichtete Diele hinüber. Dort lief die bequeme, breite Treppe zum Obergeschoß hinan, das einen gleich großen Dielenraum enthielt. Hirschgeweihe, tief nachgedunkelte Ölgemälde schmückten da die Wände.
Im Emporsteigen drehte die Hausfrau die elektrische Beleuchtung auf, und man gewahrte, daß von der obern Diele aus mehrere Türen nach den innern Gemächern führten. Durch eine dieser Türen betraten die Gäste das Herrenzimmer, das nun ebenfalls auf einen Druck von Frau Cäciliens Fingern in Lichtfülle erglänzte.
Und sieh! — Da hing über einem wuchtigen Diplomatenschreibtisch die Schöpfung Martin Flambergs.
»Ah!« riefen der Major und sein Adjutant.
Die Herren des Regimentsstabes hatten das Bild bereits gestern zu sehen bekommen, sie waren nicht mehr zur Bewunderung verpflichtet.
Frau Cäcilie tat ein paar rasche Schritte zur Seite. Da stand die Tür zu einem Nachbarzimmer halb offen. Die gelben Messingstangen zweier englischen Bettstellen, das lichte Weiß eines Spitzenhimmels leuchtete aus der Dunkelheit. Ruhig schloß die Hausfrau die Tür.
Stumm hingen aller Blicke an dem Gemälde.
»Aha,« sagte Sassenbach, »das ist also das berühmte Bild!«
»Das berühmte — wieso?« fragte Frau Cäcilie.
»Nun — Sie können sich wohl denken, verehrte gnädige Frau, daß das ganze Regiment von dem Bilde spricht — ich meine — ich will sagen — wenn eine Dame des Regiments von einem so vielgefeierten Maler wie unserm Herrn Leutnant der Reserve gemalt wird — das ist doch natürlich ein Ereignis!«
Alles schwieg und starrte regungslos zu dem Frauenbildnis hinan.
Das schaute leuchtend herab auf die Herren im Waffenkleid — leuchtend in einer Hoheit, um die es seltsam wob wie ein Hauch von Unvergänglichkeit — von zeitloser Verklärung.
»Fabelhaft,« sagte der Oberst, »ich gratuliere Ihnen, lieber Flamberg! Ich verstehe nicht allzu viel von Kunst — aber das da, das imponiert mir — ohne Scherz, das imponiert mir —«
»Ja,« sagte Menshausen halblaut, »man möchte sagen: mit Liebe gemalt!«
Der Major warf dem Oberleutnant einen wütenden Blick zu, und jeder fühlte: taktlos — unverschämt.
»Nun, Herr Flamberg,« fragte die Hausfrau, ohne den Maler anzusehen, »sind Sie einverstanden? — mit dem Platze, meine ich!«
»Dazu müßte ich das Bild erst mal bei Tageslicht sehn! — So, bei dieser künstlichen Beleuchtung, allerdings einwandfrei!«
»Sie würden auch am Tage mit dem Platze zufrieden sein — schade, daß Sie es so bald nicht in natürlicher Beleuchtung zu sehen bekommen werden!«
»Schwerlich!« sagte Flamberg.
»Na, lieber Sassenbach, Sie sagen ja gar nichts,« bemerkte der Oberst.
»Tja, wie der Herr Oberst bereits gesagt haben: ich verstehe ebenfalls nichts von der Kunst!«
»Dann sagen Sie uns doch wenigstens, wie es Ihnen gefällt!«
»Gefallen? — Tja, Flamberg, Sie dürfen mir's aber nicht übel nehmen —«
»Aber ich bitte ganz gehorsamst, Herr Major!«
»Ich ... ich finde es eigentlich nicht so recht ähnlich!« sagte der Major. »Ich finde ... es ist was drin ... etwas, was ich wenigstens nicht kenne an unserer hochverehrten Frau Wirtin —!«
»Und das wäre?« fragte Frau Cäcilie.
