I. »Sie« am Seil.
Reading edition
Wie »Sie« Hochtouristin wurde.
Es kommt auf die Gelegenheit an, seine Fähigkeiten zu entdecken; viele, vielleicht große und rühmliche, schlummern unerkannt mit dem Menschen ins Jenseits hinüber, weil ihnen weder Zeit noch Ort günstig waren, sich zu offenbaren. Solch ein Moment war's, der die Basis für die Entwicklung einer neuen Eigenschaft bilden sollte, als ich an einem schönen Frühlingstage den Turm des Kapitols erstieg, mir aber nicht an der Aussicht von der letzten Plattform genügen ließ, sondern auf die höchste Spitze, neben die Figur der Minerva hinaufkletterte. Ich muß das, ohne Ahnung, überhaupt etwas Besonderes gemacht zu haben, ziemlich geschickt ausgeführt haben, denn der berühmte Hochtourist an meiner Seite, der mir die sieben Hügel Roms bezeichnen wollte, sagte mit einer bei Alpinisten selten zu findenden Anerkennung: »Wissen S', mit Ihnen ging ich auf alle Dolomiten –, da braucht' man nichts zu fürchten wegen dem Abstürzen.«
In dieser Minute spaltete sich mein Inneres wie die schönste, einfache Zelle, und aus dem Protoplasma meines gewöhnlichen Menschen ging der neue Zellkern hervor: Die Hochtouristin!
Alle Vorbedingungen waren plötzlich gegeben: starke Lungen, gesundes Herz, Schwindelfreiheit und Ausdauer beim Marschieren. Rom zu meinen Füßen, wurde mir klar, daß ich bisher mein Pfund vergraben hatte, und daß ich mich einer schweren Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn ich meinem Talent keine Gelegenheit gäbe, sich zu entfalten. Der Schauplatz für diese Betätigung konnte, wie sich ohne viel Nachdenken, was mir immer schwer fällt, ergibt, nur ein Berg sein; es galt also, einen zu finden, der in Gestalt und Art meinen alpinistischen Gaben entgegenkam.
Seite 15 im dritten Band des Purtschellerschen »Hochtourist«: »Große Furchetta (3027 m), der nordwestliche breitere Turm einer kühnen, doppelzinkigen Berggestalt im Hintergrunde des Wasserrinnentals. Interessante und exponierte, schwierige Kletterei.«
Das war, was ich suchte. Denn nach meinem Fähigkeitsnachweis am Kapitol wollte ich es nicht unter einer Hochtour tun und möglichst gleich alle Eindrücke auf mich wirken lassen, die man bei einer Bergbesteigung haben kann. Die äußeren Vorbereitungen wurden getroffen: Das G'wandl mit allen Zutaten, Beinkleid, Kniestrümpfen, Mütze, Sonnenhut besorgt, der Rucksack mit dem Notwendigsten, bis aufs Gramm abgewogen, sauber vollgestopft, ein mächtiger Eispickel erhandelt und als Letztes – die Stiefel ausprobiert. Sie sind das Wichtigste der Ausrüstung, hatte man mir gesagt. Es kam mir auch bald so vor, denn ich trat mir mit den schweren Dingern in der schmerzhaftesten Weise auf die eigenen Füße.
»D' Nägel san zu grob«, meinte der bäurische Hoflieferant, den ich betrübt um Rat fragte.
»Bewahre! Sie kann nur nicht gehen, sie ist noch ungeschickt«, beharrte der berühmte Hochtourist, der auch hier meine ersten Schritte überwachte.
Der Schuster lachte. »Wegen ein'm Paar Schuh braucht doch de Person nit's Gehen z'lernen!« erwiderte er mit köstlicher Philosophie.
Das tröstete mich wunderbar; nicht ich, sondern die Stiefel waren schuld, und deshalb lernte ich es bald, sie zu tragen, ohne mir ernsthaftere Verwundungen zuzuziehen.
Aber als wir dann eines Morgens zu einer Zeit, die es eigentlich gar nicht gibt, in Dunkelheit und Kälte, »um Schatten zu haben«, von der Regensburger Hütte aufbrachen, klopfte mir doch das Herz recht. Die Wiesen naß und schlüpfrig, das Tal voll Nebel, die näher und näher heranzukriechen schienen, ringsum eine atemlose, beklemmende Stille – und vor uns stolz und gewaltig aufragend die Furchetta. Drohend und steil schien mir der Gipfel, eine Vermessenheit, ihn erklimmen zu wollen, und während ich mich tapfer bemühte, meine Füße mit den Genagelten in die weit auseinanderliegenden Spuren des Führers zu setzen, sagte eine laute Stimme in meinem Innern wieder und wieder: »Du kommst da nie hinauf – nie hinauf!« Und nur deshalb äußerte ich nichts von meinen Bedenken, um das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen; ich glaube, die meisten Heldentaten werden in solch einem passiven, aus der Furcht vor Anderen diktierten Handeln vollzogen. Langsam, Schritt für Schritt, ging es die Serpentinlinien durch den Schutt hinan; vor mir die grünen Wadenstrümpfe des Führers, auf die ich hoffnungsvoll starrte: solange sich die in gleichmäßigem Abstand von mir aufwärts bewegten, genügten auch meine Kraft und mein Können – an sie klammerte sich instinktiv mein Blick. –
»Verschnaufen S' mal und schauen Sie sich mal um«, gebot die Hochtouristenstimme hinter mir.
Verwirrt und erschöpft blieb ich stehen: umschauen auch noch?! Tat ich denn noch nicht genug? – Aber gehorsam spazierten meine Augen nach oben und unten, nach rechts und links: Steine, nichts als Steine, große, kleine, glatte, bizarrgeformte, aus der Felswand emporwachsende und wieder lose, die treulos unterm Fuß nachgaben – ein wüstes, ödes, steinernes Meer – –
»Nun?! – Was sagen S' aber jetzt?! Zum Hinknien, nit wahr? Diese Größe – diese Stille – heilig ist's wie in der Kirch'.« – Meine grenzenlose Verwunderung setzte sich allmählich in eine Art Wut um, während neben mir die Begeisterung immer neue Nuancen fand: »Da 'nauf muß man kommen, um wieder zu wissen, daß ma' a Mensch is – da kriegt man wieder an Begriff von der Allmacht – da geht eims Herz auf – Aber Sie sagen ja nichts, Sie! Ja, ja, da verstummen auch Sie einmal – aber schließlich, wissen möcht' i schon, was' denn für einen Eindruck haben und was Sie nun denken« –
»Raumverschwendung,« sagte ich kurz, »eine kolossale Raumverschwendung«.
Die Stille, die nun folgte, war so drückend, daß ich aus eigenem Antrieb, um die letzte Ehre zu retten, bescheiden hinzusetzte: »Was könnte man da für Korn bauen, wenn's eben wäre und nicht so viel Steine!« –
»Sie stehen also glücklich noch auf dem Standpunkt der Naturempfindung vor hundert Jahren – von der Ästhetik des Gebirges haben Sie keine Ahnung«, unterbrach mich der Hochtourist im plötzlich angenommenen, reinsten Hochdeutsch.
Und dann wurde ich ignoriert; an mir waren doch Mühe, Aufklärung und Naturschönheiten verloren. Aber über meinen Kopf fort floß zwischen Führer und Bergsteiger, denen nun Herz und Mund geöffnet waren, ein Strom von Touristengeschichten; von alten Führern, von Erstbesteigungen, von Neulingen im Gebirg und Führerlosen, die auf die harmlose Menschheit unter ihnen Steine herabrollen ließen; von neu entdeckten gefahrvollen Anstiegen, von »Sportbergen« und wunderbaren Errettungen, das alles gewürzt mit immer wiederkehrenden technischen Ausdrücken, wie: Grat, Kamm, Wand, Griffe, Tritte, Kamin, Couloir, Schlucht, Platte, Band – dem Jargon der Alpinisten, dachte ich verzweifelt und ungerecht. Aber von dieser mir bis dahin gänzlich unbekannten Nomenklatur und der Erkenntnis, daß ich also eigentlich schon hundert Jahre alt sei (nach dem Stand meiner Naturempfindung!), wurde mir ganz schwindlig – zum ersten und einzigen Male im Leben.
In diesem Moment äußerster Schwäche erreichten wir den Einstieg. Ich durfte mich hinsetzen, denn aus der Quelle in unmittelbarer Nähe wurden einige Becher voll klaren Wassers geholt, und außerdem mußten hier die Genagelten gegen die Kletterschuhe eingewechselt werden. Welch ein behagliches Gefühl schon, das weiche, schmiegsame Segelleinen gegen das harte, schwere Leder! Mir fiel ein, daß der Mann, der die guten, nie gestörten Nerven der Chinesen auf ihre seidene Fußbekleidung zurückführt, sicher recht hat. Meine Müdigkeit war verflogen. Mit Vergnügen ließ ich mir das Seil um die Taille legen, »die moralische Hilfe«, wie mir lachend versichert wurde; jedenfalls wohnt diesem Zauberband eine merkwürdig beruhigende Wirkung inne.
»Nun klettern S' mir nur nach! Immer hübsch langsam und erst einen festen Tritt für den Fuß und einen sichern Griff für die Hand suchen«, gebot der Führer.
Die hoffnungsvollen Grünen tauchten über meinem Kopf auf, und von Zeit zu Zeit traf mich ein ermunternder Blick des allein vorauskletternden Hochtouristen. Sonst war ich mir allein überlassen, nur durch einen dünnen Faden mit der Menschheit verbunden.
Und plötzlich besaß ich wieder wie auf dem Kapitol Seelenruhe, Muskelstärke, Gewandtheit und Schwindelfreiheit. Hier oben, angesichts der Felsen und der lustigen Kletterei, krochen meine hochtouristischen Begabungen wieder ans Tageslicht. Wie von selbst fand ich Griffe und Tritte – lagen sie einmal weit auseinander, so brachte mich ein Schwung sicher über die gefährdete Stelle fort; das Auge schärfte sich und maß genau die Entfernungen ab, jedes Glied gehorchte dem Willen, und alle turnerischen Kenntnisse aus der Kinderzeit fanden sich wieder ein.
»Das geht ja wie g'schmiert«, meinte der Führer einmal.
Der Hochtourist äußerte sich nicht; ich nahm an, daß ihn meine Fähigkeit nach den übrigen Beweisen meiner Unkenntnis und Unfähigkeit bitter wurmte. – Beim »Band« wurde ich ernsthaft verwarnt: ich begriff nicht, weshalb. Was für eine einfache Sache, über eine freiliegende Stelle, neben der es rechts und links zwar in die Tiefe geht, die doch aber dem Fuß festen Halt bietet, zu steigen! Und dann wieder vorwärts am Felsen entlang – zum erstenmal konnte ich ohne Neid an die Affen im Urwald denken, die sich gemächlich von Baum zu Baum schwingen.
»Gleich san mer oben!« Richtig, noch ein paar kleine Anstrengungen bis zum Gipfelgrat – wenige Schritte auf der Höhe selbst, und da waren wir! Auf dem höchsten Punkt des Berges, der mir wenige Stunden vorher noch so unerschwinglich hoch vorgekommen war. Eine tiefe Befriedigung erfüllte mich; ich hatte also wirklich mal etwas geleistet, hatte mich auf meine Kräfte verlassen und allein durch sie mein Ziel erreicht. Aber dann sank mein ganzes Selbstbewußtsein in sich zusammen vor der Schönheit und der Gewalt des Panoramas, das sich vor meinen Blicken auftat. Ja, hier herauf mußte man kommen, um sich wieder eins mit der Natur zu fühlen – mir war, als sähe ich zum erstenmal der Welt voll ins Antlitz: so schön also war sie, so wunderschön – »Und er führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm die Herrlichkeiten der Welt zu seinen Füßen und sprach: ›Dies alles will ich dir geben‹« –
Aber in diesem Augenblick, in der heiligen Stille dort oben, besitzt man ja alles, was der Blick umfaßt; und in der demutsvollen Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit so vieler Größe und Allmacht gegenüber wird man wunschlos.
Der Hochtourist trat auf mich zu und gratulierte mir, er war ganz erschüttert. Aber seine Rührung entsprang einer anderen Quelle als die meine: er hatte mich ja entdeckt – auf dem Kapitol – und mit dem sicheren, nie zu täuschenden Blick des Kenners hatte er die verborgenen Talente geahnt. Freilich, daß sie so groß sein würden –! Es war erstaunlich. Und wenn ich mich bergrunter ebenso bewähren würde –
»Ich habe nie an mir gezweifelt«, sagte ich kaltblütig; wozu jetzt noch meine schwachen Momente verraten?! Überdies würde sie nach dem gelieferten Fähigkeitsbeweis niemand mehr glauben wollen; auch für mich traten sie endgültig in verschwimmende Fernen zurück.
Dann kam das Frühstück; und mit der Kräftigung des leiblichen Menschen wuchs mein Mut ins Ungemessene empor – bis hinauf zu den allerhöchsten Gipfeln der allerhöchsten und -schwierigsten Berge! So war ich zur »Hochtouristin« geworden.
Hochtouren mit allerlei Hindernissen.
Zell am See! Der Name trägt sicher für viele oder sogar fast alle, die es je besuchten, die Erinnerung an ein kleines alpines Paradies in sich. Welche Rundsicht, nicht wahr, von der Seite des Sees, diese Berge, die sich da aneinander reihen, die stolze Pyramide des Kitzsteinhorns, Brennkogel und Schwarzkopf, Grieskogel und Hocheiser und wie sie alle heißen; nicht zu vergessen die Schmittenhöhe, auf der sich's so herrlich Kaffee trinken läßt – und am »drüberen« Ufer das hübsche Bruck und Schloß Fischhorn. Und dann dieser See selbst mit seinem angenehmen Bad und der Möglichkeit, Kahn zu fahren. Ja, die Leute sind hier glücklich; das sieht man ihnen an, wie sie im Deandl- und Buamkostüm umherlaufen und sich ganz der ungebundenen Natur angepaßt finden. Aber in mir sitzt Ungeduld; was andere beneidenswert finden: einen längeren Aufenthalt an diesem Ort, an dem sich »fesches« Badeleben mit Primitivität verbindet, das macht mich allmählich nervös – zum Heulen! Der schöne See kommt einem fad vor, so ungerecht wie es ist, wenn man viele Wochen im Norden am Meer war, von den Klippen direkt in die Tiefe sprang, sich auf den Schären vom Schwimmen ausruhte und sonnte und nachts im Schlaf das ewige Brausen in gleichem Rhythmus hörte. Nein, man ist nicht des Sees wegen da, und es genügt einem nicht, die Berge so schön aufgereiht liegen zu sehen – hinauf möchte man, mitten hinein ins Herz der Berge! Aber es regnet tagelang; zärtlich, weich, beschwichtigend, als wenn man droben in den Wolken lache über den ohnmächtigen Zorn der Erdenkinder. Dann soll's eines Morgens losgehen: biegen oder brechen! Man hält die Deandl einfach nicht mehr aus, die Buam noch weniger – Einsamkeit will man und sich Wege suchen, auf die der große Fremdenstrom nicht fließen mag. Aber es biegt sich nicht, sondern bricht erst mal; nämlich das rechte Schlüsselbein meines Hochtouristen, der sich mit Grazie über Abgründe schwingt, Kamine durchklettert, als handle es sich um Verandatreppen, sich von den »unmöglichsten« Punkten selbst abseilt – und den nun das Schicksal ereilt, als er mit kräftiger Hand den neuen Bergschuh im Hacken ausweiten will! Des Himmels Beschlüsse sind unerforschlich. Neuer Aufenthalt; neue Geduld; neue Freude am »feschen« Badeleben. Aber der Bezirksarzt tröstet: nach seiner Meinung liegt kein Bruch vor, nur eine Zerrung der Muskeln; ein paar Tage Eisumschläge – dann ist alles wieder gut! Nur merkwürdig, daß das Schlüsselbein im Dreieck emporsteht – wozu hat man einen Arzt zum Vater gehabt?! Doch über das, was man behauptet, wird nur gelächelt – und schließlich glaubt man gern, was man glauben möchte. Man wandert los; der Hochtourist mit etwas hängender Schulter unterm Druck des Rucksacks, aber man geht ja schließlich nicht mit den Armen. Den berühmten »Kesselfall« nimmt man natürlich unterwegs noch mit und steigt über den »Moserboden«, ein wirklich wunderbares Tal mit sprudelnden Wasserläufen und einer Umrahmung großartiger Berge und Gletscher, und nach kurzer »Futterrast« im Hotel Moserboden zum Heinrich-Schwaiger-Haus hinan. Eine gute Leistung für einen Tag – besonders die letzten zweieinhalb »steilen« Stunden, vom Moserboden empor, werden reichlich sauer, wie immer die ersten Tage, bis das Herz wieder richtig funktioniert und seinen Hochgebirgsschlag annimmt; dafür ist das Gewissen beruhigter: man tat doch etwas, man saß doch nicht müßig da – und morgen, ja morgen geht's auf das lange mit Sehnsucht umworbene Große Wiesbachhorn!
