Sonntagnachmittags.
Reading edition
Unten am Deich beim tiefen Sielgraben stehen kleine Jungen und fischen nach Stichlingen, den Sperlingen im Reiche der Schuppen. Oft müssen sie die runden braunen Netze auswerfen, weit hinaus bis an die Jollen, die da ihren Winterschlaf halten, bis sie einige von den spaddelnden, stacheligen Gesellen fangen. Das ficht sie nicht an. Sie fischen nicht um vergängliche Erdengüter, sondern rein des Vergnügens wegen. Sie werden gar nicht gewahr, daß das Wasser eiskalt ist und daß sie mit den Stiefeln tief im Schlick waten, ebensowenig wie es sie stört, daß es zu Hause für die Kleigräberei und Sabbatschändung vielleicht etwas auf die Jacke, sicherlich aber eine gehörige Tracht Schelte geben wird – sie fischen und fischen und sind gesund und munter dabei.
Jung-Finkenwärder, Fischereigesellschaft mit blauen Hosen.
Dazu weißbunte Hemden. Die runde, graue Fischermütze steht ihnen wie ein Glorienschein um die hellblonden Köpfe. Nur die blaugefrorenen Gesichter und die lauten Reden stellen sich der Heiligkeit entgegen, beim einen mehr, beim andern minder.
Ein grauer, stiller Wintertag will in Dunst und Nebel gehen, wie er gekommen ist. Trübe ist der Himmel, mit farblosen Schatten behangen, und die weite, breite Elbe liegt bleiern und matt da. Auch Blankenese schaut düster und mürrisch drein, als könne es gar nicht blinken und lachen. Einsam kriecht ein Stader Dampfer stromab. Der weiße Rauch verliert sich in dem grauen Einerlei. Ein Tag ohne Sonne. Dem haftet etwas Verlorenes an und etwas Verstimmtes. Wie Schlaf und Tod liegt es auf der Welt, die auf einmal alt geworden zu sein scheint! Und ein Grauen des Vergessens steht in den kahlen Ästen.
An solchen Tagen bringt es mich zu dem alten Harm Holst, der sein kleines Haus am Deich warm und heimlich hält und weder den Ofen, noch die Pfeife ausgehen läßt, auch nicht einmal selbst ausgeht.
Erst macht der struppige Hund wedelnd und niesend seinen Diener, und dann gibt Harm mir nickend und lachend die Hand.
Dann sitzen wir am Fenster.
Nach den Jungen gucken wir, die immer noch fischen und kurren.
Leise nickt er mit dem Kopf: »Da hab ich auch mal gestanden und Stichlinge gefangen.«
»Auch ich,« sage ich langsam, und wie ich so sinne, meine ich, der kleinste aus der Schar zu sein, der am eifrigsten auswirft und am wenigsten fängt.
Dann wird es wieder still.
In der Ecke steht breit und behaglich der hohe Kachelofen, wie eine Bauernfrau, die in ihrer weißen Schürze dasteht und lacht ... leise ... aber doch so, daß es zu hören ist ... Oder sind es die rotbackigen Äpfel, die in der Röhre piepen? Oder ist es der Tee, der in seiner bunten Kanne sein mildes, feines Lied singt? Oben über dem Alkoven aber hängt eine weise, weise Frau aus dem Schwarzwalde, mit rundem, braunem Gesicht und gelben Ketten und Gewichten, und sagt vernehmlich vor sich hin: »Ick weet allns! Ick weet allns!« Plattdeutsch hat sie gut gelernt, aber es langt nur zu den drei Worten: auf eine längere Unterhaltung läßt sie sich nicht ein. Wer alles weiß, der braucht freilich auch nicht mehr viel zu reden.
Harm sagt in die Stille hinein:
»In Hamburg, Gorch, da ist alle Tage Sonntag. Wir haben bloß alle sieben einen.«
Ich nickte bloß. Fast habe ich vergessen, daß es laute Straßen gibt mit grellen Läden und sausenden Bahnen und einem dichten Gewühl elender und glücklicher Menschen.