»Ja, wie soll ich das ausdrücken — so was Fremdartiges ... so was Unheimliches, möchte ich sagen!«
Cäcilie warf dem Maler einen verstohlenen Blick zu. »Ja, sehn Sie, Herr Major,« sagte sie, »vielleicht hat Herr Flamberg etwas hinzugetan, etwas von seinem Eigenen, etwas, das wirklich mehr ist als ich, als mein Leben — aber das tun große, starke Künstler wohl immer, meine ich!«
»Das ist mir zu hoch,« sagte Sassenbach. »Ich kann mir nicht helfen — ich finde es nicht ähnlich! Es ist was dran, was mir bisher an Ihnen wenigstens niemals aufgefallen ist!«
»Was Ihnen vielleicht nicht aufgefallen ist, Herr von Sassenbach,« sagte langsam mit sinnendem Lächeln Frau Cäcilie, »darum ist aber noch nicht gesagt, daß es etwas Falsches ist ... vielleicht ist's auch doch nicht was Hinzugetanes ... vielleicht ist's doch etwas, was nur Sie nicht bemerkt haben, weil Sie mich nicht kennen ...«
»So, und Herr Flamberg, der ... der kennt Sie also besser, meine verehrte gnädige Frau?!«
Wiederum eine eisige Stille. Regungslos stand der ganze Kreis. Jeder fühlte: der gute Major hatte da in aller Harmlosigkeit etwas ausgesprochen, etwas, das — —
Der Oberst fühlte sich verpflichtet, einzurenken.
»Na, das ist doch selbstverständlich, lieber Sassenbach, daß ein Maler an ... an den Menschen, die er malt ... daß er da allerlei entdeckt ... was ... was wir gewöhnlichen Sterblichen nicht zu sehen bekommen ...«
Abermals befangenes Schweigen. Der Oberst bekam einen roten Kopf.
Cäciliens Lippen bebten. Sie litt bis ins Herz.
Gott, all diese plumpen Hände ... die höchste und zarteste Dinge berührten wie tappige Knabenpfoten holden Schmetterlingsschmelz ...
Wenn nur er selber nicht dabei gewesen wäre ... sie war ihn ja gewohnt, diesen ungeschlachten Ton ... Diese geraden, einfachen Männer ... was sie zu verschleiern suchten, trat ungewollt zutage.
Medisance, Bosheit, verständnislose Verketzerung hatten bereits ein dichtes, trübes Gespinst gewirkt um dies Werk ... um seine Entstehungsgeschichte ... sein Modell ... seinen Schöpfer ...
Da scholl in das peinliche Schweigen hinein von draußen ein lustiges Krachen, Knattern, Prasseln.
Frau Cäcilie atmete auf.
Wie der Blitz waren die Adjutanten am Fenster.
Eine Garbe roter Leuchtkugeln schwebte soeben ruhigen Falles aus der Höhe nieder und goß einen Märchenglast über das schmale, schweigende Tal, die heitern Linien des friedumschirmten Schlößchens ...
»Hurra, Feuerwerk!« rief Blowitz.
»Feuerwerk — bravo, bravo, bravissimo!« applaudierte der Oberst geräuschvoll. »Nein, meine gnädige Frau, so etwas von einer Bewirtung ist ja überhaupt noch gar nicht dagewesen! — Zauberfest mit allen Schikanen!«
»Wollen wir nicht in den Garten?« meinte der Major, »für den ist doch jedenfalls der ganze Apparat berechnet — hier geht uns ja die Hälfte von der Herrlichkeit verloren!«
»Selbstverständlich, meine Herren,« sagte die Hausfrau, »nur schnell hinunter — sonst ist alles vorbei, ehe wir am Platze sind!«
Niemand nahm auch nur mit einem Blick Abschied von dem Bilde, das da droben hing wie ein Gast aus heiligen Fernen ...