Ein paar andere Leute wollen auch hinauf; in tiefer Nacht – in der Gebirgssprache: der Morgen – blüht schon der Handel in der Hütte mit Tee, Speck, harten Eiern und Sardinen zum Mitnehmen. Etwas mühsam, denn es stürmt und die Luft ist so merkwürdig eisigkalt, klettert man über den Fochezkopf und erreicht den vereisten, schneebeladenen Kaindlgrat. Die Steigeisen werden angeschnallt, vorsichtig stapft der Führer voraus, um eine Spur anzulegen, die man gewissenhaft aufnimmt. Der Wind wird schneidend, die ersten Schneeflocken fallen. Gesicht und Hände prickeln. Wir erreichen eben die Wielingerscharte, da bricht ein Schneesturm los mit einer Gewalt, daß man nur noch wenige Schritte weit sehen kann. Keine Möglichkeit, weiterzugehen! Wir hatten beabsichtigt, eine wunderschöne, im ganzen auf zwölf Stunden berechnete Gletscherwanderung über den Bratschenkopf und die Glocknerin zur Franz-Josephs-Höhe zu machen – und mein Hochtourist, der sowieso von Herzen geschimpft hat, daß er für die an und für sich nicht schwere Tour einen Führer nehmen muß, weil er mich wegen seines Armes nicht fest genug an der Strippe halten kann, sagt jetzt nichts als: »Nun geht's aber in den Süden – auf der anderen Seite ist das Wetter immer besser!« Wir kehren um; denselben Weg über den Kaindlgrat geht's zurück, am Heinrich-Schwaiger-Haus vorbei – unverrichteter Dinge umkehren müssen, ist das schmerzlichste für einen Hochtouristen, zumal, wenn man schon so nahe am Gipfel war; dreiviertel Stunden hätten genügt, ihn zu erobern. Im Hotel Moserboden beschließen wir diese Episode, und nach kurzer Rast geht's »dolomitenwärts«. Allerdings ist sich mein Hochtourist nicht ganz klar, wie's dort mit dem Klettern sein wird. Aber die Versicherung des Arztes: »Wenn's auch weh tut, es schadet nichts – es wird bald vergehen«, läßt ihn noch immer hoffen. Kein Weg soll uns zu weit sein, um uns dem Süden heute noch näher zu bringen.
Zuerst geht's ganz bequem über den »Austriaweg« vom Moserboden aus, am Karlinger See vorüber durch die »Wintergasse«, die sich durch den mit Recht beliebten Schutt auszeichnet; für Fußsohlen und Knöchel eine Extraprobe! Nach fast drei Stunden kommt das Kapruner Törl, das zwischen Torkopf und kleinem Eiser hindurchführt und eine schöne Aussicht auf das unerreichte Wiesbachhorn bietet – ein schmerzlicher Anblick trotzdem! Ob's oben noch schneit?! Hier, immer noch auf einer Höhe von über 2600 m, tropft es sanft, aber kalt. Man selbst ist mittlerweile doch warm geworden, dazu die nassen Kleider; die verschiedenen Zustände, kalt, warm, naß, vertragen sich nicht übermäßig gut miteinander. Nun geht's hinab zum Riffelkees und lange über eine Moräne, die allerlei Sprünge über Spalten und Felsen erfordert, bis ganz hinunter ins Tal, über den Bach fort und recht mühsam, zum Teil auf in den Fels gehauenen Stufen, zur Rudolfshütte hinauf. Die Hütte liegt sehr schön und bietet gute Verpflegung – und Ruhe! Wenn man an das überfüllte Schwaiger-Haus zurückdenkt! Hier sind wir die einzigen Gäste. Aber zu lange dürfen wir uns nicht aufhalten! Ja, wir fangen doch erst an mit dem Ausruhen? Bewahre, wir müssen weiter. Erst wieder empor bis zur kreuzgeschmückten Höhe des Kalser Tauern, dann hinab über recht steiles Geröll, am Dorfer See vorüber, und über die unheimlichen Reste eines alten Bergsturzes fort, am Kalser Bach entlang zur Dorfer Alpe, die mit ihren grünen, fruchtbaren Matten nach all dem sterilen Schutt und Geröll, das wir bis dahin passiert haben, wirklich wie eine Oase anmutet. Bald darauf, in der Schutzhütte auf der Rumesoi-Ebene, bekomme ich meinen Kaffee, das einzige, was ich auf Bergtouren, auf denen ich es sonst gelernt habe die bescheidensten Ansprüche zu stellen, ungern entbehre. Und trocknes Brot hineinbrocken, wie wir es als Kinder nur am Sonntag durften, das erlaube ich mir im Gebirge alle Tage; es hält bei mir Leib und Seele zusammen. Endlich, nachdem die »Stiegenwand« überwunden ist, erreicht man in ein paar Stunden, über den Teischnitzbach fort, und je nach der Marschfähigkeit das hübsch und freundlich gelegene Dorf Kals. Eine gesunde Wanderung jedenfalls, mit dem häufig wechselnden Auf und Ab dazu – und in dem kleinen, weißgetünchten Zimmer des »Glocknerwirts« schlafe ich so fest wie wenig Schritte vom Haus fort die Toten unter ihren weißen Steinen. Dafür geht's am nächsten Morgen ganz behaglich im Kalser Tal entlang bis nach Peischlach, von dort per Wagen neben der rauschenden, breiten Isel her bis Lienz. Abermals unfreiwilliger Aufenthalt in diesem an und für sich netten Städtchen, dem ich die Erinnerung an mein erstes und einziges collier de chien verdanke: fleißige Wanzen haben es nachts Stich um Stich auf meinen Hals genäht – anfangs, als ich des Morgens erwachte, fürchtete ich, über Nacht den hier ortsüblichen Kropf bekommen zu haben. Aber es waren nur Wanzen – weiter nichts!
Es regnete nicht, sondern goß in unermüdlicher Bravour. Mein Hochtourist klagte über seine Schulter – bei dem Wetter kamen sicher rheumatische Schmerzen hinzu – sobald der Himmel nur eine kleine Pause in der Besprengung der Erde machte, flohen wir auf und davon, zu einem der »Unholden« hinauf, wie die Lienzer Dolomiten ihrer zerklüfteten Formen wegen genannt werden, auf den »Hochstadl« (2678 m). Der Aufstieg ist nicht beschwerlich, in etwa sechs Stunden erreicht man das Hochstadlhaus, und am nächsten Morgen, nach einer sehr kalten Nacht, über die Rudnigsscharte in gut zwei Stunden den Gipfel, der eine wunderbare Aussicht – auch uns! – ins Oberdrautal über die nahen »Unholden« und die ganzen schneeglänzenden Tauern bietet. Einen Abstieg suchten wir uns nach Süden selbst, er war nicht unschwierig, da wir durch dick und dünn – in diesem Falle Gestrüpp und Bäche – mußten, ohne jeden Weg. Mittagsruhe neben einem kühlen Wasserfall und abends gegen sieben Uhr – also nach einer Tagesarbeit von gut vierzehn Stunden – sahen wir endlich im Gailtal Birnbaum, das erwünschte, vor uns liegen.
Im Dorf, vor allem in dem einzigen Wirtshaus, wimmelt es von Soldaten; sie sind sogar auf den Treppenabsätzen und Korridoren einquartiert. Im Staatszimmer, vor dem Vertikow mit Glas und Porzellan, wird mir eine Lagerstatt errichtet. Aber die Soldaten haben noch eine Einquartierung mitgebracht, sie ist braun und sehr behende – meine Nachtruhe ist durchaus getrübt. Ich bin froh, als ich in der Morgendämmerung wieder den Rucksack auf die Schultern lege – mein Hochtourist hat eine seltsame Art angenommen, den Riemen auf der rechten Seite um den Oberarm zu schieben.
Der entzückende Weg durch das Valentintal und über das Törl gleichen Namens und die Aussicht, morgen den Monte Coglians zu besteigen, tröstet über alles hinweg; auch über den Regen – wir sagen euphemistisch »Niederschlag« – der gerade einsetzt, als wir die Wolayerseehütte, am kleinen Wolayersee gelegen, betreten. Beim Hüttenwirt und seiner Genossin ist große Aufregung: der Maulesel, der die Vorräte heraufschafft, ist wieder auf und davon: »ins Ausland hinüber«, sagt der lustige Wirt und deutet mit dem Daumen zur nahen italienischen Grenze. Der Maulesel ist gar nicht so dumm: er sucht ein wärmeres, jedenfalls trockneres Klima auf. Und wir, die wir in die Karnischen Alpen wollten, in die Dolomiten von Sappada und Cadore, auf die Cridola und andere derartige Gipfel, täten wir nicht am Ende auch gut, dem Maulesel zu folgen?! – Zwei Tage belagern wir den Coglians von Norden aus; zwei Tage darben wir, denn der Maulesel weidet noch immer in Italien –, dann steigen auch wir hinab ins Gelobte Land, bis nach Collina. Ein echt friaulisches Dorf, dessen Männer im Sommer auswärts, meistens in Deutschland arbeiten, während die Frauen die geringe Feldarbeit auf den Miniaturfeldern – oft nicht viel größer als ein Bettvorleger – besorgen; die ganz alten und ganz jungen Mannsleute spielen Boccia. Zwei Wirtshäuser stehen uns zur Verfügung, wir wählen das größere – von außen sind beide nicht gerade vertrauenerweckend. Aber mit den Schlafstätten ist es solch eine Sache: der Herr Karabiniere ist auf Besuch da – eine wichtige, beliebte Persönlichkeit, natürlich, denn man ist der Grenze nahe und verdirbt es nicht gern mit ihm! Aber der Herr Karabiniere ist viel zu sehr galant' uomo, um einer Dame nicht Platz zu machen. Er holt sein Gewehr und seinen Kamm aus dem Zimmer und marschiert ab. Ich bleibe erwartungsvoll stehen, um das Bettüberziehen zu überwachen: es ist schwer, meinen Wunsch nach frischer Wäsche begreiflich zu machen, sie ist doch so gut wie neu, und nur zwei Nächte hat der Herr Karabiniere – – Ich bleibe fest. Wenn's denn sein muß –! Darauf wird getuschelt, aus dem Fenster geschaut: er ist schon weit fort, der Herr Karabiniere! Da wird gleich die Matratze des Riesenbettes emporgehoben und aus den Gurten die zwei Gewehre geholt, die man vor der Obrigkeit verstecken mußte! Der Herr Karabiniere hat ahnungslos auf den Waffen geschlafen – besser als die Prinzessin auf der Erbse.
Nun belagern wir den Coglians von Süden. Zwei volle Tage lang. Es regnet so stark, daß wir kaum bis ans kleine Kirchlein gehen können; und zu jeder Mahlzeit bekommen wir »manzo«, Rindfleisch, mit Salbei gewürzt – der Geschmack geht gar nicht mehr von der Zunge. Mein Hochtourist klagt auch über den schlechten Geruch in seinem Zimmer; ich habe es untersucht und ihn beruhigt: Einbildung! Denn es steht kein drittes zur Wahl. Heute fordert er Käse zum Nachtisch: um den Salbei loszuwerden. Der Wirt verneigt sich, ergreift Teller und Messer, eilt den Korridor entlang – wir sehen es durch die Glastür unserer sala da pranzo – und verschwindet im Zimmer des Hochtouristen! Ich sehe dessen befremdenden Blick, sehe auch den Wirt harmlos zurückkehren und uns den Käse mit Schwung servieren. »Wo kommt er her, der Käse?« donnert mein Hochtourist. Ach, ahnungsloser Engel, seit zwei Nächten schlummerst du über den großen, gelben Käselaiben, die unter deinem Bett zum Trocknen liegen! Er wollte keinen Käse mehr, mein Hochtourist. Manche Menschen sind eigentümlich launenhaft!
Die Abende sind ein Idyll. Wir sitzen mit den Frauen auf den alten Holzbänken, die auf dem niedrigen Herd selbst herumstehen. Der Kessel hängt an langer Kette von der Decke über der glimmenden Asche, alles in der Küche, Plafond, Wände, Geräte sind mit gleichmäßiger, glitzernder, fester Rußdecke überzogen. Der »Rentier« des Dorfes kommt, um mit uns zu plaudern; auch er hat sein Geld in Deutschland erworben, »in 'of« (Hof) – er besitzt ein wackliges Häuschen und zwei Ziegen und braucht nicht mehr zu arbeiten. »Denn Reichtum«, so philosophiert er, »hängt von den Ansprüchen ab, die man an ihn stellt.« Oh, hätte ich auch zwei Ziegen – oder mehr noch: wäre ich mit ihrem Besitz zufrieden! – Aber ich bin noch weit entfernt von der Abklärung des Collinaschen Rentiers. Der Coglians bleibt unsichtbar, hinter Nebeln – ich dränge zum Aufbruch; vor allem, weil unten im Tal die vorangesandten Wäschepakete unserer harren.