»Ick weet allns! Ick weet allns!« meinte wieder die Großmutter, und wir hören ihr zu. Sanft und freundlich spricht sie uns die Sekunden ab, und wir lassen sie gewähren.
Bis ich sage: »Nun könnt Ihr den Ofen bald kalt werden lassen.«
»Junge, wo denkst du hin? Wir haben ja noch den Februar vor uns. Und der Februar, der ist ein strenger Mond. Was der einmal zum Januar gesagt hat? Wenn ich soviel Kraft hätte wie du: auf der einen Seite im Topf sollte das Wasser frieren und auf der andern Seite kochen.«
»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte die Stimme aus Baden.
»Da stehen sechs Fische im Kalender, Gorch. Das kann mir nicht gefallen. Die sehen wir bald auf der Elbe.«
»Auf der Elbe?«
»Ja, Gorch. Die Seen kriegen weiße Köpfe. Sturm gibt es ... Der Sommer ist noch weit weg, Junge. Erst muß die Natur sich noch brechen. Und das tut sie nur im Sturm, Gorch. Erst muß sie ein paar Ewer und Kutter kriegen, dann gibt sie uns Schollen und Zungen.«
Ich guckte ihn schweigend an.
»Das ist gewiß so, Gorch. Sieh mal: Bauern kriegt sie nicht. Was tut der Bauer, Gorch? Die Scheune warbelt er zu und die Fenster setzt er mit Luken zu, dann läßt er den Wind suchen und schnauben. Der wird vergrillt und nimmt ein paar Fischerleute beim Flunk. Von denen sind ja genug da!«
»Schwarze Kleider aber noch nicht,« setzte ich düster hinzu.
»Ick weet allns! Ick weet allns!«
»Da war auf dem Kreinhof mal ein großer Bauer, Gorch. Im Frühjahr, wenn es ans Pflügen gehen sollte, fragte er einfach: Wieviel Fischer sind geblieben? Erst wenn es drei waren, holte er den Pflug aus der Scheune. Er wußte, was er tat, Gorch! Waren noch keine Fischer geblieben, so waren auch die Stürme noch nicht dagewesen – und die Stürme gingen mit der Elbe über seinen niedrigen Deich und spülten die Furchen glatt, wenn er vorher gepflügt hatte.«
Die Dämmerung ging säend über das Land und streute tausend dunkle Körner über Weg und Wasser. Die Jungen packten die Netze zusammen, nahmen die Eimer in die Hand und gingen fort, der dampfenden Pfanne und dem rauchenden Stock entgegen.
An der andern Seite, zu Nienstedten und Blankenese, stecken sie die Lichter an, eins nach dem andern. Immer stiller wird es.
Wir bleiben noch in der Schummerei sitzen und haben die Augen auf dem Wasser, über das der Schein der Lampen zittert. Und weil es so geruhig ist und so sinnig und die Formen weicher und unbestimmter werden, weil die Dinge größer und geheimnisvoller erscheinen, erzähle auch ich eine Geschichte, die ich gelesen, von Kai Jans, dem Matrosen, dem Gottsucher, der um die ganze Welt segelte und Hilligenlei suchen wollte und nur von ferne einen großen, guten Menschen stehen sah.
»Hast du dir die Geschichte ausgedacht, Gorch?«
»Nein, ein Dichter, Harm, einer, der früher Pastor gewesen ist, bei Büsum da.«
»Den möcht ich mal sehen, Gorch. Der macht aus Jesus einen Menschen. Das ist gut, Junge. Aber dann mußte er auch aus dem Menschen einen Jesus machen, Gorch. Warum hat er das nicht getan?«
»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte wieder die Muhme von oben.
Und nun die Lampe brennt, wird es noch stiller in dem Stübchen, und wir sagen gar nichts mehr.