Mit kindlicher Eile stürmten die Herren hinunter, um nur ja nicht eine Rakete, nicht ein Feuerrad zu verlieren — oder war's die Hast, von dem Werk hinwegzukommen, das sie alle unheimlich, übergewaltig hatte ahnen lassen, daß ein Fremdling aus einer unbekannten, hoheitleuchtenden Welt in ihrer Mitte weilte, aus einer Welt, deren Lebensgesetze wirkten jenseits ihres Begreifens —? Und auch Frau Cäcilie war gegangen, hastig, ohne Abschied ...
Langsam, als letzter, schritt der Maler die Treppenstufen hinunter ...
Nun machte er plötzlich kehrt ... stieg langsam wieder empor ...
Er wollte einsamen Abschied nehmen ... Abschied von seinem Werk ... Abschied von der Sphäre, der es nun angehören sollte wie sein Urbild ... Abschied von der unerhofften süßschaurigen Schickung dieser acht Wochen ...
Er trat in das Herrenzimmer zurück, warf einen langen Blick in dem Raum umher.
Der Schwiegervater des Hauptmanns hatte das Schlößchen mit der ganzen Einrichtung gekauft. Das Zimmer trug noch nicht den Wesensstempel seines jetzigen Besitzers.
Inmitten des behaglichen, doch konventionellen Prunks war Cäciliens Bild das einzige besondere Stück, verlieh dem ganzen Raum sein Gepräge, beherrschte ihn.
Links von der Tür war eine Erkernische, dort ließ sich Martin in einen unergründlichen Ledersessel fallen. Sein ringsum forschendes Auge blieb an der Tür haften, die vorhin beim Eintreten offen gestanden ... die Frau Cäcilie ruhig geschlossen hatte ...
Ja, ja — da war das Allerheiligste der Gottheit, in deren Vorhof er hatte weilen dürfen —
Künstlerlos —
Weg, weg, ihr Träume ... nieder, nieder, ihr heißen Dränge ... du wildanklagender Schrei unstillbaren Begehrens — nieder, nieder ...
Es galt ja, Abschied zu nehmen ... Abschied für ewig ... Abschied auf Nimmerwiedersehn ...
Und Martin hob den Blick.
Ja — das da oben ... das würde fernen Geschlechtern erzählen von einer Schönheit, die wie ein unbegreifliches, undeutbares Märchen durch eine nüchterne, seelenlose Welt geschritten war ...
Das würde bleiben von der Schickung dieser acht Wochen ... bleiben von den hundert bangen Stunden, der Wirrnis schlummerloser Nächte, dem lautlos grimmigen Ringen zweier Menschen um Fassung und Entsagungsstärke ...
Das war »der Zweck der Übung« — hahaha!
— — Einer aber hatte aufgepaßt.
Aha, der Herr Malermeister bleibt also zurück, da im Zimmer des Hausherrn!
Na ja, nun würde wohl alsbald auch die schöne Frau plötzlich verschwinden, wie sich die beiden andern Damen bereits verflüchtigt hatten — niedlich — sehr niedlich!
So, schöne Frau, heute werden wir quitt, wir zwei! Ich paß dir auf ... du kommst mir nicht unbemerkt vom Fleck ... das Rendezvous da oben, das werd' ich dir versalzen ...!
Mit der Hast einer Schar großer Kinder, unter Lachen und Witzen waren die Herren die Treppe hinuntergestürzt, die Stabsoffiziere voran, hatten mit Halloh wie ein Schwarm losgelassener wilder Buben den Speisesaal, die Veranda, den Garten durchtollt und standen nun an der Brüstungsmauer der Gartenbastion ...