An schönen Dolomiten vorüber führt der Weg; und an seltsamen Bergnestern mit übereinandergeklebten Häusern und winkligen, dunklen Gassen – oft führen nur Stufen von einem »Stadtteil« zum andern. Elende Holzbalkone hängen an den brüchigen Mauern, keine Gardine an den Fenstern, keine Blume, nichts Grünes ist zu sehen. So viel Verwahrlosung und Schmutz befremdet selbst den, der Süditalien kennt – dieser abgelegene Winkel von Friaul übertrumpft es! In San Stefano finden wir glücklicherweise die Pakete vor – wir haben auch zu unterst auf dem Leibe keinen trockenen Faden mehr! Von dem reizend am Zusammenfluß von Padola und Piave gelegenen San Stefano nehmen wir die Königlich Italienische Post; sie führt uns über Lorenzago durch das Tagliamento-Tal, also nach der Versicherung glaubwürdiger Reisender durch eins der schönsten Täler der Alpen. Ich muß diesen Reisenden glauben; denn ich habe nichts von dieser Schönheit gesehen. Die Königliche Post zog ein Verdeck über meinen Kopf, stellte mir zu Füßen einen Riesenkorb voll Obst und setzte an meine Seite in der engen Viktoria einen italienischen Papa, dessen dickes, blondes Kind als blinder Passagier zwischen uns geklemmt war. Mein Hochtourist hatte sich auf den Bock gerettet – er zog die Launen des Wetters denen eines Kindes vor. Ab und an sprang der italienische Papa, der einen gestreiften Samtanzug trug und Lackstiefeletten, die mit falschen Knöpfen besetzt waren, aus dem langsam fahrenden Wagen und stürzte sich mit seinem Gewehr ins Dickicht, um womöglich noch nebenher ein paar Singvögel zu erjagen. Dann fiel das dicke, schlafende Kind jedesmal um, erwachte und heulte, bis ich es endgültig zu mir herüberzog; so war ich doch zu etwas nütze; sehen kann man immer weniger, es scheint Tinte zu regnen.
Von der Stazione per la Carnia nimmt uns die Bahn über Chiusaforte und Pontafel bis nach Tarvis mit, eine wunderbare Strecke im engen Felsental der Fella, durch Tunnels und über schwebende Brücken in reicher Abwechslung. Wir genießen dankbarst die Großartigkeit der sich rechts und links bietenden Szenerie; denn es klärt sich auf! Wir wagen noch nicht darüber zu sprechen, aber als uns ein leichter Wagen nach Raibl fährt, blicken wir uns hoffnungsvoll an: sollte es wirklich –? Vielleicht erweisen sich uns die Julischen Alpen entgegenkommender, umsonst sind sie wohl nicht so beliebt; auch der König von Sachsen besitzt hier Jagdgebiete.
Sie entsprechen wirklich unseren Erwartungen, die Julischen. Wir können uns von Raibl aus aufmachen zum Manhart. Über den Predilpaß, an starken Fortifikationen vorüber, steigen wir im »Manhartgraben« aufwärts und erreichen nach gut sechs Stunden glücklich den Gipfel (2678 m); seine Rundsicht ist weit und schön, zu den Karawanken hinüber, zum Triglav und der charakteristischen Fünfspitz bei Raibl. Der Abstieg über die Lahnscharte ist fürchterlich steil, man freut sich, als man unten den oberen der beiden entzückend gelegenen Weißenfelser Seen erreicht – mehr noch, als man am unteren die nette Restauration entdeckt und eine köstliche Forelle serviert bekommt. Den Manhart, der sich von hier aus großartig präsentiert, grüßt man mit dankbarem Blick – man hat seine besondere Beziehung zu Bergen, auf deren Gipfel man gestanden hat! Man ist überhaupt zufrieden; ein gutes Mahl und die Aussicht auf bequeme Weiterbeförderung sind wohltuende Faktoren. Denn von Weißenfels bringt uns die Bahn nach Krainburg, am Zusammenfluß von Kanker und Save gelegen. Der Ort gilt für die Hochburg des Nationalitätenkampfes und höchst deutschfeindlich – ich erinnere mich mit Vergnügen an seine anmutige Lage auf einer Anhöhe, an das gemütliche Abendessen im alten Garten der »Alten Post« unter hübschen Arkaden und das Gefühl vollkommensten Ausgeruhtseins beim Erwachen am nächsten Morgen in dem großen, von Sonne durchwärmten Zimmer. Ich bin mit dieser slawischen Behandlung höchst zufrieden!
Auf leichtem Wagen rollen wir über Kanker bis zum »Poschner-Wirtshaus« – denn Landstraßen geht ein ordentlicher Hochtourist nur ungern! Den Steiner Alpen wollen wir einen Besuch abstatten, und zwar dem höchsten Gipfel dieser mächtigen Kalkalpen, die sich auf der Grenze von Krain, Steiermark und Kärnten erheben und uns mit ihren malerisch bewaldeten Vorbergen schon von weitem locken. Aber im Poschner-Wirtshaus wird Station gemacht; ich bestehe darauf, daß wir die Rückkehr des Wirtes abwarten, der zugleich auch als Führer dient; er soll uns begleiten, um den Rucksack meines Hochtouristen zu tragen. Es ist seltsam, wie bleiern ihm der Arm herabhängt, Schmerzen hat er keine, oder doch nur wenig, wie er versichert, aber meine Energie scheint ihm trotzdem willkommen zu sein!
Gegen Mittag wanderten wir zu dreien los; es ist drückend schwül, und wir halten es für ratsamer, die Nacht auf der Zoishütte zu bleiben, zu der ein schöner, aussichtsreicher Weg durch den Suhadolnikgraben und unter den steilen Wänden des »Greben« entlang über den Kankersattel führt. Die Zoishütte, auf 1792 m Höhe, liegt entzückend; ein einsetzendes Gewitter treibt uns aber bald ins Haus zurück. Es ist nebelig am nächsten Morgen, aber es kann sich klären, meint der Führer. Wir wählen den »neuen Grintouzweg«, der zwar schwieriger ist als der alte über den Südkamm, uns aber unsern Berg, den »Grintouz«, von seiner schönsten Seite zeigt. Durch ein Felsentor betreten wir einen Alpenvereins-Steig, aber die Markierung ist im Nebel schlecht zu finden, der Aufstieg überhaupt nicht leicht. Vorsichtshalber werde ich angeseilt: »Der Herr hat's fast nötiger«, meint der Führer. Ich sehe selbst, wie ungeschickt mein Hochtourist heute klettert, nur die linke Hand benutzt er und schiebt sich langsam an den Felsen empor. Statt der drei Stunden zum Gipfel (2559 m) brauchen wir vier – im übrigen ist es einerlei. Denn als wir endlich oben sind, ist der Nebel so dicht, daß man die berühmte Hand vor Augen nicht sehen kann, geschweige denn etwas von der Aussicht, die ein Studium der Karawanken, des Koschuta-Gebirges und natürlich auch der Steiner Alpen gewähren soll. Ein graues Meer wallt um uns her, und uns ist nicht einmal das Frühstück noch die Gipfelzigarre und -zigarette ein Genuß: seltsam schwül ist uns zumute – liegt es an der Luft? Der Führer mahnt zum Aufbruch: »nit geheuer« scheint's ihm. Wir beginnen den Abstieg; vorsichtig, denn er ist recht schwierig, klettern wir von Griff zu Griff; ich, als »Ungeübte« voran, habe meine liebe Not, feste Tritte für meine Genagelten ausfindig zu machen. In einem engen Felsenkessel sind wir, unheimlich starr ragen die Wände rings um uns empor, fürchterlich steil und tief geht es zu unseren Füßen hinab. Da – ein furchtbarer Donnerschlag! Unwillkürlich klammere ich mich an den Fels, der Nebel zerreißt, mit grausamer Deutlichkeit erkenne ich die Abstürze – »vorwärts, vorwärts«, mahnt der Führer. Ich klettere Fuß um Fuß hinab und versuche Ruhe zu bewahren. Denn gerade in unserer Höhe, mitten im Felsenkessel, steht das Gewitter. Der Regen peitscht mir ins Gesicht, die Blitze sausen zischend vorbei, schlagen in die Wände, Steine brechen los und krachen in die Tiefe – dabei ist es stockdunkel, nur auf Sekunden erfüllt schwefelgelbes Licht den Höllenschlund, in den wir hinab müssen. Einmal ducken wir uns unter einem überhängenden Felsen nieder, die Finger sind verklamt vom eisigen Regen, ein pfeifender Blitz, der dicht an uns vorbeifährt, treibt uns wieder empor. Schutz gibt's nicht, wir müssen es dem Geschick überlassen, wie und ob wir davonkommen. Einmal noch machen wir kurzen Aufenthalt, der Führer seilt auch den Hochtouristen an, der mit zusammengebissenen Zähnen, den gebrauchsunfähigen rechten Arm von der linken Hand unterstützt, abwärts klettert. An diesen Weg über die Mlinaskoscharte werde ich mich noch oft erinnern – man war »zu sehr in Gottes Hand«, wie's sonst vom Meer heißt. Endlich erreichen wir die Böhmische Hütte, die dem Slawischen Alpen-Verein gehört. Wir sind zu durchnäßt, um lange zu rasten – auch der Führer kehrt um: an die Tour will er denken sein Lebenlang!
Wir machen uns wieder auf, noch sind wir in über 1500 m Höhe; aus der Untern Rauni, in der die Hütte liegt, müssen wir durch die Seeländer Kotschna, drei Stunden munter bergab bis zum Stuller Wirtshaus in Oberseeland, das wir mittags erreichen. So gut hat mir selten eine Suppe geschmeckt – und wie friedlich das fruchtbare, schöne Land, durch das wir nun gemütlich schlendern – doppelt wohltuend unsern Augen nach den Schrecken in der Einöde dort oben! Die 21 km, die zwischen Oberseeland und Bad Vellach liegen, dünken mich eine Kleinigkeit. Über den »Seeberg« (1218 m), der von seiner Kanzel noch einen letzten, erlösten Blick auf die Steiner Alpen erlaubt, geht die Straße; die Kehren hinunter kürzen wir uns durch Fußwege, bei heller Sonne noch sehen wir das anmutig in Grün gebettete Bad Vellach vor uns liegen. Ein Glas von seinem berühmten Eisensäuerling wird probiert, dann ein Wagen bestiegen, der uns nach Klagenfurt, Kärntens schöner Hauptstadt, bringen soll. Wie ich mich auf meinen Koffer freue, der dort für mich lagert – und auf die Bäder im Wörther See; nach etwas Ruhe wird der Himmel uns doch noch zu einigen Gipfeln verhelfen.
»Ich muß vor allen Dingen zum Arzt«, sagt da mein Hochtourist. Über meine Hoffnungen fällt ein leichter Meltau: sollte es mit all den Hindernissen und Enttäuschungen der diesjährigen Bergfahrt noch nicht genug sein?
Mein Hochtourist hat körperlich in aller Stille einen Zuwachs bekommen. Der Arzt nennt ihn einen ungebührlich großen »Kallus«, der sich an der Bruchstelle des Schlüsselbeins gebildet hat. Er verordnet Ruhe, Massieren und andere mit dem Bergsteigen unverträgliche Maßnahmen – vorläufig muß man sich damit begnügen, die Berge von unten anzusehen. Klagenfurt trägt seinen Namen – für uns wenigstens – nicht mit Unrecht.
Ein Rekord war's aber doch, vier Wochen mit gebrochenem Schlüsselbein Bergtouren zu machen!
Spätherbst im Wilden Kaiser.
Auch für den, der im Sommer versuchte, durch einen vierwöchigen Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an der See die Schäden zu reparieren, die achtundvierzig Wochen in der Großstadt seinen Nerven zugefügt haben, kommt, wenn die Herbstsonne lacht, noch einmal eine unbezwingliche Sehnsucht, sich aus der einengenden Unruhe der Straßen in die stille Öffentlichkeit der Natur zu flüchten. Vielleicht trägt er in sich das Bild der Dolomiten mit ihren tausend großen und kleinen Freuden, aber ihm scheint, dem Objektiv fehle ein Zug: er möchte das Gebirge im Wechsel der Jahreszeiten – als Residenz des Herbstes – kennen lernen. Der um diese Möglichkeit vor anderen Großstädtern reichere Münchener darf seinen Wunsch in die Tat umsetzen: in zwei Stunden ist er in Kufstein – vor ihm liegt, ihm vorläufig nur zarte, mit Wald bestandene Ausläufer zuwendend, der »Wilde Kaiser«. Ein wundervoller Weg, steil ansetzend, dann am Berghang entlang, in gemütlichem Auf und Ab, führt ihn in wenig Stunden ins Herz des »Wilden« – nach Hinterbärenbad, dem Ausgangspunkt für alle schwierigen und gefährlichen Touren der großen Kletterer. Das Totenkirchl, der Predigtstuhl, die beiden Karl- und die Fleischbankspitze – all die Bergriesen mit ihren vielseitigen, berühmten Auf- und Abstiegen liegen lockend bereit; und hier und da trifft man noch auf die »Echten«, die, im Gras hockend, mit dem Fernglas einen neuen, fast unmöglichen Weg ausspionieren und ihrem Ziel einen noch größeren Reiz hinzufügen möchten.
Aber die Saison der höchsten Gipfel ist doch vorüber. Wir bescheiden uns damit, vom Stripsenjoch durch die einst gefürchtete »Steinerne Rinne«, die jetzt auch durch Steiganlagen und Drahtseile gezähmt ist, zur hintern Goinger Halt aufzusteigen und den Gratübergang zur vorderen gleichen Namens, eine nette Kletterei, zu vollführen, um endlich der Elmauer Halt, dem höchsten Gipfel des Kaisergebirges, unseren Besuch abzustatten. Der milde Herbst hat den Tatendrang und die Kampfeslust besänftigt – man möchte genießen, noch einmal aus tiefstem Herzen Höhenluft atmen, aber ohne gewaltige Anstrengungen machen zu müssen. Die Tage sind auch zu kurz, vor sechs Uhr wird es kaum hell und von fünf Uhr ab beginnt bereits die ungemütliche Dämmerung. Dazu kommt, daß man wieder und wieder stehen bleibt, um den Farbenrausch ringsum zu genießen: immer eine neue Nuance, das Graugrün der Fichten zwischen dem Goldgelb der Birken, dem Schwefelton der Eschen, dem Rostbraun der Buchen und Eichen; und immer neue Bilder der in diesen Rahmen gefaßten Sennhütten und Dörfer, in der klaren Luft so nahe gerückt, als könnte man sie mit wenig Schritten erreichen. Und welche Prachtaussicht von den Bergen! Bis in die fernsten Fernen reiht sich Gipfel an Gipfel, über den vorderen, wie mit dunklem Samt bezogenen Ketten erheben sich die weißen Linien der ewigen Gletscher. Ein Panorama, wie es zum Beispiel »die Elmauer Halt« bietet, ein sehr lustiger Kletterberg von nur 2344 m Höhe – also ein »G'lump« in eines Sportmanns Augen! – kann man kaum in den Dolomiten oder Hohen Tauern genießen. Der ganze Höhenzug der Zentralalpen, von den Niedern Tauern bis zu den Ötztaler Alpen, die Loferer Steinberge, der Karwendel, das Wettersteingebirge, breitet sich vor dem Blick aus; der Inn zieht seine glitzernde Schlangenlinie durchs Tal, und durch eine Lücke zwischen dem Treffauer und dem Kaiserkopf leuchtet in herrlichem Tiefblau der Hintersteiner See herauf. Die Gletschermeere des Großglockners und des Großvenedigers schließen mit ihrer feierlichen Schönheit den Horizont nach Süden – in lieblichster Anmut und bezauberndem Kontrast bauen sich fast am Fuß des Berges mit ihren weißen Kirchlein die Dörfer Going und Elmau auf, während weiter draußen in der Ebene der Häuserkomplex von Kitzbühel und ein Eckchen von St. Johann sichtbar werden. Die Glocken tönen mahnend herauf, ein leises Rollen in der Ferne erinnert daran, daß es dort unten Eisenbahnen, Unruhe, Städte und – Pflichten gibt – seufzend macht man sich daran, wieder in die Unterwelt hinabzusteigen.