Ah! ah! aaah! —
Auf dem dunkeln Wiesengrunde, jenseits der Chaussee, irrten ein paar suchende, zitternde Irrlichtflämmchen hin und her in der schwarzen Finsternis. Von Zeit zu Zeit machten sie Halt, tasteten noch ein Weilchen auf dem Fleck umher und — surr! schoß plötzlich eine schlanke Feuergarbe in die Höhe, zog einen langen, gelbrötlichen Funkenschweif hinter sich her, zerplatzte hoch droben zwischen dem Sternengewimmel des schmalen Himmelstreifs, der die schwarzen Mauern des Waldtals überwölbte, und ein Regen farbig strahlender Lichtballen sank herab ... die heitern Konturen des Schlößchens, die ruhig träumenden Buchenhänge, die rankenübersponnenen Laubenstakete, die erhitzten Wangen und blitzenden Augen der Gäste tauchten jählings in magisch buntem Glanz aus der Finsternis ...
Jede Rakete, die aufzischte, wurde mit stürmischem Jubel begrüßt, die schnurrenden Feuerräder, die zischenden und funkensprühenden Kaskaden mit tosendem Applaus ...
Und inmitten der überschäumend lustigen, von Ruhetagsbehagen mehr noch, denn von Sekt und Bowle erregten Kriegsleute stand Cäcilie ... fremd ... verwaist ... in einem grenzenlosen Gefühl hilfloser Einsamkeit ...
Sie suchte den Blick des einen, dem sie sich wesenseins fühlte ... und fand ihn nicht ...
Martin Flamberg war nicht unter der Schar der großen Kinder, die das sinnlose Zickzackspiel der Funkenlinien und Feuergarben da droben begeistert bejauchzten ...
Wo war er ...?
Unablässig beschäftigte dieser Gedanke die schöne Frau ... nicht ein einziges vertrauliches Wort hatte sie heut abend mit ihm sprechen können, nicht ein einziges! — Sie hatte sich vor ihres Mannes bang und schmerzlich beobachtenden Blicken gefürchtet ...
Und auch Flamberg hatte ja nicht den leisesten Versuch gemacht, sich ihr zu nähern über die Schranken pflichtmäßiger Liebenswürdigkeit des geladenen Gastes hinaus ...
Das Feuerwerk bedeutete den Schluß des Abends — das war ja klar.
Noch eine halbe Stunde würden die Gäste beim Bier verweilen ... dann war's zu Ende ... dann würden die Herren aus dem Dorf sich in ihre Quartiere zurückbegeben; denn morgen stand ein heißer Tag in Aussicht: das ganze Armeekorps gegen den markierten Feind, morgen abend Biwak des ganzen Korps ...
Morgen abend im Biwak würden die Herren sehr ermüdet und schonungsbedürftig sein ... Fritz hatte sich den Besuch der Damen ausdrücklich verbeten ...
Und übermorgen Manöverschluß, Entlassung der Reserveoffiziere auf dem Übungsfeld, Rückfahrt in die Heimat auf dem kürzesten Wege ...
Also — es war wirklich zu Ende in einer halben Stunde ... unwiderruflich zu Ende ...
Ihr grauste — — —
Und ihre Freundinnen ... wo steckten die? — Seit einer halben Stunde verschwunden! — natürlich beim Flirt —!
Glückliche Kinder, die noch wählen durften ... die noch eine Zukunft hatten ... noch hoffen konnten auf ein Leben zu zweien, in dem man zusammenwachsen würde zu immer tieferem Durchdringen ... immer innigerem Verstehen ...
Cäcilie fror —
Sie schauerte plötzlich zusammen, so heftig, daß der Oberst der neben ihr stand, sich überrascht zu ihr neigte.
»Gnädige Frau, Sie sollten sich in acht nehmen — es ist nicht mehr Sommer! Sie sind zu leicht gekleidet! Es kommt verdammt kühl von den Bergen herunter!«
Die Leutnants drängten sich heran, bereit, der Hausfrau eine wärmende Umhüllung zu holen.