Ein neues Vergnügen harrt des Herbstläufers: die Gruttenhütte ist schon geschlossen, ein Alpinist aber besitzt den Schlüssel; die Läden werden aufgestoßen, um noch möglichst viel Sonne hereinzulassen – und dann beginnt das Robinson-Crusoe-Spielen! Jeder bekommt sein Amt, der das Feueranmachen, jener das Zusammenstellen des Menus, dessen einzelne Gerichte den verschiedenen Rucksäcken entnommen werden, der dritte besichtigt oben die Lagerstätten, der vierte aber kommt mit der Trauernachricht zurück, daß es aus der Quelle nur sehr bescheiden tropfe: in einer halben Stunde ungefähr ein Viertellitermaß voll! – Aber wie können Reissuppe aus Tafeln, Tee aus Konserven, Zitronenlimonade aus Pastillen hergestellt werden ohne das göttliche Naß? Und einmal am Tage – wenn auch ohne jede Verbindlichkeit! – möchte man sich doch wenigstens die Hände waschen. Ja, ja, die negative Wassernot ist im »Kaiser«, wie in jedem Kalkgebirge, groß und nach der langen Trockenheit doppelt bemerkbar – –. Aber allgemeine Redensarten nützen nicht; und die beiden besten Bergsteiger, denen plötzlich neidlos von allen Seiten ihre hervorragenden alpinen Qualitäten zuerkannt werden, müssen sich entschließen, noch einmal die »Genagelten« gegen die bequemen Hausschuhe einzutauschen. Mit Eispickel, Kessel, Eimer und Pfanne ziehen sie aus – wie konnte man nur zaudern? Am Herd steht ja auf einem prunkvollen Zettel: »Man bittet, den Wassergrant (den Beikessel) vor dem Anfeuern mit Schnee zu füllen« – also! Da man selbst nicht mitzugehen braucht, findet man diese kleine Extratour zur nächsten Schneehalde – eine gute halbe Stunde hin und zurück – höchst amüsant.
Endlich ist nun auch das Mahl bereitet; beim besten Willen war ja an den Konserven nichts zu verderben, dennoch fühlt man sich stolz auf seine Produkte! Und die Konkneipanten finden den Tee besonders aromatisch, die Zitronenmischung auf der Höhe aller Limonaden; vielleicht ist der gute Bergappetit nicht ganz verdienstlos an dieser Begeisterung, denn sogar die pièce de résistance, die Mettwurst, die ihrem Umfange nach der »Wurst ohne Ende« auf dem berühmten Bilderbogen gleicht, wird, natürlich nur mit Rücksicht auf die Rucksäcke, bis zur letzten Scheibe gewissenhaft verteilt. Der enge Küchenraum und die heißen Getränke erwecken noch einmal den Wunsch nach frischer Luft; nur die Faulen, ganz Unpoetischen kriechen mit vollem Magen ins Bett. Aber draußen ist's wundervoll, warm und windstill, wie kaum je an einem diesjährigen Sommerabend, aus der Ebene blinken freundlich die Lichter herauf, und auf den Abstürzen des Treffauer liegen dunkle Schatten, die sich mehr und mehr verkürzen – ein silbernes Leuchten füllt die Luft. Atemlos wartet man: da, endlich, schiebt sich das volle, weiche Antlitz des Mondes um die tiefschwarze Spitze der vorderen Goinger Halt herum – und alle Berge umstehen das kleine Plateau, das die Hütte trägt, in klarstem, weißem und doch so köstlich zartem Lichte.
Rein und frei wie hier oben in der staublosen Luft erstrahlt der Zauber des Mondes in der Stadt niemals – nur auf den Höhen oder über der Unendlichkeit des Meeres enthüllt er den vollen Reiz seiner Schönheit. Die einfache Kammer, die man schließlich zur Ruhe aufsucht, verwandelt er in einen Raum mit Marmorwänden, und selbst im Schlaf glaubt man in einem Märchenlande zu sein, in dem alles, was man anrührt, sich in Silber und Gold verwandelt. – Der Ruf nach Befriedigung der materiellen Bedürfnisse erweckt die Schläfer etwas unsanft aus glücklichen Träumen. Aber ehe der Kampf mit dem widerspenstigen Herdfeuer neu begonnen wird, beobachtet man, trotz aller hungrigen Mahnrufe, den viel leidenschaftlicheren Krieg da draußen: noch immer segelt die silberne Scheibe sanft durch die azurnen Lüfte, aber im Osten ziehen glutrote Streifen auf und bereiten der großen Siegerin den purpurnen Triumphesweg – der ganze Himmel gerät in Aufregung beim Nahen seiner Königin! Unten im Tal lagern kalte, weißgraue Nebelschleier über Wald und Flur wie die Sorgen über den Stätten der Menschen. – Und für »die nach uns« mit ihren Ansprüchen und Bedürfnissen setzt man die Hütte großartig instand; mit dem Eifer einer sich plötzlich auf ihre Pflichten beim Abgang besinnenden Küchenfee: die Nachfolgerin soll ihr nichts Schlechtes nachsagen dürfen. Sogar die Lampe füllt man wieder voll Petroleum – es ist rührend! Oder ist man am Ende so voll Dank für die köstlichen Tage, daß man sich in solch unendlich naiver Weise dafür betätigt? – Doch in diese Abgründe des menschlichen Herzens läßt's sich nicht mit einer Petroleumlampe leuchten.
Abwärts geht's; durch goldgelbe Farren und ganze Korallenfelder des Blaubeerenkrauts; die Pilze tragen Krönchen, und die Brombeeren sehen mit melancholischen schwarzen Augen auf die Vorwärtshastenden. Was nutzt es? Zurück in die Alltäglichkeit, ihr Menschen! »Auf seligen Höhen wohnen die Götter ...«
Auf Deutschlands »Allerhöchstem«.
Für jemand, der das Gebirge liebt und Gipfel nicht nur von unten bewundern mag, ist es eine gelinde Folterqual, tagelang im Schatten eines prächtigen Bergmassivs zu sitzen und wegen andauernder Witterung, worunter in den letzten Sommern ja nur schlechte zu verstehen war, nicht hinaufzukönnen. Zudem lag mir jemand, dessen junge Beine ihn erst einmal bis zu einer »Hütte« hinaufgetragen hatten und der sich deshalb nach dem ersten Waffengang mit den Felsen sehnte, Tag und Nacht in den Ohren, daß eine ehrenhafte Mutter ihr Versprechen unter allen Umständen einlösen müßte. Aber ich, die Erfahrene, Erprobte, wartete, bis alle Umstände sich gut vereinen ließen, das Wetter wirklich aufklarte, der Barometer stieg und ein hellerer Schein, den man in weniger zweifelhaften Zeiten harmlos für Sonne erklärt haben würde, sich über die Matten breitete. Bis dahin war ich stets unter der Ägide eines sehr Bergkundigen gegangen – heute traf mich die Verantwortung allein. Ich wählte deshalb einen alten, treuherzigen Führer, mit Augen, in denen sich die stille Bergsonne gesammelt hat, von ruhigem, ungeheures Vertrauen einflößendem Wesen und im Besitz einer deutschen Aussprache, von der man wenigstens einige Brocken verstand. Das letztere schien mir für die Verständigung unterwegs auch nicht ganz gleichgültig zu sein. –
Wir unternahmen nachmittags in gemütlichstem Tempo den Aufstieg zur Wiener-Neustädter-Hütte, rasteten an den zwei traditionellen Plätzen, bewunderten die Aussicht auf Biberwier, Ehrwald und Lermoos, die nur ganz wenig verschleiert war, sahen einen Gamsbock, einen echten, lebendigen – nicht so einen, wie er in der Sächsischen Schweiz auf einem kleinen, winzigen Felsblock steht – bewegten uns kühn über die letzten, noch arg verschneiten Steige und standen bei einer plötzlichen Wendung dicht vor der Hütte – eine ihrer angenehmsten und bei Hütten seltenen Eigenschaften; denn gewöhnlich sieht man diese heißersehnten Stationen schon stundenlang vor sich liegen und scheint ihnen statt näher immer ferner zu rücken. – Durch ganz besondere Protektion erhielten wir eine schmale Dachseite, in der zwei Federmatratzen am Boden lagen, für uns allein. Ich empfinde den Mangel an jeglicher Bettwäsche immer noch als störend; heute war es wenigstens so kalt, daß man gern seine Kleider anbehielt. Nach warmer Suppe im überfüllten Speiseraum bildeten wir uns ein, uns nach Ruhe zu sehnen, und kletterten die Hühnerleiter zu unserer bevorzugten Ecke wieder empor. Aber mit dem Schlafen auf den Hütten ist es ja selten etwas. Entweder man friert oder man wird durch die leisesten Bewegungen des Nachbarn gestört, die sich durch die dünnen Wände verraten. Diesmal fror man und hörte rings die Unruhe; und als wir eben eindämmerten, brach unerwartet ein furchtbares Gewitter los, unsere Dachseite stand andauernd im Feuerzauber der Blitze – und dann ein Getöse, als sollte die Welt untergehen! Ein geisterbleiches Gesicht erhob sich von der Nachbarmatratze, und eine bängliche Stimme fragte: »O Gott, Mutter, was war denn das?!« Und wie im Märchen antwortete ich, meine eigene, eben überstandene Todesangst, die Lawine möchte uns mitsamt Hütte und Dachseite ins Tal wehen, mutig überwindend: »Das ist der Wind, mein Kind! Das klingt im Gebirge immer so!« Das Zähneklappern von nah und fern hörte während der kurzen Nachtzeit nicht auf; man war froh, als um drei Uhr zum »Wecken« geklopft wurde – eine fast überflüssige Prozedur!
»Glücklicherweise«, sagte der Führer, habe es Neuschnee gegeben. Deshalb wurden wir schon angeseilt, als die Kletterei begann, und die dicken Wollhandschuhe, die ich, die Erfahrene! mitgenommen hatte, kamen hoch zu Ehren. Der Schnee erleichterte aber den Aufstieg bedeutend – in knapp zwei Stunden waren wir auf der Spitze, die so in Nebel gehüllt war, daß wir uns am meteorologischen Turm und der Hauswand entlang fühlen mußten, um den Eingang zum schmutzigsten und verwahrlosesten aller Hüttenräume, die ich je gesehen habe, zu finden. Zudem war er so überfüllt, daß wir nur abwechselnd sitzen konnten; Leute von der Knorrhütte, sowie über Nacht hier oben gebliebene Touristen – vor deren Selbstüberwindung ich die größte Hochachtung hege! –, zahlreiche Führer, denen der Nebenraum zu kalt war, die beiden Wirtschafterinnen, die auf dem winzigen Herd, auf dem zugleich Dutzende von Pantoffeln getrocknet wurden, kochten und brieten, dazu die Luft voll Tabaksqualm und dem Dunst feuchter Kleider – nein, eine Erholung bot der Aufenthalt nicht, noch weniger die Speisen, die nur von den Preisen gewürzt waren. Aber – bald wird ein neues Haus erstehen – hoffentlich wird damit auf dem beliebtesten deutschen Gipfel auch sonst manches anders!
Wir warteten ein paar Stunden – auf Aussicht. Sie kam nicht. Berge, Täler, Ortschaften, Flußläufe – Nähe wie Ferne – alles ließ sich nur ahnen. Man deutete dort hin und sagte: »Da müssen die Stubaier liegen –«, wandte sich und behauptete, in der Richtung nach Partenkirchen zu sehen – es war Jacke wie Hose: Nebel, nichts als Nebel. Stumm saßen wir schließlich vor unserer blauen Emaille-Teekanne.
Da erschien in beschleunigterem Schritt unser Führer mit strahlenden Bergaugen: es hellte sich auf, der Eibsee sei eben aufgetaucht, kein Zweifel mehr, die Nebel verzögen sich und er riete doch nun dringend, da das Wetter so günstig sei, zum Abstieg durchs Höllental, von dem wir ja gestern bereits gesprochen. »Fein!« sagte mein Junge. – Ich aber als Erfahrene ging nach draußen, sah auf Sekunden den Eibsee aus der Tiefe aufschimmern und fand die übrigen Umstände tief verschleiert. Der Führer triumphierte: er habe es immer gesagt, es würde ein glorioser Tag. Dennoch zögerte ich: ob es denn auch ganz sicher sei –? Mein Junge puffte mich; Söhne haben eine besondere Art, ihre Mutter zu puffen: es liegt Aufmunterung und zugleich Verachtung darin. Zudem sagte er spöttisch: »Und Du willst eine Hochtouristin sein –?« Und dann stellten sie mir beide vor, wie amüsant und wie lustig der Abstieg und wie bald wir unten sein würden: in drei Stunden schon durchs Tal! – Ich gab nach. Aber während ich die acht Mark für unser Frühstück bezahlte, fragte man mich von rechts und links, welchen Abstieg ich wählte. Mit der ganzen Überlegenheit der gewiegten Touristin entgegnete ich: »Durchs Höllental.« Allgemeines Schweigen – stille Hochachtung, wie ich annahm. Ein liebenswürdiger Tourist, mit dem ich schon vorher gesprochen, trat auf mich zu und meinte, ich hätte mir doch eine starke Aufgabe gestellt: bei diesen Witterungsverhältnissen. – Lächelnd widersprach ich: der Führer und ich seien ganz überzeugt, daß der Nebel sich verziehen und uns der Abstieg keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde – außerdem wüßte er ja, daß es die erste Hochtour meines Sohnes sei. Daraufhin schwieg der Warner.
Aber als wir angeseilt vom Ostgipfel herabklommen, durch Schnee, der mir bis an die Hüfte reichte – ich war schon zweimal gefallen und wäre ohne das Seil schon zweimal verloren gewesen –, erklang von oben dringendes Rufen. Ich wandte mich, erkannte den Warner und winkte ihm einen Abschiedsgruß zu – verstehen konnte ich kein Wort mehr –. Wir kletterten abwärts; zuerst in dichtem Nebel, der sich ja bald heben mußte. Wirklich, er zerriß ganz plötzlich – und ein furchtbares Gewitter, ganz unerwartet bei der Kälte, setzte mit großer Wucht ein, gerade als wir die ersten, ungemütlichen, vereisten »Stifte«, die quer über ein Stückchen Unendlichkeit führen, erreichten. Wir duckten uns eine halbe Stunde unter einen Felsen, der Blitze wie des schauernden Regens halber. Das Gewitter verzog sich; der Regen blieb, stürzend, unaufhörlich. Beim berühmten »Brett« – einer langen Reihe von Stiften über ein größeres Stück Unendlichkeit, ein zweites Gewitter; der Regen glich Sturzbächen – Wasser stürzte von allen Seiten auf uns herab. Bei der nicht minder berühmten »Leiter« – eisernen Sprossen, die an einer absolut senkrechten, hohen Felswand hinabführen, ein drittes Gewitter; zudem hatte sich gerade zwischen den Sprossen ein Wasserfall gebildet, der sich oben in meinen Kragen ergoß, um an den Knien wieder seinen Ausweg zu suchen. Ich war daher erschöpft und eine Pause willkommen. Sie trat gleich ein: ein tüchtiger Wolkenbruch zwang uns zu kurzer Rast – behaglich war sie nicht! – Der Führer tröstete uns: das Ärgste sei überstanden – jetzt nur noch durch die Höllenklamm! Ihre düstere Romantik war mir nie sympathisch – jetzt aber war sie zu einer wirklichen Hölle geworden! Der Hammersbach in einen reißenden Strom verwandelt, wilde Wasserstürze von rechts und links, den Weg überspülend, die zahlreichen Tunnels vereist, ihr Boden von Bächen benutzt – und diese waren es, die den letzten trokkenen Punkt an uns fanden und von oben in unsere Stiefel rannen – von unten waren sie längst durchweicht. Nach siebenstündiger Wanderung erreichten wir in aufgelöstem Zustand, ohne einen einzigen trockenen Faden am Leibe, das Wirtshaus zur Schmölz. Ich telephonierte nach Garmisch, daß das Automobil halten und uns aufnehmen möge. Die Antwort lautete unsicher: man wisse nicht, ob noch Platz sei. Zähneklappernd warteten wir eine Stunde: nahm der Motorwagen uns nicht auf, so blieb noch eine dreistündige Fahrt – und woher vor allem einen Wagen nehmen? –. Aber das Wunder, an das wir kaum zu hoffen wagten, geschah. Der Chauffeur sah uns zwar mißbilligend an – wir hinterließen auch kleine Seen auf dem roten Leder der Sitze – und nur mein letztes Geld, das ich noch außer den zwölf Mark für die drei Billette besaß, stimmte ihn milder. Unterwegs rechnete ich: in vier Stunden hätten wir über den kürzesten Weg unten sein können; statt dessen waren wir sieben Stunden bei viel anstrengenderem Abstieg unterwegs gewesen, mußten noch zwei Stunden frostdurchschauert im Automobil sitzen und hatten für diese Extravergnügungen dem Führer zehn Kronen mehr und für die Fahrt zwölf Mark zu bezahlen.
Ich sah zum Führer hin: er unterhielt sich treuherzig mit einem Touristen und pries unsere hervorragenden hochtouristischen Befähigungen. Wir aber tranken, endlich zu Hause, zwei Liter Glühwein, »um vorzubeugen!«
Am anderen Tage traf ich den Touristen von der Zugspitze. Er eilte auf mich zu: »Gnädige Frau,« sagte er, als ahne er unser Geschick, »hätten Sie doch nur auf mein Rufen geachtet. Ich hatte nämlich gehört, wie die Führer untereinander lachten und sagten: »Der nimmt die Dame nur da herunter, weil er zehn Kronen mehr bekommt – und die merkt fei' nix!« – Nein, ich hatte nichts bemerkt, ich gab es zu. Sonst hätte ich es vorgezogen, dem »treuherzigen« Führer zehn Kronen zu schenken und den kürzesten Weg zu wählen. Und ich, die Erfahrene, die Erprobte! lernte einsehen, daß man sich zwar gut auf die Fels- und Eistechnik verstehen kann und dennoch nichts von der Technik weiß, mit »treuherzigen« Führern umzugehen.
Das Matterhorn von Ehrwald.
Marschiert oder fährt man von Partenkirchen hinein in den von hohen Bergen umstandenen Kessel von Ehrwald, so fesselt vor allem eine Gipfelgestalt den Blick; wenn auch die übrigen Berge des Wettersteins und der Mieminger Gruppe höher sind, sie werden doch alle durch die wie ein Dolch in den Himmel ragende Sonnenspitze an Kühnheit übertroffen. Durch Gestalt und Lage bildet sie den Augenpunkt des ganzen Bergkranzes, der die liebliche, grüne, mit Lärchenwäldern durchsetzte Talsohle umgibt; nur mit dem Matterhorn oder der Cimone della Pala, freilich in verkleinertem Maßstab, läßt sich die Form der gebietenden Spitze vergleichen. Naturgemäß lockt ihr Gipfel jeden an, der überhaupt Fähigkeit und Ehrgeiz hat, auch noch andere Berge als die auf der Reiseroute liegenden »Aussichtsmuggel« zu besteigen. Dies Vordrängen in die Landschaft drückt förmlich ein »Versuch' es doch 'mal« aus – und tatsächlich ist auch der Gipfel der Sonnenspitze der am meisten besuchte unter den schwierigen in der Nachbarschaft. Allerdings wird auch zu ihm wie zu vielen andern manch Unberufener mit Hilfe des Seils »hinaufgezogen«. »Mehlsacktechnik« nennt sich diese Beförderungsweise, die bei den Führern nicht ganz unbeliebt ist; rechnen sie doch nicht mit Unrecht bei solchen Opfern des alpinen Ehrgeizes, die sich nachher einbilden, mit Hilfe des Führers Ungeheures geleistet zu haben, auf erhöhte Trinkgelder. Der Hochtourist allerdings rümpft über diese alpinen Gepäckstücke verächtlich die Nase; denn das Seil, der unentbehrlichste Freund des Kletterers, soll ihn nur sichern, ihm nur »moralische« Hilfe bieten, nicht aber, wie es bei Ungeübten der Fall, zur einfachen Beförderung durch des Führers Kraft dienen.
Die erste Besteigung der Sonnenspitze vollführte Hermann von Barth, der kühne Gipfelstürmer, im Jahre 1873 vom Sebensee aus, während der noch lange Zeit für unbezwinglich gehaltene Südgrat erst 1897 den Innsbrucker Alpinisten O. Ampferer und W. Hammer erlag.
Wochenlang rief auch uns der Berg seine Mahnung zu; immer und immer wieder rüsteten wir uns, ihr zu folgen. Aber da es in diesem Jahr umgekehrt wie im Sprichwort ging und auf etwas Sonnenschein wieder tagelanger Regen einsetzte, so war's lange ein Katz- und Mausspiel. Bis auch hier die Ausdauer siegen sollte! An einem etwas schwülen Nachmittag brachen wir von Ehrwald aus auf, mit Rucksack und Pickel, und beschlossen, da wir natürlich den Berg »traversieren« wollten, zur Hütte der Sektion Koburg aufzusteigen und dort zu übernachten. Der nächste Weg ist der beste – also wählten wir den über den »Hohen Gang«, der, nachdem man zuerst steil über sumpfige Matten und dann durch schattenspendenden Wald gewandert ist, an steiler Felswand emporführt. Nach gut zwei Stunden erreicht man den höchsten Punkt der Talstufe; gleichzeitig mit uns stieg ein Sohn Ganghofers, begleitet vom Jäger und einem »Bua«, zur abendlichen Gamspirsch empor. Ganghofer gehören dort weit und breit alle Jagden. Noch ein paar Minuten – und, dem Blick anfangs durch einen Lärchenwald verborgen, breitet sich das Oval des Sebensees aus, dessen grünblaues Wasser an Klarheit und Köstlichkeit der Farbe mit dem des Achensees wetteifern kann. Jenseits erhebt sich, auf bequem angelegten Serpentinen in einer halben Stunde zu erreichen, die Koburger Hütte, einen grünen Hang krönend; die Aussicht, die sie über den Sebensee wie über den in ihrem Rücken gelegenen blauschwarzen Drachensee bietet, ist einzig schön. Und doch wurde der Genuß durch die unruhvolle Frage getrübt: »Wird das Wetter halten – oder ist es auch morgen wieder nichts?!« Der Wetterstein lag wie immer von leichten Wolken umhüllt da; und das Barometer fiel sanft – beides untrügliche Zeichen in andern Jahren, aber heuer ohne Gewähr! »Heuer« bewies auch zum Glück diesmal seine Launenhaftigkeit: ein ganz wundervoller Morgen war uns beschieden, als wir in aller Frühe zur Ersteigung des »Südgrats« aufbrachen: rosige Wolken als Folie der Gipfel, und der Schnee an den Hängen leuchtend unter den ersten Sonnenstrahlen. Also guten Muts vorwärts! Mit der Gewißheit, seine Mühen belohnt zu sehen und droben eine klare Aussicht zu finden, klettert sich's nochmal so leicht.
Das eklige Geröll wurde in kurzer Zeit überwunden, ebenso die steilen Grashänge. Und nun nimmt mich der Führer barmherzig ans Seil, denn die eigentliche Kletterei beginnt. Zwar macht mein Hochtourist einige höhnische Bemerkungen darüber – ich nehme an, weil er um die Ehre kommt, mich selbst ans Seil zu nehmen! –; aber da er mich auf meine Bitten hin photographieren soll – Frauen können ja nie genug Bilder von sich bekommen! –, so vertraue ich mich lieber meinem Führer an, als allein auf die eigene Geschicklichkeit zu rechnen. Denn ohne nach dem Maßstab der modernen Klettertechnik gerade sehr schwierig zu sein, verlangt dieser Aufstieg über den Südgrat dennoch größte Aufmerksamkeit. Steile Kamine wechseln mit griffarmen, exponierten Felsbändern ab, und ein Ausgleiten würde an den haltlos »plattigen« Abstürzen, mehrere hundert Meter in die Tiefe, den sicheren Tod zur Folge haben. Aber bei allem Ernst – oder besser gesagt: aller Schwierigkeit der Situation, fehlt auch das heitere Moment nicht. Der Unangeseilte und der Führer sind einen Kamin hinangeklettert; ich kann sie beide nicht mehr sehen. Sobald sie oben einen sicheren Standpunkt erreicht haben, wird mir zugerufen, ihnen zu folgen. Die Stufen sind durchschnittlich für längere Beine berechnet als für meine, mit aller Kraft muß ich mich hinaufwinden – von oben wird mein Zögern mißverstanden: das Seil zerrt mich in die Höhe, fort aus der eben erreichten Stellung. Ich rufe: »Nicht ziehen!« – aber Tiroler und norddeutscher Dialekt scheinen auch für die einfachsten Dinge entgegengesetzte Ausdrücke zu gebrauchen: mit aller Wucht wird weitergezogen, ich bin in dem engen Schacht eingeklemmt und zapple in der Luft mit beiden Füßen. Ich bin nur froh, daß der Photograph diese »vorteilhafte« Pose nicht erwischt hat – keinenfalls hätte er sie mir geschenkt! Ein anderes Mal dagegen, da ich über grausiger Tiefe nur so auf den Zehenspitzen schwanke, ruft er gemütvoll: »Einen Augenblick halt, wenn ich bitten darf! Und nicht so sorgenvoll aussehen!« Was denn doch eine starke Zumutung ist. – Ganz plötzlich, viel eher, als man bei der allmählichen Ermattung zu hoffen wagt, ist man oben. Die Tatsache wird durch ein befreiendes »Ah!« ausgelöst – denn den Bergsteiger, selbst den enragiertesten, der schließlich nicht froh wäre, das Ziel erreicht zu haben, gibt's noch nicht. Mehr noch als vor alle anderen Erfolge haben die Götter vors Bergsteigen den Schweiß gesetzt! Wie köstlich ist es dann, sich am Gipfel zu sonnen, in aller Ruhe die wunderbare Aussicht auf die benachbarten Riesen und in die warmdurchleuchteten Täler zu genießen – und endlich an Kräftigem zu frühstücken, was der Futtersack enthält: Speck und derbes Brot, Limonade aus der Aluminiumflasche, zum Schluß die »Gipfelzigarre und -zigarette«! Alle Mühsal ist binnen kurzem vergessen, man hat ganz das Gefühl eines Siegers; die Erde mit ihren Nöten und kleinlichen Sorgen verschwindet – der große Friede, die köstliche Einsamkeit hier oben stempeln diese Stunde zu einer glücklichen und heiligen. Bis andere Partien nachrücken, denen man den beengten Platz einräumt. – Man rüstet sich von neuem, ich werde wieder ans Seil genommen; aber nun, beim Abwärtssteigen, bilde ich die Tete. Hinüber geht's zuerst zu dem nur etwa 50 m entfernten und um ein paar Meter niedrigeren Nordgipfel, zu dem ein äußerst exponierter Grat führt, der sich an einer Stelle so einschnürt, daß man zum »Reitsitz« gezwungen wird. Die Beine baumeln dabei nach beiden Seiten über den viele hundert Meter tiefen Abgrund – für leicht von Schwindel befallene Menschen keine empfehlenswerte Stellung! Sonst ist der Abstieg auf der Nordseite technisch bedeutend leichter als über den Südgrat, im oberen Teil jedoch über geröllbedeckte Platten, sehr steile Schroffen und Grasbänder führend, so daß immerhin größte Aufmerksamkeit erforderlich ist.
Zum Schluß geht's durch einige Geröllrinnen, für die ich eine besondere Vorliebe besitze!
So sicher ich auch im Fels und beim Klettern bin, die heimtückische Nachgiebigkeit des losen Schuttes habe ich immer noch nicht gelernt genügend auszunützen. Der Hochtourist dagegen erklärt mir, während er in großen Sprüngen durch das Geröll hinabsetzt, des Rätsels einfache Lösung bestände darin, schon wieder auf dem anderen Fuß zu stehen, wenn der Schutt gerade unter dem einen nachgäbe, so daß man mit dem beweglichen Geröll fortwährend in Bewegung sei und gleichsam »mitfließe«, wie er sich euphemistisch ausdrückt.
Ich sehe vollständig ein, daß auch dies für Leute, die es können, sehr leicht sein muß – ich dagegen, die ich noch nicht diese Geistesgegenwart der unteren Extremitäten erlangt habe, nehme mehrmals »fließend« Platz.
»Solch ein Moment war's –« und mein Hochtourist, der sich aufgestellt hatte, um den gerade sehr wirksam beleuchteten Tejakopf aufzunehmen, drehte sich flugs um und eignete sich, meiner hilflosen Empörung zum Trotz, meine »fließende« Lage auf den spitzigen Steinen an. Sobald man wieder ins Tiefland kommt, werden eben die Charaktere wieder schlechter!
Endlich werde ich »abgeknüpft«. – Man bemerkt sarkastisch, daß doch zu hoffen wäre, ich könne die steilen Wiesen ohne Katastrophe überstehen! Darauf verschmähe ich jede Antwort – und sitze gleich darauf wie festgeklebt und etwas schmerzhaft auf der klitschigen, von Wurzeln durchzogenen Erde eines »Latschengassels«.
Als sich der Hochtourist umdreht, habe ich die Hand voll braunköpfiger, nach Vanille duftender Brunellen, und erkläre in stoischer Ruhe, daß ich meine Sträuße immer sitzend zusammenstelle. – Er ist geschlagen! –
Drunten am Sebensee, dicht neben der Jagdhütte von Ganghofer, gibt's noch eine letzte Rast, wo dann der letzte Proviant großmütig verteilt wird. Rückwärts, voll Befriedigung, wandert der Blick dabei zur Sonnenspitze hinauf – von hier aus erscheint sie als ein breites, doppelt gegipfeltes Massiv.
Da oben war man – ist's zu glauben?!
»Um ganz alpin zu reden,« unterbricht der Hochtourist die stumme Selbstbewunderung, die wohl aus meinen Zügen spricht, »müssen Sie sagen: ich habe ihr den Fuß auf den stolzen Nacken gesetzt!«
Ich betrachte meine Füße in den derben Nagelschuhen, ohne mich auf das Symbolische dieser Ausdrucksweise einzulassen, und nachträglich noch überkommt mich eine fromme Scheu, daß ich es wirklich gewagt habe –!
Aber ich weiß auch, daß sie bald vergeht, und daß, wenn ein anderer Kletterberg lockt, es mich unwiderstehlich »auf seinen stolzen Nacken« ziehen wird.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich dann auch das »Mitfließen« besser kann.
Quer durch die Lechtaler Alpen.