»Danke Ihnen tausendmal, meine Herren, Sie würden doch nicht finden, was ich brauche! — Übrigens muß ich mich ohnehin mal um die Damen bekümmern — ich weiß gar nicht, wo die eigentlich stecken! Verzeihen Sie einen Moment, meine Herren!«
Gott sei Dank, daß sich ein Anlaß fand, einen Augenblick zu verschwinden! — Nur ein paar Minuten allein sein ... nur rasch einmal die schmerzende Stirn, die brennenden Lider mit einem feuchten Tuch kühlen ... nur ein paar Minuten still im Dunkeln sitzen und die Augen schließen ... allein sein ... ganz allein ...
Cäcilie schritt durch den Speisesaal, wo die drei dienstfreien Burschen leise mit den beiden Mädchen schwatzten, befahl, daß Bier herumgereicht werden solle, und stieg langsam, schleppenden Schritts, zum Oberstock empor.
Es trieb sie, sich langhin aufs Bett zu werfen und den Kopf tief, tief in die Kissen hineinzuwühlen.
Mit müdem Griff öffnete sie die Klinke zu ihres Mannes Zimmer und fuhr nervös zusammen, als statt der erwarteten Dunkelheit der volle Glanz des elektrischen Lüsters ihr entgegenströmte, der sie für einen Augenblick blendete.
Natürlich hab' ich vergessen, das Licht auszudrehen vorhin, dachte sie und griff mechanisch nach dem Schalter rechts von der Tür —
Auf einmal fuhr zur Linken aus der Tiefe des Klubsessels in der Nische die Gestalt eines Mannes empor ...
Martin und Cäcilie standen einander gegenüber ...
Starr standen sie beide ... beider Augen schlossen sich einen Augenblick lang ...
»Noch hier — Herr Flamberg?« sagte Cäcilie matt und heiser.
»Wie Sie sehn, gnädige Frau ...!«
»Sie ... legen keinen Wert auf das Feuerwerk —?«
Nur ein zuckendes Lächeln, eine entschuldigende Handbewegung brachte Martin zustande.
»Und Sie, gnädige Frau —?«
»Ich ... ich wollte mich einen Augenblick ausruhn —!«
»Ich gehe!«
»Nein ... nicht ... ich hab' Sie heut ja noch gar nicht recht begrüßt ... Sie sind mir ja ... förmlich ausgewichen ...«
»Sie mir nicht, gnädige Frau —?«
Cäcilie senkte die Augen und schwieg.
Durch die halbe Zimmerbreite getrennt, standen die beiden Menschen regungslos ...
Das Knattern des Feuerwerks draußen schwieg ... magisch leuchtete das ruhige Licht bengalischer Flammen auf in den Gartenbosketts und zeigte das Ende des bunten Schauspiels an.
In unverwelklicher Glorie thronte droben Martin Flambergs Bild ... unergründlich tief und ruhevoll schauten die Augen des gemalten Weibes da droben hernieder auf die zitternde Hand, die schweratmende Brust seines lebenden Urbilds drunten, auf die zusammengepreßten Lippen, die straff angespannte Gestalt seines Schöpfers ...
»Leben Sie wohl, Martin Flamberg —« flüsterte Cäcilie.
Tief gesenkten Hauptes wandte sie sich zur Tür des Ehegemachs.
»Cäcilie —!« schrie Martin auf.
Da zuckte sie jäh zusammen ... stand mit hängenden Armen abgewandt einen Augenblick ...
Dann kam der Sturm, warf ihre Leiber zusammen, stieß ihre Lippen zusammen ...
Und wie sie sich küßten, da hatte jedes von ihnen die Vision eines bleichen, todesstarren Menschenangesichts.
Cäcilie sah Fritz, wie sie ihn gesehen hatte im Traum der vorletzten Nacht, im Manöveranzug, die Linke auf die Brust gepreßt, ein zähes Naß rieselnd zwischen den braunbehandschuhten Fingern hindurch ...
Und Martin war's, als hielte er Agathe im Arm wie beim letzten Wiedersehn daheim, als sie sich leise stöhnend an seine Brust geworfen hatte ... jetzt aber erstarrte, erkaltete sie an seinem Herzen ... schwand hin ... sank in sich zusammen ... eine jählings welkende bleiche Rose ...