Auf allen Gebieten des Lebens haben sich die Ansprüche gesteigert – je mehr Freunde und Anhänger die Touristik und die Bergbesteigung im Laufe der Jahre gewonnen haben, um so größer sind auch die Anforderungen an Bequemlichkeit geworden. Früher war man zufrieden, wenn sich eine anständige Alm fand, auf der man vor Besteigung eines Hochgipfels übernachten konnte; dann kamen die Unterkunftshütten des Deutschen und Österreichischen Alpen-Vereins, die allmählich, wenigstens die besuchteren, sich hotelmäßig gestalteten und mit zuführenden Wegen angelegt waren. Aber auch das genügte bald nicht mehr: die neueste Errungenschaft auf dem Gebiete der »Erschließung der Alpen« sind die »Höhenwege«. Sie führen über die Joche und ermöglichen die Begehung steilgefurchter, zerrissener Felsflanken und zerhackter Grate, dadurch in Tagemärschen Wanderungen von einer Hütte zur anderen gestattend, ohne daß man ins Tal hinabsteigen müßte. Gipfelstürmer können dabei immer noch einen oder den anderen Gipfel »mitnehmen«. Freilich sind diese Höhenwege nicht ganz so angelegt, wie mancher Anfänger es sich vorstellt: nämlich, daß solch ein Weg immer eben und stets den Gratlinien folgend dahinginge, nein, es bleibt auch hier noch immer nötig, öfters auf und ab zu steigen, da ein Tal hoch oben in seinem Ursprung zu queren, dort einen Sattel zu erklimmen und dergleichen. In Summa ist die Höhendifferenz, die man nach auf- und abwärts zurückgelegt hat, mindestens so groß wie bei einer Gipfeltour. Der besondere Reiz, den diese Höhenwege bieten, ist, daß sie es ermöglichen, von Hütte zu Hütte wandernd, nie unter etwa 2000 m herabsteigen zu müssen, ferner die fortwährend wechselnden Szenerien, auf die sie Ausblick gewähren. Merkwürdigerweise ist das am rationellsten durch Höhenwege erschlossene Gebiet der Alpen das der »Lechtaler Alpen«, jener bis vor wenig Jahren, mit Ausnahme der Parseierspitze, gänzlich vernachlässigten Gruppe, wenn sie auch den mit alpiner Literatur vertrauten Hochtouristen durch die Arbeiten Spiehlers, Uhde-Bernays usw. bekannt war; die Allgemeinheit wußte nichts von ihr. Diese schönen Berge, im Süden durch die Rosanna und den Arlberg, im Westen durch den Flexenpaß, im Norden vom Lech, im Osten durch den Fernpaß begrenzt, sind auch jetzt noch, trotz der prächtigen Höhenwege, ein vom großen Touristenstrom ziemlich unberührtes Gebiet. Glücklicherweise! Denn dort trifft man keinen alpinen Modebummler, sondern nur wahre Bergsteiger und Naturfreunde. Wir sind auf vieltägiger Wanderung nur ein paar Leuten, vier oder fünf, begegnet; auch die Hütten waren trotz der Hochsaison nur sehr mäßig besetzt. Und doch zeichnen sich die Gipfel dieser Gruppe durch größte Formschönheit aus; der ganze ernste Charakter wird erhöht durch die wilden Hochkare, in denen häufig tiefgrüne Seen eingebettet sind, und durch zerrissene Couloirs, in denen noch der Schnee haftet. Dazu sind in diesem Jahr die Kalkalpen, die sonst um diese Zeit schon »tot« zu sein pflegen, besonders belebt infolge des langen Schnees; überall rauschen Wasserfälle, immer neue, lustige Bäche überströmen den Pfad – und die Flora ist von einem Reichtum, wie ich sie noch in keinem Gebiet der Alpen getroffen habe. Die Hänge sind noch rot von Alpenrosen – ganz oben sind sie noch in Knospen – Seidelbast und wilder Thymian entsenden ihre Düfte zusammen mit eben erblühten Schlüsselblumen, gelben Veilchen, Anemonen, Enzianen aller Farben und Größen, dazu zarteste Glockenblumen, Stiefmütterchen von dunklem Lila, Vergißmeinnicht, kräftig wie kleine Bäume, Moose in den verschiedensten Schattierungen und Feinheiten, Löwenzahn und Sumpfdotterblumen – von den monumentalen Schönheiten des Panoramas kehrt das Auge immer wieder zu den lieblichen, vollendeten Gebilden in nächster Nähe zwischen dem Gestein oder auf dem Wiesengrund zurück! Eine wunderbare, stille Welt dort oben, die gewiß manchem höchste Wonne bringen würde – trüge ihn sein Fuß in die Einsamkeit!
Am bequemsten bricht man in dies Gebiet von der Bahnstation Pians an der Arlbergbahn ein. In vier Stunden führt ein guter Weg über Grins, dem einstigen Sommeraufenthalt der berühmten und berüchtigten Margarete Maultasch, das noch alte, außerordentlich interessante Häuser aufweist, bis zur Augsburger Hütte, die den Ausgangspunkt für die Besteigung der Parseierspitze, »der Königin der nördlichen Kalkalpen«, bildet. Die Parseierspitze ist der einzige Gipfel der nördlichen Kalkalpen, der die Höhe von 3000 m erreicht. Von der Hütte führt eine erst vor kurzem eröffnete kühne Weganlage, an der mehrere Jahre gearbeitet wurde, über ewigen Firn und schroffe, wildzerfurchte Felshänge in achtstündiger Wanderung zur Ansbacher Hütte. Der Weg übersteigt den 2972 m hohen Dawinkopf, der eine wundervolle Aussicht auf die Lechtaler Alpen und die firnbelastete Kette der Zentralalpen, von der Silvretta bis zu den Ötztaler Alpen, gewährt, bei stetig wechselnden Detailszenerien der nächsten Umgebung; aber das Grundmotiv bleibt immer der herrlich weite Blick während der ganzen langen Wanderung. Freilich ist es kein »Weg« im Sinne von Gebirgsbummlern; es gehört schon Ausdauer und ein gewisses alpines Können dazu, um ihn mit Führer zu begehen. Wer ihn führerlos machen will, muß trotz der zahlreichen Drahtseile und sonstigen Versicherungen schon eine ziemliche Gewandtheit und Erfahrung auf Fels und Schnee besitzen. Von der Ansbacher Hütte, von der aus man noch die in dreiviertel Stunden leicht zu erreichende Samspitze mitnehmen kann, geht's in sechs Stunden zur Memminger Hütte am Seebisee, wobei man das Flauschjoch, das Winterjöchl und die Grinslscharte zu überwinden hat – eine besondere Anforderung an Willen und Lust am Steigen: denn ist man eben glücklich oben, so sieht man schon wieder, wo man von neuem hinunter und jenseits abermals in die Höhe klimmen muß! Auch einen »Nachmittagsberg« kann man sich von der Hütte aus noch erlauben, den Seekogel, auf den man in einer halben Stunde gemütlich nach absolviertem Mittagsschlaf hinaufspaziert. Weiter zur Hanauer Hütte in acht Stunden, und über vier »Jöcher«! Und vor der letzten Scharte, nach siebenstündigem Auf und Ab noch ein Berg, das ist freilich bitter! Aber die Kofelseespitz (2674 m) oberhalb des noch mit Eis bedeckten Kofelsees entschädigt für die Anstrengung durch eine wundervolle Aussicht auf den östlichen Teil der Lechtaler, namentlich auf ihr wildestes Gebiet: das Parzinn.
Dann geht's steil hinab zur Hanauer Hütte, die im Herzen des Parzinn, einem durch kühngestaltete Gipfel gebildeten Zirkus, ganz in Latschen auf einem Vorsprung gebettet liegt. Nur ein schmaler Ausweg nach Norden zum Lechtal hinunter eröffnet sich vom Parzinn. Die vor etwa 15 Jahren eröffnete Hütte ermöglichte es erst, in diesem schönsten und abgelegensten Teil der Lechtaler Alpen Touren zu machen; namentlich reizt die im Augenpunkt des Hüttenpanoramas gelegene ebenmäßige Pyramide der Dremelspitze, die, lange als unersteiglich gehalten, als letzter Gipfel sich dem Nagelschuh der Hochtouristen beugen mußte. Die Innsbrucker Alpinisten Dr. Ampferer und Hammer bestiegen als erste die stolze Zinne 1896 in achtstündigem Ringen – später fand der ungeßliche Purtscheller einen etwas verwickelten, aber kurzen und verhältnismäßig unschwierigen Aufstieg, so daß man den Gipfel jetzt bequem in etwa dreieinhalb Stunden erreichen kann. Noch stehen ein paar die Route markierende »Steinmandl«, die Purtscheller selbst aufgerichtet hat. Nun am nächsten Tag übers Galtseitjoch, dann tief hinab und wieder hinauf in fünf Stunden auf den Muttekopf, den berühmten Aussichtsberg, der vielleicht die malerischsten Kontraste von seiner Höhe bietet: einen Rundblick über die Kalkberge, die Zentralalpen, dazwischen romantische Talansichten: den Kessel von Imst, das Inntal mit den einmündenden Pilz- und Ötztälern – kurzum, ein großartiges Panorama! Die Muttekopfhütte, in fünfviertel Stunden erreicht, bietet eine willkommene Verpflegstation – nun herunter nach Imst in drei Stunden! Der Fuß eilt – man drängt förmlich nach dem Stall – denn unten, im altbekannten Hotel zur Post, wartet der Koffer mit frischer Wäsche, wartet ein gutes Bett, Badegelegenheit und – frisches Fleisch! Welch ein Labsal nach sechstägiger Konservennahrung! Und so begrüßt man mit tausend Freuden alle die zur äußeren Kultur gehörenden angenehmen Dinge, vor denen man sich in die Berge flüchtete, um sie dann wieder um so intensiver zu genießen!
Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz.
»Grüß Gott, Herr Kronprinz,« sagte der Hirte treuherzig, der mich eben über Stand und Vermehrung seiner graubraunen Kuhherde unterrichtet hatte, und zog nach seiner Meinung sicherlich höchst devot die Mütze. Ich aber hoffte, daß »Kronprinzens« – denn sie waren es wirklich und ich in ihrem Jagdrevier – keinen Sinn für die Misere des Alltags haben. Denn die kriegt uns unter – mag man noch so korrekt und vorschriftsmäßig ausgerückt sein –, wenn man nacheinander eine Reihe von Hochtouren gemacht hat und seinen äußeren Menschen inzwischen nur mit den Schätzen aus dem Rucksack und den Toilettenmöglichkeiten der »Hütten« restaurieren konnte. »Kronprinzens« – jung und schön beide wie der Lenz – zogen an der Spitze ihrer Jagdgesellschaft vorüber; und ich sah am heißen Hochsommertag auf meine schweren Stiefel nieder, zog die am Felsen zerrissenen Spitzen meiner Handschuhe in nachträglicher Scham über die Fingernägel und dachte befriedigt, daß wenigstens das Riesendreieck, das ich mir »am Sitz«, als mir der nächste Tritt zu weit entfernt war und ich ihn eben liegend erreichen mußte, zugelegt hatte, unter dem im Tal wieder umgeknöpften weiblichen Attribut, dem Rock, verborgen sei. Aber wo gefällt wird, da fliegen Späne – wer sich in »die Unwirtlichkeit der Berge« begibt, wie die Poeten am Schreibtisch sagen, muß sich ihren Widerstand gegen unsere Eigenmächtigkeit gefallen lassen. Zum Schluß siegen wir – zwar mit zerzausten Federn – aber wir siegen! Und so ein Berg, zu dem man aufblickend sagen kann: »Da oben war ich einmal und sah vom Gipfel in die Lande« – zu dem behält man sein Leben lang ein verwandtschaftliches Gefühl.
Diesmal sind wir von Oberstdorf im Algäu aus gewandert; wie man weiß und ich mit Bedauern ersah: ein geschätzter Sommeraufenthalt. Mir sind solche Orte furchtbar; und für die Maskerade der Städter, die sich als »Deandl'n« und »Buam« kleiden und gebärden, fehlt mir der Sinn. Ein recht heißer Weg führt zum Freiberger See hinauf, in dessen schönem, klarem Wasser sich von dem etwas höher gelegenen Wirtshaus aus jede Bewegung der buntfarbigen Frösche – nein, Schwimmer und Schwimmerinnen – verfolgen ließ. Und versöhnend war am Abend die allgemeine Mahlzeit auf dem kleinen Marktplatz, vom Mondlicht überflutet und zur Seite von der stillen Kirche begrenzt – ein hübsches, idyllisches Kleinstadtbild! Wohin ich ginge? frug ein Bekannter. In die Lechtaler; näheres wußte ich noch nicht. Das ist sehr glaubhaft. Denn niemand macht sich ein festeres Programm als der Bergsteiger. Aber auch kein anderer Reisender ist so geneigt wie er, dem Kollegen auf Nägeln so viel gute Ratschläge zu geben und ihm in seine Pläne dreinzureden. »Von dort aus wollen Sie gehen? – Ach, da würde ich Ihnen doch vorschlagen, über den und den Paß und lieber von der und der Hütte aus.« – »Danke schön, ich weiß alles. Ich war nämlich schon im vorigen Jahr dort – auf der ›drübern‹ Seite der Lechtaler. Nachzulesen im ›Tag‹«. – »So, Sie wissen? – Dann freilich« –
Ich nicke – der Hochtourist hatte sich während dieses Gesprächs in abweisendes Schweigen gehüllt – greife nach Rucksack und Pickel und entsteige dem Postwagen, der uns die staubige Landstraße entlang geführt hat bis nach Spielmannsau. Landstraßen sind mir ebenso zuwider wie beliebte Badeorte. Und während die Mitpassagiere sich beim Kaffee von der Fahrt erholen, beginnen wir bei 30 Grad im Schatten den sonnigen Anstieg zur Kemptner Hütte. Mir ist in diesen wärmlichen Nachmittagsstunden, unter der Last meiner beweglichen Habe seufzend, eingefallen, daß Dante heutzutage eine andere Wahl für seine Fegefeuerstrafen treffen müßte; den Bergsteiger z. B., der dafür bestraft werden soll, daß er Steine auf seine Mitmenschen abgelassen hat, müßte man ewig der Hütte zuwandern lassen – etwas Bittereres kann es für ihn kaum geben! Und diese hat noch eine besondere Überraschung für den lieben Wanderer bereit: hofft man sie nach drei »steilen« Stunden nun vor sich zu haben, wenn man die Felsen verläßt, so liegt sie rechter Hand noch ein paar hundert Meter höher auf einem Graskopf! Auch einen Zweikampf hatten wir dort abends noch auszufechten: um 8½ Uhr – für eine Hütte also zu nachtschlafender Zeit – tauchte der Hüttenwart aus Kempten auf und verlangte, daß die Dame, der man das Sektionszimmer eingeräumt habe – das war ich! – sofort auszöge und sich zu den Dienstmädchen in die Kammer verfüge. Aber wozu ist das Recht da, wenn es sich nicht durchsetzen läßt? Ein Hüttenwart ist abends um 8½ Uhr auch nur ein gewöhnlicher Tourist, falls er sich ein Zimmer nicht reservieren läßt; ich parierte seine Ungastlichkeit mit eiserner Stirn; was ihm aber der Hochtourist sagte, davon will ich lieber schweigen.
Am nächsten Morgen vorwärts auf dem berühmten »Heilbronner Weg«. Er führt hart an der Mädelesgabel vorbei, auf der jeder Tourist im Algäu, der etwas auf sich hält, gewesen sein muß; wir überließen sie gutwillig der ungezählten Schar dieser Pflichtgetreuen, wanderten den Gletscher weiter aufwärts und turnten vorsichtig in die Felsen der Hochfrottspitz (2649 m) hinein. Sie bietet eine recht amüsante Kletterei – für mich das Schönste von allem Bergsteigen! – und oben herrschte köstliche Ruhe und Einsamkeit, im Gegensatz zum Gipfel der Mädelesgabel, von dem es lärmte, johlte und schrie – eine besondere Art der Kundgebung von Naturfreude, die dem Deutschen im Blute zu liegen scheint. Der Heilbronner Weg geleitet noch direkt über den Bockkarkopf (2608 m) und die Steinkarspitz (2653 m), gewährt also unter sehr hübschen Gratwanderungen den Ehrgeizigen einige Gipfel gratis. Man steigt zur Rappenseehütte ab, die ebenso wie die Kemptner Hütte der durch den Höhenweg ungeheuer angewachsenen Frequenz durchaus nicht mehr genügt. Ein gewaltiges Zelt, in dem trotz Sturm und Regen dreißig Personen Schutz suchen mußten, hilft nur wenig aus dem Dilemma; auch der Heuboden war ausverkauft. Die Bauern, denen das umliegende Areal gehört, verlangen jedoch solche Großstadtpreise für jeden Fuß Land, daß der geplante Um- und Neubau der Hütte schon seit Jahren verschoben werden mußte. Ja, die treuherzigen Bauern! In diesem Jahr geht's ihnen ohnehin gut – im Algäu brachten sie das dritte, prachtvolle Heu ein und gestanden zu, daß sie wohl seit hundert Jahren keine so gute Ernte gehabt hätten. – Wieder ganz einsam – denn die beliebten Berge dieser Gegend sind das Hohe Licht und der Rappenseekopf – zogen wir am anderen Morgen zum Biberkopf (2600 m) hinauf, gut drei Stunden von der Hütte aus. Ein merkwürdiger Berg: von einer Seite in schauerlichen, unüberwindlichen Platten aufgetürmt, von der anderen Seite in abgeschieferter Rinne bis zum Gipfel natürliche Stufen zum Klettern bietend. Oben, kaum genoß ich die Aussicht, erreichte uns ein Gewittersturm und trieb uns Hals über Kopf zur »Gufel« hinunter, einer schutzbietenden Höhle, zwanzig Minuten unterm Gipfel. Dort saßen wir klappernd und klatschnaß, bis die liebe Sonne uns befreite und das Geschäft des Auftrocknens während des Abstieges übernahm. Über Lechleiten ging's dann in glühender Mittagshitze am steilen Hang entlang in das hohe, öde Tal von Hochkrumbach, also in den Bregenzer Wald hinein, der sich wenigstens hier durch absolute Abwesenheit des Waldes auszeichnet. Der »Widderstein« (2536 m), von dem aus sich der Bodensee überschauen läßt, und der vom Wirtshaus aus so ein rechter Nachmittagsberg ist, versöhnt mit der beklemmenden Einöde des Tals. Aber ich war doch froh, nach einem halben Regen- und Rasttag abwärts über Schröcken, der »Perle des Bregenzer Waldes«, wandern und über den Schadona-Paß die allerliebste, neue Biberacher Hütte erreichen zu können. Ringsum ist alles Jagdrevier des Kronprinzen; als Aufenthalt dient ihm und seiner Familie das hübsche, kleine Jagdschloß in Hopfreben. Fast überall im Bregenzer Wald, allerdings in jedem Tal etwas anders, tragen die Frauen noch die alte Tracht. Die Kleider sind von oben bis unten in ganz feine Falten gelegt, »plissiert« würde man auf deutsch sagen, die Röcke in Kniehöhe mit einem ganz schmalen, hellblauen Streifen besetzt. Um Hals und Nacken geht eine reiche Silberstickerei, die Ärmel sind je nach Gelegenheit aus Seide, Wolle oder Kattun und von beliebiger Farbe. Die früher stets benutzte Pelzhaube wird jetzt im Sommer durch einen einfachen Strohhut mit Bandschleife, der aber einheitlich getragen wird, ersetzt; nur bei Prozessionen schmücken sich die Mädchen mit dem »Schäpeli«, einer flachen Goldkrone. Angelika Kauffmann, deren Vater aus Schwarzenberg stammte, und die hier nur ein Jahr als Mädchen verbrachte, bewahrte dem Lande größte Anhänglichkeit. Ihrer Jugendarbeit – sie malte die Seitenwände der Schwarzenberger Kirche aus – ließ sie später als Geschenk das schöne Hochaltarblatt folgen, obgleich, wie sie selbst sagte, ihr die Kraft fehlte, Gott-Vater so darzustellen, wie er in ihrem Herzen wohne. – Ich fand am herrlichsten vom Land das Große Walsertal. Eine befriedigende Expedition unternahmen wir vorher, von der Biberacher Hütte aus über das Fürkeln zur Braunarlspitz (2651 m), deren mächtiges Massiv uns schon lange lockte, und die eine der gewaltigsten Hochgipfel des Bregenzer Waldes ist. Eine herrliche Rundsicht belohnt für die Anstrengung, während die Hochkinzelspitze (2307 m), von der Hütte aus bequem in knapp zwei Stunden zu erreichen, hübsche Blicke in die nahen Täler gewährt. So, nachdem wir von allen Seiten ins Algäu und in den Bregenzer Wald geschaut hatten, wollten wir durch das Große Walsertal, über Buchboden und das entzückend gelegene, freundliche Sonntag absteigend, die Ebene zurückgewinnen. Aber schon in Garsella ging mir nach vielstündigem Marsch der Atem aus – und wir vertrauten uns einem kleinen Einspänner an. Denn wer in den Bergen denkt, bergab sei bergab, der irrt sich sehr; auch diese Landstraße stieg weiter und weiter empor, all die verstreuten Dörfer berührend, die sich auf den Terrassen der sehr steilen Talwände angesiedelt haben. Man hielt es für ausgeschlossen, daß man je ins Tal kommen würde, so tief unter uns rauschte das Wasser des wilden Lutzbaches. Endlich, nach zweistündiger Fahrt, geht es in steilen Serpentinen hinab, dem Örtchen Thüringen zu. Seit einer Woche wieder ein Postwagen – zivilisierte Menschen oder solche, die es sein wollen – ein Auto – Fabriken – die Bahn – – kleinlaut steigt man ein und fährt für 20 Heller – gottlob ist der erste Anspruch der Zivilisation an die Börse nicht groß! – bis Bludenz. Hier, in dem alten Städtchen, dessen Burg Hermann von Gilm, der bedeutendste Lyriker Tirols, entstammte, wartet man, bis sich der Himmel wieder klärt und das Fleisch so willig ist wie der Geist zu neuen Eskapaden in die Einöde – zu neuen, herrlichen Genüssen in der Bergwelt!
Vom Königspaar des Rhätikon.
Nicht des Reiters, aber des Reisenden »über den Bodensee« Auge wird am meisten gefesselt von der schneeschimmernden Scesaplana, dem höchsten Gipfel (2967 m) des Rhätikons, dieses zwischen Ill-Rhein-Gargellental und dem Prätigau aufragenden Gebirgsstocks, der sich durch die Formschönheit und Mannigfaltigkeit seiner Gipfel unter allen Gruppen der nördlichen Kalkalpen besonders auszeichnet. Die Königin dieser Kette ist die Scesaplana, um deren Schultern sich ein schimmernder Firnmantel als Hermelin schmiegt. Durch Weganlagen ist ihre Besteigung erleichtert, und ihr Gipfel, der eins der schönsten Panoramen der gesamten Alpen bietet, ist das Ziel Tausender von Bergsteigern, die je nach ihrer Befähigung leichtere oder minder leichte Aufstiege suchen. Ist hier der Preis der Besteigung die unvergleichliche Aussicht, so lockt den Hochtouristen die »Zimbaspitze« (2645 m), von den Einheimischen nur »Der Zimba« genannt, die kühnste und trotzigste Felszinne des Rhätikons; und ist die Scesaplana die liebenswürdige Königin, die den Gast entgegenkommend zu den Schönheiten der Hochalpen führt, so ist »Der Zimba« ein ablehnender Fürst, und viele, die sich an seinen Wänden und Graten versuchen, treffen bei ihm auf schroffe Zurückweisung!
Naturgemäß mußten unter den zahlreichen Gipfeln des Rhätikons diese beiden Hochzinnen unser Ziel bilden. Die »Wir« waren für »Den Zimba«, mein Hochtourist (den ich großmütigerweise mitnahm!), ein junger Führer und ich. Bei gewaltiger Hitze stiegen wir in drei Stunden von Bludenz über Bürserberg zur Sarotlahütte empor. Ich kann nicht sagen, daß ich die überaus primitiven Hütten wie diese, die nur ein Matratzenlager in einem allgemeinen Schlafraum bieten, besonders liebe; schon weil es ja keine Möglichkeit gibt, »Toilette« zu machen. Aber nach all den von bessern Spaziergängern überlaufenen Hütten der letzten Zeit war es direkt wohltuend, sich unter Leuten, die es ernst meinten und ihre ganze Expedition nicht bitter bereuten, wenn es kein »Bier vom Faß« gab, zu befinden. Jede weltliche Torheit, wie Bier überhaupt, lag dem einfachen Senn dort oben fern. Milch von seiner Kuh offerierte er und Eier konnte man haben, aus denen ich fürs Allgemeinwohl in einem schwarzgeräucherten Tiegel eine wunderbare Speise herstellte; und dann schliefen wir, zwei andere Partien, auch jede zu zwei Personen, auf dem Matratzenlager, auf dem nur das Gewissen weich war, in einer Reihe – der junge Führer als Paravent zwischen mir und den übrigen! Freilich, das Einschlafen ging nicht schnell, das pflegt auf Hütten so zu sein; und neben mir durchs Fenster funkelten die Sterne – und die andern beiden Partien hatten »große Sprüch'« geredet: wie schwer es sei – und wie unbequem eine Dame –, denn wegen Steinfalls müßte man größte Rücksicht auf einander nehmen! Wenn ich nun diese Probe auf Trittsicherheit usw. nicht bestand? Etwas zaghaft war mir zumute, und jedenfalls erleichterte es mich, daß wir am nächsten Morgen die Ersten fertig zum Aufbruch waren: so wie der Mensch nun einmal ist, mag man lieber der Schuldige sein am Steinfall (wenn es nun doch mal sein muß!) als der Unschuldige, den sie am Kopf treffen! Unsere Rucksäcke ließen wir, um beim Klettern nicht behindert zu sein, vom Sennen zum Zimbajoch hinauftragen, wo wir sie beim Abstieg aufnehmen wollten: länger als 5 bis 5½ Stunden rechneten wir nicht, da wir bei unserer »Fähigkeit« den Baedeker wie den Purtscheller in ihren Zeitangaben gewöhnlich schlagen.
Im gemessenen Schritt »Echter« begannen wir um halb fünf Uhr morgens den Aufstieg über sehr steile Gras- und Schutthalden – Fuß vor Fuß, ohne Pause, zwei Stunden lang, bis zum Einstieg in die Felsen. Hier nun wurde von dem jungen Führer mit großer Vehemenz der moralische Halt, das Seil, um die Stelle meines Körpers geschlungen, wo sonst die Taille sitzt; zugleich begann die erste Kontroverse zwischen ihm und dem Hochtouristen, der auf Grund seiner »literarischen Kenntnisse« einen andern als den vom Führer bezeichneten Weg einschlagen wollte. Doch da der Führer versicherte, in diesem Jahr schon mehrmals oben gewesen zu sein und »diese neue, leichtere Route« genau zu kennen, so gaben wir nach – leider! Denn das Resultat dieser »neuen, leichteren Route« war vollständiges Versteigen, wobei sehr schwierige und gefährliche Platten- und Traversierstellen zu bewältigen waren. Und dann überhaupt: dieser Berg! Er ist das Niederträchtigste, was man sich denken kann – »treu und fest wie ein Fels« ist ein Hohn auf ihn. Ich klettere gewiß gern, aber ich bin für Zuverlässigkeit im Leben. Bietet »Der Zimba« jedoch einen Griff – fast nur mit Grasbüscheln locker besetzte Steine – so rutscht einem plötzlich der halbe Berg entgegen – und bildet man sich ein, man hätte einen sichern Tritt, so kommt unterm Fuß sofort die ganze Wand ins Wanken. Alles ist brüchig, und dabei eine Steilheit, die oft peinlich wirkt! Bei der ersten, sehr schweren Plattenstelle stürzte der Führer beinahe ab – ich kann nicht behaupten, daß dies mein ohnehin schon sehr ins Wanken geratenes Vertrauen zu ihm erhöhte; denn auch von der Seiltechnik besaß er nur eine unbestimmte Ahnung, und gerade bei unbequemsten Stellen »vertüderte« es sich ihm, wie man in Schleswig-Holstein sagt, und unbekümmert um meine Situation schrie er dann unsichtbar von oben: »Sie, Frau, halten's Ihna fest!« Auch sonst richteten sich seine Umgangsformen nach Stand und Gefahr; das merkte ich besonders beim Abstieg. Ging es leicht, so flocht er ein »Gnädige Frau« in seine Ermahnung – in gefahrvollen Minuten riet er mir schmucklos, in den derbsten Ausdrücken unserer in diesem Punkt ja sehr reichen Muttersprache, mich einfach auf den mir von Gott dazu gegebenen Teil zu setzen und von dieser breiteren Basis aus die Hindernisse zu überwinden. Kurz und gut, der Hochtourist übernahm schon von »der« Platte aus die weitere Leitung und gab alle Anweisungen zur Seilsicherung usw. Ihm verdankten wir es jedenfalls, daß wir überhaupt, und zwar nach unendlich vielen Fährlichkeiten, bei denen ich zum Teil zwischen ihm und dem Führer am Seil eingespannt war, nach 2½ Stunden vom Einstieg aus – also im ganzen von der Hütte aus in 4½ Stunden – den Gipfel erreichten. Trotzdem hatte sich mein Selbstvertrauen neu befestigt, denn ich durfte mir sagen, daß das Seil nur zur Versicherung und nicht ein einziges Mal dazu gedient hatte, um mich »zu ziehen«, wie ein lebloses Paket – ein bei manchen Touristen nicht unbeliebtes Beförderungsmittel.
Die andern beiden Partien mit den »großen Sprüch'« hatten wir einmal in unsrer Nähe bei der Platte klappern hören. Die Armen mußten uns nachgestiegen sein, hatten das Rennen aber dort schon aufgegeben, denn wir hörten und sahen nichts mehr von ihnen, trotzdem wir fast eine Stunde am Gipfel rasteten. Eine schöne Fernsicht, wundervolle Talblicke ins Montafon, über steilabstürzende Wände hinab ins Rellstal und zu den anderen Vasallen des Rhätikons hinüber belohnten uns, gewiß; ich aber genoß diesmal besonders die Ruhe – und das Frühstück und befand mich glücklich bei dem Lob von Führer und Hochtourist, »daß ich meine Sache brav gemacht habe«. Das Ärgste, meinte ich auch, läge hinter uns. »Ja, Schnecken!« Wir nahmen den Abstieg über den Westgrat, »traversierten« also den Berg, da wir übern Ostgrat gekommen waren. Ein Versteigen war wenigstens unmöglich, da die Route immer am Grat entlangläuft – schwindelfrei muß man allerdings sein. Und seine kleinen Überraschungen bietet dieser Westgrat auch sonst; da ist z. B. eine schwierige Strecke über einen etwa 70° geneigten, von brüchigen Schroffen und lockeren Graspacken durchsetzten Hang. Die hat es in sich! Früher konnte man durch einen viel sichereren Kamin absteigen; seit dem letzten Winter ist er verschwunden, da ein großes Gratstück in die Tiefe gestürzt ist.