Mit einem wilden Schluchzen befreite sich Cäcilie aus Martins Arm.
»Leb wohl, Martin ... leb wohl —«
Sie hastete zur Tür, ihre Röcke raschelten ... aus dem Dunkel des Nebenzimmers blinkten die gelben Messingstangen und der weiße Spitzenhimmel ...
Die Tür fiel ins Schloß.
Und Martin strich mit dem Handrücken über die Stirn ... kalte Tropfen standen darauf ...
Dann wandte er sich bewußtlos der Korridortür zu ... seine Schritte wurden Flucht ... er riß die Tür auf und prallte im Rahmen mit Fritz von Brandeis zusammen.
Aha — grinste Oberleutnant Menshausen in sich hinein, als die Gastgeberin sich plötzlich aus der Schar der Zuschauer des Feuerwerks zurückzog — aha, also wirklich!
Er gönnte ihr einen kleinen Vorsprung, zog sich dann gleichfalls langsam aus der Gruppe heraus, die am Rande der Gartenbastion stand, und schob sich am Saum der Bosketts entlang hinter Frau Cäcilie her ...
Er stockte, als in diesem Augenblick von der Treppe her, die aus dem Schloßgarten zu den dunkeln Gehegen des Parks hinanführte, ein Paar herniederstieg ...
Schau, schau ... der Landwehrfritze — und das ältere Majorsmädel — und — — zog sich nicht in diesem Augenblick langsam ihr Arm aus dem seinen ...? Sah sie nicht empor zu ihm mit einem Blick, ordentlich butterweich?
Und sieh — aus der Tür, die zum Seitenflügel führte, schlich sich da zu gleicher Zeit das jüngere Fräulein heraus und gesellte sich ganz harmlos zu den Zuschauern des Feuerwerks — woher kam denn die —?! Na, selbstverständlich auch von einem Rendezvous! —
War denn das ganze Schloß des Teufels —?!
Keine Zeit, weiter zu beobachten ... er durfte die Fährte nicht verlieren ... er trat in die Veranda, ging zu dem Tisch, auf dem Zigarren und Zigaretten aufgestapelt waren, zündete auch wirklich ein Papyros an ... beobachtete, wie Frau Cäcilie drinnen Befehle erteilte ...
Im Augenblick, als sie auf die Diele hinaustrat, schlenderte er harmlos, nachlässigen Ganges durch den Speisesaal, gab seinem Burschen, der eben mit einem Brett voll Biergläser aus der Küche kam, einen Auftrag wegen des Sattelns für andern Morgen ... und folgte der Hausfrau ...
Er hörte ihre müden, unsichern Schritte sich die Treppe hinaufschleppen ... horchte, wie sie eine Tür öffnete und schloß ... und wollte eben hinterhersteigen, als plötzlich mit hastigen Schritten der Leutnant Quincke aus dem Küchenflur schoß. Er erblickte den Kameraden und stürzte auf ihn zu:
»Menshausen, Sie müssen mir einen Rat geben —!«
»Gern — nachher! Erst müssen Sie mich einen Augenblick entschuldigen ... ich muß schleunigst auf mein Zimmer ... der Oberst, wissen Sie ... ich soll ... ich soll die Brigadebefehle für morgen früh holen ... bin im Moment wieder da!«
»Aber so hören Sie doch nur eine Sekunde — ich hab' eben einen schauderhaften Auftritt mit der kleinen Molly Sassenbach gehabt! — Bitte, sagen Sie mir doch bloß, wie ich mich verhalten soll ... Sie haben mich doch in diese Schweinerei hineingebracht, haben mir doch den Auftrag gegeben, die Damen ein wenig zu beobachten ...!«
Teufel — dachte Menshausen ... sollte der dämliche Geselle eine Taperei gemacht haben und nun die Verantwortung auf mich selber abwälzen wollen —?!