»Gengan S' nur zu,« sagte der Führer gerade an dieser Stelle ermutigend, viele Meter Seil über mir und durch Felsen versteckt, »der Herr wird Ihna schon zurufen, wo S' hintreten müssen!« Der Hochtourist war zu diesem löblichen Zwecke vorangeklettert. Aber kein Rat, keine Hilfe kam, und als ich endlich hochatmend innehalten mußte, weil des Seiles Länge erschöpft war, saß der Hochtourist gerettet und seelenruhig auf einem Vorsprung und versuchte den winzigsten Zigarrenstummel in Brand zu setzen, den ich je als noch brauchbar gesehen habe! Ja, man macht noch nebenher Charakterstudien in den Bergen. Eine ekelhafte, überhängende rote Nase kam; da ich mit den Füßen den spannbreiten Grat nicht erreichen konnte, sollte ich mich »einfach herunterlassen«. Ich streikte, der Hochtourist stampfte auf dem ohnehin schon wackligen Grat, der Führer schrie sinnloses Zeug von oben – ich kniete an einem senkrechten Abbruch auf einem Eck so groß wie eine Schwefelholzschachtel und wurde noch einmal energisch ersucht, diesen hervorragenden Stützpunkt nun »einfach« für die Ellbogen zu nehmen! Ich schrie alles zurück, was mir im Moment nur an tötlichen Beleidigungen einfiel – und dann entdeckte »man« – ich sage »ich«, der Hochtourist »er«, der Führer »wegen meiner« – die Idee eines Trittes an der Außenwand der Nase, auf die ich meinen rechten Fuß stemmen konnte – gewonnen hatten wir! Der Hochtourist zündete den Stummel frisch an. Nach zwei Stunden heißer Arbeit standen wir am Zimbajoch – die großen Schwierigkeiten hatten damit ein Ende. Immerhin aber folgte noch ein zweistündiger, zum Teil recht ungemütlicher Abstieg über steilen Schroffen und mit Platten durchsetzten Grashänge, die größte Aufmerksamkeit und vollständige Trittsicherheit erforderten, da es für die Hände so gut wie gar keine »Griffe« gab. Schon vom Joch aus, auf dem wir unsere Rucksäcke wieder vorfanden, winkte uns von unten die hübsche und allerliebst eingerichtete Heinrich-Hueter-Hütte, in der es wieder eine Ruhepause und eine Erfrischung gab.
Auf den grünen Matten, von der diese Hütte umgeben ist, sowie auf dem Übergang übers Säulejoch zur Douglas-Hütte habe ich übrigens zum erstenmal Murmeltiere nicht nur »pfeifen« hören, sondern spielen sehen und Männchen machen.
»Zum Abgewöhnen« kam also noch der »hochalpine Spaziergang« zur Douglas-Hütte hinüber, der eigentlich noch gar nicht eröffnet war – die offizielle Eröffnung der wirklich entzückenden Weganlage, die andauernd die schönsten Blicke bietet, ist erst einige Tage später erfolgt; in zwei Stunden erreicht man den köstlich blauen Lünersee, an dessen Ufer die berühmte, höchst originelle Douglas-Hütte »eingegraben« ist, könnte man sagen. Denn um sie vor Lawinengefahr zu schützen, ist sie von einer langen, festen Mauer bis zum Dach gedeckt, und alle Räume der drei wie unterirdisch wirkenden, nach Bedürfnis entstandenen Bauten haben nur Fenster zur Seeseite hin. Und hier gab es einbettige Zimmer – man vergißt ganz, daß so was Schönes auf der Welt existiert! – und schöne Waschtische – und die Möglichkeit, sich ungeniert aus- und anzuziehen! Man wird dankbar auf Bergeshöhen. Und wie das Essen schmeckte – nach elfstündiger »Arbeit« inklusive der Freundlichkeiten des »Zimba«.
Um neun Uhr nach notdürftiger Stopfung aller Löcher und Dreiecke in den »Unaussprechlichen« fällt man ins Bett. Aber lang wird der Schlummer doch nicht sein: »Um vier Uhr bereit – zur Scesaplana!« Il faut obéir – mitgegangen, mitgehangen!
»Der Morgen läßt sich schön an«, bemerkte ich im Dämmern des Frühmorgens am nächsten Tage. Zwischen besonderen körperlichen Anstrengungen finde ich es sehr wohltuend, mich einmal außergewöhnlicher Ausdrucksweise zu bedienen. Warum, weiß ich nicht. Und helfen tat es auch durchaus nicht. Der Weg von der Douglas-Hütte zur Scesaplana hinauf ist weder hervorragend anstrengend noch schwierig – dafür aber auch nicht unterhaltsam. »Er zieht sich«, in Volksmundart; und die Beine derer, die in unstillbarem Höhendrang lange vor der Sonne ausmarschiert waren, tauchten wieder und wieder über unsern Häuptern an den ewigen Kurven auf. Schade, man verlor sich gar nicht aus den Augen! Wir beeilten uns deshalb auch nicht; von der Serie der Frühaufsteher waren wir ohnehin die letzten – der zweite Schub sind die Bequemen, Langschläfer, der dritte die gegen jede Temperatur Immunen, die sich »in die Höh' schwitzen«, um dafür körperlich abzunehmen. Die Sonne erwischte uns übrigens auf halbem Wege und meinte es recht gut; auch lag mir der »Zimba« noch unvergessen in den Gliedern. Trotzdem waren wir nach knapp drei Stunden ans Ende aller Kurven gelangt, sahen eine Stange ragen, machten noch einmal: »Rechtsum – kehrt!« Voilà – der mit einer Art von Backofen geschmückte Gipfel; hinter einer richtigen Ofentür liegt das Gipfelbuch. »So recht 'ne Frau, die so etwas als erstes bemerkt«, meinte mein Hochtourist, der mit diesem Aufstieg nicht auf seine Kosten gekommen war, was »Bewegung« anbelangt nämlich. Sonst – der Berg ist wunderbar! Was bietet er nicht alles durch seine isolierte Lage: eine unbegrenzte Aussicht auf die Ostalpen (Tiroler) und Westalpen (Schweizer), auf deren Grenze er gerade emporsteigt. Von den Ötztalern und der Ortlergruppe im Osten bis zum Monte Rosa im Westen schaut man und nach Norden hinunter in die schwäbische Ebene, sieht die blaue Fläche des Bodensees aufleuchten, kann das ganze Rheintal verfolgen von der Quelle bis zur Mündung in den Bodensee, nickt der alten Bekannten, der Silvretta, zu, freut sich an der Bernina-Gruppe – und immer Neues, Fesselndes steigt aus blaudunstiger Ferne auf – man hat das Gefühl, man stände recht im Herzen der Alpen! – Nichts störte uns am Genießen; jetzt erst wurde es oben warm, Sachsen und Schweizer zogen schon längst wieder bergab – allein in Stille und Schönheit und vor dem immer wechselnden Spiel zartester Nebelwolken an den Bergwänden, zu schweigen von der Farbenskala, die der Morgen auf der Palette seiner Ebenen mischte. »Die Scesaplana ist die Königin des Rhätikons« – man beuge sich ihrer Würde! Aber schließlich muß man doch wieder »bergab«. Über den Brandnerferner ging's, dessen aufgeweichte, dunkle, »sumpfige« Flecken wir sorgsam vermieden. Gegen diesen Sommer nützt der beste Gletscher nichts! Aber rückwärts schauten wir und bewunderten die steilen, merkwürdig geschichteten Schroffen, in denen der Berg zu dieser Seite abfällt; und so harmlos ist er von der andern! In der Straßburger Hütte, die direkt am Ferner liegt und schon in einer Stunde zu erreichen ist, frühstückten wir. Auf kunstvoll in den Fels gesprengten Wegen, die zwar Schwindelfreiheit verlangen, für Geübte aber nur ein »alpiner Spaziergang« sind, erreichten wir den »Spusagang«, wie der letzte Teil des ganz großartigen, oft mit Drahtseilen und Leitern gesicherten Steiges heißt, der ins Gamperdonatal hinabführt. Viel erlebt man an solch einem Morgen: öde Hochgebirgsformationen, Gletscher, starre Felswände, die unbesieglich scheinen, und in die doch der Felswurm »Mensch« seine kleine Bahn gegraben hat –, Schutthänge, steile »Wasen«, wie das Gras heißt –, schließlich wieder Latschengestrüpp als neueinsetzende Flora, allmählich Kiefern, Ahorne – Matten neben dem zu Tal rauschenden Wildbach – und zum Schluß ein Idyll. Ein echtes, köstliches Idyll. Das ist der »Nenzinger Himmel« im Gamperdonatal mit seinem Sommerdorf Sankt Rochus. Unsymmetrisch verstreut auf den Matten stehen eine Menge kleiner Almhütten – es sind Sommerhütten der Bauern und Bewohner aus Nenzing, die hier oben her ihre Herden auf ihre vier großen Almen treiben, sie jetzt aber schon alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe, in Sankt Rochus vereint hatten. Selten habe ich so ein hübsches, friedliches Bild gesehen wie dieses Sommerdorf mit seiner kleinen Kapelle, dem hübschen Wirtshaus – den verstreuten Häuschen und dem Vieh, das sich durchaus als Hauptsache empfindet und ungeniert Nahrung, Wasser und Schatten sucht, wo es ihm paßt. In großen Ställen wird das Melken besorgt, und zwar nur durch Sennen – und Sommerfrischlerinnen, die das grüne Nest auch schon entdeckt haben, erscheinen in blauen Leinenhosen, um sich selbst ihre Milch zu holen. Aber der fremde Einschlag stört hier nicht – er ordnet sich der Stimmung unter.
Der Abstieg von diesem »Himmel« ins Tal, d. h. in die Ebene, dauert vier gute Stunden, vollzieht sich aber auf so schönem Wege, meistens durch Wald und höchst romantisch neben der wilden Klamm des Mengbaches, daß man Zeit und leisen Druck vergißt, den das »Bergab« allmählich in Knien und Füßen doch hervorruft. Und nun atmet man wieder die Luft des Tieflandes und möchte wie das mexikanische Tier mit dem schönen Namen Axolotl sich auch anpassen können: ein paar Lungen, weit und groß genug haben, um unendlich viel reinen Ozon dort oben auf den Bergen in sich aufzuspeichern, und zwei Kiemen, die hier unten allen Staub zurückzuhalten vermögen! Ob man nicht bei fleißigem Kraxeln dazu käme?!
Streifzüge in Südtirol.
Nein, das hatten wir nicht erwartet! Wozu waren wir denn über den Brenner gefahren, hatten uns die Tauern aus dem Sinn geschlagen und uns den südlichen Alpen zugewandt, wenn nicht in der bestimmten Hoffnung, dort Wärme, Sonne, Wohlbehagen zu finden?! Und nun saßen wir im dichtesten Schneesturm seit drei Tagen auf der Spitze des »Bechers«, zwar im gutgeheizten Zimmer des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses«, das mit echt norddeutscher Sorgfalt von der Sektion Hannover bewirtschaftet wird, und als Unikum einer Hütte eine kleine Kapelle, die höchstgelegene Europas, besitzt. Sie ist durch das Verbot der Geistlichkeit Tirols, daß die Führer am Sonntag nicht auf eine Tour gehen dürfen, ehe sie die Messe gehört haben, entstanden; und während des ganzen Sommers finden sich junge und alte Pfarrer, die den Aufstieg nicht scheuen und in einer Höhe von 3203 m ihres Amtes walten. Aber die Nächte »dicht beim lieben Gott« und bei soundsoviel Grad Minus sind immer ungemütlich, im Wirtszimmer sitzt man Ellbogen an Ellbogen, und von den übrigen schönen Bergen, die man von hier aus noch besteigen wollte, ist auch nicht die kleinste Nasenspitze sichtbar – weißes Flockengestiebe ringsum! Da wurde schließlich auch mein Hochtourist, der mich »in die Schönheit der Stubaier« einführen wollte und der im allgemeinen zäh wie Bergmoos ist, von stiller Raserei ergriffen, die sich gegen den Eigensinn der Natur kehrte. Kurz hieß es: »Jetzt wird mir's z'dumm – jetzt wird gegangen!« Also gingen wir. Tiefbetrauert ob unseres Leichtsinns von den am warmen Ofen Hinterbliebenen, und sobald man wenigstens drei Schritte vor sich hin sehen konnte; des Morgens um sechs und bei dichtem Schneegestöber und einem Sturm, der sich von allen Gletschern in der Runde – und sie sind dort grade nicht selten! – neuen Atem und frische Kälte zu holen schien. Nachdem wir in aufreibendem Kampf die Schwarzwandscharte erreicht hatten, wo sich übrigens (Nachricht für Einbrecher!) eine Proviantstation fürs Becherhaus befindet, d. h. Kisten und Fässer lagern frei im tiefen Schnee, konnten wir wenigstens über ein paar spaltenlose Gletscher im Sitz abfahren, mir eine der liebsten Arten der Fortbewegung, und so in verhältnismäßig kurzer Zeit weniger arktische Umgebungen gewinnen, in denen gefühlvoll statt des Schnees – Regen einsetzte. Mit ihm plätscherten wir abwärts. Allmählich wurden einige Gipfel frei, unter andern der »Botzer«, der auf unserem Programm stand und uns nun auszulachen schien, auch die eisgepanzerten Recken des Seebertals. Auf der Timmel-Alm, auf der hauptsächlich Pferde gepflegt werden, gab es am rauschenden Bach das übliche Rucksack-Frühstück – inzwischen war es zehn geworden – und gestärkt geht's vorwärts, in der unberechtigten Annahme, die ärgste Arbeit des Tages hinter sich zu haben. Welch betrüblicher Irrtum! Endlos zieht sich der Weg dahin, durch einförmige Talgründe und entschieden in ein südlicheres Klima. Es wird warm, heiß – die Sonne brennt, der Wind verstummt, die Wege werden steiler und steiniger. Recht erschöpft trinkt man um drei Uhr nachmittags in Moos im Passeier diesen guten österreichischen Kaffee, den kein Land ähnlich herstellen kann und der auch diesmal die Kraft zum letzten Wegende geben soll. Trotz der prachtvoll angelegten neuen Straße nach Sankt Leonhard sind diese zwei Stunden recht bitter – und dann die Furcht, ob man den Autobus, der uns nach Meran befördern soll, noch erreicht, vor allem, ob es noch Freiplätze in ihm gibt! Kurz vor der Abfahrt kommt man in Sankt Leonhard an – und diesmal ist man dem schlechten Wetter von Herzen dankbar, das die anderen Touristen in Hütten oder Standquartieren festhält und eigenen mürben Gliedern behagliche Sitze beschert. Eine Stunde später bewundert man schon die subtropische Vegetation Merans an der Gilfpromenade, genießt den köstlichen Anblick der von Trauben behangenen Weingärten, der früchtereichen Obstbäume. Welch ein Kontrast zum Morgen – diese üppige Flora, diese angenehme Wärme – endlich, endlich hat man sie gefunden!